21.1.09

Bolt - Ein Hund für alle Fälle


USA 2008 (Bolt) Regie: Byron Howard, Chris Williams 96 Min.

Bolt ist ein kleiner Hund, der alle überrascht. Erst einmal in der Fernsehserie mit seinem Namen. Die Partnerin in dem ebenso action- wie erfolgreichen Kinderprogramm ist Penny, ein kleines Mädel, das Bond locker abhängen würde, das macht schon die anfängliche Verfolgungsjagd klar. Einige Gegner unterschätzen den kleinen Hund: Ein Haustier ist Bolt auf keinen Fall: Mit Laser-Augen schießt er Kampf-Hubschrauber ab, sein Brüllen fegt gleich ganze Armeen hinweg wie ein Tornado.

Tatsächlich eine actionreiche Geschichte, aber auch eine Geschichte mit einer anfangs tragischen Figur. Denn Bolt lebt in gänzlich der Scheinwelt seiner Serie. Nach dem Dreh bleibt er auf dem Set und darf nie mit seiner Herrin in die richtige Welt. Deshalb glaubt er auch tatsächlich, die Superkräfte zu haben, die Tricktechniker ihm zuspielen. Als er aus eines Tages dem Filmstudio ausbricht, muss er sich in einem ganz anderen Abenteuer bewähren: Dem richtigen Hundleben. Ohne Super-Sprünge, ohne Super-Kräfte. Zur Seite stehen ihm die clevere Mafia-Katze Mittens und der durchgeknallte Hamster Rhino, der vor allem ein Fan des TV-Bolt ist.

Für die jungen Kino-Fans von „Bolt“ bietet die Action gute Unterhaltung. Aber weil die Hintergründe der Film-Tricks gezeigt werden und ihm wahren Leben andere Dinge zählen, ist der Spaß auch noch ziemlich lehrreich. Vor allem funktioniert auch diese gute Animation über großartige Charaktere: Das Tier-Trio ist umwerfend im Chaos und in der Wirkung auf die Lachmuskeln. Endlich mal eine richtig flotte Computer-Animation von Disney. Zwar noch nicht in der Pixar-Liga, aber es tut sich was, seit Apple- und Pixar-Chef Steve Jobs den altwürdigen Laden übernommen hat. Dank Pixar-Regisseur John Lasseter als Produzenten ist die sehr schöne Underdog-Story „Bolt“ unbedingt sehenswert - für große und kleine Kinder.

20.1.09

Der fremde Sohn


USA 2008 (The Changeling) Regie: Clint Eastwood mit Angelina Jolie, John Malkovich, Jeffrey Donovan 142 Min. FSK: ab 12

Manche Geschichten sind so unglaublich, dass der Film sich mit dem Hinweis auf wirkliche Ereignisse absichern muss. Oder wie bei diesem Drama um Kindesentführungen eines grundsolide Inszenierung und anständiges Schauspiel. „Der fremde Sohn“ ist nicht der beste Eastwood der letzten Jahre und Angelina Jolie hat ihre Mutterrolle auch meist besser gespielt, doch die anständig erzählte Geschichte kann über zwei Stunden unterhalten und immer wieder erschüttern.

Wenige Momente reichen, um die Zeit, die Umstände und ein besonders gutes Verständnis der allein erziehenden Mutter Christine Collins (Angelina Jolie) zu ihrem neunjährigen Sohn Walter zu skizzieren. Im Los Angeles des Jahres 1928 sieht die Telefonzentrale mit den flotten Ladies auf Rollschuhen vielleicht kurios aus, diese emanzipierte Frau wirkt jedoch ebenso modern wie die Mode der Zeit. Eine starke Figur stellt Eastwood auf für das Unglaubliche, was folgen wird.

Als Christine von ihrer Arbeit zurückkehrt, ist Walter verschwunden. Die Polizei ist ratlos, präsentiert jedoch Monate später unverfroren einen anderen Jungen als Walter, nur um gute Presse für sich zu erhalten. Das ungläubige Staunen und die schreiende Verzweiflung der Mutter bringen sie in die von der korrupten Polizei kontrollierte Psychiatrie. Erst das Engagement eines politischen Priesters (klasse: John Malkovich) und die Entdeckung eines Serienmörders bringen die Taten der Polizei ans Licht. Doch Walter bleibt verschwunden...

Clint Eastwood gelingt es, ein Melodram, einen Korruptions-Thriller und eine schauerliche Massenmörder-Geschichte wie aus einem Guss in seine atmosphärische Story zu packen. Dass dabei Angelina Jolie ihre typische Rolle als Löwen-Mutter recht steif runterspielt, stört nur am Rande. „Der fremde Sohn“ wird sicher nicht das Lieblingskind unter Eastwoods Filmen werden, aber der Wechselbalg ist immer noch weit besser als was die jüngeren Kollegen des 78-Jährigen abliefern.

Vom Cowboy zum Meisterregisseur
Wenn es in „Der fremde Sohn“ um Wahrhaftigkeit geht, die einen schweren Stand gegen den eitlen Schein hat, dann könnte dies ein Markenzeichen von Clint Eastwoods sein. Dieser überaus erfolgreiche Schauspieler hatte von der Politik als Bürgermeister eines Küstenörtchen schnell genug und wurde halt nicht Gouverneur von Kalifornien. Sein Ruhm hätte dazu ausgereicht, das Image erst als Revolverheld in der TV-Serie „Rawhide“ und in den Italo-Western von Sergio Leone ebenso. Die Selbstjustiz seines „Dirty Harry“, des Polizeiinspektors Harry Callahan in San Francisco, brüskierte liberale Kritiker, doch vor allem immer mehr die Themen und die stille Wahrhaftigkeit seiner mittlerweile 29. Regiearbeiten machen Clint Eastwood zu einer allseits geschätzten Persönlichkeit. Respektvoll lauscht das ganze Team, wenn er mit sonorer Stimme leise „Action“ sagt. Dabei ist Action immer weniger gefragt, die Leidenschaft für guten Jazz des Komponisten und Pianospielers Eastwood taucht in der Charlie Parker-Biografie „Bird“ (1988) und in fast jedem seiner edlen Soundtracks auf. Mit den leichtfertigen Duellen räumte der humanistische Spätwestern „Erbarmungslos“ (1992) auf. Und dass einmal „Frauenfilme“ wie „Brücken am Fluss“ (1995) oder „Million Dollar Baby“ (2004) seine Filmographie pflastern, hätte sich der frühe namenlosen Cowboy niemals sagen lassen.

Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat


USA 2008 (Valkyrie) Regie: Bryan Singer mit Tom Cruise, Kenneth Branagh, Bill Nighy 120 Min.

Der Worte sind genug gewechselt, lasst uns endlich Action sehen! So wird mancher Kinozuschauer diese Woche vor diesem politisch und ästhetisch umstrittenen Werk stehen. Die „Operation Walküre“ erwies sich in der Produktion als Himmelfahrtskommando. Ohne dass man den Film kannte, wurde er in den bedeutendsten Feuilletons wegen seiner Wirkung auf das Bild der Deutschen im Ausland hochgejubelt und niedergemacht. Die Dreharbeiten an historischer Stätte in Berlin beschäftigten gar das Außenministerium, dann fielen noch ein paar Komparsen vom Laster und der Fluch der Scientologen lag sowieso über all dem. Letztendlich ist „Operation Walküre“ ein recht belangloses Filmchen, dass auf keinen Fall NS-Geschichtsschreibung verändert oder überhaupt betreibt. Viel Lärm um nichts wäre auch ein passender Titel gewesen...

Das Ende soll selbstverständlich nicht verraten werden, aber es wird auf jeden Fall spannend gemacht, ob der Truppe um Oberst Graf von Stauffenberg (Tom Cruise) die Mission Impossible des Attentats auf Hitler gelingt. Stauffenberg nimmt die ganze Verschwörung sofort in die Hand, nachdem er im Afrika-Feldzug einen Arm und ein Auge verloren hat. Kritisch gegenüber den Plänen der Obersten Heeresleitung war er schon vorher. Und das ist auch die Antriebsfeder der Adligen und Offiziere um Stauffenberg: Man hätte keineswegs auf die Kriege verzichten sollen, man hätte sie nur besser führen müssen. Nun geht es minutiös darum, ein paar Menschen an Schaltstellen zu überzeugen und - immer in Kombination von eindringlicher Verschwörerstimme und zackigem Kommando-Ton - die Aktion voran zu treiben. Dass nach dem Attentat tatsächlich die Macht in Nazi-Deutschland fast in die Hände der Putschisten fiel, ist für viele vielleicht eine Neuigkeit, auch wenn es der Film verkürzt darstellt.

So viel nur zur unrealistischen Forderung nach historischer Korrektheit im Hollywood-Spielfilm. „Operation Walküre“ stellt nicht unbedingt zur Diskussion, dass es sich um einen versuchten Militärputsch handelte. Wichtiger ist der große Solidaritätsmoment, für den der Film sich die Zeit nimmt, während es eigentlich darum geht, die Schaltstellen der Macht so schnell wie möglich zu besetzen.

Auch wenn materialreiche Produktion und wuchtige Musik Gefühle sehr kräftig lenken, auch wenn der Schnitt für Spannung sorgt, ist es ideologisch ziemlich verdreht, dass mit Tom Stauffenberg / Oberst Cruise ein neuer (An-) Führer den Führer Adolf Hitler stürzen soll. Die Logik des (übrigens hochgradig arbeitsteilig hergesellten) Hollywoodfilms verlangt nach einem Helden, auch wenn ein Kollektiv den Staatsstreich plante und ausführte. So wartet Cruise in fast jedem Bild auf die Verleihung des Eisernen Kreuzes. Ästhetisch greift die Faszination des Bösen in Scharz-Weiß-Rot um sich und eine seltsame Begeisterung für Uniformen und Hakenkreuz-Fahnen beherrscht den Film.

Tragisch ist wohl auch die Rolle von Regisseur Bryan Singer, der eigentlich einen kleinen Film drehen wollte und durch den Einstieg von Tom Cruise und dessen Produktionsfirma United Artists förmlich überrollt wurde. Der jüdische Filmemacher, der in „Der Musterschüler“ und selbst in großen Spektakeln wie „X-Men“ Ausgrenzung und Verfolgung nachfühlbar machte, hinterlässt hier kaum einen persönlichen Fingerabdruck.

19.1.09

Das Gesetz der Ehre


USA 2007 (Pride and Glory) Regie: Gavin O'Connor mit Colin Farrell, Edward Norton, Noah Emmerich 130 Min. FSK    ab 16

Es sind ganz besonders feine Kerle, diese Polizisten in New York - „Finest“ steht ganz deutlich in Großbuchstaben auf ihrer Sport-Jacke. Doch man braucht nur ab und zu ins Kino zu gehen, um DeNiro und seine Co-Cops bei besonders schmierigen Machenschaften zu erwischen. Nun wirft „Das Gesetz der Ehre“ mit Colin Farrell, Edward Norton, John Voight und Noah Emmerich eine zweite Garde von Schauspieler in den Sumpf aus Korruption und Verbrechen. Und auch wenn sie den Meuchelmord nicht neu erfinden, kann ihre Leinwand-Präsenz die bekannte Geschichte von Gut und Böse in einer Familie noch einmal interessant machen.

Eine ehrenwerte Familie hat der ehemalige Polizeichef Francis Tierney (John Voight) da großgezogen: Die Söhne Francis Jr. (Emmerich) und Ray (Norton) arbeiten bei den Ordnungshütern, und auch der angeheiratete Jimmy Egan (Farrell) schwor den Eid, „zu dienen und zu beschützen“. So ganz koscher ist die Familie allerdings nicht, das merkt man als vier Kollegen ermordet wurden und sich Ray von seinem Vater lange überreden lassen muss, bevor er die Ermittlungen übernimmt. Schnell wird klar, dass Ray das weiße Schaf in der Familie ist. Jimmy und seine Kollegen verhalten sich schlimmer als die Gangster. Nur auf wessen Seite Bruder Francis und der Vater stehen, ist noch nicht klar.

Eine ganze Weile lag „Das Gesetz der Ehre“ im Regal rum, bevor man ihn ins Dunkel der Kinos brachte. Dabei braucht sich der Cop-Thriller keineswegs zu schämen. Er ist zwar auch keine Sensation, aber gutes Handwerk ist in Hollywood mittlerweile schon zur Seltenheit geworden. Vor allem Edward Norton kann die innere Zerrissenheit zwischen Loyalität zur Familie und dem Gesetz zu dramatischer Größe ausspielen.

13.1.09

W


USA 2008 (W) Regie: Oliver Stone mit Josh Brolin, Elizabeth Banks, James Cromwell 129 Min.

Eine uninteressante Geschichte eines uninteressanten Versagers, wäre es nicht George W. Bush, der die Welt mit Krieg und Religionskonflikten überzogen hat, würde niemand so eine Biografie sehen wollen: Der verzogene, unfähige Sohn des erfolgreichen Politikers und Patriarchen Georg Bush konnte in keinem Job bleiben. „Poppie“ muss immer aushelfen und ist sehr enttäuscht von seinem Sohnemann. Irgendwann entdeckt der die Politik, doch auch das wird ein Debakel, treibt ihn tiefer in den Alkoholismus. Doch dann die religiöse Erweckung und plötzlich der Erfolg und der Ehrgeiz: Noch vor dem immer erfolgreicheren Bruder Jeff, Gouverneur von Florida, bewirbt sich George W. für die Präsidentschafts-Kandidatur. Der Rest ist Geschichte, tragische Geschichte, die wir alle ausbaden müssen.

