9.2.21

Neues aus der Welt / Netflix


Der alte Mann und das Kind – als Filmpaar sind sie unschlagbar. Diesmal wird der von Tom Hanks gespielte Kriegs-Veteran Captain Jefferson Kyle Kidd durch ein verlorenes Kind, dessen er sich nur widerstrebend annimmt, aus der eigenen Verlorenheit befreit. Wie Regisseur Paul Greengrass („Bourne-Trilogie", „Flug 93") diesen Klassiker zum Spät-Western „Neues aus der Welt" macht, wirkt vor allem durch Tom Hanks und die deutsche Golden Globe-Kandidatin Helena Zengel wieder sehenswert.

Captain Jefferson Kyle Kidd (Hanks) reist 1870 allein durch Texas, um den Menschen in Pionierdörfern die Neuigkeiten aus der Welt zu bringen. Fünf Jahre nach dem Bürgerkrieg dürsten sie nach Unterhaltung und Ablenkung. In Vorstellungen er liest aus älteren Zeitungen von Politik und kuriosen Ereignissen. Auf dem Weg zu seinem nächsten Auftritt, durch immer noch gefährliche Steppen, findet er am Schauplatz eines blutigen Überfalls die zehnjährige Johanna (Helena Zengel). Das Kind im Indianer-Gewand will weglaufen, bleibt scheu und spricht nicht. Aus herumliegenden Papieren versteht Kidd, dass Johanna, die Tochter deutscher Auswanderer, vor sechs Jahren von den Kiowa entführt und aufgezogen wurde. Da sich in einem vor allem menschlich wilden und rauen Westen niemand um das Kind kümmern will, entschließt sich der Veteran, Johanna selbst zu Tante und Onkel zu bringen. Mitten durch ein besonders gefährliches Gebiet.

Es wird in „Neues aus der Welt" dem Genre entsprechend Schießereien geben, Hinterhalte und Überfälle. Das Elend der vertriebenen Ureinwohner und das harte Leben der Neuankömmlinge. Doch die Hauptsache ist die Figur des gebrochenen Kriegs-Veteranen, der mit Anstand durch eine im doppelten Wortsinn „ungebildete" Nation reist. Symptomatisch ist das Duell mit dem brutalen Chef einer von Banditen kontrollierten Stadt: Kidd liest nicht die gewünschte Geschichte über des Gangsters Grausamkeiten, sondern eine von Überleben und der Hoffnung einfacher Menschen. Nebenbei  führt er so Demokratie ein: „Welche Geschichte wollt ihr hören?" Wer hier nicht an Trumps Amerika denkt, muss es bei der x-ten Erwähnung, dass „eine zerrissene Nation" zu einigen sei. Tragisch, dass es auch 150 Jahre später teilweise noch der Riss zwischen Nord- und Südstaaten ist.

Tom Hanks brilliert erwartungsgemäß in der Rolle des stillen und bescheidenen Aufrechten. Doch neben ihm besteht überraschend dieses unzähmbare Mädchen aus „Systemsprenger", dem Berlinale-Hit von vor zwei Jahren: wieder die blonden Haare, stechend blaue Augen, wild und bissig. Das gleiche Schreien, dass durch Mark und Bein geht. Helena Zengel spielt sehr passend ein blondes, deutschstämmiges Mädchen, das bei Kiowa aufwuchs und kein Englisch spricht. So ist der mittlerweile 12-Jährigen die Rolle wie auf den Leib geschrieben, aber immerhin schauspielt sie schon, seit sie fünf war. Bei den Golden Globes hat sie als "Beste Nebendarstellerin" mit Jodi Foster einen ehemaligen Kinderstar als Kontrahentin, der mittlerweile auch Star-Regisseurin und Produzentin ist.

Ein „Systemsprenger" ist dieser neue Paul Greengrass trotzdem nicht. Der Netflix-Film „Neues aus der Welt" wäre großes Kino, wenn man in nebeliger Ferne elende Gestalten eines vertriebenen Indianer-Stammes wie bei Todesmärschen sieht. Ein unheimlich eindrucksvolles Panorama auch beim gewaltigen Sandsturm oder einem Massaker an Buffalos. Bittere Zivilisationskritik an einem Westen, der erst durch die angebliche Zivilisation der weißen Eroberer wirklich wild und grausam geworden ist. „Siedler, die Indianer für ihr Land umbringen. Indianer, die Siedler umbringen, die ihr Land geklaut haben." Aber vor allem ist die melancholische Reise vom alten Mann und wildem Kind, auf der beide von ihren Dämonen begleitet werden, so schön rührend, wie man es vom Konzept eines solchen Films erwartet.

„Neues aus der Welt" (News of the World, USA 2020), Regie: Paul Greengrass, mit Tom Hanks, Helena Zengel, 119 Min., FSK: ab 12


8.2.21

Beginning / Mubi


Das georgische Spielfilm-Debüt „Beginning" von Déa Kulumbegashvili wird nach seiner Auflistung beim ausgefallenen Cannes Filmfestival 2020 überall gefeiert. In Toronto, Rotterdam und San Sebastián gab es Preise, die Kritiken sind euphorisch. Dabei fordert der Arthouse-Film mit extrem langen Einstellungen, Handlungs- sowie Bewegungs-Armut: Während im Gottesdienst die Geschichte von Abraham und Isaak, diese besonders sadistische Prüfung im repressiven Glaubens-System, gepredigt wird, fliegt ein Brandsatz ins Gemeindehaus der Zeugen Jehovas. Die generell feindliche Haltung gegen die Sekte belastet auch die Ehe des Gemeindeleiters. Sie wollen nicht mehr das Gleiche und während er in der Hauptstadt um ein neues Gemeindehaus bittet, wird seine Frau Yana von einem vermeintlichen Polizisten drangsaliert und schließlich vergewaltigt.

„Beginning" deutet den Leidensweg Yanas in langen ereignisarmen Einstellungen fast ohne Kamerabewegungen an. Schon die Bildkompositionen sind ein Gefängnis für die Frau. Quälend langsam die Bedrohung durch den Fremden, der sie schließlich in ungeschnittener Echtzeit vergewaltigt. Nach einer Stunde sehen wir Yana sieben Minuten lang von oben regungslos im Laub liegen. Das ist rätselhaft und auch meditativ – in anderen Filmschulen würde man es als Zeitverschwendung bezeichnen.

Nach dem großartigen georgischen „Als wir tanzten" ist das Debüt von Déa Kulumbegashvili mit sehr hohen Anforderungen an Konzentration und Geduld vielleicht nicht das richtige fürs Heimkino. Selbst auf der Kunstkino-Plattform Mubi ist „Beginning" auch für Zuschauer ein langer Leidensweg, bis nach zwei Stunden der große Schock des unverständlichen Abrahamschen Opfers (oder eher Medea?) „genossen" werden darf.

„Beginning" (Dasatskisi, Georgien, Frankreich, 2020), Regie: Dea Kulumbegashvili, mit Ia Sukhitashvili, Rati Oneli, Kakha Kintsurashvili, Saba Gogichaishvili, 130 Min. Im Anschluss ein erläuterndes Interview mit der Regisseurin, FSK: keine Angabe

Bliss / Amazon Original


Realität oder Traum? Diese Doppelung ist bei Werken der Traumfabrik Film äußerst beliebt – siehe „Brazil", „Öffne die Augen" („Abre los ojos", Alejandro Amenábar mit Penelope Cruz) oder „Matrix". Wie im letzteren die Wahl zwischen der roten und der blauen Pille fällt, so bekommt Greg (Owen Wilson) plötzlich die Gelegenheit, mit blauen Kristallen einer elenden Realität zu entfliehen. Der Angestellte ist nach Scheidung ohne Wohnung und bekommt vom ekligen Chef die Kündigung mitgeteilt. Worauf dieser auch noch unglücklich fällt und Greg als vermeintlicher Mörder fliehen muss. In einer Bar trifft der Verzweifelte auf die seltsame Isabel (Salma Hayek). Diese heftig tätowierte Frau mit spanischem Akzent vermittelt ihm, dass die ganze Umgebung mit all den unangenehmen Menschen nicht real sei. Durch ein Fingerschnipsen könne sie Dinge und Personen umkippen oder wegwischen! Was allerdings nur dank gelber Kristalle vom Dealer funktioniert.

Das Spiel mit dem Kerngedanken einiger ganz großer Filme - und der Menschheit überhaupt – erinnert in „Bliss" anfangs an Klassiker wie Stanislaw Lems „Der futurologische Kongreß" (verfilmt mit Robin Wright): Eine mit Drogen oder anderen Chemikalien erzeugte Bewusstseins-Folie hilft, krasse Klassenunterschiede zu erhalten. Denn nach den blauen Kristallen erwacht Greg in einer sonnendurchfluteten Traumwelt wie aus dem Ferien-Katalog. Wobei die Perversion diesmal darin liegt, dass verwöhnte Bewohner Utopias sich in einer besseren Zukunft per Simulation ins Elend stürzen, damit sie ihr bevorzugtes Leben wieder zu schätzen wissen. Das könnte vom Grundgedanken Philipp K. Dick („Bladerunner") sein. Doch ohne Witz, zu dem der gut besetzte Owen Wilson sehr gut fähig wäre, zieht der moderate Science-Fiction sein „One trick pony" wenig raffiniert durch. Das bald sichtbare Drama eines Drogenabhängigen packt auch bei den Rettungsversuchen seiner Tochter nicht richtig. Man vermisst weitere originelle Ideen, die das Denken auf den Kopf stellen. So hat der Philosoph Slavoj Žižek als Hologramm die beste Szene des Films, wenn er erklärt, dass die Hölle das wahre Paradies sein könne: Dort würde man immer Party feiern. Allein wenn ein Besucher von „oben" käme, würde man kurz die üblichen Höllenqualen nachspielen.

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3.2.21

In Therapie / Arte


Ein Psychoanalytiker. Fünf Klienten. Eine Familie. Eine Nation. Aus dem Rhythmus sich wöchentlich wiederholender Sitzungen entwickelt das Erfolgsduo Eric Toledano und Olivier Nakache („Ziemlich beste Freunde") ein höchst interessantes Mosaik französischer Befindlichkeiten nach den Terroranschlägen auf das Pariser Bataclan. Denn Psychoanalytiker Dr. Philippe Dayan bewegen auch seine vielleicht untreue Frau, das Verhältnis zu seinen Kindern und eine alte Beziehung.

Die 35 kurzen Episoden „In Therapie" beginnen am Montag, den 16. November 2015, drei Tage nach dem Anschlag: Die 35-jährige Chirurgin Ariane (Mélanie Thierry) berichtet eindringlich erschütternd von ihrem endlosen Einsatz im Operationssaal der Klinik Saint-Antoine. Im Wechsel weinend und wütend erzählt sie endlich aber auch, wie sie direkt danach den Wunsch ihres Freundes nach einer gesetzteren Beziehung brüsk zurückgewiesen und sich von ihm getrennt habe. Um ihren Psychoanalytiker Philippe (Frédéric Pierrot) am Ende der Sitzung mit einer heftigen Annäherung zu konfrontieren.

Am Dienstag kommt Adel Chibane (Reda Kateb) in die Praxis. Der algerisch-stämmige Polizist einer Spezialeinheit stürmte in vorderster Front den Konzertsaal und erlebte einen Zusammenbruch. Noch immer ist er geschockt vom Klingel-Konzert all der Handys der Opfer und von der Hand, die aus dem Berg von Toten und Verletzten nach ihm griff. Auch wenn „In Therapie" meist ein Kammerspiel bleibt, schnüren derartige Details die Kehle zu.

