26.8.12

The Cabin in the Woods

Scope. USA, 2011 (The Cabin in the Woods) Regie: Drew Goddard mit Kristen Connolly, Chris Hemsworth, Anna Hutchison, Fran Kranz, Jesse Williams, Richard Jenkins, Bradley Whitford 95 Min. FSK ab 16

Teenie-Horror wird hier reihenweise in den Papierkorb geschrieben, weil er zu den einfallslosesten Genres des Kinos gehört und es außerdem viel zu viel davon gibt. Mit diesen Vorbehalten im Gepäck ging es zu „The Cabin in the Woods" und schon in der ersten Szene überrumpelt der sehr außergewöhnliche Film alle Vorurteile. Der übliche Horror reflektiert sich postmodern und erinnert an Michael Christons „Westworld" mit Yul Brunner.

Die (frisch gefärbte) Blonde Jules, der Football-Star Curt, der komisch näselnde Kiffer Marty, der vernünftige, neue Freund Holden und das brave Mädchen Dana. Wenn so ein Set an amerikanischen Studenten ein Wochenende zusammen verbringen will, noch dazu in einer einsamen Hütte im Wald, ist klar, was kommt: Schreien, Rennen, Abstechen. Teenie-Horror. Aber was hat das diesmal mit den zig Wissenschaftlern zu tun, die mit gestärkten Hemden, wie Comedy-Stars scherzend, in einer aufwändigen unterirdischen Anlage ein Experiment vorbereiten? An der letzten Tankstelle vor der Wildnis verabschiedet die fünf ein gefährlich griesgrämiger Hinterwäldler, genau wie in „Tucker & Dale vs Evil". Das Team in der Forschungszentrale nimmt derweil Wetten an...

Oben beginnen die Spannungsmomente beim heftigen Knutschen mit dem ausgestopften Wolfskopf an der Wand. Im Keller entdecken die Studenten gleich haufenweise Horror-Utensilien, die man eins für eins nicht anfassen, lesen, sehen, aussprechen oder sonst was sollte. Doch einer muss sich ja in Latein versuchen und schon kriechen Zombies aus dem Waldboden. Damit ist die Abteilung Unterhalt beim Wetten siegreich. Die Monitore von den anderen Versuchsstationen zeigen ein Scheitern für das brennende Berlin und in Tokio einen Geist aus dem Arsenal des J-Horrors, der kleine Schulmädchen erschreckt. Es bleibt rätselhaft.

Klar, hier findet ein Experiment statt und die Studenten sind Laborratten in Horror-Umgebung: Wenn es mit dem Paarungsdrang der jungen Menschen nicht von alleine klappt, hilft man mit Pheromon-Nebel nach. In hervorragender Bildqualität erfreuen sich die Zuschauer dank zahlloser Minikameras an den bloßgelegten Brüsten, bevor die Zombies blutig zuschlagen und die Versuchsleiter doch leicht erschrocken ein Gebet aussprechen. (Klasse: Richard Jenkins als Oberwissenschaftler!) Dann kippt die ganze Sache wieder vom absurd Rationalen ins Mystische, wenn einer der Herren mit den gestärkten Hemden rituell Blut in eine Form fließen lässt.

Wenn „Scary Movie" eine Horror-Parodie des Postmodernen war, wird in „The Cabin in the Woods" gezeigt, wie Wissenschaftler mit Horrorfiguren spielen. Genau wie es Filmemacher sonst für das Publikum tun. (Unter anderem wird endlich das unerklärliche Verlangen erklärt, sich in gefährlichen Situationen entgegen aller Vernunft zu trennen. Eine Verblödungsdroge in Gasform ist schuld.) Regisseur Drew Goddard und sein Ko-Autor Joss Whedon haben reichlich Erfahrung aus bester Schule bei „Lost", „Buffy", „Alias" oder „Angel" und bauen nun ein riesiges Rechenzentrum für die größte Show der Welt - nach der Truman-Show? (Ein neuer Wachmann heißt übrigens Truman.) Doch wer sind die geheimnisvollen Auftraggeber? Was ist das Ritual und wieso muss eine Jungfrau dabei sein?

Während das Team schon feiert und sich die Überstunden ausrechnet, drehen Dana und Marty als Superheld mit ausschiebbarem Thermosbecher-Bong das Spiel eine Ebene weiter. Wie auch in „Panem" und „Truman Show" sind sie klug genug, die Spielregeln zu brechen und landen in einem Cube-Labyrinth des Schreckens. In einem genialen Schachzug öffnen sie die Aufzugpforten der Höhle ins Innere und lassen eine Armee aus Alptraum-Gestalten auf die Experimentatoren los. (Selbst ein Einhorn erweist sich dabei als gar nicht so süß!)

Wenn dann Sigourney Weaver wieder mal das Schicksal der Menschheit in ihrer Hand hat, könnte man sich fragen, ob der ganze Horror-Scheiß, der die Kinos überflutet, nicht doch einen tieferen Sinn hat. Hier schlummern ganz unten riesige Urzeit-Wesen, die beruhigt werden wollen. Gemäß Küchen-Psychologie besänftigt der in experimenteller Reinraum-Klinik (Kino) erzeugte Schauder tiefere und größere Ur-Ängste. Man muss nicht so tief in den Eingeweiden der Seele wühlen - während die Monster mit anderen Innereien das Labor rot einfärben. Allein das Angebot des Denkens auf mehreren Ebenen macht diesen raffinierten und spaßigen Horror außergewöhnlich.

24.8.12

Holy Motors

Frankreich, BRD 2012 (Holy Motors) Regie: Léos Carax mit Denis Lavant, Edith Scob, Eva Mendes, Kylie Minogue, Elise Lhomeau, Michel Piccoli, Jeanne Disson, Léos Carax, Nastya Golubeva Carax, Reda Oumouzoune, Zlata, Geoffrey Carrey, Anabelle Dexter Jones 115 Min.

Der beste Film von Cannes 2012 hat leider keinen Preis bekommen: Mit „Holy Motors" zeigt Leos Carax einen sensationellen Trip in Film- und Fantasie-Welten. Geheimnisvoll wie David Lynch, immer wieder stark wie ein genialer Video-Clip. Mythisch, magisch und unvergesslich eindrucksvoll.

Monsieur Oscar (Denis Lavant) verabschiedet sich am Morgen von seinen Lieben. Die Stretch-Limousine mit Fahrerin Celine (Edith Scob) wartet mit wichtigen Terminen. Monsieur Oscar, ein Firmenboss, ein Politiker oder Banker? Ein erster Stopp verwirft das lineare Erzählkonzept, denn auf einer der Seine-Brücken von Paris bettelt Monsieur Oscar bis zur Unkenntlichkeit verkleidet als bucklige, alte Frau in folkloristischen Lumpen. Zum Nachdenken bleibt kaum Zeit, denn ein paar Ecken weiter stürmt der Protagonist aus der Limousine und attackiert Menschen in einem Straßen-Café. Dann zieht er sich wieder im Wagen um, mit engem Body-Suit tanzt er, nur über aufgeklebte Punkte erkennbar, in einer Blackbox einen erotischen Paarungs-Akt. Danach entführt das zwergenhafte Märchen-Monster Monsieur Merde, die nächste Figur, ein Fotomodell (Eva Mendes) vom Shooting auf dem Friedhof in die Katakomben unter der Stadt. Ein weiterer Schlüsselmoment für die Rolle(n) Oscar, der wie ein Auftrags-Mörder Mappen seiner Zielpersonen studiert, ist ein gespiegelter Mord an sich selbst. Oscar stürmt in eine Werkstatt, sticht einen groben Mann mit Schnurrbart nieder, um sich dann mit Schminke und Verkleidung in diesen zu verwandeln, währenddessen irgendwann der Erstochene den ersten Angreifer ersticht. Ein verwirrendes Vexierbild, aus dem sich auch Oscar nur schwer verletzt retten kann.

„Holy Motors" ist ganz großes Kino und spielt auf faszinierende Weise mit Erwartungen und Gefühlen. Gerät dabei aber nie zu einer Nummernrevue, immer bleibt man Monsieur Oscar emotional verbunden, auch wenn man nicht weiß, wer er ist. Redet er vielleicht mit seiner eigenen, scheuen Tochter, die er von einer Party abholt? Ist es wahre Liebe, die sich nach Jahren in einem verlassenen Kaufhaus wiedertrifft? Oder ist die Kollegin im Trenchcoat (Kyle Minogue) auch nur ein Auftrag? Beim Nachdenken verwindet sich der Film immer wieder in sich selbst wie eine Möbiusschleife: Das Leben inszeniert sich selbst. Alles ist ein Spiel. Aber wer sind dann die Schauspieler? Und wo gehen sie abends hin? Das kann man - gerne auch bei mehrmaligem Genuss dieses Kino-Universums - herausfinden. Eindeutig beantwortet wird nur die Frage, wo all die Stretch-Limousinen abends sind: In einer riesigen Garage unter der Leuchtschrift „Holy Motors" unterhalten sie sich über ihren Tag und ihre seltsame Fracht. Ein Cronenberg-Moment, der sein darf, denn dieser Carax ist Kino pur und auch fantastische Kino-Geschichte.

Leos Carax, der nach den sensationellen Filmen „Boy meets Girl" (1983), „Die Nacht ist jung" (1986), „Die Liebenden von Pont-Neuf" (1991) sowie dem Flop „Pola X" (1999) lange von der Bildfläche verschwand, meldet sich mit einem großen Meisterwerk zurück. „Holy Motors" ist dabei auch der Film von Denis Lavant, der in elf Rollen und Verkleidungen auftritt. Schon 1991 in „Die Liebenden von Pont-Neuf" von Carax begeisterte der drahtige Künstler. „I just can't get you out of my head" hört man Kyle Minogue irgendwann in „Holy Motors" singen und nach ihrer atemberaubenden Szene bekommt man sie genau so wenig aus dem Kopf wie die Erklärungsversuche dies existenzialistische Kinospiel mit seinen wunderbaren Szenen.

To Rome with Love

Italien, Spanien, USA 2012 (To Rome with Love) Regie: Woody Allen mit Woody Allen, Penélope Cruz, Alec Baldwin, Roberto Benigni, Judy Davis, Jesse Eisenberg, Ellen Page, Greta Gerwig, Ornella Muti 112 Min.

Woody Allens Europa-Tour zum Einsammeln von Fördergeldern wird nach London, Barcelona und Paris jetzt in der Ewigen Stadt der Liebe fortgesetzt. Und wenn die Kritik so beginnt, kann der Film nur verlieren, denn große Romanzen werden vom komischen Zyniker höchstens demontiert. Ein paar nette Episoden unterhalten leidlich; die eine Szene, die Filmgeschichte schreiben wird, ist völlig absurd. Doch nach „Midnight in Paris" konnte es schwerlich besser werden. Also: „Mäßig in Rom".

„Volare" - es ist so einfach, in italienische Gefilde abzuheben, ein Klischee auf der Tonspur, ein paar andere im Bild (Colloseum, Piazza di Spagna, Monumento Vittorio Emanuele II) und fertig ist die Stimmung... Sollte sie jedenfalls sein. Aber weder dem unbekannten Verkehrspolizisten am Anfang noch dem Anwohner der „Spanischen Treppe" im letzten Bild nimmt man die Rom-Begeisterung ab. Letztendlich auch nicht Woody Allen.

So bleiben eine Reihe von Episoden mit Einheimischen und Eingeflogenen: Allen selbst kommt als neurotischer Schwiegervater zur Hochzeit seiner Tochter, die einen linken römischen Anwalt liebt. Während diese Beziehung völlig emotionslos am Rande verläuft, stürzt sich Allens Figur Jerry, ein verschrobener Opern-Regisseur im Ruhestand, auf den Vater des Bräutigams. Michelangelo (Tenor Flavio Parenti) schmettert nämlich Arien wie ein großer Meister - unter der Dusche. Den scheuen Bestatter groß rauszubringen, scheitert zuerst, dann wird die Duschkabine auf die Bühne gebracht und der Film hat seine beste Szene gefunden. Ein Bajazzo, der nackig unter der Brause heraus mordet, der wird Filmgeschichte machen. Und irgendwie hätte man auch gerne Jerrys andere Flops gesehen, „Tosca" in der Telefonzelle beispielsweise. Den typischen One-Liner dazu liefert seine Ehefrau (Judy Davis), die praktischerweise auch seine Analystin ist: Ruhestand ist für ihn wie in der Kiste, deshalb zieht er jetzt einen Bestatter aus der Kiste.

Woody listet zwar wieder eine eindrucksvolle Reihe von Stars auf, wirklich Eindruck macht aber kaum einer. Penélope Cruz spielt die Prostituierte Anna in einer boulevardesken Verwechslung routiniert runter. Sie kann viel dreckiger und war in „Vicky Cristina Barcelona" unvergleichlich besser. Alec Baldwin besucht als Star-Architekt John seine eigene Vergangenheit in Trastevere. Er beobachtet altersweise, wie sein junges alter ego (Jesse Eisenberg) den schalen Verführungen der prätentiösen und unbeschäftigten Schauspielerin Monika (Ellen Page) verfällt und seine Liebe Sally (Greta Gerwig) betrügt. Ein sarkastischer Kommentar zu albernen Gefühlsregungen ist Allens Antwort auf Rom-Klischees.

Die Einheimischen (Stars) dürfen nur Abziehbilder abliefern: Beim Auftritt von Ornella Muti wird Rom plötzlich zur Filmszene. Roberto Benigni erlebt als kleiner Büroangestellter Leopoldo für ein paar Tage surrealen Medienruhm und albert in dieser angestrengten Parabel nervig herum. Dass der Film von Berlusconis ungeliebter Produktionsfirma Medusa hergestellt wurde, ist dabei der eigentliche Medienwitz. Ansonsten hätte eine durchgehende, richtig ausgearbeitete Geschichte dem Rom-Ausflug gut getan. Aber vielleicht hat sich der Senior Allen auf seiner italienischen Reise ansonsten gut unterhalten.

23.8.12

Step up: Miami Heat

USA 2012 (Step Up Revolution / Step up 4 3D) Regie: Scott Speer mit Ryan Guzman, Kathryn McCormick, Misha Gabriel, Peter Gallagher 97 Min.

