27.7.10

Moon


Großbritannien 2009 (Moon) Regie: Duncan Jones mit Sam Rockwell, Dominique McElligott, Kaya Scodelario 96 Min. FSK: ab 12

Doppelschicht auf dem Mond

In der Zukunft pflügen Erntemaschinen die Dunkle Seite des Mondes um und das gewonnene Helium3 versorgt die Menschheit mit Energie. Da der Konzern sparen muss, macht ein Astronaut allein in seiner 3-Jahres-Schicht den Hausmeister auf dem Erdtrabanten. Sam Bell (Sam Rockwell) muss nur jetzt noch ein paar Wochen mit dem zickigen, altmodischen Computer Gerti auskommen, dessen Bildschirm nur Smileys zeigt. Doch bei der Kontrolle einer der riesigen Maschinen draußen vor der Station gibt es einen Crash und Sam wacht in der Krankenstation auf. Verwirrt sucht er den Unfallort auf und findet ... sich selbst. Der ramponierte Sam und sein frischer Klon - oder ist es umgekehrt? - ignorieren sich zuerst, spielen dann Pingpong und Konkurrenz, bevor sie ein schockierendes Geheimnis entdecken.

Es gibt keinen Funkkontakt, weil die Relaisstationen ausgefallen sind, und so gerät auch der Kontakt mit Sams Frau schwierig. Doch besorgniserregender sind die Visionen einer unbekannten Frau auf der Station und dass Sam mit den Pflanzen redet. Das klingt nach „Silent running“, „Deep Impact“ und „Solaris“, nach Tiefen- und Höhenkoller. Und wenn Sam im Spiegel die Frage nach der eigenen Existenz stellt, könnte das eine Philip K. Dick-Geschichte sein, vom Schöpfer von „Blade Runner“ und „Total Recall“.

Duncan Jones realisierte nach seinem Kurzfilm „Whistle“ (2002) einen in unauffälliger Ausstattung (mit Ikea-Containern!) besonders wirkungsvollen Weltraum-Film, einen altmodischen Science Fiction. Ein großartiger Sam Rockwell spielt den Sam und auch ansonsten in der Doppelrolle fast nur mit sich selbst. Ein freundlich subversiver Computer steht im Gegensatz zu HAL 9000 und diese Mond-Geschichte wirkt sehr geerdet im Vergleich zu „2001“. Nur das undramatisch Ende gönnt sich einen Farbtrip, einen Hauch Hoffnung, die vielleicht nur ein Traum ist.

Das Konzert


Frankreich, Belgien, Italien, Rumänien 2009 (Le Concert) Regie: Radu Mihaileanu mit Alexej Guskow, Dmitri Nazarow, Mélanie Laurent, François Berléand, Miou-Miou, 122 Min.

Als Andrej Filipow, Hausmeister des Moskauer Bolschoi-Orchesters im Büro seines Chefs das Fax eines Pariser Konzert-Hauses findet, beschließt er, dort mit einigen alten Freunden unter dem Namen des echten Bolschoi zu spielen. Denn vor 30 Jahren war Andrej Filipow ein berühmter Dirigent. Bis er als Volksfeind mitten in der Aufführung des Violinkonzerts von Tschaikowsky gedemütigt wurde. Ausgerechnet der damalige KP-Chef soll nun das Orchester managen, das er vor dreißig Jahren mit einer antisemitischen Denunziation zerstört hat. Schon beim Aufsammeln des verstreuten Orchesters zeigt „Das Konzert“ in vielen doppelbödigen Szenen, wie es um eine kulturell reiche Gesellschaft steht, in der die Kultur nichts mehr wert ist. Oligarchen kaufen Fußballvereine und klauen Musik aus dem Internet. Die entlassenen Musiker, die alle andere Jobs haben, spielen in der Kantine ohne Instrumente. Einige verdingen sich als bezahlte Demonstranten eines kläglichen kommunistischen Aufmarsches. Andere spielen und stöhnen die Begleitmusik in Porno-Synchronstudios. Doch Andrej will sich seinen großen persönlichen Traum erfüllen. Auch wenn er verrückt ist, doch das kleine Restchen Ehre, das einem Hausmeister, einem Krankenwagenfahrer geblieben ist, führt zu großartigen Auftritten voll wahrhaftiger Wut.

Als nach vielen Mühen Paris endlich erreicht ist, gehen alle erst einmal ihren eigenen, alten Geschäften nach. Der Magnat, der sich einen Platz am Cello einkaufte, droht im Handel um Fernsehrechte dem Westen mit dem Abdrehen des Gashahns. Aber schließlich spielt die Chaos-Truppe dieses Katharsis-Konzert so wunderbar, dass sogar der Kommunist in Gott einen neuen Partei-Führer findet. Hinter dem liebevoll komischen und am Ende zu vielen Tränen rührenden Siegeszug von russischer Seele und Musik, hinter der amüsanten Geschichte von heute steckt jedoch die brutale Tragik der Judenverfolgung in Russland und damit ist Mihaileanu wieder bei seinem Erfolgsfilm „Zug des Lebens“ angekommen.

Jungs bleiben Jungs


Frankreich 2009 (Les Beaux Gosses) Regie: Riad Sattouf mit Vincent Lacoste, Anthony Sonigo, Alice Trémolière 90 Min.

Jungs bleiben Jungs. Wirklich? Dann könnte man ja einen alten Film über die alten Themen - Erster Kuss, erste Liebe, peinliche Pubertät und noch peinlichere Pickel - zeigen und es bliebe so wie immer. Wieso hat man denn bei „Jungs bleiben Jungs“ das Gefühl, alles ist wie immer, aber vor allem ziemlich verstaubt? Wieso sucht man so verzweifelt nach Jahresangaben und ähnlichen zeitlichen Orientierungen (man hat viel Zeit zum Suchen bei diesem Film) und ist erstaunt, dass da 2008 steht. „Jungs bleiben Jungs“ ist vor kurzem gedreht, aber erscheint gar nicht wie von heute.

Hervé (Vincent Lacoste) sucht als Vierzehnjähriger verzweifelt an Mädchen ranzukommen, muss aber vorerst mit einem alten Versandkatalog Vorlieb nehmen. Der sei besonders, weil da die Dessous-Fotos noch nicht digital retouchiert sind, meint sein Kumpel Camel (Anthony Sonigo), der die Klischee-Rolle des lustige Immigranten-Kindes übernimmt. Ausgerechnet die beliebte und attraktive Aurore (Alice Trémolière) will etwas von Hervé, was der kaum glauben kann und sich deshalb noch peinlicher und dümmer verhält. Das kennt man ebenso wie die Ekeleinlagen  a la „American Pie“. Allerdings wirkt das Verhalten kindisch, nicht pubertär. Irgendwie von gestern wie die Kataloge mit der nicht retuschierten Damenunterwäsche. Für so ein nichtiges Filmchen wirken erstaunlich viele bekannte erwachsene Darsteller mit - die übrigens alle viel spannendere, weil schrägere und kantigere Rollen als die Jugendlichen haben.

Toy Story 3D


USA 2010 (Toy Story 3) Regie: Lee Unkrich 103 Min. FSK o.A.

Die lustigen Spielzeugfiguren von „Toy Story“ sind wieder da und diesmal in 3D, wow! Aber waren die kunterbunten Freunde von Cowboy Woody nicht schon immer so richtig echt? Das war doch die Kunst vom Pixar-Studio, ein paar Plastikfiguren so zu einfühlsam animieren, dass ihr Reden, Leiden und Leben im Jahr 1995 zum ersten großen Erfolg der Computer-Animation wurde. Dass stellte die Machtverhältnisse beim Zeichentrick so auf den Kopf, dass Disney irgendwie zur Unterabteilung von Pixar wurde. Nun also die dritte „Toy Story“ und bis auf ein paar bescheidene 3D-Effekte kann Pixar erstmals nicht wirklich begeistern. Überraschend vor allem, dass die spannenden Szenen sogar für kleine Kinder ungeeignet ausfielen.

Ein rasanter Western-Weltall-Actionfilm mit Woody und Buzz Lightyear als stolze Helden bildet den Auftakt zu „Toy Story 3“. Doch kein Kind spielt diese Fantasien aus, die Spielzeugfiguren müssen sich selber unterhalten, weil ihr mittlerweile 17-jähriger Andy sie vergessen hat und auch bald zum Studium wegzieht. Angstvoll fragt sich das Spielzeug, was mit ihm geschieht: Landen sie auf dem Dachboden oder gar im Müll? Oder nimmt Andy sie mit zur Uni? Weil sie durch ein Versehen tatsächlich bald im Müllsack an der Straße stehen, verlieren alle den Glauben an die Menschenkinder. Nur Woody bleibt seinen Andy treu und will sich zurück nach Hause durchschlagen. Dabei wirkt der Kinderhort Sunnyside wie Paradies für Spielzeugfiguren. Der knuddelige Lonzo empfängt sie mit freundlichem Lachen - und einem finsteren Plan. Denn der Kuschelbär ist im Inneren ein Monster mit gebrochenem Herzen seit ihn sein Kind auf der Straße zurückließ.

Nun übernehmen raffiniert und gekonnt eingebaute Zitate von Gefängnis- und Flucht-Filmen das Kommando der bis dahin gemäßigt gefühlvollen und spaßigen Geschichte. Wie die kleinen Helden von finsteren Aufsehern eingesperrt und zur Einzelhaft in den Sandkasten geschickt werden, gelang sehr bedrohlich und beängstigend. Nette neue Figuren gibt es ebenso wie schreckliche und schrecklich dumme. Ausgerechnet Barbie darf staatsphilosophisch erwähnen, dass sich legitime Herrschaft durch Gesetze und nicht durch Androhung von Gewalt definiert. Selbstverständlich gelingt Woody eine abenteuerliche und actionreiche Flucht, unter anderem mit einem selbstgebauten Paraglider. Doch ob alle Kinder unbeschadet aus diesem Film kommen, ist fraglich. Denn diesmal ist der Mix aus Anteilen für Kinder und Erwachsene misslungen. Was schade ist, denn die dritte „Toy Story“ wird zum Ende doch noch gut und das extrem gefühlsduselige Finale ist extrem wirkungsvoll.

Wenn uns „Toy Story“ letztendlich erzählt, dass wir unserer Kindheit treu bleiben sollen und die alten (Spielzeug-) Freunde nicht vergessen dürfen, hofft so mancher Produzent auch, dass man dem Filmgeschäft namens „Toy Story“ treu bleibt und die als Merchandise erhältlichen Figuren frisch erstanden ins Herz schließt. Wie Pixar allerdings selber in der Filmgeschichte bewies, ist das Bessere der Tod des Guten und man sollte sich auch in Teil 3 nicht nur aufs Sentiment verlassen.

26.7.10

Space Tourists


Schweiz 2009
Regie: Christian Frei
mit Anousheh Ansari, Jonas Bendiksen, Dumitru Popescu, Charles Simonyi
Länge: 98 Min.
Webseite: http://www.space-tourists-film.com/de/home.php

Mit seinen „War Photographer“ wurde der Schweizer Dokumentarfilmer Christian Frei für den Oscar nominiert. Nun begleitete er den jungen Magnum-Fotografen Jonas Bendiksen zum kasachischen Weltraumbahnhof Baikonur. Dort erfüllt sich für einige reiche „Space Tourists“ der Menschheitstraum von der Reise ins All. In der weiten Steppe leben hingegen andere von den Himmelsgeschenken der ausgebrannten Raketenteile. Christian Frei dokumentiert in einzigartigen Bildern einen Wandel in der Geschichte der Raumfahrt, konterkariert diese Geschichte dabei gleichzeitig geistreich und humorvoll mit ebenso spannenden, anderen Perspektiven.

Kubrick sagte in seinem Presseheft zu „2001“, „im Jahre 2001 werden Weltraumflüge für Jedermann eine Selbstverständlichkeit sein“. Ganz so weit sind wir noch nicht, aber die ersten Touristen fliegen bereits mit einem 20 Mio.-Dollar-Ticket ins All und der mit 10 Mio. Dollar gesponserte Ansari X-Preis treibt die privatwirtschaftliche Raumfahrt voran. Die Sponsorin, jene aus dem Iran stammende Geschäftsfrau Anousheh Ansari, begleitet der Film bei ihrer Touristen-Reise ins Weltall. Nach einer Ausbildung im Raumfahrtzentrum Baikonur fliegt Ansari mit einer Sojus-Rakete zur Internationalen Raumstation (ISS), um dort als erste weibliche Weltraumtouristin in Schwerelosigkeit zu leben und zu forschen.

In den Bildern von „Space Tourists“ erweist sich das alles nicht als strahlender Science Fiction, wie er von Kubrick und anderen ausgemalt wurde: Schon die Landung der Raumkapsel in den ersten Szenen ist eine veritable Explosion, bei der einem Angst und Bange um die Leben der drei Kosmonauten wird. Nachdem man die Kapsel öffnete, zieht man zuerst Ansari mühsam heraus, gibt ihr Blumen und einen Apfel, mit dem sie sichtlich nichts anfangen weiß. Und die Kamera ist hautnah dabei - so hat man die Sojus-Landungen noch nie sehen können!

