25.10.07
60 Jahre film-dienst
26 x Wahrheit und Durchblick pro Jahr
Als der "Filmdienst der Jugend" im Oktober 1947 das Licht der Welt erblickte, wird keiner der Initiatoren vermutet haben, dass dieses Heftchen 60 Jahre später als eine der wenigen seriösen Publikation zum Film in Deutschland gefeiert wird. Man merkt dem film-dienst das Alter nicht an, da er stets auf der Höhe der immer wieder neuen Filme und Themen blieb. Alle zwei Wochen finden sich sämtliche Neustarts, Video- und DVD-Premieren in dem Heft. Und im Gegensatz zu anderen, lauten Cinema-Magazinen bestimmt hier nicht der Werbeetat eines noch lauteren Films Umfang und Schärfe der Berichterstattung.
1949 wurde der film-dienst offizielles Organ der "Katholischen Filmkommission", was ihm von Außenseitern immer den Vorwurf einbrachte, nur als klerikaler Sicht zu rezensieren. Doch allein bei explizit kirchlichen Themen wie "Die Letzte Versuchung Christi" von Scorsese liefen die filmkritischen gesammelt auf, ansonsten herrschte im Denken und auch in der Auswahl der Mitarbeiter eine Freiheit, die sich der freie Markt in Abhängigkeit von Anzeigen nicht leisten konnte. Die Zeitläufte erzwangen schließlich doch Zugeständnisse: 1990 wurde die konzentrierte Sammlung von Kritiken und nichts als Kritiken - schwarzweiß und im handlichen DIN A5-Format - umgestellt auf das Magazin-Format von heute mit Festivalberichten, Porträts, einer weiten Spannweite der Themen von Spezifischem wie Filmmusik bis zu Randerscheinungen wie "Film und Internet". Da das federführende Bistum Köln das "Katholische Institut für Medien" (KIM) wegsparen wollte, musste dem film-dienst und der Schwester-Redaktion von "Funkkorrespondenz" eine neue Heimat gefunden werden. Von Köln ging es nach Bonn zum Verlag Deutsche Zeitung, der auch den "Rheinischen Merkur" herausgibt.
Mittlerweile zeigt sich der film-dienst als Herz einer ganzen Medien-Phalanx: Der Online-Dienst www.film-dienst.de bietet Abonnenten ideale Recherche-Möglichkeiten zu allen Aspekten des Films. Das "Lexikon des Internationalen Films" ist auf Basis der zweiwöchentlichen Filmbesprechungen mit vielen zig-tausend Kurzkritiken DAS Standardwerk zu allen Filmen, die jemals in Deutschland auf Leinwand, TV, Video oder DVD liefen. Mehrere DVD-Editionen leuchten aktuelle und historische Meisterwerke heraus. Die "Edition Filmmusik" kümmert sich verdienstvoll um all die überhörten deutschen Film-Komponisten. Im Internet sind die verschiedenen Produkte und auch ein Probeheft zu bestellen. Immer wieder gibt es spannende Themenhefte - etwa zu "Jazz und Film" oder bei der aktuellen, prallen Jubiläumsausgabe "Licht". Man darf dem unkorrumpierten Blick auf Licht und Schatten des Films noch viele Jahrzehnte wünschen.
(Günter H. Jekubzik ist Freier Mitarbeiter des film-dienst)
23.10.07
Halloween
USA 2007 (Halloween) Regie: Rob Zombie mit Malcolm McDowell, Brad Dourif, Tyler Mane, Daeg Faerch, Sheri Moon Zombie 110 Min. FSK ab 18
Heute braucht man niemandem mehr zu erklären, was die seltsamen Kürbisse und die Verkleidungen in diesem amerikanischen Horrorfilm für eine Bedeutung haben. Halloween hat Deutschland in den letzten Jahren heftig amerikanisiert. Der verwandte Feiertag Allerheiligen gerät dagegen eher in Vergessenheit. Das "Halloween"-Remake von Rob Zombie ("The Devil's Rejects", "Haus der 1000 Leichen") macht aber vor allem einen in 30 Jahren veränderten Umgang mit Gewalt deutlich.
Carpenters "Halloween" aus dem Jahre 1978 stellte einen bemerkenswerten Moment der Filmgeschichte dar: Konsequente Horror-Spannung und Michael Myers als kaum zu stoppender Mörder, der in den kommenden Folgen eine übersinnliche Aura bekam, sorgten für den enormen Kassenerfolg einer Low-Budget-Produktion und starteten Jamie Lee Curtis' Karriere. Aus dem dahin randständigen Teen Slasher-Genre erwuchs eine unübersichtliche Reihe vermummter und vernarbter Kino-Serienmörder.
Das Remake von Carpenters Klassiker, der acht Fortsetzungen erlebte, bringt den Stoff nach fast 30 Jahren tatsächlich auf eine neue Ebene: Ganz im Trend von Filmen über Amokläufer an Schulen werden soziologische Erklärungen eingebaut - was die Fans des Genres nicht interessieren dürfte. Noch weniger die Fans der gerade mit ihrer Simplizität überzeugenden Halloween-Filme und schon gar nicht die Anhänger des Brutalo-Filmer Rob Zombie.
Wir sehen den zehnjährigen Michael Myers bei einem asozialen, brutalen Stiefvater, hänselnden Mitschülern und einer lotterhaften Schwester. Deswegen setzt er eine Clownsmaske auf und mordet erst Tiere, dann seine Peiniger. In der Halloween-Nacht löscht er fast seine ganze Familie aus. Nur die kleine Schwester überlebt, aber als Michael Jahrzehnte später aus seiner Sicherheitsverwahrung flieht, kehrt er wegen ihr an den Tatort zurück.
30 Jahre weiter ist Gewaltdarstellung extremer geworden - auch dank vieler Filme in sich gegenseitig übertreffender Nachfolge von "Halloween". Selbst die Soundeffekte sind aggressiver und effektiver, das Zustechen des Messers geht schon akustisch ins Mark. Vielleicht eine Antwort auf all die Frauen im Publikum, die dauernd wegschauen. Die sexuelle Freiheit der im Fokus stehenden Teenager hat sich hingegen zurück entwickelt - was in einem von Repression bestimmten US-Gesellschaftsklima nicht verwundert.
Das Einzige, was man dem extrem schwer erträglichen Blutrausch abgewinnen könnte, ist die eigene Ästhetik der filmenden Musikers Zombie ("White Zombies"), der dank düsteren Lichteffekten und zitternder Kamera eigentlich auf die ganze andere Sauerei verzichten könnte. Spannend sind so vor allem die intensiven Gespräche Michaels mit seinem Psychiater (Malcolm McDowell). Eindrucksvoll gefilmt wurde das Spiel mit den Masken, die für diese Art von Schlachterfilmen typisch sind. Doch vor allem in der zweiten Hälfte bleiben nur die Grundidee sowie die simple und doch ungemein eingängige Synthesizer-Melodie übrig.
Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford
USA 2007 (The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Frank) Regie: Andrew Dominik mit Brad Pitt, Casey Affleck, Sam Shepard 156 Min. FSK: ab 12
Chronik einer angekündigten Erschießung
Jesse James ist 34 Jahre, hat 17 Morde hinter sich, aber das Geschäft mit der Räuberei läuft nicht mehr so richtig. Die Western-Geschichte schreibt das Jahr 1881, Jesses älterer Bruder Frank zieht sich nach einem letzten Zugüberfall zurück. Nun muss der extrem misstrauische und selbst im Schlaf wachsame Jesse (Brad Pitt) mit neuen, ihm unbekannten Leuten losziehen. Einer von ihnen, Jesses größter Fan Robert Frank, wird später sein Mörder sein.
Dies sind die Fakten. Alles andere ist pure Filmkunst, ein ausgebreiteter Genuss an Bildern, Tönen, Texten, Stimmungen und ungemein intensiven Figuren. Es sind nicht die aufregenden Überfälle sondern die Zeiten und Räume dazwischen, die sich in diesen zweieinhalb Stunden weiter Westernwelt nahezu entspannt ausbreiten. Da ist das ruhige Familienleben, das Jesse als braver Bürger unter falschem Namen führt. Die Gespräche am Lagerfeuer. Die langen Ritte, um die Gang wieder zusammen zu bringen. Oder, um ausführlich mit einem möglichen Verräter zu speisen und zu trinken, dann eine Weile mit ihm raus zu reiten, um erst dann, nach quälenden Minuten voller Angst den nun schon fast erlösenden Schuss abzufeuern.
Im Zentrum steht der Psychopath Jesse James, vor dessen unberechenbarer Gewalt alle zittern. Doch der Film zeigt ihn auch in depressiven Phasen bis hin zum melancholischen Blick an seinen baldigen Mörder. Kunstvoll indirekt über einen Spiegel, denn Robert Ford schießt selbstverständlich in den Rücken. Da hat Jesse nach dem langen Abschiedsgedicht schon die Pistolen abgelegt, fast philosophisch abgeschlossen.
Der Epilog ist dann wieder ganz modern in seiner höhnischen Verachtung des kurzen Ruhms. Nick Cave (dem man bei kaum einem Filmfestival entkommt) darf in einer dreckigen Kneipe die Ballade vom feigen Mörder schrammeln, bevor Robert Ford selbst durch ein noch elenderes Abbild seiner selbst niedergeschossen wird.
Vergleiche zwischen Literatur und Film bringen eigentlich nur Uni-Seminare weiter. Doch bei diesem elegischen Meisterwerk muss man auf einen seelenverwandten Text um einen anderen Outlaw-Helden verweisen: "Die gesammelten Werke von Billy the Kid", ein knapper Roman von Michael Ondaatje ("Der englische Patient") evoziert mehr Licht-Bilder, als es altersschwache Kinoprojektoren schaffen. Und jetzt begeistert ein Film mit derart literarischen Off-Texten (Drehbuch: Andrew Dominik, Buchvorlage: Ron Hansen), dass man ihn anhalten, zurückblättern und noch mal lesen möchte!
Ein neuer Spätwestern, aber keineswegs ein echter Männerfilm. Der Ausritt in diese dichten, schwer beschreibbaren Atmosphären ist ein packendes Psychogramm mit Cowboyhut und Colt.
19.10.07
Depardieus Zaubertrank
Aubel. Falls Sie in den nächsten Tagen kurz hinter der belgischen Grenze Gerard Depardieu begegnen und Sie sich entspannt mit dem als explosiv und launisch verschrienen Filmstar unterhalten wollen - reden sie über Wein! Das Vergnügen, einen Kenner und Genießer beim weinseligen Schwärmen zu erleben, hatten zwei Dutzend Menschen gestern im wallonischen Dörfchen Aubel, wo der lokale Weinhändler Marc Stassen die edlen Tröpfchen des Winzers im Nebenberuf anbot.
Eine französische Produktion dreht zurzeit den Jugendfilm "Die Kinder von Timpelbach" in Hergenrath und deshalb dreht sich dort alles um den großen französischen Star Gerard Depardieu. Der will verständlicherweise in Ruhe arbeiten, ordnet "Close Set" an, will keine Zaungäste sehen. Aber gestern gönnte er sich einen Ausflug ins idyllische Aubel am Rande des Val Dieu. Marc Stassen lockte bereits zum zweiten Male in diesem Jahr eine Leinwand-Legende in seinen Weinladen. Im Mai stellte der Komödiant und Reben-Kultivator Pierre Richard seinen Chateau Bel Eveque und seinen Cuvee Cardinal vor. Der große Blonde mit dem guten Geschmack pflegt die Reben ebenso wie das Reden.
Wie ernst es den französischen Mimen mit der Weinkultur ist, bewies gestern Depardieu. "Ja, ich sehe mich als Artisan", sagte er ohne zu zögern und man muss das kompliziert als "Künstler der Traubenveredlung" übersetzen. In den Achtzigern fing er an, sich Weingüter zuzulegen. Edle Lagen, die im Jahr von 3.000 bis 9.000 Flaschen hergeben. Mit Verantwortung, denn "zu so einer Parzelle gehören auch Menschen, manchmal eine ganze Dorfgemeinschaft!" Fast eine Stunde lang fachsimpelt der Schauspieler, der hier ganz "Viticulteur" ist, über Rebsorten, die Pflege alter Stöcke, die Weinindustrie und die kleinen, feinen Weine. Der Filmkritiker unter all diesen Weinliebhabern erinnert sich aber auch an den alten, knorrigen Bordeaux-Winzer, der mit noch hochröterem Gesicht als berufbedingt üblich, in der Wein-Doku "Mondovino" den erbitterten Widerstand seines Dorfes gegen den Großinvestor Depardieu ankündigte, der meinte, sich überall groß einkaufen zu können.
10 Weine in der Auswahl von Marc Stassen tragen Depardieus Namen und teilweise auch sein Porträt. Wobei - ist das nicht wieder der Schauspieler? Tatsächlich, da gibt es einen "Cuvee de Bergerac" passend zur Paraderolle des "Cyrano de Bergerac". Und Weinnamen, die auch Filmtitel sein könnten. Passend zum Schauspiel liegt der Weinhandel von Marc Stassen in einem alten Theater mitten im Ortskern Aubels. Und dass Marcs Bruder Ben mit seinem Brüsseler nWave-Studio weltweit als einer der führenden Filmemacher in Sachen 3D-Animation gilt, ist eigentlich zuviel der Verbindungen zwischen Wein und Filmwelt.
Doch das alles hält den Gourmet nicht vom Schwärmen ab. "Die Frauen seinen für die Weinkultur sehr wichtig", meint er, "er "zählt darauf was die Frauen in Sachen Geschmack sagen!" Und erkundigt sich gleich darauf, wie denn die Kühe hier in der Gegend hießen. Nicht mit Vornamen, aber die Sorte kenne er wohl und sie munde ihm vorzüglich. Da gibt es doch auch einen guten Cidre von hier, welche Äpfel nimmt man denn dazu? Irgendwann ist der Star völlig verschwunden, die bäuerlichen Züge hinter der - zugegeben - großen Nase passen wunderbar zum ehrlich gelebten und auch fachlich interessierten Genussmenschen. Am Ende hatte wirklich jeder seine Autogramme und die Entspanntheit des Stars überzeugte die Fans, sich doch dem Wein und den Häppchen zuzuwenden. Wie schön kann das Leben in Aubel sein - selbst für einen Weltstar.
