30 Jahre Koersdirektor Leo van Vliet  (Tom Dumoulin übernimmt von Leo van Vliet) Am 10. Mai 2026 feiert die Sport-Dokumentation „De magie van de Amstel Gold Race – Leo’s laatste ronde“ im Heerlener Royal-Kino im Rahmen des „Dutch Mountain Fiets Film Festival“ (DMFFF) Premiere. Der Film zeichnet ein nahes, durchweg sympathisches Porträt von Leo van Vliet, der das einzige niederländische WorldTour‑Eintagesrennen drei Jahrzehnte lang geprägt hat. Von 1996 bis 2026 war er Koersdirektor – eine Ära, die der Film mit großer Zuneigung, aber ohne kritische Schärfe nacherzählt. Er begleitet van Vliet auf seinen letzten Wegen rund um den Cauberg und durch Limburgs Radsportlandschaft. Die Dokumentation blättert durch van Vliets Geschichte wie durch ein persönliches Album. Sie besucht „seinen“ Platz im Ferienhauspark auf dem Cauberg, zeigt ihn im Gespräch mit Wegbegleitern und lässt ihn durch die Orte wandern, die sein Berufsleben bestimmt haben. Für den Autor dieser Zeilen verbindet sich die Dokumentation mit einer eigenen Erinnerung: Bei einem Event von „Limburg Crossboarder Cycling“ saß er selbst neben van Vliet, der damals sichtbar mit der Entscheidung rang, das Ziel erneut zu verlegen. Die Verschiebung vom Cauberg nach Vilt erwies sich später als kluger Schritt, weil das Rennen dadurch an Attraktivität gewann und die Entscheidung nicht mehr bis zum allerletzten Meter hinausgezögert wurde. Solche Momente der Weitsicht tauchen im Film immer wieder auf, ohne dass sie laut betont würden. Auch van Vliets eigene Karriere als Fahrer wird liebevoll nachgezeichnet. Er erscheint als Teamplayer im legendären TI‑Raleigh‑Rennstall von Peter Post, an der Seite von Jan Raas und Gerrie Knetemann, mit einer Mischung aus Respekt und Furcht vor dem Mannschaftszeitfahren mit diesen dominanten Figuren. Seine beste Platzierung im Amstel Gold Race war ein achter Platz – kein Wunder, wenn man bedenkt, dass Raas das Rennen in jener Zeit mit fünf Siegen in das „Amstel Gold Raas“ verwandelte. Ein großer Reiz des Films liegt in der Einbettung in die regionale Radsportkultur. Rund um den gefürchteten Cauberg und das „berühmteste Dorf der Rad-Welt“ Valkenburg entsteht ein atmosphärisches Bild, das zeigt, wie sehr dieses Rennen Teil der Identität Limburgs geworden ist. Van Vliet erscheint als Organisator ohne Starallüren, der überall freundlich begrüßt wird und offensichtlich bis heute ein Teamplayer geblieben ist. Der Film zeigt ihn bei tausend kleinen Aufgaben: bei einem Spaß-Zeitfahren am Cauberg, beim Entfernen von Verkehrs-Mobiliar von der Strecke, bei organisatorischen Details, die sonst niemand wahrnimmt. Gleichzeitig erinnert er an existenzielle Herausforderungen wie die BSE‑Krise oder die Corona-Pandemie, die einschneidende Maßnahmen erforderten, um das Rennen überhaupt durchführen zu können. Auch die Tourenfahrer-Version mit ihren 15.000 Teilnehmenden findet ihren Platz und unterstreicht die enorme Breitenwirkung des Events. Begleitet wird van Vliet im letzten Jahr seiner Amtszeit von Regisseur Bernard Krikke, der in diesem Jahr voller Huldigungen und Begegnungen stets an seiner Seite ist. Ein Veteranentreffen des alten