28.5.07

Nachhaltig beeindruckend - Cannes 2007

Der Erfolg des stillen Einfühlens
 
Cannes. Die Goldene Palme des 60. Festival de Cannes (16.-27. Mai) erhielt der frühe Favorit "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" des rumänischen Regisseurs Cristian Mungiu. Für den deutsch-türkischen Wettbewerbsfilm "Auf der anderen Seite" konnte Fatih Akin hocherfreut den Drehbuchpreis entgegen nehmen. Der Preisregen am Sonntagabend bildete den würdigen Abschluss eines Jubiläumsfestivals, das Cineasten begeisterte.
 
 
Nachhaltig beeindruckend
 
Ein unbekannter, ein früher Favorit und jetzt allgemein geschätzter Cannes-Sieger: "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage", dem dritten Film des Rumänen Cristian Mungiu, gelang eine Art Start-Ziel-Sieg, was bei einem Filmfestival weitaus schwieriger zu realisieren ist, als beim Sport. Wenn ein Film am ersten Festivaltag läuft und die Eindrücke von 21 Konkurrenten im Wettbewerb überdauert, ist das allein schon Beweis einer besonderen Kraft: "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" erzählt mit realistischem Stil und nahe an seinen Figuren von zwei jungen Frauen, die sich zum Ende des Kommunismus für eine illegale Abtreibung in einem schäbigen Hotel einfinden. Das Geld ist zusammengekratzt, doch der "Engelmacher" will die Zwangslage ausnutzen, verlangt körperliche Gegenleistungen der Frauen...
 
Der erst kurz vor dem Festival mit geringen Mitteln fertig gestellte Film beschränkt sich, nur von einem Tag zu erzählen. Die konzentrierten Emotionen lassen nicht unberührt, überzeugten Publikum und Jury einhellig. "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" wurde unter anderem vom Fernsehsender Arte koproduziert, der sich in Cannes wieder als wichtige Kraft für die europäische Filmkunst erwies.
 
 
Tod, Verlust, Trauer
Als bester Regisseur wurde der amerikanische Maler, Schauspieler und Filmemacher Julian Schnabel für "Le scaphandre et le papillon" prämiert. Der "Große Preis des Festivals" ging an die japanische Regisseurin Naomi Kawase und ihren "Mogari No Mori" (Der Trauerwald), der eine junge Frau, die ihr Kind verloren hat, und einen alten Mann, der über das Ableben seiner Frau nicht hinwegkommt, zusammenführt.
 
Auch die Preise für die besten Schauspieler spiegeln den nicht besonders heiteren Grundton des Wettbewerbes wider: Sie gingen an den Russen Konstantin Lavronenko für seine stoische Darstellung eines betrogenen Mannes in "Izgnanie" ("Die Verbannung") und die Südkoreanerin Jeon Do Yeon, deren Figur in "Secret Sunshine" über den Schmerz zweier verstorbener Menschen den Verstand verliert. Einen Spezialpreis zum 60. Geburtstag des Festivals gab es für den Amerikaner Gus Van Sant, der mit "Elefant" 2003 die Goldene Palme gewann und in diesem Jahr mit dem Skater-(Alb)Traum "Paranoid Park" begeisterte.
 
NRW wieder ausgezeichnet
Die rege Aufmerksamkeit, die "Auf der anderen Seite" von Fatih Akin in Cannes erlebte, schlug sich in zwei wichtigen Preisen nieder: Der Autor und Regisseur erhielt den Preis für das Beste Drehbuch und den der Ökumenischen Jury. Letztere blickt vor allem auf inhaltliche Werte und fand, der Film reflektiere "sehr einfühlsam die schmerzliche Komplexität des Verlustes von Koordinaten und Beziehungen und zeigt dabei Wege der Annäherung zwischen den Kulturen auf." "Auf der anderen Seite" erzählt die Geschichte von sechs Menschen zwischen der Türkei und Deutschland, deren Schicksale ineinander verwoben sind, wobei erst der Tod ihre Lebenswege zusammenführt.
 
Der ebenso leidenschaftliche wie selbstbewusste Wahl-Hamburger verlieh seiner Begeisterung Ausdruck: "Ich habe immer davon geträumt, hier im Wettbewerb zu sein. Es ist hart, es ist verrückt, aber man wird davon abhängig. Ich kann es kaum erwarten, wieder dabei zu sein - in zwei oder drei Jahren."
 
Auch ein anderer "NRW-Film" fiel positiv auf: In der Sektion "Quinzaine des Réalisateurs" erhielt "Gegenüber", der Debütfilm des Kölners Jan Bonny, eine "Lobende Erwähnung". Das Kinodrama über Gewalt in der Ehe und eine unheilvolle Paarbeziehung auf dem Grat zwischen Familiennormalität und Familienhölle wurde in Essen gedreht und von Bettina Brokemper (Heimatfilm, Köln) produziert.
 
Mit dem 39-jährigen Rumänen und dem 33-jährigen Fatih Akin wurden relativ junge Filmemacher eines frischen Wettbewerbs ausgezeichnet. In anderen Jahren führte Cannes auch schon mal reichlich Legenden der Filmgeschichte vor. Doch vor allem die lauten, marktschreierischen Effekte waren im filmischen Auge des Bildersturms von Cannes 2007 angenehm selten. Während der Markt immer mehr auf den großen Knall baut, richtet ausgezeichnete Filmkunst zurzeit den einfühlsamen Blick ruhig auf nahe stehende Individuen.

25.5.07

Im Rausch von Cannes 2007


Cannes. Die 2007er Abfüllung mit Bildern, Themen und Highlights war ein außerordentlich guter Jahrgang. Der so harmlos "Filmfestival" genannte Gigant, der eine unersättliche Unterhaltungsmaschinerie jeden Tag mit zahlreichen Mega-Events füttert, inszenierte sogar die Feiern zur 60.Ausgabe mit Augenmaß und großer Achtung vor den filmischen Kunstwerken, um die es eigentlich gehen sollte. Dabei liefen an einem Gala-Abend mehr Top-Prominente auf, als sich die Berlinale für ein ganzes Festival wünschen kann.
 
Cannes 2007 war auch filmisch ein hervorragendes Festival, die Papierform der großen Namen hat sich während der bisherigen acht Festivaltage in vielen bewegenden, engagierten, ästhetisch wie dramaturgisch avancierten und wenigen komischen Momenten realisiert. Die Internationale Jury unter der Regie des Briten Stephen Frears ("The Queen") kann eigentlich nicht viel falsch machen. Außer Tarantino eine Goldene Palme zu geben ...
 
Jurys stehen immer vor dem Äpfel und Birnen-Problem: Wie lässt sich der iranische, persönlich-politische Zeichentrick "Persepolis" mit dem amerikanischen Serienmörder-Thriller "Zodiac" vergleichen oder mit den für wenig Geld inszenierten französischen "Chansons d'Amour"? Mehr als in vergangenen Jahren ist die Begeisterung einhellig, doch die Fachbeobachter bejubeln Verschiedenes. Seit der ersten Festivalwoche hält sich das rumänische Abtreibungs- und Politdrama "4 Months, 3 Weeks and 2 Days" von Cristian Mungiu in der Spitze der Punktelisten. Die Coen-Brüder schlossen auf und ihr "No Country for old men" wurde Favorit, weil er den Spaß an typisch schrägen Verbrechern und Gemetzeln zur einer mythischen Ebene und einer pessimistischen Sicht auf die eben noch amüsante Gewalt führt.
 
Cannes-Sieger Gus van Sant fand in der Skater-Welt von "Paranoid Park" wieder einzigartige Bilder für Jugendliche in Extremsituationen. Ebenso unvergleichlich das unfassbar ruhige Liebesdrama "Stellet Licht" von Carlos Reygadas, in dem mexikanische Mennoniten im altertümlichen plattdeutschen Dialekt wie in Zeitlupe erstaunliche Lösungen für Gefühlskonflikte finden. Die neuen Filme von Kim Ki-Duk ("Breath") oder Ulrich Seidl ("Import Export") sind eindeutig nicht ihre besten, doch wer weiß, wie vertraut die sehr gemischte Jury mit dem türkischen Schriftsteller Orhan Pamuk oder dem mauretanischen Regisseur Abderrahmane Sissako mit den jeweiligen Werken sind. Man darf aber hoffen, dass dummes Teenager-Geschwätz über Minuten, ein bauchfreier Lapdance als reizloser Höhepunkt und Serienmorde mit Lust an drastischer Darstellung kein Gefallen fanden. "Death Proof", von Quentin Tarantino als "Hommage" anspruchsloser Unterhaltung gedreht, im Wettbewerb von Cannes, ist vergleichbar mit Fußballbildchen in der Sixtinischen Kapelle.
 
Wie immer spielten die Frauen in Cannes meist nur eine dekorative Rolle: Wenn drei Regisseurinnen im Wettbewerb 21 Männern gegenüberstehen, und das auch noch den Schnitt der sechzig Ausgaben hebt, stimmt etwas nicht. Wenn man dann noch erlebt, dass ein einfühlsames, witziges, offen persönliches Meisterwerk wie "Actrices", die zweite Regie der Schauspielerin Valeria Bruni-Tedeschi, in einer Nebensektion landet, darf man laut "Unrecht" rufen.
 
Die deutschen Filme von Volker Schlöndorff ("Ulzhan"), Jan Bonny ("Gegenüber") und Robert Thalheim ("Am Ende kommen Touristen") fanden Aufmerksamkeit, aber vor allem die Begeisterung bei der Premiere von Fatih Akins "Auf der anderen Seite" überraschte selbst die Hoffnungen der Fatih-Freunde. Das von der Filmstiftung NRW geförderte Drama verwebt die Schicksale von sechs Menschen, wobei erst der Tod ihre Lebenswege zusammenführt. Großer Applaus machte "Auf der anderen Seite" zu einem heimlichen Favoriten und zeigte, dass dieser mutige und exzellente Regisseur nun auch auf der internationalen Bühne anerkannt ist. Und das will was heißen im Rausch des hochprozentigen Cannes 2007.

21.5.07

Die schönen Biester

Cannes. Das Traumpaar des Hollywood-Films nahm gestern die Bühne
Cannes für sich ein: Angelina Jolie und Brad Pitt waren mit jeweils
eigenen Projekten an der Cote d'Azur. Die Filme dieses Tages hingegen
gaben sich nach dem Jubiläums-Feuerwerk verkatert und leuchteten ganz
schön viel Hässlichkeit aus den Menschen heraus.

„A mighty heart" erzählt die wahre Geschichte der französischen
Journalistin Mariane Pearl (Angelina Jolie), deren amerikanischer Mann
Danny in Pakistan entführt und schließlich hingerichtet wird. Mit
eindrucksvoller Stärke steuert die Hochschwangere die Nachforschungen
bis zum markerschütternden Schmerzensschrei im Moment der Todesnachricht.

Bei Regisseur Michael Winterbottom, der bislang mühelos zwei
außerordentliche Filme pro Jahr hinlegte, ist „A mighty heart" die erste
Enttäuschung. Es braucht gar nicht den Vergleich zu „Road to Guantanamo"
um die politische Nichtigkeit dieser handwerklich anständigen Arbeit zu
bemerken. Da sitzen in Karachi lauter nette Leute am Krisentisch, gleich
drei Geheimdienste verstehen sich problemlos, alle werden Freunde, auch
die pakistanischen Polizisten, die zwischendurch mal Verdächtige foltern
dürfen. Nur am Ende weist Mariane tapfer darauf hin, dass während der
Entführung auch 10 Pakistani durch religiöse Gewalt starben.
Wahrscheinlich erlag der politische Winterbottom dieser
außerordentlichen Frau und ihrem biographischen Buch zu diesen Ereignissen.

Der Österreicher Ulrich Seidl hält in „Import Export" die Kamera auf
niederste Regionen des Allzumenschlichen und zuckt keinen Moment weg:
Eine Ukrainerin flieht der Armut des Daseins einer staatlichen
Krankschwester in die Sexindustrie und dann nach Österreich. Im Gegenzug
möchte man einen jungen Ex-Wachmann und Arbeitslosen am liebsten aus
allen Gemeinschaften exportieren, so dreckig verhält er sich gegenüber
Freundin und eigentlich jedem. Seidl, der bisher in fragwürdigen
Dokumentationen erbärmliche Menschen vorführte, gibt sich jetzt etwas
fiktionaler, ist weniger authentisch, langweilig, aber immer noch schwer
erträglich voyeuristisch.

Das Gegenteil gelingt – ebenfalls im Wettbewerb – Cannes-Sieger Gus van
Sant („Elephant") im ästhetischen Traum „Paranoid Park". Rund um eine
atemberaubende Skateboard-Arena drehen sich Handlungsschleifen und die
betörende Kamera Christopher Doyles um den Schüler Alex, der einen
horrenden Unfall verarbeiten muss. Hier kann das Grauen nur feine Spuren
in das jugendliche Gesicht zeichnen. Wie die Coens und andere im
60.Cannes-Jahr bringt auch Gus van Sant seine Erzählkunst auf eine neue
Ebene.

