1.6.20

Suzi Q


Australien 2019 Regie: Liam Firmager 98 Min.

Als klassische Musiker-Biografie erzählt „Suzi Q" die Karriere eines Mädchens aus Detroit City nach, das als Bass-Spielerin und Rockerin im Lederoverall mit ihrem internationalen Durchbruch im Jahr 1973 die Rolle der Frau im Rock'n Roll neu auskleidete. Schon früh startete Suzi Quatro mit Schwestern und Freundinnen die erfolgreiche Mädchenband „Pleasure Seekers", brach die Schule ab und tourte in den USA. Entschlossen, im Musikgeschäft Erfolg zu haben, zog Suzi Quatro nach London, wo sie mit dem Musikproduzenten Mickie Most an einer internationalen Karriere arbeitete. Mit „Can the Can" gelang der erste Nummer-1-Hit. Leicht angeraute Songs wie „48 Crash" oder Schmonzetten wie „Stumblin' In" mit „Smokey" Chris Norman wurden zwar keine Meilenstein der Musikgeschichte, fürs Bravo-Poster reichte es. Später kam eine TV-Rolle in der „Sitcom Happy Days" hinzu, Andrew Lloyd Webber gab ihr 1985 die Titelrolle im Musical „Annie Get Your Gun".

Gerade der Moment des Durchbruchs zeigt die Schwäche dieser Dokumentation: Ganz schlecht montiert kommt nie Begeisterung auf. „Suzi Q" lässt viel zu oft die Talking Heads anstelle der Musik sprechen. Diese - unter anderem Alice Cooper, ihr wesentlich schlechter gealtertes Groupie Joan Jett oder „Blondie" Debbie Harry - erzählen dann vor allen Dingen von der Rolle als „erster weiblicher Rockstar". Ansonsten sieht man eine anscheinend in sich ruhende Musikerin, Schauspielerin, Mutter und Großmutter gelassen zurückblicken. Nur der Neid der in Detroit ohne Erfolg zurückgebliebenen Schwestern verletzt immer noch. Aber bis auf ein paar Erklärungen zum Leben mit einer öffentlichen und einer privaten Identität ist diese Bio im Gegensatz zum alten Image kantenfrei und einfach langweilig.

La Palma


BRD 2019 Regie: Erec Brehmer mit Marleen Lohse, Daniel Sträßer 88 Min. FSK ab 0

Deutsche Pärchen-Befindlichkeiten breiten sich im aktuell jungen deutschen Film gerne im Süden aus. Siehe Maren Ades „Alle anderen" (2009) viele Filme mehr am Meer. Dort landen auch die dänische Workaholic-Zicker Sanne (Marleen Lohse) und ihr unreif verspielter Freund Markus (Daniel Sträßer). Allerdings auf der falschen Insel: La Palma statt Las Palmas auf Gran Canaria. Markus versucht, aus seiner falschen Flugbuchung das Beste zu machen. Er bricht in ein leerstehendes Ferienhaus ein und beginnt ein Rollenspiel, in dem er der spanische Plantagen-Besitzer Pablo und sie die Zufallsbekanntschaft Alba ist. Doch, wie die erste Szene mit klasse Schauspiel zeigt, brechen die Spannung zwischen der Rationellen und dem Witzbold immer wieder auf. Er hat angeblich „keine Eier" und sie kein Herz. Das Spiel gerät unter dem Druck eines Beziehungsweise-Scheiterns verzweifelt.

Mit einer verrückten Idee, die an „Toni Erdmann" (2016, wieder Maren Ade) erinnert, ziemlich übliche Beziehungsprobleme angehen. Das ist in „La Palma" manchmal originell, aber auch oft so quälend wie eine scheiternde Liebe. Sanne und Markus können beide Spaß machen und einem auf die Nerven gehen, wenn sie mit passend kläglichen Nachmach-Dialekten immer wieder aus ihren und in ihre Rollen als vermeintliche Spanier Alba und Pablo fallen. Mit dem kleinen Film ergeht es einem ähnlich.

Eine Geschichte von drei Schwestern


Türkei, BRD, Niederlande, Griechenland 2019 (Kiz Kardeşler) Regie: Emin Alper, mit Cemre Ebuzziya, Ece Yüksel, Helín Kandemír, Kayhan Açikgöz 108 Min.

Zurück zum Absender: Wie eine unerwünschte Warensendung landen die drei Schwestern Reyhan (20), Nurhan (16) und Havva (13) nacheinander wieder bei ihrem Vater in einem abgelegenen Dorf in Zentralanatolien. Sie sollten als Dienstmägde in größeren Orten arbeiten, aber Havva verprügelte regelmäßig die anderen Kinder, auf die sie aufpassen soll, Reyhan wurde schwanger und bei Nurhan starb der Betreuungsfall. 

Nach einer langen Fahrt durch karge Landschaft, die an Nuri Bilge Ceylans meisterliche Filme erinnert, geht es also zurück in das kleine dunkle Loch der Wohnung aus Steinblöcken. Dort schläft die ruhige Reyhan im „Wohnzimmer" mit ihrem rasch angeheirateten Veysel und träumt vom Leben in der Stadt. Der einfältige Ehemann versagt selbst als Schafhirte und der Vater erzählt mit anderen Männern Geschichten am Feuer. Zu tun gibt es nichts mehr, seit die Mine einstürzte.

„Eine Geschichte von drei Schwestern" referiert lose an Anton Tschechows Theaterstück „Drei Schwestern". Unter guten, ruhigen Bildern erzählt Emin Alper („Abluka - Jeder misstraut jedem") in diesem Festivalerfolg ein schweres und träges Drama mit viel Dialog, konsequent wenig Entwicklung und einer erhofften Flucht, die nie gelingt. Denn wie die Schwestern verlässt auch die Handlung nie das winzige Dorf, eingesperrt von eindrucksvoller Berglandschaft. Es gibt nur einen Moment der Freiheit, wenn die verrückte alte Hatice mit Purzelbäumen die Wiese herunterrollt. Auch nur ein Kreis, der sich dauernd wiederholt, aber wenigstens kurzzeitig Spaß macht.

29.5.20

Lotti oder der etwas andere Heimatfilm


BRD 2020 Regie: Hans-Günther Bücking, mit Marion Mitterhammer, Joyce Schenke, Jessika Weiß, Thomas Rohmer 90 Min.

Die kleine, sehr mäßig inszenierte Provinzgeschichte erinnert stark an den brasilianischen Film „Tieta" aus dem Jahr 1996: Lotti (Marion Mitterhammer) kehrt nach zehn Jahren ihre altes Dorf Bleicherode in der thüringischen Provinz zurück, wo sie ihre Tochter zurückgelassen hat. Der Empfang bringt offene Feindseligkeit und schmierige Begehrlichkeit der Männer, denn Lotti hat zwischendurch Pornos gedreht.

Das ist nicht nur unoriginell, sondern auch nur mäßig gespielt, meist sogar auf Laientheater-Niveau. Die satirisch gedachte Promenade der simpel bösartigen Dorfbewohner ist schlechtes Boulevard-Theater. Gegen das Biedere wird einfallslos Grobschlächtiges gesetzt.

Allerdings führt „Lotti" eifrig Lokalitäten vor, das Dorf-Marketing wird sich freuen. Denn alles ist einst als Lokalprojekt „Bleicherode der Film" lanciert worden und tut sich mit einem bundesweiten Start aufgrund von coronösem Filmmangel keinen Gefallen. Der Komiker Bruno Jonas mit kurzen Gastauftritten auch nicht.

25.5.20

Mina und die Traumzauberer


Dänemark (Drømmebyggerne) 2020 Regie: Kim Hagen Jensen 80 Minuten.

Die Angst der Großen (Verleiher) vor dem Virus nutzt der großartige Kinderfilm „Mina und die Traumzauberer", um nach der Wiedereröffnung der erste echte Grund zu sein, wieder ins Kino zu gehen: Ab dem 4. Juni 2020 soll er in NRW, Hessen, Schleswig-Holstein und Sachsen zu sehen sein.

