6.12.10

Das Kreative Universum


BRD 2010 Regie und Buch: Rüdiger Sünner 83 Min.

Ausgehend von 9/11, das als Ausdruck eines Kampfes zwischen der Wissenschaft und Religion interpretiert wird, sucht der Regisseur Sünner in dieser misslungenen Dokumentation nach einem Graben zwischen Wissenschaft und Spiritualität auch im Alltag. „Gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse, die Raum für die Annahme eines Göttlichen, Heiligen oder Transzendenten lassen?“ Dazu befragt er in zahlreichen Interviews Quantenphysiker, Philosophen, Biologen, Evolutionsbiologen und andere Wissenschaftler. Im Umfeld des Cerns wird der Gedanke aufgewärmt, dass Quantenphysik einen Übergang von Wissenschaft zur Spiritualität denkbar macht.

Statt der versprochenen Suche reiht Sünner wie bei einem Schulfilm Interviews aneinander und lässt - ohne wissenschaftliches Vorwissen - Schwerverständliches zu grauenvoller Musik auf die Zuschauer los. Auch wenn einzelne Inhalte der aufgereihten Themen spannend sein mögen, in dieser Form werden sie unerträglich langweilig rübergebracht.

Nowhere Boy


Großbritannien, Kanada 2009 (Nowhere Boy) Regie: Sam Taylor-Wood mit Aaron Johnson, Kristin Scott Thomas, Anne-Marie Duff, Thomas Brodie Sangster 98 Min.

Auch wenn der Film geschickt zum 8.12.2010, dem 30. Todestag von John Lennon gestartet wurde: „Nowhere Boy“ ist weniger ein Schlüsselfilm für Werk und Person des Ex-Beatles, des „Nowhere Man“-Schreibers Lennon. Er erzählt vielmehr auf schöne und bewegende Weise das Drama von zwei sehr unterschiedlichen Schwestern, deren eine die Mutter und die andere die Pflegemutter eines Jungen namens John aus Liverpool waren. Wobei die Umsetzung der Erinnerungen einer Halbschwester von Lennon (Julia Baird: „Imagine This. Growing Up With My Brother John Lennon“) dann letztendlich doch eine Erklärung für die zerrissene Persönlichkeit dieses kreativen Menschen liefert. Im seinem Song „Mother“ heißt es: „Mother, you had me / but I never had you“

In den 50er-Jahren war Rock’n’Roll noch keine Bewegungs-Therapie für Ü60-Musiker sondern DIE Ausdrucksform für jugendliche Rebellion. So hört der immer trotzige und freche John Lennon (Aaron Johnson) selbstverständlich Jerry Lee Lewis, während seine Tante Mimi Smith (Kristin Scott Thomas), bei der er aufwächst, korrekt gekleidet die Klassiksendungen der BBC verfolgt. Lederjacke und Gel im Haar sind John genauso wichtig wie die Rhythmen. Auf dem Dach der Doppeldecker durch Liverpool zu fahren, war der Vorläufer des S-Bahn-Surfens. Eine normale Jugend also, bis John erfährt, dass seine richtige Mutter Julia Lennon (Anne-Marie Duff) um die Ecke wohnt. Immer öfter geht er heimlich zu ihr. Er lernt, dass es beim Rock’n’Roll meist um Sex geht, und auch das Banjo zu spielen. Während die Zerrissenheit zwischen der exzentrischen Julia, die wie ein Kumpel ausgelassen mit ihm feiert, und der strengen Mimi wächst, stürzt sich John in die erste eigene Band, die „Quarrymen“.

Ganz eingebildetes Großmaul „erwählt“ sich John seine Bandmitglieder. Erst nach einer Weile taucht ein eher stiller, schmächtiger Paul (Thomas Brodie Sangster) auf, der allerdings schon richtig Gitarre spielen kann. John schreibt Geschichten und Gedichte - „leg eine Melodie drunter und du hast einen Song“, empfiehlt Paul. Doch das ist nur Begleitmusik zum Drama der beiden Schwestern. Die psychisch instabile Julia muss John wieder gehen lassen und in einem heftigen Streit an seinem Geburtstag erfährt der verwirrte Junge, wie er als Fünfjähriger von seiner Mutter zurückgelassen wurde...

„Nowhere“, da sei es sicher voller Genies, „dann gehöre ich dort hin“, meint der Schüler John auf den tadelnden Lehrer-Spruch „Damit kommst du nirgendwo hin.“ Doch sein großes Problem ist das Gefühl, nirgendwo hinzugehören. Das Dach über dem Kopf gewährt ihm die nach außen gefühlskalte Tante, die selbst beim Tod ihres Mannes keine Träne zulässt. Die Begeisterung für Musik und das leidenschaftliche Leben erfährt er bei der psychisch labilen Julia, die ihren Jungen behalten möchte, aber nicht die Kraft dazu hat. Besonders diese von Anne-Marie Duff so ungemein lebenslustig und herzlich, aber auch extrem traurig gespielte Frau bestimmt diese Geschichte. Kristin Scott Thomas brilliert mit der Zerrissenheit Mimis, die immer stark sein will und ihrer Schwester nur schwer ihre Liebe zeigen kann. Dazwischen - eher am Rande - ein einsamer junge, der nirgendwo ein zuhause hat, aber wie Elvis sein will. Mit seiner Brille sieht er noch aus wie Harry Potter oder Buddy Holly und reist am Ende des Films nach Hamburg. Das ist eine andere Geschichte - auch als die von Iain Softleys „Backbeat“, der die gleiche Prä-Beatles-Zeit wesentlich schwungvoller zeigt.

Rapunzel - Neu verföhnt


USA 2010 (Tangled) Regie: Nathan Greno, Byron Howard 100 Min.

Der animierte Märchenfilm aus dem Disney-Studio frischt Rapunzel von Jakob und Wilhelm Grimm sowohl in der Gestaltung als auch bei der Küchenpsychologie peppig auf. Ein flotter Zeichentrickspaß für Kinder, bei dem auch die Begleitpersonen nicht zu kurz kommen.

Das haben nicht mal die Brüder Grimm gewusst, dass die Hauptfigur bei Rapunzel eigentlich ein gemeiner Dieb war: Flynn Rider klaut ein Krönchen aus dem Königsschloss und stolpert bei der atemberaubenden Flucht vor der Palastwache und dem unermüdlichen Palastwachen-Hengst Maximus quasi den verlassenen Turm hoch, in dem Rapunzel gefangen ist. Nun glaubt die verschleppte Prinzessin wie jeder Teenager, von der bösen Mutter eingesperrt zu sein und dauernd die große Welt zu verpassen. Wobei im Falle von Rapunzel die böse Mutter eigentlich eine Hexe ist, die mit durchaus bekannten Argumenten das geraubte Kind raffiniert an sich bindet. Denn die Haare des Mädchens leuchten wie Glasfaserkabel, haben Zauberkraft und verjüngen die böse Seniorin, die Cher sehr ähnlich sieht.

Da kommt Flynn Rider wie gerufen und wird von der plötzlich recht selbständigen Rapunzel gezwungen, sie zu den fernen Lichtern zu bringen, die jedes Jahr an ihrem Geburtstag den Himmel erleuchten. Bevor die Eltern in größter Rührung ihr Kind samt feschem Schwiegersohn in die Arme schließen können, hat das Drehbuch (Buch: Dan Fogelman) ihnen eine Menge garstiger Räuber, Schandtaten der Hexe und eine Bewährungsprobe in den Weg gezeichnet. Rapunzel emanzipiert sich von der falschen Mutter und wird zur Pferdversteherin. Die paar holperig übersetzten Liedchen wirken in der Synchronisation sehr altbacken. Für den unerlässlichen Humor sorgen ein Pferd mit Verfolgungswahn sowie ein Chameleon als Rapunzels Freund und spaßiger Unterhalter. Das ist denn auch die Nachricht an alle Eltern: Ein bisschen Rebellion, ein bisschen Abenteuer, das gehört zum Erwachsenwerden!

Auch wenn die Figuren in 2D lebendiger wirken - 3D ist hier mal zurückhaltend und mit umso größerer Wirkung beim emotionalen Höhepunkt des Films eingesetzt.

Monsters


Großbritannien 2010 (Monsters) Regie: Gareth Edwards mit Whitney Able, Scoot McNairy 93 Min. FSK ab 12

Schon früh rumorte es um diesen Film, der sogar auf seriösen Filmfestivals wie Locarno startete: Unheimliche Wesen, Spannung, Science Fiction, aber nicht aus der üblichen, billigen Schreck- und Horror-Maschinerie, die seit Jahren die Kinos verstopft. Und so entsprach die Dramaturgie, mit der sich „Monsters“ näherte, der mit welcher die Monster im außergewöhnlichen Werk von Gareth Edwards fast entspannt näher kommen...

Am Anfang gibt es einige Nachtaufnahmen von panischen schießenden Soldaten. Riesigen Kreaturen, gegen die sich der Kampf richtet, sind nur aus der Ferne zu erahnen. Wir sind in Mexiko, südlich einer „Infizierten Zone“. Dort herrschen nach dem Absturz einer Weltraum-Sonde außerirdische Lebewesen und nur brutalste Bombardements mit Sprengstoff und Gas fallen den Militärs als Gegenmaßnahmen ein. Mit den üblichen „Begleitschäden“ bei der Bevölkerung, die es auch gibt, wenn man Tanklaster vor Dieben schützt. Im Fernsehen lehren schon Trickfilme die Kinder, wie sie die Gasmasken aufsetzen müssen, wenn die Kreaturen auftauchen und Militärflugzeuge am Himmel erscheinen.

Mittendrin versucht der nord-amerikanische Fotograf Andrew Kaulder (Scoot McNairy) die Tochter seines Herausgebers zu retten. Samantha Wynden (Whitney Able) soll auf die letzte Fähre, die durch den Golf von Mexiko um die infizierte Zone schifft. Dabei erweist sich erst einmal der Tequila in der Nacht vor der Abfahrt als größte Bedrohung. Sam und Andrew kommen nicht aufs Schiff und können sich gerade so eine illegale Passage durch die Zone erkaufen. Die ersten 30 Minuten sind eine recht entspannte Reise, bei der nur am Rande die Vernichtungen der Außerirdischen auftauchen und sich die Bedrohung lounge-mäßig anfühlt. Der Weg per Boot und Jeep durch den Dschungel wird gefährlicher, aber es dauert fast eine Stunde, bis bei einem nächtlichen Angriff alle Begleiter von Sam und Andrew von den hochhaus-großen Riesenkraken zerfetzt werden. Viel ist nicht zu sehen, die weitere Flucht gleicht einer Urwald-Wanderung bis die monumentale Grenzbefestigung der USA auftaucht. Doch die ist längst überwunden, ein Teil von Texas bereits evakuiert. Während die Flüchtlinge auf Rettung warten, kommt es zu einer Begegnung der anderen Art...

Eher unbekannte, aber sehr gute Schauspieler. Ein britischer Filmemacher, der das Buch für sein Debüt selber inszenierte, gestaltete und auch filmte. Das Erfolgsrezept für einen guten Film scheint recht einfach zu sein. Vor allem baut Gareth Edwards auf eine Spannungs-Dramaturgie weit weg vom Prinzip der zehn kleinen Afro-Amerikanerlein. Das Grauen zieht in sicherer Entfernung vorüber wie bei Willards Flussfahrt in „Apocalypse Now“. Sam und Andrew haben Zeit für sich, es passiert mehr als ständiges Erschrecken. Nur eingestreut sind Momente, an denen sich eine abgehobene Interpretation aufhängen ließe: Der Verteidigungswall der USA ähnelt unübersehbar der Mauer, die gegen Einwanderung aus dem Süden hochgezogen wurde. Und wenn die Flüchtenden auf einem alten Inka-Tempel rasten, ist auch noch genügend Ruhe, um zu überlegen, wie die Ureinwohner wohl die spanischen Aliens auf ihren Galeeren und in ihren Metallrüstungen wahrgenommen haben. Am Ende bleiben die fremden Wesen mysteriös, ebenso wie das weitere Schicksal von Sam und Andrew.

Ein Mann von Welt


Norwegen, 2010 (En Ganske Snill Mann) Regie: Hans Petter Moland mit Stellan Skarsgård, Bjørn Floberg, Gard B. Eidsvold, Jorunn Kjellsby, Jan Gunnar 111 Min. FSK  ab 12

Nach der Entlassung schlagen ihm tristes Grau und ein eisiger Wind ins Gesicht. Auf Ulrik (Stellan Skarsgård) wartet niemand am Gefängnistor. Auch in der Stammkneipe gibt es nur Tee, keine warmen Worte. Worte sind sowieso knapp bei Ulrik und seiner Umgebung. Noch knapper als das Geld. Doch scheinbar großherzig bietet ihm der Boss Jensen Wohnung und Job an. Die Bleibe ist ein Kellerloch mit Matratze bei Karen Magarete, der älteren Schwester vom auch nicht mehr ganz jungen Boss. Der Job ist eine Autowerkstatt, in der Chef Sven nach dem langen Eingangsmonolog über die Ethik der Zweiten Chance nicht mehr viel redet. Ach ja, Ulrik solle die Finger von der Sekretärin Merete lassen. Doch schon bald stellt sich heraus, dass der frisch Entlassene für die Alimente, die sein Jensen während der Haftzeit an Ulriks Frau und Sohn zahlte, einen Mord erledigen soll. Während seiner kläglichen Versuche, an die alten Familienbande anzuknüpfen, reift aber sein Entschluss, nicht noch einmal wegen Mord hinter Schwedischen Gardinen zu landen.