„Step up Revolution" heißt die vierte Auflage im Original. Revolution und eines dieser Tanzfilmchen, die Jugendliche höchstens dazu bewegen, sich für irgendein TV-Casting zu melden? Abwegig, aber nicht völlig. „Step up: Miami Heat", so der deutsche Titel, erzählt zwar nur die triviale Geschichte des ehrlichen Jungen und des reichen Töchterleins. Aber die Tanz-Szenen haben es in sich: Die typische Straßen-Szene seit „Fame" läuft diesmal direkt als Auftakt und Flash Mob am Ocean Drive mit ausgewechselten Autos und Rhythmen.

Der Kellner Sean (Ryan Guzman) ist dabei ein auch von der Polizei gesuchter Tänzer. Seine Schicht dauert nicht länger als 10 Sekunden, dann wird im Beach Club des Restaurants weiter getanzt. Die schöne Unbekannte, die dort nach einer heißen Sohle plötzlich wie Aschenputtel verschwindet, ist selbstverständlich Emily (Kathryn McCormick), Tochter des großen Magnaten Mr. Anderson (Peter Gallagher). Das Team von „The Mob" will mit möglichst vielen Hits einen You Tube-Preis gewinnen, das Prinzesschen muss sich in der Auswahl für eine Tanz-Compagnie bewähren. Klassisch dass sie dazu den Clash aus Standards und Street Style, aus Klassischem und Originellem braucht.

Als ein altes Viertel Miamis für Spekulanten platt gemacht werden soll, meint ausgerechnet die reiche Tochter, dass (Tanz-) Kunst politisch werden muss. Den eindrucksvollen Tanznummern im Restaurant und - mit viel Trompe-l'œil - im Museum folgt ein toller Tanz-Protest von Banker-Anzügen in der Stadtverwaltung. Dann spielt „Step Up" die Spaltung fast jeder politischer Bewegung in gewaltfrei und aggressiv nach. Bevor das Filmchen aber zu „rough" (oder RAF) wird, konzentriert es sich darauf, Liebe und Freundschaft wieder zu kitten. So endet auch das soziale Märchen gut, ohne dass man politisch aktiv sein muss, und die Karriere hebt ab, ohne dass allzu lang für die Choreografien trainiert wird. Die Versöhnung zwischen Kapital und Hand (oder hier: Fuß) im Stile von Metropolis findet in einem großen, bewegten Finale an den Docks statt.

„Step Up" oder „Street Dance", die Titel sind austauschbar wie Dramaturgie und Aufbau. Selbst Typen wie „väterlicher Wirt" ähneln sich. Romantik, karibische Rhythmen, immer wieder etwas „Dirty Dancing" im Gegenlicht, wie gehabt. Das 3D hat zeitweise einen Hauch von der Bewegungs-Intensität im Raum wie bei Wenders' „Pina", gelungen. Doch der politische Diskus ist auffällig. Ebenso, wie im Tanz massiv Elemente von Staats-Gewalt parodiert werden. Vielleicht bewegt diese zappelige Bewegung ja wirklich was: Steppt Stuttgart 21, rappt den Rettungsschirm, tanzt die Postdemokratie!

The Expendables 2

USA 2012 (The Expendables 2) Regie: Simon West mit Sylvester Stallone, Jason Statham , Liam Hemsworth, Bruce Willis, Arnold Schwarzenegger, Jean-Claude Van Damme, Jet Li 103 Min.

Weil die Banken nie genug bekommen, müssen alle anderen länger arbeiten. Besonders schmerzlich ist das im Falle von Action-Opas wie Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger. Nach dem schon unsäglichen Auftakt mit „Expendables" müssen die im wahrsten Wortsinne Überflüssigen nun wohl die Renovierung ihrer Pools und vielleicht noch ein paar Alimente abbezahlen. Deshalb gibt es mehr rohe Action und Krach. Keine Erklärungen, eine kurze Ortsangabe, die bekannten Action-Visagen und ein Haufen Menschen, die eine fremde Sprache sprechen. Dann fliegen schon Blut und Fleischfetzen durch die Luft, dazu ein paar lustige Sprüche - massen-morden soll ja Spaß machen. Als erstes befreien die Söldner um Stallone Schwarzenegger. Die folgende Suche nach Plutonium in falschen Händen (das sind die, die nicht mit kleinen Dosen davon die eigene Bevölkerung vergiften) ist fast so alt wie die Halbwertzeit von diesem strahlenden Gift. Die Vorgestrigen führen immer noch gegen den Ostblock Krieg, auch mal in den Kulissen eines Fassaden-New Yorks, die für den Kalten Krieg irgendwo vom gegnerischen Militär aufgebaut wurden. Zu diesen grunddebilen Konzepten gehört auch, dass die Gegner nie und die Mörder in Protagonisten-Rolle immer treffen. Trotzdem bleibt erschreckend, wie viele Menschen umgebracht werden, damit sich ein paar Anabolika-Idioten gut fühlen. „Expendables 2" bleibt ganz grobschlächtiges, extrem unmodernes Action-Kino mit ein paar gesichtsgelähmten Schauspielern, denen das Rentenalter keineswegs mehr Ausdruck verliehen hat. Dazu A-Team-Einlagen und total witzig inszenierte, lahme Auftritte so genannter Legenden. Das einzige, was nicht völlig verstaubt daher kommt, ist ein Chuck Norris-Witz in Filmform. Und eine Frau, die klüger als all die muskelbepackten Schrumpfhirne agiert.

20.8.12

ParaNorman

USA 2012 (ParaNorman) Regie: Sam Fell, Chris Butler 93 Min.

Ein Zombie-Film für Kinder? Ja, aber wie! Der elfjährige Norman schaut wieder einmal Zombie-Filme mit seiner blinden Großmutter. Die gutmütige Oma klagt über kalte Füße - klar, sie ist ja auch schon eine Weile tot. Nur Norman kann sie sehen und mit ihr reden. Was sein Vater gar nicht gut findet. Da der stille Einzelgänger Norman auch alle anderen Toten sieht, die durch ein schreckliches Ereignis umkamen oder noch etwas zu erledigen haben, ist er in der Schule ein verspotteter Außenseiter. Norman schaut so viel Horrorfilm, dass ihm die Haare einfach dauernd zu Berge stehen. In seinem Zimmer gibt es haufenweise Horror-Figuren und Bilder, in die die herrlich spaßig-schaurige Stop-Motion-Animation fröhlich einblendet. Lustig ist „ParaNorman" sowieso meistens, zum Totlachen wie die besten Zombie-Späße. Und zum Erschrecken, denn die lebenden Toten rufen ja immer die Monster in den Menschen hervor.

Denn in letzter Minute (seines Lebens) vererbt Normans verschrobener Onkel Prenderghast, der von der Familie ferngehalten wurde, dem Junge eine Aufgabe: Um das Örtchen Blithe Hollow, das viel Rummel um eine Hexe macht, vor einem Fluch von eben dieser zu retten, soll der Junge am Grab der Hexe in einer bestimmten Nacht ein Märchen lesen. Die legendäre Nacht kommt mit düsteren Wolken, Norman kann dem Hausarrest entwischen, entreißt das Buch in einem umwerfend komischen Totentanz den Händen seines verblichenen Onkels und weiß dann nicht, wo das Grab der Hexe ist. Deshalb kriechen die sieben Richter, die vor 300 Jahren ein schändliches Urteil sprachen, als Zombies aus dem Friedhofsboden und sorgen in der Stadt für heftigen Aufruhr.

Man kann sich die Augen ausschauen an den tollen Zombies und den nicht minder gemein karikierten Dörflern. Augen fallen auch mal von selbst aus, mal ist ein rechter Richter-Arm dran, dann wieder ab. Der abbe Arm hält aber bei der Jagd auf Norman für die anderen Zombies die Augen auf. Kleine Details und Szenen-Zitate belegen eine Begeisterung für das Genre, die aber nicht davongaloppiert, ohne auch noch ein paar gute Gedanken fürs Leben mitzunehmen.

Die Hexenjagd mit Massenaufläufen und Lynchgelüsten in dem klugen Kinderfilm „ParaNorman" unterscheidet dieses handwerklich herausragende Vergnügen von plumpen Horror-Klamotten und -Satiren. Denn vor 300 Jahren wurde ein Mädchen, das genau wie Norman die Toten sah, als Hexe ermordet. Der Junge versteht besser als die Erwachsenen, dass es die Angst der anderen vor den besonderen Fähigkeiten war, die zur Gewalt führte. Und dass jetzt wieder die Angst des kleinen Mädchens das Dorf heimsucht. Selbst Zombies sind ziemlich menschlich, wenn man ihnen mal ohne Angst in Ruhe zuhört! So wie Norman die kleine Hexe mit einem Märchen beruhigen soll, ist „ParaNorman" selbst ein Märchen, ein modernes - mit dessen Grausamkeiten und Wahr- und Weisheiten. Der kluge Spaß mit den grandios animierten Figuren könnte von Tim Burton sein, stammt aber von der Produktionsfirma Laika, die zwar 2005 schon „Corpse Bride - Hochzeit mit einer Leiche" realisierte, aber vor allem zuletzt die ähnlich im süßlich-melancholischen Schrecken des Außenseitertums angesiedelte „Coraline". So ist „ParaNorman" sicher nicht „für die ganze Familie", aber wer von Disneys heiterer Buntheit immer Pickel bekommt, fühlt sich hier vielleicht besser verstanden.

17.8.12

Total Recall

USA, Kanada 2012 (Total Recall) Regie: Len Wiseman mit Colin Farrell, Kate Beckinsale, Bryan Cranston, Jessica Biel, Bill Nighy 118 Min.

In einer Zeit, die „recall" mit prolligem Dumpf-Sänger und piepsiger Modell-Quälerin verbindet, kann man tatsächlich ein Remake von Schwarzeneggers / Paul Verhoevens „Total Recall" aus dem Jahr 1990 bringen. Wobei die total runderneuerte Version direkt enttäuscht: Alles was in den ersten 30 Minuten passiert, wurde bereits im Trailer verraten: In einer verseuchten Zukunft, in der zwischen die Vereinigten Staaten von Großbritannien und die ausgebeuteten Kolonien (Australien) ein unterirdischer Schnelltunnel verbindet, will sich der frustrierte Arbeiter Douglas Quaid (Colin Farrell) mit dem künstlichen Traumtrip der Firma „Rekall" von seinen Alpträumen erholen. Doch bevor ihm dabei klar wird, dass er eigentlich der sagenhafte Geheimagent Hauser ist, hat er auch schon einem ganzen Trupp schwer bewaffneter Regierungssoldaten umgebracht. Seine zu schöne Ehefrau Lori (Kate Beckinsale) will ihn von nun an ums Leben, und die andere Schöne, Melina (Jessica Biel), sicher zu den Rebellen in den Kolonien bringen.

Das Original von 1990 wirkt nicht nur aus heutiger Sicht mit den horrenden Mutationen auf der Mars-Kolonie wie ein Trash-Filmchen, kann aber trotzdem einige Punkte machen. Jeder Film sieht nach 20 Jahren digitaler Tricktechnik besser aus, was jedoch in dem ganzen „production design" verloren geht, ist die Idee von Philip K. Dick. Nach „We Can Remember It For You Wholesale", einer der vielen Kurzgeschichten des legendären Science Fiction-Autors, entstand „Total Recall" und wie immer haben bei ihm die Identitäten doppelte Böden, die selbst ihre Eigner nicht kennen. Beziehungsweise erst im Laufe der Handlung schmerzlich erkennen müssen. „Glaube nichts und niemanden" könnte so ein Kerngedanke der Dickschen Aufklärung sein. „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?" ist als Frage aber auch immer noch zeitgemäß. Ebenso wie die Entscheidung zwischen dem Sein oder Nicht-Sein, dem Wachen oder dem Träumen (Hamlet), der roten oder der blauen Pille (Neo). All dies kann selbst heftigster Action-Ballast nicht ganz untergraben, weitestgehend schon.

Doch genug philosophiert, Action ist 2012 eindeutig die Hauptsache. Bei all dem ermüdenden Rennen und Raufen läuft als Running Gag mit, dass Hauser von seiner Frau Lori verfolgt wird. Dann gibt es noch etwas Zicken-Krieg und die Geldscheine der Vereinigten Staaten von Großbritannien ziert der Kopf von Obama. Ansonsten nehmen wir alles sehr ernst. Da sehnt man sich fast nach dem nicht gerade begnadeten Schauspieler Arnold Schwarzenegger, dessen humoristische Einzeiler wenigstens nachhaltig funktionierten. Colin Farrell spielt Hauser ziemlich verkrampft, Kate Beckinsales Lori wirkt lange wie die eigentliche Heldin. Sie ist auch Gattin des „Underworld"-Regisseurs Len Wiseman. Gut sieht das in die Hand implantierte Handy aus, das sich mit jeder Glasplatte zum kompletten Computer erweitern lässt. Allerdings gehört es auch zur totalen Überwachung.

Technische Spielereien genehmigt sich der Film selbst reichlich: Beim Verfolgungsjagd mit fliegenden Autos schießt man immer noch irgendwie auf die Reifen. Im riesigen, multi-direktionalen Aufzugsschacht, wechselt man weiterhin die Richtung mit beherztem Sprung. Auch der Effekt von Maschinengewehr-Rückstößen in Schwerelosigkeit ist eindrucksvoll, aber nicht originell. Schön höchstens, dass zur Erinnerungs-Hilfe eine Klavier-Szene aus „Blade Runner" (ebenfalls von Dick) nachgebaut wird. Auch die Straßen-Szenen in der Kolonie kopieren dreist, genau wie die Roboter, die peinlich nach „Clone Wars" oder „I, Robot" aussehen. Also mehr Schein als Sein, was wieder eine Aussage von Dick sein könnte, jedoch kaum so von den Filmemachern gemeint.