Oliver Stone zeigt den Verantwortlichen anfangs in einer Farce: Der neue Präsident verläuft sich auf seiner eigenen Ranch während er den Irak-Krieg plant. Dass er den nur veranstaltete, um endlich besser als sein Vater zu sein, ist psychologisches Allgemeingut. Dass Oliver Stone das Scheitern dieses ödipalen Antriebs zum Ende hin tatsächlich tragisch darstellt, ruiniert den ganzen Film. Als Farce verliert „W“ schnell seinen Biss. Da ist der Wüterich Stone simpler als Michael Moore. „W“ wird billiges Theater, das seine Pointe viel zu lang auswalzt. Das geht vielleicht in der Politik aber nicht in einem Film. So ist dieser Film letztlich a-politisch. Eine große Enttäuschung gerade bei Oliver Stone.

„W“ wird am 20. Januar auf DVD erscheinen und am 23. Januar um 22.25 Uhr bei Pro7 zu sehen sein.

Interview Oliver Stone zu W

Der Stone des Anstoßes

Oliver Stone provoziert. Seine Filme sind weltweit bekannt: Die Analyse des Kennedy-Attentates „J.F.K.“. Der Politthriller „Nixon“. „Geboren am 4.Juli“, die Vietnam-Kriegsabrechnung des ehemaligen Vietnam-Kämpfers Stone. Die mediale Gewaltorgie „Natural Born Killers“. Das Börsendrama „Wall Street“ mit Michael Douglas. Die Jim Morrison-Biographie „The Doors“. Um nur einige der fast 20 großen Filme des Amerikaners zu nennen. Und doch ist er nicht beliebt. Angefeindet wegen seiner Stellungnahme zum Vietnamkrieg. Wegen seiner Sicht auf die Politik nach 9/11. In Griechenland ungeliebt, weil er den nationalen Helden „Alexander“ als Schwulen mit blondem Haar zeigte. Das fanden die Türken zwar gut, aber die verübeln Stone immer noch die Darstellung ihrer Justiz in Alan Parkers „12 Uhr Nachts“ (Midnight Express), zu dem der Provokateur das Drehbuch schrieb. Nach „Nixon“, porträtierte Stone Fidel Castro und nun eine Spielfilm-Biographie zu George W. Bush mit dem Titel „W“, die er auf dem Festival von Thessaloniki vorstellte.

Er weiß von der Macht der Bilder: Zur Einführung zeigte man einen sechsminütigen Zusammenschnitt seiner Filme. Nachdem Oliver Stone mit fast einstündiger Verspätung dann doch eingetroffen war, gab es noch mal einer kürzere Version der manipulativen Clips: „Der Drei-Minüter hat mehr Punch!“. „Punch“ hatte auch „Wall Street“, sein Film über die Gier der Finanzwelt, die sich gerade als so prophetisch erweist, dass alle ihn nach einem Nachfolger fragen.

„W“ hat Stone gemacht, weil er wie immer will, dass die Menschen „selber nachdenken, hinter die Fassade schauen.“ Aber auch, weil dieser Präsident die Geschichte mehr beeinflusst hat, als Kennedy oder Nixon. „Der Irakkrieg wird in den USA Generation verkrüppeln, körperlich und seelisch.“ Obwohl er drauf besteht, dass jede Szene bis auf die im streng geheimen „War Room“ verbürgt sei, hat er nicht die Wahrheit für sich gepachtet: „Jeder Film ist nur ein Film, keine historische Wahrheit. Es ist immer eine Interpretation. Wir wissen nicht, was die Wahrheit ist, aber wir müssen sie suchen.“

Ihr Name ist Sabine


Frankreich 2007 (Elle s’appelle Sabine) Regie und Kamera: Sandrine Bonnaire 88 Min.

Sandrine Bonnaire ist ein Star, einer dieser französischen Filmstars, die in Villen neben anderen Göttern zu thronen scheinen. Sandrine Bonnaire ist aber auch eine ganz normale Frau, unprätentiös, immer noch mädchenhaft wirkend. Jetzt zeigt sie, die immer eine große Distanz zwischen Privatem und Beruflichem bewahrte, eine ganz private Seite. Die sehr zärtliche und berührende Dokumentation „Meine Schwester Sabine“ ist eine Begegnung mit dem Schicksal der behinderten Schwester Sabine Bonnaire.

Die junge Frau könnte auch ein Filmstar sein. Ähnlichkeiten mit ihrer mittlerweile berühmten Schwester sind unübersehbar. Die alten Familienfilme lassen diese Vergangenheit miterleben. In den Bildern, die Sandrine Bonnaire nun mit ihrer Schwester Sabine aufnimmt, ist das junge Mädchen eine alte Frau.

Zwischen diesen Jahren ereignete sich eine schockierende Veränderung. Der Verfall von einer jungen Frau, zu einer aufgeschwemmten, sabbernden, immer nur müden, erschöpften Frau erschreckt enorm. Man fragt sich, wie es zu dieser Veränderung kommen konnte.

Sandrine Bonnaire erzählt selbst im Off von guten Zeiten, als ihre Schwester selbständig war, ihre eigenen Dinge machte. Sie war autistisch, hatte eine eigene Welt, aber auch ein eigenes Mofa. Irgendwann fühlt sich Sabine verlassen, schlägt um sich und zerstört das, was sie besondern liebt, auch die Fotos der Familie. Ihr Zustand verschlechtert sich zusehends. Für die unbekannte Krankheit gibt es kein Platz im Krankenhaus, keine Betreuung im Gesundheitssystem. Schweren Herzens gibt die Familie Sabine in eine Psychiatrie und heraus kommt dieser kaum wieder erkennbare Mensch. Mit ihrem anrührenden Porträt stellt Sandrine Bonnaire auch die Frage: Ist Sabines Niedergang der Krankheit oder dem Krankenhaus geschuldet? Erwähnt wird auch die Rolle der Eltern, ihre Suche nach geeigneter Betreuung und ihre Schuldgefühle anlässlich der Frage, ob sie auch alles menschlich Mögliche gemacht haben.

Mittlerweile lebt Sabine in einer betreuten Wohngemeinschaft von Behinderten, die Sandrine privat organisiert hat. Sandrine besucht die Schwester mit der Kamera, ist nicht nur Schauspielerin auf beiden Seiten, sondern auch Schwester. Immer wieder, in endlosen und anstrengenden Wiederholungen fragt Sabine ängstlich in Richtung Kamera: Kommst du morgen wieder, Sandrine? Sie heult und lacht, als sie den Film einer gemeinsamen New York-Reise sieht, sich selbst in einem anderen Leben. Vor allem für die alten Aufnahmen von Sabine benutzt Sandrine die verträumt verspielten, minimalistischen Klaviermelodien von Nicola Piovani aus „Mein liebes Tagebuch“. Aber auch ohne dies wäre das schon ein unwiderstehlich anrührender Moment.

„Für meine Schwester“ hat der Mensch Sandrine diesen Film gemacht und es ist ein ungemein liebevolles und trauriges Porträt geworden. Für die Schwester Sabine war der Film auf jeden Fall positiv: Seitdem sehe sie sich weiblicher, habe an Gewicht verloren, erzählt Sandrine.

Zeiten des Aufruhrs


USA, Großbritannien 2008 (Revolutionary Road) Regie: mit Leonardo DiCaprio, Kate Winslet, Kathy Bates 119 Min. FSK: ab 12

Der Ausbruch aus dem geregelten Leben, die Flucht oder das Aussteigen. Alles mittlerweile trivialisiert, zum Schlager und zur TV-Soap runtergekommen. Der verzweifelte Wahrheitskern, der in diesem Klischee steckt, wird von Sam Mendes, dem Regisseur von „American Beauty“, mit dem atemberaubendem Schauspiel von Leonardo DiCaprio und frisch gebackener Globe-Siegerin Kate Winslet so bewegend bloßgelegt, dass die „Zeiten des Aufruhrs“ nicht nur das Leben von Kinobetreibern zumindest für eine Weile erschüttern wird.

Dieses Drama des falschen Lebens erschlägt direkt mit der Tristesse des Vorstadtlebens, das „American Beauty“ nur langsam entlarvte. Ein furchtbarer Streit des Paares spricht es nach bösen Verletzungen aus: Du bist schuld, dass ich in diesem Leben stecke. Das ruhige, geregelte Leben von Frank und April Wheeler (Leonardo DiCaprio, Kate Winslet) verläuft in milden Farben. Darin schreckt die Einförmigkeit der Anzugträger auf dem Weg zur Arbeit und zum Amt schon über die Bilder ab. Frank ist da, wo er seinen Vater verachtete, bei der gleichen Firma, im gleichen öden Job. April erinnert sich alleine zuhause an bessere Zeiten, als sie noch „fühlen wollten, wirklich fühlen“, als er in Paris war, als der Kauf des neuen Hauses ein Aufbruch war.

Der Familienvater Frank versucht, durch die flüchtige Affäre mit einer Sekretärin seine Leere zu überspielen. Diesem schalen Geschenk an sich selbst zum 30. folgt nach der verspäteten Heimkehr die liebevolle Geburtstagsüberraschung seiner Frau und seiner Kinder. Und Aprils wieder erwachte Lebenslust schlägt vor, das Haus zu verkaufen, nach Paris zu ziehen, wo sie wieder arbeitet und er sich in Ruhe überlegen kann, was er wirklich machen will. Gleich am nächsten Tag verkündet er den Plan im Büro und setzt sich aus der Masse der uniformen Anzugträger ab.

Frank und April rebellieren kurz gegen die Regeln auf der „Revolutionary Road“, aber Normalität fängt sie schnell wieder ein. Er wird von einer Beförderung zum Bleiben verführt. Dann wird April schwanger. Sie will trotzdem ausbrechen, aber er erweist sich als zu träge oder zu feige. Mit dem Aufschrei „Nicht die Träume sind unrealistisch, dieses Leben ist es“ appelliert die Hoffende an die Wahrheit, er zieht sich auf Moral zurück, wird immer enger in seinen Vorstellungen und Lebenswegen, empfiehlt ihr einen Psychiater.

Das Normale und das Richtige. Einer dieser zahllosen Momente, in denen die schonungslose Wahrheit dieses Films einem an die Kehle und ans Herz greift. Und einer dieser vielen treffsicheren Merksätze dreht sich um den Mut, die Hoffnungslosigkeit der leeren Existenz anzuerkennen. Es ist ausgerechnet ein „Verrückter“, der nach 37 Elektroschocks die Idee der Wheelers gut findet. Eine grandiose Figur, die mit untrügerischer Sicherheit die Fassade der Familie auseinander nimmt. In ein paar Sätzen steckt mehr Wahrheit als in ganzem Leben des Paares. Ebenso gnadenlos geht dann jedoch der Film auf das Ende zu. Und meisterhaft, wie auch dies im Bild erzählt wird: Die sanften Pastellfarben der Musterwohnung werden nur von einem Fleck gestört, ein Fleck jedoch, der voller Schmerz und Verzweiflung ist, weil sich die enorme Stärke einer Frau wieder einmal gegen sie selbst wendet.

Sam Mendes findet in seiner zweiten Bloßlegung (nicht nur amerikanischer) Lebensleere Bilder und Momente unendlicher Einsamkeit. Die ungelebten Träume in leeren Blicken, der klägliche Spott der ganz großen Feiglinge, die sich über das Scheitern der verzweifelten Träumer mokieren, all das schickt einen tief erschüttert ins Leben zurück. Auch dank des großartigen, konzentrierten Schauspiels, das ohne viel Drumherum, ohne Action den Film trägt. Grandios wie Leonardo DiCaprio und Kate Winslet durch die Zustände von Öde, Hoffnung, Desillusion und Hass gehen. Ein Drumherum ist allerdings sehr wichtig, die Kulissen und Kostüme, die das Jahr 1955 glaubhaft machen und trotzdem die Figuren atmen und lebendig lassen.

12.1.09

Twilight - Biss zum Morgengrauen


USA 2008 (Twilight) Regie: Catherine Hardwicke mit Kristen Stewart, Robert Pattinson, Billy Burke 122 Min. FSK: ab 12

Ein wirklich fantastischer, weil origineller und ästhetischer Vampirfilm ... läuft schon seit einigen Wochen im Kino, kommt aus Schweden und heißt „So finster die Nacht“. „Twilight - Biss zum Morgengrauen“ stammt aus Hollywood und sein Marketing-Etat ist sicher größer als die Produktionskosten der Schweden. „Twilight“ gilt deshalb als „erfolgreich“, nicht ganz zu unrecht.

