Frankreich 2013 (Les beaux jours) Regie: Marion Vernoux mit Fanny Ardant, Laurent Lafitte, Patrick Chesnais, 94 Min. FSK o.A.
Die schönen Tage heißt naiv oder ironisch ein Seniorenclub in Nordfrankreich, in dem ältere Menschen eine alberne Bevormundung erleben dürfen. Die ehemalige Zahnärztin Caroline (Fanny Ardant) hat mit ihren sechzig Jahren hier gar nicht zu suchen, wäre da nicht Julien (Laurent Lafitte), der junge, draufgängerische Lehrer im Computer-Kurs. Die beiden kommen sich schnell nahe, selbst wenn es über ihren Notfall-Einsatz als Zahnärztin ist. Die Tage der gemeinsamen Seitensprünge vergehen leicht wie Sophie Hungers Version des Chansons „Le vent nous portera", doch Julien hat immer mehrere Frauen, mit denen er ins Bett geht. Da helfen die strengen Regeln der älteren nicht. Und Caroline verhält sich in einem jugendlichen Leichtsinn auch nicht sehr diskret, irgendwann wissen es nicht nur die anderen Kursteilnehmer und die Töchter ahnen es, selbst der Ehemann (eindrucksvoll: Patrick Chesnais) erfährt vom Ehebruch. Seinem gemeinen Vorwurf „Hast du dich mal angesehen?" entgegnet sie noch mit: „Nein, er ist es, der mich ansieht!" Doch Caroline muss schließlich allein mit ihrer Midlife-Crisis fertig werden und eine Entscheidung treffen.
Marion Vernoux („Love etc.", „Personne ne m'aime - Niemand liebt mich") entfaltet in ihrer Verfilmung von Fanny Chesnels Roman „Une jeune fille aux cheveux blancs" viel Charme mit netten fröhlichen und melancholischen Momenten. Da gibt es ein klasse Gespräch über Frauenrollen mit der Einen, die wegen einer Jüngeren verlassen wurde, aber auch mit der, die immer die Jüngere war. Alle fühlen sich gerächt durch die Geschlechtsgenossin Caroline, welche die Verhältnisse mal umdreht, sich einen Jüngeren nimmt. Vor allem ist es schön, Fanny Ardant wieder zu sehen, diese Ikone der Nouvelle Vague, die Muse Truffauts, mit ihrem zaghaften Lächeln. Sie schenkt den Unsicherheiten des Verliebtseins, dem Berauschtsein von jungem Sex und viel gutem Wein einen besonderen Reiz.
17.9.13
16.9.13
Zum Geburtstag
BRD, Frankreich 2013 Regie: Denis Dercourt mit Mark Waschke, Marie Bäumer, Sylvester Groth, Sophie Rois, Saskia Rosendahl 86 Min. FSK ab 12
Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich mieser Thriller heiß ... Verteufelt schlecht versucht „Zum Geburtstag" eine verdrehte Freundes-, Liebes- und Ost/West-Geschichte aufzuziehen. Dabei ist der deutsch-französische Film bei laut Papierform guter Besetzung völlig überzogen stilisiert und unfreiwillig mysteriös: Irgendwann in den 80ern in der - nein, nicht „ehemaligen" sondern tatsächlichen - DDR schafft es Teenager Paul mit einem gefälschten Liebesbrief, die Beziehung seiner Freunde Georg und Anna zu zerstören. Vermeintlich ungerührt sagt Georg am Baggersee „du kannst sie haben, zum Geburtstag", schnappt sich die unbekannte Ost-Punkerin, auf die Paul wahllos zeigt, und verschwindet. Zwanzig Jahre später sind Anna (Marie Bäumer) und Paul (Mark Waschke) glücklich verheiratet, haben zwei Kinder, gute Jobs und sogar ein großes Landhaus extra. Als Georg (Sylvester Groth) als neuer Chef in Pauls Bank im Westen auftaucht, erinnert sich der an einen Nebensatz beim teuflischen Pakt: „Du kannst sie haben, bis ich zurück komme...".
Das klingt gut, sieht im Standbild auch sehr gut besetzt aus. Sylvester Groth hat tatsächlich was Teuflisches, seine Frau Yvonne ist mit viel ganz schwarzem Humor so eine typische Glanzrolle der Sophie Rois, von Marie Bäumer erwartet man immer viel. Doch ganz schnell stört, dass die Figuren so gar kein eigenes Leben haben. Alles dient dem Vergeheimnissen und dem Auslegen falscher Fährten in Richtung Rumpelstilzchen und Wildschütz, die dann Spannung erzeugen sollen. Selbst in dieser Kern-Dynamik eines Thrillers klaffen jedoch große Lücken und der völlig überraschende Clou verpufft in einem offenen Ende mit vielen losen Fäden. Eine Enttäuschung von Regisseur Denis Dercourt, der doch bei „Das Mädchen, das die Seiten umblättert" alles richtig gemacht hatte.
Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich mieser Thriller heiß ... Verteufelt schlecht versucht „Zum Geburtstag" eine verdrehte Freundes-, Liebes- und Ost/West-Geschichte aufzuziehen. Dabei ist der deutsch-französische Film bei laut Papierform guter Besetzung völlig überzogen stilisiert und unfreiwillig mysteriös: Irgendwann in den 80ern in der - nein, nicht „ehemaligen" sondern tatsächlichen - DDR schafft es Teenager Paul mit einem gefälschten Liebesbrief, die Beziehung seiner Freunde Georg und Anna zu zerstören. Vermeintlich ungerührt sagt Georg am Baggersee „du kannst sie haben, zum Geburtstag", schnappt sich die unbekannte Ost-Punkerin, auf die Paul wahllos zeigt, und verschwindet. Zwanzig Jahre später sind Anna (Marie Bäumer) und Paul (Mark Waschke) glücklich verheiratet, haben zwei Kinder, gute Jobs und sogar ein großes Landhaus extra. Als Georg (Sylvester Groth) als neuer Chef in Pauls Bank im Westen auftaucht, erinnert sich der an einen Nebensatz beim teuflischen Pakt: „Du kannst sie haben, bis ich zurück komme...".
Das klingt gut, sieht im Standbild auch sehr gut besetzt aus. Sylvester Groth hat tatsächlich was Teuflisches, seine Frau Yvonne ist mit viel ganz schwarzem Humor so eine typische Glanzrolle der Sophie Rois, von Marie Bäumer erwartet man immer viel. Doch ganz schnell stört, dass die Figuren so gar kein eigenes Leben haben. Alles dient dem Vergeheimnissen und dem Auslegen falscher Fährten in Richtung Rumpelstilzchen und Wildschütz, die dann Spannung erzeugen sollen. Selbst in dieser Kern-Dynamik eines Thrillers klaffen jedoch große Lücken und der völlig überraschende Clou verpufft in einem offenen Ende mit vielen losen Fäden. Eine Enttäuschung von Regisseur Denis Dercourt, der doch bei „Das Mädchen, das die Seiten umblättert" alles richtig gemacht hatte.
Riddick
USA, Kanada 2013 (Riddick) Regie: David Twohy mit Vin Diesel, Karl Urban, Katee Sackhoff, Dave Bautista, Antoinette Kalaj, 114 Min. FSK: ab 16
Teil 3 der außergewöhnlichen, Diesel-getriebenen Action unter dem Label „Riddick" erfüllt alle Erwartung der Fans und an einen packenden, stilprägenden Film - in der zweiten Halbzeit. Seit dem ersten Auftreten von Riddick in „Pitch Black - Planet der Finsternis" (2000) ist seine Action etwas Besonderes, denn der Charakterkopf von Vin Diesel hat wirklich Charakter und ist eine Parade-Rolle rückwärts in urige Männerbilder.
Nun landet der Menschen-Ähnliche mit seinen besonderen Überlebens-Fähigkeiten zuerst mal wieder auf einem ziemlich verlassen Planeten unter Tieren, um das Tier im Manne rauszukramen. Man(n) erinnert sich, dass er beim Happy End von Teil 2, „Riddick - Chroniken eines Kriegers" (2004), Lord Marshal der Necromonger wurde. Doch diese Krieger schicken ihn, der sich von niemandem einvernehmen lässt, irgendwann in die Wüste - wortwörtlich. Selbstverständlich herrscht wieder ein heftiges Klima, wie bei allen Planeten, auf die es Riddick verschlägt. Der ganze Planet hat wieder was gegen ihn, die Biester hier sind ausgesucht hässlich und gefährlich, doch das Tier als Mann zähmt sich sogar eine dieser Superhyänen und damit wird es erstmal schwierig: Dass Riddick mit diesem Hund reichlich menschelt, passt überhaupt nicht zum Härtesten der Harten. Diesem Problem kann selbst ein Alien in Skorpion-Version nicht den Stachel ziehen. Denn wir wissen zwar, dass unter der sehr rauen Schale ein großes Herz schlägt, aber Sidekicks mit Disney-Niedlichkeit, das geht gar nicht.
Also Geduld bis zur zweiten Hälfte, da ruft sich Riddick wieder als Anhalter durch die Galaxis ein paar Kopfgeldjäger in Sachen Mitfahrgelegenheit. „Lasst ein Schiff zurück und geht oder ihr sterbt", lautet die klare Anweisung des steinzeitlich unterbewaffneten und gegen Hightech-Truppen anscheinend unterlegenen Flüchtlings. Und der Spaß an dieser Franchise liegt auch darin, zu wissen, dass Riddick solche Versprechen unbedingt erfüllt. Seine hochempfindlichen und leuchtenden Augen liefern nicht nur spezielle Farbauflösungen, sie scheinen auch in die Zukunft zu sehen.
Dabei ist nicht nur das Abstrafen von Leuten, die Schoßhunde oder wehrlose Frauen töten, an der Tagesordnung - vor allem wird mit Eintreffen der Regen-Saison wieder ein apokalyptisches Szenario mit unzähligen monströsen Kreaturen aufgefahren, das seit „Pitch Black" seinesgleichen suchte. Die Wiederholung mit durchaus verwandten Figuren, ermüdet allerdings nicht, sondern pumpt das Kino voll mit Adrenalin, Hochspannung und Angstschweiß. Hier ist Dunkelheit wieder richtig zum Fürchten.
Vin Diesel produziert sich mit polierter Glatze und cooler Sonnenbrille (sowie der deutschen Stimme von Bruce Willis) selbst als unersetzlichen Treibstoff dieser Filmreihe. Wie Richard B Riddick (so der ganze Name für den nächsten Film-Quiz) weiß auch der Zuschauer immer genau, was passieren wird. Doch die ästhetisch hochwertige Umsetzung faszinierender Welten, garniert mit einem mega-lässigen Off-Kommentar über die mega-ätzende Situation, einem kräftigen Techno-Sound (Graeme Revell!) und prägnanten, neuen Gesichter bei denen, die etwas länger leben, überzeugt nach lahmem Start erneut. So hüpft Riddick weiter per Anhalter durch die Galaxis zum sicheren nächsten Teil. Mit der Marke Diesel lässt sich Benzingeld für noch viele Weltraum-Trips verdienen.
Teil 3 der außergewöhnlichen, Diesel-getriebenen Action unter dem Label „Riddick" erfüllt alle Erwartung der Fans und an einen packenden, stilprägenden Film - in der zweiten Halbzeit. Seit dem ersten Auftreten von Riddick in „Pitch Black - Planet der Finsternis" (2000) ist seine Action etwas Besonderes, denn der Charakterkopf von Vin Diesel hat wirklich Charakter und ist eine Parade-Rolle rückwärts in urige Männerbilder.
Nun landet der Menschen-Ähnliche mit seinen besonderen Überlebens-Fähigkeiten zuerst mal wieder auf einem ziemlich verlassen Planeten unter Tieren, um das Tier im Manne rauszukramen. Man(n) erinnert sich, dass er beim Happy End von Teil 2, „Riddick - Chroniken eines Kriegers" (2004), Lord Marshal der Necromonger wurde. Doch diese Krieger schicken ihn, der sich von niemandem einvernehmen lässt, irgendwann in die Wüste - wortwörtlich. Selbstverständlich herrscht wieder ein heftiges Klima, wie bei allen Planeten, auf die es Riddick verschlägt. Der ganze Planet hat wieder was gegen ihn, die Biester hier sind ausgesucht hässlich und gefährlich, doch das Tier als Mann zähmt sich sogar eine dieser Superhyänen und damit wird es erstmal schwierig: Dass Riddick mit diesem Hund reichlich menschelt, passt überhaupt nicht zum Härtesten der Harten. Diesem Problem kann selbst ein Alien in Skorpion-Version nicht den Stachel ziehen. Denn wir wissen zwar, dass unter der sehr rauen Schale ein großes Herz schlägt, aber Sidekicks mit Disney-Niedlichkeit, das geht gar nicht.
Also Geduld bis zur zweiten Hälfte, da ruft sich Riddick wieder als Anhalter durch die Galaxis ein paar Kopfgeldjäger in Sachen Mitfahrgelegenheit. „Lasst ein Schiff zurück und geht oder ihr sterbt", lautet die klare Anweisung des steinzeitlich unterbewaffneten und gegen Hightech-Truppen anscheinend unterlegenen Flüchtlings. Und der Spaß an dieser Franchise liegt auch darin, zu wissen, dass Riddick solche Versprechen unbedingt erfüllt. Seine hochempfindlichen und leuchtenden Augen liefern nicht nur spezielle Farbauflösungen, sie scheinen auch in die Zukunft zu sehen.
Dabei ist nicht nur das Abstrafen von Leuten, die Schoßhunde oder wehrlose Frauen töten, an der Tagesordnung - vor allem wird mit Eintreffen der Regen-Saison wieder ein apokalyptisches Szenario mit unzähligen monströsen Kreaturen aufgefahren, das seit „Pitch Black" seinesgleichen suchte. Die Wiederholung mit durchaus verwandten Figuren, ermüdet allerdings nicht, sondern pumpt das Kino voll mit Adrenalin, Hochspannung und Angstschweiß. Hier ist Dunkelheit wieder richtig zum Fürchten.
Vin Diesel produziert sich mit polierter Glatze und cooler Sonnenbrille (sowie der deutschen Stimme von Bruce Willis) selbst als unersetzlichen Treibstoff dieser Filmreihe. Wie Richard B Riddick (so der ganze Name für den nächsten Film-Quiz) weiß auch der Zuschauer immer genau, was passieren wird. Doch die ästhetisch hochwertige Umsetzung faszinierender Welten, garniert mit einem mega-lässigen Off-Kommentar über die mega-ätzende Situation, einem kräftigen Techno-Sound (Graeme Revell!) und prägnanten, neuen Gesichter bei denen, die etwas länger leben, überzeugt nach lahmem Start erneut. So hüpft Riddick weiter per Anhalter durch die Galaxis zum sicheren nächsten Teil. Mit der Marke Diesel lässt sich Benzingeld für noch viele Weltraum-Trips verdienen.
Zwei Leben
BRD, Norwegen 2012 (To liv) Regie: Georg Maas mit Juliane Köhler, Liv Ullmann, Ken Duken, Sven Nordin, Julia Bache-Wiig, 97 Min.
Das Wiedersehen mit dem großen Berman-Star Liv Ullmann - und mit Julianne Köhler - entpuppt sich als große positive Überraschung des Kinoherbstes: „Zwei Leben" erzählt als historischer Thriller höchst spannend und als Familien-Drama sehr bewegend von einem verdrängten Kapitel europäischer Geschichte. Als 1989 die Mauer fällt, reist Katrine (Juliane Köhler) eilig nach Ost-Berlin, während sie ihrer Familie in Norwegen einen anderen Aufenthalt vorschwindelt...
Katrine (Juliane Köhler) lebt am Rande der norwegischen Stadt Bergen glücklich mit ihrer Familie. Sie arbeitet in einer Druckerei, ihr Mann Bjarte (Sven Nordin) bei der Marine. Die Tochter Anne (Julia Bache-Wiig) hat selbst gerade ein Kind bekommen und wenn zu viel los ist, hilft Katrines fitte Mutter Åse (Liv Ullmann) gerne aus. Nichts erinnert in dieser naturnahen Idylle mehr daran, dass Katrine einst unter dramatischen Umständen aus der DDR floh und nach der Kriegs-Verschleppung als „Lebensborn"-Kind erst spät zu ihrer leiblichen Mutter in Norwegen zurückfand. Denn die Nazis entführten bei ihrem Rückzug viele Kinder von Norwegerinnen und deutschen Soldaten „heim ins Reich".
Als 1989 mit dem Fall der Mauer die Ordnung Europas durcheinander gerät, erreichen diese Schockwellen auch die friedliche Familie: Katrine reist nicht wie angekündigt nach Oslo sondern nach Ost-Berlin und tritt dort mit Perücke und neuem Outfit als ganz anderer Mensch auf. In geheimnisvollen Begegnungen begibt sie sich auf die Spuren der eigenen Kindheit in einem DDR-Heim. Gleichzeitig bedrängt der junge deutsche Anwalt Sven Solbach (Ken Duken) die norwegische Familie. Er will die Verschleppung der Kinder durch deutsche Soldaten vor ein europäisches Menschenrechts-Gericht bringen und braucht dafür die Aussagen von Katrine und ihrer Mutter. Ein Netz aus Lügen und Geheimnissen zieht sich um die energisch agierende Frau mit der immer rätselhafteren Vergangenheit zu. Dabei drohen die Familienbande zu zerreißen.
Auf der Basis von wahren Begebenheiten, die in Norwegen noch immer große Emotionen auslösen und einem unaufgeklärten Todesfall in Bergen adaptierte Regisseur Georg Maas („The Real World of Peter Gabriel", „NeuFundLand", „Atemnot") selbst mit seinen Koautoren einen Stoff der Romanautorin (Hannelore Hippe). Dabei gelingt es den Filmemachern auf erstaunliche Weise, immer neue Schichten der Historie und der Figuren aufzuzeigen. Immer wieder wird das emotionale Verhältnis zu den Figuren reizvoll anders ausgeleuchtet: Ist Katrine ein Opfer oder schuldig? Und wer sind eigentlich die Bösen? Die Nazis? Die panischen und zu allem entschlossenen Rest-Figuren der Stasi? Die packende Erzählweise bricht ausgrenzende „Wir - Ihr"-Schemata auf, da Identifikationen immer neu und raffiniert in Frage gestellt werden.
Selten sah man einen so spannenden Spionage- und Historien-Thriller mit derart gut und differenziert gezeichneten Figuren verbunden. Das Spiel von Juliane Köhler und Liv Ullmann ist sehr intensiv und prägnant. Für Ullmann, die sofort vom Stoff begeistert war, wurden übrigens die Zeitperspektiven, von denen aus erzählt wird, umgeschrieben, damit ihr Alter glaubwürdig für die Rolle von Katrines Mutter ist. Das Ergebnis ist ein in seiner Story, im Spiel und auch in der Form außergewöhnlicher und sehr bemerkenswerter Autorenfilm, der sein Publikum unwiderstehlich packt und nicht mehr los lässt.
Das Wiedersehen mit dem großen Berman-Star Liv Ullmann - und mit Julianne Köhler - entpuppt sich als große positive Überraschung des Kinoherbstes: „Zwei Leben" erzählt als historischer Thriller höchst spannend und als Familien-Drama sehr bewegend von einem verdrängten Kapitel europäischer Geschichte. Als 1989 die Mauer fällt, reist Katrine (Juliane Köhler) eilig nach Ost-Berlin, während sie ihrer Familie in Norwegen einen anderen Aufenthalt vorschwindelt...
Katrine (Juliane Köhler) lebt am Rande der norwegischen Stadt Bergen glücklich mit ihrer Familie. Sie arbeitet in einer Druckerei, ihr Mann Bjarte (Sven Nordin) bei der Marine. Die Tochter Anne (Julia Bache-Wiig) hat selbst gerade ein Kind bekommen und wenn zu viel los ist, hilft Katrines fitte Mutter Åse (Liv Ullmann) gerne aus. Nichts erinnert in dieser naturnahen Idylle mehr daran, dass Katrine einst unter dramatischen Umständen aus der DDR floh und nach der Kriegs-Verschleppung als „Lebensborn"-Kind erst spät zu ihrer leiblichen Mutter in Norwegen zurückfand. Denn die Nazis entführten bei ihrem Rückzug viele Kinder von Norwegerinnen und deutschen Soldaten „heim ins Reich".
Als 1989 mit dem Fall der Mauer die Ordnung Europas durcheinander gerät, erreichen diese Schockwellen auch die friedliche Familie: Katrine reist nicht wie angekündigt nach Oslo sondern nach Ost-Berlin und tritt dort mit Perücke und neuem Outfit als ganz anderer Mensch auf. In geheimnisvollen Begegnungen begibt sie sich auf die Spuren der eigenen Kindheit in einem DDR-Heim. Gleichzeitig bedrängt der junge deutsche Anwalt Sven Solbach (Ken Duken) die norwegische Familie. Er will die Verschleppung der Kinder durch deutsche Soldaten vor ein europäisches Menschenrechts-Gericht bringen und braucht dafür die Aussagen von Katrine und ihrer Mutter. Ein Netz aus Lügen und Geheimnissen zieht sich um die energisch agierende Frau mit der immer rätselhafteren Vergangenheit zu. Dabei drohen die Familienbande zu zerreißen.
Auf der Basis von wahren Begebenheiten, die in Norwegen noch immer große Emotionen auslösen und einem unaufgeklärten Todesfall in Bergen adaptierte Regisseur Georg Maas („The Real World of Peter Gabriel", „NeuFundLand", „Atemnot") selbst mit seinen Koautoren einen Stoff der Romanautorin (Hannelore Hippe). Dabei gelingt es den Filmemachern auf erstaunliche Weise, immer neue Schichten der Historie und der Figuren aufzuzeigen. Immer wieder wird das emotionale Verhältnis zu den Figuren reizvoll anders ausgeleuchtet: Ist Katrine ein Opfer oder schuldig? Und wer sind eigentlich die Bösen? Die Nazis? Die panischen und zu allem entschlossenen Rest-Figuren der Stasi? Die packende Erzählweise bricht ausgrenzende „Wir - Ihr"-Schemata auf, da Identifikationen immer neu und raffiniert in Frage gestellt werden.
Selten sah man einen so spannenden Spionage- und Historien-Thriller mit derart gut und differenziert gezeichneten Figuren verbunden. Das Spiel von Juliane Köhler und Liv Ullmann ist sehr intensiv und prägnant. Für Ullmann, die sofort vom Stoff begeistert war, wurden übrigens die Zeitperspektiven, von denen aus erzählt wird, umgeschrieben, damit ihr Alter glaubwürdig für die Rolle von Katrines Mutter ist. Das Ergebnis ist ein in seiner Story, im Spiel und auch in der Form außergewöhnlicher und sehr bemerkenswerter Autorenfilm, der sein Publikum unwiderstehlich packt und nicht mehr los lässt.
10.9.13
The World's End
Großbritannien 2013 (The World's End) Regie: Edgar Wright mit Simon Pegg, Nick Frost , Paddy Considine, Martin Freeman, Eddie Marsan, Rosamund Pike, Pierce Bormann 109 Min.
Simon Pegg und Nick Frost gehen wieder auf Tour: Nach der genialen Zombie-Parodie „Shaun of the Dead" (2004) und den ganz witzigen Copfilm-Kapriolen in „Hot Fuzz" (2007) inszenieren die britischen Komiker nun in „The World's End" das Ende unserer Zivilisation. Was als spätpubertäres Revival eines Saufmarathons von frustrierten End-Dreißigern beginnt, entwickelt sich zum Kampf gegen außerirdische Maschinen-Menschen, die ein Dorf übernommen haben.
Wie Gary King (Simon Pegg) und seine Freund am letzten Schultag im Jahre 1996 versuchten, in den 12 Pubs des Kaffs Newton Haven jeweils einen halben Liter Bier zu trinken, ist auch zwanzig Jahre später noch der schönste Moment im Leben des Alkoholikers und Verlierers King. So trommelt er gegen alle Wahrscheinlichkeit seine mittlerweile gut situierten vier Kumpels zusammen, um die damals unvollendete Sauftour erneut anzugehen. 45 Minuten lang amüsiert das mit Scherzen um den notorisch unzuverlässigen, egoistischen und konfusen Kindskopf Gary. Nur die McDonaldisierung der Kneipen fällt auf, denn alle Pubs ähneln sich wie ein Ale dem anderen. Dann macht eine Schlägerei klar, dass auch die Menschen in Newton Haven erschreckend gleichförmig sind. Gary schlägt einem Jungen den Kopf an dessen Sollbruchstelle ab, blaue Ersatzflüssigkeit fließt und der Alien prügelt sich auch kopflos ziemlich munter. Gemäß der verqueren Logik des Kings saufen die fünf weiter, um nicht aufzufallen. Doch die braven Bürger verhalten sich immer mehr wie in Don Siegels prägendem Klassiker „Die Dämonischen" (Die Invasion der Körperfresser, 1956). Wenn Pierce Brosnan als Hirte der Mutanten die aufmüpfigen Säufer zur Aufgabe bewegen will, ist die Maß voll und die Kneipenschlägerei gegen die Blaublütigen breitet sich im ganzen Dorf aus.
Die Geschichte des unreifen Mannes, der ungetrübt von jeglicher Realität die Vergangenheit aufleben lassen will („Ich möchte die Band wieder zusammenbringen"), der im 78er Ford Granada noch die Cassetten von damals spielt, liefert netten bis infantilen Humor, der Geschmacksache ist. Er reicht von Saufsprüchen und billigen Kalauern bis zur Einspielung des „Alabama Song" von Brecht und Weill. Während in den besten Momenten Douglas Adams-Qualitäten („Irren ist menschlich") aufblitzen und Romantik arg durch den Kakao gezogen wird („Uns bleibt immer noch die Behinderten-Toilette!"), bleibt der Gesamtfilm unausgegoren. Die weitgehend computerfreie Machart gewinnt noch Sympathien, doch die holperig zusammengeschusterten Themen stören sehr: Aus der Sauftour eines unreifen Alkoholikers wird noch witzigerweise der Alien-Invasions-Film, dann folgt die Echte-Freundschafts-Schiene und der Versuch, den Alki-Kumpel zu retten, bevor das Ganze als Dystopie einer entelektrifizierten Gesellschaft mit aufgesetztem Anti-Rassismus-Appell endet.