Mina lebt glücklich mit Vater und ihrem Hamster Viggo Mortensen in einem traumhaften Landhaus. Nur die Mutter, die sich für eine Karriere als Sängerin entschied, wird vermisst. Doch dann zieht Helena, die neue Verlobte des Vaters, mit ihrer Tochter Jenny, einer dummen Instagram-Göre, ein. Die macht einen Aufstand wegen des niedlichen Hamsters schnappt sich Mina Bett und ekelt auch sonst nur rum. Als aber Mina eines Nachts die Kulissen hinter ihren Träumen durchbricht (siehe „Truman Show") und entdeckt, dass sie die Träume der anderen beeinflussen kann, nimmt sie das Duell auf dieser Ebene auf. Was aber gefährlich wird. Nicht nur für Minas persönlichen Traumzauberer, der zu sehr von ihr begeistert ist...

Die dänische Animation „Mina und die Traumzauberer" trumpft mit der genialen Idee auf, die wahre Traumfabrik für unseren Schlaf zu zeigen. Hinter den Kulissen werkeln kleine blaue Männlein mit Robototronic und Mini-Helferlein an der Umsetzung festgelegter Traum-Szenarien. Selbstverständlich führt es zu einem wilden Chaos, als Mina diese Drehbücher umschreibt. Aber Traum-Regisseur hat sie besonders liebgewonnen und hilft ihr, die Träume der anderen zu beeinflussen. So mag der Vater plötzlich auch im wachen Zustand Sardellen, die er in einem Traum aus Versehen statt der Geburtstagstorte erhalten hatte.

„Mina" begeistert auf den ersten Blick mit sehr lebendigen Figuren in frischer Animation. Da gibt es fantastische Träume auf einem fliegenden Schachbrett, idyllische, aber auch erschreckende Welten. Doch auch die psychologische Figurenzeichnung rund um die Probleme einer Patchwork-Familie ist sehr gelungen: Die gutherzige, fröhliche Mina ist nicht nur mit einer schwierigen Stiefschwester, sondern auch noch mit Social Media konfrontiert. Das ist im Ansatz so toll und wichtig wie Pixars „Alles steht Kopf" (Inside out). Und die Animation kann sich auch sehen lassen.

18.5.20

Snowpiercer (Netflix, ab dem 25. Mai wöchentlich neue Episoden)


An den großartigen, gleichnamigen Kino-Film von Bong Joon Ho (Oscar-Sieger „Parasite", „Okja", „Mother") aus 2013 hängt sich nun die Netflix-Serie „Snowpiercer": Seit sieben Jahren rast ein 1000 und 1 Wagon langer Zug über eine tiefgefrorene Erde. Draußen herrschen extreme Minustemperaturen, drinnen eine elitäre Clique über den Rest in 2. und 3. Klasse. Im „Anhang" (tail) des Zuges darbt ohne natürliches Licht das nicht eingeladene Proletariat. Die einzigen überlebenden Menschen bilden eine brutale getrennte Gesellschaft aus Reichen und Hungernden.

Während man auf die große Revolution (des Kinofilms) wartet, gibt die erste Episode „Mord im Orientexpress". Die Hauptfigur Andre Layton (Daveed Diggs) wird dafür aus den Slums des rasenden Zuges in die erste Klasse gezwungen, weil er früher Kommissar war. Im Auftrag des Erfinders und Zug-„Führers" Wilford lässt die Hospitality-Chefin Melanie Cavill (Jennifer Connelly) einen grausamen Mord untersuchen. „Snowpiercer" nimmt erst in Folge 2 richtig Fahrt auf und macht die Brutalität der Klassen-Gesellschaft spürbar. 

Das ist nur dosiert Science Fiction, auch wenn die Dimensionen und die Funktionen der einzelnen Abteile als Aquarium, Nachtclub oder Gewächshaus immer wieder beeindrucken. Die für Bong Joon Ho typische Gesellschafts-Parabel „Snowpiercer" fesselt vor allem durch ambivalente Figuren: Der kluge Revolutionär Layton erinnert sich am Ende der ersten fünf Episoden (die es für die Presse gab) an Kannibalismus im Zug. Jennifer Connelly gibt mit der nur scheinbar devoten Gäste-Betreuerin Melanie großartig das eigentliche Zentrum der Geschichte. Sie hat alle Fäden in der Hand und versucht, das Perpetuum Mobile des um die Erde rasenden Zuges trotz wachsender Lawinen und anderer Einschläge aufrecht zu erhalten. Derweil wandert die Idee von Demokratie und Mitbestimmung vom Ende des Zuges in die Spitze.

Die Umsetzung der durch den ewigen Winter rasende Parabel in die Serie wirkt gelungen. Spannende Veränderungen beim Personal und in der Geschichte machen „Snowpiercer" wieder und anhaltend interessant. Auch wenn die Serie bei zwei, drei eindrucksvollen und immer wieder brutalen Momenten ansonsten kleiner wirkt. Was vielleicht auch daran liegt, dass die Presse-Sichtung nicht auf großen 4k-Monitoren möglich ist.

14.5.20

Man from Beirut


BRD 2019 Regie: Christoph Gampl, mit Kida Khodr Ramadan, Blerim Destani, James Biberi, Susanne Wuest, Dunja Ramadan, 80 Min.

Kida Khodr Ramadan, im Libanon geborener deutscher Schauspieler, ist auf sein erfolgreiches Gangster-Image festgelegt: Wie „4 Blocks" spielt auch „Man from Beirut" im Gangstertum, das arabisch spricht. Der kleine Thriller mit Kunstambitionen um einen Killer und ein Kind ist am 20. Mai der erste Kinostart nach langer Corona-Krise - in den Autokinos.

Hauptdarsteller und Produzent Kida Khodr Ramadan spielt den blinden Auftrags-Killer Momo. Bei einem bezahlten Mord, der eher durch Unwahrscheinlichkeit als durch Coolness fasziniert, lässt Momo, verkleidet als Pizzabote, ein kleines Mädchen leben. Deshalb jagen die Auftraggeber nun ihn und seinen Fahrer beziehungsweise „Blindenhund". Es gibt zwar ein paar Morde, aber keine Action. Während eine kalte Killerin aus Österreich hinter ihm her ist, rührt die Fürsorge des Blinden um das kleine Mädchen.

Im schwarz-weißen, fast quadratischen Academy-Format (4:3) sieht dieser moderne „film noir" nach Kunst aus. Dazu im arabischen Off Gedanken übers Sterben und Sehnsucht nach dem Libanon. Da ist viel Streben nach Coolness zu ahnen, aber manchmal fehlt einfach nur die Farbe. Wenn der Regisseur Christoph Gampl erzählt, dass ihn dabei Takeshi Kitanos Film „Zatoichi" (2003) über einen blinden Samurai-Kämpfer inspiriert hat, wird es im Vergleich zum Meisterwerk für den „Man from Beirut" ganz schwarz. Nein, diese Off-Texte, das Gangster-Milieu, die Welt, in der Männer Umhängebeutel („shoulder bag") tragen, in der ein fahrender Kleiderschrank namens G-Klasse toll und ein moderner Prius lächerlich, das ist mit auch arg flachen Dialogen Material für B-Movie und Autokino. „Man from Beirut" startet ab dem 20. Mai 2020 in ausgewählten Auto- und Open-Air-Kinos 

20. Mai, 21:45 Uhr / Drive-In Autokino Köln-Porz
22. Mai, 22:15 Uhr / Drive-In Autokino Essen
22. Mai, 22:00 Uhr / Drive-In Autokino Kornwestheim bei Stuttgart
22. Mai, 21:45 Uhr / Drive-In Autokino Gravenbruch bei Frankfurt
28. Mai, Uhrzeit tba / Autokino Wuppertal

13.5.20

Bent


GB 1997 (Bent) Regie Sean Mathias, FSK ab 16

Ein moderner Klassiker, ein bewegendes Meisterwerk: Clive Owen, Ian McKellen und Mick Jagger spielen in dem tief berührenden Drama, das jetzt in digital restaurierter Fassung online im „Salzgeber Club" auf der Plattform Vimeo zu sehen ist.