17.10.07
Enttarnt
USA 2007 (Breach) Regie: Billy Ray mit Chris Cooper, Ryan Phillippe, Laura Linney 110 Min. FSK: ab 12
"Das geheime Leben des August Hanning". Will jemand diesen Film sehen? Auch wenn Armin Mueller-Stahl den ehemaligen Bundesnachrichtendienst-Präsidenten spielen würde? Zweifelhaft. Anders in den USA: Matt Damon spielte in "Der gute Hirte" von Robert DeNiro die Rolle eines frühen leitenden Mitarbeiters der CIA. Und nun die Geschichte von Robert Hanssen, des größten Verräters in den Reihen des FBI, der 2001 aufsehenerregend aufflog. "Enttarnt" nähert sich dieser Figur über einen neuen Angestellten. Eric O'Neill (Ryan Phillippe) wird Assistent des altgedienten FBI-Agenten Robert Hanssen (Chris Cooper). Der schroffe Senior lässt den ehrgeizigen Mitarbeiter bei jeder Gelegenheit auflaufen, ein Bürodrama bahnt sich an. Doch O'Neill arbeitet verdeckt, als Spion unter Spionen ist er die Speerspitze einer ganzen Abteilung, die den Verräter Hanssen überführen soll. Dieser liefert seit Jahren Geheimnisse und Agenten an die Russen aus. Obwohl er erzkonservativ, tief religiös und sehr moralisch ist...
Der intensive Charme der staubtrockenen Bürokratie. Die detaillierte Beobachtung der Person Hanssens, das immer persönlichere Verhältnis des Seniors und seines jungen Verräters, der irgendwann die Stelle eines Sohnes einnimmt. Mit ruhigen Piano-Klängen zeigt sich das nationale Geheimdienst-Desaster als spannendes Kammerspiel. Man kann endlich mal in Ruhe das Können von Chris Cooper goutieren, der letztens in "The Kingdom" als FBI-Agent in Saudi-Arabien aktiv war. Prinzipiell ist es ja auch gut, hinter die Kulissen der Geheimdienste zu blicken. Doch bei allem Entsetzen über die Menschenverachtung dieser Vereine, wirken diese Filme am Ende eher romantisierend als aufrüttelnd.
Invasion
USA 2007 (The Invasion) Regie: Oliver Hirschbiegel mit Nicole Kidman, Daniel Craig, Jeremy Northam 99 Min. FSK: ab 12
Ein ganz normaler Morgen in der Großstadt: Jeder starrt vor sich hin. Niemand interessiert sich für den anderen. Wie Roboter gehen die Menschen ihrer Wege. Ein normaler Morgen? Oder sind doch gefühlslose Außerirdische in die Hüllen der Menschen geschlüpft? Diese nahe liegende Vorstellung wurde nun zum vierten Male für das Kino verfilmt, wobei der gesellschaftspolitische Hintergrund um Nuancen variiert wird: Bei Don Siegels "Invasion of the Body Snatchers" ("Die Dämonischen", 1956) bestimmten McCarthy, Kommunistenhatz und Denunziation die Stimmung. Die Nixon-Ära und Watergate waren für Philip Kaufmans "Die Körperfresser kommen" 1978 prägend. In Abel Ferraras "Body Snatchers" war 1993 der erste Irak-Krieg zu spüren, jetzt hat die Invasion der gefühlslosen Körperklauer auf den Fernsehschirmen im Hintergrund eine direkte Folge: Die US-Truppen ziehen aus dem Irak ab!
Es beginnt mit dem Absturz eines Space-Shuttle: Die Sporen auf den Trümmern infizieren immer mehr Menschen in den USA. Im Schlaf verpuppen sie sich, wachen als kalte Imitate der vorherigen Körper-Eigner auf und haben nur das Ziel, noch mehr Menschen zu gefühlslosen Dahinvegetierern zu verwandeln. Psychiaterin Carol (Nicole Kidman) bemerkt in ihrer Praxis und auf den Straßen früh dieses seltsame Verhalten. Nicht nur ihr Ex-Mann Tucker (Jeremy Northam) zeigt sich völlig gefühllos, "wie vom anderen Stern". Zusammen mit ihrem Kollegen und Geliebten (Daniel Craig) kommt Carol dem Virus bald auf die Spur. Doch inzwischen ist ihr Sohn in der Hand der Körperfresser und im fast vollständig eroberten New York gibt es nur eine Tarnung: Egal was passiert, keine Regung zeigen.
Gleichzeitig ist auch eine Invasion junger deutscher Regisseure in Hollywood festzustellen: Fast wöchentlich gibt es nun US-Debüts heimischen Talents mit Hollywoodstars: Nicole Kidman wagt das Experiment mit Oliver Hirschbiegel, Mennan Yapo gab mit Sandra Bullock ein "Vorahnung" seines Könnens. Robert Schwentke hob mit Jodie Foster und "Flightplan" ab. Viele andere kommen mit ihren US-Start gar nicht erst ins Kino: Katja von Garnier mit "Blood and Chocolate", in dem Katja Rieman an der Seite von Olivier Martinez spielt. Und hat jemand jemals "The I Inside" von Roland Suso Richter ("14 Tage lebenslänglich") gesehen? Vom Trash-Filmer Dr. Uwe Boll ("Postal", "Schwerter des Königs") wollen wir eigentlich nicht reden, der ist auf Video und DVD ganz gut aufgehoben.
Der ehemalige "Tatort"- und "Rex"-Regisseur Oliver Hirschbiegel, hat sich mit "Das Experiment" und "Der Untergang" in die erste Kinoreihe vorgearbeitet. Dieses Remake realisierte er erfreulich routiniert und sicher. Die "Invasion" enthält einige heftige und auch Schockmomente. Doch das Gleichgewicht zwischen den Horror-Genreelementen und dem guten Spiel erweist sich als ausbalanciert, macht den bekannten Film-Stoff noch einmal interessant. Nicole Kidman beeindruckt als ruhelose Löwenmutter, ohne zur Kampfmaschine a la Jovovich zu mutieren. Besonders schön gespielt ist, wie befremdend Gefühlskälte sein kann. Ohne das Ende vorwegzunehmen ist doch bemerkenswert, wie diesmal der finale Widerhaken ausgearbeitet wurde: Nicht als Möglichkeit einer Wiederkehr der Körperfresser, sondern als Gedanke, ob die gefühllose nicht doch die bessere Welt gewesen wäre. In dieser fand zumindest der Irak-Krieg ein Ende.
14.10.07
Gefahr und Begierde
USA, China, Taiwan 2007 (Se, jie / Lust, Caution) Regie: Ang Lee mit Tony Leung Chiu-wai, Wei Tang, Joan Chen 159 Min. FSK: ab 16
Mit "Gefahr und Begierde" gewann der Taiwanese Ang Lee zum zweiten Male nach 2005 ("Brokeback Mountain") den Goldenen Löwen der Filmfestspiele von Venedig. Mit seinem neuesten Film kehrte der ebenso meisterliche wie vielseitige Regisseur mit in heimatliche Gefilde zurück: Die tragische Geschichte einer chinesischen Widerstandskämpferin unter japanischer Okkupation bietet edles Historienkino mit gefährlichen Leidenschaften.
Vorsicht: Lust! könnte auch der Titel des Films lauten, der auf einer Kurzgeschichte der populären chinesischen Autorin Eileen Chang basiert. Er erzählt von der Lust und der Vorsicht. Schwer zu balancieren für die junge Agentin Wong Chai Chi. 1942 während der japanischen Besetzung großer Teile Chinas, erleben wir in Shanghai den inneren Kreis aus Ehefrauen der Majonetten-Regierung. Beim Mahjong-Spiel belauern sie sich hinterhältig, doch was wirklich hinter den Fassenden der fein geschminkten Gesichter vor sich geht, enthüllt erst eine Rückblende: Bereits vier Jahre vorher suchte Frau Mak den Kontakt der mächtigen Frau Yee. Frau Mak ist in Wahrheit die Studentin Wong Chai Chi, die mit Kollegen einer Laien-Theater- und Laien-Widerstandstruppe den Verräter Yee umbringen will. Dabei schwärmte das Mädchen eigentlich nur für den jungen Anführer der Truppe. Die Studenten geben sich als Geschäftleute aus, ruinieren sich mit zu teurem Lebensstil, aber haben Erfolg: Wong Chai Chi wird Freundin der Frau Yee und fast die Geliebte des Kollaborateurs. Doch dann fliehen die Yees nach Shanghai und erst Jahre später wird Chai Chi erneut vom Widerstand kontaktiert. Jetzt geht der extrem vorsichtige, auch mit Folter beauftragte Sicherheitschef Yee auf das Verhältnis ein, doch die Verführerin Chai Chi verfällt ihm sexuell.
Faszinierend rekonstruierte und gemalte Sets lassen Shanghai und vor allem ein irritierend flach bebautes Hongkong der Vierziger Jahre aufleben. (Auch der Preis für die Beste Kamera ging an dieses Drama und seinen Kameramann Rodrigo Prieto.) Die Geschichte von der Gefahr, seinen Unterdrücker zu lieben, ist nicht wirklich neu und wie schon bei "Brokeback Mountain" wurde die intensive Kurzgeschichte mit erotischer Triebkraft - hier von der populären chinesischen Autorin Eileen Chang - episch ausgeweitet. Ko-Autor Lees war erneut sein langjähriger Produzent James Schamus. Erst auf dem Höhepunkt des Gefühlkonflikts Wong Chai Chis, die den jungen Widerständler liebt, aber den Feind ins Bett gehen muss (und dieser Lust verfällt), packt die Geschichte wirklich. Eindringlich sind dabei vor allem die sehr offenen Liebesszenen voller Gewalt und Intensität, von denen Ang Lee ("Sinn und Sinnlichkeit", "Eissturm") erzählt, sie hätten - mit ganz intimem Team hinter der Kamera - nur einen halben Tag arbeiten können, danach wären alle völlig ausgelaugt gewesen.
10.10.07
Pornorama oder Die Bekenntnisse der mannstollen Näherin Rita Brauchts
BRD 2007 Regie: Marc Rothemund mit Benno Fürmann, Tom Schilling, Karoline Herfurth 94 Min. FSK: ab 12
Diese Schmuddelfilm-Klamotte, die ebenso verklemmt und kleingeistig ist, wie die Vorbilder aus den 60ern, firmiert meist unter "Der neue Film von Marc Rothemund", des völlig überschätzten "Sophie Scholl"-Regisseurs. Nach dem schwer erträglichen "Genuss" dieser vorgeblichen "Romantischen Komödie" (nix romantisch, überhaupt nicht komisch), kann gewiss sein, dass danach kein Film mehr "der neue von Marc Rothemund" heißen wird...
Der junge Polizisten-Anwärter Bennie möchte lieber auf der anderen Seite bei den 68er-Demonstranten stehen. Einer hübschen Aktivistin gegenüber gibt es sich als Filmhochschüler aus und da passt es, dass der klamme Bruder einen der gerade erfolgreichen Sex-Filmchen drehen will. Doch vor allem der italienische Busenstar erweist sich als Problem. Enorme Peinlichkeit für alle Beteiligten!
Operation: Kingdom
USA 2007 (The Kingdom) Regie: Peter Berg mit Jamie Foxx, Jennifer Garner, Jason Bateman, Chris Cooper 110 Min.
Ein Film traut sich dort hinzugehen, wo die amerikanische Politik zu viele reiche Freunde sah: Unter anderem Michael Moore hat in "Fahrenheit 9/11" dargelegt, dass viele Verbindungen der Attentäter von "9/11" nach Saudi-Arabien weisen. Nicht nach Afghanistan, nicht in den Irak oder in den Iran!
Nun brechen vier FBI-Spezialisten nach einem schrecklichen Attentat nach Saudi Arabien auf, um im Trümmerfeld einer Basis der US-Armee, die seltsamerweise hauptsächlich von lieben, unschuldigen Kindern bevölkert wird, nach Spuren zu suchen. Ein Politikum und eine Provokation für die stolzen Saudis, die zur Begrüßung eifrig an Auto- und Splitterbomben basteln. Gegen alle Widerstände boxen und schießen sich die vier Amerikaner mit einem arabischen Freund den Weg frei.
Was klingt wie Karl May ist vor allem durch avancierte Gestaltung mehr als das übliche Rache- und Rettungs-Klischee, bei dem Rambo nicht mal den Tiefpunkt setzte. Zwar fährt "Operation: Kingdom" auf fiese Art die Familienschiene, ist nationalistisch und überheblich. Doch es gibt auch ein Mehr an Personenzeichnung auf beiden Seiten. Packende Figuren, exzellent gespielt von Jamie Foxx, Jennifer Garner und Co auf der amerikanischen Seite. Etwas weniger nuanciert bei den Saudis.
Der vor allem ästhetisch bemerkenswerte Film erzählt im raffiniert animierten Vorspann schon mehr, als die meisten Focus- oder sonst wie Hintergrund-Artikel: Genug Informationen, ästhetisch avanciert präsentiert, um darüber gleich mehrere Studienarbeiten von Politik zu Filmanalyse zu füllen. Da wandelt sich eine Säulendarstellung des nationalen Ölverbrauchs der USA in einen Zwillings-Turm, in den dann ein Passagierflugzeug stürzt! Meinungen, Gehirnströme und Widerstand provozierend. Nicht die schlechteste Wirkung eines Films. Wobei das bitter-böse Ende nachhaltig haften bleibt ...
Die Vorahnung
USA 2007 (Premonition) Regie: Mennan Yapo mit Sandra Bullock, Julian McMahon, Nia Long, Amber Valletta 97 Min.
Wie übersetzt man eigentlich "Self-fulfilling prophecy"? "Selbsterfüllende Prophezeiung" klingt holperig, aber es geht bei beiden Begriffen um eine Vorausdeutung, die sich nur realisiert, weil sie überhaupt ausgesprochen wurde. Beispiele reichen von Ödipus mit dem orakelten Vatermord bis "Star Wars" mit Anakins verzweifeltem Streben, seine geliebte Padme zu retten, und "Matrix" mit dem Oracle-Spruch für Neo. Alles Vorhersagen, die sich nur erfüllen, weil man sie gemacht hat, oder weil man versucht, sie zu verhindern.