15.8.12

Starbuck

Kanada 2011 (Starbuck) Regie: Ken Scott mit Patrick Huard, Julie LeBreton, Antoine Bertrand 109 Min. FSK ab 12

Was für eine herrliche Idee: Da kann sich ein etwas fahrige Mann, der als Fahrer für eine Fleischerei arbeitet, nicht ganz zur Schwangerschaft seiner Freundin Valérie durchringen und hört kurz darauf, dass er bereits 533-facher Vater ist - dank eifriger Samenspenden in der Vergangenheit. 143 seiner Kinder wollen nun über eine Sammelklage die Identität ihres Erzeugers erfahren. David Wozniak (Patrick Huard) beauftragt seinen dicken Freund und Anwalt (Antoine Bertrand) mit der Verteidigung seiner Anonymität. Gleichzeitig macht er sich daran, seine Kinder heimlich und anonym kennenzulernen. Auch dass sich sein Freund im Familienbild mit vier Kindern völlig überfordert zeigt, kann David nicht von diesem Wunsch abbringen. Sein erster Sohn auf der Liste erweist sich als Torjäger - eine Offenbarung für den Fußballfan! Einem Kellner hilft David, die Rolle seines Lebens zu bekommen. Als Pizzabote rettet er eine Tochter vor einer Überdosis, bei einem schwer behinderten Jungen kann er nur für eine Weile einfach da sein. „Starbuck" macht sich gar nicht die Mühe, all die Begegnungen besonders glaubhaft zu gestalten. Aber sie wirken echt aus dem Leben gegriffen. Patrick Huard zeigt sich als toller Komödiant: Herrlich wie er immer staunend vor den Früchtchen seiner Lenden steht.

Das ergibt viele schöne und auch einige wunderbare Momente vor dem Hintergrund Montreals mit seinem originellen französischen Dialekt „québécois". Ein Treffen von Davids Sprösslingen am See feiert das Leben mit allen seinen Formen, seinen Tattoos, seinen Spielbällen. Das alles zeigt Regisseur und Ko-Autor Ken Scott in scheinbar ganz einfachen, aber genau den richtigen Szenen, sodass die Sympathie für diesen Wohlfühlfilm wächst und wächst. Wie auch die für David, der sich zu einem Super-Papa entwickelt, aber immer noch seine Valérie überzeugen muss. Derweil interessieren sich auch die Zeitungen weltweit für den mysteriösen Starbuck und ein paar Geldeintreiber wollen immer nachdrücklicher seine Schulden abkassieren ...

14.8.12

360

Großbritannien, Österreich, Frankreich, Brasilien 2011 („360: A Vida é Um Círculo Perfeito") Regie: Fernando Meirelles mit Anthony Hopkins, Jude Law, Rachel Weisz, Moritz Bleibtreu 110 Min. FSK ab 12

Der neue Mereilles, ein Beziehungsreigen um die ganze Welt, ist eine runde Sache. Und ästhetisch ein Meisterwerk - das bei all seinen Dramen ein gutes Gefühl hinterlässt. In einer sehr freien Adaption von Arthur Schnitzlers Bühnenstück „Der Reigen" erleben wir mit zehn Hauptpersonen die Globalisierung von Schicksalen und Gefühlen.

Der „perfekte Kreis des Lebens" (so der portugiesische Titel) beginnt und endet in Schnitzlers Wien. Die Dirne von 1920 ist heute die junge Slowakin Mirka (Lucia Siposová) aus Bratislava, die bei einem ekligen Wiener Fotograf ihre Karriere als Prostituierte beginnt. Der britische Geschäftsmann Michael Daly (Jude Law) verpasst seine Stunde mit ihr, weil ein hinterhältiger Geschäftspartner (Moritz Bleibtreu) ihn erwischt. In einer der vielen genialen Bildkompositionen des Films wird Law während der Erpressung durch Bleibtreu in seinem Bildausschnitt ganz klein. So winzig kommt er auch in seine Londoner Wohnung zur Ehefrau Rose (Rachel Weisz) zurück. Die hat inzwischen ihrem jüngeren brasilianischen Liebhaber einen Korb gegeben, der wiederum zuhause das Abschiedsvideo seiner Freundin Laura (Maria Flor) findet. Im Flieger trifft diese auf John (Anthony Hopkins), der in die USA reist, um eine Leiche in Augenschein zu nehmen, die seine seit Jahren verschwundene Tochter sein könnte. Auf dem Flughafen von Denver hängt wegen eines Schneessturms auch der Sexualstraftäter Tyler (Ben Foster) fest, der erstmals Freigang hat und nur schwer den Versuchungen des menschlichen Kontaktes widerstehen kann. Ausgerechnet an seinen Tisch setzt sich Laura und nimmt ihn sogar in mit ins Hotelzimmer...

Vor allem diese Szene ist unheimlich bedrohlich, während die unterschiedlichen Aspekte von Beziehung, Treue oder Untreue durch intensives Schauspiel fesseln. Obwohl die „Aktwechsel" im Gegensatz zu Schnitzlers „Reigen" nicht immer den direkten Anschluss zeigen, packt jeder neue Blickwinkel jeder neuen Episode - auch durch die sehr prominente Besetzung und tolle Songs im Übergang. Eine kleine Soloshow von Hopkins, in der sich sein John bei den Anonymen Alkoholikern einiges klar wird, gehört zu den vielen Höhepunkten von „360".

Während der Wiener Reigen 1920 bitter und gnadenlos seine Gesellschaft sezierte und auch wegen vieler Sexual-Akte bis 1981 nicht aufgeführt werden durfte, führt diese Weltreise zu Akten der Emanzipation: Vom Glauben, von einer Trauer, von einem Partner. Was nicht immer zu neuem Glück führen muss. Die Pariser Zahnarzthelferin Valentina (Dinara Drukarova) wird von ihrem durch Psychoanalyse und Religion fehlgeleiteten Chef und Liebhaber (Jamel Debbouze) abgewiesen. Das wieder spannende Finale zurück in Wien - nach einer Fahrt um den Ring! - ist dann fast märchenhaft.

„360" vom Brasilianer Fernando Meirelles („Die Stadt der Blinden", „Der ewige Gärtner", „City of God") beginnt mit einem Foto-Shooting und endet mit einem Schuss. Was längst nicht die einzige Finesse dieses sehr raffiniert gestalteten Films ist (Buch: Peter Morgan). Immer wieder gibt es reizvolle Splitscreens, Dialoge über Spiegel und die innere Zerrissenheit der Lügen und Geheimnisse spiegelt sich in doppelten Reflexionen wieder (Kamera: Adriano Goldman). Zentral bleiben die Fragen „Wie kommen wir hier hin? Welche Entscheidung sollen wir treffen?" Die Antwort ist so überzeugend wie der Film.

Wer's glaubt, wird selig

BRD 2012 Regie: Marcus H. Rosenmüller mit Christian Ulmen, Marie Leuenberger, Nikolaus Paryla, Lisa Maria Potthoff, Fahri Yardim, Hannelore Elsner 101 Min. FSK ab 6

Für private Innenansichten vom Papst braucht man keine Vati-Leaks, man lädt ihn sich einfach zum Spaghetti-Essen nach Hause. So lässt es der am meisten überschätzte Regisseur der deutschen Filmgeschichte, Marcus H. Rosenmüller („Wer früher stirbt, ist länger tot",„Der Sommer der Gaukler"), seinen Hamburger Trottel Georg (Christian Ulmen) in bayrischen Gefilden tun. Dessen Schwiegermutter Daisy (Hannelore Elsner), eine extremistische Katholikin, streckte ein schweres Kreuz nieder, weil nebenan ihre Tochter Emilie (Marie Leuenberger) mit Georg den ersten Sex nach Monaten hat. Da in Hollerbach wegen Schneemangel auch der Tourismus daniederliegt, will der frustrierte Ehemann die Daisy mit zwei inszenierten Wundern zur Heiligen machen und trifft im Rahmen der lächerlichen Aktion „santo subito" tatsächlich auf den Papst, um Beziehungsprobleme zu besprechen.

Die haarsträubend hanebüchene Konstruktion des üblen Bauerntheaters „Wer's glaubt, wird selig" knarzt dramaturgisch an allen Ecken und Kanten. Ja, der verfilmte Schenkelklopfer des maßlos überschätzten Dialekt-Regisseurs Rosenmüller ist so grottig, dass Christian Ulmen endlich mal was aufwerten kann. Ulmen gibt den Ulmen und darf dämlich verliebt dreinblickend wieder infantil stammeln. Nur Hannelore Elsner bringt als böse Schwiegermutter ein paar gute Momente in die einfältige Klamotte. Das einzige Wunder dabei ist die Tatsache, dass dieser Film ins Kinos kommt.

13.8.12

We Need to Talk About Kevin

Großbritannien, USA 2011 Regie: Lynne Ramsay mit Tilda Swinton, John C. Reilly, Ezra Miller, Siobhan Fallon 112 Min.

Die Mutter des Amokläufers

Eingetaucht in zahllose Rotvarianten von der südländischen Tomatenernten-Orgie, bei der Swinton schon gekreuzigt erscheint, bis zu Tomatensuppen-Regalen und der von Nachbarn vollgeschmierten Hausfront durchlebt Tilda Swintons Figur Eva ihr Mörder-Mutter-Martyrium, für das die Britin mit dem Europäischen Filmpreis 2011 als Beste Darstellerin ausgezeichnet wurde: Eva hat etwas Böses getan - einen Amokläufer großgezogen. In einem manchmal euphorisierenden manchmal anstrengenden Fluss der Erinnerungen und Leidensmomente rekapituliert Eva von der Zeugung, über Zweifel in Schwangerschaft und auch sonst ihre durch ein veritables Monster immer überforderte Mutterschaft. Kevin ist ein echtes Biest - Rosemarys Baby dagegen ein Schätzchen. Mit hämischen Grinsen setzt er seinen hübschen Kopf durch, notfalls hilft er mit hinterhältigen Intrigen nach. Dass er an seiner Schule kaltblütig ein Massaker anrichtet, konnte man jedoch nicht ahnen. Oder doch, schließlich hatte er schon das Auge seiner kleinen Schwester herausgeschossen...

Genau einmal darf man bei diesem anderen „Kevin" lachen, als zwei Mormonen auf die Frage nach Evas Verbleib im Jenseits von ihr sofort die überzeugte Antwort „Im ewigen Fegefeuer" erhalten. Die 1969 in Glasgow geborene Regisseurin Lynne Ramsay legt ihr in vieler Hinsicht packendes und Fragen aufwerfendes Drama - nach Lionel Shrivers Roman „Wir müssen über Kevin reden" - berauschend und erschlagend an. Inhaltlich wie formal. Ein gewaltiges Kino-Stück!

Magic Mike

USA 2012 (Magic Mike) Regie: Steven Soderbergh mit Channing Tatum, Alex Pettyfer, Matthew McConaughey, Cody Horn 110 Min.

Ein Dachdecker, der morgens in seinem großen Strandhaus in Tampa, Florida neben zwei Frauen im Bett aufwacht, wirkt etwas ungewöhnlich. Erst als sein neuer Kollege Adam (Alex Pettyfer) den Bauarbeiter Mike (Channing Tatum) abends vor einem Club wiedersieht, entdecken wir mit ihm Mikes eigentlichen Job: Er ist als Magic Mike Star der Stripper-Truppe Xquisite, die Abend für Abend junge und alte Frauen begeistert. Adam, der gleich am ersten Tag seinen Job am Bau wieder verlor, soll erst mal den Strippern beim Umkleiden helfen, wird aber weil Not am nackten Mann ist, bald auf die Bühne gestoßen: „Like a Virgin" lautet sein Jungfern-Song vor einer heißen Menge kreischender Weiber. Danach hat er die Hose voll - mit Geldscheinen.

Nackte Männer, die sich in gekonnten, aber immer noch affigen Tänzen ausziehen und in allen möglichen Posen Luft-Sex spielen - will man das sehen? Frau auf jeden Fall, denn auch bei uns sind Chippendale-Touren ausverkauft. Doch vor allem die Inszenierung von Steven Soderbergh sorgt dafür, dass man(n) sich für diese gut gebauten Jungs und ihre Geschichten interessiert. Selbst wenn Männer im Bunny-Kostüm und eine Penis-Pumpe in Großaufnahme nicht nur Adam irritieren.

„Magic Mike" ist die Story von Channing Tatum, der sich von "Step Up" Schritt für Schritt hochgearbeitet hat in Filmen wie "21 Jump Street", "Für immer Liebe" oder "Der Adler der neunten Legion". In "Haywire" spielte er bereits 2011 bei Soderbergh und nun ist er sogar als Produzent dabei. Aber am Anfang seiner Karriere verdiente er genau so als Stripper Geld. Zusammen mit Soderbergh und Drehbuch-Autor Reid Carolin baute Tatum als Hauptdarsteller um die Figur des Mike eine Geschichte von Liebe, Freundschaft, Verrat und persönlicher Entwicklung. Denn schnell verliebt sich Mike in Adams Schwester Brooke (Anke Engelke-Imitat Cody Horn), während „der Kleine" mit Drogen dazu verdienen will.

Oscar-Sieger Steven Soderbergh ("Ocean's 11/12/13", "Traffic", "Erin Brockovich") macht auch aus diesem Thema einen tollen Film. Wieder übernahm er zusätzlich Kamera (als Peter Andrews) und Schnitt (als Mary Ann Bernard). Und zaubert ganz nebenbei einen grandiosen Himmel auf die Leinwand. Nur für dieses im Meer gebrochene Sonnenlicht bei einer Sandbank-Party, das keinen Hauch kitschig, aber im jedem Pixel atemberaubend ist, lohnt der Film.

Dazu gibt es selbstverständlich flotte Tanzeinlagen, Tatum kann den Streetdancer richtig gut. Die Kamera zeigt echte Ganzkörper-Aufnahmen im Gegensatz zu furchtbar zerschnittenen Filmchen wie „Street Dance". Obwohl das restliche Ensemble mit Tarzan und Tanga, mit Matrosen, Polizisten, Spritzenmännern und andere sexuellen Fantasie-Figuren immer an der Grenze zur YMCA-Lächerlichkeit rumturnt, wirkt „Magic Mike" teilweise so ehrlich wie eine Reportage. Dabei sind auch die anderen Darsteller exzellent, trauen sich, wie Matthew McConaughey als Club-Senior, einiges. Cody Horn ist wieder mal so eine typische Soderbergh-Entdeckung: Zuvor zig mal übersehen, kann auch sie ihr Können voll ausspielen. Einer der vielen Gründe, sich diese heiße, komische und ernstzunehmende Nummer anzusehen.

