7.12.20

The Prom / Netflix ab 11.12.


Hillbillys, Teil 3: Diesmal kommt eine Busladung abgehalfterter Musical-Stars vom Broadway zu den Hinterwäldlern. Es gilt, den Schulball („Prom") von Emma (Jo Ellen Pellman) zu retten, die sich als lesbisch geoutet hat. Die konservative Schulverwaltung kann das zwar nicht verbieten, dafür aber die ganze Party absagen. Ein gefundenes Fressen für Dee Dee Allen (Meryl Streep), Angie Dickinson (Nicole Kidman) und Barry Glickman (James Corden): Die nicht mehr ganz angesagten Broadway-Sänger suchen eine „gute Sache", die ihren Karrieren wieder auf die Sprünge helfen könnte. Selbstrettungs-Maßnahmen wie „We are the world" oder „Band Aid" - nur diesmal mit Lesbierinnen. Wie verzweifelt die Helfer selbst sind, zeigt die Ankunft nach langer Busfahrt: Im wenig glanzvollen Hotel holen sie unerkannt gar ihre Tony-Trophäen aus der Tasche. (Corden bekam ihn 2012 tatsächlich für "One Man, Two Guvnors".) Vergebens – hier gibt es keine Suite, keine Extras.

Als es der weltoffene High-School-Direktor – und Musicalfan - Mr. Hawkins (Keegan-Michael Key) doch eine „diverse" Prom durchboxt, veranstaltet die hinterhältige Elternschulsprecherin (Kerry Washington) heimlich eine Parallel-Party. Jetzt hängen sich die alten Broadway-Schlachtrösser, die erst eigentlich nur ihrem Narzissmus frönen wollten, richtig rein. Nebenbei flirtet Dee Dee mit dem Schuldirektor. Und Barry verarbeitet, dass er nach seinem Coming-out vor Jahrzehnten nicht nur die Prom verpasste, sondern auch von den Eltern rausgeschmissen wurde.

Das Musical „The Prom" macht sich anfangs mit viel Glitzer und Neonfarben über angeblich so weltoffene New Yorker Künstler lustig, die mit großen Solo-Nummern betonen müssen: „Es geht nicht um mich!" Zum Glück ist da auch die bodenständige Emma als wahrer Star. Nach farbenfrohem musikalischem Mobbing in der Turnhalle und munteren Stücken wie „Don't be gay in Indiana" (Sei nicht homo in Indiana) widersetzt sie sich sogar den gängigen Rezepten, mit großen Auftritten Recht zu bekommen. Aber nicht ohne schmissige Einkaufstour mit James Corden und einem Gospel im Einkaufszentrum, um bigotte und homophobe Mitschüler zu bekehren. Das Liebesduett darf nicht fehlen, mit einem ironischen Twist: „Es braucht nur dich und mich - und ein Lied".

Nun ist „The Prom", nach dem gleichnamigen Broadway-Musical von Chad Beguelin, Robert Martin und Matthew Sklar, von der satirischen Bissigkeit her sicher nicht Mel Brooks' „Frühling für Hitler" (The Producers). Aber der Film von Ryan Murphy karikiert das übliche abgehobene und überkandidelte Musical-Theater aufs heftigste, um es dann trefflich und mitreißend wieder anzuwenden. „The Prom" begeistert und macht Spaß, dabei entstehen inmitten aller bunter Banalitäten berührende Geschichtchen, Lieben und Verletzungen. Die Drehbuch-Autoren Ryan Murphy, Bob Martin und Chad Beguelin erklären vor allem über die Figur des Musical-Fans Hawkins den Geist des Genres: Wenn die Gefühle zu groß werden, muss man singen. Um dann nach nur angetäuschter Ignoranz ein herrliches Parade-Beispiel abzuliefern.

Die erstaunliche Newcomerin Jo Ellen Pellman besteht als Emma mit Leichtigkeit und Drew Barrymore-Charme neben James „Carpool-Karaoke" Corden, Oscar-Gewinnerin Meryl Streep und Nicole Kidman, die bei „Moulin Rouge" (2001) das letzte Mal gut gesungen hat. Kidman ist hier allerdings wesentlich besser, weil es mal nicht auf ihre reduzierte Mimik ankommt (siehe „The Undoing"). So schafft es „The Prom", sich bei einer grandios glamourösen Inszenierung wunderbar selbst auf den Arm zu nehmen. Ein großer, bunter Spaß mit viel Herz.

„The Prom" (USA 2020), Regie: Ryan Murphy, mit Meryl Streep, Nicole Kidman, James Corden, Jo Ellen Pellman 126 Min. FSK ab 6

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1.12.20

Uncle Frank / Amazon


Nach „Hillbilly Elegy" schaut sich „Uncle Frank", Publikums-Liebling beim Sundance-Festival, die Gräben zwischen rückständigem Land und offenen Stadtbewohnern an: „Sei wer du sein willst!" Dieser Rat des geliebten Onkel Frank (Paul Bettany) verändert 1969 das Leben der jugendlichen Beth Bledsoe (Sophia Lillis). Vier Jahre später verlässt sie das ländliche Creekville, um in New York zu studieren. Onkel Frank ist dort beliebter Literaturprofessor und lebt zusammen mit seinem langjährigen Partner Wally (Peter Macdissi), wie die etwas unbedarfte Beth langsam entdeckt. Als Franks Vater stirbt, begeben sich die drei auf einen Road Trip in eine noch existente schreckliche Vergangenheit aus Schwulen-Hass, Rassismus und Frauen-Verachtung.

„Uncle Frank" erzählt aus der Perspektive einer jungen Frau mit viel Herz und Verstand, aber ohne Erfahrung. Beth meint tatsächlich, sie hätte noch nie einen Schwulen getroffen, und wird humorvoll über den Gesangslehrer aufgeklärt. Dass ausgerechnet Wally, der Freund aus dem Saudi-Arabien, wo Schwule noch hingerichtet werden, die gefährliche Situation im ländlichen South Carolina nicht ernst nimmt, irritiert etwas. Frank, grandios gespielt von Paul Bettany, zerbricht fast an der testamentarisch festgelegten Verachtung des Vaters und an Resten von Selbsthass. 

Im Happy End der bewegenden, exzellent erzählten Geschichte freut sich die einfältige Schwägerin (Judy Greer) fast hysterisch, dass „Schwule so gut riechen". „Uncle Frank" zeigt sehr viel Verständnis für die zurückgebliebene Familie, aber man will mit den drei anderen Leuten doch schnell wieder nach New York.
 
„Uncle Frank" (USA 2020) Regie: Alan Ball, mit Paul Bettany, Sophia Lillis, Peter Macdissi, 95 Min., FSK: ab 12

30.11.20

Mank / Netflix

Mank

(USA 2020), Regie: David Fincher, mit Gary Oldman, Lily Collins, Charles Dance, Amanda Seyfried, 131 Min., FSK: ab 12

Regisseur David Fincher steht mit großen Erfolgen wie „Gone Girl", „Fight Club", „The Game" sowie mit seiner Serie „Mindhunter" vor allem für Spannung. Dabei übersieht man die Kunstfertigkeit seiner Filme. „Mank" ist nun ein besonderer ästhetischer Genuss, eine stilistisch verspielte Hommage an das alte Hollywood mit gleichzeitiger politischer Abrechnung. Die Filmperle beginnt mit einem reizvollen Trip in die Filmgeschichte, mit vielen bekannten Namen, dem Amüsement über den – im wahrsten Sinne des Wortes - gebrochenen Autoren Herman J. Mankiewicz (1889-1953), der am Oscar-Drehbuch für „Citizen Kane" schreibt. Die Gründe, weshalb das Genie an der Flasche hängt, machen „Mank" später berührend und relevant für heute. 

Zuerst dreht sich alles um den Countdown von 60 Tagen, in denen der abgeschriebene Mankiewicz für das aufsteigende, 24-jährige Genie Orson Welles ein Drehbuch fertigen soll. Mit gebrochenen Beinen liegt „Mank" wegen eines Autounfalls im Bett, von einer deutschen Pflegerin und einer britischen Sekretärin betreut. Alkohol – gibt es nach Fertigstellung des ersten Abschnitts.

„Citizen Kane" erzählt, verkürzt, eine Enthüllungsgeschichte, stellt den einst mächtigen Medienmogul William Randolph Hearst bloß. Der sensationelle erste Film des Wunderkindes Orson Welles (Ko-Autor, Regie und Hauptrolle) aus dem Jahr 1941 wird immer wieder zum „Besten Film aller Zeiten" gewählt. Weshalb Ko-Autor Herman J. Mankiewicz seinen Freund und Mentor Hearst darin ans Messer lieferte, ist Thema von „Mank". Ein Skandal aus dem „Goldenen Zeitalter" des Klassischen Hollywood und das Porträt eines liebenswerten Verlierers, eines linken, intellektuellen Don Quixote.

Das Verhältnis von Herman Mankiewicz – nicht zu verwechseln mit seinem Bruder Joseph L. – und Hearst wird in Rückblenden zu den 30er Jahren erläutert: Da ist die platonische Freundschaft zu Hearsts jüngerer Gespielin, der Schauspielerin Marion Davies (Amanda Seyfried), die der Verleger förderte und dann beruflich zerstörte. Als im Wahlkampf für den Gouverneur Kaliforniens des Moguls Medienmacht mit im Studio MGM produzierten „Fake News" den demokratischen Kandidaten und Schriftsteller Upton Sinclaire verhindert, engagiert sich der Intellektuelle einmal. Vergeblich. In einer großen besoffenen Tirade bringt sich der zynische Schreiberling dann um den Platz als Hofnarr am Tische Hearsts.

Das Porträt der hochinteressanten Figur Herman J. Mankiewicz mit seiner Karriere, die er sich mit Alkohol und Spielsucht verbaut hat, zeigt einen typischen Ostküsten-Intellektuellen. Er lässt sich vom tief verachteten Hollywood verführen und geht an dessen Banalität zugrunde. In einem berühmten Telegramm an den legendären Autor Ben Hecht schrieb er: „Hier sind Millionen zu machen, und deine einzigen Konkurrenten sind Idioten. Lass dir das nicht entgehen." Auf eine spätere Anfrage von Dorothy Parker, der Gewerkschaft „Screen Writers Guild" beizutreten, antwortete er snobistisch, eine Autoren-Vereinigung sollte wissen, dass da ein Apostroph in den Namen rein muss.

David Fincher würdigt mit seinem in sanftem Schwarz-Weiß gehaltenen „Mank" den Journalisten und Kritiker deutscher Abstammung. Mankiewicz wird die Autorenschaft an „Citizen Kane" zugeschrieben - eine These, die Pauline Kael in ihrem Essay „Raising Kane" befestigte. Zentral in der mit einem lachenden Auge erzählten Tragödie steht die Rolle des Gebildeten in der Traumfabrik. Gary Oldman („The Dark Knight", „Harry Potter", „Das fünfte Element") verkörpert Lebens-Lust und -Frust begeisternd. Sein Mankiewicz genießt es, die Deppen stilvoll, höflich und immer treffend vorzuführen. Dabei stammte die Idee, mit den mächtigen Mitteln der Traumfabrik Politik zu machen, von ihm selbst, aber wendet sich gegen ihn. Naheliegend, da an Fincher zu denken, der nach sechs Jahren Pause seinen neuen Film nicht mit den Studios, sondern mit Netflix produzierte.