Es dauert eine Weile, bis Linda Hanson (Sandra Bullock) versteht, dass sie Visionen der Zukunft hat: Mal wacht sie neben ihrem Mann auf, dann ist er am nächsten Tag tödlich verunglückt, um am Morgen wieder unter der Dusche zu stehen. Eine klügere Frau hätte vielleicht viel früher angefangen, auf den Kalender zu schauen, doch irgendwann verstehen Zuschauer und Linda, dass hier die Chronologie durcheinander geraten ist. Nicht weil der Film des türkisch-deutschen Nachwuchs-Regisseurs Mennan Yapo ("Lautlos") interessanter wirken will, als er eigentlich ist. (Oder weil der Film vom Schneidetisch gefallen ist.) Linda weiß, was passieren wird und hat die Chance, innerhalb einer Woche die Zukunft zu verändern. Mit allen Gefahren der "Self-fulfilling prophecy"! Anständig, aber nicht durchgehend überzeugend, setzte Yapo (eigentlich: Yapıcıoğlu) die einfache Filmidee um. Spiel und Kamera überzeugen, dem Buch hätten mehr Logik und Nachdenken gut getan.
Klopka - Die Falle
Serbien, BRD, Ungarn 2006 (Klopka) Regie: Srdan Golubovic mit Nebojsa Glogovac, Natasa Ninkovic, Miki Manojlovic 102 Min. FSK: ab 12
Wie weit geht ein Vater, um seinen todkranken Sohn zu retten, dessen notwendige Herzoperation nicht von der Krankenversicherung getragen wird? Diese Frage beantwortete Barbet Schroeder in "Desperate Measures" mit einem exzellenten Thriller und Michael Keaton. Auch Denzel Washington nahm als "John Q" von Nick Cassavetes ein ganzes Krankenhaus als Geisel, um seinem Sohn ein neues Herz zu erkämpfen. Und nun Nebojsa Glogovac. Wer? Richtig, ein weitgehend unbekannter serbischer Schauspieler gibt den Bauingenieur Mladen, der von einem Unbekannten (Miki Manojlovic aus "Irina Palm") ein teuflisches Angebot erhält: Das Leben eines Mannes, ohne den die Welt ein Stückchen besser wäre, gegen das Leben seines sterbenden, achtjährigen Sohnes.
Ohne Starpower und mit einem realistischeren Maß an Gewalt, erschreckt "Klopka" mit der Brutalität einer Zweiklassen-Gesellschaft und ihrer Menschen. Im deprimierenden Grau Belgrads zeigt sich, was die Gesellschaft aus einem guten Menschen machen kann. Durch die Erzählform des Geständnisses eines reuigen Mörders wird aus dem einfach und sicher inszenierten Film ein großes, erschütterndes Schulddrama.
8.10.07
Sicko
USA 2007 (Sicko) Regie: Michael Moore 120 Min.
Der Star in Sachen Film-Propaganda ist seit seiner Goldenen Palme für "Fahrenheit 911" eindeutig Michael Moore. Wer nun seine neueste Agit-Dok "Sicko" gesehen hat, fiebert schmerzlich jeder neuen Gesundheitsreform entgegen. Wenn Gesundheit ein Geschäft wird, wenn Ärzte bei Krankenversicherungen Prämien fürs "Sparen" bekommen, dann freuen sich die Wirtschafts-Liberalen. Die über Spitzfindigkeiten in Verträgen "Eingesparten" sterben zu Tausenden in den USA - jedes Jahr. Wer sich dort keine Krankenversicherung leisten kann - es sollen 50 Millionen sein - ist arm dran. Doch wer auf die kommerziellen Versicherer vertraut, dem geht es erst richtig schlecht. Michael Moore zeigt mit bitterem Spott, wie 70-Jährige für ihre Medikamente arbeiten müssen. Wie ein Ehepaar bei der Tochter einziehen muss, weil Krebs und Herzanfälle die Ersparnisse aufzehrten. Und wie immer wieder die Interviewten sterben, weil absurde Gründe die rettende Behandlung ablehnen. Dabei verdienen diese Konzerne ähnlich gut wie die Pharmaindustrie. Nur das Gesundheitssystem ist pleite.
Moore ist längst nicht mehr so spritzig und unterhaltsam wie bei "Bowling for Columbine" oder bei "Fahrenheit 911", mit dem er Bush und die Filmästheten auf die Palme trieb. Der regellose Dokumentarist argumentiert haarsträubend und so simpel, dass es jeder der adressierten US-Amerikaner verstehen kann. Aber man fragt sich, weshalb erst so jemand herkommen muss, um diesen Wahnsinn anzuklagen. (Der Spielfilm "John Q" von Nick Cassavetes und mit Denzel Washington war wohl zu schlecht gemacht, um Wirkung zu haben.) Tatsächlich sollte man jede Gesellschaft danach beurteilen, wie sie mit den schwächsten umgeht. Man wundert sich, dass nur die amerikanische Zollbehörde - wegen eines nicht angemeldeten und dramaturgisch aberwitzig genialen Kuba-Trips - heftige Geschütze gegen den Filmemacher auffährt.
Heimatklänge - vom Juchzen und andern Gesängen
CH/BRD 2007
Regie: Stefan Schwietert
mit: Erika Stucky, Noldi Alder, Christian Zehnder
Kamera: Pio Corradi
Ton: Dieter Meyer
Montage: Stephan Krumbiegel, Calle Overweg
Mischung: Jörg Höhne
Ton Design: Oswald Schwander
Filmmusik: Knut Jensen
Länge: 81 Min.
Schweizerdeutsches Original mit UT
Verleih: Ventura
Kinostart: 11.10.2007
Wie exotisch schon die Weltmusik von Nebenan sein kann, zeigt Stefan Schwietert in seiner - nach "Accordion Tribe", "Acordeón del diablo" und "A Tickle in the Heart" - neuerlich mit ungewöhnlichem Sujet überraschenden und fesselnden Dokumentation über drei Avantgarde-Jodler.
"Dö Dudel Dö ist zweites Futur bei Sonnenaufgang," so hieß es in Loriots "Jodelschule". Und man muss vielleicht so weit in die Verballhornung des Jodelns absinken, um klarzumachen, welch ungewöhnliche Einblicke Stefan Schwietert vermittelt: Die "Heimatklänge" schaffen es schon mit den ersten Bildern der Musiktradition des Jodelns eine Anmut zu geben, die nur noch staunen lässt. Dabei bewegt der Film sich allerdings noch auf bekanntem Terrain, zeigt Alpengipfel im Panorama-Schwenk. Dann beginnt mit ungewöhnlichen Tönen eine musikalische Entdeckungsreise vom Urgrund dieser Tradition bis zu experimentellen Höhen. Da wird überm Gletscher mit der Stimme jazzig improvisiert. Ein Tango tanzt erstaunlich harmonisch mit den Guturallauten. Das wilde Ausprobieren der Stimme erinnert an den Experimentalmusiker Fred Frith ("Step Across the Border"). Plötzlich erklingt Jodeln als äußert spannende, auf andere Art mitreißende Musik.
Als Protagonisten treiben drei bemerkenswerte Künstler diese Entwicklung voran: Erika Stucky, Noldi Alder, Christian Zehnder.
Der Basler Christian Zehnder, ein bekehrter Saulus, fand Jodeln "scheiße". Doch nach heftiger Abwehr brachte ihn die Suche nach eigener Identität in der Weltmusik zurück zu den musikalischen Urgründen. Mit dem Akkordeon und modifizierten Alphörnerm testet er aus, "wie die Schweiz tönt", ahmt einen Zug nach, wechselt immer wieder in den Oberton-Gesang. Zu den Aufnahmen seiner Konzerte, laufen seltsam unpassende, grobkörnige Bilder der Schweiz, die sich gegen übliche Postkarten-Klischees stellen.
Noldi Alder stammt aus der bekannten Appenzeller Volksmusikerdynastie Alder, reiste bereits als Junge reiste er mit seinem Vater und seinen Brüdern durch die Welt, um zum traditionellen Tanz aufzuspielen. Nach einem Studium der klassischen Musik führt er das Bekannte in ungehörte Bereiche. Das berührende Treffen mit seinem Vater, der die Fort-Entwicklung der nächsten Generation sichtlich stolz betrachtet, bringt alt und neu nicht nur musikalisch zusammen. Die Bilder traditioneller Chöre treffen im Ton auf moderne Klänge. Das Appenzell vermittelt Eindrücke von der alten Funktion dieses Gesangs bei der Verständigung in unwegsamer Berglandschaft. Das mag auf den ersten Blick nicht so cool wie beim Flamenco sein, doch mit der Ruhe dieses Films entdeckt man ähnliche Intensitäten.
In einer Person vereinigt die wilde, ungezähmte Künstlerin Erika Stucky neue und alte Welt. Ihre freie Kindheit verbrachte Stucky in Kalifornen, bevor es ins nicht nur von Bergen eingeengte Wallis ging. Der Berufswunsch Hula-Hula-Tänzerin stieß hier auf Unverständnis, doch in immer wieder überraschenden Gesangs-Variationen zeigt sich, dass dieser kreative Geist nicht zu bremsen war. Eine Walliser Lori Anderson sprengt jede Festlegung.
Wie überzeugend diese Doku ankommt, zeigen die erstrangigen Auszeichnungen des C.I.C.A.E. Preises im "Forum" der Berlinale 2007 und des Publikumspreises beim renommierten Schweizer Dok-Festival in Nyon 2007. Stefan Schwieterts "Heimatklänge" fügen sich nahtlos in die Schweizer Tradition, besonders kreative Musiker ins rechte Filmlicht zu setzen. Wenn Christian Zehnder zum Treffen mit mongolischen Musikern reist, lernt man die Weltmusik von nebenan aus einer fernen Perspektive endgültig schätzen. Dieser musikalische Ausflug erweitert Horizont und Klangspektrum. Sehr passend zur Befreiung vom Schubkasten-Denken der Genres lautet der Schlußspruch: "Wir können frei sein .... Wenn wir wüssten, wie frei wir sein können, würden wir einfach platzen!"
Gegenüber
BRD 2007 Regie: Jan Bonny mit: Matthias Brandt, Wotan Wilke Möhring, Victoria Trauttmansdorff 96 Min.
"Gegenüber", der vermeintlich "kleine Film" von Nachwuchsregisseur Jan Bonny überrascht mit einem großen, gewaltig erschütternden Drama.
Die Beziehung von Georg Hoffmann (Matthias Brandt) und Anne (Victoria Trauttmansdorff) wirkt nach mehr als zwanzig Jahren Ehe leicht angespannt. Die Lehrerin ist emotional gebrechlich, der ruhige und beliebte Polizist behandelt sie übermäßig vorsichtig. Georg ist Favorit für eine anstehende Beförderung zum Kommissar, aber so bescheiden, dass er selbst den eindeutig unfähigen, jüngeren Kollegen Michael (Wotan Wilke Möhring) vorschlägt. Zuhause erzählt der stille Mann nichts vom fast heldenhaften Einsatz, bei dem er Michaels Leben rettete. Zuhause schleicht Georg um Anne herum, immer krampfhaft bemüht, sie nicht aufzuregen, es ihr recht zu machen...
Solche Dramen kennt man, auch aus dem Kino reichlich. Doch dann bricht ein äußerst heftiges Psycho-Drama auf, das niemanden im Saal unberührt lässt. Hier sollte man eine Warnung vor dem Weiterlesen einbauen: Der Schock über alles, was sich hinter der Fassade einer nicht glücklichen, aber normalen Ehe abspielt, ist eindringlicher, wenn man vorher nichts ahnt. Es geht nicht nur um die eingeschlafene Sexualität. Oder die Leere, nachdem die Kinder aus dem Haus sind. Nein, ganz gegen die Erwartungen schlägt Anne ihren Mann regelmäßig mit unfassbarer Brutalität blutig und blau. Ihre psychotische Verachtung paart sich gewaltsam mit seiner unendlichen Erniedrigung. Und das ist kein sexuelles (Vor-)Spiel, das ist einfach nur nackte, verzweifelte Gewalt, erschütternd, schwer fassbar. Mit diesem Schock geht der Film in weitere Runden seiner Handlung, erklärt und entwickelt das Drama äußerst stimmig. Jetzt fügen sich die beklemmenden Familientreffs bei Annes völlig unsensiblem und rücksichtslosem Vater in eine psychologische Zwangsfolge von verletzenden Aktionen. Jetzt versteht man die erstickend verhaltene Stimmung, die Probleme der beiden Kinder, die immer alles gewusst haben und nie drüber reden konnten. Wobei all diese Szenen keineswegs die Distanz einer solchen Analyse haben, sondern voller Leben stecken. Leben in seiner grausameren Form! Exzellent auf sehr starke, entscheidende Szenen konzentriert.
"Gegenüber" ist der erste Kinospielfilm vom 1979 in Düsseldorf geborenen Jan Bonny, der an der Kölner Kunsthochschule für Medien studierte. Bis zum offenen Ende folgen Schlag auf Schlag gelungene Szenen, die verzweifelte Verstrickung in ungesunde Abhängigkeiten kann vielleicht zerrissen werden, der erschreckte Blick hinter die Fassade einer ganz normalen Ehe wirkt jedenfalls nach. Ein Muss für alle, die Gefühlskino nicht als Flucht vor hässlichen, aber echten Gefühlen sehen.
2.10.07
Geliebte Jane
USA, GB 2007 (Becoming Jane) Regie: Julian Jarrold mit Anne Hathaway, James McAvoy, Julie Walters 121 Min. FSK: o.A.
Die auch als Kinovorlage für Filme wie "Sinn und Sinnlichkeit" und "Stolz und Vorurteil" äußerst beliebte Autorin Jane Austen (1775 - 1817) ist diesmal Heldin einer Biografie, die sich die Freiheit nimmt, Werk und Leben deutlich erkennbar miteinander zu verschmelzen. Abgesehen von dieser reizvolle Grundidee verläuft der Rest des Films ist wie erwartet: Nett kostümiert, gespielt und musikalisch begleitet. Anne Hathaway verkörpert die empfindsame Autorin, die als Tochter eines armen Landpfarrers zu einer einträchtigen Hochzeit gedrängt wird. Dabei ersehnt sie sich wie all ihre Figuren eine Gefühlsverbindung. Doch im Gegensatz zu ihren Romanheldinnen ist Jane Austen kein Happy End vergönnt.
1.10.07
Ratatouille
USA 2007 (Ratatouille) Regie: Brad Bird 111 Min. FSK: o.A.
