18.7.18

Mamma Mia! Here we go again

USA 2018 Regie: Ol Parker mit Amanda Seyfried, Cher, Meryl Streep, Lily James, Andy Garcia 120 Min. FSK ab 0

Zehn Jahre nach dem großen Erfolg des Musical-Filmes „Mamma Mia!" erklingt ein neues ABBA-Musical auf der griechischen Insel Kalokairi. Also viel belangloses Geträller und handlungstechnischer Kokolores. Der zweite Aufguss will deutlich das Bekannte wiederholen. Aber da es nicht unendlich viele ABBA-Evergreens gibt, gehen ihm die Songs aus. Bei zwanghafter Leichtigkeit kann da auch das noch mal gesteigerte Staraufgebot nicht drüber hinweg täuschen. Neben der Originalbesetzung mit Meryl Streep im Kurzauftritt, Pierce Brosnan, Stellan Skarsgard und Colin Firth als die drei möglichen Väter fährt der belanglos bunte Film auch noch Lily James („Cinderella", „Baby Driver"), Andy Garcia („The Untouchables", „Ocean's Eleven") sowie Musik-Mumie Cher als Ur-Großmutter auf.

Sophie (Amanda Seyfried), die junge Heldin des ersten Films, steht kurz vor der Eröffnungsparty des renovierten Insel-Hotels ihrer verstorbenen Mutter. Doch neben einen lächerlichen Sturm drücken auch Beziehungsprobleme die Stimmung. Das wäre es eigentlich bis zur dann doch gelingenden Party, zwei Handvoll Songs weiter. Doch zum Glück für den zu langen Film erinnern Rückblenden hilfreich, wie Sophies Mutter Donna damals Sam, Harry und Bill kennen lernte. Das ist dann auch die einzige gute Idee der Fortsetzung, mit der „Mamma Mia! 2" zum Mütterfilm hoch zwei wird.

„Mamma Mia! Here We Go Again" wäre jetzt mit Songs von den Beach Boys vielleicht originell gewesen, aber man musste bei den B-Seiten des ABBA-Repertoires nachschlagen, um sich musikalisch nicht komplett zu wiederholen. Das Prinzip aller Musicals lautet dabei frei nach Wittgenstein: Wovon man nicht reden kann, davon muss man singen. Aus diesem Prinzip entstanden großartige Film-Musicals wie zuletzt „Lala Land". Aber beim ABBA-Geträller zu überschaubarer Handlung haben die Figuren nicht zuviel zu sagen, sie haben nichts mehr zu sagen, denn alles wurde schon x-fach wiederholt. Zum Glück sagen dann die Mitsing-Hits etwas - die Macht des scheinbar banalen Pop.

So feiert die junge Donna (Lily James) ihren Studienabschluss statt mit Rede mit „When I kissed the teacher" (und einem Cameo-Auftritt von ABBAs Björn als Lehrer), mit Plateau-Stiefeln und anderen, heißen 80er-Details. Die Choreografien sind eher sinnlos gewollt als eindrucksvoll. Der Gesang, na ja, darüber sollte man tatsächlich schweigen. Filmisch setzt Regisseur Ol Parker („Best Exotic Marigold Hotel") sein eigenes Drehbuch bewusst unauffällig um. Hauptsache die Sonne scheint immer in diesem Urlaubsfilmchen. Manche Songs wirken wie von der B-Crew gedreht. Es gibt ein paar nette Bildübergänge, aber gegenüber „Baby Driver", der ultimativen Song-Kompilation des Kinos, ist „Mamma Mia! 2" ein schwacher Videoclip. Das ist kein komplettes Waterloo, aber schon die B-Seite eines großen Erfolges.

17.7.18

303

BRD 2018 Regie: Hans Weingartner mit Mala Emde, Anton Spieker, 139 Min. FSK ab 12

Jan (Anton Spieker) und Jule (Mala Emde), zwei Berliner Studenten mit einer frischen Enttäuschung im Gepäck, treffen sich an einer Autobahnraststätte und starten eine überraschend lange gemeinsame Reise. Auf dem Weg nach Köln schmeißt Jule ihn zwar bald aus ihrem Camper, doch unter dramatischen Umständen kommen sie wieder zusammen. Womit das Drama für diesen Film abgehakt ist. Auf dem Weg nach Spanien kommt erst nach einer Stunde die Frage „Hast du denn eigentlich eine Freundin?". Noch dreißig Minuten später gibt es Sex - erst mal theoretisch als Thema. Und nach zwei Stunden im wohl langsamsten Verlieben der Filmgeschichte liegen sie gemeinsam im Bett. Womit der Film noch nicht am Ziel ist.

Die bislang Unbekannten Mala Emde und Anton Spieker spielen keine Bigger than Life-Figuren, sondern bodenständige, junge Menschen, die kürzlich den Boden unter den Füßen verloren haben. Mit ihren weißen T-Shirts ohne Aufdruck wirken sie auch erst mal blass. Ihre Charaktere müssen andauernd gehend und fahrend reden. Bei Regisseur Hans Weingartner („Die fetten Jahre sind vorbei", „Die Summe meiner einzelnen Teile") ist das immer auch politisch: Ein von den Kapitalisten instrumentalisierter Darwin taucht auf, die Instrumentalisierung des Alleinseins ist Thema. „303" könnte vom hohen Dialoganteil her ein Rohmer-Film sein, es fehlt allerdings die spezielle Leichtigkeit des Franzosen, genau wie das Spielerische von Linklaters „Before Sunrise". Der sehr gemütliche Sommerfilm kommt langsam in Schwung, ein paar schöne Songs erklingen vor sonniger Landschaft. Allerdings wirkt es auch, als könne man in der Laufzeit des Films nach Portugal und zurück fahren, gemütlich. Beide drängt es bald nicht mehr, an ihr Ziel, zu den Personen dort zu kommen. Und am Ende ist alles gut, am Ende wird geschwiegen.

Sicario 2

USA, Italien 2018 (Sicario: Day of the Soldado) Regie: Stefano Sollima, mit Josh Brolin, Benicio Del Toro, Isabela Moner, Matthew Modine, Catherine Keener, 122 Min. FSK ab 18

Eine unkommentierte Folge von Attentaten und staatlichen Gewalttaten auf beiden Seiten der US-Grenze zu Mexiko skizziert eine neue Situation: Da legale Drogen und Opiate aus der Apotheke immer mehr die Sucht der US-Bürger nach Betäubung befriedigen, brauchen die alten Kartelle aus Mexiko eine neue Ware. Es werden die Flüchtlinge aus dem Süden sein. Da die Kartelle auch Selbstmordattentate verüben, wird die Terrorismus - wieder einmal - durch den US-Präsidenten neu definiert. Auf seinen Befehl beginnt CIA-Mann Matt Graver (Josh Brolin) einen neuen Krieg, diesmal jenseits der Grenzen, auch des Gesetzes.