Wir können nicht anders / Netflix

Buck ist wieder da – und das mit Wums. Als einer der vielseitigsten und besten Regisseure Deutschlands legt Detlev Buck noch mal mit Schmackes eine klasse Komödie hin: Edda (Alli Neumann) verführt aus verzweifelter Wohnungslosigkeit und trotz seines furchtbaren Mantels den Junior-Professor für Literatur Sam (Kostja Ullmann, herrlich naiv). Da er sich als ganz nett erweist, nimmt sie ihn sogar mit in ihr Dorf. Doch schon auf dem Weg stolpert Sam mitten im Wald über eine Hinrichtung. Ein paar falsche Entscheidungen später werden er und das gerettete Opfer von einer wilden Horde zu freiwilliger Feuerwehr-Männer verfolgt. Und Edda muss sich bei der Suche nach Sam unangenehmer alter Bekanntschaften entledigen. In einem Dorf, in dem man nicht begraben sein will, ist plötzlich die Hölle los. Und 24 Stunden später zählt es einige Gräber mehr.

Ein Gangster (Sascha Geršak) gibt mit E-Zigarette den Dennis Hopper vom Lande. Tief verwurzelte Frauenfeindlichkeit frustrierter Männer wird zünftig abgestraft. Ihnen bleiben nur Sätze wie: „Ich war doch noch nie woanders. Wo soll ich denn hin? Und was wird aus meiner Mutter?" Das ganze Vergnügen ist toll gespielt, mit feinen Raffinessen sicher inszeniert und setzt inhaltlich Finessen: Hier lassen Flüchtlinge mal deutsche Flüchtende nicht rein.

1993 drehte Buck, die Komödien-Entdeckung aus dem Norden, mit „Wir können auch anders..." seinen dritten Spielfilm (nach „Hopnick" und „Karniggels"). Und wenn er sich mittlerweile als Regisseur und Darsteller von „Knallhart" bis „Bibi & Tina" als Alleskönner erwiesen hat - hier ist er bei seinen Wurzeln: „Auf dem Land haben wir Geduld. Es wird wenig gesprochen." Das mit den sparsamen Worten stimmt noch, dafür gibt es in „Wir können nicht anders" viel sich überstürzende Handlung und Kugeln. Der treffsichere Spaß kann vom Tempo her mit Hollywoods großen Action-Krachern für Weihnachten mithalten.

„Wir können nicht anders" (BRD 2020), Regie: Detlev Buck, mit Alli Neumann, Kostja Ullmann, Sascha Geršak, Sophia Thomalla, 102 Min., FSK ab 16

24.11.20

Aznavour by Charles (Le Regard de Charles)

Der 2018 im Alter von 94 Jahren verstorbenen Charles Aznavour war Frankreichs berühmtester Chansonier, ein gefeierter Schauspieler und engagierter Aktivist für sein armenisches Volk. Zu allem Bekannten über Charles Aznavourian gesellt sich nun diese wunderbare und wundersame Biografie aus eigener Hand. Denn erst 2017 zeigte er dem befreundeten Filmemacher Marc di Domenico Kisten voller Filmaufnahmen aus über fünf Jahrzehnten. Super 8, 16mm und Video-Material, das bisher niemand gesehen hatte.

Der Regisseur di Domenico sichtete 40 Stunden Aufnahmen und montierte sie entlang von 25 Liedern Aznavours, darunter sechs Welthits. Am Anfang des Films gibt es Bilder aus Afrika ohne Ton und Text. Charakteristisch dabei der wache Blick für einfache Menschen und Kinder. Diese Perspektive wird sich bei faszinierenden Aufnahmen aus Peru, Hongkong, Japan, New York oder London wiederholen. Denn der Künstler war ein Mensch mit großem Fernweh, mit einer Neugier auf die ganze Welt. „Emmenez-moi" - Nimm mich mit, erklingt passend dazu einer der vielen Hits des großartigen Sängers. Zu den Bildern von Montmartre, dem Ort seiner Kindheit „La Boheme". 

Da Aznavours Aufnahmen immer privat waren, sieht man bekannte Menschen wie Edith Piaf oder den geistesverwandten Film-Kollegen Lino Ventura unverstellt und offen. Höchstens seine wechselnden Frauen (Song: „She") schauen mal etwas verlegen zurück. Privat ist dieser Film auch in den Erinnerungen. Berührend, wenn Aznavour mit 40 Jahren das erste Mal in die (Sowjetrepublik) Armenien kommt. Das Land, das seine armenischen Eltern nie gesehen haben. Eltern, die Waisen des Genozids durch die Türken waren und die dann im nächsten Weltkrieg Juden versteckt haben. Dass sich der Star mit 180 Millionen verkauften Platten immer als „kleiner Franko-Armenier" sah und eine Nähe zu anderen Immigranten verspürte, zeigt viel Persönlichkeit.

„Aznavour by Charles" ist eine großartige, eine liebevolle Biografie aus ungewöhnlichem, aber doch eigentlich selbstverständlichen Blickwinkel: Dem der porträtierten Person selbst. Als Basis für den Off-Text (Sprecher: Roman Duris) dienten die fünf Biografien Aznavours. (ghj) (Sooner) *****

„Aznavour by Charles" läuft mit anderen aktuellen Filmen im Rahmen der 20. Französischen Filmwoche Berlin vom 26.11. – 2.12. online.

„Aznavour by Charles" (Le Regard de Charles, Fr 2020), Regie: Marc di Domenico, mit Charles Aznavour, Édith Piaf, Lino Ventura, 83 Min., FSK: keine Angabe

The Good Lord Bird / Sky


Ethan Hawke reitet als amerikanischer Michael Kohlhaas gegen die Sklaverei! Die deftige Mini-Serie „The Good Lord Bird" nach dem gleichnamigen Roman von James McBride spielt im Kampf zwischen überzeugten Sklavenhaltern und bibeltreuen Abolitionisten 1858 vor dem Bürgerkrieg.

Der ebenso wahnsinnige wie berüchtigte Prediger John Brown (Ethan Hawke) rettet bei einer Schießerei den schwarzen Jungen Onion (Joshua Caleb Johnson) vor einem grausamen Sklavenhalter. In seinem wirren Zustand meint Brown, Onion sei ein Mädchen, und nimmt es in seine kleine diverse Kampftruppe auf. Trotz bester Beziehungen zu führenden Köpfen der Sklavenbefreiung „Underground Railroad" geht der alttestamentarisch rächende Anführer auf eigene Faust blutig gegen Sklavenhalter vor.

Irgendwer wird sich sicher beschweren, dass hier ein Weißer Schwarze befreit. Aber fast durchgehend kommentiert Begleiter und Erzähler Onion die Solo-Show des wahnsinnigen Priesters selbstbewusst und spöttisch. Er schaut genau auf die Diener bei den Versammlungen der weißen Befreier – sie sind weiterhin schwarz!

Auch wenn Onion in der zweiten Folge als Mädchen in einem Bordell putzt und die im Käfig gehaltenen Sklaven ein erschreckendes Bild weißer Unmenschlichkeit liefern, ist „The Good Lord Bird" weit davon entfernt, „12 Years a Slave" zu sein. Mit dem Wahnsinns-Trip des überspannten Priesters und im poppigen Comic-Stil erinnert die Serie eher an Tarantinos „Django Unchained". Ein manchmal brutaler Spaß mit bitteren Geschichts-Lektionen, immer packend erzählt und inszeniert, mit einem großartigen Ethan Hawke („Before Sunrise", „Juliet, Naked") in der Rolle des allzu gerechten Wüterichs und als Produzent.

„The Good Lord Bird" (USA 2020), Regie: Kevin Hooks, Haifaa Al-Mansour, Albert Hughes u.a., mit Ethan Hawke, Joshua Caleb Johnson, Beau Knapp, Steve Zahn, 7 Episoden, je ca. 60 Min., FSK: ab 16

18.11.20

Du hast das Leben vor dir / Netflix


Aachen. Mit der dritten Adaption des berühmten Romans „Du hast das Leben noch vor dir" von Romain Gary gibt Regisseur Edoardo Ponti seiner 86-jährigen Mutter eine wunderbare Rolle. Die anrührende Figur einer Holocaust-Überlebenden, die sich in Bari um die Kinder von Prostituierten kümmert, macht die Legende Loren zur Kandidatin für einen dritten Oscar.

Madame Rosa (Sophia Loren) verdient ihren Lebensunterhalt mehr schlecht als recht damit, dass sie Kinder von Prostituierten betreut und großzieht. Ausgerechnet der 12-jährige senegalesische Waisenjunge Momo (Ibrahima Gueye) soll nun einziehen, dabei hat er ihr doch kurz vorher auf dem Flohmarkt eine Tasche mit Silberleuchtern geklaut.

Sophia Loren („Hochzeit auf Italienisch" 1964, „Prêt-à-Porter" 1994) strahlt mit ihrem echten Gesicht ohne große Manipulationen immer noch eine enorme Präsenz aus. In „Du hast das Leben vor dir" legt sie sogar eine vorsichtige Tanzeinlage mit dem Transvestiten hin. Auch der heftige Dialekt in der Originalfassung ist ein Vergnügen. Die vor allem rührende Geschichte über das ungewöhnliche Zusammentreffen eines kleinen Flüchtlings, einer traumatisierten Dame und eines arabischen Immigranten ist der aktuelle Netflix-Hit in Italien. Kein Wunder, denn auch im Hintergrund gibt es eine Familiengeschichte: Regisseur Edoardo Ponti ist der Sohn von Loren und ihres langjährigen Partners und legendären Produzenten Carlo Ponti. Dazu für Kenner noch die aufregende Literaturgeschichte um den 1975 unter Pseudonym erschienenen Roman und fertig ist ein Medien-Ereignis. Der reizvoll in der Hafenstadt Bari fotografierte Film lohnt sich mit seinen interessanten Charakteren und guter Besetzung aber auch einfach so. 

„Du hast das Leben vor dir" („La vita davanti a sé", Italien 2020), Regie: Edoardo Ponti, mit Sophia Loren, Ibrahima Gueye, Renato Carpentieri, 94 Min., FSK: keine Angabe

17.11.20

Was wir wollten / Netflix


Alice (Lavinia Wilson) und Niklas (Elyas M'Barek) bauen bis an die Grenze der seelischen und finanziellen Belastbarkeit an ihrem Familienglück. Die Arbeiten zum Einfamilienhaus sind im vollen Gange, aber auch die vierte künstliche Befruchtung hat nicht funktioniert. Beide wohlsituierte Menschen gehen liebevoll, sogar humorvoll mit der Situation um. Ein neuerlicher Urlaub in Sardinien soll Spannungen lösen. Als allerdings im Ferienhäuschen nebenan zwei laute Kinder und ihre ebenso penetranten Eltern stören, lösen sich auch Frustrationen und Aggressionen. Dass der frühere Urlaub, nicht weit entfernt auf dem Camping-Platz, glücklicher war als dieser im Ferien-Häuschen, führt zur Frage, was zum Glück nötig ist: Ein Haus, ein Kind?