20.5.07

Chacun son cinema

33 mal 3 Minuten Einleitung, Erwartung, Höhepunkt und Ausklang … das
kann doch nicht funktionieren. Doch, und wie: Die Jubiläums-Kompilation
„Chacun son cinema" reiht nahezu ausnahmslos eine Filmperle an die
nächste, begeistert, rührt, amüsiert und erweist sich als perfektes
Geburtstagsgeschenk an alle Cineasten.

60 Jahre Cannes war der Anlass, Kino das Thema. Und zwei Stunden lang
können große, staunende Augen auf und vor der Leinwand nicht genug
bekommen von den magischen Momenten. Dabei rührt „Chacun son cinema" an
Kino-Erinnerungen, eine Melodie von Angelopoulos, ein Blick von
Mastroianni, das Ende von „Romeo und Julia". Chabrol lässt etwa das
Kennenlernen seiner Eltern bei Fred Astaire und Ginger Rodgers, das Kino
als Versteck des kleinen Halbjuden, die wachsende Kinoliebe erleben und
schließlich die Mutter im Kino sehen, wie Chabrol seinen ersten Oscar
neben Astaire und Rodger in Händen hält. Alles in drei Minuten wohlgemerkt!

Über fast alle der 33 Meisterwerke könnte man schwärmen, bemerken, dass
Mastroianni eine ganz besonderen Platz in der Erinnerung hat und dass
gleich zwei Regisseure (Alejandro Gonzalez Iñarritu, Chen Kaige) das
unfassbare Erlebnis Film mit dem Extrem eines blinden Kinofans spürbar
machen. Trauer um den Niedergang des Kinos spürt man in mehreren
Episoden, knallhart und extrem sagt es nur David Cronenberg, der sich
selbst beim Selbstmord des letzten Juden der Welt im letzten Kino der
Welt live überträgt.

Lars von Trier zerschmettert den Kopf eines störenden Zuschauers,
Wenders zeigt Kinder-Gesichter des Krieges, Moretti schwelgt auf seine
witzig leidenschaftliche Art in eigenen Kino-Erinnerungen, in seinem
„Tagebuch eines Kinogehers". Wong Kar Wai taucht ein in Kinoerotik,
Egoyan verbindet per modernem Blackberry-Handy zwei Säle und lässt die
„Jeanne d'Arc" von Artaud in seinem „Schätzer" verbrennen.

Aber allen ist gemeinsam: Sie konzentrieren die Kinogemeinschaft der
großen Gefühle auf eine Gemeinschaft des großen Kinogefühls. Und dafür
gibt es wohl keinen besseren Ort auf der Welt als Cannes.

Sicko, Michael Moore

Man könnte es Propaganda nennen. Aber wer Michael Moores "Sicko" gesehen
hat, fiebert schmerzlich jeder neuen Gesundheitsreform entgegen. Wenn
Gesundheit ein Geschäft wird, wenn Ärzte bei Krankenversicherungen
Prämien fürs "Sparen" bekommen, dann freuen sich die
Wirtschafts-Liberalen und die mit Spitzfindigkeiten in Verträgen
"Eingesparten" sterben zu tausenden in den USA - jedes Jahr. Wer sich
dort keine Krankenversicherung leisten kann, es sollen 50 Millionen
sein, ist arm dran. Doch wer auf die kommerziellen Versicherer vertraut,
dem geht es richtig schlecht. Michael Moore zeigt mit bitterem Spott,
wie 70-Jährige für ihre Medikamente arbeiten müssen. Wie ein Ehepaar bei
der Tochter einziehen muss, weil Krebs und Herzanfälle die Ersparnisse
aufzehrten. Und wie immer wieder die Interviewten sterben müssen, weil
absurde Gründe die rettende Behandlung ablehnen. Dabei verdienen diese
Konzerne ähnlich gut wie die Pharmaindustrie. Nur das Gesundheitssystem
ist pleite.

Auf dem Höhepunkt der Moore'schen Naivität fährt er mit schwer kranken,
im Stich gelassenen 9/11-Helfern nach Cuba, wo die medizinische Andacht,
die sie erstmals nach Jahren erfahren, Tränen fließen lässt. Auch dass
ein Inhalator, der in den USA 120 Dollar kostet, dort für 5 Cent zu
haben ist, haut auf und vor der Leinwand um. Immer wieder gab es bei der
Cannes-Presse Szenenapplaus, wenn sich etwas gesunder Menschverstand in
Turnschuhe sowie Übergröße unter einer Basketball-Kappe an unglaublichen
Schweinereien, für alle offensichtliche Bestechungen und gnadenlosen
Praktiken reibt.

Mit herzlichem Mitgefühl freuen sich Kanadier, Franzosen und Engländer
vor Moores Kamera über ihre staatlich finanzierten und stattlichen
Behandlungen auf hohem Niveau. 125 Dollar gibt Cuba für die Gesundheit
jeden Einwohners jährlich aus. 6000 sind es in den USA, wobei die
Kommunisten hier das schönere Krankenhaus und die netteren Ärzte hatten.
Die längere Lebenserwartung in hoch entwickelten Ländern wie Ecuador
vermeldet Moore - den Anteil der Gesundheitskosten am Staatshaushalt
nicht. Der Cannes-Gewinner ist längst nicht mehr so spritzig und
unterhaltsam wie bei "Bowling for Columbine" oder bei "Fahrenheit 911",
mit dem er Bush und die Filmästheten auf die Palme trieb. Der regellose
Dokumentarist argumentiert haarsträubend und so simpel, dass es jeder
der adressierten US-Amerikaner verstehen kann. Aber man fragt sich,
weshalb erst so jemand herkommen muss, um diesen Wahnsinn anzuklagen.
(Der Spielfilm "John Q" von Nick Cassavetes und mit Denzel Washington
war wohl zu schlecht gemacht.) Tatsächlich sollte man jede Gesellschaft
danach beurteilen, wie sie mit den schwächsten umgeht. Siehe Hartz 4 und
Gesundheitsreform.

Man wundert sich, dass nur die amerikanische Zollbehörde - wegen des
nicht angemeldeten Cuba-Trips - heftige Geschütze gegen den Filmemacher
auffährt. Wer in Grishams "Das Urteil" von der Macht der
Zigarettenindustrie gelesen hat, ahnt, was bei der Gesundheitsindustrie
jetzt los sein wird.

18.5.07

Lebendige Magie

Unvergessliche Filmgeschichte und –Geschichten. Die besten Filmemacher der Welt. Magische Orte und Momente. Cannes macht am Sonntag einen Moment Pause, um auf sich selbst zu blicken. Auf den Mythos, an dem gleichzeitig eifrig und leidenschaftlich weitergeschrieben wird: „Chacun son cinema“ heißt die Kompilation von 33 berühmten Regisseuren, die jeder einen dreiminütigen Kurzfilm drehten. Derweil erlebt der Film im Wettbewerb mit David Finchers „Zodiac“ packende und mit dem Russen Andrei Zviaguintsev packend andere Geschichten.

Cannes, das sind die Namen, die Stars, der Sternenstaub, für den Menschen stundenlang anstehen, um einen guten Platz zu haben bei den allabendlichen Defilees über den Roten Teppich, der hier eine rote Treppe ist. Für die anderen glänzt Cannes wegen der anderen Namen, der Namen von Filmemachern mit ihren ganz eigenen Handschriften, den Autoren. Da wartet man auf den neuen Wong Kar-Wai oder einem weiteren Tarantino schon mal ein paar Jahre und plötzlich, hier in Cannes, scheinen sie alle das lang erwartete Geschenk unterm Arm zu haben. Und für noch ein paar andere geht es um die Abermillionen, mit denen Film im Keller des Filmpalastes ge- und verkauft wird. Der Glanz von bunter Action aus aller Welt riecht hier eher billig nach Plastik.

Vor Finchers „Zodiac“ zweifelte man kurz: Ist der Regisseur von „Seven“ und „Fight Club“ Cannes-Material? Also ein Autor mit eigener Handschrift? Nach 150 Minuten Jagd auf einen Serienkiller, die so ganz eigen gestaltet war, fiel sogar der Name Scorsese in den Besprechungen. Ein Ritterschlag für den Amerikaner. Er wandelte den Thriller in persönliche Obsessionen eines Zeitungskarikaturisten (Jack Gyllenhaal). Dazu ein perfektionistischer Retrostil, der die Jahrzehnte aufleben lässt, in denen Zodiac in Kalifornien mordete und die Polizei mit Briefen und Rätseln narrte.

 

Der Russe Andrei Zviaguintsev gewann mit „The Return“ den Golden Löwen von Venedig, ist knapp über vierzig und filmt, als wenn kein Körnchen im Bild verändert werden könnte. Dazu passte die griechische Geschichte des Bildhauers, der sein Kunstwerk nur freilegen muss. Die Steppenlandschaften, die britisch oder belgisch wirkenden Industriestraßen, die Gebäude wie von Tarkowsky … „Izgnanie“ (Die Verbannung) ist aus einem Guss, biblisch, höchst intensiv. Das Drama fesselt mit den intensiven Emotionen ursprünglich wirkender Figuren – da kann man ruhig eine Weile warten, bis die Tragödie zweier Brüder und einer vom falschen Mann Schwangeren offen liegt.

 

Das alles erlebt man in den zu üppigen roten Sesseln des Grand Theatre Lumiere. Und könnte in einem Moment der Ruhe sinnieren, welche Palmen-Sieger hier in früheren Jahren vor Aufregung geschwitzt, vor Freude geweint haben. Es ist das Grandiose an Cannes, lebendige Geschichte zu sein. Die „Preluden“ vor dem Wettbewerb zeigen diese Reflektion, kurze Begegnungen aus der Filmgeschichte mit Menschen vor und auf der Leinwand. Von Fellini, David Lean oder Buster Keaton. Und all das soll „Chacun son cinema“ am Sonntagabend mit einem sensationellen Auflauf an Prominenz feiern: Theo Angelopoulos, Manoel De Oliveira, Atom Egoyan, Aki Kaurismaki, Takeshi Kitano, Nanni Moretti, Roman Polanski, Lars Von Trier und Wim Wenders gehören zu den 33 Regisseuren, die jeweils in drei Minuten den Stand ihres Kinos reflektieren. Diese Regel bedeutete keineswegs eine Einschränkung: Wenders flmte im Congo und David Cronenberg in den Toiletten!

 

16.5.07

My Blueberry Nights, Wong Kar-Wai

In the Mood für Blaubeer-Küsse

Vom kalifornischen Venice Beach gehen die Erinnerungen zurück nach Coney
Island, an die Ostküste. Fast ein Jahr ist es nun her, dass Elisabeth
(Norah Jones) sich verzweifelt im Cafe Kluych nach ihrem Freund
erkundigte. Der englische Chef Jeremy (Jude Law) erinnert sich gut an
Leute, nur nie an ihre Namen, immer nur an ihr Essen. Wie die verlorene
Frau, die nicht allein sein will, bald Abend für Abend zum Reden kommt
und ihren Blueberry Pie, ihren Blaubeer-Kuchen mit Vanille-Eis essen
wird, bleibt ihm unvergesslich …

Das Ritual erlaubt ihnen eine ganz langsame Annäherung, lässt Trauer
verfließen und die Bilder der Überwachungskamera statt alter Geschichten
erzählen. Warme, gelb-grüne Töne passen zur rauchigen Stimme Elizabeths.
Bald fällt sie an seiner Seite in Schlaf. Ein Rest Eis verführt zum
wunderbaren, dem Schlaf und schönen Lippen geraubten Kuss. Dazwischen
geschnittenes Zusammenschmelzen von Beeren, Sahne und Eis macht die
reine Berührung hoch erotisch.

Der Moment kurz vor der Liebe ausgedehnt über ein ganzes Leben, oder
zumindest einen schönen langen Film, mit möglichst vielen kulinarischen
Szenen … das ist Wong Kar-Wai, das ist „In the mood for love". Nur
diesmal sind es nicht dampfende Nudelküchen, in denen sich erst Blicke,
dann Sehnsüchte und Säume wunderbarer Stoffe streifen. Der in
Kunstkino-Kreisen hoch verehrte Regisseur aus Hong Kong drehte erstmals
in Englisch. So wird Elizabeth NY nach langer Beziehung verlassen, vom
Imbiss ihrer verlorenen Liebe gen Westen aufbrechen – von einer Kneipe
zum nächsten Restaurant. Weil sie nicht schlafen kann, macht sie gleich
zwei Jobs, bis jemand sowohl in ihrem Tag- als auch im Nacht-Leben
auftaucht.

Im Rahmen dieser besonderen Begegnung zwischen Elizabeth und Jeremy
erzählt „My Blueberry Nights" von anderen Leidenschaften auf dem Weg der
Reisenden. Auch wenn der Film vor allem in dem New Yorker Cafe die
großen und kleinen Gefühle in ganz große traumhafte Kinomomente
umwandelt, zeigen auch die anderen gefühlvollen Geschichten schönes
Kino, mit heftigen Leidenschaften, saufenden und heulenden Männern,
denen verzweifelte Liebe das Genick bricht.