Da gibt es einen Drohnenangriff auf das Haus und die Familie eines Verhafteten, um ihn zum Reden zu zwingen. Einer der Schachzüge, um die Kartelle gegeneinander aufzuhetzen, ist, die junge Tochter des Bosses Carlos Reyes zu entführen. Doch Isabela (Isabela Moner), flieht bei einer heftigen Schießerei in der Wüste. Worauf der Söldner Alejandro (Benicio Del Toro), jetzt Partner Gravers im kriminellen Krieg, allein mit Isabela über die Grenze kommen muss. Dabei wollte sich Alejandro eigentlich an der Tochter von Reyes rächen, der einst seine Tochter umgebracht hat.

„Sicario" von Denis Villeneuve war eine Sensation: Unheimlich packend in der Inszenierung. Dazu erschütternd in der Darstellung der Verhältnisse an der US-Grenze. Nun gibt es den gleichen, tief brummenden Soundtrack, den gleichen, effektiven Trick, dass die Spannung lange vor der Action zum Zerreißen hochgefahren wird. Das anschließende Action-Feuerwerk ist dann nur noch das blutige Sahnehäubchen. Das Drehbuch stammt erneut vom hochgeschätzten Taylor Sheridan („Sicario", „Hell or High Water"), der für die Aktualität des Themas und die Authentizität der Verhältnis bürgt. Doch die Regie übernahm Stefano Sollima, der in „Gomorrha" und „Suburra" gekonnt Spannung und soziale Milieus Italiens inszenierte, der aber kein überragender Filmkünstler wie Denis Villeneuve ist.

Deshalb ist „Sicario 2" mehr heftige, brutale Action. So brutal, dass der Kinobesuch für diesen Film erst ab 18 erlaubt ist. Schockierend ist zwar immer noch, wie bedenkenlos dort Menschen umgebracht werden. Dabei werden auch mal 25 mexikanische Polizisten in Mexiko von US-Soldaten ermordet. Doch die Anklage gegenüber staatlichen Stellen, die diesen Krieg mit totaler, gottgleicher Kontrolle durch Satelliten-Überwachung aber ohne Moral mitmachen, fällt schwächer aus. Sollima kann auf seine Stars vertrauen. Vor allem Benicio Del Toro („Traffic") beeindruckt mit seinem Kreuzweg auf dem Pfad der Flüchtlinge.

Hotel Transsilvanien 3

USA 2018 (Hotel Transylvania 3) Regie: Genndy Tartakovsky 98 Min. FSK ab 0

Ganz im Trend der aktuellen Tourismus-Ströme verlässt Graf Dracula mit seinen monströsen Familien- und Bekanntenkreisen die dunkle Burg in Transsylvanien für eine öko-feindliche Kreuzfahrt. Zum Bermudadreieck! „Hotel Transsilvanien", der bewährte Zeichentrick-Spaß um und für die ganze Familie, erfüllt auch im dritten Aufguss traditionell die Erwartungen. Und vermittelt spielerisch: „Nicht hassen, den Hass lassen!"

Das turbulente Leben des alleinerziehenden Grafen Dracula, der in Transsilvanien ein Hotel für Monster betreibt, war 2012 ein außergewöhnlicher Spaß in der unübersichtlichen Zeichentrick-Landschaft. Wie Dracs Tochter Mavis sich in einen Menschen verliebt, wurde von hunderten witzigen Einfällen und Zitaten begleitet. Teil 2 fiel, wie es das Gesetz vom zweiten Teil verlangt, nur mäßig aus. Man wünschte der ganzen Besatzung mal einen Urlaub und der kommt jetzt: Weil Dracula anscheinend überarbeitet ist, zwingt ihn seine Tochter zu einem Überraschungs-Trip. Mit dabei im Billigflieger, der sich in einer der besten Filmsequenzen völlig chaotisch selbst zerlegt, ist die ganze Monstertruppe von Draculas Schloss-Hotel: Frank (N. Stein), der Unsichtbare, ein paar Hexen, die Werwolf-Familie und viele schräge Kreaturen mehr. Es geht zum Bermuda-Dreieck - tatsächlich ein tiefes Dreieck voller Wracks im Meer - auf große Kreuzfahrt mit einer riesigen Titanic.

Und beim Anblick der schönen, Sascha Hehn-blonden Kapitänin Ericka macht es „Tsching" bei Wittwer Dracula. Der glaubt nicht, dass sich Monster ein zweites Mal im Leben richtig verlieben können, verhält sich aber fortan wie ein rettungslos in die weiße Frau verschossener Teenager. Dass Ericka die Ur-Enkelin des letzten der Vampirjäger Van Helsing ist, bekommt er so nicht mit. Die zahlreichen Attentate auf ihn steckt immer das grüne Schleimmonster ein - wortwörtlich.

Skurrile Figuren in Serie, Familien-Verhältnisse wie bei der Addams Family - so was droht gerne mal auf TV-Niveau abzusinken. Doch auch die dritte transsilvanische Monstershow unter bewährter Regie von Genndy Tartakovsky geriet altmodisch gut. Wobei die tolle, fortschrittliche Botschaft, dass wir alle gleich sind, egal ob Monster oder komischer Mensch, von überkommenen Familienvorstellungen konterkariert wird. Treue, bis dass der Tod euch scheidet und sogar über den Tod hinaus, das ist für einen Vampir ziemlich lang, für den Papst vielleicht akzeptabel, aber in der Lebenswirklichkeit vieler Kinder eher befremdlich. So bekommt der Witz, normales Leben in dieser Monster-Version gespiegelt zu sehen, einen faden Beigeschmack, weil das Familienleben arg konventionell ist. Wie auch im Falle von Gru aus „Ich - Einfach unverbesserlich" werden zudem die Außenseiter-Ecken und Kanten der Hauptfigur geglättet, was ihr den Reiz des Unangepassten nimmt. Der einst stolz alleinerziehende Single Drac ist plötzlich einsam und tindert auf einer Dating App herum. Mit den üblichen, für Nicht-Beteiligte lustigen Problemen der Spracherkennung auf seinem Smartphone.

Erfreulich weiterhin, die überbordenden verrückten Ideen bei Figuren und Zeichnung. Genial dada oder gaga sind die starr nach oben stierenden Fisch-Kellner und -Akrobaten. Ein freches 2D-Element im 3D-Film neben anderen Absurditäten wie einem Fisch im Taucheranzug. In den besten Momenten, etwa beim Vorspann, liefert „Hotel Transsilvanien 3" einen wildern Ritt auf den Lachmuskeln. Wie einst Polanskis „Tanz der Vampire", nur animiert. Im Finale, das als DJ-Battle aufläuft, weckt furchtbare Techno-Musik eine gigantische Krake, die schön Atlantis zum Untergang gebracht hat. Als Gegenmittel hat Dracs Schwiegersohn „Good Vibrations" von den Beach Boys, „Happy" und den 90er-Ferienhit „La Macarena" auf der Playlist. Auch das beweist: „Wir sind alle gleich, sogar Menschen können ganz monströs sein, wenn sie nur wollen.

