20.4.11

Red Riding Hood

USA, Kanada 2011 (Red Riding Hood) Regie: Catherine Hardwicke mit Amanda Seyfried, Gary Oldman, Billy Burke, Julie Christie 100 Min. FSK ab 12

Valerie (Amanda Seyfried) und Peter (Shiloh Fernandez) schnitten schon als Kinder gemeinsam mordlüstern einem Kaninchen mit dem Messer die Kehle durch. 12 Jahre später sind sie immer noch verliebt, träumen von der Flucht in die Stadt, aber Valerie wurde für Geld mit dem Schmied Henry verlobt. Wir befinden uns in einem düster-pittoresken Dorf zwischen Märchenwald und Mittelalter. Gerade hat der Wolf den mit Opfern erkauften Frieden gebrochen und Valeries Schwester getötet. Die Männer wollen, warnender Rufe zum Trotz, den Wolf jagen, dies wird ein Fiasko. Da zieht auch schon Pater Solomon (Gary Oldman) mit schwarzen Rittern und metallenem Elefanten heran, um die einfältige Bevölkerung aufzuklären: Es handelt sich beim nächtlichen Mörder um einen Werwolf und jeder von ihnen könnte dieser sein.

Von nun an beginnt das Rätseln und Verdächtigen, während die Inquisition des Fremden voreilig Gefangene macht. Auch Valerie hegt unter dem roten Cape der Großmutter (Julie Christie!) einen Verdacht: Peter und der Wolf, könnten beide eins sein? Die Eifersucht der Männer facht die Situation ebenso an wie das vom Geistlichen etablierte Regime aus Angst und Folter. Schließlich soll Valerie selbst Opferlamm und Lockvogel in einem sein...

Catherine Hardwicke besorgt als Regisseurin der ersten Stephenie-Meyer-Verfilmung mit viel Erfahrung für Romantik die netten Elemente einer unmöglichen Liebe. „Red Riding Hood" erweist sich als nicht sensationelle Rotkäppchen-Variante mit etwas Schauerpotential aber auch mit holperigen Inszenierungsmomenten.

Sanctum

USA, Australien 2011 (Sanctum) Regie: Alister Grierson mit Richard Roxburgh, Ioan Gruffudd, Rhys Wakefield, Alice Parkinson 108 Min.

Ja, dieser Film ist von James Cameron ... produziert. Und: Nein, dieses Natur-Psycho-Abenteuer hat absolut nichts mit „Avatar" zu tun und reicht auch in keiner Hinsicht an ihn heran. James Cameron entdeckt gerne die Tiefen des Meeres und scheinbar auch verwinkelte unterirdische Höhlen. Eine solche ist der Spielplatz für einen Abenteuerfilm ohne jede Tiefe.

Unterhalb einer riesigen Kaverne liegen in Papua-Neuguinea unentdeckte, weitverzweigte Höhlenarme. Während zwei Besucher voller Neugier in die Welt des unterirdischen Labyrinths eintauchen, herrscht im erschöpften Entdecker-Team vor Ort angespannte Atmosphäre. Der finanzierende, extrem abenteuerlustige Milliardär Carl (Ioan Gruffudd) will Ergebnisse sehen sowie seine Freundin Victoria (Alice Parkinson) beeindrucken, doch ein bedrohlicher Sturm nähert sich. Der erfahrene Expeditionsleiter Frank (Richard Roxburgh) führt bereits Selbstgespräche, wenn er nicht auf seinen Sohn Josh (Rhys Wakefield) rumhackt, der Teil des Teams ist. Zur Begrüßung in der, wie beim Bergsteigen aufwendig errichtete Basisstation, erwartet sich ein tödlicher Unfall. Dann flutet das Unwetter das Höhlensystem und der einzige Ausweg führt nach unten ins Meer - vielleicht...

Sehr schnell fordern die Naturgewalten Opfer. Die Gruppe wird rasant kleiner, aber Vater und Sohn lernen sich in dieser Extremlage endlich wirklich kennen. Zusammen müssen sie sich gegen den hinterhältigen Milliardär verteidigen. Genau wie Expeditionsleiter Frank spielt auch das Drehbuch unangenehm auffällig Gott. Immer wieder werden Team-Mitglieder geopfert oder gnadenreich für den schnellen Tod unter Wasser gedrückt. Erschreckend viele Figuren bleiben auf der Strecke. Dass dies bei einigen nicht schmerzt, liegt am schwachen Drehbuch. Die erfahrene Everst-Bergsteigerin Victoria (Alice Parkinson) etwa, soll die Unterschiede zwischen extremer Höhe und Tiefe ganz deutlich machen. Und mit eifrigem Rumzicken unnötig Schwierigkeiten provozieren.

Obwohl in marktschreierischer und verfälschender Weise in Deutschland „James Cameron" an den Titel geklebt wird, atmet „Sanctum" längst nicht den Perfektionismus wirklicher Cameron-Filme. Nur ein Ureinwohner weckt Erinnerungen an „Avatar". Trotz der ganzen Taucherei ist auch „Abyss" sehr fern. Einige Aufnahmen sind eindrucksvoll, 3D braucht dieser Film aber nicht. Regie-Neuling Alister Grierson nutzt seine Chance nicht, auch die Schauspieler stehen üblicherweise in der zweiten Reihe. Scheinbar entstand dieses Abfallprodukt wohl auch, damit Cameron seine begeistert betriebenen Abenteuerreisen in unbekannte Tiefen von der Steuer absetzen kann.

Le Mac

Frankreich 2010 (Le Mac) Regie: Pascal Bourdiaux mit José Garcia, Gilbert Melki, Eric Defosse, Carmen Maura 92 Min. FSK ab 12

Ein cooler Prol? Gibt es so was? Ace (José Garcia) stylt sich wie Tarantinos „Jacky Brown", hat einen imposanten Waffenschrank, viele Ausweise und bringt seinem Rottweiler mit Kopfstoß bei, Platz zu machen. Ace „arbeitet" in Marseille als Zuhälter und hilft dem großen Boss Tiago (Gilbert Melki) aus. Nebenbei verrät er alles der Polizei. Als ein vermeintlicher Spitzel kurzerhand erschossen wird, verschwindet Ace. An seiner Stelle soll nun sein Zwillingsbruder Chapelle, ein hyperkorrekter Bürohengst aus Paris, den Termin eines Drogendeals in Erfahrung bringen. Nach kurzer, schlagkräftiger Einführung in das Zuhälterleben, samt großflächigem Tattoo und sehr schmerzhaftem Piercing, läuft der Biedermann zu ganz großer Form auf. Als Belohnung sieht er sogar erstmals seine Mutter (Carmen Maura), eine knallharte und kaltherzige Gaunerin.

Die mäßige Verwechslungskomödie inszeniert den Wechsel Chapelles zum Partyking allzu heftig. Der Angsthase blufft und verblüfft plötzlich alle, legt gar ein John Travolta-Imitat auf die Tanzfläche. Um das Zitat-Trio zu vervollständigen gibt es auch noch ein Reservoir Dogs-Shoot out im Finale. Das geriet alles übertrieben und höchstens albern. Einige brutale Einsätze erfordern ein gewisses Maß an Empfindungslosigkeit, das noch witzig zu finden. „Le Mac" - ein gut gespielter, aber unterentwickelter Mini-Spaß.

19.4.11

New Kids Turbo

Niederlande 2010 (New Kids Turbo) Regie: Steffen Haars, Flip van der Kuil mit Huub Smit, Tim Haars, Wesley van Gaalen 90 Min. FSK ab 16

Eine Manta, Manta-Retro aus Holland. Fünf Rudi Völler-Klone und -Clowns mit Vokuhila und Schnäuzer ... können Fußballer sich über die Spucke fortpflanzen? Doch genug der komplizierten Referenzen, die gehören nicht in die Nähe von „New Kids Turbo"! Schlimmer als „Flodder" gehen die Macher und Darsteller von fünf Proleten aus dem Brabanter Dorf Maaskantje ans Werk. Man kennt sie vielleicht als unterstes Niveau des Senders Comedy Central oder von You Tube-Clips der TV-Folgen. Das hätte auch gereicht, die künstliche Kino-Verlängerung lässt statt cooler Stunts mit dem Hollandrad nun gleich Mopeds im Hollywood-Stil explodieren.

Begleitet vom primitiven Techno fliegen fünf äußerlich sehr ähnliche, wandelnde Unterschichts-Beleidigungen aus Job und Wohnung, verprügeln einen Beamten, weil man von der Sozialhilfe doch nicht leben kann, und bekommen nun gar nichts mehr. Deren Logik - dann bezahlen wir auch gar nichts mehr - führt dank Übertragung vom lokalen TV-Sender zu landesweiten Unruhen. An diesem dürren Handlungsfaden hängen sich die groben und auf keinen Fall „political correct" seienden Gags auf. Da scheint es besonders komisch zu sein, wenn ein Mongoloider am Steuer eines Lasters auch mal in einer Schocksekunde irgendeine Figur aus dem Bild knallen darf. Das geht alles gar nicht, „jonge"! Selbst, wer über einzelne Unverschämtheiten lachen kann, wird sich bei diesem einfältigen Prekariats-Kino bald langweilen.

Four Lions

Großbritannien 2010 (Four Lions) Regie: Chris Morris mit Kayvan Novak, Nigel Lindsay, Riz Ahmed, Adeel Akhtar, Preeya Kalidas 101 Min. FSK ab 16

Pünktlich zu Ostern kommt wieder ein Skandalfilm. Diesmal werden sich allerdings vor allem die Dschihadisten und Selbstmordattentäter aufregen. Vielleicht mit einem Leserbrief bei der Bild? Irgendwo zwischen Monty Python und Heiligem Krieg ist die absurde, aberwitzige und sehr clever gemachte Geschichte von vier Idioten angesiedelt, die sich für den Krieg der Kulturen in die Luft jagen wollen und damit auch teilweise erfolgreich sind. „Four Lions" ist die seltsamste Komödie seit langem und lässt sich kritisch ebenso wenig festnageln wie ein koscherer Wackelpudding.

Terrorbomber sein, ist ganz schön schwer, das fängt beim Problem an, ein anständiges Dschihad-Video zu drehen. Die vier Löwen des Religions-Krieges posieren mit Spielzeug-MG und verhüllen das ideologische Brett vor der Stirn mit einem Karton auf dem Kopf. Bomben-Bauer Barry rät, die SIM-Cards zu essen, damit die Geheimdienste die Spur verlieren. Ohne sie vorher zu kochen! Es ist sehr absurd, wie dämlich sich diese vier Männer aus Sheffield mit pakistanischen Wurzeln bei ihren terroristischen Versuchen anstellen. Und erschreckend, dass es Fessal, dem einfältigsten von ihnen, trotzdem gelingt, eine enorme Menge Chemikalien zum Bombenbau einzukaufen. Der Senior Barry möchte damit eine Moschee in die Luft jagen, um moderate Moslems zu radikalisieren! Eine andere tolle Idee des Kurz-Denkers war, einen selbstgebackenen Twin Tower-Kuchen bei einer Synagoge abzuliefern!


Der junge Omar folgt mit seinem Neffen Waj einer Einladung zum Terror-Camp nach Pakistan, um „richtiger Mudschaheddin" zu werden. Im Wüsten-Versteck halten sie die Panzerfaust beim Abschießen einer Drohne falsch rum und jagen die arabischen Verbündeten in die Luft. Ein erster Richtungsstreit zwischen Einheimischen und Terror-Touristen ging schon darum, wo jetzt genau Mekka liegt. Nach dieser Pleite zurück in Sheffield, wollen sich die vier Selbstmord-Attentäter während eines Marathonlaufs in die Luft jagen. Letztendlich macht man es ihnen sehr leicht. Omars Kollege vom Sicherheitsdienst ist - unglaublich aber wahr - noch blöder als der Rest. Und ein hilfreicher Polizist kommentiert ihre fülligen, mit Sprengstoff angedickten Kostüme für den Fun-Run nur mit den Worten „Ihr werdet darin sterben"!


All die Idiotien des oft scheindokumentarisch aus der Hand gedrehten „Four Lions" sind so verdreht, dass sie nicht als Provokation taugen. „Four Lions" sei zynisch, so wird sicher ein Totschlagargument (sic!) lauten. Aber was ist zynisch? Selbstmord-Attentäter als Idioten zu zeigen? Sollte man sie als hochintelligente Glaubenskämpfer vorstellen? Als tragische Helden? Ko-Autor und Regisseur Chris Morris erzählte im Interview, dass man auf Überwachungsvideos der Polizei überraschend viele ebenso bescheuerte Handlungen der Attentäter entdeckte.