Simon Pegg und Nick Frost gehen wieder auf Tour: Nach der genialen Zombie-Parodie „Shaun of the Dead" (2004) und den ganz witzigen Copfilm-Kapriolen in „Hot Fuzz" (2007) inszenieren die britischen Komiker nun in „The World's End" das Ende unserer Zivilisation. Was als spätpubertäres Revival eines Saufmarathons von frustrierten End-Dreißigern beginnt, entwickelt sich zum Kampf gegen außerirdische Maschinen-Menschen, die ein Dorf übernommen haben.
Wie Gary King (Simon Pegg) und seine Freund am letzten Schultag im Jahre 1996 versuchten, in den 12 Pubs des Kaffs Newton Haven jeweils einen halben Liter Bier zu trinken, ist auch zwanzig Jahre später noch der schönste Moment im Leben des Alkoholikers und Verlierers King. So trommelt er gegen alle Wahrscheinlichkeit seine mittlerweile gut situierten vier Kumpels zusammen, um die damals unvollendete Sauftour erneut anzugehen. 45 Minuten lang amüsiert das mit Scherzen um den notorisch unzuverlässigen, egoistischen und konfusen Kindskopf Gary. Nur die McDonaldisierung der Kneipen fällt auf, denn alle Pubs ähneln sich wie ein Ale dem anderen. Dann macht eine Schlägerei klar, dass auch die Menschen in Newton Haven erschreckend gleichförmig sind. Gary schlägt einem Jungen den Kopf an dessen Sollbruchstelle ab, blaue Ersatzflüssigkeit fließt und der Alien prügelt sich auch kopflos ziemlich munter. Gemäß der verqueren Logik des Kings saufen die fünf weiter, um nicht aufzufallen. Doch die braven Bürger verhalten sich immer mehr wie in Don Siegels prägendem Klassiker „Die Dämonischen" (Die Invasion der Körperfresser, 1956). Wenn Pierce Brosnan als Hirte der Mutanten die aufmüpfigen Säufer zur Aufgabe bewegen will, ist die Maß voll und die Kneipenschlägerei gegen die Blaublütigen breitet sich im ganzen Dorf aus.
Die Geschichte des unreifen Mannes, der ungetrübt von jeglicher Realität die Vergangenheit aufleben lassen will („Ich möchte die Band wieder zusammenbringen"), der im 78er Ford Granada noch die Cassetten von damals spielt, liefert netten bis infantilen Humor, der Geschmacksache ist. Er reicht von Saufsprüchen und billigen Kalauern bis zur Einspielung des „Alabama Song" von Brecht und Weill. Während in den besten Momenten Douglas Adams-Qualitäten („Irren ist menschlich") aufblitzen und Romantik arg durch den Kakao gezogen wird („Uns bleibt immer noch die Behinderten-Toilette!"), bleibt der Gesamtfilm unausgegoren. Die weitgehend computerfreie Machart gewinnt noch Sympathien, doch die holperig zusammengeschusterten Themen stören sehr: Aus der Sauftour eines unreifen Alkoholikers wird noch witzigerweise der Alien-Invasions-Film, dann folgt die Echte-Freundschafts-Schiene und der Versuch, den Alki-Kumpel zu retten, bevor das Ganze als Dystopie einer entelektrifizierten Gesellschaft mit aufgesetztem Anti-Rassismus-Appell endet.
9.9.13
R.E.D. 2
USA, Frankreich, Kanada 2013 (Regie: Dean Parisot) Regie: Dean Parisot mit Bruce Willis, John Malkovich, Mary-Louise Parker, Helen Mirren, Anthony Hopkins, Catherine Zeta-Jones 116 Min. FSK: ab 16
Alte Schauspieler schlagen als Wiederholungstäter zu. Wie schön, dass es Bruce Willis, John Malkovich und Helen Mirren sind. Und nicht Sylvester Stallone, Jean-Claude van Damme mit anderen Dumpfbacken in einer Prügel-Orgie mit mäßigen Scherzchen. Wie subtil, nett makaber und weitgehend gewaltfrei Action-Komödie sein kann, zeigt „R.E.D. 2" in der ersten Szene mit Helen Mirren: Wenn ihre Killerin Victoria aufgelöst die Tür öffnet und meint, sie hätte Besuch, finden wir mehrere Männer nicht wie erwartet in ihrem Bett, sondern tot auf dem Boden.
Mit viel Verve und Spaß agieren auch die weiteren Figuren. Wobei es darum geht .... ja, worum geht es eigentlich? Irgendwie um die üblichen Agenten-Ränke, den Kalten Krieg und die Rettung der Menschheit. „R.E.D. 2" wirft wild mit allen Bestandteilen des Agentenfilms umher: Kuba, die iranische Botschaft und Roter Quecksilber versteckt im Kreml. Währenddessen begeistert die geniale Idee (Buch: Jon Hoeber, Erich Hoeber), dass der ansonsten gerne draufgängerisch besetzte Bruce Willis diesmal mit John Malkovich Marvin einen noch verrückteren Gegenpart bekam. Allein schon dessen x-tes Begräbnis rührt zu Tränen - Lachtränen. Mit Marvins erwarteter Wiedergeburt wird dann das Ganze figurentechnisch zu einem Buddy-Dreiecks Verhältnis erweitert. Mary-Louise Parker, das Kücken in dieser Runde, ist eine tolle Ergänzung mit ihrer Sarah, bei der man nie weiß, ob sie jetzt so hemmungslos in Frank verliebt ist oder nur in seine Agenten-Tätigkeit. Marvins Beziehungs-Beratung ist ebenso umwerfend witzig, wie ihre Leidenschaft, wenn es ums Hauen, Stechen, Schießen und Morden geht. All das, wovor sie Frank unbedingt beschützen will. Sarahs/Parkers Meisterleistung ist ein gnadenloses Verhör, das dem ganzen Good cop / Bad cop eine neue Bedeutung gibt: Heulen statt Foltern sollte der neue Trend werden. Als Zugabe beschert übrigens Catherine Zeta-Jones dem Film noch einen herrlichen Zickenkrieg.
Als absolutes Sahnehäubchen setzt Anthony Hopkins seinen verrückten Wissenschaftler aus John Maddens „Der Beweis" fort, um dann im Finale gemeingefährlich noch viel besser zu werden. Hopkins erspielt sich hier einen eindrucksvollen Top 10-Platz unter den Filmschurken. Tatsächlich schafft es „R.E.D. 2" nach neunzig Minuten, wenn andere in Action-Automatismus verfallen, noch mal richtig spannend zu werden. Die „R.E.D. 2"-Macher haben sich nach dem großen Erfolg des ersten Teils auch für die Action was einfallen lassen: Ein Martial Arts-Import in der Person von Lee Byung-hun sorgt für chicke Kick-Einlagen und einen schönen Running-Gag, denn dem millionen-schweren Killer kommt sein Luxus-Jet dauern abhanden und die Senioren von „R.E.D." sind nicht unbeteiligt. Zudem darf man sich auf eine heiße Verfolgungsjagd in Paris zwischen Porsche und Ente freuen, in diesem Action-Spiel, bei dem extrem viel geballert, niemand sichtlich verletzt, aber jeder kräftig erheitert wird.
Alte Schauspieler schlagen als Wiederholungstäter zu. Wie schön, dass es Bruce Willis, John Malkovich und Helen Mirren sind. Und nicht Sylvester Stallone, Jean-Claude van Damme mit anderen Dumpfbacken in einer Prügel-Orgie mit mäßigen Scherzchen. Wie subtil, nett makaber und weitgehend gewaltfrei Action-Komödie sein kann, zeigt „R.E.D. 2" in der ersten Szene mit Helen Mirren: Wenn ihre Killerin Victoria aufgelöst die Tür öffnet und meint, sie hätte Besuch, finden wir mehrere Männer nicht wie erwartet in ihrem Bett, sondern tot auf dem Boden.
Mit viel Verve und Spaß agieren auch die weiteren Figuren. Wobei es darum geht .... ja, worum geht es eigentlich? Irgendwie um die üblichen Agenten-Ränke, den Kalten Krieg und die Rettung der Menschheit. „R.E.D. 2" wirft wild mit allen Bestandteilen des Agentenfilms umher: Kuba, die iranische Botschaft und Roter Quecksilber versteckt im Kreml. Währenddessen begeistert die geniale Idee (Buch: Jon Hoeber, Erich Hoeber), dass der ansonsten gerne draufgängerisch besetzte Bruce Willis diesmal mit John Malkovich Marvin einen noch verrückteren Gegenpart bekam. Allein schon dessen x-tes Begräbnis rührt zu Tränen - Lachtränen. Mit Marvins erwarteter Wiedergeburt wird dann das Ganze figurentechnisch zu einem Buddy-Dreiecks Verhältnis erweitert. Mary-Louise Parker, das Kücken in dieser Runde, ist eine tolle Ergänzung mit ihrer Sarah, bei der man nie weiß, ob sie jetzt so hemmungslos in Frank verliebt ist oder nur in seine Agenten-Tätigkeit. Marvins Beziehungs-Beratung ist ebenso umwerfend witzig, wie ihre Leidenschaft, wenn es ums Hauen, Stechen, Schießen und Morden geht. All das, wovor sie Frank unbedingt beschützen will. Sarahs/Parkers Meisterleistung ist ein gnadenloses Verhör, das dem ganzen Good cop / Bad cop eine neue Bedeutung gibt: Heulen statt Foltern sollte der neue Trend werden. Als Zugabe beschert übrigens Catherine Zeta-Jones dem Film noch einen herrlichen Zickenkrieg.
Als absolutes Sahnehäubchen setzt Anthony Hopkins seinen verrückten Wissenschaftler aus John Maddens „Der Beweis" fort, um dann im Finale gemeingefährlich noch viel besser zu werden. Hopkins erspielt sich hier einen eindrucksvollen Top 10-Platz unter den Filmschurken. Tatsächlich schafft es „R.E.D. 2" nach neunzig Minuten, wenn andere in Action-Automatismus verfallen, noch mal richtig spannend zu werden. Die „R.E.D. 2"-Macher haben sich nach dem großen Erfolg des ersten Teils auch für die Action was einfallen lassen: Ein Martial Arts-Import in der Person von Lee Byung-hun sorgt für chicke Kick-Einlagen und einen schönen Running-Gag, denn dem millionen-schweren Killer kommt sein Luxus-Jet dauern abhanden und die Senioren von „R.E.D." sind nicht unbeteiligt. Zudem darf man sich auf eine heiße Verfolgungsjagd in Paris zwischen Porsche und Ente freuen, in diesem Action-Spiel, bei dem extrem viel geballert, niemand sichtlich verletzt, aber jeder kräftig erheitert wird.
Michael Kohlhaas
Frankreich, BRD 2013 (Michael Kohlhaas) Regie: Arnaud des Pallières mit Mads Mikkelsen, Bruno Ganz, Denis Lavant, Mélusine Mayence, David Kross, Sergi Lopez, David Bennent 122 Min.
„An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Roßhändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit." Dieser erste Satz aus der berühmten Kleist-Novelle über einen entsetzlich Gerechten ist auch mehr als 200 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung von allgemeiner Aktualität: Allzu Gerechte, die mordend und brennend über das Land ziehen, gibt es von der Realität der RAF bis in den Pop neuerer Batman-Verfilmungen.
Im 16. Jahrhundert stößt der erfolgreiche und glückliche Pferdehändler Kohlhaas (Mads Mikkelsen) auf dem Weg zum Markt auf eine neue Zollschranke eines jungen Barons. Kohlhaas zweifelt die Rechtmäßigkeit des ihm aufgezwungenen Passierscheins an, muss aber zwei Pferde als Pfand zurücklassen. Die schönen Tiere und der sie betreuende Knecht findet er später geschunden zurück. Gegen dieses Unrecht reicht der ehrliche Mann erfolglos Klage ein. Seine geliebte Frau will ihm beim Kampf um Gerechtigkeit helfen, wird aber von den Untergebenen der Prinzessin von Navarra lebensbedrohend misshandelt und stirbt. Nun gibt Kohlhaas endgültig sein Gut auf, schickt die kleine Tochter weg und zieht mit Getreuen und Rebellen aus der Bevölkerung auf einen Feldzug gegen die ungerechte Obrigkeit. Brennend und mordend erzwingt er die Wiederaufnahme der Rechtssache, muss aber dafür die Waffen niederlegen. Kohlhaas geht auf die Bedingungen ein, erhält am bitteren Ende Gerechtigkeit - auch für seine Taten.
Anfangs irritiert die neueste Kohlhaas-Verfilmung: Kleists maßloses deutsches Rache-Wesen „Michael Kohlhaas" wurde von Arnaud des Pallières französisch interpretiert und von Brandenburg und Sachsen in die wilde, südfranzösische Cevennen-Landschaft des 16. Jahrhundert versetzt. Anders als vom extrem klaren Kleist-Text her erwartet, galoppieren die Figuren in Natur und Naturalismus herum, was auf eigene Art Eindruck macht: Der Däne Mads Mikkelsen ist hier mit vom Sturm-umtobten Haar sofort Michael Kohlhaas, wir erleben die Verschmelzung zu Mads Michaelsen Kohlhaas!
Die Verpflanzung bringt am Rande mit sich, dass Denis Lavant einen (nicht so genannten) Luther in einem wichtigen und auch hier großartigen Dialog spielen darf. Region und Herrscherhaus stehen in der französischen Geschichte für einen anders mörderischen Religionskonflikt, die Bartholomäusnacht folgt am 23. August 1572. Aber auch ansonsten ist der Transfer überaus gelungen: Man sitzt schließlich angesichts eines terroristischen Übermaßes an Gerechtigkeit mit dem gleichen Schauder im Kino wie im Theater oder vor dem Buch. Die Kamera von Jeanne Lapoirie lässt sowohl ruppige Landschaften als auch bedrückende Innenszenen eindringlich erleben. Mads Mikkelsen trumpft auch mit französischem Text und ein paar deutschen Sätzen (im Original) auf. Es bleibt ein großes Unrecht, dass „Michael Kohlhass" im Wettbewerb von Cannes völlig untergegangen ist.
„An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Roßhändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit." Dieser erste Satz aus der berühmten Kleist-Novelle über einen entsetzlich Gerechten ist auch mehr als 200 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung von allgemeiner Aktualität: Allzu Gerechte, die mordend und brennend über das Land ziehen, gibt es von der Realität der RAF bis in den Pop neuerer Batman-Verfilmungen.
Im 16. Jahrhundert stößt der erfolgreiche und glückliche Pferdehändler Kohlhaas (Mads Mikkelsen) auf dem Weg zum Markt auf eine neue Zollschranke eines jungen Barons. Kohlhaas zweifelt die Rechtmäßigkeit des ihm aufgezwungenen Passierscheins an, muss aber zwei Pferde als Pfand zurücklassen. Die schönen Tiere und der sie betreuende Knecht findet er später geschunden zurück. Gegen dieses Unrecht reicht der ehrliche Mann erfolglos Klage ein. Seine geliebte Frau will ihm beim Kampf um Gerechtigkeit helfen, wird aber von den Untergebenen der Prinzessin von Navarra lebensbedrohend misshandelt und stirbt. Nun gibt Kohlhaas endgültig sein Gut auf, schickt die kleine Tochter weg und zieht mit Getreuen und Rebellen aus der Bevölkerung auf einen Feldzug gegen die ungerechte Obrigkeit. Brennend und mordend erzwingt er die Wiederaufnahme der Rechtssache, muss aber dafür die Waffen niederlegen. Kohlhaas geht auf die Bedingungen ein, erhält am bitteren Ende Gerechtigkeit - auch für seine Taten.
Anfangs irritiert die neueste Kohlhaas-Verfilmung: Kleists maßloses deutsches Rache-Wesen „Michael Kohlhaas" wurde von Arnaud des Pallières französisch interpretiert und von Brandenburg und Sachsen in die wilde, südfranzösische Cevennen-Landschaft des 16. Jahrhundert versetzt. Anders als vom extrem klaren Kleist-Text her erwartet, galoppieren die Figuren in Natur und Naturalismus herum, was auf eigene Art Eindruck macht: Der Däne Mads Mikkelsen ist hier mit vom Sturm-umtobten Haar sofort Michael Kohlhaas, wir erleben die Verschmelzung zu Mads Michaelsen Kohlhaas!
Die Verpflanzung bringt am Rande mit sich, dass Denis Lavant einen (nicht so genannten) Luther in einem wichtigen und auch hier großartigen Dialog spielen darf. Region und Herrscherhaus stehen in der französischen Geschichte für einen anders mörderischen Religionskonflikt, die Bartholomäusnacht folgt am 23. August 1572. Aber auch ansonsten ist der Transfer überaus gelungen: Man sitzt schließlich angesichts eines terroristischen Übermaßes an Gerechtigkeit mit dem gleichen Schauder im Kino wie im Theater oder vor dem Buch. Die Kamera von Jeanne Lapoirie lässt sowohl ruppige Landschaften als auch bedrückende Innenszenen eindringlich erleben. Mads Mikkelsen trumpft auch mit französischem Text und ein paar deutschen Sätzen (im Original) auf. Es bleibt ein großes Unrecht, dass „Michael Kohlhass" im Wettbewerb von Cannes völlig untergegangen ist.
3.9.13
Das Mädchen Wadjda
BRD, Saudi-Arabien 2012 Regie: Haifaa Al Mansour mit Reem Abdullah, Waad Mohammed, Abdullrahman Al Gohani, Ahd, Sultan Al Assaf 93 Min.
Das Mädchen Wadjda fällt schon mit ihren Turnschuhen unter der schwarzen Schuluniform auf. Dazu widerspricht sie dem meckernden Fahrer der Mutter, rennt dem Jungen hinterher, der ihr Butterbrot klaut und bleibt als einzige auf dem Schulhof, als ein paar Männer auf dem Dach herummachen. Wadjda (Waad Mohammed) ist ein gar nicht gewöhnliches Mädchen in Saudi-Arabien. Sie legt den Schleier, für den sie eigentlich auch noch zu jung ist, bei jeder Gelegenheit ab. Doch immer schränken sie Männer und Jungs ein, auch in der Fortbewegung. Der Freund mit dem einflussreichen Vater bekommt deshalb zu hören: „Am Tag, an dem ich auch ein Fahrrad haben werde, werde ich dich schlagen!" Denn Wadjda träumt von dem grünen Fahrrad, das ihr wie im Märchen vorbeischwebte. Ganz prosaisch steht es danach im Laden und hat vor allem einen hohen Preis. Dazu sind die Eltern selbstverständlich dagegen, dass ein Mädchen unter dem Regime eines streng wahabitischen Islam Fahrrad fährt! Doch der ungeliebte Koran-Unterricht erweist sich mit einem hoch dotierten Wettbewerb als Chance, doch noch ihr Ziel zu erreichen.
Geschichten um das Fahrrad sind immer Fortschritt- und Entwicklungsgeschichten von De Sicas „Fahrraddieben" über den geistesverwandten „Der Tag, an dem ich zur Frau wurde" (Roozi Khe Zan Shodam, Iran 2000), von der iranischen Regisseurin Marzieh Meshkini aus dem Makhmalbaf-Klan und dem vietnamesischen „Cyclo" oder den chinesischen „Bejing Bicyle". Doch hier ist schon die Entstehung des Films „Das Mädchen Wadjda", seine reine Existenz unglaublich: Unter der ebenso Frauen- wie Kino-feindlichen Stimmung wurde er offiziell genehmigt und auf den Straßen gedreht. Als erster Spielfilm überhaupt und von einer Frau sowieso. Zwar mit Hilfe von deutschen Ko-Produzenten, aber mit einheimischen Darstellern und Team (mit Ausnahme des ausgezeichneten Kameramannes Kamera Lutz Reitemeier und der Cutters). Selbst wenn noch die Dramaturgie der Regisseurin und Autorin Haifaa Al Mansour, die in Australien studierte, westlichen Muster folgt, lässt „Das Mädchen Wadjda" viel vom Leben der Frauen in Saudi-Arabien erleben. Wobei Wadjdas Mutter modern, wohlhabend und eher fortschrittlich ist. Sie gehört zu den wenigen, die arbeiten. Was mit einem vom Fahrverbot für Frauen erzwungenen Chauffeur und einem weit entfernten Arbeitsplatz, der die Geschlechtertrennung gewährt, sehr mühsam ist. Die Direktorin der Schule hingegen schränkt heftig jeden Freiheitsversuch ein, verhängt drakonische Strafen. Neben dem tollen Spiel von Waad Mohammed als Wadjda interessiert der besondere und gute Film in mit den weiteren Figuren, vor allem mit der Mutter, die Angst hat, dass sich ihr Mann eine Zweitfrau zulegen, weil sie selbst kein Kind mehr bekommt.
Das Mädchen Wadjda fällt schon mit ihren Turnschuhen unter der schwarzen Schuluniform auf. Dazu widerspricht sie dem meckernden Fahrer der Mutter, rennt dem Jungen hinterher, der ihr Butterbrot klaut und bleibt als einzige auf dem Schulhof, als ein paar Männer auf dem Dach herummachen. Wadjda (Waad Mohammed) ist ein gar nicht gewöhnliches Mädchen in Saudi-Arabien. Sie legt den Schleier, für den sie eigentlich auch noch zu jung ist, bei jeder Gelegenheit ab. Doch immer schränken sie Männer und Jungs ein, auch in der Fortbewegung. Der Freund mit dem einflussreichen Vater bekommt deshalb zu hören: „Am Tag, an dem ich auch ein Fahrrad haben werde, werde ich dich schlagen!" Denn Wadjda träumt von dem grünen Fahrrad, das ihr wie im Märchen vorbeischwebte. Ganz prosaisch steht es danach im Laden und hat vor allem einen hohen Preis. Dazu sind die Eltern selbstverständlich dagegen, dass ein Mädchen unter dem Regime eines streng wahabitischen Islam Fahrrad fährt! Doch der ungeliebte Koran-Unterricht erweist sich mit einem hoch dotierten Wettbewerb als Chance, doch noch ihr Ziel zu erreichen.
Geschichten um das Fahrrad sind immer Fortschritt- und Entwicklungsgeschichten von De Sicas „Fahrraddieben" über den geistesverwandten „Der Tag, an dem ich zur Frau wurde" (Roozi Khe Zan Shodam, Iran 2000), von der iranischen Regisseurin Marzieh Meshkini aus dem Makhmalbaf-Klan und dem vietnamesischen „Cyclo" oder den chinesischen „Bejing Bicyle". Doch hier ist schon die Entstehung des Films „Das Mädchen Wadjda", seine reine Existenz unglaublich: Unter der ebenso Frauen- wie Kino-feindlichen Stimmung wurde er offiziell genehmigt und auf den Straßen gedreht. Als erster Spielfilm überhaupt und von einer Frau sowieso. Zwar mit Hilfe von deutschen Ko-Produzenten, aber mit einheimischen Darstellern und Team (mit Ausnahme des ausgezeichneten Kameramannes Kamera Lutz Reitemeier und der Cutters). Selbst wenn noch die Dramaturgie der Regisseurin und Autorin Haifaa Al Mansour, die in Australien studierte, westlichen Muster folgt, lässt „Das Mädchen Wadjda" viel vom Leben der Frauen in Saudi-Arabien erleben. Wobei Wadjdas Mutter modern, wohlhabend und eher fortschrittlich ist. Sie gehört zu den wenigen, die arbeiten. Was mit einem vom Fahrverbot für Frauen erzwungenen Chauffeur und einem weit entfernten Arbeitsplatz, der die Geschlechtertrennung gewährt, sehr mühsam ist. Die Direktorin der Schule hingegen schränkt heftig jeden Freiheitsversuch ein, verhängt drakonische Strafen. Neben dem tollen Spiel von Waad Mohammed als Wadjda interessiert der besondere und gute Film in mit den weiteren Figuren, vor allem mit der Mutter, die Angst hat, dass sich ihr Mann eine Zweitfrau zulegen, weil sie selbst kein Kind mehr bekommt.
Vijay und ich
BRD, Belgien, Luxemburg 2012 (Vijay and I) Regie: Sam Garbarski mit Moritz J. Bleibtreu, Patricia Arquette, Danny Pudi, Hanna Schygulla, Michael Gwisdek
92 Min.
„Inder statt Kinder" - nicht ganz im Sinne eines vernachlässigbaren Politikers wendet sich der als Kinderfernseh-Hase im Schaumstoffkostüm berühmte Schauspieler Wilhelm „Will" Wilder (Moritz J. Bleibtreu) von seinem alten Leben ab und besucht, verkleidet als Inder Vijay Singh, sein eigenes Begräbnis. Was für eine tolle Idee, wird auch der erfolgreiche Regisseur Sam Garbarski („Irina Palm") gedacht haben. Was für eine verpasste Chance, denkt man nach der höchstens netten Komödie mit seltsam zusammengepuzzleter Besetzung. Moritz J. Bleibtreu wickelt auch schauspielerisch Patricia Arquette um den Finger.
Das grüne „Pech-Kaninchen" scheint die Rolle des Lebens für Will Wilder zu sein, der einst als neuer Marlon Brando gefeiert wurde: An seinem 40. Geburtstag bekommt er keinen Glückwunsch mit, verlässt frustriert und wütend das TV-Studio, um danach von einem Autodieb und einem Regenschauer erwischt zu werden. Bedröppelt in New York ... und immer noch im albernen Schaumstoffkostüm. Nach einer Nacht mit viel Frust-Sauferei bei seinem Kumpel Rad (Danny Pudi) weckt Will die TV-Nachricht von seinem Tod: Der Autodieb beendete Raubzug und Leben unter einen Tanklaster. Spontan beschließt der gescheiterte Charakter-Schauspieler, nun die Rolle seines Todes durchzuziehen: Er will sein eigenes Begräbnis besuchen und hören, was Freunde und Verwandte von ihm denken. Zufällig verkleidet Freund Rad die mexikanischen Kellner in seinem indischen Restaurant regelmäßig mit authentischem Look.
Auch der nächste Clou der eigentlich unwahrscheinlichen Verwechslungs-Komödie klingt im Konzept atemberaubend reizvoll: Als alter Freund des Verstorbenen kommt der zum Vijay gewordene Will seiner eigenen Frau Julia (Patricia Arquette) näher. Und noch näher... Er macht dabei mit dickem indischen Akzent und dem Charme demütiger Ritterlichkeit scheinbar alles richtig, was in vielen Jahren der Ehe vorher falsch gelaufen ist. Was ihm die neue alte Gespielin brühwarm erzählen muss: Will sei nicht nur auf der Leinwand sondern auch im Bett wie ein Karnickel gewesen! Das tragikomische Resümieren eines gescheiterten Lebens setzt sich bei den Schwiegereltern und auch beim Agenten fort. Der versucht derweil, sich der Witwe sehr schnell sehr unsittlich zu nähern....