11.7.18

Die Farbe des Horizonts

USA 2018 (Adrift) Regie: Baltasar Kormákur mit Shailene Woodley, Sam Claflin 97 Min. FSK ab 12

Der neue Film von Baltasar Kormákur, dem Isländer, der diesen sagenhaften Eisfilm „The Deep" gemacht hat, und noch ein paar Hollywood-Knaller wie „Everest", wirft uns direkt ins kalte Wasser. Wobei es diesmal auf dem Weg von Tahiti nach Kalifornien, quer durch den Pazifik, nicht so kalt ist wie in „The Deep". In der ersten Szene ist die Yacht schon ein Wrack, Tami (Shailene Woodley) treibt in der Kajüte unter Wasser und ihr Verlobter Richard (Sam Claflin) ist verschwunden. Die Überführung des Bootes von Freunden strandete in einem heftigen Sturm. Doch die 23-jährige Tami ist eine clevere Frau mit Ahnung vom Segeln. Sie flickt den Kahn notdürftig, pumpt Wasser ab, schneidet den Mast los, wobei sie fast nicht mehr zum Boot zurückkommt. Und sie entdeckt Richard im Wasser treibend. Auch die Rettung des Seglers mit schwerer Beinverletzung und gebrochenen Rippen ist packend. Faszinierend jedoch vor allem die Montage.

Zwischen den Szenen eines schier aussichtslosen Überlebenskampfes, tausende Meilen von der nächsten Küste entfernt, schneidet Regisseur Baltasar Kormákur die Liebesgeschichte von Tami und Richard: Sie lässt sich seit fünf Jahren treiben, arbeitet auf Schiffen, will die Welt sehen. Er baute sein eigenes Boot und bereiste schon viele traumhafte Orte. Ein ideales Paar findet sich in gemeinsamer Abenteuerlust und beginnt eine schöne Liebesgeschichte.

Der Isländer Baltasar Kormákur ist ein Wanderer zwischen den Film-Welten: Vor und zwischen großen Thrillern wie „2 Guns" (2013) mit Denzel Washington und „Contraband" (2011) mit Mark Wahlberg sowie teuren Spektakeln wie „Everest" (2015) drehte er faszinierendes Arthouse von schrägen Beziehungsgeschichten wie „101 Reykjavik" (2000) bis zu dem fast mythologischen Drama eines tiefgekühlten Fischers in „The Deep" (2012). In dem exzeptionellen „Devil's Island" (1995, Regie: Fridrik Thór Fridriksson) spielte er die aus der Gesellschaft gefallene Hauptfigur. Wieder in Reykjavík inszeierte er den knallharte und eiskalte Thriller „Der Eid" (2016), in dem ein bürgerlicher Vater für seine Tochter rot sieht.

Für die „Die Farbe des Horizonts" schlägt er eine andere Route ein als J.C. Chandors „All Is Lost" mit Robert Redford als einsamem Segler. Die wahre Geschichte von Tami Oldham Ashcraft, die 1983 auf einer schwer beschädigten Yacht beinahe manövrierunfähig 41 Tage im offenen Meer trieb, veröffentlichte sie im Buch „Red Sky in Mourning: A True Story of Love, Loss, and Survival at Sea". Kormákur erzählt dies öfter ruhig als hochdramatisch nach und behält sich den schwersten Sturm fürs Finale auf. Was in Zeiten von überkandidelten Filmdramaturgien ebenso wohltuend wie gewöhnungsbedürftig ist. Die lange Reise mit dem außergewöhnlichen Paar nimmt uns mit ins Boot. Dann aber folgt mit der finalen Montage aus stürmischer Liebe und Liebe im Sturm ein großes Stück überwältigendes Kino. Und auch hier noch so ein Clou im Stile von M. Night Shyamalans und Bruce Willis' „The Sixth Sense".

Dabei gelingen warme Momente wie der schönere Heiratsantrag „Willst du mit mir um die Welt reisen?" und die Versuche, die Farbe des Horizonts beim Sonnenuntergang zu beschreiben, ebenso wie die kalten Duschen eines gnadenlosen Ozeans, eingefangen von einer klasse Unterwasser-Kamera, begleitet von starker, klischeefreier Filmmusik.

Skyscraper (2018)

USA 2018 Regie: Rawson Marshall Thurber, mit Dwayne Johnson, Neve Campbell, Chin Han 102 Min. FSK: ab 12

Ex-Wrestler Dwayne „The Rock" Johnson will hoch hinaus, gar Bruce Willis kopieren. Und kommt bei seinem neuesten Action-Film „Skyscraper" ziemlich hart auf den Boden der inszenatorischen Möglichkeiten seines Teams auf. 17 Jahre nach 9/11 darf man wieder mit Hochhäusern zündeln, aber nur moderne Brandschutz-Anlagen können dieses Uralt-Konzept „Flammendes Inferno" nicht vor dem Untergang retten.

Ist dies ein anderer „The Rock"? Im Vorspiel verliert sein Special-Soldat Will Sawyer bei einer Geiselrettung einen Unterschenkel. Unsicher übt er in zweiter Karriere als Sicherheits-Berater beim neuen Job in Hongkong seine Sätze vor dem Spiegel. Das aller-, aller-höchste Hochhaus der Welt gilt es zu inspizieren. Und nach der zweiten Szene ist klar: „Skyscraper" ist einer dieser Filme, die alles unerträglich deutlich erklären. Verschwörerische Blicke deuten wie im Laientheater einen Verrat an. Aber wenigstens wird mit dem eindrucksvollen Gebäude auch ein schöner Action-Spielplatz samt Dschungel-Mezzanin versprochen. Der glücklich verheiratete Familienvater Sawyer, der seit zehn Jahren keine Waffe mehr angerührt hat, gerät wider Willen zwischen die Fronten eines Bandenkrieges, seine Familie wird im brennenden Hochhaus als Geisel genommen. Nun klettert der schwergewichtige Mann mit der Unterschenkel-Prothese in wenigen Minuten einen hunderte Meter hohen Kran hoch, klebt wie Spiderman Tom Cruise an schwindelerregenden Glasfassaden und schlägt sich vor alle wie Bruce Willis in „Stirb langsam" durch.