Regisseurin Ulrike Kofler gelingen in ihrem einfühlsamen Drama „Was wir wollten" sehr feine Beobachtungen. Etwa auf die leicht laufenden Schubladen und die automatischen Heckklappen, die perfekt funktionieren ... so wie man es sich für's eigene Leben wünscht. Wie es bei Alice und Niklas nicht reibungslos klappt, machen vor allem der unglaublich vielfältige Ausdruck von Lavinia Wilson („Deutschland 89/86") und das exakt passende Spiel von Elyas M'Barek („Fack ju Göhte") interessant. Der ruhige Stil des Spielfilms erinnert zeitweise an die exakte Reduzierung der „Berliner Schule": Es wird nicht übermäßig gesprochen, die Gefahr eines blöden Spruchs ist dabei groß. Aber Kofler, die bislang Cutterin bei einigen bekannten Filmen („Wilde Maus") war, umschifft diese Fallen. Im Problem-Genre des deutschen Urlaubsfilms erzählt sie eine nicht einfache, aber bemerkenswert sichere Geschichte. Mit einem im Gegensatz zur Berliner Schule sehr bewegenden Finale.

„Was wir wollten" (Österreich 2020), Regie: Ulrike Kofler, mit Lavinia Wilson, Elyas M'Barek, 93 Min., FSK: ab 12

The Crown, 4. Staffel / Netflix


„The Crown", die Krönung der aktuellen royalen Serien-Unterhaltung, meldet sich in der vierten Staffel mit zwei weiteren Hauptfiguren zurück: Während der 80er-Jahre hat Queen Elizabeth II. mächtig mit Lady Diana Spencer und Premierministerin Margaret Thatcher zu tun. Die beste Staffel bislang begeistert erneut in vielerlei Hinsicht.

Die jahrzehntelange Karriere der britischen Königin Elizabeth (Olivia Colman) lieferte seit 2016 beständig Dramen im Hause Windsor und nur am Rande die Schicksale von zig Millionen Untertanen. Mit der vierten Staffel sind wir in den 80er-Jahren angelangt. Ohne sich auf Lorbeeren auszuruhen, trumpft „The Crown" in der ersten Folge direkt mit einer filmischen Glanznummer auf. Die mehrfache Parallel-Montage zeigt packend und erschreckend die hemmungslose Jagdlust der Adeligen. Auf dem Höhepunkt werden aber sie gejagt: Lord „Dickie" Mountbatten (Charles Dance), Onkel von Prinz Philip (Tobias Menzies) und väterlicher Freund für Charles (Josh O'Connor), fällt 1979 einem Anschlag der IRA zum Opfer. Doch der nordirische Religionskrieg, später der mörderische Kampf um die Falklandinseln, die extremen sozialen Einschnitte Maggie Thatchers im Land - das alles ist Weltpolitik, von der nur kurze Blitzlichter in die Geschichte des Königshauses dringen.

Intern genießen wir die Auftritte von Prinzessin Diana (Emma Corrin) und Premierministerin Thatcher (Gillian Anderson). Mit ihnen muss sich die Queen kurz die weibliche Hauptrolle teilen. Das könnte Märchen-Kitsch geben oder trockene Polithistorie. Aber den exzellenten „Crown"-Autoren gelingt es, mit vielschichtigen Figuren eine immer fesselnde Geschichte fort zu erzählen.

Selbstverständlich will eine boulevardisierte Medienlandschaft unbedingt erfahren, wie es der netten Kindergärtnerin Diana Spencer im herzlosen Haus der Windsors erging. Serien-Schöpfer Peter Morgan hält sich bei erstaunlicher Ähnlichkeit in Mimik und Maske von bekannten Bildern fern. Wochenlange Einsamkeit der jungen Frau im Buckingham Palace explodiert bei der ironisch „Märchen" genannte Folge 3 in einer euphorischen Rollschuhfahrt mit Kopfhörern und Pop-Musik durch leere Palast-Gänge.

Ebenso unterhaltsam und interessant ist die Figur der „Eisernen Lady" Maggie Thatcher. Sie scherzt zu Beginn des traditionellen Rapports der Regierungschefin bei der Herrscherin, dass es mit zwei Frauen in Menopause ja lustig werden wird. Auch diese geheimen Treffen evozieren die unweigerliche Frage: War das wirklich so? Doch unabhängig davon, was echt ist - die Geschichte von „The Crown" ist echt gut.

Die sorgfältige Kamera bringt Augenschmaus. Ein hervorragendes Drehbuch, die gute Wahl der Darsteller, eine klasse Maske und tolles Spiel machen „The Crown" selbst für eingefleischte Republikaner zu einem Serien-Ereignis. Denn die Scherze bei „Lisbeth" und den Anderen gehen zwar oft auf Kosten der Nicht-Royals. Doch Maggie Thatcher, die strenge Tochter aus dem einfachen Volk, hält dem eigentlich lächerlichen Haufen unnützer Adeliger auch Verschwendung von wertvoller Arbeitszeit vor. 

Elizabeth bleibt in zwischenmenschlichen Dingen eine tragische Witzfigur, die sich vor persönlichen Treffen mit ihren vier Kindern erst Informationen über deren Leben zustellen lässt. Wie es in den beiden schon geplanten Staffeln weitergeht, bleibt trotz bereits geschehener Historie spannend. Aber vielleicht tut die Queen der Serie den Gefallen, zum Finale abzutreten.

 (Netflix) *****

(GB, USA 2020), Regie: Benjamin Caron, Paul Whittington, Julian Jarrold u.a., mit Olivia Colman, Tobias Menzies, Helena Bonham Carter, 10 Folgen à ca. 60 Min., FSK: k.A.


11.11.20

Utopia (2020) / Amazon Prime Video


Aachen. Während einer Pandemie suchen vier Fans der legendären Comic-Geschichte „Dystopia" verzweifelt die Fortsetzung „Utopia", denn diese soll alles erklären und zum Gegenmittel führen. Derweil hat der ebenso charismatische wie dämonische Führer eines Lebensmittel-Konzerns eigene Pläne. Nicht nur die Parallelen zur aktuellen Corona-Situation machen diese außergewöhnlich mutig erzählte Geschichte zum Hingucker.

Ein Film nach einem Comic - wie lahm, schon tausendfach gesehen. Ein Leben nach einem Comic - das ist mal wirklich spannend! Im Zentrum von „Utopia" steht die sagenhafte Jessica Hyde (Sasha Lane). Ihr brutal rücksichtloses Verhalten bei der Suche ist verständlich, denn es ist ihr Leben, das in dem begehrten Comic mit seinen apokalyptischen und fantastischen Szenarien abläuft. Die Grausamkeiten unmenschlichen Handelns einer mörderischen Organisation namens „Harvest" (Ernte) verstören hingegen: Ein Killer erledigt jeden „Utopia"-Leser und Kinder einer Sekte werden reihenweise geopfert, „um ihren Lebens-Zweck zu erfüllen".

Der Science Fiction-Thriller „Utopia" basiert auf einer gleichnamigen britischen Kult-Serie aus 2013. Dabei bleibt es nicht nur bei den Rätseln, welche die nerdigen Ian (Dan Byrd), Becky (Ashleigh LaThrop), Samantha (Jessica Rothe), Wilson Wilson (Desmin Borges) und Grant (Javon „Wanna" Walton) in den Seiten von „Utopia" entschlüsseln. Auch eine große Verschwörung wird alle begeistern, die sich gerne von vielen unerwarteten Wendungen überraschen lassen. Unter den Figuren fasziniert vor allem der infantil wirkende Killer Rod (Michael B. Woods), der immer mit einer speziellen Packung Rosinen belohnt wird. Nachdem er auftaucht, wird aus der albernen Party der verkleideten Comic-Fans blutiger Ernst.

Während Sets, Kulissen und Produktions-Design bis auf die Comic-Einblendungen unauffällig bleiben, trumpft „Utopia" mit Wendungen auf, die so überraschend und so intensiv kaum eine andere Serie hinbekommt. Da muss auch schon mal eine Hauptfigur für herausragende Episoden-Spannung dran glauben. (ghj) (Amazon Prime Video) ****

„Utopia" (USA 2020), Regie: Toby Haynes, mit Sasha Lane, John Cusack, Michael B. Woods, Dan Byrd, acht Folgen, FSK: ab 16


10.11.20

The Trial of the Chicago 7


Mit einer eindrucksvollen Besetzung rund um Sacha Baron Cohen („Borat") rollt der sensationelle Gerichts- und Historienfilm „The Trial of the Chicago 7" den skandalösen Gerichtsprozess gegen die sogenannten „Chicago Seven" während der Nixon-Ära auf. Autor und Regisseur Aaron Sorkin („Molly's Game: Alles auf eine Karte") unterhält bestens, sorgt für Spaß und bezieht Position gegen politische Justiz.

Das Porträt des alten US-Präsidenten Lyndon B. Johnson wird gerade abgehängt und gegen das von Nixon ausgetauscht, als der neue Justizminister dem frisch zum Chefankläger berufenen Richard Schultz (Joseph Gordon-Levitt) seinen ersten Auftrag gibt: An Teilnehmern von Protesten gegen den Vietnamkrieg soll mit Hilfe eines zurechtgebogenen Gesetzes ein Exempel statuiert werden. Schuldig der „Anstiftung zu einem Volksaufstand" sind die Anführer eines gewaltlosen Protestes schon vor Beginn des Prozesses. Der unfassbar voreingenommene Richter Julius Hoffman (Frank Langella) wird in einem der berüchtigtsten Prozesse der US-Geschichte dafür sorgen.

1968 war eine bewegte Zeit auch in den USA: Zehntausende Soldaten mussten in den verbrecherischen Krieg gegen die Menschen in Vietnam ziehen. John F. Kennedy und Martin Luther King wurden in den letzten Jahren ermordet. Eine neue Form des Protests lebt mit „Flower Power" und „Make love not War" auf. Derweil zieht der Hardliner Nixon als rechter Exponent einer polarisierten Gesellschaft ins Weiße Haus ein. In dieser aufgeheizten Situation werden Demonstrationen in Chicago zu Unruhen, bei denen schockierend brutale Polizisten und Militärs ein Massaker unter den Bürgern anrichten. Angeklagt werden allerdings die vermeintlichen Anführer der Proteste.

Aaron Sorkin, Autor von engagierten Polit-Filmen und -Serien wie „The Social Network", „Der Krieg des Charlie Wilson", „The Newsroom" und „The West Wing", begeistert in seiner zweiten Regiearbeit mit einem packenden Aufbau: Nach einem kurzen Medley historischer Aufnahmen springt „The Trial of the Chicago 7" direkt zum Prozess. Die verhandelten Ereignisse in Chicago werden in Rückblenden nachgereicht. Und das durchaus witzig: Wenn Hippie-Anführer Abbie Hoffman (Sacha Baron Cohen) – wie alle anderen Gruppen vergeblich - eine Demonstration im Park beantragt, kündigt er lächelnd Rock-Musik, Drogen und öffentlichen Sex an. 

Die „Oscar-Verleihung des Widerstands", wie einer der Angeklagten zum Prozess bemerkt, bietet ein breites Spektrum interessanter Charaktere: Neben den Hippies, die mit Spaß und Liebe die Welt verändern wollen, ist da Tom Hayden (Eddie Redmayne), der junge Politiker der Demokraten. Er will Veränderung durch Instanzen und Parlamente, was dem realen Tom Hayden, zeitweise Ehemann von Jane Fonda, tatsächlich gelang. Hier ist „The Trial of the Chicago 7" im Nachdenken über Wege des nötigen Widerstands weit mehr als die Anklage gegen ein historisches und nach ein paar Jahren aufgehobenes Fehlurteil.

