27.1.26

Little Trouble Girls

„Little Trouble Girls" ist ein sommerliches Coming-of-Age-Drama, das vor allem sinnlich erfahren wird. Die slowenische Regisseurin Urška Djukić komponierte es wie ein vielstimmiges Chorstück: Jede Szene, jedes Geräusch, jeder Blick fügt sich zu einem vibrierenden Geflecht aus Sinnlichkeit, Spiritualität und jugendlicher Verwirrung.

Schon die Eröffnung – ein Ohr, das die vielen kleinen Geräusche der Messe in einer Mädchenschule aufsaugt – macht klar, dass dieser Film stark über das genaue Hören und Beobachten erzählt. Im Zentrum steht die 16-jährige Lucija (großartig gespielt von Jara Sofija Ostan), deren verträumten Blick die Kamera liebevoll einfängt. Sie verliebt sich sofort in die Neue: Ana-Marja, selbstbewusst, mit Lippenstift und orangefarbenem Pullover. Zuhause wacht eine strenge Mutter, doch im Kloster, wo der Chor probt, öffnen sich Räume, in denen Lucija erstmals ihren eigenen Körper und Sexualität wahrnimmt.

Djukić arbeitet mit einer poetischen Bildsprache, die nie plump wird. Schnitte auf Rosenknospen, auf eine stilisierte Vulva in einem Fresko. Diese Metaphern verweben sich organisch mit der Handlung, verschränken Sinnlichkeit und Religiosität. Djukić setzt den aufkeimenden körperlichen Reiz der Mädchen dem Keuschheitsgelübde der Nonnen entgegen. Gleichzeitig bleibt „Little Trouble Girls" geerdet. Der seltsame Gesangslehrer in seinen zu kurzen Hosen mobbt Lucija, während die mehrstimmigen Chorpassagen emotionale Spannungen überlagern.

Visuell ist der Film ein Ereignis. Die Nähe zu Céline Sciamma ist spürbar, ebenso der Einfluss von Lucrecia Martel, doch „Little Trouble Girls" behauptet eine eigene Handschrift. Dass der Film in der Berlinale-Sektion „Perspectives" den FIPRESCI-Preis gewann und Sloweniens Oscar-Beitrag 2026 ist, überrascht nicht – er wirkt wie das Versprechen einer neuen, aufregenden Regie-Stimme.

„Little Trouble Girls"
(Slowenien/Italien/Kroatien/Serbien 2025) Regie: Urska Djukic, mit Jara Sofija Ostan, Mina Švajger, Saša Tabaković, 89 Minuten, FSK: ab 12

22.1.26

Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren

Die Doku-Fiktion versucht, die berühmte Kinderbuchautorin anhand ihrer erst 2015 veröffentlichten Kriegstagebücher neu zu entdecken, bleibt dabei jedoch weit hinter deren Potenzial zurück. Originalpassagen vom Schrecken des Krieges aus den Tagebüchern von 1939 bis 1945 werden vorgelesen und vom meist posierenden Ensemble (Sofia Pekkari, Tom Sommerlatte) begleitet. In Dokuszenen rekapitulieren Tochter Karin Nyman, Enkelin Annika Lindgren und Großenkel Johan Palmberg Episoden aus Lindgrens Leben, wirken jedoch erstaunlich distanziert. Einzig Karin liefert mit der Entstehungsgeschichte von „Pippi Langstrumpf", erzählt an ihrem Krankenbettchen, einen lebendigen Moment. Ein unangenehmes Déjà-vu: Der intensive Film „Bereits Astrid" hatte 2018 alles eindringlicher gezeigt. Die bemühten szenischen Rekonstruktionen und blassen Impressionen an Originalschauplätzen erreichen kaum das Niveau gängiger TV-Dokus. Nur einzelne Gedanken der jungen Mutter eines unehelichen Kindes und der frühen Feministin über Humanismus, Krieg und Verfolgung lassen die Kraft von Lindgrens Stimme aufleuchten.

„Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren" (Schweden 2025), Regie: Wilfried Hauke, mit Karin Nyman, Annika Lindgren, Johan Palmberg, 100 Minuten, FSK: ab 12

18.1.26

Smalltown Girl

Nore reißt in den Bars immer andere Männer für eine Nacht oder weniger auf. Dieses Mal geht sie mit der schüchtern-naiven Jonna nach Hause, die gleich bei ihr einzieht. Neugierig kratzt die neue Freundin am scheinbar lustvoll hedonistischen Leben Nores, das sich jedoch als Flucht vor etwas entpuppt. Als es Nore richtig schlecht geht, nimmt das keiner ihrer One-Night-Stands ernst. Nur der Freund von Jonna ahnt, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Regisseurin Hille Norden gelingt die radikale Aufarbeitung einer traumatischen Vergangenheit ohne Voyeurismus. Im Gegenteil: Die Sexszenen werden zunehmend unerträglich. In ihrem autobiografischen Film inszeniert sie mit starken Effekten den Moment, in dem Nores Fassade zusammenbricht und die Erinnerung an frühen Missbrauch zurückkehrt. Vor allem in der Zwiesprache mit der jüngeren Nore packt der Film durch eine ganze Reihe großartiger und berührender Bilder sowie mit einer ästhetisch äußerst gekonnten Verbindung der Zeitebenen. Hauptdarstellerin Dana Herfurth beeindruckt mit enormer emotionaler Bandbreite ihrer Figur.

„Smalltown Girl" (Deutschland 2025) Regie: Hille Norden, mit Dana Herfurth, Luna Jordan, Vera Fay, 110 Minuten, FSK: ab 16

3.1.26

Ein einfacher Unfall

Sein neustes Drama brachte dem gefeierten, verfolgten und inhaftierten iranischen Regisseur Jafar Panahi 2025 nach Erfolgen in Berlin und in Venedig die Goldene Palme in Cannes. „Ein einfacher Unfall" ist sein bislang politischster Film: In reduziertem Stil und heimlich mit versteckter Kamera aufgenommen, erzählt er ein Drama unter religiöser Diktatur, das zwischen Thriller und Komödie wechselt, dabei oft dokumentarisch wirkt. Lange bleibt offen, warum Vahid einen Familienvater verfolgt, bis er diesen plötzlich entführt. Das quietschende Holzbein des im Van Gefesselten gehört wahrscheinlich Eghbal, einem Folterer des Systems. Um Zweifel auszuräumen, kontaktiert Vahid auf einer ebenso spannenden wie komischen Odyssee weitere Folteropfer. Im engen Transporter schwankt bald eine Schicksalsgemeinschaft zwischen Selbstjustiz und moralischen Fragen. Raffiniert inszeniert verbindet Panahi politische Brisanz mit fesselnden Beobachtungen menschlichen Verhaltens. Ein klug geschriebener, kompromissloser Film, der das Publikum mit bohrenden Fragen zurücklässt.

„Ein einfacher Unfall" (Frankreich/Luxemburg 2025), Regie: Jafar Panahi, mit Vahid Mobasseri, Mariam Afshari, Ebrahim Azizi, 104 Minuten, FSK: ab 16

26.12.25

Der Fremde (2025)


Es ist ein Wagnis, sich an Albert Camus' „Der Fremde" zu versuchen – einem Klassiker der modernen Literatur. François Ozon, einer der vielseitigsten Regisseure des europäischen Kinos verwandelt den Stoff in ein streng komponiertes, ästhetisch reduziertes Schwarzweißdrama. Bekannt für prominent besetzte psychologische Meisterwerke wie „Unter dem Sand" oder „Swimming Pool" und für historische Stoffe wie „Frantz", gibt Ozon dem Camus-Klassiker seine eigene Form. Sein „Fremder" ist nach Viscontis Film von 1967 keine treue Literaturverfilmung, sondern ein Werk, das die glühende Sonne Algiers mit kühler Distanz betrachtet.

