Das Leid mit der Kunst
Resümee des 61. Internationalen Filmfestival Locarno
Als man den jungen Musiklehrer Peters im Winter 1824 erfroren an einem See fand, umschlossen seine Finger die Geige so fest, dass man das Instrument mit ihm begraben musste. Dieses eindringliche Bild aus Alessandro Bariccos „Lezione 21“ zeugt von enormem Einsatz für die Kunst, während der Film mit Vergnügen große Kunst – nämlich Beethovens „Neunte“ – demontiert. Locarnos Festivaldirektor Frédéric Maire brach vor zwei Jahren genau vor dieser Leinwand zusammen, die beim 61. Internationalen Filmfestival Locarno (6.-16.8.2008) etwas zu vernünftig und gemäßigt großes Kino zeigte. Man kann nicht immer vollen Einsatz für die Kunst fordern. Wohin das führt, zeigte das DJ- und Drogen-Drama „Berlin Calling“. Aber ein Festival mit Charakter muss auch mehr leisten als volle Plätze...
Die Welle großartiger deutscher (Ko-) Produktionen („33 Szenen“, „Berlin Calling“, „NoBody’s Perfect“) und grandios Elender („Nordwand“, Houellebecqs „Die Möglichkeit einer Insel“) bildete den Auftakt. Danach blieb Raum für das Entdecken, wobei jeder Kommentar selbstverständlich nur eine eingeschränkte Auswahl aus fast 200 Filmen leisten kann. Die Ernte des Wettbewerbs wird die Preisverleihung am heutigen Abend offenlegen. Auf der Piazza bot Locarno 2008 größtenteils gängiges Filmmaterial. An vielen Abenden war das Widerspenstigste der holperige Pflasterbelag des Platzes. „Son of Rambow“, der nächste Woche als „ „Der Sohn von Rambow“ auch in die deutschen Kinos kommt, unterhielt mit der netten Geschichte des elfjährigen Will. Obwohl der strenge Glauben seiner Familie ihm Fernsehen und Film verbietet, dreht er ein Amateuer-Remake des Rambo-Films „First Blood“. Ein Wohlfühl-Film über eine mutige Emanzipation aus den Familienklauen einer altmodischen Glaubensgemeinschaft, eine kleine Hommage an „Rambo“, eine wenig verschlüsselte Geschichte über das Filmemachen und die Intrigen, die dabei ans Scheinwerferlicht kommen – ein netter Film.
Das war bei den Vorgängern des Festivaldirektors Frédéric Maire (in seinem vorletzten Jahr) oft anders, bis hin zu einem Straub/Huillet-Film, mit dem der jetzige Venedig-Chef Marco Müller cineastisch kompromisslos die Piazza in Rekordtempo leer fegte. Zudem machten sich Sponsorenplätze auffallend breit. Doch das traditionell kritische und junge Publikum war immer noch da: So nahm die Schweizer Weltbank UBS als Sponsor des Publikumspreises Leinwand und Sitzreihen für sich ein – und kassierte wie in jedem Jahr reichlich Pfiffe von dem Publikum, das dann doch freudig abstimmte. So funktioniert Festival-Dialektik.
Gelungen wie immer die historische Abteilung: Der italienische Regisseur, Produzenten, Kinobesitzer und Schauspieler Nanni Moretti, dem eine ausführliche Retrospektive gewidmet war, überraschte nicht mit seiner persönlichen Auswahl von Lieblingsfilmen – die waren wie erwartet erstklassig. Sein Leckerbissen war ein Filmquiz auf der Leinwand, bei dem die Zuschauer mit Antwortzetteln mitspielen durften. Ob in einer späteren Ausgabe auch Locarno-Filme des Jahres 2008 dabei sein werden, muss die Kritik der Zeit zeigen. Bewegendes Kino der Zukunft war jedoch nicht im Übermaß zu entdecken.
15.8.08
13.8.08
Leg dich nicht mit Zohan an
USA 2008 (You Don't Mess with the Zohan) Regie: Dennis Dugan mit Adam Sandler, John Turturro, Emmanuelle Chriqui 112 Min.
Bei dem aktuellen Komödienauswurf gerade aus der Ecke Adam Sandler und Judd Apatow kann einen eigentlich nichts mehr schocken. Doch das neue Blödel-Etwas erweitert den Bereich des Unbeschreiblichen in neue Humor-Ecken.
Auch „Zohan“ von Adam Sandlers Happy Madison Productions
kommt völlig absurd daher, aber das vor dem Hintergrund der israelischen Konflikte im Nahenosten. Zohan ist der Superstar des israelischen Geheimdienstes Mossad. Den Steine werfenden Palästinenser-Kindern wirft er eine Tierfigur aus Steinen hinterher. Doch bei einem Himmelfahrts-Kommando lässt er sich zum Schein umbringen, um in Amerika seiner wahren Bestimmung als Friseur zu folgen. Als Scrappy Cocco landet er mit knackigem Körper und grandioser Unterhosen-Füllung wie Superman in New York. Auf die Frage, ob er „bionic“ sei, erklärt er, dass er nur auf Frauen stehe. Diese Zote ist unvermeidlich, denn mit seinem verstaubten Disco-Stil der furchtbaren Frisur und den Glitter-Klamotten sieht er tatsächlich ziemlich schwul aus. In dieser Art trumpften bislang Blödeleien auf, die heftiges Kopfschütteln verursachten. „Leg dich nicht mit Zohan an“ bereichert dieses Kopfschütteln mit kräftigem Grübeln.
Sandler lud viele Komödianten-Kumpels zu Kurzauftritten ein. Der Taxi fahrende Palästinenser Salim (Rob Schneider) erkennt Zohan, der ihm einst eine geliebte Ziege stahl. Klar, dass keiner der Beteiligten an diesen Konflikten – nicht um die Ziege, um Palästina – das witzig finden wird.
Denn Sandler liefert stellenweise zielsichere politische Satire ab. Inmitten völlig überdrehter Action-Einlagen wird knapp diskutiert, wer wem das Land geklaut hat. Selbstverständlich bleibt alles maximal respektlos: Die Kontrahenten spielen mit einer Granate Tennis, die Hotline für Terroristenbedarf ist wegen akuter Friedensverhandlungen unerreichbar. Für die prüden Amerikaner steht Sandler dauernd nackt im Bild. Für die Intellektuellen wird Samson und Dalila haarig herbei zitiert. Wie im großen humanistischen Film gibt es auch eine romantische Annäherung zwischen Zohan und seiner palästinensischen Friseurladen-Chefin. Selbst die Standard-Rocky-Parodie ist ein komödiantischer Knock Out. Im Mikrokosmos New York regelt sich der Dauerstreit schließlich sehr pragmatisch und friedlich. Und wider alle Erwartungen funktioniert auch dieser krude Humormix in jeder Hinsicht hervorragend!
Elegy oder die Kunst zu lieben
USA 2008 (Elegy) Regie: Isabel Coixet mit Penélope Cruz, Sir Ben Kingsley, Dennis Hopper 108 Min.
Die Altersklagen von Philip Roth, das literarisch ausgezeichnete, ausführliche Jammern des amerikanischen Erzählers, der vor allem um sich selbst und noch mehr um sein Altern kreist – das scheint kein Material für die Spanierin Coixet zu sein. In ihren exzellenten, berührenden Filmen "Das geheime Leben der Worte" und „Mein Leben ohne mich“ stand immer explizit die Perspektive einer jungen Frau (Sarah Polley) zentral.
Nun verfilmte Coixet also Philip Roths Roman "Das sterbende Tier": Der berühmte, reife Professor David Kepesh (Ben Kingsley) vertritt nicht nur die These, dass die Amerikaner neben den puritanischen auch noch lebenslustigere Wurzeln haben. Es lebt sie auch und pflegt rein sexuelle Beziehungen zu Studentinnen nach ihrem Abschluss. So will er es auch mit der aus Kuba abstammenden Consuela (Penélope Cruz) halten, die er mit Goyas Maya vergleicht.
Doch schon in den Gesprächen Kepeshs mit seinem Freund George O'Hearn (Dennis Hopper) zeigt sich eine Irritation: George betont, für das Reden hätte man doch die Familie, die jungen Frauen seien nur für den Sex. Aber die Beziehung von Kepesh mit Consuela ist anders als die anderen Affären des erklärten Lebemannes, der seine Unabhängigkeit so raushängen lässt. Doch seine quälende Eifersucht führt zu Problemen, zeigt, wie abhängig er schon ist. Nach außen lässt er nichts an sich ran, innerlich ist er längst der unbedingten Liebe der jungen Frau verfallen. Die zum Schein aufrecht erhaltene Härte führt zu tragischen Entwicklungen.
Penelope als Studentin, „die weiß, dass sie schön ist, aber nicht weiß, was sie mit ihrer Schönheit tun soll“? Das irritiert am Anfang, aber die Schauspielkunst von der doch mittlerweile reiferen Cruz überspielt auch diese scheinbare Fehlbesetzung. Auch ansonsten ist der um viele Monologe erleichterte Roth von Coixet, ein Genuss. Es ist unvergleichlich, wie die Regisseurin dem harten Gesicht von Kepesh die Traurigkeit auferlegt. Das Leiden in der Stimme von Consuela erschüttert wohl nur im Original so stark. Auf der Tonspur erklingt dazu ein wunderbarer und kluger Musikeinsatz. Wenn Madeleine Peyroux Leonard Cohens „Dance me to the end of love“ singt, dann ist das noch so ein Spiel mit altem Mann und junger Frau. Ebenso eindringlich sind die Beziehungen von Kepesh zu seinem Sohn, zu der älteren, klugen Geliebten Carolyn (Patricia Clarkson) und zu dem alten Kumpel George (Dennis Hopper). Unter der Verfilmung der Spanierin Coixet ("Das geheime Leben der Worte", „Mein Leben ohne mich“) gewinnen die spanischen Elemente der Geschichte, aber vor allem die weibliche Perspektive. „Elegy“, oder das Kunststück, Philip Roth zu verfilmen, ein klug und einfühlsam inszenierter über große Gefühle und große Fehler.
11.8.08
Festival Locarno - Gipfeltreffen
Locarno. Das Gipfeltreffen des internationalen Films in den Schweizer Südalpen gestaltete sich in vielerlei Hinsicht als begeisternde Achterbahnfahrt der Gefühle und Impressionen. Dem Höhenrausch des Erfolges folgt der Absturz in Depression und Krankheit. Das „61. Festival internazionale del film“ von Locarno (6.-16.8.2008) beeindruckt in den ersten Tagen mit großem Kino der Extreme in der passenden Naturkulisse aus Tausendern, die den See umstehen, und den dunklen Abgründen des Lago Maggiore, dem tiefsten der oberitalienischen Seen.
Ickarus stürzt ins Kuckucksnest
Erneut erweist sich das Open Air-Kino der Piazza Grande als Trumpf von Locarno. Dabei beeindrucken nicht nur die unvergleichliche Atmosphäre und die Bergkulisse. Der in „Berlin Calling“ genial nachempfundene Höhenflug mit Absturz des Berliner Techno-DJ Ickarus bewies, dass die Piazza zur Riesenleinwand mit einem grandiosen Sound aufwartet. Ein Meisterstück im Rhythmus von Beat und Electro dabei der Film von Hannes Stöhr („Berlin is in Germany“, „One Day in Europe“): Der Electro-DJ und –Komponist Martin (Paul Kalkbrenner), genannt DJ Ickarus, ist auf dem Höhepunkt seines Erfolges. Dann stürzt Martin von einem seiner dauernden Drogentrips zu tief in eine Psychose und wacht in der Klinik von Frau Dr. Petra Paul (eiskalt: Corinna Harfouch) auf. Die Räusche, die durchgetanzten Tage und Nächte, die Veränderung der Persönlichkeit durch die chemischen Keulen – all das lässt „Berlin Calling“ glaubhaft und authentisch miterleben. Ein genialer Filmrausch, mit dem berühmten deutschen DJ Paul Kalkbrenner in der Hauptrolle. Der ausgesprochen talentierte Darsteller schloss den Filmabend auf der Piazza mit einem improvisierten Liveset ab. Weit nach Mitternacht tanzte die alte Piazza Grande mit 130 bpm ausgelassen wie ein junger Hüpfer.
Eher kalt ließ die Kritik das Bergsteiger Drama „Nordwand“ von Philipp Stölzl („Baby“): Vom faschistischem Elite-Denken angefeuert, versuchen sich ein deutsches und ein österreichisches Duo 1936 an der Erstersteigung der Eiger-Nordwand – mit den erfrorenen Fingern, brechenden Knochen und Schneeleichen, die das Genre so mit sich bringt. Die heroische Hauptrolle spielt Benno Fürmann, nicht gerade ein Gigant der Schauspielerei. Während sein Liebchen (Johanna Wokalek) bangend wartet, überdehnt das Zweistunden-Drama den Handlungsfaden. Das kernige „Halt durch“ richtet sich auch ans Publikum, mit den Gliedmaßen stirbt das Interesse ab. Der zynische Sensationsreporter (Ulrich Tukur) schließ pathetisch: „Deutschland wird diese Männer nie vergessen!“ – ein Fluch, der sich mit dem Film „Nordwand“ leider erfüllt. Selbst wenn man Patriotismus ansonsten rechts liegen lässt, auch 2008 sind deutsche Produktionen nicht zu übersehen. Zum Glück bis auf „Nordwand“ ohne Deutsch-Nationales.
