23.4.08
Ein Schatz zum Verlieben
USA 2007 (Fool's Gold) Regie: Andy Tennant mit Matthew McConaughey, Kate Hudson, Donald Sutherland 112 Min.
Bei der Jagd nach grünen Diamanten, Millionenbeuten oder versunkenen Goldschiffen ist in der romantischen Version der eigentliche Schatz der jeweilige Partner, der gefunden, verloren oder zurück gewonnen werden muss. Diese Schatzkarte für den Kassenerfolg war einige Zeit verloren, doch mit dem Duo Matthew McConaughey und Kate Hudson - bekannt aus Komödie "Wie werde ich ihn los in 10 Tagen?“ - kommt wieder Leben in die alte Kiste.
Die Eröffnung macht den Charakter des passionierten Schatzsuchers Ben (Matthew McConaughey) klar: Begeistert buddelt er im Meeressand, während über ihn in einer herrlichen Abfolge kleiner Katastrophen sein Boot abfackelt und schließlich im Hintergrund als Wrack zu Boden sinkt. Doch die Kleinigkeit interessiert Ben gar nicht, er hat wieder ein Puzzleteil auf der Suche nach eine spanischen Schatzschiff entdeckt.
Und auch das Schiff gehörte eigentlich seiner Frau Tess (Kate Hudson), die sich gerade von ihm scheiden lässt. Doch die gemeinsame Leidenschaft für die Schatzsuche und einander macht eine Trennung unmöglich. Während ihn die einen Geldgeber schon mit Ankerkette am Fuß im Meer versenkt haben, findet Ben mit grandioser Spürnase den nächsten Millionär, der sich für seine Geschichte begeistern lässt. Nigel Honeycutt (Donald Sutherland) beschäftigt auf seiner Superjacht Tess als Steward und so geht die Jagd nach dem Schatz wieder los....
Diese Schatzsuche in der Karibik zu verankern ist optisch weitaus reizvoller wie die Suche nach einer Sonnenscheibe in schlammigen deutschen Wäldern. Dazu taucht Matthew McConaughey immer wieder begeistert knackig und gut „gebuildet“ in die blauen Fluten - ein „Schätzchen“ für sich. Seine Bedenkenlosigkeit gibt der Handlung ihren Schwung. Kate Hudson darf erfreulicherweise mehr sein, sie ist der kluge Kopf der Operation. Ein gelungener Clou der routinierten Inszenierung ist, dass die beiden geschiedenen Partner ihre bewegte Vorgeschichte nur andeuten brauchen und trotzdem in den vielen Streits schön ausleben können.
Die ansonsten nicht originelle Schatz-Romantik findet man noch ganz nett durch reizende Dialoge und eine originelle Besetzung mit Klischee-Typen. Etwa der reiche Gangster-Rapper mit mörderischer Vergangenheit, der in ganz artfremden Gewässern räubern will. Oder die Dummchen-Tochter des Millionärs, der Tess immer mal wieder das Gehirn einschaltet. Dieser Personen-Mix folgt dem Strom der Handlung lebendiger als einst bei Michael Douglas und Kathleen Turner bei der „Jagd nach dem grünen Diamanten“ - aber das kann auch eine Generationen-Frage sein.
22.4.08
Der Fliegende =?UTF-7?B?SCtBT1EtbmRsZXI=?=
Clotilde Hesme, Daniel Duval 96 Min.
Ohne gro+AN8-e Namen und ohne rei+AN8-erische Geschichte die Herzen zu gewinnen, ist
auch eine Kunst. Dem sympathischen franz+APY-sischen Film +IB4-Der Fliegende
H+AOQ-ndler+IBw gelingt diese. Wobei gerade seine m+APw-rrische Hauptfigur Antoine
m+APw-hsam lernen muss, die Herzen seiner Mitmenschen zu gewinnen.
Es ist eine altmodische und +APY-konomisch wahrscheinlich v+APY-llig unsinnige
Erscheinung: Der fahrende Tante-Emma-Laden, der vor allem in l+AOQ-ndlicher
Umgebung meist alte Menschen mit dem N+APY-tigsten versorgt. Und weil dieses
N+APY-tigste nicht nur aus Nahrungsmitteln, Streichh+APY-lzern oder Briefmarken
besteht, rechnet sich der +IB4-Service+IBw nicht mehr. Denn f+APw-r ein paar Minuten
Aufmerksamkeit, f+APw-r ein wenig Anteilnahme f+AOQ-hrt kein H+AOQ-ndler mehr mit viel
Gebimmel vor und bringt kein Milchwagen jeden Morgen die Flaschen frisch von
der Molkerei.
Antoines Vater war so ein Fliegender H+AOQ-ndler in einer abgelegenen Ecke
S+APw-dfrankreichs. Bis ihn der Herzinfarkt ins Krankenhaus brachte. Durch den
Schicksals-Schlag +APw-bernachtet die Mutter in der chaotischen Bude des
verlorenen Sohns Antoine (Nicolas Cazal+AOk) und schl+AOQ-gt auch noch vor, der
Junge solle den Job des Vaters +APw-bernehmen. Antoine ist entsetzt, vom Laden
der Eltern und wohl auch von der Familie wollte er nichts mehr wissen. Und
au+AN8-erdem hat er ja einen Job als Kellner! Hatte, den auch hier fliegt der
unstete Zwanziger wieder raus.
So kehrt Antoine doch heim ins Dorf. Dazu bringt er seine beste Freundin
Claire (Clotilde Hesme) mit. Heimlich liebt er die junge, lebensfrohe
Studentin von nebenan und gibt ihr die Reise aus, damit sie in Ruhe f+APw-rs
Studium arbeiten kann. Am n+AOQ-chsten Morgen beginnt die Tour mit dem fahrenden
Einkaufsladen. Dabei ist Antoine so schnell, dass die alten Leutchen kaum
aus dem Haus sind, bevor er wieder wegd+APw-st. Ansonsten begeistert er mit
Ungeduld, Unfreundlichkeit und grobem Verhalten. Wie konnte dieser
unsensible Mensch blo+AN8 Kellner sein? Obwohl: Das war er ja auch nur ein paar
Wochen.
Claire hingegen kommt wunderbar mit all den alten K+AOQ-uzen der Gegend zurecht.
Sie findet die richtigen Worte und Zugang zu ihnen. Selbst Antoines
verst+APY-rter Bruder, der sich und alle anderen das Verschwinden seiner Ehefrau
verheimlichen will, +APY-ffnet sich der Fremden. Zusammen k+APY-nnten sie den
fahrenden Laden am Laufen halten und sogar die unm+APY-glichen Verh+AOQ-ltnisse in
Antoines Familie aufl+APY-sen. Doch dann +APw-berschreitet der Verliebte eine Grenze
und verjagt Claire...
W+AOQ-hrend der junge Held sich noch selber finden muss, ist der Film schon
l+AOQ-ngst in den ruhigen H+APw-geln dieser Ecke S+APw-dfrankreichs angekommen. Kein
Drama wird k+APw-nstlich +APw-berh+APY-ht, die Handlung nimmt sich von Anfang an Zeit
f+APw-r ihre Menschen, so wie es Antoine erst noch lernen muss. Er lernt auch,
sich selber nicht mehr so wichtig zu nehmen, die Mitmenschen nicht als
st+APY-rend im eigenen (Zeit-) Plan zu empfinden. Das ist schon alles, aber
zusammen mit den Landschaften, dem guten Spiel und der sicheren Inszenierung
ganz unbedingt einen Kinobesuch wert.
16.4.08
Sommer
BRD 2008 (Sommer) Regie: Mike Marzuk mit Jimi Blue Ochsenknecht, Sonja Gerhardt, Jannis Niewöhner 104 Min. FSK: ab 6
Nur zur Warnung: Wer sich noch an „Und es war Sommer“ von Howard Carpendale erinnern kann, ist hier im falschen Film - um mehrere Generationen. Dies ist nicht der Erweckungs-Sommer des weißen Südafrikaners, dies ist der Sommer des 16-jährigen Jimi Blue Ochsenknecht, einem Teenie-Idol mit hohem Kreischfaktor. Niedlich gibt er den Rebell auf Amrum und auch sonst ist alles harmloser als damals bei Howie...
Jimi Blue Ochsenknecht ist Jungstar aus der Filmreihe "Die wilden Kerle". Jungstar mit Wachstums-Problemen: Er wird zu alt, braucht ein neues Spiel(film)feld, um seine Popularität an die Kids zu bringen. Deshalb diese Jugendromanze, die sich nicht nur in jeder Generation, sondern fast jeden Sommer wiederholt: Der 15-jährige Tim (Jimi Blue Ochsenknecht) wird mal wieder von seinem Piloten-Vater (Papa Ochsenknecht) auf eine andere Schule geschickt. Direkt nach der Ankunft auf der Nordsee-Insel Amrum bekommt Tim Ärger mit den lokalen Schnöseln in ihren geschmacklosen Polohemden. Der reiche Lars soll auch in Folge Tims Konkurrent um die Freudin Vic (Sonja Gerhardt) werden.
Tim ist „seltsam“ und er steht dazu. Zwar machen Lederjacke, schief sitzende Kappe und ein Skateboard noch längst keinen Rebellen, aber der Junge geht seinen eigenen Weg, macht sich nichts draus, Feigling genannt zu werden. Auch die unsichere Vic wehrt sich gegen den Markenwahn und erfährt, dass ein Kompliment über ihre hochgesteckt noch schöneren Haare wesentlich wertvoller als die teure Jeans ist.
Der Jugendfilm kann also durchaus Werte vermitteln, schwimmt nicht mit dem Strom. Dazu gibt es ein paar erwachsene Probleme, etwa mit dem arbeitslosen, alkoholkranken Vater Vics. Gerade hier erweist sich Lars als der Falsche, weil er nicht zuhört, kein Freund ist. Und vor allem mit Vic ins Bett will. Bis zum spannenden Finale erfüllt der Film routiniert die Erwartungen des Zielpublikums und überrascht zeitweise sogar mit etwas mehr: Eine Ahnung von Poetik beim ausgeschlachteten VW-Käfer, der wie ein gestrandeter Wal im Sand steckt. Und Romantik, für die es allerdings nur einiger freundlicher Worte bedarf.
Schauspielerisch bewegt sich das alles auf TV-Niveau. Ochsenknecht Junior wirkt in diesem Filmformat so deplatziert wie sein Möchtegern-Rebell auf der Nordsee-Insel. Die Harmlosigkeit des Milchbubis passt zur asexuellen Pferdeschwärmerei der Mädchen. Die Darstellerin der Vic, Sonja Gerhardt, stammt aus der Sat.1-Telenovela „Schmetterlinge im Bauch“. Hier einen Vergleich mit Elke Sommer zu ziehen, bringt den größten Lacher des Films. Witzig ist es eher selten, was in Abwesenheit simpler Albernheiten auch als angenehm empfunden wird. „Sommer“ ist erfreulicherweise nicht die Anhäufung schleimiger und peinlicher Zoten, als die uns „American Pie“ und andere die Pubertät verkaufen will. Obwohl: Der sonnige Jungentraum von Howie hatte auch was...
15.4.08
Fatih Akin
Aachen. Am 24. April erhält Fatih Akin zusammen mit dem französischen Regisseur Abdellatif Kechiche im Aachener Rathaus die „Médaille Charlemagne pour les médias européens“. Die „Karlsmedaille für die europäischen Medien“ geht an Akin und Kechiche, weil sie „mit ihren Filmen einen herausragenden medialen Beitrag zur europäischen Integration“ leisten, so Frauke Gerlach, die Vorsitzende des Kuratoriums Médaille Charlemagne pour les Médias Européens. Die Filme Fatih Akins zeichnet dabei aus, dass man bei ihnen nicht direkt an „Integration” denkt. Sie sind nicht aus dem Stoff der Sonntagsreden von Politikern, sondern prall des Lebens, das Letztere oft aus den Augen verloren haben.
Immer sind es die Leben von Grenzgängern. So fällt schon die Einordnung Fatih Akins in Herkunftsschubladen nicht ganz leicht: Am 25. August 1973 in Hamburg als Sohn türkischer Gastarbeiter geboren, könnte man ihn als Deutsch-Türken vereinnahmen. Wenn man ihn erlebt, ist er viel eher Hamburger, genauer: ein wahrer Bürger des multikulturellen Stadtteils Altona. Dort wuchs er auf, spielte an der Schule Theater und begann erste Geschichten zu schreiben. Später absolvierte er das Studium „Visuelle Kommunikation“ an der Hamburger Hochschule für bildende Künste, arbeitete beim Film und mit 22 Jahren drehte seinen ersten Kurzfilm „Sensin - Du Bist Es!“. Für den Nachfolger „Getürkt“ gab es 1996 bereits internationale Preise sowie eine Sicherheit: Hier lässt sich einer nicht von Klischees vereinnahmen, sondern spielt frech mit ihnen.
Und genauso tritt er auch auf: Fatih Akin begegnet seinem Publikum ebenso wie Staatsmännern und -frauen sympathisch unangepasst und lässig mit Kapuzenjacke, wenn andere Anzug tragen. Klar, deutlich und temperamentvoll, so geht er alle möglichen Themen an, verbreitet die trockene Launigkeit seiner Wahlheimat Hamburg ebenso wie eine kompromisslose Leidenschaft für den Film.