Da wirkt am Mittwoch die 16-jährige Schülerin und Top-Schwimmerin Camille (Céleste Brunnquell) erst einmal komisch, wie sie nur unter viel Chaos preisgibt, was ihr geschah: Im Training für die nächsten Olympischen Spiele wird sie in einen Autounfall verwickelt und bricht sich beide Arme. Sie erinnert sich an nichts, aber die Versicherung des Autofahrers vermutet, dass das Mädchen den Unfall mit verursacht hat, und will ein psychologisches Gutachten. 

Der Donnerstag bringt Paartherapie mit Léonora und Damien (Clémence Poésy, Pio Marmaï). Sie ist unverhofft schwanger geworden, obwohl das Paar nach Jahren erfolgloser künstlicher Befruchtung den Kinderwunsch aufgegeben hatte. Nun will sie es nicht mehr, was ihn rasend und eifersüchtig macht. Am Ende der Woche sucht Philippe nach zwölf Jahren wieder seine ehemalige Freundin und ältere Kollegin Esther (Legende Carole Bouquet) auf. Hier brechen Erinnerungen und Eifersüchte auf. Das emotionale Streitgespräch beider Analytiker hebt die Geschichte nicht nur fachsprachlich auf eine weitere Ebene.

Es sind für sich richtig spannende Konflikte, die da auf der Couch des jüdischen Dr. Philippe Dayan landen und die nach dem abebbenden Widerstand der Klienten noch interessanter werden. Und man könnte jeden einzelnen „Fall" in jeder fünften Episode gesondert verfolgen. Aber nach dem Zusammenbruch Philippes merkt seine Analytikerin an, dass all diese Menschen eines seiner Probleme verkörpern: Das Eheproblem und die Frage der Trennung. Die (Kommunikations-) Schwierigkeiten mit der jungen Tochter. Die unerklärliche Wut beim Polizisten. Und eine junge, reizende Frau als mögliche Antwort auf die Midlife-Krise.

Eric Toledano und Olivier Nakache wollten über die Figuren und Patienten „In Therapie" ihr Land zeigen. „Eine fiktive Karthasis", so die Autoren. Sie haben die israelische Serie "BeTipul" adaptiert, aus einem Land, in dem Anschläge schon fast zum Alltag gehören. Es folgten Versionen unter anderem in den Vereinigten Staaten, den Niederlanden, Brasilien, Serbien, Argentinien und Italien. Das in kurzen Episoden dank starkem Ensemble leicht konsumierbare, gewaltige französische Werk von fast 15 Stunden formt mit seinem Mosaik einen eigenen Kosmos. Er wird in der Arte-Mediathek mit zusätzlichen Filmchen von hinter den Kulissen erläutert und ergänzt.

 (Arte fünf Mal pro Woche werktags)

„In Therapie" (En thérapie, Fr 2020), Regie: Eric Toledano, Olivier Nakache (Montag, Dienstag), Pierre Salvadori (Mittwoch), Nicolas Pariser (Donnerstag), Mathieu Vadepied (Freitag), mit Philippe Dayan, Mélanie Thierry, Reda Kateb, Céleste Brunnquell, Clémence Poésy, Pio Marmaï, Carole Bouquet, 35 Folgen à ca. 25 Min., FSK: ab 16

2.2.21

Fate: The Winx Saga / Netflix


208 Folgen in acht Staffeln, vier Specials, drei Kinofilme, zwei Spin-offs sowie eine Realverfilmung - die seit 2004 laufende, italienische Zeichentrickserie für kleine Mädchen, „Winx Club" von Iginio straff, muss bei allen Bedenken als Erfolg bezeichnet werden. Jetzt präsentiert Netflix eine Realfilm-Serie rund um das Feeninternat Alfea für Teenager mit erschreckend anderer Ausrichtung. 

Diesmal landet Teenagerin Bloom (Abigail Cowen) im Internat der Feenwelt, um zu lernen, ihre magischen Flammenwerfer-Kräfte zu kontrollieren. Aber der Alltag ist hauptsächlich von Zickenkriegen bestimmt – trotz Monster vor der Tür. Schon das Setting um das unter „Muggles" (also Nicht-Feen) aufgewachsene Mädchen macht „Fate" zur oberflächlichen x-ten Variante von Teenie-Episoden zu „X-Men". Diese falsche Fortsetzung hat von der ersten Szene an mit deftigem Horror und später auch ruppiger Sprache nichts mit dem ursprünglichen Feen-Glitter für kleine Mädchen zu tun. Dreist, wie der Geschichte in einem Satz nebenbei die titelgebenden Flügel (eng. Wings) wegoperiert werden: „Wir hatten mal welche - die Verwandlungsmagie ging uns verloren," meint die Internats-Leiterin. Nach einem gewaltigen Alterssprung imitiert die „Winx Saga" nun Kino-Serien für Teenager wie „Die Bestimmung" und „Maze Runner". Auch wenn Eltern froh sein werden, den pastellfarbenen Overkill an magersüchtigen Prinzessinnen für bedenkliche Kleinmädchenträume los zu sein – dieser flache High School-Kram für ältere Winx-Fans ist nicht viel besser.

„Fate: The Winx Saga" (GB, Italien 2021), Regie: Lisa James Larsson, Hannah Quinn, Stephen Woolfenden, mit Abigail Cowen, Danny Griffin, Hannah van der Westhuysen, sechs Folgen à ca. 50 Min., FSK: keine Angabe

Yes, God, Yes / Amazon Prime


Wie ist es, als „schwarzes Schaf" unter lauter weißen Wollknäueln zu leben, die sich letztlich als heftig einfärbt herausstellen? Alice (Natalia Dyer) wächst in einem streng katholischen Haushalt der ländlichen und puritanischen USA auf. An der Schule kann schon ein zu kurzer Rock Todsünde sein. Ausgerechnet sie landet völlig unbedarft in einem Sex-Chat und beginnt sich zu wundern. Dabei hat scheinbar nur sie überhaupt keine Ahnung, welche sexuelle Entgleisung ihr gerüchteweise mit einem Jungen nachgesagt wird. Wobei in dieser reglementierten Umgebung alles Sexuelle vor der Ehe Entgleisung ist. Denn das Alles habe Gott ja nur zum Zwecke der Fortpflanzung erfunden.

Der wie immer möglichst hirnlose deutsche Zusatztitel „Böse Mädchen beichten nicht" des etwas älteren Festival-Erfolgs „Yes, God, Yes" zielt wieder maximal daneben: Alice ist gerade kein „böses Mädchen"! Das Erstaunliche und Reizvolle an diesem netten Film mit grandioser Hauptdarstellerin ist, wie natürlich und unverdorben von religiöser Indoktrination der Teenager Alice im Sündenland bleibt. Und dazu beichtet sie trotzdem. Wobei die letzte Beichte den Spieß umdreht: Der verlogene Priester bekommt seine Sünden vorgehalten. Mit ihrer eigenen Sexualität entdeckt Alice die Scheinheiligkeit der anderen. Dabei wäre es der Komödie ein Leichtes, all diese vermeintlich gläubigen Schäfchen satirisch vorzuführen: Bedrohlich überglückliche Gläubige und religiöse Streber haben heimlich miteinander und im Internet Spaß. Doch mit genauer Konzentration auf die innere Verwirrung der 17-jährigen Hauptfigur, die sich erstaunlich gut in der Mimik der damals 24-jährigen Natalia Dyer widerspiegelt, wählt „Yes, God, Yes" den interessanteren Blickwinkel.

„Yes, God, Yes" (USA 2019), Regie: Karen Maine, mit Natalia Dyer, Francesca Reale, Alisha Boe, Wolfgang Novogratz, Timothy Simons, 78 Min., FSK: ab 12

25.1.21

Star Trek Lower Decks / Amazon Original


Nach dem genialen Weltraum-Spaß „The Orville" von und mit Seth MacFarlane startet mit „Star Trek: Lower Decks" die nächste Trekkie-Parodie. Die Geschichten über die unbekannten Crews der Sternenflotte sind zwar animiert, aber da sie von Serienschöpfer Mike McMahan („Rick und Morty") stammen, kein Kinderkram. Im Jahr 2380 dienen Mariner, Boimler, Rutherford und Tendi von der Unterstützungs-Crew an Bord der U.S.S. Cerritos, einem der unwichtigsten Raumschiffe im All. Während die missgelaunte Captain Carol Freeman Familienprobleme bewältigt, rettet vor allem ihre Tochter Beckett Mariner allen den Hintern. Denn während Brad Boimler preußisch auf das Protokoll vertraut, hat sie in vielen Weltraum-Häfen schon eine ganze Menge erlebt. Die coolen Underdogs und die Nerds der unteren Etagen bilden eine nette Truppe, bei der man gerne eine Weile mitfliegt.

„Star Trek: Lower Decks" ist passend zu seiner Besatzung auch in Sachen Zeichnung eher zweit- und drittrangig. Der Humor liegt in den Dialogen und den oft schrägen Figuren. Der „Data" der Serie hat sein erstes Date während eines Zombie-Ausbruchs. Beim „Zweiten Kontakt" mit einer neuen Spezies muss sich Boimler von einem Spinnenwesen erst mal glitschig-feucht durchkauen lassen. Neben Action und Chaos gibt es Absurditäten wie bei „American Dad" (auch Seth MacFarlane), alles immer anspielungsreich vor der Folie von „Enterprise" & Co. Ein netter Spaß nicht nur für Trekkies.

„Star Trek: Lower Decks" (USA 2021), Regie: Juno John Lee, Barry J. Kelly u.a., zehn Folgen à 30 Min., FSK: keine Angaben

Star Trek Lower Decks / Amazon Original

Nach dem genialen Weltraum-Spaß „The Orville" von und mit Seth MacFarlane startet mit „Star Trek: Lower Decks" die nächste Trekkie-Parodie. Die Geschichten über die unbekannten Crews der Sternenflotte sind zwar animiert, aber da sie von Serienschöpfer Mike McMahan („Rick und Morty") stammen, kein Kinderkram. Im Jahr 2380 dienen Mariner, Boimler, Rutherford und Tendi von der Unterstützungs-Crew an Bord der U.S.S. Cerritos, einem der unwichtigsten Raumschiffe im All. Während die missgelaunte Captain Carol Freeman Familienprobleme bewältigt, rettet vor allem ihre Tochter Beckett Mariner allen den Hintern. Denn während Brad Boimler preußisch auf das Protokoll vertraut, hat sie in vielen Weltraum-Häfen schon eine ganze Menge erlebt. Die coolen Underdogs und die Nerds der unteren Etagen bilden eine nette Truppe, bei der man gerne eine Weile mitfliegt.

„Star Trek: Lower Decks" ist passend zu seiner Besatzung auch in Sachen Zeichnung eher zweit- und drittrangig. Der Humor liegt in den Dialogen und den oft schrägen Figuren. Der „Data" der Serie hat sein erstes Date während eines Zombie-Ausbruchs. Beim „Zweiten Kontakt" mit einer neuen Spezies muss sich Boimler von einem Spinnenwesen erst mal glitschig-feucht durchkauen lassen. Neben Action und Chaos gibt es Absurditäten wie bei „American Dad" (auch Seth MacFarlane), alles immer anspielungsreich vor der Folie von „Enterprise" & Co. Ein netter Spaß nicht nur für Trekkies.

„Star Trek: Lower Decks" (USA 2021), Regie: Juno John Lee, Barry J. Kelly u.a., zehn Folgen à 30 Min., FSK: keine Angaben

Stilles Wasser / Apple TV+


Inmitten einer Kinder-Medienwelt voll grell bunter und lauter Ablenkungen sind die Folgen von „Stilles Wasser" wunderbar ruhige Perlen für Klein und Groß. Basierend auf „Zen Shorts" und andere Bilderbücher des US-amerikanischen Zeichners Jon J Muth lernen wir die drei Geschwister Karl, Addy und Michael kennen. Die Kinder leben neben einem gemütlichen und weisen Riesen-Panda namens Stillwater – Stilles Wasser. Ganz spielerisch landen sie immer wieder bei ihm, wenn es mal zu viel regnet, wenn keiner an die Flugkraft der Weltraum-Rakete aus Kartons glaubt oder wenn der kleine Bruder wütend an einem blöden Spiel festhängt. Stillwater hat dann nette Zen-Geschichten parat. Darüber, dass der Regen ja auch gute Seiten hat und Spaß machen kann. Die kleinen, aber feinen Weisheiten dieser sind zwar verblüffend kindgerecht, aber auch große Zuschauer können etwas mitnehmen.

