7.5.07
Black Book
NL, BRD, Großbritannien 2006 (Zwart Boek) Regie: Paul Verhoeven mit Carice van Houten, Sebastian Koch, Thom Hoffman, Halina Reijn 145 Min.
Paul Verhoevens "Black Book" - im Original: "Zwart boek" - ist nicht nur der erste niederländische Film des erfolgreichen Hollywood-Regisseurs seit Jahrzehnten, es ist für 20 Millionen Euro auch eine der teuersten Produktionen des kleinen, aber mit Oscars für "Antonia" und "Karakter" sehr renommierten Filmlandes. Vor allem dort sorgte "Zwart boek" für Diskussionen, wird doch der einst fast heilige Widerstand sehr differenziert und teilweise auch negativ gezeigt: Als das Versteck der jungen, frohgemuten Jüdin Rachel (sehr wandlungsfähig: Carice van Houten aus "Die geheimnisvolle Minusch") zufällig ausgebombt wird, beginnt für das Mädchen aus reicher Familie eine Odyssee. Beim Fluchtversuch ins freie Belgien kommt ihre ganze Familie um, SS-Truppen rauben die Wertsachen der abgeschlachteten Juden. Ein paar Leidens-Stationen weiter macht Rachel mit blond gefärbten Haaren beim Widerstand mit und opfert sich, den Hauptsturmführer Ludwig Müntze (Sebastian Koch) zu verführen. Im Haager Hauptquartier der Nazis begegnet sie auch den Mördern ihrer Eltern, doch Verrat aus den eigenen Reihen durchquert alle Sabotage-Pläne.
Im "Zwart Boek" stehen die niederländischen Widerstandskämpfer oft schlechter dar als die "Moffen", die deutschen Besatzer. Müntze erweist sich als naiver Soldat mit gutem Herzen, während der Verräter für seinen Reichtum reihenweise Juden morden ließ. Antisemitismus ist bei Niederländern weit verbreitet, die Frage ob ein jüdisches Leben so viel wert sei wie ein holländisches wird nur rhetorisch gestellt. Dies wird nach einigen Enthüllungen der letzten Jahre das Bild des Widerstands erneut in die Diskussion bringen.
Paul Verhoeven drehte 1960 seinen ersten Film und bald danach mit "Floris" die populärste niederländische TV-Serie aller Zeiten. Auch "Das Mädchen Ketje Tippel", "Soldiers" oder "Spetters" waren sehr erfolgreich. "Türkische Früchte", nach dem provokativen Roman von Jan Wolkers gilt gar als Bester Niederländischer Film des letzten Jahrhunderts! Schon "Der vierte Mann", nach der Vorlage des gefeierten wie angefeindeten Literaten Gerard Reve, war ein internationaler Kassenschlager, in Hollywood ging es mit "Robocop", "Total Recall", "Basic Instinct", "Starship Troopers" und "Hollow Man" weiter. Nun kehrte Verhoeven in seine Heimat zurück, vielleicht auch eine Idee für untergehende Hollywood-Titanen wie Wolfgang Petersen.
Die zwar enttäuschend konventionell inszenierte, aber trotzdem erschütternde Widerstandsgeschichte von Paul Verhoeven ("Basic Instinct") startet als niederländisch-deutsche Ko-Produktion und gefördert von der Filmstiftung NRW nach dem Auftritt im Wettbewerb von Venedig nun endlich auch in deutschen Kinos.
Die Eisprinzen
USA 2007 (Blades of Glory) Regie: Josh Gordon, Will Speck mit Will Ferrell, Jon Heder, Will Arnett, Amy Poehler 93 Min.
Schwer verortbar zwischen Satire und skurrilem Klamauk schlittert der Humor durch diesen Film. In den us-amerikanischen Komödien rund um Leute wie Jack Black, Ben Stiller und Will Ferrell gedeiht ein Witz, der auch im Wortsinn unfassbar ist. "Die Eisprinzen" legen zwischen Kopfschütteln und Lachen in einer neuen Blödel-Farce eine Revue dieses seltsamen Genres hin.
Schon die ersten Töne schrecken ab: "Time to say goodbye" schnulzt es auf der Tonspur, während in einer Winterlandschaft voller Lieblichkeit ein blond gelocktes Waisen-Knäblein von ein paar herzensguten Nonnen an einen Millionär verkauft wird. Der Schwung dieses Kitsches springt mühelos ein paar Jahre weiter, wo Jimmy (Jon Heder) im unsagbar grotesken Pfauenkostüm und mit noch schlimmeren Bewegungen dabei ist, eine Goldmedaille im Eiskunstlauf zu ... Hier fehlen schon die Worte, denn Eiskunstlauf ist als "Sport" zwar ähnlich abstrus wie Synchronspringen oder Curling, doch diese Nummer übertrifft alles: Geschmacklosigkeit in Edelkitsch-Form? Pailletten- und Rüschen-Gleiten auf eine Spitze getrieben, die einem Kettensägen-Massaker an Perversität nicht nachsteht!
Der Auftritt des Konkurrenten Chazz könnte Gegengift für das tuntige Theater sein, doch die übergewichtige Sex-Bombe bringt nur eine weitere Abstrusität des Films aufs Eis, denn Will Ferrell hat für diese Rolle sicherlich kein Gramm abgenommen und amüsiert schon als personifizierte Unmöglichkeit, all diese Sprünge zu überleben. Eine fettige Obszönität auf dem Eis.
Der weitere Handlungsverlauf beruht auf nur einer Idee, die man erschreckend konventionell auswalzt: Jimmy und Chazz müssen sich die Goldmedaille teilen, prügeln sich bei der Verleihung und werden auf Lebenszeit gesperrt. Kurz vor den nächsten Olympischen Spielen sind beide ganz unten, aber die Idee, beim Paarlauf zu starten, bringt sie zurück aufs Eis. Allerdings müssen sie sich zusammenraufen, da niemand anders mit den beiden Ekeln laufen will. Diese seltsame Paarung aus stinkigem Macho und übersüßem Jüngling führt zu herrlich eindeutigen Posen auf dem Eis, knappen Ekel-Einlagen, ein paar Verwicklungen in der Handlung und selbstverständlich zum großen Finale. Außer auf dem Eis zeigt der Film keine richtigen Figuren, nur reichlich sonderliche Parodien.
Mit dem Komiker Ben Stiller ("Nachts im Museum") als Produzenten hebt der Humor in Sphären ab, die wie bei Jack Black als "Nacho Libre" unbeschreiblich sind - und auch irgendwie unfassbar. Ist das jetzt genial überdreht persifliert? Oder ein aufs Eis gerotztes Filmchen, erdacht an einem versoffenen Abend von Comedy-Kumpels beim Ehemaligen-Treffen der legendären Show "Saturday Night Live"? Schwer zu sagen, man muss wenigstens eine dieser unbeschreiblich überblödelten Farcen sehen.
Unsichtbar
USA 2006 (The Invisible) Regie: David S. Goyer mit Justin Chatwin, Margarita Levieva, Marcia Gay Harden 102 Min. FSK: ab 12
Der Reiz des Unmöglichen begeistert in Begegnungen anderer Welten, etwa in "Ghost". Dazu etwas amerikanische High-School-Härte samt Melancholen-Rock und fertig ist das Drama eines jungen Mannes, der verzweifelt Kontakt sucht - weil er eigentlich halbtot und verscharrt im Wald liegt...
Wohlhabend, kultiviert, gebildet - Nicklas (Justin Chatwin) hat nur zuhause Probleme. Doch wegen einer Verwechslung wird er von der Gang der Schul-Patin Annie (Margarita Levieva) zusammengeschlagen und als vermeintlich tot im Wald vergraben. Ohne eine Schramme wandelt er allerdings durch die Gegend und versucht, mit den Lebenden Kontakt zu bekommen. Seltsamerweise funktioniert das aber nur bei seiner Fast-Mörderin Annie und die schwierige, verletzende Frau ist panisch auf der Flucht vor allen. Sie hört seine Stimme, es entwickelt sich eine seltsame Beziehung mit Kuschelnächten und neugierigen Momenten der Annäherung. Wohlgemerkt steht nicht nur das unterschiedliche Geschlecht zwischen einer Verständigung, Nicklas wandelt als Geist zwischen Leben und Tod.
Während die Charakterisierungen der Figuren nicht übermäßig mit Tiefe fesseln, sehen die Bilder dieses Remake des schwedischen Films "Den Osynlige" gut aus und beschert die Handlung reizvolle Begegnungen mit viel Gefühl im Totenreich. Am Ende wird es fast ein Thriller, ein Wettlauf um Leben und Tod. Denn als Annie schließlich den Körper ausgraben will, ist der verschwunden. Wobei die Moral der braven Bürger siegt, nur die Schlechten kommen in den Garten. Annie lässt ihr Haar herunter, wandelt sich von Zerstörerin zum rettenden Engel, holt ihn mit einer Umarmung zurück ins Leben. Die Zähmung der wilden Frau zum Opferlamm hatten wir eigentlich schon tief im Wald der Vergangenheit vergraben.
1.5.07
Spider-Man 3
USA 2007 (Spider-Man 3) Regie: Sam Raimi mit Tobey Maguire, Thomas Haden Church, Kirsten Dunst
Kinder starren in den Straßen New Yorks staunend auf eine Videowand mit Clips von Spidermans neuen Heldentaten. Stolz weist der Held im Peter Parker-Inkognito neben ihnen darauf hin, dass der Film gleich wiederholt wird. Zwecklos: Die Kids drehen ab. Der dritte "Spiderman" will eher Fortsetzung als Wiederholung sein, geriet aber zu mehreren Filmen, die sich nicht recht zusammenfügen.
Im oscarreifen Vorspann zeigen sich schon diese Facetten in einem Netz aus Spiegel-Brechungen. Doch erst setzt man uns bürgerlicher Normalität aus, während draußen die Gefahren Gestalt annehmen. Peter Parker (Tobey Maguire) hat als sehr beliebter Superheld, als glücklich verliebter und in dieser Harmlosigkeit schwer erträglicher Jüngling den Verlobungsring schon in der Tasche. Mary Jane Watson (Kirsten Dunst) steht auf einer Broadway-Bühne vor ihrem ersten großen Auftritt. Dann die typischen Beziehungsprobleme: Er ist im Beruf erfolgreicher, sonnt sich im Ruhm, während sie aus ihrer Rolle geschmissen wird. So ein ausgebreitet fernsehmäßiges Beziehungsdrama interessiert nicht, meinen Sie? Richtig! Aber "Spider-Man 3" lässt sich dreist viel Zeit, bis er zur Sache kommt.
Rund eine Stunde baut Regisseur Sam Raimi seine Figuren auf: Ein liebender Vater gerät in Verzweiflung zum gigantischen und kriminellen Sandsturm. Ein eindrucksvolles Fest für digitale Effekthaischer. Dazu zeigt weit hergeholter, schwarzer Alien-Schleim Parker die dunkle Seite der Macht auf. Der rot-blaue Ganzkörper-Latex kommt in den Koffer, ein schwarzer Spider-Man nimmt sich ganz dreist eine Menge heraus, Tobey Maguire wirkt als Superman mit Hitler-Pony und Soulgehampel allerdings wie eine Witzfigur. Kann dieser immer noch jungenhaft wirkende Star nur mit Maske cool sein?
Splitter mehrerer Filme bremsen die Dynamik von "Spider-Man 3" aus. So kommt der fortgeführte Konflikt mit dem ehemaligen Kumpel und Schurken-Erbe Harry Osborn (James Franco) nicht genügend zur Geltung. Wenn die Jungs dann um eine Frau raufen, ist die Comic-Adaption ganz Kinderfilm. Selbstverständlich wird in rasender Action durch Häuserschluchten geschlingert. Dem organischen Vernetzen der fliegenden Spinne steht der technischen Firlefanz von Harry gegenüber. Eindrucksvoll auch wie der frisch mutierte Sandmann nach seiner Form sucht, das hat was von der Tragik eines Golem, da blitzt eine andere Dimension auf.
Ansonsten kann man lachend mit Parker, dem der Sand aus den Latex-Anzug rinnt, rätseln: Wo kommen diese Typen bloß immer her? Vom Comic-Autor Stan Lee (der selbst ganz kurz mit silbernem Schnurrbart neben Maguire zu sehen ist). Doch eindrucksvoll oder tragisch ist dieser dritte Film nicht mehr. Bemerkenswert nur am Ende, dass Vergebung statt Rache den Kampf gewinnt. Da wünscht man sich, der ganze Film sei so erwachsen.
30.4.07
Workingman's Death
BRD, Österreich 2005 (Workingman's Death) Regie: Michael Glawogger 126 Min. FSK 16
Bei Glawoggers Dokumentationen "Megacities" und "Working Mans Death" sieht man betörende Bilder, mitreißende Montagen und berauschende Musikhintergründe zum Elend der Welt. Passt nicht so ganz zueinander, fanden einige. (Und können in Glawoggers Spielfilm "Slumming" eine Figur sehen, die im gleichen Dilemma steckt.)
Der an "Powaqqatsi" erinnernde Elends-Reisetrip "Megacities" von Michael Glawogger zeigte eine ästhetisch durchkomponierte Weltreise zu den gewaltigen Mega-Städten unserer Zeit und zu einigen Menschen, die dort an den großen Rändern der Armut überleben. In Bombay, Moskau, Mexiko und New York führte uns die Kamera oft sehr reizvoll Exoten und Außenseiter vor. Das erzählt nur fragmentarisch etwas über die jeweiligen Menschen und ihre Umstände und ruft den Vorwurf "Voyeurismus" hervor.