TI‑Raleigh‑Teams setzt einen weiteren warmen Akzent. Die Nachfolge ist bereits geregelt: Der populäre Giro‑Sieger Tom Dumoulin und Roy Packbier übernehmen künftig die Verantwortung – ein Übergang, den der Film ruhig und ohne Pathos markiert. Auffällig ist, dass die vom radaffinen Regionalsender L1 (Redaktion Jelle Kleinen) co-produzierte Dokumentation konsequent positiv bleibt. Kleine Misstöne – etwa der Windschatten, den der spätere Sieger Tadej Pogacar einst hinter dem Rennleiterwagen erhielt – werden nicht thematisiert. Auch emotional bleibt der Film eher sachlich, obwohl van Vliet selbst durchaus zu Tränen neigt. Die Regie entscheidet sich für Zurückhaltung, was einerseits sympathisch wirkt, andererseits aber verhindert, dass der Film größere Tiefe oder Reibung entwickelt. Spektakuläre Rennbilder sucht man vergeblich; stattdessen folgt die Kamera einem bodenständigen Menschen zu Fuß durch seine Welt. Am Ende bleibt eine nette, respektvolle Vorstellung eines der größten Sportereignisse der Region und seines unersetzlichen Organisators. Die Dokumentation ist kein kritisches Werk, sondern eine liebevolle Verabschiedung. Sie zeigt, warum so viele Menschen Leo van Vliet dankbar sind – und warum sein Abschied eine Zäsur darstellt. https://www.dmff.eu/films/de-magie-van-de-amstel-gold-race-leos-laatste-ronde/ De magie van de Amstel Gold Race - Leo's laatste ronde * Dutch Mountain Film Festival dmff.eu https://www.dmff.eu/events/dmff-fiets/ DMFF Fiets dmff.eu Disclaimer: Der Autor dieser Kritik wurde selbst bei einem Open‑Zeitfahren mit Profis am Cauberg Achter – hinter dem bekannten Aachener Bergfahrer Roger Uhle.
7.4.26
27.1.26
Little Trouble Girls
„Little Trouble Girls" ist ein sommerliches Coming-of-Age-Drama, das vor allem sinnlich erfahren wird. Die slowenische Regisseurin Urška Djukić komponierte es wie ein vielstimmiges Chorstück: Jede Szene, jedes Geräusch, jeder Blick fügt sich zu einem vibrierenden Geflecht aus Sinnlichkeit, Spiritualität und jugendlicher Verwirrung.
Schon die Eröffnung – ein Ohr, das die vielen kleinen Geräusche der Messe in einer Mädchenschule aufsaugt – macht klar, dass dieser Film stark über das genaue Hören und Beobachten erzählt. Im Zentrum steht die 16-jährige Lucija (großartig gespielt von Jara Sofija Ostan), deren verträumten Blick die Kamera liebevoll einfängt. Sie verliebt sich sofort in die Neue: Ana-Marja, selbstbewusst, mit Lippenstift und orangefarbenem Pullover. Zuhause wacht eine strenge Mutter, doch im Kloster, wo der Chor probt, öffnen sich Räume, in denen Lucija erstmals ihren eigenen Körper und Sexualität wahrnimmt.
Djukić arbeitet mit einer poetischen Bildsprache, die nie plump wird. Schnitte auf Rosenknospen, auf eine stilisierte Vulva in einem Fresko. Diese Metaphern verweben sich organisch mit der Handlung, verschränken Sinnlichkeit und Religiosität. Djukić setzt den aufkeimenden körperlichen Reiz der Mädchen dem Keuschheitsgelübde der Nonnen entgegen. Gleichzeitig bleibt „Little Trouble Girls" geerdet. Der seltsame Gesangslehrer in seinen zu kurzen Hosen mobbt Lucija, während die mehrstimmigen Chorpassagen emotionale Spannungen überlagern.