Man muss „Stilles Wasser" von den ersten Bildern an lieben. Mit einer 3D-Brillanz, die man vom ehemaligen Steve Jobs-Studio Pixar kennt, sind Stillwaters japanischer Zen-Garten, Koi-Teich und Kirschbaum gezeichnet. Während Karl seine Karton-Rakete baut, will der Panda mit Tusche und Pinsel malen. Die Kleckser einer Libelle nimmt er aber gerne in Kauf und wir staunen ob dieser Bild-Magie. Der zweidimensionale Zeichenstil der Binnen-Erzählungen, in denen immer andere Tiere zu neuen Erkenntnissen gelangen, wirkt traditionell japanisch. Es gibt pro 30-minütiger Episode zwei Geschichten. Bei so einem wunderbaren Fantasie-Freund muss man selbstverständlich an Miyazakis „Mein Nachbar Totoro" denken.

„Stilles Wasser" (Stillwater, USA 2020), Regie: Jun Falkenstein u.a., sechs Folgen à 30 Min., FSK: keine Angaben

19.1.21

Your Honor / Sky


Zwei junge motorisierte Männer rasen aufeinander zu. Der eine in voller Angst, scheinbar verfolgt von einer territorialen Gang. Ein Asthmaanfall macht alles noch atemberaubender. Auf der anderen Seite viel überhebliche Raserei auf dem Oldtimer-Motorrad, frisch geschenkt vom Vater. Schließlich stirbt nach packender Dramatik der Motorradfahrer elend langsam. Der panische Autofahrer macht sich davon. Man hat etwas Mitleid mit dem gebrechlich wirkenden Jungen, der den Todestag seiner Mutter ehren wollte - aber Fahrerflucht? Während das Opfer noch lebte? 

Vater Michael Desiato (Bryan Cranston) macht seinem Sohn Adam (Hunter Doohan) zuhause direkt klar, dass sie zur Polizei müssen. Für diesen Anstand hätte man den geschätzten Strafrichter nicht vorher als äußerst moralischen und gewissenhaften Menschen zu zeigen brauchen. Für das was dann passiert, allerdings: Schon auf der Polizeistation sieht Desiato, dass Adam den Lieblingssohn des berüchtigten Gangsters Jimmy Baxter (Michael Stuhlbarg), Pate der blutrünstigsten „Familie" von New Orleans, mit dem Auto ermordet hat. Was Folge für Folge in „Your Honor" eskaliert, ist atemberaubend. In den Bemühungen, das Leben seines Sohnes zu retten, verfährt der ehrenwerte Richter ebenso umsichtig und klug, wie vorher für die gerechte Sache. Der Witwer und alleinerziehende Vater lässt erst das Unfallauto klauen. Mit psychologischer Raffinesse manipuliert er die Erinnerungen möglicher Zeugen. Um an die Bilder einer Überwachungskamera zu gelangen, spielt er dem Tankwart einen eifersüchtigen und betrunkenen Ehemann vor. Doch der Versuch, den Tatwagen mithilfe von Beziehungen verschwinden zu lassen, scheitert grandios.

Bryan Cranston geht hier wieder voll in seiner „Breaking Bad"-Rolle auf: Ein Guter, der Böses tut. Gleich in der ersten Gerichtsszene zeigt sich der passionierte Marathonläufer als strenger Richter mit Herz und ungewöhnlichen Methoden. Dass seine scharfe Beobachtungsgabe ausgerechnet die schwarze Mutter vor falscher Anschuldigung eines weißen Polizisten rettet, deren ältester Sohn bald als Sündenbock für seinen eigenen Sohn Adam hingerichtet wird, klingt mehr als unwahrscheinlich. Dass vor den Augen der ermittelnden Polizistin ein Motorradteil unter dem wiedergefundenen Auto rauspurzelt? Und ein Beweis vom Hund der Familie Desiato ausgegraben wird? Geschenkt angesichts der moralischen Ungeheuerlichkeiten, zu denen sich das anfängliche Dilemma zwischen Recht und Vaterliebe entwickelt.

Autor und Setrunner Peter Moffat („Criminal Justice", 2008) entwickelte „Your Honor" auf der Basis der israelischen Serie „Kvodo". Das Land ist verlässlicher Steinbruch für Dramatisches wie schon bei „Homeland" oder demnächst bei der französischen Serie „In Therapie" auf ARTE. Nach dem ungemein spannend inszenierten und unappetitlich in Blut getränkten Auftakt, erzählt „Your Honor" weiterhin packend und atmosphärisch dicht mit klasse Aufnahmen, toller Kamera und sorgfältigen Bildern. Die Stimmung vom „Big Easy" genannten Brennpunkt New Orleans und der besondere Einfluss der Lebensart auf Justiz und Polizei kennt man aus Spielfilmen wie „The Big Easy – Der große Leichtsinn" mit Dennis Quaid. Regie führte in den ersten drei Folgen der Deutsche Edward Berger („Jack", „Deutschland 83").

Während Bryan Cranston seine ganze Figur trocken aus dem Anzug spielt, gibt es beim Opponenten Michael Stuhlbarg („Call Me by Your Name") Übertreibung in Gestik und Szenen. Doch „Your Honor" lebt von einem großen Figuren-Ensemble, das mit in den Strudel aus Schuld und noch mehr Schuld gezogen wird. Oder immer wieder Anstöße zu neuen Katastrophen gibt: Frankie (Tony Curran), der irische Handlanger von Baxter, startet einen Bandenkrieg. Baxters Frau Gina (Hope Davis) gibt eine herrliche Lady Macbeth. Ob sich diese Dichte von vier gesichteten Episoden halten lässt, steht aus. Doch diese erfüllen alle Bedingungen des kriminellen Spannungs-Genres.

Zehnteilige Serie auf Sky Atlantic sowie auf Sky Ticket und über Sky Q auf Abruf.

„Your Honor" (USA 2020/21), Regie: Edward Berger, Peter Moffat, mit Bryan Cranston, Michael Stuhlbarg, Hunter Doohan, 10 Folgen á 60 Min., FSK: keine Angabe

18.1.21

Pretend It's a City / Netflix


Es ist wie Maschinengewehr-Feuer in New York! Diese Wortkaskaden von Fran Lebowitz, schnell und treffend! Schon die Erklärung des Serien-Titels zeigt ihren bissigen Humor: „Stell' dir doch einfach vor, du wärst in einer Stadt!" will sie all den Menschen sagen, die mit Blick auf ihr Smartphone oder eine Karte mitten in den eilenden Menschenmassen New Yorks stehen bleiben. Da ist es tatsächlich sicherer, wenn die oft lachende, aber nicht immer freundliche ältere Dame einen bei dieser wunderbaren Doku als Stadtführerin an die Hand nimmt. Oder als Erklärerin der Mentalität der New Yorker, die sich alle ihre Wohnung nicht leisten können. Da stimmt ihr Freund, Gesprächspartner und Regisseur Martin Scorsese wieder laut lachend zu. Wie bei der Anekdote, dass sie für ihre über 10.000 Bücher jahrelang kein Appartement in New York fand.
 
„Pretend It's a City" zeigt auch New York im Bild, oft übersehene Besonderheiten oder Gedenkplaketten auf den Bürgersteigen. Und dann diese geniale Begehung des Stadt-Models: Eine Riesin über der Spielzeugstadt, eine intellektuelle Gigantin auf jeden Fall! Das überwiegende Gespräch mit Fran Lebowitz kommentiert vor allem. Auf jede Frage von Scorsese oder ihrem Publikum folgt unausweichlich eine spitzfindige Antwort, immer wieder blitzt ein Aphorismus auf. Über Touristen, Geld, die Metro und den Times Square. Nur weshalb man überhaupt in New York leben will, dazu gibt es keine Antwort. Aber auch keine Alternative. Lebowitz und Scorsese erzählen von alten Zeiten, philosophieren über das Wesen der Metropole. „Frans" Meinungen sind dabei nicht „trendy", aber treffend. Eine Frau, die gerne aneckt, ein eigener Kopf, eine unabhängige Denkerin. Ein seltener Genuss – auch als Film.

„Pretend It's a City", (USA 2020), Regie: Martin Scorsese, mit Fran Lebowitz, sieben Folgen à 30 Min., FSK: keine Angabe

WandaVision / Disney


Eine altmodische Sitcom mit Superhelden von heute? Das muss krachen wie eine Prügelei zwischen Superman und Batman! Bei „WandaVision" geht es allerdings nicht gut aus, wenn Marvel-Figürchen Wanda Maximoff (Elizabeth Olsen) und Vision (Paul Bettany) trotz ihrer Superkräfte in der Vorstadt-Bürgerlichkeit der 50er Scherze machen: Das Pärchen rätselt darüber, was ein Herz auf dem Küchen-Kalender bedeutet. Als dann Visions Chef Herr Hart (wie Herz) unerwartet zum Essen kommt und Wanda leichtbekleidet ein Ehe-Jubiläum feiern will, wirken die eingespielten Lacher besonders schal. Frau muss den Haushalt und ein mehrgängiges Abendessen schmeißen. Beim Mann hängt der Job davon ab, wie das verläuft. Die rückständige Familiensituation wird mit ein paar Superhelden-Mätzchen aufgefrischt. Wenn die Hausfrauen-Gemeinschaft beim Wohltätigkeits-Fest mit Zaubertricks unterhalten werden soll, ist es eher hinderlich, wenn mann und frau tatsächlich zaubern kann. Folge eins und zwei sind in Schwarzweiß, die dritte springt unlogisch in bunte Hippie-Zeit. Nichts, was Marvel-Fans erwarten.

Da diese zudem wissen, dass Vision in den Kinofilmen schon tot ist, vermutet man, dass alles nur eine Vision von Wanda ist. Sie liegt wahrscheinlich im Koma. Leider befindet sich dort auch der Unterhaltungswert der Serie. Drei Folgen, 90 Minuten vertane Zeit, bevor vielleicht etwas Interessantes beginnt. Denn Bildstörungen zeigen, dass dies nur ein Konstrukt ist. Wie „Pleasantville" oder „Truman Show"? Aber mehr durfte die Presse vorher nicht sehen.

„WandaVision", (USA 2021), Regie: Matt Shakman, mit Elizabeth Olsen, Paul Bettany, neun Folgen à 30 Min., FSK: keine Angabe

12.1.21

Pieces of a Woman (Netflix)


Kein Vergnügen, aber eindrucksvolles emotionales Erlebnis ist diese erste amerikanische Produktion vom gefeierten und preisgekrönten Ungarn Kornél Mundruczó. Martin Scorsese unterstützte „Pieces of a Woman" als ausführender Produzent, doch vor allem Vanessa Kirby („The Crown") in der Hauptrolle macht das Drama um einen frühen Kindstod packend. Sie wurde in Venedig mit dem Preis für die Beste Schauspielerin ausgezeichnet.

Martha und Sean (Vanessa Kirby, Shia LeBeouf) sind ein unkonventionelles, witziges Paar kurz vor der Geburt. Selbst wenn die furchtbar herrische Mutter (Ellen Burstyn) das Familienauto bezahlen muss, eine modische Hausgeburt will „frau" sich doch leisten. Die wird auch für das Publikum eine „schwere Geburt": Über zwanzig Minuten dauert diese ununterbrochene Szene in der Wohnung von Sean und Martha an. Erst die Wehen, dann ist die Hebamme wegen einer anderen Kundin verhindert, der Ersatz (Molly Parker) kommt, das Kind ebenfalls. Alles scheinbar wunderbar, bis das Kind erstickt. Vorspann.