Den eigenen Ehemann wegen etwas Schminke und angeklebtem Bart nicht erkennen? So was kann eigentlich nicht funktionieren, außer in guten Komödien mit viel Maskerade und Charaden. Was Dustin Hoffman als „Mrs. Doubtfire" gelang, schafft ein toll aufspielender Moritz Bleibtreu überraschend gut. Dass der Spaß, der dreisterweise im Rollennamen Altmeister Billy Wilder anklingen lässt, trotzdem nur zeitweise in die Gänge kommt, dass viele Szenen hölzern bleiben, kann eigentlich nicht am Regisseur Sam Garbarski liegen. Der legte mit „Irina Palm" einen so viel mehr gelungeneren Film hin und äußerte sich glaubhaft begeistert über das Potential der Geschichte. Vielleicht war der pan-europäische Dreh, der in zerstückelter Chronologie zwischen New York, Belgien, Luxemburg und NRW-Studios wechselte, schuld? Oder auch die kaum wieder zu erkennende Patricia Arquette? Der Star von „True Romance" (1993), „Ed Wood" (1994), „Lost Highway" (1997), „Human Nature" (2001) und der TV-Serie „Medium" agiert unfassbar steif und ungelenk, fast wie unter örtlicher Betäubung. Da kann man Will Wilder verstehen, möchte auch in ein Kaninchen-Kostüm schlüpfen und schnell weghoppeln.
92 Min.
„Inder statt Kinder" - nicht ganz im Sinne eines vernachlässigbaren Politikers wendet sich der als Kinderfernseh-Hase im Schaumstoffkostüm berühmte Schauspieler Wilhelm „Will" Wilder (Moritz J. Bleibtreu) von seinem alten Leben ab und besucht, verkleidet als Inder Vijay Singh, sein eigenes Begräbnis. Was für eine tolle Idee, wird auch der erfolgreiche Regisseur Sam Garbarski („Irina Palm") gedacht haben. Was für eine verpasste Chance, denkt man nach der höchstens netten Komödie mit seltsam zusammengepuzzleter Besetzung. Moritz J. Bleibtreu wickelt auch schauspielerisch Patricia Arquette um den Finger.
Das grüne „Pech-Kaninchen" scheint die Rolle des Lebens für Will Wilder zu sein, der einst als neuer Marlon Brando gefeiert wurde: An seinem 40. Geburtstag bekommt er keinen Glückwunsch mit, verlässt frustriert und wütend das TV-Studio, um danach von einem Autodieb und einem Regenschauer erwischt zu werden. Bedröppelt in New York ... und immer noch im albernen Schaumstoffkostüm. Nach einer Nacht mit viel Frust-Sauferei bei seinem Kumpel Rad (Danny Pudi) weckt Will die TV-Nachricht von seinem Tod: Der Autodieb beendete Raubzug und Leben unter einen Tanklaster. Spontan beschließt der gescheiterte Charakter-Schauspieler, nun die Rolle seines Todes durchzuziehen: Er will sein eigenes Begräbnis besuchen und hören, was Freunde und Verwandte von ihm denken. Zufällig verkleidet Freund Rad die mexikanischen Kellner in seinem indischen Restaurant regelmäßig mit authentischem Look.
Auch der nächste Clou der eigentlich unwahrscheinlichen Verwechslungs-Komödie klingt im Konzept atemberaubend reizvoll: Als alter Freund des Verstorbenen kommt der zum Vijay gewordene Will seiner eigenen Frau Julia (Patricia Arquette) näher. Und noch näher... Er macht dabei mit dickem indischen Akzent und dem Charme demütiger Ritterlichkeit scheinbar alles richtig, was in vielen Jahren der Ehe vorher falsch gelaufen ist. Was ihm die neue alte Gespielin brühwarm erzählen muss: Will sei nicht nur auf der Leinwand sondern auch im Bett wie ein Karnickel gewesen! Das tragikomische Resümieren eines gescheiterten Lebens setzt sich bei den Schwiegereltern und auch beim Agenten fort. Der versucht derweil, sich der Witwe sehr schnell sehr unsittlich zu nähern....
Den eigenen Ehemann wegen etwas Schminke und angeklebtem Bart nicht erkennen? So was kann eigentlich nicht funktionieren, außer in guten Komödien mit viel Maskerade und Charaden. Was Dustin Hoffman als „Mrs. Doubtfire" gelang, schafft ein toll aufspielender Moritz Bleibtreu überraschend gut. Dass der Spaß, der dreisterweise im Rollennamen Altmeister Billy Wilder anklingen lässt, trotzdem nur zeitweise in die Gänge kommt, dass viele Szenen hölzern bleiben, kann eigentlich nicht am Regisseur Sam Garbarski liegen. Der legte mit „Irina Palm" einen so viel mehr gelungeneren Film hin und äußerte sich glaubhaft begeistert über das Potential der Geschichte. Vielleicht war der pan-europäische Dreh, der in zerstückelter Chronologie zwischen New York, Belgien, Luxemburg und NRW-Studios wechselte, schuld? Oder auch die kaum wieder zu erkennende Patricia Arquette? Der Star von „True Romance" (1993), „Ed Wood" (1994), „Lost Highway" (1997), „Human Nature" (2001) und der TV-Serie „Medium" agiert unfassbar steif und ungelenk, fast wie unter örtlicher Betäubung. Da kann man Will Wilder verstehen, möchte auch in ein Kaninchen-Kostüm schlüpfen und schnell weghoppeln.
White House Down
USA 2013 (White House Down) Regie: Roland Emmerich, mit Channing Tatum, Jamie Foxx, Maggie Gyllenhaal, Richard Jenkins, James Woods, Joey King 131 Min.
Emmerich rettet wieder mal die Welt! Diesmal trifft „Independence Day" auf „Präsident allein zuhaus". Und zeigt einen schwarzen US-Präsidenten, der mal richtig anpackt - mit der Panzerfaust im eigenen Garten. Hört sich furchtbar an, „White House Down" ist aber gut sehr gut inszeniert, ganz gut gespielt und traut sich ein gutes Maß Weltpolitik.
Der rührselige Abschied des Sicherheitschefs mit seinen gesundheitlichen Schwierigkeiten. Der Wachmann, der unbedingt Secret Service-Mann werden will, um seiner Familie etwas zu beweisen. Das zufällige Treffen mit der Highschool-Bekanntschaft und das junge Mädchen, das sich mitten im Trubel verläuft. Die Aufstellung von Figuren und Mini-Dramen in „White House Down" ist extrem vorherseh- und austauschbar. Da hätte gar nicht erst „Olympus has fallen" vor wenigen Monaten vormachen brauchen, wie Gangster, die nicht das sind, was sie scheinen, den Präsidenten gleich zuhause im Weißen Haus kidnappen.
Doch die gute Besetzung macht neugierig und hält das Interesse jenseits der wenig überraschenden Einführung wach: Channing Tatums Wachmann John Cale ist zufällig vor Ort, als mit einem ziemlich unglaubwürdigen Handstreich Weißes Haus und Präsident James Sawyer (Jamie Foxx) gleichzeitig isoliert werden. Cales Tochter Emily (Joey King), die zufällig auf Touri-Tour ist, erweist sich als Spezialistin in Sicherheitsfragen des traditionsreichen Gebäudes und bekommt vom Präsidenten ein Exklusiv-Interview für ihren Blog. Der Staats-Chef ist äußerst sympathisch und punktet nicht nur mit Erziehungs-Tipps. Im Verlauf der bald loslegenden Action im Stile von Bruce Willis („Die Hard") sind dessen Schießversuche mit Maschinengewehr und Panzerfaust („Ich hab sie verloren...") immer für einen Scherz gut. Was jetzt nicht nur Geschmackssache, sondern auch recht widersprüchlich ist: Denn all das Theater findet nur statt, weil James Sawyer ernsthaft den Nahen Osten befrieden will und die Waffen-Industrie deshalb trickreich die Muskeln spielen lässt. Dass dabei ein wahnsinniger Schurke hervortritt, der gleich die ganze Erde in einem Nuklear-Krieg erstrahlen lassen will, ist dann wieder ermüdende Routine.
Zum Glück ist auch Roland Emmerich in seiner rasanten Inszenierung recht routiniert: Zuerst werden nach alter Tradition Symbole des Staates und seiner Institutionen geschleift und auch der gute alte George Washington bekommt eine Kugel in die Perücke sein Gemäldes. Mehr als zum Flirt mit dem Action-Kino patriotischer Prägung und exil-deutscher Regie taugt „White House Down" allerdings nicht. Es wird ein Aufwand an Zerstörung getrieben, den man als lächerlich oder widerlich empfinden kann. Mit nur paar kleinen Widerhaken: Der Krieg, den die USA gerne auswärts führt, findet jetzt mal auf dem Rasen vor dem Weißen Haus statt. Dabei soll es spaßig sein, dass der Präsident selber einen Raketenwerfer in die Hand nimmt und lustig damit herum feuert. Dass am Ende alle Staaten die Waffen niederlegen, ist leider so unwahrscheinlich wie eine Invasion von Aliens.
Emmerich rettet wieder mal die Welt! Diesmal trifft „Independence Day" auf „Präsident allein zuhaus". Und zeigt einen schwarzen US-Präsidenten, der mal richtig anpackt - mit der Panzerfaust im eigenen Garten. Hört sich furchtbar an, „White House Down" ist aber gut sehr gut inszeniert, ganz gut gespielt und traut sich ein gutes Maß Weltpolitik.
Der rührselige Abschied des Sicherheitschefs mit seinen gesundheitlichen Schwierigkeiten. Der Wachmann, der unbedingt Secret Service-Mann werden will, um seiner Familie etwas zu beweisen. Das zufällige Treffen mit der Highschool-Bekanntschaft und das junge Mädchen, das sich mitten im Trubel verläuft. Die Aufstellung von Figuren und Mini-Dramen in „White House Down" ist extrem vorherseh- und austauschbar. Da hätte gar nicht erst „Olympus has fallen" vor wenigen Monaten vormachen brauchen, wie Gangster, die nicht das sind, was sie scheinen, den Präsidenten gleich zuhause im Weißen Haus kidnappen.
Doch die gute Besetzung macht neugierig und hält das Interesse jenseits der wenig überraschenden Einführung wach: Channing Tatums Wachmann John Cale ist zufällig vor Ort, als mit einem ziemlich unglaubwürdigen Handstreich Weißes Haus und Präsident James Sawyer (Jamie Foxx) gleichzeitig isoliert werden. Cales Tochter Emily (Joey King), die zufällig auf Touri-Tour ist, erweist sich als Spezialistin in Sicherheitsfragen des traditionsreichen Gebäudes und bekommt vom Präsidenten ein Exklusiv-Interview für ihren Blog. Der Staats-Chef ist äußerst sympathisch und punktet nicht nur mit Erziehungs-Tipps. Im Verlauf der bald loslegenden Action im Stile von Bruce Willis („Die Hard") sind dessen Schießversuche mit Maschinengewehr und Panzerfaust („Ich hab sie verloren...") immer für einen Scherz gut. Was jetzt nicht nur Geschmackssache, sondern auch recht widersprüchlich ist: Denn all das Theater findet nur statt, weil James Sawyer ernsthaft den Nahen Osten befrieden will und die Waffen-Industrie deshalb trickreich die Muskeln spielen lässt. Dass dabei ein wahnsinniger Schurke hervortritt, der gleich die ganze Erde in einem Nuklear-Krieg erstrahlen lassen will, ist dann wieder ermüdende Routine.
Zum Glück ist auch Roland Emmerich in seiner rasanten Inszenierung recht routiniert: Zuerst werden nach alter Tradition Symbole des Staates und seiner Institutionen geschleift und auch der gute alte George Washington bekommt eine Kugel in die Perücke sein Gemäldes. Mehr als zum Flirt mit dem Action-Kino patriotischer Prägung und exil-deutscher Regie taugt „White House Down" allerdings nicht. Es wird ein Aufwand an Zerstörung getrieben, den man als lächerlich oder widerlich empfinden kann. Mit nur paar kleinen Widerhaken: Der Krieg, den die USA gerne auswärts führt, findet jetzt mal auf dem Rasen vor dem Weißen Haus statt. Dabei soll es spaßig sein, dass der Präsident selber einen Raketenwerfer in die Hand nimmt und lustig damit herum feuert. Dass am Ende alle Staaten die Waffen niederlegen, ist leider so unwahrscheinlich wie eine Invasion von Aliens.
Der Fall Wilhelm Reich
Österreich 2012 Regie: Antonin Svoboda, mit Klaus Maria Brandauer, Julia Jentsch, Kenny Doughty, Jeanette Hain, Birgit Minichmayr 110 Min.
Der Psychoanalytiker, Sozialforscher und Soziologe Wilhelm Reich (1897 -1957) war Regenmacher, im positiven Sinne ein Anti-Einstein, eine Ikone der Studentenbewegung und der sexuellen Revolution. Kurz: Eine herausragende Figur der Zeitgeschichte, eine ganze Menge für einen Mann und leider zu viel für diesen Film.
Vom jungen Reich, der 1920 noch als Student in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen wurde, sehen wir nicht viel. Wir hören nur seine Vorlesung über den Orgasmus, der die Kollegen schockiert. Die eigentliche Handlung setzt in Kalifornien ein, wo der alte Wilhelm Reich (Klaus Maria Brandauer) der Atmosphäre die schlechten Elemente entziehen und Regen machen will. Reichlich verrückt wirkt das, genau wie die Holzkisten, seine Orgon-Akkumulatoren, die Lebensenergie der Menschen bündeln sollen. Doch ausgerechnet die amtlich wirkungslosen Apparate bringen ihn vordergründig ins Gefängnis. Im Hintergrund wirkt eine paranoide Staats-Gewalt, die den harmlosen Reich auch als Kommunist gnadenlos verfolgt und 1957 schließlich im Gefängnis sterben lässt.
Dabei kann man Reich in dieser zurückhaltenden Darstellung durch Brandauer nur als sanften Menschenfreund sehen. Der immer auf Unverständnis stößt: Die fürsorgliche, fast liebevolle Untersuchung eines jungen Mannes endet mit der viel zu lauten Aufregung der Eltern. Als Gegenpol sehen wir horrende Menschen-Experimente des Dr. Cameron, Präsident der American Psychiatric Association. Für ein CIA-Forschungsprojekt begeht er rücksichtslos Eingriffe ins Gehirn, wendet Elektroschocks bis zur Auslöschung der Persönlichkeit an, um Patrioten für Armee und Geheimdienst zu erzeugen.
Wenn Reich im Kleinen versucht, den Einfluss der Radioaktivität zu neutralisieren, wird er im großen Bild dem Einstein- oder Atom-Zeitalter entgegengesetzt. Die Gespräche der Dickkopfes mit Eva (Julia Jentsch), einer Tochter aus früherer Ehe, und seiner Partnerin Ilse Reich (Jeanette Hain) sollen uns den schwierigen Menschen näher bringen, doch die aneinander gereihten Schlüsselszenen bleiben leblos. Denn „Der Fall Wilhelm Reich" wurde in Englisch gedreht und deutsch nachsynchronisiert, was den guten Schauspielern ihrer Wirkung beraubt. Der österreichische Filmemacher Antonin Svoboda produzierte schon 2009 die Doku „Wer hat Angst vor Wilhelm Reich?"
So scheitert selbst die große Szene, in der die Männer mit den Hüten Reich zwingen, seine Orgon-Akkumulatoren zu vernichten und seine Bücher zu verbrennen. Diese tragische Figur wurde also in Europa als Jude verfolgt und in den USA als angeblicher Kommunist, ein Sammelbegriff für alles Befremdliche und Bedrohliche für den simplen Geist. Nur in der Schlussszene erlaubt sich der Film einmal die Freiheit des Kinos - zu spät. Viele werden es gar nicht bis dahin schaffen.
Die Empfehlung geht daher zum alten Video von Kate Bushs populärem Song „Cloudbusting", das von Terry Gilliam konzipiert und von Julian Doyle mit Donald Sutherland als Wilhelm Reich inszeniert wurde.
Der Psychoanalytiker, Sozialforscher und Soziologe Wilhelm Reich (1897 -1957) war Regenmacher, im positiven Sinne ein Anti-Einstein, eine Ikone der Studentenbewegung und der sexuellen Revolution. Kurz: Eine herausragende Figur der Zeitgeschichte, eine ganze Menge für einen Mann und leider zu viel für diesen Film.
Vom jungen Reich, der 1920 noch als Student in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen wurde, sehen wir nicht viel. Wir hören nur seine Vorlesung über den Orgasmus, der die Kollegen schockiert. Die eigentliche Handlung setzt in Kalifornien ein, wo der alte Wilhelm Reich (Klaus Maria Brandauer) der Atmosphäre die schlechten Elemente entziehen und Regen machen will. Reichlich verrückt wirkt das, genau wie die Holzkisten, seine Orgon-Akkumulatoren, die Lebensenergie der Menschen bündeln sollen. Doch ausgerechnet die amtlich wirkungslosen Apparate bringen ihn vordergründig ins Gefängnis. Im Hintergrund wirkt eine paranoide Staats-Gewalt, die den harmlosen Reich auch als Kommunist gnadenlos verfolgt und 1957 schließlich im Gefängnis sterben lässt.
Dabei kann man Reich in dieser zurückhaltenden Darstellung durch Brandauer nur als sanften Menschenfreund sehen. Der immer auf Unverständnis stößt: Die fürsorgliche, fast liebevolle Untersuchung eines jungen Mannes endet mit der viel zu lauten Aufregung der Eltern. Als Gegenpol sehen wir horrende Menschen-Experimente des Dr. Cameron, Präsident der American Psychiatric Association. Für ein CIA-Forschungsprojekt begeht er rücksichtslos Eingriffe ins Gehirn, wendet Elektroschocks bis zur Auslöschung der Persönlichkeit an, um Patrioten für Armee und Geheimdienst zu erzeugen.
Wenn Reich im Kleinen versucht, den Einfluss der Radioaktivität zu neutralisieren, wird er im großen Bild dem Einstein- oder Atom-Zeitalter entgegengesetzt. Die Gespräche der Dickkopfes mit Eva (Julia Jentsch), einer Tochter aus früherer Ehe, und seiner Partnerin Ilse Reich (Jeanette Hain) sollen uns den schwierigen Menschen näher bringen, doch die aneinander gereihten Schlüsselszenen bleiben leblos. Denn „Der Fall Wilhelm Reich" wurde in Englisch gedreht und deutsch nachsynchronisiert, was den guten Schauspielern ihrer Wirkung beraubt. Der österreichische Filmemacher Antonin Svoboda produzierte schon 2009 die Doku „Wer hat Angst vor Wilhelm Reich?"
So scheitert selbst die große Szene, in der die Männer mit den Hüten Reich zwingen, seine Orgon-Akkumulatoren zu vernichten und seine Bücher zu verbrennen. Diese tragische Figur wurde also in Europa als Jude verfolgt und in den USA als angeblicher Kommunist, ein Sammelbegriff für alles Befremdliche und Bedrohliche für den simplen Geist. Nur in der Schlussszene erlaubt sich der Film einmal die Freiheit des Kinos - zu spät. Viele werden es gar nicht bis dahin schaffen.
Die Empfehlung geht daher zum alten Video von Kate Bushs populärem Song „Cloudbusting", das von Terry Gilliam konzipiert und von Julian Doyle mit Donald Sutherland als Wilhelm Reich inszeniert wurde.
2.9.13
Shadow Dancer
Großbritannien, Irland 2012 (Shadow Dancer) Regie: James Marsh mit Clive Owen, Andrea Riseborough, Gillian Anderson, Aidan Gillem 100 Min.
Eine Geschichte von V-Frauen, Verrätern und Verfassungschutz... Klingt aktuell, hat aber nichts mit den rechten NSU-Mördern zu tun, denn sie spielt 1993 in Belfast, in der Endphase des nordirischen Widerstands gegen die britischen Besatzer. Vielleicht wird sich in 20 Jahren, wenn ein Spielfilm die Hintergründe der Zwickauer Zelle und die Beteiligung vom Verfassungsschutz ausleuchtet, zeigen, das wohl alle diese Geheim- und Sicherheits-Dienste skrupellos mit Menschen spielen und sie auch ohne Zögern opfern. Der spannende und raffinierte Thriller „Shadow Dancer" lässt allerdings jemand anders am Ende den letzten Zug machen. Ach ja, und endlich wissen wir auch, dass Scully das FBI (und „Akte X") verlassen hat, weil Clive Owen bei den britischen Kollegen wesentlich frischer aussieht als Duchovny.
Belfast 1973 - da ist schnell klar, dass dies keine nette Geschichte wird. Und dass Rauchen tödlich ist: Der Vater schickt Collette zum Zigaretten holen, sie leitet den ungeliebten Auftrag an den Bruder weiter, der kurz darauf erschossen in die Wohnung zurück getragen wird. Alltag im sogenannten „Bürgerkrieg" der englischen Armee gegen IRA und die katholische Bevölkerung Nordirlands. Zwanzig Jahre später wird Collette (Andrea Riseborough) erwischt, als sie in der Londoner U-Bahn eine Bombe platzieren will. Ein sehr verständnisvoller Agent namens Mac (Clive Owen) bietet ihr an, den nicht zum Waffenstillstand bereiten IRA-Kämpfer Gerry auszuspionieren. Ansonsten drohe ihr Knast und Trennung vom kleinen Sohn. Und außerdem hätte sie die Bombe ja gar nicht scharf gemacht, das würde viel verraten. Die junge Frau nimmt an, obwohl es ihr Todesurteil sein kann. Und tatsächlich scheint sie nach dem ersten Verrat, der ein Attentat verhindert, von den Engländern zum Abschuss freigegeben zu sein. Doch auch Mac wurde von seiner Chefin („Scully" Gillian Anderson) verraten und versucht, „seine" Spionin zu retten. Nach einem Kuss von Collette gibt er ihr alles preis....
Es gibt im hoch spannenden und sehr regierungs-kritischen Polit-Thriller „Shadow Dancer" nicht nur ein Wiedersehen mit einer blondierten Gillian Anderson, eindrucksvoll vor allem ist Andrea Riseborough, die als Wally in Madonnas „W.E." einen guten Auftritt in unglücklicher Umgebung hatte (der Film ist wirklich nicht gelungen). Nicht mehr glamourös, sondern verschlossen und getrieben kann sie mit ihrem Gesicht die Zwänge der mehrfachen Zwickmühle widerspiegeln. Während Collette jeden Moment all die Freude bei ihrem Sohn genießt, den ihr im gleichen Alter verstorbener Bruder nicht mehr haben konnte, kapieren all die Männer nicht, dass es etwas anderes gibt als das Morden. Doch der Sicherheits-Chef dieser IRA-Abteilung (Henker kann man nicht sagen, da hier alle Blut an den Händen haben) verdächtigt sie, die Plastikplane ist beim Verhör schon ausgelegt und in einer spannenden Parallel-Suche recherchiert Mac in den bürokratisch korrekten Gehaltsabrechnungen nach dem einen Verräter, dessen Entdeckung die Entdeckung von Collette in einem großen Bluff verhindern soll. Dies ist allerdings nicht die letzte Volte des raffinierten Drehbuchs.
Eine Geschichte von V-Frauen, Verrätern und Verfassungschutz... Klingt aktuell, hat aber nichts mit den rechten NSU-Mördern zu tun, denn sie spielt 1993 in Belfast, in der Endphase des nordirischen Widerstands gegen die britischen Besatzer. Vielleicht wird sich in 20 Jahren, wenn ein Spielfilm die Hintergründe der Zwickauer Zelle und die Beteiligung vom Verfassungsschutz ausleuchtet, zeigen, das wohl alle diese Geheim- und Sicherheits-Dienste skrupellos mit Menschen spielen und sie auch ohne Zögern opfern. Der spannende und raffinierte Thriller „Shadow Dancer" lässt allerdings jemand anders am Ende den letzten Zug machen. Ach ja, und endlich wissen wir auch, dass Scully das FBI (und „Akte X") verlassen hat, weil Clive Owen bei den britischen Kollegen wesentlich frischer aussieht als Duchovny.
Belfast 1973 - da ist schnell klar, dass dies keine nette Geschichte wird. Und dass Rauchen tödlich ist: Der Vater schickt Collette zum Zigaretten holen, sie leitet den ungeliebten Auftrag an den Bruder weiter, der kurz darauf erschossen in die Wohnung zurück getragen wird. Alltag im sogenannten „Bürgerkrieg" der englischen Armee gegen IRA und die katholische Bevölkerung Nordirlands. Zwanzig Jahre später wird Collette (Andrea Riseborough) erwischt, als sie in der Londoner U-Bahn eine Bombe platzieren will. Ein sehr verständnisvoller Agent namens Mac (Clive Owen) bietet ihr an, den nicht zum Waffenstillstand bereiten IRA-Kämpfer Gerry auszuspionieren. Ansonsten drohe ihr Knast und Trennung vom kleinen Sohn. Und außerdem hätte sie die Bombe ja gar nicht scharf gemacht, das würde viel verraten. Die junge Frau nimmt an, obwohl es ihr Todesurteil sein kann. Und tatsächlich scheint sie nach dem ersten Verrat, der ein Attentat verhindert, von den Engländern zum Abschuss freigegeben zu sein. Doch auch Mac wurde von seiner Chefin („Scully" Gillian Anderson) verraten und versucht, „seine" Spionin zu retten. Nach einem Kuss von Collette gibt er ihr alles preis....
Es gibt im hoch spannenden und sehr regierungs-kritischen Polit-Thriller „Shadow Dancer" nicht nur ein Wiedersehen mit einer blondierten Gillian Anderson, eindrucksvoll vor allem ist Andrea Riseborough, die als Wally in Madonnas „W.E." einen guten Auftritt in unglücklicher Umgebung hatte (der Film ist wirklich nicht gelungen). Nicht mehr glamourös, sondern verschlossen und getrieben kann sie mit ihrem Gesicht die Zwänge der mehrfachen Zwickmühle widerspiegeln. Während Collette jeden Moment all die Freude bei ihrem Sohn genießt, den ihr im gleichen Alter verstorbener Bruder nicht mehr haben konnte, kapieren all die Männer nicht, dass es etwas anderes gibt als das Morden. Doch der Sicherheits-Chef dieser IRA-Abteilung (Henker kann man nicht sagen, da hier alle Blut an den Händen haben) verdächtigt sie, die Plastikplane ist beim Verhör schon ausgelegt und in einer spannenden Parallel-Suche recherchiert Mac in den bürokratisch korrekten Gehaltsabrechnungen nach dem einen Verräter, dessen Entdeckung die Entdeckung von Collette in einem großen Bluff verhindern soll. Dies ist allerdings nicht die letzte Volte des raffinierten Drehbuchs.