Visuell ist der Film ein Ereignis. Die Nähe zu Céline Sciamma ist spürbar, ebenso der Einfluss von Lucrecia Martel, doch „Little Trouble Girls" behauptet eine eigene Handschrift. Dass der Film in der Berlinale-Sektion „Perspectives" den FIPRESCI-Preis gewann und Sloweniens Oscar-Beitrag 2026 ist, überrascht nicht – er wirkt wie das Versprechen einer neuen, aufregenden Regie-Stimme.
„Little Trouble Girls"
(Slowenien/Italien/Kroatien/Serbien 2025) Regie: Urska Djukic, mit Jara Sofija Ostan, Mina Švajger, Saša Tabaković, 89 Minuten, FSK: ab 12
Schon die Eröffnung – ein Ohr, das die vielen kleinen Geräusche der Messe in einer Mädchenschule aufsaugt – macht klar, dass dieser Film stark über das genaue Hören und Beobachten erzählt. Im Zentrum steht die 16-jährige Lucija (großartig gespielt von Jara Sofija Ostan), deren verträumten Blick die Kamera liebevoll einfängt. Sie verliebt sich sofort in die Neue: Ana-Marja, selbstbewusst, mit Lippenstift und orangefarbenem Pullover. Zuhause wacht eine strenge Mutter, doch im Kloster, wo der Chor probt, öffnen sich Räume, in denen Lucija erstmals ihren eigenen Körper und Sexualität wahrnimmt.
Djukić arbeitet mit einer poetischen Bildsprache, die nie plump wird. Schnitte auf Rosenknospen, auf eine stilisierte Vulva in einem Fresko. Diese Metaphern verweben sich organisch mit der Handlung, verschränken Sinnlichkeit und Religiosität. Djukić setzt den aufkeimenden körperlichen Reiz der Mädchen dem Keuschheitsgelübde der Nonnen entgegen. Gleichzeitig bleibt „Little Trouble Girls" geerdet. Der seltsame Gesangslehrer in seinen zu kurzen Hosen mobbt Lucija, während die mehrstimmigen Chorpassagen emotionale Spannungen überlagern.
Visuell ist der Film ein Ereignis. Die Nähe zu Céline Sciamma ist spürbar, ebenso der Einfluss von Lucrecia Martel, doch „Little Trouble Girls" behauptet eine eigene Handschrift. Dass der Film in der Berlinale-Sektion „Perspectives" den FIPRESCI-Preis gewann und Sloweniens Oscar-Beitrag 2026 ist, überrascht nicht – er wirkt wie das Versprechen einer neuen, aufregenden Regie-Stimme.
„Little Trouble Girls"
(Slowenien/Italien/Kroatien/Serbien 2025) Regie: Urska Djukic, mit Jara Sofija Ostan, Mina Švajger, Saša Tabaković, 89 Minuten, FSK: ab 12
22.1.26
Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren
Die Doku-Fiktion versucht, die berühmte Kinderbuchautorin anhand ihrer erst 2015 veröffentlichten Kriegstagebücher neu zu entdecken, bleibt dabei jedoch weit hinter deren Potenzial zurück. Originalpassagen vom Schrecken des Krieges aus den Tagebüchern von 1939 bis 1945 werden vorgelesen und vom meist posierenden Ensemble (Sofia Pekkari, Tom Sommerlatte) begleitet. In Dokuszenen rekapitulieren Tochter Karin Nyman, Enkelin Annika Lindgren und Großenkel Johan Palmberg Episoden aus Lindgrens Leben, wirken jedoch erstaunlich distanziert. Einzig Karin liefert mit der Entstehungsgeschichte von „Pippi Langstrumpf", erzählt an ihrem Krankenbettchen, einen lebendigen Moment. Ein unangenehmes Déjà-vu: Der intensive Film „Bereits Astrid" hatte 2018 alles eindringlicher gezeigt. Die bemühten szenischen Rekonstruktionen und blassen Impressionen an Originalschauplätzen erreichen kaum das Niveau gängiger TV-Dokus. Nur einzelne Gedanken der jungen Mutter eines unehelichen Kindes und der frühen Feministin über Humanismus, Krieg und Verfolgung lassen die Kraft von Lindgrens Stimme aufleuchten.
„Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren" (Schweden 2025), Regie: Wilfried Hauke, mit Karin Nyman, Annika Lindgren, Johan Palmberg, 100 Minuten, FSK: ab 12
„Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren" (Schweden 2025), Regie: Wilfried Hauke, mit Karin Nyman, Annika Lindgren, Johan Palmberg, 100 Minuten, FSK: ab 12
18.1.26
Smalltown Girl
Nore reißt in den Bars immer andere Männer für eine Nacht oder weniger auf. Dieses Mal geht sie mit der schüchtern-naiven Jonna nach Hause, die gleich bei ihr einzieht. Neugierig kratzt die neue Freundin am scheinbar lustvoll hedonistischen Leben Nores, das sich jedoch als Flucht vor etwas entpuppt. Als es Nore richtig schlecht geht, nimmt das keiner ihrer One-Night-Stands ernst. Nur der Freund von Jonna ahnt, dass etwas nicht in Ordnung ist.
Regisseurin Hille Norden gelingt die radikale Aufarbeitung einer traumatischen Vergangenheit ohne Voyeurismus. Im Gegenteil: Die Sexszenen werden zunehmend unerträglich. In ihrem autobiografischen Film inszeniert sie mit starken Effekten den Moment, in dem Nores Fassade zusammenbricht und die Erinnerung an frühen Missbrauch zurückkehrt. Vor allem in der Zwiesprache mit der jüngeren Nore packt der Film durch eine ganze Reihe großartiger und berührender Bilder sowie mit einer ästhetisch äußerst gekonnten Verbindung der Zeitebenen. Hauptdarstellerin Dana Herfurth beeindruckt mit enormer emotionaler Bandbreite ihrer Figur.
„Smalltown Girl" (Deutschland 2025) Regie: Hille Norden, mit Dana Herfurth, Luna Jordan, Vera Fay, 110 Minuten, FSK: ab 16
Regisseurin Hille Norden gelingt die radikale Aufarbeitung einer traumatischen Vergangenheit ohne Voyeurismus. Im Gegenteil: Die Sexszenen werden zunehmend unerträglich. In ihrem autobiografischen Film inszeniert sie mit starken Effekten den Moment, in dem Nores Fassade zusammenbricht und die Erinnerung an frühen Missbrauch zurückkehrt. Vor allem in der Zwiesprache mit der jüngeren Nore packt der Film durch eine ganze Reihe großartiger und berührender Bilder sowie mit einer ästhetisch äußerst gekonnten Verbindung der Zeitebenen. Hauptdarstellerin Dana Herfurth beeindruckt mit enormer emotionaler Bandbreite ihrer Figur.
„Smalltown Girl" (Deutschland 2025) Regie: Hille Norden, mit Dana Herfurth, Luna Jordan, Vera Fay, 110 Minuten, FSK: ab 16
3.1.26
Ein einfacher Unfall
Sein neustes Drama brachte dem gefeierten, verfolgten und inhaftierten iranischen Regisseur Jafar Panahi 2025 nach Erfolgen in Berlin und in Venedig die Goldene Palme in Cannes. „Ein einfacher Unfall" ist sein bislang politischster Film: In reduziertem Stil und heimlich mit versteckter Kamera aufgenommen, erzählt er ein Drama unter religiöser Diktatur, das zwischen Thriller und Komödie wechselt, dabei oft dokumentarisch wirkt. Lange bleibt offen, warum Vahid einen Familienvater verfolgt, bis er diesen plötzlich entführt. Das quietschende Holzbein des im Van Gefesselten gehört wahrscheinlich Eghbal, einem Folterer des Systems. Um Zweifel auszuräumen, kontaktiert Vahid auf einer ebenso spannenden wie komischen Odyssee weitere Folteropfer. Im engen Transporter schwankt bald eine Schicksalsgemeinschaft zwischen Selbstjustiz und moralischen Fragen. Raffiniert inszeniert verbindet Panahi politische Brisanz mit fesselnden Beobachtungen menschlichen Verhaltens. Ein klug geschriebener, kompromissloser Film, der das Publikum mit bohrenden Fragen zurücklässt.