8.8.12

Familientreffen mit Hindernissen

Frankreich 2011 (Le Skylab) Regie: Julie Delpy mit Lou Avarez, Julie Delpy, Eric Elmosnino, Aure Atika, Noémie Lvovsky 114 Min. FSK ab 12

Julie Delpy macht komische Familienfilme. In solchem Maße, dass bei „2 Tage Paris" und „2 Tage New York" sogar ihre Eltern mitspielten. Julie selbst übernahm selbstverständlich die Hauptrolle in einer schwierigen transatlantischen Beziehung. Dies „Familientreffen mit Hindernissen" beginnt wieder mit einer französisch-englische Beziehung im Heute, doch dann schweifen die Gedanken einer erwachsenen Frau (Karin Viard) zurück ins Jahr 1979: Das Alter Ego von Delpy heißt diesmal Albertine und zählt gerade mal elf Jahre. Zusammen mit Eltern und Geschwister geht die Sommerreise von Paris an die Bretonische Küste, wo sich eine Riesenfamilie trifft. Man grillt ein Spanferkel im Garten, die Männer spielen Fußball, die Frauen reden über die Männer und den Sex. Dann folgt eine wunderbare Gesangsrunde, am Strand müssen die FKK-Nachbarn genau inspiziert werden und vor Albertines staunenden Augen steigt ein junger Neptun aus den Fluten.

Überschattet wird dieses sommerlich leichte Treiben nur vom drohenden Absturz der US-Raumstation „Skylab". So heißt auch der Film im Original, der deutsche Titel „Familientreffen mit Hindernissen" suggeriert viel mehr Drama und in der Referenz auf andere „Familientreffen" eine Beliebigkeit, die Julie Delpys sympathische Regie-Arbeit gerade nicht transportiert.

Das Herz der Geschichte schlägt tatsächlich für Albertine, die sich zum ersten Mal verliebt und gleich darauf die unglückliche Liebe kennenlernt. Da interessiert es sie gar nicht mehr, ob ihnen der Himmel auf den Kopf fällt. Doch am nächsten Morgen ist wieder alles in Ordnung und die Feier der (Groß-) Familie klingt fröhlich aus. Man kann Delpys Retro-Party dank toller Schauspieler, einer netten Geschichte mit witzigen Szenen und Dialogen sehr schön mitgenießen, vielleicht sogar mitsummen und sich dabei das Herz erheitern lassen.

7.8.12

Locarno 2012 40 Jahre Ökumenische Jury

Ein erstaunliches Jubiläum wird beim Filmfestival Locarno dieser Tage gefeiert: Vor 40 Jahren wurde die Idee einer Ökumenische Jury geboren. Damit war das Schweizer Festival beispielsweise Cannes einige Jahre voraus. Viele weitere Festivals folgten. Die Initiative ging vom ehemaligen Festivaldirektor Moritz de Hadeln aus, der später die Berlinale leitete. Der Schweizer besänftigte damals auch Gegenwind der regionalen Kirchen im katholischen Tessin. Seit 40 Jahren wird dieser aktuell mit 20.000 Schweizer Franken dotierte Preis, der seinen Fokus mehr und mehr auf friedliches Zusammenleben der Kulturen legt, verliehen. Dabei schenkt sie „ihre Aufmerksamkeit qualitativ herausragenden Werken, welche spirituelle Aspekte unserer Existenz berühren und Werte wie Menschenwürde, Gerechtigkeit, Respekt gegenüber der Umwelt, sowie Frieden und Solidarität ansprechen", so die offizielle Medienmitteilung der ökumenischen Jury. Das Preisgeld ist allerdings an den Verleih in der Schweiz gebunden und wird ausbezahlt, wenn ein Schweizer Verleiher bereit ist, die Auswertungsrechte für den Film zu kaufen und ins Kino zu bringen.
Die Jurys sind längst nicht mehr nur christlich, auch jüdische oder sogar atheistische Juroren hat es schon gegeben. Auffällig bleibt jedoch, dass unter den Weltreligionen das Christentum eine besonders intensive Beschäftigung mit dem Film pflegt. Als Ehrengast in Locarno ist der polnische Regisseur Krzysztof Zanussi eingeladen. Er bringt mit „Illuminacja" den ersten ökumenischen Preisträger von 1973 zurück ans Festival. (jek)

Locarno 2012 Ehrung für Lebenswerk Harry Belafonte

Leoparden auf den Hund gekommen

Locarno. „Oh island in the sun..." - wahrscheinlich haben so viele Menschen anlässlich des Preises für Harry Belafonte und sein Lebenswerk diesen sonnigen Hit des charismatischen Sängers, Schauspielers und Vorkämpfers für Menschenrechte im Kopf gesummt, dass sich pünktlich zur Ehrung am Montagabend die Wolken beim 65. Filmfestival Locarnos (1.-11. August) verzogen. So strahlte das Festival mit dem Unicef-Botschafter um die Wette, verlor aber einige Punkte, sobald Belafonte beispielsweise erzählte, wie er Unterhaltung und Engagement verbindet: Chaplin etwa mit „Der große Diktator" sei sein großes Vorbild. Überhaupt hätten Shakespeare, Dostojewski oder Pirandello auch hervorragend unterhalten.

Belafonte beehrte Locarno aus Anlass der großen Otto Preminger-Retrospektive. Unter den vielen Meisterwerken des in die USA emigrierten Österreichers (1905-1986) wie „River of no return", „Bonjour Tristesse", „Der Mann mit dem goldenen Arm" oder „Exodus" findet sich auch die etwas skurrile, geboxte Version von Bizets „Carmen" namens „Carmen Jones" aus dem Jahr 1954. Der erste Auftritt eines schwarzen Helden auf der Leinwand war Belafontes Durchbruch, neben dem „Banana Boat"-Song. Die nicht mehr ganz aktuelle, aber immer noch gute Dokumentation „Sing your song" erzählt nach, wie der an vielen Fronten aktive Star diesen Ruhm sehr bewusst im Kampf für die Rechte der Schwarzen einsetzte und sogar Kennedy beriet.

Mit all seinem Engagement kann der 85-jährige Belafonte dem 65-jährigen Festival noch etwas vormachen, denn den politischen Punch, den Locarno vor allem unter Irene Bignardi hatte, der Vor-Vorgängerin vom Künstlerischen Direktor Olivier Père, ist längst erschlafft. So überwiegen auf der Piazza und im Wettbewerb neben eher belangloser Unterhaltung („Magic Mike", „Bachelorette") reizvolle Absurditäten und Hunde in Hauptrolle - passend zum bisherigen Hundewetter: In „Wrong" von Quentin Dupieux („Rubber") löst die Entführung eines geliebten Hundes eine Kette surrealer Ereignisse aus. Bei den britischen „Sightseers" ist der Raub eines Kläffers Beiwerk der makaber-komischen Mordserie eines Pärchens auf den Spuren der „Natural Born Killers" Mallory und Mickey. Als Wettbewerbs-Hund muss der Vierbeiner einer todkranken alten Dame in „Quelques jours du printemps" zuerst wegen Rattengift dran glauben und in „Starlet", der schönen Freundschaft einer Porno-Darstellerin und einer zurückgezogen lebenden Seniorin, trägt der titelgebende Handtaschen-Hund ebenso viel Strass wie sein Blondchen.

Unter all den mal amüsanten, mal unnötigen Albernheiten hat auf der Piazza „Lore" bislang am meisten Eindruck gemacht: Die britisch-deutsche Produktion von Cate Shortland („Somersault") erzählt von der Nachkriegsflucht einer Gruppe von Geschwistern durch drei Besatzungszone vom Schwarzwald bis zu einer Watteninsel. Die Eltern machten sich aus dem Staub, weil der Vater Massenmorde im KZ kommandierte. Hannelore (Saskia Rosendahl), die Älteste, ist noch dem Naziwahn verfallen. Selbst als der junge Jude Thomas (Kai Malina) sie mehrfach rettet, will sie nicht vom gleichen Tisch essen. Mit enorm starken Atmosphären und guten Schauspielern berührte dieser Kinderzug durch Wälder und abseits von Klischees die ganze Piazza.

Kein Nachfolger von Preminger, aber höchst spannendes Kino aus Österreich zeigen Tizza Covi und Rainer Frimmel in einem Wettbewerbs-Favoriten: „Der Glanz des Tages" ist die reizvolle Begegnung des Theaterschauspielers Philipp Hochmair (gespielt von Philipp Hochmair) mit dem Cirkus-Artisten Walter Saabel (Walter Saabel). Zwar spielen beide Neffe und entfernter Onkel, die sich noch nie gesehen haben, doch sie bringen auch ganz von ihrem eigenen Leben in die fiktionale Geschichte. Ein reizvolles Vexierbild zwischen Leben und Kunst, das selbstverständlich beides thematisiert und am Samstag bei der Preisverleihung wenigstens einen Darstellerpreis verdient hätte.

6.8.12

Prometheus - Dunkle Zeichen

USA 2012 (Prometheus) Regie: Ridley Scott mit Noomi Rapace, Michael Fassbender, Charlize Theron, Idris Elba, Guy Pearce 124 Min. FSK ab 16

Wo kommen wir her? Wer ist unser Schöpfer? Das fragen sich vielleicht auch die außerirdischen Killerwesen aus „Alien". 33 Jahre ließ sie ihr Schöpfer Ridley Scott und uns im Dunklen: Wer war der „Space Jockey", den man am Anfang der Alien-Saga kurz sah? Jetzt folgt mit „Prometheus" - und vielleicht noch mit „Prometheus 2" - was vorher geschah: Im Jahre 2093 kommt das Raumschiff Prometheus nach sehr langer Reise beim Planeten an, auf den prähistorische Höhlenzeichnungen verschiedenster Kulturen deuteten. Hier könnte der Ursprung irdischen Lebens her stammen, wie auch ein Prolog des Films andeutet. Das Team aus einem Wissenschaftler-Paar, einer knallharten Kommandantin (Charlize Theron), dem bodenständigen Kapitän und dreizehn weiteren Crewmitgliedern erkennt bald ein faszinierendes Gebäude und stürzt sich auf dessen Entdeckung.

Deutlich wird auch, dass die Handlung von „Prometheus" vor „Alien" liegt: So unvorsichtig wie sich die Besatzung den Spuren fremden Lebens nähert, ist zwar förderlich für Spannung, aber nicht für die Gesundheit. Schnell findet sich grüner Schleim und schon sorgen rennende Holografien für ersten Schrecken. Alien-Attacken bleiben nicht lange aus. Die Astronauten haben etwas geweckt und das ist nicht freundlich. Hier lagern zahllos intergalaktische Zecken, die gerne mal ein paar tausend Jahre auf ihre neuen Wirte warteten. Diesmal macht es der Film jedoch längst nicht so lange spannend wie beim originalen „Alien" und auch H.R. Gigers Kreationen bleiben unerreicht.

Der übliche, die Besatzung vom Raumschiff trennende Weltraum-Sturm erinnert an andere All(zweck)-Dramaturgien und Einiges wie Eier oder von innen explodierte Skelette an „Alien". Trotzdem eröffnet „Prometheus" mit eindrucksvollen Bildern eine faszinierend andere Welt. Dazu gibt es eine Menge „2001", also intelligenten Science Fiction, wobei allerdings die teilweise flachen Figuren nichts besonders Kluges sagen müssen.

„Prometheus" transportiert eine Handvoll grandioser Schauspieler, die sich auch in dem eindrucksvollen Produktionsdesign behaupten können: Noomi Rapace („Millennium") zeigt als neue Heldin Elizabeth Shaw, dass es auch in der Zukunft kein Vergnügen (für Beteiligte und Zuschauer) ist, sich selbst ohne Betäubung zu operieren. Rapace erfüllt die Erwartungen als Protagonistin extremer Szenen zur Gänze. Außerdem tritt sie das in die Vergangenheit vorverlegte Erbe von Alien-Mutter Sigourney Weaver an. Michael Fassbender zeigt sogar kopflos überragendes Schauspiel. Er gibt den freundlichen Roboter David als Mischung zwischen Data von der Enterprise und R2D2, dabei Peter-O'Toole zitierend. Doch letztendlich erweist er sich als echter Erbe vom hinterhältigen Hal 3000. Dass ausgerechnet die Maschine David besonders viel Charakter hat, wirkt nur kurios, wenn man nicht „Blade Runner" (auch von Scott) kennt.

Angesichts von Fortsetzungs-Schrott wie „Alien vs Predator" ist es ein Glücksfall, dass Scott persönlich sein „Alien"-Universum erweitert. Er entdeckt dabei Holografie als futuristische Methode der Vermittlung und zeigt das mit meist dezentem 3D in ästhetisch reizvoller Weise bis zum gewaltigen Crash im Finale, das man schon aus den Trailern kennt. Der Rest lohnt die Entdeckungsreise und unbekannte Welten und ferne Galaxien.

Locarno trumpft mit Dokus auf

„Vergiss mein nicht" heißt der neue Film des freien Produzenten Martin Heislers und seiner Berliner Firma „Lichtblick Media". Heisler stammt aus Aachen und feierte gestern beim 65. Internationalen Filmfestival von Locarno mit der sensiblen Dokumentation über eine an Alzheimer erkrankte Mutter persönlich eine ausverkaufte Premiere.

Während im Wettbewerb und auf der Piazza Grande selbst deutsche Koproduktionen rar gesät sind, stammen in der exklusiven und anspruchsvollen Sektion „Kritikerwoche" gleich drei von sieben Dokumentationen von deutschen Produktionsfirmen. Mit „Camp 14 - Total Control Zone" der Kölner Engstfeld-Film begeisterte der ausgezeichnete Regisseur Marc Wiese bereits am Freitag das Publikum. Die Geschichte von Shin Dong-huyk, der in einem nord-koreanischen Gefangenenlager geboren wurde und nach furchtbaren Erlebnissen und Qualen im Alter von 23 Jahren fliehen konnte, brachte eine selten gehörte Stille in das Festivalkino.