28.8.13
An ihrer Stelle
Israel 2012 (Fill the void / Lemale et ha'halal) Regie: Rama Burshtein, mit Hadas Yaron, Yiftach Klein, Irit Sheleg, Razia Israely, Hila Feldman, 90 Min. FSK: ab 6
Ein spannender Einblick in eine orthodoxe, ja extremistische Glaubensgemeinschaft, in eine heutige Parallelgesellschaft. Der Film von Rama Burshtein spielt unter chassidischen Juden in Tel Aviv. Er zeigt ihre Riten, etwa die Purim-Feier mit Geld-Gaben an Bedürftige, bei der die Frauen aus dem Nebenraum zuschauen dürfen. Genau wie bei der Beschneidung eines Neugeborenen. Doch da ist das Unglück schon geschehen, die Mutter des Babys starb bei der Geburt. Nun denken andere für den Witwer Yochay über dessen Zukunft und eine baldige neue Heirat nach. Das Drama spielt sich unter der Voraussetzung arrangierter Ehen ab. Die Beschau eines möglichen Partners geschieht kompliziert im Supermarkt mit dem Hinweis „Er steht bei den Molkerei-Produkten". Dieses überkommene Konzept wird im Film nicht in Frage gestellt. Die einzige Wahl für die Schwiegermutter Rivka: Gehen Yochay und Enkel zu einer Witwe mit zwei Kindern nach Belgien oder heiratete er die 18-jährige Schwägerin Shira, die eigentlich etwas anderes mit ihrem Leben vorhatte? Shira war bislang zwar ungeduldig, aber machte gerne die umständliche Eheanbahnung mit Hilfe von Rabbi, Heiratsvermittler und Eltern mit.
Weil die Schwiegermutter das Baby und den Schwiegersohn nicht aus dem Haus lassen will, soll die junge Tochter den Schwager heiraten. Aber auch, weil die Familie des eigentlich ausgeschauten Verlobten Shira nicht will. Unverheiratete Frauen sind selten und werden in dieser Gemeinschaft ausgegrenzt. So zwingt man die Schülerin in einen Gewissenskonflikt mit begrenztem Entscheidungs-Spielraum. Die Musikerin verfällt nun bei einem Fest schon mal zum Entsetzen aller Gäste in Moll, das offene Haar wird unter einem Kopftuch versteckt.
„An ihrer Stelle" gewährt einen erschreckenden, in der Intensität von Inszenierung und Spiel faszinierenden Einblick, in dem die Gefühlswirren bei Shira und Yochay glaubhaft und bewegend für Anteilnahme sorgen. Der Film wirkt allerdings fast sanft und verharmlosend im Vergleich zu Amos Gitais schockierendem „Kadosh" aus dem Jahre 1999. Die Regisseurin Rama Burshtein entstammt selbst diesem ultraorthodoxen Milieu und präsentiert konsequent eine Binnensicht. Wenig ist vom Außen und von Tel Aviv zu sehen. In dunklen Räumen sitzen die Frauen oft zentral auf einer Bank, als erwarten sie ein Urteil. Eine Verurteilung dieser Frauen- und Gefühls-feindlichen Lebensweise oder ein Aufbegehren gegen sie findet nicht statt. Das bleibt Aufgabe des Zuschauers. Immerhin sieht sich Burshtein in der Tradition von Jane Austen, die ihre Frauen in der reglementierten Gesellschaft Englands vergangener Jahrhunderte leiden ließ. Deren ironischer Witz blitzt hier allerdings nur kurz einmal auf, als eine alte, einsame Frau dringend zum Rabbi kommt, weil niemand anders ihr sagen kann, welchen Herd sie kaufen soll.
Ein spannender Einblick in eine orthodoxe, ja extremistische Glaubensgemeinschaft, in eine heutige Parallelgesellschaft. Der Film von Rama Burshtein spielt unter chassidischen Juden in Tel Aviv. Er zeigt ihre Riten, etwa die Purim-Feier mit Geld-Gaben an Bedürftige, bei der die Frauen aus dem Nebenraum zuschauen dürfen. Genau wie bei der Beschneidung eines Neugeborenen. Doch da ist das Unglück schon geschehen, die Mutter des Babys starb bei der Geburt. Nun denken andere für den Witwer Yochay über dessen Zukunft und eine baldige neue Heirat nach. Das Drama spielt sich unter der Voraussetzung arrangierter Ehen ab. Die Beschau eines möglichen Partners geschieht kompliziert im Supermarkt mit dem Hinweis „Er steht bei den Molkerei-Produkten". Dieses überkommene Konzept wird im Film nicht in Frage gestellt. Die einzige Wahl für die Schwiegermutter Rivka: Gehen Yochay und Enkel zu einer Witwe mit zwei Kindern nach Belgien oder heiratete er die 18-jährige Schwägerin Shira, die eigentlich etwas anderes mit ihrem Leben vorhatte? Shira war bislang zwar ungeduldig, aber machte gerne die umständliche Eheanbahnung mit Hilfe von Rabbi, Heiratsvermittler und Eltern mit.
Weil die Schwiegermutter das Baby und den Schwiegersohn nicht aus dem Haus lassen will, soll die junge Tochter den Schwager heiraten. Aber auch, weil die Familie des eigentlich ausgeschauten Verlobten Shira nicht will. Unverheiratete Frauen sind selten und werden in dieser Gemeinschaft ausgegrenzt. So zwingt man die Schülerin in einen Gewissenskonflikt mit begrenztem Entscheidungs-Spielraum. Die Musikerin verfällt nun bei einem Fest schon mal zum Entsetzen aller Gäste in Moll, das offene Haar wird unter einem Kopftuch versteckt.
„An ihrer Stelle" gewährt einen erschreckenden, in der Intensität von Inszenierung und Spiel faszinierenden Einblick, in dem die Gefühlswirren bei Shira und Yochay glaubhaft und bewegend für Anteilnahme sorgen. Der Film wirkt allerdings fast sanft und verharmlosend im Vergleich zu Amos Gitais schockierendem „Kadosh" aus dem Jahre 1999. Die Regisseurin Rama Burshtein entstammt selbst diesem ultraorthodoxen Milieu und präsentiert konsequent eine Binnensicht. Wenig ist vom Außen und von Tel Aviv zu sehen. In dunklen Räumen sitzen die Frauen oft zentral auf einer Bank, als erwarten sie ein Urteil. Eine Verurteilung dieser Frauen- und Gefühls-feindlichen Lebensweise oder ein Aufbegehren gegen sie findet nicht statt. Das bleibt Aufgabe des Zuschauers. Immerhin sieht sich Burshtein in der Tradition von Jane Austen, die ihre Frauen in der reglementierten Gesellschaft Englands vergangener Jahrhunderte leiden ließ. Deren ironischer Witz blitzt hier allerdings nur kurz einmal auf, als eine alte, einsame Frau dringend zum Rabbi kommt, weil niemand anders ihr sagen kann, welchen Herd sie kaufen soll.
27.8.13
R.I.P.D.
USA 2013 (R.I.P.D.) Regie: Robert Schwentke mit Jeff Bridges, Ryan Reynolds, Kevin Bacon, Mary-Louise Parker, Stephanie Szostak, 92 Min. FSK: ab 12
Was für eine unwahrscheinliche Paarung: Da kommt ein veritable Cop- und Buddy-Film mit einer Ewige-Liebe-Romanze im Stile von Spielbergs „Always" oder „Ghost" zusammen. Und es funktioniert vortrefflich. So klasse, wie das Zusammenraufen von Jeff Bridges und Ryan Reynolds als verstorbene Gesetzeshüter aus ganz unterschiedlichen Epochen. Dem deutschen Hollywood-Nachwuchs Robert Schwentke („Flight Plan", „R.E.D.") gelingt sein nächster großer Film.
Am Anfang sieht eine Schießerei in Lagerhalle aus, als stamme „R.I.P.D." vom Computer-Spiel ab und nicht vom Comic. Das Action-Spiel mit dem Raum wirkt wichtiger als alles andere, aber man sieht auch mal, was 3D tatsächlich kann. Am Ende der Szene ist unser Held tot. Nick (Ryan Reynolds), guter Polizist und wunderschön verliebt, läuft wie einst Momo staunend durch eine still stehende Szenerie. Aus dem Staunen kommt er erst mal nicht mehr raus. Rasant geht es in den Himmel und statt zu Petrus oder Jüngstem Gericht an den strahlend weißen Schreibtisch von Rekrutierungs-Offizier Proctor (himmlisch ruppig: Mary-Louise Parker). Ihr Angebot: Statt üblichem Protokollablauf, Halleluja-Singen und so, könne Nick sofort für die oberste Einsatztruppe „Rest in Peace Departement" (R.I.P.D.) loslegen. Denn es läuft auf der Erde eine Menge untoter Schurken rum, die enttarnt und eingefangen werden müssen.
So tritt der frisch Verschiedene in ein Büro-Universum mit Polizisten aus allen möglichen Zeiten ein, das wie eine Kombination aus „Man in Black" und „Matrix" wirkt. Auch die Gauner ähneln nach Enttarnung ihrer menschlichen Fassade - mittels indischem Essen! - aus wie die Außerirdischen von „MiB". Was nicht stört, nur sehr viel Spaß macht. Der Knaller ist allerdings Nicks neuer Partner: Jeff Bridges nuschelt und grummelt als unkonventioneller Revolverheld genau wie sein Sheriff im Coen-Western „True Grit". Leider hat die texanische Quasselstrippe miese Erfahrungen mit Partnern gemacht. So braucht der Neuling Nick eine ganze Weile, um alle zu überzeugen, dass unten gerade ein ganz großes Ding mit uralten Goldstücken läuft. Und mittendrin hängt Nicks alter Partner Hayes (Kevin Bacon), der ihn erschossen und es jetzt auf dessen Witwe (Stephanie Szostak) abgesehen hat.
„R.I.P.D.", diese Cop-Komödie „Made in Heaven" ist nicht nur wegen der schrägen Geschichte von Peter M. Lenkov, den originellen Charakteren, den sagenhaften Schauspielern (Jeff Bridges, Kevin Bacon, Mary-Louise Parker...), den irren Effekten und der großartigen Inszenierung von Robert Schwentke ein rundum gelungener Action-Spaß. Selten sind Filme von den großen Hintergründen (hier die Stadtlandschaften) bis in kleinste Details von Ausstattung und Drehbuch so dicht an Gags und witzigen Einfällen. Dass im Empfangsbereich des Himmels die Musik von Steely Dan laufen muss, haben wir eigentlich schon immer gewusst. Es musste nur mal einer sagen! Dass Nick und Roy auf der Erde als ein alter Chinese ist blondes Supermodell getarnt sind, wird leider viel zu selten ausgespielt. Eine Toilettenspülung dient als Aufzug zur Erde und der Ausgang ist als Reparaturladen für Videorekorder getarnt. „R.I.P.D." hingegen tarnt bestes Unterhaltungshandwerk als tollen Kino-Spaß.
Der 1968 in Stuttgart geborene Regisseur Robert Schwentke beeindruckte schon mit seinen ersten beiden deutschen Langfilmen. Dem düsteren Thriller „Tattoo" (2002) folgte 2003 die schwarze Komödie „Eierdiebe". In Hollywood ging es gleich sehr prominent weiter, als er mit Jodie Foster im „Flight Plan" für Hochspannung sorgte. Die „Frau des Zeitreisenden" (Eric Bana) war etwas weniger gelungen, aber die Comic-Verfilmung „R.E.D." war 2010 wieder ein Hit in Sachen Inszenierung, Starbesetzung (Bruce Willis, Morgan Freeman, John Malkovich und Helen Mirren) und Kassenerfolg. Den zweiten „R.E.D." überließ er Dean Parisot, doch wieder war ein Comic die Vorlage, diesmal stammt er von Peter M. Lenkov.
Was für eine unwahrscheinliche Paarung: Da kommt ein veritable Cop- und Buddy-Film mit einer Ewige-Liebe-Romanze im Stile von Spielbergs „Always" oder „Ghost" zusammen. Und es funktioniert vortrefflich. So klasse, wie das Zusammenraufen von Jeff Bridges und Ryan Reynolds als verstorbene Gesetzeshüter aus ganz unterschiedlichen Epochen. Dem deutschen Hollywood-Nachwuchs Robert Schwentke („Flight Plan", „R.E.D.") gelingt sein nächster großer Film.
Am Anfang sieht eine Schießerei in Lagerhalle aus, als stamme „R.I.P.D." vom Computer-Spiel ab und nicht vom Comic. Das Action-Spiel mit dem Raum wirkt wichtiger als alles andere, aber man sieht auch mal, was 3D tatsächlich kann. Am Ende der Szene ist unser Held tot. Nick (Ryan Reynolds), guter Polizist und wunderschön verliebt, läuft wie einst Momo staunend durch eine still stehende Szenerie. Aus dem Staunen kommt er erst mal nicht mehr raus. Rasant geht es in den Himmel und statt zu Petrus oder Jüngstem Gericht an den strahlend weißen Schreibtisch von Rekrutierungs-Offizier Proctor (himmlisch ruppig: Mary-Louise Parker). Ihr Angebot: Statt üblichem Protokollablauf, Halleluja-Singen und so, könne Nick sofort für die oberste Einsatztruppe „Rest in Peace Departement" (R.I.P.D.) loslegen. Denn es läuft auf der Erde eine Menge untoter Schurken rum, die enttarnt und eingefangen werden müssen.
So tritt der frisch Verschiedene in ein Büro-Universum mit Polizisten aus allen möglichen Zeiten ein, das wie eine Kombination aus „Man in Black" und „Matrix" wirkt. Auch die Gauner ähneln nach Enttarnung ihrer menschlichen Fassade - mittels indischem Essen! - aus wie die Außerirdischen von „MiB". Was nicht stört, nur sehr viel Spaß macht. Der Knaller ist allerdings Nicks neuer Partner: Jeff Bridges nuschelt und grummelt als unkonventioneller Revolverheld genau wie sein Sheriff im Coen-Western „True Grit". Leider hat die texanische Quasselstrippe miese Erfahrungen mit Partnern gemacht. So braucht der Neuling Nick eine ganze Weile, um alle zu überzeugen, dass unten gerade ein ganz großes Ding mit uralten Goldstücken läuft. Und mittendrin hängt Nicks alter Partner Hayes (Kevin Bacon), der ihn erschossen und es jetzt auf dessen Witwe (Stephanie Szostak) abgesehen hat.
„R.I.P.D.", diese Cop-Komödie „Made in Heaven" ist nicht nur wegen der schrägen Geschichte von Peter M. Lenkov, den originellen Charakteren, den sagenhaften Schauspielern (Jeff Bridges, Kevin Bacon, Mary-Louise Parker...), den irren Effekten und der großartigen Inszenierung von Robert Schwentke ein rundum gelungener Action-Spaß. Selten sind Filme von den großen Hintergründen (hier die Stadtlandschaften) bis in kleinste Details von Ausstattung und Drehbuch so dicht an Gags und witzigen Einfällen. Dass im Empfangsbereich des Himmels die Musik von Steely Dan laufen muss, haben wir eigentlich schon immer gewusst. Es musste nur mal einer sagen! Dass Nick und Roy auf der Erde als ein alter Chinese ist blondes Supermodell getarnt sind, wird leider viel zu selten ausgespielt. Eine Toilettenspülung dient als Aufzug zur Erde und der Ausgang ist als Reparaturladen für Videorekorder getarnt. „R.I.P.D." hingegen tarnt bestes Unterhaltungshandwerk als tollen Kino-Spaß.
Der 1968 in Stuttgart geborene Regisseur Robert Schwentke beeindruckte schon mit seinen ersten beiden deutschen Langfilmen. Dem düsteren Thriller „Tattoo" (2002) folgte 2003 die schwarze Komödie „Eierdiebe". In Hollywood ging es gleich sehr prominent weiter, als er mit Jodie Foster im „Flight Plan" für Hochspannung sorgte. Die „Frau des Zeitreisenden" (Eric Bana) war etwas weniger gelungen, aber die Comic-Verfilmung „R.E.D." war 2010 wieder ein Hit in Sachen Inszenierung, Starbesetzung (Bruce Willis, Morgan Freeman, John Malkovich und Helen Mirren) und Kassenerfolg. Den zweiten „R.E.D." überließ er Dean Parisot, doch wieder war ein Comic die Vorlage, diesmal stammt er von Peter M. Lenkov.
26.8.13
Wir sind die Millers
USA 2013 (We're the millers) Regie: Rawson Marshall Thurber mit Jason Sudeikis, Jennifer Aniston, Emma Roberts, Will Poulter, Ed Helms, 105 Min. FSK ab 12
Eine Familien-Parodie auf Road-Movie-Tour: „Wir sind die Millers" schickt einen ungebundenen Drogendealer, eine blanke Stripperin, eine wilde Ausreißerin und eine männliche Jungfrau zum äußerst chaotischen Drogenholen nach Mexiko und bekommt einen angepassten, lieblichen Haufen Langeweiler zurück.
Das Treffen von David Clark (Jason Sudeikis) mit einem ehemaligen Klassenkameraden ist aussagekräftig: Der kleine Drogendealer hat keine Kinder, aber alles, was er braucht und auf alles eine gewitzte Antwort. Das gute Leben zerstört das Drehbuch mit einem Schicksalsschlag, der David hochverschuldet in die Gewalt seines verschrobenen Lieferanten Brad (Ed Helms) bringt. Für den soll er ein Päckchen Heroin über die Grenze Mexikos schmuggeln. Der verzweifelte Dealer will sich als harmlose Kleinfamilie mit Camper-Bus tarnen und sammelt dafür ein paar ebenso verzweifelte Existenzen auf: Seine Nachbarin Rose (kläglich: Jennifer Aniston) strippt, aber das Geld reicht trotzdem nicht für die Miete nachdem ihr Ex-Freund sie ausgenommen hat. Casey (Emma Roberts) lebt mit iPhone auf der Straße, was nicht wirklich gefährlich ist, da niemand was von dem biestigen Mädchen will. Der Nachbarsjunge Kenny (Will Poulter) hat David das alles eingebrockt und ist als harmloser Trottel die ideale Besetzung für den harmlosen Trottel.
Dass sich das „Päckchen" Heroin als Lastwagenladung herausstellt und irgendwie auch ein Gangsterkrieg drumherum stattfindet, ist nur ein Problem am Rande. Viel schwieriger ist es für den Einzelgänger David, die zickige Rose bei der Stange zu halten, beziehungsweise von der Stange weg und zum Mitmachen zu locken. Während gewagte, widernatürliche Tarnung und gefährliche Situationen die falsche Familie besser als eine echte zusammenschweißen, sind die einzelnen Situation wirklich witzig: Da hängt sich ausgerechnet eine echte Spießer-Familie wie aus dem Bilderbuch mit ihrem Camper an die Millers ran und herrliche Missverständnisse führen zu schrägen Swinger-Einlagen. Wenn dabei Jennifer Aniston ein vermeintliches Baby vor einen Laster schmeißt, ist sie tausendmal besser als in jämmerlichen Strip-Einlagen. Die us-amerikanischen Grenzkontrolleure streuen noch etwas mehr schwarzen Humor ein, wenn sie arme Kiffer totprügeln und abknallen.
Aber letztendlich ist alles brav und harmlos: Das größte Kunststück nach allen Wirrungen und Irrungen, nach vielen guten und auch sexuell frechen Gags ist, wie sich die „Millers"völlig ironiefrei beim Anti-Pol Familienseligkeit einfinden. Da vergeht einem der ganze, über lange Strecken gelungene Spaß wieder.
Eine Familien-Parodie auf Road-Movie-Tour: „Wir sind die Millers" schickt einen ungebundenen Drogendealer, eine blanke Stripperin, eine wilde Ausreißerin und eine männliche Jungfrau zum äußerst chaotischen Drogenholen nach Mexiko und bekommt einen angepassten, lieblichen Haufen Langeweiler zurück.
Das Treffen von David Clark (Jason Sudeikis) mit einem ehemaligen Klassenkameraden ist aussagekräftig: Der kleine Drogendealer hat keine Kinder, aber alles, was er braucht und auf alles eine gewitzte Antwort. Das gute Leben zerstört das Drehbuch mit einem Schicksalsschlag, der David hochverschuldet in die Gewalt seines verschrobenen Lieferanten Brad (Ed Helms) bringt. Für den soll er ein Päckchen Heroin über die Grenze Mexikos schmuggeln. Der verzweifelte Dealer will sich als harmlose Kleinfamilie mit Camper-Bus tarnen und sammelt dafür ein paar ebenso verzweifelte Existenzen auf: Seine Nachbarin Rose (kläglich: Jennifer Aniston) strippt, aber das Geld reicht trotzdem nicht für die Miete nachdem ihr Ex-Freund sie ausgenommen hat. Casey (Emma Roberts) lebt mit iPhone auf der Straße, was nicht wirklich gefährlich ist, da niemand was von dem biestigen Mädchen will. Der Nachbarsjunge Kenny (Will Poulter) hat David das alles eingebrockt und ist als harmloser Trottel die ideale Besetzung für den harmlosen Trottel.
Dass sich das „Päckchen" Heroin als Lastwagenladung herausstellt und irgendwie auch ein Gangsterkrieg drumherum stattfindet, ist nur ein Problem am Rande. Viel schwieriger ist es für den Einzelgänger David, die zickige Rose bei der Stange zu halten, beziehungsweise von der Stange weg und zum Mitmachen zu locken. Während gewagte, widernatürliche Tarnung und gefährliche Situationen die falsche Familie besser als eine echte zusammenschweißen, sind die einzelnen Situation wirklich witzig: Da hängt sich ausgerechnet eine echte Spießer-Familie wie aus dem Bilderbuch mit ihrem Camper an die Millers ran und herrliche Missverständnisse führen zu schrägen Swinger-Einlagen. Wenn dabei Jennifer Aniston ein vermeintliches Baby vor einen Laster schmeißt, ist sie tausendmal besser als in jämmerlichen Strip-Einlagen. Die us-amerikanischen Grenzkontrolleure streuen noch etwas mehr schwarzen Humor ein, wenn sie arme Kiffer totprügeln und abknallen.
Aber letztendlich ist alles brav und harmlos: Das größte Kunststück nach allen Wirrungen und Irrungen, nach vielen guten und auch sexuell frechen Gags ist, wie sich die „Millers"völlig ironiefrei beim Anti-Pol Familienseligkeit einfinden. Da vergeht einem der ganze, über lange Strecken gelungene Spaß wieder.
Planes
USA 2013 Regie: Klay Hall, 89 Min. FSK: o.A.
Vorsicht beim Gebrauchtwagen-Kauf: Disney bläst den Pixar-Erfolgsfilm „Cars" mit viel heißer Luft - siehe Ballonfilm „Up" - auf und stürzt mit diesem Billigflieger böse ab. Die Kinder-Animation „Planes" ist ein dürftige Umlackierung einer bekannten Geschichte und groß nur als Enttäuschung.
Das Sprühflugzeug Dusty träumt, während es Pflanzengift über den Feldern ausbringt, von einer Karriere als Rennflugzeug. Mit stotterndem Propeller will es die Welt sehen und umfliegen. Dafür sucht das kleine Flugzeug mit Höhenangst die Hilfe einer lokalen Legende, dem Kriegsflieger Skipper. Das klingt und sieht in der Animation auch mit den Windschutzscheiben als Augen aus wie die unwahrscheinliche Rennwagen-Geschichte aus „Cars". Nur bei „Planes" sind die Hintergründe flach wie Story und Figuren. Die originelle Detektiv-Geschichte der „Cars" fällt aus, stattdessen gibt es militaristische Trainingsroutine und ein uninteressantes Rennen. Am Ende ist Dusty eine „Inspiration für alle von uns, die mehr aus sich machen wollen, als das wofür sie gebaut sind." Und der Film ist eine Inspiration für alle, die mehr Geld aus etwas machen wollen, was nichts wert ist.
Der inhaltliche Tiefflieger „Planes" wird aus vielen Gründen kein Liebling im Kinderzimmer werden. Neben schwatzhaften Mechaniker-Sidekicks können weder ein weiblicher Konkurrent aus Indien, noch ein verrückter Mexikaner oder der hinterhältige Favorit interessieren. Ganz selten blitzen aus der gänzlich unoriginellen Grundidee ein paar gelungene Scherze auf. Etwa wenn in Indien zu Traktoren recycelte Flugzeuge als Heilige Kühe verehrt werden und Segelflieger riesige Flamingo-Schwärme bilden. Der nervige Kommentar stammt vom sprachlich extrem talentlosen Sportreporter Kai Ebel. Die simplifizierte Weltkarte zerrt pädagogisch nicht besonders geschickt Bayern und Indien in einer Flugetappe zusammen. Zudem erschreckt jede Friedens-Erziehung, wenn es als Belohnung Militärdienst und zwischendurch auch einen Luftkampf im Stile von „Top Gun" gibt. So was wird normalerweise als kostengünstige TV-Serie versendet. Auch das 3D ist in diesem Film völlig witzlos und keinen Aufpreis wert.
Vorsicht beim Gebrauchtwagen-Kauf: Disney bläst den Pixar-Erfolgsfilm „Cars" mit viel heißer Luft - siehe Ballonfilm „Up" - auf und stürzt mit diesem Billigflieger böse ab. Die Kinder-Animation „Planes" ist ein dürftige Umlackierung einer bekannten Geschichte und groß nur als Enttäuschung.
Das Sprühflugzeug Dusty träumt, während es Pflanzengift über den Feldern ausbringt, von einer Karriere als Rennflugzeug. Mit stotterndem Propeller will es die Welt sehen und umfliegen. Dafür sucht das kleine Flugzeug mit Höhenangst die Hilfe einer lokalen Legende, dem Kriegsflieger Skipper. Das klingt und sieht in der Animation auch mit den Windschutzscheiben als Augen aus wie die unwahrscheinliche Rennwagen-Geschichte aus „Cars". Nur bei „Planes" sind die Hintergründe flach wie Story und Figuren. Die originelle Detektiv-Geschichte der „Cars" fällt aus, stattdessen gibt es militaristische Trainingsroutine und ein uninteressantes Rennen. Am Ende ist Dusty eine „Inspiration für alle von uns, die mehr aus sich machen wollen, als das wofür sie gebaut sind." Und der Film ist eine Inspiration für alle, die mehr Geld aus etwas machen wollen, was nichts wert ist.