Die Karriere seiner Spielfilme verlief im Rückblick energisch und gradlinig: Das Debüt „Kurz und schmerzlos“ (1998) gewann direkt den Bronzenen Leoparden in Locarno. Die Liebes-Odyssee von Hamburg nach Istanbul „Im Juli“ mit Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle war 2000 ein Kinoerfolg. Das Brüderdrama zweier italienischer Einwanderer-Söhne „Solino“ kam zwei Jahre später nicht mehr so gut an, für diesen Paukenschlag des europäischen Gefühlskinos war die Kinolandschaft noch nicht reif. „Gegen die Wand“ (2004) war auch ein Schlag, ein Volltreffer, und wieder ganz anders: Das äußerst heftige Drama einer Deutsch-Türkin auf der Flucht vor den Traditionen und eines Deutsch-Türken im Kampf mit sich selbst sowie dem Alkohol, konnte während der Berlinale nur den Hauptpreis, den Goldenen Bären erhalten. Später kamen noch der Deutsche und der Europäische Filmpreis hinzu. Obwohl wesentlich stiller und feinfühliger hätte auch „Auf der anderen Seite“ solch einen Erfolg verdient. Im zweiten Teil seiner „Liebe, Tod und Teufel“-Trilogie erzählt Akin darin kunstvoll und einfühlsam von sechs Menschen in Deutschland und der Türkei sowie vom Umgang mit dem Tod in diesen wechselnden Konstellationen.
Der Regisseur des Oscar-Kandidaten „Auf der anderen Seite“ hat aber viele andere Seiten: Man kann ihn immer wieder in kleineren und größeren Rollen als Schauspieler sehen, letztens etwa in der türkischen Komödie „Hirsiz var!“. Seine deutsch-mexikanische Frau Monique zeigt ihn in der Dokumentation „Fatih Akin - Tagebuch eines Filmreisenden“ beim Dreh von „Auf der anderen Seite“. Die mehrfach ausgezeichnete Fernsehdokumentation „Mein Vater der Türke“ von Marcus Vetter schildert das Wiedersehen mit Fatihs türkischem Vater, einem Gastarbeiter, den der Regisseur seit frühen Kindertagen nicht mehr gesehen hat.
Als Autor schrieb er das Buch der interkulturellen Väterpanik-Komödie „Kebab Connection“, als Produzent schickte er „Takva – Gottesfurcht“ im Februar für die Türkei ins Oscar-Rennen. Morgen läuft das ebenfalls von ihm produzierte Kiez-Drama „Chiko“ (wieder mit Moritz Bleibtreu) im Kino an. Im türkischen Heimatdorf seiner Großeltern startete er ein dokumentarisches Langzeitfilmprojekt mit dem Titel „Müll im Garten Eden“. Und gerade dreht Fatih Akin in New York seine Episode „Chinatown“ aus der Kompilation „New York, I Love You“.
Dass er mit renommierten Kollegen wie Mira Nair, Natalie Portman, Shekhar Kapur („Elisabeth“) in diesem Projekt arbeitet, zeigt dass er längst im Weltkino angekommen ist. „Auf der anderen Seite“ wurde im letzten Jahr gar als Favorit in Cannes gehandelt und der Regisseur meinte selbstbewusst: „Ich bin erst mal da angekommen, wo ich hinwollte. Mal sehen, wohin die Reise noch geht." Zwei Jahre zuvor war er Mitglied der Internationalen Jury und außer Konkurrenz lief seine Musik-Dokumentation „Crossing the Bridge“ - noch so ein Dokument des Grenzgängertums zwischen Europa und Asien wie zwischen verschiedensten Musikstilen.
Die Begeisterung des Regisseurs für Musik war bekannt: Zwischendurch legt er gerne als "DJ Superdjango" Platten auf, solch eine Einlage war auch im Rahmenprogramm der Karlsmedaille angedacht, doch die Zeit zwischen Ankunft aus New York und Weiterflug zum Deutschen Filmpreis in Berlin war zu knapp. Zu wenig Zeit zwischen der Arbeit und dem Einsammeln der Preise. Die süße Last des Erfolges wird der Energie des leidenschaftlichen Filmemachers keinen Abbruch tun. Bislang hatte er immer die Power, mit jedem Film gleich einen großen Schritt weiter zugehen. Was die Neugierde auf den nächsten Film besonders groß macht.
8.4.08
Tödliche Entscheidung
USA 2007 (Before the Devil knows you're dead) Regie: Sidney Lumet mit Philip Seymour Hoffman, Ethan Hawke, Albert Finney, Marisa Tomei 117 Min. FSK ab 16
Wie klingt es, wenn das Leben, so wie man es sich vorstellt, erträumt hat, zusammenbricht? Wenn die Konstruktion von Familie, Beruf, Glück nicht mehr hält und zu Boden stürzt? Ganz gleich, welches Geräusch nun bei Ihnen anklingt, nach dem neuen Film von Sidney Lumet hat dieses Gefühl einen ganz eigenen Klang!
Schon an Anfang geht es mächtig schief - und wird nur noch schlimmer: Irgendwo in einem amerikanischen Einkaufszentrum betritt ein Mann mit Skimaske einen Juwelierladen, zückt seine Pistole und zwingt die alte Verkäuferin an die Wand. Wie bei den Coen-Brüdern überbieten sich die beiden Beteiligten in Dummheit, Schüsse fallen, der Räuber stirbt, die alte Frau ist schwer verletzt und den Parkplatz verlässt ein Autofahrer in heller Panik.
Die Idee für diesen Bruch war - wie immer - idiotensicher: Wirtschaftsprüfer Andy Hanson (Philip Seymour Hoffman) braucht Geld, viel Geld. Die Steuerprüfer stehen vor dem Büro und das Koks wird auch immer teurer. Er überzeugt seinen kleinen Bruder Hank (Ethan Hawke), der ebenfalls in einer verzweifelten finanziellen Situation steckt, den Juwelenladen der Eltern auszurauben. Nur die alte, halbblinde Angestellte sei da, die Versicherung würde sowieso zahlen und alle profitieren. Allerdings will Hank den Bruch nicht selber machen, engagiert einen Gangster. Und im Laden steht unglücklicherweise die Mutter von Hank und Andy. Klar wird den beiden das erst, als sie die Mutter im Krankhaus im Koma liegen sehen. Der Vater (Albert Finney) wird noch eine Weile suchen, bis er die Verantwortlichen für die Tat findet. Und - man glaubt es kaum - das ist nicht die einzige erschütternde Entdeckung in diesem Film. Aus der Raubgeschichte kristallisiert sich ein Familiendrama heraus, in dem Andy als vernachlässigter Sohn an der vermissten Liebe zerbricht, während „Baby“ Hank trotz aller Aufmerksamkeit auf die schiefe Bahn gerät.
Mit dem Geräusch von zerspringendem Glas, das auseinander fällt, wie das Leben aller Beteiligten, springt die Handlung immer wieder zurück. Sie zeigt, wie sich die Beteiligten in die verfahrene Situation hineinmanövriert haben. „Tödliche Entscheidung“ besteht aus einer ganzen Reihe von Entscheidungen, die alle falsch gefällt wurden. Und mitten im Herzen des Gefühlssturms aus Dummheit und Gier, die in liebloser Kindheit wurzelt, vermeint man kurz das Schlagen eines erbarmenden Herzens zu hören. Doch das EKG zeigt falsche Werte, Moral muss hernach neu überdacht werden.
Auf Basis des exzellenten Drehbuchdebüts von Kelly Masterson realisierte Altmeister Lumet einen gewaltigen Familienfilm und einen genialen Thriller. „Tödliche Entscheidung“ ist gleichzeitig klassisch gut und modern, hat die tragische Wucht der alten Griechen und die Absurdität der Gier aus Coen-Filmen. Hinter dem Film steht der bereits 83-jährige Sidney Lumet, der mit Werken wie „Die zwölf Geschworenen“, „Hundstage“, „Prince of the City“ und „The Verdict“ bereits Filmgeschichte schrieb. Nun inszeniert er atemberaubend geniale Schauspieler: Jede einzelne dieser Darstellerleistung von Philip Seymour Hoffman, Albert Finney und Marisa Tomei bildet einen schillernder Marmorblock der Filmgeschichte.
2.4.08
Run, Fat Boy, Run
Großbritannien 2007 (Run, Fat Boy, Run) Regie: David Schwimmer mit Simon Pegg, Thandie Newton, Hank Azaria 100 Min. FSK: ab 6
Seit Dennis bei seiner eigenen Hochzeit Fersengeld gab, hat er ein Problem: Er läuft vor allen Problemen davon und wird doch immer dicker. Eher kläglich versucht er, doch noch bei Libby (Thandie Newton) zu landen. Fünf Jahre nachdem er sie hochschwanger vor dem Traualter sitzen ließ. Doch die hat mittlerweile einen Neuen, Whit (Hank Azaria), der reich, kultiviert, charmant, geistreich und gut angezogen ist - das Gegenteil von Dennis, der als Wachmann den Ladendieben hinterher hecheln muss. Eher gezwungen als motiviert durch seine sehr ungewöhnlichen Freunde will Dennis nun bei einem Marathon gegen Whit antreten.
Dennis ist ein herrlich sympathischer Verlierer, der sich wunderbar lächerlich macht und so die Herzen des Publikums gewinnt. Das Kunststück dieser Brit-Komödie mit hohem Lachfaktor ist, dass trotz heftiger Slapstickeinlagen die ganze Sache nie albern oder blöd gerät. Verantwortlich dafür ist Hauptdarsteller Simon Pegg, der auch das Buch schrieb. Dieses enorme Talent kennt man schon von der Polizisten-Parodie „Hot Fuzz“ aber vor allem von dem Zombie-Spaß „Shaun of the Dead“. Nicht nur die eigene Rolle, die sich Pegg auf den Leib schrieb, ist ein Volltreffer, auch die exzellent besetzten Nebenfiguren gefallen ungemein: Vom indisch-stämmigen Hobbytrainer bis zum Sohnemann, dessen Mimik oscarreif ist.
Abgedreht
USA 2008 (Be kind rewind) Regie: Michel Gondry mit Jack Black, Mos Def, Danny Glover, Mia Farrow 101 Min. FSK o.A.
Wer tatsächlich noch Videokassetten zuhause hat, wird das Drama um diese aussterbenden Schätzchen aus vergangenen Medienzeitaltern verstehen: Die chaotische Nervensäge Jerry (Jack Black) magnetisierte sich selbst bei einem Sabotageakt gegen das Umspannwerk hinter seinem Wohnwagen. So weit so schräg, aber als Jerry gegen die Verbote des Besitzers Mr. Fletcher (Danny Glover) wieder in dessen Videoladen rumstöbert, löscht er alle Aufnahmen der Leihkassetten. Eine Katastrophe für Fletchers Vertretung Mike (Mos Def) und gerade jetzt will die alte Stammkundin Mrs. Falewicz (Mia Farrow) den Komödienhit „Ghost Busters“ ausleihen. Da kein Ersatz aufzutreiben ist - wer hat noch Videos im DVD-Zeitalter? - drehen Jerry und Mike mit sehr, sehr einfachen Mitteln den Film selber nach. Verkürzt selbstverständlich, dann wird er ja besser. Das Unglaubliche passiert nach dieser unglaublichen Aktion: Die „geschwedeten“ Filme werden ein Erfolg, lassen sich sogar teuerer vermieten. So drehen sich die beiden Notfall-Regisseure hemmungslos durch die Filmgeschichte: „Robocop“ schießt da mit dem Fön, „Driving Miss Daisy“ lässt Mia Farrow wunderbar auftreten. In dieser Reihe von schönen Scherzen für Cineasten mündet der anfangs absurde Humor, für den Jack Black meist steht. Doch die liebevolle Film- und Viertel-Geschichte bekommt noch mehr Gefühl, als alle zusammen eine Dokumentation über die vergessene Jazz-Legende Fats Waller drehen...
Der Originaltitel des Film, „Be kind rewind“, ist einerseits die Bitte, das Video vor Rückgabe zurückzuspulen. Aber auch programmatisches Konzept, die Zeit zurückzuspulen. Zum Früher, als es besser war. „Abgedreht“ war schon immer eine gute Bezeichnung für die Filme, an denen Michel Gondry beteiligt war: Geboren in Versailles besucht er eine Kunstschule, hatte eine kurze Karriere beim Pop und wurde schließlich von Björk als Regisseur der sensationellen Videoclips zu „Human Behaviour“ und fünf anderen Songs entdeckt. Danach drehte er für Massive Attack, bevor er 2001 mit „Human Nature“ in Cannes einschlug. Auch der folgende „Vergiß mein nicht“ (Eternal Sunshine of the Spotless Mind) war als digitales Drama einer verwehenden Liebeserinnerung Kino, wie man es noch nie gesehen hatte. Mit „Science of Sleep“ kehrte Gondry von den großen Tricks zu der sehr sympathischen Kleinkunst des ausgeschnittenen Kartons zurück. Die Liebesgeschichte zwischen Stephane und Stephanie (Gael García Bernal und Charlotte Gainsbourg) in Paris gewann mit dem Charme des Handgemachten, der nun auch in „Abgedreht“ das Publikum der nachgedrehten Blockbuster-Filme überzeugt. Ein Märchen vom Film, der unabhängig von den Konzernen gemacht und geliebt wird, dem handgedrehten, der Menschen aus der Nachbarschaft noch etwas erzählt, der von ihren Geschichten handelt.