Ein ganzes Buch voller Geschichten erzählt eine Vase mit Schlüsseln, die
Jeremy von unglücklich Verliebten zum Aufbewahren hinterlassen wurden.
Er glaubt daran, dass Türen nicht für immer geschlossen bleiben. Und
seine Mutter lehrte ihm, wenn er mal verloren ginge, einfach stehen zu
bleiben und zu warten. Das erschwert seine Suche nach Elizabeth, die
längst immer wieder anders heißt, ihrem „Freund" Postkarten schickt,
aber vielleicht auch woanders Blaubeer-Kuchen isst.

Norah Jones, die als Jazz-Country-Sängerin ähnlich meinte: "Come Away
with Me", hat nicht die Eleganz von Gong Li, der Göttin aus Wong
Kar-Wais asiatischen Filmen. Das fällt besonders auf, wenn Rachel Weisz
in einer kleineren Rolle ähnlich cool stilisiert wird. Doch der
Seitenwechsel tut Wong Kar-Wai gut: Man erfreut sich an vielen bekannten
Stilen, erlebt aber auch ganz neu dynamische Montagen, etwas schnellere
Zeitlupen. Das gilt für Bild und Ton, den kreisenden Melodien von „Mood"
gesellen sich Jones-Akkorde hinzu. Die bewegendsten Momente dieses
wunderbaren Films treffen mit kurzem Flamenco-Klatschen oder mit einer
Version (Nina Simone?) von Neil Youngs „Harvest Moon" auf: Because I am
still in love with you …

Cannes-Kino hebt ab

Cannes. Noch bedeckt eine Schutzfolie den Roten Teppich, ein paar Ecken
des schon recht alten Betonbunkers namens "Palais des Festivals" werden
übertüncht. Am Tag vor Wong Kar-Wais "My Bleuberry Nights", dem
Eröffnungsfilm der 60. Internationalen Filmfestspiele von Cannes (16. -
27. Mai 2007) hat man noch Zeit zum Bummeln und Quatschen. Und als ob es
um EINE Entscheidung ginge, schwebt eine Frage im Raum: Wird Cannes die
60. so sensationell wie das Programm erhoffen lässt: David Fincher
("Seven"), die Coen-Brüder (Cannes-Sieger mit "Barton Fink", Kim Ki-Duk
("Samaria"), Gus van Sant (Goldene Palme mit "Elephant"), der Maler und
Regisseur Julian Schnabel, Quentin Tarantino (palmiert mit "Palm
Fiction"), Fatih Akin (Bären-Sieger mit "Gegen die Wand"), der elegische
Russe Sokurov und der ausufernde Emir Kusturica (Palme mit
"Underground"). Das war jetzt nicht die Gala-Gästeliste für die
Jubiläumsfeier zur 60.Ausgabe des Filmfestivals von Cannes. Die
moderiert am 20. Mai Alain Delon, der nach 15 Jahren wieder die Treppen
zum Palast emporgejubelt werden wird. Das ist ein nicht ganz normaler
Cannes-Wettbewerb, der extrem neugierig macht. Das größte Filmfestival
der Welt übertrifft sich wieder einmal selbst.

Wer wird denn gleich in die Luft gehen

Aber bevor die Filme - oft als Weltpremiere - gelaufen sind, sollte man
Bodenhaftung bewahren. Was nicht alle machen: Das sehr schöne
Plakatmotiv zum 60. zeigt berühmte Schauspieler und Regisseure freudig
schwebend. Zusammen mit der Agentur Magnum entwickelte man die Idee, die
Kultserie "Jump" des Fotografen Philippe Halsman aufleben zu lassen.
Schon 2006 sprangen 100 Künstler in Cannes vor der Kamera herum und sind
jetzt in reizvoll grafisch gruppierten Ensembles - etwa mit Almodovar,
Binoche, Cruz und Bruce Willis - auf vielen Postern zu sehen.

Frauen dürfen selbstverständlich auch abheben, obwohl sie
traditionsgemäß bei den Filmemachern im Wettbewerb seltene Blüten sind:
Nur drei Damen stehen 21 Herren gegenüber. Dafür darf dann das deutsche
Schauspiel-Nichts Diane Krüger die Eröffnungszeremonie leiten.
Spannender ist da schon der neue Wong Kar-Wai, der erste in Englisch
gedrehte Film des eigensinnigen Perfektionisten aus Hongkong: Die
Sängerin Norah Jones („Come away with me") spielt darin Elizabeth, die
nach einer harten Trennung quer durch die USA reist, um die wahre Tiefe
von Einsamkeit und Leere zu erfahren. Ihren Weg als wandernde Kellnerin
kreuzen andere sehnende Figuren, gespielt von schönen Menschen wie Jude
Law und Rachel Weisz.

Der Moment kurz vor der Liebe ausgedehnt über ein ganzes Leben, oder
zumindest einen schönen langen Film, mit möglichst vielen kulinarischen
Szenen … das ist Wong Kar-Wai, das ist „In the mood for love". Nur
diesmal sind es nicht dampfende Nudelküchen, in denen sich erst Blicke,
dann Sehnsüchte und Säume wunderbarer Stoffe streifen.

Die Jazz-Country-Sängerin Norah Jones hat nicht die Eleganz von Gong Li,
der Göttin aus Wong Kar-Wais asiatischen Filmen. Doch der Seitenwechsel
tut Wong Kar-Wai gut: Man erfreut sich an vielen bekannten Stilen,
erlebt aber auch ganz neu dynamische Montagen, etwas schnellere
Zeitlupen. Das gilt für Bild und Ton, den kreisenden Melodien von „Mood"
gesellen sich Jones-Akkorde hinzu.

"My Blueberry Nights" ist endlich mal ein richtiger Eröffnungsfilm -
nicht eine Werbeveranstaltung für Hollywood (2006: "DaVinci Code") oder
zu oft für einer eher großen als guten französischen Film. Man könnte
Wong Kar-Wai auch schon die Goldene Palme geben für sein großartiges
Gefühlskino mit den wunderbaren Bildern.

Nach den Eröffnungsfeierlichkeiten sollte man sich wappnen, denn schon
Donnerstag nimmt David Fincher, der Regisseur von "Seven", "Fight Club"
und "Panic Room" die Aufmerksamkeit mit einer bösen Geschichte in
Beschlag: "Zodiac" erzählt von einem echten Serienkiller, der mit
verschlüsselten Botschaften narrte und bis heute nicht gefasst ist.

Man fragt sich wirklich besorgt, wie eine so heterogene Jury, die mit
dem sozialkritischen Briten Stephen Frears, dem türkischen
Schriftsteller Orhan Pamuk, der Hongkong-Schauspielerin Maggie Cheung,
der französischen Darstellerlegende Michel Piccoli und der jungen
kanadischen Schauspielerin Sarah Polley besetzt ist, da zu einem Urteil
finden soll.

Letztes Jahr war Fatih Akin übrigens in der internationalen Jury, jetzt
läuft sein neuer Film "Auf der anderen Seite" im Wettbewerb. Er wurde
mitfinanziert aus Mitteln der Filmstiftung NRW, die sich im letzten Jahr
mit der Förderung von Ken Loachs "The Wind that shakes the Barley" ein
Blättchen von der Goldenen Palme verdiente. Insgesamt sind drei
"NRW-Filme" an der Croisette zu sehen: Fatih Akins deutsch-türkische
Koproduktion im Wettbewerb, Roy Anderssons ("Songs from the Second
Floor") "You The Living" in der Reihe "Un Certain Regard" und Jan Bonnys
Debütfilm "Gegenüber" bei den jugendlicheren "Quinzaine des
Réalisateurs". wurde „Gegenüber" Ende letzten Jahres komplett in Essen
gedreht. Deutscher Produzent der burlesken Komödie über die
Unwägbarkeiten des menschlichen Daseins ist die Thermidor
Filmproduktion/Köln.

Cannes 2007 fiebert

Cannes-Kino macht Freudensprünge

Von Günter H. Jekubzik

Cannes. Noch bedeckt eine Schutzfolie den Roten Teppich, ein paar Ecken
des schon recht alten Betonbunkers namens "Palais des Festivals" werden
übertüncht. Am Tag vor Wong Kar-Wais "My Bleuberry Nights", dem
Eröffnungsfilm der 60. Internationalen Filmfestspiele von Cannes (16. -
27. Mai 2007) hat man noch Zeit zum Bummeln und Quatschen. Und als ob es
um EINE Entscheidung ginge, schwebt eine Frage im Raum: Wird Cannes die
60. so sensationell wie das Programm erhoffen lässt: David Fincher
("Seven"), die Coen-Brüder (Cannes-Sieger mit "Barton Fink", Kim Ki-Duk
("Samaria"), Gus van Sant (Goldene Palme mit "Elephant"), der Maler und
Regisseur Julian Schnabel, Quentin Tarantino (palmiert mit "Palm
Fiction"), Fatih Akin (Bären-Sieger mit "Gegen die Wand"), der elegische
Russe Sokurov und der ausufernde Emir Kusturica (Palme mit
"Underground"). Das war jetzt nicht die Gala-Gästeliste für die
Jubiläumsfeier zur 60.Ausgabe des Filmfestivals von Cannes. Die
moderiert am 20. Mai Alain Delon, der nach 15 Jahren wieder die Treppen
zum Palast emporgejubelt werden wird. Das ist ein nicht ganz normaler
Cannes-Wettbewerb, der extrem neugierig macht. Das größte Filmfestival
der Welt übertrifft sich wieder einmal selbst.

Wer wird denn gleich in die Luft gehen

Aber bevor die Filme - oft als Weltpremiere - gelaufen sind, sollte man
Bodenhaftung bewahren. Was nicht alle machen: Das sehr schöne
Plakatmotiv zum 60. zeigt berühmte Schauspieler und Regisseure freudig
schwebend. Zusammen mit der Agentur Magnum entwickelte man die Idee, die
Kultserie "Jump" des Fotografen Philippe Halsman aufleben zu lassen.
Schon 2006 sprangen 100 Künstler in Cannes vor der Kamera herum und sind
jetzt in reizvoll grafisch gruppierten Ensembles - etwa mit Almodovar,
Binoche, Cruz und Bruce Willis - auf vielen Postern zu sehen.

Frauen dürfen selbstverständlich auch abheben, obwohl sie
traditionsgemäß bei den Filmemachern im Wettbewerb seltene Blüten sind:
Nur drei Damen stehen 21 Herren gegenüber. Dafür darf dann das deutsche
Schauspiel-Nichts Diane Krüger die Eröffnungszeremonie leiten.
Spannender ist da schon der neue Wong Kar-Wai, der erste in Englisch
gedrehte Film des eigensinnigen Perfektionisten aus Hongkong: Die
Sängerin Norah Jones spielt darin Elizabeth, die nach einer harten
Trennung quer durch die USA reist, um die wahre Tiefe von Einsamkeit und
Leere zu erfahren. Ihren Weg als wandernde Kellnerin kreuzen andere
sehnende Figuren, gespielt von schönen Menschen wie Jude Law und Rachel
Weisz.

Nach den Eröffnungsfeierlichkeiten sollte man sich wappnen, denn schon
Donnerstag nimmt David Fincher, der Regisseur von "Seven", "Fight Club"
und "Panic Room" die Aufmerksamkeit mit einer bösen Geschichte in
Beschlag: "Zodiac" erzählt von einem echten Serienkiller, der mit
verschlüsselten Botschaften narrte und bis heute nicht gefasst ist.

Man fragt sich wirklich besorgt, wie eine so heterogene Jury, die mit
dem sozialkritischen Briten Stephen Frears, dem türkischen
Schriftsteller Orhan Pamuk, der Hongkong-Schauspielerin Maggie Cheung,
der französischen Darstellerlegende Michel Piccoli und der jungen
kanadischen Schauspielerin Sarah Polley besetzt ist, da zu einem Urteil
finden soll.

Letztes Jahr war Fatih Akin übrigens in der internationalen Jury, jetzt
läuft sein neuer Film "Auf der anderen Seite" im Wettbewerb. Er wurde
mitfinanziert aus Mitteln der Filmstiftung NRW, die sich im letzten Jahr
mit der Förderung von Ken Loachs "The Wind that shakes the Barley" ein
Blättchen von der Goldenen Palme verdiente. Insgesamt sind drei
"NRW-Filme" an der Croisette zu sehen: Fatih Akins deutsch-türkische
Koproduktion im Wettbewerb, Roy Anderssons ("Songs from the Second
Floor") "You The Living" in der Reihe "Un Certain Regard" und Jan Bonnys
Debütfilm "Gegenüber" bei den jugendlicheren "Quinzaine des
Réalisateurs". wurde „Gegenüber" Ende letzten Jahres komplett in Essen
gedreht. Deutscher Produzent der burlesken Komödie über die
Unwägbarkeiten des menschlichen Daseins ist die Thermidor
Filmproduktion/Köln.

14.5.07

Das perfekte Verbrechen


USA 2007 (Fracture) Regie: Gregory Hoblit mit Sir Anthony Hopkins, Ryan Gosling, David Strathairn 112 Min. FSK: ab 12
 
Vor zwölf Jahren herrschte "Zwielicht" in einem raffiniert überraschenden, brillant gefilmten und gespielten Gerichtsthriller: Star Anwalt Martin Vail (Richard Gere) siegte mit seinem Lächeln und fiel auf einen jungen Verdächtigen rein, der aus dem Haus eines brutal geschlachteten Bischofs türmte. Das Motto des Films lautete: "Wenn du Gerechtigkeit willst, geh in einen Puff. Willst du gefickt werden, dann geh ins Gericht."
 