Der britische „Bent" war einer der beeindruckendsten Filme von Cannes 1997. Wie Francesco Rosis „La Tregua" ein „KZ-Film", der allerdings mit vollkommen neuen Eindrücken faszinieren und anrühren konnte: Aus einem wilden und freizügigen Berliner Nachtleben (Mick Jagger gibt sich als Transvestit Greta die Ehre) treibt die Zerschlagung der SA das schwule Leben in den Untergrund deutscher Wälder. Nach der Gefangennahme durch SS-Männer, meint Max (Clive Owen), nur durch Verleugnung seines Freundes überleben zu können. Mit weiteren Erniedrigungen erkauft sich der gebrochene Max den Judenstern - anstelle des "Rosa Winkels" für Schwule. Im unmenschlichen Wahnsinn des KZs (wirkungsvoll inszeniert in einem verfallenen Zementwerk) findet Max über die schwierige Liebe zum Mithäftling Horst (Lothaire Bluteau) zu einer aufrechten Haltung. In seiner Verfilmung von Martin Shermans bahnbrechendem Theaterstück erzählt Regisseur Sean Mathias eindrücklich von den Grauen der Homosexuellen-Verfolgung durch die Nazis.

https://vimeo.com/salzgeber/vod_pages

12.5.20

The Hunt (digital ab 14.5.)


USA 2020 Regie: Craig Zobel, mit Betty Gilpin, Hilary Swank, Ike Barinholtz 90 Min.

Der Skandal-Film „The Hunt", bei dem sich Trump vor seiner Karriere als Gesundheitsspezialist an der Filmkritik versuchte, läuft jetzt direkt auf den digitalen Plattformen. Es ist ein einfach konstruiertes Massaker, bei der eine Gruppe US-AmerikanerInnen nach Betäubung mitten in einer brutalen Menschenjagd aufwacht. Betty Gilpin („Flow") schlägt sich hier nicht als „Scream Queen", sondern in Rambo-Manier durch. Ihre Unterschichten-Crystal denk und schießt schneller als die anderen. Bis sie im Finale in der Küche (sic!) auf die andere starke Frau Athena (Hilary Swank) trifft.

Das hinlänglich routiniert inszenierte Gemetzel macht sich mal einen Spaß daraus, „Die Tribute von Panem" gleich zu Anfang zu parodieren. Dann fallen vor allem die deutlich gesetzten sozialen Verschiebungen auf, die sogar Trump bewegten, dieses Filmchen im letzten Herbst zu verdammen. Tatsächlich wurde der Start dann ausgesetzt, dem neuen Termin kam Corona in die Quere - manchmal ist das Leben so hinterhältig wie dieser Film selbst. Das kann man Satire nennen, oder auch Splatter.

Auf jeden Fall irritiert es, dass die liberalen Eliten die Menschenjagd veranstalten. Und die fluchenden „Rednecks" (= AfD, Hinterwäldler und sonstige Idioten) sind die Gejagten. So ist man bei Champagner und Kaviar politisch so korrekt, dass mindestens ein Schwarzer auf die Abschussliste muss. Allerdings kann bei ihnen auch schon ein Kommentar in den Sozialen Medien das Todesurteil sein...

„The Hunt" hübscht seine äußerst simple Grundkonstruktion mit etwas bedeutungsheischender Soziologie auf. Dass dabei waffenverliebte Rassisten von waffenverliebten Schein-Toleranten ermordet werden, ist wenig schlüssig. Hauptdarstellerin Betty Gilpin fällt mit seltsamen Gesichtsausdrücken und eindrucksvoller Kampftechnik auf, legt aber etwas zu viel Grimasse in die Mimik. Wie großartig hätte Jennifer Jason Leigh diese Rolle mit ordinärer Texaner-Schnauze ausgefüllt, doch im jugendverliebten Hollywood ist sie zu alt für eine „Scream Queen".

6.5.20

Berlin, Berlin / Netflix


Über vier Staffeln war das Leben der liebenswert chaotischen Großstadtheldin Lolle (Felicitas Woll) in „Berlin, Berlin" vor 15 Jahren ein Kult-Erfolg. Jetzt sollte es ein Wiedersehen im Kino geben, doch Produzent Constantin gab den Film an Netflix weiter. Nach vielen kleinen Rückblenden platzt der verrückte Liebhaber Sven (Jan Sosniok) in Lolles (Felicitas Woll) Hochzeit mit ihrem guten Kumpel Hart (Matthias Klimsa). Ihr Gefühls-Chaos bringt sie als kaum reifere Chefin einer Filmfirma vor den Richter (Detlev Buck), zu Sozialstunden an einer desolaten Schule und in den Harz. Das kunterbunte Leben der Serien-Lolle entsprechend, rumpelt die Handlung durch die Gegend: Auf dem Weg sorgen Crack-Labor, Braunbär, Tantra-Ritual und überraschend prominente Gäste für sinnfrei aneinandergehängte Episoden, mal kindisch, mal albern. „Berlin, Berlin" ist als Film eher Wiedersehens-Party mit Sketch-Parade als was Eigenständiges. Aber das wird den damaligen Fans gut gefallen.

4.5.20

The Eddy / Netflix


Oscar-Sieger Damien Chazelle („La La Land", „Whiplash") machte eine Serie und was für eine! „The Eddy" rund um einen Pariser Jazzclub ist auch ein Musical, aber nicht so verzuckert oder überkandidelt wie „La La Land". Schon die erste Szene - mit Steadycam im Jazzclub wie bei Spike Lee - zeigt tolles Kino und beste Musik. Der einst berühmte New Yorker Jazz-Pianist Elliot Udo (André Holland aus „Moonlight") versucht nach einem tragischen Ereignis zusammen mit seinem Freund Farid (Tahar Rahim aus „A Prophet"), den kleinen Club „The Eddy" über Wasser zu halten. Elliots schwieriges Verhältnis zur polnischen Sängerin Maja (Joanna Kulig aus „Ida") wird nicht erleichtert, als auch noch seine aufmüpfige Tochter Julie (Amandla Stenberg) auftaucht.

Es passiert eine ganze Menge, ohne dass „The Eddy" überladen erscheint - leicht und schwungvoll inszeniert wie ein guter Song, bewegt sich die Handlung (oft mit Handkamera) durch Paris, grandiose Szenen werden beiläufig eingestreut und immer wieder gibt es Jazz. Wie in der Folge „Amira" bei einer furchtbaren und einer grandiosen Begräbnisfeier. Jede der acht sagenhaft besetzten Folgen trägt einen Namen und dreht sich um die betreffende Person. Dabei ist Chazelles geniale Serie auch noch spannend: Früh wird eine der Hauptfiguren ermordet, eine böse Drohung zieht sich durch alle Folgen. Nach seinen ersten gefeierten Kinofilmen begeistert Chazelle nun mit einer ganz anderen und wunderbaren Art zu erzählen. „The Eddy" lässt anstelle von viel Gequatsche mitfühlen und -erleben.

2.5.20

Königin


Dänemark, Schweden 2019 (Dronningen) Regie: May el-Toukhy, mit Trine Dyrholm, Gustav Lindh, Magnus Krepper 127 Min.

Nach gefühlten Monaten von ach so Tollem und vielem Mäßigen bei Netflix und Co. zeigt dieser geplante Kinofilm, was wir alles an richtig guten Filmen verpasst haben könnten: Die dänische „Königin" sollte ab dem 9. April deutsche Kinos kontrollieren - da kam Corona dazwischen. Nun gibt es einen voreiligen digitalen Start ohne Kinos: Die grandiose Nummer von Trine Dyrholm als eiskalte Familien-Mutter und Liebhaberin ist ab 05. Mai digital erhältlich.

