18.10.10
Banksy - Exit Through The Gift Shop
Großbritannien 2010 (Exit Through The Gift Shop) Regie: Banksy 86 Min.
Banksy, der weltbekannte Street Art-Künstler, inszenierte mit „Exit Through The Gift Shop“ einen Film, der raffiniert zwischen amateurhafter Dokumentation und Mockumentary wechselt. Die Aufnahmen eines verrückten Franzosen aus Los Angeles, der sich mit naiver Begeisterung in die internationale Street Art-Szene stürzt, landen angeblich bei Banksy, der sie darauf im zweiten Teil zur humorvollen Demontage des Kunstbetriebes montiert. „Ein Film über einen Mann, der versucht hat, einen Film über mich zu drehen“, so beschreibt Banksy seinen ersten Spielfilm.
Banksy ist ein international gefeierter Street Art-Künstler. Bekannt sind seine Schwarzweißbilder von sich küssenden Polizisten und Straßenkämpfern, die mit Blumen werfen. Im Westjordanland bemalte der Brite die monströse Mauer der Israelis mit künstlerischen Durchbrüchen. Mittlerweile sind seine Guerilla-Arbeiten, die in meist nächtlichen Aktionen mit unterschiedlichsten Materialien im Öffentlichen Raum erstellt wurden, in Museen wie dem MoMA oder der Tate Modern zu sehen.
Wie Street Art selbst spielt auch „Exit Through The Gift Shop“ mit der Wahrnehmung der Zuschauer. Der erste Film Banksys sieht erst einmal aus wie eine Dokumentation: Wir erleben den französischen Boutiquenbesitzer Thierry Guetta aus Los Angeles, der schon immer alles gefilmt hat, was ihm vor die Linse kam. Als er irgendwann Street Art entdeckt, weil der bekannte Künstler Invader sein Neffe ist, dringt er immer mehr in die Szene rein, lernt viele der Stars wie Shephard Fairey kennen und findet in dieser Dokumentation ein Ziel für die emsige Aufnahme seiner Umwelt.
Der ungeschickte Trottel Thierry, bei dem man befürchten muss, dass er bei einer Klebeaktion vom Dach fällt, ist selbst dabei, wenn Banksy eine Guantanamo-Szene in Disney Land nachstellt und Panik bei der Security auslöst. Er schafft es sogar, das Filmmaterial heraus zu schmuggeln. Doch all dieses Material stapelt sich nur in Thierrys Wohnung. Eine hektisch zusammengehauene Schnittfassung für Banksy, der das Projekt eigentlich unterstützen wollte, erweckt bei diesen den Eindruck „einer Person mit geistigen Problemen und einer Kamera“. Also übernimmt Banksy die Regie und wir erleben nun, wie Thierry selber zum Künstler Mr. Brainwash wird, beziehungsweise die vorher dokumentierten Street Artisten ziemlich dreist und platt kopiert.
Zu sehen, wie ein Idiot Erfolg hat, wie er eine Mega-Ausstellung trotz aller Probleme zum Event macht, liefert eine andere Art von Humor. Der Spaß an einer innovativen Kunstform mit ihren schillerenden Aktionisten macht Platz für eine deftige Farce des Kunstbetriebes, dem man scheinbar alles andrehen kann. Das ist im zweiten Teil dann ein klares Statement des Künstlers Banksy, der sich mit seiner Anonymität diesem Zirkus teilweise entzieht.
Auf seiner Website banksyfilm.com nennt Banksy sein Werk „The worlds first Street Art disaster movie“ - den ersten Street Art Katastrophen-Film! Der Film ist zumindest in Teilen so wie die Produktionsfirma heißt: Paranoid. In Thierry hat er eine Haupt- und Witz-Figur, die zu duchgeknallt ist, um nicht echt zu sein.
14.10.10
Tati erobert Gent
Gent. Museale Präsentationen zu Film-Regisseuren bieten meist nette Details und Erinnerungen an den Künstler. Die gestern in Gent eröffnete kongeniale Ausstellung zum französischen Komiker Jacques Tati (1908–82) lässt nicht nur seine bekannten Filme wie „Die Ferien des Monsieur Hulot" oder „Tatis Schützenfest" wieder aufleben, man wird direkt in seine eigenartigen Filmwelten versetzt. „Jacques Tati: Deux Temps,Trois Mouvements" ist bis zum 16. Januar 2011 im Genter Caermersklooster zu sehen. Das Filmfestival Gent zeigt noch bis zum 23. Oktober parallel die Filme Tatis.

Die französische Theater-Regisseurin Macha Makeieff kurierte die Ausstellung und wollte vor allem erfahrbar machen, „wie modern Tati schon damals war, wie seine Filme vom Wandel in die Moderne zeugen." Makeieff ist entfernt mit dem als Jacques Tatischeff geborenen Regisseur verwandt, frühe Begegnungen mit ihm hinterließen einen großen Eindruck. Deshalb führt sie die Besucher vom fertigen Werk, den nur sechs Langfilmen, die in dreißig Jahren entstanden, zu Tatis Anfängen. Er kam von der Music Hall, tourte Anfang der Dreißiger Jahre mit seinen Sportimitationen durch Europa. Es begeistert die Kuratorin immer noch, wie er Komik aus einfachen Situationen und Gegenständen erzeugte.
„Hulot, das bin ich teilweise, aber das seit auch ihr allemal."
Nicht nur sein Monsieur Hulot ist berühmt. Sobald ein etwas hektischer oder verwirrter Postbote im Film auftaucht, ruft man schnell „Tati-Zitat!" Aber tatsächlich ist der Berufskollege in „Amélie" eine kleine Hommage. Selbst David Lynch bewundert Tati und hat in seiner ruhigen Ballade „The straight story" die Szene kopiert, in welcher der Postbote ein Feld von Radrennfahrern überholt. Lynchs Held wird in einer noch hektischeren Zeit mit seinem reisenden Rasenmäher diesmal von der Straße gedrängt. Auch Steven Spielberg verweist ausdrücklich auf den Einfluss Tatis: Die Naivität und verblüffende Findigkeit, mit der Tom Hanks sein Leben in „The Terminal" einrichtet, sei vom französischen Komiker inspiriert. Ebenso die Zweckentfremdung der Möbel.
Tatis Vater fertigte noch Bilderrahmen in Paris. Ein Rahmen, den Jacques sprengte und gleichzeitig mit neuen Inhalten füllte. Der Sohn hat den französischen Film revolutioniert, weil er im Gegensatz zu dialoglastigen Vorgängern Komödien auf die Leinwand zauberte, die ohne Sprache weltweit verstanden wurden. Sprache war in Tatis Filmen immer nur ein Geräusch unter vielen. Damit ist Tati gestisch ein Verwandter von Chaplin und Buster Keaton, müht sich aber in seinem Quixote-Feldzug an anderen Windmühlen, anderen Modernen Zeiten ab. Die spezielle Poesie der Tati-Filme, die Generation nach Generation beglückt, trägt unter der leichten Oberfläche der gefühlvollen Komödie eine klare Kritik an menschen-unfreundlichen Auswüchsen der Moderne. Schon Jahrzehnte vor den Crazy Walks der Monty Python hatte dieser verrückte Franzose einen unverwechselbar staksigen Gang, der dauernd irgendwo anzuecken drohte. Aber meist ging es gut. Und falls nicht, hatte das Chaos des Monsieur Hulot immer reinigende Wirkung.
Die Sammlung von Szenen, Requisiten, Möbeln und Momenten aus Tati-Filmen in Gent bietet mit ihrer offenen Struktur immer neue Perspektiven und Einblicke. Makeieff freut sich vor allem auf das Publikum, weil es sich in dieser Umgebung selbst in einer Art tatiesker Inszenierung zum Teil der Ausstellung macht. Schon bei der Vorbesichtigung spielten eine Reihe von übrig gebliebenen Leitern und eine Putzfrau vortrefflich bei diesem Konzept mit. Man betritt die labyrinthische Bürosituation aus Tatis spätem Meisterwerk „Playtime" (1968), die Schwingtüre, nach deren intensiver komödiantischer Benutzung man regelrecht am Boden liegt, führt in den nächsten Teil – oder auch nicht.
Die Ausstellung besteht aus einem farbigen und einem Teil in Schwarz-Weiß. Das Event Tati erschließt sich in umgekehrter Reihenfolge: Erst werden die Filme wieder ins Gedächtnis gerufen, dann erst ist der junge, akrobatische Tati zu erleben. Tati sagte selbst, sein Star seiner Filme sei vor allem das Dekor. So kann man bestaunen, wie aktuell die zivilisationskritischen Entwürfe aus den Fünfzigern bis Siebzigern heute noch sind. Die Möbel aus dem damals futuristisch unbequemen Appartement von Herrn und Frau Arpel („Mon Oncle") wurden übrigens kürzlich wieder herausgebracht. Generell lehnt sich die Ausstellung an Tatis Stil an, indem sie Text weitgehend vermeidet und visuell arbeitet. Nach diesem Erlebnis wird man einiges in unserer modernen Zeit als tatiesk erkennen.
Wie sein von amerikanischer „rapidite, rapidite" begeisterte Postbote im „Schützenfest" war auch Tati angetan von technischer Entwicklung: Er versuchte diesen Film mit einem neuen französischen Farbfilm – in Konkurrenz zum amerikanischen Material – zu drehen. Und scheiterte. Erst nach seinem Tod konnten die Negative richtig entwickelt werden. „Playtime" war der erste französische Spielfilm, der auf 70mm gedreht wurde. Und eine finanzielle Katastrophe: Die bis zur Absurdität moderne Stadt wurde komplett als Kulisse gebaut und sorgte für den Ruin des Regisseurs. Doch noch heute ist die Vision ein Lehrstück für Architektur und Design. Wie modern der Regisseur war, zeigt diese Ausstellung.
37. Ghent International Film Festival
Das A-Festival mit dem Schwerpunkt Filmmusik zeigt über 125.000 Besuchern bis zum 23.10. in Wettbewerb und Nebensektionen circa 150 aktuelle Filme aus aller Welt. Zum Abschluss werden die World Soundtrack Awards an die besten Filmmusik-Komponisten der Welt verliehen.
„Jacques Tati: Deux Temps,Trois Mouvements"
15/10/2010 - 16/01/2011
Caermersklooster - Provincial Cultural Centre
Vrouwebroersstraat 6, 9000 Ghent.
Tel.: +32 (0)9 269 29 10.
http://www.Caermersklooster.be
12.10.10
Reine Fellsache - Jetzt wird's haarig!
USA, 2010 (Furry Vengeance) Regie: Roger Kumble mit Brendan Fraser, Brooke Shields, Matt Prokop, Ken Jeong ca. 90 Min.
Oh, diese Natur! Lauter sprechende Tiere, die komische Grimassen machen. Diesmal vergnügen zum Glück keine sprechenden Tiere, zumindest sprechen sie nicht mit menschlicher Sprache. Höchstens mal mit komischen Sprechblasen aus Filmbildern. Oh, diese Natur, sagt Dan regelmäßig, wenn er morgens sein Musterhaus mitten im Wald verlässt. Doch statt einer kleinen Siedlung im Grünen, die in drei Monaten hochgezogen wird, soll der ganze Wald platt gemacht werden, was Dan mit Frau und reichlich frustriertem Sohn für vier Jahre in der Pampa festnagelt.
Doch die Bauunternehmung hat die Rechnung ohne die Tiere gemacht, die schon im Vorspann lässig einen Porsche-Heini erlegt haben. Unter Führung des Waschbären wird Dr. Doolittle auf den Kopf gestellt. so brutal hat die Natur nicht zurück geschlagen seit der „Mäusejagd“ von Gore Verbinski. Die Rache durch Tier-Terror beginnt mit einer Elster die Poes Rabe imitiert, dann gibt es Stinktier-Attacke und Dixi-Klo-Marinade für Dan. Die verrückten Reaktionen des Naturschänders wider Willen verlangen eine etwas simple Natur, doch es ist schon grandios, wie Brendan Fraser mit seiner Mimik den Tier-Grimassen trotz. Der schön blöde Slapstick im Stile von Bug Bunny und Elmer hat bei der Animation von Mimik und tödlichen Blickwechseln sicher richtig Spaß gemacht. Dieser springt auch sofort aufs Publikum über. Die menschelnde Geschichte von Dans Sohn und seiner Öko-Freundin Amber stört den Wild-Spaß ebenso wie der finale Familienkitsch.