Ebenso ungesehen die Schrottsammler, die sich um die „Rüben“ genannten, abgestürzten Raketenstufen in der Steppe kümmern. Nicht ohne vorher ein zünftiges Picknick mit Wodka auf das gute Gelingen eingenommen zu haben. Es wirkt verrückt, wie sich die privatwirtschaftliche Demontage-Truppe zuerst aus einem ganz speziellen Teil des Hightech-Geräts Rakete einen Suppentopf bastelt und sich ihr Essen für die drei Tage Flexen und Sägen kocht. Derweil bereitet sich die ISS-Besatzung Tütennahrung und Anousheh wäscht sich die Haare! Damit nicht genug des vor-emanzipatorischen Rollenklischees: Die Millionärin und Ingenieurin saugt in einer der sehr inszeniert wirkenden ISS-Szenen eine der Kabinen.

Entmystifizierend auch die Situation am Boden: Der Glanz vergangener Raumfahrt-Zeiten blättert in Baikonur nicht nur von den Denkmälern ab. 1955 platzierte die Sowjetunion hier ihre Raketenbasis, ihr Kosmodrom mitten im Nichts. Heute ist Baikonur eine unfassbare Fundgrube alter Träume, Größe und Ästhetik. Hier ist die Zukunft schon in einem Museum gelandet; die Kaninchen und Mäuse, die vor der berühmten Hündin Leika ins All geschossen wurden, verharren ausgestopft in ihren Kapseln. Die Buran, das russische Space Shuttle, verrostet irgendwo auf diesem riesigen Gelände, das einst 100.000 Menschen beherbergte. Selbst auf dem Kinderspielplatz stehen kleine Raketen verwaist herum. Während das Fernsehen im Off erzählt, dass nun jeder ins All fliegen könne, zeigt das Bild dagegen alte kasachische Frauen, die sich höchstens eine Busfahrkarte leisten können. Frei stellt in den Bildern zusammen mit dem Kommentar vom Magnum-Fotografen Jonas Bendiksen den Niedergang des russischen Raumfahrtprogramms fest, bei dem alles verkauft wird, was sich irgendwie zu Dollar machen lässt.

Dazu gehören die vier ersten Brennstoffraketen, aber auch die zweite Stufe, die mit ihren giftigen Stoffen 2000 Kilometer weiter im Altai-Gebirge in einer relativ besiedelten Gegend auch mal auf Häuser fällt. Der Traum, dass wir als "ganz normale" Menschen unseren Planeten verlassen und ins Weltall reisen können, hat, wenn er wieder auf die Erde kommt, durchaus auch seine Schattenseiten.

Wirklich fortschrittlich in dieser Hinsicht ist ein rumänischer Raketenbauer, der nicht zuerst reich werden will, um sich ein Ticket ins All zu kaufen. Das würde keinen Spaß machen - deshalb baut er lieber seine eigene Rakete, um beim „Google Lunar X-Preis“ für den ersten Roboter, der privat-wirtschaftlich auf dem Mond landet, mitzumachen. Die Sonne heizt bei ihm einen Ballon auf, der seine Rakete ins All transportieren soll. Leider scheitert der erste Versuch und der Film leistet sich den Spaß, durch den Ton deutlich auf eine Fliege hinzuweisen, die im Cockpit der Versuchs-Rakete herumbrummt. Da ist sie wieder, die eigentlich bodenständige Flickschusterei im All, die schon in Andrei Ujicas Dokz „Out of the Present“ (1999) fasziniert und irritiert hat. Auch in  „Space Tourists“ erstaunen die beschränkten Mittel, mit denen mal ins All kommt: Die Kosmonauten klettern rostige Leitern zur Einstiegsluke hoch, im Cockpit baumelt ein Stofftier als Talisman, nur der Fuchsschweif an der Antenne fehlt.

Die Einzigartigkeit der von Anfang an hochwertigen Bilder von „Space Tourists“, die geradezu sensationellen Einblicke, die sich bescheiden in den Gesamtfilm einfügen, machen die Dokumentation nicht nur humorvoll erkenntnisreich sondern auch sympathisch. Den Schrottsammlern der Steppe wird genauso viel Aufmerksamkeit gewidmet wie den Helden der Raumfahrt. Die Bilder der verbrannten, zerbeulten Antriebsrakete wirken reizvoller als die glänzender Hightech-Giganten. So „unter“-läuft „Space Tourists“ die üblichen Phrasen von „Alles ist möglich, solange man einen Traum hat“ mit anderen Geschichten und Bildern.

Christian Frei schuf aus - gut vorbereiteten und ausgewählten - Fundstücken einen Film, der wie das Gedicht von Arseny Tarkovsky zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen „Myriaden von Einzellern“ und „Myriaden von Sternen“ „eine Brücke, die zwei Welten vereint“, bildet. „Space Tourist“ zeichnet den alten Traum, zu den Planeten und Sternen zu reisen, nach. Der Blick geht dabei aber über diesen Horizont der erhabenen Gedanken über den Wert unseres Planeten, den man erst aus dem All schätzen lernt, hinaus. Die Herren von Baikonur brauchten sich keine Sorgen wegen der neugierigen Kamera zu machen. Es ist der Schnitt von Frei, der die Vermutung wachsen lässt, dass die wirklich wichtigen Erkenntnisse für die Menschheit vielleicht bei einem Nomaden in der kasachischen Steppe zu finden sind, der sich seine Hütte aus Resten einer Rakete baut. Entdeckungen kommen aus einer unerwarteten Richtung, so wie man am Ende der Wiederverwertungskette vielleicht sein Butterbrot in eine ehemalige Rakete wickelt.

Inception


USA, Großbritannien 2010 (Inception) Regie: Christopher Nolan mit Leonardo DiCaprio, Ken Watanabe, Joseph Gordon-Levitt, , Ellen Page, Tom Hardy, Cillian Murphy, Tom Berenger, Michael Caine 142 Min.

Waren „Avatar“ und „Das weiße Band“ die Filme des vergangenen Jahrzehnts, trumpft Christopher Nolan („Memento“, „The Dark Knight“) mit der ersten Sensation der Zehner Jahre auf: Einzigartig in Komplexität und Spannung wird die Gedankenwelt von „Inception“ die Filmfans in ausufernden Diskussionen beschäftigen wie einst „Matrix“ oder „Pulp Fiction“.

Cobb (Leonardo DiCaprio) spioniert mit seinen Teampartnern die Gedanken mächtiger Geschäftsleute aus, indem sie als Akteure in deren Träume eindringen. Als der japanische Industrielle Saito (Ken Watanabe) umgekehrt einen Gedanken in den Kopf des Konkurrenten Robert Fischer (Cillian Murphy) pflanzen will, halten alle dies für unmöglich. Doch weil Saito die Erfüllung von Cobbs größtem Wunsch verspricht, will der es möglich machen. Mit einer neuen Superdroge und der Studentin Ariadne (Ellen Page) als Architektin labyrinthischer Fantasie-Welten werden gleich mehrere Träume miteinander verschachtelt, in denen man sowohl mit dem bewaffneten Widerstand von Fischer als auch mit den spezifischen Problemen dieser Traumreisen fertig werden muss. So werden aus Sekunden des Schlafes viel Traum-Minuten oder gar Stunden in den nächsten Ebenen. Und wenn sich die Traumgemeinschaft durch einen tiefen Fall in Schwerelosigkeit befindet, gerät die ganze Vision in einen kniffeligen Schwebezustand. Doch die größte Gefahr droht dem Plan durch eine tragisch verlaufene Liebe Cobbs, dessen schlechtes Gewissen sich in Form seiner Frau Mal (Marion Cotillard) immer wieder äußerst destruktiv in den Visionen manifestiert.

Vom ganz frühen, ersten Finale an, wenn ein Traum mitten im Auftrag einstürzt, hält Christoper Nolan die Spannung hoch in der Matrix seiner Gedankenwelt. Nolan war der Regisseur des rückwärts erzählten „Memento“, wenn ich mich recht erinnere. Reagierte damals der Kopf begeistert wegen der Kitzel in den Hirnwindungen, wird er nun orgiastisch aufjauchzen. Nach zehn Jahren Arbeit an seinem zweiten ganz eigenen Projekt „Inception“ geriet das Meisterwerk so komplex, dass der Platz einer Besprechung nun wirklich mal nicht reicht. Unter den vielen atemberaubenden Bildern des Films - von Paris, das sich im Geiste Eschers auf sich selbst faltet, oder eines New Yorks, das wie Sandburgen zerbröselt - gibt es auch die einfachen Sinnbilder, die einen nicht weniger loslassen. Das passende Bild zur Dichte des Films liefert der Einstellungstest für die Architektin Ariadne: Sie soll in zwei Minuten ein Labyrinth zeichnen, dass man in einer Minute nicht lösen kann. Nolan hat in zehn Jahren eine Filmwelt gezeichnet, die man in 140 Minuten nur staunend erleben, aber kaum in ein paar Zeilen erfassen kann.

Der immer wieder reizvolle Traum im Traum wird von Nolan potenziert: Gleich fünf mit modernster Computertechnik gestaltete und so noch nie gesehene Welten werden hier ineinander geschachtelt. Die immer fragileren Gedanken-Gespinste verhalten sich zu anderen Filmen so sensationell anders wie Spock von der Enterprise, der dreidimensional Schach spielte, während andere nur zweidimensional denken konnten.

Von dem ganzen Haufen großartiger Schauspieler sei vor allem Leonardo DiCaprio erwähnt, der in diesem „Shutter Island 2“ erneut dagegen ankämpft, in einer Wahnwelt zu versinken. Emotional ist „Inception“ das große Drama seines Cobb, der sich ein Gefängnis der eigenen Erinnerungen baut - schön und schrecklich zugleich. Wie Orpheus steigt er ins Totenreich hinab, um seine Liebe zu retten. Was sagt uns dabei das „Rien de rien“ der Piaf, das immer wieder aus der Traumwelt zurückruft? Man kann nur wirklich in der Realität leben, wenn man nicht bereut?

Denn bei aller Komplexität, bei der erstaunlich packenden Action und all den fantastischen Momenten ist „Inception“ ganz tief drinnen auch ein Liebesfilm, der große Film einer verlorenen Liebe. Ob er nun einen Offenen oder einen Trugschluss hat, darüber werden die Fans noch lange diskutieren. Auf jeden Fall ist das Ende ebenso genial wie das ganze fantastische Gedanken-Gebäude Nolans.

20.7.10

The Doors - When You're Strange


USA, 2010 (When You're Strange) Regie: Tom DiCillo 90 Min.

Tom DiCillo, der erst Kameramann für Jarmusch und dann selbst Regisseur schön eigenwilliger Filme wie „Box of Moonlight“ (1996) und „Living in Oblivion“ (1995) war, liefert eine enttäuschend konventionelle Dokumentation über Jim Morrison und The Doors ab. Man muss DiCillo zugute halten, dass er im Gegensatz zum delirierenden Spielfilm „The Doors“ von Oliver Stone nur Originalmaterial verwendet und damit Aufstieg und Niedergang der amerikanischen Kultband der zweiten Hälfte der Sechziger chronologisch nacherzählt. Den noch sehr lebendigen Mythos oder den Kult um The Doors braucht der Film nicht aufzubauen und will ihn auch nicht einzureißen. Informativ für die Uneingeweihten, nett für die Fans bleibt diese Doku schwächer als fast jeder einzelne Song der Doors.

Karate Kid (2010)


USA/VR China 2010 (The Karate Kid) Regie: Harald Zwart mit Jaden Smith, Jackie Chan, Taraji P. Henson 140 Min. FSK ab 6

Der neue „Karate Kid“ ist ein Kinderfilm, der sich an den Kult-Erfolg des Originals hängt, obwohl die heutige Zielgeneration von John G. Avildsens „The Karate Kid“ aus dem Jahr 1983 nichts weiß. Die Produktion hat trotzdem keine Mühe für die Kleinen gescheut, von den ersten Bildern an sieht der neue „Karate Kid“ groß aus. Das Karate wurde nach China verlegt und ist jetzt Kung Fu. Ansonsten erweist sich die einfache, so oft schon gezeigte Geschichte eines Kindes in fremder Umgebung nicht groß verändert, aber sehr gut gespielt: Der zwölfjährige Dre Parker (Jaden Smith) zieht mit seiner verwitweten Mutter aus den USA nach China. In der Schule wird er vom größeren Klassenbully schikaniert und verprügelt. So gern er die Mitschülerin Mei trifft, sein Schulalltag ist vor allem davon bestimmt, dass er sich vor den anderen Jungens versteckt. Als ihn der Hausmeister Han (Jackie Chan) vor den Schülern rettet, fordert deren Meister ein Duell der Jungens bei einem Kung Fu-Turnier. Han übernimmt Dres Kampf-Unterricht, lehrt ihm zuerst etwas Respekt und dann, seine Jacke ordentlich aufzuhängen. Dass Kung Fu in jeder Bewegung liegt, wird als weiser Spruch für später aufgespart.