33 geniale Szenen
Die Sensation des Wettbewerbes ist bislang „33 Szenen aus dem Leben“ der Polin Malgosia Szumowska. In der deutsch-polnischen Koproduktion erlebt die Protagonistin Julia (sehr beeindruckend: Julia Jentsch) innerhalb eines Jahres die Krebserkrankung der Mutter, den Tod des Vaters, das Ende ihrer Künstlerkarriere und die Trennung von ihrem Mann. Genauso wenig wie Julia lässt sich der wunderbare Film unterkriegen. Einfühlsam balanciert er Tragik und Humor. Die Filmstiftung NRW engagierte sich ideell und finanziell beim Zustandekommen dieses zutiefst menschlichen Films.
Auch an "Die Möglichkeit einer Insel", die verquere erste Regiearbeit von Regisseur und Bestsellerautor Michel Houellebecq, war die Filmstiftung beteiligt, doch dessen altmodischer Science Fiction über die Zukunft der Menschheit ist nicht nur schwach inszeniert und gespielt, er ärgert auch noch mit der primitiven Quintessenz „Mann sucht Frau“. Da freute man sich auf die andere Literaten-Premiere, die erste Regie von Alessandro Baricco („Seide“) „Lezione 21“, die gestern Abend ebenfalls als Weltpremiere lief.
„Berlin Calling“ ist am 14. August auf der Kölner Musikmesse c/o pop zu sehen.
5.8.08
Küss mich bitte!
Frankreich 2007 (Un Baiser S'il Vous Plaît) Regie: Emmanuel Mouret mit Virginie Ledoyen, Emmanuel Mouret, Julie Gayet, Michaël Cohen 100 Min.
Eine zufällige Begegnung, ein gemeinsames Essen, ein schöner Abend zwischen zwei, die sich vielleicht nur dieses eine Mal sehen werden. Doch den unverbindlichen Abschiedskuss lehnt sie ab – wobei die Erklärung mehr Folgen zeitigt als vielleicht die kurze Berührung der Lippen.
Emilie beginnt Gabriel zur Erklärung die Geschichte von Julie und Nicolas zu erzählen. Das Paar trennte sich, doch er litt unter mangelnder Körperlichkeit und zarte Wiederberührungen wachsen sich zu einer Leidenschaft aus, die selbst die anderen Beziehungen gefährdet, die beide mittlerweile führen. Dann mischt sich Gabriel in die Erzählung ein, variiert sie und alles wird anders als gedacht.
Wer früher französisches Kino als Redekino missverstand, kann sich hier vortrefflich bestätigen lassen. Und weiter nichts verstehen. Auch wenn die Figuren sehr unbeholfen in ihrer eigenen Gefühlsverwirrung wirken und sich die konstant aus dem Off kommentierte Inszenierung nicht viel um ein „Drumherum“ schert, wurden diese Gedankenspiele um Küsse, Körperlichkeit und Beziehungen durchaus raffiniert ins Bild gesetzt. Es ist nicht der Realismus Hollywoods, es ist ein Spiel, das sich als Spiel vorstellt und erst den Kopf sowie genaue Beobachtung bemüht, bevor eine sinnliche Freude am Konstrukt erwächst. In der Tradition von Rohmer und Rivette führt auch das intellektuelle Rede- und Verwechslungsspiel letztendlich auf Allzumenschliches zurück, dem man alles verzeiht – sogar zuviel Dialog.
Die Girls von St. Trinian
Großbritannien 2007 (St. Trinian's) Regie: Oliver Parker, Barnaby Thompson mit Rupert Everett, Colin Firth, Jodie Whittaker 101 Min. FSK: ab 12
Mit Mädchen-Power hoch zwei trumpft diese freche britische Internatskomödie auf. Die Vorlage stammt als Comic sogar aus den Fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, bevor sie zu einer Fernsehserie wurde. Doch höchstens das Gemäuer des St. Trinians-Internats ist so alt, die Insassinnen und ihre krassen Aktionen sind total trendy.
Im Mädchen-Internat regiert herrlicher Wildwuchs und die Direktorin hat daran ebenso viel Spaß wie an ihrem Whiskey. So bekriegen sich die Gothics, die Tussen und die Emos heftig, aber als der Bestand der Schule bedroht ist, bilden sie eine schlagkräftige Einheit. Das lernt auch die Neue schnell, zu erst wird sie nach den Regeln gemeinster Zicken-Kunst fertig gemacht, eingeschmiert und ihr Abduschen auf YouTube gesendet.
Als sowohl die Banken wie auch der neue Schulminister Geoffrey Thwaits (Colin Firth) dem Institut an den Kragen wollen, zeigen die Mädels anhand eines Diebstahls aus der Nationalgalerie, dass man in der Schule doch was lernen kann und sich in Chemie der nötige Sprengstoff herstellen lässt.
Es ist fast zu schade, dass irgendwann gehandelt werden muss, denn das freie Leben mit äußerst kreativen Gemeinheiten macht den größten Spaß in dieser ebenso peppigen wie poppigen Komödie. Sie überzeugt, auch wenn die Dramaturgie etwas holperig ist, durch gute Gags und exzellente Darsteller. Vor allem Rupert Everett als Schulleiterin ist grandios. Colin Firth gibt den Hardliner mit romantischer Vergangenheit, der ausgerechnet mit der Schulleiterin was hatte. Der Humor ist frech, aber nicht zotig, wie man das von High School-Filmen der Jungs kennt.
Der Mongole
Kasachstan, BRD, Russland, Mongolei 2007 (Mongol) Regie: Sergej Bodrow mit Tadanobu Asano, Sun Hong-Lei, Khulan Chuluun, Odnyam Odsuran 125 Min. FSK ab 12
Die menschliche Seite von historischen Figuren ist voll im Trend: Ob Colin Farrell als „Alexander“ oder Bruno Ganz in seinem persönlichen „Untergang“ als Hitler – all diese Filme sagen: Er will doch nur spielen – das heißt erobern, brandschatzen, morden und so weiter. Nun also Dschingis Khan, der es immerhin geschafft hat, dass man ihn nach fast 800 Jahren und einem Popsong immer noch als furchterregender Eroberer sieht, während etwa Karl der Große längst nicht mehr als Sachsen-Schlächter sondern als Völkerverständiger angesehen wird.
Auch deshalb ist der russisch-mongolisch produzierte „Mongole“ ein national und international ein Politikum. Zuerst ist er allerdings ein großes und gutes Historien-Epos des hervorragenden Regisseurs Sergej Bodrow („Gefangen im Kaukasus“, 1996). Es beginnt mit dem Drama eines kleinen mongolischen Jungen im 12. Jahrhundert. Temudgin, Sohn eines Khans, findet in dem Mongolenmädchen Borte seine große Liebe. Eine Liebe, die Jahre voller Gewalt, Leid und Tod überstehen wird. Schon bei der Rückkehr von der Brautschau wird der Vater Temudgins vergiftet. Der kleine Junge überlebt nur knapp, muss aber fortan Demütigungen erleiden. Im Kampf der verschiedenen Stämme hilft dem jungen Mann Temudgin sein Bruder, die Entführung Bortes durch einen verfeindeten Stamm zu rächen und Borte zu befreien. Doch der Bruder verkauft ihn bald darauf als Sklave an die Chinesen. Erst nach weiteren Qualen wird er von Borte gerettet, die sich erneut opfert. Danach folgt er seiner historischen Bestimmung: Er vereint als Khan aller Mongolen sein Volk.
Als das basiert nur auf Legende und Fiktion, da es keine originären Quellen zu Dschingis Khan gibt. Nach zweihundert Jahren Besetzung durch die Mongolen ist dieses Thema immer noch heikel. Trotzdem schaffte es der packende, bis auf heftig spritzendes Blut klassisch inszenierte Film zur Nominierung für den Auslands-Oscar.
Die Mumie - Das Grabmal des Drachenkaisers
USA 2008 (The Mummy: Tomb of the Dragon Emperor) Regie: Rob Cohen mit Brendan Fraser, Maria Bello, Jet Li 112 Min. FSK: ab 12
Lang ist es her, seit die Mumie nur eine große, staubige Rolle von Mullbinden war. Boris Karloff ließ als reichlich faltige Wiedergeburt eines Pharao vor allem mit seinem gaaaaanz laaaaangsam goutierten Dialekt erschaudern. Eine atemberaubende Handbewegung reichte, um die Gegner ersticken zu lassen. Regie führte 1932 beim Klassiker übrigens der Deutsche Karl Freund, ein innovativer Kamera-Meister des expressionistischen Films („Der letzte Mann“). Heute ist die Mumie, das Wesen aus der Vergangenheit, Alles und Nichts. Alles, was die digitalen Tricks so hergeben: Wüstenstürme, Giganten, Insektenschwärme ... Aber auch seltsam hohl und seelenlos. Wie passend, dass Jet Li, der Darsteller der Mumie, als Terrakotta-König daherkommt.
Der Drachenkaiser Han (Jet Li) siegte und herrschte grausam vor 2000 Jahren. Doch der Wunsch nach ewigem Leben ging schief, weil Han den Liebhaber einer Zauberin ermordete. Der Zauberspruch wurde zum Fluch und Han mit seinen 10.000 Kriegern erstarrten in Ton eingebacken. Bis britische Archäologen unter der Leitung von Alex O'Connell (Luke Ford) die kriegerischen Blumenpötte aus dem Wüstensand graben und eine chinesische Verschwörung den Drachenkaiser Han zum feuerspeienden Leben erweckt. Selbstverständlich sind auch die Eltern des Archäologen-Alex, die abenteuerlichen Rick (Brendan Fraser) und Evelyn O'Connell (Maria Bello) mit dabei, wenn es von nun an darum geht, die kriegerische Altlast wieder unter die Erde zu bringen.
Man fragt sich, ob es sonst keine anderen Probleme gibt – der Film nimmt sich nicht mal die Zeit, Han als besonders bedrohlich darzustellen. Zudem zerstören die O'Connells bei der Verfolgung mehr als der flüchtende Alt-Politiker. Und die Tonspur bedroht das Gehör während sich eine Pferdekutsche und ein fast noch älterer LKW im altmodischen China verfolgen. Denn wenn Han den „das Auge“ genannten Diamanten auf der Spitze einer Pagode platziert wird irgendwas Schlimmes passieren.
Die dritte pompöse, von digitalen Effekten erdrückte Neuverfilmung des Mumien-Stoffes präsentiert mit zwei Ausgräber- und Abenteuer-Pärchen nur mehr des Gleichen. Ein dämonischer Bösewicht, der selbst zum Riesenmonster mutiert, aber nicht mal einer Pilcher-verwöhnten Mami Angst machen kann. Unter grober Vernachlässigung der Figurzeichnung poltert die Handlung daher, bis zur großen Schlacht gegen die Terracotta-Töpfe und –Köpfe. Den untoten Tontrauben von ausgebuddelten Soldaten stellt sich eine Armee aus Knochengerippen entgegen: Verlierer aller Nationen stehen auf gegen den Vereinigungs-Kanzler ... äh: Kaiser. Mittendrin übt sich Brendan Fraser in Tonsoldaten schießen und Scherbengericht anrichten. Aber das haben die Produzenten schon lang vor dem ersten Drehtag hinbekommen.
4.8.08
Der Mond und andere Liebhaber
BRD 2008 Regie: Bernd Böhlich mit Katharina Thalbach, Birol Ünel, Fritzi Haberlandt, Steffen S. Scheumann, Andreas Schmidt 103 Min. FSK: ab 12
Wenn dieser Film eine englische Produktion gewesen wäre oder eine aus Hollywood, würde man jetzt schon einen Namen in die Oscar-Statuen gravieren: Katharina Thalbach. Man wusste, sie ist gut, großartig in all den vielen starken Rollen der letzten Jahrzehnte. Aber mit „Der Mond und andere Liebhaber“ bekommt diese großartige Person die Gelegenheit, mit allen Facetten ihres Könnens diesen Film fast zu sprengen.
Katharina Thalbach wurde 1954 in Berlin geboren. Bereits mit zehn Jahren spielte sie Film in der DDR. In der „Blechtrommel“ zeigte sie 1978 als Maria dem Oskarchen, was man mit Brausepulver Spannendes anstellen kann. In „Hände weg von Mississippi“ machte sie kürzlich schon mal auf Oma, aber hier zeigt sie all ihre Gesichter: Die starke Frau und Freundin für eine Kollegin (Fritzi Haberlandt), die nach dem Ende der Fabrik nicht mehr weiter weiß. Das kleine Mädchen, das übers ganze Gesicht strahlt – in Vorfreude auf eine neue Liebe. Die schreiende Mutter, das gebrochene Herz, ein Häuflein Elend, das sich bald wieder aufrappelt und ein Stück vom Leben zu ergattern sucht. Selbst Birol Ünel, in so vielen Filmen eigentlich unzähmbare und unhaltbare Personifizierung von Lebenslust bis zur Selbstzerstörung, wirkt hier letztendlich wie ein Biedermann – im Vergleich zu Thalbachs Hanna!
Die 50-jährige Lagerarbeiterin aus dem Osten lässt sich von Entlassung nicht unterkriegen und bekommt sogar noch den Traummann (Ünel) auf Besuch, doch die Liebe erfüllt sich nicht und das Leben wird grau und leer. Aber Hanna denkt nur kurz darüber nach, aus dieser Achterbahn der Gefühle und Katastrophen, der Nackenschläge und kleinen Glücksmomente auszusteigen.