Die erfolgreiche Rechtsanwältin Anne (Trine Dyrholm) lebt ein gutes Leben mit ihrem Mann Peter (Magnus Krepper) und ihren Zwillingen in einer edel designten, sicher nicht ganz günstigen Villa. Anne ist vermeintlich liebevoll und kompetent, kümmert sich bei der Arbeit um Gewaltopfer. Doch schon im Alltag zeigt sich bei Streitereien ein Monster, das alles kontrollieren muss. Als Peter beschließt, seinen lange vernachlässigten 16-jährigen Sohn Gustav (Gustav Lindh) bei sich aufzunehmen, startet die vom bürgerlichen Erfolg gelangweilte Anne eine Affäre mit dem labilen Jugendlichen in schwieriger Situation. Der täuscht zwar anfangs mal einen Einbruch im Haus vor, doch erst was Anne hinlegt, ist wirklich heftig.

Derartige menschliche Abgründe in dänischem Wohlstands-Design sind nicht überraschend, doch immer wieder beeindruckend. Und nach Wochen mit Netflix-Diät ist Dänemarks Oscar-Beitrag von 2020 noch mal ein Augen- und Emotions-Öffner. Regisseurin May el-Toukhy zeigt immer wieder auffallenden Stil im Bild, doch die Präsenz von Trine Dyrholm als kaltes Monster macht „Königin" außerordentlich gut. Ihre Anne kann keine Fehler eingestehen und hat selbst kein Mitgefühl für eine junge Klientin, die sie zur Aussage gegen ihren Vergewaltiger überredet. Dabei ist die Anwältin keineswegs eine Bovary, die ausbrechen muss. Eher ungeliebt und aus Langeweile beginnt sie eine unverantwortliche Affäre. Und als die rauskommt, geht sie in den Gegenangriff. „Königin" packt ohne überzogenes Drama mit vielen kleinen spannenden Momenten und atemberaubend amoralischen Wendungen.

Upload / Amazon Prime


Upload nicht komplett

Ewige Quarantäne - das muss die Hölle sein! Doch ein digitales Jenseits wird in der Zukunft des Jahres 2033 von den üblichen großen Medienkonzernen - Apple, Facebook, Instagram - als Luxus verkauft. Ausgerechnet den jungen App-Entwickler Nathan Brown (Robbie Amell), der behauptet ein bezahlbares Jenseits für alle zu wollen, rafft es nach einem Unfall mit seinem selbstfahrenden Auto dahin. Nun „lebt" er im verschnarchten Luxus-Resort „Lakeview" der Firma Horizen. Ein Nachleben finanziert und kontrolliert von seiner oberflächlichen Freundin Ingrid (Allegra Edwards), mit der er nur für den Sex zusammen war. Sie hat die Hand am Löschknopf, und auch Extras aus der Minibar sind in diesem schalen Paradies nicht umsonst.

Aber Nathan verliebt sich schnell in seinen Kundenservice-„Engel" Nora (Andy Allo), die in der realen, sozial extrem ungerechten Welt zum Prekariat gehört. Zwar wurde Nathan beim „Upload" der Kopf brutal weg-gescannt, doch der Austausch zwischen Lebenden und dem virtuellen Jenseits ist recht intensiv: Von futuristischen „Handys" bis zu Gummianzügen für virtuellen Sex.

Die Grundidee von „Upload" und seinem Schöpfer Greg Daniels („The Office", „Parks and Recreation") hat was, die Ausführung kann man mitten im Download der zehn Folgen getrost abbrechen. Der Mix aus bemüht kritischer Science Fiction-Satire, Romanze, Krimi und Komödie überzeugt auf keinem Feld. Das Material hätte für einen Film gereicht, mit mehr Mitteln, wäre vielleicht auch ein Upgrade für den Hauptdarsteller drin gewesen. Das deprimierende Ende schreit in völliger Selbstüberschätzung tatsächlich nach einer Fortsetzung.

30.4.20

Hollywood / Netflix


„Hollywood" ist eine historisch nicht korrekte Skandalgeschichte um all die, welche nicht in die Traumfabrik der Nachkriegs-USA hinein kamen. Wie Jedermanns Darling Rock Hudson, der hier ein ganz frühes Coming Out haben darf. Die Mini-Serie von Ryan Murphy und Ian Brennan („Glee", „Scream Queens", „The Politician") beginnt und endet mit einem Tankstellen-Chef, der sich für Louis B. Mayer hält und seine knackigen Angestellten prostituiert. Im Bordell für Hetero und Homos treffen aufstrebende Schauspieler, Autoren und Regisseure auf alte Produzenten-Gattinnen, extrem übergriffige Agenten und heimlich schwule Producer. Zusammen werden sie die fiktive Geschichte „Meg" realisieren, den ersten Studio-Film mit Autoren und Hauptdarstellerin aus der afroamerikanischen Gemeinschaft.

Das hat bei sehr nackten Poolpartys etwas von der späteren Skandalgeschichte New Hollywoods „Easy Riders, Raging Bulls", ist eine wichtige Demaskierung von Sexismus und Rassismus in den Nachkriegs-USA, dabei aber auch in all den glücklichen Wendungen gemäß heutiger Freiheits-Standards ziemlich brav und langweilig. Ein paar echte Namen werden gestreut, doch der Oscar-Reigen für das umkämpfte Film-Projekt ist reine Fiktion. Was normalerweise im Abspann abgehandelt wird, breitet sich hier über die gesamte letzte Folge aus. Ja, dramaturgisch geht es in „Hollywood" ziemlich holprig her. Ein paar Figuren sind gut vielschichtig, aber dann viel zu viel Melodram bei der Liebeserklärung, gefolgt von einer Erklärung, Krebs zu haben. Wie immer sieht „Hollywood" sehr gut aus. Charismatische Figuren wie der lebenslustige Tankstellen-Zuhälter Ernie (Dylan McDermott) und der schwule Agent Henry Willson (Jim Parsons aus „Big Bang Theory"), der erst mal die Genitalien seiner Klienten sehen will, sind die Retter vom zu gut gemeinten Mix aus Geschichte und retrospektiver Weltverbesserung.

Tyler Rake Extraction / Netflix


Ein Stuntman darf mit seinen Kumpeln in einem Billig-Filmland mal so richtig den Action-Hammer schwingen. Regisseur Sam Hargrave war bisher nur als Stunt-Verantwortlicher für „Avengers" und anderen lauten Kram bekannt. Joe Russo, dabei Regisseur, schrieb nun das Buch, basierend auf der Graphic Novel „Ciudad".

Wenn Chris Hemsworth als lebensmüder Söldner Tyler Rake den gekidnappten Sohn eines indischen Drogenbosses aus der Hochburg eines bengalischen Drogenbosses rettet, wird viel gutes Handwerk an eine Geschichte verschwendet, die so schon oft gelaufen ist. „Leon, der Profi", um nur einen besseren Vorgänger in Sachen Killer und Kind zu nennen.

Die Story lahmt trotzdem, bis Hemsworth auf- und mit einem 30 Metersprung von einer Klippe eintaucht. Der Thor des Avenger-Gedöns kann Eindruck machen. Er produziert und produzierte sich hier selbst. Beim Gegner muss die dräuende Musik nachhelfen. Die atemlose Jagd mit Plansequenzen und guter Kamera erweist sich letztlich als Action und Geballer mit Nix dahinter.

29.4.20

Noch nie in meinem Leben / Netflix


Wieso erzählt John McEnroe diese Geschichte eines indisch-stämmigen Teenagers in den USA? Weil das den bekannten Highschool-Erlebnissen der sonderbaren Devi (Entdeckung: Maitreyi Ramakrishnan) mit ersten Küssen, Verrat von Freundschaft und indischen Familien-Konflikten eines weitere witzige Ebene hinzufügt. Die zu intelligente Außenseiterin Devi will auch mal populär sein. Und nicht nur weil sie durch Herzinfarkt des Vaters bei einer Schulaufführung und durch folgende kurzzeitige psychosomatische Lähmung der Beine sowieso schon als sonderbar gilt. Die Teenager-Serie von Mindy Kaling und Lang Fisher („The Mindy Project") erzählt auch vom Coming out der einen Freundin und den sozialen Probleme der anderen. Alle haben einen „anderen" ethnographischen Hintergrund, was leicht und nebenbei mitläuft. Dass aber McEnroe Devis Wutanfälle mit seinen vergleicht und auch immer wieder zu seinen größten Erfolgen und Niederlagen verweist, das macht diese leicht-lustige Serie wirklich bemerkenswert.