Untraceable
USA 2007 (Untraceable) Regie: Gregory Hoblit mit Diane Lane, Colin Hanks, Billy Burke 101 Min. FSK: ab 16
Da braucht es nicht die Abstimmung mit der Computer-Maus: „Untraceable“ ist kein guter Film. Jeder, der mitdenkt, entdeckt schnell mangelnde Intelligenz im Drehbuch. Schauspielerisch kann Diane Lane (von „Rumble Fish“ bis „Untreu“) mehr, als sie hier zeigt. Überhaupt ist die ganze Darstellerriege eher schwach. Trotzdem gehört „Untraceable“ in die Kiste mit dem Etikett „interessant“: So erschreckend wurde bislang selten eine mögliche Diktatur des kleinen Klicks geschildert!
Was ist echt im Internet? Stecken die süßen kleinen Katzen tatsächlich schrecklich deformiert in viereckigen Flaschen? Oder hat hier ein Designer zuviel Zeit mit Photoshop verbracht? Die Frage „Was ist echt?“ stellt sich auch den Ermittlern in Portland, als eine süße kleine Katze im Internet live gequält und umgebracht wird. Was soll’s, es gibt Wichtigeres für das FBI aufzuklären, meint der Chef von Jennifer Marsh (Diane Lane). Doch nicht nur die auf den Cyberspace spezialisierte Ermittlungs-Agentin starrt fasziniert auf die Monitore: Die Site "KillWithMe?" behauptet, je mehr Klicks sie erfährt, je schneller solle die Katze sterben. Nur ein paar Tage später hängt ein Mensch gefesselt vor der Kamera, während das Publikum weltweit an den Monitoren hängt. Hunderttausende Internet-Surfer sorgen für ein langsames Verbluten des Opfers.
Es kostet das Drehbuch einige heftige Verbiegungen, zu erklären, weshalb ein Verbrechen im Weltweiten Netz ausgerechnet zufällig von Jennifer Marsh vor ihrer Haustür aufgeklärt werden muss. Selbst die Auflösung macht nicht verständlich, warum der wahnsinnige Mörder die Ermittlerin des FBI ins Visier nimmt. Doch egal. Der Blick auf den Voyeurismus macht „Untraceable“ reizvoll. Die Anonymität des Internet lässt Millionen Menschen zu Zeugen einer Hinrichtung werden und ein Kommentar vermutet, dass dazu bald für viel Geld Werbung geschaltet wird. Welche - kommerzielle - Macht die Quote hat, wird in Bezug auf das Fernsehen und, in minderem Maße, auf die Printmedien hinlänglich diskutiert. Da ist „Untraceable“ so zynisch wie „Das Millionenspiel“ (und dessen Remakes) nach Wolfgang Menge schon 1970. Doch wenn Blicke tatsächlich mit Klicken töten können, erschreckt diese Umsetzung neuerlich. Nicht die grausamen, sadistischen Morde schocken. (Sie werden erträglicher als bei „Saw“ und „Hostel“ dargestellt, bleiben aber noch unappetitlich.) Es ist der Zähler am Rande des Computerschirms der rasend die wachsende Menge der Zuschauer einblendet. Die Gedanken Canettis über „Masse und Macht“ sollten um eine neue Form der anonymen Masse erweitert werden. Wobei: Hat sich so viel verändert seit den johlenden Menschenmassen bei Hinrichtungen im Mittelalter?
So gesehen sollte man es Gregory Hoblit danken, dass er es nach "Zwielicht", "Dämon" und "Das perfekte Verbrechen" nicht zu spannend macht und Zeit zum Nachdenken lässt.
26.3.08
Jumper
USA 2008 (Jumper) Regie: Doug Liman mit Hayden Christensen, Samuel L. Jackson, Diane Lane, 96 Min.
Eine nette Idee: Man stellt sich einfach einen Ort irgendwo auf der Welt vor und schwupps „springt“ man in Bruchteilen von Sekunden hin. In Alan Rudolphs „Made in Heaven“ war dies eine nette Idee in einem wunderbaren Film. In dem sprunghaften Science Fiction „Jumper“ ist diese Idee fast alles. Nur noch ein paar Postkartenaufnahmen exotischer Plätze, ein kindisches Vergnügen am Picknick auf der Sphinx und etwas Handlung, der man mächtig auf die Sprünge hätte helfen sollen.
David (Hayden Christensen) entdeckt nicht nur, dass er durch den Raum springen kann, es gibt auch viele von seiner Sorte und dazu noch andere, die Seinesgleichen ausrotten wollen. Doug Liman („The Bourne Identity“, „Mr. and Mrs. Smith“) inszeniert den Langeweiler halbwegs routiniert, ebenso uninspiriert spielt Samuel L. Jackson. Hauptdarsteller Hayden Christensen muss aufpassen, dass er nicht als Anakin aus „Star Wars“ in ewige Vergessenheit gerät.
Daddy ohne Plan
USA 2007 (The Game Plan) Regie: Andy Fickman mit Dwayne "The Rock" Johnson, Madison Pettis, Kyra Sedgwick 110 Min. FSK: o.A.
Joe Kingman (Dwayne "The Rock" Johnson) ist die Nummer 1 auf dem Football-Feld und in seinem Luxus-Leben. "The King" verbraucht Frauen in Serie, wie ein ganzer Schrank voller Chanel-Geschenkpakete beweist. Doch nach der x-ten Siegesfeier haut ihn die Einsamkeit um - in Form klebriger Streicherklänge. Von nun an werden wir sie nicht mehr los - nicht die Einsamkeit, die ist für Kingman bald vorbei. Es bleiben die Streicher, die sich konstant in den Vordergrund drängen. Und auch Kingman wird nie mehr sein dümmliches Gehabe los. Das ist wohl so, wenn ein Muskel-Sportler schauspielern will: "Daddy ohne Plan" kopiert mit Ex-Wrestler Dwayne "The Rock" Johnson nicht nur das Konzept von "Kindergarten Cop", auch das viereckige Grinsen von Ex-Bodybuilder Arnold Schwarzenegger springt einem immer entgegen. Penetrant wie die Erwähnung von Johnsons Spitznamen "Rock" (Stein) alle fünf Minuten.
So ist es für die kleine Madison Pettis mit den großen Kulleraugen einfach, ihm in jeder Szene die Show zu stehlen. Sie steht als achtjährige Peyton alleine vor Kingmans Tür, der muss erkennen, dass er eine Tochter hat und sich auch noch einen Monat lang um diese kümmern.
Bis auf einige nette Ideen, wie eine mit Plissee-Rock und lackierten Krallen, bleibt der Film in seiner Formelhaftigkeit stecken. Selbst das klinische und funktionale Chaos, das Peyton im Luxus-Appartement veranstaltet, stammt garantiert von einem Drehbuchautor ohne Kinder. Vor allem "The Rock" zeigt sich unbeeindruckt von allen besseren Vorgaben des Drehbuchs. Seine Figur wird ihr Lachen wiederfinden und lernen, dass Egoismus nicht alles ist. Wir erfahren, dass „The Rock“ längst nicht mehr in der Form ist, den Frauenschwarm zu spielen, den der Film behauptet.
Schmetterling und Taucherglocke
Frankreich/USA 2007 (Le Scaphandre et le papillon) Regie: Julian Schnabel mit Mathieu Amalric, Emmanuelle Seigner, Marie-Josée Croze, Hiam Abbass, Max von Sydow 114 Min.
Mein linkes Auge
Nur einen Augenblick. Manche sagen, das Leben dauert genau so lange. Bei Jean-Dominique Bauby konnte man genau ausrechnen, wie viele Augenblicke sein Leben gedauert hat. Zumindest seine Autobiographie, die er nur mit dem Zucken eines Augenliedes diktierte. 200.000 Augenblicke formten die Worte, das Auswählen eines Wortes dauerte zwei Minuten! Das Drama dieses Lebens - umgesetzt in Julian Schnabels mutige und geniale Bilder - erschüttert wie selten ein Kinofilm.
Es beginnt mit einem Augenaufschlag. Nur verschwommen nimmt Jean-Dominique Bauby (Mathieu Amalric) sein Krankenzimmer wahr. Aufgeregte Schwestern, ernsthaft interessierte Ärzte. Bauby spricht zu ihnen, doch keiner reagiert. Die Panik in der Stimme wird schwer erträglich - keine Reaktion. Bis nach einer Weile ein zynisch ruhiger Spezialist auch den erstaunten Zuschauern alles erklärt: Nach einem Schlaganfall leidet Bauby am "Locked in syndrome". Sein Verstand funktioniert hervorragend, doch ist wie im schweren Tieftaucher-Anzug gefangen. Nichts dringt an die leblose Fassade seines willenlosen Körpers.
Ausgerechnet Bauby, der als Chefredakteur der Frauenzeitschrift "Elle" ein schönes Leben des Scheins genoss. Aussehen und Jugend waren dem 42-Jährigen alles, körperliche Lust ließ ihn Frau und Kinder für eine andere verlassen. Und jetzt hängt er hilflos mit einem bizarr verzerrten Gesicht schief im Rollstuhl. Die jüngere Freundin kann dies nicht ertragen, doch die Ehefrau kümmert sich um ihn.
Halt gibt ihm nur eine Therapeutin, die auch Selbstmordgedanken energisch vertreibt. Mit endloser Geduld wiederholt sie immer die gleiche Abfolge von Buchstaben: "E-S-A-R-N-T-U-L..." Das Zucken seines Augenliedes wählt einen Buchstaben aus, dann folgt wieder der Singsang von "E-S-A-R-N-T-U-L..." So werden quälend langsam aus einzelnen Buchstaben Worte und aus Worten Sätze. Irgendwann beginnt Bauby seine Biographie zu "diktieren" und so erfahren wir von der Verzweiflung im Innern der Taucherglocke. Nur über seine Träume und Erinnerungen entflieht er dem Körper-Käfig wie ein Schmetterling. Ein grausam süßer Ausweg - der einzige.
Der Maler und Regisseur Julian Schnabel ("Basquiat", "Lou Reed's Berlin") verfilmte die sehr erfolgreiche Autobiographie von Jean-Dominique Bauby aus Achtung vor dem Text in Französisch, das Drehbuch schrieb Ronald Harwood. Das Buch erschien am 6. März 1997 und verkaufte sich 150.000 Mal allein in der ersten Woche. Zwei Tage nach der Veröffentlichung starb Bauby. Von den ersten Momenten an lässt Schnabel die Bilder und Töne ganz stark am Gefühl Baubys mitarbeiten. Auch auf der Leinwand kann man anfangs wenig erkennen und verstehen. Wir bleiben irritiert wie der eingeschlossene Patient.
18.3.08
Juno
USA 2007 (Juno) Regie: Jason Reitman mit Ellen Page, Michael Cera, Jennifer Garner 96 Min. FSK: ab 6
Wie wunderbar und furchtbar, die Welt mit anderen Augen zu sehen und zu empfinden. Vielleicht eher furchtbar und anstrengend, wenn man selber drin steckt. Und ziemlich wunderbar, wenn man es im Kinosessel mit Abstand erleben darf. Das Sagenhafte an der der 16-jährigen Schülerin Juno ist ihr heiterer und auch mal sarkastischer Optimismus. Mitten im (Teenager-) Leben und ein neues Leben mitten im Bauch, meistert Juno die Klippen der Pubertät mit Klasse, Spaß und liebenswerter Weisheit.
Juno - sagenhaft keck und klug gespielt von der Kanadierin Ellen Page - weiß was sie will. Sex mit dem nicht besonders attraktiven oder coolen Paulie (Michael Cera aus "Superbad") zum Beispiel. Der Sessel, auf dem sie sich entjungfern lässt, hat fortan Reliquien-Status im Film. Ansonsten geriete die Sache schnell in Vergessenheit. Wenn da nicht schon in der ersten Szene einer der witzigsten Schwangerschaftstest der Filmgeschichte stattgefunden hätte. Und vor allem ein unverklemmter: Juno säuft einen ganzen Getränkeshop leer, kauft die Teststreifen im Zehnerpack, meckert und flucht wie ein Berserker.
Auch das rotzfreche Geständnis bei den Eltern ist ein Knaller: Junos Vater (toll: J.K. Simmons) und Stiefmutter (Allison Janney) reagieren einfach nur gut. Allerdings weiß noch keiner, dass Juno gerade ihre Morgenübelkeit in die dekorative Vase im Flur entsorgt hat. Herrlich komisch balanciert die kleine, zierliche Juno, die sich mit wachsendem Bauch in einen "wandelnden Wal" verwandelt, Peinlichkeiten und Pragmatismus.