Um dem sehr schönen Film voller Leidenschaft und Feingefühl gerecht zu werden: Es ist auch eine exzellente Inszenierung von Regisseur Bernd Böhlich nach seinem eigenen Buch. Die Kamera von Florian Foest macht in ihrer Farbdramaturgie die Leidenschaften Hannas in fast schmerzlichem Rot unübersehbar. Die Lieder der Band „Silly“ wurden extra für den Film angepasst, obwohl sie klingen, als sei er immer ihr eigentlicher Bildhintergrund gewesen: „So ’ne kleine Frau / Und so ’ne große Stadt / Und so ’ne gute Bluse / Die kaum noch Farbe hat / Doch so ’ne fahle Sehnsucht / Schmerzt in ihrer Brust.“ Auch Böhlichs Schauspielführung ist mehr als gut: Fritzi Haberlandt hat man selten so glaubhaft und stimmig auf der Leinwand gesehen. Katharina Thalbach spielte in Böhlichs „Du bist nicht allein“, damals die resolute Ostberlinerin Frau Moll, die für einen Wachdienst ihre einstige, jetzt stillgelegte Fabrik bewacht. In diesem Sinne überzeugen aus jetzt herrliche trockene Sprüche über die DDR, den Sozialismus, der dort einst real existierte, und das was heute herrscht. Bei allem Niederschmetternden, bei Überraschungen, die meist böse sind, bei einem Schicksal, das zu viel Melodram gesehen hat, macht „Der Mond und andere Liebhaber“ auch Mut und Lust auf Leben. Weil er in vieler Hinsicht einfach gut ist, aber vor allem weil Hanna sich nicht unterkriegen lässt, ihr verschmitztes Lächeln dem Schicksal immer wieder trotzt. Und weil Katharina Thalbach diese Hanna spielt.
30.7.08
Mondkalb DVD
Regie: Sylke Enders
Auch Gutes aus deutschen Landen kann einen Film tragen: Beispielsweise Juliane Köhler und Axel Prahl. Die beiden großartigen Charakterschauspieler überzeugen dadurch, dass sie immer wieder in neuen Rollen überraschen können. Juliane Köhler („Aimée und Jaguar“, „Nirgendwo in Afrika“) spielt ganz unscheinbar die zurückgezogene Alex, die versucht, wieder ins Leben zurückzukommen, nachdem sie ihre Tochter in einem Wutanfall schwer verletzte. Im Haus ihrer verstorbenen Großmutter begegnet Alex dem verstörten zwölfjährigen Nachbarsjungen Tom (Leonard Carow). Alex freundet sich vorsichtig mit ihm und seinem Vater (Axel Prahl, „Halbe Treppe“, „Du bist nicht allein“) an. Doch die unbeherrschte Gewalt taucht wieder auf. Regisseurin Sylke Enders ("Hab mich lieb!") begeisterte mit dem starken, authentischen Jugenddrama "Kroko". In „Mondkalb“ meistert sie gleichzeitig das Trauma des exzellent aufspielenden Jungen wie die psychologischen Altlasten der beiden Alten. Ein gutes und stimmiges Stück Film aus deutschen Landen.
39.90
Frankreich 2007 (99 Francs) Regie: Jan Kounen mit Jean Dujardin, Jocelyn Quivrin, Patrick Mille, Vahina Giocante, Elisa Tovati 104 Min. FSK ab 16
Alles ist käuflich, vor allem: Alle! Der Werbe-Texter Octave (Jean Dujardin) überzieht seine Welt mit einer ätzenden Schicht aus Verachtung. Dieser „French Psycho“ dekoriert wie in der Verfilmung von Bret Easton Ellis’ „American Psycho“ all die tollen Konsumgegenstände mit Labeln und Barcodes. Hypercool rollt Octave mit dem Segway durch die Welt der Eitelkeiten, in der sich die Werbefuzzies an Lächerlichkeit überbieten. Im Kino läuft der legendäre Apple-Werbefilm „1984“, die trendigen Rechner stehen überall im Bild rum. Voller Verachtung haut er die schäbigsten Ideen in ein paar Minuten in die Tasten, immer auf Koks, während der Hamster derweil im Laufrad durchdreht. Selbst seine tragische Liebesgeschichte mit Sophie (Vahina Giocante) sieht aus wie ein Werbefilm – für einen Softporno. Sie verlässt ihn, eine „Schnee“-Lawine reißt ihn mit, er verliert sich im Horrortrip der Werbewelt und springt dem Tod nur knapp von der Schippe. Nach dem Entzug richtet sich Octaves Verachtung ganz auf die eigene Branche. Ein paar – wenige - hässliche Seiten der Konsumwelt blitzen auf, aber ein definitiver Anschlag auf den schönen Schein wird hinterrücks geplant.
Der Film „39,90“ basiert auf dem gleichnamigen Besteller von Frédéric Beigbeder, der mit diesem beißenden Insider-Roman seine eigene Karriere als Star-Werbe aufkündigte. Davon ist noch viel zu sehen: Der Joghurt von Madone – gemeint ist unübersehbar Danone – wird beim Dreh des Spots vom Modell genüsslich wieder ausgewürgt. Octave taucht bei seinem Abschied aus dieser Welt in eine berauschende Bilderflut ein. Styling ist selbst im letzen Moment alles. Das gilt auch für den ästhetisch faszinierenden und satirisch oft treffenden Film mit seinen coolen Songs. Die Vorherrschaft des Äußerlichen überrascht nicht beim Regisseur Jan Kounen: Bei seiner Brutalo-Action „Dobermann“ (1997), beim postmodernen Western „Blueberry und der Fluch der Dämonen“ (2004) und selbst bei der Dokumentation „Darshan - Die Umarmung“ (2005) sah immer alles gut aus. Was „39,90“ fehlt ist die Menschlichkeit, die in „Schmetterling und Taucherglocke“, Jean-Dominique Baubys Abrechnung mit der Modebranche, alles trägt. Dazu verliert sich der anfänglich berauschende Spott zu lange in alternativen Enden.
29.7.08
Die Chroniken von Narnia - Prinz Kaspian von Narnia
USA 2008 (The Chronicles of Narnia: Prince Caspian) Regie: Andrew Adamson mit Ben Barnes, William Moseley, Georgie Henley 144 Min. FSK: ab 12
Fühlst du die Magie auch? Fragt das kleine Mädchen Lucy im Londoner U-Bahnhof als der einfahrende Zug viel Wind macht. Nee! Auch wenn diesmal der Prinz kommt und ganz wie bei Harry Potter ein Zug die vier Geschwister aus dem trüben und zerbombten London ins Kostümland Narnia entführt. Man sieht es wohl, aber es fehlt einem der Glaube. Und damit wären wir beim Kern der Geschichte: Nur wenn ihr glaubt, kommt ein großer Löwe aus dem Wald und hilft euch, die Bösen zu besiegen! An vorderster Front fehlt allerdings dem Filmverleiher Walt Disney der Glaube – dazu später mehr ...
Im zweiten Film der "Narnia"-Reihe verschwinden die vier Pevensie-Kinder Peter, Susan, Edmund und Lucy wieder ins Fabelland Narnia, wo sie große Könige eines sagenhaften Reiches waren. Doch nach einem Jahr ihrer Londoner Zeitrechnung sind dort mehrere Hundert vergangen und Narnia ist zerstört. Es herrschen die Telmarines unter der Fuchtel des intriganten General Miraz (ungewohnt: Sergio Castellitto), der sich gerade den Thron seines Neffen Prinz Kaspian aneignet. Die Pevensie-Kinder vereinigen nun die unterdrückten Fabelkreaturen aus Narnia im Kampf gegen das Terrorregime und bringen den friedensstiftenden Kaspian wieder an die Macht. Das alles kann allerdings nur mit Hilfe des gottgleichen Löwen und Schöpfers Aslan gelingen, doch den sieht mangels Glauben nur die kleine Lucy.
Man muss bei der zügigen Abfahrt ins magische Land an Harry Potter denken, auch wenn der Narnia-Autor C.S. Lewis eine mediale Ewigkeit früher gelebt hat. Die andere Verwandtschaft mit dem „Herrn der Ringe“ seines Freundes Tolkien ist vor allem in den Schlachtszenen unübersehbar.
Der große Unterschied liegt in der heutigen Auswertung: Harry Potter wurde von Warner wie ein Zauberschatz gehütet. Jeder der im Kindergarten einen Zauberlehrling zeichnete, bekam einen Copyright-Anwalt an den Hals. Und der weltweite Starttermin des Films wurde genauso peinlich eingehalten, wie die hochgeheime Veröffentlichung der Bücher. Doch dieser Prinz Kaspian kommt kleckerweise an – oder nicht: Mal hier eine Preview, dann läuft er in einer Sneak ... So geht ein Filmverleih nicht mit Material um, an das er selber glaubt! In den USA hatte der erste Film „Die Chroniken von Narnia: Der König von Narnia“ nach 10 (Weihnachts-) Wochen bereits doppelt so viel Geld eingespielt wie der Nachfolger, dessen Vorlage der vierte Roman von sieben ist.
Für die Details einer weiteren großen Saga-Welt mögen sich etwaige Fan begeistern, nüchtern betrachtet wirken Fabelwesen wie die Minotauren und die Zentauren sehr albern. Man weiß genau, in kurzer Zeit sind diese digitalen Kreationen so verstaubt wie Ray Harryhausens Stop-Motion-Figuren in „Jason und die Argonauten“ (1963) oder seinen Sindbad-Filmen. Und bei der fechtenden Supermaus wünscht man sich den viel witzigeren Degen-Kater mit der Stimme von Antonio Banderas aus „Shrek“ herbei - Humor entschlüpft den britisch zusammengekniffenen Lippen des Narnia-Films für Jugendliche ohne viel Film- und Fernseherfahrung sehr wenig. Apropos spanischer Dialekt: Der zeichnet hier die gegnerischen Telmarines aus und macht sie höchstens unfreiwillig komisch.
22.7.08
Superhero Movie
USA 2006 (Superhero Movie) Regie: Craig Mazin mit Drake Bell, Sara Paxton, Chistopher McDonald, Leslie Nielsen 86 Min. FSK ab 12
Super? Höchstens super dämlich und super simpel! Erneut wird dem Parodie-Affen Zucker gegeben – David Zucker. Der amerikanische Autor, Regisseur und Produzent ist seit den Siebzigern meistens dabei, wenn es um das Verwursten von erfolgreichen Kino- und TV-Hits geht. „The Kentucky Fried Movie“ war 1977 noch anarchisch bescheuert. „Airplane!“, „Top Secret“, „Nackte Kanone“ oder „Scary Movie“ konnten ihr jeweiliges Genre (Katastrophen-, Polizei- oder Horrorfilm) im besten Falle analytisch entlarven und immer deftigen Klamauk abliefern. Die gefühlte Frequenz der Gags nahm im Laufe der Jahrzehnte drastisch ab. Mittlerweile ist Zucker auch im Kino in höheren Dosen ein unerwünschter Zusatz zur Unterhaltung.
Nachdem Will Smith als „Hancock“ und „Die Unglaublichen“ im Zeichentrick das Superheldentum bereits intelligent verspotteten, kommt nun die Blöden-Variante. Vor allem um „Spiderman“ spinnt sich der recht simple Humor, der sich am bekannten Superhelden-Handlungsschema entlang hangelt und bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit humoristische Tiefschläge austeilt. Dazu sind auch handwerklich schwaches Schauspiel und ganz miserable digitale Animationen zu beklagen.
Der Trottel Rick Riker wird von einer gen-veränderten Libelle gebissen und entwickelt Superkräfte. Neben kleineren Heldentaten muss er vor allem den Oberschurken Lou Landers (Christopher McDonald) bekämpfen, der Menschen reihenweise die Lebensenergie aussaugt. Da Rick Rikers Eltern in einer dunklen Gasse der großen Stadt ermordet wurdem, lebt der Waise bei seinem Onkel. Während die Morde „Batman“ parodieren, indem diesmal tatsächlich Rick für die tödlichen Schüsse verantwortlich ist, zitiert sich Leslie Nielsen (Onkel Albert) schon seit langem nur noch selbst. Wenn die Figur des notgeilen, ewig furzenden Senioren einen Großteil der Scherze trägt und der Rest nicht viel niveaureicher ist, kann eigentlich nur noch die Parodie der Parodie-Filme helfen.
21.7.08
Akte X - Jenseits der Wahrheit
USA 2008 (The X-Files: I Want to Believe) Regie: Chris Carter mit David Duchovny, Gillian Anderson, Amanda Peet 105 Min.
Die Ex-Agenten Mulder (David Duchovny) und Scully (Gillian Anderson) sind alt geworden und auch etwas antriebslos. Die gute Katholikin Scully arbeitet in einem kirchlichen Kinderkrankenhaus, Fox Mulder sitzt zuhause und sortiert nur noch im Hinterstübchen Verschwörungstheorien. Die beiden sind ein Paar, wobei sie ihn irgendwie so geheim hält, dass nicht mal das FBI von ihm weiß! Da braucht man sich nicht zu beklagen, dass sechs Jahre nach Ende der letzten „Akte-X“-Staffel und zehn Jahre nach dem ersten Kinofilm das Wiedersehen völlig unaufgeregt und unoriginell inszeniert wurde – es ist ja kein wirkliches Wiedersehen, eher ein Abgesang von sehr entfernten Bekannten.
Als sie ein Hilferuf der ungläubigen nächsten Generation von FBI-Agenten (unter kesser Führung von Amanda Peet) erreicht, (re-) animiert ausgerechnet Scully ihren Lebenspartner Mulder, bei der Suche nach einer vermissten Agentin zu helfen. Zu den Tatorten und vielen Leichenteilen führt sie dank unerklärlicher Visionen ein wegen Kindesmisshandlung verurteilter Priester. Und Mulder als Fachmann für das Unerklärliche soll abklären, ob man dem Unglaublichen glauben kann. Im „Glaubenskriech“ der vom X-Autor und -Regisseur Chris Carter behäbigen inszenierten, konventionellen Handlung kämpft Scully nebenbei um das Leben eines Jungen, der als unheilbar gilt und von den Priestern der Krankenhausverwaltung in ein Hospiz aussortiert werden soll. Das ganze Morden und Amputieren in Frankstein’scher Tradition bringt Scully schließlich zum Glauben, nicht aufzugeben. Diese Weisheit steckt in mindestens jedem zweiten schlechten us-amerikanischen Film. Und so ist der zweite „Akte X“-Film eine Enttäuschung in Serie und als Film an sich. Nur als Beleg einer verqueren Widergeburt des Glaubens kann diese angestaubte Akte noch interessieren.