Diese Ratte ist sensationell: Remy kann lesen und versteht selbst die Krone der menschlichen Entwicklung: TV-Koch-Shows! Im Gegensatz zu seinen Artgenossen begnügt sich Remy nicht mit den gefundenen Fressens-Resten, die einem das Leben so vorwirft. Sein guter Riecher führt ihn zu besonderen Genüssen, auch wenn er dafür den Gefahren der Küche einer schießwütigen alten Dame trotzen muss. Sehr zum Missfallen des Vaters! Tatsächlich fliegt bald das ganze Ratten-Rudel auf, wobei das Schicksal Remy ausgerechnet nach Paris spült, genau vor das Restaurant seines verstorbenen Koch-Idols Gusteau. Der verstorbene Meisterkoch erscheint ihm als Geist und motiviert den kleinen Nager, ganz Großes zu leisten.
Remy rettet zuerst eine verschüttete Suppe, die der ungeschickte Küchenjunge Linguini recht geschmacklos nachgefüllt hat. Als die von feiner Rattenhand veredelte Vorspeise zum Erfolg wird, verständigt sich die Ratte mit dem untalentierten Kerl, um vereint die verlorenen Michelin-Sterne wieder vom Gourmet-Himmel zu holen.
Wir sind zwar im Trickfilm, doch Ratten sprechen auch hier nur den Kommentar. Die Verständigung mit Linguini gestaltet sich also schwierig. Aber es gibt eine Lösung: Wie eine Marionette dirigiert Remy verborgen unter der hohen, leicht durchsichtigen Kochmütze seinen menschlichen Gehilfen durch Ziehen an den Haaren. Das gibt ein witziges Tänzchen aus Schlägen und Bissen, bis sie ihre Zusammenarbeit konditioniert haben. Sehr spaßig dabei Linguinis Übungen mit verschlossenen Augen, eine grandiose Nummer, die mit dem blinden Schneiden des Gemüses veredelt wird. Und es erweist sich als besonders guter Einfall der Filmemacher, dass der lange Lulatsch sich immer besonders tief herunter beugen muss, damit Remy gut an den Gewürzen und Gerichten riechen kann. Denn keiner darf erfahren, wer dem plötzlich zum Koch beförderten Küchenjungen den guten Geschmack souffliert und dass überhaupt eine Ratte in der Küche ist.
Rattenscharf ist dieser Film gerade nicht, eher erwachsen für einen Zeichentrick. Klar ist Remy ein sympathischer Charakter, dessen Streben noch Veredlung man mitfühlend verfolgt. Sein aufrechter Gang ist nicht nur menschelnd, er hält so auch die Vorderpfoten zum Essen sauber. Neben viel Bewegung im Hintergrund bei rasanten "Kamerafahrten" sehen wir in dem achten digitalen Zeichentrick der Erfolgsschmiede Pixar auch erneut den Übergang zu den Menschen als Haupt-Figuren wie es Regisseur Brad Bird schon im Superhelden-Abenteuer "The Incredibles - Die Unglaublichen" praktizierte: Eine resolute Lara Croft der Küche vermittelt Linguini die Regeln guten Kochens und Küssens. Dem sehr kleinen und sehr garstigen Küchenchef ist die Heimtücke ins Gesicht gezeichnet, da braucht es gar nicht das Wissen um Gusteaus veruntreutes Erbe. Einen würdigen Nachfolger für die klassischen Disney-Bösewichte stellt der Restaurant-Kritiker Anton Ego mit seiner tödlichen Schreibmaschine dar. Nachdem ein einfaches Ratatouille den verbitterten Gourmet wunderbarst in die glückliche Kindheit zurückversetzte, wird auch er ganz milde. Wenn es in diesen Wochen also sanftere Filmkritiken gibt, mag das auch an ein paar klugen Gedanken zur Kritik am Ende des Films liegen.
Superbad
USA 2007 (Superbad) Regie: Greg Mottola mit Michael Cera, Jonah Hill, Seth Rogen 113 Min. FSK: ab 16
Danke für die Vorlage, liebe Produzenten! Euer Film "Superbad" ist tatsächlich super schlecht! Dazu auch super dämlich, super pubertär und super super nervig! Aber er basiert ja auch auf dem Drehbuch zweier 13-Jähriger, da darf man nicht so viel erwarten. Nur etwa 116 Mio. Dollar, die der Film bislang in den USA eingespielt hat! Was erzählt uns das über die Reife der Unterhaltungsindustrie und ihrer Kunden?
Der dicke Seth und sein Freund Evan stehen kurz vor dem Abschluss der Highschool und wollen endlich auch mal eine Frau abbekommen. Um auf einer angesagten Fete zu landen, müssen sie eine Menge Alkohol besorgen, was für Jugendliche in den puritanischen USA immer ein besonderer Spaß ist.
"Superbad" will erzählen, dass sich Jugend nur um Sex und Saufen dreht. Ok, eine Freundschaft gibt es auch, mit einem Typen, der auf dem Gebiet von Sex und Saufen ein ebensolcher Versager ist. Die x-te Teenie-Zote aus Amiland geht nicht mal mehr als verklemmt anzüglich durch, sie ist einfach platt, eigentlich: äußerst platt anzüglich und überhaupt nicht komisch.
Planet Terror
USA 2007 (Grindhouse: Planet Terror) Regie: Robert Rodriguez mit Naveen Andrews, Freddy Rodriguez, Rose McGowan, Marley Shelton 90 Min.
Mit einer äußerst blutigen Bruchlandung auf dem Planet Horror "bereichert" der Nachmacher Robert Rodriguez das Kino mit noch mehr Zombies, Leichen und Zerstückelungen. 14 Jahre nach der Low Budget-Überraschung "El Mariachi" muss man feststellen, dass hier jemand durchaus gut inszenieren kann, aber keine Inspiration zeigt, aus dem Kreislauf der Genre-Remakes auszusteigen.
Nachdem irgendein bio-chemisches Experiment finsterer Genossen schief geht, verseucht grüner Nebel die ganze Gegend und verwandelt alle in fleischfressende Zombies. Im Krankenhaus werden reihenweise schrecklich verstümmelte Leichen eingeliefert, die es allerdings kurz darauf wieder auf den eigenen Beinen verlassen - sofern die noch am Körper sind. Man mordet und fleddert ohne Rücksicht. Klar, wenn selbst der persönliche Umgang etwa eines Ärzte-Paares nicht besonders freundlich ist.
"Planet Terror" war Teil des recht erfolglosen "Grindhouse"-Projektes: Rodriguez und Quentin Tarantino imitierten das Schundprogramm eines Billigkinos. Eine Doppelvorstellung mit herunter genudelten Streifen ("Death Proof" / "Planet Terror"), Filmrissen, Trailer für noch schrottigere Filme und sogar mit einem komplett fehlenden Akt. Außerhalb der USA versucht man nun "Grindhouse" als zwei eigenständige Teile zu verkaufen und wertet damit die unappetitlichen, mit zuviel Geld gedrehten Billigfilme unnötig auf. Bemerkenswert an diesem Werk von Robert Rodriguez ist höchstens eine hier sehr zynische und makabre Detailfreudigkeit, mit Ideen, die man am neutralsten mit Kopfschütteln abhandelt. Eine Maschinengewehrprothese für ein abgerissenes Bein mag hier als Beispiel genügen. Bruce Willis hat einen Kurzauftritt, bevor er zu den Zombies wechselt. Und auch als Zuschauer möchte man möglichst schnell von dieser Bildfläche verschwinden.
25.9.07
Auf der anderen Seite
BRD 2007 (Auf der anderen Seite) Fatih Akin mit Baki Davrak, Nursel Köse, Hanna Schygulla, Tuncel Kurtiz, Nurgül Yeşilçay 122 Min.
Und ins Oscar-Rennen geht: Fatih Akin mit dem deutschen Starter "Auf der anderen Seite" sowie dem brisanten türkischen Film "Takva". Diese Doppel-Nominierung ist bezeichnend für einen der besten, talentiertesten und auch noch sympathischsten Regisseure der letzten Jahre, für einen Autor, Schauspieler und Produzenten, der fern von irgendeiner Betroffenheitsmasche unglaublich starke Filme macht, in denen vor Leben strotzende Figuren immer mit Grenzen zwischen den Kulturen zu tun haben. Manchmal rennen sie sich "Gegen die Wand" die Köpfe ein. Mal geht es spielerisch von der europäischen Seite des Bosporus auf die asiatische, wenn türkische Musiker in "Crossing the Bridge: The Sound of Istanbul" porträtiert werden. Mal prallen drei hitzige Köpfe aus Serbien, Griechenland und der Türkei im Krimi "Kurz und schmerzlos" aufeinander. Dann folgt Moritz Bleibtreu "Im Juli" der Sonne in den Orient, oder das ganz große Gefühlskino "Solino" verbindet den Ruhrpott mit Sehnsucht nach Apulien. Schon im Kurzfilm "Getürkt" zeigte der Hamburger, dass er auf die Klischees gesellschaftlicher Gruppen nicht reinfällt.
Und nun "Auf der anderen Seite". Was für ein Film! Einfühlsam beobachtet, nein: ganz vorsichtig eingelebt, lässt der Film die Lebenswege von Eltern und erwachsenen Kindern für einige dramatische Momente zusammenkommen. Wer "Gegen die Wand" liebte, sollte unbedingt auch Akins Erzählvermögen "Auf der anderen Seite" entdecken. Wer die extrem energische Begegnung zweier exzentrischer Gestalten nicht ertrug, sollte trotzdem den neuen, viel ruhigeren, aber auch auf diese Art intensiven Akin erleben.
Der gut gelaunte Senior Ali verliert sein Herz im Puff an die türkische Prostituierte Yeter, bietet ihr äußerst galant ein Beziehungs-Geschäft an, das die ältere Frau nicht ausschlagen kann, hat sie doch ihre studierende Tochter Ayten in der Türkei durchzufüttern. So zieht Yeter beim Witwer ein. Aber nicht die bald drohenden islamischen Sittenwächter, diese scheinheiligen Machos, werden Yeter umbringen, es ist überraschend Ali selbst, der ihr eifersüchtig einen tödlichen Stoß versetzt. Denn Yeter zeigte Gefühle für Alis Sohn, den Hamburger Germanistik-Professor Nejat. Der verzweifelte junge Mann wendet sich von seinem verhafteten Vater ab, reist in die Türkei, um Ayten zu finden.
Währendessen floh diese vor Folter und politischer Verfolgung nach Deutschland, entweicht auch der strengen Macho-Hierarchie ihrer Organisation und verliebt sich in die deutsche Studentin Lotte. Dieser Leidenschaft in der Illegalität ist keine Dauer vergönnt, die Polizei greift Ayten auf und schiebt sie nach einem teuren Prozess ab. Die dramatischen Ereignisse verlagern sich nach Istanbul, wo es noch einen Todesfall gibt und sich die Trauernden in tief mitfühlender Anteilnahme finden werden.
Die Größe dieses stillen Meisterwerks zeigt sich in der Vielfalt seiner gelungenen Aspekte: Eine faszinierend dichte Geschichte, für die Fatih Akin 2007 den Drehbuchpreis in Cannes erhielt. Die unmittelbare Nähe zu Leben und Politik in der Türkei sowie in Deutschland. Die einfühlsame, fast poetische Darstellung von Verlust und Trauer. Bilder, die sich viel sagend einbrennen. Grandiose Darsteller wie Hanna Schygulla. Und alles fügt sich letztendlich harmonisch in Tragik und Trost. Inshallah!
Chuck und Larry - Wie Feuer und Flamme
USA 2007 (I Now Pronounce You Chuck and Larry) Regie: Dennis Dugan mit Adam Sandler, Kevin James, Jessica Biel 115 Min. FSK: ab 12
Ist die ganze Klamotte nun schwulen-feindlich oder -freundlich? Wer diese Frage stellt, hat "Chuck und Larry" nicht gesehen oder ließ dabei seinen Humor zuhause. Die alberne Geschichte zweier heterosexueller Kumpels bei der New Yorker Feuerwehr, die sich zum Erhalt von Pensionsansprüchen als schwules Pärchen ausgeben, ist vor allem komisch.
Chuck und Larry sind vor allem Kumpels, unschlagbar unter dem Basketballkorb, unzertrennlich auch im brenzligsten Einsatz.
Wer jetzt gleich was Latentes denkt, wird von Chucks (Adam Sandler) unglaublichem Einsatz an der Frauen-Front eines Besseren belehrt. Schon in der Eingangsszene streiten sich zwei Zwillingsschwestern um ihren Liebhaber, der ganz macho-cool einfach einen Dreier vorschlägt. Später holt ihn gleich eine ganze Wagenladung Stripperinnen aus dem Krankenhaus ab. Die Oberärztin überwacht die Genesung in Chucks Schlafzimmer und in Strapsen, die irgendwie nicht ganz der Dienstordnung entsprechen.
Doch als ihm Larry ("King of Queens" Kevin James) das Leben rettete, bot Chuck an, ihm jeden Wunsch zu erfüllen. Den einer gleichgeschlechtlichen Ehe selbstverständlich niemals. Auch wenn es um die Rente des verwitweten, allein erziehenden Freundes geht. Doch irgendwann macht Chuck mit, es wird ja niemand erfahren... Bis ein besonders scharfer Ermittler (Steve Buscemi) Versicherungsbetrug wittert und anfängt, in Larrys Mülltonne zu wühlen. Jetzt muss das Trau-Schein-Paar die Sache durchziehen, muss privat und auf der Feuerwache auf schwul machen. Wobei sie ganz schnell die vielfältigen Formen der Schwulen-Feindlichkeit zu spüren bekommen. Selbst die Kumpels vom Dienst zeigen sich hier von der schlechten Seite. Aber einige besonders harte Kerle überraschen auch mit ihrem Coming Out.
Wenn dann die Spritzenmänner in der Feuerwachen-Dusche ein Zeitlupen-Ballett um die dramatisch zu Boden gehende Seife vollführen, und sich absolut keiner vorbeugen will, um sie aufzuheben, bringt selbst dieser äußerst dämliche Witz heftige Lacher. In dem Milieu der Brandbekämpfer herrscht kein fein geschliffener Wortwitz vor, auch wird niemand "Chuck und Larry" im Schulunterricht zum Abbau von Vorurteilen einsetzen. Doch da sowohl der Super-Macho Chuck als auch haufenweise Schwulen-Klischees sympathisch auf die Schippe genommen werden, kann man diesem Humor nichts verübeln. Er ist zwar frech und treffend, vermeidet aber die momentan modischen Übertreibungen ins Groteske oder Absurde. Ein Film für die ganze Familie also, selbst für Larrys Sohn, der all zu gerne im Plissee-Rock Spagat übt...