Zeitweise wirken die „Löwen" so, als wenn die Monty Pythons Verschwörer spielen würden. Mit einem sehr „crazy walk" watscheln die komischen Kämpfer mit Bombenmaterial bepackt durch die Straßen. Man lacht sich fast tot - oder unzynisch: schlapp. Bis sich Fessal dabei selbst in die Luft sprengt. Seine Überreste sind in einer Mülltüte nicht von dem Schaf zu trennen, dass auch den Märtyrertod erlebte.


Die koranischen Kämpfer fühlen sich wie im Computer-Spiel „Mortal Combat". Für Waj ist der Selbstmord wie eine Abkürzung an der Warteschlange eines Freizeitparks. An diesem Simpel toben sich die äußerst verbogenen Argumentationsketten, ein Hauptmerkmal der Figuren, besonders gerne aus. „Hör nicht auf deinen Kopf, hör auf dein Herz! Und wenn dein Herz zweifelt, dann macht dir dein Kopf vor, dein Herz zu sein." In diesem Sinne bleiben psychologische Erklärungen oder Kindheitstraumata für Haltungen und Handlungen in den entsprechenden Schubladen liegen. „Four Lions" ist quasi das Gegenteil von Werken wie „Paradise Now", die sich in die Seele des Wahnsinns einfühlen und die Attentäter verstehen wollen. Als Referenzpunkt könnte man den Puppen-Film „Team America: World Police" anführen. Im Vergleich mit anderen Komödien, die auch am heutigen Starttag auf das Publikum losgelassen werden, steckt eine Menge Intelligenz und filmisches Können in diesem „Blödsinn". „Four Lions" ist keine soziologischen Studie und hilft auch nicht der Verständigung, macht aber sehr unverschämten Spaß.

13.4.11

Kalter Hauch DVD

USA 1972

Regie: Michael Winner

EuroVideo

Auftragskiller Arthur Bishop, genannt der Mechaniker, erledigt seine Jobs präzise, perfekt und ohne Spuren. Bei ihm sehen Morde aus wie Unfälle. Auch der an seinem alten Freund McKenna (Keenan Wynn). Bishop ist so abgebrüht, dass er sogar McKennas Sohn Steve im Mörder-Metier ausbildet. Steve lernt schnell, während Bishop immer häufiger Fehler unterlaufen, die auch dem Boss nicht verborgen bleiben. Der gibt Bishop eine letzte Chance zur Wiedergutmachung: Ein Spezialauftrag in Italien: Der soll einen Mafioso töten...

Das klingt bekannt - „Kalter Hauch" ist das Original von „The Mechanic", der mit Jason Statham in der Hauptrolle gerade im Kino läuft. In den 70er- Jahren lief die Aktion mit Charles Bronson auf dem Poster. Der verkörperte diesen Part immer wieder so gut, dass man Bronson gerne als Geist des Bösen bei simplen und sehr gewalttätigen Rachefilmen beschwört. Die edleren Varianten wie „Spiel mir das Lied vom Tod" geraten dabei leicht in Vergessenheit. Die Regie bei „Kalter Hauch" hatte Routinier Michael Winner, in der Rolle des Ziehsohns tauchte Jan-Michael Vincent auf.

 

Zarte Parasiten DVD

 

Regie: Oliver Schwabe, Christian Becker

Lighthouse

Drama

Jakob (Robert Stadlober) und Manu (Maja Schöne) leben im Wald und nisten sich im Leben anderer Menschen ein. Er freundet sich mit einem Ehepaar ohne Sohn an. Sie pflegt eine alte Frau. Die Gründe sind egoistisch, wobei das Vorgehen faszinierend offen ist. „Ich kann euch helfen", sagt Jakob dem Paar, dessen eigener Sohn verstorben ist. Das Auftauchen des Ersatzsohns löst ein Drama aus. Endlich wird das Trauma besprochen, doch was will Jakob eigentlich? Das fragt sich auch Manu, die bei der toten Frau alleine bleibt. Ihr Gangster-Partner verhalte sich unprofessionell, würde sich zu sehr auf die Gastfamilie einlassen. Eifersüchtig taucht nun auch Manu bei den einsamen Wirten auf und behauptet, Jakobs Schwester zu sein. Die Täuschung wird immer komplizierter.

Robert Stadlober und Maja Schöne können als junges, obdachloses Paar fesseln. "Zarten Parasiten", ein junges Stück Kino von Christian Becker und Oliver Schwabe („Egoshooter") lief 2009 in Venedig.

 

Paul - Ein Alien auf der Flucht

Spanien, Frankreich, Großbritannien, USA 2011 (Paul) Regie: Greg Mottola mit Simon Pegg, Nick Frost, Kristen Wiig, Seth Rogen, Jason Bateman 104 Min. FSK ab 12

Comic-Conventions bieten sich als Start- und Endpunkt netter Geschichten an: Sigourney Weaver raste schon mit Tim Allen und Alan Rickman in „Galaxy Quest - Planlos durchs Weltall". Ben Affleck wurde in Kevin Smiths unterschätzten „Chasing Amy" vom Fanboy zum Mann. Trekkies und sonstige Fan-Gruppen stellen dabei ein dankbar seltsames Häufchen dar. Selbst in der Gattung der Nerds, fallen sie noch mit ihrer kindischen Begeisterung für Laserschwerter oder obskure Autoren deutlich auf. Wenn es denn auch noch Briten wie Graeme Willy (Simon Pegg) und Clive Gollings (Nick Frost) auf ihrer Tour zu einer amerikanischen Comic-Convention sind, dann müssen sie außerhalb dieses Reservats für Fanboys mit skeptischen Blicken rechnen. Ausgerechnet diese gut gelaunten Witzfiguren des wahren Lebens nehmen auf einer Rundreise zu berühmten Orten der Außerirdischen-Legenden einen Alien als Anhalter mit!

Paul war die Mutter und das Muster aller Aliens seit er auf den Hund gekommen ... Verzeihung: Auf die Erde gekommen und auf einem Hund gelandet ist. (Färben blöde Scherze eigentlich auf die Kritik ab?) Er schuf als Berater für Hollywood E.T. nach seinem Angesicht und den „Akte X" Fox Mulder nach seinen Ideen. Trotzdem zeigt sich Paul anfangs als außerirdische Intelligenz, die sich nicht viel intelligenter als der durchschnittliche Jugendliche oder geistig jung gebliebene Erwachsene anstellt. Alien Paul raucht Zigaretten und Joints, lässt gerne mal die Hosen runter und ist sich für einen dummen Witz nicht zu schade. Wie jeder andere in diesem Film muss auch er ein paar dämliche Schwulenscherze machen, weil Graeme und Clive zusammen reisen. Zudem ist diese seltene Mitfahrgelegenheit mitnichten ein süßlicher „E.T.": Dieser Alien holt einen verunglückten Vogel wieder zurück ins Leben - um ihn dann in einem Bissen zu verspeisen!

Damit aus dieser unheimlichen Begegnung der anderen Art mit zwei infantilen Science Fiction-Fans ein Film wird, hat das intergalaktische Trio bald einen Mann in Black und zwei depperte Agenten an der Stoßstange mit dem „Alien on Board"-Sticker kleben. Im gemächlichen Laufe der Handlung versammelt sich eine ganze Karawane von Verfolgern im Schlepptau. Mit ihr holpert „Paul" über ein paar Längen, das Ende wird unnötig dramatisch, aber insgesamt verläuft die Alien-Flucht doch unterhaltsam und kurzweilig. Der kleine Held selbst erweist sich bei allem rüden Verhalten als gutherziges Kerlchen, das seine heilenden Hände gerne für Freunde einsetzt. Was vor allem nach dem großen Auftritt der gefürchtetsten Alien-Jägerin aller Film-Zeiten nötig ist: Sigourney Weaver! Viele weitere Scherze richten sich vor allem an Fans und zufällige Kenner des Genres. Im Vergleich zu anderen Komödien-Hits, für die Simon Pegg und Nick Frost die Bücher schrieben („Run, Fat Boy, Run", „Hot Fuzz", „Shaun Of The Dead"), fiel die Gag-Dichte bei „Paul" jedoch recht dünn aus. 

12.4.11

Der Name der Leute

Frankreich 2010 (Le Nom Des Gens) Regie: Michel Leclerc mit Sara Forestier, Jacques Gamblin, Zinedine Soualem, Jacques Boudet 103 Min. FSK            ab 12

Woher anders als aus Frankreich kann diese herrlich komische und sehr gewitzte Amour fou kommen? Ein wilde Leidenschaft mit verrückter, junger Frau und seltsamen Herrn. Politisch sind Bahia Benmahmoud (Sara Forestier) und Arthur Martin (Jacques Gamblin) auf der gleichen, (ge-)rechten linken Seite. Eigentlich. Sie schläft allerdings mit Rassisten, Rechten und Faschisten, um diese zu bekehren. Er trauert der historischen Niederlage von Lionel Jospin nach. Sie ist halb algerischer Abstammung. Seine Mutter verdrängt die jüdischen Eltern und deren Tod in Auschwitz. Viel Zündstoff also eigentlich, doch „Der Name der Leute" zündet zuerst mit Witz und einer herrlich munteren Erzählweise.

Arthur Martin beginnt seine Geschichte mit der sehr komischen Vorstellung der Lebensgeschichte seiner Eltern, bei der sich der Biologe seinen Vater nur als alten Mann vorstellen kann. Dabei taucht der erwachsene Arthur auch als Kommentator in früheren Lebensphasen auf, spricht mit jüngeren Ausführungen seiner selbst und ebenso mit seinen Großeltern. Die hießen Cohen und Arthur weiß so gut wie nichts von ihnen. Arthur Martin heißt wie eine in Frankreich sehr bekannte Haushaltsmarke. Bahia Benmahmoud hat hingegen einen extrem seltenen Namen und widerspricht dem Fachmann Arthur und seiner Panikmache um Schweine- und Vogelgrippe. Das zweite Mal treffen sie sich, als Bahia den Rechten Jacques Chirac zum Präsidenten wählen musste, um ihre Stimme nicht dem noch rechteren Le Pen zu geben. Ein Drama! Sie ist eine sehr chaotische Frau mit bewegtem Leben, gutem Herzen und einfachem Wertesystem. Dabei vergisst sie vor lauter Terminen im Telefonstress schon mal, sich etwas anzuziehen, und merkt es erst in der Metro gegenüber der Frau in der Burka. Zwei spannende, vielschichtige Leben kommen da zusammen, wobei der Witz niemals zu Klamauk wird. Denn obwohl Regisseur Michel Leclerc Bahias Trauma von zwei Jahren Missbrauch durch den Klavierlehrer in pointierten Szenen nur andeutet, wird die Beschädigung ernst genommen.

So gelingt eine kluge Komödie, die dadurch nicht weniger komisch ist. Die Schwierigkeiten des ersten Essens mit den Schwiegereltern, bei denen man über gar nichts reden darf, ist eine wunderbare Umsetzung einer Gesellschaft des Verschweigens. Der vorhersehbare Streit zwischen Algerien-Kämpfer und algerischem Kriegs-Waisen entspannt sich, als eine kleine Sabotage die Kaffeemaschine lahmlegt und die Väter sich beim Reparieren unterstützen. „Der Name der Leute" erzählt so nebenbei die politische Geschichte Frankreichs und eine Geschichte der technisch überlegenen Geräte, die sich nicht durchsetzen. Das politische Äquivalent dazu war Lionel Jospin. Der sehr gelungene Spaß unterhält mit tollen Schauspielern und vielen überraschenden Schnitten. Wie den nach einem leidenschaftlichen Kuss zwischen Bahia und Arthur direkt zu einer Hochzeit - mit einem anderen. Der brauchte eine Aufenthaltsgenehmigung und eigentlich könne auch Arthur ja mal eben eine Scheinehe zur Einbürgerung durchziehen...

„Der Name der Leute", dessen Originaltitel „Le Nom Des Gens" auch auf unsere Gene anspielt, bietet einen schönen Querschnitt durch die Gesellschaft, ist im liebend leichten Verlauf ein Anti-Sarkozy und Anti-Sarrazin, dabei so klug witzig wie „Sein oder nicht sein" von Lubitsch. 

World Invasion Battle Los Angeles

World Invasion: Battle Los Angeles

USA 2011 (World Invasion: Battle Los Angeles) Regie: Jonathan Liebesman mit Aaron Eckhart, Michelle Rodriguez, Ramon Rodriguez 116 Min.

Die Stadt der Engel, der Traumfabrik und der karriereträumenden Kellner liegt nach einem Angriff Außerirdischer als brennendes Kriegsgebiet darnieder, das von der US-Armee plattgebombt werden soll. Ein Trupp von Soldaten hat drei Stunden, um die letzten Zivilisten aus dem Stadtteil Santa Monica zu retten. Weshalb ausgerechnet L.A.? Einige Religiöse, viele amerikanische Landeier und ebenso europäische Filmkünstler betrachten die Stadt auch schon mal als Hort des Bösen und nicht als letzte Bastion der Menschheit. Doch solche Gedanken sind angesichts der Baller-Simplizität des aufgeblasenen Filmchens noch unvorstellbarer als Alien-Angreifer. Deswegen sei nun Los Angeles das Fort Alamo der USA und man darf munter die beliebten Kulissen vieler anderer L.A.-Filme in die Luft jagen.