„Ein einfacher Unfall" (Frankreich/Luxemburg 2025), Regie: Jafar Panahi, mit Vahid Mobasseri, Mariam Afshari, Ebrahim Azizi, 104 Minuten, FSK: ab 16
„Ein einfacher Unfall" (Frankreich/Luxemburg 2025), Regie: Jafar Panahi, mit Vahid Mobasseri, Mariam Afshari, Ebrahim Azizi, 104 Minuten, FSK: ab 16
26.12.25
Der Fremde (2025)
Es ist ein Wagnis, sich an Albert Camus' „Der Fremde" zu versuchen – einem Klassiker der modernen Literatur. François Ozon, einer der vielseitigsten Regisseure des europäischen Kinos verwandelt den Stoff in ein streng komponiertes, ästhetisch reduziertes Schwarzweißdrama. Bekannt für prominent besetzte psychologische Meisterwerke wie „Unter dem Sand" oder „Swimming Pool" und für historische Stoffe wie „Frantz", gibt Ozon dem Camus-Klassiker seine eigene Form. Sein „Fremder" ist nach Viscontis Film von 1967 keine treue Literaturverfilmung, sondern ein Werk, das die glühende Sonne Algiers mit kühler Distanz betrachtet.
„Der Fremde" beginnt mit dem Telegramm über den Tod der Mutter des Angestellten Meursault (Benjamin Voisin). Totenwache und Beerdigung sind in statische Schwarzweißbilder gefasst, die Archivmaterial aus der ehemaligen französischen Kolonie folgen. Während alle anderen im Altersheim trauern, bleibt Meursaults Gesicht eine unbewegte Maske. Seine Augen registrieren die Umgebung, doch jede Regung scheint ihm fremd. Selbst als ein alter Freund der Mutter auf dem Weg zur Kirche unter der Sonne zusammenbricht. Im Gottesdienst bleibt der junge Mann gedankenverloren sitzen, während sich die Gemeinde erhebt. Diese frühen Szenen legen den Grundton fest: ein Mann, der nicht fühlt oder nicht fühlen will.
Zurück in Algier beginnt Meursault im Strandbad eine Affäre mit Marie (Rebecca Marder), die überrascht ist, wie schnell er nach dem Tod seiner Mutter wieder ins Kino gehen möchte. Er lacht jedoch nicht über den Komödianten Fernandel, und als sie fragt, ob er sie liebt, antwortet er, dass es keine Rolle spiele. Heiraten? Belanglos. Ozon zeigt Meursault als Beobachter, dessen Passivität ihn zugleich faszinierend und verstörend macht. Oft ist das, was um ihn herum geschieht, interessanter als er selbst: Der Nachbar Raymond (Pierre Lottin) verprügelt seine arabische Geliebte, bekommt Probleme mit deren Bruder und zieht Meursault in seine Machenschaften hinein. Schließlich kommt es am Strand zu jenem schicksalhaften Moment, der den Roman berühmt gemacht hat: Meursault erschießt den Araber – ein Akt, der im Film ebenso rätselhaft bleibt wie bei Camus.