11.10.10
Im Oktober werden Wunder wahr
Peru, Venezuela 2010 (Octubre) Regie: Daniel Vega, Diego Vega mit Bruno Odar, Gabriela Velásquez, Carlos Gassols, María Carbajal 93 Min.
Ein wundersamer Fund bringt das Leben des peruanischen Geldverleihers Clemente (Bruno Odar) durcheinander: Das Findelkind in seiner Wohnung stört bei dem genauen Abzählen und Notieren, deshalb soll die religiöse Nachbarin Sofia (Gabriela Velásquez) helfen. Nur zu gern sagt die ältere Frau zu, die schon immer ein Auge auf Clemente geworfen hat. Der forscht derweil bei wohl bekannten Prostituierten nach dem Ursprung des Kindes, wird aber immer wieder neu reingelegt. Meist schweigsam spielen sich die Veränderungen in der kleinen zwei Zimmerwohnung ab. Irgendwann zieht sogar noch ein bedürftiges altes Paar in die kärgliche Behausung. Doch Sofia sorgt für alle.
Wie sich Clemente öffnet und verändert, ist ein kleines Wunder. Ebenso die Wirkweise des Films, der sehr ruhig und konzentriert völlig Unspektakuläres mit fast unscheinbaren Figuren erzählt. Da diese Menschen aber nicht als irgendwelche Typen strahlen, kann man sie genauer betrachten und trotz ihre Sprödigkeit sogar ins Herz schließen.
Die etwas anderen Cops
USA 2010 (The Other Guys) Regie: Adam McKay mit Will Ferrell, Mark Wahlberg, Eva Mendes, Michael Keaton 107 Min. FSK: ab 12
Nach noch so einer materialmordenden Verfolgungsjagd stürzen die beiden Super-Cops vor lauter Hybris ab. Die freiwerdenden Posten als Stars der New Yorker Polizei könnten Allen (Will Ferrell) und Terry (Mark Wahlberg) übernehmen. Doch der eine ist Bürohengst, ein Klugscheißer mit absurder Logik und keinerlei Interesse, den Schreibtisch zu verlassen. Allen fährt Prius, hört Little River Band und ist auch ansonsten der absolute Anti-Cop. Sein hyperaktiver, aggressiver Partner Terry hingegen hat im Übereifer einen wichtigen Spieler der Yankees angeschossen und sich damit zum Feind jedes New Yorkers gemacht. Irgendwann zwingt er seinen Partner mit vorgehaltener Waffe zum Einsatz. Das geht zwar schief, aber Allens Papierarbeit führt zu einem riesigen Finanzschwindel. Noch erstaunlicher ist allerdings, dass der blasse Langeweiler von Superfrauen umgeben ist.
„Die etwas anderen Cops“ schießen die Lacher mit in der Mehrzahl absurden Szenen ab, die oft sogar Spaß machen. Die Regiearbeit von Adam McKay ist nach „Die Stiefbrüder“ (2008), „Ricky Bobby - König der Rennfahrer“ (2006) und „Anchorman - Die Legende von Ron Burgundy“ (2004) für Farrell ein Heimspiel. Wahlberg bleibt in seiner üblichen ernsten Rolle und wirkt plötzlich albern. Michael Keaton kommt sehr subtil komisch als Captain, der dauernd unwissentlich TLC zitiert. Aber irgendwann versucht die Handlung das Kommando zu übernehmen - das ist dann überhaupt nicht anders als bei jedem anderen Cop-Movie. Bis auf den Abspann, der erstaunlich einfach klar macht, wie jeder USA-Bürger die Pleiten und Gewinne der Banken bezahlt. Wie das auch für Deutschland synchronisiert?
Lebanon
Israel, Libanon, Frankreich, BRD 2009 (Lebanon) Regie: Samuel Maoz mit Yoav Donat, Itay Tiran, Oshri Cohen, Zohar Strauss, Michael Moshonov 92 Min. FSK: ab 12
Das ist wirklich „embedded“: Nur aus der Perspektive einer israelischen Panzer-Besatzung erzählt der israelische, deutsch und französisch produzierte Film „Lebanon“ vom Höllenritt eines Angriffs auf den Libanon. Die extrem laute, durchrüttelnde und erschütternde Panzerfahrt in den Libanon-Krieg des Jahres 1982 ist ein ungemein starkes Fanal gegen Krieg oder wie auch immer Regierungen das steuerfinanzierte Morden nennen mögen. Die klaustrophobische Atmosphäre erinnert stark an Petersens „Das Boot“. Regisseur Samuel Maoz, der seine eigenen Erlebnisse Jahrzehnte später verarbeitete und verfilmte, gewann in Venedig 2009 mit „Lebanon“ den „Goldenen Löwe“ und widmete den Preis allen, die Krieg überlebt haben und nach Hause kommen konnten.
„Lebanon“ ist eine von mehreren israelischen und kritischen Äußerungen der letzten Zeit zu den Kriegen des Landes. Die düstere Animation „Waltz with Bashir“ und vor allem das bittere Doku-Musical „Z32“,vom exzellenten Kino-Autor Avi Mograbi, gehören dazu. Wobei der wegen seiner (zwangsweise) einseitigen Perspektive nicht unumstrittene „Lebanon“ mit ganz banalen Beobachtungen erzählt. Da ist die Pfütze aus Öl, Schweiß und Urin im Tank, die man zu riechen glaubt. Die heftig umstrittenen Machtverhältnisse mitten im Chaos. Und chaotisch ist dieser Angriff auf jeden Fall: Schon nach wenigen Kilometern bleibt der Panzer stehen, verliert den Anschluss und die Orientierung. Die Besatzung wird von der Führung aufgegeben - oder in die Hände von christlichen Verbündeten, was noch schlimmer ist. Vor allem dem syrischen Gefangenen an Bord droht brutalste Folter durch die Phalangisten. Extrem erschütternd sind die Blicke auf das Trümmerfeld der Massaker. Mitten in den zerbombten Häusern eine schreiende Frau, Geiseln im Rollstuhl. Aber längst werden kein Warnschüsse mehr abgegeben. Wer noch immer glaubt, Krieg sei ein kontrollierbarer Konflikt, möge sich diesen Film antun. Dass Phosphorbomben zwar benutzt werden, aber einfach anders benannt sind, ist nur eine zynische Fußnote im Grauen. Wenn Samuel Maoz dann den unvorstellbaren Wahnsinn mit dem poetischen Overkill eines Feldes voller Sonnenblumen kontrastiert, wird ein Gefühl nur noch stärker: Nichts wie raus hier!
Goethe!
BRD 2010 Regie: Philipp Stölzl mit Alexander Fehling, Miriam Stein, Moritz Bleibtreu, Volker Bruch, Burghart Klaußner, Hans-Michael Rehberg 99 Min.
Er war ja eigentlich ein Punk, unser Klassiker Johann Wolfgang von Goethe. Für alle die befürchten, Staublunge zu bekommen, wenn sie einen Goethe lesen müssen, gibt es hier den jungen Wilden Johann, der selbst seine Klassiker verlacht. Mitten rein in den Sturm und Trank des Straßburgs von 1772 taucht diese ebenso kräftige wie lebendige Variante der Leiden des jungen Goethe. Mit Ausrufezeichen! Gerade hat Johann Goethe (Alexander Fehling) seine Doktorprüfung vergeigt und das Götz-Zitat schon mal großformatig in den Schnee getanzt. Doch das Drama „Götz von Berlichingen“ wird vom Verleger in Leipzig abgelehnt, da schickt der Vater ihn zur Jura-Ausbildung ins provinzielle Wetzlar. Das labyrinthische, fast surreale Reichskammergericht droht als Kafka-Vorbote mit öder Langeweile, vor allem der gestrenge Gerichtsrat Kestner (Moritz Bleibtreu) geht zum Lachen in den Keller. Aber schon beim ersten Ausflug mit seinem neuen Kumpel Jerusalem (Volker Bruch) trifft Johann auf die kecke Lotte Buff (Miriam Stein). Nur kurz darauf erlebt er bei den Buffs auf dem Lande seinen (sehr entkitschten) Lotte-Moment, der Anblick der jungen Frau inmitten der kleinen Geschwister, das gemeinsame Backen und Singen reicht, um der Liebe den letzten Stoß zu geben. Nur das übliche kleine Drama - schreib ich, oder warte ich? - steht einem stürmischen Liebesakt in freier Natur im Wege.
Doch (darin erzählt „Goethe!“ die Literatursoziologie nach) das Gefühl war dereinst nicht gern gesehen, gar verachtet. Materielle Zwänge lassen den verwitweten Vater Buff seine hübsche Tochter an den unromantischen aber finanziell gesicherten Gerichtsrat Kestner geben. Das schwärmerische Fräulein willigt aus Vernunft ein. Grad als Goethe ihr ein Theatermodell des verehrten Dramas „Emilia Galotti“ bringt, findet bei Buffs die Verlobung statt. Und Kestner, der sich ausgerechnet von seinem besten Mann Goethe den Antrag formulieren ließ, erkennt gleichzeitig mit dem unwissenden Liebhaber, dass sie um die gleiche Frau buhlten.
Ein sehr großer Kino-Moment peinlicher Erkenntnis, der später noch durch Lottes kluge Verleugnung der eigentlichen Liebe übertroffen wird. Großes Kino ist „Goethe!“ also auf jeden Fall. Ein großer Spaß gewiss, denn einen Dichterfürsten, der mit riesigem Lockenwickel und rosa Umhang auf die matschige Straße stürmt und drängt, das hat man noch nicht gesehen. Zudem klingt der hervorragende Alexander Fehling, wenn er verlegen tut, wie Heinz Erhardt (der ist auch von früher). Vor allem wirkt er mit schön angeödetem Blick wie ein deutscher Heath Ledger! Und das ist voll porno - oder wie es der Film in der alten Variante sagt: „scheißig schön!“ Überhaupt sagt er oft „scheiße“ und holt das Klassiker-ferne Publikum auch mal mit einem „Hurenfurz“ erfolgreich ab. Das ist aber keineswegs aufgesetzt. Ebenso wenig wie der Stoff für Deutschkurse, wenn Johann zufällig die Werther-Farben blau und gelb anzieht, „Schönes Fräulein darf ich’s wagen...“ schmeichelt, unter Tollkirschen-Einfluss „Dr. Faustus“ sieht und weitere literarische Rätsel einstreut.
Am Ende wird dann der „Werther“ fertig und Goethes erster „Bestseller“. Wie diese literarische Verdichtung des Erlebten ist auch der Film mehr als die Wahrheit - er ist Dichtung. Unterhaltsam, romantisch, bewegend und auch mal klug. Autor und Regisseur Philipp Stölzl findet nach der fast faschistoiden Auftragsarbeit „Nordwand“ wieder zu den Qualitäten seines Debüts „Baby“ (2002). So hat auch er das Zeug zum Klassiker...
Gainsbourg
Frankreich, USA 2009 (Gainsbourg (Vie Héroïque)) Regie: Joann Sfar mit Eric Elmosnino, Lucy Gordon, Laetitia Casta, Doug Jones, Anna Mouglalis 121 Min.
Ein genialer Maler, der als Musiker und Frauenheld berühmt und skandalös wurde. Ein Comic-Zeichner, der dieses unbändige und vielseitige Leben in einem Film mehr nachempfindet als nacherzählt. Grenzüberschreitungen bilden die wesentlichen Elementen der spannenden Anti-Biografie um die faszinierende Figur Serge Gainsbourg (1928 - 1991).