Nicht der dramatische Versuch, eines Gefallenen, wieder auf die Füße zu kommen macht den Kern dieser Geschichte aus. Der humoristische Reiz dieses „Mannes von Welt“ und seiner Mitmenschen liegt darin, dass bekloppte Typen ihre Dämlichkeit in herrlich hirnrissigen Dialogen darbieten. Großartig ist schon der Auftritt vom Boss, der erst einmal das Auto demoliert, das seine historische S-Klasse eingeparkt hatte und dann noch die Fahrerin in einen Müllcontainer schmeißt.

Bei seiner Ex-Frau erhält Ulrik Fastfood und schnellen Sex. Bei der Vermieterin im Kellerloch polnisches Fernsehen, ein Abendessen und auch Sex, der mit grotesken Gebärden eingefordert und eher unbeschreiblich durchgezogen wird. Zarte Liebesbande mit der vom Leben und vom Ex-Mann geschlagenen Werkstatt-Sekretärin erhalten auch den nötigen Gag-Pepp durch skurriles, aber irgendwie doch auch verständliches Verhalten. So steht der eher lethargische Ulrik plötzlich mit zwei Liebhaberinnen, einem Enkel und moralischem Konflikt dar.

Der schwedische Hollywood-Star Stellan Skarsgård setzt seinen Kurs zwischen Mainstream („Piraten der Karibik“) und Arthouse weiter fort. Diese Rolle des Schweigers Ulrik ist vom Mut zur Selbstdemontage annähernd vergleichbar mit Depardieus „Mammuth“. Ungepflegtes. langes Haar, ein Auftreten, das eher debil als heroisch wirkt - dem aber trotzdem eine gewisse Coolness anhaftet. Das wirkt allerdings im Vergleich zu ähnlich situierten Filmen von Kaurismäki oder eben den „Mammuth“-Machern Benoît Delépine und Gustave de Kervern etwas aufgesetzt. Die gesuchte Skurrilität unterhält, aber eher oberflächlich, ohne den Figuren große menschliche Tiefe zu geben.

1.12.10

Bergfest


BRD 2008 Regie: Florian Eichinger mit Martin Schleiß, Peter Kurth, Anna Brüggemann, Rosalie Thomass 88 Min. FSK ab 12

Das Wiedersehen von Vater und Sohn nach acht Jahren war nicht geplant und erweist sich als sehr schwierig. Hannes (Martin Schleiß) und Ann (Anna Brüggemann) wollten ein paar Tage in der abgeschiedenen und eingeschneiten Berghütte verbringen. Doch da vergnügt sich schon sein Vater Hans-Gert (Peter Kurth) mit seiner sehr jungen Freundin Lavinia (Rosalie Thomass). Während sich Hannes liebevoll um die körperbehinderte Ann kümmert, überspielt der Senior laut alle Spannungen. Will doch der Theaterregisseur auf absteigendem Ast durch eine gemeinsame Produktion mit dem begehrten Schauspieler-Sprössling sein Engagement sichern. Das Kammerspiel wird noch durch einige andere psychologische „Päckchen“ angereichert, sexuelle Spielereien kommen hinzu.

Florian Eichinger gibt seinen Figuren einiges an Konfliktstoff mit. Eine Herausforderung, die von den Darstellern weitestgehend gut gelöst wird. Obwohl einige alte Wunden zu gesetzt wirken, ergibt sich doch ein stimmiges Berg-Wochenende in schlechter Stimmung.

30.11.10

22 Bullets


Frankreich 2010 (L' Immortel) Regie: Richard Berry mit Jean Reno, Kad Merad, Richard Berry 117 Min. FSK ab 18

Lucan Le Stelle unterlegt die kurvenreiche Fahrt aus den Hügeln runter nach Marseille. Der alte Vater Charley Matteï (Jean Reno) genießt die Fahrt mit seinem kleinen Sohn. Eine Idylle, die ganz sicher nicht hält. Kurz darauf geht Matteï im Kugelhagel von „22 Bullets“ zu Boden, erweist sich aber als „L' Immortel“, als der Unsterbliche des Originaltitels. Den ewigen Regeln des Mafia-Films folgend beginnt die Rache des Paten von Marseille. Allerdings nicht gleich: Matteï, der mit zwei Freunden einst die alte Garde ermordet und die Herrschaft über das Verbrechen übernahm, will seine große Familie schonen, hatte sich eigentlich aus dem schmutzigen Geschäft zurückgezogen. Erst als sie ihm den treuen Handlager foltern und von Hunden zerfleischen lassen, nimmt er die Rache in die linke Hand. Die rechte wurde beim ersten Attentat zerschossen.

Der Schauspieler und seltenere Regisseur Richard Berry umgibt seine Mafia-Familie in der Verfilmung seines eigenen Drehbuches mit hektischen Schnitten, Zeitraffern und auch mal mit einer komplexen Fahrt wie bei Brian De Palma. Vor allem aber fährt er volle Kanne Figuren, Klischees und klassische Musik auf. Für den Effekt ist ihm nichts zu schade. Das tragen Reno & Co. eine ganze Weile. Sobald das Ganze aber an Biss verliert, wirken die Figuren albern, mit dem ganzen Konzept überzogen. Tony Zacchia (Kad Merad, der Briefträger der Sch’tis ) als hypochondrischer aber gnadenloser Boss beeindruckt nicht in allen Szenen. Der geplante Höhepunkt, in dem sich Matteï für seinen Sohn tatsächlich unkaputtbar durch endlose Stacheldrahtwälle kämpft, überzieht ins unfreiwillig Lächerliche. Nur zimperlich zu sein, kann man den für Jugendliche nicht freigegebenen „22 Bullets“ nie vorwerfen. Vom ersten Kugelhagel an, nutzen Gangster und Filmemacher jedes Mittel das recht und effektiv ist.

Home for Christmas


Norwegen, Schweden, BRD 2010 (Hjem Til Jul) Regie: Bent Hamer mit Fridjov Såheim, Cecile Mosli, Trond Fausa Aurvåg 79 Min.

Nach seinen ganz wunderbar eigenartigen Erfolgsfilmen „Kitchen Stories“ und „O Horten“ darf man auf den neuen Bent Hamer sehr gespannt sein. Trotz des Titels „Home for Christmas“ hat dieser weder mit dem üblichen Weihnachtskitsch zu tun, noch mit der heftigen Gegenreaktion darauf, den ruppigen Anti-Weihnachts-Komödien wie „Bad Santa“ oder „Scrooged“. Das zeigt schon die erste Szene: In einem verlassenen Stahlwerk irgendwo in Jugoslawien sucht ein Junge nach einem Weihnachtsbaum. Dabei befindet er sich schon im Visier eines Snipers. Kann die Mutter ihr Kind retten? Dann springt der Film ins winterliche Norwegen.

„Home for Christmas“ steht auf der Pappe eines Bettlers - er sammelt Geld, um zu seinen Eltern zu kommen. Der hypernervöse Paul hingegen bettelt um Chloroform, damit er seiner Ex und den Kindern einen Überraschungsbesuch abstatten kann. Verkleidet als Weihnachtsmann wird er zuerst seinen Nachfolger ko schlagen und dann unerkannt ins traute Heim schleichen. Vorher tauschte er die Geschenke für die Kinder durch seine aus. Ein Arzt wird entführt um bei einem Flüchtlingspaar im Wald ein Kind zur Welt zu bringen. Heutzutage beherbergt Norwegen Albaner und Serben, deren Ethnien überschreitende Liebe von ihren Familien nicht toleriert wird. Für den im Wohlstand und seiner Ehe satt gewordenen Helfer wird die fast biblische Szene eine Wende im Leben bedeuten.

Eine Geliebte erwartet eine Wende von ihrem Liebhaber am Heiligabend. Der will ausgerechnet zum Familienfest aus der Ehe ausziehen -  wie stilvoll! Doch kaum angekommen, kehrt er wieder um. Es kommt zum Showdown der Frauen während der Christmette. Nicht dabei ist Paul, der bekommt die Tür zur Kirche nicht auf. Liegt es vielleicht daran, dass er seinen Konkurrenten betäubt, mit Alkohol überschüttet und anstelle des Jesuskindes in die Krippe des Örtchens gelegt hat?

Sechs Erzählungen webt Bent Hamer zu einem ganz besonderen Wohlgefühl zusammen. Das übliche Weihnachtsgefühl kann man dabei knicken wie den Stern, der partout nicht gerade auf dem Baum bleiben will. Aber ein anderer Stern weist der Flüchtlingsfamilie den Weg und auch dieses kleine, sehr schöne Wunder gönnt sich Hamer, bevor er wieder zum Sniper nach Jugoslawien zurückkehrt. Der Norweger bringt ein gute Menge Skurrilität in die Geschichten, etwa wenn Paul unsicher mit der Schaufel Maß nimmt, um den Nachfolger niederzustrecken. Sentiment ist mehr als in seinen anderen Geschichten vorhanden, die eher von einer unbestimmten Wehmut durchzogen waren. Doch kitschig oder vorhersehbar entwickeln sich die kleinen Dramen nie.

Ich sehe den Mann deiner Träume


USA, Spanien 2010 (You will meet a tall dark stranger) Regie: Woody Allen mit Naomi Watts, Anthony Hopkins, Antonio Banderas, Josh Brolin, Gemma Jones 98 Min. FSK o.A.

Wenn es im Kino keine pubertären Probleme mehr gibt, was bei einem seit Mittwoch 75-jährigen Woody Allen unwahrscheinlich ist, dann verhalten sich plötzlich gesetzte Senioren wie Teenager: Alfie (Anthony Hopkins) ist total auf dem Sport-Trip, verlässt seine Ehefrau nach Jahrzehnten und schmeißt das Geld raus für ein dummes Blondchen, das jeder ziemlich schnell als Prostituierte erkennt. Die verlassene Helena (Gemma Jones) hat erst einen Nervenzusammenbruch und danach Seance bei einer Wahrsagerin. Mit zunehmender Hoffnung geht dabei allerdings mächtig die Bodenhaftung verloren. Mit esoterischen Weisheiten, die ihren Schwiegersohn Roy (Josh Brolin) in den Wahnsinn treiben. Der will Schriftsteller sein und liegt seiner Frau Sally (Naomi Watts) auf der Tasche, während er endlos der Frau in Rot vom Fenster gegenüber hinterher starrt. Doch auch die gestresste Sally selbst sehnt sich nach Abwechslung und macht sich Hoffnungen auf ihren Chef, den spanischen Galeristen (Antonio Banderas).

Im Wahn, auf der anderen Seite der Straße jemanden Besseren zu finden, machen sich alle lächerlich. Vom joggenden Opa bis zur klaren Geschäftsfrau, die Kleinmädchen-Träumen hinterher rennt. Mit diesem Reigen der kleinen, gemeinen, böse bloßgestellten Beziehungs-Wünsche sorgt Woody Allen für sichere Lacher. Vorhersehbar wie die menschlichen Schwächen, allerdings mit ein paar Ecken und Kanten. Dass nur die verrückteste Witzfigur dieses wie üblich prominenten Ensembles am Ende ihr Glück findet, ist die gelungenste Pointe in dem eher durchschnittlichen Woody Allen.

Megamind 3D


USA 2010 (Megamind) Regie: Tom McGrath 96 Min. FSK ab 6

Das Ying und Yang der Superhelden-Geschichte(n) verlangt nach einem Gleichgewicht von Held und Schurke. Was wäre Batman ohne Joker? Blass, ziemlich dunkel blass. Zwar waren die Sympathien schon immer bei den charismatischen Bösewichten, doch das haben sie selbst noch nicht mitbekommen. Wir sonst ist es zu erklären, dass sich all die Weltvernichtungspläne letztendlich nur als - sehr lauter - Schrei nach Liebe erweisen? Nach Gru, dem Oberschurken aus „Ich - einfach unverbesserlich“, entdeckt nun Megamind, ein animierter Anti-Superman,  seine allzumenschliche menschliche Seite.

Für Megamind beginnt das Leben wie bei jedem gewöhnlichen Superhelden: Das Universum seiner Eltern bricht in sich zusammen, er wird in einer Rakete zusammen mit einem treuen Begleiter in die unendlichen Weiten des Alls geschickt. Doch schon während der Reise muss der Säugling aus dem Cockpit-Fenster verfolgen, dass noch so ein intergalaktischer Findling unterwegs ist. Und während es Megaminds Kapsel durch jedes Kometenfeld rumpelt, verläuft die Reise des strahlenden und blond gelockten Konkurrenten störungsfrei. Die Erde schließlich in Sicht, steuert unser blauer Held Megamind ein herrschaftliches Anwesen an - um im letzten Moment von Metro Man aus der Bahn gekickt zu werden. Dieser wächst mit dem goldenen Löffel im Mund auf, kann fliegen und die Augen als Schneidbrenner einsetzen. Megamind strandet im Knast, lernt viel von den kriminellen Stiefpapas, könnte aber immer noch ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft werden. Doch auch in der Schule hat Metro Man diesen Platz schon besetzt. So kommt dem kleinen blauen Außenseiter die Erkenntnis: Wenn alles, was ich anfange, schlecht endet, dann fange ich jetzt direkt nur noch Schlechtes an. Ein neuer Super-Schurke ist geboren!