„The Trial of the Chicago 7" brilliert inhaltlich mit kluger Argumentation, mit spritzigen und witzigen Dialogen sowie mit einer exzellenten Besetzung: Der politische Komiker Sacha Baron Cohen verkörpert den komischen Aktivisten Hoffman kongenial. In einer dritten Ebene kommentiert dieser den Prozess als Stand up-Comedy. Ebenso grandios tritt Michael Keaton kurz als ehemaliger Justizminister Ramsey Clark auf, der offenlegt, dass die Unruhen durch die Polizei ausgelöst wurden. Man muss mehr als einmal an die historischen näheren G20-Unruhen von Hamburg oder die G8-Verbrechen von Genua denken.

Dieser in jeder Hinsicht gelungene Film über politische Justiz, über das Recht auf Protest und Widerstand sowie über verschiedene Wege des Engagements packt jeden Moment und lässt in erneut bewegten Zeiten nachdenken. (Netflix) *****

„The Trial of the Chicago 7" (USA, Großbritannien, Indien 2019), Regie: Aaron Sorkin, mit Sacha Baron Cohen, Eddie Redmayne, Mark Rylance, 129 Min. FSK ab 16

9.11.20

Und jetzt: Die Muppets / Disney+


Die Muppets sind wieder da und das ist leider kein Grund, kleine Frosch-Ärmchen jubelnd in die Luft zu schmeißen. Während die die ursprüngliche Muppets-Show das alte Format der Varieté-Theater auf (und hinter) großer Bühne feierte, gibt es jetzt eine „improvisierte Streaming-Show" auf kleinem Schirm. Miss Piggy gibt in ihren Blog-Filmchen „Lifesty" (sic!) als Influencerin jedem eins auf die Nase, der sie nicht als schönstes Schwein der Welt anhimmelt. Als weitere harmlose Parodie auf Medienformate muss der schwedische Koch („smörrebröd röm töm töm") in einem Koch-Duell echte Gäste und Rezepte verdauen. Erstere sind bei uns (bis auf den Taco füllenden Dany Trejo) weitgehend unbekannt, also uninteressant. Kermit verrät in einem weiteren lahmen Gag sein geheimes Hobby als Fotobomber. Dr. Bunsenbrenner und sein Assistent Beaker veranstalten wissenschaftliche Tests im Muppet-Labor. Als erster muss allerdings nicht Beaker leiden, sondern ein digitaler Sprach-Assistent in Form von Amazons Echo.

Eine kleine Auswahl der bekannten Muppet-Figuren und -Spleens soll bei „Und jetzt: Die Muppets" also mit „Witz komm raus"-Zwang die heutige digitale Welt gebeamt werden. Ganz banal sieht das „Show-Format" so aus, dass Scooter kleine Clips auf den Bildschirm schiebt. Darin ist Pepe die Riesengarnele der unkontrollierbare Moderator einer chaotischen Spielshow. Das hat weder Witz noch Charme. Es nervt öfter, als dass es Spaß macht. Ausgerechnet wenn Kermit, der degradierte Showmaster von früher, wieder die Gäste vor seinem wilden Team schützen muss, erinnert das schmerzlich an in jeder Hinsicht bessere Original-Muppets.

5.11.20

Truth Seekers / Amazon Prime Video


Gus (Nick Frost) ist das Genie in Sachen Internet-Anschluss, dass man sich immer bei Problemen erhofft. Dabei beseitigt er nicht nur technische Störungen, immer öfter gilt es auch Geistererscheinungen zu vertreiben. Hinter dem massigen Nerd Gus verbirgt sich ein exzellenter „Ghostbuster". Es befreit einen Weltkriegs-Soldaten, dessen Geist in einer Funkmaschine gefangen ist. Kennt eine Masseuse, die nebenbei Exorzismus betreibt. Entdeckt einen verrückten Professor, der die Seele seines Hundes über Jahrzehnte am Leben erhält. Und da ist ein genialer Wissenschaftler mit einem üblen Plan...

Nick Frost und Simon Pegg, das komischste Briten-Paar der neueren Filmgeschichte („Shaun of the Dead", „Hot Fuzz" und „The World's End"), macht sich in acht knackigen Episoden à 30 Minuten einen Spaß mit dem Horror-Genre. Nach ein paar Schreckmomenten schwebt das Grauen in Form eines nervigen Malcolm McDowell als Gus' Vater den Treppenlifter herunter. „Truth Seekers" wird im Laufe der unterhaltsamen Folgen immer mehr zur netten britischen Komödie mit bekannten, liebenswerten Figuranten.

4.11.20

Kino on Demand unterstützt lokale Kinos

 
Zum erneuten Lockdown unterstützt der Kölner Streaming-Anbieter „Kino on Demand" mit seiner Aktion „Lieblingskino-Paket" die geschlossenen Kinos vor Ort. Für jedes Paket erhält der Nutzer einen Gutschein über fünf Euro für sein Lieblingskino und es gehen direkt fünf weitere Euro als Unterstützung ans Kino.
„Kino on Demand" zeigt aktuelle Arthouse-Filme und Erfolge der vergangenen Jahre für anspruchsvolle Cineasten, aber auch Kinderkino. Aktuelle Highlights sind „Lindenberg! Mach Dein Ding", die Mario Adorf-Biografie „Es hätte schlimmer kommen können" oder die Deneuve-Komödie „La Vérité". 

www.kino-on-demand.de

Hausen / Sky


BRD 2020 Regie: Thomas Stuber, mit Charly Hübner, Alexander Scheer, Tristan Göbel, Lilith Stangenberg, 8 Folgen je 60 Min.

Extremes Grau, alles mit Staub bedeckt wie nach einem atomaren Fallout – so zieht das „Haunted House"-Genre bei „Hausen" in einen verlorenen Plattenbau ein. Die hinzukommende traumatisierte Familie geben im Osten des Landes der neue Hausmeister Jaschek (Charly Hübner) und sein 16-jähriger Sohn Juri (Tristan Göbel). Jaschek ist einer, der anpackt, sich direkt an die seit Wochen defekte Heizungsanlage macht. Schnell geht es in den Heizkeller, der nicht nur bei Stephen King ein klassischer Ort des Bösen ist. Eine dunkle Flüssigkeit läuft aus den Rohren und nähert sich einigen Personen bedrohlich. Auch sonst ist viel unheimlich im Argen im kalten Wohnkomplex: Ein Raum voller Drogenabhängiger wärmt sich am selbstgebauten Ofen. Die Jugendgang und ein religiöser Saubermann versuchen die Kontrolle zu erlangen, zwischen Wänden, die zu atmen scheinen und sich organisch öffnen. Als gemeiner „Cliffhanger" verschwindet am Ende der ersten Folge ein Baby, dessen Schreien fortan über die Lüftungsrohre zu hören ist.

Nach „Dark" haben düstere Serien aus Deutschland sogar international einen guten Namen. Und nach dem riesigen Erfolg der Eigenproduktion „Babylon Berlin" traut sich Sky mehr. Der Achtteiler „Hausen" setzt seine gelungenen Horrorbilder in einem ansprechend abschreckenden Stil effektvoll ein. Schon in der zweiten Folge wird es immer unheimlicher und es sind sogar ein paar grandiose Horror-Bilder dabei. Für die zielstrebige Vorstellung der Bewohner und einiger Abgründe des Hauses lassen sich die Headautoren Anna Stoeva und Till Kleinert jedoch Zeit. Das Fundament der Geschichte in Form von Menschen, die uns angehen, wirkt etwas brüchig. Dabei hat der aus Leipzig stammende Regisseur Thomas Stuber so etwas Einfühlsames wie das Stapellager-Drama „In den Gängen" inszeniert. Aber auch atmosphärisch Starkes wie die Studie des todkranken Boxers „Herbert", verkörpert von Peter Kurth. Der exzellente Schauspieler soll hier keinen „Shining" Jack Nicholson ersetzen - die Hauptrolle gibt das unheimliche Haus nicht so einfach ab. „Hausen" gelungen atmosphärischer Horror - manchmal schön schaurig und fies schleimig, dabei fast immer ohne Schockeffekte.

Seit 29. Oktober täglich ab 20.15 Uhr in Doppelfolgen auf Sky Atlantic sowie als komplette Staffel auf Sky Ticket und über Sky Q auf Abruf.

3.11.20

Borat: Anschluss Moviefilm / Amazon Prime Movie


USA 2020 (Borat Subsequent Moviefilm) Regie: Jason Woliner, mit Sacha Baron Cohen, Maria Bakalova, Dani Popescu 92 Min. FSK ab 16

Borat ist wieder da! 14 Jahre nach seiner provokanten Erfolgskomödie „Borat – Kulturelle Lernung von Amerika, um Benefiz für glorreiche Nation von Kasachstan zu machen" zieht der kasachische Reporter Borat (Sacha Baron Cohen) mit Schnauzbart und unmöglichem Anzug erneut in die USA. Der Regierungschef holt ihn extra aus dem Steinbruch des Straflagers, um die nationale Schande seines ersten Films wieder gut zu machen und dem mächtigen Führer Trump ein Geschenk zu bringen.

Die Grund-Idee ist die gleiche, der rückständige Depp aus irgendeinem „Drecksloch", wie Trump einst sagte, lockt das wahre Gesicht rechter, rassistischer und sexistischer US-Amerikaner hervor. Nur gibt es 14 Jahre später das Problem, dass jeder auf der Straße Borat erkennt und sich sogar im Kostüm-Shop seinen Dress und seine Maske findet. Deshalb kommt Borats 15-jährige Tochter Tutar (Maria Bakalova) ins Spiel. Statt eines Schimpansen, den sie auf dem US-Flug in ihrer Transport-Kiste aufgegessen hat, soll nun sie das Geschenk für Trump werden. Allerdings emanzipiert sich Tutar schnell und ihr „Handbuch zur Haltung von Töchtern" fliegt irgendwann in den Dreck. Vorher wollte sie allerdings ihren Tierkäfig gegen den Goldenen Käfig von Melania Trump tauschen.

Auch der neue „Borat" ist heftiger und deftiger Komödien-Stoff. Nun muss man vielleicht in diesen Zeiten betonen, wenn Sascha Baron Cohen Sexismus zeigt, dann nicht, weil ihm das gefällt, sondern weil er auf Sexismus in unseren Gesellschaften hinweisen will. Der Produzent und Schauspieler ist als „Ali G.", „Brüno" und mit seinen persönlichen Stellungnahmen über ziemlich viele Zweifel erhaben. So schaut man zwar öfters mit geöffnetem Mund staunend zu, aber tatsächlich führt Sascha Baron Cohen hier erschreckende Dinge vor, die da draußen existieren.

Der Coup des Films ist die Bloßstellung von Trumps Anwalt Rudy Giuliani, der nach einem Interview mit der vermeintlich 15-jährigen Reporterin Tutar zum „Mikrofon abnehmen" ins Schlafzimmer geht und sich auf dem Bett in die Hose greift. Nachdem dieser Skandal schon vor Monaten öffentlich wurde, erklärte der fiese Schleimer, er hätte sich nur das Hemd in die Hose stopfen wollen. Maria Bakalova, die 24-jährige Darstellerin der Tochter, wird übrigens allgemein für ihr Spiel dieser Rolle bejubelt.