15 Minuten Aufwärm-Training gibt es für das mäßig bekannte und geforderte Personal bevor ein Meteoriten-Hagel zum echten Weltkrieg, zum „War of the Worlds" wird. Dann brechen Panik und Durchhalte-Reden aus, massig Militär-Material füllt die Bilder. Wackelnde Kameras und hektischer Schnitt machen sich übermäßig breit, als wenn mit stärkster Feuerkraft die Erinnerung an den genialen, weil zurückhaltenden Alien Attack-Film „Monsters" ausgetrieben werden soll. Es gibt minimale Spannung bis zur ersten Begegnung in Nahaufnahme mit den metallischen und schwer bewaffneten Riesenameisen aus dem All. Danach sind die Gegner unspektakulär menschenähnlich. Die politische Analyse erkennt Kolonialismus, die veterinäre Untersuchung findet ein Herz als Ziel der Kugeln. Der Rest ist ermüdendes Geballer und Gerenne, zu dem man nur noch schweigen kann. Selbst die Vernichtung eines Mutterschiffes gerät so einfallslos, dass „Independence Day" dagegen wie ein intellektuelles Feuerwerk wirkt. Wer darauf steht, Jungens in Khaki durch die Gegend rennen zu sehen, kann hier Ersatz für seinen, nun von der konservativen Regierung verweigerten Kriegsdienst finden.

11.4.11

Ohne Limit

USA 2011 (Limitless) Regie: Neil Burger mit Bradley Cooper, Abbie Cornish, Robert De Niro, Anna Friel 105 Min.

Ein Film über Drogen, die Intelligenz steigern, sollte nicht allzu dumm ausfallen. Das fängt schon beim Titel an: „Ohne Limit". Was soll das auf Deutsch heißen: Unbegrenzt haltbar? Stimmt schon mal nicht, denn die Halbwertszeit dieses ebenso dämlichen wie ärgerlichen Möchtegern-Thrillers liegt unter seiner Laufzeit.

Eine Schreibblockade hält Eddie Morra (Bradley Cooper) davon ab, seine Wohnung aufzuräumen und sein Leben auf die Reihe zu bekommen. Die Freundin hält ihn nicht mehr aus - auch finanziell. Gut, dass gerade ein Ex-Schwager vorbeikommt und ihm eine Wunderpille anbietet. Die Droge NZT 45 lässt Eddie das ganze Vermögen seines Gehirns nutzen, er erinnert sich an Sachen, von denen er nicht wusste, dass er sie weiß. Nebenbei hilft der frische Überflieger seiner Vermieterin bei ihrer Juraarbeit und landet ganz schnell bei ihr im Bett. Der „loser" wird zum Gewinner von Herzen und Frauenzuneigung. Allerdings hat der Prototyp der Pharmaforschung noch ein paar Fehler, unangenehme Nebenwirkungen, die dazu führen, dass sich der ach so hyperintelligente Eddie ziemlich dämlich verhält, als er seinen Ex-Schwager gemeuchelt in dessen Appartement findet. Schon steckt er mittendrin in einer kriminellen und gefährlichen Geschichte. Weil das vielleicht an Blödheit nicht reicht, leiht Eddie sich bei einem auf fünf Häuserblocks unsympathischen Russen eine Menge Geld. Dieser sadistische Killer entdeckt irgendwann auch die Wirkung des nun von vielen begehrten Mittels: Wie aus dem dumpfen Totmacher ganz ganz langsam ein cleverer Gangster werden will, gehört zu den wenigen gewitzten Momenten des höchstens unfreiwillig komischen Films.

Der Rest ist ziemlich vorhersehbar. Mit ein paar abgegriffenen Rezeptoren-Animationen wird die ebenso altmodische Idee vom ganz schnellen Geld an der Börse illustriert. Eddie scheffelt als Broker Millionen, kann Frauen auf Italienisch anmachen und bekommt ein Treffen mit dem großen Boss Van Loon (DeNiro). Zwischendurch irritieren ein mysteriöser Verfolger und immer häufigere Aussetzer. Ein Neu-Kluger kommt mit seinem Leben im Schnelldurchgang nicht mehr mit.

Trotz vieler Trickaufnahmen, Zeitraffer und Farbverfremdungen wirkt der Stil des Drogenfilmchen ebenso wenig reizvoll wie sein Hauptdarsteller Bradley Cooper. Ganz seltene Geistesblitze wie die Verachtung eines älteren Bankers, der sich sein Wissen und Können noch selbst verdient hat, werden von der holperigen Handlung links liegengelassen. Ein besonderer Hohn ist das Ende: Die Intelligenz aus der Apotheke setzt sich durch und ist mit massig Gel im Haar auf dem direkten Weg ins Präsidentenamt. Das wird den Absatz von Ritalin unter Studenten steigern, da man ja jetzt nicht mehr lernen muss. Als Gegengift sei Darren Aronofskys „Requiem for a Dream" empfohlen, eine schwer erträgliche Abwärtsspirale aller Drogenhoffnungen. Vor Gebrauch des Films „Ohne Limit" ist hingegen dringend abzuraten! Fragen sie vorher ihren Filmkritiker oder ihren Apotheker. Nebenwirkungen sind plötzliche Müdigkeit, heftiges Kopfschütteln und gequältes Stöhnen. 

Der Dieb des Lichts

Kirgisien, BRD, Niederlande, Frankreich 2010 (Svet-Ake) Regie: Aktan Arym Kubat mit Aktan Arym Kubat, Taalaikan Abazova, Askat Sulaimanov 80 Min.

Ein Robin Hood der Stromversorgung: Von den Armen geliebt, lässt er in deren Wohnungen die Zähler rückwärts laufen und bringt so Licht in Haushalte, die es sich nicht leisten können. Damit erzürnt „Herr Licht" (selbst in der Hauptrolle: Aktan Arym Kubat) - so die Übersetzung des Originaltitels „Svet-Ake" - das staatliche Energie-Unternehmen und wird auch schon mal festgenommen, was ihn aber in seinem menschenfreundlichen Tun nicht stoppen kann. Der nette Familienvater bringt mit seiner sonnigen Art auch Licht in die Herzen seiner Mitmenschen. Er ist Visionär und Don Quixote: Hinter seinem Haus steht ein selbst gebautes Windrad, das zwar bei guter Laune gerade mal eine Glühbirne flackern lässt, doch richtige Windräder im kargen Tal des Dorfes könnten das bescheidene Leben der vom ruhelosen Wind geplagten Menschen nachhaltig verändern. Solche Pläne werden vom alten Bürgermeister und dem Rat des Dorfes belächelt, doch immerhin stimmen diese Traditionalisten auch nicht gleich dem Landverkauf an den reichen russischen Kandidaten und Spekulanten zu, der mit seinem protzigen SUV das dürre Vieh aufscheucht. Mit viel Geld und Pferdestärken ist dieser für den Stimmenkauf unterwegs, weiß aber auch die Reitertradition des Steppenvolkes - bei einer ruppigen Art des Polos mit Schwein statt Ball - zu ehren.

Mit dieser großen Politik hat der gutmütige Herr Licht eigentlich nichts am Hut - das ist eine Sache der Herren mit den hohen Hüten, die den Rat des Dorfes auszeichnen. Der Elektriker möchte vor allem endlich auch mal einen Sohn zeugen und nimmt deshalb gelegentliche Stromschläge freudig hin: Sie würden die weiblichen Hormone austreiben. Doch viel Zeit bleibt dem hilfsbereiten Nachbarn nicht für eigene Sorgen, schon gilt es wieder den erfolgreichen Jockey auszunüchtern, der an der Enge des Dorfes verzweifelt.

Aktan Arym Kubat, der exzellente und vielfach ausgezeichnete Filmemacher aus Kirgisien, dessen Name auch als Aktan Abdykalykov wiedergegeben wird, beschäftigt sich nach seiner biografischen Trilogie aus „Maimil" (2001, internationaler Titel: „The Chimp"), „Beshkempir - Der fremde Sohn" (1998) und „Sel'kincek" (1993, „Swing") nun mit den ökonomischen Verhältnissen des Landes - in seiner speziellen poetische Art und Weise. Es geht im Hintergrund um die Macht über die Energieversorgung, um absurde Situationen, die nach dem Zerfall der Sowjetunion in den vereinzelten, ehemaligen Sowjetrepubliken herrschten. Das kann man mit etwas angelesenem Wissen aus den Bildern herauslesen. Doch ganz einfach fühlbar ist der konstant wehende Wind und man möchte glatt selbst mit anfassen, um aus dem peinigenden Naturzustand einen Quell des Wohlstandes zu machen. Wozu diese Energie dann genutzt werden soll ist, eine heikle Frage. Die Widmung des Films wünscht den Enkeln Zufriedenheit und Glück - nicht Reichtum. Die kirgisisch-deutsche Koproduktion „Der Dieb des Lichts" ist bestes Weltkino, eine bittere Parabel voller poetischer Bilder von Aktan Arym Kubat, der mit „Beshkempir" 1998 einen Silbernen Leoparden in Locarno gewann.


6.4.11

Wir sind die Nacht DVD

Regie: Dennis Gansel mit Karoline Herfurth (Lena), Nina Hoss, Jennifer Ulrich 100 Min. FSK ab 16

Blut geleckt? Wer noch immer  unstillbaren Durst nach Vampirfilmen verspürt, wird jetzt matriarchalen und berlinerischen Variante gefüttert, denn Vampir-Männer sind ausgestorben, „sie waren zu laut, zu gierig und zu dumm": Ein flottes Vampirtrio aus kühler Chefin Louise (Nina Hoss), melancholischer Leserin und modisch verrückter DJane jettet nach Paris. Der Klamotten wegen und für die Häppchen im Flieger - die anderen Fluggäste werden nämlich in den Hals gebissen und ausgesaugt. Auf diese Clique trifft die Berliner Diebin Lena (Karoline Herfurth) in einem einen Club auf die Louise (Nina Hoss). Louise verliebt sich in Lena und macht sie zum Vampir. Zwischen Faszination und Abscheu erlebt sie die Welt der blutigen Beißer, wobei ihre Gefühle für den Polizisten Tom (Max Riemelt) für noch mehr Verwirrung sorgen.

Nach seinem eigenen Drehbuch inszenierte Dennis Gansel („Die Welle", „Napola") diese Berliner Vampirgeschichte mit exzellenter Besetzung in den beiden Hauptrollen. Die Hoss gibt ihrer Figur etwas Besonderes - wenn schon nicht dämonisch, dann wenigstens herrisch - aber nicht unbedingt, das was man in diesem Genre erwartet. Digitale Bilder lassen das Ganze dreckig echt, aber auch zu viel höherem Styling-Budget von „Blade" oder „Twilight" etwas dünn erscheinen.

 

The Mechanic

USA 2011 (The Mechanic) Regie: Simon West mit Jason Statham, Ben Foster, Donald Sutherland 93 Min. FSK ab 18

Dieses „Leon" für Kerle ist das Remake des Charles Bronson-Rachefilmchens „Kalter Hauch" von Michael Winner aus dem Jahre 1972. In dem recht mechanischen Action-Vehikel gerät der erfolgreiche Auftragsmörder Arthur Bishop (Jason Statham) in einen Konflikt, als er seinen väterlichen Freund Harry McKenna (Donald Sutherland) umbringen soll. Er macht es trotzdem - Auftrag ist Auftrag. Und nimmt sich voller Reue dessen schwierigen Sohnes Steve (Ben Foster) an. Der wird nun auch zum Killer ausgebildet und begleitet seinen Mentor Arthur beim Morden. Aber irgendwann wird der Jäger zum Gejagten - welch Überraschung!

Also Rache, weniger kalt serviert als cool gestylt von Regisseur Simon West („Con Air", „Lara Croft"). Jason Statham fährt weiter seine Action-Schiene, Ben Foster passt gut in die Rolle des orientierungslosen Killer-Lehrlings. Der besondere Clou des zwiespältigen Verhältnisses von Arthur zu seinem Gehilfen, dessen Vater er ermordete, kommt zwischen vielen Kugelhageln und Explosionen nicht zur Geltung. Ein paar besonders brutale Morde machten „The Mechanic" ungeeignet für Jugendliche. Zudem transportiert diese „Transporter"-Variation einen extrem beschränkten Satz an Werten. Loyalität zum Auftraggeber der Morde ist wichtig, Freundschaft nicht ganz so sehr. Dafür kümmert man sich um den Sohn des eigenen Opfers - bis der aus gutem Grund wütend wird. Danach zählt nur noch die eigene Perfektion beim Killen. Und das scheint cool so. 