Jetzt: "Das perfekte Verbrechen". Wieder brillante Bilder, ein raffiniertes Spiel mit Spiegelungen, eitle Selbstüberschätzung verkörpernd. Unter spannungstreibenden Flugaufnahmen gleitet diesmal nicht Richard Gere in seinem Markenzeichen-Mercedes durch die Landschaft, Anthony Hopkins rast als schwerreicher Ingenieur Ted Crawford im BMW kaltblütig vom Lotterbett seiner Frau nach Hause, um sie dort später zu erschießen. Doch diesmal sind die Rollen vertauscht, der alte Star Hopkins darf mit dem Jungen spielen - Crawford führt den eitlen Star- und Staatsanwalt Willy Beachum (Ryan Gosling) vor.
 
Beachum hat als dümmlich smarter Schnellaufsteiger die Staatsanwaltschaft schon längst hinter sich gelassen, um bei einer noblen Kanzlei viel Geld zu machen. Der Mordversuch Crawfords soll sein letzter Fall werden, der Ankläger ist gerade mehr mit Smoking-Einkauf und Bürodekoration für seinen nächsten Job beschäftigt. Es gab ein schnelles Geständnis, ein klarer Fall, der Mörder will sich sogar gegen alle Empfehlungen selbst verteidigen. Doch dann merkt man, dass gar keine Tatwaffe da ist.
 
Die Gerichtssitzung beginnt als Komödie eines unaufmerksamen Angeklagten und Verteidigers in Personalunion. Crawford spielt den Narren und führt als vernichtenden Schlag einen neuen juristischen Terminus ein: "fucking the victim". Ein Polizist und Hauptzeuge war nicht zufällig auch der Geliebte des Opfers!
 
Diese Rolle ist ein gefundenes Fressen für Hopkins. Seinen Figuren traut man alles zu, und dieser Angeklagte enttäuscht nicht: Crawford lässt Beachum so was von lässig auflaufen, da sind gleich ein paar Szenen Anwärter auf die Sammelrolle zur Filmgeschichte. Das ist Hannibal Lecter, der unblutig seine Gegner schon im Anfangsverhör vernascht. In einer dieser sagenhaften Momente, erzählt Crawford, wie er den schwachen Fleck, den Riss ("Fracture") in der Schale von jedem erkennt. Und Willy sei ein "Winner", ein Sieger. Doch auch der geniale Entwurf eines perfekten Verbrechens hat einen kleinen Riss. Das Duell der beiden bleibt bis zum Ende höchst spannend.
 
Die Texte (im Original) konkurrieren in ihrer Brillanz mit den Bildern, die sich zunehmend verdunkeln. Dazu bis in die hinteren Ränge hervorragendes Schauspiel - Hoblit, der seit "Zwielicht" viel Fernsehen und zwischendurch den übersinnlichen Thriller "Fallen" mit Denzel Washington realisierte, schließt nahtlos an seinem Meisterwerk an, ohne dass es jemals langweilig wird.

2 Tage Paris


Frankreich/Deutschland 2007 (2 Days in Paris) Regie: Julie Delpy mit Julie Delpy, Adam Goldberg, Daniel Brühl 100 Min. FSK: ab 12
 
"Before Sunrise" war mit Julie Delpy so schön romantisch ... für alle, die lieber warten als lieben. In "Before Sunset" belohnte Richard Linklater das Warten und versüßte es mit guten Gesprächen. Aber "2 Tage Paris" (diesmal von und mit Julie Delpy) ist das wahre tolle Leben - nachher. Und umwerfend komisch. Wie eine Tochter Woody Allens streift Delpy mit ihrem amerikanischen Freund durch Paris und liefert einen sensationell guten eigenen Film ab.
 
Nach dem missglückten Venedig-Trip steigen die New Yorker Jack (Adam Goldberg) und Marion (Delpy) für zwei Tagen in Paris bei den Eltern der Französin ab. Der kulturelle Graben zwischen Frankreich und den USA belastet zunehmend die Beziehung und testet ihre Grenzen aus. Das Niedermachen der Amerikaner wird zur umwerfenden Comedy-Show. Fast eine Stunde Feuerwerk an geistreichen oder gemeinen Pointen, sagenhaften One-Liners (im Original) überfordert auch den größten Comedy-Fan. Dazu ein schwindelerregender Stil mit hektischen Kameraschwenks. Diesmal geht es rund bei der Paris-Rundfahrt mit Julie Delpy. Die gemächlichen Fahrten von Linklater will man hier nicht sehen, diese Frau hat eine ganz andere Power.
 
Ein Knaller sind die offenen Gespräche mit tollen Hippie-Eltern, die herrlich über den neuen Freund und seine sexuelle Ausrichtung ablachen. Der versteht überhaupt nichts, weil er nicht Französisch spricht und die Eltern kein Englisch. Man amüsiert sich über internationale Kondom-Größen bevor Marions Mutter, die mal was mit Jim Morrison hatte, mitten im Sex die frisch gebügelte Wäsche hochbringt. Auf gute Weise von Moralischem erleichterte Menschen erfreuen ebenso wie die dauergeilen Ex-Liebhaber amüsieren. Die fette Familien-Katze ist dabei komischer als eine ganze Staffel von irgendwelchen TV-Heinis. Daniel Brühl hat eine ganz tolle Kurz-Szene als Öko-Attentäter von der Fast Food-RAF.
 
Genau in dem Moment, als die Lachmuskel schmerzhaft werden, kommt es zur Trennung des Paares und zum poetisch pessimistisch Resümee des Liebeslebens ... vor der Versöhnung. Auch das Stille, Tiefgründige meistert die knapp über 30-jährige Blonde, die von den einfältigeren Magazinen immer zu den schönsten Frauen gewählt wird. So ist sie nicht nur komisch wie eine Tochter von Woody Allen, sie erzählt wichtige Dinge auch besser, weil nicht immer albern. Julie Delpy schrieb fast alle Dialoge, zeigt nebenbei Mut zum eigenen Gesicht und Stil. Hinter der dicken Brille dürfen da auch Ränder unter den wachen Augen liegen.
 
Die wunderschöne Musik stammt von Marc Collin, der uns bereits mit den zwei CDs von "Nouvelle Vague" erfreut hat. Wie vorher in den lahmen Linklaters steuerte die Delpy, die schon eine CD mit eigenen Songs veröffentlichte, wieder ein Liedchen bei. Sie war wohl mit Buch, Schnitt, Hauptrolle und Regie nicht ausgelastet. Sensationell - dieser Film und diese Frau! Kino ist reicher seit alledem.

7.5.07

Black Book


NL, BRD, Großbritannien 2006 (Zwart Boek) Regie: Paul Verhoeven mit Carice van Houten, Sebastian Koch, Thom Hoffman, Halina Reijn 145 Min.
 
Paul Verhoevens "Black Book" - im Original: "Zwart boek" - ist nicht nur der erste niederländische Film des erfolgreichen Hollywood-Regisseurs seit Jahrzehnten, es ist für 20 Millionen Euro auch eine der teuersten Produktionen des kleinen, aber mit Oscars für "Antonia" und "Karakter" sehr renommierten Filmlandes. Vor allem dort sorgte "Zwart boek" für Diskussionen, wird doch der einst fast heilige Widerstand sehr differenziert und teilweise auch negativ gezeigt: Als das Versteck der jungen, frohgemuten Jüdin Rachel (sehr wandlungsfähig: Carice van Houten aus "Die geheimnisvolle Minusch") zufällig ausgebombt wird, beginnt für das Mädchen aus reicher Familie eine Odyssee. Beim Fluchtversuch ins freie Belgien kommt ihre ganze Familie um, SS-Truppen rauben die Wertsachen der abgeschlachteten Juden. Ein paar Leidens-Stationen weiter macht Rachel mit blond gefärbten Haaren beim Widerstand mit und opfert sich, den Hauptsturmführer Ludwig Müntze (Sebastian Koch) zu verführen. Im Haager Hauptquartier der Nazis begegnet sie auch den Mördern ihrer Eltern, doch Verrat aus den eigenen Reihen durchquert alle Sabotage-Pläne.
 
Im "Zwart Boek" stehen die niederländischen Widerstandskämpfer oft schlechter dar als die "Moffen", die deutschen Besatzer. Müntze erweist sich als naiver Soldat mit gutem Herzen, während der Verräter für seinen Reichtum reihenweise Juden morden ließ. Antisemitismus ist bei Niederländern weit verbreitet, die Frage ob ein jüdisches Leben so viel wert sei wie ein holländisches wird nur rhetorisch gestellt. Dies wird nach einigen Enthüllungen der letzten Jahre das Bild des Widerstands erneut in die Diskussion bringen.
 
Paul Verhoeven drehte 1960 seinen ersten Film und bald danach mit "Floris" die populärste niederländische TV-Serie aller Zeiten. Auch "Das Mädchen Ketje Tippel", "Soldiers" oder "Spetters" waren sehr erfolgreich. "Türkische Früchte", nach dem provokativen Roman von Jan Wolkers gilt gar als Bester Niederländischer Film des letzten Jahrhunderts! Schon "Der vierte Mann", nach der Vorlage des gefeierten wie angefeindeten Literaten Gerard Reve, war ein internationaler Kassenschlager, in Hollywood ging es mit "Robocop", "Total Recall", "Basic Instinct", "Starship Troopers" und "Hollow Man" weiter. Nun kehrte Verhoeven in seine Heimat zurück, vielleicht auch eine Idee für untergehende Hollywood-Titanen wie Wolfgang Petersen.
 
Die zwar enttäuschend konventionell inszenierte, aber trotzdem erschütternde Widerstandsgeschichte von Paul Verhoeven ("Basic Instinct") startet als niederländisch-deutsche Ko-Produktion und gefördert von der Filmstiftung NRW nach dem Auftritt im Wettbewerb von Venedig nun endlich auch in deutschen Kinos.

Die Eisprinzen


USA 2007 (Blades of Glory) Regie: Josh Gordon, Will Speck mit Will Ferrell, Jon Heder, Will Arnett, Amy Poehler 93 Min.
 
Schwer verortbar zwischen Satire und skurrilem Klamauk schlittert der Humor durch diesen Film. In den us-amerikanischen Komödien rund um Leute wie Jack Black, Ben Stiller und Will Ferrell gedeiht ein Witz, der auch im Wortsinn unfassbar ist. "Die Eisprinzen" legen zwischen Kopfschütteln und Lachen in einer neuen Blödel-Farce eine Revue dieses seltsamen Genres hin.
 
Schon die ersten Töne schrecken ab: "Time to say goodbye" schnulzt es auf der Tonspur, während in einer Winterlandschaft voller Lieblichkeit ein blond gelocktes Waisen-Knäblein von ein paar herzensguten Nonnen an einen Millionär verkauft wird. Der Schwung dieses Kitsches springt mühelos ein paar Jahre weiter, wo Jimmy (Jon Heder) im unsagbar grotesken Pfauenkostüm und mit noch schlimmeren Bewegungen dabei ist, eine Goldmedaille im Eiskunstlauf zu ... Hier fehlen schon die Worte, denn Eiskunstlauf ist als "Sport" zwar ähnlich abstrus wie Synchronspringen oder Curling, doch diese Nummer übertrifft alles: Geschmacklosigkeit in Edelkitsch-Form? Pailletten- und Rüschen-Gleiten auf eine Spitze getrieben, die einem Kettensägen-Massaker an Perversität nicht nachsteht!
 
Der Auftritt des Konkurrenten Chazz könnte Gegengift für das tuntige Theater sein, doch die übergewichtige Sex-Bombe bringt nur eine weitere Abstrusität des Films aufs Eis, denn Will Ferrell hat für diese Rolle sicherlich kein Gramm abgenommen und amüsiert schon als personifizierte Unmöglichkeit, all diese Sprünge zu überleben. Eine fettige Obszönität auf dem Eis.
 
Der weitere Handlungsverlauf beruht auf nur einer Idee, die man erschreckend konventionell auswalzt: Jimmy und Chazz müssen sich die Goldmedaille teilen, prügeln sich bei der Verleihung und werden auf Lebenszeit gesperrt. Kurz vor den nächsten Olympischen Spielen sind beide ganz unten, aber die Idee, beim Paarlauf zu starten, bringt sie zurück aufs Eis. Allerdings müssen sie sich zusammenraufen, da niemand anders mit den beiden Ekeln laufen will. Diese seltsame Paarung aus stinkigem Macho und übersüßem Jüngling führt zu herrlich eindeutigen Posen auf dem Eis, knappen Ekel-Einlagen, ein paar Verwicklungen in der Handlung und selbstverständlich zum großen Finale. Außer auf dem Eis zeigt der Film keine richtigen Figuren, nur reichlich sonderliche Parodien.
 
Mit dem Komiker Ben Stiller ("Nachts im Museum") als Produzenten hebt der Humor in Sphären ab, die wie bei Jack Black als "Nacho Libre" unbeschreiblich sind - und auch irgendwie unfassbar. Ist das jetzt genial überdreht persifliert? Oder ein aufs Eis gerotztes Filmchen, erdacht an einem versoffenen Abend von Comedy-Kumpels beim Ehemaligen-Treffen der legendären Show "Saturday Night Live"? Schwer zu sagen, man muss wenigstens eine dieser unbeschreiblich überblödelten Farcen sehen.