Adam Sandler gelingt diese Rolle unglaublich souverän. Überhaupt hat man oft das Gefühl, die beiden Hauptdarsteller hätten sich beim Dreh herrlich amüsiert. Und der Funke springt ins Publikum über.
18.9.07
Shoot 'Em Up
Ein Hertz für Kinder
USA 2007 (Shoot 'Em Up) Regie: Michael Davis mit Clive Owen, Monica Bellucci, Paul Giamatti 86 Min. FSK: k.J.
Was wird wohl aus einem Kind, auf das noch im Bauch der Mutter leere Patronenhülsen niederprasseln, dessen Nabelschnur durchgeschossen statt -geschnitten wird? Es wird eine kugelsichere Weste mehr brauchen als eine Wiege!
Und wenn es mal groß ist, wird bestimmt so einer wie Mr. Smith aus ihm: Gerade knabbert er noch auf den Bus wartend an einer Mohrrübe, im nächsten Moment steckt diese äußerst ungesund im Auge des Gegners. Vitamin A sollte niemals überdosiert werden! Mit einer ersten, akrobatischen Massen-Erschießung rettet Mr. Smith (Clive Owen) ein Baby vor seinen gnadenlosen Verfolgern. Dann findet sich in DQ (Monica Bellucci) eine Prostituierte, die statt ihrer Kunden nun das Kind mit Muttermilch versorgt. Doch die Killer geben nicht auf und auch eine andere, besser angezogene Truppe ist hinter der ungewöhnlichen Dreifaltigkeit her. Das Rätsel um das Baby führt Smith bis zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten, der selbstverständlich auch kein Guter ist und mit der Waffenlobby Geschäfte macht.
Dabei geht der sympathisch relaxte und selbstgerechte Kämpfer Smith nicht nur über Leichen, sie werden nebenbei zum Bestandteil der ebenso gewitzten wie zynischen Action-Choreografie. Da darf man ruhig das große Vorbild John Woo erwähnen, auch wenn Regisseur Michael Davis eher vom B-Film kommt. Er hat zwar etwas bei der Action-Akrobatik gespart wird, nicht jedoch am mörderischen Spaß. Auf die Leuchtwerbung für "FAULK - TRUCK & TOOL" hinter der sich die Gangster verbergen, wird so lange gefeuert, bis ein "FUK U" übrig bleibt.
Die Handlung ist zwar zeitweise sehr unwahrscheinlich, doch zum Glück war der Gangster-Boss Mr. Hertz (Paul Giamatti) früher FBI-Profiler und weiß, was immer vorher, was der Gegner macht. Doch das Wichtigste und Beste an diesen herrlichen Action-Kapriolen sind das Styling in jeder Szene sowie die Gags, die einem fast so heftig um die Ohren fliegen wie die Kugeln. Smith beweist in einem grandiosen Abflug, dass Sicherheitsgurte nicht immer das Sicherste sind und fabriziert lässige Sprüche - "Ich bin ein britisches Kindermädchen und ich bin gefährlich!" - am laufenden Fluchtmeter. Den Höhepunkt bildet ein echtes Todes-Ballett im freien Fall, wobei die Brutalität leider konstant zunimmt, bis die Jugendfreigabe endgültig aufgegeben wird.
Clive Owen stehen die lässigen Stunts äußerst gut, auch sitzt er bald wieder im BMW, den er als "Driver" in Kurzfilmen für prominente Regisseure beschleunigte und bewarb. Bei ihm heißt der Orgasmus "kleiner Tod" und er trifft mitten im Akt die Gegner mit seinen Feuerstößen. Zwischendurch betätigt er sich als Verkehrs- und Umweltpolizist - vor allem gegen Fahrer protziger Blechkisten. Paul Giamatti als eiskalter, sadistischer und zynischer Killer ebenso gut wie als weinerlicher Weintester in "Sideways", das er nebenbei zitiert. Monica Bellucci darf ganz viel italienisch reden und gut mitspielen.
Tuyas Hochzeit
China 2006 (Tuya de hun shi) Regie: Quanan Wang, Drehbuch: Wei Lu, Quanan Wang mit Nan Yu, Bater, Sen'ge, Zhaya, Baolier 96 Min.
In der Folge von "Urga" oder "Die Geschichte vom weinenden Kamel" gerät das traditionelle Leben der mongolischen Hirten auch in "Tuyas Hochzeit" unter die Räder der Veränderungen in Wirtschaft und Natur. Tuya (Yu Nan) hütet in der weitläufigen Steppe der Inneren Mongolei Schafe, sie versorgt den Mann Baolier (Peng Hongxian) und zwei Kinder. Baolier verletzte sich bei Bau eines neuen Brunnen, kann sich nur noch mühsam an Krücken fortbewegen. Tuya muss nun täglich weite Wege für das Wasser reiten und selbst die ferne Quelle versiegt. Dann gilt es, die Schafherden zu den letzten Grasbüscheln zu treiben, die Milch zu verarbeiten und an der fernen Straße zu verkaufen, das Essen für die Familie zu kommen und sich ums Baby zu kümmern. Da Tuya das alles nicht mehr schafft, muss ein neuer Mann her. Der gutherzige Baolier stimmt in die Scheidung ein. Aber der Neue soll auch ihn im Haushalt belassen und nicht in ein Heim abschieben, das ist Tuyas Bedingung.
Das Schaulaufen der neuen Bewerber steht für die feine Balance von Humor und Tragik. Es deutet den Männerüberschuss im heutigen China an, das Ein-Kind-Politik vorschreibt und die Ermordung der Mädchen nicht verhindert. Bei einem Tee-Zeremoniell schaut man sich die Braut an, kein Gedanke, dass diese Frau auch stur, eigensinnig oder gar wählerisch sein könnte. Doch die Herren der Schöpfung sind zu absurd, als dass sie ernst genommen werden können. Sei es der junge Schnösel, der den Haushalt als weiteres Kind wohl nur belasten würde. Oder der alte, geile Sack, sicher auch nur ein Pflegefall. Von den vielen, meist alten Bewerbern stimmt außerdem keiner der Bedingung zu, Baolier aufzunehmen. Nur der unglückliche Nachbar Shenge, selbst von seiner Frau verlassen, bleibt. Er steht mal hilfreich zur Seite, mal muss er besoffen in der Steppe aufgelesen werden. Und dann kommt nicht ganz zufällig ein alter Verehrer vorbei, der mittlerweile in der Stadt zu großem Reichtum gekommen ist. Er will einen Pflegeplatz für den alten Mann kaufen. Doch dessen Pferd kann nicht mit ins Heim. Das ist schlimmer als der Tod für einen Mongolen, der nur davon träumt, wieder über die Steppen zu jagen.
Eine schöne, anrührende Geschichte, die Einblick in den Wandel einer naturverbundenen, aussterbenden Lebensweise gewährt, Sympathien für die Figuren gewinnt und gut unterhält. So ein reizvoller Film mitten aus dem Mainstream internationaler Wohlfühlproduktionen kommt international im Arthaus-Kino an. Das weiß man, weil es nicht der erste Film dieser Art, vor diesem Hintergrund ist. So erhielt "Tuyas Hochzeit" im Februar bei der Berlinale einen Goldenen Bär, der die Artenvielfalt der Mongolei bereichern wird.
Disturbia
USA 2007 (Disturbia) Regie: D.J. Caruso mit Shia LaBeouf, Sara Roemer, Carrie-Anne Moss 104 Min. FSK: ab 16
"Fenster zum Hof" für Teenager von heute - das ist eindeutig ein zu weit hergeholter Vergleich. Doch in diesem liegt tatsächlich mehr Reiz als im eigentlichen Teenie-Spaß-Thriller "Disturbia".
Unser Held ist an seine Wohnung gefesselt und beobachtet mit dem Fernglas einen verdächtigen Nachbarn. Allerdings glaubt keiner dem Voyeur, dass drüben ein Frauenmörder heimtückisch haust. 1954 war es Jimmy Stuart in Hitchcocks "Fenster zum Hof", der den Zwang zum Beobachten mit viel Spannung durchspielte. Seine Figur hatte ein gebrochenes Bein. Heute verhindert eine elektronische Fußfessel, dass der Jugendliche Kale (Shia LaBeouf) sein Grundstück verlässt. Der Innenhof öffnete sich zur Vorstadtsiedlung und die Spannung zerfiel zu Schreckmomenten.
Man merkt direkt, dies ist ein Film des frischen 21.Jahrhunderts: Der Unfall am Anfang knallt so richtig laut und unvermittelt rein. Der Tod des Vaters wird in Folge immer wieder als Grund für auffällige Verhaltensweisen des 17-jährigen Kale angeführt, doch erst als dem verwöhnten, faulen Jungen das Kabelfernsehen gekappt wird, kommt Trauer auf. Weil er einen Lehrer niederschlug, gibt es polizeilich kontrollierten Hausarrest mit elektronischer Fußfessel. Dann ist Kales X-Box nicht mehr online, die genervte Mutter (Carrie-Anne Moss) sperrt auch den iTunes-Account. Eine existenzielle Katastrophe für einen amerikanischen Jugendlichen, der noch Jahrhunderte vom Erwachsensein entfernt ist. In der Not entdeckt Kale die Welt vor seinem Fenster: Reality ohne TV! Nicht nur Blicke auf Ahsley (Sara Roemer), die reizende Tochter der neuen Nachbarn, sind spannend für den Spanner, auch der geheimnisvolle Mr. Turner (David Morse) fesselt. Mit Vorliebe Frauen, wie sich herausstellt. Auch einige andere Details passen zum gesuchten Serienmörder. Zusammen mit Ahsley und seinem ulkigen Freund Ronnie (Aaron Yoo) will Kale den Verbrecher enttarnen.
Eine glatte, unauffällige Inszenierung könnte man "Disturbia" bescheinigen, um es neutral bis positiv zu beschreiben. Der Wechsel von Teenie-Sozialdrama zu Komödie und Romanze bis zum an Horror grenzenden Finale verläuft holperig, aber das wird wohl niemanden stören. Die Hauptfigur sollte wegen permanenter Unreife Hausverbot statt Hausarrest erhalten, aber solche Klischees lassen sich wohl einfacher ins Drehbuch schreiben als komplette Menschen. Unter diesen Voraussetzungen funktioniert "Disturbia" als anspruchslose Unterhaltung ganz gut, die Nebenrollen sind mit guten Gesichtern besetzt, der Jugend-Star Shia LaBeouf wird nicht überfordert. Doch was wirklich beunruhigt bei diesem simplen Film über einen Spanner, der Recht behält, ist dass nicht der kleinste Gedanke über die explodierende Beobachtungs-Sucht unserer Gesellschaften anklingt. Wer Kamerahandy als modern ansieht, sollte mal ins Bild zoomen und schauen, ob da nicht noch eine "öffentliche" Kamera an der Wand hängt. Oder nach oben zum Satelliten von Google-Earth winken...
12.9.07
Gucha
BRD, Serbien, Österreich, Bulgarien 2006 (Guca!) Regie und Buch: Dušan Milic mit Marko Markovic, Aleksandra Manasijevic, Mladen Nelevic, Nenad Okanovic 94 Min. FSK: ab 6
Emir Kusturica produzierte und in der gleichen Fluss- und Kneipenlandschaft aus "Schwarze Katze, Weißer Kater" spielt sich diese nette Romeo und Julia-Geschichte um zwei zerstrittene Trompeten-Bands ab.
Der Roma Romeo ist der junge Rebell, dessen Stil in der eigenen Familienband nicht anerkannt wird. Während Romeo meint, er lässt den Atem des Lebens durch seine Trompete fließen, bemerkt sein Stief-Vater trocken: Das Leben fängt mit einem Atemzug an und hört mit einem Stöhnen auf, dazwischen ist Technik. Aus Frust spielt Romeo dann für Geld in einem anderen Orchester mit - ein unerhörter Regelbruch.
Der serbische Bandleader Satchmo bezeichnet die Roma als Schwarze. Er meint aber, sein Namensgeber Armstrong sei auch ein Schwarzer gewesen, deshalb sei er kein Rassist. Dieser unleugbare Rassismus gegenüber den Roma gehört mit den studiofernen Szenen, den Landschaften und Gebäuden, den Flusskneipen, den Wohnungen, die halbe Baustellen sind, zum reizvollen authentischen Hintergrund des Films. Um die Hand von Satchmos süßer, mit Zahnspange leicht burschikosen Tochter Julia zu erlangen, muss Romeo beim größten Musikfestival in Guca die Goldene Trompete gewinnen.
Die musikalische Liebesgeschichte kommt märchenhaft erzählt daher, was erstaunlich gut mit dokumentarischen Aufnahmen einhergeht. Regisseur Dušan Milic setzt oft Handkamera ein, nicht immer stilsicher. Die Rollen werden manchmal eher laienhaft gespielt, dafür aber herrlich herzlich und kitschig. Wunderbar dabei das Trompeten-Fernduell zwischen Julias Vater und dem unerwünschten Verehrer der Tochter. Die folgende Verfolgung durch Pflaumenwiesen, Wälder und Felder wird dann zum klamauk-nahen Hase und Igel-Spiel. Und alles zusammen gibt dann ein lebensfrohes Happy End.
Die Regeln der Gewalt
USA 2007 (The Lookout) Regie: Scott Frank mit Joseph Gordon-Levitt, Jeff Daniels, Matthew Goode 99 Min. FSK: ab 12
Memento mal! War da nicht ein Film über ein Verbrechen und einen Mann mit Gedächtnisverlust, der sich alles aufschreiben musste? Titel vergessen? Wo haben wir das noch mal notiert...? Egal - diesen Film sollte man sich auf jeden Fall merken: Nach einem großartig inszenierten, dämlich selbstverschuldeten Autounfall hat der einstige Eishockey-Star Chris (Joseph Gordon-Levitt) Probleme mit seinem Gedächtnis und dem Leben. Schritt für Schritt tastet er sich durch den Tag, oft auf die Hilfe seines blinden Mitbewohners Lewis (Jeff Daniels) angewiesen.