5.4.11

Womb

 

BRD, Ungarn, Frankreich 2010 (Womb) Regie: Benedek Fliegauf mit Eva Green, Matt Smith, Lesley Manville, Peter Wight 107 Min.

 

Der Ungar Benedek Fliegauf drehte 2007 mit „Tejút" fast ein Kunstvideo. Jetzt verlegt er sich auf die Kunst des Erzählens mit Bildern und legt direkt ein Meisterwerk des emotionalen Erzählkinos hin: „Womb"!

 

Die sommersprossigen Rebecca und Tommy lernen sich in einem kleinen Küstenort kennen, sinnlich herausgeleuchtet in warmen Bildern von Haut, Haus und Strand. Die Kinder verstehen sich ohne Worte. Doch dann muss Rebecca nach Japan ziehen. Ihre Liebe könnte sich fortsetzten, als Rebecca (Eva Green) nach 12 Jahren zurückkehrt. Aber ein tragisches Unglück reißt Tommy (Matt Smith) aus dem Leben. Rebecca zögert nicht lange, einen Klon ihrer großen Liebe zu gebären und aufzuziehen. Tommys Eltern sind zwar Atheisten und leiden sehr unter ihrem Verlust, doch diese Wiedergeburt können sie nicht akzeptieren. Die Reaktion der Mitmenschen auf „unnatürliche" Kinder treibt das ungewöhnliche Paar in ein einsames Strandhaus, weiter hinaus in die Isolation. Tommy wächst erneut zum jungen Mann heran, doch irgendwann taucht seine Großmutter auf und Rebecca muss Fragen beantworten.

 

Fliegaufs großes gestalterisches Vermögen macht aus der atemberaubenden Geschichte von „Womb" (dt. der Schoß) ein bewegendes Meisterwerk, das seine ethische Problematik ganz nebenbei transportiert. Eindringliche Bilder erzählen, gerade die entscheidenden Sätze werden gerne ausgelassen. Stattdessen blendet der Regisseur immer wieder atmosphärische Stillleben ein. Nur ein Satz wird wieder und wieder wiederholt: Die Schlüsselfrage „Wer bist du?"

 

Eine große „Bigger than life"-Liebesgeschichte, die sich von allen Konventionen löst und mit Hilfe von Science-Fiction ein Tabu spannend austestet. Die ausufernde Mutter-Sohn-Bindung buchstabiert Ödipus mit den Elementen der DNA völlig neu. Vor allem Eva Green füllt die exzellent stilisierte Geschichte mit dem Herz einer Liebenden und einer Mutter. Ein nicht klonbares Kino-Erlebnis.

The Fighter (2010)

 USA 2010 (The Fighter) Regie: David O. Russell mit Mark Wahlberg, Christian Bale, Amy Adams, Melissa Leo 115 Min.

Der Boxer Micky Ward verdankt seinen Ruhm in „einschlägigen" Kreisen drei Kämpfen gegen Arturo Gatti in den Jahren 2002 und 2003. Die Faustkämpfer haben sich besonders heftig und ausdauernd die Birnen zu Brei geschlagen. Wer jetzt sagt, das sei ja interessant, wird vielleicht etwas in diesem biographischen Ward-Film finden. Wer fragt „ja und?", wird trotz einer klaren, schlüssigen Machart in diesem Boxer-Familien-Porträt des interessanten Regisseurs David O. Russell („I heart Huckabees", 2004) wenig Ausdauer aufbringen können.

Micky Ward (Mark Wahlberg) ist in der ärmlichen Umgebung von Lowell, Massachusetts nur der kleine Halb-Bruder der Box-Legende Dicky Eklund (Christian Bale). Der ist zwar mittlerweile vor allem Crack-Champion, lebt aber immer noch von einem einmaligen Erfolg gegen Sugar Ray Leonard. Erst als der ehrliche, etwas schüchterne Micky sich mit Hilfe der Kellnerin Charlene Fleming (Amy Adams) von seiner unübersichtlichen und höchst peinlichen Familie lossagt, bekommt er die Chance auf einen Weltmeister-Fight. Das führt allerdings zu lächerlichen Zickenkriegen von Charlene gegen Ex-Managerin und Mutter Alice sowie deren sieben ebenso blondierten wie debilen Töchtern. Sie betrachten Micky als Familieneigentum und leben ganz gut von dessen Gagen - er wird dafür von nicht regelgerechten Gegnern zusammengeschlagen.

„The Fighter" bemüht sich, authentisch zu sein - so wurden möglichst die Originalschauplätze in Lowell verwendet. Und Mark Wahlberg tanzt die echten Kämpfe fast identisch nach. Trotzdem ist selbst „Rocky" ein ganzes Stück interessanter. Im Bemühen „echt" zu sein, geriet auch der Stil altmodisch und behäbig. So ist David O. Russells („Three Kings" 1999, „Flirting with Disaster" 1996) Ring-Film weit von der filmischen Schlagkraft eines Martin Scorseses in „Wie ein wilder Stier" entfernt. Und wenn „The Fighter" mal irgendwie wirkt, dann nur in den geradezu satirischen Szenen von Mickys unglaublicher Riesenfamilie.

Darren Aronofsky sollte eigentlich die Regie von „The Fighter" führen. Dessen Rourke-Abgesang „The Wrestler" zeigt, was möglich gewesen wäre. Jetzt dominieren überzogene Darstellungen, die auch noch zwei Oscars einheimsten: Beste Nebendarstellerin für Melissa Leo („Willkommen bei den Rileys") als hysterische Mutter und Bester Nebendarsteller für Christian Bale und seine Rolle als nerviger großer Bruder, der tatsächlich eine tragische (Haupt-) Figur hätte sein können. Wie die Kämpfe von Ward, der sich sieben Runden lang verprügeln ließ, um dann mit nur einer Kombination den Gegner ko zu schlagen, verlangt „The Fighter" über fast zwei Stunden viel Stehvermögen. Eine schlagkräftige Szene gelingt nur im wahrsten Sinne der Worte und Fäuste.

Am Ende sitzen die Brüder auf der Couch vor einer Kamera - das hat etwas von Dick und Doof. Wenn dann während des Abspanns die beiden echten Wards sich bei den „Hollywood-Leuten" bedanken, spürt man auch hier, dass ihr einfaches Leben einfach kein Stoff für einen Film ist.

MADE IN EUROPE feiert Film mit Charakter und Gästen

Maastricht. 40 Filme in fünf Tagen, Premieren, internationale Filmprominenz und Filmparty - diese Festivalvergnügen läuft nicht in Cannes, Venedig oder Berlin, sondern vor der Haustür in Maastricht. Das „6. Made in Europe Film Festival" (5.-10- April 2011) startet am kommenden Dienstag im Maastrichter Pathe mit dem limburgischen Drama „Rundskop". Die Geschichte um Freundschaft und Verrat vor dem Hintergrund der flämischen Hormonmafia wurde im benachbarten Sint-Truiden aufgenommen.

Der Film von Michael R. Roskam ist also eine regionale Aufzucht, allerdings mit internationaler Festivalgeschichte: „Rundskop" lief im Februar auf der Berlinale. Regisseur, Hauptdarsteller Matthias Schoenaerts sowie weitere Team-Mitglieder sind bei der Premiere dabei. Ab Mittwoch, dem 6. April laufen alle Maastrichter Filme in den sechs Sälen des vertrauten Festivalkinos Lumière. Das Programm will mit eigenwilligen Filmen ein Bild des aktuellen Europa zeigen. Die Sektion „Made in Europe" präsentiert ganz frische Festival-Entdeckung vom Lumière-Chef David Deprez und seinem Team, „Festival Previews" hingegen Filme, die bei uns bereits oder bald im Arthouse-Kino laufen.

Den Charakter des sehr erfolgreichen und von Maastricht - auch mit Blick auf die Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2018 - verwöhnten „Made in Europe" bestimmten schon immer außergewöhnliche und mutige Werke. In der Sektion „Hors Catégorie" laufen besonders eigenwillige Filme wie das poetische „Little Baby Jesus Of Flandr" des jungen Belgiers Gust Van Den Berghe. Die Geschichte von drei Bettlern, die als Sternsinger durch eine Breughel-Landschaft ziehen, wurde größtenteils von geistig behinderten Laien gespielt. In Cannes verglich die Kritik den Film mit Béla Tarr und Pasolini. Der schwedische „Sound Of Noise" wird als Percussions-Guerilla-Komödie angekündigt. Der Trailer auf der reichhaltigen Festival-Website zeigt eine vielversprechende Percussion-Perforation (sic!) im OP-Saal. Angekündigt wurde das Festival-Event durch eine sehr originelle Werbekampagne, bei der ein stolzer Festivalpudel auf bunten Karten freche Filmsprüche verbreitet.

Star des Festivals wird die französische Schauspielerin Hafsia Herzi sein, die auch zwei eigene Regiearbeiten präsentiert. Mit ihrer denkwürdigen Dauer-Bauchtanz-Szene aus „Couscous mit Fisch" von Abdellatif Kechiche spielte sich die 1987 geborene Herzi ins Rampenlicht. Sie erhält „für ihre Verdienste um die europäische (Film-) Kultur" den mit 6000 Euro datierten „Made in Europe Film Award", der noch 2009 als Lambertz-Euregio-Filmpreis in Aachen verliehen wurde. Die Preisverleihung findet am 6. April während der Festivaleröffnung für Genk im neuen Kulturzentrum „C-Mine" statt.

Das Herz von „Made in Europe" schlägt jedoch mit über 100 Vorstellungen in Maastricht. Als Satelliten sind in der nächsten Woche Genk , das Heerlen, das Roermond und das Sittard dabei. Festivalmacher David Deprez meldet, dass auch das Ludwig Forum wieder zu den Teilnehmern gehört. Die Filme stehen allerdings noch nicht fest und sollen erst im Rahmenprogramm zum Karlspreis 2011 laufen.

Das komplette Programm des „Made in Europe Film Festivals" ist auf  www.madeineurope.nu zu finden. Dort auch Hinweise auf die jeweiligen Sprachversion und eine spezielle Auswahl von Filmen in Englisch. Der Vorverkauf beginnt am Sonntag um 12 Uhr im Maastrichter Lumière.

4.4.11

Willkommen bei den Rileys

USA 2009 (Welcome To The Rileys) Regie: Jake Scott mit Gandolfini, Kristen Stewart, Melissa Leo 110 Min.

Wie in American Beauty ist auch bei den Rileys die Garage Ort für Trauer und Sublimation: Doug Riley („Soprano" James Galdofini) muss dort rauchen und weinen. Seine Frau Loïs (Melissa Leo) bekommt dies mit, zieht sich jedoch zurück. Eher ängstlich als rücksichtsvoll. Irgendwann wird Doug schreien: „Ich bin noch nicht tot!", denn die Riley leben nach dem Unfalltod ihrer Tochter vor acht Jahren wie im Mausoleum. Loïs verdrängt das tragische Geschehen, aber verlässt das Haus nicht. Als Dougs jüngere Geliebte ganz plötzlich an einer Herzattacke stirbt, bricht noch mehr in ihm zusammen. Bei einem Messebesuch in New Orleans trifft der einfache Geschäftsmann, der eher unfreiwillig in einer Strip-Bar landet, dort auf die ziemlich ordinäre Mallory (Kristen Stewart, „Twilight"). Irgendwas klickt bei ihm, nicht ganz ohne Widerstand quartiert er sich in Mallorys versiffter Bruchbude ein, repartiert, macht sauber und hängt sich voll rein, um das gefallene Mädchen wieder auf die rechte Bahn zu bringen.

Diese Rettungsaktion eines kleinen prolligen Mädchens ist eine verrückte Geschichte. Mallory und andere vermuten einen irgendwie perversen Hintergrund. Doch der kräftige und massige Doug Riley erweist sich nicht nur handwerklich als ganzer Kerl. Während er der Ersatz-Tochter etwas Erziehung im Schnelldurchgang angedeihen lässt, versucht seine Frau trotz heftiger Angstattacken zu ihm zu kommen. Jahrelang traute sie sich nicht mal zum Briefkasten. Obwohl die Tochter bei einem Autounfall starb, fährt Loïs schließlich selbst die gewaltige Strecke nach New Orleans. Was nicht ohne komische Momente bleibt.

Wie so oft im Leben passiert etwas, während eigentlich etwas anderes geschieht: Die Ripleys kümmern sich vermeintlich um eine hilflose junge Frau, doch diese gute Tat dient nebenbei der Bewältigung des eigenen Traumas. So kümmert sich das Ehepaar um die Geschlechtskrankheiten des leichten Mädchens und dieses sagt den Alten irgendwann, dass sie mal miteinander reden sollten...