Auch „Vergiss mein nicht" des jungen Regisseurs David Sieveking hat ein schwieriges Thema: Die Mutter des Filmemachers ist an Alzheimer erkrankt und der Sohn kehrt ins Elternhaus zurück, um dem Vater bei der Pflege zu helfen. Produzent Martin Heisler, erzählte vor der Premiere, dass er ein „paar Tage" überlegen musste, bevor er sich entschied, diesen Film zu machen. Obwohl oder auch vielleicht weil er mit Sieveking studiert hatte, sich über ihren letzten gemeinsamen Film „David wants to fly" eine Freundschaft entwickelte und auch Heislers Mutter im gleichen Zeitraum schwer krank war. Noch während des Films stellt man sich die Frage, ob man einen nahen Menschen so im geistigen Verfall zeigen kann. Doch Martin Heisler fand schließlich, „Vergiss mein nicht" sei „ein Blick auf Familie und Krankheit der erzählenswert ist."

Die sehr familiäre Dokumentation ist das, was Heisler als Produzent bei aller Anstrengung von jahrelanger Projektarbeit für jeweils einen Film an seinem Beruf, der vor allem Film-Leidenschaft ist, reizt: „ In irgendeiner Form Menschen berühren und vielleicht auch etwas verändern." Momentan setzt sich die bemerkenswerte Karriere äußerst positiv fort: Gerade ist mit „Headhunter", in dem Ulrich Tukur die Hauptrolle in NRW und den USA spielt, der bislang größte Film fertig geschnitten worden. „Vergiss mein nicht" beginnt seine internationale Festival-Tour und wird am 17. Januar 2013 bundesweit in die Kinos kommen.

Fast als Begleitprogramm funktionierte da am Sonntagabend die Piazza Grande, die diesjährig unter heftigen Gewittern zu leiden hat: In dem französischen Drama „Quelques heures de printemps" entscheidet sich eine alte Frau, bei der unheilbare Gehirntumore diagnostiziert wurden, sich in einem Schweizer Hospiz betreut das Leben zu nehmen. Das schwierige Verhältnis zum reifen Sohn, gespielt vom Star Vincent Lindon, wird zwar nicht innig, aber wenigstens kehrt angesichts des nahen Todes eine respektvolle und nahe Ruhe ein. Regisseur Stéphane Brizé („Mademoiselle Chambon") kann sich ganz auf die exzellenten Darsteller verlassen, wenn er Sterbehilfe als selbstverständlich und sehr einfach darstellt. Ein stiller, sehr berührender Höhepunkt des bisher auch oft nur unterhaltsamen Piazza-Programms.

2.8.12

Magic Mike

USA 2012 (Magic Mike) Regie: Steven Soderbergh mit Channing Tatum, Alex Pettyfer, Matthew McConaughey, Cody Horn 110 Min.

Ein Dachdecker, der morgens in seinem großen Strandhaus in Tampa, Florida gleich neben zwei Frauen im Bett aufwacht, wirkt etwas ungewöhnlich. Erst als sein neuer Kollege Adam (Alex Pettyfer) den Bauarbeiter Mike (Channing Tatum) abends vor einem Club wiedersieht, entdecken wir mit ihm Mikes eigentlichen Job: Er ist als Magic Mike Star der Stripper-Truppe Xquisite, die Abend für Abend junge und alte Frauen begeistert. Adam, der gleich am ersten Tag seinen Job am Bau wieder verlor, soll erst mal den Strippern beim Umkleiden helfen, wird aber weil Not am nackten Mann ist, bald auf die Bühne gestoßen: „Like a Virgin" lautet sein Jungfern-Song vor einer heißen Menge kreischender Weiber. Danach hat er die Hose voll - mit Geldscheinen.

Nackte Männer, die sich in gekonnten, aber immer noch affigen Tänzen ausziehen und in allen möglichen Posen Luft-Sex spielen - will man das sehen? Frau auf jeden Fall, denn auch bei uns sind Chippendale-Touren ausverkauft. Doch vor allem die Inszenierung von Steven Soderbergh sorgt dafür, dass man(n) sich für diese gut gebauten Jungs und ihre Geschichten interessiert. Selbst wenn Männer im Bunny-Kostüm und eine Penis-Pumpe in Großaufnahme nicht nur Adam irritieren.

„Magic Mike" ist die Story von Channing Tatum, der sich von "Step Up" Schritt für Schritt hochgearbeitet hat in Filmen wie "21 Jump Street", "Für immer Liebe" oder "Der Adler der neunten Legion". In "Haywire" spielte er bereits 2011 bei Soderbergh und nun ist er sogar als Produzent dabei. Doch am Anfang seiner Karriere verdiente er genau so als Stripper Geld. Zusammen mit Soderbergh und Drehbuch-Autor Reid Carolin baute Tatum als Hauptdarsteller um die Figur des Mike eine Geschichte von Liebe, Freundschaft, Verrat und persönlicher Entwicklung. Denn schnell verliebt sich Mike in Adams Schwester Brooke (Anke Engelke-Imitat Cody Horn), während „der Kleine" mit Drogen dazu verdienen will.

Oscar-Sieger Steven Soderbergh ("Ocean's 11/12/13", "Traffic", "Erin Brockovich") macht auch aus diesem Thema einen tollen Film. Wieder übernahm er zusätzlich Kamera (als Peter Andrews) und Schnitt (als Mary Ann Bernard). Und zaubert ganz nebenbei einen grandiosen Himmel auf die Leinwand. Nur für dieses im Meer gebrochene Sonnenlicht bei einer Sandbank-Party, das keinen Hauch kitschig, aber im jedem Pixel atemberaubend ist, lohnt der Film.

Dazu gibt es selbstverständlich flotte Tanzeinlagen, Tatum kann den Streetdancer richtig gut. Die Kamera zeigt echte Ganzkörper-Aufnahmen im Gegensatz zu furchtbar zerschnittenen Filmchen wie „Street Dance". Obwohl das restliche Ensemble mit Tarzan und Tanga, mit Matrosen, Polizisten, Spritzenmännern und andere sexuellen Fantasie-Figuren immer an der Grenze zur YMCA-Lächerlichkeit rumturnt, wirkt „Magic Mike" teilweise so ehrlich wie eine Reportage. Dabei sind auch die anderen Darsteller exzellent, trauen sich, wie Matthew McConaughey als Club-Senior, einiges. Cody Horn ist wieder mal so eine typische Soderbergh-Entdeckung: Zuvor zig mal übersehen, kann auch sie ihr Können voll ausspielen. Einer der vielen Gründe, sich diese heiße, komische und ernstzunehmende Nummer anzusehen.

1.8.12

Jeff, der noch zu Hause lebt

USA 2011 (Jeff, who lives at home) Regie: Jay Duplass, Mark Duplass mit Jason Segel, Ed Helms, Susan Sarandon, Judy Greer 83 Min. FSK ab 6

Ein dreißigjähriger „Jeff, der noch zu Hause lebt", hört sich nicht besonders reizvoll an. Doch der neue Film der Brüder Jay und Mark Duplass („Cyrus") ist mitnichten eine der zotigen Idioten-Komödien sondern erweist sich wie sein verschluffter Protagonist als wunder verspielte und liebenswerte Entdeckung.

Jeff (Jason Segel) schlurft trotz fortgeschrittenen Alters mit kurzen Hosen und Hoody wie ein Teenager durch den Tag. Was einen aber schon nach wenigen Minuten zum Wahnsinn treibt, ist das absolut ziellose Rumhängen mit dem entsprechenden, vom Kiffen verstärkten Durchzug im Gehirn. Wie muss es da erst der Mutter Sharon (Susan Sarandon) gehen, die das Riesenbaby in ihrer Wohnung nicht mal dazu bekommt, die Küchentür zu reparieren, während sie ihren öden Bürojob absitzen muss. Aber eine falsche Verbindung bei einem Anruf lässt Jeff fortan wie besessen dem Namen „Kevin" folgen. Denn „Signs - Zeichen" ist Jeffs Lieblingsfilm und man müsse im Leben auf Zeichen und seine Gefühle achten.

So beginnt Jeffs Odyssee durch eine amerikanische Stadtlandschaft. Märchenhaft naiv folgt er einem Basketball-Shirt mit dem Aufdruck Kevin, dann einem Lieferanten für Süßwaren. Dass Jeff dabei immer wieder auf seinen Bruder Pat (Ed Helms) trifft, scheint seiner Methode recht zu geben. Pat wähnt sich mit gerade auf Raten gekauftem Porsche und Firmen-Polo äußerlich erfolgreich, ist aber völlig am Ende, weil ihn seine Frau Linda (Judy Greer) wegen des unverantwortlichen Autokaufs rausgeschmissen hat. Dass er den nagelneuen Wagen frontal gegen einen Baum setzt, bevor er wegen Falschparkens abgeschleppt wird, dass dies bei der Verfolgung von Linda und einem vermeintlichen Liebhaber eher hinderlich ist, das alles bringt Pat dazu, die Geringschätzung für den scheinbar nutzlosen Bruder zu überdenken. Denn so verschieden sie wirken, sie haben immerhin den gleichen Traum mit ihrem viel zu früh verstorbenen Vater. Gleichzeitig bekommt ihre Mutter im Büro anonyme Mails von einem Verehrer, was zu ebenso prickelnden wie peinlichen Situationen führt.

Diese besondere und wunderschön komische Familienzusammenführung schafft es, auf kleinem Raum und in kurzer Zeit wichtige Fragen für drei Leben zu stellen. Alle Albernheiten führen schließlich dazu, dass die Masken fallen und wir im Finale wie bei „Signs" den Sinn der Zeichen erkennen. Jeff, der unter Abwesenheit des Vaters leidet, rettet zwei kleine Mädchen vor dem gleichen Schicksal und dann repariert er endlich die Küchentür seiner Mutter. Ganz banal und doch einfach großartig. So wie der sehr empfehlenswerte Film „Jeff, der noch zu Hause lebt". Die Magie dieser klaren Erleuchtungen im trüben Alltag liegt beispielsweise darin, dass sich selbst im Großraumbüro ein Kuss unter dem Wasserfall erleben lässt. „Jeff" erzählt ein schönes Filmmärchen, aber nicht abgehoben im Stile Hollywoods. Wie schon beim Duplass-Vorgänger „Cyrus" mit John C. Reilly und Marisa Tomei glaubt man, dass diese Menschen wirklich sind und nimmt ihre Ideen mit nach Hause. Solchen Zeichen für Qualität und innere Werte darf man gerne folgen.

Red Lights

Spanien, USA 2012 (Red Lights) Regie: Rodrigo Cortés mit Cillian Murphy, Sigourney Weaver, Robert De Niro 119 Min.

Der Poltergeist poltert heute Abend wieder sehr laut. Doch die Séance bei rotem Licht wird von den Wissenschaftlern Margaret Matheson (Sigourney Weaver) und Tom Buckley (Cillian Murphy) begleitet. Besonders die Institutsleiterin durchschaut schnell die Tricks eines kleinen Mädchens, das nicht mehr in dem alten Haus wohnen will. Souverän überführt sie auch einen naiven Kollegen von der Parapsychologie, der sich einen Kartentrick über seine spiegelnde Brille als Hellsehen andrehen lässt. Doch vor dem Magier Simon Silver (Robert De Niro), der nach jahrelanger Abwesenheit wieder einige Shows gibt, hat die reife Skeptikerin großen Respekt. Einst ist einer seiner Kritiker mitten in der Vorführung an Herzversagen gestorben. Der junge Physiker Tom ist nun ganz heiß darauf, auch Silver zu überführen, doch Margaret stoppt ihn. Bis sie nach einigen unerklärlichen Ereignissen selbst tot aufgefunden wird. Nun spielt Tom Detektiv, mit gefährlichen Folgen.

„Red Lights" sind wie paranormale Erscheinungen schwer zu fassen: Ist es ein Thriller um einen gefährlichen Scharlatan oder Mystery um außerordentliche Fähigkeiten? Rodrigo Cortés („Buried - Lebend begraben", 2010) macht immer wieder grundlos Angst und legt viele Fährten aus. Während Dramaturgie und Synchronisation holperig wirken (Schnitt: Rodrigo Cortés selbst), schaffen es drei exzellente Hauptdarsteller, für die Thematik zu interessieren: Wie tragisch, dass Margaret ihren Sohn Jahrzehnte lang hoffnungslos im Koma liegen lässt, weil sie nicht glaubt - dass es etwas anderes nach dem Tod gibt. Robert DeNiro deutet als blinder, reicher Mr. Silver kurz an, wie dämonisch er spielen kann. Cillian Murphy („In Time" 2011, „Inception" 2010) vermag wie kein anderer verschiedene Gefühlslagen in seinem Gesicht zu spiegeln und sorgt für angedeutete Ambivalenz. Dass die Auflösung sehr weit hergeholt wirkt, kann stören. Doch die Idee, die sich dadurch im großen, lauten Finale entfaltet, hat ihren Reiz.

31.7.12

Who Killed Marilyn?

Frankreich 2011 (Poupoupidou) Regie: Gérald Hustache-Mathieu mit Jean-Paul Rouve, Sophie Quinton, Guillaume Gouix, Olivier Rabourdin 102 Min.

Wer war Marilyn? Ein Star, eine Ikone, klar. Und wer Norma Jeane Baker? So wie man sich mit dem eigentlichen Namen hinter dem Mythos Marilyn dem Privaten nähern will, so nähert sich auch dieser Krimi mit komödiantischem Einschlag einer tragischen Geschichte um die Monroe des verschneiten Jura-Kaffs Mouthe.

Candice Lecoeurs Gesicht strahlt von jeder Verpackung des berühmt-berüchtigten Jura-Käses aus Mouthe. Doch bevor sie ein Fotograf beim Jobben an der Tankstelle entdeckte, bevor sie sich die Haare blond färbte und bevor die Liebe ihrer Fans sie erstickte, hieß Candice als schüchternes Mädchen Martine Langevin (Sophie Quinton). Nun liegt sie tot im Schnee, der Fundort im Niemandsland zwischen Frankreich und Schweiz verhindert Ermittlungen - die verstreuten Pillen weisen sowieso deutlich auf Selbstmord hin.