„Karate Kid“ ist ein weiterer Baustein in der Karriere von Jaden Smith, dem schon recht routinierten Will Smith jr. („Der Tag, an dem die Erde stillstand“, „Das Streben nach Glück“). Hilfreich als Qualitätsgarantie wirkt Jackie Chan. Mit trockenem Humor nimmt er Abstand von seiner üblichen Action und wendet sich der Rolle des weisen Lehrers mit tragischer Vergangenheit zu. Eine Rolle, die ihm hervorragend steht. Jung- und Alt-Star funktionieren gut zusammen. Harald Zwart gelingen ein paar große Szenen, mit als emotionalem Höhepunkt den Zusammenbruch des Lehrers. Diesmal rettet der Schüler ihn und die Trainings-Stangen zeigen im Schattenspiel sehr schön die gegenseitige Abhängigkeit von Meister/Vaterersatz und Lehrling. Während dieser Aufwand recht groß ist, um eine etwas artifiziellere Form von Raufen und Sich-Prügeln zu propagieren, läuft die Konfrontation mit der fremden Kultur meist spaßig ab, bleibt aber doch oberflächlich.

Micmacs


Frankreich 2009 (Micmacs) Regie: Jean-Pierre Jeunet mit Dany Boon, Julie Ferrier, André Dussollier, Jean-Pierre Marielle, Yolande Moreau 104 Min. FSK: ab 12

Endlich gibt es wieder eine Film-Delicatesse von Jean-Pierre Jeunet: Sechs Jahre ist es her, seit Audrey Tautou in „Mathilde – Eine große Liebe“ die Leiden des Krieges durchlebte. Die gleiche Tautou, deren Pariser Liebeswirren in „Amélie“ 2001 die ganze Welt rührte. Was stellen die „Micmacs“ nun in Paris an, welche Farbnuance wählte der fantastische französische Regisseur nun? Den schwarzen Humor in vergilbtem Braun aus „Delicatessen“? Oder die hoffnungslose Dunkelheit aus „Die Stadt der verlorenen Kinder“ (1995) und „Alien Resurrection“ (1997)?

Schon der Auftakt erzählt auf geniale Weise, wie Bazil (Dany Boon, der Ober-„Sch'ti“) zu solch einem Sonderling wurde: Ohne Worte explodiert eine Landmine, die Familie des Opfers in Paris erhält ein Abschiedspaket, die Witwe kommt ins Krankenhaus, der kleine Bazil ins herzlose Schwestern-Heim. Jahre später, während Bazil in der Videothek Bogarts „The Big Sleep“ sieht, spielt auf der Straße ein realer Gangsterfilm und eine Kugel landet direkt im Kopf des Videothekars. Eine Münze des Chirurgen entscheidet, dass sie besser dort bleibt und fortan für schön seltsames Verhalten verantwortlich ist.

Wer für die beiden fatalen Waffen in seinen Leben verantwortlich ist, entdeckt der Mann ohne Familie, Job und Wohnung zufällig: Auf der Straße steht Bazil plötzlich zwischen dem Firmenwappen des Landminen-Produzenten Nicolas Thibault de Fenouillet (André Dussollier) und dem des Munitions-Herstellers François Marconi (Nicolas Marié). Da die Konzern-Chefs heftigst verfeindet sind, ist es Bazil ein Leichtes, die Händler des Todes gegeneinander auszuspielen. Bei dieser äußerst originellen Verschwörung sind Freunde aus dem Untergrund sehr findig behilflich.

Diese Freunde sind Freaks der Gesellschaft, ein sehr liebenswerter Ausschuss, der unter einer labyrinthischen Müllhalde lebt. Jeunet und sein Kameramann Tetsuo Nagata schufen ein so fantastisch von der Müllseite her fotografiertes Paris, dass man sofort Clochard werden möchte. Zu den „Micmacs“ gehören die Kontorsionistin Mademoiselle Kautschuk, mit „sensibler Seele in einem flexiblen Körper“, das Rechengenie Calculette, die Mutter der Truppe Cassoulet (die großartige Yolande Moreau aus „Louise hires a contract killer“), sowie der „Delicatessen“-Star Dominique Pinon, der eine Lebendige Kanonenkugel-Legende spielt.

Wie die kleinen, verrückten Trickmaschinen des sympathischen Petit Pierre funktioniert auch „Micmacs“. Der nicht ganz ernst genommene Krimi mit einem sehr humanistischen Herzen ist manchmal eine herrliche Chaplinade ohne Dialog. Dann ein romantischer Anachronismus, wenn der dreirädrige Transporter neben einer lautlosen Straßenbahn daherstottert. Im Hintergrund verfallene Gebäude vor den unvermeidlichen Glas-Stahl-Fassaden der Seine-Stadt. Diese recyclete Welt ist mit einem Zauber erfüllt - und damit Kino pur: Der banale Alltag wird traumhaft. So kann der eigentümliche Mann mit der Kugel im Kopf sich zum raffinierten Trickser und Texter entwickeln. Denn meist sprechen seine Kumpel mehr oder weniger exakt seine Texte nach. So wie er in der Metro die Lippen zu der Musik bewegt, die eine Frau nichts ahnend hinter einer Säule spielt und seinen Hut viel schneller als den ihren füllt.

„Micmacs“ ist die Rache der einfachen Leutchen am korrupten Establishment. Wie es einst „Lina Braake“ und Danny Ocean vormachten. Die Retro-Komödie hat dabei nicht die Coolness von „Oceans 11“, dafür ebenso viel Herz und Sympathien: Während sonst Tom Cruise in einem Seilakt über der Beute schwebt, wird hier nur niedlich ein Stückchen einschläfernden Zuckers in den Tee des Nachtwächters herab gelassen. So liegt eine natürliche Abneigung gegen Waffenhändler (mit denen auch Sarkozy im Bunde ist) der dunkelbraunen Farbpalette von „Delicatessen“ zugrunde, diesmal vermischt mit der Antikriegs-Haltung der „Mathilde“ sowie dem traumhaften Paris der „Amélie“.

Knight and Day


USA 2010 (Knight and Day) Regie: James Mangold mit Tom Cruise, Cameron Diaz, Peter Sarsgaard 110 Min. FSK: ab 12

Ein Unterschied wie Tag und Nacht: Einst reichte die Strahl- oder Grins-Kraft von Tom Cruise, um jede „Mission Impossible“ interessant zu machen. Er war „Top Gun“ der Schauspieler-Gilde. Nun wandelte sich Cruise mit erstaunlicher Sicherheit vom Kassen- zum Hähme-Magneten. Da ist es eigentlich keine schlechte Idee, sich auf den sicheren Boden eines komödiantisch überdrehten Spionage-Films zu begeben. Aber selbst mit Regie-Routinier James Mangold („Cop Land“, „Walk the Line“) am Ruder läuft bei „Knight and Day“ das Wichtigste schief.

Führerlos rasen Action und Romantik durch die Welt, denn gerade hat der Agent Roy Miller (Tom Cruise) eine ganze Flugzeugbesatzung umgelegt, samt Flugkapitän. Nur die Zufallsbekanntschaft June Havens (Cameron Diaz) bekommt nichts davon mit, während sie sich auf der Toilette des Fliegers für einen Flirt mit dem flotten Roy fertig macht. Vor Sturzflug und Notlandung auf Autobahn und Maisfeld bleibt noch Zeit für einen Drink und einen Kuss. Dann darf June erstmals in Ohnmacht fallen. Eigentlich ist sie keine Zufallsbekanntschaft, denn Roy benutzte sie, um eine sensationelle Superbatterie durch die Kontrollen zu schmuggeln. Obwohl der Agent wie ein Action-Autist wirkt - ziemlich tödlich aber auch tödlich debil, kümmert er sich fortan darum, dass June nicht von den Geheimdienst- und Gangster-Horden geschnappt wird.

Der Action-Tango „Knight and Day“ (mit vielen Remixes vom Gotan-Project) ist längst „Nackte Kanone“, also pure, alberne Parodie. Unübersehbar wenn June ein hormonell aufgeladenes Beziehungsgespräch mitten im Kugelhagel beginnt. Cameron Diaz, immerhin schon mal eine von „Charlie’s Angels“, darf sich dumm gebärden wie schon lange keine Blonde mehr im Film. Ihr Verhalten nahe am Gehirntod wird nur dadurch übertroffen, dass sie einen Großteil des Film betäubt mitgeschleppt wird. Früher war das zu eng geschnürte Mieder schuld an seriellen Ohnmachten. Liegt es heute vielleicht am zu engen Rollenkorsett? Doch der Wahnsinn hat Methode: Gerne wird Unnötiges wie persönlicher Hintergrund, psychologische Tiefe oder Sinnhaftigkeit der Handlung in einem action-getriebenen Blackout weggelassen - es kommt nur auf die Gags an. Das hat insgesamt den gleichen intellektuellen und emotionalen Reiz wie eine Urlaubsreise von Barbie und Ken. Zwei sterile Kunstfiguren - Cruise und Diaz - auf Leerlauf in einem schwachen Fließband-Produkt. Und - eigentlich wollten wir das dem Boulevard überlassen - damit ähnelt die Figur Roy Miller auch dem öffentlichen Auftreten von Tom Cruise. Mittlerweile scheint es eine Mission Impossible zu sein, noch einen anständigen Film mit Tom Cruise hinzubekommen.

14.7.10

Eclipse


USA 2010 (The Twilight Saga: Eclipse) Regie: David Slade mit Kristen Stewart, Robert Pattinson, Taylor Lautner, Billy Burke 121 Min.

Was sagt ein zünftiger Vampir, wenn er eine süße Jungfrau sieht? „Blut, Blut, ich rieche Menschenblut!“ Oder: „Schlürf“? Mitnichten. „Heirate mich“ ist der erste Satz von Edward Cullen (Robert Pattinson) gegenüber seiner großen Liebe Bella Swan (Kristen Stewart) in „Eclipse“. Doch sie will etwas anderes: „Beiß mich, mach mich zum Vampir!“ In einer romantischen Szene einigen sich die beiden auf die klassische Abfolge: Erst „Bis dass der Tod euch scheidet“, dann die Verlängerung in die Ewigkeit durch den Biss zur Vampirismus-Konversion Bellas.

„Eclipse“ erzählt auf zwei Ebenen die gleiche Geschichte: Die eine erzählt von den üblichen Teenager-Problemen um Liebe, Sex, Entscheidungen und vielen Fragen angesichts einer unklaren Zukunft. Das Teenie-Filmchen enthält auch den eifersüchtigen wie dämlichen Hahnenkampf von Werwolf Jacob und Vampir Edward um Bella. Bis zum Schulabschluss versucht sie herauszubekommen, wem ihr Herz gehört und wie sie leben will. Auch dies ein simpler Köder, der ins amerikanische Teenager-Leben geworfen und mit den Fantasy-Elementen von Vampiren und Werwölfen aufgehübscht zum anderen Film wird. Denn der große mythische Streit zwischen den verfeindeten Wesen der Nacht wird in der Twilight-Serie auf die Frage reduziert, ob die reifende Frau ein warmes, weiches Kuscheltier will oder sich mit dem Mann einlässt, der in sie eindringen will - mit seinen Zähnen. Dass Edel-Beißer Edward so altmodisch ist, dass er dies erst nach der Hochzeit zulässt, gibt der ganzen Einfalt etwas Länge.

Das innere Drama Bellas steht unter der mörderischen Bedrohung der Erzgegnerin Victoria, die ihre Rache an Edward Cullens Familie sucht. Dazu rekrutiert sie eine eigene Armee von Jungvampiren, die sich ungezügelt durchbeißen. Um Bella zu schützen, kämpfen sogar Vampire und Wölfe zusammen, alles läuft auf eine große Entscheidungs-Schlacht hinaus, während der sich Bella zwischen ihren Männern entscheidet. Die digital aufgebauschten Kämpfe liefern mehr Material für hämische Parodien als für Kult.

Die Eindeutigkeit dieser Parabel wirkt ermüdend und einfältig auf alle, die nicht gerade in dieser Lebensphase stecken. Aber für die ist diese Buch- und Filmreihe ja auch nicht gedacht. „Eclipse“ liefert als dritte Romanverfilmung nach Stephenie Meyer frisches Blut für die Fans der verklemmten Fantasy. Der Mann, das unbekannte Wesen, wandelt sich für die Teenager mal zum blassen Beißer, mal zum riesigen Steiff-Tier. Aber selbst diese Bedrohungen - und Verführungen - verbinden sich verlässlich gegen zügellose Horden. Auch dies passt ins konservativ prüde Konzept von „Twilight“. Am Ende bleibt nur ziemlich viel Gefühlswabern und ganz großer Liebeskitsch mit längst ausgelutschten Worthülsen. Bellas überflüssige Off-Kommentare machen den Film, der von seinen Produktionswerten den Augen einiges zu bieten hat, simpel und verständlich für wirklich jeden, der sein Geld an der Kinokasse lässt.

13.7.10

Marmaduke


USA 2010 (Marmaduke) Regie: Tom Dey mit Lee Pace, Judy Greer, William H. Macy 88 Min.