Regisseur Jake Scott („Plunkett & Mclean") ist der Sohn von Ridley Scott und der Neffe von Tony Scott – beide haben den Independent-Film mitproduziert. Da könnte man misstrauisch werden. Braucht man aber nicht: Scott Jr. gelingt die Gratwanderung der Geschichte. Er sorgt für Glaubwürdigkeit und vermeidet zu viel Kitsch. Die kuriose Situation sorgt immer wieder für komische Momente, in denen James Gandolfini ebenso glänzt wie in den gefühlvolleren. Der ehemalige Soprano-Boss erweist sich wieder einmal als großartiger Schauspieler, der solch einen Charakter-Part und auch so einen ernsthaften Film komplett tragen kann. Kristen Stewart zeigt, dass sie mehr kann, als neben Vampiren blass auszusehen. „Willkommen bei den Rileys" ist ein Beispiel für eine gute Geschichte, die ohne überzogenes Drama leicht unterhalten kann, dabei nicht auf Inhalt und Tiefe verzichtet.

28.3.11

Winter's Bone

USA 2010 (Winter's Bone) Regie: Debra Granik mit Jennifer Lawrence, John Hawkes, Kevin Breznahan, Dale Dickey 100 Min. FSK ab 12

Willkommen in den USA, dem Land der ungenutzten Möglichkeiten, dem echten Amerika, das zwischen L.A. und New York liegt. Hier in Missouri leben die Menschen, die Bush gewählt haben. Gut geht es ihnen deshalb nicht wirklich. In einer elenden Nachbarschaft wird jeder Fremde verdächtigt, und fremd sind schon die vom nächsten Hof. Selbst wenn sie irgendwie auch Familie sind. Hier haust das junge Mädchen Ree (Jennifer Lawrence) mit ihren kleinen Geschwistern in einer ärmlicher Hütte. Die Mutter ist ein Pflegefall, der Vater Jessup muss in einer Woche wieder mal vor Gericht erscheinen. Eigentlich sein Problem, aber als Kaution hat der verschwundene Wiederholungstäter Haus und Hof der Familie eingesetzt. Ree, die sowieso die kleine Farm schmeißt, muss nun auch ihren Vater innerhalb einer Woche auftreiben.

Ihre Fragen an Nachbarn und Verwandte ernten heftigste Ablehnung, die schließlich sogar gewalttätig wird. Rees Schwester würde helfen, doch der Schwager verleiht seinen Pickup nicht. Der Onkel Teardrop (John Hawkes) ist eher Bedrohung als Unterstützung. Selbst Geschwister gehen hier nicht besonders nett oder sanft miteinander um. Doch Ree fragt weiter - furchtlos, entschlossen, oder hat sie einfach keine andere Wahl? Ree erinnert an die Lütticher „Rosetta" der Dardennes oder auch an die 14-jährige Mattie Ross aus „True Grit" der Coens.

So etwas hieße in Italien Neorealismus, in den USA nennt man die hier porträtierten Leute geringschätzig „White Trash", weißer Abschaum. In diesen US-amerikanischen Schulen lernen die Teenager, Babys richtig zu halten und das Gewehr im Gleichschritt zu schultern. Ree lehrt ihre Geschwister mit dem Gewehr für Eichhörnchen schießen. Hier tummeln sich haufenweise Machos mit rekordverdächtig niedrigem IQ und extrem rücksichtslosem Verhalten gegenüber ihren Mitmenschen. So ungepflegt wie ihre Aussprache sind Bekleidung und Sitten. Der Country ist die passende Musik dazu. Doch das Gezupfe, das oft als Auswurf solch furchtbarer Gegenden gering geschätzt wird, wirkt hier wie wärmendes Herdfeuer,

Damit noch nicht genug des Elends, die Haupteinkommensquelle scheint das „Kochen" von Crystal Meth zu sein. Das „Crank", wie es hier genannt wird, verstärkt die Aggressivität. Angeblich soll auch Jessup mit so einem illegalen Labor in die Luft geflogen sein. Ree durchschaut jedoch diese falsche Spur. Angesichts dieser besonderen Exemplare der Gattung Kotzbrocken bleibt den Frauen nichts anderes als eine heimliche Solidarität. Scheinbar, denn letztendlich verteidigen die Weibchen erschreckend brutal ihren Clan ebenso wie die schon immer abschreckenden Leithammel.

Die Landschaft ist ähnlich karg wie der Film selbst, die Temperatur eisig wie der Umgang. Trotzdem fesselt diese Trostlosigkeit. Das liegt zum einen am Spiel von Jennifer Lawrence als, die für den Oscar nominiert war. Und auch an der Aufrichtigkeit des Films. Das Drehbuch entstand nach dem gleichnamigen Roman von Daniel Woodrell, der selbst  in Missouri, in solch einer Umgebung gelebt hat. Gedreht wurde an authentischen Orten mit vielen Laiendarstellern, was man dem Film überhaupt nicht anmerkt.

Der eindringliche „Winter's Bone" zeigt keine kriminalistische, keine spannende Suche. Der Blick liegt auf der suchenden Ree, die fast noch Baby-Speck im Gesicht trägt, aber sich sogar die Hochachtung des gnadenlosen Kopfgeldjägers erwirbt. Dafür muss sie eine grausige Entdeckung machen und wir erleben, wie sich Menschenverachtung noch unter Null versenken lässt. Am Ende hat Ree die Farm zurück gewonnen und die Anerkennung der Gegend. Eine Flucht aus der menschenfeindlichen Tristesse steht nicht auf dem Programm.

Unter dir die Stadt

Frankreich, BRD 2010 (Unter dir die Stadt) Regie: Christoph Hochhäusler mit Robert Hunger-Buhler, Nicolette Krebitz, Mark Waschke 105 Min.

Es scheint eine klassische Affäre zu werden: Die unkonventionelle Kreative Svenja Steve (Nicolette Krebitz) landet mit dem neuen Job ihres Freundes Oliver im Frankfurter Bankenmilieu. Ihre Nikotinsucht führt zu einer zufälligen Begegnung mit Olivers Chef Roland Cordes (Robert Hunger-Bühler). Der Banker des Jahres will eine Affäre und befördert Svenjas Mann deshalb auf einen lebensgefährlichen Posten in Indonesien. Ein aufreizendes Machtspiel mit Lebenslügen und Täuschungen beginnt, bei dem die junge Frau dem berufsmäßigen Manipulator keineswegs unterlegen ist.

Svenja ist eine Revoluzzerin. Rebellisch und so mutig, dass sie sogar ihrem Freund in den verachteten Banker-Job folgt. Eine junge verrückte Frau - genau was so ein verknöcherter Banker braucht, denkt man schnell. Doch Svenja ist imprägniert gegen die Verführungen von Macht und Karriere. Sie gibt sich selbst im eigens gemieteten Hotelzimmer noch desinteressiert. Cordes' Ränkespiele, seine Lügen und Täuschungen werden dagegen immer krasser. Ebenso wächst beim Zuschauen das Entsetzen angesichts der Unverfrorenheit dieses Anzugträgers. Zu den heftigsten, ja gar lynch-artigen Momenten gehört der sadistische Voyeurismus von Cordes, der gegen Bezahlung runtergekommenen Junkies zusieht, wie die sich einen Schuss setzen. Genau wie bei der erfundenen Legende einer eigenen Kindheit in schäbiger Mietswohnung, kann der Banker sich Menschliches nur mit besonders perversen Verrenkungen aneignen.

„Unter dir die Stadt" kann man als Kommentar zu Heuschrecken und Ackermännern lesen. Diese Menschen sagen beim fotografiert werden nicht „cheese" sondern „greed". Und die Gier des Cordes ist maßlos. Auch wenn er im Umgang mit den Konsequenzen seiner Handlungen überrascht. Der Film ist aber auch ein eiskaltes Psycho-Drama mit faszinierend genauen Einblicken in Funktionen und Deformationen der begehrenden Psyche. Der studierte Architekt und Filmemacher Hochhäusler („Milchwald", „Falscher Bekenner") arbeitet mit Räumen. Wer tut das nicht, kann man fragen, doch Hochhäusler situiert Svenja sehr exakt beim Einzug und der Neueinrichtung einer gemeinsamen Wohnung. Die abgehobenen Spiegel-Türme der Frankfurter Banker mit ihren undurchdringlichen Fassaden sind eigentlich auch Klischee, aber selbst den Hochhäusern gewinnt Hochhäusler noch einiges an Kälte ab. Die wiederkehrenden Blicke von oben auf Passanten, die Kirche und den ganzen Rest der Welt lassen Kälte förmlich spüren. Dazu passt ein extrem irritierender Soundtrack, der immer wieder Hintergrundgeräusche in Musik übergehen lässt.

Grandios dabei die Hauptdarsteller: Der vom Theater kommende Robert Hunger-Bühler ist noch ein recht unbekanntes Kinogesicht, das sich aber als Cordes nachhaltig einprägt. Nicolette Krebitz verbindet in Svenja wieder wie in vielen anderen Rollen (und ihren eigenen Filmen) starke Emotionalität mit großer Intelligenz, Zerbrechlichkeit mit enormen Durchsetzungsvermögen. Die Exaktheit dieser Figuren und der genauen Konstruktion von Hochhäusler wird schnell übersehen, denn der allerletzte Schlusspunkt ist nur noch surreal: Noch ein Blick von oben auf die Straßen mit panisch rennenden Passanten und der Kommentar: Es geht los!

Spannend kühl inszeniert Christoph Hochhäusler die Affäre eines Frankfurter Bankers mit der Frau eines Angestellten in „Unter dir die Stadt". Aus einer zufälligen Begegnung wird ein Beziehungs- und Machtkampf mit überraschenden Verhältnissen. Der Cannes-Starter der Kölner „Heimatfilm" ist kluges Kopfkino und vermittelt in einem überzeugenden ästhetischen Konzept die Skrupellosigkeit abgehobener Machtmenschen auch emotional.


Sucker Punch

USA,Kanada 2011 (Sucker Punch) Regie: Zack Snyder mit Emily Browning, Abbie Cornish, Jena Malone, Vanessa Carla Gugino, 110 Min.

Bitter-süßer Pulp

Wenn Quentin Tarantino frontal mit dem „Tank Girl" zusammenkracht und Baz Luhrman das alles durch seine Rote Mühle dreht... „Sucker Punch" ist ein gewaltiger Action-Clip von Zack Snyder, ein postmodernes Kinospektakel, bei dem einem Zitate, Zeiten und Fetzen um die Ohren fliegen. Die Geschichte einer Kind-Frau im Sumpf ausbeuterischer Männer-Anstalten kommt da fast zu kurz, dies ist Kino-Kampf-Sport in Reizwäsche. Moral ist längst von Weltkriegs-Panzern, Mittelerden-Orks oder Mittelalter-Drachen plattgemacht worden.

„Sweet Dreams" bilden die einzige Fluchtmöglichkeit für Baby Doll (Emily Browning). Aber bei einem Mädchen, das Vergewaltigung durch den Stiefvater miterlebt hat und von diesem auch noch in eine schmierige Nervenheilanstalt abgeschoben wird, sind Träume niemals süß. Die farblose Klapse erweist sich als Bordell, in dem die jungen Patientinnen ihren ekligen Freiern mit Tanzvorführungen einheizen sollen. Der südländische Pfleger Mr. Pleasant (Oscar Isaac) gibt den brutalen Zuhälter Blue, der gerne Jungfrauen zu besonders hohen Preisen verkauft. Baby Doll denkt auch hier nur an Flucht. Überraschenderweise bietet ihr ausgerechnet der Anmach-Tanz - den wir nie sehen - einen Ausweg: Damit hypnotisiert das Mädel im Schulmädchen-Anzug die Zuschauer und versetzt sich selbst in eine fantastische Action-Welt. Hier, im alten Japan, im futuristischen 1. Weltkrieg oder in einer Fantasy-Welt mit Drachen und Orks, muss sie vier Gegenstände erobern. Ihre Mitgefangenen mit den Porno-Namen Sweet Pea, Rocket, Blondie und Amber kämpfen an ihrer Seite. Im Stile von „Charlie's Angels" voller Adrenalin und nicht mehr jugendfrei. Während diese pralle und eindrucksvolle Action sorgen- und sinnfreien Spaß bietet, ist sie auch die einzige der drei Erzählebenen, in der sich die jungen Frauen wehren können. In den realeren Realitäten ist der Kampf ein wirklich düsterer.