Der zweite Teil des Films verschiebt den Fokus. Vor Gericht wird weniger die Tat verhandelt als Meursaults Charakter philosophisch analysiert. Seine Gefühllosigkeit, seine Gleichgültigkeit, seine Unfähigkeit zu trauern. Die Schwester des Ermordeten sagt unter Tränen: „Nur der Franzose interessiert, das Opfer ist allen egal." Dieser Satz verleiht dem Film eine aktuelle politische Schärfe, die Camus' existenzialistische Vorlage nur andeutet. Nur an zwei zentralen Stellen nutzt Ozon Voice-over mit Camus' Originaltext, was die Distanz zwischen Vorlage und Film noch deutlicher macht. Bemerkenswert ist auch, dass Ozon Djemila (Hajar Bouzaouit) – der Schwester des Ermordeten – eine Stimme gibt. Im Roman bleibt sie namenlos, im Film wird sie zur moralischen Instanz. Ozon macht sichtbar, wie koloniale Machtverhältnisse das Urteil prägen – und wie schnell eine Gesellschaft bereit ist, einen Menschen nicht für seine Tat, sondern für seine Haltung zu verurteilen.
Ästhetisch ist „Der Fremde" ein radikaler Schritt. Ozon entschied sich für Schwarzweiß, weil es „Reinheit, Abstraktion und Konzentration" ermögliche. Die Bilder sind reduziert, fast asketisch, mit wenigen Kamerabewegungen. Algerien erscheint wie ein verlorenes Paradies, zugleich real und entrückt. Diese visuelle Strenge erinnert an die Serie „Ripley" nach Patricia Highsmith: kühl, elegant, moralisch ambivalent. Zugleich verleiht Ozon dem historischen Kontext Tiefe. Sein eigener Großvater war Untersuchungsrichter in Algerien und überlebte ein Attentat, bevor die Familie auf das französische Festland zog – ein biografischer Schatten, der im Film mitschwingt. Ozon wollte Algier zeigen, wie es in den 1930er Jahren war: die Kasbah, den Hafen, die Schönheit und die Spannungen einer kolonialen Gesellschaft.
„Der Fremde" feierte seine Weltpremiere in Venedig, seltsamerweise nicht in Cannes. Es ist ein Film, der fordert, der sich erst mit Hintergrundwissen vollständig erschließt und der die Frage stellt, wie wir Menschen beurteilen: nach ihren Taten oder nach ihrer Weltsicht.
„Der Fremde"
(Frankreich 2025), Regie: François Ozon, mit Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin, 123 Minuten, FSK: ab 12
21.12.25
Die jüngste Tochter
„Die jüngste Tochter" der Regisseurin Hafsia Herzi ist ein stilles, präzises Porträt einer jungen Frau. Der Film wurde in Cannes 2025 mit dem Preis für die beste weibliche Darstellung und der Queer Palm ausgezeichnet. Herzi, die selbst als 19-Jährige mit ihrer Rolle in „Couscous mit Fisch" das französische Kino aufrüttelte, beweist hier erneut ihr Gespür für intime Figurenstudien. Ihr dritter Langfilm entzieht sich jeder einfachen Inhaltsangabe. Er beobachtet statt zu erklären und gewinnt dadurch eine enorme emotionale Tiefe.
Im Zentrum der Verfilmung des autofiktionalen Debütromans von Fatima Daas steht Fatima, gespielt von der beeindruckenden Debütantin Nadia Melliti, die den Film mit einer stillen, unaufdringlichen Präsenz trägt. Fatima wächst als jüngste Tochter einer französisch-algerischen Familie in den Pariser Vororten auf. Ihre Clique besteht aus Jungs, die mit erfundenen sexuellen Abenteuern prahlen. In der Schule wird Romantik durchgenommen und Oscar Wilde homophob verspottet. Fatima weiß längst, dass sie an Jungen nicht interessiert ist. Als ein Mitschüler sie jedoch als Lesbe bezeichnet, bricht ein innerer Konflikt auf, den die Regisseurin ohne jede Dramatik, aber mit großer Sensibilität inszeniert.