Unsichtbar


USA 2006 (The Invisible) Regie: David S. Goyer mit Justin Chatwin, Margarita Levieva, Marcia Gay Harden 102 Min. FSK: ab 12
 
Der Reiz des Unmöglichen begeistert in Begegnungen anderer Welten, etwa in "Ghost". Dazu etwas amerikanische High-School-Härte samt Melancholen-Rock und fertig ist das Drama eines jungen Mannes, der verzweifelt Kontakt sucht - weil er eigentlich halbtot und verscharrt im Wald liegt...
 
Wohlhabend, kultiviert, gebildet - Nicklas (Justin Chatwin) hat nur zuhause Probleme. Doch wegen einer Verwechslung wird er von der Gang der Schul-Patin Annie (Margarita Levieva) zusammengeschlagen und als vermeintlich tot im Wald vergraben. Ohne eine Schramme wandelt er allerdings durch die Gegend und versucht, mit den Lebenden Kontakt zu bekommen. Seltsamerweise funktioniert das aber nur bei seiner Fast-Mörderin Annie und die schwierige, verletzende Frau ist panisch auf der Flucht vor allen. Sie hört seine Stimme, es entwickelt sich eine seltsame Beziehung mit Kuschelnächten und neugierigen Momenten der Annäherung. Wohlgemerkt steht nicht nur das unterschiedliche Geschlecht zwischen einer Verständigung, Nicklas wandelt als Geist zwischen Leben und Tod.
 
Während die Charakterisierungen der Figuren nicht übermäßig mit Tiefe fesseln, sehen die Bilder dieses Remake des schwedischen Films "Den Osynlige" gut aus und beschert die Handlung reizvolle Begegnungen mit viel Gefühl im Totenreich. Am Ende wird es fast ein Thriller, ein Wettlauf um Leben und Tod. Denn als Annie schließlich den Körper ausgraben will, ist der verschwunden. Wobei die Moral der braven Bürger siegt, nur die Schlechten kommen in den Garten. Annie lässt ihr Haar herunter, wandelt sich von Zerstörerin zum rettenden Engel, holt ihn mit einer Umarmung zurück ins Leben. Die Zähmung der wilden Frau zum Opferlamm hatten wir eigentlich schon tief im Wald der Vergangenheit vergraben.

1.5.07

Spider-Man 3


USA 2007 (Spider-Man 3) Regie: Sam Raimi mit Tobey Maguire, Thomas Haden Church, Kirsten Dunst
 
Kinder starren in den Straßen New Yorks staunend auf eine Videowand mit Clips von Spidermans neuen Heldentaten. Stolz weist der Held im Peter Parker-Inkognito neben ihnen darauf hin, dass der Film gleich wiederholt wird. Zwecklos: Die Kids drehen ab. Der dritte "Spiderman" will eher Fortsetzung als Wiederholung sein, geriet aber zu mehreren Filmen, die sich nicht recht zusammenfügen.
 
Im oscarreifen Vorspann zeigen sich schon diese Facetten in einem Netz aus Spiegel-Brechungen. Doch erst setzt man uns bürgerlicher Normalität aus, während draußen die Gefahren Gestalt annehmen. Peter Parker (Tobey Maguire) hat als sehr beliebter Superheld, als glücklich verliebter und in dieser Harmlosigkeit schwer erträglicher Jüngling den Verlobungsring schon in der Tasche. Mary Jane Watson (Kirsten Dunst) steht auf einer Broadway-Bühne vor ihrem ersten großen Auftritt. Dann die typischen Beziehungsprobleme: Er ist im Beruf erfolgreicher, sonnt sich im Ruhm, während sie aus ihrer Rolle geschmissen wird. So ein ausgebreitet fernsehmäßiges Beziehungsdrama interessiert nicht, meinen Sie? Richtig! Aber "Spider-Man 3" lässt sich dreist viel Zeit, bis er zur Sache kommt.
 
Rund eine Stunde baut Regisseur Sam Raimi seine Figuren auf: Ein liebender Vater gerät in Verzweiflung zum gigantischen und kriminellen Sandsturm. Ein eindrucksvolles Fest für digitale Effekthaischer. Dazu zeigt weit hergeholter, schwarzer Alien-Schleim Parker die dunkle Seite der Macht auf. Der rot-blaue Ganzkörper-Latex kommt in den Koffer, ein schwarzer Spider-Man nimmt sich ganz dreist eine Menge heraus, Tobey Maguire wirkt als Superman mit Hitler-Pony und Soulgehampel allerdings wie eine Witzfigur. Kann dieser immer noch jungenhaft wirkende Star nur mit Maske cool sein?
 
Splitter mehrerer Filme bremsen die Dynamik von "Spider-Man 3" aus. So kommt der fortgeführte Konflikt mit dem ehemaligen Kumpel und Schurken-Erbe Harry Osborn (James Franco) nicht genügend zur Geltung. Wenn die Jungs dann um eine Frau raufen, ist die Comic-Adaption ganz Kinderfilm. Selbstverständlich wird in rasender Action durch Häuserschluchten geschlingert. Dem organischen Vernetzen der fliegenden Spinne steht der technischen Firlefanz von Harry gegenüber. Eindrucksvoll auch wie der frisch mutierte Sandmann nach seiner Form sucht, das hat was von der Tragik eines Golem, da blitzt eine andere Dimension auf.
 
Ansonsten kann man lachend mit Parker, dem der Sand aus den Latex-Anzug rinnt, rätseln: Wo kommen diese Typen bloß immer her? Vom Comic-Autor Stan Lee (der selbst ganz kurz mit silbernem Schnurrbart neben Maguire zu sehen ist). Doch eindrucksvoll oder tragisch ist dieser dritte Film nicht mehr. Bemerkenswert nur am Ende, dass Vergebung statt Rache den Kampf gewinnt. Da wünscht man sich, der ganze Film sei so erwachsen.

30.4.07

Workingman's Death


BRD, Österreich 2005 (Workingman's Death) Regie: Michael Glawogger 126 Min. FSK 16
 
Bei Glawoggers Dokumentationen "Megacities" und "Working Mans Death" sieht man betörende Bilder, mitreißende Montagen und berauschende Musikhintergründe zum Elend der Welt. Passt nicht so ganz zueinander, fanden einige. (Und können in Glawoggers Spielfilm "Slumming" eine Figur sehen, die im gleichen Dilemma steckt.)
 
Der an "Powaqqatsi" erinnernde Elends-Reisetrip "Megacities" von Michael Glawogger zeigte eine ästhetisch durchkomponierte Weltreise zu den gewaltigen Mega-Städten unserer Zeit und zu einigen Menschen, die dort an den großen Rändern der Armut überleben. In Bombay, Moskau, Mexiko und New York führte uns die Kamera oft sehr reizvoll Exoten und Außenseiter vor. Das erzählt nur fragmentarisch etwas über die jeweiligen Menschen und ihre Umstände und ruft den Vorwurf "Voyeurismus" hervor.
 
In fünf Kapiteln und einem Epilog folgt Michael Glawogger nun in "Workingman's Death" den Spuren körperlicher Schwerstarbeit. Da sind die aberwitzig mutigen, auf eigene Faust schürfenden Arbeiter in illegalen Minen der Ukraine. Sie passen kaum zwischen die Felsen und zynisch könnte man vom "Gürtel enger schnallen" reden, denn in diesen ausgelutschten Bergbau-Resten ist nicht viel zu holen. Dann in einem Rausch aus giftig-gelben Nebeln die Schwefelarbeiter in Indonesien. Sie würden wahrscheinlich bei jeder sportlichen Höchstleistung mithalten, schleppen aber Tag für Tag die Schwefelbrocken aus höllischen Tiefen auf Bergkuppen, wo die Touristen mit den Kameras warten. Im Blut und verbranntem Fleisch stecken die Arbeiter auf in einem Schlachthof in Nigeria. Kaum erträgliche Szene belegen effektive Arbeitsteilung im Zerteilen und Verarbeiten von Tieren. Eindrucksvoll gigantisch dann die gestrandeten Ozeanriesen in Pakistan. Zahllose billige Arbeiter zerschneiden den Stahl und man kann sich gut vorstellen, dass keiner Pause macht, wenn mal eine haushohe Schiffwand zu früh herunterdonnert. Nach diesen exotischen und fast archaischen Ansichten von Ausbeutung und Kapitalismus, nach einem Seitenblick auf den Ruhr-Emscher-Park, der zum Kultur- und Spielplatz wurde, geben einem chinesische Stahlarbeitern den Rest: Sie stehen in den Startlöchern, um das ganze Elend zu wiederholen.

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Frankreich 2005 (La Tourneuse de Pages) Regie: Denis Dercourt mit Catherine Frot, Déborah François, Pascal Greggory, Clotilde Mollet, Xavier de Guillebon, Antoine Martynciow 85 Min.
 
Ein kleines, gemeines Stückchen aus Frankreich. Ein Rachefilm - aber kein Hauch vom amerikanischen Rot-Sehen. Im Gegenteil: "Das Mädchen, das die Seiten umblättert" kommt nüchtern bis harmlos daher, hat aber die Finesse eines Chabrol-Krimis. Vor allem Dieter Bohlen sollte diesen Film sehen.
 
Viele junge Mädchen huschen angespannt durch die Gänge. Ein Klavierwettbewerb. Nur Melanies fiel schon zuhause mit einer erschreckenden Entschlossenheit auf. Als dann der Piano-Star Ariane als Jurorin sich ausgerechnet bei Melanie von einem Autogrammwunsch ablenken lässt, kommt das junge Mädchen nie mehr zu ihrem Spiel. Traurig räumt sie die Beethoven-Figur weg, klappt das Piano zu.
 
Jahre später sieht man Melanie als stille, aber sehr effektive Praktikantin beim Anwalt Jean (Pascal Greggory, "La Vie en Rose"). Vereinsamt und verschlossen geht die junge Frau ihren Aufgaben nach. Zufällig ergibt sich ein Ferienjob beim Chef, der - Überraschung - mit Ariane verheiratet ist, die ihre Karriere zerstört hat. In der Zusammenfassung klingt es viel offensichtlicher, als es der reizvolle Film erzählt. Die Möglichkeiten der Rache liegen offen, aber Melanie spinnt ein unheimlich feines Netz. Sie setzt Arianes Sohn Tristan mit einem immer schnelleren Metronom und Bach unter Druck. Sie erhält höchstes Vertrauen, als einzige darf sie die Noten des Stars beim entscheidenden Konzert umblättern. Und erwischt ihn genau da, wo er fehlte: Beim Narzissmus. Ein gut getimter dreifacher Stich mit bachscher Komplexität steht am Ende einer perfekten Ausführung. Dabei kann man die Winkelzüge dieses unergründlichen Wesens fasziniert verfolgen, auch wenn man weiß, worauf es hinaus läuft.

25.4.07

Little Children


USA 2006 (Little Children) Regie: Todd Field mit Kate Winslet, Patrick Wilson, Jennifer Connelly 136 Min. FSK: ab 16
 
Die Stereotypen des us-amerikanischen Films öden meist mit ihren immergleichen Geschichten an: Von dem Highschool-Horror bis zur Familien-Komödie. Manchmal jedoch zeigt man uns echte Menschen, deren Lieben und Leiden universell berührt. "Little Children" ist so ein Glücksfall mit Kate Winslet in einer der Hauptrollen.
 
Die Erzählerstimme liefert eine kühle, nüchterne Analyse der Familienleben einer amerikanischen Vorstadt - wie ein Ethnologe, denkt Sarah (Kate Winslet), während sie völlig desinteressiert ihre Zeit auf dem Spielplatz absitzt. Die drei Mustermütter neben ihr, brave Bürgerinnen, wollen den Exhibitionisten kastrieren, der in ihr Viertel zog. Gleichzeitig geifern sie dem einzigen Mann nach, der sich hier um sein Kind kümmert. Brad (Patrick Wilson) will sein Jurastudium nicht abschließen und seine Frau Kathy (Jennifer Connelly) hat seit Monaten einen anderen im Bett - ihr kleiner Sohn Aaron liegt zwischen dem Paar, das keine Sexualleben mehr hat. Gleichzeitig kontrolliert Kathy, die das Geld reinbringt, seine Ausgaben. Gründe genug, um sich aus dieser lieb- und freudlosen Welt in eine Affäre zu stehlen. Einsamkeit zwingt zur verbotenen Suche nach Seelenverwandten, nach wenigstens einem Menschen, der einen versteht, seelisch und körperlich.
 