Es ist zum Heulen. Aber nein: Wolfe heulen, Hunde jaulen. Schon wieder falsch: Hunde sprechen doch, denn wir sind im Hollywood-Film. Das ist zum .... siehe oben. Hieß es früher bei Dr. Dolittle noch „Hör mal, wer da spricht“, verdanken wir es der digitalen Revolution, dass wir beim meist sinnfrei plappernden Getier nun auch die synchronen Bewegungen der Münder sehen. „Guck mal, wer da spricht!“ rufen jetzt die kleinsten aus, wenn ein Riesenköter seine Geschichte erzählt. Das reicht für einen Lacher aus. Einen ganzen Film trägt es nicht, da nervt es nur noch.

Die Dänische Dogge Marmaduke muss sich in der Hundegesellschaft der neuen Hundefutter-Firma seines Herrchens zurechtfinden. Im Freigehege gibt es den Platzhirsch, dämliche Afghanen-Damen, durchgeknallte Pinscher, eine Collie-Prinzessin und eine Straßenmischung als beste Freundin. Man ahnt hier schon, dass Marmaduke all das erleben wird, was Kids an Schulproblemen nach einem Umzug erleiden müssen. Neben der sozialen Eingliederung gibt es eine Liebesgeschichte, denn Marmaduke rennt erst der Falschen hinterher, bevor er schließlich seine Wasserscheu überwindet, um die wahre Liebe zu retten. Dass der ohne Computerhilfe schon trottelig wirkende Hund auf einem Surfbrett und im Rudeltanz besonders bescheuert wirkt, sollte man nicht unter Humor einordnen. Flache Furz-Scherze gibt es nämlich noch dazu. Nach Jahrzehnten der Computer-Entwicklung ist es Zeit für eine ganze neue Spezies, sprechen zu lernen: Der Zuschauer könnte mit den Füßen abstimmen und solchen Filmideen für die Zukunft den Garaus machen.

9.7.10

Hasenheide


BRD 2010

Regie und Buch: Nana A.T. Rebhan, Kamera: Nana A.T. Rebhan, Schnitt: Justyna Hajda, Produktion: Nana A.T. Rebhan, Alfred Exner 72 Min.
Verleih: Alfaville alfaville.film@gmx.net

Nicht der Central Park, nicht der Retiro, nicht mal der Tiergarten: Die Berliner Hasenheide ist kein Protz-Park, kein Touristen-Ziel. Der 50 Hektar große Park in Neukölln an der Grenze zu Kreuzberg liegt hingegen mitten im Leben der Menschen aus der Gegend. Die Regisseurin Nana A.T. Rebhan zeigt in ihrem Park-Porträt „Hasenheise“ vor allem die Spannweite des Genießens. Der Park, das sind unter diesem sympathischen und offenen Blick seine Menschen.

Bei einigen gilt die Hasenheide als „No go area“, denn sie ist unübersehbar ein belebter Drogenumschlagplatz in Neukölln. Die lustige Selbstverteidigungs-Gruppe, die im Park übt, interessiert dieses Klischee nicht: Für sie ist die Hasenheide ein „Ort zum Wohlfühlen“. Das leben auch die multinationalen Bolzteams mit großartiger Ball-Technik vor. Zu den vielen netten kleinen Beobachtungen des Films gehört die Insider-Erklärung, was die heftigen Streits über Tor und Nicht-Tor eigentlich bedeuten: Die Jungs sind einfach ko aber können das nicht zugeben. Da streitet man sich lieber mit großer Geste und beendet so das Spiel.

Auf dem Jogging-Parcours macht selbstverständlich auch eine verhüllte Muslima ihre Dehnübungen. Dies ist schließlich Neukölln! In der Hasenschenke selbst finden selbst echte Berliner noch ein Reservat fern vom touristischen Sony Center am Potsdamer Platz. Hier herrscht kein Biergarten-Chic, passend malt ein Künstler Zille-Motive auf die Wände der Hasenschenke. Überhaupt ist dieser Park nirgendwo fein mit Kunst verziert wie der Tiergarten.

„Hasenheide“ zeigt ein Gegenbild, zeigt die „Parallelgesellschaften“ abseits der aktuell oder ehemalig trendigen Viertel. Es ist ein positiver, netter Blick mit Stimmungsbildern, kurzen Selbstdarstellungen und Interviews. Da folgt der schwulen FKK-Sonnenecke mit dem einsamen Sonnenanbeter im Lotus-Sitz und der Zickenclique eine türkische Musikergruppe. Auch hier bleiben Männer unter sich, aber bekleidet und mit Instrumenten ausgerüstet liefern sie den orientalischen Soundtrack für die Abendstimmung. Die eher seltenen Fragen der Regisseurin zeigen vor allem ein großes Interesse an den Menschen. So erfährt sie von immer neuen Hasenheiden-Bewohnern, etwa von einem originellen Typen, der mit seinen vier Papageien durch den Park geht, und von dem Mann, der täglich den Falken des Parks füttert. Die Szenen wurden kommentarfrei und flüssig aneinander gefügt, wobei sich wie im richtigen Leben immer neue Begegnungen ergeben.

Über die „Hartz4-Wiese“ stolziert auch eine edel bekleidete, ziemlich schräge ältere Dame, passend Schneewittchen genannt. Besonders schön ist hier die Konfrontation mit einer ganz anderen, rustikalen Hunde-Lady, die unter Cowboyhut und Poncho von ihrer Arbeits-Reintegrations-Maßnahme erzählt. Kurios sind nicht nur ihre Versuche, die Probleme mit aggressiv ängstlichen Kindern, die das ach so friedliche Hundleben im Park stören, zu bewältigen.

Nana A.T. Rebhan zeichnet ein freundliches Porträt des vielfältig lebendigen Parks, ohne Interviews mit den Dealern, der Polizei oder Politikern. Ein runder Film über etwas Unspektakuläres, aber vielleicht umso wichtigeres in einer (Medien-) Welt, die reißerische Konfrontationen sucht: Das Zusammenleben.

7.7.10

Lügen machen erfinderisch


USA 2009 (The Invention Of Lying) Regie: Ricky Gervais , Matthew Robinson mit Ricky Gervais, Jennifer Garner, Jonah Hill 100 Min. FSK ab 6

In einer Welt ohne Lüge gibt es keine Werbung und selbstverständlich auch keine Spielfilme. Die gnadenlose Ehrlichkeit fängt schon bei der Begrüßung an. „Wie geht es dir?“ wird tatsächlich mal ehrlich beantwortet. „Nicht besonders gut. Wahrscheinlich werde ich heute gefeuert.“ Mark Bellinson (Regisseur und Ko-Autor Ricky Gervais), ein rundlicher, kleiner Verlierer, hat es ohne freundliche Heuchelei oder Taktgefühl besonders schwer. Doch als der Drehbuch-Autor für todlangweilige Nacherzählungen historischer Epochen in einer Bank spontan über seinen Kontostand lügt, ist er im Vorteil. Die Leute glauben ihm wie unter Hypnose alles: Dass er schwarz oder ein einarmiger deutscher Raketen-Ingenieur ist. Die langbeinige Blondine nimmt ihm sofort ab, dass die Welt untergeht, wenn sie nicht sofort mit ihm schläft. Das Konzept der Lüge ist nicht allgemein bekannt, also hat er immer Recht. Sein Handeln bleibt unerklärlich: Es gibt ja nicht mal ein Wort dafür, dass er etwas sagt, was nicht ist!

Mark erfindet nun sogar das Jenseits samt Paradies, um seine Mutter zu trösten, und jeder glaubt dem neuen - nein: einzigen Propheten. Als Nebenprodukt schreibt er die zehn Gebote (auf Pizza-Schachteln!) und gründet eine Religion. Nur seine große Liebe Anna McDoogles (Jennifer Garner) kann er nicht täuschen. Sie glaubt, dass es bei Liebe darum geht, zwei äußerlich möglichst attraktive Gen-Pools miteinander zu vereinen.

Die nicht ganz oberflächliche Komödie mit einer sympathischen Idee und ihrer sympathischen Hauptfigur präsentiert ein witziges Konzept, das sich selbstverständlich in unserer Welt der Täuschungen nicht ganz schlüssig realisieren lässt. Doch am Ende läuft alles auf nur ein Liebesfilm-Finale hinaus. All die netten Ideen des Anfangs bleiben verlorene Gedanken-Mühe.

6.7.10

Mr. Nobody


Frankreich/ Kanada/ Belgien 2009 (Mr. Nobody) Regie: Jaco van Dormael mit Jared Leto, Diane Kruger, Sarah Polley 138 Min.

Die Lebens-Erinnerungen von Nemo Nobody, dem letzten Sterblichen der Erde im Jahre 2092, führen in ein faszinierendes Labyrinth aus Liebes-Möglichkeiten und Enttäuschungen. Nach „Toto der Held“ (1991) und „Am achten Tag“ (1996) präsentiert der Belgier Jaco van Dormael wieder einen sensationellen Film.

Alle Menschen sind unsterblich im Jahr 2092. Mit Ausnahme eines 118 Jahre alten Mannes, dem letzten Sterblichen der Erde. Die ganze Welt will wissen, wie das Leben, wie die Vergangenheit dieses Mr. Nobody (Jared Leto) war. Darauf hat der Nemo genannte nur einen Scherz als Antwort: „Die meiste Zeit ist nichts passiert - wie in einem französischen Film.“ Doch die Ärzte lassen nicht nach und versetzen den Greis unter Hypnose, damit er sich erinnere: Noch ungeboren im Himmel erwählt sich Nemo sehr witzig ein Elternpaar aus. Mama (Natasha Little) riecht so gut und Papa (Rhys Ifans) erzählt eine schöne Geschichte, wie sich die beiden ineinander verliebt haben. Im Alter von acht Jahren begegnet Nemo drei Mädchen, die er später heiraten und gänzlich verschiedene Leben mit ihnen führen könnte. Damit beginnt ein Weg voller Entscheidungen: Zuerst trennen sich die Eltern und der neunjährige Nemo muss am Bahnsteig zwischen seinem Vater und der Mutter, die mit dem Zug wegfährt, wählen. Sie wird mit dem Vater von Nemos großer Liebe Anna (Diane Kruger) zusammenziehen. Beim eigenen Vater wird Nemo als Teenager mit Elise oder mit Jeanne zusammenkommen. Die manisch-depressive Elise (Sarah Polley) findet niemals ihr Glück an der Seite und mit den Kindern Nemos. Jeanne (Linh-Dan Pham) hingegen würde erfüllt und im Reichtum die Frau eines erfolgreichen Nemo sein. Nur er fühlt nichts in diesem Leben...

Die Leben mit und ohne die große Liebe Anna führen in einer äußerst reizvollen Montage der Möglichkeiten sogar bis zum Mars, wo ein alter Nemo die Asche seiner Frau ausstreut. Oder ist dies nur die eskapistische Science Fiction-Geschichte des frustrierten jungen Mannes, der seinen gelähmten Vater pflegt? Sind dies alles gar Hirngespinste eines alten Mannes unter Hypnose?

Dreizehn Jahre dauerte es, bis nach dem überwältigenden Erfolg von „Am achten Tag“ (mit Daniel Auteuil und Pascal Duquenne) der Belgier Jaco van Dormael wieder einen sensationellen Film hinlegte. Damit kehrte er zum fantastischen Erzählen seiner Erstlings „Toto der Held“ aus dem Jahre 1991 zurück. Die meiste Zeit arbeitete van Dormael tatsächlich an seinem Buch und an der Umsetzung von „Mr. Nobody“, eine Detailarbeit, die dem enorm dichten Film anzumerken ist.

„Mr. Nobody“ berauscht mit der Bildgewalt seiner Welt und seiner Erzählraffinesse. Doch van Dormaels neuestes Meisterwerk begeistert nicht nur durch die Dichte der Idee und Bilder, durch einen eindrucksvollen Cast oder den ebenso leichten, wie treffenden Pop-Soundtrack. Nicht nur wegen seiner grandiosen Ausstattungsdetails. „Mr. Nobody“ erzählt eine ganz große, bis zum letzten Moment mehr und mehr mitreißende Liebesgeschichte. Wie van Dormael das Entstehen von Gänsehaut im Detail zeigt, praktiziert er das Erwecken der Gefühle auch im großen Ganzen.

30.6.10

Für immer Shrek 3D


USA 2010 (Shrek Forever After) Regie: Mike Mitchell 93 Min

„Shrek lässt nach“ hieß es schon einmal, als der Leinwand-Erfolg des grünen Ogers in den Teilen 2 und 3 verflachte. Noch ein Wiederholung des schrecklich schwächelnden Oger-Spaßes wäre schon zum grün und blau ärgern. Dieser „Shrek 4“ entfernt sich zwar vom Erfolgsrezept, doch auch das tut ihm gar nicht gut. Die einst gelungene Mischung aus frischen Figuren und peppigen Medien-Parodien ist nur noch blaß-grün oder vielleicht gar angeschimmelt.