In fünf Kapiteln und einem Epilog folgt Michael Glawogger nun in "Workingman's Death" den Spuren körperlicher Schwerstarbeit. Da sind die aberwitzig mutigen, auf eigene Faust schürfenden Arbeiter in illegalen Minen der Ukraine. Sie passen kaum zwischen die Felsen und zynisch könnte man vom "Gürtel enger schnallen" reden, denn in diesen ausgelutschten Bergbau-Resten ist nicht viel zu holen. Dann in einem Rausch aus giftig-gelben Nebeln die Schwefelarbeiter in Indonesien. Sie würden wahrscheinlich bei jeder sportlichen Höchstleistung mithalten, schleppen aber Tag für Tag die Schwefelbrocken aus höllischen Tiefen auf Bergkuppen, wo die Touristen mit den Kameras warten. Im Blut und verbranntem Fleisch stecken die Arbeiter auf in einem Schlachthof in Nigeria. Kaum erträgliche Szene belegen effektive Arbeitsteilung im Zerteilen und Verarbeiten von Tieren. Eindrucksvoll gigantisch dann die gestrandeten Ozeanriesen in Pakistan. Zahllose billige Arbeiter zerschneiden den Stahl und man kann sich gut vorstellen, dass keiner Pause macht, wenn mal eine haushohe Schiffwand zu früh herunterdonnert. Nach diesen exotischen und fast archaischen Ansichten von Ausbeutung und Kapitalismus, nach einem Seitenblick auf den Ruhr-Emscher-Park, der zum Kultur- und Spielplatz wurde, geben einem chinesische Stahlarbeitern den Rest: Sie stehen in den Startlöchern, um das ganze Elend zu wiederholen.
Das M=?ISO-8859-1?B?5A==?=dchen, das die Seiten umbl=?ISO-8859-1?B?5A==?=ttert
Frankreich 2005 (La Tourneuse de Pages) Regie: Denis Dercourt mit Catherine Frot, Déborah François, Pascal Greggory, Clotilde Mollet, Xavier de Guillebon, Antoine Martynciow 85 Min.
Ein kleines, gemeines Stückchen aus Frankreich. Ein Rachefilm - aber kein Hauch vom amerikanischen Rot-Sehen. Im Gegenteil: "Das Mädchen, das die Seiten umblättert" kommt nüchtern bis harmlos daher, hat aber die Finesse eines Chabrol-Krimis. Vor allem Dieter Bohlen sollte diesen Film sehen.
Viele junge Mädchen huschen angespannt durch die Gänge. Ein Klavierwettbewerb. Nur Melanies fiel schon zuhause mit einer erschreckenden Entschlossenheit auf. Als dann der Piano-Star Ariane als Jurorin sich ausgerechnet bei Melanie von einem Autogrammwunsch ablenken lässt, kommt das junge Mädchen nie mehr zu ihrem Spiel. Traurig räumt sie die Beethoven-Figur weg, klappt das Piano zu.
Jahre später sieht man Melanie als stille, aber sehr effektive Praktikantin beim Anwalt Jean (Pascal Greggory, "La Vie en Rose"). Vereinsamt und verschlossen geht die junge Frau ihren Aufgaben nach. Zufällig ergibt sich ein Ferienjob beim Chef, der - Überraschung - mit Ariane verheiratet ist, die ihre Karriere zerstört hat. In der Zusammenfassung klingt es viel offensichtlicher, als es der reizvolle Film erzählt. Die Möglichkeiten der Rache liegen offen, aber Melanie spinnt ein unheimlich feines Netz. Sie setzt Arianes Sohn Tristan mit einem immer schnelleren Metronom und Bach unter Druck. Sie erhält höchstes Vertrauen, als einzige darf sie die Noten des Stars beim entscheidenden Konzert umblättern. Und erwischt ihn genau da, wo er fehlte: Beim Narzissmus. Ein gut getimter dreifacher Stich mit bachscher Komplexität steht am Ende einer perfekten Ausführung. Dabei kann man die Winkelzüge dieses unergründlichen Wesens fasziniert verfolgen, auch wenn man weiß, worauf es hinaus läuft.
25.4.07
Little Children
USA 2006 (Little Children) Regie: Todd Field mit Kate Winslet, Patrick Wilson, Jennifer Connelly 136 Min. FSK: ab 16
Die Stereotypen des us-amerikanischen Films öden meist mit ihren immergleichen Geschichten an: Von dem Highschool-Horror bis zur Familien-Komödie. Manchmal jedoch zeigt man uns echte Menschen, deren Lieben und Leiden universell berührt. "Little Children" ist so ein Glücksfall mit Kate Winslet in einer der Hauptrollen.
Die Erzählerstimme liefert eine kühle, nüchterne Analyse der Familienleben einer amerikanischen Vorstadt - wie ein Ethnologe, denkt Sarah (Kate Winslet), während sie völlig desinteressiert ihre Zeit auf dem Spielplatz absitzt. Die drei Mustermütter neben ihr, brave Bürgerinnen, wollen den Exhibitionisten kastrieren, der in ihr Viertel zog. Gleichzeitig geifern sie dem einzigen Mann nach, der sich hier um sein Kind kümmert. Brad (Patrick Wilson) will sein Jurastudium nicht abschließen und seine Frau Kathy (Jennifer Connelly) hat seit Monaten einen anderen im Bett - ihr kleiner Sohn Aaron liegt zwischen dem Paar, das keine Sexualleben mehr hat. Gleichzeitig kontrolliert Kathy, die das Geld reinbringt, seine Ausgaben. Gründe genug, um sich aus dieser lieb- und freudlosen Welt in eine Affäre zu stehlen. Einsamkeit zwingt zur verbotenen Suche nach Seelenverwandten, nach wenigstens einem Menschen, der einen versteht, seelisch und körperlich.
Dass diese unschuldige Flucht über Umwege dramatische Folgen hat, könnte als konstruierte Moral des Films gesehen werden. Doch wie das Schicksal hier Haken schlägt, raubt einem dem Atem. Der Ex-Wachmann Larry verdrängt die eigenen Probleme, indem er mit den "Guardians" Football spielt und den angeblichen Sittenstrolch Ronnie terrorisiert. Ein engstirniger Frauen-Lesekreis zerstückelt Madame Bovary als zu depressiv, unlesbar. Und verurteilt in diesem Spiegel die noch heimliche Affäre von Sarah. Die Verbindungen der Geschichten sind vielfältig und man kann sich fragen: Was bedroht die Kinder, die kleinen und die großen, wirklich? An den Erwachsenen nagt die Sehnsucht nach dem Glück, das zuletzt in Kindertagen empfunden wurde. So sieht Brad stundenlang den jugendlichen Skatern zu. Zusammen mit Sarah knutscht er im Mittelkreis des Spielfeldes. Nicht nur die Musik erinnert dabei an "American Beauty". Schauspieler Todd Field inszenierte seinen zweiten Spielfilm nach "In the Bedroom" (2001) mit einer Klarheit der Bilder, die fast hyper-realistisch wirkt. Darin zeigt sich deutlich, das was die Kinder wirklich verstört sind durchgeknallte Wachmänner und Eltern, die ein freudloses Leben nicht mehr ertragen.
24.4.07
Lieben und lassen
Lieben und lassen
USA 2006 (Catch and Release) Regie: Susannah Grant mit Jennifer Garner, Timothy Olyphant, Sam Jaeger 112 Min. FSK: o.A.
Nach dem Tode ihrer großen Liebe erfährt Gray (Jennifer Garner) von vielen unbekannten Seiten ihres geliebten Verlobten Grady. Ein dickes Konto, eine Geliebte, ein Kind. Man weiß halt nie, wer da neben einem liegt. Bei der Trauerfeier versteckt Gray sich verloren in der Badewanne, muss dort aber miterleben, wie Gradys bester Freund Fritz (Timothy Olyphant) eine Blondine auf der Kommode vernascht. Lachen und Weinen gehen wunderschön zusammen, wenn es richtig gemacht ist. Und "Lieben und lassen" ist eine stille Liebeskomödie mit einer sympathischen kantigen Hauptdarstellerin.
Die Trauer hält sich arg in Grenzen, dafür sorgen auch Grays zwei alberne Freunde Dennis und Sam (Kevin Smith), die eigentlich Dick und Doof Verliebt heißen könnten. Dogma-Regisseur Kevin Smith kommt dabei etwas gemäßigter (und redseliger) daher als bei seinen eigenen Filmen in der Rolle des Silent Bob. So kitzelt eher das Lachen die Tränchen hervor, allerdings immer mit einem melancholischen Unterton.
Regisseurin Susannah Grant war die Drehbuch-Autorin von "Erin Brockovich" und die Figur der kantigen, komischen, aber auch gefühlvollen Gray ähnelt der von Julia Roberts. Erneut zeigt sich, dass beim "Alias"-Star Jennifer Garner schon das Gesicht ein Schauspiel-Talent ist. Das Finale am kalifornischen Strand ist dann wieder zu schön um wahr zu sein, aber dafür geht man ja ins Kino.
USA 2006 (Catch and Release) Regie: Susannah Grant mit Jennifer Garner, Timothy Olyphant, Sam Jaeger 112 Min. FSK: o.A.
Nach dem Tode ihrer großen Liebe erfährt Gray (Jennifer Garner) von vielen unbekannten Seiten ihres geliebten Verlobten Grady. Ein dickes Konto, eine Geliebte, ein Kind. Man weiß halt nie, wer da neben einem liegt. Bei der Trauerfeier versteckt Gray sich verloren in der Badewanne, muss dort aber miterleben, wie Gradys bester Freund Fritz (Timothy Olyphant) eine Blondine auf der Kommode vernascht. Lachen und Weinen gehen wunderschön zusammen, wenn es richtig gemacht ist. Und "Lieben und lassen" ist eine stille Liebeskomödie mit einer sympathischen kantigen Hauptdarstellerin.
Die Trauer hält sich arg in Grenzen, dafür sorgen auch Grays zwei alberne Freunde Dennis und Sam (Kevin Smith), die eigentlich Dick und Doof Verliebt heißen könnten. Dogma-Regisseur Kevin Smith kommt dabei etwas gemäßigter (und redseliger) daher als bei seinen eigenen Filmen in der Rolle des Silent Bob. So kitzelt eher das Lachen die Tränchen hervor, allerdings immer mit einem melancholischen Unterton.
Regisseurin Susannah Grant war die Drehbuch-Autorin von "Erin Brockovich" und die Figur der kantigen, komischen, aber auch gefühlvollen Gray ähnelt der von Julia Roberts. Erneut zeigt sich, dass beim "Alias"-Star Jennifer Garner schon das Gesicht ein Schauspiel-Talent ist. Das Finale am kalifornischen Strand ist dann wieder zu schön um wahr zu sein, aber dafür geht man ja ins Kino.
Inland Empire
USA, Polen, Frankreich 2006 (Inland Empire) Regie: David Lynch mit Laura Dern, Jeremy Irons, Harry Dean Stanton 180 Min. FSK: ab 12
Filme von David Lynch sind rätselhafte Abgründe. Das Ohr im Gras von "Blue Velvet", das erzählerische Möbius-Band von "Lost Highway", das Böse in faszinierend verrückter Serienform von "Twin Peaks", die zwei Leben einer Schauspielerin am "Mulholland Drive". Und jetzt wieder eine Schauspieler, ein Dreh, ein Traum und erneut weiß man nicht, was ist was. Doch etwas ist anders bei diesen drei Stunden, die eindeutig Lynch, aber doch so gar nicht Lynch sind. De Regisseur experimentierte immer mit neuen Formen des Bildes, in den letzten Jahren auch mit neuen Formen des Filmvertriebs. Kurzfilme wurden im Abo im Internet angeboten. Und nun ein Kinofilm, der digital gedreht wurde. Vielleicht ist das die Erklärung dafür, dass "Inland Empire" ein Lynch-Film ist, der wirkt, wie das Werk eines Filmhochschülers, der Lynch imitiert. Vielleicht brauchen die Verwirrungen, die Abgründe dieses einzigartigen Erzählers die Tiefe eines echten, altmodischen Kinobildes, um zu wirken, um die Aufmerksamkeit mitzunehmen in das Lynch-Labyrinth. Bei "Inland Empire" gelingt das leider nicht und viele Lynch-Fans gehen ganz anders verstört aus dem Kino.
Die Hochstapler
BRD 2006 Regie und Buch: Alexander Adolph Musik: Dieter Schleip 87 Min.
Vier Hochstapler erzählen vor der Kamera, wie sie belogen, betrogen und manipuliert haben. Das reißt als Ankündigung nicht vom Hocker. Doch Alexander Adolph, der ausgezeichnete Autor vieler Fernsehfilme, schafft es in seinem Kinodebüt als Regisseur mit unglaublichen Geschichten zu fesseln.
Torsten S., Marc Z., Peter G. und Jürgen H. reden. Sie reden davon, wie sie anderen viel Geld abgeluchst haben und sich letztendlich um Kopf und Kragen geredet haben. Die Rollen sind dabei vertauscht: Der unkenntlich als Schatten aufgenommen wurde, ist nicht der Verbrecher, es ist das Opfer. Die Täter bekommen gutes Licht und die volle Aufmerksamkeit der Kamera.
Dabei wirkt es gleichermaßen erschreckend und amüsant, wie leicht es anscheinend ist, den Leuten das Geld aus der Tasche zu leiern. Und es war nicht wenig Geld, nicht umsonst nennt man sie Millionenbetrüger. Ihr Geschichten sind so gut, dass man zwischendurch zweifelt: Ist das jetzt wirklich eine Dokumentation oder ist alles getürkt, fallen nur wir auf die Trickser rein.