Ein heftiger Punch aus Drama und Musik eröffnet diese bitter-süße Kino-Attacke. Wie auch später bei Baby Dolls Traumwelt-Actiontänzen ein starker, mitreißender Video-Clip, bei dem die Song-Länge die Szene bestimmt. Besonders kraftvoll dröhnt Björks Army of me". Kraftvoll und im Text passend: „Wenn du dich noch einmal beschwerst, bekommst du es mit einer ganzen Armee von mir zu tun!" Leider folgt der Film nicht der Frauen-Power der Songs. Diese süßen Punch-Girls sind keine Rebellinnen wie das „Tank Girl" im Film von Rachel Talalay. Sie bleiben Opfer, egal wie viele Zombie-Soldaten oder spiegelnde C-3PO-Imitate umgebracht werden. Ihr einziger Wunsch bleibt, wieder nach Hause zu können, was letztlich auch nur eine Illusion ist, wie das letzte Bild mit der Vogelscheuche aus „Zauberer von Oz" zeigt. Der wirkliche Held, der Retter oder Engel ist Scott Glenn als Wiedergeburt von Tarantinos (Kill)Bill.

Die Zitate-Galerie bedient sich ausführlich bei „Brasil", „Moulin Rouge", bei „Herr der Ringe" und vielem anderen mehr. Zack Snyder erweist sich als Guttenberg der Filmregisseure, erschafft aber etwas Eigenes, das mehr Pulp ist als Tarantinos gesammeltes „Pulp Fiction". Aber genauso überwältigend wie die zahlreichen Verweise sind die Bilder und Töne. Wenn ein kriegerisches, rosa Pokemon über die Leichengräben von Verdun hüpft, das ist filmische Fantasie in seiner wildesten Form. Und absolut sehenswert.

Snyder muss nach so unterschiedlichen Filmen wie „Die Legende der Wächter" (2010), „Watchmen - Die Wächter" (2009), „300" (2006) und sogar einem Video-Clip für „Morrissey" auf jeden Fall als ein hochtalentierter Filmemacher angesehen werden, der auch in verschiedensten Genres bemerkenswerte Fingerabdrücke hinterlässt. Auf seinen „Superman: Man of Steel", der 2012 in die Kinos kommt, darf man gespannt sein.


23.3.11

In einer besseren Welt

Dänemark,Schweden 2010 (Hævnen) Regie: Susanne Bier mit Mikael Persbrandt, Trine Dyrholm, Ulrich Thomsen, Markus Rygaard  117 Min. FSK ab 12

Der aktuelle Oscar-Gewinner „In einer besseren Welt" verbindet eine Familiengeschichte mit der Problematik von Gewalt und der schwierigen Reaktion darauf. Die ausgezeichnete dänische Regisseurin Susanne Bier („Brothers", „Nach der Hochzeit", „Open Hearts") und ihr vertrauter Autor Anders Thomas Jensen spannen den Bogen ihrer intensiven Geschichte von einer zerfallenden Kernfamilie bis zur großen Politik, vom Mobbing in der Schule bis zu afrikanischen Warlords. Exzellent gespielt, wirkt „In einer besseren Welt" gleichzeitig berührend und klug differenzierend.

Während sein Vater Anton (Mikael Persbrandt) in einem afrikanischen Flüchtlingslager als Arzt operiert, muss sich Elias (Markus Rygaard) in der dänischen Schule von einem „Bully" und seinem Anhang quälen lassen.  So grausam dieses Mobbing ist, so brutal ist die Gegenwehr des neuen Mitschülers Christian (William Jøhnk Nielsen) mit Eisenstange und Messer. Die beiden werden Freunde und finden sich im gemeinsamen Leiden: Christian hat seine Mutter an den Krebs verloren, Elias kommt nicht mit der drohenden Scheidung der Eltern zurecht.

Anton und Marianne (Trine Dyrholm) können nur noch am Telefon miteinander reden, selbst wenn er in Dänemark ist, wo er übrigens auch immer draußen in der Natur sitzt. Anton ist ein bemerkenswerter Mann und als ihn auf dem Spielplatz ein dumpfer Grobian ohrfeigt, verhält er sich noch seltsamer als sonst. Er sucht den Automechaniker auf und hält ganz konkret auch die andere Wange hin. Eine erstaunlich gelassene und souveräne Reaktion gegenüber einem adrenalin-gesteuerten Gewaltmenschen. Ob die gerade mal zehnjährigen Jungs, die Anton zu dieser pazifistischen Demonstration mitgenommen hat, es verstehen, ist fraglich. Aber er macht Eindruck.

Eine ganz andere Situation erwartet den stoischen Arzt im Flüchtlingslager, als ein Milizenführer mit fast verfaultem Bein eingeliefert wird und seine Schergen Angst und Schrecken verbreiten. Anton weißt die Bewaffneten vor das Tor, behandelt aber zum Entsetzen seiner einheimischen Mitarbeiter „Big Man", der dafür berüchtigt ist, Schwangeren den Bauch aufzuschneiden. Dieser mutigen Haltung, die später noch einmal herausgefordert wird, steht eine Gewalttat des Halbwaisen Christian gegenüber. Er will dem Mechaniker seine Grenzen aufweisen - mit Sprengstoff!

Auch wenn die Kritik die letzten zehn harmonischen Minuten „In einer besseren Welt" bemängeln, dieser großartige Film reflektiert den Umgang mit Gewalt vom familiären Kreis bis zur Weltpolitik facettenreich und bietet bei vielen Gedankenanstößen keine einfache Lösung. Exzellente Schauspieler sorgen dafür, dass die lebendigen Figuren mitfühlen lassen. In sehr schönen, handlungsfreien Bildstrecken schenkt der Film Ruhe, als hielte die Natur den Atem an, um zu schauen, wie sich diese kleinen Wesen in ihr verhalten. So wie wir den Ameisen zusehen. Die meisterliche Montage mit gleitenden Übergängen von Dänemark nach Afrika zeigt unsere Erde als eine zusammenhängende Welt. Das goldbraun abgeerntete Feld könnte auch Savanne sein. Hier wie dort kann das persönliche Handeln über einen Flächenbrand der Gewalt entscheiden.

22.3.11

Filmreihe Hyper-Real im Aachener Ludwig Forum

Im Rahmen der faszinierenden Ausstellung „Hyper Real - Kunst und Amerika um 1970", der „künstlerische Reflexion des American Way of Life im Kontext gesellschaftspolitischer Entwicklungen" laufen ab heute im Aachener Ludwig Forum jeden Donnerstag zeitgenössische Filme und Werke, die einen Bezug zur themasierten Zeit haben. Von Kubricks „2001 - Odyssee im Weltraum" (24.3.) aus dem Jahre 1968 bis zur Errol Morris' Dokumentation über Robert McNamara, „The Fog of War" (2.6.) aus 2003, reicht die Spannweite. Zu den 13 Filmen, die von DVD kommen und nicht in Kinoqualität projiziert werden, gehören geniale Zeitstimmungen wie „American Graffiti" (USA 1973, Regie: George „Star Wars" Lucas, 19.5.), Kriegs-Anklagen wie „Platoon" (UK/USA 1986, Regie: Oliver Stone, 21.4.) und „Full Metal Jacket" (UK/USA 1987, Regie: Stanley Kubrick, Do 9.6.) sowie - ungemein aktuell - die Warnung vor den Gefahren der Atomkraft in „Das China-Syndrom" (USA 1979, Regie: James Bridges, Do 26.5.). Eine gut ausgewählte Reihe, die auch bei großen Festivals laufen könnte, in Aachen aber leider unter Wert vorgeführt wird. (23.3.-10.6. immer um 20 Uhr im Space, im Kino des Ludwig Forum, Aachen) 


The Roommate

USA 2011 (The Roommate) Regie: Christian E. Christiansen mit Leighton Meester, Minka Kelly, Cam Gigandet 91 Min. FSK ab 16 Jahre

Wer "Weiblich, ledig, jung sucht ..." noch kennt, weiß dass eine billige und schlechte Kopie dieses sehr spannenden, 19 Jahre alten Thrillers von Barbet Schroeder nicht ohne Hohn ist. Geht es doch in dem bösen Psycho-Spiel zwischen Bridget Fonda und Jennifer Jason Leigh gerade um eine Mitbewohnerin, die im umgekehrten Vertigo ihrem Idol immer ähnlicher wurde. Eine mörderische Kopie. „The Roommate" hingegen ist das tödlich langweilige Plagiat, das auf ein ahnungsloses Publikum hofft.

Diesmal will die College-Studentin Rebecca allerbeste Freundin und auch ganz genau so werden wie ihre Mitbewohnerin Sara. Dafür ermordet sie eine vermeintliche Freundschafts-Konkurrentin und spült sogar ein Kätzchen in der Waschmaschine weich. Irgendwann merkt Sara, dass sie in einem ganz bösen Film ist...

Statt Bridget Fonda und Jennifer Jason Leigh spielen nun Leighton Meester, Minka Kelly und Cam Gigandet. Namen, die man höchstens von TV-Serien kennt. Gegen den Thriller spricht auch schon die Altersausrichtung für den amerikanischen Markt: Alles soll noch für 13-Jährige kompatibel sein. Bei uns ist er „ab 16" und für niemanden empfehlenswert.

Gnomeo und Julia

USA/Großbritannien 2011 (Gnomeo & Juliet) Regie: Kelly Asbury 84 Min. FSK ab 6

Kaum sind die zerstrittenen Haushälter namens Montague und Capulet aus dem Haus, da kommen ihre Gartenzwerge groß in Fahrt und führen den Streit der neidigen Gärtner weiter. Die kultivierten Blauen verachten die ungebildeten Roten. Ab und zu schlüpft einer durch den Zaun, um die Blumen in Nachbars Garten umzuknicken. Die jungen Wilden liefern sich in der Gasse namens Verona Drive heiße Rennen mit den Rasenmähern. Der Held heißt diesmal nicht James Dean sondern Gnomeo. Als Sohn der Blauen Königin tragen seine tönernen Muskeln viel Verantwortung und Bewunderung. Die rote Julia hingegen ist um die Schönheit der Grünkultur besorgt. Beim Ergattern einer schönen Orchidee im verlassenen Garten der Nachbarschaft treffen sich Gnomeo und Julia in einem wunderschönen Liebesduett! Denn hier handelt es sich um ganz gewöhnliche, sprechende, laufende und raufende Gartenzwerge mit einer ganz außergewöhnlichen Besonderheit: Sie singen dauernd kitschige Elton John-Lieder!

Es kommt, wie Shakespeare es von seinem steinernen Podest voraussagt: Diese Liebe endet - vorläufig - tragisch, denn Gnomeos kleine und kleingeistige Verwandtschaft denkt immer noch „Lieber tot als rot!" „Gnomeo und Julia", dieser tolle Zeichentrick-Spaß für Kinder und Erwachsene, löst sich weitgehend von Shakespeares Original ohne dabei auf tönernen Füßen zu stehen. Oder ich habe vergessen, welche Rolle der rosa Plastikflamingo mit südländischem Akzent beim britischen Barden spielt. Trotzdem kommen eine Menge Zitate vor und der Bus, der Gnomeo entführt, fährt selbstverständlich nach Stratford-upon-Avon. Doch aus welchem Königsdrama stammt noch mal der Rasenmäher namens „Terra minator"? Oder erwuchs er wie andere Szenen eher aus „Tiger & Dragon" und „Braveheart"? Die Lieder, angefangen beim „Crocodile Rock", sind jedenfalls eindeutig vom modernen Barden Sir Elton, der auch ausführender Produzent der verrückten und überkandidelten Garten-Party war. Dabei behalten die einzelnen Gartenzwerge sehr nett im animierten Zustand ihre beschränkte Identität. Weitere Grün-Ausstattung füllt die „Dramatis personae" humorvoll an: Ein Plastik-Frosch gibt die Amme Julias. It's mehr then a little bit funny, dieser größte Gartenzwerg-Film der Welt. Er braucht übrigens kein 3D, um riesig - Verzeihung: zwergig Spaß zu machen. 

Der letzte Tempelritter

USA 2010 (Season Of The Witch) Regie: Dominic Sena mit Nicolas Cage, Ron Perlman, Claire Foy, Ulrich Thomsen, Christopher Lee  95 Min. FSK ab 16

Schon 1332 machten gedankenlose Soldaten den Mörder im Namen irgendeines Gottes. 1333, 1334 usw., Jahr um Jahr morden die Kreuzritter weiter. Der Dienst dauert viel länger, als vereinbart. Ein versprochener Abzug lässt auf sich warten. Irgendwann mitten im Gemetzel öffnet Behmen (Nicolas Cage) die Augen und erkennt, dass er gerade eine junge Frau auf seinem Schwert ersticht. Das schreit nach Sühne. Wieso - nach langer Reise in Österreich gelandet - nicht eine junge Frau, die der Hexerei verdächtigt wird, retten? Was Sinnvolleres konnte man im Mittelalter scheinbar nicht mit seinem schlechten Gewissen anfangen. Aber auch anderes ist abwegig in diesem Film: Hier gibt es tatsächlich Hexen, die Steiermark liegt am Meer und der Teufel ist wieder mal kein Eichhörnchen sondern ein übertriebenes Monster aus der digitalen Trickkiste.