Wer sich auf Außerirdische, Übersinnliches und paranormale Erscheinungen freut, wird von dieser Neuaufnahme der X-Akten schwer enttäuscht. Es geht hier ganz altmodisch und im Trend der religiösen Retro um Glauben. Und tatsächlich nicht um den aufklärerischen Mulder’schen Glauben, dass „da draußen“ mehr zu entdecken wäre, dass die Wahrheit da draußen und vielleicht sogar draußen im Weltall sei. Nein, wie in einem kirchensteuer-finanzierten Erbauungsstreifen geht es um den einen Gott, den katholischen, der auf Platz drei der Weltreligionen steht, Tendenz absteigend. Die erschreckende Erscheinung ist dann recht aktuell: ein Priester, der einst reihenweise Chorknaben missbrauchte, sich entmannte und nun mit unerklärlichen Visionen das FBI auf die Fähre eines Serienmörders führt. Dass die Perversität des Mordmotivs wieder mit der Schuld des Priesters verbunden sein könnte, ist reichlich verdreht, sowohl in dramaturgischer wie in psychologischer Hinsicht: Muss ein priesterlich vergewaltigter Junge später unbedingt auf sehr horrende (und umständliche) Weise zur Frau werden wollen? Richtig, es gibt da noch eine Lungenkrankheit. Aber dafür den ganzen Körper auswechseln, ist wie Autoneukauf bei vollem Aschenbecher! Oder so unnötig wie der ganze Film.
16.7.08
You Kill Me
Kanada, USA 2007 (You Kill Me) Regie: John Dahl mit Ben Kingsley, Tea Leoni, Luke Wilson, 92 Min.
Die Mafia in Buffalo macht in Schnee. Ja, das weiße Zeugs, auf der Straße. Das nasse Zeugs, nicht das Kokain. Um es noch absurder zu machen: Die dortige Mafia wird von den Polen kontrolliert, die ausnahmsweise mal keine Autos klauen. Aber die Familie hat ein Problem: Frank, der Killer der Familie, ist Alkoholiker. Er kommt aus Buffalo und da sei es naheliegend, zu trinken. Jedes Mal wenn man ihm einen Auftrag gibt, muss man rumtelefonieren, ob die Kunden wirklich tot sind. Frank muss aufhören zu trinken, „sonst arbeitest du nicht mehr für uns, und wir können nicht erlauben, dass du für jemanden anderen arbeitest, auch wenn du zur Familie gehörst,“ meint der Pate (Philip Baker Hall). So schickt die Familie Frank zu den anonymen Alkoholikern nach San Francisco und damit es ihm nicht allzu schwer fällt, gibt man ihm eine Schneekugel mit.
Das Psycho-Gequatsche bei den AA geht ihm anfangs auf die Nerven, wie einst Robert DeNiro als Mafiaboss auf der Couch sein Psychiater. Doch Frank findet einen Job als Leichenwäscher und in Laurel (Tea Leoni, die den Film auch mitproduziert hat) eine reichlich schräge Freundin, die gerade einsam ist, aber zunehmend Gefallen an dem älteren Mann und seinem Tätigkeit findet. Doch als Frank nüchtern wird, hat er ein neues Problem: Ein schlechtes Gewissen – nicht weil er Menschen umgebracht hat, sondern weil er sich nicht exakt und fachgerecht kalt gemacht hat.
Regisseur John Dahl ist ein Fachmann auf dem Gebiet des coolen Thrillers, seine Bilder sind exakte Meisterwerke in Sachen Styling. Das ist die solide Grundlage für den absurden Twist des coolen Killers mit der weichen Leber. Dann kommen schon die genialen Züge dieser Film Noir-Komödie: Texte, die in rasanter Folge einen komischen Knaller nach dem anderen abliefern. Nebendarsteller, die um Ben Kingsley herum so interessant sind, wie viele Hauptrollen in anderen Filmen. Und schließlich Kingsley selber, der sich vor allem als „Sexy Beast“ für diese Rolle qualifizierte. Es ist grandios, wie Ben Kingsley sich bei den Beichten der anderen windet. Wie er ganz selbstverständlich über seinen Beruf, das Morden redet. Dabei ist Frank auch ein ziemlich lässiger Liebhaber, hier hat er die Sache und Laurel im Griff.
Get Smart
USA, 2008 (Get Smart) Regie: Peter Segal mit Steve Carell, Anne Hathaway, Dwayne "The Rock" Johnson 110 Min. FSK ab 12
Wenn jetzt die TV-Folgen von „Nackte Kanone“ wieder zu sehen sind, glaubt man, dies sei die Großmutter aller Agenten-Parodien. Doch schon kurz nach dem Bond-Film „James Bond – 007 jagt Dr. No“ nahm Maxwell Smart seine Arbeit als Agent bei CONTROL, einer geheimen Behörde der US-Regierung, auf. Die Serie „Get Smart“, mit dem deutschen Titel „Mini-Max“, lief von 1965 bis 1970. Seitdem gab es zahllose Anti-Agenten von Leslie Nielsen bis „Austin Powers“ und nun reaktiviert man auch wieder Maxwell Smart.
Smart ist großartiger Analyst bei Geheimdienst CONTROL, träumt aber davon, endlich draußen zum Einsatz zu kommen. Als die verbrecherische Organisation KAOS die Zentrale des CIA überfällt und alle Geheimagenten „verbrannt“, also bekannt, sind, bleiben nur Maxwell und die Kollegin Agent 99 (Anne Hathaway) für den Außeneinsatz. Maxwell wird zum Agenten 86 und das Chaos geht seinen Gang.
In diesen Parodien ist es klar, das alles schief geht und dann letztendlich wieder nicht. Also kommt es aufs Detail an, in dem der Fehler liegt. Etwa in der Abteilung Erfindungen: Da sorgt die abhörsichere Schallglocke für heftige Verzerrung und Quetschungen – noch nicht ganz ausgereifter Slapstick. Bruce (Masi Oka, der Darsteller des Hiro aus der TV-Serie „Heroes“) liefert für weitere Gags und Gadgets wie ein Schweizer Messer mit Flammenwerfer, Mini-Armbrust, aber vor allem: ohne Messer. Als Gratifikation erhielten er und Kollege Lloyd dafür übrigens einen eigenen Film: „Get Smart’s Bruce And Lloyd Out Of Control“, der ab September auf DVD zu haben ist.
Zurück zum Hauptfilm, in dem sich der total unfähige und noch ungeschicktere Maxwell und Agentin 99 zusammenraufen, während sie von einer rauflustigen Hommage an den Beißer aus den Bond-Filmen verfolgt werden. Das alles geschieht auf der Suche nach „Gelbem Kuchen“, also waffenfähigem Plutonium – ein Gag, der nur im englischen Original funktioniert.
Während Anne Hathaway als Agent 99 (von „Plötzlich Prinzessin“ zu „Plötzlich Agentin“) nur Dienst nach Vorschrift macht und wohl die Zielschichten bedienen soll, die das Original in den Sechzigern nicht live miterlebt haben, überzeugt Steve Carell als Maxwell Smart. Der ehemalige Stand Up-Comedian findet die Balance zwischen einem Hauch von angestrengter Seriosität und dem Klamauk, der einen in solche Filme treibt.
„Get Smart“ sticht aus dem Trend der Billig-Parodien am laufenden Filmmeter hervor. Durch solide Darstellerleistungen, einen erhöhten Grad an Absurdität und vor allem durch den Geist von Mel Brooks, der dem Original seinen ganz speziellen Humor eingehaucht hat. Und ein wirklich guter Witz ist nicht tot zu kriegen, so oft und so albern man auch auf ihm rumhaut.
Mamma Mia!
USA, GB 2008 (Mamma Mia!) Regie: Phyllida Lloyd mit Meryl Streep, Pierce Brosnan, Amanda Seyfried 109 Min. FSK: o.A.
Wer es noch nicht gesehen hat, darf sich riesig freuen. Wer es kennt, wird begeistert aufschreien: Das ABBA-Hitmusical „Mamma Mia!“ ist im Kino angekommen. Der größte Karaoke-Hitfilm seit langem, ein Mitsinger und dank knackiger Seniorenbesetzung mit Meryl Streep und Pierce Brosnan auch ein Hingucker!
Seit neun Jahren ein Riesenerfolg auf den Musicalbühnen und seit dreißig Jahren Ohrwürmer: Die Lieder von ABBA funktionieren auch noch zwei Jahrzehnte nach Auflösung der schwedischen Band generationsübergreifend. Deshalb musste man einfach eine schöne Sommergeschichte um sie herum stricken:
Anlässlich ihrer Hochzeit sucht Sophie (Amanda Seyfried) ihren wirklichen Vater und stöbert in Mama Donnas (Meryl Streep) Vergangenheit herum. Die hat im Sommer vor Sophies Geburt gleich mit drei Männern „Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen“ gemacht, wie ihr Tagebuch erzählt. Da die niedliche Sophie die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen hat, lädt sie gleich alle drei Kandidaten für die Vaterschaft zur Hochzeit auf die griechische Trauminsel, wo Mama ein baufälliges Hotel hat und wo damals die drei wilden Rocker mit Donna...
Ein grandiose Riege von möglichen Vätern sitzt bald zusammen in einem Boot, beziehungsweise in der peinlichen Situation: Der Abenteurer und Reisejournalist Bill (Stellan Skarsgård), der völlig unspontane Bürohengst Harry Bright (Colin Firth) und der obercoole Sam Carmichael (Pierce Brosnan) folgen erneut dem Ruf der Sirenen. Gleichzeitig vereinigt Donna ihre wilde Mädchenriege von früher und die drei „Dynamos“ rotieren mit und ohne Alkohol sofort auf vollen Touren. Spaß, Verwicklungen, etwas Romantik und vor allem: 19 alte ABBA-Songs machen aus diesen chaotischen Hochzeitsvorbereitungen den größten Wohlfühler und Spaßmacher seit „My big fat greek wedding“.
Die Lieder von „Dancing Queen“, über „Take A Chance On Me“ und „I Have A Dream“ bis zum Titelsong „Mamma Mia“ sind derart unverschämt populär, dass man einfach nur eins machen kann: Mitsingen! Dass auf der Leinwand heftigst und immer wieder gesungen wird, erscheint als das Natürlichste der Welt. Wie anders können sich die Freundinnen von Donna nach dem Wohlergehen der aufgelösten Mutter erkundigen, als mit „Chiquitita, tell me whats wrong?“ Meryl Streep, die anfangs burschikos in Latzhose durch das Chaos-Hotel stapft, singt wie alle anderen selbst und schafft es dabei tatsächlich, die Verwirrung eines jungen, verliebten Mädchens auf die Leinwand zu bringen. Dazu gibt es kurze, umwerfend komische Visionen, wie die drei gestandenen Herren damals als harte Rocker aussahen. Überhaupt nutzt „Mamma Mia!“ die Möglichkeiten des Musicals für Spaß und bunte Träumereien. Die US-Produktion, deren Kontrolle die beiden B’s von ABBA (Benny Andersson and Björn Ulvaeus) auch nicht aus der Hand gaben, ist so näher am Bollywood-Film oder an den Song-Medleys von Baz Luhrman („Strictly Ballroom“, „Moulin Rouge“) als an Hollywood-Trällereien. Dazu passen zwischenzeitlich hemmungslos übertriebene Massenszenen und ein griechischer Chor, der diesmal ein herzlicher Haufen Einheimischer ist, die alles laut lachend oder mit leidend mitsingen. Nach „Mamma Mia!“ ist „Waterloo“ endgültig nur noch ein Lied, an Niederlage ist bei diesem Siegeszug der guten Laune nicht zu denken.
8.7.08
Der unglaubliche Hulk
USA 2008 (The Incredible Hulk) Regie: Louis Leterrier mit Edward Norton, Liv Tyler, Tim Roth 110 Min. FSK: ab 12
„Hulk“ ist außer Kontrolle geraten. Aus der Sicht der Action- und Comic-Fans sowie des Marvel-Comicverlages heißt das: Ein Kunstkino-Regisseur namens Ang Lee hat sich den Stoff der Comic-Legende Stan Lee (überhaupt nicht verwandt oder verschwägert) geschnappt und einen Film gemacht, der weder bei den Fans noch an der Kinokasse ankam. Jetzt hat Marvel das Riesenmonster in die Hand genommen, einen Actionregisseur angeheuert und schon macht das Ungeheuer, was man von ihm erwartet: Krach und Kasse.
„Was bisher geschah“ wird im Vorspann rasant zusammengefasst: Bruce Banner (Edward Norton) wurde bei Experimenten für das Militär mit Gamma-Strahlung verseucht und wird immer zum großen, grünen Wüterich namens Hulk, wenn er sich über eine Rechnung oder ein Call-Center aufregt. Weil er jetzt aber tierisch starke Gene hat, jagt ihn die Army, ausgerechnet unter der Leitung seines Schwiegervaters in spe, General Ross (William Hurt). Seine große Liebe Betty Ross (Liv Tyler) kann Bruce nur noch aus der Ferne sehen, weil sein Wüten alles kaputt machen kann. Im brasilianischen Untergrund lernt er, seine Wut zu kontrollieren, sie mit den Bauchmuskel im Zaum zu halten. Eine Pulsuhr hilft auch – neben Normal- und Hohem Bereich hat Hulk sicher auch den Monster-Bereich. Er fängt bei 196 Schlägen an.