Das an sich nicht besonders sensationelle Thema präsentiert sich in der Dokumentation äußerst spannend. Aber das ist bei Alexander Rudolph nicht überraschend, weil er schon für seine Tatort-Bücher Grimme-Preise erhalten hat. Auch die Musik ist ausgezeichnet: Es ist ungewöhnlich, dass ein Dokumentarfilm mit einem ausgeklügelten symphonischen Score aufwartet. Für "Die Hochstapler" komponierte Dieter Schleip, einer der renommiertesten Filmkomponisten Deutschlands.
Der Fluch der goldenen Blume
VR China 2006 (Man cheng jin dai huang jin jia) Regie: Zhang Yimou mit Gong Li, Chow Yun-Fat, Jay Chou 114 Min. FSK: ab 12
In China ist alles etwas mehr, etwas größer. So erhält auch der Begriff Monumentalfilm durch "Fluch der goldenen Blume" neue Dimensionen. Der ehemalige Autorenfilmer Zhang Yimou legt nach "House of Flying Daggers" und "Hero" wieder eine Großproduktion hin, bei der man Groß mit Großbuchstaben schreiben muss. Dagegen wirkt Bertoluccis Spektakel "Der letzte Kaiser" an der gleichen Stätte der Verbotenen Stadt wie ein menschenarmes Kammerspiel. Der teuerste chinesische Film bis jetzt glänzt golden und bunt. Doch vor allem in der Welt der Illusionen ist nicht alles Glänzende echtes Gold.
Das Vorspiel voller Erwartung: Ein Hochzeremoniell für den heimkehrenden Kaiser. Nicht nur die Gemahlin, gleich hunderte Frau schminken, pudern sich, legen edle Gewänder an. Alles eindrucksvollst - als dann auch das Gesicht von Gong Li die Leinwand füllt, ist die erste Gänsehaut angesagt. Ihre Herrscherin und Gefangene des Hofes zittert beim Anlegen der Goldbrosche, stickt mit unsicheren Fingern an einer goldenen Blume. Vergiftet von Eifersucht, Ekel gegenüber dem Mann und Herrscher sowie von dessen "Medizin", die eigens mit tödlichen Mittelchen präpariert wird. Doch ebenso unsicher wie tapfer schreitet die Kaiserin zum Empfang. Denn seit langem hat sie ein Verhältnis mit dem ältesten Sohn des Kaisers, dem Kind ihrer Vorgängerin. Da wo es ödipal wirkt, ist es moralisch ganz harmlos und staatlich lebensgefährlich. Doch in anderen Betten droht Blutschande.
Derweil schleifen sich Vater und Sohn draußen vor dem Palast zur Begrüßung aneinander die Schwerter ab. Ein funkensprühendes Spektakel und es wird nicht das letzte sein. Auch die wahre Mutter und ihr Sohn tasten sich bei einem Kung Fu-Kampf ab. Die gebrandmarkte und verbannte Frau verrät ihrer Konkurrentin vom mörderischen Giftplan. Zwei Frauen eint der Hass auf den Despoten. Zhang Yimou drehte also wieder ein Frauendrama wie zu den Zeiten, als er noch Kunstfilme machte?
Ja und Nein: Die enorme Tragik im Wirken eines grausamen Herrschers und eines noch gemeineren Schicksals verliert sich in all dem Glanz und unter dem dauernden Geheule des Chores. So ist es eindrucksvoll, erschütternd wenn sich über die Opfer ein ganzes Heer goldener Ritter hinwegstürmt. Aber auch symptomatisch. Da müssen Statistenheere den jahrelangen Hass einer arrangierten Beziehung ausspielen. Bei Schauspielern wie Gong Li und Chow Yun-Fat hätte das ohne Massenszenen vielleicht stärker sein können. Aber so haben das große und das feine Publikum etwas davon.
"Der Fluch der goldenen Blume" will Shakespeare sein und Kurosawas Verfilmungen des großen Dramaturgen. Das chinesische Monumental-Monster hat aber auch was von diesen Autokopien, die mit viel Popanz die geklauten Formen von Mercedes verschandeln. Dazu viele grandiose Momente mit schwirrenden Krummsäbeln, mit Heeren, die auf einem Meer von Chrysanthemen gegeneinander prallen. Fliegende Ninjas stürzen wie Krähen auf die fliehende Familie der Prinzen-Konkubine. Schwarz wie seine Ninja-Kämpfer ist das Gift, das der Kaiser seiner Frau in kleinen Dosen einflösst. Unfassbar wie nach dem großen Blutvergießen, da wo bei Hamlet nur noch Schweigen ist, die eifrigen Reinigungskräfte alles wieder herrichten, als sei nichts geschehen. Und so sitzt auch die Restfamilie zusammen. Eine letzte Konzentration für einen letzten großen Moment ohne monumentales Theater.
17.4.07
Shooter
USA 2007 (Shooter) Regie: Antoine Fuqua mit Mark Wahlberg, Kate Mara, Michael Pena 120 Min.
Da lässt ein US-Politiker für eine Öl-Pipeline in Afrika ein ganzes Dorf massakrieren. Da die Gerichtsbarkeit machtlos ist, bleibt nur Selbstjustiz und die Strafe lautet Tyrannen-Mord, ein Senator muss sterben. Das ist, extrem kurz gefasst, der Plot des Action-Films "Shooter". Erstaunlich, wie weit eine inkompetente Politik Drehbuchautoren treiben kann. Hollywood dreht beinah Politfilme!
"Shooter" beginnt mit einer dieser Dolchstoss-Legenden der Amerikaner. Von der Heimat verraten, lebt der Scharfschütze Bob Lee Swagger (Mark Wahlberg) zurückgezogen in irgendwelchen Wäldern. Kurz vorher fragte er sich, ob dieser geheime Einsatz in einem Land, mit dem ausnahmsweise kein Krieg herrscht, wohl dem Frieden diene. Da Bob ein echter Patriot ist - das heißt hier auch: ein kritischer Patriot, nimmt er doch wieder einen Auftrag an: Er soll einen Anschlag auf den Präsidenten theoretisch planen, um einen echten zu verhindern. Die vertrackte Geschichte riecht schon Meilen gegen den Wind nach Falle, auch wenn man nicht schon zehn Verschwörungs-Filme über den Kennedy-Mord gesehen hat.
Der aufmerksame Beobachter Bob bemerkt nicht, dass er Sündenbock sein soll. So wird der Präsident nach seiner Anleitung zur Zielscheibe, Bob selbst entkommt als vermeintlicher Mörder nur knapp der umgehenden Hinrichtung, Prinzip Lee Harvey Oswald. Wundersamerweise kann er in einer Stadt voller Polizeiwagen fliehen, taucht im wahrsten Sinne des Wortes unter. Wie einst (und demnächst wieder?) Rambo, wendet der Ex-Soldat nur seine speziellen Soldatentechniken in der Heimat an. (Falls noch jemand eines brauchte, ist auch dies ein Argument gegen Bundeswehr im eigenen Land.) Bob legt Tarn-Schminke aufs Gesicht und Zynismus in die Sprüche: Sie haben meinen Hund umgebracht - rechtfertigt seine Wut. Im Guerilla-Kampf legt der "Shooter" die Hintermänner der Verschwörung bloß und bringt sie eigenhändig zur Strecke.
Das ist dann etwas A-Team und McGywer aufgepeppt mit Folter und sexueller Gewalt. Die im Trend liegende politische Aussage wirkt dabei aufgesetzt und austauschbar: Das Grundprinzip der Demokratie ist, jeden der glaubt, er könne die Welt zum Besseren wandeln, umzubringen, " sagt ein Senator. "Shooter" ist keineswegs ein Politthriller wie "Blood Diamand" aber wenigstens zügig inszeniert.
16.4.07
Born to be wild
USA 2007 (Wild Hogs) Regie: Walt Becker mit John Travolta, William H. Macy, Tim Allen, Martin Lawrence 99 Min.
Unter echten Bikern gelten Harleys als Spießertum auf zwei Rädern. Dass sich die große Freiheit nicht mit ein paar PS kaufen lässt, dürfen vier Kumpel auf ihrem Road Trip als Mittel gegen Midlife Crisis ausleben. Wenn auch die Männer-Komödie "Born to be wild" inhaltlich etwas abgefahren daherkommt, vor allem am Anfang sorgt die gute Besetzung für viel Spaß.
Schon die erste Szene ist ein Knaller. Ein Knall, genauer gesagt, als Dudley beim furiosen Aufbruch aus der Vorstadtsiedlung die Briefkästen knickt und die Gärten umpflügt. Easy Rider sein, ist nicht ganz so easy mit hohen Cholesterin-Werten, Frau, Kinder und Midlife Crisis. Doug, Woody, Bobby und Dudley, alle auf ganz persönliche Weise frustriert, entschließen sich auf den Spuren der ersten Siedler und von Jack Kerouac loszufahren. Es gibt mindestens vier Gründe, die Tür hinter sich zu schließen und zu sehen, ob die Straße eine Antwort bringt.
Mit dem, von einer Ehefrau gestickten Logo "Wild Hogs" (der Originaltitel meint Wildschweine) und dem heißen Outfit geben sie sich viel cooler als sie wirklich sind, auf diesen "Road Trip", der die große Freiheit meint und eine Kinderei für Erwachsene zeigt. Alles Erdenkliche geht schief, ihr Zelt brennt ab, in der Panik vergessen sie, zu tanken, und werden in der Wüste von Geiern begleitet. Dann legen sich die Vorstadt-Bürger mit echten Rockern an und die Handlung sucht sich ein niedliches Westerndorf für eine Miniversion von "12 Uhr Mittag". Beim Chillifestival erweisen sich die vom Bürgerleben gestählten Weicheier als Stehaufmännchen und entdecken den Wert ihrer Freundschaft. Während Landschaften und die besten Rockmusiken der letzten drei Jahrhunderte vorüber ziehen, erreichen die Figuren bei ihrer Entwicklung nur ein Minimalziel. Wirkliche Lösungen gibt es kaum. Hauptsache das Bauchgefühl stimmt beim Abspann. Der ähnlich gelagerte "City Slickers" war dagegen schon ein hoch philosophisches Werk.
Die Komödianten aus den verschiedensten Ecken der Filmwelten von TV-Soap-Star Tim Allen über die noch swingende Hollywood-Legende John Travolta bis zum Independent-Star William H. Macy ("Fargo") zeigen deutliche Unterschiede im schauspielerischen Vermögen: Lawrence verbiegt sich für die billigen Scherze, Allen bleibt der gesetzte Sitcom-Scherzkeks, Macy gibt dem sympathischem Pechvogel Tiefe und Travolta chargiert zuviel. Bemerkenswert die gute Besetzung der Nebenrollen bis zum echten "Easy Rider" Peter Fonda. Trotzdem sorgen die vielen guten Scherze und die zügige Inszenierung für eine spaßige Motorrad-Runde.
9.4.07
Goodbye Bafana
BRD / Frankreich / Belgien / Großbritannien / Italien 2006 (Goodbye Bafana) Regie: Bille August mit Joseph Fiennes, Diane Kruger, Dennis Haysbert, Mehboob Bawa, Adrian Galley 117 Min.
Eigentlich lässt sich Geschichte recht raffiniert aus der Perspektive einer Randfigur erzählen: "Rosenkranz und Güldenstern" haben eine eigene und vor allem originelle Sicht auf ihren Fiktionskumpanen Hamlet. Hitler Sekretärin war nah dran am "Führer" - zu nah letztlich. Und dann wäre da der weiße Südafrikaner, der Nelson Mandela während der Apartheid Jahrzehnte lang bewachte. Doch dieser Versuch, in "Goodbye Bafana" eine bewegende Geschichte von schwarzem Widerstand und aufrechtem Kampf in Randnotizen zu erzählen, geriet zur verklärten und verfärbten Peinlichkeit.
Im Jahr 1968 tritt ein farb- und ausdrucksloser Wärter einen neuen Job auf der südafrikanischen Gefangeneninsel Robben Island an. Obwohl auch die Familien der Bewacher selber Gefangener der Insel sind, steht weißes Familienglück dabei im Mittelpunkt. Ein Glück, dass man seinem ärgsten Feind nicht wünschen würde: Das karrieregeiles Pärchen James (Ralph Fiennes) und Gloria Gregory (Diana Kruger) landet mitten im Hausfrauenklatsch einer Minigemeinschaft. Als quasselnde Friseuse macht sich das dumme Blondchen beliebt, bis ihr Mann Winnie Mandela einen Schokoriegel des gefangenen Nelson zusteckt. Nun gibt es Prügel und die Beförderung ist bedroht.
Dabei erwies sich James als idealer Spion für das Zensurbüro, denn er spricht Xhosa, die Sprache der rechtmäßigen Bewohner dieses Landstriches. So kontrolliert er nicht nur den einen Brief mit 500 Worten, den die Hochsicherheitsgefangenen, diese angeblichen "Terroristen", alle sechs Monate schreiben und empfangen dürfen. Er hört auch die Gespräche Mandelas mit, die ihm seinen Schützling langsam näher bringen. Heißt es anfangs bei den weißen Südafrikanern, man kämpfe und morde "für unsere Familie", geht es nach einem schlecht motivierten Gesinnungswandel um höhere Ziele. James liest selber die verbotenen Flugblätter des ANC und durchschaut die Propaganda des Staates.