Vom Strand direkt in den Comic: Immer wieder wird Gainsbourg an den Küstenstreifen zurückkehren, wo er von einem Mädchen stehen gelassen wurde. Deshalb taucht der Film auch von hier aus in seine fantastischen Welten. Zuerst mit dem kleinen jüdischen Jungen Lucien Ginsburg, der schon mit zwölf Jahren raucht, die Malerakademie am Montmartre besucht, dabei das Aktmodell zum Ausziehen und Ausgehen überredet. Die gleichen großen Ohren hat während der deutschen Besatzung von Paris auch das Karikatur-Plakat eines Juden, aus dem sich ein riesiger Pappkopf schält und durch die Straßen rennt. Eine der ersten Alter Ego-Figuren, die Gainsbourg sein Leben lang begleiten werden. Die sprunghaften Episoden um Ginsburg, der erst später Gainsbourg wird, speisen sich oft aus Legenden: Der Junge, der lieber Cowboygeschichten liest als Klavier spielt, holt sich stolz einen Judenstern ab, muss sich aber später im Wald verstecken. Erfolg bei den Frauen hat er auch schon früh, als „ gutaussehender Mann mit sehr viel Angst“. Klavier spielt er in der Piano-Bar nur um die Malerei zu finanzieren, doch schon sein erstes Modell sagte: Küss mich mit der Zunge - oder der Sprache, was im Französischen nicht zu unterscheiden ist. Es wird denn auch sein freches, böses und mutiges Alter Ego „Die Fresse“ sein, die das Maler-Atelier unterm Dach in Flammen aufgehen lässt.
Von nun an ist Serge Gainsbourg als Komponist, Texter und Sänger erfolgreich - vor allem bei den Frauen. Von seiner Ehefrau, mit der er im Bett von Salvador Dalí lag, lässt er sich zum Date mit Juliette Gréco (Anna Mouglalis) fahren. Für die Bardot schrieb er „Je t'aime... moi non plus“, aber erst in seiner nächsten sehr intensiven Beziehung mit Jane Birkin wurde das Stöhnlied zum skandalösen Erfolg. Doch schon beim ersten Hit mit France Gall flüsterte ihm „Die Fresse“ ein, mit dem Chanson die Jugend zu verderben.
Regisseur Joann Sfar ist eigentlich Comic-Zeichner, dessen Bildgeschichten von „Chagall en russie“ bis zu „Der kleine Prinz“ reichen, und arbeitete immer schon mit jüdischen Themen. So begleitet auch sein Filmdebüt „Gainsbourg“ eine eigene Bilder- und Skizzensammlung. Diesem Hintergrund verdankt das Multitalent Gainsbourg eine uneigentliche Biografie mit ebenso vielen Liedern wie Facetten. Sie vermittelt Innenansichten Gainsbourgs und drängt „verbürgt“ Biographisches an den Rand. Der hervorragend aufgenommene Film zeigt meist Innenaufnahmen, bei denen die Totalen der Räume wie gemalte Hintergründe wirken. Das ist mehr die Skizze eines Zeichners als atmosphärische Nettigkeit, mit der zuletzt die Biografien „La vie en Rose“ (Piaf) und „Coco Chanel - Der Beginn einer Leidenschaft“ verwöhnten. Brüchig wie die Bob Dylan-Bio „I'm Not There“ von Todd Haynes gönnt sich der Film auch im konventionelleren letzten Drittel keine Sentimentalitäten und spielt zum Tod des geliebten (und von den Eroberungen des Sohns so herrlich begeisterten) Vaters den harten Chanson „Nazi Rock“ aus dem (vergangenheitsbewältigend sagt man wohl) Album „Rock Around the Bunker“.
„Gainsbourg“ überzeugt durch eine ganz hervorragende Besetzung, angefangen mit dem Film- und Theater-Schauspieler Eric Elmosnino, der dem Künstler frappierend ähnlich sieht. Noch eine Grenzüberschreitung des Films ist, dass er gleich zwei „Geisterbilder“ von mittlerweile Verstorbenen zeigt: Lucy Gordon, die Darstellerin der Jane Birkin, hat sich nach dem Dreh umgebracht. Und vor ein paar Wochen starb Claude Chabrol, der hier in einer sehr typischen Szene den erst entsetzten dann teuflisch begeisterten Produzenten von „Je t’aime“ spielt. Die Erinnerung an einen einzigartigen Künstler lebt mit diesem Film weiter - und auch seine Tochter Charlotte Gainsbourg. Die Schauspielerin singt mittlerweile Lieder vom Vater.
Twelve
USA 2009 (Twelve) Regie: Joel Schumacher mit Chace Crawford, Emma Roberts, Rory Culkin, Curtis Jackson 95 Min.
In der Verfilmung von Nick McDonells Roman „Twelve“ („Zwölf“) soll unüberhörbar etwas über eine Generation junger New Yorker Studenten aus weißen, reichen Familien gesagt werden. Aber sagt man etwas, indem man einen Erzähler (im Original: Kiefer Sutherland) überdeutlich abgedroschene Phrasen quatschen lässt? Regisseur Joel Schumacher verzettelt sich bei einem geschmäcklerischen Jugend-Trip.
Es ist Spring Break - Partyzeit für amerikanische Studenten auf Heimaturlaub. Bei der Gruppe im Fokus von „Twelve“ geht es dabei vor allem um Drogen. Das mag am „Helden“ White Mike liegen, der nach dem Krebstod der Mutter die Schule verließ und nun sehr erfolgreich „Gras“ an seine Altersgenossen verkauft. Dabei bleibt er selber sauber - ja, er trinkt nicht einmal.
Am Anfang stehen ein paar knallharte, schnelle Morde, doch schocken soll wohl die Dekadenz dieser Jugend (von heute). Dabei wirken die Hauptfiguren wie verstaubte Abdrucke aus dem Bilderbuch der Klischees: Die blonde und begehrte Sara (Esti Ginzburg) bezeichnet sich selbst als oberflächliche, manipulative Schlampe. Für ihrer Geburtstagsparty, durch die sie an „einer Schule und dann an allen Schulen berühmt werden“ wird, spannt sie das naive Jüngelchen (Rory Culkin, auch allein zuhause) ein, dessen Eltern verreist sind. Der spendet in Hoffnung auf ein Ende seiner Jungfräulichkeit die Location und einige Dollars. Dabei tickt in Form des aus einer Besserungsanstalt entflohenen älteren Bruders Claude eine menschliche Zeitbombe unter diesem Dach. Schon dessen Blick voller Steroide macht klar, dass diese enorme Muskel-Anspannung für Ärgern sorgen wird. Da hätte es des Aquariums voller Piranhas und des Samurai-Schwertes nicht bedurft. Während White Mike scheinbar sehr cool über all dem steht, hält er die liebe, zu nette Freundin Molly (Emma Roberts) von diesem Leben fern. Könnte sie ihm helfen, die Tränen loszulassen, die er seit dem tragischen Tod der Mutter nicht vergoss?
Obwohl von Joel Schumacher mit einigem Ernst inszeniert, liegt „Twelve“ tatsächlich nicht so weit weg von billigen Soaps. Vor allem interessiert überhaupt nicht, ob diese dämlichen Studenten hopps gehen oder nur langweilen. Prätentiöse, oberflächliche Kids reicher Eltern, die für eine neue Droge namens Twelve ohne zu zucken 1000 Dollar rüberreichen, taugen nicht zum Mitfühlen, selbst wenn sie vor die Hunde gehen.
7.10.10
Millennium Trilogie - Verblendung / Verdammnis / Vergebung DVD
Warner Home Video
Thriller
Regie: Niels Arden Oplev
Pünktlich zum letzten Teil „Vergebung“ kommt die komplette „Millennium Trilogie“ in einer Box heraus, die sich dank reichhaltiger Zugaben wirklich lohnt. Nach der für sie fast tödlichen Abrechnung mit dem mächtigen Gegner Zala liegt Lisbeth in „Vergebung“ fast wehrlos und vor allem erst einmal ohne ihre Computer-Spielzeuge im Krankenhaus. Dabei hat sie noch eine Menge Feinde, denn ihr Wissen kann eine Verschwörung alter Männer aufdecken, die bis in höchste Regierungskreise geht. Den Druck dieser Seilschaften bekommt auch die Millennium-Redaktion zu spüren, wobei kein Unterschied zwischen Verfassungsschutz und organisierter Kriminalität auszumachen ist.
Neben den drei spannenden Thrillern um den bekannten Enthüllungsjournalisten Mikael Blomkvist und die punkige Hackerin Lisbeth enthält eine Bonus-Disc mit über 120 Minuten bisher unveröffentlichtem Bonusmaterial. Dazu gehört eine Dokumentation über Stieg Larsson, ein ,Hinter den Kulissen’, Interviews mit Noomi Rapace, Michael Nyqvist und dem Team, sowie ein Making Of der ,Kampfszene Ronald Niedermann gegen Paolo Roberto’. Wenn dann demnächst das Hollywood-Remake ins Kino kommt, sollte man vielleicht der Hauptdarstellerin Noomi Rapace folgen und einfach nicht mitmachen. Diese Box ist das Überlebens-Paket für Larsson-Fans.
The Messenger - Die letzte Nachricht DVD
Universum Film
Kriegsfilm
Regie: Oren Moverman
Der mit Woody Harrelson, Samantha Morton und Steve Buscemi exzellent besetzte und sehr bewegende „The Messenger“ erzählt eine Geschichte, die während Kriegszeiten überall in der „Heimat“ passieren kann: Sergeant Will Montgomery (Ben Foster) kehrt schwer verletzt aus dem Irak zurück. Als seine Wunden verheilt sind, führt ihn sein Einsatzplan an die Heimatfront: Seine neue Aufgabe ist es, den Angehörigen gefallener Soldaten die Todesnachricht zu überbringen. Ein Job mit klaren Regeln, die ihm sein abgeklärter Vorgesetzter Captain Tony Stone (Woody Harrelson) zum Dienstantritt nahe bringt: nicht "Guten Tag" sagen, Ruhe bewahren, klare Worte finden, keine Emotionen zeigen, Körperkontakt vermeiden, verabschieden und gehen. Will hält sich daran und beginnt zu funktionieren. Seine Gefühle unterdrückt er bis zu dem Tag als er auf Olivia (Samantha Morton) trifft, für die er ebenfalls eine Nachricht zu überbringen hat …
Ein Film über all die unterdrückten Verwundungen, die sich ergeben, wenn man Freiheit großzügig in die ganze Welt bringen will. Die einmal besonders ernsthaften Extra enthalten eine Dokumentation über die Arbeit der „Casualty Notification Officers“ der U.S. Army und die Familien der getöteten Soldaten, den Audiokommentar von Regisseur, Produzent und Darstellern, Reflexionen vom Set sowie das Drehbuch als PDF.
5.10.10
The Road
USA 2010 (The Road) Regie: John Hillcoat mit Viggo Mortensen, Kodi Smit-McPhee, Charlize Theron, Robert Duvall, Guy Pearce 111 Min.
Geht es noch düsterer? In einem krassen Kontrast stürzt „The Road“ von der Traum-Idylle ins Grauen nach der Katastrophe: Kein Licht dringt mehr durch die Wolken, Feuersbrünste überall. Wo in diesem von Asche bedeckten Nordamerika noch menschliches Leben existiert, springt es einen als brutalster Kannibalismus an. In dieser Apokalypse nach einem nicht näher erklärtem Weltuntergang versucht ein namenloser Vater (Viggo Mortensen) seinen ebenso namenlosen Sohn (Kodi Smit-McPhee) zu retten. Für die meisten ist Selbstmord der Ausweg - auch die Mutter (Charlize Theron) ging in die eiskalte Nacht, ohne wiederzukehren. Für diese ultimative Möglichkeit hat der Vater auch eine letzte Kugel im Revolver, um seinem Sohn einen schrecklicheren Tod zu ersparen. Doch die verfeuert er bei einem Angriff einer dieser Horden...