Zu sagen, diese Szenen seien intim, greift viel zu kurz. Sie sind und sie gehen unheimlich nahe. Noch im Schock verfolgen wir danach die fast dokumentarisch nüchternen Versuche Marthas, wieder im Leben Tritt zu fassen. Die Nun-doch-nicht-Mutter will tapfer sein. Wobei jede Begegnung mit einem Kind schmerzt. Die Todesursache bleibt unklar, das Paar macht sich gegenseitig Vorwürfe. Streit gibt es um die Schreibweise des Namens auf dem Grabstein. Aber vor allem um die Frage, ob der kleine Leichnam der Gerichtsmedizin zur Verfügung gestellt werden soll, wie Martha es will. Sean, ein einfacher Bauarbeiter, bricht zusammen. Sein Leid kippt um in Gereiztheit, nach Jahren der Abstinenz trinkt er wieder. Beide werden grob und gemein, haben Affären. Sean ausgerechnet mit Marthas Cousine, die als Rechtsanwältin für das Paar die Hebamme anklagen will.

Der Darstellerpreis für Vanessa Kirby in Venedig verdankt sich wohl dem Leiden ihrer Figur, gestaltet von Mundruczós langjähriger Autorin Kata Wéber. Shia LeBeouf („Transformers", „Lawless") ist hinter dichtem Vollbart in einer sehr guten ernsten Rolle zu erspüren. Während der Gatte vor allem in der eigenen Weinerlichkeit verschwindet, ist die dominante Mutter die interessantere Gegenspielerin Marthas: Elizabeth, die eine brutale Kindheit in Holocaust und Getto erlebte, führt pragmatische Härte ohne Selbstmitleid vor.

Seit vielen Jahren dreht Kornél Mundruczó immer wieder faszinierende Filme. Vor seinem ersten Erfolg, dem betörend poetischen Drama „Delta" (2008), gab es das Musical-Melodram „Johanna" (2005) um eine wundersam mit ihrem Körper heilende Krankenschwester im Stile Lars von Triers. Die Hunde-Oper „Underdog" (White God, 2014) wurde in Cannes mit dem „Prix Un Certain Regard" ausgezeichnet. In „Jupiter's Moon" (2017)  gab es einen erschossenen Flüchtlings-Jungen, der statt zu sterben, plötzlich schweben kann.

Kornél Mundruczós erster Film in Englisch, bei dem Martin Scorsese als ausführender Produzent mitwirkte, fällt überraschend konventionell aus: Nichts wirklich Wunderbares oder Wunderliches geschieht hier. „Pieces of woman" ähnelt in Stil und Stimmungslage Noah Baumbachs beklemmend realer Trennungs-Geschichte „Marriage Story". Nur die über Monate immer wieder gezeigte, im Bau fortschreitende Flussbrücke in Boston macht etwas Hoffnung auf eine Wiedervereinigung des Paares nach frostiger Winterzeit. Martha taut tatsächlich auf und trifft eine folgenreiche Entscheidung. Am Ende wird „Pieces of woman" dann sogar noch Gerichtsfilm, aber nur um zu erkennen, dass Anklagen oder Entschädigungen nicht den Verlust eines Kindes aufwiegen können.

„Pieces of a Woman" (Kanada, Ungarn, USA 2020), Regie: Kornél Mundruczó, mit Vanessa Kirby, Shia LaBeouf, Ellen Burstyn, 126 Min., FSK: keine Angabe

11.1.21

One Night in Miami / Amazon Original (ab 15. Januar)


Was haben Muhammad Ali, Malcolm X, Sam Cooke und der Football-Star Jim Brown gemeinsam? Sie waren alle populäre Afroamerikaner und hätten sich im Februar 1964 in einem Motel in Miami treffen können. Auf der Basis gleichnamigen Theaterstücks von Kemp Powers inszeniert die Schauspielerin Regina King einen fiktiven Abend mit intensiven Gesprächen über den besten Weg, die Unterdrückung der Schwarzen zu beenden. Cassius Clay (Eli Goree), der mit Unterstützung von Malcolm X (Kingsley Ben-Adir) dabei ist, der bekennende Moslem Muhammad Ali zu werden, hat gerade den Schwergewichts-Titel gewonnen. Im Motelzimmer des angefeindeten Politikers gibt es zur Enttäuschung des Hit-Sängers Sam Cooke (Leslie Odom Jr.) keine Party, sondern bald Streit. Der Sport-Superstar Jim Brown (Aldis Hodge) wird von den Freunden verlacht, weil er stolz einen Western-Held spielen will, aber schon nach der Hälfte des Films sterben soll. Cooke prügelt sich mit Malcolm – seine Songs könnten der schwarzen Bürgerrechtsbewegung helfen, bleiben aber belanglos.

Mit intensiven Dialogen und gutem Schauspiel kann die handlungsarme Theaterverfilmung „One Night in Miami" interessieren. Mehr als im aufgeladenen Keller-Kammerspiel „Ma Rainey's Black Bottom" geht es um heutige Diskussionen statt um historische Einblicke. Will man unauffällig das Geschäft des Weißen Mannes übernehmen (Cooke verkaufte die Rechte zu „It's all over now" an die Rolling Stones) oder öffentlich fordern und damit zum Ziel von Anschlägen werden? In vielen Details und Nuancen spinnt das Spiel seine Gedanken - ein Jahr bevor Malcolm ermordet wird.

„One Night in Miami" (USA 2020), Regie: Regina King, mit Kingsley Ben-Adir, Aldis Hodge, Leslie Odom jr., Eli Goree, 114 Min., FSK: keine Angabe

American Gods – Staffel 3 / Amazon Prime Video


Internet, Facebook, Tinder ... Neue Götter bekommen immer mehr Einfluss in Amerika. Derweil darben Göttin der Liebe, Götterboten und vor allem der alte Gott-Vater Odin. Der Toten- und Kriegsgott bereitet in seiner menschlichen Form Mr. Wednesday (Ian McShane) mit alteingessenen KollegInnen den Kampf gegen die Neureichen vor. Wichtigste Figur dabei sein Sohn Shadow Moon (Ricky Whittle), der nach zwei fantastischen Staffeln zwar das Mythische um ihn herum akzeptiert, aber immer noch nicht mitmachen will.

„American Gods" bleibt in der 3. Staffel eine außergewöhnlich intensive Geschichte. Vom Hardrock-Konzert zu Ehren Odins bis zur Warteschleife von Shadows untoter Frau Laura Moon (Emily Browning) im irre ausgestatteten Fegefeuer sprudeln die Folgen nur so vor ausgefallen Ideen und Umsetzungen. Die Sammlung von alten Göttern der Einwanderer wird um einen indigenen (Graham Greene) erweitert. Der nicht gut auf Wotan zu sprechen ist, weil dessen Wikinger einst Indianer blutig massakrierten.

Neil Gaiman, der Schöpfer dahinter, gehört zu den interessantesten Autoren unserer Zeit: Der vielseitige Schreiber von Kinderbüchern („Coraline") und mysteriösen Geschichten („Good Omens", Amazon Prime) bereitet gerade sein nächstes Riesen-Projekt vor: Die 75-teilige, 2000-seitige Comic-Geschichte „The Sandman" wird endlich verfilmt. Derweil erlebte der Roman „American Gods" bei Staffel 3 einen erneuten Leitungswechsel hinter den Kulissen. Das ist der aufwändigen Produktion mit lebendiger Kamera und hochwertigem Produktions-Design nicht anzusehen. Aber die Geschichte verliert sich auf dem Weg zur vierten Staffel in zu vielen Details.

Die dritte Staffel von American Gods startete am 11. Januar bei Amazon Prime Video mit wöchentlich neuen Episoden.

„American Gods", Staffel 3 (USA 2021), Regie: Jon Amiel u.a., mit Ricky Whittle. Ian McShane, Emily Browning, Pablo Schreiber, zehn Folgen à 55 Min., FSK: keine Angabe


7.1.21

Asphalt Burning / Netflix

Aus Norwegen kommt mit Geschwindigkeitsüberschreitung und CO2-Verschwendung die Raser-Komödie „Asphalt Burning". Recht übersichtlich angelegt, gibt es bemerkenswert viele Auftritte deutscher Gesichter und Landschaften auf dem Weg zum Nürburgring-Finale. In abgelegenen Fjörd-Tälern herrschen noch seltsame Sitten: Der etwas ältere Autofahrer Roy (Anders Baasmo Christiansen) muss mit seinem gelben Proleten-Mustang ein Rennen gewinnen, um seine Verlobte Sylvia (Kathrine Johansen) heiraten zu können. Der abgemachte Spaß unter Freunden wird problematisch, als die Deutsche Robin (Alexandra Maria Lara) mit ihrem Porsche als Erste ankommt. Zudem hatte sie schon mal was mit Sylvia und mit dem besoffenen Roy am Abend zuvor geknutscht. Der bekommt eine zweite Chance – auf dem Nürburgring. Der Road-Trip dorthin wird aufgelockert von einem Sarg im Leichenwagen des irren Mechanikers, Hamburger Mustang-Killern (Henning Baum, The BossHoss), hilfreichen Schraubern (Kostja Ullmann), der leibhaftigen Schlagersängerin Wencke Myhre und einer rasenden Autobahnpolizei (Milan Peschel, Peter Kurth).

Raserei im öffentlichen Raum - der „Spaß", bei dem immer wieder Unbeteiligte umgebracht werden. Ebenso deplatziert wie Alexandra Maria Lara als Raserin in Lederjacke. Aber bei den anderen deutschen Besetzungen geriet diese komödiantische Fehlzündung so überzogen, dass man lachen muss: Vor allem Milan Peschel gibt derb Humor-Vollgas.

6.1.21

Lupin / Netflix


Omar Sy fegt im Louvre vor der Mona Lisa den Staub der Touristen weg. Der französische Superstar als Reinigungskraft? Bei der fünfteiligen Serie „Lupin" ist nichts, was es scheint. Denn Assane Diop (Omar Sy) war von Kindesbeinen an Fan des Roman-Meisterdiebs und Gentlemans „Arsène Lupin". Nun benutzt er dessen Inspiration und Anagramme des Namens, um das berühmte „Collier de la Reine" zu stehlen. Das Schmuckstück hat eine lange Geschichte, war im Besitz von Königin Marie Antoinette und Napoleons Gattin. In die jüngere Geschichte ist auch Diop verwickelt, denn sein Vater, ein herzensguter Chauffeur, wurde einst des Collier-Diebstahls beschuldigt und erhängte sich im Gefängnis. Nun versucht der neue Meisterdieb, den geliebten Vater zu rächen.

Showrunner George Kay („Killing Eve", „Criminal") und François Uzan legen mit „Lupin" einen „ziemlich besten" Neustart der alten Detektiv-Romane hin. Mit der Aufklärung der Vergangenheit sind in jeder Folge spannende kleine Heist-Geschichten verbunden. Der Raub eines Colliers aus dem Louvre während einer Gala reiht sich in weitere Pariser Sehenswürdigkeiten wie Eiffelturm, Seine und Omar Sy. Sein Assane kann gewinnendes Lächeln und Taschenspielertricks oft einsetzen, nutzt aber vor allem immer wieder die Verkleidung kleiner, mieser Jobs, um ungesehen zu bleiben. Denn, durchaus kritisch auf Rassismus hinweisend, betont „Lupin", dass farbige Putzkräfte oder Fahrrad-Boten, die Essen ausfahren, immer übersehen werden. So ist die Serie mit durchgehender Geschichte und mehreren Raub-Episoden auch durch die Hauptfigur des klugen Meisterdiebes und Wohltäters eine positive Erscheinung.