Das einzige Moment für ein großes Drama, die Tatsache, dass James immer die Verantwortung für den Tod von Mandelas Sohn trägt, wird von Ralph Fiennes wortwörtlich "verspielt". Sein James ist ein ausdrucksloser Typ - so einen kann der kleine, unbegabtere Fiennes recht gut wiedergeben. Nur befürchtet man, dass er nicht viel mehr kann. Die nächste Katastrophe ist die Anti-Schauspielerin Diana Kruger. Wobei die indirekte Behauptung, dass ihre Figur eigentlich für den Machtwechsel in Südafrika verantwortlich ist, alles ins Absurde überführt: Denn hätte sie sich nicht mehr Gehalt erhofft, wäre James nie als ausgleichendes Moment der Wächter von Mandela geblieben...
Aber fast der ganze Film besteht aus Abziehbildern. Die Buren-Bullen sind alberne Schreihälse in kurzen Hosen, die unbedingt Kriege, notfalls Bürgerkriege wollen. Unter den gewöhnlichen Proleten vom Sicherheitsdienst ist James der einzige Mensch mit Gewissen. Das Sozialleben der Frauen ist nur lächerlich. Der titelgebende Bafana ist James' schwarzer Freund aus der Kindheit. Gute Idee, eigentlich, doch "Cache" von Michael Haneke macht klar, wie viel in so einer Erinnerung tatsächlich steckt.
Kurz: "Goodbye Bafana" erzählt mehr schlecht als recht von einer historischen Position, die nicht besonders interessiert. Kleinbürgerliche Sorgen erscheinen hier wichtiger als die wahrhaft großartige historische Figur Nelson Mandela. Selbst die Freundschaft der verschiedenen Männer taucht in der auf Weiß fixierten Perspektive nur in Fragmenten auf. So verwundert es nicht mehr, dass die zwei, drei wirklich bewegenden Momente Mandela und dem Befreiungskampf gehören.
8.4.07
Robert Altman's Last Radio Show
USA 2006 (A Prairie Home Companion) Regie: Robert Altman mit Woody Harrelson, Meryl Streep, Lily Tomlin, Tommy Lee Jones, Lindsay Lohan, Kevin Kline, Garrison Keillor 105 Min.
Robert Altmans Hommage an ein fast ausgestorbenes Entertainment, die Country-Radioshow, war an sich schon ein wunderbar ergreifendes und trotzdem leichtes Kunststück über den Abschied. Dass es nun Altmans letzter Film gewesen ist, gibt vor allen den Szenen vom Ende weitere Bedeutung. Und Gänsehaut-Garantie...
Seit 1974 versammelt die Radioshow "A Prairie Home Companion" in den USA Millionen andächtiger Zuhörer vor den Radios. Die Mischung aus Musik, Sketchen und Geschichten gilt mittlerweile als Kulturerbe. Dabei könnte man sich ignorant stilsicher von Sujet "Country-Musik" abwenden. Aber Johnny Cashs "Walk the Line" und der Neil Young-Konzertfilm "A Heart of Gold" haben hoffentlich auch hier den Boden bereitet, aus dem die Erkenntnis sprießen sollte, dass Country nicht nur das dämliche Jodeln von amerikanischen Hinterwäldlern ist. Robert Altman gelingt zusammen mit dem Autor, Hauptdarsteller und Moderator Garrison Keillor feinen Spott und eine ehrliche Liebeserklärung an die Menschen dieser Musik zusammenzupacken. Nach seinem Blick auf das Musikgeschäft von "Nashville" (1975) oder den Jazz in "Kansas City" (1996) ist "Robert Altman's Last Radio Show" sicherlich sein sanftester Film, ein Abschiedsfilm halt.
Hinter den Kulissen der Radioshow "A Prairie Home Companion" in dem Örtchen St. Paul in Keillors Heimatstaat Minnesota herrscht Hektik: Die unzertrennlichen Johnson Sisters (Meryl Streep & Lily Tomlin) - personifizierter Redefluss im Doppelpack - füllen mit ihrer Präsenz die ganze Garderobe, pudern sich die Nasen, quasseln von alten Zeiten, so wie sie es sicherlich schon seit ältesten Zeiten tun. Die Old Trailerhands Dusty (Woody Harrelson) und Lefty (John C. Reilly) schütteln mit heftigen Zoten und deftigen Cowboy-Liedern das Image von steifen Country-Leuten kräftig durch. Da liegen der alkoholische "liqueur" und das sexuelle "lick her" klanglich geährlich nahe beieinander (und fordern die Synchronisation heraus).
GK (Garrison Keillor) hält als Moderator und Seele die Radioshow zusammen, sorgt dafür dass der ausverkaufte Saal bei der Live-Show auf seine Kosten kommt. Wie ein Damokles-Schwert hängt der Besuch eines Abwicklers über dem Abend - ein Großkonzern will den Laden schließen. Da helfen auch die Bemühungen des eitlen Sicherheitsmannes (Kevin Kline) nicht. Und da wäre noch die mysteriöse Frau in Weiß, die hinter den Kulissen jemanden abholen will. Nachdem die Show nicht wie erwartet endet, schaut im Epilog der Tod noch mal vorbei. Und das ist große Lebens-Kunst ganz nebenbei: Humorvoll lässt Altman die Endlichkeit als Scherz und Schmerz erleben.
Auch dieser Altman ist ein echter Altman. Mit einem üblichen, aber immer wieder verblüffenden Star-Ensemble, mit den verwobenen Handlungssträngen, mit ausgefeilten Dialogen, mit genauem Blick und großem Herz für das Sujet und den Menschen dabei.
TMNT
USA 2007 (TMNT) Regie: Kevin Munroe ca. 90 Min.
Wer weiß heutzutage noch, wer Leonardo, Michelangelo und Raphael waren? Es scheinen Jahrhunderte vergangen, seit die wiedergeborenen Frösche als "Teenage Mutant Ninja Turtles" die Unterwelt unsicher machten. Nach dem ersten amphibischen Actionfilm aus dem Jahr 1990 folgten zwei, nicht mehr ganz so erfolgreiche Fortsetzungen und eine Pause von 14 Jahren. Die Rückkehr der vier kampferprobten Quack-Kämpfer erfolgt nun in anderem Format, als computer-animiertes Abenteuer.
Den Ninja-Turtles ergeht es wie vielen anderen Fortsetzungshelden: Donatello, Leonardo, Michelangelo und Raphael
beschäftigen sich mit sich selbst, bleiben lange Zeit Beobachter, brauchen Hypervision. Ihr ehemaliger Gegner Shredder ist besiegt, die neue Gefahr durch historische Monster aus der Hölle kriegen sie gar nicht mit. Doch der Großindustrielle Max Winters weiß, dass die Sterne bald perfekt stehen für seinen heimlichen Plan. Mit Hilfe einer rasanten Konkurrenz-Ninjatruppe sammelt er Monster wie bei einem Computerspiel.
"Teenage Mutant Ninja Turtles" waren schon immer mutierte Kindergeschichtchen, denn auch die froschigen Helden sind Kids, die Pizza fressen und viel Zeit vor Monitoren verspielen. Die irgendwann doch ganz flüssige Dramaturgie lässt sich positiv vemerken. Alle Kämpfchen sind unterlegt von ebenso martialischer wie nerviger Billigmusik, die man aus entsprechender Billig-Action kennt. Allerdings steht die digitale Animation den Turtles besser als der Mix aus Real- und Trickfilm beim letzten Versuch.
3.4.07
The Contract
BRD, USA 2006 (The Contract) Regie: Bruce Beresford mit Morgan Freeman, John Cusack, Jamie Anderson 96 Min. FSK: ab 16
Wenn Schauspieler sowohl liebenswerte Individuen als auch heimtückische Verbrecher spielen können, müssen sie wohl etwas drauf haben. Morgan Freeman kann sowohl den "Lieben Gott" als auch den raffinierten Auftragskiller geben. Der ehemalige Teenfilmstar John Cusack spielte schon mal den Homecoming-Killer in "Ein Mann, ein Mord", Nick Hornbys ewige(n) Single in "High Fidelity" und auch "Americas Sweatheart". Nun macht er als Ray, Trainer einer amerikanischen Baseball-Mannschaft, mit seinem Sohn Chris einen erzieherischen Naturtrip, weil dieser sich nicht ins Koma gesoffen hat, sondern Marihuana rauchte.
Wie gefährlich aber allein Erziehung sein kann, wird klar, als den beiden in einem Canyon ein FBI-Agent mit angekettetem Verbrecher Carden (Morgen Freeman) regelrecht vor die Füße fällt. Der Polizist überlebt es nicht. Der Killer weißt freundlich darauf hin, dass man ihn besser laufen ließe weil seine Kumpels nicht weit und sehr tödlich seinen. Doch Carden wählt die falschen Worte und fordert Ray heraus. Der will vielleicht seinem Sohn eine Lehre in Sachen Rechtschaffenheit geben, vielleicht geht auch der ehemalige Sheriff mit ihm durch. Jedenfalls wandelt er sich - etwas übertrieben - zum Dschungelkämpfer und es beginnt eine abenteuerliche Flucht über Stock und Steilhang im Naturgebiet.
Im Gegensatz zu vielen anderen "Thrillern", zu vielen anderen Filmen überhaupt, erweist sich "The Contract" als sorgfältig aufgebaut: Die knapp skizzierten Charaktere entwickeln sich im Laufe der zunehmenden Dramatik. Während Chris, der Junge, ausgeglichen und in der Natur in seinem Element ist, muss der Vater und Ex-Cop seine Rolle in der Extremsituation erst noch finden. Psychologie hat hier höheren Stellenwert als Knalleffekte. Aber wenn der Zuschauer einen Vertrag mit diesem Film eingeht, wird er mit Hochspannung belohnt, auch ohne vom Drehbuch verordnete Hektik. Dabei helfen - trotz der einfachen Ausgangssituation - durch unklare Fronten, wo der Jäger selbst ins Visier eines Verräters gerät. Die Erklärung ist dann wiederum atemberaubend: Da lassen Regierungsstellen tatsächlich einen einflussreichen Mann umbringen, weil er gegen die Ausweitung der Stammzellenforschung ist!
Morgan Freeman beeindruckt als relaxter Anführer einer Killer-Truppe. Sein Carden sagt selten etwas, aber wenn, dann trifft sein Satz besser als eine Kugel. Derweil trinkt das FBI Kaffee und amüsiert sich über die Dorfpolizisten, die noch nie von Croissants gehört haben. Dazu prangen auf der Leinwand satt die Bilder eines Meisters der Kamera namens Dante Spinotti. Regisseur Bruce Beresford beweist, dass er viele Genres meistern kann: Nach "Miss Daiys und ihr Chauffeur" (mit Freeman!) , "Stummer Schrei" und vielen anderen guten Arbeiten, ist die wiederum ein sehenswerter Film mit nicht mehr selbstverständlichen Qualitäten.
1.4.07
300
USA 2007 (300) Regie: Zack Snyder mit Gerard Butler, Lena Headey, Dominic West 116 Min. FSK: ab 16
Blut und Boden verteidigen. Hart wie Kreter-Stahl und zäh wie Leder sein. Keine Erfindung der Nazis. Schon die alten Griechen wussten, was Faschismus ist ... wenn man dem Machwerk "300" Glauben schenken sollte. Das digital stark verfremdete Gemetzel erzählt, wie 300 martialische Spartaner an der Landenge der Thermopylen ganz Griechenland gegen persische Horden verteidigen. Dabei ist das Abschlachten von tausenden Menschen ebenso abstoßend wie die gefeierte Geisteshaltung von Blut und Boden, Männern hart wie Stahl und Sterben für die Freiheit. Dass die gepiercten Horden ausgerechnet aus Persien - sprich: Iran - kommen, ist ebenso wenig Zufall wie solche Sprüche: "Freiheit ist nicht umsonst. Man muss für Freiheit zahlen."
Dabei ist haarsträubend dumm, was auf der Leinwand abläuft. Dass der Regen aus Bluttropfen in Zeitlupe hernieder sinkt, um dann auf dem Boden im Nichts zu verschwinden, ist Schlampigkeit der digitalen Trickser, die doch mit ihrem "Look" den ansonsten hoffnungslos überkommenen Film verkaufen sollen. (Das gilt auch für die noch längst nicht erfundenen Zahnfüllungen, die König Leonidas bei seiner Schreierei zum Besten gibt.) Die tapferen Spartaner, die ihre männlichen Nachkommen in die Wüste jagen, damit sie gestählt wiederkehren oder Tierfutter werden, zeigen über knappen Strings ihre Sixpacks, anstatt die Haut mit Rüstungen zu schützen. Xerxes gilt als durchaus moderner Herrscher, der seinen Vielvölkerstaat tolerant zusammenhielt. Hier in "300" sieht er verdächtig nach dem aus, was sich rassistische Schwulenhasser als Ausbund der Verkommenheit vorstellen: Piercings, Ohrringe, Schminke und eine irritierende androgyne Ausstrahlung können echte Männer nicht ungerührt lassen!
Deshalb mäht der echte Spartaner mit seinen Männerfreunden eine Angriffswelle nach der anderen nieder, dass man Leni Rieffenstahl noch im Grab jauchzen hört. Ein weiteres Verkaufsargument für die ekelhafte Schlachtplatte verweist auf die Vorlage, ein sogenanntes "Kultcomic" von Frank Miller. Während dessen Batman-Variation der Dunkelheit durchaus noch einige Schattierungen abgewinnen konnte, lieferte bereits die Verfilmung von "Sin City" nur Lust an Gewalt. Es gäbe da übrigens auch den "Kultcomic" von Art Spiegelman namens "Maus", in dem der Holocaust mit Mäusen (Juden) und Katzen (Nazis) exzellent erschütternd bebildert wurde. Vielleicht verfilmt man so was mal zur Abwechslung?
Fantastic Movie
USA 2007 (Epic Movie) Regie: Jason Friedberg, Aaron Seltzer, Adam Campbell, Jennifer Coolidge, Jayma Mays, Faune A. Chambers 86 Min. FSK: o.A.