Der Roman „Die Straße“ (The Road) von Cormac McCarthy, dem Autor von „No country for old men“, ist ein eher philosophierender als ein handelnder Text. Doch dem australischen Regisseur John Hillcoat („The Proposition – Tödliches Angebot“) gelang ein eindrucksvoller und passender Film dazu. Die erschreckende Abwesenheit von Zivilisation zeigt sich dabei nicht im überzogener Brutalität der „Unmenschen“, sondern gerade im Verschwinden mitmenschlichem Verhaltens beim Vater. Der Sohn weißt ihn darauf hin, dass man einem alten Mann doch durchaus helfen könne. Das extreme Misstrauen zeigt sich allerdings in anderen Situationen als gerechtfertigt. So ist es selbstverständlich, dass „The Road“ ein harter und kein fröhlicher Weg ist. Man kann höchstens schmunzeln, weil der Junge, der in einer Welt fast ohne Kinder als große Hoffnung angesehen wird, nicht weiß, was eine Cola-Dose ist. Während die Straße für den immer kränkeren Mann nicht zum Ziel führen wird, erweist sich das neu erstrittene Vertrauen für den Jungen als Schlüssel für eine vielleicht menschlichere Zukunft.
Oskar und die Dame in Rosa
Frankreich, Belgien, Kanada 2009 (Oscar et la dame rose) Regie: Eric-Emmanuel Schmitt mit Amir, Michèle Laroque, Max von Sydow, Amira Casar 105 Min.
Der Schülerstreich macht den Lehrer rasend ... bis er den Verantwortlichen ausmacht und milde meint: „Lachen tut doch ganz gut.“ Diese besondere Rücksicht oder Gnade tut dem kleinen Oskar allerdings weh. Denn der aufgeweckte Zehnjährige mit der Glatze unter der Gangsterkappe ahnt, dass er bald sterben wird. Bei einem belauschten Gespräch seiner Eltern mit dem Oberarzt Dr. Dusseldorfer (Max von Sydow) wird Gewissheit, dass die Erwachsenen mit dem nahen Tod nicht umgehen können. Oskar redet fortan nur noch mit der Pizzalieferantin Madame Rose. Sie flucht wie ein Bierkutscher und das gefällt ihm. So wird die ruppige und anscheinend gar nicht weichherzige Dame von "Pinky Pizza" mithilfe vieler Pizzabestellungen des weisen Klinikchefs Dusseldorfer zur Vertrauten Oskars. Rose willigt nur widerwillig in den ungeliebten Kontakt mit Kranken ein und warnt: „Nächste Woche behandeln sie mich wegen Depressionen!“
Madame Rose ist nicht auf den Mund gefallen. Und sehr witzig, selbst im Kinder-Krankenhaus, wo keiner mehr lacht. „Man muss es doch rauslassen oder man bekommt Krebs,“ lautet ihr Kommentar. „Zu spät“- die ebenso schlagfertige Antwort Oskars. Doch Rose hat auch die richtigen Rezepte gegen die Traurigkeit des Jungen: Da ihm nicht mehr viele Tage bleiben, werde er von nun an jeden Tag wie zehn Jahre erleben. Was auch funktioniert. Nach den ersten, schnell verflogenen zehn Jahren und der Pubertät, die man nur einmal erleben möchte, folgen die Dreißiger, die „Zeit der Sorgen“ mit der schönen Liebe zum „blauen Mädchen“. Das Glück in Form eines Tanzes in den Schneewolken unterbricht in den Vierzigern die Midlifecrisis, bei der man „nur Mist baut, auch ohne etwas zu tun“.
Diese Entwicklung Oskars im Zeitraffer wird von Rose mit den Lebensweisheiten angereichert, die uns das Wrestling lehrt. Denn anscheinend hatte die Dame in Rosa eine Vergangenheit im Ring, von der Traumepisoden in einer Schneekugel erzählen. Stilistisch traut sich der Film einiges, vom schwindelnden Vertigo-Effekt, als Oskars Eltern ihn verlassen, bis zu surrealen Traumsequenzen. Aber das Meisterliche liegt bei „Oskar und die Dame in Rosa“ in der enormen Tiefe der Themen bei einem immer auch humorvollen und sehr unterhaltsamen Erzählton. Gespräche über den Tod mit einem Zehnjährigen, einem sehr intelligenten Zehnjährigen, sind das Eine. Aber ihn dann auch noch zu Jesus, den „Gott, der das Leiden kennt“, zu führen - das ist gewagt. Und gelingt! Vielleicht auch wegen der riesigen, bunten Geburtstagstorte für Jesus, die Rose in die Kapelle schiebt. So kann man mit Rose und Oskar dauernd lachen, auch wenn man immer wieder Tränen in den Augen hat - Tränen des Glücks und Tränen der Rührung.
Eric-Emmanuel Schmitt verfilmte seine eigene Buchvorlage und diese ungewöhnliche „Arbeitsteilung” erwies sich als Glücksfall. Der Autor schrieb die Drehbücher zu „Gefährliche Liebschaften“ (2003) und seinem eigenen Roman „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ (2003), bevor er bei „Odette Toulemonde“ (2007) auch selbst Regie führte.
Michèle Laroque, vor allem als Komödiantin bekannt, beeindruckt in der Charakterrolle der Rose. Max von Sydow spielt mal wieder den Oberarzt, aber im Gegensatz zu „Shutter Island“ ist Dr. Dusseldorf ein gütiger. Besonders lobenswert: Dieser wunderbare Film ist auch in Originalversion im Kino zu sehen.
Wie durch ein Wunder
USA 2010 (Charlie St. Cloud) Regie: Burr Steers mit Zac Efron, Amanda Crew, Donal Logue, Dave Franco 99 Min. FSK ab 6
Bei einem Autounfall stirbt der kleine Bruder des erfolgreichen Seglers Charlie St. Cloud (Zac Efron). Aufgrund eines Versprechens auf der Schwelle zum Tode geht Charlie nicht aufs College, sondern kümmert sich als Friedhofsgärtner um Sams und alle anderen Gräber, verjagt Gänse, redet mit verstorbenen Freunden und trifft sich jeden Abend mit seinem toten Bruder zum Baseball-Training auf einer Lichtung im Wald. Das macht den mittlerweile 18-Jährigen zum Sonderling im Küstenort und ist auch seinem Beziehungsleben nicht zuträglich. Und doch verbringt Charlie mit der Seglerin Tess Carroll (deplatziert: Amanda Crew) einen wunderschön überstrahlten und weichgezeichneten Tag. Doof nur, dass Tess gar nicht da gewesen sein kann, weil sie draußen auf dem Meer vermisst wird. Nun muss Charlie sich zwischen den täglichen Treffen mit dem toten Bruder und einer Rettungsaktion für eine vielleicht noch nicht ganz tote Traumfreundin entscheiden.
Schmachtende Blicke eines angesagten Gesichts (Efron), eine dicke Musiksoße und der entsprechende Bilderkitsch zwingen überhaupt nicht wundersam in „Wie durch ein Wunder“ jedes Gefühl auf Gleichschritt. Das an sich grenzüberschreitende Thema übersinnlicher Verbindungen mit dem Jenseits gerät so zu einer ärgerlichen Schmonzette, bei der man direkt Nicholas Sparks („Mit dir an meiner Seite“) vermutet, aber dieser träge und leblose Jammerlappen von Film schafft letztlich noch die Wende vom Melodram zum Happy End.
Dabei verlaufen zu viele Themen im Sande: Die sozialen Differenzen um den armen Schüler Charlie, der ein Segelstipendium für Stanford erhalten hat, spielen keine Rolle mehr. Kim Basinger, die als Mutter Doppelschichten für die Bildung der Söhne schiebt, hat einen minimalen Gastauftritt. Ebenso ist Ray Liottas Anwesenheit eine Verschwendung. Ein komplettes Ärgernis. Bis auf die ganz beeindruckende Küstenlandschaft.
29.9.10
Veronika beschließt zu sterben
USA 2009 (Veronika decides to die) Regie: Emily Young mit Sarah Michelle Gellar, Jonathan Tucker, David Thewlis 103 Min. FSK ab 12
Kaum ist der Entwurf eines extrem deprimierenden Standard-Lebens im Kopf durchgespielt, hat Veronika (Sarah Michelle Gellar) schon die ersten Tabletten mit Alkohol runter gespült, (un-) gemein passend spielt dazu Radioheads „Exit Music (for a film)“. Doch Veronika wird gefunden und gerettet. Aus dem Koma erwacht, begrüßt sie höhnisch eine bittere Neuigkeit: Da sich ein Blutgefäß lebensgefährlich erweitert hat, wird sie trotzdem bald und plötzlich an den Folgen der Tabletten-Überdosis sterben, aber erst einmal völlig widersinnig in einer psychiatrischen Einrichtung festgehalten. Sie bleibt unter der Kontrolle des ebenso unsympathischen wie anscheinend pessimistischen Dr. Blake (David Thewlis) - samt Praxiseinrichtung ein staubiges Klischee von Psychiater. Während Veronika wie im Traum durch die Luxuseinrichtung geistert, funktioniert sie als Katalysator für andere Patienten, die nach Jahren plötzlich wieder zurück ins richtige Leben wollen. Die Begegnung mit dem jungen, verstummten Edward (Jonathan Tucker) wird sie selbst verändern.
Die seltsame Anstalt des Dr. Blake zeigt sich als Palast und auch sonst gestaltete Emily Young „Veronika beschließt zu sterben“ als Augenschmaus. Es ist unglaublich, wie die Regisseurin von „Kiss of Life“ mit wenigen, klaren Szenen ganze Lebensentwürfe gnadenlos in die Abfall-Tonne der Enttäuschungen haut. Während die ganz außergewöhnlich sorgfältig gestalteten Bilder mit der intensiven Musik von Anfang an packen und nur am Ende etwas kitschig wirken, erscheint der grundlegende Taschenspielertrick vom Psychologen Dr. Blake (und Autor Paul Coelho) im Rückblick billig, die Moral der Geschicht’ zu hausbacken. Gellar, bekannt als „Buffy“, braucht sich nicht sehr variantenreich auszudrücken, deshalb gelingt ihr die Rolle gut. (Barbara Sukowa ist kurz als Veronikas Mutter zu sehen.) Der Stoff wurde übrigens bereits 2005 in einer japanischen Produktion verfilmt. Von Coelho sind als weitere Verfilmungen „Elf Minuten“ und „The Alchemist“ für das nächste Jahr angekündigt.
28.9.10
Ich - Einfach unverbesserlich
USA 2010 (Despicable Me) Regie: Chris Renaud, Pierre Coffin 94 Min. FSK o.A.
Ein ebenso fürchterlicher wie gruseliger Schurke ist dieser Gru! Zwar sind seine letzten Raubzüge etwas mickrig ausgefallen, denn die Freiheitsstatue war halt nur die kleine aus Las Vegas, doch der nächste Coup wird gigantisch und seinem Anspruch, größter Schurke des Universums zu sein, gerecht werden: Den Mond will Gru stehlen. Doch zuvor muss auch ein echter Bösewicht bei einem teuflischen Banker einen Kredit für die Mondrakete beantragen. Und die Verkleinerungs-Kanone von dem konkurrierenden Kriminellen Victor klauen. Dazu braucht der große Kinderhasser ironischerweise die Hilfe von drei Waisen, denn nur die lässt der notorisch überbewaffnete Victor in sein Haus.