Der inhaltliche Tiefflieger „Planes" wird aus vielen Gründen kein Liebling im Kinderzimmer werden. Neben schwatzhaften Mechaniker-Sidekicks können weder ein weiblicher Konkurrent aus Indien, noch ein verrückter Mexikaner oder der hinterhältige Favorit interessieren. Ganz selten blitzen aus der gänzlich unoriginellen Grundidee ein paar gelungene Scherze auf. Etwa wenn in Indien zu Traktoren recycelte Flugzeuge als Heilige Kühe verehrt werden und Segelflieger riesige Flamingo-Schwärme bilden. Der nervige Kommentar stammt vom sprachlich extrem talentlosen Sportreporter Kai Ebel. Die simplifizierte Weltkarte zerrt pädagogisch nicht besonders geschickt Bayern und Indien in einer Flugetappe zusammen. Zudem erschreckt jede Friedens-Erziehung, wenn es als Belohnung Militärdienst und zwischendurch auch einen Luftkampf im Stile von „Top Gun" gibt. So was wird normalerweise als kostengünstige TV-Serie versendet. Auch das 3D ist in diesem Film völlig witzlos und keinen Aufpreis wert.
The Look of Love
Großbritannien 2012 (The Look of Love) Regie: Michael Winterbottom, mit Steve Coogan, Anna Friel, Imogen Poots, Tamsin Egerton 99 Min.
Der geniale Viel-Filmer Michael Winterbottom lässt in „The Look of Love" mit seinem Lieblingsdarsteller und flottem Zeitkolorit die sagenhafte Karriere des legendäre Nachtclub- und Magazin-Besitzers Paul Raymond aufleben. Eine reizvolle Zeit- und Sittengeschichte, der das familiäre Drama Raymonds eine melancholische Note gibt.
Der als Geoffrey Anthony Quinn geborene Paul Raymond (1925-2008) war eine mehr als schillernde Figur: Im London der wilden Fünfzigern reizte er in seinen Clubs die Grenzen dessen aus, was an Nacktheit erlaubt war, führte lebendige „Statuen" vor und verdiente später mit privaten Strip-Clubs, die tausende „Mitglieder" hatten. Dann stieg er als Verleger mit der gleichen Chuzpe in die Porno-Branche ein, machte aber gleichzeitig in seinem eigenen Windmill Theatre mit großen Revuen auf Kultur. Zwischenzeitlich war Paul Raymond der reichste Mann Englands, besaß als „King of Soho" ganze Straßenzüge im Londoner Vergnügungs-Viertel.
Also ein gefundenes Film-Fressen für den umtriebigen Regisseur Michael Winterbottom und seinen Lieblingsdarsteller Steve Coogan: Die wilde Sitten-Geschichte Englands und vor allem des Londoner Bezirks Soho sucht trotz des exzessiven Sexuallebens seines Protagonisten Paul Raymond (Coogan) nicht den Skandal wie Miloš Formans Biographie von „Larry Flint". Denn über Raymonds Rückblick nach dem Drogen-Tod der geliebten Tochter Debbie (Imogen Poots) im Alter von nur 36 Jahren liegt eine große Trauer. Zwischen der Euphorie über einen unglaublichen Aufstieg, den Spaß am gewitzten Finten, mit denen Raymond die prüde Justiz narrt, und dem Staunen über ein sehr intensives Sexleben wechselt Winterbottom immer wieder zum melancholischen Erzählrahmen, in dem Paul mit seiner Enkelin durch die Straßen Sohos fährt.
Paul Raymond sieht sich mit Glück und zu recht (auch wenn er vor Gericht nicht immer Recht bekommt) als moderner König Midas, dementsprechend ist sein Privatleben eine Katastrophe. Seine Ehefrau Jean (Anna Friel), mit der er sein Imperium gründete, betrügt er fast jede Nacht mit Revue-Girls. Mit dem Erfolg seiner Clubs hält der einer verlogenen Gesellschaft mit Lust den Spiegel vor, aber auch er selbst lässt kräftig Doppelmoral raushängen.
Für TV-Kameras inszeniert der Selbstdarsteller ein gutes Verhältnis mit Tochter Debbie, danach bleibt ihr einsam nur die Droge. In dieser persönlichen Tragödie rückt die Zeitstimmung, die der geniale Regisseur etwa bei „24 Hour Party People" (2002) auch schon mit Steve Coogan einfing, in den Hintergrund. Der grelle Spaß am exzessiven Leben klingt beim alten, einsamen Paul Raymond in Moll aus. Milde, berührend melancholisch und nachdenklich wirkt dieser Winterbottom-Film nach. Ganz wie der Titel-Song „The Look of Love", komponiert von Burt Bacharach und Hal David, gesungen von Dusty Springfield. Dabei ist das stille Drama nicht nur in den Hauptrollen hervorragend besetzt. Klüger als seine Hauptfigur konzentriert sich der Film „The Look of Love" mehr auf die persönlichen Beziehungen und Tragödien als um den provokativen Exzess.
Der geniale Viel-Filmer Michael Winterbottom lässt in „The Look of Love" mit seinem Lieblingsdarsteller und flottem Zeitkolorit die sagenhafte Karriere des legendäre Nachtclub- und Magazin-Besitzers Paul Raymond aufleben. Eine reizvolle Zeit- und Sittengeschichte, der das familiäre Drama Raymonds eine melancholische Note gibt.
Der als Geoffrey Anthony Quinn geborene Paul Raymond (1925-2008) war eine mehr als schillernde Figur: Im London der wilden Fünfzigern reizte er in seinen Clubs die Grenzen dessen aus, was an Nacktheit erlaubt war, führte lebendige „Statuen" vor und verdiente später mit privaten Strip-Clubs, die tausende „Mitglieder" hatten. Dann stieg er als Verleger mit der gleichen Chuzpe in die Porno-Branche ein, machte aber gleichzeitig in seinem eigenen Windmill Theatre mit großen Revuen auf Kultur. Zwischenzeitlich war Paul Raymond der reichste Mann Englands, besaß als „King of Soho" ganze Straßenzüge im Londoner Vergnügungs-Viertel.
Also ein gefundenes Film-Fressen für den umtriebigen Regisseur Michael Winterbottom und seinen Lieblingsdarsteller Steve Coogan: Die wilde Sitten-Geschichte Englands und vor allem des Londoner Bezirks Soho sucht trotz des exzessiven Sexuallebens seines Protagonisten Paul Raymond (Coogan) nicht den Skandal wie Miloš Formans Biographie von „Larry Flint". Denn über Raymonds Rückblick nach dem Drogen-Tod der geliebten Tochter Debbie (Imogen Poots) im Alter von nur 36 Jahren liegt eine große Trauer. Zwischen der Euphorie über einen unglaublichen Aufstieg, den Spaß am gewitzten Finten, mit denen Raymond die prüde Justiz narrt, und dem Staunen über ein sehr intensives Sexleben wechselt Winterbottom immer wieder zum melancholischen Erzählrahmen, in dem Paul mit seiner Enkelin durch die Straßen Sohos fährt.
Paul Raymond sieht sich mit Glück und zu recht (auch wenn er vor Gericht nicht immer Recht bekommt) als moderner König Midas, dementsprechend ist sein Privatleben eine Katastrophe. Seine Ehefrau Jean (Anna Friel), mit der er sein Imperium gründete, betrügt er fast jede Nacht mit Revue-Girls. Mit dem Erfolg seiner Clubs hält der einer verlogenen Gesellschaft mit Lust den Spiegel vor, aber auch er selbst lässt kräftig Doppelmoral raushängen.
Für TV-Kameras inszeniert der Selbstdarsteller ein gutes Verhältnis mit Tochter Debbie, danach bleibt ihr einsam nur die Droge. In dieser persönlichen Tragödie rückt die Zeitstimmung, die der geniale Regisseur etwa bei „24 Hour Party People" (2002) auch schon mit Steve Coogan einfing, in den Hintergrund. Der grelle Spaß am exzessiven Leben klingt beim alten, einsamen Paul Raymond in Moll aus. Milde, berührend melancholisch und nachdenklich wirkt dieser Winterbottom-Film nach. Ganz wie der Titel-Song „The Look of Love", komponiert von Burt Bacharach und Hal David, gesungen von Dusty Springfield. Dabei ist das stille Drama nicht nur in den Hauptrollen hervorragend besetzt. Klüger als seine Hauptfigur konzentriert sich der Film „The Look of Love" mehr auf die persönlichen Beziehungen und Tragödien als um den provokativen Exzess.
21.8.13
Kid-Thing
USA 2013 (Kid-Thing) Regie: David Zellner, mit Sydney Aguirre, Nathan Zellner, David Wingo, 82 Min. FSK ab 16
Ungeachtet aller Obszönitäten, Computer-Effekte und Millionen-Dollar-Budgets, mit denen diese Kinowoche ansonsten aufwartet, bringt dieser kleine Film aus Texas das eindrucksvollste und am stärksten verstörende Erleben: „Kid-Thing" folgt dem 10-jährigen Mädchen Annie beim Herumstreunen während einer schulfreien Zeit. Der alleinerziehende Vater und Säufer Marvin (Filmemacher und Kameramann Nathan Zellner) kümmert sich mehr um seine Ziegen als um die Tochter. So bleibt dem Kind viel Zeit, allerlei verstörende Dinge zu tun.
Die blonde Annie mit den netten Sommersprossen klaut regelmäßig im kleinen Supermarkt, bekommt allerdings auch kein Geld von Marvin. Den Verkäufer, der sie verfolgt, beschießt sie mit einem Paintball-Gewehr. Damit knallt sie auch Schädel, Kuh-Mist und -Kadaver ab. Wenn sie mit einem Baseball-Schläger in die trostlose Landschaft entsorgte Sachen zertrümmert, kann man schon Angst vor ihr bekommen. Als das Kind einem scheinbar unbekannten Mädchen im Rollstuhl die Geburtstagstorte mit dem Schläger zermatscht und ein Geschenk klaut, ist auch die Musik beim Horror angekommen.
Dann entdeckt Annie bei ihren Streifzügen eine hilflose, wohl verletzte Frau in einem Bodenloch, läuft zuerst weg, klaut dann aber ein paar Lebensmittel. Hilfe holt das Mädchen nicht, sie hält sich die Verunglückte irgendwie als Haustier. Später stellt sich das kleine Monster selbst und einem blinden Bekannten moralische Fragen: „Glaubst du an den Teufel? Denkst du drüber nach, was du tust, oder tust du es einfach?"
Das hört sich in der Zusammenfassung schlüssiger an, als es die Zellner-Brüder ist unaufgeregter Beobachtung mit vielen eingestreuten Landschaftsimpressionen präsentieren. Es passiert nicht viel in „Kid-Thing", die kleinen Szenen beschreiben vor allem den Zustand des Mädchens Annie, ohne simple Erklärungen mitzuliefern. Der Horror dieser abstumpfenden Lebensumstände, die mit entsetzlichen Entscheidungen einhergehen, zeigt sich im Drumherum mehr als in aufgesetzter Dialog-Psychologie. Ein bis hin zum schockierend rätselhaften Ende in jeder Hinsicht bemerkenswerter Film.
Sydney Aguirre beeindruckt, ohne große Regungen zu zeigen, als Annie, dem Zorn von Texas. Die Brüder David und Nathan Zellner sind Independent-Filmemacher aus Austin, Texas. „Kid-Thing" ist ihr vierter gemeinsamer Spielfilm, bei dem David Zellner das Drehbuch geschrieben und Regie geführt hat, während Nathan Zellner produziert und darüber hinaus die Rolle von Annies Vater Marvin übernommen hat.
Ungeachtet aller Obszönitäten, Computer-Effekte und Millionen-Dollar-Budgets, mit denen diese Kinowoche ansonsten aufwartet, bringt dieser kleine Film aus Texas das eindrucksvollste und am stärksten verstörende Erleben: „Kid-Thing" folgt dem 10-jährigen Mädchen Annie beim Herumstreunen während einer schulfreien Zeit. Der alleinerziehende Vater und Säufer Marvin (Filmemacher und Kameramann Nathan Zellner) kümmert sich mehr um seine Ziegen als um die Tochter. So bleibt dem Kind viel Zeit, allerlei verstörende Dinge zu tun.
Die blonde Annie mit den netten Sommersprossen klaut regelmäßig im kleinen Supermarkt, bekommt allerdings auch kein Geld von Marvin. Den Verkäufer, der sie verfolgt, beschießt sie mit einem Paintball-Gewehr. Damit knallt sie auch Schädel, Kuh-Mist und -Kadaver ab. Wenn sie mit einem Baseball-Schläger in die trostlose Landschaft entsorgte Sachen zertrümmert, kann man schon Angst vor ihr bekommen. Als das Kind einem scheinbar unbekannten Mädchen im Rollstuhl die Geburtstagstorte mit dem Schläger zermatscht und ein Geschenk klaut, ist auch die Musik beim Horror angekommen.
Dann entdeckt Annie bei ihren Streifzügen eine hilflose, wohl verletzte Frau in einem Bodenloch, läuft zuerst weg, klaut dann aber ein paar Lebensmittel. Hilfe holt das Mädchen nicht, sie hält sich die Verunglückte irgendwie als Haustier. Später stellt sich das kleine Monster selbst und einem blinden Bekannten moralische Fragen: „Glaubst du an den Teufel? Denkst du drüber nach, was du tust, oder tust du es einfach?"
Das hört sich in der Zusammenfassung schlüssiger an, als es die Zellner-Brüder ist unaufgeregter Beobachtung mit vielen eingestreuten Landschaftsimpressionen präsentieren. Es passiert nicht viel in „Kid-Thing", die kleinen Szenen beschreiben vor allem den Zustand des Mädchens Annie, ohne simple Erklärungen mitzuliefern. Der Horror dieser abstumpfenden Lebensumstände, die mit entsetzlichen Entscheidungen einhergehen, zeigt sich im Drumherum mehr als in aufgesetzter Dialog-Psychologie. Ein bis hin zum schockierend rätselhaften Ende in jeder Hinsicht bemerkenswerter Film.
Sydney Aguirre beeindruckt, ohne große Regungen zu zeigen, als Annie, dem Zorn von Texas. Die Brüder David und Nathan Zellner sind Independent-Filmemacher aus Austin, Texas. „Kid-Thing" ist ihr vierter gemeinsamer Spielfilm, bei dem David Zellner das Drehbuch geschrieben und Regie geführt hat, während Nathan Zellner produziert und darüber hinaus die Rolle von Annies Vater Marvin übernommen hat.
20.8.13
Upside Down
Kanada, Frankreich 2012 (Upside Down) Regie: Juan Diego Solanas, mit Kirsten Dunst, Jim Sturgess, Timothy Spall, 104 Min. FSK ab 6
Was für Bilder! Sie ist fantastisch und tricktechnisch höchst spektakulär diese Welt, in der dauernd eine weiter drohend am Himmel hängt. In „Upside Down" gibt es nicht nur eine Zweiklassen-Gesellschaft, wie schon beim SciFi-Klassiker „Die Zeitmaschine" von H. G. Welles in wohlhabende Eloi und unterirdische Morlocks geteilte. Es ist auch eine Welt mit doppelter Gravitation. Faszinierend! Und romantisch, wenn sich die Liebe stärker als die Schwerkraft erweisen soll. Nur im Detail, im Spiel und im Dialog verflüchtigt sich die Begeisterung wie ein Gegenstand aus der anderen Welt...
Adam (Jim Sturgess) lebt in einer düsteren, ölverschmierten Welt. Mit dem Paradies immer direkt über ihm, denn dort schwebt die andere Erde, die der Reichen und Schönen. Getrennt durch die Schwerkräfte, welche die einen immer nach unten, die anderen nach oben ziehen. Was Adam besonders betrübt, ist seine verlorene Jugendliebe zu Eden (Kirsten Dunst). In verschiedenen Welten lebend, lernten sie sich im Gebirge kennen, er zog sie mit einem Seil in seine Welt, doch die Häscher des Gesetzes zertrennten die Liebe und beim Sturz von Eden in ihre Dimension verlor sie das Gedächtnis an ihn.
Jahre später entdeckt Adam Eden als Presse-Frau des bösen Transworld-Konzerns wieder und ergattert mit seinen genialen Erfindungen einen Posten in dessen Hochhaus, das auch beide Welten verbindet. Nun ist es vom surrealen Großraumbüro, bei dem sich die Cubicles am Boden und an der Decke stapeln, nicht mehr weit bis zum Treffen im doppelbödigen Tango-Palast.
Die fantastische Grundidee von „Upside Down" beschert atemberaubende Bilder mit mehr als einem Hauch von „Brazil" und ungewöhnliche Positionen. Küssen geht nur kopfüber. Aber huckepack schweben beide mit ausbalancierten Schwerkräften durch die Gegend und einander umschlingend wird ihre Liebe schwerelos. Der Wechsel von oben und unten aber auch deren Gleichzeitigkeit sind immer wieder originell anzusehen. Das absurde Auf-dem-Kopf-Stehen, etwa beim Einstellungsgespräch von Adam, drückt noch stärker die Machtverhältnisse von oben und unten aus. Die Verbindungen zur Realität sind dabei überdeutlich: Die da oben klauen Öl von denen unten und verkaufen ihnen dann Elektrizität zu Preisen, die sich keiner leisten kann. Die große Öl-Explosion, die Adams Eltern umbrachte, ist Alltag in Nigeria.
Doch so kompliziert wie die Physik und das Liebes-Verhältnis bleibt auch die Logik der Geschichte in „Upside Down". Dass die Körper in der anderen Welt ihre alte Schwerkraft behalten, bewältigt Adam mehr schlecht als recht mit seinen Erfindungen. Bei den romantischen Treffen muss er immer weg, bevor es zu heiß wird... Im wahrsten Sinne des Wortes, denn alle Gegenstände aus der anderen Welt, also auch seine Schwerkraft-Weste, erhitzen sich nach einer Weile bis zur Selbstentzündung. Der Film selbst scheitert nicht so sehr an logischen Verdrehungen, die im Science Fiction durchaus erlaubt sind, sondern vor allem wenn die Dialoge etwas länger werden. Hier fehlt die Sorgfalt, die den tollen Computer-Bilder angediehen wurde. Jim Sturgess behält als Adam stetig den Ausdruck des naiven, verliebten Jüngelchen. Kirsten Dunst schaut wie immer, was zu wenig ist, um diesen Film in die Welt des Gelingens zu heben.
Was für Bilder! Sie ist fantastisch und tricktechnisch höchst spektakulär diese Welt, in der dauernd eine weiter drohend am Himmel hängt. In „Upside Down" gibt es nicht nur eine Zweiklassen-Gesellschaft, wie schon beim SciFi-Klassiker „Die Zeitmaschine" von H. G. Welles in wohlhabende Eloi und unterirdische Morlocks geteilte. Es ist auch eine Welt mit doppelter Gravitation. Faszinierend! Und romantisch, wenn sich die Liebe stärker als die Schwerkraft erweisen soll. Nur im Detail, im Spiel und im Dialog verflüchtigt sich die Begeisterung wie ein Gegenstand aus der anderen Welt...
Adam (Jim Sturgess) lebt in einer düsteren, ölverschmierten Welt. Mit dem Paradies immer direkt über ihm, denn dort schwebt die andere Erde, die der Reichen und Schönen. Getrennt durch die Schwerkräfte, welche die einen immer nach unten, die anderen nach oben ziehen. Was Adam besonders betrübt, ist seine verlorene Jugendliebe zu Eden (Kirsten Dunst). In verschiedenen Welten lebend, lernten sie sich im Gebirge kennen, er zog sie mit einem Seil in seine Welt, doch die Häscher des Gesetzes zertrennten die Liebe und beim Sturz von Eden in ihre Dimension verlor sie das Gedächtnis an ihn.
Jahre später entdeckt Adam Eden als Presse-Frau des bösen Transworld-Konzerns wieder und ergattert mit seinen genialen Erfindungen einen Posten in dessen Hochhaus, das auch beide Welten verbindet. Nun ist es vom surrealen Großraumbüro, bei dem sich die Cubicles am Boden und an der Decke stapeln, nicht mehr weit bis zum Treffen im doppelbödigen Tango-Palast.
Die fantastische Grundidee von „Upside Down" beschert atemberaubende Bilder mit mehr als einem Hauch von „Brazil" und ungewöhnliche Positionen. Küssen geht nur kopfüber. Aber huckepack schweben beide mit ausbalancierten Schwerkräften durch die Gegend und einander umschlingend wird ihre Liebe schwerelos. Der Wechsel von oben und unten aber auch deren Gleichzeitigkeit sind immer wieder originell anzusehen. Das absurde Auf-dem-Kopf-Stehen, etwa beim Einstellungsgespräch von Adam, drückt noch stärker die Machtverhältnisse von oben und unten aus. Die Verbindungen zur Realität sind dabei überdeutlich: Die da oben klauen Öl von denen unten und verkaufen ihnen dann Elektrizität zu Preisen, die sich keiner leisten kann. Die große Öl-Explosion, die Adams Eltern umbrachte, ist Alltag in Nigeria.
Doch so kompliziert wie die Physik und das Liebes-Verhältnis bleibt auch die Logik der Geschichte in „Upside Down". Dass die Körper in der anderen Welt ihre alte Schwerkraft behalten, bewältigt Adam mehr schlecht als recht mit seinen Erfindungen. Bei den romantischen Treffen muss er immer weg, bevor es zu heiß wird... Im wahrsten Sinne des Wortes, denn alle Gegenstände aus der anderen Welt, also auch seine Schwerkraft-Weste, erhitzen sich nach einer Weile bis zur Selbstentzündung. Der Film selbst scheitert nicht so sehr an logischen Verdrehungen, die im Science Fiction durchaus erlaubt sind, sondern vor allem wenn die Dialoge etwas länger werden. Hier fehlt die Sorgfalt, die den tollen Computer-Bilder angediehen wurde. Jim Sturgess behält als Adam stetig den Ausdruck des naiven, verliebten Jüngelchen. Kirsten Dunst schaut wie immer, was zu wenig ist, um diesen Film in die Welt des Gelingens zu heben.
Feuchtgebiete
BRD 2013 Regie: David Wnendt, mit Carla Juri, Christoph Letkowski, Meret Becker, Axel Milberg, Marlen Kruse, 105 Min. FSK: ab 16
Nein, kein Skandal, keine Schweinerei, kein Pfui-Igitt-Igitt: „Feuchtgebiete" ist ein nettes, spaßiges Filmchen für alle, denen nicht die Verbindung zum eigenen Körper und seinen Ausscheidungen komplett wegerzogen wurde. Während der übermäßige Umgang mit letzteren provokant und trotzdem nicht schamlos inszeniert wurde, bleibt die eigentliche Geschichte dahinter zu dünn.
„Feuchtgebiete" ist eine ZDF-Koproduktion, da ist es wenig überraschend, dass es um Hämorriden geht, gegen die der Senioren-Sender sicher gut Werbung schalten kann. Aus den Kritiken zu Charlotte Roches Roman „Feuchtgebiete" weiß sicher jeder, dass sich die Protagonistin Helen (Carla Juri) bei der Schamrasur böse verletzt und im Krankenhaus der Entlassung verweigert - notfalls durch Selbstverstümmelung an der gerade verheilten Anal-Wunde. Mehr erzählen wird allerdings über die mangelnde Intim-Hygiene der jungen Skaterin Helen. Wenn sie anfangs zum Applizieren einer Hämorriden-Salbe buchstäblich in eine überschwemmte öffentliche Toilette „eintaucht", mit den Pobacken - und dem Dazwischen - aufwischt, was andere mit Hygiene-Tüchern und Desinfektions-Sprays eifrigst entfernen, dann reizen die „Feuchtgebiete" mal direkt ein paar Ekels-Grenzen aus.
Doch wie die Kniebeuge in der ersten Einstellung in Nahaufnahme mit gekonnter Ironie etwas ganz anderes suggeriert, ist auch später im Film alles halb so schmierig. Das zwanghafte Herausfordern der eigenen Abwehrkräfte geht einher mit sympathisch zwanglosem Verhältnis zum eigenen Körper und der eigenen Lust. „Ficken und Avocado-Bäume züchten" bezeichnet Helen als ihre Hobbies - so erlebt sie auch sexuell mehr, als das ZDF ansonsten in einem Jahr versendet. Glücklich ist sie dabei aber nur zeitweise, denn Nebeneffekt des Aufenthalts im Krankenhaus soll auch eine Zusammenführung der geschiedenen Eltern sein.
Die sind mit Meret Becker als hygienisch überspannte Gottesanbeterin und Axel Milberg als über-potentem Lebemann erstklassig besetzt. Carla Juri passt als Helen in diesen schnellen, witzigen und mit klarem Ziel provozierenden Film. Nebenbei beeindruckt die junge Tessinerin auch damit, wie sie stimmlich die Übermutter dieser Geschichte, Charlotte Roche, imitiert. Vor allem aber Regisseur David Wnendt, der schon mit „Die Kriegerin" für Aufsehen sorgte, ist zu danken, dass aus der Vorlage Roches, den Erwartungen und dem Skandalisierungs-Potential ein anständiger, witzig unanständiger Film wurde. Nur wer selber noch nie auf Toilette war oder Durchfall hatte, könnte hier schockiert sein. Dass unsere westliche Gesellschaft vielleicht zu viel verschließt, wenn sie auf dem Örtchen hinter sich abschließt, ist Roches dabei ausgetestete These, die nicht nur Urin und Kot, sondern durchaus auch Hand und Fuß hat. Dass Helen dabei ein Trauma bewältigen muss, ist die etwas dünne Geschichte hinter dem lauten, aber nicht sinnlosen Fäkal-Spaß.
Nein, kein Skandal, keine Schweinerei, kein Pfui-Igitt-Igitt: „Feuchtgebiete" ist ein nettes, spaßiges Filmchen für alle, denen nicht die Verbindung zum eigenen Körper und seinen Ausscheidungen komplett wegerzogen wurde. Während der übermäßige Umgang mit letzteren provokant und trotzdem nicht schamlos inszeniert wurde, bleibt die eigentliche Geschichte dahinter zu dünn.