Dass diese unschuldige Flucht über Umwege dramatische Folgen hat, könnte als konstruierte Moral des Films gesehen werden. Doch wie das Schicksal hier Haken schlägt, raubt einem dem Atem. Der Ex-Wachmann Larry verdrängt die eigenen Probleme, indem er mit den "Guardians" Football spielt und den angeblichen Sittenstrolch Ronnie terrorisiert. Ein engstirniger Frauen-Lesekreis zerstückelt Madame Bovary als zu depressiv, unlesbar. Und verurteilt in diesem Spiegel die noch heimliche Affäre von Sarah. Die Verbindungen der Geschichten sind vielfältig und man kann sich fragen: Was bedroht die Kinder, die kleinen und die großen, wirklich? An den Erwachsenen nagt die Sehnsucht nach dem Glück, das zuletzt in Kindertagen empfunden wurde. So sieht Brad stundenlang den jugendlichen Skatern zu. Zusammen mit Sarah knutscht er im Mittelkreis des Spielfeldes. Nicht nur die Musik erinnert dabei an "American Beauty". Schauspieler Todd Field inszenierte seinen zweiten Spielfilm nach "In the Bedroom" (2001) mit einer Klarheit der Bilder, die fast hyper-realistisch wirkt. Darin zeigt sich deutlich, das was die Kinder wirklich verstört sind durchgeknallte Wachmänner und Eltern, die ein freudloses Leben nicht mehr ertragen.

24.4.07

Lieben und lassen

Lieben und lassen
 
USA 2006 (Catch and Release) Regie: Susannah Grant mit Jennifer Garner, Timothy Olyphant, Sam Jaeger 112 Min. FSK: o.A.
 
Nach dem Tode ihrer großen Liebe erfährt Gray (Jennifer Garner) von vielen unbekannten Seiten ihres geliebten Verlobten Grady. Ein dickes Konto, eine Geliebte, ein Kind. Man weiß halt nie, wer da neben einem liegt. Bei der Trauerfeier versteckt Gray sich verloren in der Badewanne, muss dort aber miterleben, wie Gradys bester Freund Fritz (Timothy Olyphant) eine Blondine auf der Kommode vernascht. Lachen und Weinen gehen wunderschön zusammen, wenn es richtig gemacht ist. Und "Lieben und lassen" ist eine stille Liebeskomödie mit einer sympathischen kantigen Hauptdarstellerin.
 
Die Trauer hält sich arg in Grenzen, dafür sorgen auch Grays zwei alberne Freunde Dennis und Sam (Kevin Smith), die eigentlich Dick und Doof Verliebt heißen könnten. Dogma-Regisseur Kevin Smith kommt dabei etwas gemäßigter (und redseliger) daher als bei seinen eigenen Filmen in der Rolle des Silent Bob. So kitzelt eher das Lachen die Tränchen hervor, allerdings immer mit einem melancholischen Unterton.
 
Regisseurin Susannah Grant war die Drehbuch-Autorin von "Erin Brockovich" und die Figur der kantigen, komischen, aber auch gefühlvollen Gray ähnelt der von Julia Roberts. Erneut zeigt sich, dass beim "Alias"-Star Jennifer Garner schon das Gesicht ein Schauspiel-Talent ist. Das Finale am kalifornischen Strand ist dann wieder zu schön um wahr zu sein, aber dafür geht man ja ins Kino.

Inland Empire


USA, Polen, Frankreich 2006 (Inland Empire) Regie: David Lynch mit Laura Dern, Jeremy Irons, Harry Dean Stanton 180 Min. FSK: ab 12
 
Filme von David Lynch sind rätselhafte Abgründe. Das Ohr im Gras von "Blue Velvet", das erzählerische Möbius-Band von "Lost Highway", das Böse in faszinierend verrückter Serienform von "Twin Peaks", die zwei Leben einer Schauspielerin am "Mulholland Drive". Und jetzt wieder eine Schauspieler, ein Dreh, ein Traum und erneut weiß man nicht, was ist was. Doch etwas ist anders bei diesen drei Stunden, die eindeutig Lynch, aber doch so gar nicht Lynch sind. De Regisseur experimentierte immer mit neuen Formen des Bildes, in den letzten Jahren auch mit neuen Formen des Filmvertriebs. Kurzfilme wurden im Abo im Internet angeboten. Und nun ein Kinofilm, der digital gedreht wurde. Vielleicht ist das die Erklärung dafür, dass "Inland Empire" ein Lynch-Film ist, der wirkt, wie das Werk eines Filmhochschülers, der Lynch imitiert. Vielleicht brauchen die Verwirrungen, die Abgründe dieses einzigartigen Erzählers die Tiefe eines echten, altmodischen Kinobildes, um zu wirken, um die Aufmerksamkeit mitzunehmen in das Lynch-Labyrinth. Bei "Inland Empire" gelingt das leider nicht und viele Lynch-Fans gehen ganz anders verstört aus dem Kino.

Die Hochstapler


BRD 2006 Regie und Buch: Alexander Adolph Musik: Dieter Schleip 87 Min.
 
Vier Hochstapler erzählen vor der Kamera, wie sie belogen, betrogen und manipuliert haben. Das reißt als Ankündigung nicht vom Hocker. Doch Alexander Adolph, der ausgezeichnete Autor vieler Fernsehfilme, schafft es in seinem Kinodebüt als Regisseur mit unglaublichen Geschichten zu fesseln.
 
Torsten S., Marc Z., Peter G. und Jürgen H. reden. Sie reden davon, wie sie anderen viel Geld abgeluchst haben und sich letztendlich um Kopf und Kragen geredet haben. Die Rollen sind dabei vertauscht: Der unkenntlich als Schatten aufgenommen wurde, ist nicht der Verbrecher, es ist das Opfer. Die Täter bekommen gutes Licht und die volle Aufmerksamkeit der Kamera.
 
Dabei wirkt es gleichermaßen erschreckend und amüsant, wie leicht es anscheinend ist, den Leuten das Geld aus der Tasche zu leiern. Und es war nicht wenig Geld, nicht umsonst nennt man sie Millionenbetrüger. Ihr Geschichten sind so gut, dass man zwischendurch zweifelt: Ist das jetzt wirklich eine Dokumentation oder ist alles getürkt, fallen nur wir auf die Trickser rein.
 
Das an sich nicht besonders sensationelle Thema präsentiert sich in der Dokumentation äußerst spannend. Aber das ist bei Alexander Rudolph nicht überraschend, weil er schon für seine Tatort-Bücher Grimme-Preise erhalten hat. Auch die Musik ist ausgezeichnet: Es ist ungewöhnlich, dass ein Dokumentarfilm mit einem ausgeklügelten symphonischen Score aufwartet. Für "Die Hochstapler" komponierte Dieter Schleip, einer der renommiertesten Filmkomponisten Deutschlands.

Der Fluch der goldenen Blume


VR China 2006 (Man cheng jin dai huang jin jia) Regie: Zhang Yimou mit Gong Li, Chow Yun-Fat, Jay Chou 114 Min. FSK: ab 12
 
In China ist alles etwas mehr, etwas größer. So erhält auch der Begriff Monumentalfilm durch "Fluch der goldenen Blume" neue Dimensionen. Der ehemalige Autorenfilmer Zhang Yimou legt nach "House of Flying Daggers" und "Hero" wieder eine Großproduktion hin, bei der man Groß mit Großbuchstaben schreiben muss. Dagegen wirkt Bertoluccis Spektakel "Der letzte Kaiser" an der gleichen Stätte der Verbotenen Stadt wie ein menschenarmes Kammerspiel. Der teuerste chinesische Film bis jetzt glänzt golden und bunt. Doch vor allem in der Welt der Illusionen ist nicht alles Glänzende echtes Gold.
 
Das Vorspiel voller Erwartung: Ein Hochzeremoniell für den heimkehrenden Kaiser. Nicht nur die Gemahlin, gleich hunderte Frau schminken, pudern sich, legen edle Gewänder an. Alles eindrucksvollst - als dann auch das Gesicht von Gong Li die Leinwand füllt, ist die erste Gänsehaut angesagt. Ihre Herrscherin und Gefangene des Hofes zittert beim Anlegen der Goldbrosche, stickt mit unsicheren Fingern an einer goldenen Blume. Vergiftet von Eifersucht, Ekel gegenüber dem Mann und Herrscher sowie von dessen "Medizin", die eigens mit tödlichen Mittelchen präpariert wird. Doch ebenso unsicher wie tapfer schreitet die Kaiserin zum Empfang. Denn seit langem hat sie ein Verhältnis mit dem ältesten Sohn des Kaisers, dem Kind ihrer Vorgängerin. Da wo es ödipal wirkt, ist es moralisch ganz harmlos und staatlich lebensgefährlich. Doch in anderen Betten droht Blutschande.
 
Derweil schleifen sich Vater und Sohn draußen vor dem Palast zur Begrüßung aneinander die Schwerter ab. Ein funkensprühendes Spektakel und es wird nicht das letzte sein. Auch die wahre Mutter und ihr Sohn tasten sich bei einem Kung Fu-Kampf ab. Die gebrandmarkte und verbannte Frau verrät ihrer Konkurrentin vom mörderischen Giftplan. Zwei Frauen eint der Hass auf den Despoten. Zhang Yimou drehte also wieder ein Frauendrama wie zu den Zeiten, als er noch Kunstfilme machte?
 
Ja und Nein: Die enorme Tragik im Wirken eines grausamen Herrschers und eines noch gemeineren Schicksals verliert sich in all dem Glanz und unter dem dauernden Geheule des Chores. So ist es eindrucksvoll, erschütternd wenn sich über die Opfer ein ganzes Heer goldener Ritter hinwegstürmt. Aber auch symptomatisch. Da müssen Statistenheere den jahrelangen Hass einer arrangierten Beziehung ausspielen. Bei Schauspielern wie Gong Li und Chow Yun-Fat hätte das ohne Massenszenen vielleicht stärker sein können. Aber so haben das große und das feine Publikum etwas davon.
 
"Der Fluch der goldenen Blume" will Shakespeare sein und Kurosawas Verfilmungen des großen Dramaturgen. Das chinesische Monumental-Monster hat aber auch was von diesen Autokopien, die mit viel Popanz die geklauten Formen von Mercedes verschandeln. Dazu viele grandiose Momente mit schwirrenden Krummsäbeln, mit Heeren, die auf einem Meer von Chrysanthemen gegeneinander prallen. Fliegende Ninjas stürzen wie Krähen auf die fliehende Familie der Prinzen-Konkubine. Schwarz wie seine Ninja-Kämpfer ist das Gift, das der Kaiser seiner Frau in kleinen Dosen einflösst. Unfassbar wie nach dem großen Blutvergießen, da wo bei Hamlet nur noch Schweigen ist, die eifrigen Reinigungskräfte alles wieder herrichten, als sei nichts geschehen. Und so sitzt auch die Restfamilie zusammen. Eine letzte Konzentration für einen letzten großen Moment ohne monumentales Theater.

17.4.07

Shooter


USA 2007 (Shooter) Regie: Antoine Fuqua mit Mark Wahlberg, Kate Mara, Michael Pena 120 Min.
 
Da lässt ein US-Politiker für eine Öl-Pipeline in Afrika ein ganzes Dorf massakrieren. Da die Gerichtsbarkeit machtlos ist, bleibt nur Selbstjustiz und die Strafe lautet Tyrannen-Mord, ein Senator muss sterben. Das ist, extrem kurz gefasst, der Plot des Action-Films "Shooter". Erstaunlich, wie weit eine inkompetente Politik Drehbuchautoren treiben kann. Hollywood dreht beinah Politfilme!
 
"Shooter" beginnt mit einer dieser Dolchstoss-Legenden der Amerikaner. Von der Heimat verraten, lebt der Scharfschütze Bob Lee Swagger (Mark Wahlberg) zurückgezogen in irgendwelchen Wäldern. Kurz vorher fragte er sich, ob dieser geheime Einsatz in einem Land, mit dem ausnahmsweise kein Krieg herrscht, wohl dem Frieden diene. Da Bob ein echter Patriot ist - das heißt hier auch: ein kritischer Patriot, nimmt er doch wieder einen Auftrag an: Er soll einen Anschlag auf den Präsidenten theoretisch planen, um einen echten zu verhindern. Die vertrackte Geschichte riecht schon Meilen gegen den Wind nach Falle, auch wenn man nicht schon zehn Verschwörungs-Filme über den Kennedy-Mord gesehen hat.
 
Der aufmerksame Beobachter Bob bemerkt nicht, dass er Sündenbock sein soll. So wird der Präsident nach seiner Anleitung zur Zielscheibe, Bob selbst entkommt als vermeintlicher Mörder nur knapp der umgehenden Hinrichtung, Prinzip Lee Harvey Oswald. Wundersamerweise kann er in einer Stadt voller Polizeiwagen fliehen, taucht im wahrsten Sinne des Wortes unter. Wie einst (und demnächst wieder?) Rambo, wendet der Ex-Soldat nur seine speziellen Soldatentechniken in der Heimat an. (Falls noch jemand eines brauchte, ist auch dies ein Argument gegen Bundeswehr im eigenen Land.) Bob legt Tarn-Schminke aufs Gesicht und Zynismus in die Sprüche: Sie haben meinen Hund umgebracht - rechtfertigt seine Wut. Im Guerilla-Kampf legt der "Shooter" die Hintermänner der Verschwörung bloß und bringt sie eigenhändig zur Strecke.
 