Unter normalen Bedingungen ist das Schurkenleben schon schwer genug - als allerdings die drei Mädels noch in die Wohnung und irgendwann zwangsläufig ins unterirdische Labor von Gru einziehen, ist das Chaos unerträglich für den eingefleischten Griesgram. Vor allem nervige Geräusche - eigentlich streng verboten - trieben ihn in den Wahnsinn, wäre er nicht schon längst ein wahnsinniger Oberschurke. Obwohl er ihnen Kinderbetten aus alten Bomben bereit stellt, gehorchen sie ihm einfach nicht - so sitzt er bald zwischen anderen Müttern beim Ballett-Unterricht.
Man ahnt schnell, dass sich die Bösartigkeit von Gru vor allem beim Einparken mit seinem monströsen Umweltverpester zeigt. Sonst könnten ihn seine kleinen gelben Minions nicht so mögen. Während Gru in Gestik und Gesichtsausdruck Mike Myers / Dr. Evil aus „Austin Powers“ ähnelt, wird der Mini-Me von dort ersetzt durch diese niedlichen Helferlein. Dazu gesellt sich ein schwerhöriger Wissenschaftler und schon entsteht aus der englischen Wortverwechslung von Dart (für Pfeile) und Fart (für Fürze) eine Furz-Kanone. Die meisten Scherze sind zum Glück auf anderem Niveau und alle Figuren ziemlich sympathisch. Das garantieren die köstlichen (Charakter-) Zeichnungen. Denn selbst Gru ist nur verbittert von der Lieblosigkeit seiner Mutter und taut den Eisblock namens Herzen im Zusammenleben mit den drei Kleinen auf. Dabei wird bei dieser Animation mal keine Moral verkauft, nur Spaß. Durchaus frecher zudem. Dazu gibt es flotte Action-Einlagen im Stile und mit der Musik von James Bond. Ein ganz schön buntes und gemeines Vergnügen.
Adèle und der Fluch des Pharaos
Frankreich 2010 (Les Aventures Extraordinaires d'Adele Blanc-Sec) Regie: Luc Besson mit Mathieu Amalric, Gilles Lellouche, Philippe Nahon 107 Min. FSK ab 6
Luc Besson sagt man nach, dass er gerne, geschickt und sehr erfolgreich andere (meist amerikanische) Genres variiert. „Subway“, „Taxi“, „Nikita“, „Leon - Der Profi“ sind nur einige seiner Erfolge als Produzent und Regisseur, die Besson jetzt gar von einem eigenen Pariser Großstudio träumen lässt. Dass es dabei genügend eigene und reizvolle französische Stoffe gibt, beweist „Adèle“: Nach den Comics „Les aventures extraordinaires d'Adèle Blanc-Sec“ von Jaques Tardi schuf Besson als Regisseur einen ebenso exotischen wie comic-haft überdrehten Abenteuerfilm, der um die vorletzte Jahrhundertwende spielt.
Man muss die Archäologin und Autorin Adèle Blanc-Sec (Louise Bourgoin) letztlich doch wieder mit Indiana Jones vergleichen: Zu vorwitzig, raffiniert und mutig entführt die emanzipierte Lady eine Mumie aus Ägypten, wobei sie den Gefahren der Pyramiden-Alarmanlage ebenso trotzt wie den hinterlistigen Einheimischen. Zurück in einem putzigen Paris des Jahres 1912, wo sich solch ungetrübter Kolonialismus noch ebenso zuhause fühlt wie sicherlich auch die Großmama von „Amelie“, will Adèle den alten Ägypter unbedingt wiederbeleben, um ihre beim Tennisspiel tragisch verunglückte Schwester von einem Haarspange zu befreien, die nicht am, sondern im Kopf steckt.
„Adèle und der Fluch des Pharaos“ stellt zwar eine optisch mit vielen Reizen angefüllte Realverfilmung der Comics von Tardi dar, aber die meisten komisch verzeichneten Gesichter können ihre Herkunft aus den Bilderfolgen nicht verleugnen. Im quicklebendigen Abenteuerfilmchen wimmelt es von fast ebenso vielen skurrilen Figuren wie Begebenheiten. Zu diesen ebenso prächtigen wie aberwitzigen Abenteuern gehören ein prähistorischer Flugsaurier, ganz alltägliche Wiedergeburt, ein schießwütiger Schafspelz-Jäger, ein lächerlich dummer Inspektor und raffinierter, verliebter Assistent.
Wenn das tapsige Flugsaurierbaby als Wiedergeburt des mächtigen Professors für politischen Terrorismus verantwortlich gemacht wird, gerät die Geschichte dämonisch komisch und grandios traumhaft - kurz fantastisch. Der Humor erreicht zeitweise die Schräge eines Douglas Adams, die sarkastischen Kommentare der klugen wie resoluten Adèle könnten in den besten Momenten als Oscar Wilde durchgehen. Zu Finale hin wird die treffsichere Komödie alberner und schwächer - das ist ebenso typisch für Besson wie weitere Fortsetzungen, bis die Idee ganz billig abgedreht und ausgequetscht ist.
Das Sandmännchen - Abenteuer im Traumland
BRD, Frankreich 2010 Regie: Sinem Sakaoglu, Jesper Møller, Helmut Fischer 83 Min. FSK o.A.
Wenn aus der vom Fernsehen bekannten „Sandmann, lieber Sandmann“-Melodie im Vorspann unaufdringlich Großes Orchester wird, ahnt man schon, dass der Schritt vom Vorabend-Liebling der Kinder zum Kinostar beim „Sandmännchen“ mehr als gelungen ist. Großes Kino für die ganze Kleinen und auch für Erwachsene ein sehr schöner Spaß.
Zuckerwatte-weiche Schäfchen-Wolken bilden die Trainings-Wiese bei der Ausbildung zum Traumschaf: Bitte recht eintönig und gleichförmig über den Zaun springen, damit später alle beim Schäfchenzählen schnell einschlafen. Nur Nepomuk springt wieder aus der Reihe und verursacht eine Schafenskrise beim Ausbilder. Nach dem Rauswurf empfiehlt sich Nepomuk oben auf dem Leuchtturm beim Sandmann. Gerade rechtzeitig, um mitzuerleben, wie dessen Gegenspieler Habumar den Sack mit Traumsand klaut, um ihn zu Albtraumsand zu „verübeln“. Nun soll Nepomuk aus der Realwelt den tapfersten Kapitän auftreiben, erwischt aber ausgerechnet den kleinen, wasserscheuen Miko unter der viel zu großen Kapitänsmütze seines Opas. Doch bezaubernd verzaubert übersteht der kleine Junge schließlich das Abenteuer im fantastischen Traumland.
„Wo Wolle ist, ist auch ein Weg“ - besonders solche Dialoge bieten auch Erwachsenen viel Spaß: Wenn Nepomuk beim fleißigen Zitieren „Casablanca“ mit „Vom Winde verweht“ verwechselt, sich als „Schlafschaf 7 oder 007“ ausweist, dann merkt man, hier wurde auf jeder Ebene viel Liebe und Mühe vergarnt. Die Aufgabenteilung im Film ist klar. Für die Magie ist der Sandmann zuständig, für den Humor eindeutig Nepomuk, dessen Witzigkeit sich an der von „Shaun, das Schaf“ anlehnt, aber auch völlig ausgelassen albernd herumpurzelt. Und die Herzen gewinnt der kleine Miko als Trickfigur. Während im flugs skizzierenden Realfilm die Nöte des kleinen Jungen vorgestellt werden, darf er im Traumland seine Angst überwinden. Das passende Abenteuer taucht zwar auch mal mit einem U-Boot und einer wienernden Figur freud-ig ins Unterbewusste ab, doch die kleinen Kinogänger können durchaus lernen, wie sie bösen Träumen die Luft aus den Segeln nehmen.
Volker Lechtenbrink spricht unerschütterlich sonor den Sandmann, Ilja Richter den Schurken Habumar, der sich auch im strengen Vater Mikos widerspiegelt, gespielt vom selben Ilja Richter. Für die überwiegende Animation waren wie immer zahlreiche Studios verantwortlich, doch der Mix geht auf, alles fügt sich bestens zueinander, die frankophon kokette Sahnetorte macht ebensoviel Spaß wie das schaurig schöne Schattenspiel in Habumars Bar. Was dieses sensationell gute Kino-Sandmännchen vor allem bemerkenswert macht, ist sein Mut zu fantastischen Welten. Dass dabei viele Stile und Momente widererkennbar sind, schadet keineswegs - lebt doch auch ein Trickerfolg wie „Shrek“ vom klugen Referieren. Vor allem der Bösewicht Habumar scheint beim „Sandmännchen“ die Handschrift düsterer Fantasien eines Tim Burtons zu tragen. Der schummerige Leuchtturm wirkt mit seinen grünlich-grauen Mischfarben wie eine Leihgabe von Jean-Pierre Jeunet. Wenn sich Schirme hinter dem Horizont zu Vögeln wandeln, hat Dalí Spaß. So wie eigentlich jeder bei diesem durchgehend gelungenen Kinderfilm.
Hochzeitspolka
BRD, Polen 2009 Regie: Lars Jessen, mit Christian Ulmen, Katarzyna Maciag, Fabian Hinrichs, Waldemar Kobus 98 Min. FSK ab 6
„Er kann so lustige Gesichter machen“ - klar, wieder ein Film mit Christian Ulmen. Zuletzt hatte sein Standard-Typ des zurückhaltenden Spießers Probleme mit Italienern, jetzt sind es die Polen. Bei denen hat Frieder Schulz (Ulmen) den Job eines Geschäftsführers und verhandelt Gehaltserhöhungen, während er längst weiß, dass die Fabrik sowieso geschlossen wird. Die Tatsache darf aber nicht der Heirat mit der örtlichen Schönheit Gosia Borowka (Katarzyna Maciag) in die Quere kommen. Am Abend vor der Hochzeit taucht auch noch Frieders alte Band aus Deutschland auf. „Heide Hurricane“ wirbelt mit Vorurteilen und alten Vorbehalten das Fest kräftig auf. Der Alkohol tut das seinige.
Wenn Herrenrasse und „Heil Hitler“ erwähnt werden, braucht man kein Polnisch zu verstehen, um die Aversionen auf beiden Seiten der EU-Partner zu erkennen. Außer dieser Konfrontation fällt Fernsehregisseur Lars Jessen, der auch immer mal wieder Kinofilme („Am Tag, als Bobby Ewing starb“, „Dorfpunks“) dreht, nicht viel ein. Der mit blassen Farben und viel Handkamera digital aufgenommene „Hochzeitspolka“ ist vor allem eine konfuse, dann eine schlechte Komödie, bei der man nur mit viel gutem Willen erschließen kann, was das alles soll.
Snowman's Land
BRD 2010 (Snowman's Land) Regie: Tomasz Thomson mit Jürgen Rißmann, Thomas Wodianka, Reiner Schöne, Waléra Kanischtscheff, Eva-Katrin Herrmann 98 Min. FSK ab 16
Zwei Killer, die einen Fehler begangen haben, werden mit einem obskuren Auftrag in die tief verschneiten Karpaten geschickt. In einen abgelegenen Hotel breitet sich beim Warten der Wahnsinn aus, zudem muss ein tödlicher Unfall vor dem gefährlichen Auftraggeber verheimlicht werden. Der gelungene deutsche Genre-Film bedient den Thriller mit bekannten Elementen und vielen guten eigenen Ideen.
Kühl und cool schreitet Walter (Jürgen Rißmann) durch Gassen und Menschen, ein Gang wie bei „Bullitt“, blaues Licht stylt die Herrentoilette - doch das hilft alles nix. Am Ende hat der Auftragskiller einen zu viel umgebracht und sollte unbedingt mal „Urlaub machen“, wie sein Boss nachdrücklich betont. Zum Glück gibt es für Walter einen Job in den heftig eingeschneiten Karpaten, in einem einsamen Hotel, in dem auch Jack Nicholson seinen Jagd-Schein gemacht haben könnte. Walter soll bei diesem rätselhaften Einsatz das Gebäude für den Unterwelt-Boss Berger (Reiner Schöne) vor Einheimischen und Konkurrenten schützen. Nebenbei vielleicht auch noch Bergers Geliebte Sibylle (Eva Katrin Hermann) überwachen. Die ist sehr blond und scharf, hat eine eindrucksvolle Drogenküche im Keller und sagt Sätze wie: „Ich bin hier die Disco!“ Als Kollege wurde Walters alter Bekannter Micky herbei geordert. Der durchgeknallte Abknaller hat seit seinem letzten Bombeneinsatz eine Metallplatte im Kopf und ist selber hochexplosiv. Doch erst einmal warten die zwei Profis, die Fehler begangen haben, auf Berger und jeder amüsiert sich auf seine Weise...