Im ewigen Kampf um Metrocity - ein schematisch gezeichnetes New York - zeigt sich Megaminds Talent zum Verlierer. So bösartig und genial seine Pläne auch sein mögen, Metro Man durchschaut und vereitelt sie. Auch die Entführung der Reporterin Roxanne zum Anlass der Eröffnung eines Metro Man-Museum gerät ziemlich dilettantisch. Doch durch einen Zufall hat der Schurke die schwache Stelle des Superhelden entdeckt und kann den doch nicht so ewigen Gegner vernichten. Nach der Freunde und der Einnahme der Stadt kehrt allerdings schnell Langeweile ein im Lager des Bösen. Deshalb erschafft sich Megamind einen Gegner, um das alte Spiel weiterzutreiben. Der verhält sich allerdings gar nicht „super“...

„Megamind“ spielt virtuos mit Zitaten des Superman-Genres: Von der Katastrophe an der Wiege der Kindheit bis zur Projektion eines Marlon Brando als Superhelden-Vater. So machen die Haupt- und Neben-Figuren großen Spaß. Der gute Metro Man kann als ekliger Tom Cruise-Verschnitt sogar über Wasser gehen und wird erst als Rentner richtig sympathisch. Selbst Megaminds treuer Helfer, ein Fisch im haarigen Roboter-Outfit, hat sein kleines, menschliches Drama. Den Hauptteil verbucht allerdings auch dabei der blaue Held. Auf dem Alien-Kopf, der aus „Mars Attacks“ stammen könnte, zeigt sich immer noch das Gesicht des kleinen, ungeliebten Jungen. Damit lässt die eindrucksvolle Animation viel Platz für Romantik - echtes Abenteuer und der ganz große Spaß bleiben leider irgendwann auf der Strecke.

29.11.10

Salto für Anfänger


Schweden 2007 (Underbar Och Älskad Av Alla) Regie: Hannes Holm mit Martina Haag, Nikolaj Coster-Waldau, Stig Engström 106 Min

Filmtitel für Marketing-Anfänger - Teil 15: Wenn ein Film aus Skandinavien kommt, nicht viel Eigenes für sich hat und Ihnen nichts einfällt - hängen Sie einfach „... für Anfänger“ dran. Den Anfänger-Anfang machte der dänische „Italienisch für Anfänger“ von Lone Scherfig, nicht wirklich noch ein Dogma-Film und auch nicht richtig gut. Danach kam „Stealing Rembrandt - Klauen für Anfänger“, wobei nicht das Klauen dämlicher Titelübersetzungen gemeint war. Und vor einigen Jahren, nämlich 2007 dieser „Salto für Anfänger“, was überhaupt denn, wenn schon, so etwas wäre wie „Bridget Jones für Anfänger“.

Denn peinlicher Star und Vorlage zum Fremdschämen in dieser Teenie-Komödie für die Ü40-Zielgruppe ist die schwedische Schauspielerin Bella. Sie sucht verzweifelt einen Job, landet zuerst in einigen Fettnäpfchen und dann wundersamerweise am königlich-schwedischen Nationaltheater. Die (sehr zurückgezogen) lebende Legende Ingmar Bergman wolle noch einmal Shakespeares „Was ihr wollt“ aufführen und Bella sei wegen der Ähnlichkeit mit einem bekannten Schauspieler für die Zwillingsschwester von dessen Part ideal. Die paar akrobatischen Übungen mit den unaussprechlichen Namen wären doch laut Lebenslauf sicher kein Problem? Soviel kann die nicht besonders überzeugende Darstellerin noch spielen, dass ihr die Lüge gelingt. Nun probt sie mit den Besten des Landes und versucht nebenbei verzweifelt, Nachhilfe in Akrobatik zu bekommen. Dabei meint ihre Mutter, Bella hätte schon Probleme, beim Schuhezubinden das Gleichgewicht zu halten.

Um dem Drama noch etwas Pep zu geben, vernascht Dänemarks bekanntester Schauspieler die neue Kollegin und Bella braucht fast den ganzen Film, um zu erkennen, was für ein Hohlkopf und Arsch dieser Micke ist. Das Ende gerät dann doch Happy für Anfänger und der Kritiker, der statt diese Bella lieber Isabelle Huppert in „Villa Amalia“ mit existenziellen Lebenskrisen sieht, kann sich höchstens ein „ganz nett“ abnötigen.

Martina Haag spielte selbst die Hauptrolle der Chaos-Frau Bella in der Verfilmung ihres eigenen, angeblichen und gleichnamigen Bestsellers. Der Regisseur Hannes Holm hat sich bisher in seinem Fach auch noch nicht international hervorgetan, bekannte Gesichter sind nicht zu entdecken. (Nur kurz der Hinterkopf von Bergman.)

Es bleibt rätselhaft, weshalb die auf dem internationalen Filmmarkt gut abgelagerte Nettigkeit jetzt doch noch bei uns startet. „Salto für Anfänger“ hat so gar nichts von den skandinavischen Filmen, die dahin gehen, wo es weh tut oder richtig komisch ist.

24.11.10

Please Give DVD


Regie: Nicole Holofcener

Ich hätt da mal ne Frage: Wie reagieren Sie, wenn Obdachlose mit ihren Geschichten um Hilfe bitten? Kate (Catherine Keener) gibt immer und gibt reichlich, hat sogar beim Bettler auf ihrer Straße so etwas wie einen Dauerauftrag laufen. Das ist bitter für ihre pubertierende Tochter, die meint, nur mit der sündhaft teuren Designerjeans überleben zu können, für die aber kein Geld da ist. Das ist auch schwierig für Kate und ihren Alex (Oliver Platt), leben sie doch als Antiquitätenhändler von der Unwissenheit ihrer Verkäufer, die oft Haushalte nach Todesfällen auflösen, ohne um die verstaubten Schätze zu wissen. Zudem wartet das Paar im teuren Wohnpflaster New York auch noch auf den Tod ihrer alten Nachbarin, damit sie endlich ihr Appartement erweitern können. Was deren Enkeltöchtern (Rebecca Hall und Amanda Peet) gar nicht nett finden...

Wie viel Spaß schlechtes Gewissen machen kann, zeigt Nicole Holofcener mit „Please Give“. Ihre überaus gelungene Familienkomödie lässt die exzellenten Schauspieler Catherine Keener, Amanda Peet und Oliver Platt viele Varianten des Geben und Nehmen durchspielen. Das Bonusmaterial in Form von Outtakes sowie einem Interview mit Nicole Holofcener darf man guten Gewissens mitnehmen.

Au revoir Taipeh


USA, Taiwan 2009 (Yi yi tai bei) Regie: Arvin Chen mit Jack Yao, Amber Kuo, Joseph Chang, Lawrence Ko, Frankie Gao 84 Min. FSK ab 6

Es ist ein äußerst munterer Reigen, der sich da im nächtlichen Taipeh tummelt: Der liebeskranke junge Kai braucht dringend Geld, um seine Freundin in Paris zu treffen, da diese Schluss gemacht hat. Bao, der stadtbekannte, alte Gauner, der offiziell in Immobilien macht, bietet ihm einen Deal an: Kai solle ein Päckchen abliefern, dann könne er schon am Morgen losfliegen. Hong, Neffe und rechte Hand Baos, will mit seiner Gang aus in orangen Anzügen gekleideten Jung-Gangstern diese sicher wertvolle Ware abfangen und selber einsacken. Hinzu kommt die nette Buchhändlerin Susie, die auf Kai steht, sowie ein verlassener Polizist. Und alle rennen sie umeinander her im nächtlichen Taipeh.

Was jetzt allerdings keineswegs hektisch geschieht: Kai und sein Freund gehen mit der heißen Ware erst einmal essen und vermitteln uns ein paar Eindrücke vom Nachtmarkt der taiwanesischen Hauptstadt. Dort tauchen auch die albernen Möchtegern-Gauner in orange auf, deren Frisuren noch dämlicher sind als ihr Verhalten. Während sich alle über Gangsterfilme im Fernsehen amüsieren, gibt es unter Gypsy-Swing auch mal eine verzögerte Verfolgungs-Jagd, weil Rennen in der U-Bahn verboten ist. Action wird hier in Swing übersetzt und dann wieder mit einer Tanzgruppe im Park pausiert.

Das gemächliche, von einem Jazz-Score begleitete Großstadttreiben in neon-bunter Nacht erinnert etwas an den frühen Wong Kar-Wai, ist allerdings mit weniger Stilwillen inszeniert. Sehr humorig und sympathisch ist es trotzdem. Auch mit zwei Beziehungsdramen bleibt alles harmlos verspielt, ein melancholischer Swing, der von Woody Allen sein könnte, wenn dieser 60 Jahre jünger und irgendwo in Asien leben würde.

23.11.10

Villa Amalia


Frankreich, Schweiz 2009 (Villa Amalia) Regie: Benoît Jacquot mit Isabelle Huppert, Jean-Hugues Anglade, Maya Sansa, Xavier Beauvois 94 Min. FSK o.A.

Schroff. Ruppig. So springt Regisseur Benoît Jacquot mittenrein in die Handlung seines neuen Films. So zieht die Pianistin und Komponistin Ann (Isabelle Huppert) einen Schlussstrich unter ihr Leben, nachdem sie ihren Partner Thomas (Xavier Beauvois) beim Fremdgehen sieht. Sie löst Wohnung und Konto auf, verkauft ihre drei Pianos, reagiert nicht auf die Anrufe ihres Ex-Freundes, verbrennt Bilder, Noten und CDs. Nur Georges (Jean-Hugues Anglade), ein Freund aus Jugendtagen, den sie genau im Moment des Seitensprungs traf, wird eingeweiht, bildet eine Zwischenstation auf der Flucht. Während einer sprunghaften Europa-Reise schneidet Ann - mit dem vielsagenden Künstlernamen „Hidden“ (dt. versteckt) - ihre Haare ab, wirft immer wieder alte Klamotten in den Müll, vernichtet ihr Handy. Dem Wechsel der Kleider folgen die Farben und immer wieder schreckt sie nachts auf. Die ruhelose Bewegung führt auf Ischia zu einer ein verlassenen Hüte hoch über der Steilküste inmitten von sehr viel Blau. Diese „Villa Amalia“ mit ihrer tragischen Geschichte wird zum Hort für die Frau, die nach einer Neugeburt im Meer nun Anna heißt und mit einer jungen Italienerin das Bett teilt.

Viel erklärt wird nicht bei Benoît Jacquots Verfilmung des gleichnamigen Romans von Pascal Quignard. Isabelle Huppert - wieder „Die Klavierspielerin“ - erscheint (im fünften Film mit Jacquot) ideal für die Rolle der unbestimmt gehetzten reifen Frau, wie sich schon Isild Le Besco in Jacquots “Hier und jetzt” treiben ließ. Der französische Star lässt keinen Zweifel aufkommen an dieser beeindruckenden Konsequenz, auch wenn diese Frau im einzelnen Moment eher anstrengt und ihr bester Freund öfters bemerkt, dass sie ja spinne. Anns nervös machenden Kompositionen gehen über in die Filmmusik von Bruno Coulais.

Erst im letzten Abschnitt, fast ein Epilog, bringt die Begegnung mit dem früh verschwundenen, jüdischen Vater beim Begräbnis der Mutter eine Menge Psychologie und Sentiment in die Figur. Der alte Musiker drückt ihr erstmals Bewunderung aus, man entdeckt Ähnlichkeiten im Fluchtverhalten und sieht plötzlich eine immer noch kleine Tochter, die noch viel zu lernen hat. Eine Erlösung, die dem schroffen Gesamtkunstwerk plötzlich einiges an Radikalität nimmt.

Ein gutes Herz


Island, Dänemark, USA, Frankreich, BRD 2009 (The good heart) Regie: Dagur Kári mit Brian Cox, Paul Dano, Isild Le Besco 95 Min.

Dass man bei Meditationsübungen den Zeigefinger und Daumen der entgegengesetzen Hände zusammenführen kann und dann bei dieser falsch verstandenen Entspannung die fünfte Herzattacke bekommt, ist äußert kurios. Es sind solche skurrilen Momente, die der isländische Regisseur Dagur Kári („Nói Albinói“, „Dark Horse“) seinen seltsamen Einzelgängern reihenweise anhängt, die „Ein gutes Herz“ zum außergewöhnlichen Vergnügen machen.