„Der Fremde" beginnt mit dem Telegramm über den Tod der Mutter des Angestellten Meursault (Benjamin Voisin). Totenwache und Beerdigung sind in statische Schwarzweißbilder gefasst, die Archivmaterial aus der ehemaligen französischen Kolonie folgen. Während alle anderen im Altersheim trauern, bleibt Meursaults Gesicht eine unbewegte Maske. Seine Augen registrieren die Umgebung, doch jede Regung scheint ihm fremd. Selbst als ein alter Freund der Mutter auf dem Weg zur Kirche unter der Sonne zusammenbricht. Im Gottesdienst bleibt der junge Mann gedankenverloren sitzen, während sich die Gemeinde erhebt. Diese frühen Szenen legen den Grundton fest: ein Mann, der nicht fühlt oder nicht fühlen will.

Zurück in Algier beginnt Meursault im Strandbad eine Affäre mit Marie (Rebecca Marder), die überrascht ist, wie schnell er nach dem Tod seiner Mutter wieder ins Kino gehen möchte. Er lacht jedoch nicht über den Komödianten Fernandel, und als sie fragt, ob er sie liebt, antwortet er, dass es keine Rolle spiele. Heiraten? Belanglos. Ozon zeigt Meursault als Beobachter, dessen Passivität ihn zugleich faszinierend und verstörend macht. Oft ist das, was um ihn herum geschieht, interessanter als er selbst: Der Nachbar Raymond (Pierre Lottin) verprügelt seine arabische Geliebte, bekommt Probleme mit deren Bruder und zieht Meursault in seine Machenschaften hinein. Schließlich kommt es am Strand zu jenem schicksalhaften Moment, der den Roman berühmt gemacht hat: Meursault erschießt den Araber – ein Akt, der im Film ebenso rätselhaft bleibt wie bei Camus.

Der zweite Teil des Films verschiebt den Fokus. Vor Gericht wird weniger die Tat verhandelt als Meursaults Charakter philosophisch analysiert. Seine Gefühllosigkeit, seine Gleichgültigkeit, seine Unfähigkeit zu trauern. Die Schwester des Ermordeten sagt unter Tränen: „Nur der Franzose interessiert, das Opfer ist allen egal." Dieser Satz verleiht dem Film eine aktuelle politische Schärfe, die Camus' existenzialistische Vorlage nur andeutet. Nur an zwei zentralen Stellen nutzt Ozon Voice-over mit Camus' Originaltext, was die Distanz zwischen Vorlage und Film noch deutlicher macht. Bemerkenswert ist auch, dass Ozon Djemila (Hajar Bouzaouit) – der Schwester des Ermordeten – eine Stimme gibt. Im Roman bleibt sie namenlos, im Film wird sie zur moralischen Instanz. Ozon macht sichtbar, wie koloniale Machtverhältnisse das Urteil prägen – und wie schnell eine Gesellschaft bereit ist, einen Menschen nicht für seine Tat, sondern für seine Haltung zu verurteilen.

Ästhetisch ist „Der Fremde" ein radikaler Schritt. Ozon entschied sich für Schwarzweiß, weil es „Reinheit, Abstraktion und Konzentration" ermögliche. Die Bilder sind reduziert, fast asketisch, mit wenigen Kamerabewegungen. Algerien erscheint wie ein verlorenes Paradies, zugleich real und entrückt. Diese visuelle Strenge erinnert an die Serie „Ripley" nach Patricia Highsmith: kühl, elegant, moralisch ambivalent. Zugleich verleiht Ozon dem historischen Kontext Tiefe. Sein eigener Großvater war Untersuchungsrichter in Algerien und überlebte ein Attentat, bevor die Familie auf das französische Festland zog – ein biografischer Schatten, der im Film mitschwingt. Ozon wollte Algier zeigen, wie es in den 1930er Jahren war: die Kasbah, den Hafen, die Schönheit und die Spannungen einer kolonialen Gesellschaft.

„Der Fremde" feierte seine Weltpremiere in Venedig, seltsamerweise nicht in Cannes. Es ist ein Film, der fordert, der sich erst mit Hintergrundwissen vollständig erschließt und der die Frage stellt, wie wir Menschen beurteilen: nach ihren Taten oder nach ihrer Weltsicht.