Überraschend und völlig frei von Klischees denn auch der nächste Schritt: Juno will ihr ungeborenes Kind zur Adoption freigeben und schaut sich mal die möglichen Eltern im reichen Vorort an. Die Beziehung zwischen der perfekten Workaholic-Frau (toll angespannt: Jennifer "Alias" Garner) und dem frustrierten Künstlergatten eröffnet dem Film ein ganz neues Spielfeld, in dem Juno mit traumwandlerischer (Un-) Sicherheit für Dauerlachen, Mitfreuen, Nachdenken und sogar noch für Romantik sorgt. Die zeigt sich in Form eines Briefkastens voller orange-farbener Tic-Tacs. Wie sich solche Runnings-Gags um den Laufsportler Paulie ebenso wie tiefer gehende Themen schlüssig durch den Film ziehen, wirkt hier plötzlich selbstverständlich und ganz einfach. Stimmig auch die Farbdramaturgie, sowie die gar nicht wirklich niedlichen Folksongs.
Jason Reitman, Sohn des berühmten Komödienregisseurs und Produzenten Ivan Reitman ("Ghostbusters", "Kindergarten Cop"), realisierte diese Film-Sensation mit Herz, Witz und Verstand. Vor allem aber steht die Drehbuchautorin Diablo Cody hinter Juno. Ihren Oscar nahm die ehemalige Stripperin im schillernden Abendkleid entgegen, welches ihre Tattoos schön zur Schau stellte. Sie gehört offiziell zu den 50 intelligentesten Menschen Hollywoods und das versprüht auch jeder Satz Junos - wie der ganze Film ein Volltreffer.
Die Geheimnisse der Spiderwicks
Nach der Scheidung der Eltern ziehen Jared, Simon und Mallory mit der Mutter in das abgelegene Haus ihres Großonkels Arthur. Mit ihnen ziehen die alten Streitereien und Probleme, aber schnell lenken seltsame Ereignisse ab. Jared entdeckt ein altes Buch des Großonkels und lockt damit Kobolde und üble Kreaturen an. Bald müssen die Kinder das belagerte Haus gegen eine Armee von Kröten-Kreaturen verteidigen.
Gibt es eigentlich wirklich so viele Fantasy-Jugendbuch-Bestseller? Oder erfinden die Film-Produzenten schon mal den einen oder anderen hinzu? "Die Geheimnisse der Spiderwicks" wirken aus den Augen eines zynischen Kritiker-Gnoms durchaus wie das Rezept für einen Fantasy-Kinoerfolg. Aber die Erlebnisse der Familie Spiderwick haben auch feengleich schöne Momente und können mit einer netten Geschichte und fantastischen Geschöpfen durchaus für sich gewinnen.
Im Herzen der guten Effekte, die nur bei einem Flugwesen wirken, wie von "Harry Potter" ausgeliehen, steckt eine rührende Familiengeschichte von der Sehnsucht nach verschwundenen Vätern, von der Magie des Kindlich-Bleibens auch im hohen Alter.
17.3.08
Dan - Mitten im Leben!
USA 2007 (Dan In Real Life) Regie: Peter Hedges mit Steve Carell, Juliette Binoche, Dane Cook 99 Min. FSK: o.A.
Der Plan war, mit den drei Töchtern für die dringende Erholung zu Oma, Opa und all den Geschwistern, Schwipp- und sonstigen Schwägern nach Rhode Island zu fahren. Dan Burns (Steve Carell) ist alleinerziehender Witwer und das mit drei Mädchen. Der Kolumnen-Schreiber in Sachen Erziehung bräuchte "mitten im Leben" selbst einige Tipps im Umgang mit seinen "Frauen": Cara, hasst ihren Vater "für ewig", weil er sie von der einzigen und wichtigsten Liebe des Lebens trennte. Jane möchte endlich Autofahren dürfen, doch Dan traut es ihr nicht zu. Und Lilly, die Kleinste, wird überhaupt nicht ernst genommen.
Aber wie das mit den Plänen so ist - manchmal kommt es anders, als Dan meistens denkt. Alles wird Nebensache, als Dan auf Marie (Juliette Binoche) trifft: Schon das Kennenlernen im Buchladen, wo sie ihn für einen Angestellten hält, sammelt mächtig Sympathiepunkte für den Film. Nach einem dieser Gespräche, bei dem man sein Leben und sein Herz ausbreitet, kehrt Dan heim zu seiner wunderbaren, großen Familie, bei der man direkt einziehen möchte. Begeistert erzählt Dan von der romantischen Begegnung, bis ihm sein Bruder Mitch (Dane Cook) seine neue Freundin vorstellt: Marie!
Das Familienheim wandelt sich nun zur hellhörige Hölle für den verliebten Dan. Während die Verwandten Kreuzworträtsel und Verstecken über zwei Etagen und drei Generationen spielen, verstecken sich auch Dan und Annie - sie erzählen niemanden von ihrem Treffen. Dem Kolumnisten gehen plötzlich die Worte aus und er landet klassisch komödiantisch zusammen mit Marie unter der Dusche.
Als Romantische Komödie ohne all das Abgeschmackte, was sonst an diesem Konzept klebt, erweist sich "Dan - Mitten im Leben". Ein verregnetes Rhode Island zeigt keine glamouröse, aber eine passend sympathische Umgebung für die nette Familie mit Diane Wiest als Großmutter. Vom alten Mercedes bis zur Tonspur mit dem Gitarrenrock sorgfältig und liebevoll ausgestattet sowie sorgfältig ins Bild gesetzt. Verantwortlich dafür ist Ko-Autor und Regisseur Peter Hedges, der die Drehbücher für "Gilbert Grape - Irgendwo in Iowa" und "About A Boy" schrieb. Schon sein Regiedebüt "Ein Tag mit April Burns" überzeugte 2003 mit sympathischen Figuren voller Leben.
Dazu überrascht Steve Carell ("Little Miss Sunshine") wieder mit einer guten Rolle, nachdem er im unsäglichen "Evan Allmächtig" die Arche Noah baute. Wie immer, wenn expressive Komödianten gebremst werden, spielen sie richtig gut. Juliette Binoche zeigt kaum Akzent dafür eine Menge tödlicher Eifersucht im Blick, als eine heiße Konkurrentin auftaucht.
Bei all dem freundlichen Vergnügen gibt es auch Erkenntnisgewinn: Man/Dan merkt, Pläne führen selten ans geplante Ziel. Der neue Plan: Sich überraschen lassen! Was mit diesem Film vortrefflich gelingt.
12.3.08
Walk Hard - Die Dewey Cox Story
USA 2007 (Walk Hard) Regie: Jake Kasdan mit John C. Reilly, Jenna Fischer, Tim Meadows 96 Min. FSK: ab 12
Lexikon der Film-Parodien, Teil 7174: Die Musiker-Biographie. Eine ganze Welle von Biographien berühmter Stars wie Johnny Cashs "Walk the Line" oder "Ray" (Charles) forderten geradezu eine Parodie heraus. Doch wer jetzt den üblichen Schrott erwartet, wird positiv überrascht.
Es ist wie bei so vielen Biographien von großen Popstars - nur etwas anders. Das obligatorische Trauma der Kindheit zum Beispiel: Dewey Cox schneidet seinen Bruder mit einer Machete mitten durch und sich selbst damit von der Liebe des Vaters ab. Schön und schon klassisch, wie ihn der lieblose Vater später immer wieder an die Schuld erinnert.
Und dann das Problem der Alterung, wenn die Popstars nicht wie in "Control" früh die Seiten ihrer Biographie schließen: Dewey Cox trifft jung die Frau seines Lebens, oder der ersten Hälfte seines Leben. Und Darlene muss immer betonen, wie jung sie ist. Weder die zwölf Jahre bei der Heirat noch die fünfzehn bei dem ersten Kind noch die über 50 Jahre beim späten Wiedersehen nimmt man der 34-jährigen Darstellerin Jenna Fischer ab. Und das ist auch so beabsichtigt, denn bei "Walk Hard" ist alles überzogen. Doch diese Parodie hat mit John C. Reilly einen Hauptdarsteller, der richtig spielen kann. Dazu ist die witzige Veralberung sorgfältig gefilmt - ganz im Gegensatz zu den Schrott-Parodien von anderen Schrott-Filmen.
"Walk Hard" spielt "Walk the Line" manchmal szenengenau nach. Buddy Holly und Elvis dürfen als Randfiguren nicht fehlen. Die Orgien, die Drogen sind anzüglich albern, die Lieder zweideutig in den Texten. Dazu gibt es etwas "Grace of my heart" mit Brian Wilsons "Pet Songs", die Dewey auch aufnimmt. In einer grandiosen Sequenz zieht Dewey sich in ein indisches Kloster zurück und erlebt die herrlich streitenden Beatles (mit Jack Black als McCartney). Das Ganze gerät nach Deweys erstem LSD-Trip zu einem Sgt. Pepper Cartoon und löst sich als gelungener Humor-Trip in Wohlgefallen auf. Vielleicht weil schon die Vorlagen nicht zum Bodensatz des Filmgeschäfts gehören.
Lars und die Frauen
USA 2007 (Lars and the real girl) Regie Craig Gillespie mit Ryan Gosling, Emily Mortimer, Paul Schneider, Kelli Garner 107 Min. FSK: o.A.
Ein Film, in dem eine aufblasbare Gummifrau eindeutig unzweideutig die Hauptrolle spielt - kann das gut gehen? Sehr gut sogar! "Lars und die Frauen" scheint anfangs infantil, aber nicht grob wie bei "American Pie", erzählt dann aber einfühlsam und rührend von schwierigen Berührungen...
Der Eigenbrötler Lars (Ryan Gosling) lebt in der Hütte hinter dem Haus seines Bruders Gus und seiner Schwägerin Karin. Die macht sich Sorgen um den seltsamen Mann, der mit 28 Jahren noch keine Freundin hatte und meist die Stola seiner früh verstorbenen Mutter um den Hals trägt. Eines Tages liefert die Post ein Packet und am Abend stellt Lars der Familie seine neue Freundin Bianca vor. Sie ist etwas schwach und muss deswegen im Rollstuhl sitzen. Doch was Gus und Karin wirklich schockiert: Bianca ist eine Sexpuppe. Zwar anständig angezogen, wie es sich für so einen Antrittsbesuch gehört, aber trotzdem eindeutig eine Gummipuppe aus dem Versandkatalog.
Die nahen Verwandten spielen nach anfänglichem Staunen das Spiel mit, gehen allerdings mit Bianca am Morgen zur Ärztin. Deren Rat an die kleine Dorfgemeinschaft lautet, Lars nicht seiner Illusion zu berauben. So fahren die Freunde bald im Rollstuhl mit Bianca herum und schließlich ist sie so integriert, dass sie sogar einen Job in einer Boutique bekommt - als Schaufenster-Puppe. Im Kindergarten liest sie - mit Hilfe des Kassettenrekorders - vor.
Das ist absurd, aber nie grob. Teilweise steckt der Humor in grandios ausgedachten Details, etwa dass Lars Bianca erklärt, die geschenkten Blumen seien aus Plastik, so würden sie für immer halten! Das ist fast schon poetisch, so selbstverständlich harmlos, rührend.
Über diesen kuriosen Einstieg, über zahllose, auf sympathische Weise witzige Szenen erhält der Zuschauer Zugang zu einer ernsthaften Geschichte um Angst vor Berührungen durch echte Menschen, schwierige Familienverhältnisse, die Schwangerschaft der Schwägerin Karin. Bei den wöchentlichen Arzt-Besuchen Biancas ergibt sich nebenbei eine psychologische Beratung für Lars. Aber es ist offensichtlich, dass alle irgendwie einen Spleen haben. Die Arbeitskollegen scharen beispielsweise Actionspiel-Figuren und Teddybären um sich. So auch die Arbeitskollegin Margo, die unübersehbar viel für Lars übrig hat.
Es gehört zu den Qualitäten des Films, dass auch diese Randfigur mit ihren Gefühlen, Sehnsüchten, Schmerzen sehr präsent ist. "Lars und die Frauen" schafft das Kunststückchen, einen um eine Gummipuppe trauern zu lassen. Es ist grandios inszeniert, wie das offene Geheimnis von Lars im Ort die Runde macht, mehrsprachig und in allen Lebenslagen .... -situationen. Im Religionskreis stellt sich ernsthaft die schwerwiegende Frage: Darf Bianca mit zur Kirche? Und vor allem: Was würde Jesus machen?
11.3.08
Love and Other Disasters
Frankreich/Großbritannien 2006 (Love and Other Disasters) Regie: Alek Keshishian mit Brittany Murphy, Matthew Rhys, Santiago Cabrera 90 Min. FSK: ab 6
Ausnahmsweise schwärmen wir mal von einer Schauspielerin: Die sehr süße Brittany Murphy-Show "Love and Other Disasters" gelang so unbeschwert und leicht, dass sie sich sogar reichlich Anleihen von "Frühstück bei Tiffany's" erlauben darf. Diese Brittany-Komödie packt locker die meisten Hollywood-Komödien in den Prada-Rucksack.