Im Bereich des Ruhepulses und auf die Charaktere konzentriert, beginnt Louis Leterrier ("Transporter") seine Action. Er macht es spannend, bis Hulk erstmals in voller, wütender Pracht erscheint. Doch einmal aus der Reserve gelockt, beschleunigt sich die Action-Handlung in den vorgesehenen Bahnen. Bruce Banner sucht den Kontakt zur Zellbiologin Betty und läuft in die Falle des Schwiegerpapas, der mit Abominable eine neue Kampf-Kreatur herangezüchtet hat. Aber im Gegensatz zum ruhigen Wissenschaftler Banner war der abscheuliche Emil Blonsky (Tim Roth) schon immer ein Killer, der es nun nicht abwarten kann, eine genetisch rund erneuerte Kampfmaschine zu werden. Selbstverständlich läuft alles auf den großen Knall zwischen den beiden großen, aber starken Knallköpfen hinaus: Hulk gegen Abominable.
Ohne Mätzchen erfüllt dieser neue „Hulk“ seine Wiedergutmachung bei den Fans. Die Action ist schnörkellos und kommt zum erwarteten Zeitpunkt. Zur Entspannung gibt es ein paar Scherze über Aggressivität im Straßenverkehr und Schauspieler Edward Norton sieht im Computer das Logo vom Norton-Anti-Virus-Programm. Selbstverständlich setzt sich auch die Liebesgeschichte fort, bei der Hulk mal King Kong zitieren darf. Selbst Comic-Autor Stan Lee taucht wieder kurz in seiner Geschichte auf, diesmal als der Senior, der sich einen Schluck aus der infizierten Limonade gönnt. Wo Ang Lee die Größe Hulks in weiten Landschaften ausführlich erleben ließ, macht Leterrier auf Sandkastenspiele auf einer Universitätswiese. Nicht nur der ästhetische Wagemut ist komplett ausgewechselt, auch die Darsteller sind im Gegensatz zur Story alle neu. Aber die meisten Kinogänger wollen Vertrautes sehen und so ist die Zukunft des großen grünen Marketing-Paketes „Hulk“ gesichert.
Jugend ohne Jugend
USA 2007 (Youth Without Youth) Regie: Francis Ford Coppola mit Tim Roth, Bruno Ganz, Alexandra Maria Lara 124 Min. FSK: ab 12
Zehn Jahre ist es her, seit Francis Ford Coppola seine letzte Regie mit dem Umwelt-Gerichtsfilm „The Rainmaker“ ablieferte. Eine ganze Generation sporadischer Kinogänger wird nichts mit dem „Paten“ des Mafiafilms und dem „Redux(-ierer)“ von „Apocalypse Now“ anfangen können. Oder ihn als den genialen Schöpfer vom filmhistorischen Meilenstein „Rumblefish“ kennen, geschweige als Regisseur von Kuriositäten wie dem Horrorfilm „Dementia 13“ oder dem kitschigen Musical „Finian's Rainbow“. Ja, der Vater von Sofia Coppola macht auch Filme! Er hat sogar als treibende Kraft von „New Hollywood“ in den Siebzigern mit George Lucas und Steven Spielberg die Filmwelt so grundlegend verändert, dass Kino ohne ihn heute anders aussehen würde. Doch vielleicht ist es ganz gut, „Jugend ohne Jugend“ ohne jede Erwartung zu sehen, denn einordnen lässt sich die sehr ungewöhnliche bis seltsame Geschichte mit ganz bekannten Gesichtern wie Tim Roth und Bruno Ganz nur schwer. Die Novelle des rumänischen Sprachwissenschaftlers und Schamanismus-Gurus Mircea Eliade erweist sich als Jungbrunnen für den Altmeister, der mutig und frei auf eigene Rechnung filmte.
Schon die ersten Bilder lassen rätseln: Schriftzeichen verschiedener Sprachen und Epoche flirren über die Leinwand, eine Uhr tickt laut. Den 70-jährigen Sprachforscher Dominic Matei (Tim Roth) trifft in Budapest ein gewaltiger Blitzschlag, hebt ihn glühend in die Luft. Chefarzt Professor Stanciulescu (Bruno Ganz) pflegt Matei, stellt fest, dass dieser trotz der eigentlich tödlichen Verwundungen von Tag zu Tag jünger wird. Der erstaunliche Pflegefall baut eine vertrauensvolle Beziehung zu Stanciulescu auf, erzählt ihm von seiner Vergangenheit, seinen Studien zum Ursprung der Sprachen. Die unerklärliche Genesung wird ebenso von Nazis gestört wie von einem Alter Ego Mateis, das immer wieder mit ihm diskutiert. Wir befinden uns am Ende der Dreißiger Jahre, Hitler-Deutschland startet die Eroberung Europas und Dr. Josef Rudolf (auch André Hennicke mit furchtbaren Dialekt), einer dieser wahnsinnigen Naziwissenschaftler, will den Übermenschen Matei grillen.
Coppola macht aus der Novelle etwas ganz Eigenes, stellt in historischen Kulissen Szenen auf den Kopf, erlaubt sich, bei vielem Unerklärlichen die Logik außen vor zu lassen. Und wird zudem so mysteriös wie Lynch: Nach der Flucht vor den Nazis trifft Dominic Matei ein Ebenbild seiner verlorenen Liebe (Alexandra Maria Lara), das wiederum kurz darauf vom Blitz getroffen wird und junges Gefäß verschiedenster Inkarnationen sein wird. Nacht für Nacht verwandelt sich Veronica in immer seltsamer gebärdendere Frauen und spricht immer ältere Sprachen. Eine Erklärung dieses sehr merkwürdigen, schön gefilmten Mysteriums mit einem Hauch Romantik darf man nicht erwarten. Ansätze liefert die Biografie von Mircea Eliade, doch das Rätseln über das Wesen von Sprachen, Seelenwanderung und Wiedergeburt sollte man neugierig selbst auskosten.
2.7.08
Madonnen (DVD)
Filmgalerie 451 / AL!VE
BRD, Schweiz, Belgien 2007 (Madonnen) Regie: Maria Speth mit Sandra Hüller, Olivier Gourmet, Susanne Lothar 115 Min. FSK: ab 12
Man muss gar nicht erst die inflationären Schlagzeilen über Kindesvernachlässigung herbei zitieren, um „Madonnen“ spannend zu machen. Das intensive Porträt einer Rabenmutter, eindringlich von Sandra Hüller („Requiem“) gespielt, packt durch glaubhafte und klare Darstellung von etwas was nicht sein darf.
Rita (Sandra Hüller) taucht unvermittelt an einem belgischen Einfamilienhaus auf und konfrontiert die Idylle mit ihrem Baby, das vom Familienvater stammt. Ihre provokative Art bringt Rita ins Gefängnis, danach holt sie ihre vier Kinder bei der Großmutter (Susanne Lothar) ab, und versucht mit einem sehr großen, sehr gutmütigen schwarzen Army-Soldaten zusammenzuleben. Doch die Verantwortung überfordert Rita, selbstzerstörerisch stürzt sie sich wieder in Affären...
Die Handlung bemüht sich nicht, alles zu erklären. Auch deshalb bleiben Ritas Handlungen rätselhaft. Dem intensiven Spiel von Sandra Hüller ist es zu verdanken, dass man vorurteilsfrei dran bleibt an diesem Menschen und seinen Kämpfen.
Kung Fu Panda
USA 2007 (Kung Fu Panda) Regie: Mark Osborne, John Stevenson mit den Stimmen von: Jack Black / Hape Kerkeling (Po), Dustin Hoffman / Gottfried John (Shifu), Angelina Jolie / Bettina Zimmermann (Tigerin) 91 Min. FSK: o.A.
Panda-Bären sehen niedlich aus, hängen den ganzen Tag in Eukalyptusbäumen rum (wenn man sie ihnen nicht raubt) und tun ... nicht viel. Das liegt daran, dass Eukalyptusblätter ungefähr das Doppelte an Energie, die sie liefern, für das Verdauen verbrauchen. Deshalb kann man sich nur sehr schwer vorstellen, dass Pandas zwischendurch bewegungsreiche Kung Fu-Kämpfe abliefern. Außer sie bewegen sich heimlich so rasant, dass man gar nicht merkt, wie sie zwischen zwei Verdauungsschläfchen ein paar Bergbauern retten. Doch Panda Po hat in diesem gelungenen Zeichentrickfilm keine Zeit für Heldentaten. Die Gäste im Nudelrestaurant seines Vaters zu bedienen, überfordert den pummeligen Panda schon sehr. Manchmal hat er verwegene Ideen und möchte ein Tofu-Gericht auf die Speisekarte setzen, aber das wäre in der traditionellen Nudel-Familie ein Sakrileg. So gibt auch niemand Pos Träumen von Karate-Heldentaten eine Chance.
Als hoch droben im Bergkloster aus den Kung Fu-Schülern der Drachen-Kämpfer erwählt werden soll, schafft es der dicke Panda Po kaum, die tausenden Stufen zu erklimmen. Zu spät gekommen hüpft der Kung Fu-Fan vor den Mauern herum, entfacht tollpatschig ein Feuerwerk und landet im falschesten Zeitpunkt zu den Füssen der weisen Meisters Oogway. Prompt wird Po zum Auserwählten und alle hassen ihn: Die fünf Elite-Schüler und ihr strenger Meister Shifu. Jeder Versuch, dem Panda Kraft, Geschmeidigkeit und Schnelligkeit eines Ninja beizubringen, scheitert kläglich und sehr witzig. Trotzdem soll er als Drachen-Kämpfer das Geheimnis unendlicher Kraft erfahren und es gegen den übermächtigen Schnee-Leoparden Tai Lung schützen. Der ist gerade aus einem fernen Hochsicherheits-Verlies ausgebrochen und nähert sich mit großen Sprüngen.
Auch wenn einige Figuren asiatischer Kampfkunst nach Tieren benannt sind, bleibt es eine geniale Idee, Panda, Meerschweinchen und Co. als tapfere Kämpfer zu zeichnen. Vor allem, sie gegen den Strich zu besetzen sorgt schon beim ersten Anblick für großes Vergnügen: Wieso sollte ein Tiger eine Gottesanbeterin fürchten oder den Handkantenschlag einer Mamba? Und was ist mit dem Todeskrallengriff des Meerschweinchens? All das lässt vor allem Po kalt, wenn er Essen wittert. Und so muss der ungeduldige Meister Shifu ganz spezielle Trainingsmethoden entwickeln...
Die Macher von „Kung Fu Panda“ (es sich die gleichen wie bei „Madagascar“, „Ab durch die Hecke“ und „Shrek 2“) geben diesen Charakterzeichnungen sympathische Tiefe und ein flottes Tempo. Von den Weisheiten der Schildkröte Oogway bis zu den Albernheiten Pos sind alle Figuren sorgfältig gezeichnet. Während die Kleinen mit den netten Tierchen viel Spaß haben werden, mögen sich die Älteren an den einen oder anderen zitierten Kung Fu-Klassiker erinnern.
1.7.08
Happy-Go-Lucky
GB 2008 (Happy-Go-Lucky) Regie: Mike Leigh mit Sally Hawkins, Alexis Zegerman, Eddie Marsan 119 Min. FSK: ab 6
Was ist Optimismus? Diese Frage lässt sich relativ leicht von jedem beantworten. Wie aber sähe der Optimismus aus, wenn er eine Person wäre? Das beantwortete ausgerechnet einer, der auf der internationalen Filmbühne mit „Naked“, einer ganz bitteren, nackten Wahrheit über den Menschen an sich auftrumpfte. Einer, der mit dem düsteren Abtreibungsdrama „Vera Drake“ Optimismus und Menschenliebe durch die Justiz abstrafte. Doch jetzt bringt der Brite Mike Leigh mit „Happy-Go-Lucky“ die sonnige Sicht der Dinge an die Grenze der Erträglichkeit – ohne sie mit seinem fröhlichen Star Sally Hawkins zu überschreiten!
Poppy (Sally Hawkins) ist eine atemberaubende Erscheinung – nicht nur, weil man um ihre Sauerstoffversorgung bangt, wenn sie ohne Strich und Faden plappert, redet, schwätzt und quatscht. Während man selber den Mund nicht zubekommt angesichts dieses fröhlich sprudelnden Redeflusses, erfrischt sich die eigene Laune unmerklich bis heftig. Poppy ist nicht auf den Mund gefallen und auch nicht auf den Kopf, sie ist witzig, schlagfertig und vor allem sieht sie die Welt positiv. Wenn sie mit ihrer Mitbewohnerin und Kollegin Zoe den Unterricht im Kindergarten vorbereitet, fragt man sich zwar, ob die bunten, fantastischen Vogelmützen und –masken für die Kinder oder für Poppy sind. Aber auf der Arbeit steckt das fröhliche Gemüt an und die Kinder bei Poppy haben sichtlich mehr Freude an den schrägen Vögeln dieser Welt als die Kleinen bei Zoe.