Bella ist ein verschlossener, blasser Teenager, also der ganz normale Außenseiter. Sie zieht zu ihrem Vater, dem Polizeichef eines vernebelten Küstenörtchens, in das die Sonne selten durchdringt. Auf den ersten Blick fühlen Bella und der extrem coole Edward sich zueinander hingezogen. Vorauf Edward sich erstmal ein paar Tage nicht blicken lässt. Das Wiedersehen ist ein Knaller, weil der Junge Bella mit ungewöhnlichen Kräften und blitzschnell davor rettet, von einem Auto zerquetscht zu werden. Ein paar verhaltene Treffen später wird der hellen Bella klar: Edward ist ein Vampir und sie steht trotzdem auf ihn - der Beginn einer besonderen Freundschaft.

Selbstverständlich gilt es nun, ein paar Hindernisse zu überwinden: Edward ist ein ganz besonderer Vampir und meint: „Ich will kein Monster sein.“ Seine Familie ernährt sich von Wölfen und verzichtet gerne auf Menschenblut. Wer jetzt hämisch denkt „Haha, ein vegetarischer Vampir!“, dem kommt der Film zuvor, indem er genau diesen Scherz selber bringt. Edward und seine Freunde leben friedlich unter den Menschen. Bis ein Trio durchreisender, echter Vampire für Leichen und Unruhe sorgt. Ein besonders böser unter ihnen hat es sogar auf Bella abgesehen.

„Twilight“ ist ein „cooler“ Film, bei dem alles zur Stimmung und zum Trend passt, die blassen Teenager, die leicht morbide Musik zwischen Grunge und Gothik, die entsättigten Farben. Der gar nicht schauerliche Vampirfilm punktet als schöne, ungewöhnliche Romanze und als sorgfältig gemachter Jugendfilm. Den Darstellern Kristen Stewart und Robert Pattinson (der auch ein paar eigene Liedchen zur Klampfe singt) sowie der Regisseurin Catherine Hardwicke ist zu verdanken, dass diese halb-ewige Romanze funktioniert. Hardwicke begeisterte schon mit dem heftig realistischen Teenager-Drama „Thirteen“.

Was den Film auch vom seriellen Durchschnitts-Kram unterscheidet, sind schöne Feinheiten in der Figurenzeichnung: So macht sich Bella vor dem ersten Besuch bei der Vampir-Familie Sorgen. Nicht Sorgen, gebissen zu werden, sondern ob die Familie sie mögen wird. Die Begegnung mit den mehr oder weniger konsequenten „Vegetariern“ ist dann eher komisch als schaurig. Ein kleiner Tanz zu Debussy leitet die Liebesgeschichte um Begehrem und Vertrauen ein. Statt Sex oder den sonstigen Teenie-Grobheiten gibt es ein Abheben durch die Wipfel der Wälder, das die Flüge von „Spiderman“ und „Crouching Tiger, Hidden Dragon“ überflügeln will. Erst in der letzten halben Stunde bis zum Finale im Spiegelkabinett wird „Twilight“ spannend. Dass Edward, dieser Teenager, der kein Bett hat, nie schlafen muss und seinen Trieb unterdrücken will, auch ein Plädoyer für eine Freundschaft ohne Sex verkörpert, ist mehr als naheliegend. Und ein bitterer Tropfen Prüderie in diesem ganz süßen Saft.

Trotzdem schreckt es nicht ab, dass „Twilight“ nach den Geschichten von Stephanie Meyers ein sogenanntes „Franchise“ zu werden droht, eine gewinnbringende Marke im Mediengeschäft. Denn die Fortsetzung dieser halb-ewigen Geschichte ist unübersehbar angelegt.

6.1.09

Sweet Mud - Im Himmel gefangen

Israel, BRD 2007  Regie: Dror Shaul

Das mit der Kölner "Heimatfilm" koproduzierte und nrw-geförderte, sehr intensive Drama eines Jungen, der erleben muss, wie seine psychisch labile Mutter an der geistigen Enge einer Kibbuz-Gemeinschaft zerbricht, zeigt Kibbuz-Leben sehr differenziert aus der Innenperspektive. Von den menschlichen und politischen Idealen dieser Lebensgemeinschaften in Israel sind schon einige Abstriche auch filmisch erfolgt. Doch der Kampf eines Jungen um die Gesundheit und die Freiheit seiner Mutter lässt diese Welt sehr intensiv erleben. „Sweet Mud“ gewann den Gläsernen Bär der Berlinale 2007 für den besten Spielfilm - aber das ist nicht der einzige Grund, dass dieser Film in die hochwertige Berlinale-Edition von „absolut medien“ aufgenommen wurde. Es ist ein ungewöhnlicher und eindringlicher Film, der mit seiner Thematik und der Intensität des Schauspiels einzigartig bleibt.

Die DVD enthält die deutsche und die hebräische Originalversion.

Bangkok Dangerous DVD


USA 2008 (Bangkok Dangerous) Regie: Oxide Pang, Danny Pang mit Nicolas Cage, Philip Waley, Charlie Yeung 95 Min. FSK: k.J.

„Bangkok ist korrupt, dreckig und überfüllt“ - so lautet nicht die Einschätzung der aktuellen politischen Lage, sondern die des Auftrag-Killers Joe, der wie die meisten seiner Filmkollegen den letzten Job erledigen will. Das Remake der Pang-Brother ihres eigenen Profikiller-Thrillers von 1999 zeigt endlich mal wieder eine Gangster-Rolle, die Nicolas Cage mit schmierigen langen Haaren gut steht. Seine tödliche Routine wird unterbrochen von magischen Momenten und Begegnungen. Vor allem die stumme Apothekerin mit der leisen Piano-Begleitung zieht ihn in ihren Bann. Immer öfter treten viele dieser offenen Gesichter in seinen Weg und es droht ihm ein Tod in Venedig, nur in Bangkok mit seiner Neon-Welt, den Rotlichtbezirken und der Korruption.

Die Video-Premiere unterhält mit nettem Spiel des angeblichen so coolen Killers und seiner ziemlich raffinierten und frechen Thai-Aushilfe Kong. Wer hier an Kato und Inspektor Clouseau denkt, sollte aussteigen. Wer Cage und Kong mag, wird begeistert sein. Selbstverständlich ist auch diese spannende, stylish inszenierte Aktion nicht humorfrei. Typisch ist allerdings auch, dass ausgerechnet in den härtesten Szenen die Filmkunst die reizvollsten Kapriolen schlägt.

Die DVD-Features zeigen ein alternatives Ende, Making of, Interviews, Bio- und Filmografien

5.1.09

Sieben Leben


USA 2008 (Seven Pounds) Regie: Gabriele Muccino mit Will Smith, Rosario Dawson, Woody Harrelson 123 Min.

Welch wunderliches Verhalten legt dieser Steuerschätzer an den Tag! Ben (Will Smith) schätzt Menschen. Nicht finanziell, nein, er wägt ihr Leben ab. Wie sie mit anderen Menschen umgehen, wie sie ihre Zeit auf Erden für Gutes nutzen oder sie vertun. Man muss bei „Sieben Leben“ sehr aufpassen, nicht dauernd ins Biblische, ins Messianische hinein zu geraten. Denn Ben hat etwas von einem guten Samariter, von einem Heiligen, wenn nicht am Anfang diese Szene gewesen wäre, wo er den harmlosen, freundlichen und blinden Menschen vom Callcenter aufs Fieseste beleidigt und provoziert. Und was sollte dieser Anruf bei der Polizei, bei dem Ben einen Selbstmord meldet, seinen eigenen?

„Sieben Leben“ hält einige Geheimnisse in der Hinterhand während man der Arbeit dieses seltsamen Schutzengels folgt. Für einen Steuerfahnder ist Ben viel zu neugierig, fragt sehr persönliche Dinge, zu persönliche. Dabei tritt er immer korrekt im Anzug auf, erfüllt diese an sich vermessene Aufgabe mit gewinnender Freundlichkeit, mit zwingender Selbstaufgabe. Der Film besteht nur aus Begegnungen mit Menschen und aus Einsamkeit. Denn Ben hat auch diese Bilder eines schrecklichen Unfalls, die herzzerreißende Erinnerungen an gute Zeiten mit seiner Frau, begleitet von einem noch schmerzlicheren Nick Drake-Song. Und er sucht diese rätselhafte Nähe zu Tödlichem, wie zu der hochgiftigen Qualle, die er in einem Aquarium hält. So will er seinen Klienten ein freundliches Gesicht zeigen, kann aber doch nicht seine tiefe Traurigkeit überspielen. Ausgerechnet bei der herzkranken Emily (Rosario Dawson) kommt mehr als menschliches Mitgefühl ins Spiel und wenn die Geheimnisse gelüftet sind, ergibt das ein Dilemma, das tatsächlich nicht besser als wiederum mit herzzerreißend beschreiben werden kann.

Zum Umschreiben dessen, was hier nicht verraten werden will, muss man den Originaltitel zu Rate ziehen: Was sind „Seven Pounds“? „21 Gramm“ waren der Unterschied vom Leben zum Tod, war das Gewicht der Seele in einem verrätselten Geflecht aus Beziehungen und Schuld. Wie schwer wiegt die Schuld? Der Schätzer Ben findet eine Antwort, die in ihrer Selbstlosigkeit schockierend ist und weit über kleinmütige Gedanken zum Für und Wider von Organspenderausweisen hinaus weist. Hier gibt jemand etwas zurück, mit unmenschlicher Konsequenz extrem menschlich. Bringt ein Opfer, das keines ist, bis eine neue Liebe, die aus Hilfsbereitschaft und Mitgefühl erwächst, zu diesem wahrlich - übertragen und wortwörtlich - herzzerreißenden Dilemma führt.

Will Smith produzierte sich erneut selbst, aber im Gegensatz zu dem Vorläufer "Das Streben nach Glück", der auch schon von Regisseur Gabriele Muccino inszeniert wurde, ist seine Rolle hier nie aufgesetzt oder zwingt krampfhaft Rührung herbei. Der ehemalige Prinz und Superheld spielt unprätentiös und so zurückhaltend, wie es bei solch einem Part eben geht. Das Ergebnis ist ein Film, der ohne die allgemeine Reizüberflutung im Kino einen Ewigkeitswert wie Frank Capras „It’s a wonderful life“ erreichen könnte.

Jerichow


BRD 2008 (Jerichow) Regie: Christian Petzold mit Benno Fürmann, Hilmi Sözer, Nina Hoss 92 Min. FSK: ab 12

Die innere Unsicherheit

Thomas (Benno Fürmann) ist aus der Bundeswehr rausgeflogen und richtet sich in dem heruntergekommen, abgelegenen Haus seiner verstorbenen Mutter ein. Der Film protokolliert diese Behausung ebenso wie den stillen Einsiedler. Dass direkt ein paar halbseidene Typen vorbeikommen, um Schulden einzutreiben, und dass Thomas beim Versuch erwischt wird, einen ehemaligen Freund zu betrügen, tariert am Anfang exakt die moralische Meßlatte des Films und seiner Figuren ein. Denn bis auf einen altruistischen Moment betrügt hier jeder, sucht hier jeder seinen eigenen Vorteil.

Wenn Thomas anfangs ohnmächtig geschlagen wird, wenn ein zu roter Zug im Hintergrund vorbei fährt und ein Reh irritiert um die Ecke schaut, könnte alles wie in Petzolds letztem Film "Yella" wieder ein Traum sein. Doch damit legt der raffinierte und hochintellektuelle Regisseur nur eine Finte. „Jerichow“ ist als dramatisches Dreiecks-Drama, als Variante von Viscontis "Ossessione - Von Liebe besessen" und „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ nach James M. Cains Krimi „The Postman Always Rings Twice“ ein anderer Petzold und doch wieder ein exzellenter Petzold.

Weil Thomas dem türkischen Imbissbuden-Besitzer Ali (Hilmi Sözer) mit einer Falschaussage vor Polizei und Führerscheinverlust rettete, bietet dieser ihm einen Job als Transport-Fahrer an. Der schweigsame Ex-Soldat hilft fortan, Alis 45 Läden am Laufen zu halten und deckt clever kleine Betrügereien der Angestellten auf. Die beiden Männer könnten Freunde werden, doch da ist noch eine Frau. Der erste Blick von Thomas auf Laura (Nina Hoss) fällt auch ihrem eifersüchtigen Ehemann Ali auf. Trotzdem fordert der die beiden zu einem engen Tanz auf - ein Spiel mit dem Feuer am Meer, das dramatische Folgen hat. Die beiden jungen Menschen verfallen einander in heftiger Leidenschaft. Doch Laura gehört Ali - ganz brutal und nicht im übertragenen Sinne. Sie hatte 140.000 Euro Schulden und Ali kaufte sie auf.

Die Frage in „Jerichow“ lautet nicht nur "Geld oder Liebe?" Sie lautet vor allem "Wer ist noch ehrlich?" Wie immer bei Petzold fasziniert die genaue Beobachtung - des Films und der Figuren, des sozialen Umfeldes im Osten Deutschlands. Manche bezeichnen das als kalt. Doch während Thomas und Laura eine heiße erotische Spannung in das Dreieck bringen, er bald seine Bisswunden verstecken muss, ist vor allem die Ökonomie der Gefühle kalt und berechnend. Petzolds filmische Analyse der Liebe als Handelware macht nicht fröhlich, doch sie packt von Anfang an.