Die misslungene Entspannung führt den alten, griesgrämigen Wirtes Jacques (Brian Cox) im Krankenhaus mit dem gescheiterten Selbstmörder Lucas (Paul Dano) zusammen. Der lebensunfähige, naive und extrem gutherzige Tor will dem Hospital als Dank für die Behandlung eine Samenspende hinterlassen und verschenkt dann das vom Personal für ihn gesammelte Geld draußen auf den kalten Straßen New Yorks sofort an andere Obdachlose. Ohne lange zu fragen, erwählt ihn Jacques zum Nachfolger für sein „House of Oysters“, eine schäbige Spelunke voller schräger Gestalten. Fremde, die sich hierhin verlieren, bekommen eine Bloody Mary mit Tomatenketchup serviert. Der Junge, der unter seinen langen Haaren ängstlich in die Welt hinaus blickt, wird rüde eingeführt in die Kunst, die Stammkunden zu kennen und vor allem nicht zu vergessen, das Geld am Abend in das Tiefkühlfach zu stecken.

Doch der Neuling bricht bald eine von Jacques’ Regeln und bedient einen Kunden freundlich. Der brummige Boss muss einsehen, dies ist kein Naturtalent in Sachen Feindseligkeit. Die Situation eskaliert, als eines Abends eine Ex-Stewardess, die Angst hat zu fliegen, in den Schuppen reingeregnet kommt. April (Schauspielerin und Regisseurin Isild Le Besco) bestellt Champagner, Lucas kann sowieso niemandem einen Wunsch verwehren, schon gar nicht, wenn sie weint. April verbringt die Nacht in seinem Bett, er wie immer darunter auf dem Fußboden. Der nächste Morgen beginnt mit einer von Jacques’ Weisheiten aus dem Handbuch der Frauenverachtung: Champagner sei dazu da, um Erfolge in der Welt des Sports zu feiern, und nicht für Frauen. Doch auch wie der alte Griesgram schließlich nachgibt und wie verdreht er Lucas wenigstens ein schlechtes Gewissen unterschieben will, gerät Brian Cox mit seiner großartig kantige Figur und britisch betontem Furor ganz herrlich.

Jacques, dies wandelndes Wörterbuch unzähliger Substantive des Sich-Schlecht-Fühlens, das beim Lachseminar so unglaublich deplatziert wirkt, ist die Triebfeder des Films. Cox, den man eher aus Geheimdienst- und Gangster-Filmen kennt, hält locker mit ähnlichen Rollen von beispielsweise Jack Nicholson mit. Von seinem unwirtlichen Wirt lernt man nicht nur, dass Brokkoli die Verkörperung des Furzes sei, sondern auch, dass einem ein derartiger - vermeintlicher - Menschfeind durchaus vermitteln kann, das Leben zu schätzen.

Regisseur und Autor Dagur Kári exportiert die dunkle Farbtöne seiner isländischen Filme verlustfrei in die USA. Seine verlorenen Figuren, die bis in zur Weihnachtsgans vor ruppigem Charakter strotzen, reden zwar englisch, sind aber Typen, die man im Skandinavien von Kaurismäki verortet. Kári hat in seinen Filmen schon immer Sonderlinge und Außenseiter zu ihrem Glück (vor-) geführt. Nun gelingt das Happy End nicht für alle, was dem Film eine ganz besondere, bitter-süße Note gibt.

22.11.10

Fair Game


USA, Vereinigte Arabische Emirate 2010 (Fair Game) Regie: Fair Game mit Sean Penn, Naomi Watts, Sam Shepard 108 Min. FSK ab 12

Wer meint, unsere Politiker würden schon wissen, weshalb wir etwa plötzlich dringend einen milliarden-teuren Raketenschutzschirm brauchen und wovor er uns eigentlich schützen soll, kommt durch „Fair Game“, diesen spannenden Polit-Thriller mit Starbesetzung ans Grübeln. Action-Spezialist Doug Liman („Mr. & Mrs. Smith“) rollt einen wahren und wahrhaften Skandal noch einmal auf.

Ausnahmsweise muss hier das „nach einer wahren Geschichte“ betont und verbürgt werden: „Fair Game“ beruht auf den beiden Büchern von Joseph Wilson („The Politics of Truth“) und Valerie Plame („Fair Game“), den Hauptfiguren dieser Geschichte. Valerie Plame war 19 Jahre lang erfolgreiche CIA-Agentin, ihr Mann Joseph Wilson unter Bush Sr. und Bill Clinton Botschafter sowie politischer Spezialist für einige afrikanischen Länder. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wird die CIA angewiesen, Beweise für Massenvernichtungswaffen im Irak zu finden. Also einen Grund, um in das Land, das mit 9/11 überhaupt nichts zu tun hatte, einzumarschieren. Valerie Plame befragt ihre Undercover-Kontakte im Irak. Wilson wird unabhängig davon offiziell in den Niger geschickt, um herauszubekommen, ob von dort verschwundenes Uran vielleicht in den Irak gelangte. Sein Urteil ist ohne Zweifel: Nein! Trotzdem taucht seine Expertise im Endbericht der CIA als Grund für einen Einmarsch auf. Wilson veröffentlicht in der New York Times, dass der Angriff aufgrund konstruierter Fakten geschah, worauf seine Frau auf Anweisung aus dem Weißen Haus sofort entlassen und enttarnt wird. All ihre Kontaktpersonen im Ausland befinden nicht nun in Lebensgefahr...

Aus der trockenen Faktenlage eines der unglaublichsten Politskandale der Vereinigten Staaten macht Regisseur Doug Liman vor allem mit dem exzellent die Stimme von Ehre und Gewissen verkörpernden Sean Penn einen auf mehreren Ebenen spannenden Film. Da sind die verzweifelten Versuche Valeries, mit anständigen Kollegen ein paar der Kontaktpersonen zu retten. Wir erleben die Enttäuschung der Iraker, die für den Frieden und auch für Freiheit in ihrem Land Informationen preisgegeben haben, nebenbei über die Unwissenheit der westlichen Geheimdienste staunten und nun sich selber überlassen werden. Und wir fühlen, wie der äußere Druck einer schmutzigen Medienkampagne die Familie von Joseph Wilson und Valerie Plame zu zerreißen droht. Hier kann man an der Starrköpfigkeit des amerikanischen Kohlhaas zweifeln, doch seine finale Lektion in politischer Wahrheit trifft und wischt all die täuschende Scheingefechte hinweg. Seine erste Frage vor einer Uni-Klasse lautet: Wieso gibt es Krieg?

Darin ist „Fair Game“ ein richtig altmodischer Polit-Thriller. Er hält tapfer die Fahne der Wahrheit hoch, deckt Skandale auf und gibt einem ein Quäntchen mutigem Widerstandsgeist für die Welt außerhalb des Kinos mit. Dass Liman schlüssiger und glaubhafter argumentieren kann als das cineastische „Shock and Awe“(dt. „Schrecken und Ehrfurcht“) von lauten Spektakeln wie „Green Zone“, tut gut. Auch wenn er eine Weile braucht, um die komplexe Situation auf die Handlungs-Reihe zu bekommen.

17.11.10

Still Walking


Japan 2008 (Aruitemo, aruitemo) Regie: Hirokazu Kore-eda mit Hiroshi Abe, You, Yoshio Harada, Yui Natsukawa 114 Min.

Die außerordentliche Geschichte von japanischen Geschwistern, die nach dem Verschwinden ihrer Mutter monatelang allein überleben, stand im Zentrum des Festivalerfolges „Nobody Knows“. Nun widmet sich Regisseur Hirokazu Kore-eda in dem unbedingt sehenswerten „Still Walking“ wieder einem Familienthema und es ist völlig erstaunlich, wie wiedererkennbar die Strukturen und Gefühle dreier japanischer Generationen auch für uns sind.

Die Frauen quatschen in der Küche und drehen lästernd den Rest der Familie durch den Wolf: Der Sohn Ryota wird mit einer „gebrauchten“ Frau kommen, einer Witwe mit Sohn aus dieser früheren Ehe. Während sich Großmama mit den erwachsenen Kindern und den Verschwägerten trotz des stetig grummelnden Großvaters freundlich versteht, sind ansonsten Mauern zwischen den Generationen spürbar. Der pensionierte Arzt wirft seinem Sohn unausgesprochen vor, das dieser einen anderen Beruf wählte. Und immer steht der verstorbene ältere Sohn im Raum, nicht nur weil wieder der Jahrestag seines Todes gefeiert wird. Doch Ryota tut sich selbst mit seinem Stiefsohn schwer, der hinter seinem Rücken Prinz ohne Lächeln genannt wird.

Ryota ist eigentlich dem Eltern-Haus entwachsen, stößt sich immer wieder den Kopf und sieht den eigenen Vater erstmals hilflos bei einem Krankheitsfall in der Nachbarschaft. Der verstorbene, bessere Bruder schaut vom Foto auf dem Altar zu und flattert in einem magischen Moment als gelber Schmetterling, der seine Wiedergeburt sein könnte, herein. Hirokazu Kore-eda gibt dem allen mit begrenzten Räumen und ruhender Kamera einen festen Rahmen. Er zeichnet Stillleben, die zur Kontemplation einladen. Wie die unbelebte Aufnahme eines Raumes einmal mit fehlender und dann mit wieder vorhandener Schublade.

Es sind erstaunlich universale Themen, die da fast am anderen Ende der Welt auf den mit Sushi reichlich gedeckten Tisch kommen, mit der Mais-Tempura platzen Erinnerungen auf, um den titelgebenden Schlager deutet sich ein altes Ehedrama an. Die Großmama zeigt, dass man sie nicht unterschätzen darf: Sie lädt immer noch den Jungen ein, bei dessen Rettung der älteste Sohn ertrank - um ihn zu quälen! Doch dieses im Großen und Kleinsten unglaublich stimmige und sorgfältige Meisterwerk zeigt enorm viel Verständnis für die Menschen und verbreitet das Glück des wahren Lebens.

15.11.10

The Kids Are All Right


USA, Frankreich 2009 (The Kids Are All Right) Regie: Lisa Cholodenko mit Julianne Moore, Annette Bening, Mark Ruffalo 104 Min.

Patchwork-Familien in den verschiedensten Formen sorgen immer noch für viele Fragen. Verlieren die Kinder oder gewinnen sie eine weitere Bezugsperson hinzu? Bei einigen Familien sind die Antworten ganz klar. Nic und Jules wissen - die Kinder brauchen keinen Vater. Eigentlich führen die beiden mit ihren Kindern Laser und Joni ein ganz klassisches Familienleben. Nic ist der Boss, Jules schmeißt den Haushalt. Mit dem kleinen Unterschied, dass beide Lesben sind, die sich ihre jeweiligen Kinder von einem unwichtigen Samenspender machen ließen! Das geregelte Leben der beiden Super-Moms gerät allerdings durcheinander, als Joni volljährig wird und ihren Erzeuger kennenlernen will...

Die Moms sind nicht begeistert, doch es kommt zu einem Treffen mit Paul (Mark Ruffalo), dem Chef eines edlen Öko-Restaurants, ein erdiger und klarer Typ. Die Begegnung verläuft erst nicht besonders glatt, die verkrampfte Suche nach Gemeinsamkeiten ist für die Zuschauer aber längst ein weiterer Spaß, denn die Verwandtschaft in kleinen Gesten ist nicht zu übersehen. Überhaupt gibt Lisa Cholodenko dem schweren Problematisieren in ihrer Familien-Komödie „The Kids are alright“ keine Chance. Schon die Schilderung der ungewöhnlichen Familie mit ganz gewöhnlichen Problemen ist ein herrliches - oder: weibliches - Vergnügen. Von den ärgerlichen Haaren im Siffon bis zur ungewöhnlichen Filmlektüre des Ehepaares im Bett stellt sich Normalität, genial gespielt von Julianne Moore (Jules) und Annette Bening (Nic), einmal anders dar. Die nette Ergänzung der Familie durch Paul wird richtig problematisch, als die unausgelastete Jules ihm den Garten neu gestaltet und sich im Gegenzug heftig angraben lässt. Nicht nur Jules’ mexikanischen Hilfsarbeiter Luis amüsiert sich mit den Allergien und Affären der anderen aufs Köstlichste.

Dass der Samenspender einen besonders fertilen Garten eigen nennt, gehört dabei zum exzellenten Dialogwitz, der sich nicht nur in schönen Zweideutigkeiten ergießt, sondern auch die Psychologie dieses Quintetts genau beschreibt. „The Kids Are All Right“ ist alles anderes als ein Problemfilm, ist ein sehr sonniger Film. Mit geilen Fahrten auf Motorrad, die von der rationellen, kontrollierenden Nic in der Vaterrolle selbstverständlich verboten sind. Sie gerät gemäß den Regeln des Rollenspiels selbstverständlich auch mit Paul aneinander, obwohl der im Moment größter Nähe Joni Mitchells „Blue“ mitsingt, nach denen die Tochter aller benannt wurde. Der Konflikt zweier Alpha-Tiere ist aber immer auch ein Konflikt der entgegengesetzten Lebensweisen. Und der Eindringling, der nach seinem ausschweifenden Junggesellen-Leben auch eine Familie will, verliert schließlich nicht nur die Kontrolle über die Kinder, sondern auch seine Freundin. Am Ende dieser herrlich komplizierten Komödie steht ein Toast auf die unkonventionelle Familie, die was auch immer passiert, offen und ehrlich miteinander umgeht.

Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 1 2D


Großbritannien/USA, 2010 (Harry Potter and the deathly hallows – Part I) Regie: David Yates mit Daniel Radcliffe, Rupert Grint, Emma Watson, Helena Bonham Carter 148 Min. FSK ab 12

HP7/1 ist zu sehen! Was klingt wie eine neue Software für Drucker, ist das unfertige Halb-Ende der sehr erfolgreichen Harry Potter-Verfilmungen. Gleich zu Beginn schleudert uns der düstere siebte HP-Film heftige Action-Momente und große Schrecken entgegen, die HP7/1 für Kinder ab 6 nicht unbedingt empfehlenswert machen.

Es beginnt düsterer als je zuvor: Die Zauberlehrlinge werden wie zu Anfang jedes Films zuhause abgeholt, doch für die mittlerweile zu Teenager erwachsenen Harry Potter (Daniel Radcliffe) und Hermione Granger (Emma Watson) ist es ein endgültiger Abschied. Hermione löscht sich per Zauberstab aus dem Gedächtnis ihrer geliebten Eltern, selbst Harrys garstige Gastfamilie zerdrückt beim Auszug ein Tränchen. Dann geht es mit den Gehilfen und Getreuen von Hogwarts in die erste Schlacht, ein Gewitter aus Blitzen und rasanten Flugszenen.

Danach hangelt sich die Handlung gemäß der Romane von Joanne K. Rowling an der Suche nach den Horkruxen entlang, die Potters dämonischen Gegner Voldemort leben lassen. Zwischendurch hageln immer wieder die Attacken der Todesser wie Bombenangriffe auf die drei Freunde Harry, Hermione und Ron Weasley (Rupert Grint) herein, immer wieder wähnt man sich im Mafia-Film, wenn Wände von Kugeln durchsiebt werden. Kugeln? Auch hier bleibt die diesmal recht kurz kommende Zauberkraft rätselhaft. Manchmal kann sie alles retten und dann die einfachsten Fährnisse nicht verhindern. So bleiben einige Weggefährten zurück und hinterlassen rührende Momente.

Viele Außenszenen in eindrucksvollen und offenen Landschaften wirken befreiend - nicht nur für den bis dahin schematischen Ablauf des Potter-Schuljahres in den vorherigen Filmen und Romanen. Man kann es fühlen, wie junge Menschen trotz der konstanten Bedrohung ihre neuen Freiräume genießen. Das führt zu vielen ruhigen Momente im Wald und auf der Heide. Die Freunde nähren Zweifel, lassen noch einmal etwas Eifersucht hochköcheln, reden viel und schauen bedenklich drein. Je öfter Daniel Radcliffe dies in Nahaufnahme machen muss, desto deutlicher erkennt man vor allem bei ihm die fehlende Schauspielkunst. Die Kinderstars der ersten Harry Potter-Filme sind in zehn Jahren gewachsen, ihr darstellerisches Vermögen kam nicht immer mit. Besonders in der Szene, die Harry, Hermione und Ron unter der Tarnung fremder Körper ins Zaubereiministerium führt, ergibt sich durch die anderen Darsteller plötzlich ein mit wesentlich mehr Ausdruck aufgeladener, umgehend spannenderer Film. (Interessant dabei auch noch der Wandel des Zaubereiministeriums in eine faschistische Einrichtung, die in Anlehnung der deutschen Judenverfolgung gewaltsam Halbblute von „reinen“ Zauberern trennt.) Radcliffe ist nicht mit der Rolle gewachsen. Jetzt wo sich der Film noch mehr auf ihn konzentriert, fällt auf, wie wenig Format er seiner Figur gibt.

Nicht der übereilte Entschluss, HP 7/1 doch nicht in 3D zu zeigen, bestimmt ästhetisch den Film. Es sind holperige Momente, schlecht geschnittene Szenen sowie unrhythmische Entwicklungen, die den Eindruck des Unfertigen hervorrufen. Der Mix aus heftiger Action (die auch einem Bond gut stände), schaurigen und erschreckenden Horror-Elementen sowie dem Raum für die persönliche Entwicklung erweist sich als unausgewogen. Auch wenn sich Leser über solche ausführliche Stimmungsmomente freuen, die eigentlich nicht nötig sind, um die Handlung voranzutreiben - die Entscheidung, den letzten Teil der Harry Potter-Bücher in zwei Teilen zu verfilmen, ist ganz klar Geldmacherei. So findet der halbe Film kein richtiges Ende. Auch wenn der Hinweis bei Potter-Fans sinnlos sein mag: Man sollte wirklich warten, bis beide Teile 7 dann sicher auch hintereinander gezeigt werden.

10.11.10

Umständlich verliebt


USA 2010 (The Switch) Regie: Josh Gordon, Will Speck mit Jason Bateman, Jeff Goldblum, Juliette Lewis, Thomas Robinson, Jennifer Aniston, 102 Min.

So war das mit dem Spenden in Samen-Spende nicht gemeint: Auf der Party zur künstlichen Befruchtung seiner platonisch besten Freundin Kassie (Jennifer Aniston) verschüttet Wally (Jason Bateman) im Vollrausch auf dem Klo die wertvollen Tropfen eines ausgesuchten Top-Athleten und ersetzt sie durch seine eigene Spende. Jahre später, als Kassie mit ihrem Sohn Sebastian (Thomas Robinson) wieder nach New York zieht, hat Wally den Vorfall längst vergessen, doch frappante Ähnlichkeiten zwischen Kind und bestem - platonischen! - Freund der Mutter irritieren den etwas seltsamen Banker immer mehr. Als sich dann der vermeintliche Super-Mann aus dem Spender-Katalog anschickt, von der Erzeuger-Rolle zum Full-Time-Familienvater zu wechseln, muss der komische Kauz nach zu vielen Jahren des Platonischen endlich handeln.

Da auch der Film alles sehr früh verrät, müssen die Darsteller das Interesse an dieser romantischen Sonderling-Komödie halten. Was Bateman und dem jungen Thomas Robinson leidlich gelingt. Leider ist aber auch Jennifer Aniston dabei, ein Problem für wirklich jeden Film. Diesmal verhindert sie das Funktionieren von Romantik, besonderer Anteilnahme und größerem Interesse. Eine Schande, dass die besseren Schauspieler am Rande bleiben: Juliette Lewis ist für die ungezügelten Frechheiten dabei und Jeff Goldblum gibt cool den väterlichen Freund.

Die Welt ist groß und Rettung lauert überall


Bulgarien, BRD, Slowenien 2008 (Svetat E Golyam I Spasenie Debne Otvsyakade / The World Is Big and Salvation Lurks Around the Corner) Regie: Stefan Komandarew mit Miki Manojlovic, Carlo Ljubek, Hristo Mutafchiev, Ana Papadopulu 111 Min. FSK ab 6

Das Leben als großer Wurf, als Backgammon-Wurf, in dem alles möglich ist und alles passieren kann. Dieser Glücksfall osteuropäischen Erzählens gekreuzt mit deutschen Produktionsgeldern rollt in seiner Wohl- und Besser-Fühl-Geschichte ein Familiendrama samt einem eng damit verbundenen historischen auf. Oder besser gesagt: Er rollt es ab! Denn der Weg, den ein Opa mit seinem erwachsenen Enkel von Erfurt nach Bulgarien auf einem Tandem zurücklegt, ist der umgekehrte Weg, den der Junge einst mit seinen Eltern auf der Flucht in den Westen nahm.

Bai Dan (Miki Manojlovic) ist nicht nur König im Backgammon-Spiel, sondern gewann auch als Radrennfahrer 1954 die Bulgarien-Tour. So macht er sich, als er vom Unfall in Deutschland hört, auf den Weg zum Enkel Alex (Carlo Ljubek), der beide Eltern und sein Gedächtnis verloren hat, rüttelt den lethargischen jungen Mann auf und bringt ihn nach einer Weile dazu, mit auf dem Tandem nach Bulgarien zu fahren. Dieses spaßige und sympathische Road-Movie ist gleich mit zwei tieferen Bedeutungen gesegnet. Selbstverständlich bringt der gemeinsame Weg durch Wind und Wetter, über Alpen-Pässe und an die Adria-Küste für Alex eine Menge Er-Fahrungen mit sich. Er könnte aber auch „Zen. Oder die Kunst Backgammon zu spielen“ heißen. „Es gibt keine schlechten Würfe, nur schlechte Spieler!“ oder „Es gibt immer einen nächsten Wurf!“ lauten die fußball-ähnlichen Weisheiten dieses jedoch nur scheinbar simplen Spiels. Die sechs Schritte der Genesung folgen streng den Feldern des Spielbretts. König des Schauspiels bleibt dabei Miki Manojlovic, der markante Hauptdarsteller aus „Underground“ und der Boss von „Irina Palm“. Regisseur und Ko-Autor Stefan Komandarew lässt seine Geschichte mit sehr eleganten Übergängen fließen (Schnitt: Nina Altaparmakova), den rötlich warmen Farben Bulgariens steht das bläulich kalte Deutschland gegenüber. Oft geht der Blick in den Himmel, wo Wolken die Nachrichten gewaltsam entfernter Lieben übermitteln, und von dort oben blickt die Kamera gnädig zurück auf ihre Figuren, die mit einfachem Optimismus ihr Glück direkt um die Ecke finden werden.

9.11.10

South


Österreich 2009 (South) Regie: Gerhard Fillei, Joachim Krenn mit Matthew Mark Meyer, Claudia Vick, Sal Giorno 105 Min.
    
Werbe-schöne Bunt-Bilder einer Natur-Idylle werden abgelöst von grau grausamem Leiden einer Frau am gleichen Ort. „Einige Jahre später“ verrät ein Insert, ansonsten weiß man nichts. Was ist passiert? Bruce McGray (Matthew Mark Meyer) versteckt sich nach einem Raubüberfall in New York, seine Auftraggeber wollen ihn außer Landes schaffen, doch während sie ein Zugticket nach Kanada anbieten, will er gen Süden. Denn da gab es diese Frau, deren Tagebuch er bei sich trägt, an die er sich aber trotzdem nicht erinnert. Dabei kreuzen sich seine Weg mit einer jungen Frau, deren Freund sie brutal schlägt, und deren älterer Beschützer sich selbst nicht vor den Kredithaien retten kann. Immer wieder dringen Bilder auf Bruce ein, das Haus im Süden, eine Frau im Schlamm und Maria, eine Prostituierte, die ihn gut kennt. Sind es Erinnerungen. Oder Wahnvorstellungen, hervorgerufen durch seine Schussverletzung und die Schmerzmittel?

„Einige Jahre später“ steht auch symptomatisch für diese österreichische Produktion, die zwölf Jahre lang gedreht wurde! Trotz dieser fast unglaublichen Entstehungs-Geschichte (die übrigens auch gerade der deutsche Action-Film „Real Buddy“ erlebt) gelang ein äußerst ungewöhnlicher und dadurch reizvoller Film, der auch schon mal in die Kiste „experimental“ gesteckt wird. Viel Handkamera und grobkörniges Schwarzweiß, dazu authentische New York-Atmosphäre. Die sorgfältig gestylten Bilder halten die Spannung und die Geschichte bleibt bis zur letzten Minute rätselhaft. Man erinnert immer wieder „Memento“, nicht wegen der Struktur, sondern der verschlüsselten Erzählung dieses gekonnt inszenierten und gespielten modernen „film noir“.

Einfach zu haben


USA 2010 (EASY A) Regie: Will Gluck mit Emma Stone, Penn Badgley, Amanda Bynes, Thomas Haden Church, Lisa Kudrow, Malcolm McDowell, Stanley Tucci 92 Min.
 
Endlich mal eine amerikanische Teenie-Komödie, die Spaß macht und dabei die Intelligenz Pubertierender nicht beleidigt: Was Olive an Ausgrenzung mitmacht, als sie mal probiert, wie es wäre, sich sexuell auszuprobieren, spannt den Bogen von Nathaniel Hawthornes „Der scharlachrote Buchstabe“ bis zu Facebook. „Einfach zu haben“ zeigt Emma Stone („Zombieland“, „Superbad“) als klasse Komödiantin und bietet vor allem Mädchen eigenständige Rollenvorbilder abseits vom Schlampen-Klischee und religiösen Eiferern.

„Endlich sind wir beide Superschlampen!“ Rhia feiert die Geschichte vom wilden Wochenende ihrer Freundin Olive (Emma Stone) so enthusiastisch, dass diese gar nicht mehr anders kann, als ihr „entkorkt werden“ mit romantischen Kerzen auszuschmücken. Dabei ist überhaupt nichts passiert, alles erfunden. Doch dank technischer Beschleunigungsverstärker wie Handy und Internet verbreitet sich das Gerücht - per Zeitraffer raffiniert umgesetzt - bald durch die ganze Schule. Olivia hat den Ruf einer Schlampe weg und kann sich plötzlich hervorragend in die ausgegrenzte und mit dem A für Adultery (Ehebruch) markierte Hester Prynne (NICHT Demi Moore) aus dem Roman „Der scharlachrote Buchstabe“ hineinversetzen. Aber das flotte Mädel packt die Gelegenheit beim Schopfe, heftet sich das rote A an besonders knappe Korsagen und testet diese Rolle mal aus. Zudem bittet sie ihr schwuler Freund Brandon, sie solle ihn mit einer - ebenfalls nur inszenierten - flotten Nummer zum vermeintlichen Hetero umpolen und vor Prügel wie Hänseleien retten. Ist der Ruf dann erst ruiniert, kann Olive ja auch gegen Gutscheine vom Baumarkt oder andere Gegenleistungen weiteren Außenseitern wenigstens behauptet die erste sexuelle Erfahrung verschaffen.