„Lupin" (Frankreich 2021), Regie: Louis Leterrier, Marcela Said, mit Omar Sy, Ludivine Sagnier, Hervé Pierre, Nicole Garcia, fünf Folgen à 45 Min., FSK: keine Angabe

5.1.21

The Stand / Amazon Prime Video


 
„Up and running - If that is what got us here, I think it's high time we try 'down and standing still'"

Wer noch nicht genug Pandemie hat, kann das Ganze in der Serie „The Stand" mit einer deftigen Portion Stephen King genießen: Ein leichtes Husten, ein Niesen und das Ende ist nah! Innerhalb weniger Tage hat ein Virus fast die ganze Menschheit hingerafft. Das letzte Prozent ist damit beschäftigt, die Leichen mit den massiv aufgequollenen Hälsen zu begraben. Im besten Falle. Andere irren plündernd durch New York oder wollen sexuelle Perversionen an legendären Sportstätten ausleben. Und um es den Verschwörungs-Paranoikern noch mal zu geben, stammt das Virus namens „Captain Trips" selbstverständlich aus einer militärischen Forschungseinrichtung.

Unter der kleinen Gruppe Überlebender werden einige in Träumen von der 108-jährigen Mother Abagail (Whoopi Goldberg) mysteriös nach Boulder, Colorado, gerufen. Der etwas unheimlich und peinlich seiner ehemaligen Babysitterin Nadine Cross (Amber Heard) hinterher schwärmende Harold, rettet sie vor dem Selbstmord – nachdem sie ihre ganze Familie beerdigt hat. Zusammen machen sie sich auf die Suche nach einer Siedlung Überlebender, wobei der Möchtegern-Schriftsteller von Horror-Geschichten (ein junger King?) überall dramatische Botschaften an die Wände sprüht. Der Musiker Larry Underwood (Jovan Adepo), der gerade den Durchbruch geschafft hat, muss seine eigene Drogensucht und New York überstehen, bevor er zu Abagail kommt. Der gutmütige Stu Redman (James Marsden) hat das erste Opfer des Virus retten wollen und trotzdem keine Anzeichen von Erkrankung. Deshalb wird er zuerst Versuchskaninchen fürs Militär und dann pragmatischer Anführer der Gruppe um Abagail. In Rückblenden sehen wir, wie Stu es nach Boulder geschafft hat. In der Gegenwart jagt er Rehe, die im Gegensatz zu Hamstern das Virus überlebt haben und organisiert die Neuankömmlinge. Unter denen ist der taubstumme Nick Andros (Henry Zaga), den die weise Anführerin zu ihrem Sprecher macht – was selbstverständlich sehr irritiert. Andere treffen in ihren Träumen auf den dämonischen Randall Flagg (Alexander Skarsgård), den „Dunklen Mann". Diese bekannte King-Figur sammelt ihre Mannschaften in Las Vegas für den Kampf Gut gegen Böse. Er hat auch schon Verräter in Abagails Gemeinschaft platziert.

Wenn die Reinigung-Truppen eine Kirche voller Leichen finden, erinnert das an aktuelle Infektionsherde unter Gläubigen. Sieben Milliarden Tote und kein Strom, also kein Netflix! Das scheint keine ideale Unterhaltung während einer Pandemie zu sein. Doch gut gezeichnete und gespielte Figuren sowie ein geheimnisvoller Hintergrund halten in den ersten Folgen das Interesse hoch. Vom Ende der neuen Serie, das von Stephen King persönlich überarbeitet wurde, lässt sich noch nicht berichten, da die Presse nur einige Folgen sehen durfte. In denen werden erstmal die Figuren gesammelt und die Fronten angedeutet.

Die Verfilmung des 800-Seiten-Schmöckers von King als Horror zu bezeichnen, scheint übertrieben: Grusel und Ekel von „The Stand" leben von viel Maske. Für die gab es schon 1994 einen Emmy bei einer gleichnamigen Miniserie. Die Aufstellung für den Kampf Gut gegen Böse erinnert nicht nur an Neil Gaimans Serie „American Gods", die nächste Woche mit der dritten Staffel fortgesetzt wird. Gegen diese ausbündige Fantasy kommt Kings alter Schinken nicht an. Doch einige gute Songs und vor allem die scheinbar prophetischen Elemente (Suche nach dem Impfstoff!) heben „The Stand" aus der Masse katastrophaler und post-apokalyptischer Filme hervor. Mehr als die paar Schreckmomente schrecken solche Sätze auf: „Die Welt ist jetzt ein weißes Blatt und wenn wir nicht alle zusammenarbeiten, werden wir nicht in der Lage sein, ein neues Kapitel zu schreiben."

„The Stand" läuft seit dem 3. Januar auf Starzplay bei Amazon Prime. Neue Episoden gibt es jeden Sonntag.

„The Stand" (USA 2020), Regie: Josh Boone u.a., mit James Marsden, Whoopi Goldberg, Alexander Skarsgård, Amber Heard, Greg Kinnear, 9 Episoden á 60 Min., FSK: keine Angabe


 

29.12.20

Bridgerton / Netflix


Man nehme von Jane Austen die schönsten Biestigkeiten und Gemeinheiten, tauche das Ganze in ein überbuntes Dekor und fertig ist die unterhaltsame Ballsaison von „Bridgerton": Extrem aufgebrezelt werden die jungen Damen des Hauses Bridgerton und Featherington auf den Heiratsmarkt geworfen. Daphne Bridgerton (Phoebe Dynevor) erwählt die dunkelhäutige Königin (Adjoa Andoh) direkt zum Diamanten der Saison. Doch Daphnes älterer, durchaus lebenslustiger Bruder Anthony (Jonathan Bailey) verwirft alle Kandidaten. Ausgerechnet mit dem rebellischen und heiratsunwilligen Duke of Hastings (Regé-Jean Page) schließt sie einen Pakt: Sie geben das perfekte Paar, um ihre Attraktivität zu erhöhen und um seine Bewerberinnen abzuhalten. Bald gefallen sich die beiden nicht nur in spöttischen Betrachtungen des eitlen Treibens.

Serienschöpfer Chris Van Dusen („Scandal", „Grey's Anatomy") amüsiert sich in „Bridgerton" auf Basis von Julia Quinns Romanen über das London der Regency-Epoche ohne auf Klassenkampf oder Feminismus zu machen. Die achtteilige Serie zeigt witzigerweise ein multiethnisches Paralleluniversum, in dem Hautfarbe keinerlei Rolle spielt! (Das weitere Aussehen, Stand und Vermögen allerdings wohl). Das ist vorzüglich ausgestattet, anständig gespielt und vor allem nett anzusehen. Auf die bonbonfarbenen Süßigkeiten und Intrigen legen sich mit des Dukes Vergangenheit ein paar Schatten, aber mehr interessiert, wer die geheimnisvolle Skandal-Reporterin Lady Whistledown ist.

„Bridgerton", (USA 2020), Regie: Sheree Folkson u.a., mit Phoebe Dynevor, Regé-Jean Page, Jonathan Bailey, acht Folgen á ca. 60 Min., FSK: ab 12

Fosse/Verdon / Joyn

Tanzszenen einer Ehe 

Wo soll man anfangen bei so viel Kreativität, Prominenz und Geschichte? Vielleicht bei der Trophäensammlung: Bob Fosse (1927-1987) ist der einzige Regisseur, der in einem Jahr (1973) die höchste Auszeichnung für den besten Film, das beste Musical und die beste Fernsehsendung erhielt. Einen Regie-Oscar für „Cabaret", einen Tony für Regie und Choreografie bei „Pippin" und drei Emmys für Produktion, Choreografie und Regie von „Liza with a Z". Damit haben wir schon seine langjährige Partnerin Gwen Verdon (1925-2000) vergessen und sind mitten im Film. Denn oft wird Bob Fosse (Sam Rockwell) neben der berühmten Tänzerin und Schauspielerin Verdon (Michelle Williams) als „Möchtegern-Fred Astaire" übersehen. Überhaupt war ihre ganze leidenschaftliche Beziehung über Jahrzehnte auch von einer anhaltenden Konkurrenz bestimmt.

Liebe und Konkurrenz zwischen Fosse und Verdon beginnen beim ersten Vortanzen 1955 für das Musical „Damn Yankees", einer eigenartigen Anmache mit besonderer Chemie. Verdon bekommt 1956 ihren ersten Tony Award als Beste Schauspielerin in einem Musical, 1960 heiraten sie. Mehr als zehn Jahre lang entwickeln sie später das Musical „Chicago", das 1975 Premiere feiert. Es wird allerdings erst ein Erfolg, als Minnelli die erkrankte Verdon ersetzt. Nach einer Herzoperation realisiert Kettenraucher Fosse in einem Jahr gleichzeitig „Chicago" und den Film „Lenny" mit Dustin Hoffman. Mit seinem stark autobiografischen „All That Jazz" gewann das Multitalent 1980 die Goldene Palme in Cannes. Trotz zahlloser Affären auf seiner Seite hilft sich das Paar auch nach der Trennung immer wieder bei ihren Projekten. Bis zu seinem herzzerreißenden Filmtod 1987 wenige Minuten vor einer gemeinsamen Premiere.

Die geniale und berührende Doppelbiografie „Fosse/Verdon" erzählt von der jahrzehntelangen produktiven und Liebes-Beziehung mit virtuosen Zeitsprüngen und oft schmerzhaften Erinnerungen in Tänzen. Die größte Nummer bei vielen bekannten Musical-Songs ist die Montage des Films. Immer wieder gibt es Kompositionen stark emotionaler Momente in Sekundenbruchteilen. Sei es der frühe Stepp-Drill bei Fosse, der als 14-Jähriger auf Varieté-Bühnen von Stripperinnen „entjungfert" wurde (und damit seine notorische Untreue erklären will). Oder Verdons Erinnerung an eine Vergewaltigung als Jugendliche, die ungewollte Schwangerschaft und die Ehe mit dem Vergewaltiger als Start einer Reihe von Erniedrigungen durch Männer.

Bemerkenswert an dieser herausragenden Serie ist der unterschiedliche Charakter der einzelnen Folgen: Erst ist der vierten wird „Cabaret" Thema. Fosses Produzent in München meint 1972, der Regisseur und Choreograph des später berühmten Varieté-Films würde einen „italienischen Neorealisten-Alptraum" drehen und kein Broadway-Musical. Nur durch die herbeigeeilte Ehefrau Gwen gewinnt das Projekt Form und Fahrt. Dabei kommentiert höhnisch der Song „Mein Herr" von Liza Minnelli mit „It was a fine affair" Bobs Affäre mit einer Übersetzerin. Gwen weiß davon und fliegt trotzdem über den Atlantik hin und zurück, um ein Gorilla-Kostüm zu besorgen. Um wiederum enttäuscht zu werden.

Genial, wie Episode sechs Fosses extrem gestresste Situation mit Drogen-, Nikotin- und Sex-Sucht im Stakkato-Stil von „Lenny" beschreibt: Fosse (also Rockwell) sieht und kommentiert sich selbst in der Rolle des provokanten Komikers Lenny Bruce (real gespielt von Dustin Hoffman). Es ist wieder der großartige Schnitt, der die Situation schon beim Zuschauen unerträglich macht.

Die ruhigste, die fünfte Folge spielt fast ohne musikalische Nummer in einem Strandhaus: Kurz nach Fosses erstem Herzinfarkt fällt die Entscheidung, „Lenny" und „Chicago" gleichzeitig zu machen. „Würde dich das nicht umbringen?" „Keine Ahnung, wir werden sehen." Im Kampf „seiner" Frauen haben Gwen und ihr Musical-Projekt leichtes Spiel mit der sehr jungen Ann Reinking (Margaret Qualley, Tochter von Andie MacDowell). Verdons Liebe, die so viel Betrug und Verrat toleriert, ist nach #metoo nicht zeitgemäß, kann aber rühren.