28.4.20

The Orville, 2 Staffel / Amazon ab 30.5.


Quarantäne mit einem nicht mehr ganz Liebsten kann sehr hart sein. Mit einer frisch Getrennten auf der Brücke eines Raumschiffs aber auch! Ed ist Kapitän des erkennbaren Enterprise-Nachbaus „The Orville", und Ex-Frau Kelly seine erste Offizierin. In diesem Spannungsfeld und mit einer weiteren Besatzung, zu der selbstverständlich ein Roboter, aber auch ein lebendiger Haufen Schleim gehört, werden ebenso fantastische wie verrückte Welten entdeckt. Schöpfer und Käpt'n ist Seth MacFarlane, der Mann hinter den Serien „Family Guy" und „American Dad", den Blödelfilmen „Ted" und der tollen Animation „Sing" (2016). So ist auch die „Orville" prall gefüllt mit schrägem und manchmal deftigem Humor, wenn beispielsweis Bortus vom schwulen und sehr sexistischen Volk der Moclus das jährliche Urinieren feiert! Aber alles ist auch bei Lichtgeschwindigkeit sehr alltäglich, vor allem im Beziehungskram. Und zum Finale wird es noch mal besser, wenn plötzlich zwei Kellys an Bord sind. Dank Zeitschleife kommt wieder Romantik und noch mehr Eifersucht in die Beziehung. Da führt sogar mal Ironman-Macher Jon Favreau die Regie. Auch die zweite Staffel, die schon im Free TV lief, ist zum Abheben!

26.4.20

Sorry we missed you / ab 27. April als digitaler Download


Ein Film wie bestellt für diese Zeit in der PflegerInnen und Paketfahrer endlich Wertschätzung bekommen: Weil Ricky als  (schein-) selbständiger Unternehmer seinen eigenen Transporter mit zur Arbeit beim Paketdienst bringen muss, verkauft seine Frau widerwillig ihr kleines Auto. Nun fährt Abby mit dem Bus zu den Klienten ihres anstrengenden Jobs als Pflegerin. Doch trotz Stress, unverschämten Kunden und Strafzetteln für Falschparken scheint es zu laufen. Der Film, benannt nach dem Spruch auf den Paketboten-Zetteln (Wir haben Sie leider verpasst), verläuft lange undramatisch. Immer spannend dabei jedoch die Angst, dass wieder was schief geht. Und als es dann knallt, sind selbstverständlich die Krankenhäuser überfüllt - auch Teil politischer Deregulierung. Der neue Film des alten Sozialisten Ken Loach packt, klärt auf und erschüttert. Die tatsächlich mörderischen Arbeitsverhältnisse bekommen mit dieser zugrunde gerichteten Familie ein menschliches Gesicht.

24.4.20

After life 2 / Netflix


Nach der sensationellen ersten, eigentlich im Trauerprozess abgeschlossenen Staffel „After life" gibt es nun sechs neue, 30-minüte Folgen dieser tragikomischen Ausnahme-Serie: Ricky Gervais ist als Hauptdarsteller, Regisseur und Entwickler wieder der lebensmüde und grimmige Witwer Tony, der sich immer noch alte Videos von seiner verstorbenen Frau ansieht. Der Zyniker, der zu viel trinkt, sagt zwar, dass er mehr Zen sein will, aber eigentlich vermisst er den Spaß, zu blöden Leuten fies zu sein. Dass der Herausgeber Tonys kleines Lokalblatt verkaufen will, ist Gelegenheit für herrlich banale und sehr menschelnde Lokalzeitungs-Geschichten und die knappe Zusammenfassung: „Wir sind der größte Haufen von Verlierern, den Sie jemals gesehen haben. Aber ein netter Haufen!". Während Tony vor allem damit beschäftigt ist, sich selbst zu bemitleiden, kocht er ein furchtbares Abendessen für die befreundete Prostituierte, lässt den obdachlosen Postboten bei sich baden und kümmert sich trotz der scheinbar menschenfeindlichen Grundhaltung mit zu großem Herz um die Menschen um ihn herum. Das ist angefangen bei den täglichen Besuchen beim dementen Vater Szene für Szene gleichzeitig bewegend und umwerfend komisch. Aber vor allem wohltuend bodenständig.

2. Staffel ab 24.4. auf Netflix

23.4.20

Die Wütenden / online


Regisseur Ladj Ly macht als Debütant aus zwei Tagen im Hexenkessel von Montfermeil eine erschütternde Film-Sensation: Die Polizisten Chris und Gwada gehen mit dem Neuen, Stéphane, um als wenn der ein Häftling wäre. Er wird grob und deftig vorgeführt, bis die Albernheiten in dramatischen Ernst umkippen: Die drei stecken bald mitten drin in diesem drohenden Kleinkrieg. Beim Versuch einen Jungen festzunehmen, müssen sich die Ordnungshüter einer ganzen Schar wütender Jugendlicher erwehren. Ein Schuss mit Gummigeschoss verletzt Issa schwer und eine Drohne hat alles aufgezeichnet.

Viktor Hugos siedelte in Montfermeil seinen Roman „Les misérables" (Die Elenden) an, Regisseur Ladj Ly wuchs dort auf und hier begannen auch 2005 schwere Bevölkerungsunruhen. Während die Drohnen-Aufnahmen einen Überblick des Problem-Viertels verschaffen, zeigt die Handlung dramatische Sozialstrukturen.

Ab 24. April digital zum Kauf, ab 01. Mai digital zum Leihen, ab 08. Mai auf DVD und Blu-ray

21.4.20

Familie Willoughby / Netflix


Der witzigste und auch noch schönste Familienfilm seit langem: Die viel-farbige Animation „Familie Willoughby" erzählt auf Basis des Kinderbuchs von Lois Lowry im schwarzhumorigen Stil der „Rätselhaften Ereignisse" von Lemony Snicket mit einem etwas melancholischen Kater als Erzähler. Die Fast-Waisen rund um den jungen Tim entschließen sich, ihre extrem egoistischen Eltern auf tödliche Weltreise zu schicken, müssen aber auch selbst immer wieder harten Schicksalsschlägen trotzen. Mit viel flottem Slapstick im Bild und dem schwarzen Humor der Addams Family macht die „Familie Willoughby" sehr viel Spaß. Kleine, verspielt bunte Häuser sind eingeklemmt im riesig grauen Einerlei New Yorks, am Ende des Regenbogens liegt eine Süßwaren-Fabrik, die diesmal nicht Willy Wonka gehört. Was ein Baby hier anstellt, steckt wie bei anderen netten Details in den Zeichnungen voller verrückter Fantasie. Der einzige Disney-Familien-Moment endet bei diesem Netflix-Film in einem weiteren herrlich bösen Scherz. Diese perfekt nicht-perfekte Familie verbreitet gute Laune bei Groß und Klein.

19.4.20

Trolls World Tour


Ausgerechnet kleine übermäßig haarige und nervige Kinderfiguren mit schwer erträglichen AHDS-Erscheinungen sollen denn nun die Kino-Welt auf den Kopf stellen: „Trolls World Tour", der zweite Film um knallbunte Kleinkinderfiguren, kam wegen Corona nicht zum weltweiten Kinostart und Produzent Universal schickt die grelle Nichtigkeit direkt zur Verwertung in die digitalen Kanäle.

In einer dauerbeschallten Welt aus Funk, Country, Techno, Klassik, Pop und Hard-Rock will die rockende Königin Queen Barb alle anderen Arten von Musik vernichten und mit Rock die Herrschaft übernehmen. Die naive Pop-Königin Poppy will das mit ihren Freunden verhindern. Das bedeutet vor allem: Dauerndes Geplärre im wahnsinnig machenden Sekundentakt.