Als Chris in einer Bar die Bekanntschaft Garys und einer von dessen Freundinnen macht, beginnt die klassische Verführung des Film Noir. Gary plant einen Überfall auf die Bank, bei der Chris Nachtwächter ist. Das Regie-Debüt von Scott Frank, der die Drehbücher zu "Out of Sight" und "Schnappt Shorty" schrieb, überzeugt sowohl mit der Zeichnung des traumatisierten jungen Helden - eindrucksvoll: Joseph Gordon-Levitt - als auch mit exzellenter Bildgestaltung. Die dichte Atmosphäre packt von der ersten Szene an. Ein trotz gewisser Trägheit und kleiner logischer Probleme sehenswerter Genrefilm.
11.9.07
K=?UTF-8?B?w7Y=?=nige der Wellen
USA 2007 (Surf's Up) Regie: Ash Brannon, Chris Buck mit den Stimmen von Shia LaBeouf/Robert Stadlober (Cody Maverick), Zooey Deschanel/Jessica Schwarz (Lani Aliikai), Jeff Bridges/Thomas Fritsch (Big Z Topanga/ Freak), Jon Heder/Dieter Landuris (Chicken Joe) 86 Min. FSK: o.A.
Cody Maverick war schon immer ein Surfer. Auch wenn er aus der unwirtlichen Antarktis stammt, konnte ihn doch nichts stoppen, sich irgendwann mit den ganz Großen in die Riesenwellen zu stürzen. Cody Maverick ist übrigens ... ein Pinguin! Während die anderen Eier ausbrüten, trainiert er draußen auf dem Wasser. Er reitet auf einem Surfbrett aus Eis.
Die Erfolgsstory von Cody, der eines Tages von einem Talentscout entdeckt und per Walfisch-Kreuzer nach Pen Gu Island in der Südsee zu den Surfmeisterschaften reist, klingt vielleicht konventionell - selbst für einen Trickfilm. Doch das Ganze als veralberte Dokumentation aufzuziehen, ist wirklich originell. So sehen wir die Geschichte des Surfens von der Steinzeit bis heute, hören von den großen Stars des Sports - und alle sind Pinguine. Dann begleitet die TV-Crew eines amerikanischen Sportsenders unseren kleinen Helden auf dem Weg zum Ruhm. Oder auch nicht.
Denn Spaß zu haben, muss Cody zuerst lernen, als er sein todgeglaubtes Idol, die Surf-Legende Big Z, trifft! Der verabschiedete sich einst in die Anonymität einer Dschungelhütte, wo er nun seltsame Heilmethoden praktiziert. Etwa das berüchtigte Auf-den-Fuss-pinkeln gegen Seeigel-Stachel. Diese Art wilden, manchmal skurrilen Humors durchzieht den ganzen Trickfilm mit seiner sehr, sehr spaßigen Animation: Die Osterinseln begrüßen die Surfer mit riesigen Pinguin-Köpfen anstelle der bekannten Vorzeit-Skulpturen. Als Sidekick begleitet Cody ein verrücktes Huhn - tatsächlich: ein Huhn! Dessen Erlebnisse auf einem Urwald-Trip wäre eigentlich einen eigenen Film wert, ganz wie bei Scrat aus "Ice Age". Zwischendurch amüsiert man sich über den irritierten Blick eines roter Octopus', der als Lebensretter-Boje a la "Baywatch" mitmacht. Und der Seeigel beschwert sich vor laufender Kamera unter Wasser über umgeknickte Stachel.
Und das Erstaunlichste an dieser Animation: Da gleitet tatsächlich ein dicker, alter, gemalter Pinguin graziös auf den Wellen. Die Animateure zauberten per Computer-Malerei nicht nur beseelte Tierchen auf die Leinwand, sie verliehen ihnen in den passenden Momenten sogar Eleganz. Beeindruckend auch die Detailgenauigkeit der Wellen; eindrucksvoll, welche Fortschritte die Animationstechnik gemacht hat.
Nach dem niedlichen Zeichentrick-Öko-Musical "Happy Feet" und der umwerfend komischen Parodie "Farce of the Penguins" liefert diese freche Animation noch eine Antwort auf die ideologisch und religiös verbrämte, fürchterlich vermenschlichte "Reise der Pinguine". Selbstverständlich hört man Sätze wie: "Gib niemals auf und finde deine Welle!" Aber die wichtigste Lektion bleibt Codys erste: Spaß haben! Und dabei hilft dieser Film definitiv
10.9.07
Salvador - Kampf um die Freiheit
Spanien 2006 (Salvador - Puig Antich) Regie: Manuel Huerga mit Daniel Brühl, Tristán Ulloa, Oriol Arau, Leonardo Sbaraglia, Joel Joan 134 Min.
Daniel Brühl ist nicht nur einer der besten jungen deutschen Schauspieler, er ist auch Halb-Spanier. Für die Rolle des katalanischen Widerstandskämpfers Salvador Puig Antich drehte er erstmals in seinem Geburtsort Barcelona. Und synchronisierte sich selbst für die deutsche Fassung. Der Anarchist und Bankräuber Salvador Puig Antich wurde 1974 in der Franco-Diktatur hingerichtet. Als letzter politischer Gefangener dieser dunklen Epoche Spaniens.
Es sind die Szenen der wilden, lustvollen Widerstands, die sich international so gleichen: Mit dem Mut der Jugend kämpfen Salvador Puig Antich und seine Freunde 1973 gegen das Regime Francos, philosophieren, genießen das Leben. Um den Kampf zu finanzieren, werden Banken überfallen. Doch die politischen Täter stellen sich dabei stümperhaft an, die Gruppe schrumpft. In einer brutalen Polizeiaktion wird auch Salvador festgenommen, in einem Schusswechsel stirbt dabei ein Polizist. Nun wartet der junge Mann auf seinen Prozess und die wahrscheinliche Hinrichtung.
In einer reizvollen Form erzählt Salvador im Gefängnis seinem Anwalt von den Ereignissen. Mit Farbverfremdungen und expressiven Aufnahmen gestaltet der Regisseur Stimmungen der Rückblenden, während in der Gegenwart vor allem die Menschen um Salvador in einen sensibel gezeigten Dialog mit dessen zurückhaltender Persönlichkeit treten. Da ist vor allem der Gefängniswärter, der Salvador anfangs hasst, ihm aber über einen Brief an dessen Vater näher kommt. Und die Familie Salvadors, das enge Verhältnis zur jüngeren Schwester, das schwierige zum Vater.
Manuel Huerga gelang ein stilistischer wie emotional intensiver Film, der eine fast vergessene Zeit Europas mit einem leidenschaftlichen Kampf wieder aufleben lässt. Vor allem in der Originalversion ist die andere Seite von Daniel Brühl beeindruckend.
Yella
BRD 2007 (Yella) Regie: Christian Petzold mit Nina Hoss, Devid Striesow, Hinnerk Schönemann 88 Min. FSK: ab 12
Wirtschaftsthriller und Psycho-Trip
Yella (Nina Hoss) ist eine junge Frau aus dem Osten, die gerade einen neuen Job fand. Zwar stört ihr latent aggressiver Ex Ben, doch beim vorsichtigen Wesen ist leichte Freude über den Aufbruch erkennbar. Als Ben sie zum Bahnhof bringt, stürzt er beide mit dem roten Land Rover in die Elbe, ausgerechnet der Grenze zwischen Ost und West. Doch Yella überlebt, fährt klatschnass nach Hannover, lernt nach der Pleite ihres neuen Arbeitgebers einen Risiko-Finanzier kennen, macht märchenhaft schnell Karriere und verliebt sich. Allerdings verfolgt sie der Ex wie ein Gespenst und auch sonst wirkt einiges nicht ganz real...
Kühl und nüchtern porträtiert Petzold nach "Gespenster" und "Die innere Sicherheit" wieder eine Frau in einer intensiven, außerordentlichen Lebenssituation. "Yella" von Christian Petzold, machte aus nüchterner Wirtschafts-Realität ein fesselndes Psycho-Puzzle. Dabei legt er deutliche Spuren auf die Leinwand, dass die eigentliche Handlung ein Traum oder eine Form von Wahnsinn sein muss. Alle Männer ähneln sich frappant, Typen wiederholen sich wie Farben. Wasser durchfließt den ganzen Film. Erstaunlich dabei, dass diese Wunsch-Fantasie Yellas in seiner kühlen Klarheit so gar nicht traumhaft wirkt. "Yella" reißt nicht emotional mit, es ist spannendes Kopf-Kino von einem der intellektuellsten Autoren unserer Zeit.
Ein mutiger Weg
USA 2007 (A Mighty Heart) Regie: Michael Winterbottom mit Angelina Jolie, Dan Futterman, Archie Panjabi 100 Min.
"Ein mutiger Weg" erzählt die wahre Geschichte der französischen Journalistin Mariane Pearl (Angelina Jolie), deren amerikanischer Mann Daniel in Pakistan entführt und nach vierwöchiger Gefangenschaft schließlich hingerichtet wird. Mit eindrucksvoller Stärke steuert die Hochschwangere die Nachforschungen bis zum markerschütternden Schmerzensschrei im Moment der Todesnachricht.
Die Trümmer von 9/11 sind noch nicht beseitigt, die ersten Bomben fallen auf Afghanistan, das 2002 irgendwie als schuldig ausgemacht wurde. Mariane Pearl und ihr Ehemann Daniel, ein Journalist des "Wall Street Journal", berichten engagiert und offen aus Pakistan. Daniel ist Jude und sich durchaus bewusst, dass er bei religiös radikalen Interviewpartnern in besondere Gefahr begibt. Trotzdem verfolgt er einen Hinweis, lässt nicht locker, als er die Chance bekommt, einen mächtigen Führer im Untergrund zu interviewen. Das Letzte, was der Film von ihm zeigt, ist eine Fahrt im Taxi ins Nirgendwo weit draußen vor der Stadt.
Nun beginnt der eindrucksvolle Kampf der Mariane Pearl: Die Polizei ist nicht hilfreich, startet erst einmal eine Hausdurchsuchung. Geheimdienste mit unterschiedlichen Interessen machen das Haus der Pearls zur Kommandozentrale. Angelina Jolie verkörpert eindrucksvoll die ungemein gefasste und starke Mariane, spielt ähnlich intensiv wie Meg Ryan in "Lebenszeichen - Proof of Life". Anrührend dabei die Hilfe von Freunden und die Anteilnahme einiger Helfer. Zur Spannung tragen die authentischen Aufnahmen der rastlosen Metropole Karatschi bei, wie überhaupt die Dramaturgie Winterbottoms erneut enorm mitreißend ist.
Doch inhaltlich ist "Ein mutiger Weg" für Regisseur Michael Winterbottom, der bislang mühelos zwei außerordentliche Filme pro Jahr hinlegte, die erste Enttäuschung. Es braucht gar nicht den Vergleich zu seinen thematisch nahe liegenden Filmen "In This World" und "Road to Guantanamo", um die politische Nichtigkeit dieser handwerklich anständigen Arbeit zu bemerken. Da sitzen in Karatschi lauter nette Leute am Krisentisch, gleich drei Geheimdienste verstehen sich problemlos, alle werden Freunde. Auch die pakistanischen Polizisten, die gerade jemanden gefoltert haben, weil auf seinem Rechner eine bestimmte Email zu finden war. Nur am Ende weist die vom Islamisten-Rassismus der Medien weit entfernte Mariane tapfer darauf hin, dass während der Entführung auch 10 Pakistani durch religiöse Gewalt starben.
Nun kann man für Winterbottom anführen, dass er eine autobiografische Geschichte verfilmte. Wahrscheinlich erlag der politische Winterbottom dieser außerordentlichen Frau und ihrem Buch zu diesen Ereignissen. Wenn man dieses "große, starke Herz" ("A Mighty Heart" lautet der Originaltitel) im Film erlebt, kann man das ganz gut verstehen.
9.9.07
Venedig 2007 Preise
Vorsichtiger Preis
Venedig. Zum zweiten Male nach 2005 erhielt der Taiwanese Ang Lee am Samstagabend den Goldenen Löwen, den Hauptpreis der Filmfestspiele von Venedig (29.8.-8.9.). Nach "Brokeback Mountain" kehrte der ebenso meisterliche wie vielseitige Regisseur mit "Se, Jie (Lust, Caution)" (Leidenschaft, Vorsicht) in heimatliche Gefilde zurück: Die tragische Geschichte einer chinesischen Widerstandskämpferin unter japanischer Okkupation bot edles Historienkino mit gefährlichen Leidenschaften.
Vorsicht: Lust! könnte auch der Titel des Siegerfilms lauten, der auf einer Kurzgeschichte der populären chinesischen Autorin Eileen Chang basiert. Die junge Agentin Wong Chai Chi gerät 1942 während der japanischen Besetzung großer Teile Chinas an eine Laien-Theater- und Laien-Widerstandstruppe. Sie verliebt sich direkt in deren Anführer, muss aber mit einem gefährlichen Kollaborateur ein Verhältnis eingehen, damit man diesen ermorden kann. Während die Liebe unausgesprochen bleibt, bricht in expliziten Bildern die sexuelle Leidenschaft zwischen Agentin und Feind aus. Mit tragischen Folgen. Auch der Preis für die Beste Kamera ging an dieses Drama und seinen Kameramann Rodrigo Prieto.
Dass im dritten Jahr ein Film mit deutlicher asiatischer Beteiligung in Venedig gewinnt, gibt nicht nur die Innovationskraft dieser Weltregion wieder. Der italienische Festivaldirektor und Weltbürger Marco Müller, in mehreren asiatischen Sprachen zuhause, ist an der starken Präsenz Asiens in Venedig sicherlich nicht unbeteiligt.
Ein in China spielender Widerstandsfilm lässt selbstverständlich auch immer Kritik am heutigen System vermuten. So ein Subtext war aber bei Ang Lee für Außenstehende nicht zu erkennen. Allein im Vorfeld gab es hinter den Kulissen Rangeleien, ob der Film unter dem Produktionsland Taiwan oder China laufen sollte. Eine Kleinigkeit, wenn ansonsten schon mal gerne chinesische Filme ganz von Festivals abgezogen werden.
Die Jury der "64. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica" unter der Leitung des Chinesen Zhang Yimou wählte aus den 23 Wettbewerbsfilmen beim Hauptpreis ein allgemein positiv aufgenommenes Werk, das allerdings eine Weile braucht, bis sich sein Drama mit erschütternder Kraft entfaltet. Erst beim Silbernen Löwen entschied sich Zhang mit seinen Jury-Kollegen den Regisseuren Catherine Breillat, Jane Campion, Emanuele Crialese, Alejandro González Iñárritu, Ferzan Ozpetek und Paul Verhoeven, für ein brisantes Thema: "Redacted" von Brian De Palma gibt sich als Dokumentation aus und zeigt Gräueltaten amerikanischer Soldaten im Irak.