Mit diesem Vergleich fällt „Skyscraper" in sich zusammen wie ein brennendes Kartenhaus. Die wenigen lustig gemeinten Sprüche zerplatzen wie Seifenblasen. Handlung und Figuren sind extrem vorhersehbar, dabei hinkt das Tempo immer wieder dem hinterher, was man schon längst weiß. Johnsons invalider Held legt unglaubliche Kletterpartien hin, was eher peinlich als eindrucksvoll wirkt. Dabei aktiert Sawyer ebenso wenig clever wie der Film. Ganz ohne das Sicherheits-Seil namens Ironie scheitert Dwayne Johnson auf seinem ureigenen Action-Territorium. „Scream"-Queen Neve Campbell hat als Sawyers Frau die besseren Szenen. Selbst der kleine Urwald, der im Feuer zur Vulkaninsel wird, kann keine tolle Action-Szene generieren. Nur die optischen Effekte eines digitalen Spiegel-Kabinetts auf der Spitze des Hochhauses haben gewissen Reiz. Regisseur Rawson Marshall Thurber („Central Intelligence", „Wir sind die Millers") kann hier kein Action-Feuerwerk entzünden, wahrscheinlich redeten ihm bei der sehr internationalen Produktion zu viele Feuerwehrleute rein. „Skyscraper" ist ein teures B-Movie, ist Trash, der selbst nicht weiß, dass er Trash ist. Wertung: Höchstens „Stirb langsam 1/3".

10.7.18

Foxtrot

BRD, Frankreich, Israel, Schweiz 2017 Regie: Samuel Maoz mit Lior Ashkenazi, Sarah Adler, Yonaton Shiray, 113 Min. FSK ab 12

International gefeiert und in seiner Heimat Israel angefeindet: Nach dem enervierenden Ritt in einem Panzer in „Lebanon" (2009) nutzt Regisseur Samuel Maoz auch in „Foxtrot" sein großes Können, um sich differenziert mit den menschlichen Folgen eines jahrzehntelangen Dauer-Krieges auseinanderzusetzen. Der Tod eines jungen Soldaten löst Schockwellen bei den Eltern aus, die in der raffinierten Konstruktion zwischen Trauer und surrealen Situationen filmisch brillant festgehalten werden. In Venedig erhielt „Foxtrot" 2017 den Großen Preis der Jury („Silberner Löwe").

Die Situation ist schockend und atemberaubend: Soldaten klingeln bei der Familie Feldmann in Tel Aviv. Noch bevor sie Genaueres sagen können, bricht Dafna Feldmann (Sarah Adler) an der Tür zusammen. Äußerst routiniert und professionell wird die Frau versorgt und mit einer Spritze beruhigt. Erstarrt beobachtet Michael Feldmann (Lior Ashkenazi) die Szene. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit wenden sich die Soldaten an den Architekten: Ihr Sohn Jonathan Feldmann ist gefallen.

Die professionelle Routine in der Betreuung von Angehörigen verstorbener Soldaten - auch das bedeutet Krieg. Wobei Regisseur Samuel Maoz, der in seinem Debütfilm „Lebanon" persönliche Traumata aus dem Libanonkrieg von 1982 verarbeitete, nie politische Phrasen filmt. „Foxtrot" wirkt zuerst, haut um, erschreckt und fesselt gleichzeitig. Details wie Kunstwerke an der Wand und das Muster der Bodenfliesen verstärken in den ersten Minuten das schwindelnde Gefühl, zusammen mit den Eltern von Jonathan den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Eine Erfahrung, die Jonathan (Yonaton Shiray) selbst macht. Denn im zweiten Teil dieses meisterlichen Triptychons befinden wir uns mit dem 19-jährigen Soldaten in der reizvollen Ästhetik eines völlig verfallenen und heruntergekommenen Grenzpostens im staubigen Nirgendwo. Absurd ist hier nicht nur, wie der Grenzer seine Schranke immer wieder für ein Kamel hochfährt, das als einziges Wesen nicht schikaniert wird. Auch die Bemühungen der Soldaten vorher, die von einer Todes-Nachricht betroffene Familie zu betreuen, sind absurdes Theater, das in seiner eitlen Inszenierung keine Rücksicht mehr auf die Trauernden nimmt. Hier in der Wüste erklingen bekannte Filmmelodien und Soundtracks. Klassische Musik begleitet Albernheiten und symbolhafte, surreale Momente wie das langsame Versinken des Containers, der als Baracke dient, und den Schlamm, der durch den Boden dringt. Der titelgebende Tanz mit Maschinengewehr, der Flug der Stare vor dem Fenster, diese Bilder sind von faszinierender Schönheit und gleichzeitig beängstigend. Der dritte Teil kehrt mit Arvo Pärts Superhit „Spiegel im Spiegel" zurück zum Psychodrama eines von der nationalen Kriegslüsternheit geschlagenen Paares, das nur noch um den Verlust des Kindes kreist. Die stilisierte Bildgestaltung ist dabei klar kadriert, was trotzdem nicht das Ausbrechen der Emotionen und der Gewalt zu verhindern vermag.

„Foxtrot" ist mehr Zustandsbeschreibung als Handlung. Auch wenn die Schikanen an der Grenze zu einer furchtbaren Tat führen. Unfassbar dabei, wie aus einem nichtigen Anlass vier Menschen abgeknallt werden und die israelische Armee auch diese Angelegenheit routiniert unter einem staubigen Teppich vergräbt. Samuel Maoz sagte selbst zu seinem Film: „Wir alle sind traumatisiert. Unsere emotionale, instinktive Erinnerung an den Holocaust, selbst wenn wir ihn nicht selbst erlebt haben, ist stärker als die heutige Realität oder logische Wahrnehmung. Und sie vermittelt uns, dass wir uns ständig in Gefahr befinden, in einem ewigen Krieg. So tanzt jede Generation den Foxtrot aufs Neue". Und bleibt auf der Stelle stehen, kommt nicht weiter, wie es die Schrittfolge des Tanzes vorgibt. Dass diese klugen Gedanken und Bilder erst einmal unglaublich ästhetisch und wirkungsvoll daher kommen, bestätigt die Wertschätzung, die Maoz mittlerweile genießt. Sehr gute Schauspieler - die gibt es auch abseits von Hollywood - vermitteln, was ein über Generationen andauernder Krieg mit den Menschen macht. So ist „Foxtrot" ein eindringlicher, aber vor allem äußerst kunstvoller Antikriegs-Film.

Super Troopers 2 *

Komödie USA 2018 Regie: Jay Chandrasekhar, mit Seann William Scott, Clifton Collins jr., Steve Lemme, Erik Stolhanske, Jay Chandrasekhar 99 Min. FSK ab 12

Die Comedy-Truppe Broken Lizard landete im Jahr 2001 mit „Super Troopers - Die Superbullen" einen kleinen Überraschungserfolg: Die von ihr geschriebene, inszenierte und gespielte Blödel-Komödie lief auf dem Sundance Festival, wurde von Fox Searchlight gekauft und spielte weltweit 23 Millionen US-Dollar ein. Mit „Club Mad" (2004) und „Bierfest" (2006) kamen noch andere, weniger erfolgreiche Filme von Broken Lizard ins Kino. Für die späte Fortsetzung „Super Troopers 2" musste nun ein Crowdfunding herhalten. Fans sammelten über 4,6 Millionen US-Dollar ein, die auf üblichem Produktionsweg nicht aufzutreiben waren.