„Fosse/Verdon" brilliert nicht mit schillernder Nummern-Revue, sondern mit einem herzzerreißenden Liebesdrama über acht Episoden. In besten Momenten trennt nur eine dünne Wand Realität und Show wie bei Dennis Potter, dem Schöpfer genial tragischer Film-Musicals wie „The Singing Detective" oder „Pennies from Heaven". Neben dem eindrucksvollen Spiel von vor allem Sam Rockwell ist die Serie auch mit ihren Einblicken in die Geschichte der Pop-Kultur eine Perle. Zu den Freunden von Fosse und Verdon zählten die außerordentlichen Autoren Neil Simon („Ein seltsames Paar", The Odd Couple) und Paddy Chayefsky, der als einer von ganz wenigen sowohl den Oscar in der Kategorie Bestes adaptiertes Drehbuch („Marty") als auch in der Kategorie Bestes Originaldrehbuch („Hospital", „Network") gewann.

„Fosse/Verdon" (USA 2019), Regie: Thomas Kail u.a., mit Sam Rockwell, Michelle Williams, Norbert Leo Butz, Margaret Qualley, acht Folgen von 41-59 Min., FSK: ohne Angabe


28.12.20

Das Neue Evangelium


Was macht dieser schwarze Jesus in Matera, der europäischen Kulturhauptstadt 2019? Der gebürtige Kameruner Yvan Sagnet engagiert sich seit Jahren gegen die mafiöse Ausbeutung von Immigranten in der Landwirtschaft Süditaliens. Der politische Theatermacher Milo Rau verbindet nun in seiner verblüffend schlüssigen Mischung aus Doku- und Fiktion-Film „Das Neue Evangelium" diesen Kampf mit der Passionsgeschichte. Wobei Matera nicht nur als Kulturhauptstadt einlud, der Ort ist ideal für einen Jesus-Film: Drehte doch Pier Paolo Pasolini hier „Das 1. Evangelium – Matthäus" (1964) und Mel Gibson seinen blutrünstigen „Die Passion Christi" (2004). Der Regisseur Rau erklärt dem Hauptdarsteller im Film selbst: Die Halterungen für die Kreuze sind noch im Stein, man braucht nur - Klick - sein Kreuz aufzustellen.

Für andere ist die Stadt nicht ideal: Von den 30 Euro Lohn für einen Tag Arbeit unter glühender Sonne auf den Tomaten-Feldern werden noch Unkosten abzogen. Tausende Immigranten werden hier ausgebeutet. Was würde Jesus dazu sagen? Mit wem er sich heute umgeben würde, zeigt das Casting: Die ehemalige Prostituierte, die sich jetzt für andere engagiert, spielt die biblische Ehebrecherin – „wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein". Der Bürgermeister will nicht den Pilatus geben, sondern das Kreuz für Jesus tragen. Ein erschreckend brutaler Italiener erzählt beim Auspeitschen rassistische Witze; der alte Darsteller von Pasolini spielt wieder den Täufer.

„Das Neue Evangelium" ist mit seinen verschiedenen Strängen erstaunlich dicht gewoben, die Verbindungen sind vielfältig: Eine Szene mit Jesus und den Fischern auf dem See löst die Erinnerung an dramatische Flucht über das Mittelmeer aus. Nach Stürmung des Konsum-Tempels im Film zeigt der Abspann als Ergebnis des Kampfes die erste faire und Mafia-freie Tomatensoße im Supermarkt.

(www.dasneueevangelium.de - Kinos erhalten 30 Prozent des Ticket-Preises)

„Das Neue Evangelium", (BRD 2020), Regie: Milo Rau, mit Yvan Sagnet, 107 Min., FSK: ab 0

21.12.20

The Midnight Sky / Netflix


Drei Wochen nach dem „Ereignis" lebt nur noch ein Mensch auf der Erde: Ein alter kranker Mann in einer polaren Forschungsstation. Es ist das Jahr 2048. Die Luft ist weltweit verseucht, nur an ein paar Orten können Mensch und Tier überleben. Die Evakuation der Bevölkerung ins All ist abgeschlossen. Der Mann, dem man diese Möglichkeit verdankt, wollte nicht mit: Der bärtige Senior Augustine Lofthouse (George Clooney) hängt an der Flasche und an der Nadel einer Dialyse. Erinnerungen an eine tragische Liebesgeschichte vermischen sich mit Alkohol und Fieberwahn. Da taucht ein mysteriöses stummes Mädchen auf der Station auf. Gleichzeitig ist das Raumschiff Aether ahnungslos im Anflug. Nach einer Jupiter-Mission weiß die Besatzung nichts von der Katastrophe auf der Erde. Sie können nicht nach Hause telefonieren, weil von dort keiner mehr antwortet. Bis Lofthouse sie hört...

Der alte Wissenschaftler Lofthouse ist kein typischer Held, aber er probiert trotzdem, die Aether-Besatzung zu retten. Dafür muss er mit dem kleinen Mädchen zu einer entfernten Funkstation. Gleichzeitig zwingt ein Unfall das Raumschiff auf einen Ausweichkurs durch nicht kartierte Gebiete des Weltalls. Unten wüten Schneestürme, oben drohen Meteoriten-Hagel. Die Erhabenheit intergalaktischer Reisen konkurriert mit polaren Naturspektakeln. Zwei abenteuerliche Trips in unterschiedlichen Dimensionen, doch bei beiden geht es um das Überleben der nächsten Generationen.

Die Verfilmung von Lily Brooks-Daltons Science-Fiction-Roman „Good Morning, Midnight" ist nach Meisterwerken wie „Good Night, and Good Luck", „The Ides of March" oder „Suburbicon" die siebte Regie-Arbeit von George Clooney. Schon die Idee, sich mal nicht krampfhaft jünger zu machen, verdient Applaus. Er kann auch eindrucksvoll Science Fiction, hat reichlich Erfahrung da oben: In Alfonso Cuaróns „Gravity" trudelte er 2013 mit Sandra Bullock im All rum. Im „Solaris"-Remake von Steven Soderbergh spielte Clooney 2002 die menschliche Hauptrolle, die an einer gescheiterten Beziehung oder am hinterhältigen Planeten wahnsinnig wurde.

Doch wie immer geht es dem filmenden Gatten der Menschenrechtsaktivistin Amal Ramzi Alamuddin Clooney um mehr. Um die Lage der Menschheit und der Erde. „Ich befürchte, wir haben nicht anständig auf die Erde aufgepasst, während ihr weg wart", muss Lofthouse der anfliegenden Crew gestehen. Das volle Spannungs-Programm mit Meteoritenschauer und hungrigen Wölfen in der Eiswüste unterbricht starke ruhige Stimmungen zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Dazu ein paar geniale Bilder und Szenen wie das gemeinsame Singen von Neil Diamonds „Sweet Caroline" bei einer Außenreparatur. Zur schwangeren Astronautin wird der Querverweis zu „Alien 3" nahegelegt. Es beeindruckt die Ästhetik von schön vielen Blutstropfen in Schwerelosigkeit.

Bei aller netten Ausstattung dreht sich „Midnight Sky" nicht um Science Fiction-Gimmicks. Die Hauptfigur Lofthouse ist eindrucksvoll tragisch. Wie in Andrei Tarkowskis „Solaris" nach Stanisław Lem führt der weite Weg ins All letztlich nur in Innere des Menschlichen. Der große Film, der auf dem kleinen Schirm gelandet ist, erzählt eine filmische Novelle mit großartiger Pointe, angefüllt von klasse Bildern und Szenen. Wie es sich für die Novelle gehört, brennt sich die tragische Schluss-Note ein. Nicht nur dass der Forscher, der Leben auf fernen Planeten vorantrieb, als einer der letzten auf der Erde zurückbleibt. Das Schicksal hält noch einen besonders bitteren Wermutstropfen für ihn bereit. Und bei all den fantastischen technischen Möglichkeiten der Zukunft wird klar, dass die Erde als Lebensraum ganz schön wichtig ist.

„The Midnight Sky" (USA 2020), Regie: George Clooney, mit George Clooney, Felicity Jones, David Oyelowo, Tiffany Boone, 122 Min., FSK: ab 12

Soul / Disney+


(USA 2020), Regie: Pete Docter, 100 Min., FSK: ab 0

Der Nachfolger vom wunderbar klugen, psychologischen Kinderfilm „Alles steht Kopf" (2015) ist alles andere als ein Kinderfilm: Ein kurz vor seinem Durchbruch verstorbener Soul-Musiker bekommt es in einer himmlischen Zwischenstation mit der widerspenstigen Seele Nummer 22 zu tun. Wie beide zusammen die Schönheit des Lebens entdecken, macht „Soul" zum bunten Nachfolger von Frank Capras Klassiker „Ist das Leben nicht schön?" („It's a Wonderful Life" mit James Stewart).

Pixar, die Zeichentrick-Schmiede auch von „Soul", bleibt das Beste von Disney. Angefangen von der Disney-Melodie, die ganz kläglich von einer Musikklasse herunter gequält wird. Ja, Lehrer Joe Gardner (der Name eines bekannten Jazztrompeters) hat es nicht leicht. Da feiert seine „Ma" die Festanstellung, doch er träumt von einer Karriere als Jazz-Musiker. Dann bietet ihm ein ehemaliger Schüler die Chance seines Lebens am Piano der berühmten Sängerin Dorothea Williams. Doch Joe Gardner stirbt, bevor er am Ziel seiner Träume auftreten kann. Da wundert es nicht, dass Joe von der großen Treppe zum Himmel abspringt. Er landet bei den kleinen unfertigen Seelen, die noch geprägt werden müssen, bevor sie zur Erde schweben. Als angeblicher Mentor bekommt Joe ausgerechnet die Seele Nummer 22 zugeteilt: Ein raffiniertes, zynisches Etwas, das keinesfalls von hier weg will.

Herrlich, der Spaß an Joes wunderbarem Pianosolo. Zynisch komisch der babyblaue Zwerg 22, der nach einem witzigen Unfall bemerkt: „Keine Sorge, man kann eine Seele nicht kaputt machen, das passiert erst auf der Erde." Das hört sich nach einer kommenden Wiedergeburt Woody Allens an. Und spätestens hier wird klar, dass man diese Schwere eines bedeutungslosen und erfolglosen Lebens Kindern nicht unbedingt zutrauen sollte. „Soul" ist ein grandioser erwachsener Zeichentrick. Für jeden Traum-Job hat der Kleine eine ernüchternde Antwort, welche die Blase sofort zerplatzen lässt: Bibliothekar? „Wer träumt nicht davon, einen Job zu haben, der bald weggekürzt wird?"

Selbst die alte Körpertausch-Routine ist in „Soul" umwerfend komisch, wenn der Jazzpianist im Körper einer sehr dicken Katze landet und die Seele, die nie auf die Erde wollte, in seiner Hülle herumstolpert. Zwar verstehen sich die beiden, aber selbstverständlich versteht niemand die Katze. Trotzdem muss sie dem unbeholfenen Menschen sagen, wo es lang geht.

Der Suche nach dem Funken, der die leichtfertig im Vorbeigehen eingeprägten Eigenschaften der neuen Menschen komplettiert, ist eigentlich die Frage nach dem Sinn des Lebens. Dass sich Regisseur Pete Docter wie schon bei „Oben" (2009) und „Alles steht Kopf" (2015) die Antwort nicht leicht macht, führt zu einem überzeugenden und bewegenden Finale.