„Trolls World Tour" ist vielfältig irritierend: „Girls just wanna have fun", "One more time" oder "Good times" - altmodischer Pop und Funk für kleine Kinder? Ein jodelnder, vierbeiniger Dolly Parton-Troll aus der Western-Stadt? Farben wie im Drogen-Rausch? Rockzombies? Schon der erste „Trolls" machte vielen Erwachsenen Angst, die Kleinen wollten zwischendurch noch mehr in Form der TV-Serien sehen. Man könnte vermuten, so was würde hyperaktive kleine Kinder auf Zucker-Schock endgültig durchdrehen lassen. Aber scheinbar gefällt es. Die Lerneinheit dazu lautet „Harmonie besteht aus mehreren Stimmen". Wobei Harmonie in diesem Overkill an Farben und Krach nirgendwo existiert. Es ist ironisch, dass ausgerechnet ein AHDS-Filmchen, wie es tausendfach auf allen möglichen Kanälen läuft, das unharmonische Ende des Kinos einläuten soll.

„Ab dem 23. April zum Leihen bei einer Reihe digitaler Anbieter angeboten, wie Sky Store, Amazon Prime Video, Apple TV, Google Play, Videociety u.v.m. Der Nutzer hat 30 Tage, um einen geliehenen Film zu starten und dann 48 Stunden, um ihn beliebig oft anzusehen.

17.4.20

The Peanut Butter Falcon / 17. April digital, ab 24. April DVD, Blu-ray


Weil sich keine Institution für den ziemlich raffinierten und quicklebendigen 22-jährigen Zak (Zack Gottsagen) mit Down-Syndrom zuständig fühlt, vegetiert er in einem Altersheim dahin. Erste Fluchtversuche besorgen ihm in der Buchhaltung die Markierung „gefährlich", doch mit Hilfe seines Zimmernachbarn (Bruce Dern) zwängt er sich durch die Gitter. Draußen landet er ausgerechnet im Boot des aggressiven Diebs und Brandstifters Tyler (Shia LaBeouf). Zwei Flüchtlinge also gegen ihren Willen in der Flusslandschaft im Süden der USA zusammengeworfen. Nicht nur brutale Krabbenfischer sind ihnen auf den Fersen, auch die liebevolle Sozialarbeiterin Eleanor (Dakota Johnson) soll Zak finden, bevor ihr fieser Chef den Flüchtling der Polizei melden muss. „The Peanut Butter Falcon" ist auch optisch mit Südstaaten-Atmosphäre und -Musik sehr sehenswerter Wohlfühlfilm.

Betonrausch / Netflix 17.4.


BRD 2020 Regisseur, Buch: Cüneyt Kaya, mit David Kross, Frederick Lau, Janina Uhse, Sophia Thomalla, Peri Baumeister, Detlev Buck,  Samuel Finzi 90 Min.

Viktor (David Kross), ein Sunnyboy aus der Provinz, erobert Berlin. Mit Lächeln, Lügen und sehr frechen Betrügereien. Selbst wohnungslos, vermietet er Luxus-Schuppen an bulgarische Schwarzarbeiter vom Bau. Dann verkauft er mit Kumpel Gerry (Frederick Lau) und Bankerin Nicole (Janina Uhse) Schrottimmobilien, denn mit seinem Aussehen macht Viktor „aus einer 50 Euro-Uhr eine zu 15.000". Das gefährliche Dreieck will große Saga von Aufstieg und Niedergang wie bei Scorsese sein. Mit junger deutscher Besetzung kommt dies „Kleider machen Leute" von heute etwas platt daher. Luxus und Exzess mit Koks und Prostituierten gehen nicht wirklich ab. Viktor ist trotz Trauma von Trennung der Eltern zu glatt und nicht wirklich skrupellos, während Gerry viel mehr Kanten hat. Auch wenn es die smarten Gangster nach Brecht wie wirkliche Verbrecher machen und eine Bank gründen auf Malta gründen, ist „Betonrausch" gegenüber „Bad Banks" eine Kindergeschichte. Am Ende geht dann alles viel zu schnell, da wäre Drama für eine Mini Serie drin gewesen.

15.4.20

Sergio / Netflix 17.4.


Eine faszinierende Figur, engagierter Vermittler, Kämpfer für die Menschlichkeit, und das in echt: „Sergio" ist das spannende und Horizont erweiternde Spielfilm-Porträt des charismatischen UN-Diplomaten Sergio Vieira de Mello (Wagner Moura). Nach Missionen in Kambodscha mit den mörderischen Roten Khmer und im Unabhängigkeitskrieg von Ost-Timor landet der Brasilianer in Bagdad, das nach der US-Invasion gerade im Chaos versinkt. „Die UN arbeitet für uns", meint der überhebliche US-Botschafter Paul Bremer dort. De Mello konfrontiert diesen außenpolitischen Cowboy mit klarer Sprache und einem anderen Plan.
„Sergio" erzählt vielschichtig von einem klugen Idealisten, der - das ist ein Clou des Films - durch seinen Optimismus umkommt. In Rückblenden, während er nach einem Bombenanschlag unter Trümmern eingeklemmt ist, bestärkt die Liebesgeschichte mit einer Mitarbeiterin (Ana de Armas) seine Glaubwürdigkeit. Es zeigt sich aber auch, dass de Mello kein guter Vater für seine Söhne aus erster Ehe ist. Der sehr, sehr gut montierte Bilderfluss aus verschiedenen Aspekten und Aufgaben seines Lebens macht dieses Porträt eines Ausnahme-Politikers so herausragend.

12.4.20

Maggie Simpson in ‘Spiel mit dem Schicksal’

„Maggie Simpson in 'Spiel mit dem Schicksal'" / Disney+

Ein großes Liebesdrama für die ganz kleine Maggie Simson ist die aktuelle Neuerscheinung auf Disney+: Wie man sich als Kleinkind schon im Sandkasten verlieben, die große Liebe aus den Augen verlieren und gegen das Schicksal - sowie Homer Simpson - kämpfen kann, zeigt das nette und umwerfend komisch Mini-Drama. Wieso drei Stunden „Titanic" durchsitzen - in „Maggie Simpson in 'Spiel mit dem Schicksal'" (Playdate with destiny) ist alles drin! Selbstverständlich auch der übliche Zitaten-Schatz, den man von den Simpsons kennt.
„Die Simpsons" gehören auch dem Disney-Konzern und sind mit dem Vorgänger-Kurzfilm „Maggie Simpson in 'Der längste Kita-Tag'" sowie „Die Simpsons – Der Film" und 30 Staffeln der ausgezeichneten Fernsehserie auf Disney+ zu finden.

7.4.20

Der Junge und die Wildgänse


Mit den Wildgänsen von Lappland ans Mittelmeer fliegen ... Diese grandiose Reise eines ehemaligen Computer-Kids wird im französischen Familienfilm „Der Junge und die Wildgänse" durch viele Längen verwässert. Thomas soll den Sommer bei seinem Vater Christian in der Camargue verbringen. Bei einem verschrobenen Ornithologen, der sich in die Idee verrannt hat, einer bedrohten Gänse-Art einen sichereren Zugweg beizubringen. Eine schöne Öko-Idee, und auch wie Thomas sich immer mehr für die Arbeit mit den Tieren begeistert, ist bewegend umgesetzt. Nur dauert es mühsame zwanzig Minuten, bis die Eier schlüpfen und das Prinzip der Prägung erklärt wird. Bei einem Abendessen wird überdeutlich erklärt, dass die Flugmaschine, die den Vögeln den Weg zeigen soll, lange in der Luft bleiben kann. Klar, dass Thomas bald alleine zu einer abenteuerlichen Reise losfliegt. Nette Idee, eher eindrucksvolle als spannende Handlung, aber bis es dazu kommt, ist die Hälfte des Sofas eingeschlafen. Statt Kinostart ist der Film bei Amazon und digital verfügbar. Ab 9. April 

Lara / Studiocanal


„Lara" ist Jan-Ole Gersters erste Regiearbeit nach seinem sensationellen Debüt „Oh Boy". Die großartige Corinna Harfouch porträtiert eine frustrierte ehemalige Klavierspielerin am Tag des großen Konzerts ihres Sohnes. Wieder ein Tag in Berlin, diesmal sehr melancholisch, ganz Herbst-Stimmung. Es ist ein Tag voller Aktivitäten, quasi im Vorübergehen wird die Frau namens Lara (Corinna Harfouch) charakterisiert. Gedeckte Farben im Kleiderschrank und im Film, auch die Musik in diesem Ton. Ihr Sohn Viktor (Tom Schilling aus „Oh Boy") gibt ein Klavierkonzert und Lara kauft alle noch vorhandenen Karten auf, um sie wahllos zu verteilen.