Die Handlung der „fanbasierten" Komödie geriet mehr als übersichtlich: Die chaotische Truppe von Gesetzeshütern, die nach den Eskapaden aus dem ersten Film als Handwerker herumblödelt, wird offiziell wieder eingesetzt, um die Übergabe eines Stück Kanadas an die USA zu kontrollieren. Grenzkorrekturen sorgen für diesen außergewöhnlichen Zustand. So übernehmen die ehemaligen Vermont Highway Patrol Officers Thorny (Jay Chandrasekhar), Farva (Kevin Heffernan), Rabbit (Erik Stolhanske), Foster (Paul Soter) und Mac (Steve Lemme) mit ihrem Vorgesetzten Captain O'Hagan (Brian Cox) die Polizeistation einer franko-kanadischen Stadt.

Vorurteile und nationale Klischees sowie Zoten über die jeweilige Fremd-Sprache bilden den überwiegenden Inhalt des Mittelteils. Dabei setzen die bald überflüssigen kanadischen Mounties (Will Sasso, Tyler Labine und Hayes MacArthur) einen massiven Braubären ins Büro der ungeliebten US-amerikanischen Konkurrenz. Worauf die Super Troopers sich der kanadischen Uniformen bemächtigen, um in einer langen Gag-Sequenz als vermeintliche Frankophone irritierte Verkehrsteilnehmer zu schikanieren. Ein Bordell ist Kulisse für eine Schlägerei, bei der Fäuste und Riesen-Dildos fliegen - wohl ein Versuch des Films, frech frivol zu sein. Aber auch die vielen homoerotischen Andeutungen in der Männer-Truppe sind nicht mal mehr pubertär. Für das Finale greifen Broken Lizard den dünnen Handlungsfaden wieder auf und verfolgen eine Spur zufällig gefundener Schmuggelware bis zum üblichen, wenig überraschenden Verdächtigen.

Broken Lizard beziehen sich in ihrem Treiben auf den Klassiker „Animal House" („Ich glaub', mich tritt ein Pferd", 1978), wobei ihre Weiterführung dieses Klamauks eher an Nachmachversuche eines Schüler-Theaters erinnert. „Super Troopers 2" wurde vom Broken Lizard-Kollektiv Jay Chandrasekhar, Kevin Heffernan, Steve Lemme, Paul Soter und Erik Stolhanske geschrieben und von
Chandrasekhar inszeniert. Der Publikums–Einfluss durch das Crowdfunding erzeugte selbst nach 17 Jahren nur mehr vom Gleichen. Während in dem nicht besonders hoch angesehenen Blödel-Genre späte Remakes wie „Starsky & Hutch" schon 2004 durch Übertreibung amüsieren konnten oder „Zoolander" noch früher durch das Überdrehen der Absurditäten sich fast für hochtrabende Interpretationen anbot, präsentieren Broken Lizard Stillstand im Comedy-Sektor. Bei auch ansonsten geringer Qualitäts-Stufe: Inszenatorisch ist das Niveau sub-TV.

Alte Komiker, die sich seit Jahren nicht weiterentwickeln, und ein Crowdfunding, das die auch mal hilfreichen Kontrollen klassischer Produzenten umgeht, ergeben im unglücklichen Zusammenspiel eine durchgehend missglückte Komödie. Auch Blödeln will gekonnt sein.

4.7.18

Liebe bringt alles ins Rollen

Frankreich, Belgien 2018 (Tout le monde debout) Regie: Franck Dubosc mit Franck Dubosc, Alexandra Lamy, Elsa Zylberstein, Gérard Darmon 109 Min. FSK ab 0

Trolleys, Gepäckwagen und selbst ein gehbehinderter Mops. Alles rollt am Flughafen, nur Jocelyn (Franck Dubosc) trägt seine Tasche zum nächsten Betrug. Der nicht ganz 50 Jahre junge Chef einer Sportschuh-Agentur ist notorischer Verführer mit dem Spleen, Frauen in unterschiedlichen Rollen rum zu bekommen. Und nachher sitzen zu lassen. Als er nach dem Tod seiner Mutter in der Wohnung und Rollstuhl sitzt, überrascht ihn deren junge, attraktive Nachbarin und missversteht die Situation. Als Behinderter eine Frau zu verführen, das wäre ein besonderer Kick. Aber auch eine mal echt gewagte Challenge, weiß Jocelyn doch nicht mal, wo der Kaffee in der Wohnung der Mutter ist, geschweige, dass er so ans Regal reichen kann. Das Objekt seiner Begierde entdeckt zwischendurch riesige Inkontinenz-Windeln. Doch die Nachbarin will ihn nur mit ihrer Schwester verkuppeln, die tatsächlich im Rollstuhl sitzt. Die erfolgreiche Tennisspielerin und erste Geigerin Florence (Alexandra Lamy) betört den Schwerenöter mit verblüffender Freundlichkeit und unverkrampftem Charme. So macht er mehr schlecht als recht weiter mit seiner Farce im Rollstuhl. Und eine richtig nette Liebesgeschichte kommt ins Rollen - sorry! Sie macht es sich zwar manchmal zu einfach, spätestens in seiner Wohnung muss Florence erkennen, dass er mit dem Rollstuhl-Fahren keine Erfahrung hat. Aber überzeugend ist dies allemal.

Das ist ein wenig Slapstick, wenn Jocelyn den Rollstuhl selbstverständlich nicht in den Kofferraum des Porsche reinkriegt, zeigt aber vor allem wirklich sehr komische Situationen. Und tritt im Gegensatz zu vielen aktuellen französischen Komödien nicht dauernd in Fettnäpfen. Ist ja auch schwer mit einem Rollstuhl, würde Jocelyn auch nur am Anfang sagen. Lachen darf man vor allem über den eitlen Senior mit Jugendwahn und Casanova-Komplex, bei dem selbst der Porsche mit Ferrari-Rot lügt. Denn ausgerechnet der Schuhspezialist übersieht, dass er mit abgenutzten Tretern im Rollstuhl sitzt.

„Liebe bringt alles ins Rollen" und sie rollt sehr gut, diese Liebes-Komödie. Franck Dubosc war als Schauspieler unter anderem bei „Asterix bei den Olympischen Spielen" zu sehen. Nun schrieb er das Drehbuch zum Film, führte Regie und übernahm die Hauptrolle des scheinbar unverbesserlichen Lebemanns Jocelyn. Dabei gewinnt die Figur mit ihrem heimlichen Sentiment für italienische Schlager und einem natürlichen Charme. Unfreiwillig gute Scherze wie die Bemerkung zu einer Busreise, er könne niemals 15 Stunden am Stück sitzen, landen auf den Punkt. Letztlich steht der große Verführer mächtig auf dem Schlauch und weiß erstmals nicht weiter. Eine wunderbar schwerelose Liebesszene und auch alles andere ist gekonnt inszeniert. Toll auch Jocelyns verliebte Sekretärin und der befreundete Arzt, die klasse Szenen mit ihm bekommen. Schauspiel-Legende Claude Brasseur hat noch mal einen schönen Moment als Vater von Jocelyn.