Gute Typen, trockene Dialoge, klasse Songs - das kann nicht nur Tarantino, so Gutes gibt es auch aus deutschen Landen. Mysteriöse Angriffe von Außen und Kazik (Waléra Kanischtscheff), die asiatische Rechte Hand Bergers, sorgen für Action, so dass der Wahnsinn bald eine blutige Spur in den Schnee zeichnet.
Jürgen Rißmann gibt sehr satt den müden Walter, der zwischen tragischem Abgang und fast meditativer Transzendierung - im Kugelhagel -in eine andere Welt steht. Seine trockenen Erläuterungen im Off, zu denen das Bild auch mal eingefroren wird, sorgen für den lakonischen Grundton. Thomas Wodianka spielt einen neurotischen Killer: kindisch, dämlich, gefährlich. Rainer Schöne legt seinen übersinnlich begabten und überspannten Karpaten-Paten derart klasse hin, dass man sich mehr große Rollen für diesen großen Schauspieler wünscht. Der Reiz in dieser gelungenen Genre-Variante liegt in der guten Ausführung, die wahrscheinlich nach viel mehr Geld aussieht, als tatsächlich da war. Aber vor allem auch in den schrägen und originellen Ideen: Mit dem Klapprad im Schnee oder mit der PS-Schleuder Schlitten fahren - Regisseur und Autor Tomasz Thomson findet immer wieder gute Ideen und Bilder (Kamera: Ralf M. Mendle), um den Genre-Film aus der Action-Familie ein eigenes Gesicht zu geben.
22.9.10
Die Liebe der Kinder
BRD 2007 Regie: Franz Müller mit Marie-Lou Sellem, Alex Brendemühl, Katharina Derr, Tim Hoffmann 86 Min. FSK ab 12
Über eine Anzeige finden sich Maren und Robert. Sie will den Kontakt schon abbrechen, doch er bleibt hartnäckig und schließlich ziehen die Bibliothekarin und der Baumpfleger mit ihren fast erwachsenen Kindern zusammen. Es entwickelt sich ein entspannte, neugierige Beziehung - und eine Liebe bei den Kindern Mira und Daniel. Während die Intellektuelle und der einfache Mann ihre unterschiedlichen Lebenswelten nicht zusammenfügen können, wollen die verliebten Jungen heiraten und in die Ukraine auswandern. Die Spannungen eskalieren.
Autor und Regisseur Franz Müller hat die Menschen in seinem Film fein und lebensnah beobachtet. Das Darsteller-Quartett überzeugt ebenso wie Inszenierung und die stimmige Musik.
Fish Tank
Großbritannien, Niederlande 2009 (Fish Tank) Regie: Andrea Arnold mit Katie Jarvis, Rebecca Griffiths, Michael Fassbender 124 Min.
Wenn keines der Label wie „Romantische Komödie“ oder „Road-Movie“ richtig passt und wenn eine Regisseurin gleich mit ihren beiden ersten langen Spielfilmen den Preis der Jury in Cannes erhielt, dann lohnt sich die Aufmerksamkeit. Andrea Arnold ist eine junge britische Regisseurin, die in ihrem Langfilm-Debüt „Red Road“ die verstörende Geschichte einer Sicherheitsangestellten erzählte, welche bei der Videoüberwachung eine Person aus ihrer Vergangenheit entdeckt hat. In „Fish Tank“ steht wieder eine Frau im Mittelpunkt, diesmal ein junges Mädchen, das Orientierung sucht.
Eindrucksvoll ist dieser Vernichtungs-Feldzug, den die 15-jährige Mia (Katie Jarvis) in ihrer Umgebung anrichtet! Es steckt so viel Wut in diesem schmächtigen Körper, da muss schon mal die Nase einer Freundin dran glauben. Im schwierigen Verhältnis mit der Mutter ist der beste Moment ein Abschied. Wenn man sich zum Abschied wenigstens ein „ich hasse dich“ entgegenschleudert, ist noch alles im Rahmen. Es kann aber auch heftiger und deftiger werden, in diesem Arbeiterviertel mit den aufeinander gedrängten Sozialwohnungen. In Mias Leben mit der Mutter und der kleinen Schwester bot bislang der Tanz einen Fluchtpunkt. Bei eindrucksvollen „Moves“ zwischen HipHop und freiem Tanz schreit sie Aggressionen heraus. Dann steht eines Tages der knackige neue Freund der Mutter in der Küche herum. Es entsteht sofort enorme Spannung, die offen lässt, wer hier eigentlich verführt.
„Fish Tank“ ist immer besonders spannend, wenn es darum geht, wer gerade die Macht hat. Nicht „Die Macht“ aus „Star Wars“, sondern die aus dem ganz alltäglichen zwischenmenschlichen Balance-Spiel. Diese dynamische Intensität wird eindringlich gespielt von der jungen, mittlerweile preisgekrönten Laien-Darstellerin Katie Jarvis und Michael Fassbender („Inglourious Basterds“, „Hunger“) als dem neuen Freund der Mutter. Dieser wartet mit einer Überraschung auf, genau wie der sagenhaft dichte Film seine Figur unerwartet weitertreibt: Mia erlebt man im Wechsel vom Terror-Mädchen, das in den ersten 15 Minuten einen atemberaubende Zerstörungsschneise schlägt, zu einer sehr vielschichtigen und empfindsamen Figur. „Fish Tank“ ist dabei stellenweise märchenhaft, dann wieder ganz real in einer lebensgefährlichen Situation, die Mia herbeiführt. In Momenten der Nähe kann die bemerkenswerte Regisseurin Andrea Arnold problemlos mit Zeitlupe arbeiten. Sie hat ihre eigene Sprache, genau wie die drei Frauen in der engen Wohnung. Diese verstehen sich in der Musik, kennen alle den gleichen Tanz zum Musikvideo im dauerlaufenden Fernseher.
„Fish Tank“ wurde nach Premiere in Cannes 2009 und dem Preis der Jury mit weiteren Auszeichnungen überhäuft: Beste Darstellerin, Edinburgh 2009; Beste Regie bei den British Independent Film Awards 2009 und Gewinner des „Outstanding British Film“ bei den Britischen Filmpreisen 2010.
21.9.10
The Town
USA 2010 (The Town) Regie: Ben Affleck mit Ben Affleck, Blake Lively, Jeremy Renner, Rebecca Hall 120 Min.
Loyalität wird in bestimmten Filmen als Männerfreundschaft über alle moralischen Grenzen hinweg buchstabiert. Da bleibt der Kumpel aus dem Viertel der wichtigste Mensch der Welt, auch wenn er ein cholerischer, schießwütiger Idiot ist. Mal in der Variante Italo-Amerikaner bei Scorsese oder mit Iren bei James Gray. Frauen sind jeweils nur dazu da, um Herzen zu brechen und die Polizisten meist mieser als die Gangster. In diesem Genre möchte nun auch Ben Affleck mitspielen. Nicht nur erneut als Darsteller, nein diesmal als Regisseur. Das Ergebnis „The Town“ zeigt aber keine persönliche Sicht oder Variante dieser Geschichten sondern nur noch eine weitere von ihnen. Das DVD-Regal wird es um eine Stilblüte - weiß du noch, dieser Film von Ben Affleck - bereichern. Die Filmkunst nicht.
Der Thriller „The Town“ begleitet eine Gang von Räubern, die sich auf Banken und Geldtransporter spezialisiert haben. In Charlestown, einem Stadtteil von Boston, so etwas wie die Haupterwerbsquelle der männlichen Bevölkerung. Doug MacRay (Ben Affleck), der Kopf der Truppe, verliebt sich ziemlich kopflos, als er die mögliche Zeugin Claire (Rebecca Hall, „Vicky Cristina Barcelona“) observiert. Das findet Kumpel Jem (Jeremy Renner) nicht toll, aber das Drama kommt erst nach mehr als einer Stunde in Fahrt, nachdem bei mäßiger Action alle Figuren positioniert sind. Dann zwingt der irische Pate und Blumenhändler (Pete Postlethwaite) die Gang zu einem letzten Überfall, dann ist der wenig charismatische Gegner von der Polizei ihnen auf den Fersen, eine enttäuschte Frau (Blake Lively, „The Private Lives of Pippa Lee“) begeht Verrat, man bangt um eine unmögliche Liebe.
Mit nur anständig spannenden Überfällen, überzogenen wie unübersichtlichen Verfolgungsjagden und einem recht unoriginellen Baller-Finale kann „The Town“ die Action-Fans nicht überzeugen. Das Beziehungsdrama mit einer um die Wahrheit betrogenen Frau rückt irgendwann an den Rand. Affleck selbst kann kaum punkten, das hart verbissene Gesicht eines Gangsters gelingt ihm nicht, den Charmeur darf er nicht geben. Seltsamerweise sind die Nebenrollen besser besetzt: Postlethwaite als Pate und Chris Cooper als Vater machen gut Eindruck. Letztlich ist „The Town“ auch das Porträt eines Viertels, in dem die Polizisten wegschauen, wenn Bankräuber ihren Fluchtwagen wechseln. Doch einen eigenen Ansatz oder Stil bleibt Affleck schuldig. Wieso also noch so ein Film?
Jud Süss - Film ohne Gewissen
BRD, Österreich 2010 Regie: Oskar Roehler mit Tobias Moretti, Martina Gedeck, Moritz Bleibtreu, Justus von Dohnányi
120 Min. FSK ab 12
Die Filmwelt tut sich weiterhin schwer, den richtigen Umgang mit dem NS-Film zu finden: Kann man ästhetische Qualitäten und künstlerisches Talent würdigen, wenn die kreativen Mitläufer die Augen vor Terror, Krieg und Massenmord verschlossen? Kann man tolle Filme wie „Münchhausen“ genießen, wenn man sich zerbombte Städte und Vernichtungslager außerhalb der Studios und Kinos vorstellt? Wie geht man mit derartiger Durchhalte-Unterhaltung um? Bei „Jud Süß“ ist es klar: Die antisemitische Propaganda, die 1940 unter der Regie von Veit Harlan und strengster Kontrolle von Joseph Goebbels entstand, ist weiterhin verboten. Regisseur Oskar Roehler („Die Unberührbare“, „Elementarteilchen“) geht in „Jud Süss - Film ohne Gewissen“ eine diffizile Konfrontation mit deutscher Film- und NS-Geschichte ein. Er verfolgt das Schicksal von Ferdinand Marian (Tobias Moretti), dem Darsteller des Jud Süß, der an seiner Rolle zerbrach.
Quasi per Akklamation durch Joseph Goebbels (Moritz Bleibtreu) wird Ferdinand Marian (Tobias Moretti) zum Hauptdarsteller des großen Filmprojektes, das die Zuschauer emotional von der Schändlichkeit der Juden überzeugen solle. Marian wehrt sich, wird aber halb überredet, halb gezwungen. Schon während der Dreharbeiten zu dem Lieblingsprojekt von Goebbels spitzt sich die Situation in Marians Umfeld zu. Der Schauspieler, der auf den großen Durchbruch hofft, gibt immer mehr Freunde und Positionen auf. Seine Frau spürt die Gefahr stärker. Sie wird aber als „Viertel-Jüdin“ benutzt, um Marian zu erpressen. Hier gehört der Film uneingeschränkt dem dämonischen Goebbels, dessen Lautstärke immer in Richtung Reichsparteitag tendiert, der aber auch, wenn er seine Maske fallen lässt und Marian einmal direkt zusammenstaucht, für Gänsehaut sorgt.