Das alles ist ein gefundenes Fressen für den blockierten Schund-Schriftsteller David Rousseau (Jean-Paul Rouve) aus Paris, der hier ein Erbe abholen wollte und dem selbst Rum und Mac nicht helfen, sich den Vorschuss auf einen neuen Roman zu verdienen. Wie ein Aasgeier stürzt er sich auf die Geschichte des blonden Käsestars der Provinz. Mit seiner persönlichen „James Ellroy-Methode" schleicht er sich sowohl ins Leichenschauhaus als auch in die Wohnung der Verstorbenen, um rauszufinden, ob es wirklich Selbstmord war. Dazu gibt es Kommentare, die es eigentlich nicht geben kann, nämlich die von der Toten, die fleißig miterzählt.

Martines Tagebücher geben Auskunft über die Rollen eines Mädchens aus armen Verhältnissen, die durch einen erotischen Werbespot berühmt wurde. Dabei sind die Parallelen zu Marilyn frappant: Der schlagende Mann ist statt Baseball-Star französischer Biathlon-Meister. Der Arthur Miller des Jura ist Literaturkritiker und ihr nächster. Als strippenden Wetter-Fee gibt sie sich ebenso kapriziös und männermordend wie Marilyn bei Dreh zu „Der Prinz und die Tänzerin". JFK heißt hier JFB und ist Präsident der Region. Candice singt für ihn „Happy Birthday, Mr. President" bei einer Kartoffel-Preisverleihung. Bobby, der Bruder, sorgt dann dafür, dass sie sterben muss...

Der schräge französische Krimi auf den Spuren der Coen-Brüder („Fargo") fängt an wie „Twin Peaks" und folgt auch den Spuren von Laura Palmer. „Who Killed Marilyn?" lebt einerseits vom skurillen Schriftsteller-Typen David Rousseau, der sich immer wieder in peinliche Situationen bringt und die Verschrobenheit des von Kyle MacLachlan gespielten „Twin Peaks"-Detektives Dale Cooper wie das Etikett seiner frisch erstandenen Winterjacke an sich hängen hat. Mitten in der Winterlandschaft des kältesten Dorfes Frankreichs rockt er in seinem Peugeot-Cabrio auf „California Dreaming" in einer besonders sonnigen Version von José Feliciano ab.

Dagegen ist die kurze Lebensgeschichte von Martine Langevin anrührend schmerzensreich und mit klugen wie bitteren Bemerkungen zum Preis des Erfolges gespickt. Wie Rousseau schließlich erfährt, dass die mögliche Heldin seines neuen Romans ein begeisterter Fan seiner alten Geschichten war, gehört ebenso wie sein Hotel mit optisch heftigen Tapeten zu den raffinierten und vertrackten Details dieses vielfältig reizvollen Films.

30.7.12

Rum Diary

USA 2011 (Rum Diary) Regie: Bruce Robinson mit Johnny Depp, Aaron Eckhart, Michael Rispoli, Amber Heard, Richard Jenkins, Giovanni Ribisi 119 Min. FSK ab 12

Johnny Depp ist wieder Gonzo! Paul Kemp, die Hauptfigur im „Rum Diary" ist zwar ein anderer alter Ego Hunter S. Thompsons als Raoul Duke, der wahnsinnige Journalist aus „Angst und Schrecken in Las Vegas" („Fear and Loathing in Las Vegas", 1998). Doch Depp, der Freund des berüchtigten, 2005 und verstorbenen Autoren spielt ihn ähnlich. Obwohl „Rum Diary" wesentlich zahmer ist, vor allem formal. Wenn Kemp doppelt sieht, sehen wir das nicht selbst. Terry Gilliam machte aus dem konstanten Rausch Raouls einen mitreißenden Filmtrip. Bruce Robinson aus Kemps kurzem Karibik-Ausflug einen interessanten Film.

Depp stand schon hinter der Veröffentlichung des Romans von Hunter S. Thompson, der vor Jahrzehnten entstand und erst 1998 gedruckt wurde. Als Produzent und Hauptdarsteller blickt Depp mit seinem sattsam bekannten Stauen auf das Puerto Rico der früher 60er Jahre. Paul Kemp (Depp) wird als Journalist für die abgehalfterte englischsprachige Zeitung der Karibik-Insel angeheuert. Zwischen Alkoholrausch und Katerstimmung macht er Reportagen mit fetten US-Touristen auf der Bowlingbahn und beobachtet mit hochprozentigem Zynismus „The Big White", die gefährlichste Spezies der Welt. Gemeint ist selbstverständlich der weiße Ami. Ein besonders gefährliches Exemplar umkreist schnell den mittelprächtigen Schreiberling, der eigentlich Romane stemmen will: Sanderson (Aaron Eckhart), ein strahlend weißer Immobilien-Trickser, der tief in schmutzigen Geschäften steckt, will Kemp als Broschüren-Schreiber für einen Grundstücks-Schwindel. Der angebliche Autor der New York Times lässt sich im großen Stil kaufen und verführen, vor allem von Chenault (Amber Heard), der lebenshungrigen Frau seines Auftraggebers.

Paul Kemp ist hauptsächlich Beobachter einer unfassbare Ausbeutung und der soziale Ungleichheit dieses sogenannten Außengebietes der USA, in dem die Einwohner noch heute zwar Steuern zahlen, aber nicht wählen dürfen. Irgendwann in einem nüchternen Moment schreibt er ein anständiges Stück Enthüllungs-Reportage, doch da ist die Zeitung schon pleite und geschlossen. Neben der frühen Thompson-Geschichte und etwas Karibik-Couleur unterhält Regisseur Bruce Robinson mit ein paar aberwitzigen Szenen, einen Liebesdrama und faszinierenderen Randfiguren wie dem völlig abgewrackten Journalisten Moburg (Giovanni Ribisi). Bruce Robinson ist bislang als Schauspieler, Drehbuchautor („The Killing Fields", 1984) und Regisseur („Jennifer 8", 1991) auffällig geworden und auch nun gelingen ihm tolle Momente: Es ist umwerfend komisch, wenn Kemp mit seinem Fotografen Sala (Michael Rispoli) zu zweit aufeinander im einem ausgenommenen Fiat 500 unter Beobachtung der Polizei ohne Vordersitze fahren. Der gemeinsame LSD-Trip bleibt hingegen weit hinter der Las Vegas-Erfahrung auf den Spuren von Thompson zurück. Wer also „Fear and Loathing Puerto Rico" erwartet, wird sehr enttäuscht. Hier ist alles so strahlend, dass man wie Kemp dauernd eine Sonnenbrille braucht. „Rum Diary" hinterlässt als Instant-Kater das Gefühl, da muss doch mehr sein, und macht so Lust, den Roman zu lesen.

Merida - Legende der Highlands

USA 2012 (Brave) Regie: Mark Andrews, Brenda Chapman 93 Min.

Die moderne Animations-Schmiede Pixar gehört zum traditionellen Zeichentrick-Konzern Disney - oder ist es umkehrt? Es hat jedenfalls eine Weile gedauert, bis eine derartige Annäherung wie jetzt bei „Merida" stattfand: Digital animiert erzählt es brav und familiengerecht von jugendlicher Aufmüpfigkeit, die im reizvollen Zeichenrahmen bleibt. So lässt der 13. Pixar-Film die Sensationen von „Toy Story" oder „Findet Nemo" vermissen, kann aber doch mit einer turbulenten Märchengeschichte vor schön gezeichneten und komponierten (Musik: Patrick Doyle) schottischen Hintergründen unterhalten.

Merida ist als schottische Prinzessin eher Räubertochter und wild als etepetete. Wann immer sie kann, schleicht sie sich von Burg und strenger Schule der Mutter weg, um im Wald mit Pferd und Bogen herum zu jagen. Das lockige rote Haar im Wind dabei so ungezügelt wie das Kind. Da kommt Merida ganz nach dem Vater, einem riesigen, schottischen Clan-Chef, dem einst ein legendärer Bär ein Bein abriss. Die unterschiedlichen Lebenspläne von Mutter und Tochter führen aber zum Riss in der Familie, als die Söhne von drei verbündeten Clans - u.a. die Macguffin und die Macintosh - um Meridas Hand anhalten. Das Mädchen besiegt sie kurzerhand im Bogenschießen, sprengt die Enge des Kleides (so wie vorher das rote Haar partout nicht unter die Haube wollte) und flieht in den Wald. Dort führen Irrlichter und eine Art Mini-Stonehenge zu einer sehr wirren und witzigen Hexe, deren Zauber allerdings gar nicht komisch ist: Meridas Mutter soll sich ändern, wünscht sich das Mädchen, doch die Verwandlung in eine mächtige Bärin ist nicht, was sie erwartete. Nun muss Merida sich um Mutter-Bär kümmern, während der bärenhassende Vater mit den anderen Clans in der Burg rauft und säuft. Dabei haben die Frauen nur zwei Tage Zeit, den Zauber rückgängig zu machen...

Dass die höfisch feine Mutter auf die harte Tour das Leben in der Wildnis schätzen lernt, ist ein Effekt dieses drastischen Einschnitts ins feine Gewebe des Schicksals, dargestellt durch einen Wandteppich, den Merida aus Versehen zwischen ihrer und der Mutter Darstellung zerschneidet. Andererseits muss das Mädchen nun allein die komplizierte und traditionelle Machtbalance zwischen den Clans raufender Deppen ausgleichen, die ja eine Hochzeit bewerkstelligen sollte. Dass die Erfindung der romantischen Liebe dabei vom Himmel fällt, ist als Lösung etwas einfach. Aber im Kern ist „Merida" ja auch nur ein Teenie-Verwechslungskomödie, aufgehübscht um ein paar keltische Elemente.

Das klingt tatsächlich sehr nach Disney, man könnte außer dem Ausbleiben neuer Visionen auch bemängeln, dass die Heldin Merida ein Gesicht wie eine Plastikpuppe hat. Das Lebendige ihrer Figur steckt ganz und gar in den Bewegungen ihres Körpers und im wilden Haar. Doch insgesamt ist „Merida" durchaus gelungen. Die Mischung aus Humor, Abenteuer und Gefühl stimmt. Drei kleine, freche Brüder des Mädchens sorgen für Scrat-Slapstick zwischendurch. Und sowohl Mutter wie Töchter können etwas Verständnis mit aus dem Kino nehmen, für die nächste Erziehungssituation, wenn wieder mal eine zum Tier wird.

Ted

USA 2012 (Ted) Regie: Seth MacFarlane mit Mark Wahlberg (John Bennett), Mila Kunis, Joel McHale, Giovanni Ribisi 106 Min.

Ted ist ein Zotenbär. Die Einschränkung „ab 16 Jahre" macht schon klar, dass dieser Teddy aus einem Zoo absonderlicher Kreaturen stammt. Dass der Film „Ted" dazu noch eine einzige Dauer-Zote darstellt, durchgekaut und abgestanden, sollte allen eine Warnung sein, die Humor und Rülpsen nicht in die gleiche Schublade einordnen.

Mark Wahlberg, der als ehemalige Schaufensterpuppe in seinen Action-Rollen gerade noch durchgeht, scheitert hier komödiantisch als Autoverkäufer John Bennett. An die Wand gespielt wird er von einem animierten Teddybär: Mehr Ausdruck, mehr Lebendigkeit, mehr Schweinereien. Das nämlich soll der fragwürdige Witz des Films sein - ein harmlos aussehender Teddy verhält sich wie ein pubertärer, ordinärer Vollidiot. Da ist es denn eine große Szene, wenn Ted sich mit vier Nutten besäuft und bekifft, während eine von ihnen im Wohnzimmer auf den Boden scheißt. Haha!

Um dieses Bouquet lustiger Szenen zusammenzuhalten, bemühte man das Handlungsgerüst ähnlich gelagerter Buddy-Filme: Der kleine John darf mit den anderen Jungs der Straße nicht jüdische Nachbarskinder verprügeln (ja, auch das gilt hier als Humor), und hat nur seinen Teddy als Freund. „Fürs Leben" soll diese Verbindung sein und schon spricht der Milbenfänger mit den Plastikaugen. Er will auch nicht ausziehen als John ein unreifer Mittdreißiger ist und seit Jahren mit Lori Collins (Mila Kunis) zusammenlebt. Die hält es jedoch nicht mehr aus, dass sich Ted und John andauernd bekifft schlechte Filme ansehen und stellt ihrem Freund ein Ultimatum. Bringt die Trennung die Teddy-Buddies auseinander?

Es mag im Trailer noch kurios aussehen, wenn ein Teddy-Bär Felatio pantomimisch mit Lebensmitteln und spritzendem Gel nachspielt. Doch selbst wenn man diese Scherze, derbste Sprache und durchgehenden Sexismus nicht als ordinär betrachtet, die Wiederholung im Minutentakt ödet an. Ein Kandidat für den schlechtesten Film des Jahres.

Und, liebe Werbung: Auch wenn ihr auf das Wortspiel „bärvers" total stolz seid, das hat mit pervers nichts zu tun. Das ist furchtbar verklemmt und spießig.