Auch wenn die Abfolge von Szenen, die Mike Leigh für Poppy entwickelte, fast wie eine konstant aufsteigende Dur-Melodie wirkt, ist das Leben der Single-Frau kein Zuckerschlecken. Da ist der kleine Junge in der Klasse, der extrem gewalttätig gegen noch kleinere agiert. Das Treffen mit dem Psychologen hilft nicht nur dem Kind, auch Poppy geht mit einer hoffnungsvollen Verabredung nach Hause. Jede Hoffnung fahren lässt allerdings der griesgrämige Fahrlehrer, der die witzigsten Szenen mit der chaotischen Frau ertragen muss. Grandios ist auch ein Besuch bei Poppys Familie, wo plötzlich das solitäre Dauerplappern zum Chor wird, angereichert durch eine kräftige Portion Neurose bei der ältesten Schwester.
„Happy-Go-Lucky“ erfrischt mit sympathischem Humor, der ganz auf den Lippen und Gesichtszügen einer erstaunlich fröhlichen Figur liegt. Sally Hawkins gewann im Februar den Goldenen Bären für die Beste weibliche Darstellerleistung bei der Berlinale. Was bei Mike Leigh öfters passieren kann, denn dieses Theater-Tier legt extrem viel Wert auf das Rollentraining mit seinen Schauspielern. Die bedenklichen Momente zum Ende hin retten den Film vor einem zu platten Porträt Poppys. Bedenklich, weil Poppy erkennt, dass man nicht alles weglachen kann. Dass es durchaus auch Situationen und Menschen gibt, die gefährlich sind. Wo es nicht mehr allein hilft, dem vernachlässigten oder misshandelten Kind in verschrobenen Erwachsenen Trost zu spenden. Doch Poppy wäre nicht Poppy, wenn sie „Happy-Go-Lucky“ nicht zu einem fröhlichen Ende bringen würde.
25.6.08
Cassandras Traum
USA, Großbritannien 2007 (Cassandra’s Dream) Regie: Woody Allen mit Ewan McGregor, Colin Farrell, Tom Wilkinson, Sally Hawkins 108 Min. FSK ab 12
Der neue Woody Allen ist klasse! Schade nur, dass „Cassandras Traum“ nicht der neue, sondern der Vorletzte und selbst für einen Woody Allen mit Formschwankungen so ziemlich das Letzte ist. Woody Allen realisierte mit 76 Jahren seinen 43. Film - durchgehend enttäuschend. Warten wir also auf „Vicky Cristina Barcelona“.
Warten ist ein Problem für Ian (Ewan McGregor), der von der perfekten Ausstattung träumt, wie sie Geldinstitute gerne auf Kredit verkaufen: Frau, Haus, Segeljacht und alles vom Feinsten. Dabei arbeitet der Dreißiger im kleinem Londoner Restaurant seines Vaters. Das Geld für irgendeine sehr suspekte Immobiliengeschichte in Kalifornien besorgt Ians Bruder Terry (Colin Farrell) beim Pokern. Das geht anfangs gut und die beiden erfüllen sich mit dem Segelboot „Cassandras Traum“ einen Jugendtraum. Auf dem Wasser erleben sie die große Freiheit, während auf dem Land das trägerische Glück den Bach runter geht. Terry hat Spielschulden und Knochenbrecher im Nacken und nur noch der reiche Onkel Howard (Tom Wilkinson) kann helfen. Der rettet gerne, hat aber eine kleine Bitte: Ian und Terry sollen einen ehemaligen Mitarbeiter umbringen, der zu viel weiß...
Im letzten Film seiner britischen Trilogie - „Match Point“ und „Scoop“ - ließe sich „Schuld und Sühne“ erwähnen. Auch die „Brüder Karamasow“ könnten als Zitatwissen eingefügt werden, um die Leere dieses Woody Allen zu überbrücken. Die Idee ist klar, das Drama kleiner, armer Leutchen soll dargebracht werden, als hätte es klassische Größe. Deshalb Cassandra. Deren Traum, oder korrekter: der Traum von ihr erzählt eigentlich eine kleine Geschichte von der großen Gier. Zwar mit besten Zutaten aufgefrischt, doch die Mischung stimmt vorne und hinten nicht. Wahrscheinlich ist Allen nicht der richtige für so ein Drama kleiner Leute. Dafür gibt es in Finnland Aki Kaurismäki und in Großbritannien Ken Loach. Dessen Working Class Heros berühren nicht nur mehr, sich lassen sogar mehr lachen als Woody Allen.
Die beiden Hauptdarsteller wirken deplatziert. Nicht nur spielen sie zwei wenig begabte Betrüger, die niemanden wirklich reinlegen können, man nimmt Ewan McGregor und Colin Farrell auch nie ab, dass sie so naiv und so unfähig sein könnten. Die Bilder sind wie gewohnt gut und von Vilmos Zsigmond, wirken aber auch wie eine Umgebung, in der die beiden dämlichen Jungs nicht rein gehören. Der falsche Luxus halt. Die Musik stammt vom britischen Minimalisten Philip Glass, zeigt stellenweise Wirkung, kann aber nie die ansonsten immer ausgesucht guten alten Songs aus Woody Allens Filmen ersetzen. Aber zum Glück prophezeit diese Cassandra einen neuen, wesentlich besseren Allen: „Vicky Cristina Barcelona“.
24.6.08
Charlie Bartlett
USA 2007 (Charlie Bartlett) Regie: Jon Poll mit Anton Yelchin, Robert Downey jr., Hope Davis, Kat Dennings, Tyler Hilton 97 Min. FSK ab 12
Aus wie vielen Elite-Schulen kann man eigentlich rausgeworfen werden? Charlie Bartlett (Anton Yelchin) hat das Limit erreicht, da hilft nun auch das Scheckbuch von Mama Merilyn (Hope Davis) nicht mehr. Letzte Ausfahrt für den seltsamen Jungen: Eine Öffentliche Schule. Da Charlie Bartlett ein froher und freundlicher Optimist ist, startet er frohgemut in den neuen Schulalltag, verzichtet auf die Limousine und steht im Sakko mit Familienwappen an der Haltestelle für den Schulbus. Den lateinischen Sinnspruch der Familie versucht Charlie bald darauf dem Klassenbullie Murphy (Tyler Hilton) zu erklären, um schnell in die harten Realitäten des staatlichen Schulsystems einzutauchen – mit dem Kopf voran in die Kloschüssel. Der skurrile aber nicht schnöselige Reiche kommt mit einem blauen Auge davon und nach Hause. Ein Fall für den Familienpsychiater, der flugs Ritalin verschreibt. Die stimulierenden Pillen treiben Charlie erst fast in den Wahnsinn, dann sind sie Basis für eine neue Karriere, denn der clevere Patient verkauft sie mit Hilfe seines neuen Freundes Murphy an die Mitschüler. Bald kommen noch andere Mittelchen hinzu und das Jungenklo wird zum Sprechzimmer von Charlie, der immer eine Antwort für die Nöte und Ängste der anderen hat. Wie bei der Beichte wechseln von Probleme und Pillen. Bald erfüllt sich sein Traum: Es ist der Star, er wird von allen geliebt. Gleichzeitig lernt Charlie Susan (Kat Dennings) kennen, die Tochter von Schuldirektor Gardner (Robert Downey jr.). Eine brisante Beziehung, ist doch der an sich verständnisvolle Ex-Lehrer mit der Kontrolle der Schule völlig überfordert...
„Charlie Bartlett“ ist vor allem gut gespielt, sehr gut gespielt, grandios gespielt. Da hält die Handlungs-Substanz des Films nicht immer mit, aber die sympathische Unterhaltung mit gewissem Tiefgang ist gesichert. Der Film präsentiert bis in die Nebenrollen klasse Figuren. Angefangen mit Charlie, der immer linkisch bleibt, selbst als Liebling aller. Ein ganz besonderer Clou ist Robert Downey Jr. als Direktor und unreifer Vater. Downey, der Schauspieler mit heftigen Drogenproblemen und –verurteilungen, kann in dieser Rolle ernsthaft von solchen persönlichen Erfahrungen berichten.
Das mag psychologisch nicht ganz exakt sein. Wenn Charlie und Merilyn am Klavier Cat Stevens’ "If You Want to Sing Out, Sing Out" aus „Harold and Maude“ spielt, gibt dies die Richtung und eine zu hohe Meßlatte vor. Aber wir schreiben nicht mehr das Jahr 1971 und das Niveau solcher Sonderling-Selbstfindungskomödien ist auf breiter Front tief gesunken. Da sind ein paar feine Personenzeichnungen, ein paar sensibel nachgefühlte Momente schon die Ausnahme und dementsprechend bemerkenswert. Außer mit den Figuren erfreut der Film mit einem super Soundtrack von Beck und reizvollen Bildlösungen.
18.6.08
Die verrückte Reise der Pinguine (DVD)
Paramount / Kauf-DVD
USA 2007 (Farce of the Penguins) Regie: Bob Saget mit den Stimmen von Samuel L. Jackson, Christina "Dumpfbacke" Applegate, James Belushi, Whoopi Goldberg 77 Min.
Wem die esoterischen „Oh wie süß“-Pinguin-Filme auch aus dem Hals raus hängen wie vorgekaute Fische, bekommt nun sein Gegenmittel: Die Wahrheit über das Leben der Pinguine ist komischer als alle Trickfilme zu dem Thema zusammen. Man stelle sich vor, Oliver Kalkofe und Otto stolpern über einige Rollen Pinguin-Dokumentarfilm. Da sie schon gut betrunken sind, machen sie, was man mit diesen Tierfilmen immer machen möchte. Sie synchronisieren den ganze Kram neu und das nicht zimperlich. Zum Umwerfen komisch!
Carl (Bob Saget) and Jimmy (Lewis Black) wandern zusammen und quasseln ununterbrochen. Carl leidet unter Midlife Crisis während die Ladys ihre eigenen Probleme haben. Melissa (Christina Applegate) und Vicky (Mo'Nique) finden, die Männer sind Schweine.
Kurz tauchen auch zwei französische Pinguine auf, die sich den Film auf einem Flachbildschirm mitten im Eis ankucken und sicher sind, dass ihnen niemand den Oscar nachmachen wird. Aber man wird weitaus mehr Spaß haben, als mit deren völlig überschätzten Geflügel-Salat.
Die Insel der Abenteuer
USA 2008 (Nim's Island) Regie: Jennifer Flackett, Mark Levin mit Jodie Foster, Abigail Breslin, Gerard Butler 96 Min. FSK: ab 6
Die kleine Nim (Abigail Breslin) führt ein traumhaftes Leben auf einer idyllischen Insel im Pazifik allein mit ihrem Vater Jack (Gerard Butler). Der ist Meeresbiologe und in seiner Abwesenheit feiert sie Partys mit ihrer Seelöwin und einer Echse. Zwischendurch liest das kluge Mädchen begeistert die Abenteuerromane von Autor und Held Alex Rover. Als Jack von einer Bootexkursion nicht wiederkehrt, wendet sich das Kind verzweifelt per Email an Rover. Allerdings ist der erfolgreiche Autor Alex in Wirklichkeit eine Alexandra, die unter Agoraphobie leidet, was allgemein auch mit Platzangst bezeichnet wird. Eine erfolgreiche Schriftstellerin von Abenteuer- und Reiseromanen, die selbst zuviel Angst hat, nur zum Briefkasten vor die Tür zu gehen! Karl May lässt grüssen. Doch während Nim mit Hilfe ihrer tierischen Freunde die Angriffe einer Kreuzfahrt-Gesellschaft abwehrt, stellt sich Alexandra mit Todesverachtung den Unbilden des Reises und schlägt sich zur abgelegenen Insel durch. Derweil versucht Jack im offenen Meer zu überleben und wird dabei vom Pelikan Galileo mit Fischen und Werkzeug versorgt...
Die, nicht nur für Kinder, schöne Abenteuergeschichte basiert auf Wendy Orrs Kinderbuch, wurde sehr liebvoll geschrieben, gefilmt und montiert. Ein Schätzchen mit tollen Tricks, welche die Fantasie auf- und überleben lassen. So bringen die Abenteuer der begeisterten Leserin Nim mit dem Bett, auf dem sie schmökert, direkt in die Wüste, wo sich Alex Rover gerade wieder aus einer misslichen Situation befreit. Doch nicht nur das Mädchen, auch die Autorin Alexandra führt immer wieder Zwiegespräche mit der virtuellen Figur des Abenteuerhelden – wie der Vater lässig gespielt vom „300“-Helden Gerard Butler. Jodie Foster erlebt man seit dem Western "Maverick" erstmals wieder in einer Komödie und wie in "Panic Room" muss sich ihre Figur sehr mutig ihren Ängsten stellen.
Abigail Breslin begeistert als mutige Abenteuerin, als Öko-Pippi Langstrumpf. Ihre Nim wehrt mit Witz und Verstand sowie mit einer Armada fliegender Eidechsen die Invasion feister Wohlstands-Touristen ab. Während ein Trip zum Insel-Vulkan auch schon mal zum Slap-Stick gerät, machen Nims Umgang mit der Natur und die fast rührende Harmonie mit ihren Geschöpfen sehr viel ökologisch wertvollen Spaß.
17.6.08
Bank Job
GB 2008 (Bank Job) Regie: Roger Donaldson mit Jason Statham, Saffron Burrows, Stephen Campbell
Es muss wie ein Kindergeburtstag sein: Beim Bankraub hunderte Schließfächer mit unbekanntem Inhalt aufbrechen! Doch wenn dort nicht nur Geld, Juwelen und Aktien ruhen, sondern auch Schlüpfriges und Anzügliches aus Adelskreisen, Politik, Polizei und Unterwelt im Verborgenen schlummert, wird aus dem ganz einfachen „Bank Job“ eine brenzlige und hochexplosive Sache. Nach einer unglaublichen aber trotzdem wahren Geschichte gräbt der routinierte Regisseur Roger Donaldson („No way out“, „Cocktail“) eine mit viel Aufwand in Vergessenheit geratene Gangster-Geschichte aus.