Nach Prinzessinnen- und Königreichs-Rettung ist es nun soweit: Der Oger Shrek lebt mit seiner Fiona und den drei Kinder glücklich und zufrieden im Sumpf bis dass der Tod ... Moment: In einer Art Groundhog Day-Horror läuft für Shrek der Rest des Lebens tatsächlich in dieser Routine ab. Das schafft selbst den stärksten Oger. Shrek, der vom Schrecken der Umgebung zur Touristen-Attraktion verkommen ist, fühlt sich brav, zahm und zahnlos. Selbst sein berüchtigter Brüller wird nicht mehr ernst genommen. So hat das Rumpelstilzchen leichtes Spiel, dem grünen Grobian für einen einzigen Tag alter Oger-Gloria einen anderen Tag seines Lebens abzuluchsen. Da dies aber Shreks Geburtstag war, ändert sich nach dem Zeitreisen-Prinzip alles in dem Märchenland „Weit Weit Weg“: Im Schloss herrscht Rumpelstilzchen mit seinen Hexen, Fiona ist unter dem Grund, also im Untergrund, und kann sich vor allem nicht an Shrek erinnern. Der hat nur einen Tag, um seine Liebe und seinen Routine-Alltag wieder zu gewinnen.

Die ganze Geschichte ist lahme Shrek-Schluß-Pistole und hätte eigentlich schon nur auf DVD herauskommen sollen. Denn dies soll endgültig sein letzter Kinoauftritt sein - so uninspiriert ist Shrek auf direktem Wege zur eigenen Zeichentrick-Serie bei der jedes Kind alles versteht. Einst war es sein märchenhafter Zaubertrick, einen bunten Spaß für die Kleinen und eine ganze Menge Querverweise, Seitenhiebe und doppelte Medien-Referenzen für die Erwachsenen zu bieten. Nun ist es simpler Familienkitsch vom Fließband, wie schon bei „Ice Age“ schadet der filmische Nachwuchs dem Spaß. Nun geriet alles sehr menschlich, sogar romantisch, aber nicht mehr besonders komisch.

Selbstverständlich wird sich am Ende alles nur als ein böser Traum erweisen und der einstige Grobian muss Sätze ablassen, die er früher tief im Morast hätte vermodern lassen: „Weil ich erst wusste, was ich hatte, als ich es nicht mehr hatte.“ So folgt dem Action-Finale ungebrochene Romantik - wo früher alles auf den Kopf gestellt und durch den Wolf und die sieben Geißlein gedreht wurde, ist nun der gestiefelte Kater fett, der dumme Esel dumm und nicht mehr Shreks Freund. Das muss an Originellem reichen.

Als neuer Star von „Shrek“ erweist sich nicht das immer präsente und bei Hexenritten durch tiefe Schluchten und hohe Brücken wirkungsvolle 3D. Nein, der Filmtitel sollte besser: „Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich eigentlich Rumpelstilzchen heiß“ lauten. Der kleine, neurotische Giftzwerg, der Amadeus der hinterhältigen Verträge ist ein Knaller unter all seinen Perücken für die verschiedenen Gemütszustände und Amtshandlungen. Ausnahmsweise macht auch die Synchronisation mit der Stimme von Bernhard Hoëcker großen Spaß. Also liebe Hollywood-Feiglinge: Packt den Shrek weg und lasst mal wieder das Rumpelstilzchen in euch raus.

29.6.10

Wendy & Lucy DVD

Wendy & Lucy

Regie: Kelly Reichardt

Al!ve AG

Hunde und Kinder sind Erfolgsgaranten im Film, doch „Wendy & Lucy“, das herzergreifende Drama um die kindliche, junge Frau Wendy und ihren Hund Lucy, war abseits von Hollywood-Formeln einer der besten Independent-Filme des letzten Jahres: Auf der Durchreise nach Alaska strandet Wendy (Michelle Williams) mit ihrem Hund Lucy in einem kleinen Kaff in Oregon. Immer knapp bei Kasse, wird sie beim Stehlen von Hundfutter erwischt. Während sie bei der Polizei ist, verschwindet Lucy.

Regisseurin Kelly Reichardt („Old Joy“) basiert ihren Film auf eigenen Erfahrungen und klagt die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich an. Doch dieser amerikanische Neorealismus wird erfrischend einfach erzählt. Mit großem Mitgefühl verfolgt man nicht die Suche des Fahrrades („Fahrraddiebe“), sondern des „besten Freundes“.
In der Hauptrolle beeindruckt der kommende Superstar Michelle Williams mit nuanciertem Spiel. Ihr ängstlicher Blick ist hilflos der Gesellschaft ausgeliefert. Wobei der herzlose Mechaniker ebenso bedrohlich wirkt, wie die Lebensbeichte eines verstörten Obdachlosen im Dunkeln neben lauten Schienen. Das kleine Drama mit der großen Wirkung lässt sich Zeit für Begegnungen mit Menschen und verdient die gleiche Aufmerksamkeit.

Als Bonus-Material gibt es ein kurzes Interview mit Kelly Reichardt sowie zwei Kurzgeschichten von Jon Raymond, der die Vorlage zum Film schrieb.

Der Andere


USA, GB 2008 (The Other Man) Regie: Richard Eyre mit Liam Neeson, Laura Linney, Antonio Banderas, Romola Garai 88 Min. FSK ab 12

„Ich mag deine Schuhe, nur nicht die Menschen, die sie tragen...“ Wenn der Ehemann Peter (Liam Neeson) dies seiner Frau Lisa (Laura Linney) sagt, kann die Verbindung noch gut sein? Doch - Peter und Lisa leben harmonisch miteinander. Die Frage der Modedesignerin, ob er sich vorstellen könne, ein ganzes Leben lang zusammen zu sein, irritiert ihn nicht sonderlich. Ebenso wenig das Nachhaken, ob er nicht mal mit einer anderen ins Bett wolle. „Dann ist ja alles in Ordnung,“ beschließt er das Gespräch, bevor es spannend wird.

Einige Zeit später ist Lisa nicht mehr da. Peter schmeißt ihre Sachen aus der gemeinsamen Wohnung und findet auf ihrem PowerBook Hinweise einer Affäre. Leidenschaftliche Aufnahmen vom Comer See und eine Männerstimme auf dem Handy. Sehr entschlossen zwingt der Firmenchef Peter eine Angestellte, die Identität des Mail-Schreibers herauszufinden: „Ich möchte ihn töten.“

Die Eifersucht treibt Peter mit einer Waffe nach Mailand, dort lauert er dem Anderen (Antonio Banderas) auf. Es kommt zu einem Duell zweier Schachspieler, zweier älterer Männer. Der scheinbare Gegensatz zwischen dem ruhigen Briten Peter und dem reiselustigen Latin-Lover mit dem albern ausgesprochenen Namen Ralph („räf“) baut sich während einer indische Verteidigung auf. „Die Ehe ist die Hölle - ich ziehe Hotels und den Himmel vor.“ Der verrückte Romantiker stellt sich mit solchen Sätzen, die nur Fassade sind, mehr und mehr als Schwätzer bloß. Ein Idiot in Gucci-Slippern, den man umso mehr hassen muss, wen sich seine Liebe mit so einem debilen Kretin abgibt. „Was ist schlimmer:  Dass die Person, die man liebt, jemand anderes ist, wenn sie mit dem anderem zusammen ist, oder dass sie die gleiche ist?“ Solche bitteren Gedanken schmerzen mehr als die (eingebildeten?) Rückblenden auf ein mehrere Jahre dauerndes Doppelleben.

Mit „Der Andere“ verfilmte Regisseur Richard Eyre („Tagebuch eines Skandals“, „Iris“) eine Kurzgeschichte von Bernhard Schlink („Der Vorleser“) aus dem Erzählband „Liebesfluchten“. Liam Neeson gibt den eifersüchtigen Ehemann eindrucksvoll - die Synchronisation nimmt ihm allerdings eine Menge seiner Präsenz. Banderas glänzt - nicht nur mit der Pomade im Haar, die den Look eines schmierigen spanischen Blenders vervollständigt. Doch nur das Gegeneinander unterschiedlicher Männer wäre ein ermüdendes Klischee. „Der Andere“ gibt Peter Zeit, sich aus der Wut zu befreien und in der Trauer sowohl milde zu werden, als auch ein besseres Verhältnis zu seiner Tochter zu entwickeln. Selbst der alberne Ralph erhält eine liebenswerte tragische Note: „Ich mache die Dinge sehr viel schöner als sie sind. Verlierer sind gut darin.“ Am Ende, nach einem schönen und friedlichen Abschied, überzeugt die wesentlich entspanntere Miene Peters/Neesons - ein Effekt, den selbst die Synchronisation nicht kaputt bekommt.

28.6.10

The Private Lives Of Pippa Lee


USA 2008 (The Private Lives of Pippa Lee) Regie: Rebecca Miller mit Robin Wright Penn, Alan Arkin, Blake Lively, Maria Bello, Keanu Reeves, Julianne Moore  93 Min.

In der besonders hochkarätig besetzten Selbstfindungs-Geschichte einer fünfzigjährigen Ehefrau und Mutter beeindruckt Robin Wright Penn als zwischen Vergangenheit und Zukunft verlorene Pippa Lee. Der Künstlerin und Regisseurin Rebecca Miller - Tochter von Arthur Miller - zeigt in ihrem vierten Film eine stimmige Entwicklung mit leisen Tönen.

Die Tischrede lobt die gutaussehende, elegant gekleidete Fünfzigerin als perfekte Gattin, Hausfrau und Muse. Kaum zu übersehen ist, dass sich Pippa Lee (Robin Wright Penn) in dieser Rolle überhaupt nicht wohl fühlt. Als Gattin eines gleich um dreißig Jahre älteren, erfolgreichen Verlegers (Alan Arkin) wird sie als anpassungsfähiges Rätsel bezeichnet - und hasst es! Vor allem nach dem Umzug aus der Metropole New York in ein Rentnerdorf der Provinz schleichen sich mehr und mehr Irritationen in das Leben von Pippa Lee.

So verliert sich Pippa Lee tagträumend in Erinnerungen: An ihre Kindheit mit der Speed-abhängigen Mutter (Maria Bello), die ihren Alltag wie in einem Werbespot lebte. Damals lernte das Kind alles Nötige zur Karriere einer sorgenden Frau. Für die Mutter, die Männer, die Kinder, die Nachbarin. Eine Flucht führt den Teenager Pippa (Blake Lively) zu ihrer lesbischen Tante Trish, deren Freundin (eine wieder sagenhaft präsente Julianne Moore) sie schon nach ein paar Tagen in Lesbenpornos einsetzt. Danach eine wilde Zeit mit Drogen und zu viel bedeutungslosem Sex, aus der Pippa, deren vornehmliche Qualität nach eigener Aussage zuvor „Versagerin“ war, vom viel älteren Verleger Herb gerettet wird.

Bevor Pippa Sarkissian zu Pippa Lee wird, tritt ihre Vorgängerin Gigi (Monica Bellucci) mit einem äußerst dramatischen Selbstmord ab. Vor lauter Schuld beschließt die haltlose junge Frau, von nun an eine gute Frau zu werden. Sie bedient ihren Mann, findet sich in die Rolle, von der sie anfangs gar nicht weiß, wie sie funktioniert. Über die Jahre gerät sie allerdings zu einer Farce, wenn Herb Pippa wie einen Hund zu sich ruft.

Die leicht skurrile, witzige und doch sehr warmherzige Emanzipation der Vorzeigefrau Pippa Lee zum selbständigen Menschen begeistert auf den ersten Blick mit ungewöhnlich vielen exzellenten Schauspielern. Vor allem Robin Wright Penn, durchaus mit starken Rollen vertraut, zeigt vom ersten Moment an eine schillernde Verlorenheit. Je mehr man sich auf die ebenso so scharf wie spöttisch beobachteten Feinheiten des Buches von Regisseurin Rebecca Miller (nach ihrem eigenen Roman) einlässt, desto mehr gewinnt der Film. Die vielfältig talentierte Künstlerin, Tochter des 2005 verstorbenen Arthur Miller, zeigt sich bei ihrer vierten Regie-Arbeit nicht nur in der Figurenzeichnung des vielfältigen Beziehungsgeflechts als sehr sicher, sie verbindet auch die Ebenen des Films mit sehr eleganten Überblendungen.

22.6.10

Easy Virtue


Großbritannien, Kanada 2008 (Easy Virtue) Regie: Stephan Elliott mit Jessica Biel, Ben Barnes, Kristin Scott Thomas, Colin Firth 97 Min. FSK ab 6

Eine amerikanische Rennfahrerin in den Roaring Twenties, den Wilden Zwanzigern, rennt sich an der verstaubten Familie ihres britischen Mannes den hübschen und klugen Kopf ein. Nach einer Bühnen-Vorlage des schillernden Autors und Schauspielers Noel Coward (1899 - 1973) inszenierte Stephan Elliott („Priscilla, Queen of the Desert“) mit tollem Cast und großartiger Ausstattung eine bissige Komödie mit überraschendem emotionalen Tiefgang.