Wirklich erschreckend dagegen zwei Hinterwäldler, bei denen Borat in Corona-Zeiten Unterschlupf findet. Da haut der Kasache mit einer Pfanne den Virus auf den Wänden platt, hüpft nackt durch die Hütte und entlockt den bärtigen Typen reichlich Meinungsäußerungen, die einem den Magen umdrehen. Höhe- oder Tiefpunkt ist hier, wie Borat bei einem Festival die Menschen unter Südstaaten-Fahne mit antisemitischen Liedern begeistert. Wenn der simple Provokateur später in albern klischeehafter „Juden"-Verkleidung in einer Synagoge mit alten Jüdinnen spricht, zeigt sich die ganze, schwer zu fassende Doppelbödigkeit der Borat-Satire: Da freut sich jemand, dass der Holocaust doch stattgefunden hat, weil mit der Holocaust-Lüge der Rechten das ganze Konstrukt des nationalen Antisemitismus' von Kasachstan zusammenbrechen würde. Ganz schön verdreht, doch „Borat 2" unterhält vor allem mit frechem Humor.

Selbstverständlich fragt man sich immer, was wirklich von der Realität abgefilmt ist und was nachträglich inszeniert wurde. Einiges wirkt einfach zu unglaublich. Doch führt die „Mockumentary", die Fake-Dokumentation, üble Erscheinungen vor, die ernstere Medien und ebenso spaßige Satiren auch aufzeigen. Und das nicht nur für den schnellen Lacher. Am Ende heißt es im typischen gebrochenen Borat-Englisch: Geht wählen!

On the Rocks / AppleTV+

USA 2020 Regie: Sofia Coppola 101 Min.

17 Jahre nach „Lost in Translation" dreht Sofia Coppola wieder mit Bill Murray und die stilvolle Vater-Tochter-Geschichte „On the Rocks" lässt als unterhaltsame Spielerei viel Raum für große Murray-Nummern. Erst scheint es, als ob die Autorin und Mutter Laura (Rashida Jones) Probleme mit ihrem Ehemann Dean (Marlon Wayans) hat, der offensichtlich mit seiner Geschäftspartnerin fremdgeht. Gut, dass der exzentrische Papa Felix (Bill Murray) mal wieder – mit Chauffeur – vorbeirauscht. Obwohl er selbst ein extremer, aus der modernen Zeit gefallener Schürzenjäger ist, setzt er sofort alles in Bewegung, um seine Tochter zu schützen. Dazu gehört auch die nächtliche Verfolgung mit einem sehr lauten italienischen Sportwagen. Letztlich zeigt sich, dass der überpräsente Macho-Papa das eigentliche Problem ist.

Die exzellente Regisseurin Sofia Coppola („Marie Antoinette", 2006) legt eine ebenso elegante wie unterhaltsame Familiengeschichte hin. Vorbild für Bill Murrays schillernde Vater-Figur war nicht allein der großartige Francis Ford Coppola („Der Pate") - sagt Sofia selbst.

30.10.20

„The Mandalorian“, Staffel 2


Disney+

Er reitet wieder: Der Mandalorian, gesichtsloser Ritter der Gerechtigkeit aus dem „Star Wars"-Universum, legt auch zum Start der zweiten Staffel eine grandiose Western-Episode hin. Wenn der einsame Kopfgeld-Jäger mit seinem niedlichen Yoda-Baby in die typisch misstrauische Western-Stadt einzieht, fragt man sich, ob da nicht doch John Wayne unter dem geheimnisvollen Helm steckt. Auch das Duell im Saloon wird in dieser erfolgreichen Science Fiction-Serie mit viel Witz variiert, bis mittendrin ein wesentlich größerer Gegner vorbeikommt. Da ist tatsächlich der legendäre Sandwurm aus dem lang erwarteten und wegen Corona verschobenen Epos „Dune"!

Showrunner, Autor und Regisseur Jon Favreau („Iron Man") setzt seine Serie mit einer neuerlich sensationellen Folge fort. Kurze, knackige Episoden, weitere Verbindungen zu den „Star Wars"-Filmen, coole Sprüche, reichlich Zitate von anderen Klassikern („Der weiße Hai") und eine Tricktechnik auf höchstem Niveau sorgen für Gänsehaut und Begeisterung. „The Mandalorian" wird acht Folgen lang jeden Freitag auf Disney+ fortgesetzt.


26.10.20

The Booksellers


USA 2020 Regie: D.W. Young 99 Min.

Der wunderbare Dokumentarfilm „The Booksellers" hat ein großes Problem: Ein Film, der dem Buch eine Hymne singt - das Zielpublik wird also gerade lesen und wird auch dann lesen, wenn es ins Kino gehen sollte. Eine Hymne dem Buch und den Menschen, die Bücher über alles lieben.

Regisseur D.W. Young macht uns mit der Szene der New Yorker Buchsammler und -sammlerinnen bekannt. Die Menschen, die er vorstellt, sind jeder für sich äußerst faszinierend. Mal seltsam, mal skurril, mal verträumt, mal spinnert, aber immer besonders. Einer der vielen Interviewpartner charakterisiert diesen Menschenschlag treffend: Er hätte noch nie einen angeberischen Buchsammler oder -händler kennengelernt. Im Gegensatz zu den Menschen, die teure Gemälde sammeln. Das Verhältnis zum Buch sei ein sehr privates.

Da gibt es die drei – mittlerweile sehr reifen – Schwestern, die das Geschäft vom Vater übernommen haben. Ohne dass dieser sie jemals dazu gedrängt hätte. Während ihr Geschäft floriert, müht sich ein anderer mit großformatigen Folianten ab, schleppt sie immer wieder zu Buchmessen und meist auch wieder zurück. Man ahnt es: Die meisten dieser Sammler möchten ihre Bücher meist selbst behalten. Es sind durchgehend echte Typen, die dieser Leidenschaft fröhnen. Da ist der mit einer der größten privaten Sammlungen der Welt, der nach seinem Tod alle Objekte seiner „Wunderkammer", zu der auch ein lebensgroßer Satellit gehört, wieder dem Kreislauf des Handels zukommen lassen will. Seine mehrere zehntausenden Bücher sind übrigens nur nach Größe sortiert! Eine Sammlerin, die lange Jahre weibliche Autorinnen überhaupt ins Bewusstsein des Antiquarischen brachte, hat jetzt schon Teile ihrer Bibliothek einer Universität überlassen. 

So verschieden die Menschen, so unterschiedlich sind auch ihre Sammelgebiete. Einer spezialisierte sich auf Autographen und Widmungen. Ein anderer will genau das, bei dem die meisten die Nase rümpfen oder irritiert wegschauen. Wir hören von einem legendären Bücher-Scout, der auf allen Wohnungsauflösungen immer schon da war, wenn die anderen kommen. Und, so sehen wir zum Ende hin, es sind nicht nur alte Leute, die mit alten Büchern handeln. So erzählt „The Booksellers" nicht nur anekdotisch, zeigt nicht nur Bilder die selber Lust aufs Stöbern und Blättern machen, diese Dok-Perle ist mit dem größeren Erzählfaden selbst eine Enzyklopädie einer besonderen Leidenschaft.


25.10.20

Hexen hexen (2020)


USA 2020 (The Witches) Regie: Robert Zemeckis, mit Octavia Spencer, Anne Hathaway, Jahzir Bruno, Stanley Tucci 104 Min.

In einer zweiten Verfilmung von Roald Dahls Kinder- und Fantasy-Roman „Hexen hexen" gibt es eine Verlagerung vom kindgerechten Grusel-Spaß zum Effekt-Feuerwerk für Ältere. Eine schrille Anne Hathaway kann als Oberhexe in Robert Zemeckis' Neuauflage ihrer Vorgängerin Anjelica Huston aus der 1990er Verfilmung von Nicolas Roeg nicht das vergiftete Wasser reichen.

Der Waisenjunge muss nicht nur mit dem Verlust der Eltern und dem Umzug zur liebevollen Großmutter fertig werden – er trifft im Dorfladen des ländlichen Alabamas auch noch auf eine Hexe. Die weise Oma und Heilerin flieht sofort in ein Luxushotel, denn „die Hexen schnappen sich nur die armen Kinder", die keiner vermisst und die keine Lobby haben. Doch ausgerecht hier im Seebad treffen sich Hexen gerade für einen großen Kongress. Und der Junge wird in eine sprechende Maus verwandelt...

Wenn Großmutter mit gleich mehreren Mäusen verhindert, dass die Oberhexe mit ihrem Gift aus dem Flacon 86 alle Kinder in Mäuse verwandelt, spielt Anne Hathaway („Les Misérables", „Ocean's 8") das vor allem schrill und überspannt. Der anfängliche Reiz einer ungewöhnlichen Rolle für die populäre Darstellerin verfliegt schnell. Was durchaus funktioniert, ist die Spannung, nachdem der Held in eine Maus verwandelt wurde. Dann nimmt die eigentliche Geschichte Fahrt auf und unterhält ohne weitere besonderen Verdienste.

Zuerst fällt in der Neuverfilmung durch Robert Zemeckis („Forrest Gump") die andere Situierung der Geschichte auf: Erzählt von Chris Rock ist dies eine afro-amerikanische Version des Ronald Dahl-Romans mit einem kleinen Lehrgang in afroamerikanischer Musik. Aus britisch-norwegischen Figuren werden dunkelhäutige US-Amerikaner. Tatsächlich irritierend ist hingegen ein ästhetischer Realismus in der Darstellung, ein Ernst in der Konzentration auf spektakuläre Effekte, die den spielerischen Charme des Originals erstickt. Das Auseinanderklaffen des riesigen Mundes mit den spitzen Zahnreihen bei der Oberhexe ist nicht mehr schauriger Spaß, das ist schon tiefgehender Horror wie von Stephen King. Das passt zu Guillermo del Toro („Shape of Water: Das Flüstern des Wassers"), der am Drehbuch mitschrieb und auch produzierte. Nur dann bitte ein Zemeckis oder ein Del Toro, aber keinen Mischmasch.

23.10.20

Und morgen die ganze Welt


BRD, Frankreich 2020 Regie: Julia von Heinz, mit Mala Emde, Noah Saavedra, Tonio Schneider, Luisa-Céline Gaffron, Andreas Lust 111 Min. FSK ab 12

Hanni & Nanni des Politfilms

Seit der Premiere bei den Filmfestspielen von Venedig sorgte „Und morgen die ganze Welt" für ein paar Diskussionen. Regisseurin Julia von Heinz („Ich bin dann mal weg", „Hanni & Nanni 2") warf den Medien das Stöckchen „Antifa" vor und die meisten schnappten blind zu. Dabei ist das fleißige Politfilmchen eher eine uninspiriert abgefilmte Ansammlung von aktuellen Neonazi-Verbrechen und Aktivitäten eines jungen, linken Widerstands.