Der nationale und internationale Erfolg von „Jud Süß“, der sogar vom jungen Michelangelo Antonioni eine positive Kritik erhält, ist nur ein kurzer Rausch. Bei einer Tour durch die Ostgebiete sieht der gebrochene und saufende Schauspieler an der Baustelle für Auschwitz wie sein Film wirkt. Den weiteren Niedergang verfolgt der Roehlers Film im holperigen Schnelldurchgang. Das Ende Marians nach dem Krieg ist nur noch eine Szene lang: Eine letzte Begegnung mit dem ehemaligen jüdischen Kollegen Wilhelm Adolf Deutscher, der Ghetto und KZ überlebt hat und dem Marian versprach, „Jud Süß“ würde kein Propaganda-Film werden. Am nächsten Morgen bringt sich Marian mit seinem Auto um.
Roehler muss sich zur Zeit gegen Vorwürfe verteidigen, er hätte historische Details nicht korrekt abgebildet. Anstelle dieser im Bereich von künstlerischer Freiheit kleingeistigen Erbsenzählerei sollte man lieber genau hinsehen, was der Film als eigenständiges Werk erzählt und dann - wenn man politisch und moralisch argumentiert - wie es um das Gewissen des Films steht. Dass die von Bleibtreu lustvoll dämonisch angelegte Figur des Joseph Goebbels mehr Eindruck macht, als die Hauptfigur Ferdinand Marian muss man wohl unter der „Faszination des Bösen“ verbuchen. Aber noch ein Moment bleibt emotional stark im Gedächtnis: Der „große Volksschauspieler“ Hans Moser, der sich extremst erniedrigt, um für seine jüdische Frau zu betteln. Und doch nur eine großkotzig arrogante Abfuhr von Goebbels erhält. Dass dieses Drama einer Szene nachhaltiger wirkt, als das ganze Elend von Marian, um den sich ja dieser Film dreht, gibt zu denken. Aber das tun auch viele Szenen, die ein eindringliches Bild des Terrors, der Anpassung und der vielen kleinen wie großen Verrate hinterlassen. Sie bringen den furchtbaren und menschenverachtenden Antisemitismus auch emotional auf den Punkt. Der Wahnsinn springt dann aus dem Bild , wenn sich die Frau eines Lagerkommanten als „Perversion“ im Feuerglanz einer Bombennacht vom Juden Süß Oppenheimer begatten lässt, gespielt durch Marian. Das Licht, die Besetzung, das gute Schauspiel, die expressionistische Schatten. Stilistisch ist Roehler exzellent, aber eine durchgehende Atmosphäre des Terrors und des Schrecken, etwa wie in „Das weiße Band“, entsteht nicht.
15.9.10
The American
USA 2010 (The American) Regie: Anton Corbijn mit George Clooney (Jack), Violante Placido (Clara), Thekla Reuten (Mathilde), Paolo Bonacelli, Bruce Altman 105 Min. FSK ab 12
Und vor allem: Gehe keine Freundschaften ein ... Dieser Satz ist der Klassiker im Geschäft des Film-Auftragskillers. Recht häufig versuchen diese Mietmörder auszusteigen, müssen nur „noch einen letzten Job“ erledigen oder nach einem Fehler in Deckung gehen. Daher braucht man nicht lange zu erklären, was der „Amerikaner“ Jack (George Clooney) in dem kleinen Dorf in den Abruzzen macht. Er steht selbst auf einer Abschussliste, muss sich verstecken. Der schon ergraute Spezialist traut niemandem, auch seinem Auftraggeber Larry (Bruce Altman) nicht mehr, lässt sich aber doch zu einem letzten Auftrag überreden.
Jack spricht nicht viel, beobachtet mehr, sucht aber die Nähe eines Priesters. Schnell überträgt sich die extrem angespannte Aufmerksamkeit auf den Zuschauer. Man wird selber misstrauisch, jeder ist verdächtig. Der neugierige Hirte, der „alles sieht“. Der Mann, der vor Jacks Wohnung steht. Und schließlich steht das Misstrauen auch zwischen Jack und Clara, der Prostituierten, mit dem er ein neues Leben anfangen könnte. Der Mann, der nach dem Schmetterling, den er als Tattoo trägt, auch Mister Farfalla genannt wird, erscheint nun noch verletzlicher. Dem Roman „A Very Private Gentleman“ von Martin Booth sind sicher bedeutungsschwere Sätze zu verdanken. Wie: „Du bist Amerikaner. Du meinst, der Vergangenheit entfliehen zu können“. Dazu läuten dann auch noch die Kirchturmglocken. Hat sein letztes Stündlein geschlagen?
Die Handlung schreitet in einem stetigen Tempo voran, nur selten beschleunigen die Montage oder ein Musikstück den Fluss der Bilder. (Zu der Musik von Herbert Grönemeyer kann man sagen, dass sie zum Glück nicht auffällt und er auch nicht singt.) Ausführlich wird die Erstellung eines Spezialgewehrs in Handarbeit gezeigt. Solch einen Vorgang handeln Actionfilme in kurzen Montagesequenzen ab. Es bleibt Raum für existenzielle Fragen eines alternden Auftragsmörders, die sich auf dessen Gesicht abzeichnen. „The American“ baut auf die enorme Präsenz des Hauptdarstellers. George Clooney ist hier allerdings nicht der Charmeur und Kaffeemaschinen-Flirter, er ist ein grautemelierter Killer am Karriereende. Also eher der von Zweifeln aus der Bahn gebrachte Mann aus „Up in the Air“ als der dauerlächelnde Checker aus „Ocean’s Eleven“.
Wenn man Corbijns „Control“ gesehen hat und wenn man von der Herkunft dieses berühmten niederländischen Fotografen weiß, überrascht das betonte Styling nicht. Sorgfältig gelingen ihm zeitweise ganz exquisite Bilder - eine Bedrohung quetscht Jack an den Rand des Raumes, das große, dunkle Fenster erdrückt ihn förmlich, lässt nur einen schmalen Streifen Luft. Doch diese besonderen Bilder fügen sich erst spät zu einer einzigartigen Atmosphäre, die „Bullitt“ und andere dieser Filme um gejagte Jäger auszeichnen. Dann allerdings, kurz vor dem Ausgang, legt der „The American“ ein ganz großes Finale hin, mit einem dieser ikonographischen Szenen, die sich tief in die Filmgeschichte einbrennen.
Mammuth
Frankreich 2010 (Mammuth) Regie: Benoît Delépine, Gustave de Kervern mit Gérard Depardieu, Yolande Moreau, Isabelle Adjani, Benoît Poelvoorde, Bouli Lanners 92 Min. FSK ab 12
Ein unglaublicher, ein unfassbarer Film. Benoît Delépine und Gustave de Kervern waren schon immer für Werke berüchtigt, die mit „sehr seltsam“, „schräg“ und „skurril“ nicht wirklich beschrieben wurden: In „Aaltra“ stritten sie sich (als Hauptdarsteller) als verfeindete Nachbarn im Rollstuhl quer durch Europa. Mit „Louise hires a serial killer“, der nicht besonders durchschlagenden anarchistischen Reaktion auf eine kapitalistische Werksentlassung, wurden sie weiteren Kreisen bekannt. Jetzt triumphieren sie schon in Cannes mit „Mammuth“, einem Film, der für immer aus dem durchaus gewaltigen Werk Depardieus herausragen wird.
Serge "Mammuth" Pilardosse (Gérard Depardieu ) wird in der Fleischerei verabschiedet - schon dies ein Bild für die Götter der aberwitzigen Bildgestaltung: Langhaarig und sehr verdattert dreinblickend steht er unter lauter maximal desinteressierten Kollegen, um ein unverschämt schäbiges Abschiedsgeschenk in Empfang zu nehmen. Zu Hause packt den simplen Serge schnell die Unruhe, wie gut, dass ihm einige Rentenbescheinigungen fehlen und er diese auf einer Motorrad-Tour einsammeln muss. Diese Tour de Force eines einfältigen Berges von Mann auf einem mächtigen Motorrad, das Mammuth heißt und auch so aussieht, ist Rahmen einer Reihe von absurden bis abartigen Begegnungen und lässt gleichzeitig ein Arbeitsleben Revue passieren. Denn die Regisseure stehen immer auf der Seite der Arbeiter und so sieht man bei diesem großartigen Vergnügen nebenbei, wie sich die Arbeitswelt nicht nur in Frankreich verändert hat. Aus der Mühle wurde beispielsweise ein schickes Medienhaus.
Zwischen knallhart realen Begegnungen mit einer räuberischen Prostituierten und dem surrealen Auftreten einer totenbleichen Isabelle Adjani als Geist eines tragischen Unfalls reichen die immer wieder fesselnden und verstörenden Momente. Von absurdem Dada bis zu sanften impressionistischen Würdigungen des imposanten Körpers Depardieus reicht die Spannweite dieses ästhetisch überaus reizvollen Meisterwerkes. „Mammuth“ huldigt dem Schauspiel-Gott und beweist großen Mut zur Hässlichkeit. Obwohl - ist dies wirklich Hässlichkeit? Oder geben uns Benoît Delépine und Gustave de Kervern die seltene Gelegenheit, richtig hinzusehen, gerade weil ihre Kamera nie „richtig“ steht, weil das Licht nie „gut“ ist? Das wäre der Unterschied zwischen einem Satz, den man herunterliest, und einem, der hängenbleibt, weil man an ihm hängenbleibt. Nicht nur Depardieu hat einen sensationellen Auftritt, hervorragend ist auch die vertraute Schauspielfamilie des Regie-Duos Delépine/de Kervern: Der belgische Schauspieler Benoît Poelvoorde, wird immer wieder besetzt, ebenso „Louise“ Yolande Moreau und Bouli Lanners aus Kelmis bei Aachen. Es lohnt sich, sowohl die Regisseure als auch diese Darsteller im Auge zu behalten, die mit ihrer gegen den Strich gebürsteten Kunst das frankophone Kino bereichern.
Groupies bleiben nicht zum Frühstück
BRD 2010 (Groupies bleiben nicht zum Frühstück) Regie: Marc Rothemund mit Anna Fischer, Kostja Ullmann, Amber Bongard, Inka Friedrich, Roman Knizka 103 Min.
Der Vorspann mit dem Musikvideo (der Band „Berlin Mitte“, die nur für diesen Film entstand) zeigt, dass es mehr auf die richtige Pose als den richtigen Ton ankam. Doch dies erweist sich unter der Regie des jungen Routiniers Marc Rothemund („Sophie Scholl“), der mit 32 schon seit zwölf Jahren Kino macht, als gute Einstellung. Die Teenie-Komödie „Groupies bleiben nicht zum Frühstück“ ist tatsächlich oft komisch, meist unterhaltsam, mit Blick auf Details inszeniert und überraschend gut gespielt.
Ohne zu ahnen, dass er ein heiß bekreischter Stars ist, trifft Lila (Anna Fischer) auf Chriz (Kostja Ullmann), den Sänger der angesagten Band „Berlin Mitte“. Die Romantik schlägt auch auf der Tonspur schnell zu, doch nach dem ersten gemeinsamen Abend sorgt ein eifersüchtiger Bandmanager Hand in Hand mit den Drehbuchschreibern für reichlich Komplikationen. Doch vor allem Dank Lilas Freundin Nike (Nina Gummich) - mit frecher Berliner Schnauze und ebensolchen Ideen - kommt Lila immer wieder an den Mengen von Fans und Reportern (handgezählte 20) vorbei.