Emily Jackson (Brittany Murphy), die amerikanische Redakteurin der Londoner Vogue, hat ein Näschen für Mode und Männer. Meint sie jedenfalls. Es gibt schon adrette Zweifel, weshalb die hemmungslose Romantikerin mit ihrem schwulen Freund Peter (Matthew Rhys) zusammenlebt und rituell "Frühstück bei Tiffany" schaut. Sex hat sie mit dem Ex und vom Richtigen träumt sie nur. Paolo (Santiago Cabrera), der argentinische Assistent eines Fotografen könnte es sein, doch er ist definitiv schwul. Sieht Emily auf den ersten Blick. Schade, aber dann kann sie das Schnuckelchen Paolo ja mit Peter verkuppeln. So kommt es dazu, dass sowohl Emily als auch Peter einen wunderbaren Abend miteinander verbringen. Sie verpennt besoffen, dass er eigentlich mehr von ihr will. Und Peter merkt beim Abschiedskuss, dass da nichts unter Männern läuft, behält aber auf Bitten Pedros das Geheimnis für sich. So kann die komödiantische Verwirrung die emotionale Verirrung noch ein wenig mehr durcheinander bringen. Willkommen im Herzen der romantischen Beziehungskomödie.
Die Natürlichkeit, die Brittany Murphy nach einer eindrucksvollen Liste von Filmen immer noch auf die Leinwand zaubert, ist oberflächlich ihr großes Talent. Tatsächlich sie ein Profi, der schon mit 13 Jahren im Fernsehen zu sehen war. Dabei ist die Spannweite ihres Ausdrucks enorm: Von den koketten und niedlichen Posen in "Love and other Disasters" bis zum White Trash reichten ihre Rollen. Sie spielte "Durchgeknallt" und trieb es mit Eminem ziemlich wild in "8 Mile".
Irgendwie "un-hollywood" kommt dieses sympathische Liebes-Disaster daher. "Love and Other Disasters" verlässt sich ganz auf sein Leichtigkeit und den Charme seiner Hauptdarstellerin Brittany Murphy. Als frische und freche Kopie von Holly Golightly aus "Frühstück bei Tiffany's" gewinnt sie die Herzen, auch wenn es bis zum Dreifach-Finale dauert, bis das richtige dabei ist. Der Film spielt mit dem Song "Moonriver" und vielem anderen unübersehbar und -hörbar auf "Frühstück bei Tiffany" an und hat auch ansonsten eine schöne Musikauswahl. Damit alles nicht ganz kitschig wird, erwähnen Emily und Peter - von Beruf Drehbuchautor - zwischendurch immer mal, wie sehr die jeweilige Situation gerade nicht "wie im Film" ist. Das es trotzdem einer - und zwar ein guter - ist, macht den Reiz dieser sehenswerten Komödie aus.
5.3.08
Im Tal von Elah
USA 2007 (In the Valley of Elah) Regie: Paul Haggis mit Tommy Lee Jones, Charlize Theron, Susan Sarandon 122 Min. FSK: ab 12 Jahre
Ist diesem Patrioten denn gar nicht mehr zu helfen? Da scheint ein Schauspieler unter der ganzen Last einer moralisch zerfallenden Nation in sich selber zu versinken: Tommy Lee Jones hat am Ende des (letzte Woche angelaufenen) Endzeit-Westerns "No country for old men" den Kampf gegen das ultimative Böse und Brutale aufgegeben. In seiner eigenen Regie-Arbeit "Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada" reitet er meilenweit, um seinen ermordeten mexikanischen Freund gerecht gerächt unter die Erde zu bringen. Und als "Men in Black" war er doch auch eigentlich der Einzige, der bei den vielen coolen Sonnenbrillen den Durchblick bewahrte. Nun muss er als passionierter Patriot und schlechter Vater erkennen, dass die Werte seiner alten Welt auf den Kopf gestellt wurden.
Tommy Lee Jones spielt den Polizisten und ehemaligen Soldaten Hank Deerfield. Mit harter Hand erzog er seinen Sohn Mike, in die Fußstapfen der eigenen Soldatenstiefel zu treten. Der einst ängstliche Junge ging nach Bosnien, dann in den Irak. Was von dort zurück kam, findet Vater Deerfield zerstückelt und verbrannt auf einer Wiese neben der Straße. Wenige Tage nach der Heimkehr aus dem Irak wurde Mike brutal ermordet. Nun versucht der Polizist im Gefilde des Militärs die Mörder zu finden. Dabei entdeckt er zum einen, was für ein Monster sein Sohn wurde. Und er muss sich die Frage stellen, ob er ein guter Soldaten-Vater war. In der letzten Szene hisst der Patriot Hank die amerikanische Nationalflagge falsch herum, nachdem er anfangs einen ausländischen Hausmeister wegen dieses Fehlers maßregelte. Denn die umgekehrte Fahne bedeutet beim Militär: Eine Nation in Gefahr!
Die Verrohung amerikanischer Soldaten im Irak als Spiegelbild der US-Außenpolitik - zum exakt gleichen Thema lief beim letzten Festival von Venedig auch Brian de Palmas Schein-Doku "Redacted". Dort hat man gesehen, wie amerikanische Soldaten morden und vergewaltigen. Doch Regisseur Haggis, der mit "Crash" ein faszinierend differenziertes und einfühlsames Panorama amerikanischer Unnahbarkeiten zeichnete, erzählt "Im Tal von Elah" mehr. Der ohne viel Gewalt sehr packende Kriminalfilm verzeichnet nuancenreich die grausame Erkenntnis eines Vaters, jahrelang ein falsches Vorbild vorgelebt zu haben: Die Geschichte von David, der im Tal von Elah einst den Riesen Goliath besiegte, sollte dem Kind Mut machen. Um dessen Angst kümmerte sich der Vater aber nicht. Er muss sie viel später aus den Reste von Mikes Leben herauslesen. Tommy Lee Jones - inzwischen tatsächlich eine Art moralischer Instanz im amerikanischen Schauspiel - verkörpert in den vielfältigen Schattierungen seines nur vordergründig harten Gesichts dieses Drama auf fesselnde Art.
27.2.08
I'm Not There
USA, BRD 2007 (I'm Not There) Regie: Todd Haynes mit Christian Bale, Cate Blanchett, Marcus Carl Franklin 136 Min. FSK ab 12
Bob Dylan heißt in Wirklichkeit Robert Zimmermann. Der Musiker wählte seinen Künstlernamen nach dem walisischen Poeten Dylan Thomas ("Do not go gently ..."). Hätten Sie's gewusst. Egal: In der einzigartigen Dylan-Biographie "I'm Not There" finden sich zahllose Bruchstücke zu Leben und Werk des allseits verehrten und epochalen Musikers. Dabei gelang Regisseur Todd Haynes das Kunststück, dass man all dies gar nicht zu wissen braucht und trotzdem einen sehr reizvollen Film erleben kann.
Die Bob Dylan-Biografie "I'm not there" (Ich bin nicht dort) setzt sich Karriere und Persönlichkeit des Folk-Rock-Poeten aus mehreren Charakteren zusammen. Unter ihnen steht der schwarze Junge Woody Guthrie für die musikalischen Wurzeln des Barden. Cate Blanchett verkörpert wiederum eine drogenreiche Episode Dylans, scherzt mit den Beatles rum und macht der Journaille: "Ich will mit meiner Musik NICHT die Welt verbessern!" Richard Gere taucht in einer modern-märchenhaften Western-Stadt als Billy the Kid auf - Fiktives steht hier gleichberechtigt neben Biographischem. Haynes, der Regisseur der Glam-Rock-Geschichte "Velvet Goldmine" und von "Far from Heaven", erzählt ebenso kunstvoll wie originell, nur macht er es recht mühsam, ein Gesamtbild Dylans zusammen zu puzzlen. Cate Blanchett erhielt in Venedig sehr verdient den Preis für die Beste Schauspielerin.
No Country for old men
USA 2007 (No Country for Old Men) Regie: Ethan Coen, Joel Coen mit Tommy Lee Jones, Javier Bardem, Josh Brolin 122 Min. FSK: ab 16
And the winner is ... niemand. Höchstens das Böse an sich siegt. Gäbe es einen Oscar für den dunkelsten Nihilismus im Film, "No Country for old men" hätte sich diesen als fünften neben den Kategorien Bester Film, Bester Nebendarsteller (Javier Bardem), Beste Regie und Bestes adaptiertes Drehbuch (beides: Ethan Coen, Joel Coen) eingeheimst. Die Coen-Brüder ("Fargo") wandeln in ihrer mordlustigen Filmreise den Spaß am cooler Töten in eine schauerlich pessimistische Bilanz dieser Welt.
Es ist eine Sauerei - Sheriff Bell (Tommy Lee Jones) erkennt es sofort: Mitten in der texanischen Wüste zeugen viele Leichen und verlassene Autos von einem Drogendeal, der ziemlich schief gegangen ist. Was Bell noch nicht weiß: Vorher fand der Antilopenjäger Llewelyn Moss (Josh Brolin) ein paar Säcke Heroin und 2,4 Mio. Dollar. Das klassische moralische Dilemma: Niemand sieht es, niemand gehört es und zuhause möchte eine liebe Frau verwöhnt werden. Moss greift zu und geht nach Hause. Ein Fehler, vor allem in einem Film von Ethan und Joel Coen, die von "Miller's Crossing" bis "Fargo" nie zimperlich mit ihren Figuren umgingen. Doch je mehr Moss vom Jäger zum Gejagten wird, je mehr er gar nicht mehr ums Geld, sondern nur noch ums Überleben seiner Frau kämpft, umso mehr wird einem die einfache Habsucht sympathisch.
Denn auf der anderen Seite steht das Böse. Die Perücke des Grauens: Mit einem wahrlich unglaublich bescheuerten Haarschnitt tritt der Killer Anton Chigurh (Javier Bardem) in die Szene. Diese absurde, aber dadurch noch erschreckendere Verkörperung des Bösen verfolgt mit Nachdruck die Spur des Diebes. Oder mit Hochdruck? Auf jeden Fall mit Druckluft, die ein Bolzen-Schußgerät antreibt. Und so jeden mit chirurgischer Genauigkeit umbringt, der ihm im Weg ist. Oder fast jeden, denn Chighur mordet nicht nur eiskalt und mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der die Sonne jeden Tag aufgeht. Er lässt auch schon mal seine Opfer vorher eine Münze werfen, die über Leben und Tod entscheidet. Eine finale Pointe.
Eine von vielen trockenen, unvergleichlichen Coen-Scherzen, die sich durch den Film ziehen wie die Blut-Spur hinter Chigurh. Insofern adaptieren sie den Roman-Stoff von Cormac McCarthy ganz wie man es von ihnen erwartet. Aber die beiden exzellenten Regisseure sind nicht nur Meister des Schöner-Mordens. Immer wieder taucht Transzendentes bei ihnen auf und genau diese Ebene veredelt den in Bild, Schauspiel, Musik und Rhythmus schon hervorragenden "No Country for old men". Es bleibt diesmal nicht beim makabren Spaß, die Mordserie führt zu einer erschütternd pessimistischen Sicht auf die erschreckende Gewalt in den USA. Und zur Resignation der alten Ordnungsmacht Sheriff Bell: Dies sei kein Land für alten Menschen mehr - No Country for old men.
8 Blickwinkel
USA 2007 (Vantage Point) Regie: Pete Travis mit Dennis Quaid, Matthew Fox, Forest Whitaker 90 Min. FSK: ab 12
Angeblich soll die Action-Spielerei "8 Blickwinkel" eine Art "24" fürs Kino sein. Aber 8 ist nur ein Viertel von 24 und damit kommt der Film über ein Präsidenten-Attentat in Spanien noch ganz gut weg. Aber es ist ja auch nur Kino, und das gibt sich heutzutage viel weniger Mühe als der Flimmerkasten.
Auf dem großen Platz der spanischen Stadt Salamanca wird ein Attentat auf den US-Präsidenten (auf Autopilot: William Hurt) verübt und kurz darauf explodiert eine Bombe. Dieses Ereignis zeigt "8 Blickwinkel" aus den Perspektiven von acht Beteiligten. Nachdem die Handlung solch einen Erzählstrang verfolgte, spult sie zurück und geht einer anderen Spur nach - manchmal mit neuen, überraschenden Einblicken.
Im ersten Durchlauf wird der Zynismus der Newsbranche kurz abgehandelt, dann erleben wir alles aus dem Blickwinkel des Sicherheitsbeamten Barnes (routiniert verbissen: Dennis Quaid), der erst vor einem Jahr ein paar Kugeln abfing, die für den Präsidenten bestimmt waren, und der jetzt seine zweite Chance bekommt. Ganz ausgewogen, dürfen wir auch erleben, wie die Attentäter vorgehen, wie sich ein Tourist im blutigen Chaos durchschlägt und wie - etwas fürs Herz - ein kleines Mädchen seine Mutter sucht.
Im Gegensatz zu "Rashomon", Kurosawas Klassiker des Blickwinkel-Genres, ist "8 Blickwinkel" vor allem rasch. Die ganze Verschachtelung, das beschleunigte Zurückspulen zwischen den verschiedenen Perspektiv-Episoden peppt die Dramaturgie zwar was auf, liefert aber kaum Erkenntnisgewinn. So sitzt man am Ende, wenn alle Verfolgungsjagden und Schicksale wieder am gleichen Punkt zusammenkommen, eher unzufrieden vor dieser Drehbuch-Kapriole. Zweifel an der Plausibilität bleiben ebenso zurück wie Ärger angesichts eines scheinbar unvermeidlichen US-Pathos. Aus dem 9.Blickwinkel gesehen, sind die anderen acht eher zu vernachlässigen.