22.7.12

The Dark Knight Rises

USA, Großbritannien 2012 (The Dark Knight Rises) Regie: Christopher Nolan mit Christian Bale, Michael Caine, Gary Oldman, Anne Hathaway, Tom Hardy, Marion Cotillard, Joseph Gordon-Levitt, Morgan Freeman 164 Min. FSK ab 12

Acht Jahre nach dem Sieg über Joker sowie dem zwiegesichtigen Staatsanwalt Dent steckt der dunkle Ritter in einem schwarzen Loch und es ist nicht Batcave, die Hauptquartier-Höhle des Flattermanns. Alle Kriminellen oder Verdächtigen von Gotham City hocken im Knast, Bruce Wayne versteckt sich in seinem Schloss, speist und lebt nur mit seinen Depressionen. Erst der Diebstahl einer Perlenkette durch die raffinierte Selina Kyle (das einstige Prinzesschen Anne Hathaway wird zur Catwoman) bringt ihn ins Leben zurück. Gerade rechtzeitig zu einem gigantischen Komplott gegen Gotham City, das ohne jede Verkleidung einfach das New York meint. Oberschurke Bane (Tom Hardy) trägt den Krieg seiner arabischen Heimat in die westliche Vorzeige-Metropole, hat für die Wall Street-Banker statt Milliarden nur ein paar Kugeln, vertreibt dann die Reichen aus ihren Palästen an der 5th Avenue. Dabei ging Bane, diese Ausgeburt einer sozialistischen Hölle, zur gleichen Kampf-Schule wie Bruce Wayne, doch der verstoßene (Schwieger-) Sohn Ra's Al Ghuls (Liam Neeson) hat trotz einer Gesichts- und Atemmaske noch richtig Biss. Vor allem im Gegensatz zum satten und trübsinnigen Batman. Der muss mit gebrochenem Rückgrat (und Willen?) erst in den Untergrund, aus dem einst Bane hervorkroch, während der martialische Mörder seinerseits den Untergrund New Yorks unterminiert. Denn diesmal wird statt Gift in Kosmetik in ganz Manhattan Sprengstoff unter den Beton gemischt - mit atemberaubenden (Bild-) Folgen...

„The Dark Knight Rises" zeigt vor allem eines: Wenn man sich bei einem Guru anmeldet, weil man psychische Probleme hat oder meint immer eine Millionenstadt retten zu müssen, bitte gründlich über dessen Verhältnisse informieren. Denn die ganze Trilogie wäre in 15 Minuten erledigt, gäbe es nicht Ra's Al Ghul, diese bittere Mischung aus Konfuzius und Kampfmaschine.

Nach „Batman Begins" und „The Dark Knight" trägt „Dark Knight Rises" schmutzige Weltpolitik in den Mikrokosmos Gotham City, der sich immer selbst genügte. Nolan tobt sich mit den Comic-Charakteren Bob Kanes aus, beginnt mit James Bond-Action über den Wolken und will auch am Ende noch nicht Schluss machen, denn da heißt es: Robin (Joseph Gordon-Levitt) Rises. Dabei überzeugt wieder die gelungene Balance aus guten Charakteren mit ernstzunehmenden Tiefen und eindrucksvollen Popcorn-Szenen. Beim ganz großen Anschlag lässt Bane ein komplettes Football-Feld im Untergrund versinken, während ein Spieler zum Touchdown stürmt und dann im Rückblick staunend die riesige Trümmerlandschaft sieht, in der beide Mannschaften vor versammelten Rängen verschwanden. Das macht was her auf der Leinwand, aber spielt auch maßlos mit Menschen, die nicht zählen. Das Drehbuch spielt sogar ohne große Folgen mit Atombomben - eine seltsame Energiewende. Den Humor übernimmt eine feine Ironie ohne Schenkelklopfer, wenn Bruce Wayne etwas beim Wohltätigkeits-Maskenball der einzig ohne Maske ist. Oder wenn die Maskenmänner Wayne und Bane, bei den direkten Duellen mit archaischer Faustkraft mit ihren verzerrten Stimmen irgendwie nach Muppet-Show klingen.

Bei allem großen Kino - unterstützt von einem endlich mal wieder beeindruckenden Soundtrack Hans Zimmers - lassen auch fast drei Stunden Lauflänge zu wenig Zeit: Marion Cotillard verschwindet als wahrlich nicht unwichtige Wayne-Gespielin Miranda Tate in den Hintergrund, das Handlungs-Holterdiepolter wirkt stellenweise übereilt. Was aber beim gespannten Staunen nicht wirklich auffällt. „The Dark Knight Rises" liefert ein gelungenes Finale zu Nolans Latex-Triptychon.

17.7.12

Das verflixte 3. Jahr

Frankreich, Belgien 2012 (L' amour dure trois ans) Regie: Frédéric Beigbeder mit Gaspard Proust, Louise Bourgoin, JoeyStarr 98 Min. FSK ab 12

„Sie können sich den Rest des Lebens hassen," meint der Standesbeamte bei der Scheidung und so hat der Vorspann eigentlich schon alles erzählt. Der gallige Literaturkritiker und Lifestyle-Kolumnist Marc Marronnier (Gaspard Proust) fast seine Ehe - meist besoffen und bitter - im Roman „Die Liebe dauert drei Jahre" zusammen. Aber beim Begräbnis der Großmutter in der Bretagne wird aus dem pointierten Zynismus eine neue Liebesgeschichte zu Alice (Louise Bourgoin), der Frau von Marcs Cousin. Beide sind Fan von Jacques Demys Mega-Kitsch „Peau d'ane", er philosophiert über die Folter der ausbleibenden SMS und ein ausufernder Demonstrations-Kuss startet die große Leidenschaft. Als der Roman tatsächlich unter Pseudonym erfolgreich veröffentlicht wird, erfährt Alice, dass ihre Liebe so schlecht über die Liebe schrieb...

Als Kritiker kann der Protagonist Marc den bekannten zynischen Ton Frédéric Beigbeders aus „39,90" anschlagen. Damals Werbetexter und Romanautor, inszeniert Beigbeders diesmal sein Buch selbst. Der Zynismus trifft den Punkt, wird von der Musik ironisch begleitet, durch Montage und Texteinblendungen mit Leichtigkeit aufgeheitert. Die Liebesgeschichte präsentiert sich echt, man könnte höchstens bekritteln, dass Marc von einem Modellfrauen-Katalog umgeben ist. Ansonsten gelingt Beigbeder die Balance zwischen ironisch witziger Distanz und einem mitgefühlten Liebesdrama.

Der Lorax

USA 2012 (Dr. Seuss' The Lorax) Regie: Chris Renaud 89 Min.

In der Plastik-Stadt Thneed-Ville sind die Bäume zum Aufblasen und werden mit Fernbedienung sowie Extras geliefert - einige sogar im Disco-Kugel-Modus! Nichts eignet sich besser für solche eine aseptische Kunstwelt wie die kunterbunten Visionen aus dem Animations-Computer. So scheint auch Dr. Seuss' Kinderbuch „Der Lorax" in der Verpackung als Animationsfilm (wahlweise 2 oder 3D) gut aufgehoben. Ein toller Spaß mit bunt abgefederter Gesellschaftskritik.

Der zwölfjährige, abenteuerlustige Ted Wiggins lebt mit schriller Mutter und kauziger Großmutter glücklich in Thneed-Ville. Bei all dieser Fröhlichkeit könnte man glatt vermuten, dass irgendwas in die täglichen Frischluft-Lieferungen gemixt wurde. Doch „Der Lorax" ist nicht so ein Film. Ted schwärmt einfach verliebt dem Nachbar-Mädchen Audrey hinterher, die von richtigen Bäumen malt und träumt, welche es früher mal gegeben haben soll. Als Audrey erwähnt, wer ihr einen echten Baum bringe, den würde sie glatt heiraten, sieht der Junge seine Chance gekommen. Den Hinweisen seiner gar nicht so verrückten Großmutter folgend, überwindet er mit einem Einrad-Elektroscooter die Stadtumzäunung und entdeckt draußen in einer toten, staubigen Welt das Haus eines einsamen Mannes...

Thneed-Ville könnte auch Pleasant-Ville oder Seahaven heißen, denn wie in der „Truman-Show" werden Ted die Schleier einer Scheinwelt von den Augen gerissen. Der grimmige, bärtige Typ, der sich in einem hohen Turm verschanzt, erzählt wie es dazu kam, dass die Bäume verschwanden: Ein junger Unternehmer holzte einen dieser magischen Stämme mit den unsagbar weichen Farbenstrudel im Wipfel um. Dies rief die eher lustige als mystische Figur Lorax hervor, den Wächter des Waldes. Zwar sind diese Marshmallow-Fantasie vom Paradies, die nächtliche Entführung mit Kuscheltier-Version der Mission Impossible-Melodie, das River-Rafting in Bett und Pyjama oder der Chor krähender Goldfische durchschüttelnd und umwerfend komisch. Aber den Tod des Waldes für ein gänzlich nutzloses Konsumprodukt verhindert der Lorax nicht.

„Der Lorax" bringt einen großen und leicht hintersinnigen Spaß vom Kinderbuch ins Kino: Flotte Abenteuer, fantastische Animationen, lustige Liedchen, ein Haufen 3D-Effekte und eine raffiniert verpackte Portion Gesellschaftskritik machen in Deutschland nachhaltig Werbung für den hier unterschätzten Kinderbuch-Autor Dr. Seuss („Horton hört ein Hu!", „Der Grinch"). Bei allem Spaß wird nebenbei Kapitalismus noch kindgerecht erklärt: Frischluft in Plastikflaschen ist doch genauso bescheuert, wie für Wasser zahlen, dass vom Himmel fällt. Doch wenn die Produktion dieser Luft-Flaschen die Umwelt völlig verschmutzt, macht der Unsinn sich selbst rentabel. Ein Schild-Kapitalisten-Streich.

Aber trotz dieses Hauchs von Öko ist „Der Lorax" kein tiefgründiges, mythisches Kunstwerk wie die Animationen von Hayao Miyazaki („Ponyo", „Prinzessin Mononoke"). Der Film ist sogar harmloser als die eigene Vorlage, die jetzt neu aufgelegt wurde. Doch wenn er einen mit großen Kuscheltier-Augen niedlicher Nager anblickt, wird die Trauer um den toten Baum, vielleicht genügend zukünftige Fortschritts-Profiteure rechtzeitig auf Abwege bringen.

11.7.12

Das Haus auf Korsika

Belgien, Frankreich 2011 (Au cul du loup) Regie: Pierre Duculot mit Christelle Cornil, François Vincentelli, Jean-Jacques Rausin 82 Min. FSK ab 6

Als ihre Oma, die sie in den letzten Lebensjahren pflegte, stirbt, vermacht das Testament Christina (Christelle Cornil) ein Häuschen auf Korsika. Ihre italienisch-stämmigen Familie aus dem wallonischen Verlierer-Städtchen Charleroi, die praktischere Dinge wie Geld oder eine Wohnung vor Ort erbte, empfiehlt der arbeitslosen Absolventin eines scheinbar nutzlosen Kunststudiums sogleich: verkaufen. Doch obwohl nicht mal ihr Freund mitzieht, bricht Christina mitten in der Nacht völlig spontan nach Korsika auf. Dort macht schon das Licht allein ihre Entscheidung verständlich. Während Charleroi neben Arbeitslosigkeit, griesgrämigen Menschen vor allem Grau-Grün bietet, offeriert die harte Abgeschiedenheit des verfallenen Hauses im Gebirge eine wohltuende Klarheit. Auch die etwas andere Ruppigkeit der rauen Insel nimmt Christina ein. Sie erobert mit einem Moped, das kaum den Berg schafft, die Insel, erfährt einiges über ihre Oma und beginnt ihre Bruchbude bewohnbar zu machen.

Undramatisch, ja geradezu zaghaft zurückhaltend entwickelt sich der einnehmende Film. Ein paar musikalische Einlagen mit Lokalkolorit und die unerwartete Herzlichkeit gegenüber der „Enkelin von Lucchese", wie sie bald heißt, sorgen dafür, dass man selbst ganz schnell so ein Haus auf Korsika zumindest mieten will. Im Kern ähnelt „Das Haus auf Korsika" dem anders mediterranen „Unter der Sonne der Toskana" - halt ohne die Sonne und Korsika. Auch Christina muss ein paar einsame, kalte Nächte ohne Mann verbringen, weil der begehrte Schäfer schon vergeben ist. Doch irgendwann tauchen Vater und Bruder unerwartet auf, um beim Umbau zu helfen. Die belgische Hauptdarstellerin Christelle Cornil passt da sehr gut hinein. Sie ist nicht eine der lieblichen und beliebten französischen Kindfrauen. So wie „Das Haus auf Korsika" nicht zu den überkitschten Wohlfühlfilmen gehört. Die klare Luft tut auch dem Genre gut.

10.7.12

Bis zum Horizont, dann links!

BRD 2012 Regie: Bernd Böhlich mit Otto Sander, Angelica Domröse, Ralf Wolter, Marion van de Kamp, Us Conradi, Herbert Feuerstein, Anna Maria Mühe, Tilo Prückner, Robert Stadlober 92 Min.

„Eine Entführung ist kein Spaß." „Altersheim auch nicht!" Das ist, auf zwei Sätze gebracht, die Motivation des Seniors Eckehardt Tiedgen (Otto Sander) bei einem Rundflug seines Heimes eine alte Junkers voller Lebens- und auch Filmgeschichten zu entführen. „Bis zum Horizont, dann links!" macht sich nicht die übliche Mühe, Vorleben, Krankheiten und den Standard-Satz an persönlichen Eigenheiten mit einzupacken. TV-Routinier Bernd Böhlich startet schnell durch und legt mit eigenem Buch und Regie eine unterhaltsame Punktlandung hin.

Das Beste dabei sind seine Passagiere, sprich: Darsteller. Für die jüngeren Semester gibt es das neue Cover-Girl Anna Maria Mühe als sexy Pflegerin Amelie und Robert Stadlober als Ko-Pilot Mittwoch. In der Mittellage meckert Herbert „Mad" Feuerstein als nerviger Spießer Miesbach (sic!) über alles. Doch die echten Senioren sind ein wahrer Augenschmaus und wie die „Tante Ju" eindrucksvolle deutsche Filmgeschichte. Vor allem Angelica Domröse und Otto Sander bereiten großes Sehvergnügen. Sein großartiger Monolog über das Leben auf dem Abstellgleis führt zu einer ganz demokratischen Abstimmung für die Entführung. Der junge Ko-Pilot Mittwoch (Robert Stadlober) macht vor lauter Begeisterung über seine Insassin Schwester Amelie (Anna Maria Mühe) auch mit. Eine ehemalige Schauspielerin ergreift die Chance des Comebacks in der Rolle einer arabischen Terroristin.

„Bis zum Horizont, dann links!" erlaubt sich triviale neben großen Momenten. Dazu ein schön offener Horizont am offenen Ende. Tatsächlich ein Film, für den sich der Ausflug ins Kino von Bernd Böhlich lohnt.