Nina Hoss spielt die verzweifelt berechnende Betrügerin Laura völlig glaubhaft und erstaunt erneut nach ihrer Wende-Verliererin „Yella“, nach der Nachkriegs-Überlebenden „Anonyma“, nach der modernen Medea von „Die Liebe ist ein dunkler Wald“ mit einer weiteren Facette ihres atemberaubend exakten Schauspiels. Diese Laura ist verlebt, getrieben von ihren Gefühlen und Instinkten, wobei die Orientierung auf einen Versorger auch schon ein internalisiert und Instinkt ist. Dass auch Benno Fürmann exakt und gut spielen kann, ist vielleicht die größte Überraschung dieses zwischen Leidenschaft und kalter Berechnung ungemein spannenden Films.

4.1.09

Transporter 3


Frankreich 2008 (Transporter 3) Regie: Olivier Megaton mit Jason Statham, Robert Knepper, François Berléand 104 Min. FSK: ab 12

Einige Ideen sind einfach fesselnd: Man setze eine Frau in einen Bus und mache die Bombe scharf, die explodiert, falls der „Speed“ des Busses unter 50 Stundenkilometer fällt. Oder man „vermähle“ einen Mann und eine Frau mit elektronischen Fußfesseln und sobald sich beide zu weit voneinander entfernen, macht der „Wedlock“ sehr laut Bumm! Oder man lege einem rasanten Chauffeur so eine Minibombe an und zwingt ihn damit, immer in der Nähe seines Autos zu bleiben. So will „Transporter 3“ seine Zuschauer fesseln, hilfreich bei der Action-Lieferung ist dabei die stoisch heroische Präsenz von Jason Statham, der auch die ersten beiden Transporte erfolgreich ans (Kassen-) Ziel brachte.

Frank Martin, der perfektionistische Transportfahrer für kriminelles Frachtgut, hat sich eigentlich in der Nähe von Marseille zur Ruhe gesetzt und will nur noch mit seinem befreundeten Ex-Gegner, dem Polizeikommissar Tarconi (François Berléand) gemütlich angeln. Doch eines Abends schaut ein Kollege von Frank in dessen Küstenvilla vorbei - direkt mit Kopf und Kühlerhaube durch die Wand. Die Gründe für dies zwanghafte Klammern ans Automobil werden dem coolen Helden Frank nach einem Niederschlag schnell klar: Nun trägt er das elektronische Armband, das ihn in Stücke reißen wird, sobald er sich mehr als 20 Meter vom Auto entfernt. Ein skrupelloser Gangsterboss (Robert Knepper) zwingt ihn so zu einem Transport in den Osten Europas. Als Ballast kommt die junge Valentina (Natalja Rudakowa) auf den Beifahrersitz.

Rasende Verfolgungen, ruppige Action und rasante Faustkämpfe - das verspricht auch „Transporter 3“ dem männlichen Zielpublikum. Für eventuelle weibliche Begleitung macht Jason Statham im Anzug eine gute Figur, wobei er Jackett, Hemd und Krawatte auch mal als Waffe benutzt. Im Nebeneffekt legt dies Stathams Sixpack bloß. Routiniert muss er als Fahrer alle seine professionellen Regeln über Bord schmeißen. Und irgendwie haben die Macher um Taxi-Produzent Luc Besson auch ein paar Regeln des anständigen Actionfilms vergessen, immer wieder überziehen sie die Stunts in Lächerliche, etwa wenn Statham mit einem BMX-Rad quer durch Häuser und Hallen sein eigenes Auto verfolgt oder, wieder am Lenkrad, den schwarzen Audi auf zwei Rädern zwischen fahrenden LKWs hindurch zwängt. Franks reizende Begleiterin aus der Ukraine bleibt recht blass und redet dauernd übers Essen, leider nicht in einer witzigen Art, wie man es von Tarantino kennt. Ansonsten sind die Nebenrollen gut mit prägnanten Charakterköpfen wie François Berléand und Jeroen Krabbé (als ukrainischer Umwelt-Minister) besetzt. Sie werden länger in Erinnerung bleiben als dieser Film.

3.1.09

Warlords


VR China, Hongkong 2007 (Tau Ming Chong) Regie: Peter Chan, Wai Man Yip mit Jet Li, Andy Lau, Takeshi Kaneshiro, 113 Min. FSK: ab 16

Es war einmal im Wilden Osten: Ein großes Drama in shakespeareschen Dimensionen, vom Aufstieg eines unerschrockenen Kriegers, von Freundschaft und dem Vertrauen unter Brüdern, von einer tragischen Liebe, welche die anderen Bande belasten wird. Das Ganze ausgeführt mit gleich drei Superstars aus drei chinesischen Politbereichen - Jet Li aus dem volksrepublikanischen Peking, Andy Lau aus dem wieder eingegliederten Hongkong und Takeshi Kaneshiro aus dem verfeindeten Bruderstaat Taiwan. Gewaltig, gewalttätig und sehr eindrucksvoll.

Um 1870 schlägt man sich in China mit Schwestern und Lanzen, metzelt sich beim Bürgerkrieg aber auch schon fortschrittlich mit Gewehren und Kanonen dahin. Das Ergebnis ist gleich zu Anfang furchtbar. Eine Landschaft aus Leichen, der ein verstörter Mann entsteigt. General Pang (Jet Li) ist der einzige Überlebende einer entsetzlichen Schlacht. Verloren irrt er durch die Trümmer kriegsversehrter Häuser bis ihn eine Frau aufnimmt, für eine Nacht an ihrer Seite beherbergt und zur Ruhe kommen lässt. Kurz darauf wird Peng in einem Dorf von Räubern aufgenommen und schließlich Blutsbruder der beiden Führer Zhao Er-Hu (Andy Lau) und Jiang Wu-Yang (Takeshi Kaneshiro). Dass die Frau, die Peng aufnahm, ausgerechnet mit Zhao Er-Hu zusammenlebt, ist die Saat der Tragödie, auf dieses kriegerische Historien-Epos zwangsläufig zusteuert.

Nach einem Überfall verlassen die Blutsbrüder mit hundert hungrigen Männern das Dorf, um sich bei kleinen, lokalen Fürsten als Söldner zu verdingen. Mit ihrem kriegerischen Mut, der an Wahnsinn grenzt, besiegen sie ein Heer nach dem anderen, erobern zum Erstaunen ihrer feisten Feudalherren uneinnehmbare Städte bis zur mächtigen Metropole Nanking. General Pang erfährt am Ende dieses Siegeszuges höchste Weihen der Kaiserin. Aber nicht nur Gegner metzelt dieser Kampf reihenweise nieder, auf der blutigen Strecke bleiben auch Moral, Anstand und der Pakt unter Brüdern.

Es geht wahrlich um „Warlords“, um Kriegsherren, in diesem aufwändigen asiatischen Schlachten-Spektakel - und wer sich beim „Herr der Ringe“ am endlosen Metzeln ergötzen konnte, kommt auch bei „Warlords“ des Thailänders Peter Chan, der bislang mit dem schönen, modernen Melodram „Comrades: Almost a Love Story“ beeindruckte, auf seine Kosten. Blut hat zumindest überall die gleiche Farbe. Dass asiatisches Kampfkino in den Action-Choreografien dem westlichen immer noch überlegen ist, mag als ästhetischer Pluspunkt gelten. Bis zum finalen Duell in Regen und Matsch im Stile von Leone und Scorsese ist „Warlords“ großes Kino, wenn auch in der Originalversion in den Gemetzeln und Massakern sehr körperlich und drastisch. Die deutsche Version verzichtet deshalb auch auf fast fünfzehn Minuten.

29.12.08

Die Reise des chinesischen Trommlers


Hongkong, Taiwan, BRD 2007 (Zhan Gu / The Drummer) Regie: Kenneth Bi mit Jaycee Chan, Tony Leung, Angelica Lee, Roy Cheung 118 Min. FSK: ab 12

Hong Kong-Action, die nachdenklich macht? Ein Musikfilm, der über Leichen geht? „Die Reise des chinesischen Trommlers“ ist eine reiche Erfahrung, eine eindrucksvolle Bilderreise und eine Geschichte, die in viele Richtungen weiter wirkt.

Der junge Sid (Jaycee Chan, der Sohn von Jackie Chan) ist ein ignoranter junger Schnösel, der sich selbst zu wichtig nimmt. Als er mit der Geliebten eines Gangsterbosses ins Bett geht, führt dies zwangläufig zu großen Problemen, weil Sid nicht kapiert, mit welchen gnadenlosen Verbrechern er sich angelegt hat. Sids Vater Kwan (Tony Leung), selbst ein Unterwelt-Boss, kann das Leben des Sohns nur retten, in dem er ihn verschwinden lässt. Im taiwanesischen Exil langweilt sich Junior zuerst und versucht weiter, Blödsinn zu machen. Doch dann entdeckt er in den Bergen eine Gruppe von Zen-Trommlern. Zwar meint der begeisterte Schlagzeuger, hier könnte er direkt landen, doch in der Gegenwart der anderen Schüler ist der coole Sid nur noch ein Clown: Unkonzentriert, fahrig, ohne Disziplin. Statt zu trommeln, muss er erst Wasser holen und Steine durch die Gegend schleppen. Langsam respektiert er die Demut, wird ein anderer Mensch. Doch in Hong Kong wird die Situation für seinen Vater gefährlich...

„Die Reise des chinesischen Trommlers“ bietet eindrucksvolle Musik(er), Landschaften, Lebensweisheit und Spannung. Aber die Familiengeschichte ist nicht nur esoterisches Wohlfühlkino. Mit vielen Parallel-Montagen spielt man auch ein wenig „Der Pate“ des Hong Kong-Kinos. Denn die Qualitäten dieses rundum gelungenen Films liegen nicht allein in den einzelnen Elementen, die sich so schön plakativ bezeichnen lassen. Wie harmonisch Regisseur und Autor Kenneth Bi dies alles miteinander kombiniert, ist ganz besondere Kunst. Die Mischungen aus modernem Leben und spirituellen Traditionen, aus Gangstermilieu und Abgeschiedenheit von der Welt, von Hong Kong und den grünen Bergen Taiwans sind einzigartig und höchst sehenswert.

Kenneth Bi arbeitet mit großer Musik, sehr schönen Bildern und mutigen Montagen, die mehr den inneren Gefühlswelten als der äußeren Dramaturgie folgen. Das unkontrollierte und das kontrollierende Schlagen ziehen sich als Metapher durch den ganzen Film. Wunderbar und witzig ist das erste Trommelduell des arroganten Knaben mit der jüngsten Schülerin, auf die er ein Auge geworfen hat. Sid kann zwar „trommeln wie verrückt“, um den Verlust seiner Mutter zu überspielen, aber er zerbricht direkt seinen Schlagstock. Wie dieses unbeherrschte Handeln der vollen Konzentration gegenüber steht, ist nur eines der Bilder, in denen der Film tatsächlich (Geistes-) Haltung vermitteln und nahe legen kann.

Bonjour Tristesse DVD


USA 1957

Regie: Otto Preminger

„Bonjour Tristesse“ ist einer der bekanntesten Filme von Otto Preminger (1906-86). Der in Wien geborene Jude Preminger arbeitete zuerst am Theater, bevor er 1931 seinen ersten Film drehte. 1936 wanderte er in die USA aus. Von der Mitte der Vierziger bis Anfang der Sechziger galt er als einer der bedeutendsten Regisseure der Welt. Danach schwand sein Ansehen, obwohl er immer noch Filme machte. Neben einigen Höhepunkten der Filmgeschichte verdanken wir Preminger die Entdeckung von Jean Seberg als Johanna von Orleans in „Saint Jean“ und als gefährliche Tochter in „Bonjour Tristesse“ nach dem Roman von Francoise Sagan, der drei Jahre vor dem Film erschien.
Seberg spielt darin die Hauptrolle der jungen Frau, die auf extreme Weise das Verhältnis des geliebten Vaters Raymond (David Niven) zu seiner neuen Geliebten Anne (Deborah Kerr) sabotiert. Neben der unvergleichlichen Stimmung des Films bleibt der Wechsel von farbigen und Schwarz-Weiß-Szenen in Erinnerung. Wobei die Tristesse der Gegenwart im Grau der farbenfrohen Vergangenheit gegenüber steht. Derartige Kunstfertigkeit veranlasste den DVD-Vertrieb zur Warnung, dies sei kein technischer Fehler!

Kurzer Prozess - Righteous Kill


USA 2008 (Righteous Kill) Regie: Jon Avnet mit Al Pacino, Robert De Niro, 50 Cent 100 Min. FSK: ab 16

Doppeltes Copchen

Al DeNiro und Robert Pacino. In ihrer Einzigartigkeit gleichen sie sich, wie ein Ei dem anderen. Beiden haben sich die Straßen und Gassen des kriminellen Molochs New York mittlerweile tief ins Gesicht gefaltet. Beide kennen das Verbrechen in und auswendig, als Paten, Cops, Unterwelt-Bosse, Casino-Chefs, Mafia-Legenden und als edle Ritter des Gesetzes. Und sie verkörpern die Rollen mittlerweile derart vertraut, dass sie wahrscheinlich auch im richtigen Leben mit der billigsten Dienstmarken-Fälschung jeden ohne Gegenwehr verhaften könnten. Nun fesseln sie noch einmal gemeinsam auf der Leinwand, nachdem ihr Aufeinandertreffen in Michael Manns „Heat“ 1995 zur explosivsten Leinwandchemie der Filmgeschichte führte.