Die sehr eindrucksvolle Darstellerin Corinna Harfouch schafft ihr eigenes Porträt einer Frau, die sich beim zu frühen Karriere-Ende selbst abhanden kam und seitdem die Mitwelt mit der eigenen Unzufriedenheit quält. Ab 9. April digital und ab 23. April als DVD & Blu-ray.

5.4.20

The World According to Jeff Goldblum / Disney+

Jeff Goldblum, der Mann, der „etwas schauspielert und ein wenig Jazz spielt" (große Untertreibung) geht mit seiner kindlichen Neugierde auf Entdeckungsreise. Er findet heraus, weshalb Speiseeis so beliebt ist, Turnschuhe wahnsinnig überteuert sind, und geht der Faszination von Tattoos nach. „The World According to Jeff Goldblum" ist eine Dokumentationsserie, welche die Alltagswelt humorvoll unter die Lupe nimmt. Ein wenig „Sendung mit der Maus", wenn es vom Gummibaum über Herrn Goodyear zu Turnschuhen geht, aber auch beste und höchst unterhaltsame Alltagsphilosophie im Stile von Slavoj Žižek. Nur verständlicher. Die Episode über das Millionen-Geschäft mit den Turnschuhen zeigt Leute, die den Geruch von Schuhen mit dem Geschmack von Wein vergleichen, Schuhe die 33.000 Dollar wert sind und einen Schuhdesigner, der gleich 100.000 verlangt. Goldblum hält sein Image als stylischer Bohemien, der keine zu schicken Dinge mag, genial augenzwinkernd in die Kamera. Die überaus spaßige Texte und Kommentare führen zur Erkenntnis, dass beim Konsum die Erwartung immer besser sein wird, als die Erfüllung. Außer bei dieser Serie!

Delfine, Elefanten und Prinzessinnen / Disney+

Disneynature 

Mit frisch lancierten Titeln wie „Delfine", „Elefanten" oder „Flamingos" greift Disney zurück auf eine ihrer Kernkompetenzen: Die Natur-Dokumentationen. Badende Elefanten-Kinder mit Unterwasserkamera aufgenommen, eine Schlammschlacht und ein paar Informationen darüber, dass der Matsch auch als Sonnencreme fungiert. In der Kalahari beginnt in der Zeit des Wassers für einen kleinen Elefanten eine große Reise, ein großes Abenteuer - darunter geht es bei Disney nicht. Irgendwie muss es immer der Kreislauf des Lebens sein, auch die Musik erinnert an „König der Löwen". Und falls es jemand vergessen haben sollte: Für Disney und „Elefanten ist Familie das Wichtigste". Die eindrucksvollen Qualität der Aufnahmen ist auf der Höhe der Zeit. Leider ist diesen Kinderfilmen die Vermenschlichung der Tierwelt nicht auszutreiben: Die ganze Elefantenfamilie bekommt Namen, Jobs und Rollen. Zumindest ist hier mal die Mutter der Boss, sogar die Ur-Mutter Gaia. Erzählt wird „Elefanten" im Original von Meghan, der britisch-amerikanischen Prinzessin a.D. Man weiß ja, dass Disney so ein Ding mit Prinzessinnen hat.

„Delfine" ist dagegen eine durchweg gelungene Komödie, das gewitzte Drehbuch für Natalie Portmans Kommentare verdient einen Oscar. Diesmal amüsieren wir uns über die Versuche eines jungen Delfins, einen Fisch unter im Sand zu fangen. Und wir lernen: Delfine mögen es nicht, mit Haien verglichen zu werden, die seien viel zu ernst. Heimlicher Star ist ein überaus komisch wirkender Fangschreckenkrebs (Mantis shrimp), der sich mit Reinigungs-Fimmel um das bedrohte Korallen-Riff sorgt. An einer Desinfektions-Pflanze stehen man Schlange und auch bei den Putzer-Fischen. Wieder besteht die Gefahr des Überdramatisierens für kleine Kinder, wenn Orcas ein Walbaby fressen wollen. So perfekt mitreißend diese neuen Disney sind, moderner wirken da doch die Tier – und Naturdokumentation der BBC.

3.4.20

Coffee & Kareem / Netflix

Netflix glänzt zwar als rettende Ablenkung in Zeiten der Quarantäne, dieser neue Film beweist aber, dass nicht alles Gold ist, was so nach Hause streamt.

Der peinlich ungeschickte und gerade zum Verkehr degradierte Polizist James Coffee will seine neue Freundin beeindrucken und holt deren Sohn von der Schule ab. Aber der zwölfjährige Kareem hat es faustdick hinter den Ohren, er hat längst einen Gangster engagiert, um den Freund der Mutter zu verjagen. Während Kareem deftig einen Gangster-Rapper imitiert, ist der Geheuerte ausgerechnet der Drogen-Dealer, den Coffee bei einem Gefangenen-Transport entfliehen ließ. Ganz schnell sind „Coffee & Kareem" inmitten einer lebensgefährlichen Verfolgung um Mord, Drogendeals und Korruption.

Die übliche Schwiegervater-Peinlichkeit ist diesmal mit einem Deppen als Älteren und einem dicken, unverschämten aber effektiven Teenager besetzt. Das muss man nicht noch mal sehen, vor allem weil nicht nur die ganze Idee samt Ausführung (Regie: Michael Dowse) sehr mittelmäßig daherkommt. Vor allem die Hauptdarsteller Ed Helms (Coffee) und Terrence Little Gardenhigh (Kareem) haben nur das Zeug in einer 80er-Jahre TV-Serie zu gefallen. Im Umfeld ausgezeichneter neuer (Netflix-) Produktionen fällt dieser Scherz glatt durch.

1.4.20

Känguru-Chroniken im Streaming

Mit der Begründung, einen Run - oder ein Hüpf – gehabt zu haben, der böse durch Corona gestoppt wurde, erklärt X-Filme, weshalb ihr Erfolgsfilm „Die Känguru-Chroniken" schon ab dem 2. April zum Kauf auf den VoD-Portalen angeboten wird. Die Millionen für die Kinos und aus den Kinos bleiben aus, deshalb holt sich der Verleiher und Koproduzent X-Filme jetzt sein Geld direkt aus dem Streaming. Das hätte dem Känguru selber nicht gefallen, das doch vielen Fans als anarchisch und kommunistisch bekannt ist. Eher ein Freund des kleinen Kinos als größerer Konzerne.

Die gelungene Adaption der Geschichten von Marc-Uwe Kling durch Regisseur Dani Levy beginnt wieder mit dem Känguru, das nervig klingelt und um ein paar Eier bittet, um wenige Momente später gleich ganz einzuziehen. Es folgt ein intellektuell durchaus gehaltvolles, zitatenreiches und links-politisches Gekebbel zwischen neuen WG-Bewohnern und eine Handlung um Gentrifizierung in Berlin. „Die Känguru-Chroniken" sind ein netter Spaß mit Herz am linken Fleck.

X-Filme verkündet, dass der digitale Frühstart in Absprache mit den Kinos passiert und dass das „Die Känguru Chroniken" (mit einer Upgrade-Version) direkt wieder in die Kinos hüpfen, wenn diese erneut öffnen. Man beteiligt sie an den digitalen Erlösen. Der Preis für einen (Kauf-) Stream (16,99 €) sei dadurch etwas teurer als gewohnt. Später wird es auch eine günstigere Leih-Möglichkeit geben.