26.2.08
Meine Frau, die Spartaner und ich
USA 2008 (Meet the Spartans) Regie: Jason Friedberg, Aaron Seltzer mit Sean Maguire, Carmen Electra, Ken Davitian, 83 Min. FSK: ab 12
Über den Verfall von Film-Filmparodien zu schreiben, wäre fast so langweilig, wie diese mittlerweile selbst geworden sind. Es geht, wohlgemerkt, um die Verwurstung erfolgreicher Filme, Genres und Szenen in einem Billigfilmchen, das Bekanntes durch den Kakao zieht. Die "Airport"-Serie oder "Nackte Kanone" vom Abrahams/Zucker-Team waren noch witzig, geistreich im Entblößen von Filmroutinen und -Klischees. Das Niveau der Gags landete allerdings im Laufe der Jahre gefühlt ein paar Kilometer unter dem Meeresspiegel. Trotzdem ist für die erneute Bruchlandung in Sachen Raubbau-Humor zu vermelden: Es geht noch schlimmer!
"Meine Frau, die Spartaner und ich" stammt von Aaron Seltzer und Jason Friedberg, der Machern des gar nicht fantastischen "Fantastic Movie" und des doofen "Date Movie". Nun also eine Parodie auf die Fascho-Aktion "300". Und tatsächlich lassen sich die spartanischen Prügelknaben, die in Leder-Pampers herum metzeln, herrlich veralbern. Das gelingt sehr nett, wenn die ultraharten Jungs durchgehend als soft und schwul dargestellt werden, wenn sie Händchen haltend und mit dem "Priscilla"-Hit "I will survive" in die Schlacht tänzeln. Doch nach dieser Nummer, die sich in Varianten durch den ganzen Film zieht, kommt humortechnisch schon der halbwegs originelle Filmtitel und danach haufenweise Fernseh-Schund. Tatsächlich ist "Meine Frau, die Spartaner und ich" vor allem TV-Parodie, was die ganze Chose weniger universell macht.
Denn wer kennt schon das Bohlen-Gegenstück zu "DSDS", das in den USA "American Idol" heißt? Bei den anderen zitierten Talent- und Geschmacklosigkeits-Shows kommt der deutsche TV-Konsument überhaupt nicht mehr mit. Und auch die Idee, aus dem extrem bluttriefenden Gemetzel von "300" ein Breakdance-Battle der albernen 13 Kämpferlein zu machen, versteht man nicht so gut, wie die weltweit erfolgreichen Filme, die bislang den Parodien Futter gaben. Wenn die "Nackten Kanone" noch treffsicher das Kino parodierte, zielen die Spartaner der Billig-Parodie auf TV-Trash-Shows - eigentlich nicht verwunderlich in diesen Zeiten.
Einen Gedanken nimmt man aus diesem Humor-Debakel mit: Muss man mit dieser Verlagerung der Popkulturreferenzen vom Kino ins Fernsehen auch gleich die Kinokultur abschreiben? Mit solcher Niedrigst-Qualität ergibt sich das Kino tatsächlich einer aussichtslosen Schlacht gegen die neuen Unterhalter Fernsehen, Games und Computer.
20.2.08
10 Kanus, 150 Speere und 3 Frauen
Australien 2006 (10 Canoes) Regie: Rolf de Heer Mit Crusoe Kurddal, Richard Birrinbirrin, Frances Djulibing, Jamie Gulpilil, Peter Djigirr
91 Min. OmU
Dass Ethnographie sehr witzig sein kann, beweist dieser sensationelle australische Film, der gleichzeitig bestens unterhält und einen vielfältigen Einblick in Aborigines-Kultur gewährt. Auf zwei Ebenen, süffisant kommentiert durch einen Erzähler, verläuft die Geschichte während einer Jagd auf Gänseeier. Ein junger Mann will was von der dritten Frau seines älteren Bruders. Das führt ansonsten zu Problemen, hier aber zu einer Erzählung von Fremden, Entführung, Eifersucht, Mord und Rache. Dass dabei viele Mythen in verschiedenen Sprachen auftauchen, dass durch die Mitarbeit des Ureinwohners David Gulpilil als Autor und Erzähler ein selten erreichtes Maß an Authentizität zu erleben ist, braucht gar nicht bewusst zu sein. „10 Kanus“ ist in der Bildern, der Erzählung und vor allem der Art des Erzählens ein einzigartiges, beeindruckendes und auch spaßiges Filmerlebnis.
Helden der Nacht We own the night
USA 2007 (We own the night) Regie: James Gray mit Joaquin Phoenix, Mark Wahlberg, Eva Mendes 117 Min.
Der Polizei-Pate
Familienbande einmal anders: Die Grusinsky stehen auf der guten Seite. Vater Burt Grusinsky (Robert Duvall) ist Legende bei der Polizei. Sohn Joseph (Mark Wahlberg) tritt strebsam und mit perfekter Frisur in seine Fußstapfen. Nur dessen Bruder nennt sich Bobby Green (Joaquin Phoenix) und hält sich von der Familie fern, hat sogar seinen Namen geändert. Die Familie – das sind nicht nur die Grusinsky, es sind ebenso die Polizeikollegen. Wie viel diese Bande wert sind, wird sich zeigen, als es zum Krieg mit der Unterwelt kommt.
New York im Jahre 1988: Die Polizei kämpft gegen ein brutales russisches Drogenkartell. Der Gangsterboss Vadim (Alex Veadov) führt ein striktes Regime, seine Leute bringen sich auf Kommando im Polizeiarrest eher um, als auszusagen. Und mit Vadim verkehrt im Nachtleben New Yorks ausgerechnet jener Bobby Green, dessen Familie in Uniform die Clubs unsicher macht – unsicher für die Drogen-Dealer.
Bobby ist beliebter Nachtclubmanager für einen netten russischen Boss, lebt, feiert, kokst, schmeißt Pillen ein. Bobby liebt sein Leben und findet die Familie eher albern. Als ihn Bruder und Vater bitten, gegen Vadim zu ermitteln, lehnt er brüsk ab. Doch nach einer Razzia in Bobbys Club nimmt der Gangsterboss gnadenlos Rache. Josephs Leben steht auf Messers Schneide und Bobby entschließt sich, Vadim zu überführen. Als auch das schief geht, der Dealer von Bobbys wahrer Identität erfährt, bricht ein offener Krieg zwischen der russischen Mafia und den Grusinskys aus. Die Familie lebt nur noch in Verstecken unter Polizeischutz. Die extreme Situation belastet auch die liebevolle und leidenschaftliche Beziehung zu seiner Latina-Freundin Amanda.
Ein neuer Film von James Gray, der mit dem atmosphärisch dichten „Little Odessa“, dem Porträt einer gleichnamigen russischen Enklave, für Aufsehen sorgte. Und doch ein bekannter Film: Schon "The Yards" erzählte die Geschichte zweier Brüder, damals auf der anderen Seite des Gesetzes. Und es spielten Joaquin Phoenix sowie Mark Wahlberg. Nur Eva Mendes sah damals nach Charlize Theron aus. Gab einst James Caan das Familienoberhaupt, beeindruckt nun Robert Duvall als Vertreter einer alten Zeit integrer Polizeiarbeit.
Das muss nicht gegen Gray sprechen, schafft er es doch wieder, mit einer intensiven Inszenierung zu fesseln. „Helden der Nacht“ ist ein guter Thriller, bei dem einem die persönlichen Schicksale ebenso nahe gehen wie die spannungsgeladenen Momente. Wahlberg ("Boogie Nights", "Three Kings") spielt mittlerweile besser. Die Hauptrolle hat aber eindeutig Phoenix als verlorener Sohn, der sich als wahrer Erbe des Vaters erweisen wird. Und dieses klassische Drama kann tatsächlich noch einmal packen.
19.2.08
Sweeney Todd
USA 2007 (Sweeney Todd - The Demon Barber of Fleet Street) Regie: Tim Burton mit Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Alan Rickman 116 Min. FSK: ab 16
Noch nie wurde Blut so schön gezeichnet. So süß und bitter dieser Saft, so auch die Moritat des betrogenen und nach Rache dürstenden Barbiers von London – grandios gespielt von Johnny Depp. Das neuerliche Meisterwerk Tim Burtons („Nightmare before Christmas“) steigert die melodramatische Geschichte aus dem düsteren 19.Jahrhundert mit Gesang: Schaurig schön!
Bitter, dieser Blick auf London: Nach 15 Jahren unschuldiger Haft und Verbannung kehrt Sweeney Todd (Johnny Depp) zurück, um zu erfahren, dass sich sein große Liebe vergiftet hat und das gemeinsame Kind Johanna in den Händen des rechtlosen Richters Turpin (Alan Rickman) ist, der Todds Glück vernichtete. Zusammen mit seiner alten Vermieterin Mrs. Lovett schmiedet der Barbier Todd einen Racheplan, der gleichzeitig die Fleischpasteten der Köchin Lovett lieblich füllt. Doch nicht nur die Liebe eines naiven Jungen zu der gefangenen Johanna sorgt für Überraschungen...
Johnny Depp macht wieder den Frisör. Aber im Gegensatz zu „Edward mit den Scherenhänden“, dem ersten von mittlerweile sechs gemeinsamen Filmen mit Burton, erweitert diesmal nur ein Rasiermesser den menschlichen Arm. Nur? “Sweeney Todd” macht das Rasieren, Barbieren und Halsabschneiden zu einer Kunst und bringt diese gleich zu höchster Vollendung. Stilisiert in einer Geste des Körpers richtet sich alles auf die messerscharfe Rache aus. Aus den düsteren Bildern weist allein die helle Spiegelung der Klinge ins Licht.
Nur wer keine Gänsehaut bekommt, wenn in einer dieser klassischen Kinomomente das Rasiermesser gewetzt wird, bleibt vom Schauer der Szenen unberührt, in denen mehr als einmal das Leben auf Messers Schneide steht. Hinzu kommt jetzt noch Gesang! Duette zwischen Sweeney und seiner herrlich düsteren Vermieterin (Helena Bonham Carter als Gothic-Ikone) - ganz wunderbar, auch dies Gänsehaut-Material. Aber erst wenn der noch unwissende Richter Turpin unter der Klinge von Sweeney liegt und beide gemeinsam die Vorzüge schöner Frauen besingen, steigern sich Spannung, Schauspiel, Bild- und Tonkunst zu einem unvergleichliche Genuss.
Ein Horror-Musical vom Feinsten: Wie in einem besonders außergewöhnlichen Leben folgt ein Höhepunkt dem nächsten. Immer wieder schwillt ein Lied an, Lippen verschenken Leidenschaft, Schönheit zeigt sich in ihrer ganzen Pracht, die Gefühle explodieren sinnlich und laut. Tim Burton fand in dem Musical von Stephen Sondheim eine ideale Vorlage.
Bei Depp stimmt auch die Stimme, der Londoner Dialekt lässt ihn reizvoll wie den frühen, rauen Bowie klingen. Die Nebenrollen wurden äußerst exquisit besetzt: Rickman als eiskalter Richter, Timothy Spall als schleimiger Assistent Beadle und Sacha Baron „Borat“ Cohen als eitler Italiener Pirelli.
Welch ein weiter Weg von Musicals wie den „Regenschirmen von Cherbourg“, bei dem das Grauen - etwa der Algerien-Krieg als Grund des Trennungsschmerzes - nur angedeutet bleibt. Hier spritzt das Blut wie die Springbrunnen in anderen Singspielen. Denn von Tim Burton darf man niemals nur Liebliches erwarten: Das Märchen um “Edward mit den Scherenhänden” zerriss ebenso den Schleier hässlicher ausgrenzender Bürgerlichkeit wie die Herzen. Der Stopp-Trick “Nightmare before Christmas” verband Horror mit Kitsch und versorgt die Gothic-Szene immer noch mit niedlichen Totenköpfen auf Taschen und Jacken. Seine “Corpse Bride” brachte als Brautgeschenk die schauerlich-schöne Romantik einer verwesenden Vermählten mit. Zwischendurch realisierte Burton noch zwei der besten “Batman”-Filme und attackierte mit “Mars Attacks!” das Zwerchfell ebenso wie den Science Fiction.
12.2.08
There Will Be Blood
USA 2007 (There Will Be Blood) Regie: Paul Thomas Anderson mit Daniel Day-Lewis, Paul Franklin Dano, Kevin J. O'Connor 158 Min. FSK: ab 12
Die Biographie eines Giganten! Das Leben des amerikanischen Ölbarons Daniel Plainview fesselt jenseits aller Erwartungen und bekannten Vorstellungen. Nach "Magnolia" und "Punch-Drunk Love" begeistert Paul Thomas Anderson erneut und ganz anders mit der freien Verfilmung des Romans "Öl!" von Upton Sinclair aus dem Jahr 1927.