Das ist dann etwas A-Team und McGywer aufgepeppt mit Folter und sexueller Gewalt. Die im Trend liegende politische Aussage wirkt dabei aufgesetzt und austauschbar: Das Grundprinzip der Demokratie ist, jeden der glaubt, er könne die Welt zum Besseren wandeln, umzubringen, " sagt ein Senator. "Shooter" ist keineswegs ein Politthriller wie "Blood Diamand" aber wenigstens zügig inszeniert.

16.4.07

Born to be wild


USA 2007 (Wild Hogs) Regie: Walt Becker mit John Travolta, William H. Macy, Tim Allen, Martin Lawrence 99 Min.
 
Unter echten Bikern gelten Harleys als Spießertum auf zwei Rädern. Dass sich die große Freiheit nicht mit ein paar PS kaufen lässt, dürfen vier Kumpel auf ihrem Road Trip als Mittel gegen Midlife Crisis ausleben. Wenn auch die Männer-Komödie "Born to be wild" inhaltlich etwas abgefahren daherkommt, vor allem am Anfang sorgt die gute Besetzung für viel Spaß.
 
Schon die erste Szene ist ein Knaller. Ein Knall, genauer gesagt, als Dudley beim furiosen Aufbruch aus der Vorstadtsiedlung die Briefkästen knickt und die Gärten umpflügt. Easy Rider sein, ist nicht ganz so easy mit hohen Cholesterin-Werten, Frau, Kinder und Midlife Crisis. Doug, Woody, Bobby und Dudley, alle auf ganz persönliche Weise frustriert, entschließen sich auf den Spuren der ersten Siedler und von Jack Kerouac loszufahren. Es gibt mindestens vier Gründe, die Tür hinter sich zu schließen und zu sehen, ob die Straße eine Antwort bringt.
 
Mit dem, von einer Ehefrau gestickten Logo "Wild Hogs" (der Originaltitel meint Wildschweine) und dem heißen Outfit geben sie sich viel cooler als sie wirklich sind, auf diesen "Road Trip", der die große Freiheit meint und eine Kinderei für Erwachsene zeigt. Alles Erdenkliche geht schief, ihr Zelt brennt ab, in der Panik vergessen sie, zu tanken, und werden in der Wüste von Geiern begleitet. Dann legen sich die Vorstadt-Bürger mit echten Rockern an und die Handlung sucht sich ein niedliches Westerndorf für eine Miniversion von "12 Uhr Mittag". Beim Chillifestival erweisen sich die vom Bürgerleben gestählten Weicheier als Stehaufmännchen und entdecken den Wert ihrer Freundschaft. Während Landschaften und die besten Rockmusiken der letzten drei Jahrhunderte vorüber ziehen, erreichen die Figuren bei ihrer Entwicklung nur ein Minimalziel. Wirkliche Lösungen gibt es kaum. Hauptsache das Bauchgefühl stimmt beim Abspann. Der ähnlich gelagerte "City Slickers" war dagegen schon ein hoch philosophisches Werk.
 
Die Komödianten aus den verschiedensten Ecken der Filmwelten von TV-Soap-Star Tim Allen über die noch swingende Hollywood-Legende John Travolta bis zum Independent-Star William H. Macy ("Fargo") zeigen deutliche Unterschiede im schauspielerischen Vermögen: Lawrence verbiegt sich für die billigen Scherze, Allen bleibt der gesetzte Sitcom-Scherzkeks, Macy gibt dem sympathischem Pechvogel Tiefe und Travolta chargiert zuviel. Bemerkenswert die gute Besetzung der Nebenrollen bis zum echten "Easy Rider" Peter Fonda. Trotzdem sorgen die vielen guten Scherze und die zügige Inszenierung für eine spaßige Motorrad-Runde.

9.4.07

Goodbye Bafana


BRD / Frankreich / Belgien / Großbritannien / Italien 2006 (Goodbye Bafana) Regie: Bille August mit Joseph Fiennes, Diane Kruger, Dennis Haysbert, Mehboob Bawa, Adrian Galley 117 Min.
 
Eigentlich lässt sich Geschichte recht raffiniert aus der Perspektive einer Randfigur erzählen: "Rosenkranz und Güldenstern" haben eine eigene und vor allem originelle Sicht auf ihren Fiktionskumpanen Hamlet. Hitler Sekretärin war nah dran am "Führer" - zu nah letztlich. Und dann wäre da der weiße Südafrikaner, der Nelson Mandela während der Apartheid Jahrzehnte lang bewachte. Doch dieser Versuch, in "Goodbye Bafana" eine bewegende Geschichte von schwarzem Widerstand und aufrechtem Kampf in Randnotizen zu erzählen, geriet zur verklärten und verfärbten Peinlichkeit.
 
Im Jahr 1968 tritt ein farb- und ausdrucksloser Wärter einen neuen Job auf der südafrikanischen Gefangeneninsel Robben Island an. Obwohl auch die Familien der Bewacher selber Gefangener der Insel sind, steht weißes Familienglück dabei im Mittelpunkt. Ein Glück, dass man seinem ärgsten Feind nicht wünschen würde: Das karrieregeiles Pärchen James (Ralph Fiennes) und Gloria Gregory (Diana Kruger) landet mitten im Hausfrauenklatsch einer Minigemeinschaft. Als quasselnde Friseuse macht sich das dumme Blondchen beliebt, bis ihr Mann Winnie Mandela einen Schokoriegel des gefangenen Nelson zusteckt. Nun gibt es Prügel und die Beförderung ist bedroht.
 
Dabei erwies sich James als idealer Spion für das Zensurbüro, denn er spricht Xhosa, die Sprache der rechtmäßigen Bewohner dieses Landstriches. So kontrolliert er nicht nur den einen Brief mit 500 Worten, den die Hochsicherheitsgefangenen, diese angeblichen "Terroristen", alle sechs Monate schreiben und empfangen dürfen. Er hört auch die Gespräche Mandelas mit, die ihm seinen Schützling langsam näher bringen. Heißt es anfangs bei den weißen Südafrikanern, man kämpfe und morde "für unsere Familie", geht es nach einem schlecht motivierten Gesinnungswandel um höhere Ziele. James liest selber die verbotenen Flugblätter des ANC und durchschaut die Propaganda des Staates.
 
Das einzige Moment für ein großes Drama, die Tatsache, dass James immer die Verantwortung für den Tod von Mandelas Sohn trägt, wird von Ralph Fiennes wortwörtlich "verspielt". Sein James ist ein ausdrucksloser Typ - so einen kann der kleine, unbegabtere Fiennes recht gut wiedergeben. Nur befürchtet man, dass er nicht viel mehr kann. Die nächste Katastrophe ist die Anti-Schauspielerin Diana Kruger. Wobei die indirekte Behauptung, dass ihre Figur eigentlich für den Machtwechsel in Südafrika verantwortlich ist, alles ins Absurde überführt: Denn hätte sie sich nicht mehr Gehalt erhofft, wäre James nie als ausgleichendes Moment der Wächter von Mandela geblieben...
 
Aber fast der ganze Film besteht aus Abziehbildern. Die Buren-Bullen sind alberne Schreihälse in kurzen Hosen, die unbedingt Kriege, notfalls Bürgerkriege wollen. Unter den gewöhnlichen Proleten vom Sicherheitsdienst ist James der einzige Mensch mit Gewissen. Das Sozialleben der Frauen ist nur lächerlich. Der titelgebende Bafana ist James' schwarzer Freund aus der Kindheit. Gute Idee, eigentlich, doch "Cache" von Michael Haneke macht klar, wie viel in so einer Erinnerung tatsächlich steckt.
 
Kurz: "Goodbye Bafana" erzählt mehr schlecht als recht von einer historischen Position, die nicht besonders interessiert. Kleinbürgerliche Sorgen erscheinen hier wichtiger als die wahrhaft großartige historische Figur Nelson Mandela. Selbst die Freundschaft der verschiedenen Männer taucht in der auf Weiß fixierten Perspektive nur in Fragmenten auf. So verwundert es nicht mehr, dass die zwei, drei wirklich bewegenden Momente Mandela und dem Befreiungskampf gehören.

8.4.07

Robert Altman's Last Radio Show


USA 2006 (A Prairie Home Companion) Regie: Robert Altman mit Woody Harrelson, Meryl Streep, Lily Tomlin, Tommy Lee Jones, Lindsay Lohan, Kevin Kline, Garrison Keillor 105 Min.
 
Robert Altmans Hommage an ein fast ausgestorbenes Entertainment, die Country-Radioshow, war an sich schon ein wunderbar ergreifendes und trotzdem leichtes Kunststück über den Abschied. Dass es nun Altmans letzter Film gewesen ist, gibt vor allen den Szenen vom Ende weitere Bedeutung. Und Gänsehaut-Garantie...
 
Seit 1974 versammelt die Radioshow "A Prairie Home Companion" in den USA Millionen andächtiger Zuhörer vor den Radios. Die Mischung aus Musik, Sketchen und Geschichten gilt mittlerweile als Kulturerbe. Dabei könnte man sich ignorant stilsicher von Sujet "Country-Musik" abwenden. Aber Johnny Cashs "Walk the Line" und der Neil Young-Konzertfilm "A Heart of Gold" haben hoffentlich auch hier den Boden bereitet, aus dem die Erkenntnis sprießen sollte, dass Country nicht nur das dämliche Jodeln von amerikanischen Hinterwäldlern ist. Robert Altman gelingt zusammen mit dem Autor, Hauptdarsteller und Moderator Garrison Keillor feinen Spott und eine ehrliche Liebeserklärung an die Menschen dieser Musik zusammenzupacken. Nach seinem Blick auf das Musikgeschäft von "Nashville" (1975) oder den Jazz in "Kansas City" (1996) ist "Robert Altman's Last Radio Show" sicherlich sein sanftester Film, ein Abschiedsfilm halt.
 
Hinter den Kulissen der Radioshow "A Prairie Home Companion" in dem Örtchen St. Paul in Keillors Heimatstaat Minnesota herrscht Hektik: Die unzertrennlichen Johnson Sisters (Meryl Streep & Lily Tomlin) - personifizierter Redefluss im Doppelpack - füllen mit ihrer Präsenz die ganze Garderobe, pudern sich die Nasen, quasseln von alten Zeiten, so wie sie es sicherlich schon seit ältesten Zeiten tun. Die Old Trailerhands Dusty (Woody Harrelson) und Lefty (John C. Reilly) schütteln mit heftigen Zoten und deftigen Cowboy-Liedern das Image von steifen Country-Leuten kräftig durch. Da liegen der alkoholische "liqueur" und das sexuelle "lick her" klanglich geährlich nahe beieinander (und fordern die Synchronisation heraus).
 
GK (Garrison Keillor) hält als Moderator und Seele die Radioshow zusammen, sorgt dafür dass der ausverkaufte Saal bei der Live-Show auf seine Kosten kommt. Wie ein Damokles-Schwert hängt der Besuch eines Abwicklers über dem Abend - ein Großkonzern will den Laden schließen. Da helfen auch die Bemühungen des eitlen Sicherheitsmannes (Kevin Kline) nicht. Und da wäre noch die mysteriöse Frau in Weiß, die hinter den Kulissen jemanden abholen will. Nachdem die Show nicht wie erwartet endet, schaut im Epilog der Tod noch mal vorbei. Und das ist große Lebens-Kunst ganz nebenbei: Humorvoll lässt Altman die Endlichkeit als Scherz und Schmerz erleben.
 
Auch dieser Altman ist ein echter Altman. Mit einem üblichen, aber immer wieder verblüffenden Star-Ensemble, mit den verwobenen Handlungssträngen, mit ausgefeilten Dialogen, mit genauem Blick und großem Herz für das Sujet und den Menschen dabei.

TMNT


USA 2007 (TMNT) Regie: Kevin Munroe ca. 90 Min.
 
Wer weiß heutzutage noch, wer Leonardo, Michelangelo und Raphael waren? Es scheinen Jahrhunderte vergangen, seit die wiedergeborenen Frösche als "Teenage Mutant Ninja Turtles" die Unterwelt unsicher machten. Nach dem ersten amphibischen Actionfilm aus dem Jahr 1990 folgten zwei, nicht mehr ganz so erfolgreiche Fortsetzungen und eine Pause von 14 Jahren. Die Rückkehr der vier kampferprobten Quack-Kämpfer erfolgt nun in anderem Format, als computer-animiertes Abenteuer.
 
Den Ninja-Turtles ergeht es wie vielen anderen Fortsetzungshelden: Donatello, Leonardo, Michelangelo und Raphael
beschäftigen sich mit sich selbst, bleiben lange Zeit Beobachter, brauchen Hypervision. Ihr ehemaliger Gegner Shredder ist besiegt, die neue Gefahr durch historische Monster aus der Hölle kriegen sie gar nicht mit. Doch der Großindustrielle Max Winters weiß, dass die Sterne bald perfekt stehen für seinen heimlichen Plan. Mit Hilfe einer rasanten Konkurrenz-Ninjatruppe sammelt er Monster wie bei einem Computerspiel.
 
"Teenage Mutant Ninja Turtles" waren schon immer mutierte Kindergeschichtchen, denn auch die froschigen Helden sind Kids, die Pizza fressen und viel Zeit vor Monitoren verspielen. Die irgendwann doch ganz flüssige Dramaturgie lässt sich positiv vemerken. Alle Kämpfchen sind unterlegt von ebenso martialischer wie nerviger Billigmusik, die man aus entsprechender Billig-Action kennt. Allerdings steht die digitale Animation den Turtles besser als der Mix aus Real- und Trickfilm beim letzten Versuch.