Luisa (Mala Emde) ist junge Jura-Studentin aus gut situiertem Adel mit blutiger Jagd-Tradition. Ihre Rebellion beschränkt sich auf gesteigertes Interesse an neuen Freunden, AktivistInnen, die in einem besetzten Haus wohnen. Dort gibt es diejenigen mit gewaltfreiem Widerstand und guten Aktionen, sowie die anderen, die sich gerne prügeln. Ganz unabhängig von der politischen Richtung. Genauso wie es die Anziehungskraft dieser Gewalt-Menschen gibt. Luisa jedenfalls verfällt ihr in Form beim Kampfsport-Trainer und Alpha-Tier Alfa (Noah Saavedra). Vom „Containern" mit anderen Engagierten dackelt sie hinter Alfa her zu Racheaktionen und Schlägereien mit widerwärtigen Rassisten und Antisemiten. Als die harten Jungs nach einem Sprengstoff-Fund den Schwanz einziehen, muss sich Luisa überlegen, wie weit sie mit ihrem Widerstand gegen die Verfassungsfeinde geht.

Das im Grundgesetz verankerte Recht auf Widerstand wird im Seminar diskutiert. Der Unterschied zwischen Gewalt gegen Sachen und gegen Personen im besetzten Haus. Spekulativ werden Stichworte wie G20 reingeworfen. Die Vegetarierin Luisa gilt zuhause als beste Schützin der Jagdgesellschaft - bald wird sie Neonazis ins Visier nehmen. „Und morgen die ganze Welt" winselt um Anerkennung als politisch aktueller und relevanter Film so wie Luisa vom linken Schläger Alfa gemocht werden will. Ihr mäßig interessanter Konflikt wird klassisch simpel durch zwei Männer – aggressiv und besonnen - verkörpert.

Den Begriff „Antifa" in die Rezeption des Films zu werfen, war überdies dumm kontraproduktiv: Die Protagonisten kämpfen gegen Faschisten. Aber das macht auch die alte Dame, die Hakenkreuz-Schmierereien beseitigt, das machten viele SchriftstellerInnen und das auch die Alliierten, die Deutschland befreiten. Also alles „Antifa".

Angesichts dieses oberflächlich politischen Films muss man hämisch auf das Vorleben von Julia von Heinz mit „Ich bin dann mal weg" und „Hanni & Nanni 2" verweisen. „Und morgen die ganze Welt" mag wie die Protagonistin sehr wohl engagiert sein, aber ästhetisch bleibt es bei purer Bebilderung. Die spannende Frage der Radikalisierung, die bessere RAF-Filme stellen, sollte bis zum halb-offenen Ende packen. Es ist aber wegen schwacher Umsetzung nicht mehr als eine filmische Fehlzündung.

 

Yakari


BRD, Frankreich, Belgien 2020 Regie: Toby Genkel, Xavier Giacometti 82 Min. FSK ab 0

Eigentlich ist Yakari ein französisch-sprachiger Schweizer - der bekannte „Indianer"-Comic aus den 70er Jahren entstand in der Romandie, Texter war André Jobin (Job), der Zeichner Claude de Ribaupierre (Derib). Der Restart von „Yakari" nach den TV-Serien nun im Kino übernimmt die Qualitäten der frühen Öko-Geschichte für Kinder und modernisiert im Stil nur vorsichtig.

Die Geschichte von „Yakari" ist eine bekannte und bleibt auch nach Jahrzehnten eine Gute: Der kleine, neugierige Sioux-Junge freundet sich respektvoll mit dem wilden Pony Kleiner Donner an, bevor sie gemeinsam Abenteuer erleben. Das lebendige und quirlige Spektrum der Tierwelten rund um die Rocky Mountains wird ergänzt durch fantastische Elemente wie die magischen Tagträume Yakaris mit seinem Totem Großer Adler, der ihm die Gabe verleiht, mit Tieren zu reden. Dieses tatsächliche „Verständnis für die Natur" bringt anfangs Schwierigkeiten und Spaß. Wenn der Chor der Schmetterlinge unverständlich bleibt und die Tauben verschreckt wegfliegen. Für Lacher sorgen übrigens auch sein Hund Knickohr als Sidekick, die lustigen Biber und die Schnarchnase Müder Krieger als Running Gag.

Es gab TV-Serien mit „Yakiri" in den 80ern (eine Staffel) und von 2005 bis 2013. Die Animation des Kinofilms versucht den Comic-Zeichnungen und den älteren Animationen etwas 3D-Tiefe zu geben. Trotz der einfachen Animationstechnik gibt es fantastische Szenen, die sich vom handwerklichen Einerlei vieler Kinderfilme abheben.

Ohne dass dem Pinselstrich „kulturelle Aneignung" vorgeworfen wird, und ohne dass traditionelle Kleidung der nord-amerikanischen Ureinwohner als stereotypes Klischee verboten ist, macht „Yakari" kurzweilig Spaß und vermittelt moderne Werte: Ganz aktuell wirkt die drohende Naturkatastrophe eines Wirbelsturms. Für Kinder noch nicht abgegriffen ist der Spruch von Großer Adler: „Ein jeder, der in Frieden zu leben weiß mit allen Lebewesen und Respekt vor ihnen zeigt, ist mutig." Vor allem bringt Kleiner Donner Yakari bei, dass Pferde nicht zum Bereiten durch Menschen da sind. Oder höchstens, wenn man vorher fragt…

22.10.20

Schwesterlein


Schweiz 2020 Regie: Stéphanie Chuat, Véronique Reymond, mit Nina Hoss, Lars Eidinger, Marthe Keller, Jens Albinus, Thomas Ostermeier 99 Min. FSK ab 12

Der Schauspielstar Lars Eidinger spielt einen krebskranken Schauspielstar und die „Schauspielstarin" Nina Hoss seine Zwillingsschwester, eine ehemals angesagte Theater-Autorin. Dieses geballte Talent sollte genügen für ein Filmvergnügen, doch das Drama „Schwesterlein" der Schweizer Regisseurinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond kann sich nur stellenweise kreativ vom Gewöhnlichen eines Familiendramas abheben.

„Wie geht es meinem guten Prinz Hamlet?" Schlecht – der Star der Berliner Schaubühne liegt mit Leukämie im Krankenhaus. Der Schnitt verbindet Sven (Lars Eidinger) über die Schläuche einer vielleicht lebensrettenden Transfusion mit seiner Schwester Lisa (Nina Hoss). Verbunden sind sie auch im Kreativen: Lisa schrieb vor ihrer Ehe fürs Theater. Die Arbeit an einem Roman über Beziehungs- und Sexualitätsprobleme stoppte exakt am Tag seiner Diagnose.

Nachdem eine reichlich kultur-snobistisch verpeilte Mutter sich als Betreuerin in Berlin denkbar ungeeignet erweist, nimmt Lisa Sven mit zu Ehemann und Kinder in die Schweiz. Im ehemaligen Tuberkulose-Kurort platzen sie direkt in familiäre Probleme. Dass Lisa nicht nur wegen der Schreibblockade zurück nach Berlin will, dass der Ehemann nicht den Job an einer elitären Musikschule aufgeben will – alles wie gehabt und auch mit dem frustrierten Gesichtsausdruck von Nina Hoss nicht besonders interessant.

Das Lied „Schwesterlein, Schwesterlein wann gehn wir" von Johannes Brahms rührt bevor die ersten Bilder aus dem Schwarzfilm auftauchen. Eidinger gibt eine Kostprobe seines Hamlets auf der Berliner Schaubühne, kann selbstverständlich dem Exzentriker Sven exzellent geben, sein Leiden ebenfalls. Doch auch das lässt seltsam kühl. Trotz der eindrucksvollen Zutaten dieser künstlerischen und künstlichen Geschichte von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond funktioniert sie nicht so richtig. Es ist kein Melodram des Abschieds, kein Leidensweg. Erst am Ende begeistert eine großartige Szene kongenialer Zusammengehörigkeit der Zwillinge. Doch da ist es für einen guten Film schon zu spät.

 

21.10.20

Mein Liebhaber, der Esel & Ich


Frankreich 2020 (Antoinette dans les Cévennes) Regie: Caroline Vignal, mit Laure Calamy, Benjamin Lavernhe, Olivia Côte, Patrick 97 Min. FSK ab 6

Die auf den Esel gekommene Klamotte „Mein Liebhaber, der Esel & Ich" ist eine dieser erschreckend harmlosen Wohlfühl-Komödien, die das Kino sanft entschlummern lassen werden, wenn COVID es nicht vorher zu Grunde richtet. Die Selbstfindung einer naiven Stalkerin, kombiniert mit dem Genre der therapeutischen Wanderungen, geriet eher peinlich als komisch.

Die Grundschullehrerin Antoinette (Laure Calamy) ist überspannt und selbstzentriert – das bemerkt man schon, wenn sie den Auftritt ihres Schulchors für eine sehr laute Soloeinlage nutzt. Als sie bei den Urlaubsplänen von ihrem heimlichen Geliebten Vladimir (Benjamin Lavernhe) versetzt wird, folgt sie ihm und seiner Familie spontan zum Wandern in die Cevennen. Aus Versehen buchte sie zu ihrer mehrtägigen Stevenson-Wanderung noch einen Esel, zum Amüsement der anderen Wanderer. So bewältigt sie die erste Hälfte des Films wie 1878 der junge Robert Louis Stevenson mit Liebeskummer („Reise mit einem Esel durch die Cevennen") im Zwiegespräch mit ihrem Esel. Geht man dafür ins Kino? Im Gegensatz zum andauernden, vielleicht durch die Synchronisierung besonders unerträglichen Gequatsche hält sich die Handlung lange vornehm zurück. Krampfhaft komisch wie der deutsche Titel ist der gesamte Film. Da kommt tatsächlich eine nächtliche Affäre Antoinettes mit dem lauten Schrei eines Esels zum Höhepunkt!

Ihr Ruf eilt Antoinette von Wanderhütte zu Jugendherberge voraus. Denn nach den mühsamen Erklärungen des ersten Abendessens wissen alle von ihrem Stalking des Familienvaters. Aber bald gibt es wieder Jammern in rauer Landschaft. Erst in der letzten halben Stunde, nachdem Antoinette auf die Familie von Vladimir traf und mit seiner Ehefrau Eléonore (Olivia Côte) eine kluge Frau auftritt, kommt etwas Geist in die viele Frischluft. Die Betrogene analysiert Antoinette und das offensichtliche Verhältnis in ein paar Sätzen – was der Film in sechzig Minuten nicht hinbekommen hat. Danach geht die Esel-Therapie weiter. Etwas Slapstick ist leider unvermeidlich, aber dieser Art „Film-Vergnügen" muss man alles zutrauen. „Mein Liebhaber, der Esel & Ich" erlaubt sich leider mal wieder Spaß auf Kosten eines angeblich dummen Weibchens. Und eines Publikums, das etwaige Ansprüche an der Kinokasse abgibt.

Kajillionaire


USA 2019 Regie: Miranda July, mit Evan Rachel Wood, Gina Rodriguez, Richard Jenkins, Debra Winger 105 Min.

Miranda July ist eine bekannte Performance- und Konzept-Künstlerin mit (auch) aktuellen feministischen Positionen. Nach ihren ersten beiden Filmen („Ich und du und alle, die wir kennen", 2005; „The Future", 2011) ist die schräge „Familien"- und Schwindler-Komödie „Kajillionaire" schon fast konventionell: Eine sehr erwachsene Tochter entflieht in skurrilen Szenen den Fängen ihrer Trickbetrüger-Eltern.