3.7.18

Candelaria - Ein kubanischer Sommer

Kolumbien, Argentinien, Norwegen, Kuba, BRD 2017 Regie: Jhonny Hendrix mit Veronica Lynn, Alden Knight, Philipp Hochmair, Manuel Viveros 89 Min.

Sie haben über siebzig Jahre auf dem Buckel und leben in den Neunzigern in Havanna: Candelaria (Veronica Lynn) und Víctor Hugo (Alden Knight). Strom und Gas werden dem Paar immer wieder abgestellt, Lebensmittel sind ebenso knapp. Ein paar illegal gehaltene Küken sind ihr Kinderersatz. Der Alte arbeitet in einer Zigarrenfabrik und schmuggelt immer wieder was für den eigenen Verkauf nach draußen. Candelaria schuftet in der Wäscherei eines Hotels und singt am Abend in einer Bar. Die Tristesse unter kubanischer Sonne wird unterbrochen, als sie im Hotel eine in der Schmutzwäsche versteckte Videokamera findet. Der erst unsichere, dann spielerische Umgang mit dem fremden Gerät belebt das Paar. Sie reflektieren ihr Leben beim Nachspielen von Alltagsszenen, sehen sich durch das Objektiv anders. Und wie im Film werden die gemeinsamen Abende immer romantischer und erotischer. Bis Victor Hugo die Kamera verliert und der bekannte Hehler sie bekommt. Sie sollen nun Pornos liefern...

„Candelaria" ist eine bittersüße Geschichte mit einem sympathischen Paar vor der Kamera. Traumhaft sind ihre Inszenierungen, die Freude an etwas Schweinefleisch, einem schönen Kleid und dem Sex nach vielen Jahren. Statt Touri-Kitsch im Stile von Wenders' „Buena Vista Social Club" zeichnet der Film politische Realitäten nach. Und liefert als Subtext eine Parabel über das Leben vor der Kamera, die direkt auf unsere mit Smartphones gesegnete Zeit übertragbar ist.

How to Party with Mom

USA 2018 (Life of the party) Regie: Ben Falcone mit Melissa McCarthy, Gillian Jacobs, Maya Rudolph 105 Min, FSK ab 12

Überdeutlich unattraktiv und peinlich zelebriert Mama Deanna Miles (Melissa McCarthy) das jährliche Abliefern der Tochter an der Uni - 22 Minuten von zuhause entfernt! Da versteht man den Ehemann, der direkt darauf seinen Scheidungswunsch herausschreit und dann mehr um den Zustand seines Leasing-Autos als um den seine Gattin besorgt ist. Noch vor dem allen machte eine Nebenbemerkung über Deannas abgebrochenes Studium klar, wo der Film hin geht. Bei ihren Eltern wird zwar nur sinnlos rumgeschrien, aber auch hier muss das Drehbuch mit dem Gegenteil von subtil in diese Richtung weisen. Ja, die „lustige Dicke" Melissa McCarthy („The Boss", „Ghostbusters", „Spy - Susan Cooper Undercover") produziert sich selbst als Hauptdarstellerin in einer eigens geschriebenen Geschichte als sympathisch deplatzierte Ulknudel am College. Ein schmerzlicher Frontalzusammenstoß zweier Genres und alle Gaffer bestrafen sich selbst mit diesem Film.

Deanna Miles muss an die Uni, ausgerechnet an die ihrer Tochter, was zu vielen Peinlichkeiten führen könnte. Aber das Drehbuch macht nichts richtig und so ist auch das Nebeneinander mit der lauten, penetranten, groben wie unangenehmen Mutter nicht mal richtig schlecht. Deanna sondert endlos peinliche Sprüche aus der Jugendsprache des letzten Jahrhunderts ab und hört vor allem nie auf, mit ihrer unangenehm quietschenden Stimme zu quasseln. Das mit der Ehe und dem Verkauf des Familienhauses ist bald kein Thema mehr, eigentlich hat diese Ansammlung von mehr oder wenig peinlichen oder blöden Szenen weder Handlungsfaden noch Entwicklung. Zum Glück gibt es da die Überpeinlichkeit des abstrusen Vortrages, an der selbst Blödel-Schauspielerin Melissa McCarthy scheitert. Ausgerechnet eine der unerträglicheren Quasselstrippen der jüngeren Filmgeschichte hat Probleme mit „oral presentation", mit mündlichen Prüfungen. Und irgendwelche Kicher-Kicher-Assoziationen mit oral sind im Film dringend erwünscht.

Dazu gibt es Hausfrauen-Squash mit Bierflaschen in der Hand und Geständnisse über die privaten Namen ihrer Vaginas. Ein Verhältnis mit einem sehr jungen Kommilitonen, der Vergleiche zu Harry Potter in den Sex reinbringt! Und eine, exakt eine, ganz großartige Szene bei Deannas Erniedrigung vor Freunden im schicken Restaurant, als der Ex dort seine nächste Hochzeit ankündigt. Denn dabei stellt sich heraus, dass ihr junger Liebhaber als Sohn der Neuen vom Ex ist. Deren Entsetzen wird köstlich ausgespielt, ebenso die Schadenfreude von Deannas bester Freundin. Diese „alte" Freundin zeigt, was man mit einer Verlassenen, die lernt, richtig auf den Putz zu hauen und sich dabei wirklich selbst wiederentdeckt, hätte machen können. Wenn nicht ein College-Filmchen mit Partys und obligatorischem Drogentrip dazwischen gekommen wäre. So bleibt das Emotionale schal, die Witze sind lahm, aber vor allem das Drehbuch muss erbärmlich sein. Nicht mal die Klischees von Hausweibchen und Partygirl, nicht mal diese Abziehbilder wurden anständig ausgearbeitet.

Die Frau, die vorausgeht

USA 2017 (Woman walks ahead) Regie: Susanna White mit Jessica Chastain, Michael Greyeyes, Sam Rockwell, Ciarán Hinds 101 Min.

Der indianische Name „Woman walks ahead" (Frau, die vorausgeht) hat für die bemerkenswerte historische Figur der schweizerisch-amerikanischen Malerin Caroline Weldon gleich mehrere Bedeutungen: Sie war, einmal geschieden, eine vorausschreitende, fortschrittliche Frau, die dank Geld und Beziehungen ihren eigenen Willen durchsetzen konnte. Auch wenn der so verschroben war, den legendären Indianer-Häuptling Sitting Bull, den Custer-Vernichter der Schlacht am Little Bighorn von 1876, im Porträt festhalten zu wollen. Seine Namensgebung „Woman walks ahead" für Caroline Weldon zeigt den schön freien Geist, den Humor und die Offenheit einer besonderen Beziehung. Denn bei einer der ersten Begegnungen, welche die New Yorkerin immer in ihren Stiefelchen angeht, fragt der eher entspannte als stolze Häuptling, ob sie immer so schnell voraus renne. Für sein Ansehen wäre es besser, sie würde ein paar Schritte hinter ihm bleiben. Womit die emanzipierte Frau gar nicht einverstanden ist. Sie einigen sich auf ein Nebeneinander.