Als Bester Darsteller wurde Brad Pitt in der Western-Rolle des legendären, zwischen Manie und Depression schwankenden Killers Jesse James im Film "The Assassination Of Jesse James By The Coward Robert Ford" ausgezeichnet. Cate Blanchett erhielt wie erwartet den Preis für die Beste Schauspielerin für ihre Interpretation von Bob Dylan in der avancierten und offenen Biografie "I'm Not There" von Todd Haynes. Im Vorfeld wurde scherzhaft getippt, Blanchett könnte eigentlich beide Darstellerpreise, den männlichen und den weiblichen, so gut sei ihre Interpretation des mit Drogen und engstirnigen Journalisten kämpfenden Dylan.
Einen "Spezial-Löwen" gab es für das Gesamtwerk von Nikita Mikhalkov, der auch in seinem neuen Film "12" mit "großer Humanität und viel Gefühl die Komplexität der Existenz" erforscht, meinte die Jury. Tatsächlich zeigte Mikhalkovs Sitzung von 12 Geschworenen in einer heruntergekommenen Turnhalle mit vielen individuellen Schlaglichtern auf die Schicksale aller Beteiligten ein bewegendes Bild vom Zustand der russischen Gesellschaft, wobei die Menschen immer im Mittelpunkt stehen.
"It's a Free World", der neue, wieder von der Filmstiftung NRW geförderte Film von Ken Loach, erhielt den Preis für das Beste Drehbuch. Die Osella, die Goldmedaille der Filmfestspiele von Venedig, nahm Autor Paul Laverty entgegen. Das erschütternde Drama um eine zunehmend skrupellosere Arbeitsvermittlerin in London wurde auch mit dem EIUC Human Rights Film Award ausgezeichnet und erhielt eine besondere Erwähnung der Signis Awards, der World Catholic Association for Communication.
Venedig. Zum zweiten Male nach 2005 erhielt der Taiwanese Ang Lee am Samstagabend den Goldenen Löwen, den Hauptpreis der Filmfestspiele von Venedig (29.8.-8.9.). Nach "Brokeback Mountain" kehrte der ebenso meisterliche wie vielseitige Regisseur mit "Se, Jie (Lust, Caution)" (Leidenschaft, Vorsicht) in heimatliche Gefilde zurück: Die tragische Geschichte einer chinesischen Widerstandskämpferin unter japanischer Okkupation bot edles Historienkino mit gefährlichen Leidenschaften.
Vorsicht: Lust! könnte auch der Titel des Siegerfilms lauten, der auf einer Kurzgeschichte der populären chinesischen Autorin Eileen Chang basiert. Die junge Agentin Wong Chai Chi gerät 1942 während der japanischen Besetzung großer Teile Chinas an eine Laien-Theater- und Laien-Widerstandstruppe. Sie verliebt sich direkt in deren Anführer, muss aber mit einem gefährlichen Kollaborateur ein Verhältnis eingehen, damit man diesen ermorden kann. Während die Liebe unausgesprochen bleibt, bricht in expliziten Bildern die sexuelle Leidenschaft zwischen Agentin und Feind aus. Mit tragischen Folgen. Auch der Preis für die Beste Kamera ging an dieses Drama und seinen Kameramann Rodrigo Prieto.
Dass im dritten Jahr ein Film mit deutlicher asiatischer Beteiligung in Venedig gewinnt, gibt nicht nur die Innovationskraft dieser Weltregion wieder. Der italienische Festivaldirektor und Weltbürger Marco Müller, in mehreren asiatischen Sprachen zuhause, ist an der starken Präsenz Asiens in Venedig sicherlich nicht unbeteiligt.
Ein in China spielender Widerstandsfilm lässt selbstverständlich auch immer Kritik am heutigen System vermuten. So ein Subtext war aber bei Ang Lee für Außenstehende nicht zu erkennen. Allein im Vorfeld gab es hinter den Kulissen Rangeleien, ob der Film unter dem Produktionsland Taiwan oder China laufen sollte. Eine Kleinigkeit, wenn ansonsten schon mal gerne chinesische Filme ganz von Festivals abgezogen werden.
Die Jury der "64. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica" unter der Leitung des Chinesen Zhang Yimou wählte aus den 23 Wettbewerbsfilmen beim Hauptpreis ein allgemein positiv aufgenommenes Werk, das allerdings eine Weile braucht, bis sich sein Drama mit erschütternder Kraft entfaltet. Erst beim Silbernen Löwen entschied sich Zhang mit seinen Jury-Kollegen den Regisseuren Catherine Breillat, Jane Campion, Emanuele Crialese, Alejandro González Iñárritu, Ferzan Ozpetek und Paul Verhoeven, für ein brisantes Thema: "Redacted" von Brian De Palma gibt sich als Dokumentation aus und zeigt Gräueltaten amerikanischer Soldaten im Irak.
Als Bester Darsteller wurde Brad Pitt in der Western-Rolle des legendären, zwischen Manie und Depression schwankenden Killers Jesse James im Film "The Assassination Of Jesse James By The Coward Robert Ford" ausgezeichnet. Cate Blanchett erhielt wie erwartet den Preis für die Beste Schauspielerin für ihre Interpretation von Bob Dylan in der avancierten und offenen Biografie "I'm Not There" von Todd Haynes. Im Vorfeld wurde scherzhaft getippt, Blanchett könnte eigentlich beide Darstellerpreise, den männlichen und den weiblichen, so gut sei ihre Interpretation des mit Drogen und engstirnigen Journalisten kämpfenden Dylan.
Einen "Spezial-Löwen" gab es für das Gesamtwerk von Nikita Mikhalkov, der auch in seinem neuen Film "12" mit "großer Humanität und viel Gefühl die Komplexität der Existenz" erforscht, meinte die Jury. Tatsächlich zeigte Mikhalkovs Sitzung von 12 Geschworenen in einer heruntergekommenen Turnhalle mit vielen individuellen Schlaglichtern auf die Schicksale aller Beteiligten ein bewegendes Bild vom Zustand der russischen Gesellschaft, wobei die Menschen immer im Mittelpunkt stehen.
"It's a Free World", der neue, wieder von der Filmstiftung NRW geförderte Film von Ken Loach, erhielt den Preis für das Beste Drehbuch. Die Osella, die Goldmedaille der Filmfestspiele von Venedig, nahm Autor Paul Laverty entgegen. Das erschütternde Drama um eine zunehmend skrupellosere Arbeitsvermittlerin in London wurde auch mit dem EIUC Human Rights Film Award ausgezeichnet und erhielt eine besondere Erwähnung der Signis Awards, der World Catholic Association for Communication.
6.9.07
Alte Meister, bekannte Genres in Venedig
Venedig. Zum Abschluss des Wettbewerbs erlaubte sich die Programmplanung den Scherz, "12" von Andrej Michalkov, ein russisches Remake von "Die zwölf Geschworenen", anzusetzen. Heute Abend werden die Goldenen Löwen der "64. Mostra internazionale d'arte cinematografica" (29.8.-8.9.) verliehen, und es wird sich zeigen, welche Dramen sich in Juryraum der auf Film Eingeschworenen abgespielt haben.
Bei einem wohltemperierten Wettbewerb aus lauter Weltpremieren mit wenig Sensationellem und kaum Enttäuschungen dürften die Entscheidungen auch nicht sonderlich aufregen. "Venezia 64", wie man hier den Wettbewerb des Jahres 2007 nennt, verwöhnte mit Filmkunst auf hohem Niveau, bewies, dass aus Hollywood auch Anspruch kommen kann und ließ eine Filmsensation vermissen, die alle begeistert oder wenigstens entzweit. Drei Werke waren besonders im Gespräch: "The Darjeeling Limited", die einzigartig eigenartige Selbstfindung drei Brüder in Indien von Wes Anderson. Der Western "The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford" mit Brad Pitt als lebensmüdem Serienmörder. Und als mutigster, avanciertester Beitrag die frei assoziierende Bob Dylan-Biographie "I'm not there" von Todd Haynes.
Während Cannes in diesem Jahr betont jungen Leuten Platz im Programm machte, hat Venedig die alte Garde abbekommen: Woody Allen mit 76 Jahren und dem 43. Film "Cassandra's Dream" - durchgehend enttäuschend. Im Kwon Taek, der koreanische Altmeister (71) mit seinem 100.Film - wunderbar. Wieder hat er eine Geschichte über eine traditionelle Sängerfamilie gedreht: Der Vater ist fanatischer Künstler, der vor allem seine Stieftochter zur großen Sängerin machen will. Der Sohn verabschiedet sich irgendwann von der brotlosen Kunst und versucht ab dann jahrzehntelang, wieder mit der Stiefschwester zusammen zu kommen, weil sich beide lieben. Zwischendurch lässt der Vater seine Tochter erblinden, damit die nicht auch noch wegläuft und sich ganz auf die Kunst konzentrieren muss. Eric Rohmer (87, circa 50 Filme) blieb mit einem moralischen Schäferinnen-Stück weit in der Vergangenheit. Chabrol (77, mehr als 60 Filme) ließ der Moral erst gar keine Chance zwischen Lust und unglücklicher Liebe. Ken Loach ist zwar erst 71, machte aber auch nichts Neues im Kampf gegen Ausbeutung und Globalisierung. Der 98-jährige Manoel de Oliveira hält den Rekord und konnte uns deshalb noch eine wahrscheinlich persönlich erlebte Fußnote zum Landsmann Columbus erzählen.
Nicht unbedingt ein Trend, aber sehr erfreulich waren die Frischzellen-Kuren traditionsreicher Genres. Und solche neuen Sichtweisen verdanken wir meist den Asiaten. Der Western feierte mit "The Assassination ..." die (Wieder-) Entdeckung der Langsamkeit und mit Brad Pitt ein manisch-depressives Gesicht des Psycho-Duells. Doch die Krönung einer film-historischen Retrospektive zum Einfluss des Spaghetti-Western fand auch im Wettbewerb statt: "Sukiyaki Western Django" vom japanischen Kult-Regisseur Miike Takashi ist gleich Kult hoch drei. Wenn Quentin Tarantino im Epilog vor gemaltem Berg Fuji Essstäbchen aus dem Pistolen-Halfter zieht und mit herrlich von japanischem Dialekt durchsetzten Englisch die Saga vom Krieg des roten Heike- und des weißen Genji-Clans anhebt, dann jubeln die Asia-Fans und die alten Western-Knochen können sich ein Lächeln nicht verkneifen. Tatsächlich kreuzen sich bis zum letzten Gefecht immer wieder Colt und Samurai-Schwert, dazu mixt sich der Cowboy-Dress mit traditionellen japanischen Kostümen und anachronistischen Punk-Elementen. Eine rot-weiße Western-Stilblüte, die ungewohnt Spaß macht. Nur dass die japanischen Schauspieler alle Englisch sprechen mussten, so dass am Ende wohl weder japanische noch englische Ohren ohne Untertitel was mitbekommen, war eine Schnaps- ähm: Sake-Idee.
Greenaway erfreute, weil er in "Nightwatching", der Verfilmung von Rembrandts "Nachtwache" als Krimi, wieder zu seinen alten Qualitäten fand und den Abschied vom Erzählkino rückgängig machte. Auch der Überraschungsfilm überraschte tatsächlich: Johnny To, Meisterregisseur des Cop-Films aus Hongkong, landete mit "Mad Detective" einen Volltreffer genau zwischen den Augen: Ein Kommissar wie in Lynchs "Twin Peaks" gemischt mit "Monk" aus dem Fernsehen, klärt Fälle äußert unkonventionell auf, indem er die Tat nachspielt und sich dabei tatsächlich in die Mörder und Räuber versetzt. Zudem sieht er die vielfältigen Persönlichkeiten der Menschen ganz konkret als mehrere Personen. Man MUSS unweigerlich an die Bob Dylan-Biographie "I'm not there" denken! Bis zum Finale - selbstverständlich im Spiegelkabinett der Schizophrenie - findet noch ein komplizierter Austausch von Dienstwaffen statt. Das ist Johnny To pur und gefällt sowohl als Krimi als auch als verrückter Arthouse-Film.
So kann man auch den Klassiker "Mostra del cinema" auch siebzig Jahre nachdem der erste Filmprojektor anlief immer noch genießen. Die inhaltliche Revolution und Konzentration durch Festivaldirektor Marco Müller bleibt gelungen. Eine Runderneuerung der Infrastruktur wäre allerdings dringend vonnöten. Man staunt immer wieder, dass es dieses Festival überhaupt geben kann, weil an allen Ecken und Kanten irgendwas nicht funktioniert, aber sich auch keiner drum kümmert. Doch wenigstens die Filme liefen - und das sogar pünktlich.
5.9.07
Das Bourne Ultimatum
USA 2007 (The Bourne Ultimatum) Regie: Paul Greengrass mit Matt Damon, Julia Stiles, Joan Allen, David Strathairn, Paddy Considine, Daniel Brühl 111 Min. FSK ab 12
Eigentlich frustrierend: Fast zwei Stunden Vollgas-Film und dann weiß man immer noch nicht, was denn das "Bourne Ultimatum" eigentlich ist. Aber wie war das mit der "Bourne Supremacy", dem zweiten Teil der Verfilmung von den drei Bourne-Romanen Robert Ludlums? Da hat der deutsche Verleih freundlich mit "Bourne Verschwörung" übersetzt. Nur die "Bourne Identität" war ein eindeutiger Titel, obwohl der Agent Jason Bourne genau das bis zum Ende aller drei Teile sucht: Seine eigentliche Identität. Doch die Fans wissen von den bisherigen Teilen noch das Wichtigste: Das war stark!
In Moskau geht es ohne lange Vorrede mit einem Autocrash los. Gab es das nicht schon in "Bourne 2"? Aber solche Filme sind zum sofortigen Vergessen gedreht. Dann, ohne nach Luft zu schnappen, weiter nach Paris und weiter, weiter, weiter. Wichtiger als die Handlung ist die Geschwindigkeit. Selten wurde vorher in einem Action-Film so sinnleer das Tempo hochgehalten! Moskau, Paris, London, Tanger und New York sind die Handlungsorte und das in so rascher Abfolge, dass es James Bond den Martini im Magen rühren und schütteln würde.