London, Anfang der Siebziger. Der schwarze Teilzeit-Bürgerrechtler und Profi-Kriminelle Michael X (Peter de Jersey) steckt in der Klemme. Scotland Yard hat ihm vor Gericht gezerrt, aber Michael sieht das alles sehr locker. Er hat Fotos, die Prinzessin Margaret beim Sex mit zwei Männern zeigen. Martine Love (Saffron Burrows) steckt in der Patsche: Das ehemalige Model wird am Flughafen mit Drogen erwischt. Der Geheimdienst-Agent Tim Everett (Richard Lintern) bietet ihr den Deal an, mit ein paar kriminellen Freunden eine Bank auszurauben. Der Gebrauchtwagenhändler Terry Leather (Jason Statham) hat ein Geldproblem und sehr ungeduldige Geldhaie, die ihm die Ausstellware zertrümmern. Aber der Familienvater hat auch eine Affäre mit Martine und die hat einen Vorschlag ...
Meistens gibt es beim einfachsten Ausweg irgendeinen Haken. Bei diesem routiniert im Stil englischer Gangsterfilme ausgeführten „Bank Job“ gibt es eine ganze Menge davon. Denn wirklich spannend ist, was in den Schließfächern versteckt wurde. Nicht nur unzüchtige Prinzessinnen, auch Listen von Korruptionszahlungen an die Polizei Londons, Scotland Yard und Fotos der Sexspiele englischer Lords. So wird es erst nach dem erfolgreichen Raub richtig gefährlich. Während von allen Seiten tödliche Hiebe die Gruppe dezimieren, versucht Terry seine Karten, beziehungsweise Fotos, richtig auszuspielen.
Dieser Raubzug mitten ins Wespennest wäre an sich eine gute Geschichte, doch sie ist auch noch wahr. 4 Millionen Pfund wurden erbeutet – und kaum ein Mensch kennt den Fall. 100 Inhaber der Schließfächer gaben nicht an, was ihnen fehlte! Ebenso unglaublich aber auch wahr: Ein Hobbyfunker fing die Walkie-Talkie-Gespräche der Bankräuber auf, doch weil zu viele Banken im Funkbereich liegen, findet die schnell informierte Polizei nicht die richtige.
Roger Donaldson, der zuletzt Anthony Hopkins als „The World's Fastest Indian“ auf einem Rekord-Moped zeigte, hat viel Erfahrung mit klassischen Gangstergeschichten („The Getaway“) und ausweglosen Situationen (Kevin Costner in „No way out“). Dieser „Bank Job“ zeigt ein Retro-Vergnügen in Sachen Ausstattung und darin mit Jason Statham und Saffron Burrows präsente Schauspieler-Gesichter von heute. So wirkt fast glaubhaft, wie ein kleiner Gangster gleich mehrere Schweineställe ausmistet. Das dies wirklich passierte, erscheint hingegen schon wieder unglaublich.
10.6.08
The Darjeeling Limited (DVD)
USA 2007 (The Darjeeling Limited) Regie: Wes Anderson mit Owen Wilson, Jason Schwartzman, Adrien Brody FSK: ab 6
Fox
Nach "Rushmore" oder "Die Royal Tenenbaums" sorgt sich Wes Anderson auch in seinem fünften Spielfilm wieder um die Familienband der schrägeren Art. Die absurden Helden von "Darjeeling Limited" sind drei entfremdete Brüder, ganz wie in "Die Royal Tenenbaums", wo Teile eines seltsam eng verbundenen Clans nur in absurdesten Situationen zusammen kamen. Damals verschied am Ende der längst verabschiedete Patriarch Gene Hackman. Nun begeben sich drei Brüder ein Jahr nach dem Tod des Vaters auf einen spirituellen Indien-Trip. Wobei alles übliche Spirituelle nur als nette Lachnummer dient, die wahre Erlösung liegt in der Anderson-Religion aus Lachen, Leben und Lernen.
Als Bonus gibt es auf der DVD den sehr schönen, ebenso eigenständigen wie eigenwilligen Vorfilm "Hotel Chevalier", in dem er (Schartzman) auf sie (Natalie Portman) auf heftige Weise Wiedersehen feiern.
Original mit Untertiteln in Deutsch, Englisch, Spanisch und Deutsch für Hörgeschädigte
Opfer (DVD)
Schweden, Frankreich 1985 (Offret) Regie: Andrej Tarkowskij mit Erland Josephson, Susan Fleetwood, Valérie Mairesse, Allan Edwall, Gudrún Gisladóttir, Sven Wollter 142 Min.
absolut medien
Mit weit über 400 Neustarts im Jahr erreicht das Kino einen extrem beschleunigten Durchsatz, mit der Folge, dass kaum jemand die Filme wirklich sieht. Der letzte Film des russischen Meisters Tarkowskij ist ein Zeugnis anderer Zeiten – Ruhe und Konzentration par excellence!
Der ehemalige Schauspieler und Intellektuelle Alexander hat sich mit seiner Familie in die naturschöne Einsamkeit einer nordischen Insel zurückgezogen. Dann die Lebenswende: In die Feierlichkeiten zu seinem 50. Geburtstag bricht die Nachricht der drohenden atomaren Katastrophe ein, die Alexander dazu veranlasst, sich Gott als Opfer anzubieten und die Nähe der »Hexe« zu suchen …
„Opfer“ war der letzte Film des wohl größten Kinopoeten der Filmgeschichte. Eine vieldeutige apokalyptische Parabel – spirituell, bildgewaltig und visionär. Die Uraufführung erfolgte in Cannes 1986, einen guten Monat nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Die Auszeichnungen, darunter der Große Preis der Jury konnte Tarkowskij aufgrund seiner Krankheit nicht entgegennehmen. Er starb am 29. Dezember desselben Jahres in Paris.
Als Bonus gibt es ein sehr persönliches Filmporträt zu Tarkovskij und Einblicke in die Arbeitsweise des Ausnahmeregisseurs.
2 DVD im Digipak, DVD 9+ DVD 5, codefree, 4:3 letterbox, Dolby 2.0, Farbe und Schwarz-Weiß, 142 + 97 Min., Schwedische OF/Deutsche Synchronfassung, Untertitel in Deutsch/Englisch
Lou Reed's Berlin
Lou Reed's Berlin
USA 2007 (Lou Reed's Berlin) Regie: Julian Schnabel mit Lou Reed, Emmanuelle Seigner 85 Min.
Schon das Album gilt als Unikat der Musikgeschichte – Jahrzehnte später kreierte der Musik Loud Reed mit dem Universal-Künstler Julian Schnabel den Konzertfilm zu „Berlin“. Wie bei derart eigenwilligen Köpfen zu erwarten: Ein besonderes Erlebnis!
Nach dem Hit „Walk on the Wild Side“, den Lou Redd 1973 in Berlin aufnahm, brachte er das Konzeptalbum „Berlin“ mit ganz anderer Musik heraus. Die Geschichten um ein paar Figuren, Eifersucht, Wut und Verlust wurden von Orchestermusik begleitet und sind mittlerweile Klassiker. Doch die damals heftige Kritik verhinderte Live-Auftritte. Erst vor wenigen Jahren tourte Reed mit den Songs sehr exklusiv um die Welt. Der Maler und Regisseur Julian Schnabel („Der Schmetterling und die Taucherglocke“) inszenierte das Konzert an fünf Abenden in St. Ann’s Warehouse in Brooklyn, New York. Reeds Bühnenperformance ist ebenso trocken und schnörkellos wie seine Gitarre und die Songs. Sie werden immer wieder begleitet von sehr schönen, intensiven Spielfilmszenen, die Schnabels Tochter Lola aufnahm und die noch einmal die Geschichten um Cindy und die großen Gefühle illustrieren.
„Lou Reed's Berlin“ feierte seine Premiere 2007 in Venedig und hat bislang keinen deutschen Verleih.
USA 2007 (Lou Reed's Berlin) Regie: Julian Schnabel mit Lou Reed, Emmanuelle Seigner 85 Min.
Schon das Album gilt als Unikat der Musikgeschichte – Jahrzehnte später kreierte der Musik Loud Reed mit dem Universal-Künstler Julian Schnabel den Konzertfilm zu „Berlin“. Wie bei derart eigenwilligen Köpfen zu erwarten: Ein besonderes Erlebnis!
Nach dem Hit „Walk on the Wild Side“, den Lou Redd 1973 in Berlin aufnahm, brachte er das Konzeptalbum „Berlin“ mit ganz anderer Musik heraus. Die Geschichten um ein paar Figuren, Eifersucht, Wut und Verlust wurden von Orchestermusik begleitet und sind mittlerweile Klassiker. Doch die damals heftige Kritik verhinderte Live-Auftritte. Erst vor wenigen Jahren tourte Reed mit den Songs sehr exklusiv um die Welt. Der Maler und Regisseur Julian Schnabel („Der Schmetterling und die Taucherglocke“) inszenierte das Konzert an fünf Abenden in St. Ann’s Warehouse in Brooklyn, New York. Reeds Bühnenperformance ist ebenso trocken und schnörkellos wie seine Gitarre und die Songs. Sie werden immer wieder begleitet von sehr schönen, intensiven Spielfilmszenen, die Schnabels Tochter Lola aufnahm und die noch einmal die Geschichten um Cindy und die großen Gefühle illustrieren.
„Lou Reed's Berlin“ feierte seine Premiere 2007 in Venedig und hat bislang keinen deutschen Verleih.
Nie wieder Sex mit der Ex
USA 2008 (Forgetting Sarah Marshall) Regie: Nicholas Stoller mit Jason Segel, Kristen Bell, Mila Kunis 112 Min.
Muss man sich Sorgen um den Humor der US-Filme machen? Woody Allen dreht in London, Barcelona und verspottet noch beiläufig New York(er). Nachdem Adam Sandler und Ben Stiller mittlerweile durchaus hintersinnig blödeln, stellt nun Judd Apatow ("Jungfrau (40), männlich, sucht", "Beim ersten Mal") den Kassenschlager in Sachen Lacher da. Ein schlechter Witz! Wie auch die neueste Variante vom wie geschmiert laufenden Apatow-Lachband beweist: „Nie wieder Sex mit der Ex“ klingt als deutscher Titel genau so unoriginell wie das Romantische Kommödchen tatsächlich ist.
An der Seite des Serienstars Sarah Marshall (Kristen Bell aus der Serie "Veronica Mars") wird auch der Komponist Peter Bretter (Hauptdarsteller und Autor Jason Segel) gefeiert. Bis Sarah ihn verlässt. Nun heult Peter schlimmer als die Chöre in seinem furchtbaren Dracula-Musical. Und auch der Hawaii-Urlaub lenkt nicht ab, sondern bringt den am Boden Zerstörten genau ins Ressort von Sarah und ihrem neuen Schwarm, den unglaublich dämlichen und sagenhaft potenten Britrocker Aldous Snow (Standup-Komiker Russell Brand gibt einen grandiosen Idioten). Nun kann nur noch die nette Concierge Rachel (Mila Kunis aus der Fernsehserie "Die wilden Siebziger") die Heulboje Peter abstellen.
Klingt nach nicht viel und Aufsehen erregten die Komödien von Apatow (diesmal als Produzent) und Co nur durch das Attribut „respektlos“. Hier heißt das: Peter steht minutenlang dumm und völlig nackt rum, während Sarah ihm die Beziehung kündigt. Das ist tatsächlich etwas schräg und albern, reicht aber längst nicht aus, um einen Film witzig zu machen. Doch gerade diese Nacktszene sorgte in den prüden USA für Gesprächstoff, ebenso wie Apatows Äußerung, er würde ab „Walk Hard“ nie wieder einen Film machen, ohne mindestens einen Penis zu zeigen. Das reicht vielleicht für eine Schlagzeile aber lange nicht für einen Film, geschweige denn einen guten.
Beim „Ex-Sex“ wird wieder kolportiert, dass Apatow und seine Kumpel die eigenen traumatischen Erlebnisse männlicher Verlierer verwursten. Diesmal darf sich Jason Segel, der schon mit Apatow im Fernsehen spielte, lächerlich machen. Dabei fragt man sich ernsthaft besorgt, was aus solchen großen Kindern mal werden soll... Begabte Drehbuchautoren und Kenner der menschlichen Seelen sicher nicht.
Klamotten-Macher Jason Segel versucht sich also an einem Film mit richtigen Menschen an Stelle alberner Pappfiguren. Doch die „etwas mehr Emotionen“ wirken, als hätte man vor Jahrzehnten die Macher von „Eis am Stiel“ zu Filmkünstlern hoch gejubelt und ihnen Gelegenheit gegeben, ihre simple Vorstellung immer wieder zu diversifizieren. Vielleicht überraschen uns die Jungs um Apatow irgendwann einmal, diesmal tun sie es nicht.
4.6.08
Southland Tales (DVD)
USA 2006, Regie: Richard Kelly mit Seann William Scott, Dwayne "The Rock" Johnson, Sarah Michelle Gellar 139 Min. FSK ab 16
Nachdem der geniale "Donnie Darko" erst über den Umweg DVD ins Kino kam, erlebt Regisseur Richard Kelly mit seinem Pulp Science-Fiction "Southland Tales" die gleiche Geschichte noch einmal: Auch dieses Meisterwerk kommt (vorerst) nicht ins Kino. "Southland Tales" setzt die Endzeitstimmung von "Donnie Darko" fort, mit einer komplexen Geschichte um Neo-Marxisten, Zeit-Verschiebungen, verwirrten Stars, allgegenwärtigen Ex-Pornosternchen und wahnsinnigen Wissenschaftlern. All das ist zwischen Science Fiction und Pulp, zwischen politischer Kritik mit einer treffenden Bush-Double und kultfähigen Momenten unterhaltsam bis zum grandiosen Finale.