3.4.07

The Contract


BRD, USA 2006 (The Contract) Regie: Bruce Beresford mit Morgan Freeman, John Cusack, Jamie Anderson 96 Min. FSK: ab 16
 
Wenn Schauspieler sowohl liebenswerte Individuen als auch heimtückische Verbrecher spielen können, müssen sie wohl etwas drauf haben. Morgan Freeman kann sowohl den "Lieben Gott" als auch den raffinierten Auftragskiller geben. Der ehemalige Teenfilmstar John Cusack spielte schon mal den Homecoming-Killer in "Ein Mann, ein Mord", Nick Hornbys ewige(n) Single in "High Fidelity" und auch "Americas Sweatheart". Nun macht er als Ray, Trainer einer amerikanischen Baseball-Mannschaft, mit seinem Sohn Chris einen erzieherischen Naturtrip, weil dieser sich nicht ins Koma gesoffen hat, sondern Marihuana rauchte.
 
Wie gefährlich aber allein Erziehung sein kann, wird klar, als den beiden in einem Canyon ein FBI-Agent mit angekettetem Verbrecher Carden (Morgen Freeman) regelrecht vor die Füße fällt. Der Polizist überlebt es nicht. Der Killer weißt freundlich darauf hin, dass man ihn besser laufen ließe weil seine Kumpels nicht weit und sehr tödlich seinen. Doch Carden wählt die falschen Worte und fordert Ray heraus. Der will vielleicht seinem Sohn eine Lehre in Sachen Rechtschaffenheit geben, vielleicht geht auch der ehemalige Sheriff mit ihm durch. Jedenfalls wandelt er sich - etwas übertrieben - zum Dschungelkämpfer und es beginnt eine abenteuerliche Flucht über Stock und Steilhang im Naturgebiet.
 
Im Gegensatz zu vielen anderen "Thrillern", zu vielen anderen Filmen überhaupt, erweist sich "The Contract" als sorgfältig aufgebaut: Die knapp skizzierten Charaktere entwickeln sich im Laufe der zunehmenden Dramatik. Während Chris, der Junge, ausgeglichen und in der Natur in seinem Element ist, muss der Vater und Ex-Cop seine Rolle in der Extremsituation erst noch finden. Psychologie hat hier höheren Stellenwert als Knalleffekte. Aber wenn der Zuschauer einen Vertrag mit diesem Film eingeht, wird er mit Hochspannung belohnt, auch ohne vom Drehbuch verordnete Hektik. Dabei helfen - trotz der einfachen Ausgangssituation - durch unklare Fronten, wo der Jäger selbst ins Visier eines Verräters gerät. Die Erklärung ist dann wiederum atemberaubend: Da lassen Regierungsstellen tatsächlich einen einflussreichen Mann umbringen, weil er gegen die Ausweitung der Stammzellenforschung ist!
 
Morgan Freeman beeindruckt als relaxter Anführer einer Killer-Truppe. Sein Carden sagt selten etwas, aber wenn, dann trifft sein Satz besser als eine Kugel. Derweil trinkt das FBI Kaffee und amüsiert sich über die Dorfpolizisten, die noch nie von Croissants gehört haben. Dazu prangen auf der Leinwand satt die Bilder eines Meisters der Kamera namens Dante Spinotti. Regisseur Bruce Beresford beweist, dass er viele Genres meistern kann: Nach "Miss Daiys und ihr Chauffeur" (mit Freeman!) , "Stummer Schrei" und vielen anderen guten Arbeiten, ist die wiederum ein sehenswerter Film mit nicht mehr selbstverständlichen Qualitäten.

1.4.07

300


 
USA 2007 (300) Regie: Zack Snyder mit Gerard Butler, Lena Headey, Dominic West 116 Min. FSK: ab 16
 
Blut und Boden verteidigen. Hart wie Kreter-Stahl und zäh wie Leder sein. Keine Erfindung der Nazis. Schon die alten Griechen wussten, was Faschismus ist ... wenn man dem Machwerk "300" Glauben schenken sollte. Das digital stark verfremdete Gemetzel erzählt, wie 300 martialische Spartaner an der Landenge der Thermopylen ganz Griechenland gegen persische Horden verteidigen. Dabei ist das Abschlachten von tausenden Menschen ebenso abstoßend wie die gefeierte Geisteshaltung von Blut und Boden, Männern hart wie Stahl und Sterben für die Freiheit. Dass die gepiercten Horden ausgerechnet aus Persien - sprich: Iran - kommen, ist ebenso wenig Zufall wie solche Sprüche: "Freiheit ist nicht umsonst. Man muss für Freiheit zahlen."
 
Dabei ist haarsträubend dumm, was auf der Leinwand abläuft. Dass der Regen aus Bluttropfen in Zeitlupe hernieder sinkt, um dann auf dem Boden im Nichts zu verschwinden, ist Schlampigkeit der digitalen Trickser, die doch mit ihrem "Look" den ansonsten hoffnungslos überkommenen Film verkaufen sollen. (Das gilt auch für die noch längst nicht erfundenen Zahnfüllungen, die König Leonidas bei seiner Schreierei zum Besten gibt.) Die tapferen Spartaner, die ihre männlichen Nachkommen in die Wüste jagen, damit sie gestählt wiederkehren oder Tierfutter werden, zeigen über knappen Strings ihre Sixpacks, anstatt die Haut mit Rüstungen zu schützen. Xerxes gilt als durchaus moderner Herrscher, der seinen Vielvölkerstaat tolerant zusammenhielt. Hier in "300" sieht er verdächtig nach dem aus, was sich rassistische Schwulenhasser als Ausbund der Verkommenheit vorstellen: Piercings, Ohrringe, Schminke und eine irritierende androgyne Ausstrahlung können echte Männer nicht ungerührt lassen!
 
Deshalb mäht der echte Spartaner mit seinen Männerfreunden eine Angriffswelle nach der anderen nieder, dass man Leni Rieffenstahl noch im Grab jauchzen hört. Ein weiteres Verkaufsargument für die ekelhafte Schlachtplatte verweist auf die Vorlage, ein sogenanntes "Kultcomic" von Frank Miller. Während dessen Batman-Variation der Dunkelheit durchaus noch einige Schattierungen abgewinnen konnte, lieferte bereits die Verfilmung von "Sin City" nur Lust an Gewalt. Es gäbe da übrigens auch den "Kultcomic" von Art Spiegelman namens "Maus", in dem der Holocaust mit Mäusen (Juden) und Katzen (Nazis) exzellent erschütternd bebildert wurde. Vielleicht verfilmt man so was mal zur Abwechslung?

Fantastic Movie


USA 2007 (Epic Movie) Regie: Jason Friedberg, Aaron Seltzer, Adam Campbell, Jennifer Coolidge, Jayma Mays, Faune A. Chambers 86 Min. FSK: o.A.
 
Film-Sammelparodien wie "Scary Movie" oder jetzt "Epic Movie" sind dankbare Filme für den Kritiker, er braucht nur die Titel der veralberten Kinoshits aufzuzählen, schon sind die Zeilen voll. Doch wenn die Filmemacher ähnlich gearbeitet haben, um ihre 90 Minuten voll zu bekommen, wird es übel.
 
Der Auftakt gewinnt schnell unsere Sympathien, weil er sich über Tom Hanks und den "DaVinci Code" hermacht. Da hängt der ölige Tom direkt neben der Mona Lisa und der Snack-Automat hält die Lösung parat. Schwuppdiwupp geht es zum nächsten Film, mit dem Schokoriegel zieht man Willi Wonka durch den Kakao. Und erstaunlich ist die Ähnlichkeit dabei. Nicht nur der Szenenbauten und -verläufe. Nein, auch die Schauspieler sehen Johnny Depp, Tom Hanks, Samuel L. Jackson und anderen auf den ersten Blick richtig ähnlich. Das scheint originell, langweilt aber wie alles andere recht bald.
 
Zurück zur Handlung, die nur Vorwand für eine sinnfreie Folge von Scherzchen bietet: Vier Waisen finden ein Gewinner-Ticket der Schokoladenfabrik Willy Wonkas, um zu einer lustigen Hiphop-Melodie selber in den Süßigkeiten verarbeitet zu werden. Aber direkt danach geht es durch den Kleiderschrank nach Gnarnia. (Das "G" wurde aus Copyright-Gründen eingefügt.) Die Ansammlung hassenswerter Filme unterbricht eine Hausbegehung im MTV-Stil. Dann greifen auch die "X-Men" ein: Edward ist ein Mutant, der sich bei Gefahr in ein Huhn verwandelt. Wobei das englische "chicken" hauptsächlich Feigling bedeutet. Harry Potter darf als Rentner kiffen, der Karibik-Piraten-Captain Jack Swallows, selbst viel bessere Karikatur, lallt sich durch den Kampf gegen die Weiße Königin. Jack Black serviert als mexikanischer Koch Nacho Libre überfahrene Katzen - das macht dann gar keinen Sinn und auch keinen Spaß mehr.
 
Die guten Zucker-Parodien wie "Airport" oder "Loaded Gun" haben früher immer noch das Filmemachen selbst reflektiert, wenn etwa die subjektive Kamera gegen eine Fensterscheibe lief oder das Off-Orchester ins Bild kam. Jetzt rückt man die Action-Doubles ins Bild, die überhaupt keine Ähnlichkeit mit den geschonten Schauspielern haben. Haha! Und macht es nochmal. Dann noch einmal. Jetzt schon fünf Minuten lang ...

Klang der Stille


USA 2006 (Copying Beethoven) Regie: Agnieszka Holland mit Ed Harris, Diane Kruger, Matthew Goode 104 Min.
 
Man hat Angst in Wien vor "the beast", vor "dem Monster". Gemeint ist ein launiger, schikanierender Beethoven in seinen letzten Lebensjahren. Ein Genie, das nahezu nichts mehr hört und trotzdem besessen weiterkomponiert und - zum Schrecken der Musiker - auch dirigiert. Mit großer Bewunderung, aber ohne Angst landet im Jahre 1824 die talentierte, junge Komponistin Anna Holtz (Diana Kruger) beim stadtbekannten Grobian. Er sucht den besten Kopisten für seine dahingeklecksten Noten. Anna, die 23-jährige Frau erfährt erst Missachtung, dann erwächst sie innerhalb von fünf Minuten zur kongenialen Partnerin beim Korrigieren "falscher Kompositionen". So eine "Entdeckung" könnte ein großer Filmmoment sein. Hier wirkt es wie vom Drehbuch falsch komponiert.
 
Nun ist die selbstbewusste blonde Frau, die in einem Kloster wohnt, Haushälterin, Komponistin, wehrhafte Blitzableiterin und Ko-Komponistin. So erfahren wir, dass eigentlich Anna für die Wirkung der Neunten Sinfonie verantwortlich war. Keiner glaubte an das unmögliche Werk, in welchem der Chor viel zu lange tatenlos auf den ersten Einsatz warten muss. Doch indem sie mitten im Orchester dem Dirigenten van Beethoven "souffliert", rettet die Assistentin zusätzlich die Premiere des gemeinsamen Stückes!
 
Auch wer nur mal "Roll over Beethoven" gehört hat, ahnt wie viel Fantasie hier am Werke war. An sich nicht verwerflich, diese nach "Ludwig van B. - Meine unsterbliche Geliebte" und "Eroica" weitere Beethoven-Biographie hat andere Probleme. Ed Harris ("Pollock") spielt durchaus glaubhaft - wie ihn die akustische Isolation zum Außenseiter machte, thematisiert diese einfache Geschichte auch nicht. Das Problem des Films ist jedoch Diane Kruger, die immer noch glaubt, sie müsse Schauspielerin sein. The vorletztes Supermodel glänzt wieder als flache Harmlosigkeit. So war sie schon als Helena für die Katastrophe von "Troja" verantwortlich. Oder das unsägliche "Goodbye Bafana" - dort sorgt sie als Friseuse im Konsumrausch letztendlich für die Befreiung Nelson Mandela und Südafrika.
 
Wenn man dem "Klang der Stille" nichts abgewinnen kann, so ist dies hauptsächlich der Verdienst von Frau Kruger. Erinnert sich jemand an "Das Mädchen mit dem Perlenohrring"? Auch dort eine junge Frau, die einem wesentlich älteren Genie dienend und inspirierend zur Seite steht. (Was insgesamt nicht reflektiert wird.) Gespielt von Scarlett Johansson, von der man immer noch spricht. (Wenn auch dieses Ein-Blick-Wunder kein besonders vielfältiges Repertoire zu haben scheint.) "Klang der Stille" klingt trotz vielfältiger Bemühungen in Kostüm und Kulisse nicht nach. Der Film erweist sich als hausbacken und bescheiden. Große Momente spielen so gut wie nie auf. Anfangs eine bewegte, expressive Kamera, später nur Abfilmen der historischen Kulissen. Schade, denn die engagierte Regisseurin Agnieszka Holland kann mehr, wie vielleicht am besten im dichten und ergreifenden Henry James-Drama "Washington Square" mit Maggie Smith zu erleben war.