Film-Sammelparodien wie "Scary Movie" oder jetzt "Epic Movie" sind dankbare Filme für den Kritiker, er braucht nur die Titel der veralberten Kinoshits aufzuzählen, schon sind die Zeilen voll. Doch wenn die Filmemacher ähnlich gearbeitet haben, um ihre 90 Minuten voll zu bekommen, wird es übel.
Der Auftakt gewinnt schnell unsere Sympathien, weil er sich über Tom Hanks und den "DaVinci Code" hermacht. Da hängt der ölige Tom direkt neben der Mona Lisa und der Snack-Automat hält die Lösung parat. Schwuppdiwupp geht es zum nächsten Film, mit dem Schokoriegel zieht man Willi Wonka durch den Kakao. Und erstaunlich ist die Ähnlichkeit dabei. Nicht nur der Szenenbauten und -verläufe. Nein, auch die Schauspieler sehen Johnny Depp, Tom Hanks, Samuel L. Jackson und anderen auf den ersten Blick richtig ähnlich. Das scheint originell, langweilt aber wie alles andere recht bald.
Zurück zur Handlung, die nur Vorwand für eine sinnfreie Folge von Scherzchen bietet: Vier Waisen finden ein Gewinner-Ticket der Schokoladenfabrik Willy Wonkas, um zu einer lustigen Hiphop-Melodie selber in den Süßigkeiten verarbeitet zu werden. Aber direkt danach geht es durch den Kleiderschrank nach Gnarnia. (Das "G" wurde aus Copyright-Gründen eingefügt.) Die Ansammlung hassenswerter Filme unterbricht eine Hausbegehung im MTV-Stil. Dann greifen auch die "X-Men" ein: Edward ist ein Mutant, der sich bei Gefahr in ein Huhn verwandelt. Wobei das englische "chicken" hauptsächlich Feigling bedeutet. Harry Potter darf als Rentner kiffen, der Karibik-Piraten-Captain Jack Swallows, selbst viel bessere Karikatur, lallt sich durch den Kampf gegen die Weiße Königin. Jack Black serviert als mexikanischer Koch Nacho Libre überfahrene Katzen - das macht dann gar keinen Sinn und auch keinen Spaß mehr.
Die guten Zucker-Parodien wie "Airport" oder "Loaded Gun" haben früher immer noch das Filmemachen selbst reflektiert, wenn etwa die subjektive Kamera gegen eine Fensterscheibe lief oder das Off-Orchester ins Bild kam. Jetzt rückt man die Action-Doubles ins Bild, die überhaupt keine Ähnlichkeit mit den geschonten Schauspielern haben. Haha! Und macht es nochmal. Dann noch einmal. Jetzt schon fünf Minuten lang ...
Klang der Stille
USA 2006 (Copying Beethoven) Regie: Agnieszka Holland mit Ed Harris, Diane Kruger, Matthew Goode 104 Min.
Man hat Angst in Wien vor "the beast", vor "dem Monster". Gemeint ist ein launiger, schikanierender Beethoven in seinen letzten Lebensjahren. Ein Genie, das nahezu nichts mehr hört und trotzdem besessen weiterkomponiert und - zum Schrecken der Musiker - auch dirigiert. Mit großer Bewunderung, aber ohne Angst landet im Jahre 1824 die talentierte, junge Komponistin Anna Holtz (Diana Kruger) beim stadtbekannten Grobian. Er sucht den besten Kopisten für seine dahingeklecksten Noten. Anna, die 23-jährige Frau erfährt erst Missachtung, dann erwächst sie innerhalb von fünf Minuten zur kongenialen Partnerin beim Korrigieren "falscher Kompositionen". So eine "Entdeckung" könnte ein großer Filmmoment sein. Hier wirkt es wie vom Drehbuch falsch komponiert.
Nun ist die selbstbewusste blonde Frau, die in einem Kloster wohnt, Haushälterin, Komponistin, wehrhafte Blitzableiterin und Ko-Komponistin. So erfahren wir, dass eigentlich Anna für die Wirkung der Neunten Sinfonie verantwortlich war. Keiner glaubte an das unmögliche Werk, in welchem der Chor viel zu lange tatenlos auf den ersten Einsatz warten muss. Doch indem sie mitten im Orchester dem Dirigenten van Beethoven "souffliert", rettet die Assistentin zusätzlich die Premiere des gemeinsamen Stückes!
Auch wer nur mal "Roll over Beethoven" gehört hat, ahnt wie viel Fantasie hier am Werke war. An sich nicht verwerflich, diese nach "Ludwig van B. - Meine unsterbliche Geliebte" und "Eroica" weitere Beethoven-Biographie hat andere Probleme. Ed Harris ("Pollock") spielt durchaus glaubhaft - wie ihn die akustische Isolation zum Außenseiter machte, thematisiert diese einfache Geschichte auch nicht. Das Problem des Films ist jedoch Diane Kruger, die immer noch glaubt, sie müsse Schauspielerin sein. The vorletztes Supermodel glänzt wieder als flache Harmlosigkeit. So war sie schon als Helena für die Katastrophe von "Troja" verantwortlich. Oder das unsägliche "Goodbye Bafana" - dort sorgt sie als Friseuse im Konsumrausch letztendlich für die Befreiung Nelson Mandela und Südafrika.
Wenn man dem "Klang der Stille" nichts abgewinnen kann, so ist dies hauptsächlich der Verdienst von Frau Kruger. Erinnert sich jemand an "Das Mädchen mit dem Perlenohrring"? Auch dort eine junge Frau, die einem wesentlich älteren Genie dienend und inspirierend zur Seite steht. (Was insgesamt nicht reflektiert wird.) Gespielt von Scarlett Johansson, von der man immer noch spricht. (Wenn auch dieses Ein-Blick-Wunder kein besonders vielfältiges Repertoire zu haben scheint.) "Klang der Stille" klingt trotz vielfältiger Bemühungen in Kostüm und Kulisse nicht nach. Der Film erweist sich als hausbacken und bescheiden. Große Momente spielen so gut wie nie auf. Anfangs eine bewegte, expressive Kamera, später nur Abfilmen der historischen Kulissen. Schade, denn die engagierte Regisseurin Agnieszka Holland kann mehr, wie vielleicht am besten im dichten und ergreifenden Henry James-Drama "Washington Square" mit Maggie Smith zu erleben war.
26.3.07
Herzen
Frankreich, Italien 2006 (Coeurs) Regie: Alain Resnais mit Sabine Azéma, Isabelle Carré, Laura Morante, Pierre Arditi, André Dussollier, Lambert Wilson 120 Min.
Alain Resnais ist Kinolegende: "Letztes Jahr in Marienbad" war schon im letzten Jahrtausend, genauer im Jahr 1961. Vorher drehte er "Hiroshima, mon amour" und "Nacht und Nebel", eine erschütternde Holocaust-Dokumentation. Resnais ist also ein über den Moden und Zeiten stehender Meister der (fiktiven und dokumentarischen) Leinwand, der trotz seiner nun fast 85 Lebensjahre (!) immer noch mit formaler Innovationskraft überrascht. So setzte er Ayckbourns "Smoking / No Smoking" in einen zweiteiligen Film um, dessen Simulation von Interaktivität zu insgesamt sechzehn Enden führte. Und dann "Das Leben ist ein Chanson" - die verrückteste und französischste Variante des "Musicals" überhaupt. Nun realisierte der Franzose mit seinem vertrauten Team einen der pessimistischsten Kinokammerspiele seiner letzten Jahre.
Der Winter in Paris lässt jede Fröhlichkeit der Figuren wie vergebliche Versuche erster Blüten wirken. Das Lächeln des Maklers Thierry (André Dussollier) hält sich mühsam im Gesicht. Zaghaft und verlegen reagiert er auf die Angebote seiner schrulligen Mitarbeiterin Charlotte (Sabine Azéma), ihm eine verpasste, dröge religiöse Kultursendung auf Video auszuleihen. Aber Thierry ist höflich, kuckt sich den Quark tatsächlich an und wacht zu lustvollen Lauten auf. Da wurde doch auf dem Band ein heftiger Heimporno von der hehren Kultur überspielt! Thierry (miss-) versteht nun die Ausleihe als Anmache und es folgt ein Krampf aus ungelenkem, ungeübtem sozialen Umgang.
Wie Gaelle (Isabelle Carré), die jüngere Schwester Thierrys, den lüsternen Fernsehabend auch falsch interpretiert und ihre verzweifelte Einsamkeit hinter moralischer Aufregung versteckt, ist eine andere Geschichte: Die einsame Büromaus verfällt dem abgeschmackten Charme des depressiven Trinkers Dan (Lambert Wilson), der wiederum gerade von seiner wohnungssuchenden Frau Nicole (Laura Morante) rausgeworfen wurde. Das alles beobachtet Barkeeper Lionel (Pierre Arditi) im Hin und Her vor seinem Tresen.
Wie dieser wiederum Thierrys Sekretärin Charlotte als Pflegerin des bettlägerigen, unverschämt lüsternen und launischen Vaters einstellt, gehört zu den besten Momenten der "Coeurs". Hier schlägt das einsamste Herz der Geschichten, hier kann die verdrehte Frau aber auch ihre andere Seite als peitschenschwingende Lederlady ausleben. Bis es einem Herz zuviel wird...
"Herzen" ist erneut ein typischer Resnais, aber doch einzigartig: Es sind die Sets, die in Reduzierung und Künstlichkeit an Bühnenbilder erinnern. Doch diesmal sind sie noch menschenleerer, einsamer. Nicht zufällig führen immer wieder Makler Menschen durch idealisierte, leblose Modellwohnungen. Vertraut sind auch die Schauspieler, quasi die Leinwand-Familie von Resnais. Wieder schrieb das Buch Alan Ayckbourn, der mit seinen über 70 Stücken zu den am häufigsten gespielten englischsprachigen Bühnenautoren gehört – nach William Shakespeare. "Private fears in public places" lautet der passende Titel der Vorlage. In den leisen Tönen der feinen Figurenzeichnungen sind die Ängste erschreckend fühlbar. Bis zum wundersamen, wunderbaren Moment am Ende, wenn es wieder schneit. In der Küche von Lionel wohlgemerkt!
Die Herbstzeitlosen
Schweiz 2006 (Die Herbstzeitlosen) Regie: Bettina Oberli mit Stephanie Glaser, Annemarie Dürringer, Heidi Maria Glössner, Hanspeter Müller-Drossaart 86 Min.
Dass es in Alpentäler hoch hergehen kann, wussten einst die Schmuddelfilmchen der Sechziger. Dass mit Sechzigern und sogar mit siebzigjährigen Damen noch ziemlich viel los ist, zeigt diese herzliche Heimat-Komödie mit liebvollem Blick. "Die Herbstzeitlosen" waren DER Kinohit der Schweizer im vergangen Jahr.
Das Leben von Martha im Schweizer Bergdorf sieht so trostlos aus, wie ihr Tante-Emma-Laden. Der Sohn, Dorfpfarrer der Gemeinde, kümmert sich - ebenso um die Immobilie wie um die Mutter. Sein Drängen, sie möge den Laden schließen und sich endgültige in den Ruhestand abschieben lassen, hat fast Erfolg. Doch im letzten Moment bringt Lisi, die wilde Träumerin, Martha auf eine Idee: Sie solle doch endlich die Dessous nähen und verkaufen, von denen sie ein ganzes Leben lang träumte. Mit Hilfe ihre drei Freundinnen realisiert Martha tatsächlich ihre Kollektion aufreizender Wäsche mit originellen Heimatmotiven. Sie wird ein Hit im Internet und ein Skandal im engstirnigen Dorf. Selbst der Sohn wettert mit dem ganzen Drohkanon seiner Kirchenmacht, die Bibelgruppe exkommuniziert ihren Übungsraum, aber die tapferen alten Damen geben nicht auf...
"Die Herbstzeitlosen" bietet einen sympathischen Spaß beim Aufbrechen von Klischees: Wenn die wunderbaren Ladys mit ihrem Unruhestand die Bauerntrottel aufmischen, bleibt kein Auge trocken. Das ist dem Buch der Deutschen Autorin Sabine Pochhammer und der wohlmeinenden Regie von Bettina Oberli zu danken. Aber vor allem den grandiosen Schauspielerinnen, die in der Schweiz seit Jahrzehnten bekannt sind.
Stellas Versuchung
GB 2005 (Asylum) Regie: David MacKenzie mit Natasha Richardson, Ian McKellen, Marton Czokas, Hugh Bonneville 99 Min.
Inmitten einer tödlich langweilig gemusterten Gemeinschaft sumpft Stella (Natasha Richardson) in ihrem Frust: Sie folgte dem Gatten Dr. Max Raphael mit dem Sohn in eine, auf dem Lande abgelegene psychiatrische Anstalt. Nun wird das Leben im England der späten 50er so geschildert, dass für jeden noch minimal lebendigen Menschen jedwede Flucht erstrebenswert scheint. Doch diese Anstalt ist eine von denen, wo nicht klar ist, auf welcher Seite der Gitterstäbe die wahren Gefangenen sitzen.
Stella verfällt jedenfalls dem einzigen interessanten jungen Mann der Umgebung, dem Patienten Edgar Stark. Erkundungen bei den Ärzten über dessen Vergangenheit erhalten unklare Antworten und so kümmert sich Stark erst um den Garten und dann um den Körper der Hausherrin. Diese verspürt eine zunehmend wahnsinnige Anziehung und bricht mit allen Regeln, um bei ihrem Geliebten zu sein. Doch: Wer in der Psychiatrie lebt, sollte nicht im Glashaus die Kleider von sich werfen. Es kommt zum Eklat und später zu Katastrophe. Der ältere Doktor Peter Cleave (Ian McKellen) zeigt sich anfangs als stiller, aber eifersüchtiger Beobachter. Wie er seine Fäden spinnt, überrascht und lässt schaudern.