In „Heat“ jagte Al Pacino als erfolgreicher Detective Vincent Hanna das kriminelle Mastermind Neil McCauley, dem Robert De Niro Seele und Härte verlieh. Nun steht das Doppelpack der Megastars auf der gleichen Seite der recht durchlässigen Grenze zwischen Recht und Unrecht. Turk (Al Pacino) und Rooster (Robert De Niro) sind seid Ewigkeiten knallharte, aber rechtschaffene Polizisten in New York. Bis Rooster das Gesetz in die eigenen Hände nimmt: Als ein übler Typ, der seine Frau schlägt und die Stieftochter vergewaltigt hat, freigesprochen wird, verstecken die Cops eine Mord-Waffe in dessen Wohnung. Im Ergebnis landet der Verbrecher doch für Jahre im Knast - wenn auch wegen eines Fehlurteils.

Nach dieser Grenzüberschreitung häufen sich die Morde an Kriminellen, bei denen immer ein Zettel mit ein paar Schüttelreimen gefunden wird. Nicht besonders intelligent, dieser Serienmörder, aber erst einmal hinterlässt er keine Spur. Durch die Vielzahl der Fälle müssen Turk und Rooster mit zwei jüngeren Polizisten zusammenarbeiten. Die vermuten bald, einer aus den eigenen Reihen könnte der Täter sein. Denn er weiß viel über die Opfer, die ihn nahe an sich ran gelassen haben. Rooster wehrt die Theorie vehement ab, doch er selbst ist sehr verdächtig. Schon beim Baseball-Spiel der Kinder rastet er regelmäßig aus. Zudem hat er diesen gewalttätigen Sex mit einer Kollegin - bedenklich, bedenklich, dieser lustvolle Spaß.

Eigentlich ist sowieso seit den ersten Bildern alles klar, denn da gesteht Rooster die Morde an den Verbrechern in eine Kamera. Doch Cops und Kumpels halten immer zusammen, so ist auch dieser Thriller von Jon Avnet ein raffiniertes Spiel mit den Erwartungen. Avnets thematische Spannweite reicht vom Frauenfilm „Fried Green Tomatoes“ aus 1991 bis zum letzten Pacino-Film „88 Minutes“ aus 2007. Dieser „Kurze Prozess“ nun ist letztendlich und vor allem im Ende ein echter Männerfilm. Mit Männerfreundschaft, Männerfeindschaft und viel Adrenalin. Dass der eigentliche Gangster vom HipHop-Superstar 50 Cent gespielt wird, bleibt dabei Nebensache. Bemerkenswert, weil so jemand wie 50 Cent gerne mal das ganze Marketing eines durchschnittlichen Filmchens tragen muss. Hier, beim „doppelten Copchen“ Al-De-Niro ist er nur Leichtgewicht. Den nicht besonders originellen Film tragen allein die beiden New York-Veteranen. Sie kann man sich immer wieder gut ansehen. Nicht viel mehr bietet „Kurzer Prozess - Righteous Kill“, aber auch nicht weniger.

Bonjour Sagan


Frankreich 2008 (Sagan) Regie: Diane Kurys mit Sylvie Testud, Pierre Palmade, Jeanne Balibar, Lionel Abelanski, Guillaume Gallienne, Denis Podalydès 120 Min. FSK: ab 12

War Kafka wirklich so kränklich und vom Unglück verfolgt? Oder folgt das Bild des Dichters nur dem Klischee vom leidenden Künstler? Filmische Künstler-Biographien folgen nur zu gern diesem Muster vom „La vie en rose“ der Edith Piaf bis zu Salma Hayeks „Frida“ (Kahlo) - letztere wohl eher dem schmerzensreichen Original entsprechend. Es geht bei dieser Kritik nicht um die Erbsenzählerei, was denn „wahr“ und verbrieft sei. Auffällig ist allein, dass der Fokus auf die Schwere des Lebens all diese verfilmten Leben so austauschbar macht.

Wie schon beim „Vie en rose“ der Edith Piaf blickt (Françoise) „Sagan“ vom einsamen Alter zurück auf ein wildes, eigenwilliges Leben: Françoise Quoirez (1935-2004) veröffentlicht 1954 knapp 18-jährig unter dem Pseudonym Sagan wie selbstverständlich ihren ersten Roman „Bonjour Tristesse“, der sofort weltweit zu einem Erfolg wird. Auch dies tangiert die resolute junge Frau (eindrucksvoll verkörpert von Sylvie Testud) nicht weiter. Literaturpreise nimmt sie ebenso beiläufig entgegen wie die Zuneigung mehrerer Männer. Françoise Sagan, die aus einer wohlhabenden Pariser Familie stammt, lebt eigenwillig, unabhängig und vom Glück verwöhnt. Mit einem neuen Sportwagen und zwei frischen Freunden düst sie an die Küste, gewinnt Unsummen im Casino und kauft noch am gleichen Morgen mit dem Geld ein Landhaus, das von nun an ihr Heim sein soll. Dort versammelt sie sehnsüchtig Freunde, Kriecher, Bewunderer, Kritiker ohne Einfühlungsvermögen. Geradezu abhängig hüllt sie sich in die Harmonie dieses Kreises. Kritik an ihrer Arbeit führt - im Film - direkt zum tragischen Autounfall der damals 21-Jährigen, der ihre Gesundheit fortan belasten wird. Der Rest ihres Lebens ist bestimmt von der Sucht nach Menschen, die ihr Liebe und Aufmerksamkeit schenken, von Morphium und Koks als Droge gegen Schmerzen und Einsamkeit.

Dabei bleibt Sagan frech und forsch, eigenwillig und konsequent. Immer suchend baut sie mit Freundeskreisen eine Welt um sich herum, die in sich eine Revolution gegen die bürgerlichen Regeln und Rahmen darstellt: Im Kinderzimmer steht ein richtiges Pferd, der schwule Vater von Sagans Sohn küsst seinen Liebhaber und keinen kümmert es. Und dann ist da noch die Ruhelosigkeit: Als ihr mittlerweile erwachsener und fast vergessener Sohn nach langer Zeit mal wieder vorbeikommt, haut sie ab nach New York ohne ihn zu sehen. Mit der Concorde, es kann nicht schnell genug gehen: „Manchmal spürt man das Verlangen zu fliehen, einfach auszureißen, sich irgendwo zu verlieren. Aber manchmal geht man auch verloren, ohne es zu wollen, zufällig, durch einen Exzess.“

Regisseurin Diane Kurys („Das Liebesdrama von Venedig“) reiht aus der Biografie der Schriftstellerin Françoise Sagan verstreute Episoden aneinander, die dem lückenhaften Erinnern der heruntergekommenen Autorin entsprechen könnten. Die Episoden der Einsamkeit, mit Zeitenblendungen durch Fernsehberichte vom Algerienkonflikt oder den 68-er Unruhen in Paris halbwegs verortet, ergeben einen pessimistischen Blick aufs Leben. Sagan bleibt zeitlebens hilfesuchend und letztendlich verloren. Mit Koks und Wodka ruiniert sie auch ihre Kreativität. Ihr Wunsch nach Freiheit bleibt gefangen in der Drogen- und Liebessucht. Die ergibt dann das Beste des Films, die klugen, kompromisslosen Äußerungen im Off, die den Film im Trailer so spannend machen. Beispiel: „Warum können die Leute nicht loslassen, wenn die Liebe weg ist?“

Ihre Romane „Lieben Sie Brahms?“ (1959) oder „Brennender Sommer“ (1985) wurde immer wieder verfilmt, am bekanntesten ist „Bonjour Tristesse“, der Film von Otto Preminger. Jean Seberg spielt darin die Hauptrolle der jungen Frau, die auf extreme Weise das Verhältnis des geliebten Vaters Raymond (David Niven) zu seiner neuen Geliebten Anne (Deborah Kerr) sabotiert. Wobei die junge Seberg ebenso eindrucksvoll auf der Leinwand wirkte, wie nun die Sagan-Darstellerin Sylvie Testud, die man seit „Jenseits der Stille“ zwischen Frankreich und Deutschland in vielen Filmen wie „Karnaval“, „Maries Lied“ oder „La vie en rose“ sah.

22.12.08

So finster die Nacht


Schweden 2008 (Låt den rätte komma in) Regie: Tomas Alfredson mit Kåre Hedebrant, Lina Leandersson, Per Ragnar 114 Min. FSK: ab 16

Droben im Norden Europa kann es in den langen Nächten schon mal passieren, dass man sich mit einer Vampirin anfreundet. Die Kinder gehen im Dunkeln zur Schule und das winterliche Taglicht hat auch kein langes Leben. So geschieht es dem schmächtigen zwölfjährigen Oskar in Kopenhagen. Die gleichaltrige Nachbarin, die er abends auf dem Spielplatz trifft, ist seltsam. Aber er mag sie trotzdem. Auch weil sie ihm beibringt, sich zu wehren. Die Mordserie in der Gegend steht erst einmal nur für die Zuschauer in direktem Zusammenhang, denn Elis Vater versucht müde und ungeschickt, frisches Blut für das Vampirmädchen zu finden. Und da müssen halt auch einige Nachbarn dran glauben.

Bis auf wenige heftige Szenen ist „So finster die Nacht“ eher ein ganz toller Jugendfilm als ein vor allem spannender Vampirfilm. Doch die Mischung macht das kleine schwedische Meisterstück zu etwas ganz Besonderem. Man verfolgt die schwierige Freundschaft zwischen Oskar und Eli ebenso mit viel Mitgefühl, wie man die Ausbreitung der dürstenden Vampire im Wohnkomplex mit Humor und leichtem Schaudern erlebt. Sorgfältigst in Figuren und Szenenzeichnung begeistert der Film, der in kein Genre passt. Vor allem die ohne große Effekte faszinierenden Bilder, wie beim ersten Mord im verschneiten Birkenwäldchen, dem selbst der störende weiße Königspudel keinen Farbtupfer gibt, weisen „So finster die Nacht“ als Perle im Europäischen Kinoalltag aus.

Australia


Australien, USA 2008 (Australia) Regie: Baz Luhrmann mit Nicole Kidman, Hugh Jackman, David Wenham 166 Min.

Ganz knapp und ganz schön spannend reitet kurz vor Toresschluss der großartigste Film des Jahres ins Ziel: „Australia“ ist ein postmodernes „Vom Winde verweht“ - Epische Breitwandkino, ganz großer Film aber auch große Oper. Nach seinem wilden "William Shakespeare's Romeo and Juliet" und dem überbordenden Musical "Moulin Rouge" bespielt Baz Luhrmann nun ganz Australien als Bühne. Seine Stars sind - neben der unfassbaren, einzigartigen Landschaft - Nicole Kidman, Hugh Jackman und als Entdeckung der zwölfjährige Brandon Walters.

Schon die Ankunft von Lady Sarah Ashley (Nicole Kidman) ist ein großer Auftritt auf der Bühne, zu der Luhrmann den Hafen von Darwin macht. Sarah flog kurz vor Ausbruch des 2. Weltkrieges resolut von England rüber, um ihren untreuen Mann heimzuholen. Der liegt allerdings schon tot auf der heruntergekommenen Farm Faraway Downs, der betrügerische Verwalter (David Wenham) wird mit einem gezielten Peitschenhieb gefeuert und nun muss die Lady sehen, wie sie die riesige Viehherde zum Hafen bekommt. Doch zum Glück und zum Augenschmaus für die Ladies ist da der knackige Viehtreiber Drover (Hugh Jackman): Rau und ungehobelt bietet er der eingebildeten Dame viel Reibungsfläche auf dem klassischen Viehtreck quer durch Australien.

Am Ziel könnte schon nach gut neunzig Minuten Happy End sein. „Australia“ ist im ersten Teil ein großes Abenteuer und im zweiten das größere, eine Familie zu finden. Denn der wahre Star des Films ist das „Halbblut“ Nullah, kein Held, kein großer Magier, ein kleiner Junge, der nicht weiß, was er kann. Vor den Behörden, die bis in die Siebziger Mischlingskinder den Eltern raubten und grausam kasernierten, versteckt sich das Kind auf Faraway Downs. Nullah ist zudem der Erzähler der großartigen Geschichte „Australia“, was dem Land und seinen eigentlichen Bewohnern die gegebene Ehre erweist.

Für 130 Mio. Dollar und mit extremen neun Monaten Drehzeit erfüllte sich Baz Luhrmann seinen Wunsch, ein australisches „Vom Winde verweht“ zu drehen. Als altmodisches Epos angelegt, ist sein großes Drama voller Romantik, Abenteuer, Komik und auch Mystik selbstverständlich schneller als der alte Klassiker. Reichlich Top Shots, die (künstlichen) Farben des Himmels, das ist auch Kitsch, aber großartiger. Während er sich mit dem Windrad von „Moulin Rouge“ selbst kommentiert, wird das Leitmotiv aus dem Musical „Der Zauberer von Oz“, der Song „Somewhere over the Rainbow“, mit der Regenbogenschlange plötzlich zu einem Stück Aborigine-Mythologie. Aber der Regisseur einer tollen „Boheme“ muss ja begeistert sein von einer Kultur, die mit einem Lied durch Wüste findet.