Inmitten einer pestgeplagten Landschaft zieht Behmen los, das Mädchen im Käfig und begleitet von seinem Kumpel Felson (Ron Perlman), dem Ritter Ekhart (Ulrich Thomsen), einem Mönch, einem Dieb und einem Praktikanten. Das hört sich schon viel interessanter an, als es letztlich wird: Beim langen Ritt durch ausführlich abgefilmte Berge und Wälder sterben einige der Gefährten, am Reiseziel, einem Kloster, liegen nur noch Leichen und jetzt kann sich Behmen endlich mit einem digitalen Monster prügeln.

Die erste Enttäuschung ist der Filmtitel, der sich von der Hexen-Saison im Englischen zum sinnentfremdeten Kreuzritter im Deutschen wandelt - DAS ist das Letzte! Nicolas Cage trägt wieder langes, lockiges Haar durch die Landschaft und schaut vertraut ernst in dieselbe. Es gibt etwas Action, ein paar Gruselszenen, Wölfe mit einem Lemming-Gen, die den Reisenden direkt ins Schwert springen, und andauerndes Kopfschütteln über diese einfältige „Âventiure". Die mittelalterliche Erzähl-Formel erweist sich - trotz teurer Kulissen und auch wegen unerträglich dick aufgetragener Musik - vor allem für das Publikum als Bewährung. Ganz entfernt winken Polanskis „Die neun Pforten" herüber, aber da konnte man sich von echten Hexen noch verzaubern lassen.

Das Schmuckstück

Frankreich 2010 (Potiche) Regie: François Ozon mit Catherine Deneuve, Gérard Depardieu, Fabrice Luchini, Karin Viard, Judith Godrèche 103 Min.

Eine französische Screwball-Komödie mit Catherine Deneuve und Gérard Depardieu. Wie toll! Nun muss man den Jüngeren vielleicht erklären, was eine Srewball-Komödie ist, eventuell auch, wer Deneuve und Depardieu sind. Dass dieses cineastische „Schmuckstück" von François Ozon ist, macht den Spaß noch etwas spezieller...

Fabrice Luchini spielt wie schon bei „Les femmes du 6ème étage" wieder den Boss, der Probleme mit Frau und Personal hat. Diesmal ist seine Figur Robert Pujol allerdings ein ausgesuchtes Ekel. Voll die 70er kommt er mit einem Kofferradio in der Hand die Treppe herunter und motzt: Madame Pujol (Catherine Deneuve) soll keine Fragen stellen, soll kein Frühstück machen, soll nur Madame Pujol sein. Ein Schmuckstück - eine „Potiche", eine Ziervase. Wenn man sie in der Anfangsszene selig in lieblicher Natur joggen sieht oder wenn sie - wieder farblich perfekt mit der Umgebung abgestimmt - in der Küche ein Liedchen trällert, dann scheint ihr diese Roll zu passen.

Doch ein Streik seiner Arbeiter fällt den galligen Pujol per Herzattacke. Nun übernimmt Suzanne Pujol, die Tochter des Firmengründers, wieder die Führung der Regenschirm-Fabrik. Sie macht sich nur noch etwas frisch - die Kleidungsfrage ist ebenso wichtig wie die Klassen-Frage - und tritt mit Pelz und Perlen den Gewerkschaftsvertretern gegenüber. Während der Gatte in Anlehnung an Sarkozy meint, „wenn die Arbeiter mehr Geld wollen, sollen sie mehr arbeiten", verständigt sich Madame Pujol mit allen. Sogar mit der Sekretärin, die nur zu gerne die Rolle der Ehefrau übernehmen würde und auch mit intimen Handreichungen vertraut ist. Tochter und Sohn Pujol sollen endlich in der Firma mitarbeiten. Der kunstsinnige, unübersehbar schwule Sohn lässt sich einspannen und entwirft herrlich poppige Regenschirm-Designs. Mit dem kommunistischen Bürgermeister Maurice Babin (Gérard Depardieu) zieht Suzanne in die anrüchige Bordell-Disko, die dem holden Gatten immer für „Geschäftsgespräche" diente. Hier lebt die Affäre wieder auf, die Suzanne und Maurice kurz vor ihrer Hochzeit hatten. Nach einigen Monaten unter der Führung von Madame Pujol blüht auch die Regenschirm-Produktion auf, doch dann kehrt der erholte Herr Pujol von seiner Kreuzfahrt zurück. Er ist jetzt das „Potiche", das Schmuckstück, und muss zuhause Hausfrauen-Sendung schauen. Im Streit um die Herrschaft über die Firma gewinnt er mit fiesen Tricks, doch Suzanne Pujol will jetzt gleich in die Politik: Wenn ich bisher den Haushalt und die Firma Pujol aufräumen konnte, dann werde ich auch das Land aufräumen...

Srewball war der vom rasanten Wortwitz angetriebene Komödien-Spaß aus dem Hollywood der 50er-Jahre. Die Figuren waren gut situiert und seltsam - das passt zu den Pujols. Auch an vielen anderen Ecken ist „Das Schmuckstück" Zitat und ein Vergnügen für Cineasten, angefangen mit der wunderschönen Idee, die Deneuve, die mit „Die Regenschirme von Cherbourg" vor 46 Jahren berühmt wurde, wieder ins Regenschirmgeschäft einsteigen zu lassen. Und das mit einer völlig verspielten Fabrikation, künstlich wie Willi Wonkas Schokoladenfabrik. „Das Schmuckstück" schmückt die Karriere der Deneuve vortrefflich: Traumhaft, wie sie morgens beim Joggen die Rehlein, die Täubchen und die rammelnden Häschen begrüßt. Solch kitschig-verrückte Szenen macht François Ozon kaum jemand nach. Auch die Lied-Einlagen nicht, die vor allem als Hommage an die große Zeit des Hollywood und des französischen Musicals gedacht sind. In der schönsten Verbindung beider, in „Die Mädchen von Rochefort", spielte, sang und tanzte Catherine Deneuve mit Gene Kelly die Hauptrolle. Da gibt es selbstverständlich auch jetzt eine typische Gruppentanz-Einlage, wie in Ozons etwas weniger lieblichen „Tropfen auf heiße Steine" und in seinem Erfolg „8 Frauen".

Fabrice Luchini erweist sich in „Das Schmuckstück" wieder als großartiger Komiker. (Während das weitere Casting eine gewisse Verachtung für die Arbeiterklasse zeigt.) Deneuve macht mit Ausstrahlung wett, was ihr an Tempo fehlt. Ihr gebührt auch die letzte große Ozon-Szene: Suzanne Pujol beendet ihre Siegesrede mit einem Chanson, „C'est beau la vie"! Diese nette Komödie ist auf jeden Fall schön.

16.3.11

I Shot my Love

Israel, BRD 2010 Regie: Tomer Heymann 70 Min.

Eine Familiengeschichte, eine Liebesgeschichte und eine über jüdisch-deutsche Verhältnisse heute. Die tolle Dokumentation mit dem nicht martialisch gemeinten Titel „I Shot my Love" fängt auf sehr persönliche Weise eine Vielfalt von Themen ein: Die Mutter schenkte Tomer Heymann die erste Kamera, er wurde filmverrückt, nahm alles auf und Jahre später stehen die beiden Israelis zusammen bei der Berlinale auf der Bühne. Später lernt Tomer im Berlin den deutschen Andreas kennen. Der verliebte junge Künstler reist bald nach Tel Aviv. Selbst bei der sehr emotionalen Umarmung am Flughafen bleibt die Kamera in der Hand und ist auch ansonsten immer dabei. Mit der Mutter in der Wohnung, mit dem Geliebten unter der Dusche, wenn dieser Brecht singt.

„I Shot my Love" balanciert auf scheinbar beiläufige Weise verschiedene Aspekte seines Lebens und ist nie monothematisch wie viele israelische Dokumentationen aus der Generation der Nachgeborenen. Die sehr vielschichtige Dokumentation zeigt mehr Gefühl und Wahrheit, als die meisten Spielfilme.

The Rite - Das Ritual

USA 2010 (The Rite) Regie: Mikael Håfström mit Anthony Hopkins, Colin O'Donoghue, Rutger Hauer 114 Min.

Ein junger Mann, der eigentlich nicht Priester werden will, erfährt, dass er Hundertausende an Studienkosten zurückzahlen muss, falls er fahnenflüchtig wird. Michael Kovak (Colin O'Donoghue) könne aber auch in Rom an einem ganz speziellen Priester-Seminar teilnehmen, schlägt sein spiritueller Doktorvater vor. Dort sieht Michael ein Best off aller möglichen Exorzisten-Filme und wird gründlich an das Thema rangeführt, das ihm sehr suspekt ist. Ein Praktikum bei Pater Lucas (Anthony Hopkins), der mit allen Weihwassern gewaschen scheint, präsentiert ihm ein schwangeres italienisches Mädchen, das vom Vater vergewaltigt wurde, als erste und dann chronische Patientin. Das Power-Beten mit Kreuz-Schwingen stellt eine Prüfung für den ungläubigen Michael dar, denn: Wenn er nicht an Gott glaubt, wieso dann an den Teufel? Allerdings ist so ein moderner Mensch auch eine Herausforderung für Beelzebub und dieser bemüht sich redlich mit dem üblichen Kopfverdrehen, Adern-Anschwellen und Fingernägel-Kratzen überzeugend zu wirken.

Auch das übliche Exorzisten-„Ritual" bemüht sich relativ geschickt, selbst die am Kult des Horrors Ungläubigen zu packen. Da hilft die Vorlage zum Film, Matt Baglios „Die Schule der Exorzisten: Eine Reportage" ist der Bericht eines Priesters, der die Exorzisten-Abteilung des Vatikans durchlebt hat, ebenso wie die skeptische Grundhaltung des Protagonisten. Die nachvollziehbare Frage, ob es sich nicht einfach um Schizophrenie handelt, nimmt auch einige verständliche Einwände vorweg. Und verweist auf den einzig im Wortsinne „vernünftigen" Exorzisten-Film: Hans-Christian Schmids „Requiem" mit Sandra Hüller als Getriebene und Verfolgte. Doch der beste Trick des Films ist Anthony Hopkins. Dieser großartige Schauspieler könnte einem auch glauben machen, dass die Erde eine Scheibe oder unsere Atomkraftwerke sicher sind. Dabei kann sich seine Figur erlauben, mitten im Exorzismus ein Telefongespräch anzunehmen! Stand nicht in der Gebrauchsanleitung „nicht am Steuer oder bei Teufelsaustreibung benutzen"? Derweil behauptet die Musik dauernd Spannung, die in Bild und Handlung noch lange nicht auftauchen. Es gibt spannendere, mit mehr Schrecken beseelte, aber auch viele simplere Exemplare dieser teuflischen Filmgattung. Trotzdem bleibt auch dieser Fall unwesentlich wie eine Geisterbahnfahrt.

15.3.11

Onkel Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben

Thailand, Großbritannien, BRD, Frankreich, Spanien 2010 (Uncle Boonmee who can recall his past Lives) Regie: Apichatpong Weerasethakul 113 Min. FSK ab 16 OmU

Der bejubelte Gewinner der Goldenen Palme von Cannes 2010 „Onkel Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben" ist ein seltenes Erlebnis in deutschen Kinos. Zwar ist der Thailänder Apichatpong Weerasethakul (man darf ihn auch einfach „Joe" nennen) nicht nur ein anerkannter Regisseur und Bildender Künstler, doch schon seinen letzten Cannes- Beitrag „Tropical Malady" verschliefen 2005 nicht nur viele Kritiker, in Deutschland sahen ihn nach dem Start nur 4.000 Menschen.

Onkel Boonmee ist schwer krank, mitten in der Natur bereitet er sich auf den Tod vor. Die Besuche von Angehörigen und Freunden sind in dieser Situation üblich. Bei Weerasethakul tauchen allerdings auch schon verstorbene Personen aus Boonmees Leben auf. In menschlicher und tierischer Gestalt. Mit der wunderbarsten Selbstverständlichkeit. Zwischendurch erzählt der Film traumhafte Episoden, deren Zusammenhang - wie oft bei diesem Regisseur - nicht auf den ersten Blick deutlich wird.

Das Leben (und Sterben) in einer Welt mit beseelten Wesen und Gegenständen als Zyklen der Wiedergeburt zu sehen, ist das große Geschenk des eigenwilligen Filmemachers an seine Zuschauer. Bei „Onkel Boonmee" erlebt man das Hinübergehen so leicht, dass der Film auch Komödie ist. Derart beseeltes und nebenbei auch wunderbar entschleunigtes Kino kann tatsächlich noch bereichern.