Zu Hause findet Fatima ein stabiles, liebevolles Umfeld vor. Ihre Mutter ist eine ruhige, unterstützende Kraft, ihr Vater ist zwar patriarchalisch, aber kaum präsent. Einer der bewegendsten Momente des Films ist kein Streit, sondern ein warmes Gespräch zwischen Mutter und Tochter – ein bewusster Gegenentwurf zu den gängigen Coming-out-Dramen. Herzi vermeidet konsequent die Klischees des Banlieue-Films: Alle drei Töchter haben das Baccalauréat, den französischen Schulabschluss, geschafft und Fatima wird Philosophie studieren.
Das Nesthäkchen der Familie ist cool, bestimmend, spielt Fußball, raucht. Als sie sich in die asiatischstämmige medizinische Assistentin Ji-Na (Ji-Min Park) verliebt, die sie in einer Dating-App wiedererkennt, beginnt ein neues Kapitel. Nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht folgt ein Gebet – ein leiser Hinweis auf den Zwiespalt zwischen Religion und Begehren, der Fatima begleitet, ohne dass der Film ihn je plakativ ausstellt. Der Imam ihrer Gemeinde spricht offener über Homosexualität, als Fatima erwartet hätte, und doch bleibt das Thema vor allem ein innerer Kampf.
Fatima ist ernst, fast verschlossen; erst spät im Film lacht sie zum ersten Mal. Bei einem frühen Date erhält sie von einer älteren Frau pragmatische Tipps für Sex zwischen Frauen – eine Szene, die Herzi mit Humor, aber ohne Voyeurismus inszeniert. Melliti ist in jeder Szene präsent und trägt den Film mit einer Intensität, die an Herzis eigene frühe Karriere erinnert. Die damals 19-jährige Hafsia Herzi spielte 2007 in „Couscous mit Fisch" des französischen Regisseurs Abdellatif Kechiche, der 2008 den Karlspreis für Medien in Aachen erhielt, die Bauchtänzerin Rym. Sie rettet ihren Stiefvater, als das titelgebende Couscous bei einer großen Feier nicht serviert werden kann. Mit ihrer charismatischen Präsenz hielt sie die Gäste und das Publikum in Atem. Nach über 60 Filmrollen ist Hafsia Herzi mittlerweile auch eine erfolgreiche Regisseurin. Neben der persönlichen Geschichte zeichnet „Die jüngste Tochter" ein atmosphärisches Bild der modernen, multikulturellen Großstadt: ägyptische, deutsche und koreanische Geliebte, eine fröhliche Pride-Demonstration.
„Die jüngste Tochter" ist ein Liebesfilm, jedoch keiner der großen Gesten. Er steht neben anderen Queer-Filmen wie Abdellatif Kechiches „Blau ist eine warme Farbe", Céline Sciammas „Porträt einer jungen Frau in Flammen" und Barry Jenkins „Moonlight", zärtlich, beobachtend, tief berührend. Herzi zeigt, wie Coming-out, Religion und Identität miteinander ringen können, ohne dass daraus zwangsläufig ein Kampf entsteht. Man erlebt Fatimas emotionale Achterbahn mit, weil der Film ihr Raum gibt, ohne sie zu erklären. Ein kleines, großes Werk – und ein weiterer Beweis dafür, dass Hafsia Herzi zu den wichtigsten Stimmen des europäischen Autorenkinos gehört.
„Die jüngste Tochter" (Frankreich/Deutschland 2000), Regie: Hafsia Herzi, mit Nadia Melliti, Ji-Min Park, Amina Ben Mohamed, 107 Minuten, FSK: ab 12
Im Zentrum der Verfilmung des autofiktionalen Debütromans von Fatima Daas steht Fatima, gespielt von der beeindruckenden Debütantin Nadia Melliti, die den Film mit einer stillen, unaufdringlichen Präsenz trägt. Fatima wächst als jüngste Tochter einer französisch-algerischen Familie in den Pariser Vororten auf. Ihre Clique besteht aus Jungs, die mit erfundenen sexuellen Abenteuern prahlen. In der Schule wird Romantik durchgenommen und Oscar Wilde homophob verspottet. Fatima weiß längst, dass sie an Jungen nicht interessiert ist. Als ein Mitschüler sie jedoch als Lesbe bezeichnet, bricht ein innerer Konflikt auf, den die Regisseurin ohne jede Dramatik, aber mit großer Sensibilität inszeniert.