Die blonde und höchst attraktive Amerikanerin Larita (Jessica Biel) liebt große Auftritte. Beim Grand Prix in Monaco, den sie gewinnt, dann aber als Frau disqualifiziert wird. Oder wenn sie mit ihrem Rennwagen bei der Familie des frischgebackenen britischen Ehemannes John Whittaker (Ben Barnes) vorfährt. Nur leider lautet eines der Gesetze der schlecht gelaunten, gestressten Familiendiktatorin Mrs. Whittaker (Kristin Scott Thomas) auf dem riesigen, langsam verfallenden Schloss: „Nicht auffallen! Sich unsichtbar machen!“

Nun versucht die sympathische Larita, sich an die seltsamen Gepflogenheiten der Landeier anzupassen, doch das geht nicht erst beim Can Can ohne Unterwäsche auf der Kriegswitwen-Benefiz schief, der alte Herren zu Tränen rührt. Auf die unerlässliche Frage, ob sie die Jagd liebe, kontert Larita: „Die auf wehrlose Tiere oder nach Glück und Vollkommenheit?“ Generell bescheinigt die junge Frau aus Detroit Pferden eine schlechte Lenkung sowie ein unzuverlässiges Bremssystem. Und mischt auf dieser Grundlage die Fuchsjagd grandios auf. In der erstickende Atmosphäre des rückständigen Landlebens, ist die junge Ehe trotzdem schnell bedroht. Gatte John singt nette Liedchen, verhält sich aber nicht solidarisch. Nur sein Vater (Colin Firth - ein Genuss) steht Larita mit galligen Kommentaren zur Seite. Hinter seiner ruhigen, sarkastischen Art steckt die bittere Geschichte eines Offiziers, dessen komplette Mannschaft im „Großen Krieg“ innerhalb von wenigen Minuten massakriert wurde. Seine Frau holte ihn aus einer Opiumhöhle zurück, seitdem gibt es eine Lüge mehr in dieser Familie.

Das pralle Kino-Vergnügen vom Priscilla-Regisseur Stephan Elliott unterhält scheinbar ganz einfach leicht und trotzdem mit anrührendem Tiefgang. Der Humor reicht vom guten, alten Slapstick, wenn der versehentlich platt-gesessene Schoßhund heimlich verbuddelt wird, bis zu feingeistigen Bemerkungen, scharf wie bei Oscar Wilde. Das historische Dekor verbindet sich mit auf alt gestimmten Songs wie Rose Royces „Car Wash“ oder Tom Jones’ „Sex Bomb“ Larita erkennt die Bitterkeit der Mrs. Whittaker als deren Frust, nie die Welt gesehen zu haben. Von der nicht nur blonden, sondern auch klugen Frau kommen auch die Einsichten darüber, was und wen man so in Beziehungen sucht. Und was dabei kaputt gegen kann. Im großen Finale tanzt eine Ausgestoßene ihren Tango alleine. Doch „Easy Virtue“ wird doch noch ein großer Liebesfilm, ein schöner Aus- und Aufbruch.

16.6.10

When in Rome


USA 2010 (When in Rome) Regie: Mark Steven Johnson mit Kristen Bell (Beth), Josh Duhamel (Nick), Anjelica Huston 90 Min.    

Eine Workaholic und Ungläubige der Kirche der Romantik fischt besoffen in Rom fünf Münzen aus einem Brunnen. Sofort sind fünf Männer aus New York hemmungslos in sie verliebt. Ein hartes Pflaster für Nick (Josh Duhamel), den einen unter ihnen, der ernsthaft und schon einige Minuten länger in die junge blonde Beth (Kristen Bell) verliebt ist. Die alte (romantische) Idee von "Drei Münzen im Brunnen" aus dem Jahre 1954 wurde hier nicht aufpoliert, sondern erleidet die allgemeine Inflation des Humors. Diese filmische Fehlprägung namens „When in Rome“ legt programmatisch mit dem falschen Brunnen in Rom los: War der Trevi ausgebucht? Oder hat die römische Filmkommission vorher das Drehbuch gelesen?

Denn schon die Tatsache, dass alle fünf Männer, die Münzen in den römischen Brunnen warfen, am nächsten Tag in New York landen, ist eine Armutserklärung des Drehbuchs. Dass es nur Witzfiguren sind, ist eine bewusste Entscheidung. Der Taschendieb beherrscht ebenso nur einen Scherz wie der italienische Straßenmaler oder das dämliche Male Model. Danny DeVito darf als Fleischproduzent solche klassischen Sätze ablassen wie „Diese Bratwurst sagt Hallo zu dir!“ Damit wird selbst das kleinste Aufkeimen von Magie durch grobe Albernheiten geplättet. Da ist der Salat zwischen den Zähnen beim Wiedersehen mit dem Ex schon ein poetischer Holzhammer unter all den schlappen Schenkelklopfern. Quietschende Scharniere des holperigen Verlaufs dieser Möchtegern-Komödie sind dumme Missverständnisse, grob und ungelenk hergeleitet.

Den Filmemachern scheint man Komödie mit „American Pie“ eingetrichtert zu haben. Dazu passen infantile Figuren, die unglaubwürdig Beruf und Beziehung spielen. Angefangen bei Beth, dem dummen Blondchen, die Kuratorin in New Yorker Guggenheim sein soll. Sie versucht, während einer lauten Hochzeitsfeier mitten in der Menge und im Gebäude zu telefonieren. Derartig verstrahlte Intelligenz könnte nicht mal einen Kindergeburtstag organisieren. Mit einem unglaublichen Tollpatsch wie Nick in ein völlig dunkles Fühl-Restaurant zu gehen, könnte guten Slapstick liefern. Doch der Film muss dann noch vier andere Typen mit Nachtsichtgeräten auffahren.

Aufwand und Inhalt stehen bei „When in Rome“ in einem krassen Verhältnis zueinander: So gibt es teure Bilder (NY) und Postkarten (Rom) für einen Witz von Geschichte, der mit der absurden Ernsthaftigkeit von einem Millionen Dollar-Einsatz nicht mal ansatzweise lustig ist. Bei der unglaublich blassen Hauptdarstellerin wirkt es extrem erstaunlich, dass echte Schauspieler wie Angelica Huston oder Danny DeVito mitmachen.

Und dann nach allen Gründen, sich den Eintritt für diesen Film für irgendeinen Glück- oder Liebesbrunnen aufzubewahren, passiert diesem komödiantischen Nichts eine historische Szene: Die Pokermünze, welche die Guggenheim-Wendel herunter rollt, zeigt sich als die originellste Hommage an die Architektur des Museums seit Tom Tykwers Shotout in „The International“. Aber das gibt es als Minuten-Clips sicher bald auf YouTube - mehr lohnt sich am Film wirklich nicht.

La Nana - Die Perle


Chile, Mexiko 2009 (La Nana) Regie: Sebastián Silva mit Catalina Saavedra, Claudia Celedón, Alejandro Goic, Andrea García-Huidobro 115 Min.

Dass sich viele Filme aus Lateinamerika um Dienstboten und Hausangestellte drehen wie in Carlos Reygadas Meisterwerk „Batalla en el cielo“ hat nicht nur den Hintergrund, dass dort in vielen Ländern noch zahllose Dienstverhältnisse dieser Art gibt. Die scherzhafte Bemerkung eines Kritikers, dass viele Regisseure in solchen Verhältnissen aufgewachsen sind, trifft auf den chilenischen Regisseur Sebastián Silva zu. So enthält der vielfach ausgezeichnete und exzellent gespielte „La Nana“ auch die Wehmut des Bedienten, einmal nicht mehr von dieser sozialen Ungleichheit profitieren zu können.

Es ist Raquels (Catalina Saavedra) Geburtstag und ein große Peinlichkeit: Die 41-jährige Hausangestellte hat ihr halbes Leben bei „ihrer“ Familie verbracht. Jetzt gibt es einen Kuchen und Geschenke, aber schon die Frage, ob Raquel den Kuchen in der Küche oder im Esszimmer verspeisen darf, ist problematisch. Die gut meinende Hausherrin meint, „das Mädchen“ solle sich an den Tisch setzen und mal nicht die Teller abräumen. „Dann muss ich es doch nachher machen“, lautet die pragmatische Antwort.

Seit 23 Jahren kümmert Raquel sich um die Wohlhabenden, zog ihre Kinder groß und stopft den Kleinsten noch immer heimlich Süßes in die Schultaschen. Sie hat sich „ihrer“ Familie völlig verschrieben, mit der eigenen Mutter gibt es nur kurze Telefongespräche. Das Hausmädchen ist dabei zu einer alten Jungfer geworden, und sehr eigenwillig dazu. Erfolgreich verscheucht sie andere Hausangestellte. Ihr Gesicht zeigt dabei kaum Regungen. Auch ist es nicht besonders raffiniert, wie Raquel immer wieder die Konkurrentinnen aussperrt und dann den Staubsauger anwirft, um deren Klopfen angeblich nicht zu hören. Manchmal wirkt sie auch debil, einfältig. Geradezu manisch wischt sie das Angestelltenbad, wenn mal wieder eine andere darin war und lässt einen auch ansonsten befürchten, dass hier etwas in Sachen Psycho abgeht.

Aber irgendwann lassen sich die Schwächeanfälle nicht mehr verheimlichen. Raquel braucht Bettruhe und die lebenslustige Lucy (Mariana Loyola) übernimmt nicht nur ihren Job. Die junge Frau achtet auf sich selbst und zeigt, im Gegensatz zum Hausherrn, der sich selbstverständlich mehr um sein Modelbau-Schiff als um seine Angestellten sorgt, wahre Anteilnahme für Raquel. Die üblichen Anfeindungen lacht sie hinweg, kümmert sich wie eine Mutter um die verbitterte Nana und ihre seelische Öde. Bald taucht Freude in Raquels Gesicht auf. Sie feiert Weihnachten mit Lucy, auch wenn sie dafür schweren Herzens ihre (Arbeitgeber-) Familie verlassen muss. Der Zusammenbruch ist auch ein Aufbruch - ein kleiner wenigstens.

Die lange Reihe von Auszeichnungen beweist es: „La Nana“ ist der Film von Catalina Saavedra, der Darstellerin der Raquel. Ihr Gesicht, das von lebloser Abgestumpftheit am Rande der Bösartigkeit langsam auftaut, trägt einen Großteil der Dramaturgie und der Faszination dieses Films. Irgendwann vergisst man darüber auch die digital dünne Aufnahmen. Dass „La Nana“ kein Stück Klassenkampf ist, verdankt man dem Regisseur, der die letzte, schöne Szene einer ganz kleinen Freiheit für Raquel nur mit Bedauern eingefügt hat, weil er dabei die gleiche Wehmut empfand, wie früher, als das Hausmädchen seinen freien Tag hatte.

15.6.10

Five Minutes of Heaven


Großbritannien, Irland 2009 (Five Minutes Of Heaven) Regie: Oliver Hirschbiegel mit Liam Neeson, James Nesbitt, Anamaria Marinca 89 Min.

Nach dem missglückten Science Fiction-Remake „Invasion“ mit Nicole Kidman und Daniel (James Bond) Craig trumpft Oliver Hirschbiegel („Das Experiment“) mit einem hoch spannenden Nord Irland-Drama auf. Ein Mord im Jahre 1975, mitten im Bürgerkrieg, bindet zwei Männer aneinander, die sich erst Jahrzehnte später wiedersehen werden. Während Kinder auf den Straßen Bürgerkrieg spielen, macht sich der Teenager Alistair Little vor dem Spiegel für den Abend fertig. Pickel sind ein Problem für ihn, aber vor allem muss er die Waffe, die unter seiner Spielzeugkiste versteckt war, in seiner Kleidung unterbringen. Dann zieht er mit gleichaltrigen protestantischen Freunden los, um für die Ulster Volunteer Force (UVF) einen jungen katholischen Arbeiter zu erschießen. Stummer Zeuge dabei ein elfjähriges Kind: Joe, der kleine Bruder des Opfers. Nur einen langen Moment lang blickt er dem maskierten Mörder in die Augen.

Eine reißerische TV-Sendung will Jahre später die erwachsenen Alistair Little (Liam Neeson) und Joe Griffen (James Nesbitt) zusammenbringen. Schon die Anreise macht unterschiedliche Typen deutlich: Joe bekam durch die Tat ein Trauma für den Rest des Lebens verpasst. Die Mutter warf dem Jungen vor, nichts getan zu haben. Nach dem Mord am Bruder raffte das Leid fast die ganze Familie hin. Joe ist jetzt ein unkontrolliertes Wrack, das von seinen Erinnerungen überwältigt wird.

Alistair hingegen wirkt extrem ruhig, kann alle Details und Folgen solcher Taten exakt schildern und abstrahieren. Er predigt Versöhnung, leitet Selbsthilfegruppen, kann aber tatsächlich sich selbst nicht helfen. Das Treffen ist eine heikle Situation. Die Fernsehfritzen kümmern sich nur oberflächlich um das Opfer. Joe scheint am wenigsten am Konzept von „Truth and Reconciliation“ („Wahrheit und Aussöhnung“) interessiert zu sein. Das Messer in seiner Tasche macht klar, dass es ihm um Rache geht. Doch bis er den Mann trifft, der sein Leben zerstört hat, spielt er krampfhaft gute Laune vor. Nur Vika (Anamaria Marinca), die einfache russische Hilfskraft, fühlt mit und erkennt: Es ist gut, dass sich die zwei gebrochenen Männer treffen werden. Die Begegnung scheitert zwar, aber die Kontrahenten haben dabei die Adresse ihres Gegenpols erfahren...