Und nach langer, leerer Raserei landet Bourne (Matt Damon) letztendlich wieder in New York, wo alles anfing. Hier wurde er in einer Filiale des CIA zur unschlagbaren und fast unkaputtbaren Kampf- und Mordmaschine ausgebildet. Dabei ging ne Menge Persönlichkeit und auch nahezu das ganze Gedächtnis an sein Vorleben den Bach runter. Und diese Erinnerung will der Geheimdienstler mit wiedererwachendem Gewissen zurück. Hauptgegner ist sein ehemaliger Arbeitgeber CIA, aber irgendwie sind die immer zu doof oder zu langsam, ihre Geheimwaffe wieder einzufangen. Eine Vorgesetzte wird dabei zur Kollaborateurin, im Sumpf aus Korruption und Selbstjustiz hält sie die Verfassungswerte aufrecht und Bourne in Bewegung.
Der Abspann macht klar, wo es langging: Fünfzig Stuntleute hielten in den USA ihre Knochen für Jason Bourne hin, noch einmal fünfzig waren es in England. Auch bleiben immer wieder Frauen Jasons auf der Strecke, meist von den Gegnern heimtückisch erledigt. Klaus Theweleit würde mit seiner Orpheus-Theorie Bourne und den Drehbuchautoren Mitschuld anrechnen, denn hätte der rasende Agent weiter verliebt Ferien mit Franka Potente gemacht, wäre die Serie schnell zu Ende gewesen. Passend zu Orpheus gibt es ein wenig Schwindel erregenden Vertigo-Effekt, wenn eine junge CIA-Kollegin (Julia Stiles) als vergessene alte Beziehung aus dem Reich der vermeintlich Toten auftaucht. Vertigo-Effekt war, als Hitchcock die Kamera gleichzeitig ranzoomte und in die andere Richtung fuhr. Hitchcock war, als man Spannung inszenierte und dafür überhaupt nicht mit Höchstgeschwindigkeit durch die Handlung rasen musste. Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?
Hairspray
USA 2007 (Haispray) Regie: Adam Shankman mit Darsteller: Nikki Blonsky, John Travolta, Michelle Pfeiffer, Christopher Walken, Amanda Bynes, James Marsden, Queen Latifah 116 Min. FSK ab 0
Nein, nicht John Travolta im Speckmantel ist die Sensation dieses netten Musicals: Neuling Nikki Blonsky tanzt und singt sich in die Herzen. Als pummeliger Teenager Tracy Turnblad schwärmt sie mitten im Baltimore der Sechziger von der hippen "Corny Collins Show". Das Nachsitzen bei schwarzen Mitschüler-Klischees bringt dem braven weißen Mädel ganz neue Schritte bei und schon ist sie die Neue in der Show. Zum Entsetzen der Managerin (Michelle Pfeiffer), die alle Kameras nur auf ihrer Tochter sehen will. Als Tracy im rassistischen Amerika herzlich naiv die Rassentrennung in Frage stellt, wird sie endgültig zur Zielscheibe...
Der Film "Hairspray" war der harmloseste vom zügellosen Lust(ig)-Regisseur John Waters, der sich am Anfang selber als Exhibitionist sehen lässt. Das entschärfte Broadway-Musical wurde ein Hit und nun wieder ein Film. Der hat schon mit dem getanzten, gehüpften Schulweg Tracys gewonnen - trotz der brav angegangenen Thematik und der eher fröhlichen als spektakulären Shownummern. Und dann gibt es ja auch den tanzenden, travestierenden Travolta, der als Tracys Mutter eine echte Lachnummer bringt.
4.9.07
Welt-Verbesserer
Das Schöne am Roten Teppich von Venedig ist seine Länge: Mehr als hundert Meter paradieren die Stars parallel zu den Fans auf dem Weg in den Festivalpalast am Lido. Da kann die Treppe in Cannes nicht mithalten und Berlin schon gar nicht. Und die weiße Absperrung dient auf beiden Seiten als Graffiti-Wand: "George komm hier hin" steht dort mehrfach in Englisch, "Brad küss mich" und auch "Brad and Angelina - you made the world a better place" (Danke, dass ihr die Welt verbessert!).
Der aktuelle Weltverbesserer ist allerdings Richard Gere: In "The Hunting Party" (Die Jagdgesellschaft) spielt er den Kriegs-Journalisten Simon Hunt, der einen serbischen Kriegsverbrecher jagt. Es ist die alte Geschichte des zynischen Reporters, dessen harter Panzer schließlich doch durch eine persönliche Begegnung gebrochen wird. Nachdem seine schwangere bosnische Freundin bei einem Massaker der Serben vergewaltigt und umgebracht wurde, bricht Hunt vor laufender Kamera zusammen, verliert den Star-Job und sinkt in den folgenden Jahren immer tiefer. Doch nun ist er auf der Spur des meistgesuchten Kriegsverbrechers und einer großen Geschichte.
Eine große Geschichte ist der Film von Richard Shepard nicht, deshalb läuft er auch nur in der oft anspruchslosen Nachtschiene. Man sollte sich nur eines merken und deshalb machte Richard Gere wohl auch gerne mit: Drei orientierungslose Journalisten finden den Kriegsverbrecher, den NATO, UN-Truppen und Geheimdienste angeblich jahrelang suchen, innerhalb von zwei Tagen! Nicht erst, als die CIA in einer absurden Drehbuchfinte die Ergreifung des Massenmörders verhindert, merkt man, dass hier was nicht stimmt. Im Film und in der korrupten Realität.
Besser sieht Gere in der seltsamen Bob Dylan-Biografie "I'm not there" (Ich bin nicht dort) von Todd Haynes aus. Hier setzen sich Karriere und Persönlichkeit des Folk-Rock-Poeten aus mehreren Charakteren zusammen. Unter ihnen ist ein schwarzer Junge und Cate Blanchett, die eine drogenreiche Episode Dylans verkörpert und der Journaille klar machen will: Ich will mit meiner Musik NICHT die Welt verbessern! Der Regisseur der Glam-Rock-Geschichte "Velvet Goldmine" und von "Far from Heaven" erzählt kunstvoll wie originell, nur macht er es recht mühsam, ein Gesamtbild Dylans zusammen zu puzzlen.
In der Sektion "Giornati degli autori" (Autorentage) startete Andreas Kleinerts "Freischwimmer" mit einem touristischen Blick auf Monschau. Während Japaner und Afrikaner schöne Schieferfassaden bewundern, erstickt in der Schule der Schwimmstar Robert an einem Eclair, Liebesknochen genannt. Der schwerhörige, feinsinnige Rico nimmt den Tod kalt mit seiner Kamera auf. Da auch im Kollegium Spannungen herrschen, hat eine Kirchenfrau mit kriminalistischem Interesse viel herauszufinden. Wer am Ende was schuld ist, interessiert schon nach wenigen Minuten der sehr einfachen Geschichte mit schlecht gespielten, drehbuch-trockenen Figuren nicht mehr. Die von der Filmstiftung NRW geförderte WDR-Produktion ist auf einem Filmfestival dieser Größe völlig deplatziert.
Der aktuelle Weltverbesserer ist allerdings Richard Gere: In "The Hunting Party" (Die Jagdgesellschaft) spielt er den Kriegs-Journalisten Simon Hunt, der einen serbischen Kriegsverbrecher jagt. Es ist die alte Geschichte des zynischen Reporters, dessen harter Panzer schließlich doch durch eine persönliche Begegnung gebrochen wird. Nachdem seine schwangere bosnische Freundin bei einem Massaker der Serben vergewaltigt und umgebracht wurde, bricht Hunt vor laufender Kamera zusammen, verliert den Star-Job und sinkt in den folgenden Jahren immer tiefer. Doch nun ist er auf der Spur des meistgesuchten Kriegsverbrechers und einer großen Geschichte.
Eine große Geschichte ist der Film von Richard Shepard nicht, deshalb läuft er auch nur in der oft anspruchslosen Nachtschiene. Man sollte sich nur eines merken und deshalb machte Richard Gere wohl auch gerne mit: Drei orientierungslose Journalisten finden den Kriegsverbrecher, den NATO, UN-Truppen und Geheimdienste angeblich jahrelang suchen, innerhalb von zwei Tagen! Nicht erst, als die CIA in einer absurden Drehbuchfinte die Ergreifung des Massenmörders verhindert, merkt man, dass hier was nicht stimmt. Im Film und in der korrupten Realität.
Besser sieht Gere in der seltsamen Bob Dylan-Biografie "I'm not there" (Ich bin nicht dort) von Todd Haynes aus. Hier setzen sich Karriere und Persönlichkeit des Folk-Rock-Poeten aus mehreren Charakteren zusammen. Unter ihnen ist ein schwarzer Junge und Cate Blanchett, die eine drogenreiche Episode Dylans verkörpert und der Journaille klar machen will: Ich will mit meiner Musik NICHT die Welt verbessern! Der Regisseur der Glam-Rock-Geschichte "Velvet Goldmine" und von "Far from Heaven" erzählt kunstvoll wie originell, nur macht er es recht mühsam, ein Gesamtbild Dylans zusammen zu puzzlen.
In der Sektion "Giornati degli autori" (Autorentage) startete Andreas Kleinerts "Freischwimmer" mit einem touristischen Blick auf Monschau. Während Japaner und Afrikaner schöne Schieferfassaden bewundern, erstickt in der Schule der Schwimmstar Robert an einem Eclair, Liebesknochen genannt. Der schwerhörige, feinsinnige Rico nimmt den Tod kalt mit seiner Kamera auf. Da auch im Kollegium Spannungen herrschen, hat eine Kirchenfrau mit kriminalistischem Interesse viel herauszufinden. Wer am Ende was schuld ist, interessiert schon nach wenigen Minuten der sehr einfachen Geschichte mit schlecht gespielten, drehbuch-trockenen Figuren nicht mehr. Die von der Filmstiftung NRW geförderte WDR-Produktion ist auf einem Filmfestival dieser Größe völlig deplatziert.
2.9.07
Mörderische Liebe in Venedig
Venedig. Eigentlich könnten Welt und Globalisierung so einfach zu verstehen sein: Die Amerikaner kümmern sich um den Krieg und seine Folgen. Die Franzosen um die Liebe und ihre Folgen. Und die Briten um Moral sowie ihre folgenschwere Abwesenheit. Zur Halbzeit des Wettbewerbes um den Goldenen Löwen sind filmisch die Aufgaben klar verteilt und herrscht am Lido angeregte Zufriedenheit. Ein Favorit ist allerdings noch nicht auszumachen. Doch in der Dramaturgie einer Marco Müller-Mostra kommen die Asiaten erst spät ins Spiel. 2006 gewann "Still Life" von Jia Zhang-Ke, der als "Überraschungsfilm" nachträglich ins Programm genommen wurde. Auch 2007 gibt es wieder einen noch unbekannten Starter aus Asien...
Perspektiven
Wenige Stunden nach "Redacted", Brian De Palmas Schein-Doku zur Verrohung amerikanischer Soldaten im Irak, ging zum exakt gleichen Thema "In the Valley of Elah" von Paul Haggis an den Start. Chancenlos eigentlich. Denn nachdem man gesehen hat, wie amerikanische Soldaten morden und vergewaltigen, interessiert es nicht wirklich, wie zerrüttet oder zerstückelt die "Jungs" nach Hause kommen. Doch Haggis, der mit "Crash" ein faszinierend differenziertes und einfühlsames Panorama amerikanischer Unnahbarkeiten zeichnete, erzählt mehr. Tommy Lee Jones - inzwischen eine Art moralischer Instanz im amerikanischen Schauspiel - versucht als Polizist und ehemaliger Soldat Hank Deerfield die Mörder seines Sohnes Mike zu finden, der erst vor wenigen Tagen aus dem Irak zurück kam. Dabei entdeckt er zum einen, was für ein Monster sein Sohn wurde, und er muss sich die Frage stellen, ob er ein guter Soldaten-Vater war. In der letzten Szene hisst der Patriot Hank die amerikanische Nationalflagge falsch herum: Eine Nation in Gefahr!
Auch beim Cannes-Sieger Ken Loach kommt es auf die Perspektive an. Seine moralische Lehrstunde über den menschenverachtenden Handel mit Arbeitskräften aus Osteuropa, wählt ausnahmsweise nicht den Blick der Opfer. Das hätte man schon zu oft gesehen, meinte der Brite Loach auf der Pressekonferenz. So erleben wir in dem von der Filmstiftung NRW geförderten Thesenspiel die ebenso reizvoll aussehende wie toughe Angie, die sich nach miesen Erfahrungen als Angestellte selbständig macht und mit viel Energie und Einsatz Arbeitskräfte vor allem aus Polen in London für miese Jobs vermittelt. Erschreckend zu sehen, wie der eiskalte Engel Angie auch den letzten Rest an Anstand aufgibt, um Wohlstand für die eigene Familie zu sichern. Nur ihr Vater, ein alter Sozialist, erinnert an schwer erkämpfte Werte - ungehört.
Liebe deinen nächsten Mörder
Während Altmeister Erik Rohmer in dem Schäferstück "Les Amours d'Astree et de Celadon" Treue und reine Liebe durchspielt und dabei in Kostüm (Römerzeit) und Text (aus dem 17.Jahrhundert) extrem altmodisch daherkommt, konjugiert der alte Zyniker Claude Chabrol in "La fille coupée en deux" (Die zersägte Frau") gekonnt die Wahnsinnigkeiten vergeblicher Liebe: Gabrielle verfällt dem 30 Jahre älteren Charles, der sie sexuell "erzieht" und benutzt. Nachdem der Autor sie rücksichtslos verlässt, fällt die hoffnungslos Verliebte erst in ein Koma, um dann dem Werben des albernen Millionenerben Paul nachzugeben. Doch der ist auch nach der Heirat vom Ziel seiner verzweifelten Liebe unendlich weit entfernt und erschießt Charles, der immer noch Gabrielles Herz besetzt.
Zu kompliziert? Wie wäre es mit einem echten Männerfilm? Im Western "The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford" darf Brad Pitt als Serienmörder Jesse James seinem Henker inmitten unheimlich dichter Atmosphären melancholisch verbunden lange in die Augen blicken. Bilder, Stimmungen und Texte (nach einem Roman von Ron Hansen) machen diesen gar nicht so eindeutig männlichen Western von Newcomer Andrew Dominik dann vielleicht doch zum ersten Favoriten.
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