„Feuchtgebiete" ist eine ZDF-Koproduktion, da ist es wenig überraschend, dass es um Hämorriden geht, gegen die der Senioren-Sender sicher gut Werbung schalten kann. Aus den Kritiken zu Charlotte Roches Roman „Feuchtgebiete" weiß sicher jeder, dass sich die Protagonistin Helen (Carla Juri) bei der Schamrasur böse verletzt und im Krankenhaus der Entlassung verweigert - notfalls durch Selbstverstümmelung an der gerade verheilten Anal-Wunde. Mehr erzählen wird allerdings über die mangelnde Intim-Hygiene der jungen Skaterin Helen. Wenn sie anfangs zum Applizieren einer Hämorriden-Salbe buchstäblich in eine überschwemmte öffentliche Toilette „eintaucht", mit den Pobacken - und dem Dazwischen - aufwischt, was andere mit Hygiene-Tüchern und Desinfektions-Sprays eifrigst entfernen, dann reizen die „Feuchtgebiete" mal direkt ein paar Ekels-Grenzen aus.
Doch wie die Kniebeuge in der ersten Einstellung in Nahaufnahme mit gekonnter Ironie etwas ganz anderes suggeriert, ist auch später im Film alles halb so schmierig. Das zwanghafte Herausfordern der eigenen Abwehrkräfte geht einher mit sympathisch zwanglosem Verhältnis zum eigenen Körper und der eigenen Lust. „Ficken und Avocado-Bäume züchten" bezeichnet Helen als ihre Hobbies - so erlebt sie auch sexuell mehr, als das ZDF ansonsten in einem Jahr versendet. Glücklich ist sie dabei aber nur zeitweise, denn Nebeneffekt des Aufenthalts im Krankenhaus soll auch eine Zusammenführung der geschiedenen Eltern sein.
Die sind mit Meret Becker als hygienisch überspannte Gottesanbeterin und Axel Milberg als über-potentem Lebemann erstklassig besetzt. Carla Juri passt als Helen in diesen schnellen, witzigen und mit klarem Ziel provozierenden Film. Nebenbei beeindruckt die junge Tessinerin auch damit, wie sie stimmlich die Übermutter dieser Geschichte, Charlotte Roche, imitiert. Vor allem aber Regisseur David Wnendt, der schon mit „Die Kriegerin" für Aufsehen sorgte, ist zu danken, dass aus der Vorlage Roches, den Erwartungen und dem Skandalisierungs-Potential ein anständiger, witzig unanständiger Film wurde. Nur wer selber noch nie auf Toilette war oder Durchfall hatte, könnte hier schockiert sein. Dass unsere westliche Gesellschaft vielleicht zu viel verschließt, wenn sie auf dem Örtchen hinter sich abschließt, ist Roches dabei ausgetestete These, die nicht nur Urin und Kot, sondern durchaus auch Hand und Fuß hat. Dass Helen dabei ein Trauma bewältigen muss, ist die etwas dünne Geschichte hinter dem lauten, aber nicht sinnlosen Fäkal-Spaß.
Pain & Gain
USA 2013 (Pain & Gain) Regie: Michael Bay, mit Mark Wahlberg, Dwayne Johnson, Anthony Mackie, Tony Shalhoub, Ed Harris, 125 Min. FSK ab 16
Die Erfolgs-Liste von Michael Bay ist eindrucksvoll, auch wenn er zuletzt mit „Transformers" eher lächerlichen und peinlichen Kram gemacht hat: Zuvor war er mit „Bad Boys" (1994), „Pearl Harbor" (2001), „Armageddon - Das jüngste Gericht" (1998) oder „The Rock" (1995) als Regisseur und Produzent eine der großen Geldmaschinen Hollywoods. Nun allerdings hat er diesen Gipfel endgültig verlassen, macht nicht mehr „The Rock", sondern muss mit Ex-Wrestler Dwayne „The Rock" Johnson und „Pain & Gain" eine Action-Komödie drehen, die einiges Potential für Goldene Himbeeren hat.
Der amerikanische Traum mal anders definiert: Jeder hat die Chance, im Fitness-Studio etwas aus sich zu machen. Also auch ein Anabolika-verseuchter Muskelberg wie Daniel Lupo (Mark Wahlberg), für den Fitness patriotisch ist. So macht der Muckibuden-Trainer aus einem Senioren-Club in Miami ein Muskel-Mekka, auch wenn er dafür persönlich Körper-Enthaarungen durchführt. Da dies für das Erbsenhirn (siehe oben, Anabolika) immer noch nicht der große Erfolg ist, entführt Daniel mit einem Kollegen und Paul Doyle (Dwayne Johnson), einem trockenen Alkoholiker und gläubigen Ex-Knasti, den reichen Kunden Victor Kershaw (Tony Shalhoub). Mit erzwungen lustiger Folter überschreibt dieser all seinen Besitz. Doch den Reichtum verprassen die drei minderbemittelten Gauner schnell und irgendwann schlägt die Polizei in Armeestärke zu. So erzählte wohl auch ein Zeitschriften-Artikel die „wahre Geschichte".
„Pain & Gain" beginnt quälend langatmig und bringt trotz vieler Versuche keinen Spaß. Einfalt und klägliches Scheitern sollen komisch sein, landen aber, auch mangels komödiantischem Talent bei Wahlberg und Johnson, immer in der Abteilung peinlich. Das ist nicht das, was man mit Michael Bay bislang in Verbindung brachte. Ästhetisch sieht es zwar noch aus wie ein guter Film. Während früher jedoch in der Verpackung effektive Popcorn-Action war, ist es jetzt nur noch ein lauwarmes Lüftchen. Irgendwo fiel „Pain & Gain" zwischen dem makabren „Fargo" und Danny DeVitos witzigem „Die unglaubliche Entführung der verrückten Mrs. Stone" (1986) ins Nirwana der Super-Flops. Der Film ist nicht viel intelligenter als seine Protagonisten und hat auch nicht mehr Komödien-Potenz als sie (siehe oben, Anabolika).
Die Erfolgs-Liste von Michael Bay ist eindrucksvoll, auch wenn er zuletzt mit „Transformers" eher lächerlichen und peinlichen Kram gemacht hat: Zuvor war er mit „Bad Boys" (1994), „Pearl Harbor" (2001), „Armageddon - Das jüngste Gericht" (1998) oder „The Rock" (1995) als Regisseur und Produzent eine der großen Geldmaschinen Hollywoods. Nun allerdings hat er diesen Gipfel endgültig verlassen, macht nicht mehr „The Rock", sondern muss mit Ex-Wrestler Dwayne „The Rock" Johnson und „Pain & Gain" eine Action-Komödie drehen, die einiges Potential für Goldene Himbeeren hat.
Der amerikanische Traum mal anders definiert: Jeder hat die Chance, im Fitness-Studio etwas aus sich zu machen. Also auch ein Anabolika-verseuchter Muskelberg wie Daniel Lupo (Mark Wahlberg), für den Fitness patriotisch ist. So macht der Muckibuden-Trainer aus einem Senioren-Club in Miami ein Muskel-Mekka, auch wenn er dafür persönlich Körper-Enthaarungen durchführt. Da dies für das Erbsenhirn (siehe oben, Anabolika) immer noch nicht der große Erfolg ist, entführt Daniel mit einem Kollegen und Paul Doyle (Dwayne Johnson), einem trockenen Alkoholiker und gläubigen Ex-Knasti, den reichen Kunden Victor Kershaw (Tony Shalhoub). Mit erzwungen lustiger Folter überschreibt dieser all seinen Besitz. Doch den Reichtum verprassen die drei minderbemittelten Gauner schnell und irgendwann schlägt die Polizei in Armeestärke zu. So erzählte wohl auch ein Zeitschriften-Artikel die „wahre Geschichte".
„Pain & Gain" beginnt quälend langatmig und bringt trotz vieler Versuche keinen Spaß. Einfalt und klägliches Scheitern sollen komisch sein, landen aber, auch mangels komödiantischem Talent bei Wahlberg und Johnson, immer in der Abteilung peinlich. Das ist nicht das, was man mit Michael Bay bislang in Verbindung brachte. Ästhetisch sieht es zwar noch aus wie ein guter Film. Während früher jedoch in der Verpackung effektive Popcorn-Action war, ist es jetzt nur noch ein lauwarmes Lüftchen. Irgendwo fiel „Pain & Gain" zwischen dem makabren „Fargo" und Danny DeVitos witzigem „Die unglaubliche Entführung der verrückten Mrs. Stone" (1986) ins Nirwana der Super-Flops. Der Film ist nicht viel intelligenter als seine Protagonisten und hat auch nicht mehr Komödien-Potenz als sie (siehe oben, Anabolika).
13.8.13
Can't Be Silent
BRD 2013 Regie: Julia Oelkers 83 Min. FSK: o.A.
Das „Band Aid"-Projekt zur deutschen Asylpolitik wollte Musiker Heinz Ratz mit seiner Band „Strom & Wasser" sicherlich nicht machen. So ist „Can't Be Silent" nicht nur der übliche Konzert- und CD-Film geworden, sondern ein ziemlich authentisches Stück Musik- und Flüchtlingsgeschichte. Bei Solidaritätskonzerten für Asylbewerber lernte Heinz Ratz einige gute, in ihrer Heimat zum Teil sehr bekannte Musiker kennen. Daraufhin beschloss er, mit ihnen unter dem Namen Band „The Refugees" eine Tour und eine CD zu machen. Wo sich schon die Asyl-Problematik zu einem dramaturgischen Element entwickelt: Deutsche Asylbewerber dürfen sich nicht frei bewegen, sind bei Reisen zu Auftritten oder Aufnahmen immer auf die Gnade ihres Sachbearbeiters angewiesen. Davon erzählen Interviews, aber vor allem die meist gerappten Lieder von Flüchtlingen. Aber auch von den Ertrunkenen vor Griechenland und der dauernden Angst vor nächtlicher Abschiebung.
Regisseurin Julia Oelkers gelang es, einigen Menschen aus den Asylbewerberheimen ein Gesicht und eine Stimme zu geben. Damit setzt sich „Can't Be Silent" positiv von üblichen Gutmenschen-Konzert- und -Solidaritäts-Filmen ab. Die Dokumentation ist allerdings auch nur eine Teilansicht der Situation. Sie argumentiert mit guter Absicht, aber zeitweilig unter seltsamen Prämissen: Wenn Organisator Heinz Ratz bedauert, dass die tollen Musiker unter erbärmlichen Umständen leben müssen. Dann wäre das also bei Nicht-Musikern ok? Die nächtliche Abschiebung wird beklagt, doch der Verlauf des Verfahrens oder die Gründe der Ablehnung finden im Film keinen Platz.
Das „Band Aid"-Projekt zur deutschen Asylpolitik wollte Musiker Heinz Ratz mit seiner Band „Strom & Wasser" sicherlich nicht machen. So ist „Can't Be Silent" nicht nur der übliche Konzert- und CD-Film geworden, sondern ein ziemlich authentisches Stück Musik- und Flüchtlingsgeschichte. Bei Solidaritätskonzerten für Asylbewerber lernte Heinz Ratz einige gute, in ihrer Heimat zum Teil sehr bekannte Musiker kennen. Daraufhin beschloss er, mit ihnen unter dem Namen Band „The Refugees" eine Tour und eine CD zu machen. Wo sich schon die Asyl-Problematik zu einem dramaturgischen Element entwickelt: Deutsche Asylbewerber dürfen sich nicht frei bewegen, sind bei Reisen zu Auftritten oder Aufnahmen immer auf die Gnade ihres Sachbearbeiters angewiesen. Davon erzählen Interviews, aber vor allem die meist gerappten Lieder von Flüchtlingen. Aber auch von den Ertrunkenen vor Griechenland und der dauernden Angst vor nächtlicher Abschiebung.
Regisseurin Julia Oelkers gelang es, einigen Menschen aus den Asylbewerberheimen ein Gesicht und eine Stimme zu geben. Damit setzt sich „Can't Be Silent" positiv von üblichen Gutmenschen-Konzert- und -Solidaritäts-Filmen ab. Die Dokumentation ist allerdings auch nur eine Teilansicht der Situation. Sie argumentiert mit guter Absicht, aber zeitweilig unter seltsamen Prämissen: Wenn Organisator Heinz Ratz bedauert, dass die tollen Musiker unter erbärmlichen Umständen leben müssen. Dann wäre das also bei Nicht-Musikern ok? Die nächtliche Abschiebung wird beklagt, doch der Verlauf des Verfahrens oder die Gründe der Ablehnung finden im Film keinen Platz.
12.8.13
Camille - Verliebt nochmal!
Frankreich 2012 (Camille redouble) Regie: Noémie Lvovsky, mit Noémie Lvovsky, Samir Guesmi, Judith Chemla, Yolande Moreau, Michel Vuillermoz, Denis Podalydès, Jean-Pierre Léaud, Mathieu Amalric, 115 Min.
Spätestens wenn der Schauspieljob nur noch ein Aushilfs-Splatter ist, der Ehemann Eric nach 25 Jahren geht und man auch noch die gemeinsame Wohnung verlassen soll, taucht sicher ein Gedanke auf: „Was habe ich bloß falsch gemacht, was hätte ich anders machen sollen?" Die Schauspielerin Camille Vaillant (Noémie Lvovsky) hätte vielleicht schon früher mal drüber nachdenken und weniger oft zur Flasche greifen sollen. Doch jetzt ist es zu spät, jetzt ist Silvester 2011. Aber wenigstens sind die Freundinnen zum wilden Feiern da. Punkt Mitternacht jedoch fällt Camille in Ohnmacht und wacht 25 Jahre früher als Teenager wieder auf...
Es ist das Jahr 1985 und in einem Jahr wird Francis Ford Coppola „Peggy Sue hat geheiratet" auf die Leinwand bringen. Einen Film mit dem gleichen Idee, aber während Kathleen Turner mit viel Schminke zum Teenager wird und ähnliche Filme zwei Schauspielerinnen einsetzen, spielt Noémie Lvovsky einfach ihr jüngeres Ego. Und das funktioniert vortrefflich: „99 Luftballons" auf Sonys Walkman, dazu die Klamotten und Autos der 80er. Als sehr passender Anachronismus läuft „One day baby, we'll be old" von Asaf Avidan. Sehr amüsiert verfolgt die (Erfahrungs-) reife Camille die Rituale der Schule bis sie beim Nachsitzen ausgerechnet Eric (Samir Guesmi) begegnet. Noch verletzt von der zukünftigen Trennung, geht sie ihm aus dem Weg, doch bei der Bühnenprobe zu Goldonis „Die Verliebten" kann sie ihm nicht mehr ausweichen.
Jetzt ist auch die erwachsene Camille tatsächlich verwirrt: Zerstört das Leben die Liebe oder die Liebe das Leben? Soll sie auf Erics deutliche Avancen während der Party eingehen, der ein erster, umwerfender Kuss folgen wird. Noch mal 25 Jahre große Liebe erleben und dann wieder die große Enttäuschung? Zudem wird Camilles Mutter wahrscheinlich in 39 Tagen an einem Hirnschlag sterben und die Tochter versucht, das zu verhindern.
„Camille - Verliebt nochmal!" ist eine mehr als charmante, reizende sowie sympathische Komödie und dabei ein poetisches Gedankenspiel. Camille glaubt nach Scheidung und miesem Verlauf der Schauspiel-Karriere, das Leben sei mit 40 vorbei. Dabei - auch das vermittelt der Film sehr schön - beginnt es gerade. Das Gewinnende verdankt der Film vor allem dem mehrfach überzeugenden Spiel von Autorin („Clubbed to Death", 1996), Regisseurin („Vergiß mich!", 1994) und Hauptdarstellerin Noémie Lvovsky. Die lebenslustige 48-Jährige macht ohne Schminke oder Tricks glauben, dass sie 16 Jahre alt ist. Dabei ist herzzerreißend, wie ihre Camille den Tod ihrer Mutter zu verhindern sucht. Als Dessert gibt es zwei großartige Schauspieler als Eltern dazu: Yolande Moreau und Michel Vuillermoz. In kleinen Nebenrollen sieht man Jean-Pierre Léaud als alten Uhrmacher, der geheimnisvoll weise verkündet, dass die Abwesenheit verstorbener Eltern eine Leere erzeugt, die einen aufsaugt. Oder Mathieu Amalric als lüsterner Literaturlehrer und Denis Podalydès als Physiklehrer und Eingeweihter Alphonse. Wer sonst könnte ein Zeitreisen glauben und 25 Jahre geduldig die Auflösung erwarten? Das Publikum braucht sich bis dahin nur zwei Stunden zu vergnügen.
Spätestens wenn der Schauspieljob nur noch ein Aushilfs-Splatter ist, der Ehemann Eric nach 25 Jahren geht und man auch noch die gemeinsame Wohnung verlassen soll, taucht sicher ein Gedanke auf: „Was habe ich bloß falsch gemacht, was hätte ich anders machen sollen?" Die Schauspielerin Camille Vaillant (Noémie Lvovsky) hätte vielleicht schon früher mal drüber nachdenken und weniger oft zur Flasche greifen sollen. Doch jetzt ist es zu spät, jetzt ist Silvester 2011. Aber wenigstens sind die Freundinnen zum wilden Feiern da. Punkt Mitternacht jedoch fällt Camille in Ohnmacht und wacht 25 Jahre früher als Teenager wieder auf...
Es ist das Jahr 1985 und in einem Jahr wird Francis Ford Coppola „Peggy Sue hat geheiratet" auf die Leinwand bringen. Einen Film mit dem gleichen Idee, aber während Kathleen Turner mit viel Schminke zum Teenager wird und ähnliche Filme zwei Schauspielerinnen einsetzen, spielt Noémie Lvovsky einfach ihr jüngeres Ego. Und das funktioniert vortrefflich: „99 Luftballons" auf Sonys Walkman, dazu die Klamotten und Autos der 80er. Als sehr passender Anachronismus läuft „One day baby, we'll be old" von Asaf Avidan. Sehr amüsiert verfolgt die (Erfahrungs-) reife Camille die Rituale der Schule bis sie beim Nachsitzen ausgerechnet Eric (Samir Guesmi) begegnet. Noch verletzt von der zukünftigen Trennung, geht sie ihm aus dem Weg, doch bei der Bühnenprobe zu Goldonis „Die Verliebten" kann sie ihm nicht mehr ausweichen.
Jetzt ist auch die erwachsene Camille tatsächlich verwirrt: Zerstört das Leben die Liebe oder die Liebe das Leben? Soll sie auf Erics deutliche Avancen während der Party eingehen, der ein erster, umwerfender Kuss folgen wird. Noch mal 25 Jahre große Liebe erleben und dann wieder die große Enttäuschung? Zudem wird Camilles Mutter wahrscheinlich in 39 Tagen an einem Hirnschlag sterben und die Tochter versucht, das zu verhindern.
„Camille - Verliebt nochmal!" ist eine mehr als charmante, reizende sowie sympathische Komödie und dabei ein poetisches Gedankenspiel. Camille glaubt nach Scheidung und miesem Verlauf der Schauspiel-Karriere, das Leben sei mit 40 vorbei. Dabei - auch das vermittelt der Film sehr schön - beginnt es gerade. Das Gewinnende verdankt der Film vor allem dem mehrfach überzeugenden Spiel von Autorin („Clubbed to Death", 1996), Regisseurin („Vergiß mich!", 1994) und Hauptdarstellerin Noémie Lvovsky. Die lebenslustige 48-Jährige macht ohne Schminke oder Tricks glauben, dass sie 16 Jahre alt ist. Dabei ist herzzerreißend, wie ihre Camille den Tod ihrer Mutter zu verhindern sucht. Als Dessert gibt es zwei großartige Schauspieler als Eltern dazu: Yolande Moreau und Michel Vuillermoz. In kleinen Nebenrollen sieht man Jean-Pierre Léaud als alten Uhrmacher, der geheimnisvoll weise verkündet, dass die Abwesenheit verstorbener Eltern eine Leere erzeugt, die einen aufsaugt. Oder Mathieu Amalric als lüsterner Literaturlehrer und Denis Podalydès als Physiklehrer und Eingeweihter Alphonse. Wer sonst könnte ein Zeitreisen glauben und 25 Jahre geduldig die Auflösung erwarten? Das Publikum braucht sich bis dahin nur zwei Stunden zu vergnügen.
Gold
BRD, Kanada 2013 Regie: Thomas Arslan, mit Nina Hoss, Marko Mandic, Lars Rudolph, Uwe Bohm, Peter Kurth, 96 Min. FSK: ab 12
Deutscher Western, das war für lange Zeit der Karl May-Film aus Jugoslawien. Was mit dem „Wilden Westen" so viel zu tun hatte, wie die Edgar Wallace-Studioaufnahmen mit England. Das durchaus viele deutsche Pioniere dem Aufbruch „Go West" folgten, ist hingegen echte Geschichte. Genau wie der Goldrausch, der ab 1896 Menschen aus aller Welt zum Klondike-Fluss an der Grenze von Kanada zu Alaska lockte. Auch eine Truppe gescheiterter Auswanderer aus Deutschland will mitmachen und zieht - statt über die Pazifik-Passage von San Franzisko aus - über eine extrem lange, mühsame und gefährliche Strecke ohne irgendwelche Wege in Richtung Klondike.
Emily Meyer (Nina Hoss) schließt sich in Ashcroft, der nördlichsten Bahnstation Kanadas, einer Gruppe deutscher Amerika-Auswanderer an, die mit der national eigenen Gründlichkeit und Ordnung organisiert zu sein scheint. Der Leitung des Zylinder tragenden Wilhelm Laser (Peter Kurth), der immer wieder sein bereits gefundenes Gold vorzeigt, folgen auch das Ehepaar Dietz, der Journalist Gustav Müller (Hark Bohm) und der Familienvater Rossmann (Lars Rudolph). Als Hilfskraft ist Carl Boehmer (Marko Mandic) dabei. Er erlebt als erster eine überhebliche Ignoranz der deutschen Truppe, die sich später auch gegenüber anderen Nationen, den Eingeborenen und gegenüber der Natur äußert. Schon am Anfang der 1500 Kilometer langen Strecke brechen Planwagen und Pferde zusammen, die Karten taugen nichts und die Teilnehmer zeigen sich meist von der schlechtesten Seite.
Selbstverständlich haben die Glückssucher eine Menge Schicksal im Gepäck: Der frustrierte Schreiberling trägt schwer am Fusel für seinen Alkoholismus, Emily Meyer sucht die Freiheit vom Ehe-Gefängnis und Rossmann versucht einem Trauma zu entkommen. Das individuelle Scheitern wird im zähen Verlauf des Films weniger als spannende Abfolge denn als Abhaken und Zurücklassen von Figuren inszeniert.
Das filmische Erlebnis, das uns Thomas Arslan („Im Schatten", „Dealer", „Geschwister - Kardesler"), ein Vertreter der „Berliner Schule", bereitet, evozierte bei der Berlinale-Premiere die Metaphern „Marterpfahl" und „sattelwund gesessen". Ein unfreiwilliges „Hossa" ging nur durch das Publikum, als einem der Abenteurer nach einem Tritt in die einzige Bärenfalle in weiter Wildnis mit stumpfer Säge das Bein amputiert wird. Diese Szene bleibt in Erinnerung. Dass ausgerechnet Lars Rudolph wahnsinnig wird, war hingegen so gut wie sicher, also wenig originell. Den Rest von (Nina) Hoss und Reiter tauscht man gerne gegen Hoss von der Ponderosa.
Ganz im Ernst schafft es selbst das enorme schauspielerische Können von Nina Hoss nicht, diesem staubigen Ritt Leben einzuhauchen. Die Verweigerung von großen Perspektiven und Gefühlen mag erfolgreich sein - auf Kosten des Miterlebens. Ein Mitdenken wird allerdings auch nicht belohnt, dazu ist „Gold" analytisch zu dürftig. Nicht mal Katzengold, eher Katzenjammer.
Deutscher Western, das war für lange Zeit der Karl May-Film aus Jugoslawien. Was mit dem „Wilden Westen" so viel zu tun hatte, wie die Edgar Wallace-Studioaufnahmen mit England. Das durchaus viele deutsche Pioniere dem Aufbruch „Go West" folgten, ist hingegen echte Geschichte. Genau wie der Goldrausch, der ab 1896 Menschen aus aller Welt zum Klondike-Fluss an der Grenze von Kanada zu Alaska lockte. Auch eine Truppe gescheiterter Auswanderer aus Deutschland will mitmachen und zieht - statt über die Pazifik-Passage von San Franzisko aus - über eine extrem lange, mühsame und gefährliche Strecke ohne irgendwelche Wege in Richtung Klondike.
Emily Meyer (Nina Hoss) schließt sich in Ashcroft, der nördlichsten Bahnstation Kanadas, einer Gruppe deutscher Amerika-Auswanderer an, die mit der national eigenen Gründlichkeit und Ordnung organisiert zu sein scheint. Der Leitung des Zylinder tragenden Wilhelm Laser (Peter Kurth), der immer wieder sein bereits gefundenes Gold vorzeigt, folgen auch das Ehepaar Dietz, der Journalist Gustav Müller (Hark Bohm) und der Familienvater Rossmann (Lars Rudolph). Als Hilfskraft ist Carl Boehmer (Marko Mandic) dabei. Er erlebt als erster eine überhebliche Ignoranz der deutschen Truppe, die sich später auch gegenüber anderen Nationen, den Eingeborenen und gegenüber der Natur äußert. Schon am Anfang der 1500 Kilometer langen Strecke brechen Planwagen und Pferde zusammen, die Karten taugen nichts und die Teilnehmer zeigen sich meist von der schlechtesten Seite.
Selbstverständlich haben die Glückssucher eine Menge Schicksal im Gepäck: Der frustrierte Schreiberling trägt schwer am Fusel für seinen Alkoholismus, Emily Meyer sucht die Freiheit vom Ehe-Gefängnis und Rossmann versucht einem Trauma zu entkommen. Das individuelle Scheitern wird im zähen Verlauf des Films weniger als spannende Abfolge denn als Abhaken und Zurücklassen von Figuren inszeniert.