Zu Hause findet Fatima ein stabiles, liebevolles Umfeld vor. Ihre Mutter ist eine ruhige, unterstützende Kraft, ihr Vater ist zwar patriarchalisch, aber kaum präsent. Einer der bewegendsten Momente des Films ist kein Streit, sondern ein warmes Gespräch zwischen Mutter und Tochter – ein bewusster Gegenentwurf zu den gängigen Coming-out-Dramen. Herzi vermeidet konsequent die Klischees des Banlieue-Films: Alle drei Töchter haben das Baccalauréat, den französischen Schulabschluss, geschafft und Fatima wird Philosophie studieren.
Das Nesthäkchen der Familie ist cool, bestimmend, spielt Fußball, raucht. Als sie sich in die asiatischstämmige medizinische Assistentin Ji-Na (Ji-Min Park) verliebt, die sie in einer Dating-App wiedererkennt, beginnt ein neues Kapitel. Nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht folgt ein Gebet – ein leiser Hinweis auf den Zwiespalt zwischen Religion und Begehren, der Fatima begleitet, ohne dass der Film ihn je plakativ ausstellt. Der Imam ihrer Gemeinde spricht offener über Homosexualität, als Fatima erwartet hätte, und doch bleibt das Thema vor allem ein innerer Kampf.
Fatima ist ernst, fast verschlossen; erst spät im Film lacht sie zum ersten Mal. Bei einem frühen Date erhält sie von einer älteren Frau pragmatische Tipps für Sex zwischen Frauen – eine Szene, die Herzi mit Humor, aber ohne Voyeurismus inszeniert. Melliti ist in jeder Szene präsent und trägt den Film mit einer Intensität, die an Herzis eigene frühe Karriere erinnert. Die damals 19-jährige Hafsia Herzi spielte 2007 in „Couscous mit Fisch" des französischen Regisseurs Abdellatif Kechiche, der 2008 den Karlspreis für Medien in Aachen erhielt, die Bauchtänzerin Rym. Sie rettet ihren Stiefvater, als das titelgebende Couscous bei einer großen Feier nicht serviert werden kann. Mit ihrer charismatischen Präsenz hielt sie die Gäste und das Publikum in Atem. Nach über 60 Filmrollen ist Hafsia Herzi mittlerweile auch eine erfolgreiche Regisseurin. Neben der persönlichen Geschichte zeichnet „Die jüngste Tochter" ein atmosphärisches Bild der modernen, multikulturellen Großstadt: ägyptische, deutsche und koreanische Geliebte, eine fröhliche Pride-Demonstration.
„Die jüngste Tochter" ist ein Liebesfilm, jedoch keiner der großen Gesten. Er steht neben anderen Queer-Filmen wie Abdellatif Kechiches „Blau ist eine warme Farbe", Céline Sciammas „Porträt einer jungen Frau in Flammen" und Barry Jenkins „Moonlight", zärtlich, beobachtend, tief berührend. Herzi zeigt, wie Coming-out, Religion und Identität miteinander ringen können, ohne dass daraus zwangsläufig ein Kampf entsteht. Man erlebt Fatimas emotionale Achterbahn mit, weil der Film ihr Raum gibt, ohne sie zu erklären. Ein kleines, großes Werk – und ein weiterer Beweis dafür, dass Hafsia Herzi zu den wichtigsten Stimmen des europäischen Autorenkinos gehört.
„Die jüngste Tochter" (Frankreich/Deutschland 2000), Regie: Hafsia Herzi, mit Nadia Melliti, Ji-Min Park, Amina Ben Mohamed, 107 Minuten, FSK: ab 12
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