Zum absoluten Muss im DVD-Regal gibt es ein Making Off. Wer tatsächlich „Donnie Darko“ bislang verpasst hat, kann zur Kelly-Doppel-Packung greifen, die es als „Steelbook“-Sonderedition gibt.
Import Export (DVD)
Ö 2006, Regie: Ulrich Seidl mit Ekaterina Rak, Paul Hofmann, Maria Hofstätter 141 Min. FSK: ab 16
Der Österreicher Ulrich Seidl ("Tierische Liebe") hält in "Import Export" die Kamera auf niederste Regionen des Allzumenschlichen und zuckt keinen Moment weg: Eine Ukrainerin flieht der Armut des Daseins einer staatlichen Krankenschwester in die Sexindustrie und dann nach Österreich. Im Gegenzug möchte man einen jungen Ex-Wachmann und Arbeitslosen am liebsten aus allen Gemeinschaften exportieren, so dreckig verhält er sich gegenüber Freundin und eigentlich jedem. Seidl, der bisher in heftig diskutierten Dokumentationen erbärmliche Menschen vorführte, gibt sich mit „Import Export“ fiktionaler, weniger authentisch, aber immer noch schwer grenzwertig voyeuristisch.
Die Ausstattung (Interviews mit Ulrich Seidl und Ko-Kameramann Ed Lachman, Kinotrailer sowie 3 Teaser) ist nicht luxuriös - wäre auch unpassend bei einem Film, der vorgibt, unverstellt karge und hässliche Realität zu zeigen. Vor allem eine Gelegenheit, den im Kino übersehenen Grenzfilm zu entdecken.
11 Freunde-Edition (DVD)
DVD-Schuber, Produktionsjahr: 1970-2006, 984 Min. FSK 16
Für alle die Fußball nicht als Kunst betrachten, aber Kunst auch mal mit einem Fußball (-thema) sehen wollen, lautet die Aufstellung zur EM: Zidane, Netzer, George Best, Adolf Winkelmann und Sönke Wortmann. Kenner des Kino-Kicks werden bei diesen Namen mit der Zunge schnalzen. Kinowelt packte in seine DVD-Box „11 Freunde-Edition“ elf Filme mit Klassikern wie Wortmanns „Deutschland. Ein Sommermärchen“, Winkelmanns Ruhrpott-Elegie „Nordkurve“ oder die umwerfend trockene Komödie „Aus der Tiefe des Raumes ... Mitten ins Netz!“ über ein Tipp-Kick-Männchen, dass zum - zugegeben recht steifen - Weltstar Günter Netzer wurde. Dazu gibt es Ungesehenes: „Fußball wie noch nie“ beobachtet die nordirische Legende George Best, der „technisch beste Spieler, den man je gesehen habe“ (Pele), ein ganzes Spiel lang. Die aktuelle Variante dieser engen Manndeckung durch die Kamera feiert „Zidane - Ein Porträt im 21. Jahrhundert“. Rund wird die Box aus 8 Dokumentationen und drei Spielfilme um den Ball durch die 16-seitigen Booklets der 11 Freunde-Redaktion zu jedem Film.
Prom Night
USA 2008 (Prom Night) Regie: Nelson McCormick mit Brittany Snow, Scott Porter, Jessica Stroup 90 Min. FSK: ab 16
Die wahren Serientäter sind die Filmproduzenten. Jede Mordserie, jedes Massaker der Filmgeschichte mit halbwegs viel Blut und Grausamkeit erlebt ein „Remake“, wird meist filmisch schwächer und dafür brutaler neu aufgelegt. Nun die alljährliche Abschlussfeier der amerikanischen Highschools, die „Prom Night“, die 1980 schon als Slasherfilm lief, bei dem es vor allem ums Aufschlitzen ging.
Drei Jahre nachdem der Lehrer Richard Fenton die Familie seiner Schülerin Donna ermordete, flieht er aus der Haft. Zur Abschlussfeier seiner alten Klasse mietet er sich im Hotel der Party ein und bringt ziemlich umständlich Freunde von Donna sowie alle, die sonstwie im Weg stehen, um. Der Polizist, der Fenton damals festnahm, versucht die Schülerin zu retten. Zwischendurch langweilt die schematische Handlung mit einer Wahl zu Prom-Queen und -King, Zicken-Horror, Streits und Eifersüchteleien von eingebildeten Mädels, die keine Ahnung von irgendwas haben.
Obwohl die Schraube der Gewalt - im Vergleich zur sehr heftigen Vorlage - diesmal nicht gleich übermäßig angezogen wurde, bleibt erschreckend, was in den USA noch für 13-Jährige durchgeht. Bei uns wurde sehr angemessen eine Freigabe erst ab 16 festgesetzt.
The Elephant King
USA, Thailand 2006 (The Elephant King) Regie: Seth Grossman mit Tate Ellington, Jonno Roberts, Florence Faivre, Ellen Burstyn 92 Min.
Zwei Leben, zwei Welten: Der sehr zurückgezogene Oliver Hunt (Tate Ellington) hockt in seinem dunklen Zimmer und starrt auf den Laptop. Der laute Jake (Jonno Roberts) macht Party im thailändischen Chiang Mai, durchsäuft die Nacht, taucht mit einer Schönheit im Swimming Pool unter. Olli und Jake sind Brüder. Während der jüngere sich nach einem Selbstmordversuch in einer Kammer des Elternhauses versteckt, übermäßig bemuttert wird, floh Jake für ein angebliches Forschungsprojekt nach Thailand. Zurück ließ er auch einen Haufen Schulden, die ihm eine Strafverfolgung einbringen und die Mutter Diana Hunt (Ellen Burstyn) an den Rand des Ruins. Nun lädt Jake Olli nach Asien ein und Diana lässt den Kleinen gehen, damit er Jake zurück holt.
Gleich nach der Ankunft führt Jake das unsichere Brüderchen ins rauschende Partyleben ein. Der erste Gang führt in den Puff, doch Olli ziert sich, lernt dann in einer Bar die eigenständige Lek (Florence Faivre) kennen. Die beiden verstehen und mögen sich sofort. Das Trio feiert weiter und von der Nacht mit Pillen und Alk nehmen bringen sie nicht nur einen riesigen Kater, sondern auch einen kleinen Elefanten mit nach Hause, der fortan am Pool des Hotels von Jake vegetiert.
Olli ist verliebt, begeistert, telefoniert nach Hause, dass auch er wohl nicht mehr zurück kommen werde. Als dann das Geld ausgeht, ist der Spaß jedoch schnell vorbei. Jake zeigt sich wieder als der rücksichtlose große Bruder, der den kleinen fertig macht. Die Begegnung mit Lek war arrangiert und bezahlt.
Der junge amerikanische Autor und Regisseur Seth Grossman erzählt in seinem Spielfilm-Debüt erstaunlich sicher, packt den Zuschauer mit seinen Figuren und ihren Lebensumständen. Ganz nebenbei, fast beiläufig entblößt er Lebensweisen vor und lässt Träume scheitern. Dabei ist der Blick auf Chiang Mai nicht unbedingt touristisch. Was sich der Spaß-Tourist als das pralle Vergnügen kaufen will, filmt Grossman mehr und mehr als große Desillusion. In satten Farben findet der Spaß gleich mehrere Enden. Jede der Figuren aus dem Westen scheitert, der kleine Elefant stirbt.
Diese heftige Ernüchterung gestaltet Grossman zurückhaltend und ohne moralische Zwangsjacke. Das ist um so mehr zu schätzen, wenn man „The Elephant King“ mit dem ebenso unsäglichen wie unverständlichen „Soi Cowboy“ von Thomas Clay vergleicht, der zum gleichen Thema gerade in Cannes verrissen wurde. Den sicheren Kamera-Stil, der die Menschen und die Stadt zusammen einfängt, unterbrechen in „Elephant King“ immer wieder expressive Momente des Rausches. Ein heftiger Spiegelmonolog Jakes zeigt, wie er sich selbst reinlegt. Höhepunkt der Verzweiflung ist ein Albtraum, in dem er auf der anderen Seite eines Schaufensters zwischen den apathischen Prostituierten gefangen ist und Hilfe suchend nach Olli ruft. Es bleibt offen, ob Jake nach Hause kommt oder gewaltsam aus dem Paradies entführt wird.
3.6.08
Eselshaut
Fr 1970 (Peau d’àne) Regie: Jacques Demy mit Catherine Deneuve, Jean Marais, Jacques Perrin, Delphine Seyrig, Micheline Presle 89 Min.
Es gibt Filme, die sind nur seltsam. Und so jenseits von Gut und Schlecht, dass man nur staunen kann. „Peau d’àne“, das fast vergessene Demy-Musical mit Cathérine Deneuve, ist so ein unglaubliches Märchen. Jacques Demy machte französische Musicals wie „Die Regenschirme von Cherbourg“ und damit schon immer Filme, die bittere Realitäten mit bunten Melodien und Tanz hinter sich ließen. Eine süße Form des Wahnsinns müsste es sein, ganz in dieser bunten Traumwelt zu bleiben. „Peau d’àne“, nach einem Märchen von Charles Perrault, spielt vollständig dort und verzauberte vor Jahrzehnten die französischen Zuschauer: Cathérine Deneuve verkörpert eine junge Prinzessin, die sich der Heiratsabsichten ihres eigenen Vaters erwehren muss. Eine Fee eilt zu Hilfe und stattet die Prinzessin mit der titelgebenden Eselshaut aus.
„Peau d’àne“ ist Kitsch hoch drei, an sich ein Wunder der Filmgeschichte und schon Der 1970 entstandene Film war restauriert im märchenhaften Glanz seiner Farben und in verbesserter Tonmischung bei der Berlinale 2004 zu sehen. In den Hauptrollen kann man neben Cathérine Deneuve die jüngeren Jean Marais, Jacques Perrin und Delphine Seyrig entdecken.
Penelope
GB, USA 2006 (Penelope) Regie: Mark Palansky mit Christina Ricci, James McAvoy, Catherine O'Hara, Reese Witherspoon, Peter Dinklage, Richard E. Grant 103 Min. FSK ab 6
Es gibt ein ganz besonderes Genre unter den Filmen. Es heißt: Wer-denkt-sich-so-was-aus-Genre! Nicht die verrückten bis wahnsinnigen Ideen eines Terry Gilliam oder eine Michael Gondry. Nein, ganz stinknormale Filmchen, die so unnötig und seltsam sind wie ein Kropf. Etwa wenn ganz ernsthaft in unseren säkularisierten Zeiten ein US-Politiker an einer Arche baut. Oder so unnötig wie eine Schweinsnase im Gesicht. Mit einer solchen muss sich Christina Ricci in dieser eher seltsamen denn gelungenen Komödie als reiche Jungfer rumplagen und wirkt dabei viel schrecklicher als in früheren Horror-Rollen. Was ist bloß mit der Wednesday Addams und der Katrina Van Tassel aus „Sleepy Hollow“ geschehen?
Wegen irgendeines Familienfluches, der wie vieles andere in diesem Film mehr schlecht als recht erzählt und bebildert wird, erblickt Penelope Wilhern (Ricci) mit einer Schweinsnase im Gesicht das Licht der Welt. Die reichen Eltern können ihr Kind lange vor dem Blitzlicht der Sensationsfotografen fern halten - Penelope wächst hinter den Mauern des Familienschlosses auf. Doch wie im Märchen muss ein Mann gefunden werden. Nicht weil hier alles altmodisch ist - die Geschichte spielt im Hier und Jetzt - sondern weil der Fluch aus Penelopes Gesicht verschwinden soll, sobald sie das Ja-Wort ausspricht.
Doch alle blaublütigen Freier fliehen sofort, wenn sie Penelope erblicken - dabei traute sich die Film-Maske keineswegs, Riccis Gesicht zu verunstalten. Lieblich bis traurig blickt sie dem Butler hinterher, der die Jungmänner einfängt und ihnen Stillschweigen abverlangt. Nur Edward Vanderman III. entkommt und erzählt schockiert sein Erlebnis. Die Geschichte glaubt keiner und macht ihn noch mehr zur Witzfigur. Edwards Rachepläne bringen ihn mit dem kleinwüchsigen Fotografen Lemon zusammen und beide schleusen einen neuen Bewerber, ausgerüstet mit geheimer Fotokamera, zu den Wilherns. Der verarmte Spieler Max reagiert allerdings anders als alle anderen auf Penelopes Nase. Er besteht die Casting-Show unter den Blicken Penelopes hinter einem Venezianischen Spiegel und schnell ist der glückliche Rest des Films voraus zu sehen.
In Zeiten von „Nip/Tuck“ und vielen TV-Sendungen, die von Schönheits-OP- und Metzger-Innung bezahlt werden, ist die Grundlage dieser niedlichen Schweinsschnute völlig unzeitgemäß. Eine sehr unrealistische Story also - oder ein Märchen. Im Stile von „Plötzlich Prinzessin“ allerdings mit einem Extra, das unerwünscht im Gesicht prangt. Die zugegeben netten Darsteller können die Seltsamkeit nur zeitweilig überspielen. Der Rest ist brave Routine, so unnötig wie...
PS: Weil die Filmautoren nicht bei Wikipedia nachgesehen haben - sei es auch den Lesern erspart: die griechische Penelope aus dem Mythos-Schatz hatte nur entfernt etwas mit Schweinen zu tun: Ihr Gatte Odysseus musste nämlich miterleben, wie seine Besetzung von der Hexe Circe in Schweine verwandelt wurden.
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