Wenn die 26-jährige Old Dolio (Evan Rachel Wood) mit absurd verdrehten „Silly Walks" wie bei Monty Python am Zaun des Vermieters vorbeikriechen, um in ihrer Wohnung den Schaum des Tages aus der Wand einzufangen, dann ist das Kunst-Installation, Absurdes Theater, Surrealismus, ziemlich schräg und vor allem komisch. Die Eltern, die Trickbetrüger Theresa (kaum zu erkennen: Debra Winger) und Robert (Richard Jenkins) sind jede Minute dabei, etwas zu ergaunern, Coupons auszunutzen und mit kleinen Betrügereien ein paar Dollar zu machen. Hemmungslos setzen sie dabei ihre einzige Tochter ein. Diese abstruse Familienaufstellung wird zum Märchen, als die drei auf die einfältige Verkäuferin Melanie (Gina Rodriguez) treffen. Diese wirkt irritierend „normal", nimmt aber zu gerne die Tochter-Rolle an, worauf Old Dolio aus dem Familien-Gefängnis ausbricht.

Schon die Schlabber-Klamotten in „Kajillionaire", die Lycra-Tennisanzüge von Evan Rachel Wood, sind einen Oscar wert: Diese im doppelten Sinne komische Familie könnte vom extrem unmodischen Look her auch obdachslos sein, aber sie scheinen sich alle regelmäßig waschen zu können. Wie Geister schlurfen sie durch die Geschichte, süchtig danach, einen Coupon oder eine freundliche Einladung einer alten Dame zu Geld zu machen. Dazu ist Robert auch noch ein Aluhut mit Verfolgungswahn. Allerdings wirken in Miranda Julys Filmen die „normalen Leute" noch irritierender. Das erinnert in der philosophischen Skurrilität teilweise an die Filme von Charlie Kaufman („Anomalisa", „Adaption", „Synecdoche, New York") und Michel Gondry („Eternal sunshine of a spotless mind", „Science of Sleep", „Der Schaum der Tage"). Doch die seltsame Emanzipation von einer seltsamen Familie in „Kajillionaire" entwickelt sich zu einer sehr ungewöhnlichen Liebes- und Emanzipationsgeschichte. Da schält sich dann aus all den surrealen Momenten mit nicht normalen Figuren eine berührende Liebegeschichte in einem fast klassischen Heist-Film heraus.


20.10.20

Ema


Chile 2019 Regie: Pablo Larraín, mit Mariana Di Girolamo, Gael García Bernal, Paola Giannini 102 Min.

Grandioser Tanz-Film zu den Klängen des Reggaeton, bewegendes und entgrenzendes Beziehungsdrama, flammender Emanzipations-Kampf, packendes Meisterwerk. Mit „Ema" zeigt sich der chilenische Regisseur Pablo Larraín so gut wie in „No" und „Neruda", ebenso (gesellschafts-) politisch, aber diesmal auch ungemein sinnlich.

Eine riesige glühende Sonne im Hintergrund der Tanz-Bühne erinnert an das Feuer, das eine Familien-Katastrophe ausgelöst hat: Als der gerade adoptierte Polo ein böses Unglück verursacht, geben ihn seine neuen Eltern Ema (Mariana Di Girolamo) und Gastón (Gael García Bernal) zurück ans Jugendamt. Die junge Tänzerin bereut allerdings später diesen Schritt und setzt Himmel und Erde in Bewegung, um Polo von seinen neuen Eltern zurück zu bekommen. Was wörtlich zu nehmen ist. Mit vollem Körpereinsatz stürzt die Blondierte mit dem mal verführerischen, mal brutalen Gesicht in ein atemberaubendes Beziehungs-Wirrwarr. Mit einem Ende, auf das Hitchcock und Almodovar neidisch sein könnten. 

Eine lose Folge aus Tanz, Gesprächen und Handlung situiert das Drama Emas. Vom ersten Moment an finden Regisseur Pablo Larraín und sein Kameramann Sergio Armstrong fantastische und faszinierende Bilder, die eine emotionale Extremsituation nicht nur begleiten, sondern vielfältig ergänzen. Neonfarben sind ganze Straßenzüge Valparaísos ausgeleuchtet. Immer wieder sehen wir Ema mit ihrer rauen Frauengang in Reggaeton-Tanzszenen vor ungewöhnlichen und eindrucksvollen Orten. So ist selbst poetisch, wie Ema mit dem Flammenwerfer durch die Stadt geht, nächtens Autos, Ampel und Denkmäler abfackelt.

Zwischen dem älteren Choreografen Gastón und den jungen lokalen Tänzerinnen ergibt sich eine knackige Diskussion über die Qualitäten des diesen Film bestimmenden Tanzes Reggaeton. Nebenbei entspannt sich auch die Frage, ob zwei kreative, ungewöhnliche Menschen ein Kind adaptieren dürfen. Ema musste dafür jedenfalls die zuständige Sachbearbeiterin bearbeiten. Emas extreme Form von Mutterliebe, zu vergleichen mit koreanischen Auswüchsen wie „Mother", ist keine brutale Rache. Nur ein brutal raffinierter Plan, ausgeführt mit extremer, gnadenloser Entschlossenheit. Die einfältig sexistische Beschreibung „promiskuitiv" wäre zu kurz gefasst für das utopische Familienbild, das Ema mit großem körperlichem Einsatz einfädelt. Dabei wird ein Ehepaar ebenso vorgeführt, wie der wesentlich ältere Ehemann. Beim strahlenden Happy End deuten nur Musik und die Gesichter der Männer etwas Abgründiges an. Das ist irre und irre faszinierend, wie auch in allen Facetten großartig inszeniert. Die letzte Szene zeigt, Ema wird weiter Feuer legen.


19.10.20

Bohnenstange

Bohnenstange

Russland 2019 (Dylda) Regie: Kantemir Balagov, mit Viktoria Miroshnichenko, Vasilisa Perelygina, Andrey Bykov 139 Min.

Ein Jahr nach Ende des 2. Weltkrieges zeigt sich das von der deutschen Invasion besonders zerstörte Leningrad in „Bohnenstange" als ein Hospital der Schrecken des Krieges. Unter den körperlich und geistig Invaliden sticht die Krankenschwester Iya hervor. Nicht nur wegen ihrer Größe und dem hageren Körper - sie wird Bohnenstange genannt. Sie ist auch bei den Patienten besonders beliebt. Nach ihrem Fronteinsatz als Soldatin verliert sie immer wieder das Bewusstsein und erstarrt regungslos auf der Stelle.

Unter erbärmlichen Umständen, unter Hunger und Wohnungsnot hat Iya den kleinen Sohn ihrer Freundin Masha als ihren ausgegeben und durch den Krieg gebracht. Aber durch ein still schockierendes Ereignis stirbt er doch. Auch die Rückkehr Mashas ist bestimmt durch eine ruhige, heftig ergreifende Intensität. Es dauert ewig, bis Iya der Mutter die Wahrheit sagen kann, bis sie überhaupt spricht. Masha reagiert scheinbar ungerührt, nimmt eine Stelle im gleichen Krankenhaus an und verschweigt, dass es eigentlich ihr Kind war.

Neben der ästhetischen Brillanz von „Bohnenstange", neben dem exzellenten Schauspiel fesseln auch die erstaunlichen Reaktionen, die Menschen mit atemberaubenden Wünschen und Entscheidungen um Leben und Tod. Denn mit erstaunlicher, eiskalter Entschlossenheit bestimmt die mittlerweile unfruchtbare Masha, dass Iya für sie ein Ersatz-Kind bekommen soll.

Die Entbehrungen der Kriegs- und Nachkriegs-Zeit in Leningrad scheinen auch die Farben des Films ausgemergelt zu haben. Gelblich schmutziges Licht dominiert. Ein seltener roter oder grüner Kleiderstoff ist kaum Grund zur Freude. Irgendwann erinnert nicht nur diese Viragierung des Bildes an Lars von Trierschen Horror, den Menschen einander antun. 

Man sieht in „Bohnenstange" intensiv „die Folgen des Krieges durch Gesichter, Augen, Körper und Körper der Menschen", wie es der 1991 in Nalchik, Russland, geborene Regisseur Kantemir Balagov exakt beschreibt. „Bohnenstange", inspiriert durch das Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht" der belarussischen Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexjiewitsch, lief 2019 dort und wurde mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet.

14.10.20

Oeconomia


BRD 2020 Regie: Carmen Losmann, 89 Min. FSK ab 0

Wie funktioniert eigentlich dieser „Wachstum", von dem die ganzen Wirtschafts-Junkies und -Jünger immer so begeistert reden? Wieso sind all diese großen Konzerne, die wir alle anbeten, so stolz auf ihre Gewinne? Und niemand fragt sich, wo das Geld für den allgegenwärtigen „Zugewinn" eigentlich herkommt?

Es sind eigentlich einfache Fragen, welche die Interviewerin und Regisseurin Carmen Losmann stellt. Doch ausgerechnet bei den großen Machern des europäischen Währungssystems und den großen Profiteuren der Banken sieht man in „Oeconomia" dabei hilflos verwirrte Gesichter. Besonders peinlich komisch ist der Belgier Peter Praet, Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, wenn er zu einer – für die dummen Zuschauer – besonders einfachen Erklärung ansetzt und sich hemmungslos im Unerklärlichen verheddert. In haufenweise Interviews, wenn sie denn überhaupt gegen eine dicke Abwehrmauer zustande kommen, gibt es immer wieder die gleiche entblößende Reaktion.

Denn die Sache ist eigentlich klar, auch wegen der vielen populären Stellungnahmen von Thomas Mayer, ehemaliger Chefvolkswirt der Deutschen Bank und jetzt Warner vor einer „Hyper-Inflation": Auf nationalem und europäischem Level wird hemmungslos Geld „geschöpft", also gedruckt. Jeder Kredit jeder kleinen oder großen Bank vergibt kein Geld, dass irgendwo vorhanden oder abgesichert wäre. Es wird schlicht neu „gedruckt".

Was Losmann dabei unter anderem durch einen Monopoly-Spieltisch in einer Fußgängerzone klar macht, ist dass nicht die „systemrelevanten" Banken netterweise die Wirtschaft mit Krediten unterstützen. Es ist der propagierte Hyper-Konsum, der die nicht ganz so wichtigen Banken am Leben hält. „Und wer zahlt dafür?" Die Folgen des ganzen Wachstums-Wahnsinn werden in „Oeconomia" allerdings nur am Rande erwähnt: Die Kürzungen im Sozialen und die Umverteilung von Wohlstand von Unten nach Oben. Mit dem Schlusswort: Die Profite von heute sind die Schulden für morgen.

Nach ihrem preisgekrönten Dokumentarfilm „Work Hard – Play Hard" setzt Carmen Losmann ihre Recherche über unser – oder „deren" – Wirtschaftssystem fort. Das Bild verfällt wie bei vielen ähnlich gelagerten Filmen der Faszination von Glas und Stahl, unterlegt von einer leicht unheimlichen Musik. Nur zwischendurch werden diese Bilder mal interessanter, wenn Putzfrauen und andere Menschen, die im Gegensatz zu den Bankern wirklich Mehrwert für die Gesellschaft erzeugen, ins glänzende Bild geraten. Insgesamt eine gelungene Erklärung eines Zustands, der über einen guten, nicht von Wachstums-Virus verseuchten Artikel ebenso gut vermittelt werden kann. Der atmosphärische oder ästhetische Mehrwert ist sehr gering.