Ja, dieser Film hat zu viele Hindernisse und Last Minute-Rettungen. Ja, er verhebt sich zum Finale hin an der tieferen Bedeutung. Und ja, die Songs im Durchlauferhitzer sind schlimm. Doch vor allem mit dem Spiel der jungen Anna Fischer punktet die Romantische Komödie für Kleine. Als Ulk-Nudel Lila darf sie dank sehr guter Mimik als Entdeckung verbucht werden. Der Rest wurde von Marc Rothermund im Detail sehr gut und nett inszeniert. Eine Menge Filmmeter haben zwar nur die eine Aussage: „Geil, Berlin!“ Dafür erhöhen viele gute Nebenfiguren (vor allem der mega-coole deutsch-türkische Leibwächter und Liebesbote Horst) den Spaßfaktor. Trotz Höhen und Tiefen dürfen die beiden Nachwuchs-Romantiker Lila und Chriz beim großen Finale am Flughafen klassisch zitieren: „Uns bleibt immer Berlin (Mitte).“
14.9.10
Ponyo
Japan 2008 (Gake No Ue No Ponyo) Regie: Hayao Miyazaki 101 Min.
Wenn selbst hartgesottene Filmkritiker, die sich auch gerne mal Splatter und Gewalt antun, mitten in der Nacht während eines Festivals ganz selig und glücklich dreinschauen, dann muss dieser „Zeichentrickfilm für Kinder“ wirklich besonders sein. Vom 69-jährigen japanischen Animationsmeister Hayao Miyazaki, der schon mit "Prinzessin Mononoke" (Berlinale Gewinner), "Chihiros Reise ins Zauberland" (Oscarsieger) sowie "Das wandelnde Schloss" begeisterte, kommt nun eine liebevolle Verquickung von Andersens „Die kleine Meerjungfrau“, Goethes Zauberlehrling, Wagners Walkürenritt und Disneys "Nemo".
Etwas ist seltsam an diesem kleinen Goldfisch, der sich in ein Marmeladenglas verklemmt hat. Zuerst die sehr klugen Gesichtszüge um die wachen Augen. Dann heilt das Fischlein eine Wunde am Finger des fünfjährigen Sosuke, der den Fisch namens Ponyo findet und befreit. Und schließlich passiert etwas im Meer, das scheinbar nach Ponyo schnappt und immer bedrohlicher an den Klippen der Steilküste empor schwappt. Doch zuerst entwickelt sich eine niedliche Freundschaft zwischen dem Jungen und dem Fisch. Sie wächst so sehr, dass Ponyo zum Mensch werden will. Aber ihr Vater, ein mächtiger Zauberer des Meeres holt sie zurück in die feuchten Tiefen. Als Ponyo den Zaubertrank sucht, um menschlich zu werden, lässt sie das Wasser des Lebens ausfließen und startet katastrophale Veränderungen: Riesige Fische aus der Vorzeit tauchen auf, Ponyos Geschwister wandeln sich zu gewaltigen Wellen. Derweil retten sich Sosuke und seine neue Freundin mit einem von Zauberhand vergrößerten Spielzeugkahn vor den Fluten und Sosukes Mutter kümmert sich um die Aufregung in einem Altenheim auf dem Berg. Doch das Abenteuer ist noch lange nicht zu Ende, denn Ponyos Vater ist auch auf dem Lande mächtig.
Die Vorlage des neuen Meisterwerks aus dem berühmten (Animations-) Studio Ghibli stammt unverkennbar von Hans Christian Andersen. Doch „Ponyo“ ist viel mehr und in jeder Faser von Hayao Miyazaki: Sei es in den fantastischen Visionen, sei es im ökologischen Grundgedanken, der leicht und verspielt überall auftaucht. Magisch an „Ponyo“ ist auch, dass er seine Wirkung mit scheinbar simplen Zeichnungen hervorruft. In einer Zeit, in der selbst größter Schrott mit 3D zu etwas Speziellem aufgewertet werden soll, erscheinen Miyazakis 2D-Zeichnungen fast naiv. Trotzdem bleiben seine Figuren fantastisch, sind seine Menschen nahe an Fabelwesen, ebenso wie die Tiere reizvoll menschliche Züge zeigen. Ein großer Humanist ist der Japaner sowieso: Gut beobachtet wurde schon, wie liebevoll auch das Zusammenleben mehrerer Generationen in „Ponyo“ dargestellt ist. In Japan hatten vor zwei Jahren mehr Menschen „Ponyo“ gesehen, als alle anderen Filme des Jahres zusammen. Ähnlich verhält es sich mit dem Glücksgefühl, das dieses Filmwunder im Verhältnis zu anderen Filmen hervorruft.
8.9.10
Eine Karte der Klänge von Tokio
Spanien 2009 (Map Of The Sounds Of Tokyo) Regie: Isabel Coixet mit Rinko Kikuchi, Sergi López, Min Tanaka, Takeo Nakahara 109 Min.
Sie sind mehr als kurios, diese „Zimmer“ in dem Tokioter Stundenhotel „Hotel Bastille“: Eine letzte Metro aus Paris soll Fantasien anregen, das Romantische bleibt dabei abgekoppelt. Die katalanische Regisseurin Isabel Coixet findet viele reizvoll eigentümliche Bilder in ihrem neuen Film. Sie bedient sich dabei reichlich an Kunstbildern aus Tokio. Lost in dieser Translation bleiben allerdings die tiefen Seelenabgründe der in diesem Bilderalbum gestrandeten Personen und die man aus den bisherigen Meisterwerken von Coixet - „Mein Leben ohne mich“, „Das geheime Leben der Worte“ und in etwas geringerem Maße in der Philip-Roth-Verfilmung „Elegy“ - kennt.
Sie haben alle ihr Päckchen an Leid und Trauer zu tragen in diesem Film. Doch zuerst faszinieren die Figuren mit ihrem Alltag: Mit der Verschlossenheit, mit der Ryu (Rinko Kikuchi) nächtens auf dem Fischmarkt arbeitet und sich als einzige Belohnung fast besessen Erdbeermochis gönnt. Die gleiche Regungslosigkeit legt sie bei ihrem „Nebenjob“ als Auftragsmörderin an den Tag. Ihr nächster Auftrag ist der melancholische spanische Weinhändler David - ein Rolle, die speziell für den großartigen Sergi López geschrieben wurde. Davids japanische Freundin Midori hat sich umgebracht, wie David hat auch Nagara (Takeo Nakahara), der reiche und mächtige Vater der Toten keine richtige Erklärung für den Freitod. Aber er macht den Fremden verantwortlich und beauftragt Ryu. Diese in einem episodischen und oft exotischen Bilderreigen präsentierte Geschichte erzählt ein Mann (Min Tanaka), der die Klänge von Tokio sammelt und von großer Zuneigung angestachelt, Ryu ein Mikrofon ansteckt.
Aus dem scheinbar komplexen Reigen von Personen und einigen fremden Eindrücken kristallisiert sich mehr und mehr die Geschichte zwischen Ryu und David als eine von schwieriger Liebe heraus. Zuerst erfolgt die Annäherung sexuell, im „Hotel Bastille“ leben beide eine enorme Anziehung aus, die andere Gefühle überdeckt und vernachlässigt. David trauert immer noch Midori nach und gesteht dies auch Ryu ein. Sie gesteht sich selbst ihre Gefühle nicht. Nur der Toningenieur bemerkt die Veränderung...
Auch wenn Coixet den Bildern fremder Kulturen, mit denen sie spielen will, öfters mal verfällt, was bei der Premiere 2009 in Cannes zu gemischten Reaktionen führte, gibt sie nicht den Genres nach, die anklingen: Die inneren Kämpfe bleiben spannender als der Konflikt einer Killerin, die sich in ihren Auftrag verliebt. Dort heraus, aus den vernarbten Seelen, entwickelt Coixet auch wieder sehr starke und bewegende Momente, die „Eine Karte der Klänge von Tokio“ zu einem sehenswerten.
7.9.10
Niki de Saint Phalle: Wer ist das Monster - du oder ich?
BRD 1995 Regie Peter Schamoni, 93 Min.
Ihre Nanas, die freudig-bunten, üppigen Frauenfiguren sind jedem - auch außerhalb der Museen - bekannt. Die am 21 Mai 2002 im kalifornischen San Diego verstorbene Künstlerin Niki de Saint Phalle hat jedoch ganz noch ganz andere Schaffens- und Lebensperioden zu bieten. Die am 29 Oktober 1930 in Neuilly-sur-Seine, in Frankreich, geborene Bankierstochter war nach dem Abitur als erfolgreiches Fotomodell tätig. Nach einer gescheiterten Ehe, nach einem Nervenzusammenbruch kreiert sie TIRS: Großflächige Bilder mit Farbbehältern, die erst durch den Beschuss der Künstlerin fertig werden. Hier passt der Titel „Wer ist das Monster - du oder ich?“ Langsam wandelt sich diese düstere Phase den farbenfrohen Nanas zu, die bald auf der ganzen Welt zu sehen sind. In Stockholm entsteht sogar eine monumentale, begehbare Nana. Fast eine Vorarbeit zum wunderbaren „Garten des Tarot“ in der Toskana, ein kompletter Park, ganz im Geiste der Nanas gestaltet.
Peter Schamoni stellt in seinem schönen, anrührenden Film die faszinierende Künstlerin und ihr Lebenswerk vor. Im Zusammenspiel von Kunstwerk-Zitaten und Interviews fängt er Aggression und Wut der frühen Phase ebenso ein, wie die kreative Beziehung zum Kinetikkünstler Jean Tinguely und den schöpferischen Kampf gegen eine schwere Lungenkrankheit im Alter. Das Leben der Niki de Saint Phalle zeigt sich als ergreifendes, mutmachendes Kunstwerk. Zu den schönsten Momenten gehört die Integration von Tinguelys kinetischer Kunst in die bis dahin statischen Objekte Saint Phalles nach dem Tod ihres Partners. Am Ende des Films eröffnete sich für die erkrankte Künstlerin ein neues Leben in Kalifornien, in ihrer Kunst tauchen plötzlich Wale auf.
Beilight Biss Zum Abendbrot
USA 2010 (Vampires Suck) Regie: Jason Friedberg, Aaron Seltzer mit Jenn Proske, Matt Lanter, Christopher Riggi 82 Min. FSK ab 12
Film-Parodien saugen populäre Filmreihen oder -Genres aus wie Vampire. Diese markttechnische Reaktion auf alles Erfolgreiche ist mittlerweile ein Automatismus, der allem Anschein nach von einem lahmen Computer in einem Hinterzimmer irgendwo in Hollywood verwaltet wird. Besonders einfallsreich sind die Filmchen kaum mehr, ein paar flaue Scherze und die Attraktion des Original-Produkts müssen reichen. Da ist der deutsche Titel „Beilight – Biss Zum Abendbrot“ mit gleich zwei Wortspielen schon ein Knaller!
Schmatzend und schmarotzend saugt diese Parodie die Vampir-Filme der „Twilight“-Serie aus. Becca verliebt sich erneut in den coolen Vampir Edward und muss mit dem eifersüchtigen Wolfsmenschen Jacob zurechtkommen. Dass dieser mal das Beinchen an einem Laternenpfahl hebt und sich auch in Menschengestalt mit der Hinterpfote die Flöhe wegkratzt, gehört zum humoristischen Grundrauschen der nacherzählten Geschichte. Das hat keinen satirischen Biss. Wie die meisten dieser Parodien liefert auch „Beilight“ bei Lichte besehen ein paar schnell runter geschriebene Scherzchen, dazu erstaunliche Ähnlichkeiten bei den Darstellern und bei einzelnen Szenen. Zur schlampigen Machart passt dann wieder, dass reichlich Handlungssprünge für Ärger bei den Fans sorgen werden. Twilight-Ignoranten können mit diesem Billigkram sowieso nichts anfangen. Aus gegebenem Anlass sei an Polanskis „Tanz der Vampire“ erinnert: Eigentlich auch eine Parodie von Vampirfilmen, aber so raffiniert, komisch, genial und eigenständig gemacht, dass er als Klassiker bestand hat, während die Vorlagen zu Staub zerfallen sind.