Dem offenen Rassismus aus „Vom Winde verweht“ werden hier schon in den ersten zehn Minuten zwei große Einsätze für das Gemeinsame entgegen gesetzt. Lange bevor ein Multikulti-Treck quer durchs Land zieht und endgültig klar wird, dass dies grandiose Abenteuer immer ein Plädoyer für das Zusammenleben ist.

Nicole Kidman ist nach „Moulin Rouge“ und einem gerade wieder reaktivierten Chanel-Werbespot Luhrmans Star. Ihre Lady ist Zicke, mutige Heldin mit großem Herzen, die den Regen und im Regen liebt, ist kleines Mädchen und die schönste Frau in dieser Welt. Hugh Jackman gibt perfekt den richtigen, bärtigen Held, dem auch mal ein paar Tränchen über die sonnengegerbten Wangen rollen. Seine erste Liebeserklärung bei Lagerfeuer-Romantik unterm Flaschenbaum (!) lautet, er wolle mit niemand anderem mehr trinken. Nach einem kräftigen Schluck können sie dann auch ihre Leidenschaften nicht mehr zurückhalten.

Und damit sind sie wieder beieinander, die großen Vier von „Moulin Rouge“: Truth, Beauty, Freedom, and above all things, Love. Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit. Die Schönheit der Landschaften. Die Freiheit des Einzelnen, denn „Australia“ ist auch ein Film über das Gehenlassen. Und: Die Liebe, die hier alle Grenzen überschreitet. Denn „wenn du keine Liebe im Herzen hast, hast du nichts, keine Träume und keine Geschichte.“ Und dies ist eine gute Geschichte, eine der besten!

21.12.08

Buddenbrooks


BRD 2008 (Buddenbrooks) Regie: Dr. Heinrich Breloer mit Armin Mueller-Stahl, Iris Berben, Jessica Schwarz 151 Min. FSK: ab 6

Ein Drama, diese Mann-Verfilmung. Eine Familien-Katastrophe, oder eher eine konzeptuelle Katastrophe: Ideenarmes, steifes Abfilmen von Kulissen, Kostümen und Köpfen führt zu einer gefühlten Länge von sechs Stunden ödestem, falsch verstandenen Kultur-Kino. Ein starkes Argument, lieber den Roman von Thomas Mann zu lesen!

Patriarch Armin Mueller-Stahl führt Mitte des 19. Jahrhunderts in Lübeck ein florierendes Unternehmen. Mit Handel ist seine Familie zu Wohlstand und Ansehen gekommen. So trägt seine Frau Iris Berben auch immer schöne steife Kostüme und sie wohnen in einem tollen alten Haus mit vielen Angestellten, die eifrig durchs Bild wuseln. Doch die drei Kinder von Armin Mueller-Stahl werden Probleme machen und den Laden im Laufe der nächsten Jahrzehnte richtig runterwirtschaften.
Jessica Schwarz verliebt sich lieber und stimmt nur zickig den von Papa arrangierten Hochzeiten zu, die das Geschäft fördernd sollen. August Diehl lebt lieber in der Welt der Künste als wie ein Beamter hinter dem Schreibtisch abzustumpfen. Und Mark Waschke will als ältester Sohn von Armin Mueller-Stahl das Unternehmen erben und fortführen, ist aber nicht besonders glücklich dabei...

Moment mal, spielen sie nicht eigentlich Rollen? Mueller-Stahl, die Berben und alle anderen zu bekannten Gesichter? Wenn man sich ganz stark konzentriert und die Augen zusammenkneift, dann kann man sich vorstellen, dass da jemand anderes stehen sollte. Aber das funktioniert so gut wie nie. Man schaut ihnen immer zu, wie sie brav Literatur verfilmen.

Es gibt viele Literaturverfilmungen, die sich krampfhaft vom Original-Hintergrund lösen wollen, etwa Hamlet zu einem Wirtschaftboss machen (Regie Michael Almereyda) oder Romeo und Julia in New York mit Pistolen spielen lassen (Baz Luhrmann). Alles nur, um den starken Kern eines Werkes nach vorne zu bringen.

Breloer, der erfolgreiche TV-Regisseur von Doku-Dramen wie "Todesspiel" und "Die Manns - Ein Jahrhundertroman", „dokumentiert“ die Zeit und die Orte der Buddenbrooks möglichst genau. Was vielleicht dem Lübecker Tourismus dienen mag, nicht dem Film. Zwar raffte Breloer die Familien-Geschichte zusammen, konzentriert das Geschehen auf entscheidende Handlungsmomente, betont die wirtschaftlichen Aspekte, aber das Ergebnis aufwändiger Arbeiten von einiger Größe (über 16 Mio. Euro!) bleibt erschreckend uninteressant. Nur bei einigen Ausreißern aus dem „realistischen“ Einerlei schreckt man zeitweise aus der Kinodämmerung auf: Schrille Figuren wie den Hamburger Banker mit der furchtbaren Lache fallen völlig raus, leben aber mehr als die sonstigen staubtrockenen Figuren. Selbst der alkoholkranke, anfangs aufbegehrende Lebemann Christian von August Diehl wird zum vorüber ziehenden Schatten.

Das ist schon ein Kunststück: In den letzten Jahren mit mehreren hunderten Filmen vom verschrobenen Experiment bis zum Hollywood-Serienprodukt hat kein Film den Rezensenten so gelangweilt wie diese „Buddenbrooks“!

Wenn man sich dann noch die Extra-Minuten der von vornherein eingeplanten und mitfinanzierten zweiteiligen TV-Version hinzudenkt, wird einem um die Quote ganz bange. Doch vielleicht ist das tragische Ende der „Buddenbrooks“ ja auch der Untergang solcher „Amphibien-Filme“, die schizophren für Kino und TV-Zweiteiler produziert werden, und von daher nie so gut wie ein richtiger Kino- oder ein richtiger TV-Film sein können.

16.12.08

Novemberkind


BRD 2008 (Novemberkind) Regie: Christian Schwochow mit Anna Maria Mühe, Ulrich Matthes, Christine Schorn 98 Min. FSK: ab 12

Man kann über die Fernsehbeteiligung an Kinofilmen schimpfen und diskutieren. Man kann wie Volker Schlöndorff bezweifeln, dass TV-Mehrteiler in der Kinokurzfassung wirklich sorgfältig gemacht werden. Aber auf dem Gebiet der Nachwuchsförderung haben sich die Sender tatsächlich verdient gemacht. „Novemberkind“ ist wieder ein Beispiel für exzellentes Kino, das diesmal vom SWR als Abschlussfilm der Filmakademie Baden-Württemberg finanziert wurde.

Die lebenslustige Inga (Anna Maria Mühe) ist Antiquarin in Malchow, Mecklenburg-Vorpommern. Spielt Karten mit den Großeltern, die sie aufzogen, und vermisst ihre Freundin, die in den Westen zog. Eines Tages steht der etwas wirre Literaturprofessor Robert (Ulrich Matthes) vor ihr, stellt Fragen und streut kleine Hinweise aus. Er meint Ingas Mutter Anne (Anna Maria Mühe) gekannt zu haben, doch die soll schon vor vielen Jahren ertrunken sein. Roberts Geschichte erweist sich als wahr, alle Menschen um Inga haben ihr verschwiegen, dass ihre Mutter mit einem desertierten Sowjet-Soldaten aus der DDR floh und ihre Tochter zurückließ. Ingas Leben bricht zusammen. Um ihre Fragen zu klären, verlässt sie Malchow mit Robert und ihrer alten MZ, um per Motorrad plus Beiwagen nach ihrer Mutter zu suchen.

Christian Schwochow gelang mit dieser leisen Ost-West-Geschichte ein tolles Debüt. Die Verstrickungen und unmenschlichen Zwänge im DDR-Regime, die moralischen Abgründe der West-Kapitalisten führen zu einem Drama, das ganz undramatisch entdeckt wird. Schwochow erlaubt sich mit der exzellenten Kamera von Frank Lamm sehr entspannte, stimmungsvolle Aufnahmen der Gegend und intensive Zeichnungen der Menschen. Die Musik (Daniel Sus) ist ebenso zurückhaltend wie die Erzählung. Grandios in der Mutter-Tochter-Doppelrolle brilliert Anna Maria Mühe, die Tochter des schwierigen Ost-Künstlerpaares Ulrich Mühe and Jenny Gröllmann. Anna Maria Mühe sorgt für die emotionale Verankerung der Zuschauer in der Geschichte, etwa in den bewegenden Momenten der Leugnung, wenn nahe Menschen sie erkennen und doch so tun, als sähen sie nicht. Ulrich Matthes („Der neunte Tag“) spielt einen zwiespältigen Part, als Autor oder als Beobachter, als Erfinder oder Antreiber der Story. „Novemberkind“ - ein exzellenter Film, jetzt im Kino und irgendwann sicherlich nach Mitternacht im Fernsehen.

O'Horten


Norwegen, BRD, Frankreich 2007 (O'Horten) Regie: Bent Hamer mit Bård Owe, Espen Skjønberg, Ghita Nørby 89 Min. FSK: o.A.

Ein Abschied als skurrile Odyssee: Der norwegische Lokführer Odd Horten (fabelhaft: Bård Owe), ein stoischer Kapitän mit noch mehr Ruhe gebender Pfeife, muss nach seiner letzten Dienstfahrt ein absurdes Ritual seiner Kollegen über sich ergehen lassen. Das Absingen der Lokführer-Hymne und das Erraten von Lok-Geräuschen auf Schallplatte sind bereits atemberaubend absurd. Als dann der alte Mann über ein Gerüst fliehen will und in einer fremden Wohnung von einem kleinen Jungen zum Gutenachtgeschichten-Erzählen festgehalten wird, als er im Kinderbett einschläft, beginnt eine noch wunderlichere Reise durch Oslo.

Bent Hamer drehte bereits die wunderbar verrückte Küchen-Studie Kitchen Stories (2003) und dann mit Matt Dillon die Bukowski-Geschichte „Factotum“ (2005). „O'Horten“ ist erneut eine Perle der Erzählkunst. Es ist schwer zu beschreiben, wie gleichmütig und doch neugierig erstaunt der äußerst liebenswerte Horten die verrücktesten Situationen mitmacht. Dabei ergibt sich in einem Pfeifenladen mal grandioser Slapstick a la Jacques Tati, dann hüllt Melancholie die Begegnung mit einem verrückten Erfinder ein. Dass eine blinde Nachtfahrt durch die verschneite Stadt wie selbstverständlich fast ohne größere Schäden verläuft, betont das Traumhafte von Hortens Erlebnissen. Doch die Folge von grandiosen Szenen ist keine Nummernrevue, Horten geht seinen Weg, erfüllt am Ende todesmutig den Mädchentraum seiner alten Mutter und verlässt dieses Märchen wieder durch den Eisenbahntunnel, den er schon zu Beginn befuhr. Horten ist in einem etwas weniger seltsamen Leben angekommen, aber man braucht sich keine Sorgen um diesen Mann zu machen, zu sehr sprüht er regungslos vor Lust auf Leben.

Ein Geheimnis


Frankreich 2007 (Un secret) Regie: Claude Miller mit Cécile de France, Patrick Bruel, Ludivine Sagnier, Julie Depardieu, Mathieu Amalric 105 Min.

Kein Geheimnis sind die Deportationen französischer Juden durch deutsche Soldaten während der Besatzung. Eine besonders sensibel und psychologisch spannend erzählte Geschichte über die Folgen eines dieser Verbrechen vermittelt „Ein Geheimnis“. Und dazu im Kern des historischen Sturms ein ungewöhnliches Drama von Liebe und Eifersucht.

Der junge François ist ein Tagträumer. Er fantasiert sich einen Bruder herbei, der alles kann, was der schwächliche, achtjährige Knabe nicht vermag: Den Sprung vom Fünfmeter-Brett ins Schwimmbad, die Turnübungen am Reck. Es ist das Jahr 1955 in Paris. Tania und Maxime (Cécile de France und Patrick Bruel), die Eltern von François, sind ausgesprochen sportlich und schön. Bei den Nazis wären sie glatt als Muster-Arier durchgegangen, doch sie sind Juden. Und Jahre später, als François die Träume vom Bruder und die Missachtung im Blick des Vaters zu sehr quälen, klärt ihn die Nachbarin über die Vergangenheit auf. Damit eröffnet sich ein Abgrund mit all den Toten, den Ermordeten aus seiner Familie, den Freunden der Eltern und vor allem mit dem Bruder, von dem François nie wusste.

Regisseur Claude Miller bearbeitete (zusammen mit Natalie Carter) und verfilmte Philippe Grimberts autobiographischen Roman "Un secret / Ein Geheimnis" mit drei Zeitebenen, die elegant ineinander fließen (Schnitt: Véronique Lange), so wie sie sich in den Menschen gegenseitig bedingen. Dabei wirkt die farbige Vergangenheit präsenter als das „aktuelle“ Leben von François, das nur noch ein grauer Schatten zu sein scheint.