„Der Fremde"
(Frankreich 2025), Regie: François Ozon, mit Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin, 123 Minuten, FSK: ab 12

21.12.25

Die jüngste Tochter

„Die jüngste Tochter" der Regisseurin Hafsia Herzi ist ein stilles, präzises Porträt einer jungen Frau. Der Film wurde in Cannes 2025 mit dem Preis für die beste weibliche Darstellung und der Queer Palm ausgezeichnet. Herzi, die selbst als 19-Jährige mit ihrer Rolle in „Couscous mit Fisch" das französische Kino aufrüttelte, beweist hier erneut ihr Gespür für intime Figurenstudien. Ihr dritter Langfilm entzieht sich jeder einfachen Inhaltsangabe. Er beobachtet statt zu erklären und gewinnt dadurch eine enorme emotionale Tiefe.

Im Zentrum der Verfilmung des autofiktionalen Debütromans von Fatima Daas steht Fatima, gespielt von der beeindruckenden Debütantin Nadia Melliti, die den Film mit einer stillen, unaufdringlichen Präsenz trägt. Fatima wächst als jüngste Tochter einer französisch-algerischen Familie in den Pariser Vororten auf. Ihre Clique besteht aus Jungs, die mit erfundenen sexuellen Abenteuern prahlen. In der Schule wird Romantik durchgenommen und Oscar Wilde homophob verspottet. Fatima weiß längst, dass sie an Jungen nicht interessiert ist. Als ein Mitschüler sie jedoch als Lesbe bezeichnet, bricht ein innerer Konflikt auf, den die Regisseurin ohne jede Dramatik, aber mit großer Sensibilität inszeniert.

Zu Hause findet Fatima ein stabiles, liebevolles Umfeld vor. Ihre Mutter ist eine ruhige, unterstützende Kraft, ihr Vater ist zwar patriarchalisch, aber kaum präsent. Einer der bewegendsten Momente des Films ist kein Streit, sondern ein warmes Gespräch zwischen Mutter und Tochter – ein bewusster Gegenentwurf zu den gängigen Coming-out-Dramen. Herzi vermeidet konsequent die Klischees des Banlieue-Films: Alle drei Töchter haben das Baccalauréat, den französischen Schulabschluss, geschafft und Fatima wird Philosophie studieren.

Das Nesthäkchen der Familie ist cool, bestimmend, spielt Fußball, raucht. Als sie sich in die asiatischstämmige medizinische Assistentin Ji-Na (Ji-Min Park) verliebt, die sie in einer Dating-App wiedererkennt, beginnt ein neues Kapitel. Nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht folgt ein Gebet – ein leiser Hinweis auf den Zwiespalt zwischen Religion und Begehren, der Fatima begleitet, ohne dass der Film ihn je plakativ ausstellt. Der Imam ihrer Gemeinde spricht offener über Homosexualität, als Fatima erwartet hätte, und doch bleibt das Thema vor allem ein innerer Kampf.

Fatima ist ernst, fast verschlossen; erst spät im Film lacht sie zum ersten Mal. Bei einem frühen Date erhält sie von einer älteren Frau pragmatische Tipps für Sex zwischen Frauen – eine Szene, die Herzi mit Humor, aber ohne Voyeurismus inszeniert. Melliti ist in jeder Szene präsent und trägt den Film mit einer Intensität, die an Herzis eigene frühe Karriere erinnert. Die damals 19-jährige Hafsia Herzi spielte 2007 in „Couscous mit Fisch" des französischen Regisseurs Abdellatif Kechiche, der 2008 den Karlspreis für Medien in Aachen erhielt, die Bauchtänzerin Rym. Sie rettet ihren Stiefvater, als das titelgebende Couscous bei einer großen Feier nicht serviert werden kann. Mit ihrer charismatischen Präsenz hielt sie die Gäste und das Publikum in Atem. Nach über 60 Filmrollen ist Hafsia Herzi mittlerweile auch eine erfolgreiche Regisseurin. Neben der persönlichen Geschichte zeichnet „Die jüngste Tochter" ein atmosphärisches Bild der modernen, multikulturellen Großstadt: ägyptische, deutsche und koreanische Geliebte, eine fröhliche Pride-Demonstration.