Sehr spannend spielt Regisseur Oliver Hirschbiegel diese hochdramatische Situation aus. Von Anfang an sind Hass und Gewalt packend und erschreckend. Die Charakterisierung der Personen gelingt auf den Punkt, wie Alistair/Neeson kurz vor der Ankunft seine Sonnenbrille aufsetzt, erzählt mehr als andere Filme in drei Teilen. Nebenbei werden noch die TV-Macher demontiert und die inszenierten Gefühlen solcher Formate vorgeführt. Es ist eindrucksvoll, was Hirschbiegel inszenatorisch drauf hat, was ihm gelingt, wenn er sich nicht mit unsäglichen Stoffen wie dem „Untergang“ abgibt. Auf der Basis des teilweise authentischen Materials von Autor Guy Hibbert führt er die menschlichen Trümmerfelder ideologischer Gewalt vor und unterhält in knappen 80 Minuten vortrefflich. Ein Segen, dass dieser Film in Originalversion mit Untertiteln gezeigt wird. So lässt sich vor allem die Schauspielkunst von Liam Neeson in seiner Gesamtheit genießen. Für den Konflikt kann keine Lösung geben. Am Ende entspricht ihr Äußeres jedoch den Wracks, die sie innerlich sind. Und Joe, der nie über all das geredet hat, was ihn verfolgt, sitzt in einer Selbsthilfegruppe.

9.6.10

Cindy liebt mich nicht


BRD 2010 (Cindy liebt mich nicht) Regie: Hannah Schweier mit Clemens Schick, Peter Weiss, Anne Schäfer 92 Min. FSK o.A.

„Jules & Jim“ war ein unglaublich schöner Film über zwei Männer und eine Frau. Zahllose andere Beispiele sollten diese Zeilen füllen, und irgendwann sollte man erwähnen, dass „Cindy liebt mich nicht“ auf keinen Fall in diese Reihe gehört. Der Form nach lieben zwei Männer eine Frau. David (Peter Weiss) sagt von sich: „Ich klage an“, berufsmäßig als Referendar bei der Staatsanwaltschaft in Mannheim. Eine Karikatur, so steril und leblos, dass er gut Data aus Enterprise spielen könnte. Große hilflose Augen kennzeichnen den Depp, der immer hilft und „Kein Problem“ als zweiten Vornamen mit sich herum trägt.

Dem Anzugträger wird die Lederjacke entgegen gesetzt: Der coole Viertage-Bärtler Franz (Clemens Schick) mit seinen Bindungsängsten kellnert in der Bar „Cindy liebt mich nicht“. Und beide vermissen seit ein paar Wochen Maria (Anne Schäfer), die Freundin von David und die Irgendwie-auch-Freundin von Franz. So geht es im ganz alten Schrägheck-Passat des Chaoten auf ins deutsche Dorf Philadelphia, wo Marias Eltern wohnen. Da Franz und David auf der Fahrt schweigen, ist viel Zeit für Rückblenden zu den jeweiligen ersten Begegnungen mit Maria. Danach führt die Reise in eine Psychiatrie und letztendlich zu Marias Ehemann in Dänemark. Dort fällt der Satz, der vielleicht ein guter Film werden könnte: „Maria fühlt sich stark und lebendig, wenn sie geliebt wird. Eine Liebe ist nicht genug für sie.“ Der vorliegende „Cindy liebt mich nicht“ ist nicht dieser Film, eher sein lebloses, blutleeres Gegenteil.

Die lebenshungrige, etwas verrückte, aber auch Halt suchende Maria nimmt sich Franz nach wenigen Minuten, trinkt auf Partys direkt aus Weinflaschen und darf die femme fatale sein. Bis man von ihren Depressionen erfährt. Wenn so was funktioniert, werden Klassiker draus. Wenn nicht, ist es sehr peinlich. „Cindy“ hat hauptsächlich peinliche Momente. Das gilt vor allem für die überladenen Dialoge, die nach den beiden Klischee-Männern der dritte Grund gewesen sein muss, weswegen Maria abgehauen ist. Die Bilder sehen aufgeräumt nett aus, irgendwo zwischen mittelmäßigem Werbeprospekt und Bravo-Fotoroman. Am Ende bleibt nur das Rätsel, weshalb die Bar, in der Franz kellnert, „Cindy liebt mich nicht“ heißt. Und, ob es ein Eigentor oder eine sich selbsterfüllende Prophezeiung der Kinos ist, wenn man in Erwartung der WM so einen schwachen Film starten lässt?

Die dreißigjährige Hannah Schweier schrieb und inszenierte den Film für „ZDF - Das kleine Fernsehspiel, was dem einst herausragend mutigen und nun immer langweiliger werdenden Format nicht zur Ehre gereicht. Das ganze, höchstens akzeptabel gespielte Projekt erweist sich ebenso als Verschwendung wie die paar auffallenden aber nichtssagenden Kranfahrten.

7.6.10

My Name is Khan


Indien 2010 (My Name is Khan) Regie: Karan Johar  mit Shah Rukh Khan, Kajol 125 Min.

Der indische Film ist der erfolgreichste der Welt. Und der absolute Überstar dieses „Bollywood-Kinos“ ist Shah Rukh Khan - eine Art Elvis und Michael Jackson in Personalunion und dann auch noch lebendig! Dies nur, um „My Name is Khan“ für die Uneingeweihten einzuordnen. Nun hat Shah Rukh Khan mit „My Name is Khan“ einen sehr politischen und gleichzeitig herrlich kitschigen Bollywood-Film hingelegt. Shah Rukh Khan zeigt als Rizvan Khan in „My Name is Khan“ den USA und der ganzen Welt, dass nicht jeder Muslim ein Terrorist ist. Zudem erweist sich der naive Held als moralisches Vorbild für die Amerikaner. In der Tradition Bollywoods geht das selbstverständlich nicht ohne ein großes Liebesdrama und einige Lieder ab.
 
Das ebenso unglaublich politische wie herrlich kitschige Drama „My Name is Khan“ zeigt Superstar Shah Rukh Khan als indischen „Rainman“ und als heiligen Narr, der zum moralischen Retter der USA wird. Seine Figur Rizvan Khan leidet am Asperger-Syndrom, einer milden Form von Autismus. In der Jugend muss Rizvan Khan in Indien blutige religiöse Massaker zwischen Hindus und Moslems miterleben. Doch seine liebevolle und fürsorgliche Mutter lehrt ihn, dass es nur zwei Arten von Menschen gibt: gute und schlechte. Jahre später ist Rizvan in den USA glücklich mit einer Traumfrau (Kajol) verheiratet, als die Anschläge vom 11. September 2001 eine Welle des Hasses gegen alles, was muslimisch sein könnte, auslösen. Sein hinduistischer Stiefsohn Sam wird aufgrund des angenommenen Nachnamens Khan von weißen amerikanischen Mitschülern ermordet und in seiner verzweifelten Einfalt will Rizvan allen, vor allem aber dem Präsidenten Bush klarmachen: „Mein Name ist Khan, ich bin kein Terrorist.“ Seine Reisetätigkeit auf den Spuren von Bush rufen allerdings die Sicherheitsdienste auf den Plan...

„My Name Is Khan“ beginnt seine - in der Originalversion - fast drei prallen Filmstunden packend und politisch. Spätestens wenn die Liebe zwischen Rizvan und Mandira (Superstar Kajol Devgan) ausbricht, ist dieser amerikanisch-indische Film wieder in Bollywood angekommen. Zwar fehlen die Tanzeinlagen und es gibt relativ wenige Lieder, doch hier traut man sich, die Gefühle viel deutlicher heraus zu schreien und die Schmetterlinge im Bauch blumiger auszumalen. Trotz heftigster Überzeichnungen und eines sehr freien Umgangs mit der Krankheit des Helden ist der Aufruf zur Verständigung überzeugend. Scheinbar spielerisch leicht gelingt es dem Film, Politisches und Banales miteinander zu verbinden.

Das Schauspiel von Shah Rukh Khan trägt dazu besonders bei: Ihm gelingt es, den für Außenstehende geistig behinderten Rizvan mit Menschlichkeit und viel Humor darzustellen, ohne ihn lächerlich zu machen. Man kann Shah Rukh Khan auch das politische Engagement glauben - bei allem Überkitsch, der zu diesem Kino gehört. Denn parallel zur Euro-Premiere riskierte Khan daheim seinen Ruhm, indem er sich für pakistanische Spieler in Indiens Kricket-Liga ausgesprochen hat, worauf extremistische Hindus heftig protestierten.

„My Name Is Khan“ ist großes Spektakel und mehr. Damit nicht nur für die zahlreichen Khan-Fans ein ganz spezieller Stoff. Der Film kommt leider nur in einer um ganze 40 Minuten gekürzten Fassung in die deutschen Kinos. Das wird einige der Fans verschrecken, die sich dann für die volle Khan-Dröhnung auf dem internationalen DVD-Markt bedienen.

2.6.10

Bedways


BRD 2010 (Bedways) Regie: RP Kahl mit Miriam Mayet, Matthias Faust, Lana Cooper 76 Min. FSK ab 16

Rolf Peter Kahl, der eher mit spektakulären Konzepten („99 Euro Films“) als mit gelungenen Filmen auf sich aufmerksam macht, drehte nun einen Autoren-Film-Porno. Oder Autoren-Filmer, die einen Porno drehen. Es gibt auf jeden Fall die Regisseurin Nina, die in einer leeren Wohnung Hans und Marie spielen lässt, ohne zu wissen, wo sie eigentlich hin will. So sehen wir Drehs und Proben der beiden Darsteller. Zwischendurch schaut Nina lächelnd listig und rätselhaft. Und es häufen sich die bedeutungsschwangeren Namen, Sätze und Einstellungen. Am zweiten der sieben Tage des Films ziehen sie sich aus, am sechsten bekommt Nina ihren Ex Hans. Das Arrangieren von nackten Körpern im kalten Scheinwerferlicht ist bewusst weit von Erotik entfernt.

Im Gegensatz zu anderen Filmen, die Sexualität thematisieren und unverhüllt zeigen - zum Beispiel Patrice Chereaus „Intimacy“ - bleibt „Bedways“ lange im Status der Versuchsanordnung. Da spielen reduzierte Figuren im Film-im-Film reduzierte Figuren. Und reden viel über Sex. „Wahnsinnig gute Texte“ werden im Slip vorgelesen - Kopfgeburten in nackter Haut. Alle drehen sich immer irgendwie um das Filmemachen. Dieser Dreh ist allerdings so verdreht, dass halbwegs geerdete Gefühle unabhängig von diesem rätselhaften Prozess nicht zu entdecken sind. Das Vexierspiel zwischen „echt“ und „Film“ verliert so seinen geplanten Reiz. „Bedways“ ist weder emotional noch intellektuell bereichernd oder erweiternd. Beim sich rebellisch gebenden Kahl muss es selbstverständlich ein Low Budget-Film sein. Man tut dieser durchaus kreativen Ecke des Filmemachens allerdings Unrecht, wenn man Werke eines in sich selbst verhinderten Künstlers als deren Speerspitze anpreist.

1.6.10

Vergebung


Schweden, Dänemark, BRD 2009 (Luftslottet Som Sprängdes) Regie: Daniel Alfredson mit Michael Nyqvist, Noomi Rapace, Jacob Ericksson, Sofia Ledarp 146 Min. FSK ab 16
 
Ist es tatsächlich „langerwartet“, das Finale der Millennium-Trilogie nach den Romanen von Stieg Larsson? Oder hat sich der Hype erledigt und ist der Blick mittlerweile frei für eine zwar teilweise gut gespielte und skandinavisch schwarzseherische, aber doch nicht sensationelle Krimireihe?
 
Der investigative Zeitungsreporter Mikael Blomkvist (Michael Nyqvist) und die Privatdetektivin Lisbeth Salander (Noomi Rapace) stürzen sich wieder in die erschreckenden Abgründe der schwedischen Gesellschaft. Nach der für sie fast tödlichen Abrechnung mit dem mächtigen Gegner Zala liegt Lisbeth fast wehrlos und vor allem erst einmal ohne ihre Computer-Spielzeuge im Krankenhaus. Dabei hat sie noch eine Menge Feinde, denn ihr Wissen kann eine Verschwörung alter Männer aufdecken, die bis in höchste Regierungskreise geht. Den Druck dieser Seilschaften bekommt auch die Millennium-Redaktion zu spüren, wobei kein Unterschied zwischen Verfassungsschutz und organisierter Kriminalität auszumachen ist. Obwohl auch das Leben seiner Kollegen und seiner Ersatz-Geliebten bedroht ist, tut Mikael Blomkvist alles, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Der Kampf um Lisbeths Freiheit wird dabei vor Gericht ausgefochten, denn noch immer steht sie wegen der Morde unter Anklage, die ihr in der letzten Folge untergeschoben wurden.
 