Gibt es virtuelle Prostitution? Doch bevor Olive jetzt zur Heiligen Hure im Stile Lars von Triers wird, halten die Macher von „Einfach zu haben“ ihre Teenie-Komödie vor allen mit unverkrampften und hellwachen Eltern (Patricia Clarkson, Stanley Tucci) sowie einer ebenso klug wie selbständig denkenden Hauptfigur im jugendfreien Bereich. Dabei ist der in jeder Hinsicht sorgfältig angelegte Film durchaus mutig und frech: Ob da die Freundin Rhia „Ballontitten“ hat oder Brandon „schwul wie ein Rudel Friseure“ ist - Jugendlichen wird mal nicht das Leben vorenthalten, während man sie mit vermeintlich provokanten Ekelszenen zugekippt. (Auffällig ist jedoch, dass die freche und freie Sprache nicht im Bild fortgesetzt wird. So hängt es tatsächlich an der Synchronisation, ob Olive rotzig bleibt oder ob sie in das verharmlosende Einerlei üblicher Jugendfilme von Disney & Co einstimmt.) Dass da ein Teenager verantwortungsvoll mit seinem eigenen Image (altmodisch: Ruf) umgeht, ist in Facebook-Welten ebenso zeitgemäß, wie die Frage nach dem ersten Mal zeitlos ist. Gleichzeitig erfüllt Olive sich (und vielen Zuschauern) den Wunsch, dass das Leben nur einmal so laufen möge, wie ein 80er Jahre-Film von John Hughes - samt Musical-Nummer ohne ersichtlichen Grund. Olive ist zwar nicht Ferris Bueller, aber schon mal viel besser als der Rest.

Plug & Pray


BRD 2010 Regie: Jens Schanze 91 Min. FSK o.A.

„Man steckt es rein und es funktioniert - oder manchmal auch nicht“, kommentiert ein alter Mann mit sarkastisch die typischen Windows-Fehlergeräusche. Der aufgeweckte Herr ist allerdings nicht irgendjemand, der einen Computer-Kurs bei der Volkshochschule belegt hat. Joseph Weizenbaum war weltweit angesehener Professor für Computer-Sprachen am Bostoner MIT und hat in den Sechziger Jahren mit ELIZA, einem digitalen Dialog-Experiment, die Diskussion über Künstliche Intelligenz vorangetrieben. Doch dann wendete sich Weizenbaum selbst von diesem Thema ab und äußerte sich fortan - nicht Fortran, liebe Nerds - öffentlich kritisch zur künstlichen Intelligenz wie zum allgegenwärtigen Kabelsalat, der sich „drahtlos“ schimpft.

Weizenbaum ist einer aus der handvoll Interviewten, die Jens Schanze in seinem Film auffährt, um eine obskure altmodische Technikfeindlichkeit aufzubauen. Wohlgemerkt geht es bei der Bedrohung, die sich in dräuender Musik zu blinkenden Serverwänden aufbaut, nicht um Googles Street View, der aktuellen Themen-Kuh, die voller Unkenntnis durchs digitale Dorf  getrieben wird. Der Japaner mit seinem Roboter, der ihm ähnelt wie ein Zwilling, der erfinderische Unternehmer Ray Kurzweil und der Italiener mit seinen Robocop-Imitaten, sie alle wollen den Menschen mit Maschinen verbessern. Ganz böse Militärs wollen dann diese Maschinen benutzen, uih, wie gefährlich...

Die vermeintlichen Gefahren dieser ebenso langweilig wie dröge gestalteten Dokumentation sind genau so altmodisch wie die Ansichten der befragten Personen. Behäbig, uninteressant, inhaltlich dünn - das wären noch die positivsten Beschreibungen. Da bringt es wesentlich mehr Spaß und Erkenntnis, „Neuromancer“ oder „Idoru“ von William Gibson zu lesen. Romane, die auch schon vor Jahrzehnten erschienen sind! Falls es mal einen großen Gedanken in diesem Film gab, haben ihn wohl die vielen TV-Sender ausgetrieben, mit denen sich der Abspann schmückt.

3.11.10

Buried - Lebend begraben


Spanien 2010 (Buried) Regie: Rodrigo Cortés mit Ryan Reynolds 95 Min. FSK ab 16

Dies ist wirklich ein Kammerspiel - in der engsten Bedeutung des Wortes: Paul Conroy (Ryan Reynolds) wacht in einer engen Kammer auf und ist scheinbar in einer Kistte unter der Erde begraben. Er hat nur sein Feuerzeug und ein Handy, dessen Ladung schwindet. Aus dem irakischen Telefonnetz versucht er Rettungen herbei zu rufen, doch erlebt den alltäglichen Horror von Hotlines, Call-Centern und akustischen Service-Wüsten.

Dieser alte klaustrophobische Albtraum kombiniert mit dem Kommunikationsmittel Mobiltelefon, das nicht nur für den fast völlig immobilen Paul traumatische Bedeutung erlangt. Eine einfache Formel, die erstaunlich gut aufgeht. Irgendwann melden sich seine Entführer, aber seine Frau ist nicht zuhause und das Pentagon ist wie immer mit anderen Dingen beschäftigt. Ryan Reynolds träft diesen extremen Solopart ganz alleine und hervorragend. Damit „Buried“ so gut funktioniert, haben allerdings auch Drehbuch und Schnitt sehr gut gearbeitet.

Machete



USA 2010 (Machete) Regie: Robert Rodriguez, Ethan Maniquis mit Danny Trejo, Robert De Niro, Jessica Alba, Steven Seagal 105 Min. FSK ab 18

Robert Rodriguez sorgte 1992 mit dem Low Budget-Film „El Mariachi“ für eine Sensation: Ein guter Mexiko-Western, für fast kein Geld gedreht, wurde international ein Hit. Danach macht er das teure Remake „Desperado“ (1995) und mit seinem Kumpel Tarantino „From Dusk Till Dawn“ (1995). Seitdem genießt Rodriguez scheinbar Narrenfreiheit. Neben Kinder-Action („Spy Kids“, „Das Geheimnis des Regenbogensteins“), härtesten Comics („Sin City“) oder Horror („The Faculty“) erlaubt er sich sehr sinnlose Spielereien wie das Grindhouse-Projekt mit Tarantino. Dreckige und billige Filmchen, wie sie früher in kleinen schäbigen Kinos (Grindhouse) liefen. In seinem Teil „Planet Horror“ baute Rodriguez einen Trailer für einen Film ein, den es damals noch nicht gab: „Machete“ zeigte den mexikanischen Action-Opa Danny Trejo mit seiner prägnanten Mimik bei hirnverbrannten Aktionen. Genauso geriet jetzt der tatsächliche Film, der reichlich Überlänge für einen Scherz hat.

Der mexikanische Austragskiller Machete (Danny Trejo) soll einen texanischen Senator (De Niro) im Wahlkampf erschießen, der Auftrag ist allerdings eine Falle - Machete wird als ausländischer Sündenbock gejagt, der Politiker zum Held hochgejubelt. Doch in einer aberwitzigen Folge unglaublicher - und unglaublich brutaler - Szenen entkommt der simple Schlächter immer wieder und rächt sich an den weißen Schurken.

Originell ist dieser überzogene Actionfilm nur in der Menge verschiedener Arten, Menschen umzubringen. Oder vielleicht noch darin, die Verhältnisse in Texas auf den Kopf zu stellen: Jeder Weiße steht unter Verdacht und erweist sich schließlich auch als Verbrecher, während die Mexikaner die besseren Menschen sind. Unglaublich vor allem, dass bei diesem Brutalo-Blödsinn, der immerhin einige Millionen gekostet hat, Schauspieler mit Rang und Namen mitmachen: Robert De Niro, Jessica Alba, Michelle Rodriguez, Don Johnson und Lindsay Lohan werden ihren Auftritt sicher noch in vielen peinlichen Zusammenschnitten bedauern können.

2.11.10

Carlos - Der Schakal


Frankreich, BRD 2010 (Carlos) Regie: Olivier Assayas mit Édgar Ramírez, Nora von Waldstätten, Alexander Scheer, Christoph Bach, Julia Hummer 187 Min.

Die Geschichte des Super-Terroristen Carlos wird im Vorspann bewusst als Fiktion ausgewiesen, wiewohl alle Taten des real in französischer Haft einsitzenden Verbrechers real sind. Das neueste, spannende Werk von Olivier Assayas („Clean“, „Demonlover“, „Irma Vep“) durfte im Mai in Cannes als Fernsehfilm nicht in den Wettbewerb. Dabei weiß man schon länger, dass TV oft hochwertiger als Kino ausfällt.

Wie auf Jobsuche bietet sich der junge Ilich Ramírez Sánchez Anfang der Siebziger selbst den Palästinensern an. Er hat ein Moskauer Diplom in Ökonomie, will aber auf seine Weise das Unrecht der Welt ausgleichen. Was er auch gerne ausführlich vielen Frauen erzählt. Demos ändern nichts, man müsse bewaffnet Widerstand leisten. Mit seinem neuen Kampfnamen Carlos begleitet er zuerst Aktionen anderer, meist stümperhafter Kämpfer. Drei Japaner wollen Kampfgenossen der „Roten Armee Japans“ freipressen, als die Verhandlungen stocken macht Carlos „Terror im algerischer Stil“: Er schmeißt zwei Handgranaten in Pariser Cafes, die jüdische Besitzer haben. Der arrogante Attentäter bewundert sich nach dem Mordanschlag nackt im Spiegel.

Als das europäische Netzwerk des bewaffneten palästinensischen Widerstands auseinander fällt, übernimmt Carlos die Führung, um den Friedensprozess Arafats zu boykottieren. Assayas erzählt im ersten Teil sogar spaßig: Da fliegt das Geschoss der Panzerfaust in Orly weiter am El Al-Flugzeug vorbei und kroatische Befreiungskämpfer reklamieren den Fehltreffer auf ein jugoslawisches Flugzeug umgehend für sich. Mit der Straßenbahn geht es zur revolutionären Geiselnahme bei der OPEC-Konferenz in Wien. (Ob sie eine Fahrkarte lösten, ist nicht zu sehen.)

Wie bei Soderberghs „Che“ besteht auch „Carlos“ aus zwei Teilen, die Aufstieg und Niedergang eines Revolutionärs zeigen. Sosehr vor allem die Musik einen „coolen“ Typen mit Waffe in der Hand vorführt, sosehr wird immer wieder der egozentrische Extremismus des Protagonisten vorgeführt: Carlos bittet mitten in eine Party mit Freunden aus Lateinamerika die französischen Polizisten zu einer Gegenüberstellung - um dann die Beamten und einen Verräter zu erschießen. Dieser meistgesuchte Feind vieler Staaten plant kaltblütig und mordet heißblütig. Vor allem erschießt immer wieder einmal zuviel. „Waffen sind eine Verlängerung meines Körpers“, meint er einmal. Ist er deshalb auch so erfolgreich auch bei den Frauen, die bei den Waffen ganz aufgeregt werden?

Aber auch als Frauenheld zeigt der Narzisst seine Menschenverachtung. Während der Wiener Geiselnahme nimmt sich der Film viel Zeit, um Carlos’ Denkweise in mehreren Gesprächen offen zu legen. Mit intellektueller Schärfe und unmenschlicher Härte wandelt sich der vermeintliche Idealist zu einem Söldner des internationalen Terrorismus.

Die immer packende Inszenierung von Assayas kann sich - auch in der fünfstündigen Langversion - auf den Hauptdarsteller Édgar Ramírez verlassen. Dank der aktiven Mitarbeit deutscher Zellen am Kampf der Palästinenser bekommen auch eine Reihe deutscher Darsteller eindrucksvolle Auftritte. Vor allem Christoph Bach funktioniert als Hans-Joachim Klein - mit dem Kampfnamen „Angie“ - als Gewissen und Gegenfigur, die noch zwischen Zionismus und Antisemitismus differenzieren kann und nach der Entebbe-Entführung entsetzt aussteigt.

Du schon wieder


USA 2010 (You Again) Regie: Andy Fickman mit Kristen Bell, Jamie Lee Curtis, Sigourney Weaver ca. 90 Min.

