22.10.20

Schwesterlein


Schweiz 2020 Regie: Stéphanie Chuat, Véronique Reymond, mit Nina Hoss, Lars Eidinger, Marthe Keller, Jens Albinus, Thomas Ostermeier 99 Min. FSK ab 12

Der Schauspielstar Lars Eidinger spielt einen krebskranken Schauspielstar und die „Schauspielstarin" Nina Hoss seine Zwillingsschwester, eine ehemals angesagte Theater-Autorin. Dieses geballte Talent sollte genügen für ein Filmvergnügen, doch das Drama „Schwesterlein" der Schweizer Regisseurinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond kann sich nur stellenweise kreativ vom Gewöhnlichen eines Familiendramas abheben.

„Wie geht es meinem guten Prinz Hamlet?" Schlecht – der Star der Berliner Schaubühne liegt mit Leukämie im Krankenhaus. Der Schnitt verbindet Sven (Lars Eidinger) über die Schläuche einer vielleicht lebensrettenden Transfusion mit seiner Schwester Lisa (Nina Hoss). Verbunden sind sie auch im Kreativen: Lisa schrieb vor ihrer Ehe fürs Theater. Die Arbeit an einem Roman über Beziehungs- und Sexualitätsprobleme stoppte exakt am Tag seiner Diagnose.

Nachdem eine reichlich kultur-snobistisch verpeilte Mutter sich als Betreuerin in Berlin denkbar ungeeignet erweist, nimmt Lisa Sven mit zu Ehemann und Kinder in die Schweiz. Im ehemaligen Tuberkulose-Kurort platzen sie direkt in familiäre Probleme. Dass Lisa nicht nur wegen der Schreibblockade zurück nach Berlin will, dass der Ehemann nicht den Job an einer elitären Musikschule aufgeben will – alles wie gehabt und auch mit dem frustrierten Gesichtsausdruck von Nina Hoss nicht besonders interessant.

Das Lied „Schwesterlein, Schwesterlein wann gehn wir" von Johannes Brahms rührt bevor die ersten Bilder aus dem Schwarzfilm auftauchen. Eidinger gibt eine Kostprobe seines Hamlets auf der Berliner Schaubühne, kann selbstverständlich dem Exzentriker Sven exzellent geben, sein Leiden ebenfalls. Doch auch das lässt seltsam kühl. Trotz der eindrucksvollen Zutaten dieser künstlerischen und künstlichen Geschichte von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond funktioniert sie nicht so richtig. Es ist kein Melodram des Abschieds, kein Leidensweg. Erst am Ende begeistert eine großartige Szene kongenialer Zusammengehörigkeit der Zwillinge. Doch da ist es für einen guten Film schon zu spät.