Während das jazzige New York recht realistisch gezeichnet wurde, erinnern die Engel, die alle Jerry heißen, an eine Picasso-Skizze. Etwas irritierend läuft hier übrigens Elektro-Musik beim Flug ins Paradies, die Hölle oder das Jenseits.

In „Soul" wird aus dem doch etwas zwangsbehafteten Disney-Auftrag „Lebe deinen Traum!" die entspanntere Erkenntnis „Genieße jede Minute deines Lebens!": „It's alright, have a good time and listen to the beat ... you've got soul" klingt es im Abspann.



Ma Rainey's Black Bottom / Netflix


Der letzte Film des früh verstorbenen Darstellers Chadwick Boseman („Black Panther") spielt 1927, ist aber bei aller beschwingten Blues-Musik (Branford Marsalis!) ein erschreckend aktuelles Drama um Diskriminierung von Afro-Amerikanern. Titelfigur dieses hervorragend umgesetzten Kammerspiels im Tonstudio ist die „Mutter des Blues", die legendäre Ma Rainey (Viola Davis). Während sie ihre weißen Produzenten in Chicago mit deftiger Grandezza zappeln lässt, streiten sich die Studiomusiker um die Richtung des nächsten Stücks. Die uralte Diskussion zwischen etwas Innovativem und dem „Wir haben es schon immer so gemacht". Vor allem der ehrgeizige Kornettist Levee (Chadwick Boseman) will Veränderung. Doch statt seines flotten, tanzbaren Solos soll der stotternde Neffe von Ma ein Intro sprechen. 
Man merkt „Ma Rainey's Black Bottom" schnell das Theater als Ursprung an. Der zweifache Pulitzer-Preisträger August Wilson schrieb es als Teil einer Serie von zehn Stücken, die jeweils einem Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts gewidmet sind. 2016 inszenierte Denzel Washington bereits „Fences", ebenfalls mit Viola Davis. Selbstverständlich läuft auch jetzt das Verhältnis von Weißen und Schwarzen mit, das Thema bleibt hochaktuell. Eine der horrenden Geschichten von Gewalt und Unterdrückung ist Bosemans Solonummer, die allein den ganzen Film lohnt. „Ma's" viele weiteren Qualitäten lassen spüren - wie Daniel Kothenschulte in der Frankfurter Rundschau schrieb - dass wir nicht nur das Kino vermissen, sondern auch das Theater.

„Ma Rainey's Black Bottom" (USA 2020), Regie: George C. Wolfe, mit Viola Davis, Chadwick Boseman, Glynn Turman, 95 Min., FSK: keine Angabe

15.12.20

Wolfwalkers / Apple TV+


Bereits „Die Melodie des Meeres" (Europäischer Filmpreis 2015) von Tom Moore war ein Kunstwerk, das weit über das Genre des Kinder-Zeichentrick hinaus schien. Der Nachfolger „Wolfwalkers" erzählt mit einem ähnlich wunderbaren Stil von Naturzerstörung durch Zivilisation und Religion in Cromwells Irland. Ein Meisterwerk und der schönste, klügste und reichste (Animations-) Film des Jahres.

Das verwegene Mädchen Robyn träumt davon, wie der Vater Wölfe zu jagen. Doch der große, üble Boss will sie in eine Industrie-Küche stecken, denn „da gehören Frauen hin". Auch diese Emanzipations-Geschichte erzählt „Wolfwalkers", angesiedelt im Irland des Jahres 1650. Oliver Cromwell erobert die Insel mit seinen englischen Truppen. Damit zwingt er den katholischen Bewohnern nicht nur seine puritanische Religion auf, auch „die Natur" muss kontrolliert werden. Der große, geheimnisvolle Wald vor der Stadt fällt immer mehr den Holzfällern zum Opfer. Die werden allerdings schon in der ersten Szene von Wölfen und einem magischen Wesen verjagt.

Robyns alleinerziehender Vater Bill ist Wolf-Jäger für den mächtigen und bösartigen Lordprotektor. Aus übergroßer Sorge um sein Kind verbietet Bill ihr, die Stadt zu verlassen. Doch das neugierige Mädchen und ihr Raubvogel Merlyn lassen sich nicht fernhalten. Im verwunschenen Gestrüpp lernt sie die wilde Mebh kennen. Das rothaarige Wesen, das mit den Wölfen rennt, ist ein „Wolfwalker" – Wolf, wenn sie schläft, und Mensch, wenn sie wach ist.

„Wolfwalkers" ist ungewöhnlich reich an interessanten und weiterführenden Geschichten. Doch erst einmal fasziniert wieder der atemberaubend schöne Stil von „Die Melodie des Meeres" und „Das Geheimnis von Kells". Jede Szene hat Bilder „zum an die Wand hängen": Inspiriert von irischen Holzschnitten sieht man die graue Stadt im Hintergrund als grafisches Element, als vertikales Raster. Da gibt es ein farbenfrohes Mandala mit der Wolf-Familie und in der Mitte Mutter sowie Tochter Wolfwalker. Dann meint man in einem Blumenmeer Klimt zu entdecken. Dann wieder eine strenge Linienführung mit dem Fachwerk der Häuser. Die Zeichnungen sind grafisch und doch voller Leben. Dabei verspielt, nicht perfekt, wenn nicht bereinigte Linien um die Gesichter kreisen. Trotz der Referenz zu irischen Holzschnitten hat man weniger das Gefühl der „Aneignung" als bei Disney-Filmen („Pocahontas"), wo die indigene Kultur oft nur Dekoration ist.

So ergänzen sich wieder Form und Inhalt aufs Reizvollste. Die unmenschliche Strenge des religiösen Eroberers trifft auf freies Leben und freien Stil. Nicht nur mit der Diskussion um Lebensraum für Wölfe hat „Wolfwalkers" dabei hochaktuelle Themen. Durch den raffinierten Perspektivwechsel der verzauberten Robyn erleben wir mit den Sinnen der Wölfe die Zerstörung der Wälder. Soziologisch zeigen die Bilder gar die traurige Menschheitsgeschichte einer Entfremdung von Natur und marxistisch die Entfremdung der eigenen Arbeitskraft im Zuge der Verstädterung.

Eine Geschichtsstunde über die Besetzung Irlands durch England ist dieses Meisterwerk sowieso. Denn mit dem Lordprotektor ist Oliver Cromwell gemeint, der in Irland grausam Kriegsverbrechen beging. Aber auch hier ist „Wolfwalkers" verblüffend modern: Solche Hassprediger führen immer noch bei Christentum, Islam und anderem religiösen Wahnsinn das Wort. 

Ein Kunstwerk, kluge Geschichten und beste Unterhaltung - „Wolfwalkers" begeistert in jeder Hinsicht groß und klein. Das ist relevante Filmkunst auf dem Niveau wie das – wesentlich umfangreichere - Werk von Hayao Miyazaki („Prinzessin Mononoke").

„Wolfwalkers" (Irland, Luxemburg, Frankreich 2020), Regie: Tomm Moore, 103 Min., FSK: ab 6

14.12.20

I'm Your Woman / Amazon Prime Video


Bei den großen Gangster-Filmen sind die Frauen meist Rand-Figuren. Mal schillernd, mal schmerzlich simplifiziert. Der großartig andere Thriller „I'm Your Woman" nimmt konsequent und packend eine Gegen-Perspektive ein: Jean (Rachel Brosnahan) hat nicht viel Ahnung vom Treiben ihres Mannes Eddie. Sie sitzt gut ausgestattet zuhause und bedauert, kein Kind zu haben. Bis Eddie mit einem Baby im Arm zurückkommt - sie dürfe sich einen Namen aussuchen. Eines Nachts muss Jean mit einer Tasche voller Geld und einem Fremden fliehen. Eddie hat sich mit seinem Boss angelegt und wird von dessen Bande gejagt. Selbst wenn die Ehefrau keine Ahnung hat, muss auch sie sich verstecken.

Nur zwischendurch eine knallharte Gangstergeschichte, zeigt „I'm Your Woman" einen Großteil des Films Warten - und das ist richtig interessant. Jean wird immer wieder Fehler machen. So ist selbst der Besuch einer übermäßig fürsorglichen, neuen Nachbarin spannend. Diese Szenen sind besonders gelungen, da eine unbekannte Gefahr droht. 

Die Rolle der Jean ist nicht ganz eine Solonummer, aber Rachel Brosnahan („The Marvelous Mrs. Maisel") trägt den Film hauptsächlich mit ihrem eindrucksvollen Spiel. In den unterschiedlichen Schlupflöchern kommt die junge Frau zur Ruhe und zu sich selbst. Mit dem „Fluchthelfer" Cal (Arinzé Kene) entwickelt sich eine ungewöhnliche Beziehung: Sie dürfen nicht zu persönlich werden, können es aber nicht vermeiden. Im Laufe des Films zeigen sich noch einige überraschende Verbindungen. Auch Cal ist eine äußerst spannende Figur, hat Erfahrung mit Kindern und raucht die Zigarette, die er immer in der Hand hat, nie. Verblüfft stellt man fest, wie wenig es braucht, um einen Menschen zu charakterisieren – wenn es gut gemacht ist.

Bei intensiver Atmosphäre, guten Songs und reizvollem Dekor im Zeitkolorit der 70er gibt es auch äußerst gelungene Momente der Spannung. Das erinnert deshalb nicht nur in der Mode an John Cassavetes' Klassiker „Gloria" mit seiner Frau Gena Rowlands. „I'm Your Woman" stellt in der Karriere von Regisseurin Julia Hart („Fast Color", „Miss Stevens", „Stargirl") einen neuen Höhepunkt dar.

„I'm Your Woman" (USA 2020), Regie: Julia Hart, mit Rachel Brosnahan, Marsha Stephanie Blake, Arinzé Kene, 120 Min., FSK: ab 16

El Cid / Amazon Prime Video ab 18.12.


Ein Gutes hat der Boom der Streaming-Produzenten: Neben Hollywood bekommen jetzt andere Film-Nationen die Chance auf einen Weltmarkt. Serien wie „Dark" und Filme wie „Unorthodox" stoßen auf internationales Interesse. „Spanien" will nun mit seinem Nationalhelden „El Cid" mitmachen. Schon früh inspirierte der sagenhafte Ritter Rodrigo Díaz de Vivar (1045/50 - 1099) aus niederem Adel die Literatur. 1961 gab es den Historienfilm „El Cid" mit Charlton Heston und Sophia Loren. Die neue Serie stellt sich der Legende mit billiger Ausstattung, schwachem Spiel und trivialer Dramaturgie entgegen.

Während der junge Knappe (Jaime Lorente) als Stallbursche und Ritter in Ausbildung mit der schönen Jimena (Lucía Guerrero) flirtet, streiten sich die Kinder von Ferdinand I., ein Bruder, die Ehefrau und andere Konkurrenten um den Thron von León, Kastilien und Galicien. Es gibt Ziegenställe vor der Kathedrale und viele verschwörerische Blicke von mehrheitlich mäßigen Akteuren. Das wirkt wie Mittelalter-Flohmarkt und Laien-Theater. Dass die Kettenhemden schlecht saßen, mag historisch richtig sein, macht aber vor allem in Zeiten von „Game of Thrones" sehr wenig hier. Erst im Finale der ersten Folge bekommt die Sache etwas Schwung. Aber es vergehen lange weitere, bis bei einer großen Schlacht richtig viele Produktionsmitteln rausgehauen werden. Trotz fünf Stunden Laufzeit kommt die Serie in der ersten Staffel nur bis zum Tod Ferdinands 1065. Der eigentliche Aufstieg von El Cid zum Heerführer für Christen und Araber, zum Herrscher über Valencia soll wohl nächste Staffeln füllen. So bleibt der Auftritt von fortschrittlichem Wissen und Toleranz aus dem Orient ein Versprechen, die mythische Ebene um El Cid, „der mit den Vögeln spricht", eine Andeutung. Nur mit ganz viel Willen, sich über historische Details aufzuregen, sollte man diesen simplen Historien-Schinken aussitzen.