Der Begriff "amour fou" - wahnsinnige Liebe - bekommt einen bitteren Beigeschmack, wenn Frauen, die sich nicht mit der Trostlosigkeit ihrer Position abfinden, in der Psychiatrie landen. Was als dichte Psychostudie mit geschliffenen Dialogen und sehr schönen Bildern beginnt, endet extrem dramatisch. Das kann man mögen oder nicht. Eindrucksvoll bleibt vor allem Natasha Richardson in einer Rolle, für die sich fünf Jahre lang kämpfte. Vorlage des Films ist der Roman "Asylum" (dt. Titel: Stella) von Patrick McGrath. Ian McKellen ist wieder eine Kategorie für sich. Wer ihn nur als "X-Man" oder als Gandalf kennt, verpasst bei diesem Edelmann der britischen Schauspieler-Creme sein wirkliches Können.
25.3.07
Hollywood-Star eröffnet Filmfestival Maastricht
Maastricht. Nicht nur die Fakten des "Film Festival Maastricht" (FFM), das gestern feierlich eröffnet wurde, beeindrucken: Vom 25. März bis zum 1. April werden im Filmtheater Lumiere mehr als 50 Filme in 120 Vorstellungen zu sehen sein. Zur Gala lud Maastrichts Bürgermeister Gerd Leers 200 Gäste in das Kinocenter Minerva, das man den ganzen Tag für dieses Event reservierte. Der schwedische Schauspieler Stellan Skarsgård war Star auf dem Roten Teppich. Mit seinen Rollen zwischen ausgezeichneten Arthouse-Filmen wie "Breaking the Waves" oder "Dancer in the Dark" und populärem Mainstream wie "Fluch der Karibik" in dem er - unter Tintenfischmaske - den Geister-Piraten Bootstrap Bill spielt, entspricht der europäische Star dem Charakter des europäischen Filmfestivals.
Aber auch der Schulterschluss zwischen Film und Politik ist bemerkenswert: Mit der Eröffnung des Filmfestivals feierten EU-Botschafter, Filmgrößen, lokale Politiker und Bürger der Stadt auch den Vertrag von Rom, der vor exakt 50 Jahren unterzeichnet wurde. Zur niederländischen Vor-Premiere des Films "Goyas Geister" von Milos Forman lud man Jubilare ein, die dieses Jahr zwischen dem Datum der Unterzeichnung der Maastrichter (7.2.) und der Römische Verträge (25.3.) fünfzig Jahre alt wurden.
Diesen besonderen Stellenwert hat sich die Filmkultur unter engagierter Führung von Jan Besselink über Jahrzehnte in der Maas-Stadt erarbeitet. Mit dem florierenden Filmtheater Lumiere und dem FFM, das nun im dritten Jahr unabhängig vom großen Partner Rotterdam agiert. Und nun seinerseits Entwicklungshilfe bietet. Auch für Aachen, das heute und morgen ein Mini-Festival im CineKarree feiern darf. Mit Filmen wie dem neuen Daniel Brühl "Salvador" (Mo. + Di. 19.30 Uhr), der überraschend spannende Anlagebetrugs-Dokumentation "Die Hochstapler" (Mo. 22 Uhr) und brandneuen Kurzfilmen von Studenten aus der Euregio (Di. 22 Uhr) setzt sich das ebenso anspruchsvolle wie populäre Programm Maastrichts jenseits der Grenze fort.
Dass neue geographische Grenzen in Europas Osten einen thematischen Schwerpunkt bilden, überdeckt dabei die unsichtbaren Grenzen, die der Film noch vor der Haustür zu überwinden hat. Festivalleiter David Deprez und sein Team mussten das ursprüngliche Konzept aufgeben, dieselben Filme in den beteiligten Städten Maastricht, Aachen und Tongeren zu zeigen. Das strikte Rechtediktat der Filmverleiher macht den grenzüberschreitenden Austausch unmöglich, der für Kaffee oder Fußballer mittlerweile selbstverständlich ist. Es gibt noch einiges zu tun in Europa.
22.3.07
Dieter Schleip - Große Musik statt großer Töne
Maastricht/Aachen. Sie stehen oft im Scheinwerferlicht der glänzenden Scheinwelt Film. Sie haben aber auch die Bodenhaftung nicht verloren. Stellan Skarsgard und der Münchener Komponist Dieter Schleip sind die prominentesten Gäste des Filmfestivals Maastricht-Aachen-Tongern 2007 (25.3. - 1.4.).
Stellan Skarsgard dreht Filme in Hollywood, lebt aber lieber in Schweden, wo ihm nicht "jeder Taxifahrer sein Drehbuch aushändigt". Er wird am Eröffnungstag, den 25.3. in Maastricht sein, wenn dort "Goyas Geister" läuft, in dem Skarsgard - an der Seite von Javier Bardem und Nathalie Portman - den spanischen Maler verkörpert. Dieter Schleip stammt aus Aachen, komponiert in München für junge Regisseure und filmisches Urgestein wie Dominik Graf. Der mehrfach ausgezeichnete Musik, der nicht so sehr frustriert wie Wiederholungen hat sich begeistert bereit erklärt, am engagierten Kinofilm junger Aachener Regisseur mitzuarbeiten. Schleip wird mit seinem aktuellen Film "Die Hochstapler" am Montag (22 Uhr) im Cinekarree sein.
Es sind auch im Film meist richtig gute Geschichten, wenn einer seiner Heimat den Rücken kehrt, in der großen Welt Erfolg findet und dann wiederkehrt. Dieter Schleip - geboren 1962 in Aachen - ist Autodidakt, brachte sich das Komponieren und das Spielen der Instrumente mit der Heimorgel seines Vaters und der Wandergitarre seiner Schwester selbst bei. Als E-Gitarrist und Keyboarder der Punk-Band "Catch 22" wurde es ihm bald zu "eintönig". Dieter gründete mit anderen das "Aachener Filmhaus" und schrieb erste Musiken für Kurzfilme seiner Kumpel.
"Ich hatte mich gefragt, wie ich meine Liebe zum Film und zur Musik am besten verbinden kann. Die einzige Antwort auf diese Frage ist für mich, Filmmusik zu machen". (Dieter Schleip)
1987 zog der Aachener nach München, arbeitete als Tonmeister am Theater, lernte junge Film-Studenten kennen. 1995 gab es mit der Musik zu "Roula" den Durchbruch, 2000 den "Deutschen Fernsehpreis" für zwei Fernsehfilme. Nach der Beziehungskomödie "2 Männer, 2 Frauen - 4 Probleme!?", dem hoch gelobten Drama "Roula", "Die Einsamkeit der Krokodile" und "Der Felsen" war "Der Rote Kakadu" ein weiterer Kinofilm auf Schleips Erfolgsliste. Er überrascht immer wieder mit einer Vielfalt der Stile, produziert mal aufwändig mit großem Orchester, mal prägnant mit begrenztem Instrumentarium. Der Komponist sieht es als Lob an, dass er nicht direkt wieder erkennbar ist. Wie etwa Hollywood-Kollege Hans Zimmer, der seinen Stil in Kleinserie von Handlangern imitieren lässt.
So zeigen "Die Hochstapler", die im Filmfestival Maastricht-Aachen am 26.3. zu sehen sind, auch musikalisch viele Gesichter. Wobei es schon ungewöhnlich ist, das eine Dokumentation mit symphonischem Score auftrumpft. "Die Hochstapler" (Regie Alexander Adolph) sind vier Männer, die ein besonderes Wissen weitergeben: Wie man andere belügt, betrügt, manipuliert, für dumm verkauft, wie sie sich Geld, Aufmerksamkeit und Liebe erschwindelt haben - und was das Lügen mit einem anstellt.
Daneben arbeitete Schleip, der immer noch was gegen Eintöniges hat, mit drei jungen Aachenern zusammen: Die drei Regisseure von "Rebell Film" - Bahman Nedaei, Babak Ghassim und Ben Ouatarra - bezeichnen sich selbst als "internationale, junge Gruppe mit Ambitionen, die eingerostete, deutsche Filmindustrie zum nächsten Level zu führen". Sehr dynamisch gewannen sie für ihre Kurzfilme schon Preise bei den "Aachen Hotspots 04" und dem "Euregio Filmpreis". Jetzt gehen sie ihren ersten Kinofilm an, die Szenen sind abgedreht, man sitzt gerade am Schnitt. Es geht um einen Brandanschlag auf eine türkische Familie, die eine ganze Stadt in Aufruhr gebracht hat. Ausländische Jugendliche mischen die Stadt auf. Sie schüren Hass gegen Deutsche, und wollen Rache. Die Protagonisten sind ein deutscher, ein türkischer und ein afrikanischer Jugendlicher. Ihre Geschichten werden sich kreuzen und vereinen. "Entweder finden sie ihre Identität, oder gehen an ihr kaputt", sagen die Film-Rebellen zu ihrer Story. Das ist zwar eine andere Generation, aber die Energie dieser jungen Kreativen erinnert an einen Punk-Gitarristen, der vor zwanzig Jahren aufbrach und jetzt ganze Orchester nach seinem Taktstock spielen lässt.
Von Dieter Schleip auf CD erschienen:
- Roula - Dunkle Geheimnisse (1996, Colosseum Nr. CST-8056)
- 2 Männer, 2 Frauen, 4 Probleme (1997, BMG Ariola Nr. 74321522632)
- Die Einsamkeit der Krokodile (2001, Koch Classics Nr. 3-6968-2)
- Der Felsen (2002, all score media Nr. ASM 011)
- Liegen lernen (2003, Labels 7243 593 444 23)
http://www.dieter-schleip.de
Programm Aachen, Cinekarree
Montag, 26. März
19.30 Uhr: Avant-Premiere SALVADOR mit Daniel Brühl
21.30 Uhr: Eröffnungsempfang im Restaurant Regie / Cinekarree
22.00 Uhr: Aachen-Premiere DIE HOCHSTAPLER mit Dieter Schleip (Komponist, Aachen/München)
Dienstag, 27. März
19.30 Uhr: Avant-Premiere SALVADOR mit Daniel Brühl
22.00 Uhr: European Student Shortfilms mit 3 MÄNNER aus Aachen
Weitere Infos unter:
http://www.cinekarree.de/ (Link: Filmfestival 2007 unter "Specials")
http://festival2007.lumiere.nl/index_html
20.3.07
The Number 23
USA 2007 (The Number 23) Regie: Joel Schumacher mit Jim Carrey, Virginia Madsen, Danny Huston 98 Min. FSK: ab 16
Walter Sparrow (Jim Carrey) langweilt sich als desinteressierter Hundefänger durchs Leben. Bis ein Hund ihn zu einem Grab führt und seine Frau zufällig den Roman "The Number 23" kauft. Nach den ersten Seiten ist Walter von der Zahl 23 besessen. Sie steckt in allem und weist auf einen mysteriösen Zusammenhang. Mehr und mehr Parallelen zwischen dem Romanhelden, dem Detektiv Fingerling (Jim Carrey), und seinem eigenen Leben entdeckt Sparrow. Mit reichlich Erschrecken, denn Fingerlings Weg ist reichlich blutig und endet tragisch. Nun scheint der Leser das nächste Opfer der Zahl 23 zu werden...
Reichlich verrätselt verläuft das Spiel mit den zwei Erzählebenen und die Auflösung braucht am Ende fast fünfzehn Minuten, um alles halbwegs zu erklären. Abgesehen von einem gewissen ästhetischen Reiz der Inszenierung mit vielen digitalen Tricks, die Joel Schumacher ("Flatliners", "Falling down" uvm.) routiniert hinlegt, packt diese Masche nicht mehr richtig. Liegt es daran, dass wir im Kino zu oft auf diese Holzwege geführt wurden? Oder liegt es am zwiespältigen Clownsgesicht von Jim Carrey? Neben Grimassen versuchte der Star bei "Man on the Moon" oder "Truman Show" immer mal wieder Gefühle und Gehalt in sein Gesicht zu zwingen - mit wechselndem Erfolg. Nun spielt er bemüht, passt sich aber nie richtig in die Rolle des Familienvaters mit der dunklen Seite ein. (Dies ist übrigens Jim Carreys 23. Kinofilm!)
Die Fälscher
BRD, Österreich 2006 (Die Fälscher) Regie und Buch: Stefan Ruzowitzky mit Karl Markovics, August Diehl, Devid Striesow 98 Min. FSK: ab 12
Erstaunlich sicher begibt sich der Genre-Regisseur Stefan Ruzowitzky in die Hölle eines KZ und erzählt dort eine spannende, teilweise komische, dramatische und historische Geschichte. Ein leichter Mainstream-Stil präsentiert essentielle Fragen von Widerstand und Opportunismus.
Es ist eine unglaubliche Geschichte: Ausgerechnet KZ-Häftlinge sollten die beste Geldfälscher-Werkstatt der Welt aufbauen. Mit massenhaft hergestellten Blüten plante ein Sonderkommando der Nazis erst die britische und dann die amerikanische Wirtschaft zu schwächen. Nach den Erinnerungen des Zeitzeugen Adolf Burger machte der Österreicher Stefan Ruzowitzky aus der historischen Fußnote der "Operation Bernhard" eine spannende Kinogeschichte.