Die Geschichte der Grimberts beginnt bei einer Hochzeit mit fataler Begegnung 1936. Noch bei der Geburt von Maximes ersten Sohn Simon ist das Treffen von Hitler und Mussolini nur eine Zeitungsnotiz. Später, als unter der Besatzung und Kollaboration aus der Rue Rabelais die Petain-Straße wurde, weigert sich Maxime, den Judenstern zu tragen. Es sei ein Stern für die schwachen und er sei stark. Er bezeichnet sich gar als antisemitischer Jude, der nicht glaubt, dass die Franzosen ihren jüdischen Landsleuten etwas antun würden. Ihm gelingt auch die Flucht in die freie Zone Frankreichs, doch die schwelende Eifersucht seiner Frau führt zu einem tragischen Medea-Moment, das die Geschichte dieser Familie für immer prägen wird.

Eine folgenschwere Liebesgeschichte wird erzählt über Blicke, die für einen Bruchteil von Sekunden zu lang verharren, oder sich zu rasch abwenden. So dezent setzt der Film auch seine anderen Akzente, fügt minimale Verzögerungen für die großen emotionalen Momente ein. „Ein Geheimnis“ verzeichnet die unlösbare Verbindung von Vergangenem und Gegenwart in genauen und intensiven Details. Die verwobenen Bilder prägen sich ein, ohne einzulullen. So soll irritieren, dass unter den immer wieder dokumentarisch in die Handlung geschnittenen Zeitbildern ausgerechnet der Körperkult von Leni Riefenstahl in den Olympia-Träumen von Maxime aufblitzt.

„Ein Geheimnis“ ist prominent besetzt mit den Superstars Cécile de France und Patrick Bruel, mit „der Tochter“ Julie Depardieu und dem immer wieder begeisternden Mathieu Amalric („Schmetterling und Taucherglocke“). Die Musik schrieb der Komponist vom verstorbenen Polen Kieslowski, Zbigniew Preisner („Drei Farben: Blau“).

Wild Child


USA 2008 (Wild Child) Regie: Nick Moore mit Emma Roberts, Natasha Richardson, Shirley Henderson 98 Min. FSK: o.A.

Als es die verzogene Göre in Los Angeles zu weit treibt, schickt sie der Vater auf ein englisches Internat. Die 16-jährige Poppy findet dort alles furchtbar, ihr glänzender Glitterauftritt steht krass im Gegensatz zu den Schuluniformen der anderen. Poppy will nur eines - schnell weg. Doch je trotziger sie auftritt, umso mehr Freundinnen findet sie. Sogar die Schulmannschaft im Lacrosse möbelt die ignorante Amerikanerin auf. Doch als sie endlich akzeptiert ist und sich angepasst hat, droht eine Intrige sie von der Schule zu werfen.

„Wild Child“ ist ein braves Besserungsfilmchen für aufmüpfige Teenager - doch wirklich aufmüpfige Teenager werden sich diesen Film nicht ansehen. Er ist in der Handlung eher trivial, nicht besonders originell, aber wenigstens anständig inszeniert. Die anfangs wilde, später rührende Story bietet einen Mix aus richtigen und Abziehfiguren. Julia Roberts' Nichte Emma beeindruckt darin als Hauptdarstellerin nicht besonders. Mehr Substanz hat etwa Natasha Richardson als Direktorin. Doch für junge Mädchen wird „Wild Child“ bis zur großen Solidaritätsszene für etwas Spaß und reichlich Wohlgefühl sorgen.

15.12.08

Lakeview Terrace


USA 2008 (Regie:    Neil LaBute) mit Samuel L. Jackson, Kerry Washington, Patrick Wilson 111 Min. FSK: ab 12

Der San-Andreas-Graben durchzieht Kalifornien von Nord nach Süd und sorgt für Spannungen in der Erdkruste, sowie in Folge immer wieder für Erdbeben. Andere Verwerfungen - die in der amerikanischen Gesellschaft - sorgen ebenfalls für Spannungen an der Westküste der USA, das zeigen Filme wie „Crash“ oder Altmans „Short Cuts“ auf exzellente Weise. Nicht in die Kiste „Meisterwerke“ gehört „Lakeview Terrace“, aber dank einiger Klasse bei Schauspiel und Skript gerät das Nachbarschaftsdrama nicht zu schnell auf die Schiene trivialer Gewalt (-filme).

Lisa und Chris Mattson (Kerry Washington, Patrick Wilson), ein frisch vermähltes und verliebtes Paar ziehen in ihr neues Luxushaus im wohlhabenden Viertel Lakeview Terrace in der Nähe von Los Angeles. Die Freude an den eigenen vier Wänden, dem Pool und dem großartigen Ausblick wird schnell vom Nachbarn Abel Turner (Samuel L. Jackson) gestört. Der irritiert mit kleinen Gemeinheiten und grellen Sicherheitsscheinwerfern in der Nacht. Dass Lisa eine Schwarze und Chris weiß ist, kann eigentlich nicht der Grund für die Vorbehalte sein, auch Abel hat schwarze Haut. Der wohlhabende Yuppie Chris kann sich gegen den vor Gewalt und Selbstbewusstsein strotzenden Polizisten Abel nicht mal im nachbarlichen Gespräch durchsetzen. Eine Demütigung, die Abel sichtlich auskostet. Zudem hat er immer das letzte Wort: „Sie können ja die Polizei rufen. Ich weiß, wer gerade Dienst hat“. Es beginnt ein raffiniertes psychologisches Spiel namens Nachbarschaftskrieg, wobei der Provokateur sich selbst oft nicht im Griff hat. Ein Spiel mit tödlichem Ausgang.

In „Lakeview Terrace“ kommt eine Vielzahl von Konflikten und Spannungen zusammen: Schwarz und Weiß, Mann und Frau, reich und Polizei-Einkommen, liberal und moralisch, entspannt und engstirnig, hoffnungsvoll und frustriert
Demokraten und Konservative. Diese Bruchlinien verlaufen nicht nur längs der Grundstücksgrenzen. Auch Lisa und Chris treibt es auseinander. Ihr Vater hat ihnen ein Haus gekauft, respektiert aber nicht den Schwiegersohn.

Während auf der gegenüber liegenden Seite des Tales einer der kalifornischen Waldbrände wütet, könnte der Nachbarschaftsstreit in einen billigen Actionfilm ausarten oder nach Nachmittags-TV aussehen. Nur die ordentlich aufgebaute Geschichte und Samuel L. Jackson als beängstigend guter Darsteller machen „Lakeview Terrace“ ansehbar. Zwischen Psychopath und bedauernswertem Opfer ist Abel kein Hüter seines Nachbarn, und wenn man den Namen biblisch und bildlich sieht, scheint Abel diesmal der Täter zu sein. Diese Ambivalenz bleibt bis zum Ende, das nach einem kurzen Actionfinale nur vermeintlich brutale Selbstjustiz vollzieht. Wenn man wirklich die Möglichkeiten und verpassten Chancen abwägt, ergibt sich ein bitterer, ungerechter Sch(l)uss.

10.12.08

The Women - Von großen und kleinen Affären


USA 2008 (The Women) Regie: Diane English mit Meg Ryan, Annette Bening, Eva Mendes, Debra Messing, Jada Pinkett Smith, Bette Midler, Candice Bergen 114 Min. FSK o.A.

Noch ein Remake, aber diesmal so unnötig wie der gesamte Kram in den Shopping-Taschen einer frustrierten Frau. Womit wir bei den Klischees wären, und die bietet der Film im Übermaß. Er besteht eigentlich nur aus Klischees. Und da die auch nicht besonders überzeugend spielen, kann man das Filmchen ebenso vergessen wie die Modekapriolen vom vergangenen Jahr.

Von George Cukors noch immer aktuellen Original „The Women“ (Die Frauen) aus dem Jahre 1939 wurde die Idee übernommen, dass im gesamten Film kein Mann zu sehen ist. Und die Figuren, die Handlung sowie viele Szenen. Trotzdem ist das Original ein Spaß, ein Genuss mit Biss und Weisheiten. Das Remake ist ... nichts.

Mary (1939: Norma Shearer / 2008: Meg Ryan) erfährt vom Betrug ihres Götter-Gatten Stephen. Der wurde von der „femme fatale“ Crystal (raffiniert: Joan Crawford / simpel: Eva Mendes) verführt. Doch mit Hilfe der Freundinnen nimmt Mary nach etwas Jammern den Kampf um das eigenen Leben auf. Von Mary bis Crystal sind alle Figuren völlig überzeichnet, aber lassen darin den Kern von Wahrheit vermissen, der bei Cukor die überzogene Oberflächlichkeit der Modewelt ausglich. Marys Workaholic-Freundin etwa ist heutzutage so arrogant, dass es sie gar nicht interessiert, ob ihre Gemeinheiten ankommen. Frauen, weit über den Rand des Nervenzusammenbruchs. Oder: „Sex and the City“ auf uninteressant gedreht. Zu betrauern ist auch der Niedergang von Meg Ryan, die nicht nur eine verlorene Gattin spielt, sondern immer in der Rolle verloren bleibt und mit ihren nun albernen Manierismen und den furchtbar aufgeblasenen Lippen keinen Moment interessiert.

9.12.08

Transsiberian


GB, BRD, Spanien 2007 (Transsiberian) Regie: Brad Anderson mit Woody Harrelson, Emily Mortimer, Kate Mara, Ben Kingsley 111 Min. FSK: ab 16

"The Machinist" von Brad Anderson war eine Sensation: Ein extremes Psychogramm mit einem extremen Christian „American Psycho“ Bale  in der extremen Hauptrolle. Nun spielt der Maschinist gar nicht mit, oder man sieht nicht, wie er die Transsibirische Eisenbahn befeuert. Was die Geschichte von zwei amerikanischen Touristen antreibt, ist etwas ganz anderes, immer wieder als Genre oder Klischee Bekanntes. Doch die Bilder und vor allem das Schauspiel von Emily Mortimer und Ben Kingsley machen die Fahrt interessant.

Roy und Jessie, ein amerikanisches Paar, fährt nach erfolgreicher Missionsarbeit in China mit der „Transsibirischen“ in Richtung Westen. Auf dem Weg nach Moskau hören sie zuerst ahnungsvolle Geschichten von Korruption und Verbrechen. Dann teilen sie das Abteil mit dem jüngeren Pärchen Abby und Carlos. Der Latino ist ganz platt der unsympathische Tunichtgut und Verführer. Es ist nicht viel von ihm zu erwarten, oder genauer: alles Üble kommt in Folge von ihm. Er spielt mit dem Pärchen und sie lassen sich fragwürdig leicht verführen. Jessie, die einstige Trinkerin, die nun für eine Freikirche missionierte, ist zerrissen zwischen „chica mala“ und bravem Mädchen. Die interessante Frau spürt immer noch eine Unruhe, obwohl sie jetzt mit dem Langeweiler Jessie zusammen lebt. Als der den Zug nach einer Pause verpasst, als sich Carlos als Drogenschmuggler und Vergewaltiger zeigt, beginnt ein Drama, das mit Toten und einem großen Zusammenstoß endet.

Maschinist Brad Anderson sorgt für eine planmäßige Fahrt auf bekannten Genregleisen. Eindrucksvolle Landschaftsaufnahmen, spannende faltige und urige Gesichter lockern den Thriller auf, der auch ein Härtetest für eine problematische Beziehung wird. Inszenatorisch wird die Stimmung im Zug aufgenommen, aber es gelingen nur ein paar besondere Momente, etwa wenn Carlos in einer verlassenen Kirche den verwitterten Ikonen gleicht. Harrelson gibt einen Langeweiler, den man schon nach wenigen Minuten nicht mehr sehen will. So werden Jessies Abwege verständlich. Emily Mortimer fasziniert hingegen als gebrochene Figur. Als Fotografin schaut sie genauer hin, wie Blicke überhaupt eine gute Rolle spielen. Mortimer kann mit ihrer Mimik immer wieder fesseln. Man fragt sich, ob sie nicht unterfordert war. Zumindest Ben Kingsley als zwielichtiger russischer Kommissar hält ihr stand.

Der Tag an dem die Erde stillstand


USA 2008 (The Day the Earth Stood Still) Regie: Scott Derrickson mit Keanu Reeves, Jennifer Connelly, Kathy Bates 103 Min. FSK: ab 12

"Wieso dieses Remake?" ... wird niemand fragen! Der Science Fiction „Der Tag an dem die Erde stillstand“
über den verantwortungslosen Umgang der Menschen mit ihrer Erde kommt nach über 55 Jahren mit perfektem Timing ins Kino. Auch weil die mit einfachen Emotionen und großen Effekten bewegende Story um den "Alien" Keanu Reeves in Frage stellt, ob es noch kurz vor 12 oder schon zu spät ist.