Das filmische Erlebnis, das uns Thomas Arslan („Im Schatten", „Dealer", „Geschwister - Kardesler"), ein Vertreter der „Berliner Schule", bereitet, evozierte bei der Berlinale-Premiere die Metaphern „Marterpfahl" und „sattelwund gesessen". Ein unfreiwilliges „Hossa" ging nur durch das Publikum, als einem der Abenteurer nach einem Tritt in die einzige Bärenfalle in weiter Wildnis mit stumpfer Säge das Bein amputiert wird. Diese Szene bleibt in Erinnerung. Dass ausgerechnet Lars Rudolph wahnsinnig wird, war hingegen so gut wie sicher, also wenig originell. Den Rest von (Nina) Hoss und Reiter tauscht man gerne gegen Hoss von der Ponderosa.
Ganz im Ernst schafft es selbst das enorme schauspielerische Können von Nina Hoss nicht, diesem staubigen Ritt Leben einzuhauchen. Die Verweigerung von großen Perspektiven und Gefühlen mag erfolgreich sein - auf Kosten des Miterlebens. Ein Mitdenken wird allerdings auch nicht belohnt, dazu ist „Gold" analytisch zu dürftig. Nicht mal Katzengold, eher Katzenjammer.
The Bling Ring
USA 2013 (The Bling Ring) Regie: Sofia Coppola, mit Katie Chang, Israel Broussard, Emma Watson, Claire Julien, Taissa Farmiga, Georgia Rock, Leslie Mann, 87 Min. FSK ab 12
Sofia Coppola und Paris Hilton. Zwei Erbinnen großer Imperien, zwei Prinzessinnen besonderer Reiche: Sofia Coppola ist die Tochter des legendären Francis Ford Coppola, „Der Pate"-Regisseur, Film-Visionär, New Hollywood-Ikone und als Zoetrope-Produzent immer wieder zu allen Risiken bereit. Mit diesem Papa schrieb sie als 18-Jährige das Drehbuch zu einer der „New Yorker Geschichten" (1989), wurde dann mit dem atmosphärisch einzigartigen „The Virgin Suicides - Verlorene Jugend" 1999 richtig anerkannt und 2003 mit „Lost in Translation - Zwischen den Welten" sowie Bill Murray berühmt. Auch „Marie Antoinette" (2006) und „Somewhere" (2010) waren interessante Filme, so dass sie jetzt eigentlich ohne Erwähnung ihres Vaters durch die Presse gehen könnte. Paris Hilton hingegen ist reiche Tochter und Skandal-Nudel von Beruf. Dass diese Ikone einer Kultur der Oberflächlichkeit nun selbst in „The Bling Ring", Sofia Coppolas Verfilmung einer wahren Hollywood-Diebstahlserie, auftritt, ist wahrscheinlich die größte Ironie ihrer „Karriere".
Es ist eine Welt unverschämten Reichtums und unvorstellbar offener Türen: Die Teenagerclique um die Schülerin Rebecca (Katie Chang) und ihren neuen Kumpel Mark (Israel Broussard) ist ein Haufen extrem oberflächlicher Jugendlicher auf Diebestour durch die Wohnungen von Promis in Los Angeles. Junge Menschen ohne innere Werte aber mit exakter Kenntnis von Markenlabeln. Der richtige Stil ist alles und Hauptthema ihrer Gespräche. Dabei verbindet sich die Droge Konsum bald mit dem Reiz des Einbruchs. Aus den Klatschspalten erfahren sie, welche Hollywoodstars vorübergehend abwesend sind und rauben dann mit erstaunlicher Leichtigkeit die leerstehenden Häuser aus. Oder feiern gleich eine Party darin. Vor allem die peinlich geschmacklose (echte!) Villa von Paris Hilton wird immer wieder heimgesucht. Das dort rumlaufende Handtaschentier freundet sich fast mit den Einbrechern an.
Das Leben der Gang, zu der auch Nicki (Harry Potters Emma Watson ganz ungewohnt), ihre Schwester Sam (Taissa Farmiga) und Freundin Cleo (Claire Julien) gehören, wird immer ausgelassener. Ihre Dauerparty, selten unterbrochen von Schulbesuchen, imitiert in Ausstattung und Gehabe die Promi-Idole. Selbstverständlich wird alles nahezu live per Facebook übertragen. Was ihnen zum Verhängnis wird: Denn die Polizei liest auch dort mit und erkennt geklaute Handtaschen oder Schuhe wieder. Ganz wie in der Geschichte des echten Bling Rings, der schließlich ebenfalls vor Gericht landete. Auf Basis des Zeitschriftenartikels darüber schrieb Coppola ihr Drehbuch.
Sofia Coppola schafft es wieder, mitreißende Bilder und Stimmungen auf die Leinwand zu bringen. Dazu ist ihr „Bling Ring"ein Who-is-who von Skandal-Promis sowie Star Map und Architekturführer von Beverly Hills. Also auch eine kleine böse Abrechnung mit Hollywood. Doch der Spaß an den ebenso albernen wie bedauernswerten „Fashion Victims" weicht schnell einem anhaltenden Kopfschütteln. Was sind das für Jugendliche? Soziologische Gedanken führen nicht weiter, die Clique umfasst vom vernachlässigten Jungen bis zum religiös verbrämten Mädel reichlich Variationen jugendlichen Heranwachsens. Aber auch sonst können die Figuren in dieser nach realen Ereignissen erzählten Geschichte nicht interessieren, höchstens amüsieren.
Sofia Coppola und Paris Hilton. Zwei Erbinnen großer Imperien, zwei Prinzessinnen besonderer Reiche: Sofia Coppola ist die Tochter des legendären Francis Ford Coppola, „Der Pate"-Regisseur, Film-Visionär, New Hollywood-Ikone und als Zoetrope-Produzent immer wieder zu allen Risiken bereit. Mit diesem Papa schrieb sie als 18-Jährige das Drehbuch zu einer der „New Yorker Geschichten" (1989), wurde dann mit dem atmosphärisch einzigartigen „The Virgin Suicides - Verlorene Jugend" 1999 richtig anerkannt und 2003 mit „Lost in Translation - Zwischen den Welten" sowie Bill Murray berühmt. Auch „Marie Antoinette" (2006) und „Somewhere" (2010) waren interessante Filme, so dass sie jetzt eigentlich ohne Erwähnung ihres Vaters durch die Presse gehen könnte. Paris Hilton hingegen ist reiche Tochter und Skandal-Nudel von Beruf. Dass diese Ikone einer Kultur der Oberflächlichkeit nun selbst in „The Bling Ring", Sofia Coppolas Verfilmung einer wahren Hollywood-Diebstahlserie, auftritt, ist wahrscheinlich die größte Ironie ihrer „Karriere".
Es ist eine Welt unverschämten Reichtums und unvorstellbar offener Türen: Die Teenagerclique um die Schülerin Rebecca (Katie Chang) und ihren neuen Kumpel Mark (Israel Broussard) ist ein Haufen extrem oberflächlicher Jugendlicher auf Diebestour durch die Wohnungen von Promis in Los Angeles. Junge Menschen ohne innere Werte aber mit exakter Kenntnis von Markenlabeln. Der richtige Stil ist alles und Hauptthema ihrer Gespräche. Dabei verbindet sich die Droge Konsum bald mit dem Reiz des Einbruchs. Aus den Klatschspalten erfahren sie, welche Hollywoodstars vorübergehend abwesend sind und rauben dann mit erstaunlicher Leichtigkeit die leerstehenden Häuser aus. Oder feiern gleich eine Party darin. Vor allem die peinlich geschmacklose (echte!) Villa von Paris Hilton wird immer wieder heimgesucht. Das dort rumlaufende Handtaschentier freundet sich fast mit den Einbrechern an.
Das Leben der Gang, zu der auch Nicki (Harry Potters Emma Watson ganz ungewohnt), ihre Schwester Sam (Taissa Farmiga) und Freundin Cleo (Claire Julien) gehören, wird immer ausgelassener. Ihre Dauerparty, selten unterbrochen von Schulbesuchen, imitiert in Ausstattung und Gehabe die Promi-Idole. Selbstverständlich wird alles nahezu live per Facebook übertragen. Was ihnen zum Verhängnis wird: Denn die Polizei liest auch dort mit und erkennt geklaute Handtaschen oder Schuhe wieder. Ganz wie in der Geschichte des echten Bling Rings, der schließlich ebenfalls vor Gericht landete. Auf Basis des Zeitschriftenartikels darüber schrieb Coppola ihr Drehbuch.
Sofia Coppola schafft es wieder, mitreißende Bilder und Stimmungen auf die Leinwand zu bringen. Dazu ist ihr „Bling Ring"ein Who-is-who von Skandal-Promis sowie Star Map und Architekturführer von Beverly Hills. Also auch eine kleine böse Abrechnung mit Hollywood. Doch der Spaß an den ebenso albernen wie bedauernswerten „Fashion Victims" weicht schnell einem anhaltenden Kopfschütteln. Was sind das für Jugendliche? Soziologische Gedanken führen nicht weiter, die Clique umfasst vom vernachlässigten Jungen bis zum religiös verbrämten Mädel reichlich Variationen jugendlichen Heranwachsens. Aber auch sonst können die Figuren in dieser nach realen Ereignissen erzählten Geschichte nicht interessieren, höchstens amüsieren.
8.8.13
Locarno 2013 - Christopher Lee und Moritz Bleibtreu die ersten Stars
Locarno. Komische Filme und dramatisches Wetter bestimmten den Auftakt des 66. Internationalen Filmfestival Locarnos (7.-17. August). Mit einem Knaller eröffnete am Mittwochabend das Piazza-Programm. Mark Wahlberg und Denzel Washington rauften sich in der intelligenten Action-Komödie „2 Guns" gekonnt zusammen. Für das eindrucksvolle echte Gewitter, dass am Ende das große Action-Gewitter im Südschweizer Open Air-Kino der Piazza Grande verhagelte, war sicherlich Zauberer Saruman verantwortlich: Christopher Lee, der an diesem Abend eine Auszeichnung des Festivals erhielt, nimmt man auch diese Rolle aus „Herr der Ringe" glatt ab. Moritz Bleibtreu machte am verregneten Tag danach als falscher Inder einen guten Eindruck - sein Film „Vijay und ich" hat allerdings nicht das Format für einen Publikums-Favoriten auf der Piazza.
Baltasar Kormákur überraschte mit „2 Guns", der durchaus mit „Pulp Fiction" vergleichbar ist. Der Isländer beigeisterte von „101 Reykjavik" (2000) bis zum aktuellen Kinofilm „The Deep" (2012) eher mit eigenwilligen Arthouse-Werken. Er arbeitete aber auch schon in dem schwächeren Schmugglerfilm „Contraband" (2012) mit Mark Wahlberg zusammen. Nun liefert das Ex-Modell Wahlberg mal wirklich witzige Dialoge ab. Mit einem übercoolen Denzel Washington spielt er ein Pärchen Undercover-Agenten, die allerdings jeweils nichts von der Tarnung des anderen wissen. Als sie in einer kleinen Bank statt der erwarteten drei Millionen eines mexikanischen Drogenbosses gleich 43 Millionen schmutziges Geld der CIA klauen, kommt es zur großen Konfrontation us-amerikanischer Institutionen. CIA, Drogenfahndung, die Navy und andere Gangster schenken sich nichts. Das ist in einer gelungenen Buddy- und Action-Komödie mal eine wirklich originelle Besetzung und gleichzeitig Systemkritik von ganz schwerem Kaliber, die am 3. Oktober ihren deutschen Start hat.
Ein ganz großer der Kinogeschichte machte zuvor seine Aufwartung. Der 91-jährige Christopher Lee, Kino-Ikone als Dracula und Saruman, Darsteller in fast 300, auch anspruchsvolleren Filmen, gab dem 66 Jahre jungen Festival die Ehre. Und kostete die Aufmerksamkeit mit einer großen Würde aus. Lee ließ sich zwar im Rollstuhl zu den Terminen fahren, sprudelte dann aber quicklebendig einige seiner zahllosen Anekdoten aus einem ereignisreichen Leben hervor. Dabei reicht die Spannweite seiner Erfahrungen von Steven Spielberg bis Billy Wilder.
Wilder, sagte jemand Wilder? Will Wilder heißt die Figur von Moritz Bleibtreu in Sam Garbarskis mäßiger Komödie „Vijay und ich" und damit legt der Regisseur von „Irina Palm" die Latte ziemlich hoch. Denn wie der frustrierte Schauspieler Will, der als grünes „Pech-Kaninchen" eine Kinder-TV-Show unsicher macht, vermeintlich stirbt und als Inder verkleidet, erst sein eigenes Begräbnis und dann das Schlafzimmer seiner Frau heimsucht, ist nur als Idee überzeugend. Ausgerechnet Garbarski scheitert in dieser belgisch-deutsch-luxemburgischen Produktion, die auch in NRW gedreht wurde, an der Atmosphäre vieler Szenen. Nur die Schauspieler ziehen den Spaß durch, wobei Patricia Arquette als Bleibtreus Partnerin kaum wiedererkennbar zurückhaltend agiert. Wenn auch der Humor nicht an den legendären Billy Wilder heranreicht, das „Standing" von Moritz Bleibtreu in dieser internationalen Produktion kann sich sehen lassen.
Auch auf der Pressekonferenz spielt er gut mit: Dass er, aus einer großen Schauspieler-Familie stammend und mit ernstem Theater aufgewachsen, selbst immer ein Komiker sein wollte, nimmt man ihm gerne ab. Auch wenn es zu perfekt zu seiner Rolle als Will Wilder passt, der ein der neue Marlon Brando werden sollte und nun als TV-Hase im Schaumstoffkostüm berühmt ist. „Vijay und ich" läuft am 5. September in Deutschlands Kinos an. Bis dahin wird anscheinend noch eine Menge Regen in den Lago Maggiore fließen, denn während Wettbewerb und Nebensektionen in hunderten neuer Filme eine Reise um die Welt antreten, schaut die deutsche Presse auf den eigenen Bauchnabel. Der heißt „Feuchtgebiete" und läuft Montag im Wettbewerb.
Baltasar Kormákur überraschte mit „2 Guns", der durchaus mit „Pulp Fiction" vergleichbar ist. Der Isländer beigeisterte von „101 Reykjavik" (2000) bis zum aktuellen Kinofilm „The Deep" (2012) eher mit eigenwilligen Arthouse-Werken. Er arbeitete aber auch schon in dem schwächeren Schmugglerfilm „Contraband" (2012) mit Mark Wahlberg zusammen. Nun liefert das Ex-Modell Wahlberg mal wirklich witzige Dialoge ab. Mit einem übercoolen Denzel Washington spielt er ein Pärchen Undercover-Agenten, die allerdings jeweils nichts von der Tarnung des anderen wissen. Als sie in einer kleinen Bank statt der erwarteten drei Millionen eines mexikanischen Drogenbosses gleich 43 Millionen schmutziges Geld der CIA klauen, kommt es zur großen Konfrontation us-amerikanischer Institutionen. CIA, Drogenfahndung, die Navy und andere Gangster schenken sich nichts. Das ist in einer gelungenen Buddy- und Action-Komödie mal eine wirklich originelle Besetzung und gleichzeitig Systemkritik von ganz schwerem Kaliber, die am 3. Oktober ihren deutschen Start hat.
Ein ganz großer der Kinogeschichte machte zuvor seine Aufwartung. Der 91-jährige Christopher Lee, Kino-Ikone als Dracula und Saruman, Darsteller in fast 300, auch anspruchsvolleren Filmen, gab dem 66 Jahre jungen Festival die Ehre. Und kostete die Aufmerksamkeit mit einer großen Würde aus. Lee ließ sich zwar im Rollstuhl zu den Terminen fahren, sprudelte dann aber quicklebendig einige seiner zahllosen Anekdoten aus einem ereignisreichen Leben hervor. Dabei reicht die Spannweite seiner Erfahrungen von Steven Spielberg bis Billy Wilder.
Wilder, sagte jemand Wilder? Will Wilder heißt die Figur von Moritz Bleibtreu in Sam Garbarskis mäßiger Komödie „Vijay und ich" und damit legt der Regisseur von „Irina Palm" die Latte ziemlich hoch. Denn wie der frustrierte Schauspieler Will, der als grünes „Pech-Kaninchen" eine Kinder-TV-Show unsicher macht, vermeintlich stirbt und als Inder verkleidet, erst sein eigenes Begräbnis und dann das Schlafzimmer seiner Frau heimsucht, ist nur als Idee überzeugend. Ausgerechnet Garbarski scheitert in dieser belgisch-deutsch-luxemburgischen Produktion, die auch in NRW gedreht wurde, an der Atmosphäre vieler Szenen. Nur die Schauspieler ziehen den Spaß durch, wobei Patricia Arquette als Bleibtreus Partnerin kaum wiedererkennbar zurückhaltend agiert. Wenn auch der Humor nicht an den legendären Billy Wilder heranreicht, das „Standing" von Moritz Bleibtreu in dieser internationalen Produktion kann sich sehen lassen.
Auch auf der Pressekonferenz spielt er gut mit: Dass er, aus einer großen Schauspieler-Familie stammend und mit ernstem Theater aufgewachsen, selbst immer ein Komiker sein wollte, nimmt man ihm gerne ab. Auch wenn es zu perfekt zu seiner Rolle als Will Wilder passt, der ein der neue Marlon Brando werden sollte und nun als TV-Hase im Schaumstoffkostüm berühmt ist. „Vijay und ich" läuft am 5. September in Deutschlands Kinos an. Bis dahin wird anscheinend noch eine Menge Regen in den Lago Maggiore fließen, denn während Wettbewerb und Nebensektionen in hunderten neuer Filme eine Reise um die Welt antreten, schaut die deutsche Presse auf den eigenen Bauchnabel. Der heißt „Feuchtgebiete" und läuft Montag im Wettbewerb.
7.8.13
42 - Die wahre Geschichte einer Sportlegende
USA 2013 (42) Regie: Brian Helgeland, mit Chadwick Boseman, Harrison Ford, Nicole Beharie, Christopher Meloni, 123 Min. FSK: o.A.
42 ist für Eingeweihte die Antwort auf „die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest", meint Douglas Adams im „Anhalter durch die Galaxis". Etwas enger betrachtet bedeutet die Zahl den Fans des us-amerikanischen Baseballs einen Meilenstein der Gleichberechtigung. Denn mit dieser Rückennummer war Jackie Robinson 1947 der erste schwarze Spieler der zuvor rein weißen Major League. Trotzdem ist „42" kein Nischenfilm für Baseball-Fans oder afroamerikanisches US-Publikum sondern ein ganz großer Film mit universellen Themen, gleich mehreren Oscar-Kandidaten und einem weiteren Beleg für das enorme Können von Regisseur Brian Helgeland („L.A. Confidential", „Sin Eater", „Ritter aus Leidenschaft").
Auch wenn es Spike Lee nicht gefallen wird, ist es der weiße Team-Chef Branch Rickey (Harrison Ford), der das Marktpotential eines schwarzen Baseball-Spielers erkennt. Er weiß aber auch, was den Pionier in einem Land der Rassentrennung erwartet. Übelste Beleidigungen von Publikum, Gegnern und Mitspielern, Rauswürfe aus Hotels und sogar durch einen lokalen Rassisten-Sheriff vom Platz. Obwohl Jackie Robinson (Chadwick Boseman) exzellenter Spieler und kämpferischer Dickkopf ist, fällt die Aufgabe ihm zu. Wie hart es ist, nicht zurückzuschlagen, lässt „42" in der glorifizierenden und sicher auch immer mal verharmlosenden Schilderung von Robinsons Karriere deutlich miterleben. Hauptdarsteller Chadwick Boseman füllt die Rolle mit viel Leben, Charme und Charisma. Die noch bessere Wette auf einen Oscar stellt jedoch Harrison Ford dar, der Branch Rickey als Vaterfigur spielt, die sich nur den Anschein eines zynischen Geschäftsmannes gibt, dann aber als Humanist erweist.
Weitere erstklassige, gut ausgearbeitete Rollen bis hin zum Radio-Kommentator, eindrucksvolle digitale Wiederbelebungen alter Stadien und vor allem Helgeland als exzellenter Filmemacher runden diesen eindrucksvollen Film ab, der nur am Ende in Sport-Routine verfällt. Was vor allem im Gedächtnis bleibt und bewegt sind die großen und kleinen Widerstände gegen alltäglichen Rassismus, der beispielsweise in der Bundesliga auch 75 Jahre später noch zu hören ist.
42 ist für Eingeweihte die Antwort auf „die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest", meint Douglas Adams im „Anhalter durch die Galaxis". Etwas enger betrachtet bedeutet die Zahl den Fans des us-amerikanischen Baseballs einen Meilenstein der Gleichberechtigung. Denn mit dieser Rückennummer war Jackie Robinson 1947 der erste schwarze Spieler der zuvor rein weißen Major League. Trotzdem ist „42" kein Nischenfilm für Baseball-Fans oder afroamerikanisches US-Publikum sondern ein ganz großer Film mit universellen Themen, gleich mehreren Oscar-Kandidaten und einem weiteren Beleg für das enorme Können von Regisseur Brian Helgeland („L.A. Confidential", „Sin Eater", „Ritter aus Leidenschaft").
Auch wenn es Spike Lee nicht gefallen wird, ist es der weiße Team-Chef Branch Rickey (Harrison Ford), der das Marktpotential eines schwarzen Baseball-Spielers erkennt. Er weiß aber auch, was den Pionier in einem Land der Rassentrennung erwartet. Übelste Beleidigungen von Publikum, Gegnern und Mitspielern, Rauswürfe aus Hotels und sogar durch einen lokalen Rassisten-Sheriff vom Platz. Obwohl Jackie Robinson (Chadwick Boseman) exzellenter Spieler und kämpferischer Dickkopf ist, fällt die Aufgabe ihm zu. Wie hart es ist, nicht zurückzuschlagen, lässt „42" in der glorifizierenden und sicher auch immer mal verharmlosenden Schilderung von Robinsons Karriere deutlich miterleben. Hauptdarsteller Chadwick Boseman füllt die Rolle mit viel Leben, Charme und Charisma. Die noch bessere Wette auf einen Oscar stellt jedoch Harrison Ford dar, der Branch Rickey als Vaterfigur spielt, die sich nur den Anschein eines zynischen Geschäftsmannes gibt, dann aber als Humanist erweist.
Weitere erstklassige, gut ausgearbeitete Rollen bis hin zum Radio-Kommentator, eindrucksvolle digitale Wiederbelebungen alter Stadien und vor allem Helgeland als exzellenter Filmemacher runden diesen eindrucksvollen Film ab, der nur am Ende in Sport-Routine verfällt. Was vor allem im Gedächtnis bleibt und bewegt sind die großen und kleinen Widerstände gegen alltäglichen Rassismus, der beispielsweise in der Bundesliga auch 75 Jahre später noch zu hören ist.
6.8.13
Wochenendkrieger
BRD 2012 Regie: Andreas Geiger mit Nicole Busch, Chris Fano, Sven Fronecke, Gregor Knape, Dirk Neumann, 94 Min.
Die Dokumentation porträtiert fünf Menschen die in ihren Identitäten zwischen Alltag und Mythos wechseln. Jedes Wochenende tauchen sie ein in die Fantasy- Welt der Live-Rollenspiele mitten in den deutschen Wäldern, wo sie in einem Laienspiel den trivialen Kampf von gut Gut gegen Böse nachstellen. Ihr Alltag sieht im Gegensatz zu bunten Kostümen oft grau aus. So grau wie DDR-Wohnungen mit Trabi im Garten der Elfenkönigin Lenora. Oder auch mal grün wie beim Dirk, Herrscher der Untoten, der im Alltag ein Sekretär der Grünen-Fraktion im Bundestag ist. Er formuliert es klar: In den Sitzungen würde er gerne mal den Mund aufmachen, aber darf nur Protokoll führen.
Die Biologie-Lehrerin Chris, die unter ihren verschiedenen Fantasy-Rollen auch die Eisprinzessin hat, hat über das Spiel ihre Schüchternheit verloren. Klar, aber wie das Spiel funktioniert und was die Faszination dabei ist, bleibt verschlossen in der nur netten Doku. Die Erzählung eines Kriegszuges als roter Faden und einige Spielszenen der Fantasy-Laien werden zu ernst genommen und ermüden auf Dauer. Selbst den vermeintlichen Stars dieser Szene will man nicht allzu lange folgen.
Die Dokumentation porträtiert fünf Menschen die in ihren Identitäten zwischen Alltag und Mythos wechseln. Jedes Wochenende tauchen sie ein in die Fantasy- Welt der Live-Rollenspiele mitten in den deutschen Wäldern, wo sie in einem Laienspiel den trivialen Kampf von gut Gut gegen Böse nachstellen. Ihr Alltag sieht im Gegensatz zu bunten Kostümen oft grau aus. So grau wie DDR-Wohnungen mit Trabi im Garten der Elfenkönigin Lenora. Oder auch mal grün wie beim Dirk, Herrscher der Untoten, der im Alltag ein Sekretär der Grünen-Fraktion im Bundestag ist. Er formuliert es klar: In den Sitzungen würde er gerne mal den Mund aufmachen, aber darf nur Protokoll führen.
Die Biologie-Lehrerin Chris, die unter ihren verschiedenen Fantasy-Rollen auch die Eisprinzessin hat, hat über das Spiel ihre Schüchternheit verloren. Klar, aber wie das Spiel funktioniert und was die Faszination dabei ist, bleibt verschlossen in der nur netten Doku. Die Erzählung eines Kriegszuges als roter Faden und einige Spielszenen der Fantasy-Laien werden zu ernst genommen und ermüden auf Dauer. Selbst den vermeintlichen Stars dieser Szene will man nicht allzu lange folgen.
Trance
GB 2013 (Trance) Regie: Danny Boyle, mit James McAvoy, Vincent Cassel, Rosario Dawson, 101 Min.
Danny Boyles reiches und abwechslungsreiches Regie-Schaffen spannt sich von „Trainspotting", einem Kultfilm der Neunziger, bis zu „Slumdog Millionär", der indischen Hollywood-Sensation, die gleich acht Oscars einheimste. Dass auch „Trance" trotz erkennbarer Handschrift und Tonspur wieder überrascht, liegt an der äußerst raffinierten Geschichte mit ihren vielen Wendungen: Über eine flotte Schnitt- und Szenenfolge landen wir mitten in einem großen Kunstraub. Gerade wurde Goyas wunderbares Gemälde „Flug der Hexen" für 25 Millionen bei einem Londoner Auktionator versteigert, da dringen Gangster ins Gebäude ein, werfen Gasgranaten und zerstören die Überwachungsanlagen. Simon (James McAvoy), ein junger Kunstauktionator und Erzähler dieser Szene, verfährt nach Protokoll, schnappt sich das Bild, verstaut es in einer Spezialtasche und will es in einen Safe mit Zeitschloss schmeißen. Doch davor wartet schon Gangster Franck (Vincent Cassel), anscheinend Masterbrain des Kunstraubes. Als Franck jedoch Simon mit dem Kolben seines Gewehrs ko schlägt, geht in dessen Gehirn etwas schief.