Viel Spaß mit den Spätfolgen von Schul-Mobbing: Dass Marni (Kristen Bell) glaubte, die Höllenqualen der Schulzeit seien endlich vorüber nachdem sie der Highschool entfloh, sich Kontaktlinsen zugelegte und super Karriere machte, war ein Trugschluss. Denn ausgerechnet der große Bruder, der Marni immer beschützen wollte, bringt unwissentlich die Rädelsführerin des Mobs von damals als Verlobte in die Familie. Joanna (Odette Yustman) tut zwar so, als wüsste sie von gar nichts, aber bald zeigt das Biest ihre Krallen und es kommt an irgendeiner dieser amerikanischen Vor-Vor-Feiern zur Schlacht am schleimigen Buffet. Und auch Marnis Mutter (Jamie Lee Curtis) sowie Joanas Tante (Sigourney Weaver) haben eine gemeinsame traumatische Schulvergangenheit. Danach fährt der Film allerdings erst recht seine schmierigen Seiten auf und so schlittern alle in eine krampfige Versöhnung. Merke: War doch alles gar nicht so schlimm. Sie wollte doch nur spielen und dein Leben für immer zerstören...

Von den grob überzeichneten Pickeln des Mobbing-Opfers bis zu den Familienfeierlichkeiten und dem endlosen „Es tut mir leid“-Finale: Die Künstlichkeit der Gefühle in diesem schlaffen Komödchen schreckt ebenso ab wie die schlampige Machart. Jamie Lee Curtis und Sigourney Weaver könnten neben den schauspielerischen Nullnummern glänzen, doch die einzige Regieanweisung lautete scheinbar „Grins’ doch mal schön blöde in die Kamera...“ Außerdem klingt die schreckliche Synchro so, als wenn auch dort schon niemand diesen Mist ernst nehmen konnte.

27.10.10

I Am Love


Italien 2009 (Io sono l'amore) Regie: Luca Guadagnino mit Tilda Swinton, Flavio Parenti, Edoardo Gabbriellini, Alba Rohrwacher 119 Min. FSK ab 12

Eine große Familiengeschichte. Der Weg einer besonderen Frau zu sich selbst und in die Freiheit. „I Am Love“ ist eines dieser Meisterwerke, vor denen man nur ergriffen dastehen oder dahin schmelzen kann. Tilda Swinton, die als Produzentin den Stoff elf Jahre lang mitentwickelt hat, glänzt als selbstvergessene russische Frau eines italienischen Patriarchen.

Im edlen Dekor kunstvoller Bilder zeigt der distanzierende Spiegel den flüchtigen Kuss für den Ehemann. Emma Recchi (Tilda Swinton) steuert mit aufmerksamem Blick und kleinen Gesten das Personal an diesem feierlichen Abend. Der Schwiegervater wird die Mailänder Stoff-Dynastie an die nächste Generationen weitergeben, an Emmas Gatten Tancredi Recchi (Pippo Delbono) und den gemeinsamen Sohn Edoardo (Flavio Parenti). Nach dieser Winterszene springt der Film in die sommerlichen Straßen Mailands und San Remos, in denen Emma Überraschendes über ihre Tochter Elisabetta Recchi (Alba Rohrwacher) erfährt und sich in einer Affäre mit Antonio Biscaglia (Edoardo Gabbriellini) dem Freund des Sohnes verliert. Die Liebe zu dem Koch bahnt sich über den Magen an, Emma ist begeistert von seinen Kreationen, die Erkundung einer Vorspeise wird zu einem magisch lustvollen Moment. Ein heimlich erwünschtes, aber trotzdem zufälliges Treffen zeigt die elegante Frau aus besten Kreisen völlig verwirrt und - nach einem unscharf gehalten Kuss - überglücklich. Dabei schafft es der sensationell sinnliche Film, das freie Glückgefühl der Verliebten dem Publikum durch ungewöhnliche Naturbilder und den prägnanten Musikeinsatz des Minimal-Music-Kompositionen John Adams zu vermitteln.

Mit seiner elliptischen Erzählweise schafft es Regisseur Luca Guadagnino, komplexe Vorgänge wie die Wandel im Geschäftsleben und in Beziehungen, ästhetisch brillant und emotional überwältigend darzubieten. Die opulenten Familienszenen im Stile eines Visconti, bei denen Gläser und Schmuck zeitweise ein Eigenleben gewinnen, die Ausstattung der Menschen wichtiger scheint als die Persönlichkeit. Dazwischen immer wieder irritierende Achsensprünge, lange Szenen ohne Sprache, bevor Sätze wie Vorschlaghämmer fallen. Das Finale dieser Film-Symphonie schließlich ein grandioses Gesellschafts-Ballett einer Flucht.

Tilda Swinton spielt die Gesellschaftsdame zwischen graziös und hingebungsvoll, dann nach einem tragischen Unfall ergreifend haltlos. Ebenso einnehmend dargestellt sind ihre Kinder: Der Sohn Edoardo, der die Firmengeschicke nicht mehr in Händen hält. Die Tochter Elisabetta, die ihr Glück in London in der Liebe zu einer Frau findet. Bis ins kleinste Detail überzeugt dieses satte Befreiungs-Drama: Emma entdeckt über ein Suppen-Rezept ihre russischen Wurzeln wieder, obwohl sie sich nicht mal mehr an ihren russischen Namen erinnerte. Ausgerechnet dieses doppelte Liebesgeschenk verrät sie, stößt den Sohn ins Verderben und die Türe zur Freiheit weit auf.

26.10.10

Takers


USA 2010 (Takers) Regie: John Luessenhop mit Chris Brown, Hayden Christensen, Matt Dillon 107 Min.

Schicke Gangster sollten klug sein, diese fallen aber durch überzogen modische Klamotten, prollig herausgestellten Luxus und arrogantes Gehabe auf. Böser Fehler! Denn bald sieht dieser Thriller besser aus als er funktioniert. Die Aktionen der Bank- und sonstwie Räuber bleiben trotz lauter Musik wenig spannend. Nur mit der üblichen Materialschlacht in dem zentralen Raubzug kann der Film etwas Eindruck schinden. Das finale Shoot Out mit russischer Wehmuts-Musik und Zeitlupe ist dagegen nur peinlich. Das Problem liegt in der schematischen Anlage dieses Heist-Movies, in dem man zahllose Vorbilder schnell wiedererkennt. Vor lauter Kopieren und Ausrechnen der Marktchancen wurde die Figurenentwicklung vernachlässigt. Die Familienprobleme von Gut und Böse wirken nur aufgesetzt. Selbst bekannte Gesichter wie Matt Dillon oder Paul Walker, die unter guter Führung mehr können, reißen diesen schon in der Blaupause vergeigten Anschlag auf die Kinokasse nicht mehr raus.

In ihren Augen


Argentinien, Spanien 2009 (El Secreto De Sus Ojos) Regie: Juan José Campanella mit Ricardo Darín, Soledad Villamil, Carla Quevedo, Pablo Rago 129 Min. FSK ab 12

Die Oscar-Favoriten der etwas vergreisten amerikanischen Film-Academy gefallen in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ traditionell eher durch großen Rührfaktor als mit mutiger Filmkunst. Der „Auslands-Oscar“ für die Produktionen des Jahres 2009 jedoch überzeugte in jeder Hinsicht: „In ihren Augen“ ist im Hintergrund klassisches Politdrama über die Gewalt der Militärdiktatur Argentiniens. Aber auch spannender Krimi, ergreifende Liebesgeschichte und vor allem ein immer wieder überraschender, exzellenter Film.

Der pensionierte Justizbeamte Benjamín Espósito (Ricardo Darín) zeigt sich als rüstiger Rentner: Er hat immer einen flotten Spruch auf den Lippen für die Frauen und die ehemaligen Kollegen. Doch zuhause findet er nicht die Worte für den Roman, der einen ungelösten Fall nacherzählen soll. Und in der Nacht schreibt er auf einen Zettel „Temo“ - Ich habe Angst!

Kurz vor dem Tod und damit dem Ende der zweiten Amtszeit des Präsidenten Perón im Jahre 1974 untersuchte Benjamín Espósito in Buenos Aires erschüttert den Tatort von Vergewaltigung und Mord an einer jungen Frau. Zwar ließ ein rechter Kollege ein Geständnis aus zwei unschuldigen Bauarbeitern herausprügeln, doch erst die intensive Recherche führte Benjamín auf die Spur des Täters. Dessen Blicke auf alten Fotos mit dem Opfer verrieten ihn. Aber der Mörder Isidoro Gómez (Javier Godino) konnte immer wieder fliehen. Der lächerliche Chef ließ den Fall zu den Akten legen, nur die jüngere Staatsanwältin Irene Menéndez Hastings (Soledad Villamil) unterstützte Benjamín. Wohl auch, weil ihr Blick versteckte Gefühle verriet.

Als Benjamín Gómez im Fußball-Stadion des heißgeliebten Racing Clubs fassen konnte, war es auch Irene, die den Verdächtigen bei seinen Leidenschaften packte und ihn in einer atemberaubenden Szene raffiniert provozierte, die Hosen runter zu lassen. Aber der Inhaftierte tauchte bald an der Seite der neuen Präsidentin (und Marionette der Paramilitärs) Isabel Perón auf. Benjamíns Assistent und Freund wurde ermordet, er selbst musste in die Provinz fliehen, bevor er Irene seine Gefühle gestehen konnte. Die Zeiten hatten sich wieder einmal gewandelt. Die Brutalität des Mordes an der jungen Frau war Vorzeichen für Folter, Vergewaltigung und Mord einer rechten Regierung, die schamlos ihre Macht raushängen lässt.

Wie es neuerlich auch deutsche Justiziare tun, versucht Benjamín Espósito, seine Erinnerungen aufzuschreiben. Das erweist sich nicht nur wegen der alten Olivetti mit dem defekten A als Problem. Die Schreibmaschine ist eine Quelle des Humors, der immer wieder in diesem exzellenten Drama auftaucht. Dazu begeistert der Oscar-Sieger „In ihren Augen“ flotten Dialogen voller Raffinesse und mit eindrucksvollen Schauspielern, die auch Nebenfiguren sehr interessant gestalten.

Dass Benjamíns Probleme der Erinnerung nach zwanzig Jahren keine einfache Schreibblockade, sondern ein gesellschaftliches Tabu sind, scheint offensichtlich. Intensiv nachfühlbar kristallisiert sich das Nachdenken über Formen der Justiz in der Geschichte. Auf allen Ebenen arbeitet der Regisseur und Autor Juan José Campanella mit exzellenten Bildern: Die scheinbar alberne Manie Irenes, ihre Bürotüre je nach privater oder dienstlicher Situation zu schließen, entwickelt sich zu einer starken Metapher. So gelang „In ihren Augen“ auf allen Ebenen spannend und liefert auch erzählerisch einen sehr schönen Schluss, wenn sich das „Temo“ (Ich habe Angst) mit nur einem Buchstaben mehr in ein „Te amo“ (Ich liebe dich) verwandelt.

R.E.D.


USA 2010 (RED) Regie: Robert Schwentke mit Bruce Willis, Morgan Freeman, John Malkovich, Helen Mirren, Mary-Louise Parker 111 Min.

Robert Schwentke ist unter den gar nicht wenigen neuen deutschen Hollywood-Regisseuren der erfolgreichste. Während viel Nachwuchs sich im Horror die Finger schmutzig macht, sammelt Schwentke beeindruckende Projekte mit großen Stars. Seit dem heftigen Thriller „Tattoo“ (2002) und der ebenso klugen wie frechen Kranken-Komödie „Eierdiebe“ (2003) drehte er mit Jodie Foster „Flight Plan - Ohne jede Spur“ (2005), mit Eric Bana „Die Frau des Zeitreisenden“ (2009) und nun mit einer ganzen Riege von Hollywood-Größen den Action-Spaß „R.E.D.“. Mit dabei ist immer der Kameramann Florian Ballhaus, Sohn der Legende Michael Ballhaus.

„R.E.D.“ startet fast gemächlich mit dem einsamen Ruheständler Frank Moses (Bruce Willis), dessen Leben sich um Fürsorge für einen Avocado-Kern und regelmäßige Telefonate mit der netten Sarah (Mary-Louise Parker) vom Call-Center dreht. Bis Frank, noch im Morgenmantel, problemlos drei schwer bewaffnete Angreifer umlegt. Kurz darauf wird sein Haus von Kugeln durchsiebt und pulverisiert, aber er ist schon unterwegs nach Kansas City. Dort findet ihn die sehr überraschte Sarah in ihrer Wohnung, er hat schon ihre Tasche gepackt und auch gestaubsaugt. Die will gar nicht mit einem Unbekannten verreisen, doch eine neue Horde von Killern, sowie Klebeband auf dem Mund helfen nach.

Es bleibt in der sehr raschen Entwicklung rätselhaft, weshalb der ehemalige und berüchtigte CIA-Mitarbeiter Frank Moses verfolgt wird. Seine sehr spinnerten Aktionen jedoch, die er mit äußerster Selbstverständlichkeit (amerikanisch: Coolness) hinlegt, unterhalten vortrefflich. Herrlich abstrus auch die Reaktionen der erst entführten, aber von dem ganzen Geheimdienst-Geballere immer mehr begeisterten Sarah: Sie erwartete nicht, gekidnappt oder betäubt zu werden, und sie hoffte, das er Haare habe, aber dies sein nicht mal ihr schlechtestes erstes Date! Der eigentlich recht schüchtern Verliebte fragt sich mitten im Feuergefecht schon mal, ob sie ihn wirklich wolle, und tritt dann einfach mal den Rigips neben einer Panzertür ein, wenn er den Geheimcode der zu erstürmenden CIA-Zentrale nicht mehr kennt.