Ein Mann gräbt nach Gold. Allein. Entschlossen. So entschlossen wie sich noch nie jemand in die Erde eingewühlt hat. Oder wie die Verkörperung all der Schatzsucher aller Zeiten. Dann findet Daniel Plainview (Daniel Day-Lewis) das Schwarze Gold. Kauft Land, bohrt nach Öl. Als einer seiner Arbeiter verunglückt, nimmt Daniel dessen Kind an Sohnes statt. Was sich als sehr hilfreich bei den Käufen neuer Landstriche erweist.
Mit einer erdschweren Tragik in der Musik fließt die Geschichte voran. Schon in den ersten, wortlosen Minuten ist eine ungeheure Kraft spürbar, eben wie das Beben einer explodierenden Ölquelle.
Wir erleben den Anfang des 20.Jahrhunderts, den Beginn des Ölzeitalters, einer neuen Form des Kapitalismus. Plainview tritt als Mann mit Visionen in einer ausgemergelten Gegend auf. Mit den Pumpstationen will er auch Bildung, Infrastruktur und Wohlstand ankurbeln. Der Öl-Mann als Wohltäter trifft bald auf den jungen, dämonischen Kirchenführer Eli Sunday (Paul Franklin Dano), verspricht ihm eine Prämie für dessen Kirche. Doch der Segen für die Ölquelle bleibt aus, Daniels Ziehsohn verunglückt und verliert sein Gehör. Ein Duell zwischen dem unbeugsamen Willen eines Machers, der nur an sich selbst glaubt, und einem fanatischen Christen, der nur den Glauben gelten lässt, beginnt und bestimmten die nächsten Jahrzehnte des wirtschaftlichen Aufstiegs und seelischen Niedergangs von Plainview.
Paul Anderson gelang eines der großartigen Lebens-Dramen, aus deren Bildern Urkräfte strahlen. Wie in "Days of Heaven", wie in "Citizen Kane" oder wie in George Stevens Öl-Drama "Giganten" mit James Dean und Elizabeth Taylor. Die Kamera fixiert kraftvolle Kompositionen, die zeitweise an die Kunstinstallationen eines Matthew Barney erinnern, fährt sie langsam ab und in sie hinein. Der Soundtrack von Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood wirkt mal mechanisch, mal nur organisch vibrierend ebenso eigen unvergleichlich, wie der gesamte Film.
Daniel Day-Lewis spielt wieder sensationell: Man hat dieses Gesicht schon so oft in unterschiedlichen Rollen aufgesogen, bei "Mein linker Fuß", als "The Boxer" oder Anführer der "Gangs von New York". Eigentlich müsste man es ja kennen. Doch den Menschen und den Unmenschen Daniel Plainview lernt man ganz neu kennen und kommt aus dem Staunen nie heraus in diesem gigantischen Film.
Das Waisenhaus
Mexiko, Spanien 2007 (El Orfanato) Regie: J.A. Bayona mit Belén Rueda, Fernando Cayo, Roger Príncep 105 Min. FSK: ab 12
Schon eine verrückte und naive Idee, ausgerechnet in das ehemalige Waisenhaus zu ziehen, in dem sie aufgewachsen ist. Aber Laura ist mittlerweile glücklich verheiratet und liebt ihr Adoptivkind Simón. Der redet seit dem Umzug aber nicht mehr nur mit seinen zwei eingebildeten Freunden, andere kommen hinzu. Als Simón verschwindet und Laura immer wieder die Anwesenheit von Eindringlingen spürt, holt sie Geisterkundige heran. Tatsächlich wird das Haus durch die Geister von Kindern bewohnt, die hier grausame Dinge erleiden mussten.
Lauras Mann, als Arzt ganz Naturwissenschaftler, glaubt nicht an Geister und verlässt Haus und Frau. Die verkündet den (Quäl-) Geistern, sie habe keine Angst und geht auf deren Spiel ein. Versteckte Gegenstände und Hinweise führen sie zu einer schrecklichen Entdeckung.
Nicht der Holzhammer-Schrecken, sondern sanfter Grusel in der Form von "The Others" sorgt im "Waisenhaus" für Spannung. Ein tödliches Kinderspiel läuft zwischen Lebendigen und Toten, mit Laura mittendrin, ohne dass sie die Regeln kennt. Das hat etwas vom "Hospital der Geister" des Lars von Trier, sorgt für reizvollen Schauer, aber auch nicht mehr.
Der mexikanische Jung-Meister Guillermo Del Toro produzierte, aber anders als bei seinen eigenen Filmen "El Espinazo del diablo" und "Pans Labyrinth" fehlt dem Erstling von J.A. Bayona der historische Hintergrund, der dem Schrecken eine weitere Ebene gab. So war im ersten ein entlegenes Waisenhaus gleichzeitig Bollwerk und Schreckensstätte des Franco-Faschismus. Und die märchenhaften Verführungen Pans boten einer Halbwaise eine traumhafte Flucht vor dem realen Terror der Frankisten. Nun ist es ein Spiel, ein tödliches, ein reizvolles. Dabei belegt "Das Waisenhaus" erneut den exzellenten Umgang der Thriller- und Horror-Genres in Spanien, wo der Film alle Kassenrekorde schlug.
27 Dresses
USA 2008 (27 Dresses) Regie: Anne Fletcher mit Katherine Heigl, James Marsden, Malin Akerman 110 Min. FSK: o.A.
In einem nicht wirklich existenziellen Streitgespräch zwischen Redakteurin und Autor geht es darum, dass die Anzeigenkunden lieber schöne Hochzeitskleider als kritische Bemerkungen zur dreisten Geschäftemacherei um Heiraten sehen wollen. Ähnliche Diskussionen führen in Filmproduktionen genau zu so netten und "schönen" Romantischen Komödien wie "27 Dresses". Zum Glück gibt es freie Filmpresse ...
Da kann man sagen, dass "27 Dresses" ein ganz netter Film um die ewige Brautjungfer Jane (Katherine Heigl) ist. Sie heiratet für ihr Leben gerne - leider nur als Organisatorin für andere. So brachte sie es auf eine stattliche Sammlung von 27 mehr oder weniger schönen Braut(jungfer)kleidern. Dabei arbeitet sie im Büro schon für ihren Traummann George. Doch der fährt voll auf die dämliche und hinterhältige Schwester Jane ab. Jane hingegen wird vom frechen Journalisten Kevin verfolgt. Will der etwa mehr als ihre Hilfe für einen guten Text?
Überraschende Wendungen, scharf geschliffene Dialoge, klare Durchblicke zum Thema Hochzeit, ungeahnte Einsichten ... gibt es in dem Filmchen nach dem Buch von Aline Brosh McKenna ("Der Teufel trägt Prada") selbstverständlich nicht. Dafür ein sicheres Happy End, nette Gesichter und schön viel Hochzeiten zum Schwärmen.
John Rambo
USA 2007 (John Rambo) Regie: Sylvester Stallone mit Sylvester Stallone, Julie Benz, Matthew Marsden 92 Min. FSK: k.J.
Den jüngeren Lesern muss man an dieser Stelle vielleicht erklären: Rambo ist nicht die amerikanische Schreibweise des bekannten und beliebten französischen Dichters Arthur Rimbaud. Es handelt sich vielmehr um eine längst vergessene, archaische Figur des Gewalt-Kinos. Rambo rückte in bislang drei Filme mit reichlich Dickschädel und Waffengewalt Weltpolitik im Sinne der gesund beschränkten Volksmeinung zurecht. Bei amerikanischen Hinterwäldlern setzte er seine mit US-Steuergeldern antrainierten Vietnam-Kampftechniken ein. Dann entsorgte er die historischen Reste des Vietnamkrieges, bevor er die Russen aus Afghanistan verjagte. Alles wirkte schon damals recht vorgestrig.
Jetzt ist das Timing gelungen. Raubte in der vergangenen Kinowoche mit "Charlie Wilson" ausgerechnet ein Politiker Rambo die Ehre, Afghanistan von den Russen befreit zu haben, besetzt der Senioren-Kämpfer nun eigenhändig den Norden Burmas, um dem unterdrückten Bergvolk der Karen und ein paar dämlichen Westlern beizustehen. (Den eigenmächtig angeeigneten Eigennamen des Landes Myanmar wollen wir gar nicht erst in simple Spielfilmchen bringen.)
Wieder will der Rammbock der Filmgeschichte mit dem Kopf durch die Wand des Dschungel-Gefängnisses. Damit die Gewaltorgie auch berechtigt und ohne schlechtes Gewissen losbrechen kann, müssen vorher die Schurken ganz extrem brutal morden, foltern und vergewaltigen. Die Schraube der Gewalt dreht hier durch - auch dieser Film erhält keine Jugendfreigabe.
11.2.08
Preis der deutschen Filmkritik f=?ISO-8859-1?B?/A==?=r Dieter Schleip
Berlin. Gestern Abend wurden am Potsdamer Platz im Rahmen der Berlinale die Preise der Deutschen Filmkritik feierlich vergeben. Bereits zum dritten Male erhielt Dieter Schleip den Preis der deutschen Filmkritik für die Beste Filmmusik des Jahres. Und morgen kann der aus Aachen stammende Komponist in Berlin noch die Neuerscheinung einer Doppel-CD mit vielen seiner Melodien feiern.
"Ich liebe die Kritiker!" war die erste Reaktion des Komponisten, der in München für Film und Fernsehen arbeitet. Die Auszeichnung für die Beste Filmmusik des Jahres 2007 ging an den aufwändigen und ungewöhnlich groß orchestrierten Score zur Dokumentation "Die Hochstapler" von Alexander Adolph. Auch die Jury ließ sich davon überzeugen: "Der Umstand, dass ein Dokumentarfilm mit einem eigens komponierten vollorchestralen Soundtrack ausgestattet wird, ist selten genug. Darüber hinaus findet Dieter Schleip zarte, aber auch opulent-aristokratische Klänge für die vier Gentleman-Gauner, die hier offen über ihre „Profession" sprechen. Er denunziert seine Protagonisten nicht, auch wenn deren Aktivitäten oftmals am Rande der Legalität liegen. Ein charmantes Hörvergnügen, dass bestens mit dem Retro-Style des Langfilm-Debüts von Alexander Adolph korrespondiert."
Dieter Schleip wurde 1962 in Aachen geboren und lebt seit 1987 in München. Seit 1995 ist er ausschließlich als Filmkomponist tätig und schreibt vornehmlich komplexe Orchesterpartituren. Neben großen Kinofilmen komponierte er auch die Musik zu besonders anspruchsvollen, häufig preisgekrönten Fernsehfilmen.
Neben dem "Deutschen Fernsehpreis" 2003 und 2000 erhielt der immer neugierige und weiter suchende Schleip den "Preis der deutschen Filmkritik" 2002 für "Der Felsen" von Dominik Graf, der übrigens regelmäßig mit dem Ex-Aachener zusammenarbeitet. 2001 feierte die Kritik dessen Score zu "Die Einsamkeit der Krokodile" von Jobst Oetzmann.
Die enorme Wertschätzung in Fachkreisen zeigt sich auch in der liebevoll editierten Doppel-CD der verdienstvollen und qualitativ hochwertigen "Edition Filmmusik". Darin finden sich unter anderem Kompositionen aus "Liegen lernen", "Ausländer ohne Grund", "Aphrodites Nacht", "Tango zu dritt", "Die Hochzeit meines Vaters", "Kommissarin Lucas", "Der rote Kakadu", "Roula" und "Der Magier". Wobei Dieter Schleip Garant dafür ist, dass es nie wieder erkennbar im Sinne von langweilig ist. Die Reihe wird von der Fachzeitschrift fachkundig "film-dienst" begleitet und betont, dass der "aktuelle deutsche Kinofilm sich sehen- aber auch hören lassen kann: dank des Talents und der Vielseitigkeit von Filmkomponistinnen und -komponisten, die aus Filmen Hörerlebnisse machen." Besonders schön auch das 16-seitige Booklet mit Biographie und Infos zu allen Filmen.
Rede-Rhapsody in Hellblau
Mitte der Woche mit Robert de Niro bei der Goldenen Kamera diniert, am Vorabend auf dem Roten Teppich der Berlinale und dann auf dem roten Teppich der Bühne im alten Kurhaus: Martina Gedeck führt auch abseits des Sets ein bewegtes Leben. Die Schauspielerin las in "Rhapsody in Blue" fiktive Erinnerungen an George Gershwin vor, während der Pianist Sebastian Knauer den Künstler selbst über seine Kompositionen aufleben ließ. Die Weltpremiere in der Reihe "Wort trifft Musik" fand ein begeistertes Publikum.
22. September 1945. George Gershwin ist seit mehr als acht Jahren tot und "Rhapsody in Blue", ein Film über sein Leben, feierte gerade Premiere. Georges jüngere Schwester Frances erinnert sich schön chronologisch an Leben und Karriere des amerikanischen Ausnahme-Komponisten und Pianisten. Mit einem dieser modernen Mikrophone klobig um den Kopf gezwängt, mit High Heels zum schwarzen Kleid, betritt Martina Gedeck als Frances die Bühne, summt eine Gershwin-Melodie und spielt Trauer. Als das erste Stückchen Biografie rezitiert ist, hat der Pianist Sebastian Knauer seinen Einsatz. Er spielt kurz Gershwin-Hits an, erinnert mit Klavier-Versionen an Standards wie "Summertime". Dabei gibt es viel Gelegenheit zum "Star schauen".