Der clevere Fälscher Sally Sorowitsch (Karl Markovics) genießt das Vorkriegsberlin in Saus und Braus. Zur Tarnung seiner Fälscherwerkstatt dient eine beliebte Nachtbar. Pässe macht Sorowitsch auch, doch immer nur gegen Bezahlung, da macht der jüdische Zyniker keinen Unterschied. Eine Nacht mit einer schönen Flüchtigen bricht ihm das Genick, der Kommissar Herzog (Devid Striesow) erwischt den lang Gesuchten. Aus Zuchthaus wird KZ, mit blutigen Händen malt Sorowitsch Porträts von eitlen Untersturmführen und sichert sich eine bevorzugte Behandlung. Doch der eiskalte Herzog spielt wieder Schicksal. Als SS-Offizier und Experte für Fälscher richtet er mitten im KZ Sachsenhausen eine Werkstatt mit Spezialisten aus vielen Fachrichtungen ein. Hier wird Papier geschöpft, bastelt man an exklusiven Druckmaschinen, mischt geheime Farbrezepte nach und feilt an Druckplatten. Während von außen der mörderische Alltag nur akustisch hereindringt, genießt die abgeschirmte Spezialabteilung einen Goldenen Käfig.
Aber gegen die Willkür Herzogs hilft nur die schwierige Solidarität der Gemeinschaft aus rassistisch, politisch oder einfach kriminell Inhaftierten. Ein junger Russe gibt sich als Drucker aus und muss, als er schwer erkrankt, auch noch vor den Bewachern versteckt werden. Der Menschenkenner Sorowitsch will sich wieder durchlavieren, doch als Gegenpol fordert der idealistische Drucker Adolf Burger (August Diehl) die Sabotage der kriegsverlängernden Fälscherei.
"Man passt sich an oder man geht drauf", lautet das Motto Sorowitschs. Darüber lässt sich trefflich diskutieren. Auch wenn der menschenverachtende Scherzkeks Herzog zu sehr Schablone ist, die Schrecken des KZs setzen einen eindringlichen Maßstab für persönliches Handeln.
Stefan Ruzowitzky begeisterte anfangs mit dem modernen Alpen-Drama "Die Siebtelbauern", danach enttäuschte er mit den banalen Splatter-Filmchen "Anatomie" und der dümmlichen Kriegstravestie "All the Queens Men". Aber die historische Arbeit brachte ihm zumindest Erfahrung, die er hier völlig überraschend zu einem rundum gelungenen Drama vor ernstem Hintergrund wandelte.
Alpha Dog
USA 2006 (Alpha Dog) Regie: Nick Cassavetes mit Ben Foster, Shawn Hatosy, Emile Hirsch 118 Min.
FSK ab 16
Da trifft ein ernsthafter Filmemacher, ein exzellenter Regisseur von Familiengeschichten auf eine Figur der Klatschseiten, auf einen jungen Kriminellen, der so fragwürdig Karriere machte, dass auch dieser Film ihm nichts abgewinnen kann. So kann sich das Boulevard ein paar intime Einblicke in das Leben des lang vom FBI gesuchten und noch nicht verurteilten Jesse James Hollywood erhoffen. Dessen fiktive Umsetzung Johnny Truelove in Cassavetes Film "Alpha Dog" geriet allerdings so uninteressant, dass man sich wieder auf die Familienbande der verwöhnten Kleingangster konzentriert. Diesen Fokus begleiten viel Lärm und Gewalt.
Reiche Kids aus Kalifornien handeln mit Drogen und imitieren die Videos der Gangster-Rapper. Wenn sie sonst keine Probleme haben ... könnte man diese besonders unsinnig verlorene Generation abschreiben. In unserem Fall kommen Überdosen Steroide und Adrenalin hinzu und führen zum Drama, dass man nicht unbedingt als solches sehen muss: Johnny Truelove (Emile Hirsch), ein Dealer aus dem kalifornischen San Gabriel Valley, hat Probleme mit einem seiner Kuriere. Jake (Ben Foster) schuldet ihm ein paar Hundert Dollar und tickt nach einer Ermahnung vor Wut für mehrere Tausend Dollar aus. Johnny nimmt daraufhin - eher zufällig als irgendwie geplant - Jakes 15-jährigen Halbbruder Zack als Geisel. Der wird in der Gang herumgereicht, was eher einem Partymarathon als einem Verbrechen gleicht. Zack findet das auch alles ganz große Klasse, kifft und flirtet wie blöd.
Doch das Jüngelchen stirbt letztlich wegen einer juristischen Absurdität: Für eine Entführung erwartet den Drogendealer "lebenslänglich". Ein Mord ist angeblich nicht so schwerwiegend. Nun muss ausgerechnet Frankie (Justin Timberlake), dem Zack besonders ans Herz gewachsen ist, den Mord erledigen.
Mit inszenierten Kommentaren über das Geschehen und bekannten Schauspielern (Bruce Willis, Sharon Stone, Harry Dean Stanton, Timberlake) bekommt die Gangster-Pistole ein Gewicht, dass sich vielleicht nur Fans berühmter Krimineller erschließt. Ein Verfall von Moral ist zu sehen, lässt einen aber auch kalt. Ist diese Welt zu weit von uns weg? Verstellen uns gerade Stars wie Justin Timberlake und Bruce Willis den Blick auf soziale Feindarstellung? Trotz vieler Drehbuchänderungen - hauptsächlich wegen juristischer Probleme - konzentriert sich die Entwicklung allein in einem kleinen Drama, einem großen Blödsinn. Die Figuren sind durchgehend statisch. Der neue Film von Cassavetes ist eine Enttäuschung.
Hände weg von Mississippi
BRD 2007 (Hände weg von Mississippi) Regie: Detlev Buck mit Zoe Mannhardt, Katharina Thalbach, Christoph Maria Herbst 100 Min. FSK: o.A.
Kin'ers, das müsst ihr sehen! Keiner wird glauben, dass die Enkel von Tom Sawyer und Pippi Langstrumpf irgendwo in Meck-Pomm ihr Unwesen treiben. Doch dank des gleichnamigen Romans von Cornelia Funke ("Herr der Diebe") und der wunderbaren Regie von Detlev Buck ("Karniggels", "Knallhart") ist "Hände weg von Mississippi" zum besten Kinderfilm seit langen Zeiten geraten.
Nein, keine neue Rechtschreibreform: Hände weg "von" Mississippi ist richtig, denn Mississippi ist ein Pferd. Die 10-jährige Emma (Zoe Mannhardt) rettet es aus einem Stall, als sie während der Ferien ihre Oma Dolly (Katharina Thalbach) auf dem Land besucht. Mississippis Besitzer, der alte, eigensinnige Klipperbusch, verstarb kürzlich. Dessen hinterhältiger Neffe Gansmann (Christoph Maria Herbst), ein "Alligator mit schleimigem Lächeln" (O-Ton Kinder), überlässt Dolly gegen gutes Geld den lästigen und störrischen Mississippi.
Emma freundet sich wie der "Kleine Prinz" langsam mit dem Pferd an, versteht dessen Verhalten und Wesen. Derweil erfährt Gansmann, dass von Klipperbusch erbt, wer gerade Mississippi pflegt. Jetzt startet der gierige Städter mit Hilfe eines dämlichen Gehilfen reihenweise Gemeinheiten, um Mississippi zurück zu bekommen. Allerdings ist Emma viel zu clever, um sich von so einem schmierigen Typen einwickeln zu lassen. Dank der flotten Oma Dolly und des anhänglichen Veterinärs geht die Geschichte richtig gut aus.
"Buck is back" hieß es vor einer Weile beim neuen Film von Detlev Buck. Jetzt, nach dem rau realistischen "Knallhart" ist Buck tatsächlich zurück bei seinen Anfängen im Norden Deutschlands - geographisch grob gesehen. Wie in Schleswig-Holstein "Erst die Arbeit und dann...", "Karniggels" und "Hopnick" mit trockenem Humor amüsierten, macht in Mecklenburg-Vorpommern die Funke-Verfilmung nur Spaß. Störche, Hängebauchschweine und Eselchen bevölkern das nette Dorf in schöner Landschaft. Comicartig gezeichnete Erwachsene, die nicht alle das Herz am richtigen Fleck, aber ihre Zunge nie verschluckt haben, treffen auf gewitzte Kinder, die selbstbewusst wissen, wo es lang geht.
Neben der Entdeckung Zoe Mannhardt in der Rolle Emmas, kann Buck haufenweise gute Gesichter rankarren: Die Herbst-Wochen gehen weiter mit Christoph Maria Herbst ("Stromberg", "Neues vom Wixxer") als Kinderschreck und der Erwachsenen Freude. Katharina Thalbach hat sichtlich Spaß als unkonventionelle Großmutter. Heidi Kabel, die Ur-Oma des Volkstheaters, ist zusammen mit Tochter noch einmal zu sehen. Buck macht sich selbst in seiner Lieblingsrolle als dummer Bulle zum Deppen, während kleine Zitate auf die Kinderbuch-Klassiker "Tom Sawyer" und Pippi Langstrumpf verweisen. Die Musik von Canned Heat bis BossHoss erzählt vom Evergreen "Country" - oder synchronisiert: Heile Heimatwelt. Die sich allerdings mit Hilfe der Kinder erfolgreich gegen Discounter und Globalisierung wehren muss.
12.3.07
Der letzte König von Schottland
Großbritannien 2006 (The Last King of Scotland) Regie: Kevin Macdonald mit Forest Whitaker, James McAvoy, Kerry Washington 123 Min. FSK: ab 16
Nach "Bobby" von Emilio Estevez begeistert auch "Der letzte König von Schottland" als packender Spielfilm, der engagiert auch von Welt und Politik erzählt: Der Afrika-Trip eines jungen schottischen Arztes führt Anfang der Siebziger Jahre direkt in den inneren Kreis der Macht um den neuen ugandischen Präsidenten Idi Amin. Dass dies auch ein Herz der Finsternis ist, entdeckt der ebenso rebellische wie naive Schotte zu spät.
Nicholas Garrigan (James McAvoy) nutzt den Abschluss seines Medizinstudiums zum großen (Auf-) Bruch: Statt in die Praxis seines Vaters tritt er in die große Politik ein - auf Umwegen: Nicholas ist ein lebenslustiges Jüngelchen mit gutem Herzen bis er in einer unglaublich intensiven Szene auf Idi Amin (Forest Whitaker), den neuen Präsidenten Ugandas trifft. Es kommt zum ungleichen Trikottausch: Das Uniformhemd des Generals gegen Garrigans T-Shirt mit "Scotland"- Aufschrift. Garrigan fährt bald darauf im Auto des Präsidenten durchs Land, wird Leibarzt, Freund und macht nebenbei Staatsgeschäfte. Es ist eine fröhliche Party im engsten Kreis der Macht. Nur kurz überlegt der Quereinsteiger, wo denn eigentlich seine Vorgänger abgeblieben sind...
Nicht nur im gemeinsamen Hass gegen die Briten finden sich der Schotte und der ehemalige englische Kolonialsoldat Amin. Der früh als brutaler Schlächter und Kannibale verrufene General begeistert sich für den jungen Arzt wegen dessen unangepasster Art. Garrigan sagt was er denkt, wandelt sich aber auch zu einer Art Hofnarr. Zu lange verteidigt der Europäer den selbstbewussten Afrikaner, der eines der ersten freien Länder des Kontinents regiert, es aber dank zunehmender Paranoia mit Terror überzieht.
Der Jähzorn, der absolutistische Wille des 1,90 Meter großen, 100 kg schweren großen Kindes Idi Amin wird sensationell und preisgekrönt (BAFTA Award, Golden Globe, Oscar) von Forest Whitaker verkörpert. Kameramann Anthony Dod Mantle ("Das Fest", "Mifune") bringt den direkten, unruhigen Stil der Dogma-Filme hier in einen ganz anderen ästhetischen Zusammenhang. Und er funktioniert auch dabei großartig. Die fiktionale Geschichte über einen ganz realen Diktator, der in acht Jahren Herrschaft 200.000 - 500.000 Menschen ermorden ließ, basiert auf dem gleichnamigen Roman des englischen Journalisten Giles Foden aus dem Jahre 1998. Das Drehbuch schrieb Peter Morgan, der schon in "The Queen" (Regie: Steven Frears) über die Britten herzog.
Zu einem eindringlichen und erschreckenden Meisterwerk fügte der Dokumentarist Kevin Macdonald ("Touching the Void", "Ein Tag im September") alles zusammen. Dabei bietet er genügend Material für eigene Beobachtungen an. Der Vergleich etwa zwischen den ärmlichen Gesundheitsverhältnissen auf dem Land und den luxuriösen Klinik in der Hauptstadt Kampala. Es gibt Action bei Attentatsversuchen, Angst bei paranoiden Ausbrüchen Amins, enorm starke, eindringliche Bilder wie das Blut, das Garrigan wie nebenbei an seinen Händen findet. Doch das Psychogramm eines Diktators ist das dunkle Herzstück dieses gewaltigen Films.
11.3.07
Das Schnitzelparadies
Niederlande 2005 (Het Schnitzelparadijs) Regie: Martin Koolhoven mit Mounir Valentyn, Bracha van Doesburgh, Mimoun Oaissa, Tygo Gernandt, Yahya Gaeir 82 Min.
Der Hit der Jahres 2005 in den Niederlanden! Was eine Warnung sein sollte, denn die erfolgreichsten Filme sind selten die besten. So gelangt das äußerst mäßige "Schnitzelchen" über die Grenze, während filmische Filetstücke unentdeckt bleiben.