Man muss jetzt nicht gleich alle drei Filme zusammen sehen oder die fürs deutsche Publikum so prägnant umbenannten „Verblendung“ und „Verdammnis“ auf DVD nachholen. Aber „Das Luftschloss, das gesprengt wurde“ wie der dritte Teil im Original heißt, strickt doch viele Handlungsfäden der „Verdammnis“ fort. Dabei kann vor allem Noomi Rapace die ebenso traumatisierte wie wehrhafte Punk-Detektivin Lisbeth Salander erneut eindrucksvoll verkörpern. Michael Nyqvist hat bei seinem braven Reporter Mikael Blomkvist nicht so viele Möglichkeiten, sein Können auszuspielen und wirkt daher blasser. Während einige Szenen durchaus überzeugen, nervt die extrem aufdringliche Musik wieder und das Action-Finale kommt - unter anderem mit vielen brachialen Schock-Geräuschen - platt wie ein Computer-Spiel daher. Also anständige Krimi-Unterhaltung mit einigen besonders pessimistischen Noten, aber keineswegs die Sensation, die uns seit der wesentlich stärkeren „Verblendung“ eingeredet wird.

#9


USA 2009 (9) Regie: Shane Acker mit den Stimmen von Christopher Plummer, Martin Landau, John C. Reilly, Crispin Glover 79 Min.

Der post-humane Zeichentrick „#9“ (nicht zu verwechseln mit dem Musical-Kitsch „Nine“) war zu schön düster, zu emotional, zu nachhaltig und zu wenig oberflächlich, um als Multiplex-Futter durchzugehen. Deshalb blieb er weitgehend ungesehen, was eine Schande ist. In einem verfallenen Miteinander von altmodischer und futuristischer Technik erwacht die Puppe #9 zum Leben. Das liebenswerte Wesen aus Jutestoff mit dem Reißverschluss am Bauch fand gerade in den Kriegs-Trümmern einer Stadt den artverwandten #2, da wird dieser auch schon von einer grausigen Maschine entführt. Gegen den Widerstand des Führers #1 mit seiner Papst-Mitra und zusammen mit der mutigen Kämpferin #7 tritt #9 den Maschinenwesen entgegen und entdeckt den Sinn seiner Existenz.

Von einer durch Krieg völlig zerstörten Welt ohne jedes Leben erzählt Regisseur Shane Acker in der Langversion seines gleichnamigen Kurzfilms, ganz anders als beim Kinderspiel „Wall*E“. Ebenso faszinierend wie die Bilder der zerstörten Welt sind die Kreaturen mit Gesichtern wie in (Produzent) Tim Burtons „Nightmare“. Auch Timur Bekmambetow („Wächter der Nacht“) gehört zu den Produzenten. Entsprechend wirkungsvoll berührt der Kampf um die letzten Seelen in einer düsteren Welt. Die Originalversion gewährt zudem das Vergnügen der Stimmen von grandiosen Schauspielern wie Christopher Plummer, Martin Landau, John C. Reilly und Crispin Glover.

Forgetting Dad


BRD 2008 (Forgetting Dad) Regie: Rick Minnich, Matt Sweetwood 84 Min.

Was macht einen Menschen zu einem Individuum und was ist, wenn nur noch die äußere Hülle übrig bleibt? Rick Minnich hat erlebt, wie sein Vater durch einen völligen Gedächtnisverlust zu einem Fremden wurde. Die bewegende und spannende Dokumentation „Forgetting Dad“ von Minnich und Matt Sweetwood zeichnet diesen Verlust einer ganzen Familie nach und versucht vergeblich eine letzte Annäherung.

Es war ein Auffahrunfall in Sacramento im Jahre 1990: Kurz danach fühlte sich Richard Minnich immer schlechter und konnte sich ein paar Tage später plötzlich an nichts mehr erinnern. Der 44-Jährige verhält sich wie ein kleines Kind. Dann, nachdem er viele Dinge wieder gelernt hat, wie ein Fremder ohne emotionale Bindung zu den Menschen, die ihn umgeben. Während dieser außergewöhnliche Wandel in den USA stattfand, studierte der Sohn Rick Minnich Film in Berlin. Bei der Rückkehr hatte er seine Kamera dabei, so gibt es eine Menge privater Aufnahmen, um 15 Jahre Entfremdung nachzuerzählen.

Dieser Riss im Leben, oder genauer: dies neue Leben, ist ein faszinierendes Ereignis, das uns neben der spannenden und emotional aufgeladenen persönlichen Geschichte von Ko-Regisseur Rick Minnich viel über das Wesen von Persönlichkeit erzählt. „Forgetting Dad“ lässt den Abschied von einer Person, die nur äußerlich noch da ist, miterleben. Die Persönlichkeit des „alten Richard“ verschwand. „Schlimmer als wenn er gestorben wäre“, sagt unter Tränen Richards Schwester, eine der vielen Familienmitglieder aus drei Ehen vor der Kamera.

Aber selbst nach Jahrzehnten der Entfremdung bleibt der Verdacht, dass der sehr intelligente Richard dies alles nur spielt. Vielleicht um den Unregelmäßigkeiten bei seiner Bank zu entkommen? Steve, der prollige Stiefbruder des Regisseurs, hält alles für eine feige Flucht vor Schulden und Verantwortung. Hier wird die Suche nach dem Vater fast zu einem Krimi, doch Richard entfernt sich immer mehr von seiner alten Familie, von seinen fünf „biologischen Kindern“, wird noch seltsamer. Er erzählt sogar, dass er seinen Körper verlassen und an weit entfernte Orte reisen könne...

Minnich und Sweetwood, die bislang einige Dokumentarfilme in den USA und in Deutschland drehten, finden gute Bilder für den Gedankenfluss von Rick. Die gelungene Balance zwischen persönlicher Geschichte und außerordentlichem Ereignis, dass am Wesen unserer aller Identitäten kratzt, machen „Forgetting Dad“ zu einer sehenswerten Kino-Dokumentation.

Diamantenhochzeit


BRD 2009 Regie: Michael Kupczyk mit Marleen Lohse, Jörg Pohl, Uta Maria Schütze, Dietrich Hollinderbäumer, Anja Franke 84 Min.

Ein Beutelchen Diamanten zur Hochzeit mitbringen - eine schöne Idee, die ein junges Brautpaar freuen wird. Allerdings nicht, wenn die Diamanten noch im Bauch des Kuriers stecken und der tot im Kofferraum liegt. Der Vater der Bräutigams hat mal wieder ein krummes Ding vergeigt. Der aus Lünen stammende Regisseur Michael Kupczyk („Nordstadt“) machte aus dieser Grundidee und einigen bekannten Gesichtern in seinem zweiten Langfilm eine flotte Komödie mit der Besonderheit, dass alles in „Echtzeit“ abläuft - die erzählte Zeit ist gleich der Erzählzeit.

Auch für die jungen, verliebten Studenten Julia Dähnert und Alex Protovski (Marleen Lohse, Jörg Pohl) soll ihre Hochzeit zu einem besonderen Tag werden. Als Problem erweist sich jedoch einmal nicht, dass die Elternpaare kaum gegensätzlicher sein könnten. Julias Eltern (Uta Maria Schütze, Dietrich Hollinderbäumer) steigen als reiche Spießer im noblen Hotel ab und bringen einen Kleinwagen als Geschenk mit. Alex’ Erzeuger, die esoterische Ramona Keller (Anja Franke) und der zwielichtige Manfred Protovski (Martin Brambach), kommen nicht nur getrennt, Manfred bringt auch eine Menge Ärger mit. Denn er schoss aus Versehen mit der Pistole, die ja „aussieht wie echt“ durch die Klotür und den Kopf des Kuriers, der sich gerade einer aus Afrika geschmuggelten Ladung Diamanten für 120.000 Euro entledigen wollte.

Der chaotische Manfred bringt die Leiche einfach zur Hochzeit mit, was in Folge auch den Gangster Grecco (Udo Kroschwald) und seinen mordlüsternen Handlanger Jay Jay (Helmüt Rühl) zum Teil der Feiergesellschaft macht. Die Leiche mit den Diamanten kommt in Alex’ alten Saab, der im Laufe der sich überschlagenden Handlung Stück für Stück zu Schrott verwandelt wird. Julias Eltern warten derweil in klassischer Slapstick-Tradition sehr lange vor dem Hotel, während immer wieder mal jemand aus der Hochzeitsgesellschaft hektisch vorbeifährt und sie nicht mitnimmt...

Schon der Vorspann sieht nach Blake Edwards’ „Pink Panther“ aus. Statt des Diamanten Pink Panther gibt es bei der „Diamantenhochzeit“ eine Pink Torte, die erstaunlich lange sehr viel mitmacht. Die Grundidee für den klassischen Komödien-Plot, der recht flott umgesetzt wurde, war von einem abgeschlossenen Handlungszeitraum bestimmt: Alles was sich ereignet, passiert exakt in den knapp 90 Minuten, die auch der Film läuft. Aquafilm-Produzent und Ko-Autor Peter Kreutz entwickelte diese Idee zusammen mit seinem Autor und Freund Georg Piller, noch bevor sie in Form von „24“ berühmt wurde. Was John Badham als Krimi „Gegen die Zeit“ mit Johnny Depp gelang, sorgt auch komisch mit einer Riege treffend besetzter Darsteller aus der zweiten Reihe für nette Unterhaltung. Nicht immer hält der Film sein vorgegebenes Tempo, doch freche Dialoge („Arsch voll Diamanten, keen Geld für’n Taxi!“) sowie originelle Bildgestaltung mit Splitscreens und Wischblenden fangen einiges auf. Ein wenig schwarzer Humor rundet den leichten Hochzeitsschmaus ab.

Repo Men


USA, Kanada 2010 (Repo Men) Regie: Miguel Sapochnik mit Jude Law, Liev Schreiber, Forest Whitaker, Alice Braga 111 Min.

2007 drehte Clip-Regisseur Miguel Sapochnik einen originelle Kurzfilm-Geschichte mit der treibenden Kraft des Unkle-Songs „Burn My Shadow“: Ein Mann (Goran Visnjic) wacht morgens mit einer Zeitbombe als Herz auf und eine Uhr auf der Brust zählt die 5.41 des Songs herunter. Starker Song, nettes Filmchen, das immer noch auf You Tube steht. Nun knallt „Burn My Shadow“ als Hintergrund einer Splatter-Szene in Matrix-Choreographie. Miguel Sapochnik ist erstmals Spielfilm-Regisseur und darf direkt mit zig Millionen sowie mit Jude Law, Forest Whitaker und Liev Schreiber spielen. Ergebnis: Starke Songs, dünne Grundidee, mäßige Unterhaltung.

Remy (Jude Law) arbeitet bei der Abteilung „Repossession“ eines Gesundheitskonzerns. Die Rückforderungen von nicht bezahlten Organen sind ein großer Spaß, mit seinem Kumpel Jake Freivald (Forest Whitaker) erschreckt Remy zukünftigen Kunden - oder Opfer - wie Kinder. Die Menschenjagd fällt allerdings sehr blutig aus: Beim Grillfest geht Jake mal eben „mehr Fleisch“ holen. Dabei werden Remys Frau und ihr Sohn Zeugen des unappetitlichen „Ausnehmens“ vor der eigenen Haustür.

Dann versetzt Remy sich selbst bei einem Arbeitsunfall einen Herzschlag. Kurioserweise fühlt er mit seinem neuen Kunstherzen mehr als zuvor. Vor allem empfindet er Skrupel. Oder liegt es daran, dass ihn seine Frau rausgeschmissen hat? Auf jeden Fall schaut er ab jetzt sehr belämmert aus der Wäsche. Klar, er weiß, was passiert, wenn er seine extrem hohe Herz-Rechnung nicht bezahlt. Aber da er jetzt auf der anderen Seite steht, kann er seinen alten Repo-Job, das Ausnehmen säumiger Patienten, nicht mehr erledigen. Remy wird vom Jäger zum Gejagten.

So flieht er mit einer seiner Kundinnen in den Untergrund. Beth (Alice Braga aus "I Am Legend") ist ein besonderer Fall - sie besteht fast vollständig aus Ersatzteilen. Nur ihr Herz und ihre Lippen sind ihre eigenen. Welch schöne Grundlage für Untergrund-Romantik! Als Füllsel zwischen den Action-Einlagen. Denn die guten Songs des Films erscheinen tiefsinniger als der Rest. Die psychologische Grundsituation wurde sehr übersichtlich gestaltet, nur bei der Ausarbeitung der einzelnen Szenen hat man sich etwas mehr einfallen lassen. Kleine Scherze, originelle Zukunftsvisionen wie eine illegale asiatische Klinik mit einer neunjährigen Chirurgin. Da ahnt man schon die homöopathische Dosis „Blade Runner“, die mit viel Geld und bekannten Gesichtern bis zum traumhaften Trug-Schluss aus „Brazil“ („Dream a little Dream“) zu einem massenkompatiblen Blockbuster ohne Nachwirkungen verdünnt wurde.

Im letzten Drittel wird „Repo Men“ noch etwas spannend, aber die Action auch immer blutiger und brutaler. Forest Whitaker darf das dumme Grinsen auf seinem Gesicht durch konfliktgeladene Bedenklichkeit ersetzen. Liev Schreiber überzeugt als aalglatter Verkäufer. Jude Law steht die Action überhaupt nicht. Allein eine große, futuristische Liebesszene ragt heraus: In engster, blutiger Umarmung werden alle unbezahlten Organe Beths mit einem Scanner aus dem System gelöscht. Song dieses Clips: Ein „Sing it Back“-Remix von Moloko. Erkenntnis des Films: Schuster Sapochnik, bleib bei deinen Video-Clips!