Mit diesem ungleichen Pärchen, flotten Dialogen, gutem Tempo und einem anständigen Polit-Thriller im Hintergrund - demnächst auf Wikileaks - hätte die Comicverfilmung „R.E.D.“ ihr Soll längst erfüllt. Die Action-Komödie sammelt auf der Flucht jedoch zusätzlich noch eine Handvoll ebenso irrer Figuren auf: Morgan Freeman gibt den ehemaligen CIA-Vorgesetzten, der nicht im Altersheim sterben will. John Malkovich ist die Krönung als paranoider Marv, der jahrelang mit LSD behandelt wurde. Auch die schießwütige ehemalige MI6-Agentin Victoria (Helen Mirren) bereichert den Film mit ihrer eigenen Geschichte. Wer ihre große Liebe war, von der sie sich mit drei Schüssen in die Brust verabschieden musste, verrät erst das Finale zwischen etwas langatmigen Action-Routinen.

Richard Dreyfuss gibt einen angefetteten Industriellen, der die US-Regierung als eigene Firmenabteilung ansieht. Brian Cox sorgt als Ex-KGBler Ivan Simanov beim Wodka-wehmütigen Treffen mit Frank Moses für besonders viel Spaß. Und auch das Wiedersehen mit Western-Legend und Airwolf-Assistenten Ernest Borgnine macht viel Freude. Ein paar Wochen nach der überflüssigen Senioren-Stallone-Action „Expendables“ schießt sich dieser reife und frische Film mit Figuren und Geschichten, die sich nicht zu ernst nehmen, auf die gleiche Humor-Höhe wie Eastwoods „Space Cowboys“. Der Stuttgarter Robert Schwentke katapultierte sich damit gekonnt noch mehr ins Rampenlicht des Hollywood-Films.

Sammys Abenteuer - Die Suche nach der geheimen Passage (3D)


Belgien 2010 (Sammy's Avonturen: De Geheime Doorgang) Regie: Ben Stassen 86 Min. FSK o.A.

Ein Bio-Film, der schmeckt wie papierne Vollkorn-Nudeln und bei dem harte Kanten zusammen mit bösen Überraschungen auch noch die letzten Hoffnungen auf nettes Filmvergnügen aussterben lassen: „Sammys Abenteuer - Die Suche nach der geheimen Passage (3D)“ beweist vor allem die Beherrschung von digitaler 3D-Animation in schönen Unterwasser-Passagen. Die Figurenzeichnung wird dagegen böse vernachlässigt. Wortwörtlich in den plumpen Gesichtern der Tiere und übertragen in den lieblos entworfenen Charakteren.

So wird einem die 50-jährige Reise der Grünen Meeresschildkröte Sammy (Buch: Domonic Paris) vom kalifornischen Strand in den Pazifik, durch den Panama-Kanal in den Atlantik und wieder zurück arg lang(weilig). Zwar regnet es mal Schweröl auf die Korallen, zwar droht eine Plastiktüte Sammy zu ersticken und auch Greenpeace hat einen Einsatz gegen Walfänger, doch diese Öko-Lerneinheiten bleiben aufgesetzt. Zudem erfahren wir Grundlegendes nicht: Wie Schildkröten atmen und dass sie sich in ihrem Panzer verstecken könnten. Da erzählt die kleine Schildkrötenepisode aus „Findet Nemo“ viel mehr und das Meisterwerk „Ponyo“ verknüpft vorbildlich universale Einsichten mit bester Unterhaltung.

Die tatsächlich eindrucksvollen 3D-Unterwasserwelten der kreativen Brüsseler Animations-Schmiede nWave von Ben Stassen, der bei den „Rides“ für Freizeitparks Markführer war, bleiben eine oberflächliche Show mit einigen Schreckmomenten, die nicht (klein-) kindgerecht sind.

19.10.10

Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt


USA 2010 (Scott Pilgrim Vs. The World) Regie: Edgar Wright mit Michael Cera, Alison Pill, Mark Webber 112 Min.

Ein Comic-Roman von Bryan Lee O'Malley ist die Grundlage dieser Geschichte von Scott Pilgrim (Michael Cera). Das erklärt einiges, aber kaum all die vielen Stilelemente. Im Prinzip lernt der sehr nerdige Teenager, dessen Haupteigenschaft eine weinerliche Stimme zum passenden Gesicht ist, seine Traumfrau Ramona (Alison Pill) kennen und muss sich mit deren sieben üblen Ex-Freunden auseinandersetzen. Das geschieht im Stile eines von Bollywood-Musicalelementen und anderen Genre-Zitaten verseuchten Videospiels. Gleichzeitig kämpft Scotts talentfreie Band in einem Wettbewerb und damit hat sich die Handlung schon erledigt.

Aufgefüllt wird der Teen-Film mit animierten Geräuschen, Text-Einblendungen und skurrilen Szenen. Ein witzig-wilder Stilmix, der auch mal auf TV-Soap macht, während sich die Erzählung an den sieben Kämpfen entlang hangelt. Wenn das im zweiten Kampf noch wie Karikatur wirkt, zeigt es sich in der Wiederholung als Haupt-Bestandteil des Films. Abgesehen vom Spaß am heftig bewegten Bild wirkt vieles wie eine Einführung ins Action-Kino für nerdige Anti-Helden. Doch trotz aller frischen Gimmicks dreht sich alles um Boy-meets-Girl. Die junge Beziehung muss sich nicht nur der tödlichen Exen erwehren. Man hat öfters das Gefühl, Scott und Ramona wollen einfach nur zusammen nach Hause und den Overkill an Effekten abstellen.

Ondine - Das Mädchen aus dem Meer


Irland, USA 2009 (Ondine) Regie: Neil Jordan mit Colin Farrell, Alicja Bachleda-Curus, Alison Barry, Stephen Rea 111 Min.

Es ist eine grandiose Irland-Geschichte zwischen Fabel und Thriller, die Neil Jordan („Mona Lisa“) da mit „Ondine“ ins Netz gegangen ist. Oder gehen wir ihm ins Netz, wenn wir lange rätseln, ob der Autor und Regisseur hier ein Märchen erzählt...

Kurz darf man den Salzgeschmack der irischen Meeresküste schmecken, da geht dem Fischer Syracuse (Colin Farrell) eine junge Frau ins Netz. Eine Meerjungfrau? Das panische junge Wesen (Alicja Bachleda-Curus) hat auf jeden Fall keinen Namen und möchte von keinen anderen Menschen gesehen werden. Erst einen Tag später, nachdem Syracuse sie in seiner abgelegenen Hütte untergebracht hat, will sie Ondine genannt werden und sorgt mit einem Gesang in fremder Sprache für sagenhaften Fang.

Zwischendurch kümmert sich der raue Seemann Syracuse rührend um seine zuckerkranke Tochter Annie (Alison Barry), fährt sie zur Dialyse, erzählt ihr Geschichten. Dass hinter seinem Märchen von der Meerjungfrau mehr steckt, ahnt das ebenso lebenslustige wie hochintelligente Mädchen schnell. Sie informiert den Vater auch, dass es zu jeder Nixe einen eifersüchtigen Mann gibt, der sie wieder in die Tiefen zurückziehen will. Und schon taucht ein düsterer Fremder im kleinen Fischerdorf auf. „Verquerer und verquerer!“ zitiert Annie „Alice im Wunderland“. (Curiouser and curiouser! im Original, das unbedingt vorzuziehen ist!) Und tatsächlich häufen sich die wundersamen Ereignisse. Oder sind es alles Zufälle, die in den Augen eines fantasievollen Wesens märchenhaft erscheinen?

Neil Jordan, der mit „The Crying Game“ eine politische Irland-Geschichte erzählte und auch mal Märchen wie „Die Zeit der Wölfe“ oder „Interview mit einem Vampir“ drehte, gelingt mit „Ondine“ eine geniale Vermengung von Geschichten. Über fein gesponnen komödiantische und doppelsinnige Dialoge changiert die Welt um Syracuse dauernd zwischen Märchen und rauer Realität. Denn der Fischer (Colin Farrell - kaum wieder zuerkennen) ist trockener Alkoholiker, wie aus den köstlichen Gesprächen mit seinem Freund und Priester (Crying Game-Star Stephen Rea) hervorgeht. Aber trotz seiner Fürsorge bleibt das Sorgerecht für Annie bei der saufenden Mutter Maura (Dervla Kirwan) und ihrem verdächtigen Partner.

Der Ire Jordan und sein genialer ozeanisch-asiatischer Kameramann Christopher Doyle begeistern mit ungewöhnlichen Perspektiven und den schönsten Irischgrün-Tönen, die eine Kamera einfangen kann. Sie reihen eine Perle der Bildgestaltung an die nächste. Ein Bilderbuch-Märchen für sich! So ergibt sich ein ungemein dichtes Meisterwerk, das ganz real ein Thriller wird, psychologisch sehr klug gestrickt ist, Sigur Rós eine entscheidende Rolle gibt und viel zu märchenhaft ist, um es auf eine Kritik zu reduzieren.

18.10.10

Wall Street: Geld schläft nicht


USA 2010 (Wall Street: Money Never Sleeps) Regie: Oliver Stone mit Michael Douglas, Shia LaBeouf, Josh Brolin, Carey Mulligan, Eli Wallach, Susan Sarandon, Frank Langella 134 Min. FSK ab 6

„Wall Street: Geld schläft nicht“ verbindet den weltweiten Zusammenbruch des Bankensystems mit einem Familiendrama: Der junge Aktien-Händler Jake Moore (Shia LaBeouf) erlebt hautnah mit, wie zuerst seine alte Investment-Firma wegen fauler Kredite hopps geht und danach der ganze Bankensektor plötzlich astronomische Beträge von den Regierungen hinterher geworfen bekommt. Wer hinter den Kulissen die Fäden zieht, erklärt ihm niemand anders als der legendäre Aktien-Zocker Gordon Gekko (Michael Douglas), der wegen Insider-Handels im Knast saß. Im Tausch für diese Informationen soll ihn Jake mit seiner Verlobten Winnie (Carey Mulligan) wieder zusammenbringen. Winnie ist Gekkos Tochter, verachtet ihn aber, seit ihr Bruder sich umgebracht hat, ohne dass der Vater helfen konnte. Parallel zu dieser schwierigen Familienzusammenführung werden Intrigen geschmiedet, gerät ein Erbe von 100 Mio. Dollar in falsche Hände und kämpft ein Forschungsprojekt für regenerative Energien ums Überleben.

Gordon Gekko ist zurück aus dem Knast und Oliver Stone drehte wieder an der Wall Street. Die Fortsetzung „Wall Street: Money never sleeps“ schlachtet nach 23 Jahren die nahezu prophetischen Analysen über kannibalisierende Finanzmärkte aus dem Erfolg „Wall Street“ aus. Ein wenig viel für einen Film, der moralisch und filmisch überzeugen will. Denn Oliver Stone versucht nicht nur – mehr schlecht als recht – den Banken-Crash zu erklären, er macht auch auf grüne Energie-Politik und Romanze. Man erwartete Anklagen oder sogar Antworten von dem Regisseur, der sich seit „Geboren am 4. Juli“ politisch gibt. Doch Oliver Stone ist auch der Autor von „J. F.K.“, dem Film über das Kennedy-Attentat, bei dem einem auf bis dahin ungekannte Weise der Schädel brummte, aber man keinen Deut schlauer war nachher. Und ähnlich geht Stone auch „Wall Street 2“ an. Viele Gestaltungs-Gimmicks und schwierige Worte wie Derivate schwirren ebenso herum wie rein dekorative Kurs-Charts und Torten-Diagramme, die durch die Hochhausschluchten Manhattans schweben. Wirklich entlarvend ist Stone dabei nur einmal, als er bei einer Wohltätigkeits-Gala minutenlang allein den schweren Schmuck der Damen zeigt. Ansonsten ist Michael Moores „Capitalism: A Love Story“ nicht nur aufschlussreicher in Sachen Bankenkrise, die Doku unterhält auch besser als der Spielfilm „Wall Street 2“.

„Wall Street: Money never sleeps“ war nicht unbedingt das persönliche Projekt vom dreimaligen Oscar-Gewinner Stone. Er stieg erst 2009 ein und übernahm das Drehbuch des ehemaligen Aktienhändlers Allan Loeb. Das überzeugende Ausschlachten der Legende „Wall Street“ scheitert auch am Rest der Besetzung: Wer ist dieser Niemand auf dem riesigen Plakat neben Michael Douglas, werden sich viele gefragt haben? Aber Shia LaBeouf („Transformers“) hält sich ganz wacker neben dem alten Fuchs Douglas. LaBeouf mit dem jungen Tom Cruise zu verwechseln, wäre jedoch völlig überzogen. Er spielt die Rolle, die keine höchsten Ansprüche stellt, nur anständig. So darf man dem Film sein berühmtestes Zitat vorhalten: „Greed is good“ (Habgier ist gut - in diesem Fall ist die Habgier der Filmproduzenten als Hauptmotiv unübersehbar.