Denn schnell zeigt sich eine nächste Schicht unter dem vermeintlichen Überfall. Simon arbeitete eigentlich mit den Gangstern zusammen, beraubte aber im Chaos selbst die Räuber und weiß nun nach dem Schlag auf den Kopf nicht mehr, wo er die wertvolle Leinwand versteckte. Da selbst das blutige Ziehen der Fingernägel dem Gedächtnis nicht nachhilft, versuchen sie es mit Hypnose. Die zufällig ausgewählte Elizabeth Lamb (Rosario Dawson) wird über ein witziges Medley von Ängsten und Problemchen als exzellente Spezialistin vorgestellt. Sofort durchschaut sie aber auch die seltsame Situation, dass Simon nicht wirklich seine Autoschlüssel sucht und dass die Sitzung über ein verstecktes Mikrophon Mithörer hat. Nach noch einer überraschenden Wende gibt die resolute und kluge Elizabeth plötzlich dem knallharten Gangsterboss Franck die Anweisungen: Damit Simon sich erinnert, brauche er Vertrauen, er befürchte - wieso nur? - von der Gang umgebracht zu werden. Deshalb erzählen die harten Kerle nicht nur von ihren schlimmsten Ängsten, sie geben Simon sogar die Kontrolle, vermittels eines Kode-Wortes diese in den Gruppensitzungen aufzurufen! Elizabeth sitzt nun wie eine strenge Lehrerin den schweren Jungs vor.
Es ist schon sensationell, wie Boyle es schafft, selbst bei solch aberwitzig komischen Situationen die Spannung der „Trance" enorm hoch zu halten. Überraschungen gibt es weiterhin in einer zeitweise schwindelerregend raschen Folge. Manchmal verliert Simon die Übersicht, ob er wacht oder träumt. Bild-Spielereien mit Glas und Spiegeln verstärken diesen faszinierenden Effekt. Dabei eröffnet sich die Erinnerung schließlich sehr technik-originell in Form eines iPad.
Dass „Trance" ein Danny Boyle-Film ist, machen Musik, die schräge Kamera sowie ungewöhnliche Perspektiven von Kamerameister Anthony Dod Mantle, knallige Farben und Sounds schnell klar. Ansonsten zeigt sich das gelungene Verwirrspiel von einer einzigartigen Raffinesse. Die letzte große Überraschung darf nicht verraten werden, doch sie schafft es dem schon längst packenden Gangsterfilm eine ganz andere, menschliche Dimension zu geben. Auch wenn vielleicht eine logische Frage offen bleibt, das verstärkt nur die Vorfreude auf eine nochmalige Doyle-Trance.
Danny Boyles reiches und abwechslungsreiches Regie-Schaffen spannt sich von „Trainspotting", einem Kultfilm der Neunziger, bis zu „Slumdog Millionär", der indischen Hollywood-Sensation, die gleich acht Oscars einheimste. Dass auch „Trance" trotz erkennbarer Handschrift und Tonspur wieder überrascht, liegt an der äußerst raffinierten Geschichte mit ihren vielen Wendungen: Über eine flotte Schnitt- und Szenenfolge landen wir mitten in einem großen Kunstraub. Gerade wurde Goyas wunderbares Gemälde „Flug der Hexen" für 25 Millionen bei einem Londoner Auktionator versteigert, da dringen Gangster ins Gebäude ein, werfen Gasgranaten und zerstören die Überwachungsanlagen. Simon (James McAvoy), ein junger Kunstauktionator und Erzähler dieser Szene, verfährt nach Protokoll, schnappt sich das Bild, verstaut es in einer Spezialtasche und will es in einen Safe mit Zeitschloss schmeißen. Doch davor wartet schon Gangster Franck (Vincent Cassel), anscheinend Masterbrain des Kunstraubes. Als Franck jedoch Simon mit dem Kolben seines Gewehrs ko schlägt, geht in dessen Gehirn etwas schief.
Denn schnell zeigt sich eine nächste Schicht unter dem vermeintlichen Überfall. Simon arbeitete eigentlich mit den Gangstern zusammen, beraubte aber im Chaos selbst die Räuber und weiß nun nach dem Schlag auf den Kopf nicht mehr, wo er die wertvolle Leinwand versteckte. Da selbst das blutige Ziehen der Fingernägel dem Gedächtnis nicht nachhilft, versuchen sie es mit Hypnose. Die zufällig ausgewählte Elizabeth Lamb (Rosario Dawson) wird über ein witziges Medley von Ängsten und Problemchen als exzellente Spezialistin vorgestellt. Sofort durchschaut sie aber auch die seltsame Situation, dass Simon nicht wirklich seine Autoschlüssel sucht und dass die Sitzung über ein verstecktes Mikrophon Mithörer hat. Nach noch einer überraschenden Wende gibt die resolute und kluge Elizabeth plötzlich dem knallharten Gangsterboss Franck die Anweisungen: Damit Simon sich erinnert, brauche er Vertrauen, er befürchte - wieso nur? - von der Gang umgebracht zu werden. Deshalb erzählen die harten Kerle nicht nur von ihren schlimmsten Ängsten, sie geben Simon sogar die Kontrolle, vermittels eines Kode-Wortes diese in den Gruppensitzungen aufzurufen! Elizabeth sitzt nun wie eine strenge Lehrerin den schweren Jungs vor.
Es ist schon sensationell, wie Boyle es schafft, selbst bei solch aberwitzig komischen Situationen die Spannung der „Trance" enorm hoch zu halten. Überraschungen gibt es weiterhin in einer zeitweise schwindelerregend raschen Folge. Manchmal verliert Simon die Übersicht, ob er wacht oder träumt. Bild-Spielereien mit Glas und Spiegeln verstärken diesen faszinierenden Effekt. Dabei eröffnet sich die Erinnerung schließlich sehr technik-originell in Form eines iPad.
Dass „Trance" ein Danny Boyle-Film ist, machen Musik, die schräge Kamera sowie ungewöhnliche Perspektiven von Kamerameister Anthony Dod Mantle, knallige Farben und Sounds schnell klar. Ansonsten zeigt sich das gelungene Verwirrspiel von einer einzigartigen Raffinesse. Die letzte große Überraschung darf nicht verraten werden, doch sie schafft es dem schon längst packenden Gangsterfilm eine ganz andere, menschliche Dimension zu geben. Auch wenn vielleicht eine logische Frage offen bleibt, das verstärkt nur die Vorfreude auf eine nochmalige Doyle-Trance.
This is the end
USA 2013 Regie: Seth Rogen, Evan Goldberg, mit James Franco, Jonah Hill, Seth Rogen, Jay Baruchel, Danny McBride, Rihanna, Emma Watson ca. 95 Min.
„Das ist das Letzte!" - so lautet ganz offiziell der eigentliche Titel dieser filmischen Energie- und Zeitverschwendung: Die angesagten Schauspieler Jonah Hill, Seth Rogen und Jay Baruchel tun so, als geben sie sich ganz persönlich und verhalten sich in ihrem angeblich wirklichen Leben wie Kinder. Wie sehr reiche und reichlich beschränkte Kinder. Dazu gibt es auch noch ein paar ernsthafte und bessere Darsteller wie James Franco und Emma Watson, die bei einer drogen- und alkohol-verseuchten Party mitmachen. Ein ganzer Tisch voller Gras und Joint ist die Überraschung, mit der Seth (Rogen) seinen Freund Jay (Baruchel) begrüßt. Während man sich wieder mal Gedanken über den Untergang der Kultur des Abendlandes macht, geht im Film wenigstens Los Angeles den Bach runter: Vor der Villa von James Franco (James Franco) toben Erdbeben, brechen Vulkane aus und Wesen der Unterwelt verspeisen jeden, der nicht bei drei in Francos Keller hockt. Und wenn die Verzweiflung (im Kino) am größten ist, schweben haufenweise Menschen in den Nachthimmel. Leider die Falschen: denn unsere bekannten untalentierten Schauspieler bleiben uns noch eine Stunde Filmqual lang erhalten. Dass sie eine Himmelfahrt erlösen soll, ist so hirnrissig wie der Rest. Dieser Kinobesuch bleibt ein Himmelfahrtskommando.
Unter all den oft seltsamen Versuchen, von Schauspielern sich dokumentarisch selbst darzustellen (siehe Joaquim Phoenix' Mocumentary „I'm Still Here"), ist dies der blödeste. Produzent, Autor, Regisseur und Blödeldarsteller Seth Rogen hat Nachgespräche und einen Nachdreh zum eigenen Film „Ananas Express". Dazwischen In-Dialoge, die entweder dämlich sein sollen oder bemühten Small Talk als dämlich bloßstellen wollen. Und dann parodieren sie alle ein paar Katastrophenfilme. Sollen essentielle Sätze wie „Ich will nicht in James Francos Haus sterben" witzig sein? Dass ausgerechnet der ausgezeichnete James Franco einen Haufen unwichtiger Darsteller beherbergt, ist jedenfalls irritierend wie eine Möbius-Schleife in dieser kläglichen Kammerspiel-Klamotten-Apokalypse.
„Das ist das Letzte!" - so lautet ganz offiziell der eigentliche Titel dieser filmischen Energie- und Zeitverschwendung: Die angesagten Schauspieler Jonah Hill, Seth Rogen und Jay Baruchel tun so, als geben sie sich ganz persönlich und verhalten sich in ihrem angeblich wirklichen Leben wie Kinder. Wie sehr reiche und reichlich beschränkte Kinder. Dazu gibt es auch noch ein paar ernsthafte und bessere Darsteller wie James Franco und Emma Watson, die bei einer drogen- und alkohol-verseuchten Party mitmachen. Ein ganzer Tisch voller Gras und Joint ist die Überraschung, mit der Seth (Rogen) seinen Freund Jay (Baruchel) begrüßt. Während man sich wieder mal Gedanken über den Untergang der Kultur des Abendlandes macht, geht im Film wenigstens Los Angeles den Bach runter: Vor der Villa von James Franco (James Franco) toben Erdbeben, brechen Vulkane aus und Wesen der Unterwelt verspeisen jeden, der nicht bei drei in Francos Keller hockt. Und wenn die Verzweiflung (im Kino) am größten ist, schweben haufenweise Menschen in den Nachthimmel. Leider die Falschen: denn unsere bekannten untalentierten Schauspieler bleiben uns noch eine Stunde Filmqual lang erhalten. Dass sie eine Himmelfahrt erlösen soll, ist so hirnrissig wie der Rest. Dieser Kinobesuch bleibt ein Himmelfahrtskommando.
Unter all den oft seltsamen Versuchen, von Schauspielern sich dokumentarisch selbst darzustellen (siehe Joaquim Phoenix' Mocumentary „I'm Still Here"), ist dies der blödeste. Produzent, Autor, Regisseur und Blödeldarsteller Seth Rogen hat Nachgespräche und einen Nachdreh zum eigenen Film „Ananas Express". Dazwischen In-Dialoge, die entweder dämlich sein sollen oder bemühten Small Talk als dämlich bloßstellen wollen. Und dann parodieren sie alle ein paar Katastrophenfilme. Sollen essentielle Sätze wie „Ich will nicht in James Francos Haus sterben" witzig sein? Dass ausgerechnet der ausgezeichnete James Franco einen Haufen unwichtiger Darsteller beherbergt, ist jedenfalls irritierend wie eine Möbius-Schleife in dieser kläglichen Kammerspiel-Klamotten-Apokalypse.
Lone Ranger
USA 2013 (Lone Ranger) Regie: Gore Verbinski, mit Johnny Depp, Armie Hammer, Helena Bonham Carter, Tom Wilkinson, William Fichtner, 130 Min.
„Pirates of the Caribbean" auf dem Trockenen: Johnny Depp ändert seine Schminke minimal und schon reitet er ebenso wirr wahnsinnig wie Captain Jack Sparrow auf den Wellen nun als albern tragische Rothaut mit Vogel durchs Death Valley. Piraten-Produzent Jerry Bruckheimer und -Regisseur Gore Verbinski variierten auch die Handlung nur minimal, gingen mit dem alten Western-Comic "Lone Ranger" sehr spaßig locker um, mischten etwas "Lied vom Tod" hinein und fertig ist ein äußerst unterhaltsamer Kinohit, dem es gut tut, dass der extrem laute Materialverschleißer Bruckheimer in der staubigen Prärie nicht so viel zum Raumschmeißen hat.
Ein klassischer Western aus letzten Phase der us-amerikanischen Pionier-Zeit: Für Bodenschätze sind Land, Ehre und Prinzipien längst verschachert, Indianer und Büffel fast alle abgeschlachtet. Aber die Eisenbahn kommt pünktlich zum Zusammenschluss von Ost- und West des Halbkontinents. An diesem Schnittpunkt von Technik- und anderer Geschichte landet 1869 John Reid (Armie Hammer) als Mann des Gesetzes, der trotz staub- und blei-geschwängerter Luft keine Waffe benutzen will. Sein älterer Bruder hat den Job des Texas Rangers, dazu Johns ehemalige Geliebte Rebecca als Frau. Doch alle Gesetzeshüter sterben in einem klassischen Canyon-Hinterhalt des in jeder Hinsicht fiesen Outlaws Bud Cavendish. Nur John wird vom sehr seltsamen Indianer Tonto (Johnny Depp) gerettet. Oder eigentlich ist es ein mythisches, weißes Pferd, das dieses Bleichgesicht weiterleben lässt. Was zu aberwitzigen Diskussionen des edlen Gauls mit dem edlen Wilden führt. Trotzdem sorgen Ketten und andere Fährnisse des Schicksals dafür, dass John und Tonto aneinander gebunden bleiben. Mit viel Widerwillen des neuen, einsamen „Lone Rangers", der sich auch zu der für ihn typischen Maske überreden lassen muss und damit fortan den Dauer-Spot des Films ertragen muss: „Was soll eigentlich diese Maske?"
Schnell merkt man in der rückblickenden Rahmenerzählung und der ebenso komischen wie abenteuerlichen Handlung, dass „Lone Ranger" die alten Jungs-Comics nicht ganz ernst nimmt: Die „Lone Ranger"-Markenzeichen von Held mit Ross auf Hinterbeinen kommentiert Tonto trocken: „Mach das bloß nie wieder!" Johnny Depp gibt auch hier die eigentliche Hauptfigur so unverwechselbar, dass er ebenso sein Piraten-Outfit hätte tragen können. Der nicht nur wegen Maske gesichtslose Held Reid/Hammer muss sich noch hinter eindrucksvolle Nebendarsteller wie Tom Wilkinson als böser Geist der kapitalistischen Gier oder Helena Bonham Carter als Bordell-Chefin mit scharf schießendem Elfenbein-Bein einreihen.
Bruckheimer und Verbinski, deren Spezialität eher das laute Zerstören von möglichst vielen, möglichst großen Dingen ist, halten sich angenehm zurück. Nur mit der Eisenbahn müssen sie gleich zweimal aufwendig spielen, dabei Zugraub und -Verfolgungsjagd in einem gewaltigen Spektakel unter Begleitung des Radetzky-Marsches (!) zusammenknallen lassen. Ebenso wenig dezent gerieten die „Spiel mir das Lied vom Tod"-Zitate, bei denen eine Taschen-Uhr die Mundharmonika ersetzt. Immerhin zeigt die Aktien-Action rund um Land- und Silberraub recht raffiniert schon früh, wo es lang geht mit diesen Vereinigten Staaten. „Lone Ranger" ist ein Comic-Spaß, der den amerikanischen Traum von der Gier verkauft und ansonsten problemlos unterhält.
„Pirates of the Caribbean" auf dem Trockenen: Johnny Depp ändert seine Schminke minimal und schon reitet er ebenso wirr wahnsinnig wie Captain Jack Sparrow auf den Wellen nun als albern tragische Rothaut mit Vogel durchs Death Valley. Piraten-Produzent Jerry Bruckheimer und -Regisseur Gore Verbinski variierten auch die Handlung nur minimal, gingen mit dem alten Western-Comic "Lone Ranger" sehr spaßig locker um, mischten etwas "Lied vom Tod" hinein und fertig ist ein äußerst unterhaltsamer Kinohit, dem es gut tut, dass der extrem laute Materialverschleißer Bruckheimer in der staubigen Prärie nicht so viel zum Raumschmeißen hat.
Ein klassischer Western aus letzten Phase der us-amerikanischen Pionier-Zeit: Für Bodenschätze sind Land, Ehre und Prinzipien längst verschachert, Indianer und Büffel fast alle abgeschlachtet. Aber die Eisenbahn kommt pünktlich zum Zusammenschluss von Ost- und West des Halbkontinents. An diesem Schnittpunkt von Technik- und anderer Geschichte landet 1869 John Reid (Armie Hammer) als Mann des Gesetzes, der trotz staub- und blei-geschwängerter Luft keine Waffe benutzen will. Sein älterer Bruder hat den Job des Texas Rangers, dazu Johns ehemalige Geliebte Rebecca als Frau. Doch alle Gesetzeshüter sterben in einem klassischen Canyon-Hinterhalt des in jeder Hinsicht fiesen Outlaws Bud Cavendish. Nur John wird vom sehr seltsamen Indianer Tonto (Johnny Depp) gerettet. Oder eigentlich ist es ein mythisches, weißes Pferd, das dieses Bleichgesicht weiterleben lässt. Was zu aberwitzigen Diskussionen des edlen Gauls mit dem edlen Wilden führt. Trotzdem sorgen Ketten und andere Fährnisse des Schicksals dafür, dass John und Tonto aneinander gebunden bleiben. Mit viel Widerwillen des neuen, einsamen „Lone Rangers", der sich auch zu der für ihn typischen Maske überreden lassen muss und damit fortan den Dauer-Spot des Films ertragen muss: „Was soll eigentlich diese Maske?"
Schnell merkt man in der rückblickenden Rahmenerzählung und der ebenso komischen wie abenteuerlichen Handlung, dass „Lone Ranger" die alten Jungs-Comics nicht ganz ernst nimmt: Die „Lone Ranger"-Markenzeichen von Held mit Ross auf Hinterbeinen kommentiert Tonto trocken: „Mach das bloß nie wieder!" Johnny Depp gibt auch hier die eigentliche Hauptfigur so unverwechselbar, dass er ebenso sein Piraten-Outfit hätte tragen können. Der nicht nur wegen Maske gesichtslose Held Reid/Hammer muss sich noch hinter eindrucksvolle Nebendarsteller wie Tom Wilkinson als böser Geist der kapitalistischen Gier oder Helena Bonham Carter als Bordell-Chefin mit scharf schießendem Elfenbein-Bein einreihen.
Bruckheimer und Verbinski, deren Spezialität eher das laute Zerstören von möglichst vielen, möglichst großen Dingen ist, halten sich angenehm zurück. Nur mit der Eisenbahn müssen sie gleich zweimal aufwendig spielen, dabei Zugraub und -Verfolgungsjagd in einem gewaltigen Spektakel unter Begleitung des Radetzky-Marsches (!) zusammenknallen lassen. Ebenso wenig dezent gerieten die „Spiel mir das Lied vom Tod"-Zitate, bei denen eine Taschen-Uhr die Mundharmonika ersetzt. Immerhin zeigt die Aktien-Action rund um Land- und Silberraub recht raffiniert schon früh, wo es lang geht mit diesen Vereinigten Staaten. „Lone Ranger" ist ein Comic-Spaß, der den amerikanischen Traum von der Gier verkauft und ansonsten problemlos unterhält.
Gloria
Spanien/Chile 2012 (Gloria) Regie: Sebastián Lelio, mit Paulina García, Sergio Hernández, 110 Min.
Das fesselnd ungewöhnliche Porträt „Gloria" lebt von seiner Hauptdarstellerin Paulina García, die für ihre vielschichtige und intensive Figurenzeichnung im Februar verdientermaßen den silbernen Bären der diesjährigen Berlinale
gewann. Allein über ihr Gesicht könnte man ohne Ende reden: Das einer lustvollen, lebendigen Frau oder einer seltsamen, älteren Dame? Ist es jung oder müde? Und wie alt ist Gloria eigentlich? Ihre beiden Kinder sind erwachsen, die schwangere Tochter will zu ihrem Freund nach Schweden ziehen. Die geschiedene Gloria scheint derweil das Nachtleben von Santiago de Chile zu genießen. Schick angezogen geht sie in Bars und zum Tanzen, macht Männer, die viel älter als sie selbst wirken, auf sich aufmerksam. Vor allem wenn sie mit großer Lust tanzt, lebt Gloria auf und ihr Gesicht wirkt trotz dieser unmöglichen Riesenbrille wieder wie das eines jungen Mädchens.
Irgendwann trifft sie auf den sieben Jahre älteren Rodolfo, der ihr schöne Liebesgedichte vorliest. Eine Beziehung wächst, auch hier verhalten sich die Senioren plötzlich wie Teenager. Kleine Geständnisse, die Unsicherheit und die Leidenschaft im Bett. Rodolfo zeigt Gloria seinen Fun-Park mit der Paintball-Arena. Der Familie mit den erwachsenen, aber furchtbar unselbständigen Töchtern stellt er Gloria jedoch nicht vor. Die stören nur immer wieder mit ihren Anrufen. Gloria hingegen nimmt Rodolfo mit zum Geburtstag des Sohnes. Als es mit Ex-Mann und Familienerinnerungen dort allerdings zu intim wird, verschwindet der neue Freund spurlos. Die enttäuschte Frau bricht den Kontakt ab, woraufhin sich der Grauhaarige wie ein kleiner Junge verhält...
Nur vordergründig ist „Gloria" eine Beziehungsgeschichte mit den Hoffnungen auf ein neues Glück und dem Weitermachen nach der Enttäuschung. Regisseur Sebastián Lelio konzentriert sich ganz auf seine Titelfigur und die macht auch die ganze Faszination des mit kleinen Details fesselnden Films aus. Selbstverständlich passiert auch einiges um Gloria herum. Der laute und aggressive Junkie aus der Wohnung über ihr verliert ein Päckchen mit Gras und spät entdeckt die Frau diese Möglichkeit der Entspannung. Fast zu spät kommt allerdings auch die Entdeckung einer Augenkrankheit, die vielleicht die Eulen-Brille erklärt. Doch all dies spiegelt vor allem eine Entwicklung zu größerer Offenheit und eine Emanzipation von Bild und Blick der anderen. Wenn Gloria schließlich zur schnulzigen Titelhymne „Gloria" ohne Brille auf die Tanzfläche voller Freunde geht, ist das irritierend, aber auch berauschend im Glück einer neuen Freiheit. Doch wie das Gesicht von Paulina García und wie der Film überhaupt bleibt auch diese Szene offen, auf einzigartige und selten gute Weise. „Gloria", Gloria und García sind eine dreifaltige Offenbarung des Kinos, die man auf keinen Fall verpassen sollte.
Das fesselnd ungewöhnliche Porträt „Gloria" lebt von seiner Hauptdarstellerin Paulina García, die für ihre vielschichtige und intensive Figurenzeichnung im Februar verdientermaßen den silbernen Bären der diesjährigen Berlinale
gewann. Allein über ihr Gesicht könnte man ohne Ende reden: Das einer lustvollen, lebendigen Frau oder einer seltsamen, älteren Dame? Ist es jung oder müde? Und wie alt ist Gloria eigentlich? Ihre beiden Kinder sind erwachsen, die schwangere Tochter will zu ihrem Freund nach Schweden ziehen. Die geschiedene Gloria scheint derweil das Nachtleben von Santiago de Chile zu genießen. Schick angezogen geht sie in Bars und zum Tanzen, macht Männer, die viel älter als sie selbst wirken, auf sich aufmerksam. Vor allem wenn sie mit großer Lust tanzt, lebt Gloria auf und ihr Gesicht wirkt trotz dieser unmöglichen Riesenbrille wieder wie das eines jungen Mädchens.
Irgendwann trifft sie auf den sieben Jahre älteren Rodolfo, der ihr schöne Liebesgedichte vorliest. Eine Beziehung wächst, auch hier verhalten sich die Senioren plötzlich wie Teenager. Kleine Geständnisse, die Unsicherheit und die Leidenschaft im Bett. Rodolfo zeigt Gloria seinen Fun-Park mit der Paintball-Arena. Der Familie mit den erwachsenen, aber furchtbar unselbständigen Töchtern stellt er Gloria jedoch nicht vor. Die stören nur immer wieder mit ihren Anrufen. Gloria hingegen nimmt Rodolfo mit zum Geburtstag des Sohnes. Als es mit Ex-Mann und Familienerinnerungen dort allerdings zu intim wird, verschwindet der neue Freund spurlos. Die enttäuschte Frau bricht den Kontakt ab, woraufhin sich der Grauhaarige wie ein kleiner Junge verhält...
Nur vordergründig ist „Gloria" eine Beziehungsgeschichte mit den Hoffnungen auf ein neues Glück und dem Weitermachen nach der Enttäuschung. Regisseur Sebastián Lelio konzentriert sich ganz auf seine Titelfigur und die macht auch die ganze Faszination des mit kleinen Details fesselnden Films aus. Selbstverständlich passiert auch einiges um Gloria herum. Der laute und aggressive Junkie aus der Wohnung über ihr verliert ein Päckchen mit Gras und spät entdeckt die Frau diese Möglichkeit der Entspannung. Fast zu spät kommt allerdings auch die Entdeckung einer Augenkrankheit, die vielleicht die Eulen-Brille erklärt. Doch all dies spiegelt vor allem eine Entwicklung zu größerer Offenheit und eine Emanzipation von Bild und Blick der anderen. Wenn Gloria schließlich zur schnulzigen Titelhymne „Gloria" ohne Brille auf die Tanzfläche voller Freunde geht, ist das irritierend, aber auch berauschend im Glück einer neuen Freiheit. Doch wie das Gesicht von Paulina García und wie der Film überhaupt bleibt auch diese Szene offen, auf einzigartige und selten gute Weise. „Gloria", Gloria und García sind eine dreifaltige Offenbarung des Kinos, die man auf keinen Fall verpassen sollte.
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