Martina Gedeck machte sich in "Der Zeit" Gedanken zum Wesen der Diva, ist aber selbst viel zu bodenständig um diese Aura zu berühren. Auf den Bildern berühmter Fotografen wie Jim Rakete schlüpft sie in ebenso viele unterschiedliche Personen wie auf der Bühne und vor der Kamera. Für ihre Rolle der "Bella Martha" erhielt Martina Gedeck den Deutschen Filmpreis in Gold. Bei den "Bayerischen Filmpreisen" gab es im vergangenen Jahr den mit 10.000 Euro dotierten Darstellerpreis für ihre Rolle in dem Film "Meine schöne Bescherung". Aber vor allem in Florian Henckel von Donnersmarcks Oscar-prämierten Film "Das Leben der Anderen" beeindruckte sie nachhaltig. Gerade hat Martina Gedeck die Bernd Eichinger-Produktion "Der Baader Meinhof Komplex" abgedreht, der am 25. September in die Kinos kommen wird. Vorher ist sie noch als die Pianistin "Clara Schumann" zu erleben. Und im August kann man sie bei den Salzburger Festspielen in der Titelrolle von "Harper Regan" sehen.
Bei der Rede-Rhapsody mimiert die Gedeck minimal. Kuckt sie so traurig, weil Frances ihren Bruder vermisst oder weil sie sich unterfordert langweilt? Als Sebastian Knauer mit der abschließend virtuos gespielten "Rhapsody in Blue" den Saal begeistert, fragt man sich, weshalb so ein eindrucksvoller Pianist durch literarisch uninteressante Wortbeiträge unterbrochen wurde. Doch die Texte stammen von Sebastians Vater Wolfgang Knauer und Junior scheint es zu gefallen: Er hat mittlerweile ein ganzes Repertoire solcher Lese-Spiel-Abende aufgebaut. "Rhapsody in Blue" bietet seine Agentur alternativ auch mit Gudrun Landgrebe oder Hannelore Elsner an. Wie sehr dieses Konzept den Zeitgeist trifft, bewies erneut die sehr erfolgreiche Veranstaltung im Alten Kurhaus - alle 300 Plätze waren ausverkauft.
6.2.08
Berlinale Er=?UTF-7?B?K0FQWS0=?=ffnung
Berlin. Heldenverehrung ist angesagt: Nicht nur, weil die Rentnerband Rolling Stones auf der Leinwand und dem Roten Teppich heute Abend die Berlinale eröffnen werden. Zahlreiche Helden aus Entertainment und Politik werden ihnen in den Berlinale-Palast voran gehen, wenn Ex-Ehrensenf-Frontfrau Katrin Bauerfeind die Gala moderiert und die Pop-Rock Band „Wir sind Helden" musiziert. Ein festlicher Auftakt vor den zehn Filmfeiertagen mit mehr als 400 Beiträgen aus aller Welt.
Berlinale-Direktor Dieter Kosslick eröffnet das größte deutsche Filmereignis gemeinsam mit Kulturstaatsminister Bernd Neumann, dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, und dem Jury-Präsidenten Costa-Gavras. Zwischen Mario Adorf, Fatih Akin, Daniel Brühl, Hannelore Elsner, Heike Makatsch, Neil Young und vielen anderen wird der Normalbürger keinen Platz finden, doch dafür bekommt er am Roten Teppich am Potsdamer Platz besonders viel zu sehen. Direkt um die Ecke kann er sich dann in die lange Schlange vor dem Kartenvorverkauf einreihen - Berlin ist neben Wettbewerb, Filmmarkt und Branchentreff auch ein vitales Publikumsfestival. Und wenn man sie auf den Straßen vergeblich sucht, in den ersten Reihen der Abendgalas hat sich die Berliner Schnauze einen Platz reserviert. Es wird sie besonders freuen, wenn in den nächsten Tagen jeweils eine Berlinale-Kamera an die sehr volksnahen Karlheinz Böhm und Otto Sander geht.
Michael Schmid-Ospach, Leiter der Filmstiftung NRW, findet es kurz vor Abreise aus Düsseldorf an die Spree nicht dramatisch, dass sein Vorgänger und aktueller Berlinale-Chef Dieter Kosslick nur zwei deutsche Filme (Dörries "Kirschblüten", Luigi Falornis "Feuerherz") in den Wettbewerb holte und keiner von ihnen in NRW gefördert wurde: "Wir freuen uns auf die Berlinale, weil wir im eigentlichen Bereich, in den Reihen, in denen junge Filme präsentiert werden, besonders stark sind. Hier werden Schicksale von Filmemachern entschieden."
Ein besonderer Clou der Berlinale und eine immer beliebtere Insel in ihr ist der "Talent Campus" im Haus der Kulturen der Welt, mitten im Tiergarten: Hier finden sich junge Filmemacher aus aller Welt zusammen, die ihr Projekt im Internet vorstellten und planten, um es unter prominenter Begleitung in den zehn Tagen zu realisieren. So zieht sich ein Festival seinen eigenen Nachschub heran und wer hier so groß wurde, will vielleicht in ein paar Jahren sein Meisterwerk gar nicht unbedingt in Cannes zeigen.
Und auch der Lokalpatriotismus hat was zum Schauen: Gerade frisch beim Max Ophüls-Festival mit dem Darstellerpreis prämiert, zeigt "Nichts geht mehr" auf der Berlinale einen humorvoll erzählten Bruderkonflikt. Regisseur Florian Mischa Böder inszenierte am Theater Aachen 2005/2006 "Die Rote Zora und ihre Bande" sowie 2006/2007 "Das Wirtshaus im Spessart". Produzent Peter Kreutz (Aquafilm, Köln) studierte in Aachen und fasst für einen zukünftigen Film die alte Heimat als Drehort ins Auge. Und man soll sich auch nicht den Bären aufbinden lassen, in Berlin gäbe es nur Bären in Gold zu gewinnen. Die sind auch mal aus Glas für den Kinderfilm oder aus Teddy für das Beste Schwul-Lebische. Dazu kommt eine unübersehbare Anzahl weiterer Auszeichnung. Im Rennen um die Beste Filmmusik des Jahres 2007 ist übrigens ein weiterer Ex-Aachener: Dieter Schleip ist für "Hochstapler" nominiert. Wobei wieder einer jüngere Musik macht, als die Herren des Eröffnungsfilms "Shine the Light" - aber das ist auch nicht schwer, denn Martin Scorsese porträtierte darin ja bekanntlich die Rolling Stones.
5.2.08
Der Jane Austen Club
Auf der Skala der verständnisvoll bloßgestellten Männer dieses Films muss sich der Kritiker beim Nur-Austen-Verfilmungs-Kenner einordnen. Männer haben von Gefühlen grundsätzlich keine Ahnung und lesen deswegen nicht Jane Austen - Ausnahmen machen besonders viel Spaß. Unter dieser Grundvoraussetzung finden sich fünf Frauen aus Sacramento zu einem Lese- und Leidenszirkel ein, um die sechs Romane zu besprechen, die von der Engländerin Jane Austen bis zu ihrem Tode 1817, im Alter von gerade mal 41, geschrieben wurden.
Da Sylvia (Amy Brenneman) nach 32 Jahren Ehe kürzlich von ihrem Mann Daniel (Jimmy Smits) für eine ältere Frau verlassen wurde, holt die Hundeliebhaberin Jocelyn (Maria Bello) noch den knackigen Grigg (Hugh Dancy) in den Kreis. Sylvias heißblütige und lesbische Tochter Allegra (Maggie Grace) stürzt sich gerade wieder in eine neue stürmische Affäre. Die freundliche Bernadette (Kathy Baker), weise lächelnde Übermutter des Lesezirkels, glaubt für die siebte Hochzeit reif zu sein. Die sich europäisch intellektuell gebende Lehrerin Prudie (Emily Blunt) macht ihrem Namen Ehre, träumt aber von der Affäre mit einem Schüler. Denn ihr Gatte sagt den Trip nach Paris für ein Football-Spiel ab. Reichlich unbefangen und unbelesen kommt der nette Grigg hinzu und tauscht seine bevorzugte Science-Fiction-Literatur gegen einen dicken Austen-Schinken.
In der Folge spiegeln sich in den Austen-Romanen wie "Verstand und Gefühl", "Sinn und Sinnlichkeit" oder "Stolz und Vorurteil" die Schicksale der Leserinnen. Die Dramen unerfüllter Liebe drohen sich zu wiederholen...
Jane Austen bleibt populär - auch im Kino. Im Herbst erst erzählte uns die Biografie "Geliebte Jane" ("Becoming Jane") von den ersten Liebesjahren der Autorin. Doch liegt es am Geschlecht, dass man sich mit dem "Jane Austen Club" schwer tut? Oder hat es sich die erfolgreiche Autorin Robin Swicord ("Die Geisha", "Betty und ihre Schwestern") in ihrer ersten Regie zu einfach gemacht? Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Karen Joy Fowler kann sich nie von Look und Gefühl einer TV-Serie lösen. Zu klischeehaft wirken die Liebes- und Leid-Episoden der fünf Frauen, die literarischen Bezüge erscheinen platt und oberflächlich. Zu wenig Eigenes lässt sie im gepflegten Bilderreigen uninteressant wirken. Kein Vergleich zu anderen Duetten zwischen Literatur und Film, "The Hours" etwa. Vielleicht liegt ja gerade der Erfolg von Jane Austen darin, recht allgemeingültige Gefühlsverstrickungen geschildert zu haben. Aber der heutigen Autorin und Regisseurin obliegt es, auch in der x-ten Variante noch Interesse für diese Wirrungen und Irrungen, diese Kämpfe mit gesellschaftlichen Normen und Blicken zu wecken.
4.2.08
Der Krieg des Charlie Wilson
USA 2007 (Charlie Wilson's War) Regie: Mike Nichols mit Tom Hanks, Philip Seymour Hoffman, Julia Roberts 102 Min. FSK: ab 12
Oscar-Rambo
Zuerst muss gesagt werden, dass einen dieser Krieg nicht sonderlich zu interessieren braucht: "Der Krieg des Charlie Wilson" ist so eine uramerikanische Geschichte wie Highschool-Football oder Springbrake. Der 75-jährige Routinier Mike Nichols ("Mit den Waffen der Frauen", "Die Farben der Macht", "Wolf") legte eine zahnlose Heldenverehrung hin. Dass diese naive Politgeschichte Satire sein soll, kann man nur im Presseheft erfahren. In einer Reihe von durchaus kritischen Großproduktionen ("Syriana", "A good shepherd", "Lord of War") stellt diese Hochglanz-Lüge einen Rückschlag dar.
Charlie Wilson (Tom Hanks) ist Kongressabgeordneter und Lebemann. Sein Vorzimmer sieht aus wie eine Modell-Agentur, den Sitz im Ethik-Ausschuss sieht er als Witz an und sein politisches Engagement für Afghanistan erhebt sich ausgerechnet im Whirlpool mit ein paar Stripperinnen. Doch dann legt er - angestachelt durch die Verführungskünste der resoluten erzkonservativen Lobbyistin Joanne Herring (Julia Roberts) - richtig los und lässt den CIA-Etat für Afghanistan von 5 auf 500 Millionen wachsen! Alles nur, um Anfang der achtziger Jahre den afghanischen Mudschaheddin Waffen zu besorgen, mit denen sie sowjetische Hubschrauber und Flugzeuge abschießen können. Dabei hilft ihm kongenial der unkonventionelle CIA-Agent Gust Avrakotos (Philip Seymour Hoffman). Letztendlich geht der Plan auf, die Sowjets ziehen nach vielen Kriegsjahren ab.
Dieser aufwändig und mit vielen Schauwerten produzierte Hollywood-Film, basierend auf der realen Geschichte des realen Charlie Wilson, macht im Prinzip nichts anderes als die Rambo-Filme: Politische Zusammenhänge dreist verkürzen und ziemlich vorteilhaft für die USA verdrehen. Zwar weiß der Kokser Wilson, wo Afghanistan liegt und selbst, wie die Nachbarländer heißen. Doch die Gutmenschen-Rührszenen in pakistanischen Flüchtlingslagern sind unerträglich verlogen: Wenn dem US-Politiker das Leid der Minenopfer - oft Kinder - so rührte, sollte er mit seiner Regierung einen Bann dieser Waffen vorantreiben und nicht noch mehr Munition in den brutalen Krieg einbringen.
Nur am Ende hängt Nichols eine bittere Note - oder ein Feigenblatt an: Nachdem Charlie Wilson seinen Krieg gewonnen, also fast ganz allein die Rote Armee besiegt hat, sieht er dank Nachhilfe von Gust Avrakotos ein, dass jetzt "der Frieden gewonnen" werden muss. Mit Schulen und Aufbauhilfe für Afghanistan. Das würde zwar nur ein Bruchteil der Millionen kosten, die in Waffen investiert wurde, aber trotzdem findet sich keine Mehrheit im Kongress. Weil der zu großen Teilen durch die Waffeindustrie finanziert wird? Dann doch lieber direkt den Rentner-Rambo schauen, der nächste Woche anläuft. Der ist ehrlicher verlogen.