„Die jüngste Tochter" ist ein Liebesfilm, jedoch keiner der großen Gesten. Er steht neben anderen Queer-Filmen wie Abdellatif Kechiches „Blau ist eine warme Farbe", Céline Sciammas „Porträt einer jungen Frau in Flammen" und Barry Jenkins „Moonlight", zärtlich, beobachtend, tief berührend. Herzi zeigt, wie Coming-out, Religion und Identität miteinander ringen können, ohne dass daraus zwangsläufig ein Kampf entsteht. Man erlebt Fatimas emotionale Achterbahn mit, weil der Film ihr Raum gibt, ohne sie zu erklären. Ein kleines, großes Werk – und ein weiterer Beweis dafür, dass Hafsia Herzi zu den wichtigsten Stimmen des europäischen Autorenkinos gehört.

„Die jüngste Tochter" (Frankreich/Deutschland 2000), Regie: Hafsia Herzi, mit Nadia Melliti, Ji-Min Park, Amina Ben Mohamed, 107 Minuten, FSK: ab 12

9.12.25

Yi Yi (2000)

Im Reigen vieler Wiederaufführungen ist 25 Jahre nach dem Start und dem Regiepreis in Cannes eine wunderbare Filmperle in remasterter Version zu entdecken: „Yi Yi" war der letzte Film und emotionaler Höhepunkt der kurzen Karriere des 2007 verstorbenen taiwanesischen Regisseurs Edward Yang.

Eine Hochzeit in Taipeh: Die Familie ist in Aufruhr, wilde Hochzeitsriten sorgen für Geselligkeit. Doch als NJ, der Bruder der Braut, zufällig seine erste Liebe trifft, beginnt sein inneres Chaos. Der stille Familienvater und Musikliebhaber beobachtet kritisch den Umbruch in seinem Computerunternehmen. Zuhause strapaziert der Schlaganfall der Schwiegermutter die Familie. NJs Frau sucht Zuflucht bei Mönchen, während Vater und Tochter, ohne voneinander zu wissen, gleichzeitig mit romantischen Abenteuern beschäftigt sind. Im Zentrum steht jedoch die Perspektive des klugen und aufmerksamen Sohnes von NJ, der sich wie sein Vater viele Gedanken über das Leben macht. Seltsame Momentaufnahmen mit einer Fotokamera verbinden sich mit naiv philosophischen Gedanken. Dabei leidet er in der repressiven Schule unter der totalitären Kontrolle eines dummen Lehrers.

Edward Yang, der bedeutende Chronist taiwanesischer Geschichte(n) („A Brighter Summer Day", „A Confucian Confusion"), gelang ein auf leise, stimmige Weise fesselndes Gesellschaftsporträt. Ein Meisterwerk, das hervorragend gealtert ist – die Themen wirken aktueller denn je: Die Stimmung in Taipeh ist angespannt. Auch die „Tiger-Staaten" haben nach einer Periode des Aufschwungs wirtschaftliche Probleme. Es ist eine Zeit der Unsicherheit – in jeder Hinsicht. Die Familie fällt auseinander, niemand kümmert sich um die Alten, jeder nur um sich selbst. Allein der junge Sohn träumt noch von seiner inzwischen verstorbenen Großmutter. Im humorvollen Zwiegespräch mit dem Vater werden noch einige hergebrachte Werte gewürdigt. Trotz der distanzierten Kamera mit starren Einstellungen bringt uns Yang diese Familie einfühlsam und fein näher – da möchte man auch nach drei Stunden noch keinen Abschied nehmen.

Yi Yi (Taiwan/Japan 2000), Regie: Edward Yang, mit Wu Nianzhen, Elaine Jin, Kelly Lee, 173 Minuten, FSK: ab 6