Betty Anne Waters

USA 2010 (Conviction) Regie: Tony Goldwyn mit Hilary Swank, Sam Rockwell, Minnie Driver, Melissa Leo 111 Min. FSK ab 12

Erin Brockovich stammte aus einfachen Verhältnissen und kämpfte wie eine Löwin für Gerechtigkeit. Brockovich ist allerdings ein zahmes Kätzchen im Vergleich zu Betty Anne Waters, die ihr halbes Leben aufgibt, um mit allen Mitteln der Justiz ihren unschuldig verurteilten Bruder zu befreien. Das ist bewegend, erstaunlich und in der Geschwisterliebe beinahe unglaublich. Doch wie Erin Brockovich war auch Betty Anne Waters eine reale Figur.

Schon als Kinder sorgten Betty und Kenny immer für Ärger, sie waren Stammgäste bei der Polizei des kleinen Örtchens Ayer in Massachusetts. Betty konnte als kleines Mädchen die Jungs verdreschen, der große Bruder holte sie immer raus, wenn es nicht mehr weiter ging. Die Mutter kümmerte sich nicht um sie, sieben unterschiedliche Waisenhäuser waren ihr zuhause. Als Erwachsene holt Betty (Hilary Swank) ihren Bruder Kenny (Sam Rockwell) immer wieder aus dem Knast. Der charmante Dickkopf  lässt sich von niemanden etwas sagen, ist extrem aufbrausend. So ist er nicht überrascht, dass er wieder verhaftet wird, nur diesmal ist es ernst. Eine Armada von Polizisten steht vor der Kirche, wo Kenny sich gerade von seinem verstorbenen Großvater verabschiedet. Zwei Jahre nach dem brutalen Mord an einer Frau aus der Nachbarschaft kann eine unübersehbar befriedigte Polizistin Kenny festnehmen. Im Jahr 1983 bekommt er lebenslänglich und das Gericht verurteilt damit auch seine Schwester - zu einem erstaunlichen Leben.

Betty Anne Waters beginnt Jura zu studieren, die Mutter von zwei Söhnen ist die älteste Frau in der Klasse. Sie kellnert nebenbei und schafft die Prüfungen gerade so eben. 12 Jahre hängt sie sich derart in die Obsession, die Unschuld ihres Bruders zu beweisen, dass ihr Mann auszieht und sie mit den Kindern alleine lässt. Später wollen auch die lieber beim Vater leben. Das schmerzt, aber die Liebe zum Bruder ist größer. Bis zum Zusammenbruch kämpft Betty, während alle längst aufgegeben haben. Nur Abra Rice (klasse: Minnie Driver), eine Freundin aus dem Studium, bleibt an ihrer Seite und balanciert den erschreckenden Ernst Bettys mit gutem Humor aus. Wie im amerikanischen Recht üblich, brauchen sie einen Präzedenzfall und die technische Entwicklung der DNA-Tests liefert ihnen diesen. Doch eine Staatsanwältin mit politischen Interessen steht Kennys Freilassung weiterhin im Wege. Irgendwann gibt es Email, die Handys sind klein geworden, aber die Blutproben immer noch nicht untersucht...

„Betty Anne Waters" erzählt eine eindrucksvolle, wahre Geschichte, die sich Anfang der Achtziger ereignete. Eine unprätentiöse Inszenierung vom TV-Routinier Tony Goldwyn lässt den Darstellern allen Raum, bis man glaubt, Hilary Swank („Boys Don't Cry") ist wirklich Betty Ann Waters. Deren Beharrlichkeit erstaunt zunehmend, denn es dauert auch im Kino 90 Minuten, bis Hoffnung aufkommt - dieser Film macht es nicht leicht, an die Unschuld von Kenny zu glauben. Swank fesselt in allen Verfassungen - bis zum nahen Wahnsinn. Auch Sam Rockwell altert in der Rolle ansehnlich, aber sein Kenny bleibt immer noch jähzornig. Überhaupt ist „Betty Anne Waters" im Stil unauffällig, aber durchgehend hervorragend besetzt. Juliette Lewis spielt beispielsweise eine herrlich schlampige Zeugin, die gegen Kenny aussagt und sichtbar stinksauer auf ihn ist. Das Drama feiert keine überschwängliche Freude am Ende, denn es bleiben 18 Jahre unschuldige Haft. Allein das New Yorker Projekt, das auch Betty Anne Waters in den letzten Monaten unterstützte, erreichte seit 1989 über 250 Freisprüche auf Basis von DNA-Beweisen! 

14.3.11

Faster

USA 2010 (Faster) Regie: George Tillman Jr. mit Dwayne Johnson, Billy Bob Thornton, Oliver Jackson-Cohen 98 Min. FSK ab 18

Dwayne Johnson macht wieder in aller seiner immer noch hochtrainierten Körperherrlichkeit den schnellen und furiosen Driver. Dieser namenlose Fahrer kommt aus dem Gefängnis, wartet auf niemanden, läuft einfach los. Bis zu seinem Ford Mustang, der gut verstaut bereitsteht. Zur Innenausstattung gehört ein Revolver unter dem Sitz. Nichts hält Driver auf und selten ist ein Entlassener so schnell rückfällig geworden: Wie aus der Pistole geschossen knallt er einen Büroarbeiter ab. Die Polizei tappt noch im Dunkeln, da hat der Ex-Häftling schon einen älteren Herren in den endgültigen Ruhestand befördert. Es traf nicht unbedingt den Falschen, denn dieser wollte sich gerade über ein betäubtes Mädchen hermachen. Der ganze Staat sucht mittlerweile den wenig dezent arbeitenden Driver über die TV-Nachrichten. Auch ein aalglatter Yuppie - der Killer - bekam den Auftrag, den Mörder zu ermorden. Immer zu spät ist derweil ein Junkie mit Dienstmarke. Billy Bad Thornton, der Ex-Mann von Angelina Jolie, macht den Bad Lieutenant, hier einfach Cop genannt. Zehn Tage vor dem Ruhestand (so alt ist Billy Bob echt noch nicht!) scheint er im Gegensatz zu seiner Kollegin Cicero (Carla Gugino) nicht besonders wach oder interessiert, hinter das Motiv des Driver zu kommen.

„Faster" sieht wirklich gut aus und hat einige starke Momente. Das Styling des B-Pictures, das sich selbst etwas zu ernst nimmt, ist erlesen, von den aufgepumpten Körpern bis zum Wagen- und Waffen-Arsenal des Killers und seiner Edel-Gespielin klarst ausgeleuchtet. Der Killer Oliver Jackson-Cohen hat allerdings außer eng stehenden Augen vor lauter Luxus nichts zu bieten. Sein Duell mit dem Driver ist wie das von Mustang und Ferrari: Die Kraft der Natur gegen gelackte Edel-Pferdestärken. Der eine getrieben von Schmerz und Rache. Der andere will nur glänzen und könnte auch Bausparverträge verkaufen. Er tötet als Hobby und lässt sich mit nur einem Dollar bezahlen. Doch bei aller Bemühung von Kamera und Regie: Der tragische Held steht Dwayne The Rock Johnson ebenso wenig wie der Kindergarten-Cop oder -Clown. Billy Bob Thornton macht hingegen als kleiner, wirklich schäbiger Cop nachhaltig Eindruck. Nicht seine größte Rolle, auch nicht die dreckigste, die war der „Bad Santa". Es bleiben auf der Positivliste die rasante Verfolgungsjagd im Rückwärtsgang, ein paar starke Momente und die Endabrechnung mit drei Männern, drei Pistolen und drei Überraschungen.

9.3.11

Justin Bieber - Never say never

USA 2011 (Justin Bieber - Never say never) Regie: John Chu 105 Min.

Infizierte Jugendliche werden es sich kaum vorstellen können: Für den Autoren dieser Zeilen war Justin Bieber irgendwie immer eher eine pelzige Zeichentrickfigur. Das Ohr unbeschädigt von den hohen Tönen des Teenie-Stars wundert sich jemand, dessen Idole in vergangenen Jahrtausenden eher David Bowie hießen und auf keinen Fall glatt und lieb aussahen.

„Justin Bieber - Never say never" ist zuerst ein typisches Starporträt in Konzertform bei der dieses kanadische Jüngelchen ohne markante Persönlichkeit recht verloren wirkt. Nur in 3D auf der Buhne bekommt er wenigstens Bildtiefe, der Rest fällt flach (aus). Die kreischenden Fans wird es nicht stören. Bis auf einen bombastischen Anfang lässt der mäßig inszenierte, überlange Film durchaus Raum für kritische Betrachtungen. Man kann quasi fühlen, dass viele auf spontan gemachte Szenen nur inszeniert sein können - mit 3D geht das nicht spontan! Das Tourleben mit der vermeintlichen Familie stellt sich harmonisch dar, doch kann eine Entzündung im Hals nach hunderten von Konzerten über einen Zeitraum von zwei Jahren tatsächlich der einzige Schaden für einen jungen Jugendlichen sein?

Das bescheidene Wunderkind, das mit fünf Jahren schon eindrucksvoll Schlagzeug spielte und auch noch Gitarre und Klavier lernte, wirkt heute wie ein angepasster Streber. Bemerkenswert wie der noch jüngere Jaden Smith, neben Usher und Miley Cyrus einer von vielen Partnern auf den Konzerten, das Mega-Sternchen Bieber mit Ausstrahlung und Persönlichkeit in den Schatten stellt. Egal ob diese Karriere über YouTube und Twitter entstand, die Musik ist dünn und nichtssagend. Zum Glück spielt der Film auch relativ wenig von ihr. Er ist auf keinen Fall 3D-Material und Regisseur John Chu ist kein Wim Wenders. Besonders die Bühnen-Szenen sind vom Schwächsten. Ein Fan-Film, der noch schneller als sein Star vergessen sein wird.

Alles erlaubt

USA 2011 (Hall Pass) Regie: Bobby Farrelly, Peter Farrelly mit Owen Wilson, Jason Sudeikis, Christina Applegate 105 Min.

„Angesiedelt zwischen derben Witzen und einigem Tiefgang" schrieb der film-dienst zu „Nach 7 Tagen ausgeflittert", dem letzten Film der Brüder Bobby und Peter Farrelly. Tatsächlich ist die neue Komödie der Macher von „Unzertrennlich" (2003), „Ich, beide & sie" (2000) oder „Verrückt nach Mary" (1998) erstaunlich reif und voller Tiefgang - ohne Verzicht auf Zotten, Fäkalem und sonstigem Grobem.

Rick und Fred (Owen Wilson und Jason Sudeikis) sind eingerostete, brave und ihren kleinen Ausflüchten völlig berechenbare Midlife-Ehemänner. Es gibt nicht mehr viel Sex in ihren Ehen. Man denkt, es liegt an mangelnder Zeit, aber eigentlich will die Frau gar nicht mehr. So drehen sich Männergespräch um alle anderen Frauen und die bevorzugten Orte der Masturbation. Irgendwann reicht Maggie (Jenna Fischer) das pubertäre Theater und sie gibt ihrem Mann für eine Woche einen Freifahrtschein von der Ehe. Nicht ganz überzeugt lässt auch Grace (Christina Applegate) ihren Fred von der Leine. Nun erfahren die recht beschränkt Sex gesteuerten Herren, dass sie gar nicht mehr wissen, wo man Singlefrauen findet, geschweige denn, wie man sie anspricht.

Die Woche der sexuellen Freiheit entwickelt sich zum albernen und komischen Fettnäpfchen-Parcours. Da führen mit Gras angereicherte Brownies zu Schweinereien auf dem Golf-Grün, ein vermeintliches Date mit der australischen Kellnerin endet in der Schwulensauna, Anmachersprüche aus dem Netz werden noch peinlicher, wenn man sie nicht richtig aufsagt. Während sich die sexuelle ausgehungerten Herren extrem dämlich verhalten und trotzdem ihre Chance bekommen, haben die Frauen an der Küste eine klasse und richtig romantische Zeit...

Den Brüdern Farrelly gelingt mit „Alles erlaubt" die Quadratur des Kreises: Zwar ist der Humor oft kindisch, doch die Ehegatten sprechen in ihrem Viagra-Redefluss die Wahrheit aus. Sexuelle Details werden ebenso wenig ausgelassen wie klare Worte zum Verlauf von Beziehungen. Auf diesem Gebiet werden nun Erkenntnisse vermittelt, die man auch bei Shakespeare oder in eine Oper von Mozart findet. Zwar hat diese sehr menschliche Komödie nicht so ein bitteres Finale wie es andere Menschendurchschauern - Chabrol oder Woody Allen - oft präsentieren. Hier ist tatsächlich „Alles erlaubt", selbst ein Liebesfilm-Happy End.