13.10.20

Astronaut


Kanada, England 2019 Regie: Shelagh McLeod, mit Richard Dreyfuss, Krista Bridges, Colm Feore, 98 Min. FSK ab 6

Aus dem Altersheim direkt ins All! Der pensionierte Straßenbau-Ingenieur Angus Stewart (Richard Dreyfuss) sucht allerdings nicht die schnelle Flucht als Astronaut vom Abstellgleis. Der freundliche Mann hat schon immer davon geträumt, ins All zu fliegen. Nacht für Nacht verfolgt er nun mit dem Fernrohr einen eindrucksvollen Kometen. Doch die Gesundheit des 75-Jährigen ist nicht die beste. Seine Frau starb vor einigen Jahren, die Tochter hat ihn zuhause aufgenommen. Dann verlost der visionäre Milliardär Marcus Brown (Colm Feore) - eine Mischung von Apples Steve Jobs und Amazons Jeff Bezos – einen Freiflug ins All. Vor allem Angus' Enkel überredet den Senior nun, sich für die Verlosung zu melden. Und der nerdige Ingenieur kommt, nachdem er beim Alter etwas schummelt, in die Endauswahl.

Die 58-jährige Regisseurin und Schauspielerin Shelagh McLeod inszenierte mit „Astronaut" ihren ersten Langfilm und eine eigentlich originelle Revolution gegen das Altern. Die Geschichte, auch von McLeod mit einer großen Sehnsucht und einer schönen Erinnerung geschrieben, könnte großes Kino geben. Aber letztlich und auch bei gutem Spiel von Richard Dreyfuss („Der weiße Hai", „Unheimliche Begegnung der dritten Art") bleibt der Film schluffig. Im Komischen, für das die netten Mitbewohner im Altersheim sorgen, hebt Clint Eastwood mit seinen vergleichbaren „Space Cowboys" viel leichter ab. Im Emotionalen läuft alles viel zu vorhersehbar und routinemäßig ab.

Der geheime Garten (2020)


Großbritannien, Frankreich 2020 (The Secret Garden) Regie: Marc Munden, mit Dixie Egerickx, Colin Firth, Edan Hayhurst, Julie Walters, Amir Wilson 100 Min. FSK ab 6
            
„Der geheime Garten" ist als Buch von Frances Hodgson Burnett (1849 - 1924, „Der kleine Lord") und in den Verfilmungen überaus beliebt. Die Geschichte einer Waise aus Indien, die bei ihrem verschlossenen Onkel in einem unterkühlten Schloss landet und einen versteckten Garten entdeckt, berührt die Herzen. Nach der 1993er-Version von Agnieszka Holland verzaubert nun die vierte Umsetzung fürs Kino mit ansprechender digitaler Malerei.

Ein paar Jahrzehnte nach vorne verlegt der britische Regisseur Marc Munden die ansonsten werkgetreue Geschichte der 10-jährigen Britin Mary Lennox (Dixie Egerickx), die 1947 nach dem Colera-Tod der Eltern auf das abgelegene Landgut ihres Onkels Archibald (Colin Firth) ziehen muss. Erste Blicke aufs nebelige Hochmoor und das Haus wirken wie im Horrorfilm. Dann ein dunkles Schloss mit einem trauernden Witwer und verschlossenen Räumen. Schon die Zimmer erscheinen hier fantastisch, allerdings in dunkelgrün und braun. Die verwöhnte Mary ist zwar sehr wählerisch bei ihrem Essen und durchaus auch schnippisch, aber ihr großes Herz zeigt sich bei den Versuchen, schnell mit Mensch und Tier Freundschaft zu schließen. So bringen sie ein verwilderter Hund und ein Rotkehlchen in den wunderbaren Garten hinter einer überwucherten Mauer. Dort gesundet schließlich sogar Marys kränklicher Cousin Colin (Edan Hayhurst), der mit dem gemeinsamen neuen Freund Dickon (Amir Wilson) per Rollstuhl in die farbenprächtige Oase gerollt wird.

„Der geheime Garten", diese wunderschöne, rührende und traurige Geschichte über den Umgang mit Verlust, begeistert in seiner neuesten Umsetzung als ein Film, in dem das Staunen nicht über die Erzählung vermittelt wird - man staunt selbst über die Bilder, die Tiere und die Welten. Von Marys Kleid mit einem Rautenmuster lösen sich Schmetterlinge und fliegen in den blauen Himmel. Pflanzen versperren den Weg oder verdorren bei schlechter Stimmung. Fantastisch sind nicht nur die Kostüme, auch Räume und Perspektiven. Zwar spürt man von Anfang an, dass hier viel digital getrickst wurde, aber das dann so überzeugend, dass man sofort mit herumstöbern möchte in diesen Wäldern. Auch der jungen Hauptdarstellerin Dixie Egerickx glaubt man die neugierige Lebendigkeit ihrer Figur. Dazu hat sie noch mehr Gefühlslagen und Stimmungen drauf. Colin Firth („A Single Man", ,,The King's Speech'') spielt wieder einen Leidens-Trip, wie damals in „Die Liebe meines Lebens" als ehemaliger Gefangener der Japaner beim Bau der Eisenbahn in Thailand.

 

12.10.20

Mrs. Taylor's Singing Club


Großbritannien 2019 (Military Wives) Regie: Peter Cattaneo, mit Kristin Scott Thomas, Sharon Horgan, Emma Lowndes 112 Min. FSK ab 6

Nun wissen wir endlich, weshalb all diese Männer weltweit in all diese Kriege ziehen: Damit ihre Frauen zu Hause beim Sozialprogramm Zickenkrieg machen können! Bitterer Hohn beiseite, ist „Mrs. Taylor's Singing Club" ein thematisch und handwerklich sehr mäßiges Filmchen um Strohwitwen und ihre Gesangsvereine von Peter Cattaneo, der im letzten Jahrhundert „Ganz oder gar nicht" inszenierte.

Lisa (Sharon Horgan) soll auf der britischen Army-Base diesmal die Frauen beschäftigen, während ihre Partner in Afghanistan rumballern. Weil manche der modernen Cowboys verletzt oder ganz und gar nicht vom monatelangen Einsatz nach Hause kommen, muss nämlich für Ablenkung gesorgt werden. Bei Frauen, die anscheinend kein eigenes Leben haben. Doch in Lisas Einsatz grätscht die erfahrene Offiziersgattin Kate Taylor (Kristin Scott Thomas) rein: Alle sollten nach ihrer Pfeife tanzen und im Chor will sie Takt und Lieder angeben.

Dieser kleine Zickenkrieg („die verhalten sich wie meine Eltern vor der Scheidung") sieht sich mit dem nicht sehr engagierten Schauspiel von Kristin Scott Thomas und Sharon Horgan mäßig komisch an. Ganz im Ton vergreift sich der Film allerdings, wenn es ans Eingemachte geht. Denn der Grund für Kates nervigem Aktionismus ist unterdrückte Trauer darüber, dass ihr Sohn von der letzten Kampagne" nicht zurückkam. Ein Euphemismus dafür, dass er das letzte mörderische Kriegsspiel seiner Regierung nicht überlebt hat.

Regisseur ist immerhin Peter Cattano, der mit „Ganz oder gar nicht" (1997) und „Lucky Break - Rein oder raus" (2001) zumindest zwei gelungene britische Komödien hingelegt hat. Spätestens wenn das Vorsingen, das bei diesem Brit-Coms eigentlich Standard ist, ausfällt, wird man jetzt misstrauisch. Die meisten Figuren bleiben oberflächlich, selbst der unvermeidliche Trauerfall berührt nicht. Nur die Sing-Stimmen sind besser als das Schauspiel. Trotzdem geht es nicht ohne irgendein öffentliches Finale. Dieses tatsächlich in der Albert Hall stattgefundene Ereignis ist wohl der Grund, warum diese Geschichte verfilmt wurde. Und die folgende Gründung vieler Strohwitwen-Gesangsvereinen auf britischen Militär-Stützpunkten. Dazu entgleitet das Finale noch militaristisch. Eigentlich hätten sie statt der Sätze aus den Briefen an die Heimat alle „Lili Marleen" singen können - eine Entwicklung seit diesem Krieg gibt es nicht.

 

I am Greta


Schweden 2020 Regie: Nathan Grossman 97 Min.

Sollten Sie Hassgefühle gegenüber weiblichen Jugendlichen aus Schweden hegen, die sich für das Weltklima einsetzen – blättern Sie bitte weiter. „I am Greta" ist ein Fan-Film zum Hype um die bemerkenswerte Aktivistin Greta Thunberg, der bei aller einseitiger Propaganda überraschend persönliche Einblicke in ein außergewöhnliches Leben zulässt.

Direkt zu Beginn schneidet „I am Greta" Aussagen von Klimaleugnern gegen Bilder von Naturkatastrophen und macht deutlich: Hier gibt es nichts zu diskutieren! Dann folgt der Film Gretas Karriere vom einsamen Schulstreik für das Klima in Stockholm zur Galionsfigur einer Umwelt-Bewegung und Hassfigur der Gegenbewegung. Die immer mehr Jugendlichen, die anfangs mit Greta vor dem Parlament und den Wahlen streiken, wirken inszeniert. Der Rest, die Treffen mit Papst oder Macron, die Reden vor Klima-Konferenzen und der UN-Vollversammlung, die Visite bei der Natur-Vernichtung am Hambacher Forst – das alles ist Geschichte. Wobei die sehr privaten Einblicke mit Bildern einer hemmungslos lachenden, tanzenden und albernen Greta das Porträt interessant machen. 

Bilder einer glücklichen und erfüllten Kindheit mit Weihnachtsbaum, Disneyworld und Urlaub am Meer werden mit knallharter Kritik der älteren Greta über den furchtbaren Konsumismus der Eltern kommentiert. Wenn bei einem Trip nach Kattowitz im Tesla-Kofferraum eine Mikrowelle voller Bohnendosen vor dem Schild vom Schulstreik steckt, gibt das den Greta-Hassern wieder viel Material. Dass ausgerechnet eine ziemlich ungesellige Jugendliche, die nicht gern spricht oder Smalltalk macht, Sprachrohr einer unzufriedenen Jugend wird, macht den Reiz dieser Geschichte aus. Wir sehen Greta zuhause vor einem Berg voller Kuscheltieren. Wir erleben ihren Ärger, als sie vom EU-Juncker für ein Werbeveranstaltung eingespannt wird. Überhaupt ist klar, dass sich der Teenager Greta nicht um die öffentlichen Auftritte reißt, aber weiß, was Reichweite für ihr Thema bedeutet. 

Wenn sie bei einer Demo das Essen vergisst und der auch immer im Film anwesende Vater Svante versucht, ihr zu helfen, steht das für die große Fixierung Gretas auf ein Thema, die auch eine enorm verzerrte Selbstgerechtigkeit mit sich bringt. Die Erklärung ist immer wieder ihr Asperger-Syndrom. Wobei, wäre nicht die Klima-Katastrophe da das interessantere Thema, Greta?

So ist „I am Greta" sicherlich interessant für Fans. Aber für jeden, der mitdenken will, geriet die Dokumentation, nein: das Pamphlet, erschreckend unwissenschaftlich. Unkritisch sowieso. Man muss dem Regisseur entgegenschreien: How dare you!