Zuerst fliegt das Bild vom Ex in den Fluss und dann macht sich die junge Witwe Caroline Weldon (großartig: Jessica Chastain) aus New York im Frühjahr in den nicht mehr ganz Wilden Westen auf. Sie bemerkte, dass es noch gar kein Porträt vom berühmten Sioux-Häuptling Sitting Bull gäbe und fühlt sich berufen, diese Lücke zu schließen. Die naiven Vorstellungen der „liberalen New Yorkerin" vom freien Leben in der Prärie, die Panorama-Blicke aus dem Luxuswagon werden bald rau korrigiert. Nach der brutalen Anmache eines Soldaten (Sam Rockwell) im Zug voller Männer wird sie nach der Ankunft wegen ihres Porträt-Vorhabens von einem Indianerhasser bespukt. Die brutale Unterdrückung der Ureinwohner und deren nicht zimperliche Gegenwehr haben eine Landschaft voller Abneigung und Misstrauen hinterlassen. Es ist noch nicht lange her, seit der letzte Widerstand niedergemetzelt wurde und die paar Überlebenden in elende Reservate gezwungen wurden. Und so schleift Caroline Weldon ihren Koffer allein über lange, staubige Wege ins nächste Dorf. Nicht ahnend, dass der Oberaufseher des Reservates (Ciarán Hinds) sie direkt zurückschicken wird.

Doch ein indianischer Lagerpolizist macht als Enkel von Sitting Bull den Doppelspion und bringt die inhaftierte Malerin statt zum Bahnhof zu einem unscheinbaren Mann (Michael Greyeyes), der gerade Kartoffeln einpflanzt. Den interessieren keine Kämpfe mehr, Carolines Stolz über die ach so lange Anreise relativiert er mit der Frage, ob sie denn auch einen eigenen Schlafwagen gehabt habe. Aber für 1000 Dollar lässt er sich malen und eine besondere Freundschaft nimmt ihren Anfang. Die anfängliche Begeisterung für „die Freiheit", begleitet von einer kräftigen Unkenntnis, wandelt sich zu einem aufrechten Interesse an den unterdrückten Menschen. Auch ihre Position als Malerin relativiert sich, als sie die von Sitting Bull auf Fell „naiv" gezeichneten Skizzen eines brutalen und schrecklichen Lebens sieht.

In langen, intensiven Gesprächen verstehen sich die früh emanzipierte Frau und der nun vor allem geistige Führer der wenigen überlebenden Stämme in Dakota. Frühe ökologische Ansätze, das Menschenbild, in dem Geben mehr wert ist, als das Haben, Reflektionen über zwei unterschiedliche Gesellschaften, tauchen dabei auf. Und nebenbei trockene Bemerkungen über die weißen Hügel, die nicht aus Schnee, sondern aus Büffelschädel der Massaker der Weißen bestehen. Derweil halbiert die Regierung die Rationen für die Indianer und will ihnen selbst das knappe Reservats-Land in einer Volksabstimmungs-Farce abnehmen. Caroline Weldon wird an der Seite des reaktivierten Sitting Bull zur Kämpferin für die Rechte der Ureinwohner.

„Die Frau, die vorausgeht" ist wie schon „Hostile" ein uneigentlicher Endzeit-Western in einem mit Hass und Rachegelüsten vermintem Land. Doch während in der Realität von Bayern bis Washington die politischen Cowboys nicht in den Sonnen–, sondern in den wahren Untergang reiten wollen, gibt es in diesen Filmen ein Prinzip Hoffnung: Die Frauen vermögen tatsächlich verbitterte Krieger zu befrieden. Wobei in diesem sehr sehenswerten Film der Regisseurin Susanna White die (nicht immer beachteten) historischen Fakten im Wege stehen: Sitting Bull wurde ausgerechnet bei seinem friedlichen Kampf nach den Regeln des Staates umgebracht und Caroline Weldon als Bürgerrechtlerin bald vergessen. Die restlichen Indianer des Reservates - 300 Männer, Frauen und Kinder - ermordeten Soldaten 1890 beim politisch erwünschten Massaker am Wounded Knee.

26.6.18

Die Wunderübung

Österreich 2018, Regie: Michael Kreihsl, mit Aglaia Szyszkowitz, Devid Striesow und Erwin Steinhauer, 90 Min. FSK ab 0

Paartherapie kann komisch sein! Als Joana (Aglaia Szyszkowitz) und Valentin (Devid Striesow) voller Streit und Hass aufeinander beim Paartherapeuten (Erwin Steinhauer) auflaufen, können sie sich nicht mal in die Augen sehen. Nach siebzehn Jahren Ehe mit zwei Kindern wissen sie nicht mehr weiter. Er kommt trotzdem nur gezwungenermaßen mit zur Paartherapie. Kein besonders hoffnungsvoller Beginn einer Probestunde, bei welcher der Therapeut auch nicht besonders kompetent wirkt und zwischendurch dringend mal essen muss. Er bescheinigt seinen Klienten jedoch eine „lebendige Streitkultur auf hohem Niveau". Ob Erinnerung ans Kennenlernen, ob schöne Momente mit geschlossenen Augen aufrufen - dieses Paar scheint hoffnungslos entzweit. Doch nach einer dringend notwendigen Pause wird dann der Therapeut therapiert, weil ihn seine Frau gerade per SMS verlassen hat. Diese Wende dreht die Situation komisch ins Absurde.

„Die Wunderübung" von Regisseur Michael Kreihsl ist eine Adaption des Theaterstücks und Buches von Daniel Glattauer („Gut gegen Nordwind"). Bis auf den Rahmen und einer kurzen Pause im Café gegenüber findet die komplette Handlung in Echtzeit in der Praxis des Therapeuten statt. Beim reduzierten Setting sorgen die drei klasse Darsteller und die geschliffenen Dialoge für eine unterhaltsame Kino-Sitzung. Striesow („Ich bin dann mal weg", „Drei", „Zeit der Kannibalen") ist komödiantisch großartig als Techniker mit einigen egozentrischen Schrullen und großer Unfähigkeit, seine Frau zu verstehen. Die Wende zur Halbzeit und eine herrliche Doppelpointe am Ende machen „Die Wunderübung" zu einem kurzweiligen Spaß.