Erst taucht dieses Objekt in der Tiefe des Alls auf und dann geht alles ganz schnell. Nur Minuten bleiben Politikern, Militärs und Wissenschaftler, sich auf einen katastrophalen Einschlag mitten in Manhattan vorzubereiten. Die Bevölkerung gibt man direkt verloren, der Präsident taucht unter und niemals wieder auf. Das ähnelt alles den Geschichten und Filmen über Invasionen vom Mars und anderswo. Doch die kleinen Details, wie Menschen miteinander umgehen, wie Regierungen sich um ihre Bevölkerungen kümmern, gewinnen angesichts der späteren außerirdischen Gretchenfrage reizvoll an Bedeutung. Anfangs, nachdem statt des Einschlages eine riesige, leuchtende Kugel im Central Park New Yorks landet, steht die Frage zentral, wie wir mit Fremden umgehen.

Hier qualifiziert sich die Wissenschaftlerin Dr. Helen Benson (Jennifer Connelly) als Hauptfigur der Geschichte: Während alle anderen sich erschreckt auf den Boden werfen oder erstmal schießen, bevor sie Fragen stellen (große amerikanische Tradition!), geht Helen auf den Fremden zu, reicht ihm die Hand. Klaatu nennt sich der Botschafter in Menschengestalt. Oder besser: in Gestalt von Keanu Reeves, der ja in seinen Rollen irgendwo zwischen Erlöser und Außerirdisch, oder zumindest Abgehoben schwebt. Klaatu kommt wie ein Kind auf unsere Welt, lernt schnell und wächst mächtig. Der US-Regierung (böse: Kathy Bates), die ihn als Forschungsobjekt zerschnibbeln und dann foltern will, entflieht er mit Hilfe von Helen. Die rätselt zwar über die Absichten des seltsamen Botschafters, begleitet ihn aber auf seiner Reise. Tatsächlich will Klaatu die Erde retten, aber nicht mit, sondern vor den Menschen. Ein riesiger Roboter wartet auf den Befehl zur Zerstörung der Menschheit und ihrer perversen Schöpfungen. Nur Helen und ihr kleiner Stiefsohn Jacob Benson (Jaden Smith) könnten den radikalen Umweltretter noch bewegen, den Menschen die Fähigkeit zum Lernen und zur Veränderung zuzutrauen...

„Der Tag an dem die Erde stillstand“ fühlt sich als rührendes Zukunftsmärchen sehr gegenwärtig an! Noch mehr als die Umweltverschmutzung und der Raubbau werden in der us-zentristischen Perspektive die beschränkten Politiker und Militärs vorgeführt. Sie verhalten sich genauso kindisch wie das trotzige Kind Jacob, das auch erst mal den Fremden erschießen will. Helen Benson hingegen lebt bis in die nicht gezeigte Biografie hinein, Vertrauen, Offenheit und ein sehr großes Herz vor. Connelly hält mit dieser Figur sogar neben Keanu Reeves, der minimalistischen Matrix für große Bedeutungen, stand. Dass der im Computer designte Gigant Gort und all die gewaltigen Effekten des teuren Films mit den kleinsten menschlichen Regungen harmonieren, macht den Film gelungen. Und lässt zumindest für den Fortbestand guter Blockbuster hoffen. Das mit der echten Erde ist leider keine einfache Hollywood-Geschichte mit eingebautem Happy End.

2.12.08

Vicky Cristina Barcelona


USA 2008 (Vicky Cristina Barcelona) Regie: Woody Allen mit Scarlett Johansson, Penélope Cruz, Javier Bardem 96 Min. FSK: ab 6

Allen Unkenrufen und auch "Casandras Traum" zum Trotz kann Woody Allen es doch noch. Man sagte ihm schon nach, er würde wieder in Spanien drehen, nur um dort lokale Produktionsgelder abzuschöpfen. Doch Barcelona hat den filmischen Exil-New Yorker derart inspiriert, dass es die Stadt völlig verdient, in den Titel der ebenso lustvollen wie hintersinnigen Liebes-Komödie "Vicky Cristina Barcelona" aufgenommen zu werden.

Ihr Leben ist ebenso geregelt wie die baldige Hochzeit: Vicky (Rebecca Hall) hat den richtigen Mann, der täglich zur Arbeit geht und gut Geld nach Hause bringt. Vor der Hochzeit mit dem New Yorker Geschäftsmann will sie noch einmal mit der Freundin Cristina (Scarlett Johansson) brav einen Ausflug nach Barcelona zu genießen. Doch dann der große Auftritt von Antonio (Javier Bardem)! Der Latin Lover und Künstler fragt die jungen Frauen im Restaurant unverfroren und eindeutig, ob sie das Wochenende mit ihm verbringen wollen. Cristina ist gerade zwischen zwei Beziehungen und hätte nichts dagegen, während sich Vicky pikiert und steif an ein wenig Alkohol festhält.

Es kommt, wie es kommen muss und doch ganz anders: Cristina ist völlig besoffen bald aus dem Rennen und Antonio interessiert sich plötzlich sehr zurückhaltend für Vicky. Das hinterlässt Spuren und eine zweifelnde Verlobte. Wie all diese Verwirrten ihre Gefühle zu verstecken glauben und doch unübersehbar zeigen, ist eines der großen Vergnügen an diesem Woody Allen. Ein anderes der Genuss, mit dem er nicht nur seine Figuren, sondern auch immer wieder die Zuschauer in die Irre führt. Denn während Vicky halbwegs heimlich nach Antonio schmachtet und Gewissensbisse pflegt, geht Cristina schnell zum Angriff über und schnappt sich den unglücklich verliebten Spanier. Sie zieht glücklich verliebt zu ihm ins traumhafte Atelier und alles läuft so gut wie eine Zwischenlösung sein kann, bis Antonias wahnsinnige Liebe in Form von María Elena (Penélope Cruz) über alles hereinbricht. Nun knistern die Kinopolster vor Erotik, die Fetzen fliegen vor Leidenschaft ebenso wie die Messer. Die blasse Cristina, der vormalige Vamp, tut einem in diesem aufschäumenden Bermuda-Beziehungsdreieck plötzlich richtig Leid und Vicky weiß gar nicht mehr, wo ihr der Kopf steht.

„Vicky Cristina Barcelona“ - zeigt überraschend gut und spritzig Leidenschaften und Lachen,  Liebe und Leiden. All diese pursten Zutaten eines menschlichen und komischen Beziehungsdramas bringt Woody Allen auf den Punkt und die Leinwand. Bardem und Cruz als wahnsinnige Lover sind atemberaubend gut. Gänzlich entgegengesetzte Vorstellungen von Liebe beweisen die Weisheit, diese Dinge nie begreifen zu können. New York bekommt in Person eines furchtbar langweiligen Zukünftigen viele Spitzen des beleidigten New Yorkers Allen ab. Mit Scarlett Johansson als Salz in der scharf kochenden Liebessuppe lotet der Altmeister der intellektuellen Komödie noch einmal reizend und durchaus mit ernstem Hintersinn Varianten von Liebe und Sexualität aus.

Quarantäne


USA 2008 (Quarantine) Regie: John Erick Dowdle mit Johnathon Schaech, Jennifer Carpenter, Joey King 89 Min. FSK: ab 16

Weshalb die Spanier immer wieder wirklich gute und vor allem originelle Horrorfilme produzieren, bleibt ein spannendes Rätsel. Weshalb in einem ganz normalen Wohnhaus ein Virus ausbricht, blieb im Original mit dem Titel "[Rec]" auch lange ein Geheimnis. Das amerikanische Remake kam vor allem schnell, kaum ein Jahr nach der spanischen Vorlage. Dafür geht es gröber und offensichtlicher zu Werke. Doch wer das kleine, aber äußerst effektive, raffinierte und heftige Horror-Gesellenstück von Jaume Balagueró und Paco Plaza verpasste, sich von heftigen Schrecken nicht abschrecken lässt, wird sich gerne in diese "Quarantäne" begeben.

Der Anfang riskiert es, Zuschauer zu verlieren: Absichtlich flach kommt der TV-Bericht über den Dienst einer Feuerwehrstaffel nachts und live aus einer Feuerwache in San Francisco. Die zotige Führung durch Garage, Kantine und Hinterzimmer langweilt nicht nur die Moderatorin. Als dann der lang erwartete Einsatz kommt, kann sie es kaum erwarten. In einem mehrstöckigen Wohnhaus habe eine alte Frau in ihrem Appartement geschrien. Nach Aufbrechen der Tür irritiert die verstörte Dame im blutigen Nachthemd - ein paar Momente. Dann fällt sie rasend einen Polizisten an und die Zombie-Fütterung kann beginnen. Denn Hilfe kommt nicht mehr, das Haus wurde wegen biologischer Kontaminierung verschlossen und steht unter Bewachung von Scharfschützen. Und in den unübersichtlichen Winkeln greift die Epidemie heftig um sich. Die Bedrohung steigert sich schnell, bis nur noch Flackerlicht, Wackelkamera, Blair Witch-Effekte und Panik übrig bleiben. Das wirkt sehr simpel, ist aber schrecklich effektiv. Bis zum vollen Einsatz der subjektiven Kamera - als Waffe gegen die Zombies.

"Quarantäne" wirkt in allen Belangen wie eine Billigversion von "[Rec]", ist offensichtlicher und nicht so schreckhaft. Und dies obwohl die meisten Szenen identisch nachgedreht wurden. Weshalb das Original "[Rec]" keine Jugendfreigabe erhielt und das Remake schon ab 16 zu genießen ist, bleibt auch ein Rätsel. Zumindest die amerikanische Originalversion ist nicht weniger blutig oder brutal. Vielleicht nicht so raffiniert im Erschrecken. Oder die Einschnitte für den deutschen Markt haben wieder für eine Verstümmelung des Originalwerkes gesorgt.

Madagascar 2


USA 2008 (Madagascar: Escape 2 Africa) Regie: Eric Darnell, Tom McGrath 90 Min. FSK: o.A.

DreamWorks' Wildes Tierleben - das war 2005 eine Sensation in Sachen Zeichentrick-Humor und ein Kassenhit zudem. Nun startet das tierische Quartett aus Löwe Alex, Zebra Marty, Giraffe Melman und Nilpferd Gloria zu einer weiteren Bruchlandung - und sie haben den überdrehten Spaß noch immer im Blut oder in der Farbe der Computer-Animation. Geschickt vermeiden sie Wiederholungen und lassen doch all den beliebten üblichen Verdächtigen und den Affen Zucker geben. Bis zu den unglaublich suspekten Pinguinen.

Wie ein großes, mehrteiliges Kino-Epos verdient auch "Madagascar" sein "Prequel", das erzählt "Was vorher geschah ...": Die dramatische Kindheit von Alex nämlich! Der Star des Zoos von New York hinterließ seine ersten Pfotenabdrucke im afrikanischen Savannen-Sand. Unter den wachsamen Augen seines Vaters, des Königs der Löwen. Wachsam, aber auch skeptisch. Denn die ballettartigen Tanzschritte des niedlichen Juniors irritierten den liebevollen Kraft-Papa schon etwas. Doch als dieser mal wieder unlustig seinen Rang verteidigen musste, lockten Wildräuber den kleinen Alex aus dem Reservat und nach einer abenteuerlichen Reise landete er unter den Menschen der Ostküsten-Metropole.

Nach diesem mutigen Sprung direkt in die Action-Handlung fasst "Madagascar 2" rasant zusammen was danach und was beim letzten Mal passierte. Beim Kritiker macht sich angesichts dieser Erzähl-Ökonomie Erleichterung breit - denn mit Wiederholungen füllen andere Fortsetzungen gerne mal den ganzen Film. Diese Erfolgsfolge ist jedoch so frisch, sie könnte auch "Serengeti 1" heißen.

Spätestens wenn die durchgeknallten Lemuren auf Madagascar mit ihrem wahnsinnigen Grinsen in die Kamera blicken und die mysteriösen Pinguine das Ruder eines Flugzeuges übernehmen, ist das herrliche Humorgefühl wieder da. Hier werden Tiere nicht nur so vermenschlicht, dass man ihnen statt Futter gleich reihenweise Oscar-Trophäen zuwerfen möchte. Die überdrehten Charaktere drehen die Evolution gleich noch eine Stufe weiter, die Spaß-Evolution vor allem.

Mittels einer Riesen-Flitsche startet der Jumbo mit dem Löwen Alex, Zebra Marty, Giraffe Melman und dem Nilpferd Gloria von Madagascar in Richtung Heimat, in Richtung New York. Doch da die zu Recht recht arroganten Pinguine in der Steuerkanzel mit anderen Dingen beschäftigt sind, gibt es eine Bruchlandung irgendwo in Afrika. Gelegenheit für die Zoo-Helden, ihre Wurzeln auszugraben, oder „Roots“ wie Marty in einem der vielen gesungenen und eingeflochtenen Medienzitate treffend erwähnt. Alex tanzt sich mutig zum König der Löwen, Gloria und Melman finden überraschend ihre Liebe, während Marty sich selbst findet - in ein paar hundert identischen Zebras.

Die Mimik der Haupthelden überzeugt wieder einmal, ansonsten streben die Zeichnungen gar nicht nach der Perfektion vom Konkurrenten Pixar. Umwerfend sind allerdings die verrückten Nebenfiguren. Der überkandidelte Lemurenkönig Julien (im Original gesprochen von „Borat“ Sacha Baron Cohen) und noch schärfer die Pinguintruppe, die diesmal mit einer Horde Schimpansen in die verrücktesten Situationen gerät.