Nordip (Mounir Valentyn) ist ein richtig assimilierter Marokkaner-Sohn in den Niederlanden. Der Musterschüler und Stolz seines Vaters, eines kleinen Händlers, wird selbst von der Polizei nicht diskriminiert. Aber Nordip weiß nicht richtig, was er machen soll mit seiner Zukunft und seinem Cum laude-Zeugnis. So nimmt er einem Job als Abwäscher in der Küche des Hotels "Zum Geier" an. Da ist die Chefin scharf auf ihn, die bleichgesichtigen Idioten in der Küche machen ihn runter. Holländer, Marokkaner, Serben und Türken bilden einen wenig originellen Mikrokosmos. Doch noch bevor Nordip anfängt, den Berg an dreckigem Geschirr anzugehen, fällt sein Blick auf die blonde Hotel-Erbin Agnes, die ihm das Herz raubt. Was nicht gut gehen kann, denn ihre Eltern halten nichts von so einer Multikulti-Beziehung.
Das "Schnitzelparadies" bildet keineswegs den Hintergrund für Romeo und Julia in der Hotelküche. Es ist ein TV-Filmchen von gerade mal achtzig Minuten, mühsam mit Zeitlupe und unerträglichen Liedchen auf gefühlte zwei Stunden gestreckt. Die Musik klaut kreuz und quer durch Europa, hat selten mit Bezug zur Szene. Da gibt es Flamenco-Klänge für Agnes und Bregovic-Imitat immer wenn es komisch sein soll. Die Kamera schwenkt fröhlich umher, als suche sie Filmkunst irgendwo in der Umgebung. Oder auch nur den Ausweg aus dieser lahmen, platten Komödie.
Der dämliche Bruder Nordips, die Kommentare des überstolzen marokkanischen Vaters und seiner traditionellen Freunde - Klischees versammeln sich vor allem in den Nebenfiguren. Doch eigentlich besteht die ganze Handlung aus zusammen geschusterten Klischees bis zur ganz kleinen Flucht durch Tulpenfelder. Dazu die schrägen Typen in der Küche, der psychotische serbische Schlachter Goran, der türkische Depp der Truppe, der eklige Vorarbeiter Sander und als Küchenchef aus einem Comic. Ein dauernd besoffener, immer grad heraus fluchender Captain Haddock. Vielleicht sollen wir ja begreifen, dass Nordip freier von familiären Zwängen ist, als die niederländische Hotelerbin Agnes. (Und "Zum Geier" soll wahrscheinlich auf die skandalöse Restaurantkette De Valk anspielen.)
6.3.07
Strajk - Die Heldin von Danzig
BRD, Polen 2006 (Strajk) Regie: Volker Schlöndorff mit Katharina Thalbach, Andrzej Chyra, Dominique Horwitz 108 Min. FSK: ab 12
Streit um Strajk! Mit den besten Absichten hat Volker Schlöndorff einen wichtigen Moment neuerer europäischer Geschichte verfilmt. Und bekommt dafür vor allem in Polen eine Menge Ärger. Nicht nur bei der Initialzündung Polens freier Gewerkschaft Solidarnosc gibt es mehr als eine Sicht der Dinge.
Volker Schlöndorffs kehrt nach seinem Oscar-Erfolg (hier ginge aufgrund der Hauptfigur Oskarchen, ausnahmsweise auch: Oskar-Erfolg) "Die Blechtrommel" und dem NS-Schelmenroman "Der Unhold" wieder nach Polen zurück. Die Leninwerft in Danzig ist das Pflaster einer persönlichen Geschichte, die letztendlich zum Fall des Eisernen Vorhangs und zur Neuordnung Europas führte.
Die energische Kranführerin Agnieszka (Katharina Thalbach), einst Heldin der Arbeit, wehrt sich gegen Ungerechtigkeiten auf der Leninwerft und wird entlassen. Ihre Kollegen treten darauf in den Streik. Sie zeigen sich solidarisch, das sind die Anfänge der polnischen Solidarnosc.
Ins Zentrum der Ereignisse von 1960 bis 1980 setzt Schlöndorff eine Randfigur, die kleine Kranführerin und alleinerziehende Mutter Agnieszka, beeindruckend gespielt von Katharina Thalbach. Diese fiktive Figur basiert teilweise auf der wahren Geschichte von Anna Walentynowicz. Diese beschwert sich nur über "ihr Porträt", die deutsch-polnische Koproduktion kam auch im polnischen Kino nicht besonders gut an. Was wohl eher an ideologischen Vorbehalten und nicht an den Qualitäten des neuen Schlöndorff liegt.
Mitten ins Herz - Ein Song für Dich
USA 2006 (Music and Lyrics) Regie: Marc Lawrence mit Drew Barrymore, Hugh Grant, Brad Garrett 104 Min. FSK: o.A.
Ein äußerst populärer Film, das ist bereits klar! Mit zwei Schätzchen, zwei Volltreffern im Publikumsgeschmack wie Drew Barrymore und Hugh Grant kann die romantische Nichtigkeit nur "Mitten ins Herz" gehen. Da braucht man eigentlich gar kein Drehbuch. Zumindest kein besonders originelles...
Wer war eigentlich der andere bei Wham? Der neben dem späteren Superstar George Michael herumhüpfte? Genau so eine musikalische Gedächtnislücke ist auch Alex Fletcher (Hugh Grant), die vergessene Hälfte von "Pop". Heute ist Colin der Star und keiner erinnert sich an Alex. Das Fernsehen will ihn nur noch für das Allerletzte: Box-Shows! Doch - Wunder über Wunder - Cora, der größte Star der Welt, "größer als Brittney und Christina zusammen", ist sein größter - und vielleicht einziger? - Fan. Als sie sieben war, half einer seiner Songs ihr über die Scheidung der Eltern. Jetzt hat sie ein Freund verlassen und sie hätte gerne einen neuen Song von Alex, um den Schmerz zu verarbeiten. Außerdem ist noch eine Lücke im neuen Album, das in wenigen Tagen fertig sein muss.
Allerdings hat Alex seit zehn Jahren kein Lied mehr geschrieben, und texten konnte er noch nie. Zum Glück gibt es die chaotische Haushaltshilfe Sophie Fischer (Drew Barrymore), ein süßer Tollpatsch, eine Chaos-Frau in Sachen Blumenpflege. Aber ein Genie, wenn es darum geht, einen Reim perfekt zu vollenden. Wenn sie losquasselt, ist es pure Poesie. Und obwohl sie anfangs nicht will, raufen sich Alex und Sophie für den nächsten großen Hit zusammen.
Wie bei vielen Filmen vollzieht auch "Mitten ins Herz" eine totale Kehrtwende: Anfangs kann man sich grandios über furchtbar alberne Musikclips amüsieren, der Vorspann ist der schmerzliche 80er-Videoclip "Pop Goes my Heart" von der extrem peinlichen Band "Pop", irgendwo zwischen Modern Talking und Wham angesiedelt. Hugh Grant verführt selbstverständlich auch als netter, entspannter und tief frustrierter Verlierer. Herrlich das Gekreische um diesen älteren Mann, der die Hüften bis zum Rückenschmerz schwingt und damit sehr erwachsene Frauen zur Ekstase bringt. Grant ist wieder der süße, etwas oberflächliche Charmeur. Der immer eine Weile braucht, zu begreifen, was wirklich wichtig ist. Aber auch der Film kümmert sich erst in der zweiten Hälfte um Sophies Probleme und dramaturgisch ist die ganze Phase des Songschreibens nur netter Leerlauf. Man kann Drew und Hugh zuschauen, schmunzeln und fragt sich, was der Film noch bringen wird. Eins ist dabei sicher: Falls sich der angepasste Alex und die ehrliche Haut Sophie eventuell kriegen sollten, erklingt dabei bestimmt ein wunderschön romantisch-kitschiger Finalsong. Womit die Wende vollzogen sein wird.
Bobby
USA 2006 (Bobby) Regie und Buch: Emilio Estevez mit Demi Moore, Anthony Hopkins, Elijah Wood, Sharon Stone, Freddy Rodriguez, Shia LaBeouf, Lindsay Lohan, Nick Cannon 117 Min. FSK: ab 12
Menschen im Hotel und die Hoffnungen einer ganzen Welt: Schauspieler Emilio Estevez gelang in seiner grandiosen Regiearbeit eine beeindruckende Mischung aus menschelnden Geschichten und einer großen, tragische gescheiterten Utopie. Kurz vor dem Mord am Präsidentschaftskandidaten Robert F. Kennedy versammelt das Ambassador-Hotel in Los Angeles zahlreiche Geschichten...
Los Angeles, Anfang Juni 1968. In Kalifornien wird abgestimmt, wer für die Demokraten gegen den ungeliebten Präsidenten Nixon antritt. Das Ambassador beherbergt die Wahlkampfzentrale Bobby Kennedys, aber "Bobby" zeigt sich nur am Ende in einigen besonders bewegenden Szenen. Vorher erleben wir große und kleine Geschichten: Demi Moore monologisiert als alternder, alkoholkranker Vegas-Star. Die Chef-Manikeuse des Hotels (Sharon Stone) macht eine junge Braut (Lindsay Lohan) zurecht, die heiratet, um wenigstens einen jungen Mann (Elijah Wood) vor dem Tod in einem weiteren unsinnigen Krieg zu retten. Ein Ehepaar (Martin Sheen, Helen Hunt) bewältigt seine Depressionen. Der Hotelchef (William H. Macy) feuert den rassistischen Küchenmanager und betrügt seine Frau. Zwei Wahlhelfer erleben ihren ersten LSD-Trip. Der verschmitzt altersweise Ruheständler (Anthony Hopkins) liefert sich Rede- und Schachduelle mit einem Kollegen (Harry Bellafonte). Mexikaner und Schwarze streiten in der Hotel-Küche, wie man den Weißen ein paar Rechte abtrotzen könnte, was macht man mit der Wut, die in einem steckt...
Die grandiose Darstellerriege gestaltet diese Episoden einnehmend. Vor allem spürt man den gemeinsamen Nenner der Geschichten, die auf einen kulminierten Höhepunkt von Wahlparty, Hochzeit und Entlassung zulaufen. Emilio Estevez (selbst als Manager des Vegas-Star zu sehen) gelang nach mäßigen Regie-Versuchen ("Men at Work") ein dramaturgisches Meisterwerk, das die zerstörten Hoffnungen einer Gemeinschaft mit den Tragödien der Menschen im Hotel zu verbindet. Dabei - und das sieht man nicht alle Tage - fungiert eine politische Rede im Originalton als emotionaler Höhepunkt. Auf dem demokratischen Senator Robert "Bobby" Kennedy ruhten nicht nur die Hoffnungen, den Vietnam-Krieg zu beenden. Auch in Sachen Chancengleichheit, Armut und Umweltverschmutzung versprach er neue Ansätze. Kennedys Rede gegen die Politik der Angst, der Konfrontation wirkt dabei hochaktuell. Wie heute hängt die USA in einem extrem mörderischen, Milliarden verschlingenden Krieg. Statt Ausgleich wird auf geradezu kindische Weise Konfrontation gesucht. Dieser tragisch endende Moment einer kurzen Hoffnung, wird geschickt mit dokumentarischen Aufnahmen inszeniert. Dabei erstaunt weniger die technische Umsetzung. Es ist der in allen Szenen mitklingende Zeitgeist, dessen Verbluten im Finale so erschüttert.
Pathfinder
USA 2006 (Pathfinder) Regie: Marcus Nispel mit Karl Urban, Moon Bloodgood, Russell Means 100 Min.
FSK: k.J.
Bei der letzten Invasion ließen die grausamen Wikinger ein trotziges Kind (siehe "Asterix bei den Normannen"), einen jungen Kriegsdienst- und Mord-Verweigerer, in Nordamerika zurück. Dieser "Ghost" wächst zu einem weißen Indianer heran, lebt in der friedlichen Gemeinschaft von Jägern und Händlern. Bis die Wikinger wiederkehren und das Dorf von Ghost vernichten. Der junge Krieger sähe jetzt rot, wenn die ganze Sache nicht so dunkel und düster gefilmt wäre.
Der deutsche Werbefilmer Marcus Nispel ("Michael Bay's Texas Chainsaw Massacre") macht hier wieder aufwändig Werbung für Gewalt, die im Kontext der minimalen Geschichte als lebensnotwendig und unvermeidlich erscheint. Während Filmautoren wie Terrence Malick mit "The New World" auf gleichem Terrain, einige Jahrhunderte später, die Verständigung, das Nebeneinander wenigstens als Möglichkeit zulassen, verfällt dieser "Pfadfinder" auf das ausgelatschte Schema der Dämonisierung. Dabei pickte man sich aus der oscarnominierten, norwegischen Vorlage Nils Gaups aus dem Jahre 1987 vor allem die Action-Elemente heraus.
Diesmal sind "wir" die amerikanischen Ureinwohner. Die anderen (diesmal die Wikinger) bleiben unverständlich und bekommen Untertitel eingebrannt. Dass sie böse sind, erkennt man schon an den martialischen Rüstungen, den Panzern, Hörnern. Wie aus einer Tolkien-Verfilmung entlaufene Ringgeister. Das Dämonische wird durch ein Sounddesign mit vielen Schreckmomenten verstärkt. Die körperlich wie technisch überlegenen Eindringlinge bekämpft Ghost mit Guerilla-Taktik. Wobei nun gar nicht mehr deutlich ist, wer beim Bezug auf heutige Eindringlinge nun wer ist.
Die nicht jugendfreie Schlittenfahrt der Action-Spielereien, das Mordsspiel ohne Grenzen zeigt sich ästhetisch irgendwo zwischen "Apocalypto" und "Der 13. Krieger". Dazu gehören auch ziemlich drastische Szenen, denen ein ebenso großer ästhetischer Aufwand angedieh. Zu viel Aufwand für noch eine dieser Schlachtplatten, die immer besser aussehen, aber im Denken furchtbar rückschrittlich bleiben.
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