„El Cid" (Spanien 2020), Regie: Federico Cueva, mit Jaime Lorente, Alicia Sanz, José Luis García Pérez, fünf Folgen à 60 Min., FSK: keine Angabe

8.12.20

Fatman / VOD


Fast so alt wie die Weihnachtsgeschichte ist die Geschichte der Anti-Weihnachts-Actionfilme: Die Klassiker reichen von Kinderkram wie „Kevin – Allein zu Haus" bis zu Bösem wie „Bad Santa" mit Billy Bob Thornton. Die Rolle des rauen Weihnachtsmannes übernimmt diesmal der ausgewiesene „Dirty Old Man" Mel Gibson. Sein Chris Cringle verzweifelt an der amoralischen Menschheit. Er liefert aber immer, finanziert von der Regierung, mit Hilfe einer Armee von Elfen pünktlich Geschenke aus. Dieses Jahr muss er nicht nur mit Budget-Kürzungen kämpfen. Ein verzogenes reiches Gör hetzt ihm einen Killer auf den Hals, weil es vom Geschenk enttäuscht war.

„Fatman" ist ein Spaß in der Charakterisierung des deprimierten und übermäßig gerechten Weihnachtsmannes sowie des merkwürdigen Killers mit tiefsitzendem Santa-Hass und Hamsterliebe. Dass in modernen Zeiten die Elfen zwischendurch Waffentechnik produzieren, dass die kleinen Leute mit Kohlenhydrat-Diät (Kekse und Kuchen) sowie 60 Minuten Schlaf am Tag die Muskelmänner beeindrucken, gehört zur netten Verzierung der Action-Geschichte. Die zehn Minuten Geballer von „Mad Chris-Max" könnte man sich schenken. Tatsächlich ist „Fatman" bis auf ein paar originelle Einfälle ziemlich banaler Actionkram mit Lametta und Tannenzweigen. Doch Mel Gibson und seine Weihnachts-Frau Marianne Jean-Baptiste reißen die Sache mit ihren nett gezeichneten Figuren raus. (ghj)

(auf allen gängigen Plattformen)

„Fatman" (Großbritannien, Kanada, USA 2020), Regie: Eshom Nelms, mit Mel Gibson, Walton Goggins, Marianne Jean-Baptiste, 100 Min., FSK: ab 16

7.12.20

The Undoing / Sky



Wenn Bridget Jones das gewusst hätte: Ihr Daniel kann ein ganz fieser Kerl sein... Der charmante Hugh Grant zeigt in der Thriller-Miniserie „The Undoing" unter der exzellenten Regie von Oscar-Gewinnerin Susanne Bier („Love is all you need", „Birdbox") andere Seiten.

Zuerst ist alles glänzend in der Welt der unverschämt Reichen am New Yorker Central Park: Die Therapeutin Grace Fraser (Nicole Kidman) und der Chirurg Jonathan (Hugh Grant) führen immer noch eine lebendige Ehe. Mit trockenem Humor begleitet der Brite ihre Bemühungen, als Helikopter- und Charity-Mutter. Dann verhält sich eine andere, jüngere Mutter der Schule seltsam provokativ gegenüber Grace und wird bald ermordet aufgefunden. Ein Schock für die abgeschottete heile Welt, doch zusätzlich ist Jonathan verschwunden. Grace muss neu definieren, wie sie zu ihrem Ehemann steht.

Nach dem Roman „Du hättest es wissen können" von Jean Hanff Korelitz inszeniert die Dänin Bier ihre Miniserie „The Undoing" äußerst raffiniert: Schon die erste Folge endet mit einem atemberaubenden „Cliffhanger". Bei der zweiten rappelt es dann heftigst in der dramaturgischen Kiste – immer wieder Überraschungen und unglaubliche Szenen. Atemberaubend schaut man an, zu was Menschen fähig sind.

Hugh Grant ist eine Traumbesetzung für die Rolle des gutherzigen Kinder-Onkologen Jonathan. „Für wie charmant halten Sie sich eigentlich?", bemerkt die ebenfalls großartige Figur der Anwältin, um in der Folge diesen Charme vor Gericht einzusetzen. Nicole Kidman, die Veronica Ferres des internationalen Films, ist als Ko-Produzentin zwar das Zugpferd für Trailer und andere Werbung, doch ein eher schwächerer Teil des Films. Mit ihrer berühmten Ausdrucksschwäche wird sie in jeder Szene von Hugh Grant an die Wand gespielt. Sein Gesicht zeigt grandiose Abgründe. Und dann erweist sich Kidmans Film-Vater Donald Sutherland andauernd als „Szenen-Stehler". Ob sein Milliardär Reinhardt kontemplativ im Museum sitzt oder dem Schuldirektor kalt lächelnd erzählt, er sei von einer ganz anderen Generation von Schweinhunden, mit der man sich nicht anlegen wolle. Bis auf die enttäuschende letzte Folge eine fies gute Thriller-Serie.

„The Undoing" (USA 2020), Regie: Susanne Bier, mit Hugh Grant, Nicole Kidman, Donald Sutherland, sechs Folgen à ca. 55 Min., FSK: keine Angabe

The Prom / Netflix ab 11.12.


Hillbillys, Teil 3: Diesmal kommt eine Busladung abgehalfterter Musical-Stars vom Broadway zu den Hinterwäldlern. Es gilt, den Schulball („Prom") von Emma (Jo Ellen Pellman) zu retten, die sich als lesbisch geoutet hat. Die konservative Schulverwaltung kann das zwar nicht verbieten, dafür aber die ganze Party absagen. Ein gefundenes Fressen für Dee Dee Allen (Meryl Streep), Angie Dickinson (Nicole Kidman) und Barry Glickman (James Corden): Die nicht mehr ganz angesagten Broadway-Sänger suchen eine „gute Sache", die ihren Karrieren wieder auf die Sprünge helfen könnte. Selbstrettungs-Maßnahmen wie „We are the world" oder „Band Aid" - nur diesmal mit Lesbierinnen. Wie verzweifelt die Helfer selbst sind, zeigt die Ankunft nach langer Busfahrt: Im wenig glanzvollen Hotel holen sie unerkannt gar ihre Tony-Trophäen aus der Tasche. (Corden bekam ihn 2012 tatsächlich für "One Man, Two Guvnors".) Vergebens – hier gibt es keine Suite, keine Extras.

Als es der weltoffene High-School-Direktor – und Musicalfan - Mr. Hawkins (Keegan-Michael Key) doch eine „diverse" Prom durchboxt, veranstaltet die hinterhältige Elternschulsprecherin (Kerry Washington) heimlich eine Parallel-Party. Jetzt hängen sich die alten Broadway-Schlachtrösser, die erst eigentlich nur ihrem Narzissmus frönen wollten, richtig rein. Nebenbei flirtet Dee Dee mit dem Schuldirektor. Und Barry verarbeitet, dass er nach seinem Coming-out vor Jahrzehnten nicht nur die Prom verpasste, sondern auch von den Eltern rausgeschmissen wurde.

Das Musical „The Prom" macht sich anfangs mit viel Glitzer und Neonfarben über angeblich so weltoffene New Yorker Künstler lustig, die mit großen Solo-Nummern betonen müssen: „Es geht nicht um mich!" Zum Glück ist da auch die bodenständige Emma als wahrer Star. Nach farbenfrohem musikalischem Mobbing in der Turnhalle und munteren Stücken wie „Don't be gay in Indiana" (Sei nicht homo in Indiana) widersetzt sie sich sogar den gängigen Rezepten, mit großen Auftritten Recht zu bekommen. Aber nicht ohne schmissige Einkaufstour mit James Corden und einem Gospel im Einkaufszentrum, um bigotte und homophobe Mitschüler zu bekehren. Das Liebesduett darf nicht fehlen, mit einem ironischen Twist: „Es braucht nur dich und mich - und ein Lied".

Nun ist „The Prom", nach dem gleichnamigen Broadway-Musical von Chad Beguelin, Robert Martin und Matthew Sklar, von der satirischen Bissigkeit her sicher nicht Mel Brooks' „Frühling für Hitler" (The Producers). Aber der Film von Ryan Murphy karikiert das übliche abgehobene und überkandidelte Musical-Theater aufs heftigste, um es dann trefflich und mitreißend wieder anzuwenden. „The Prom" begeistert und macht Spaß, dabei entstehen inmitten aller bunter Banalitäten berührende Geschichtchen, Lieben und Verletzungen. Die Drehbuch-Autoren Ryan Murphy, Bob Martin und Chad Beguelin erklären vor allem über die Figur des Musical-Fans Hawkins den Geist des Genres: Wenn die Gefühle zu groß werden, muss man singen. Um dann nach nur angetäuschter Ignoranz ein herrliches Parade-Beispiel abzuliefern.

Die erstaunliche Newcomerin Jo Ellen Pellman besteht als Emma mit Leichtigkeit und Drew Barrymore-Charme neben James „Carpool-Karaoke" Corden, Oscar-Gewinnerin Meryl Streep und Nicole Kidman, die bei „Moulin Rouge" (2001) das letzte Mal gut gesungen hat. Kidman ist hier allerdings wesentlich besser, weil es mal nicht auf ihre reduzierte Mimik ankommt (siehe „The Undoing"). So schafft es „The Prom", sich bei einer grandios glamourösen Inszenierung wunderbar selbst auf den Arm zu nehmen. Ein großer, bunter Spaß mit viel Herz.

„The Prom" (USA 2020), Regie: Ryan Murphy, mit Meryl Streep, Nicole Kidman, James Corden, Jo Ellen Pellman 126 Min. FSK ab 6

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1.12.20

Uncle Frank / Amazon


Nach „Hillbilly Elegy" schaut sich „Uncle Frank", Publikums-Liebling beim Sundance-Festival, die Gräben zwischen rückständigem Land und offenen Stadtbewohnern an: „Sei wer du sein willst!" Dieser Rat des geliebten Onkel Frank (Paul Bettany) verändert 1969 das Leben der jugendlichen Beth Bledsoe (Sophia Lillis). Vier Jahre später verlässt sie das ländliche Creekville, um in New York zu studieren. Onkel Frank ist dort beliebter Literaturprofessor und lebt zusammen mit seinem langjährigen Partner Wally (Peter Macdissi), wie die etwas unbedarfte Beth langsam entdeckt. Als Franks Vater stirbt, begeben sich die drei auf einen Road Trip in eine noch existente schreckliche Vergangenheit aus Schwulen-Hass, Rassismus und Frauen-Verachtung.

„Uncle Frank" erzählt aus der Perspektive einer jungen Frau mit viel Herz und Verstand, aber ohne Erfahrung. Beth meint tatsächlich, sie hätte noch nie einen Schwulen getroffen, und wird humorvoll über den Gesangslehrer aufgeklärt. Dass ausgerechnet Wally, der Freund aus dem Saudi-Arabien, wo Schwule noch hingerichtet werden, die gefährliche Situation im ländlichen South Carolina nicht ernst nimmt, irritiert etwas. Frank, grandios gespielt von Paul Bettany, zerbricht fast an der testamentarisch festgelegten Verachtung des Vaters und an Resten von Selbsthass. 

Im Happy End der bewegenden, exzellent erzählten Geschichte freut sich die einfältige Schwägerin (Judy Greer) fast hysterisch, dass „Schwule so gut riechen". „Uncle Frank" zeigt sehr viel Verständnis für die zurückgebliebene Familie, aber man will mit den drei anderen Leuten doch schnell wieder nach New York.
 
„Uncle Frank" (USA 2020) Regie: Alan Ball, mit Paul Bettany, Sophia Lillis, Peter Macdissi, 95 Min., FSK: ab 12