Renegades

Frankreich, Belgien, BRD, USA 2017 Regie: Steven Quale, mit J.K. Simmons, Sullivan Stapleton, Clemens Schick, Sylvia Hoeks 106 Min. FSK ab 12

Tonnenweise Nazi-Gold, für das deutsche Soldaten ein ganzes kroatisches Dorf ermordet haben, wollen im nächsten deutschen Krieg, 1995 in Sarajevo, fünf US-amerikanische Schnorchel-Soldaten aus der mittlerweile gefluteten Stadt klauen. Zuvor haben sie einen General der Serben entführt, Stil und Film waren dabei so grob wie eine Rumpel-Fahrt mit Panzer durch Sarajevo. Drittklassige Action-Darsteller mühen sich also im Rambo-Stil an allseits dämlichen Handlungen ab, unterstützt von penetranter und stupider Marschmusik. Dazu super Scherze über dumme Eingeborene und sadistisch präsentiertes Morden als Spaß für die guten Mörder aus den USA. Erst im zweiten Teil, nach viel zu langatmiger Einführung, geht einigen im Unterwasser-Finale die Luft aus und etwas Spannung kommt auf. Bei aller arroganter Überlegenheit - zumindest bei der Feuerkraft - riecht das stark nach verwesten Vietnamkriegs-Filmen.

„Renegades" ist ein europäisches C-Movie von der Resterampe für die Kino-unfreundliche WM-Zeit, in dem gute Schauspieler wie J.K. Simmons („Whiplash", „Terminator: Genisys"), der Deutsche Clemens Schick („James Bond 007 – Casino Royale", „Overdrive") als serbischer General und die Niederländerin Sylvia Hoeks („Blade Runner 2049", „Whatever Happens") als kroatisches Liebesobjekt sehr verloren wirken. Simmons gibt den extrem eloquenten und sarkastischen General allerdings mit so viel Verve, dass nur seine Szenen in diesem elenden Filmchen erträglich sind.

Love, Simon

USA 2017 Regie: Greg Berlanti, mit Nick Robinson, Katherine Langford, Alexandra Shipp 110 Min. FSK ab 0

Ja, es ist immer einer der ganz schweren Momente im Leben eines Jugendlichen, wenn der Sohn den entsetzten Eltern erklären muss, dass er ein Mädchen liebt. Oder die Tochter verschämt gesteht, dass sie auf Jungen steht. Diese Umkehrung unserer hetero-normierten Gesellschaft in witzigen Szenen zu erleben, gehört zu den vielen guten Momenten beim Coming Out des schwulen Schülers Simon. „Love, Simon" traut sich etwas im Deckmäntelchen eines typischen us-amerikanischen Highschool-Films, überzeugt aber vor allem durch sympathische Figuren.

Es wird anfangs etwas sehr betont, dass der 17-jährige Simon (Nick Robinson) ja „ein normales Leben" hat. Normal als Junge, der selbstverständlich mit Mädchen Beziehungen hat und das volle Heten-Programm normal mitmacht. So outet sich der beliebte Schüler, der Kinks vom Plattenspieler hört und sich zu Halloween als John Lennon verkleidet, nicht bei seiner Kindergarten-Freundin, nicht in der vertrauten Clique, sondern erst mal anonym online im Chat mit einem Unbekannten namens „Blue". Simon wird sich dabei richtig klar, was er nur leise ahnte: Er steht auf Männer und gerade besonders auf den knackigen Gärtner nebenan. Das Coming out passiert also per Email - was Simon nebenbei zum Smartphone-Abhängigen macht. Und dem herrlich verrückten Schuldirektor mit seiner Tirade gegen die Allgegenwart von Smartphones einen grandiosen Auftritt verschafft.

Denn „Love, Simon" ist gerade kein „Problem-Film". Das flott inszenierte Schülerleben wirkt sehr lebensnah, recht echt. Die Highschool-Welt mit den täglichen Ritualen, lebendig und originell ins Bild gebracht, dreht sich einfach weiter. Regisseur Greg Berlanti („Dawson's Creek", „Brothers & Sisters") baut zwar die komplette Highschool-Kulisse mit exzessiver Party und Football-Spiel auf, aber lässt alle dazugehörigen Klischees links liegen, um seine eigene Geschichte zu erzählen. Bei der dann ein wirklich eklig aufdringlicher und unangenehmer Mitschüler Simons Emails entdeckt und ihn erpresst. Der unausstehliche Sonderling will mit Simons Freundin Abby (Alexandra Shipp) zusammenkommen. Und der eigentlich sympathische und besonnene Junge verrät tatsächlich seine Freunde, damit er nicht geoutet wird.

Wie wunderbar, diese Vorstellung einer Welt, in denen sich die Heteros für ihre Vorliebe bei Eltern und Mitschülern erklären müssen. Und auch die Vision einer komplett schwulen Schule a la „Fame" macht mächtig Spaß. Nett, wie er sich den jeweiligen heißen Verdächtigen für sein ebenfalls anonymen Gesprächspartner vorstellt. Hier wird nebenbei mitfühlbar, wie repressiv das „Normale" der heterosexuellen Norm ist. Dabei ist „Love, Simon" allerdings kein „Call me by your name", kein traumhaft schönes Coming Out im Kreise gebildeter, einfühlsamer Menschen.

In „Love, Simon" bringt es selbst die Psychologen-Mutter nicht fertig, dass das Coming Out im Familienkreis wie eine Trauerfeier wirkt. Und im vertraulichen Gespräch wird Simon zum Wesen von einem anderen Planeten gemacht: „Das ist deine Sache", da kann ein „normaler" Mensch dann wohl nicht mehr helfen. Doch auch wenn der Film selbst seltsame Probleme mit Simons Vorlieben hat, sein Protagonist ist überzeugend in den schönen und auch immer wieder nett inszenierten Gedanken. Dieser fast ohne Panik suchende junge Mensch wird mit all den vielen Gefühlslagen von Nick Robinson („Du neben mir", „Jurassic World") sehr gut gespielt.

Obwohl - so gut und glaubwürdig alles gezeigt wird, erscheint der Verrat an seinen Freunden dramaturgisch schwierig. Man traut diesem recht vernünftigen Kerl so etwas nicht zu. Dann macht es allerdings klar, wie groß Simons Angst ist, geoutet zu werden. Und es verstärkt das Gefühl von Einsamkeit nachdem es dann doch alle wissen. Das Vorspiel zum voll romantischen Finale wirkt allerdings wie eine Pflichtübung, ausgeführt von einem anderen Team. Alle klärenden Gespräche stehen aufgereiht Schlange. Verdächtig demonstrativ betont jeder, dass alles bleibt, wie es war. Während die Schlussmontage das viel eleganter hinbekommt.

Die Umsetzung von Becky Albertallis Buch durch von Isaac Aptaker und Elizabeth Berger („This is us") überzeugt mit ein paar großen, schönen, bewegenden Momente und einer tollen Hauptfigur. „Love, Simon" bietet den besseren Highschool-Film und ein gut gemeintes Plädoyer für viele mutige Coming Outs.