Hasta la Vista

Belgien 2011 (Hasta La Vista) Regie: Geoffrey Enthoven mit Robrecht Vanden Thoren, Gilles de Schryver, Tom Audenaert, Isabelle de Hertogh 120 Min. FSK ab 12

Der Druck, mit Querschnittsgelähmten und anderen Behinderten fast ganz normale Komödien zu machen, ist so groß, dass man fast ein eigenes Genre dafür aufmachen könnte. Oder eigentlich nicht, denn Oscar Pistorius startet ja nun schließlich auch mit allen anderen bei Olympia. "Hasta la vista" jedenfalls ist einfach eine manchmal pubertäre aber oft auch eine fein beobachtete, ganz normale Komödie aus Belgien. Der wahre Sex-Leben der behinderten Belgier halt.

Der querschnittsgelähmte Philip (Robrecht Vanden Thoren) träumt von joggenden Brüsten und Mama fragt hilfsbereit, ob sie "seine Hand unten hinlegen soll..." Philip und seine Freunde, der extrem sehbehinderte Jozef (Tom Audenaert) sowie der todkranke Lars (Gilles de Schryver) sind fast erwachsene, junge Männer, die durch ihre Behinderung in einigen Bereichen etwas hilflos sind und vor allem sexuell endlich mal nicht mehr bemuttert werden wollen.
So zieht es die lüsternen männlichen Jungfrauen unter Anführung des rabiaten Philip nach Spanien, wo das Puff El Cielo sich besonders um Behinderte kümmert. Das genau Ziel kennen die Eltern nicht, stimmen aber nach einiger Überredung zu. Doch der Tumor von Lars ist mittlerweile gewachsen, er darf nicht mitfahren. Die drei brechen trotzdem auf - heimlich, mit einem etwas schäbigeren Van und einer etwas günstigeren Betreuung. Die heißt Claude (Isabelle de Hertogh) stellt sich bei ersten persönlichen Treffen nicht nur unerwartet als Frau heraus, sondern auch noch als ganz schön üppige Wallonin. Was Phillip zu einem Schwall von Gemeinheiten auf Flämisch veranlasst. Typisch belgische Verständigungsprobleme, die auf den ersten paar Hundert Kilometer ausgeräumt werden, denn schon in der ersten Nacht geht einiges schief, die drei kleinen Arschlöchern verhalten sich betrunken noch etwas schlimmer und zuletzt völlig hilflos. Claude erweist sich als nicht nachtragender, klasse Kumpel, der sehr wohl flämisch versteht und gegen die Verfolgung der mittlerweile alarmierten Eltern einige Tricks auf Lager hat. So übernachtet man nicht in Paris sondern im „1000 Sterne Hotel Claude" unter freiem Himmel. Endlich am Mittelmeer geben sich die Jungs zwar Cool im Pool, aber reichlich unerfahren in Sachen Sex. Auch hier kann Claude helfen und sorgt sogar für etwas Romantik.

Zwischen „Uneasy Rider" und Nicholsons „Das Beste kommt zum Schluss" bewegt sich diese deftige und herzliche Komödie aus Belgien. Die drei Jungs dürfen ein paar Behinderten-Scherze machen, man schwelgt zu Joe Dassins „Et si tu n'existais pas", findet wahre Liebe und genießt das Leben. Ein herzliches Vergnügen mit nur etwas Wehmut.

9.7.12

Fast verheiratet

USA 2012 (The Five-Year Engagement) Regie: Nicholas Stoller mit Jason Segel, Emily Blunt, Chris Pratt, Alison Brie und Rhys Ifans 124 Min. FSK ab 12

Kann Rom-Com noch komisch sein? Wenn gleich zu Beginn der Heiratsantrag herrlich misslingt, gibt es Hoffnung auf eine gute Romantische Komödie, diesmal sogar mit einem Schuss Realismus. Ein Jahr kennen sich Tom (Jason Segel) und Violet (Emily Blunt) bereits. Exakt am Jahres- und Silvestertag reserviert der Koch einen ganz speziellen Tisch mit traumhaftem Ausblick über San Francisco und verrät die Überraschung aufgeregt wie ein Teenager vorher. Dass die beiden Spaß miteinander bekommen, war schon beim Kennenlernen klar: Die Britin Violet überstrahlte als Princess Di die Party, er als rosa Riesen-Kaninchen. Auch weiterhin ist das Paar für einen Scherz gut, Freunde und Verwandten machen in bester Besetzung und gut aufgelegt mit. Erstere beispielsweise mit dem besten Freund Alex, die in einem lustigen Video alle Ex-Freundinnen von Tom vorführt. Eltern, Onkels und Tanten, indem sie langsam wegsterben und die Dringlichkeit einer Hochzeit nahelegen. Doch der Ernst des Lebens hinterlässt einen Brief in der gemeinsamen Wohnung: Violet bekommt nach ihrem Studium nur einen Uni-Job im eisigen Michigan. Aber der gutmütige Chefkoch Tom zieht mit (um), obwohl ihm seine derbe Lesben-Chefin eigentlich ganz treuherzig ein eigenes Restaurant anbieten wollte. Die ersten zwei Jahre übersteht Tom geduldig in unwirtlicher Umgebung als Fast-Food-Zubereiter während Violet mit absurden Donut-Experimenten als Sozialwissenschaftlerin Karriere macht. Ihre Vertragsverlängerung erschüttert die Beziehung: Aus dem etwas tapsigen, sympathischen Kerl wird ein bärtiger Waldschrat mit seltsamen Vorlieben für Schusswaffen und übergroße Strickpullover. Zwar kommt ein neuer Hochzeitstermin näher, doch die Distanz zwischen den Verlobten wächst...

Wenn man noch blütenweißen Mädchenträumen nachhängt, mögen solche Organisationsprobleme als dramatische Triebfeder hinlangen. Falls nicht, gibt es einige Längen in „Fast verheiratet". Doch man kann Nicholas Stoller, einem gemäßigten Regisseur der ansonsten grobschlächtigen bis absurden Aptow-Fabrik, zugute halten, dass er den Clash zwischen romantischen Träumereien und ganz realistischem Gegenwind im Beziehungsleben immer wieder zulässt. Aber vor allem gelingen ihm mit einem vielköpfigen Set an kantigen und komischen Figuren einige starke Komödien-Knaller. „Harry and Sally" darf als Referenz erwähnt werden, die Salat-Szene kommt mehrfach auf der Lacher-Skala in Sichtweite. Auch wenn es wohl nicht ohne die Aptow-typischen, absurden Ausreißer geht, bei denen das Lachen ins Kopfschütteln übergeht, hält Stoller meist die Stimmung des Films zusammen.

4.7.12

Sons of Norway

Norwegen, Schweden, Dänemark, Frankreich 2011 (Sønner av Norge) Regie: Jens Lien mit Åsmund Høeg, Sven Nordin, Sonja Richter 88 Min. FSK ab 12; f

Zwischen herrlicher Komödie und herzerweichender Tragödie bewegt sich die Geschichte von Nikolaj: Für den Jungen aus einem dieser Trabantenstadt-Häuschen, die sein alternativer Vater plant, wird Johnny Rottens „No Future" von der Phrase mit dem Unfall-Tod der Mutter zur schreckliche Situation. Nikolaj und sein Freund verkleiden sich als kleine Vorstadt-Punks und irgendwann macht der großartige Vater mit. Aus Liebe zu seinem Sohn und weil beide allein nicht recht weiter wissen. Das ist genauso ungewöhnlich wie der ganze Film, der eine Vielzahl von Themen und Gefühlslagen gekonnt und sympathisch verbindet. Die Energie des revolutionären Aufbegehrens führt ausnahmsweise mal zu einem generations-übergreifenden Spaß.

2.7.12

Woody Allen: A documentary

USA 2012 (Woody Allen: A Documentary) Regie: Robert B. Weide 117 Min.

Was Sie schon immer über Woody Allen wissen wollten, aber nie zu fragen wagten... - verspricht diese Dokumentation von Robert Weide im unausweichlichen Wortspiel mit einem von Allens Filmtiteln. Man erfährt tatsächlich viel, sehr viel. Auch vom Meister selber, der entspannt Antwort gibt und sich ungeachtet seines ansonsten eher scheuen Images mit der Kamera begleiten lässt. Doch über fast zwei Stunden ist halt nur Woody Allen mit seinen frühen Bühnenauftritten, seinen Filmausschnitten lustig oder interessant. Die Doku über ihn langweilt hingegen oft.

Sie ist schon erstaunlich, die Karriere des am 1. Dezember 1935 in Brooklyn geborenen Allen Stewart Konigsberg, der als Gag-Schreiber begann, es selbst - bis zum Erbrechen hypernervös - auf der Bühne ziemlich schwer hatte und seit seinem Coming Out als Filmregisseur mit pedantischer Disziplin jedes Jahr einen Film fertig stellt. Mit dem ihm ureigenen Humor beschreibt er den Prozess des Filmemachens als anfängliche Vorstellung, einen neuen „Citizen Kane" zu schaffen, bis zur künstlerischen Prostitution am Ende, nur um das alles zu überleben. Doch scheinbar besser dies als die Apotheker-Karriere, die seine Eltern geplant hatten, wie die Schwester sehr offen und unerwartet persönlich erzählt. Kurios auch, dass der extrem fleißige Autor und Regisseur immer noch auf seiner deutschen Olympia tippt, die er vor Jahrzehnten für 40 Dollar erstand. „Cut & Paste" nennt sich bei ihm noch ganz ursprünglich das Arbeiten mit ausgeschnittenen und dem Hefter zusammengefügten Papierstücken.

Die an derartigen Anekdoten reiche, aber trotz einiger persönlicher Auftritte (etwa von der langjährigen Lebensgefährtin Diane Keaton) selten weiterführende Dokumentation „Woody Allen: A documentary", profitiert von und leidet unter der freundschaftlichen Vertrautheit zum Objekt der Beobachtung. Man darf Woody Allen aus der Nähe betrachten, doch Regisseur Robert B. Weide blickt so gut wie nie hinter die Kulissen. Ärgerlich gar der dauernde Auftritt eines Filmbeauftragten der us-amerikanischen Kirche. Dessen konstante Versuche, dem bekennenden Atheisten Woody Allen gerade wegen dessen häufigen Scherzen über Gott einen tiefen Glauben unterzujubeln, klingen wie ein Allen-Witz, den der selbst schon tausendfach besser gebracht hat. Trotzdem erreicht „Woody Allen: A documentary" im Guten wie im Schlechten Eines: Man bekommt Lust, sich noch mehr Woody Allen anzusehen.

Cosmopolis

Kanada/Frankreich, 2012 (Cosmopolis) Regie: David Cronenberg mit Robert Pattinson, Juliette Binoche, Sarah Gadon, Mathieu Amalric, Jay Baruchel, Samantha Morton, Paul Giamatti 113 Min. FSK ab 12

Den Niedergang des Risiko-Kapitalismus mitzuerleben, ist kein Vergnügen. Wenn man sich das im Kino ansehen soll, muss schon Robert Pattinson den gierigen Zeitgeist verkörpern. Er spielt den extrem reichen Banker Eric Packer in David Cronenbergs Verfilmung von Don DeLillos prophetischem Roman „Cosmopolis".

Cronenberg inszeniert eine Stretch-Limousine auf der 24-stündigen Fahrt über die 47. Straße quer durch Manhattan als Panzer eines Cyber-Kapitalisten, als Monade. Kalt und herzlos bewegt sich der Multimilliardär Eric Packer (Robert Pattinson) im Schneckentempo durch New York. Während der US-Präsident und das Begräbnis eines Rap-Stars die Straßen blockieren, steigen Packers Analysten, Ärzte und Affären ein oder aus. Er trifft sich mit seiner Frau, die nach der Heirat zweier Geldfamilien seine Augenfarbe entdeckt und noch immer nicht mit ihm schlafen will. Draußen brechen soziale Unruhen aus, die Weltwirtschaft ist wieder in einer Krise, diesmal wegen des Yuan, und die reizvolle Idee der Ratte als Währung geistert herum. Gleichzeitig ist ein unbekannter Attentäter hinter Packer her, wie dessen Sicherheitsdienst berichtet. Der Mega-Reiche und -Mächtige sucht und erlebt an einem Tag seinen Niedergang, macht lustvoll den Ikarus, weil ihn alles andere zu langweilen scheint.

David Cronenberg und auch Leos Carax zeigten beim letzten Festival von Cannes die immer mehr raumgreifenden Stretch-Limousinen als Symbol für grenzenlosen Kapitalismus. Sowohl die dichten, gesellschafts-analytischen und psychologischen Dialoge als auch einzelne Szenen im neuen Cronenberg „Cosmopolis" sind hoch spannendes Gedanken-Futter. Das Emotionale ist im Protagonisten und im Film reduziert. Nur die Binoche darf als ganz normale Geliebte an Packers menschliche Seite appellieren. Bei der nächsten Besucherin geht es wieder zurück zum skurillen Normalzustand Während Packers Prostata in der Limousine untersucht wird, entdeckt direkt daneben seine vom Joggen durchgeschwitzte Analystin in einer wunderbar absurden Szene ihre verborgenen sexuellen Interessen. Allerdings verliert der Film zum Ende an Drive, ausgerechnet wenn es beim Friseur und väterlichen Freund Packers ans Innerste des Protagonisten gehen soll.

Im Vergleich der Stretch-Limousinen hat Carax nicht die längste, aber die schrägste, wenn er die unsinnige Perversionen auf Rädern als die eigentlichen Lebewesen zeigt, in denen Menschen nur als Schmarotzer mitfahren. Auch wenn der Cyber-Kapitalist vom Twilight-Blutsauger Robert Pattinson treffend verkörpert wird, schaut man sich „Cosmopolis" vor allem analysierend an. Wie schon beim letzten Film Cronenbergs, dem C.G. Jung-Drama „Eine dunkle Begierde", macht der Regisseur, der sich früher mit „A History Of Violence" (2005), „Crash" (1995) und vor allem „Naked Lunch" (1991) spektakulär in die Eingeweide des menschlichen Wesens wühlte, nun hauptsächlich Kopf-Kino.