31.3.20

Master of Disaster

BRD, Schweiz 2019 Regie: Jürgen Brügger, Jörg Haaßengier 79 Min.

Die Katastrophen-Dokumentation „Master of Disaster" ist wie geschaffen für die Katastrophe Corona, wird aber leider ausgehebelt von eben dieser. Anschläge auf Personenzüge, Störungen der Stromnetze und andere Katastrophen. Allerdings alles nur ausgedacht und simuliert. Dann ein Blick ins Labor, wo gefährliche Stoffe untersucht werden. Anthrax ist dabei, das Coronavirus noch nicht. Zwei lustige Kerle laufen herum und denken sich Katastrophen-Szenarien aus. Wenn sie nicht wie typische deutsche Rentner aussehen würden, wären sie zehnmal verhaftet worden. Der Film startet gleich mit einer deftig blutigen Notfall-Übung - alles selbstverständlich mit Kunstblut.

Was sagt der Rückversicherer Swiss Re dazu? Wenigstens hier wird über den Tellerrand gedacht, Stichworte wie Flucht und Klimawandel tauchen als Kostenfaktoren auf. Erst ganz am Ende wird die bieder montierte „Master of Disaster" mal interessant, wenn warnende Gedanken gegen schauspielende Opfer einer Übung geschnitten werden.

Der Schweizer und deutsche Dokumentarfilm „Master of Disaster" schaute lange vor der aktuellen Katastrophe auf sehr nerdige Menschen, deren Job eine katastrophal pessimistische Weltsicht ist. Tatsächlich wurden „nahezu wöchentlich in Deutschland kleine wie große Katastrophen durchgespielt", wie der Pressetext informiert, das Film sagt das nicht. Die Spannweite reiche „von der örtlichen Feuerwehrübung bis hin zu großangelegten Szenarien mit hunderten von Teilnehmern".

Vielleicht schadet ihm der Perspektivenwechsel durch die Corona-Pandemie mehr, als dass er ihm nutzt. Denn letztlich erfüllt sich eine hämische Vermutung: Die Herren können so viel Katastrophen planen, wie sie wollen. Sie haben im Falle des Falles keine fertigen Antworten und auch der Film liefert keine.

Der Kinostart des Films war für den 26. März vorbereitet. Wegen der nicht geplanten Katastrophe erlebte er die erste digitale Premiere eines deutschen Films zum Starttermin. „Master of Disaster" ist für 9.99€ abrufbar auf „Kino on Demand". Man kann dabei sein Lieblingskino auswählen, dieses erhält dann einen Anteil und man selbst bei Anmeldung einen Kinogutschein.

30.3.20

Tales from the loop / Amazon ab 3.4.

Tales from the loop / Amazon ab 3.4.

Gemälde, die Rollenspieler inspirierten, als Vorlage für eine Serie. Das ist mal ganz was anderes - so wie auch die fantastisch aufgepimpten Landschafts-Zeichnungen des Schweden Simon Stålenhag besonders sind. Großen, futuristische Maschinen und Roboter stehen herum, doch „Tales from the loop" spielt in der näheren Vergangenheit: Die Serie erzählt von den Menschen, die über dem „Loop" leben – einer mysteriösen Maschine, die Unmögliches möglich macht. Die bekannte Physik ist aufgehoben, Steine schweben, Staub fällt nach oben. Im Kern menschelt es heftig, in der ersten Folge verschwindet eine Mutter, im vierten Teil muss sich ein geliebter Großvater verabschieden. Es gibt parallele Welten, Menschen begegnen sich selbst in einer anderen Zeit. Auch wenn die 55 Minuten langen Kurzgeschichten an fantastische Episoden erinnern, die schon Hitchcock und Spielberg als Serien präsentierten, liegt bei „Loop" der Fokus nicht auf den schnellen Effekt. Es sind nicht die originellsten Pointen, dafür wird sorgfältig und sehr gut erzählt. Das erinnert an „Stranger things" hat aber auch einen grauen Hauch von Roy Andersson („Über die Unendlichkeit"). Rebecca Hall („Vicky Cristina Barcelona") und - bis zur vierten Folge - Jonathan Pryce („Die zwei Päpste") gehören zum guten Cast.

24.3.20

Unorthodox / Netflix (ab 26. März)

Regie: Maria Schrader, mit Shira Haas, Jeff Wilbusch, Amit Rahav

Die bewegende Flucht einer jungen Frau aus restriktiver religiöser Parallelgesellschaft packt in dieser außerordentlich klugen Miniserie. Der Ausbruch der 19-jährigen Esther Shapiro aus Unterdrückung ultraorthodoxer Juden im New Yorker Stadtteil Williamsburg nach Berlin verläuft hoch spannend. Esther kam über traditionelle Heiratsvermittlung mit ihrem Mann zusammen, den sie nur wenige Minuten kennenlernen konnte. Weil sie ihre Pflicht als Gebärmaschine nicht erfüllt, will der von Schwiegermutter kontrollierte Mann die Scheidung. Ester versetzt ihren Schmuck und flieht nach Berlin, wo sie fast märchenhaft in der offenen Gemeinschaft einer Musikschule landet.

Der bekannten Schauspielerin Maria Schrader gelingen als Regisseurin (Vor der Morgenröte) die Szenen des vibrierenden Stadtlebens ebenso wie hoch emotionale, intensive Schauspiel-Momente. Nach Deborah Feldmans gleichnamigem Bestseller wird das Leben der chassidischen Parallelgesellschaft kenntnisreich und detailliert geschildert, ohne platt zu dämonisieren.

Während Rückblenden die Heiratsvermittlung mit Begutachtung der möglichen Schwiegertochter zeigen, erlebt die kleine, unauffällige Frau in Berlin eine intensive Entdeckungs-Reise und das Wiedersehen mit der vor langer Zeit geflohenen Mutter. „Unorthodox" ist innerlich und äußerlich spannend, denn derweil sucht Esthers Mann mit Hilfe eines bedrohlichen Cousins nach ihr. Eine exzellente Miniserie, die Aufmerksamkeit verschlingt, gerade weil sie es sich nicht zu einfach macht.

23.3.20

Freud / Netflix

Freud als „Sherlock" in Wien - Regisseur und Serienverantwortlicher Marvin Kren („Tatort") zeigt nach „4 Blocks" den noch unterschätzten Nervenarzt „Siggi" Freud (Robert Finster) 1886 inmitten krimineller und politischer Machenschaften. Der Begründer der Psychoanalyse erinnert im Wien der Jahrhundertwende nicht nur wegen seiner Kokain-Abhängigkeit an „Sherlock", die BBC-Serie. Auch der düstere Look und die grausamen Taten machen aus der achtteiligen Serie ein „Jack the Ripper" in Wien. So ist „Freud" mit seiner Mischung aus historischem Sozialbild, fantastischer Biografie und Unheimlichen eher ein Ableger von „Berlin Babylon" als von „4 Blocks". Freud verkehrt in Salons mit anderen Außenseitern wie dem Schriftsteller Arthur Schnitzler, ist umgeben von Menschen mit unterdrücktem Unbewußten. Der „jüdische Scharlatan" entdeckt zufällig Dank eines schönen Mediums seine Fähigkeiten und landet mitten in einer grausamen Verbrechens-Serie. Wie seine Zeit steckt auch die Serie „Freud" zwischen erzählter Moderne und erzählerischer Tradition. (ghj)

22.3.20

Star Trek: Picard - Die letzte Episode / Amazon Prime Video

Seit einigen Wochen begeistert Kommandant Jean-Luc Picard (Patrick Stewart) wieder mit seiner Mission Humanismus im Weltall zu verteidigen. Eine hilfsbedürftige junge Frau kommt zu ihm und bald steckt der legendäre Enterprise-Kapitän mitten in einer galaktischen Verschwörung gegen artifizielle Lebewesen. Mit der kniffligen Frage, ob dieses freundliche Roboter-Gesicht wirklich den Anfang der Apokalypse bedeutet.

Die neueste „Star Trek"-Serie wurde von Fans und anderen begeistert aufgenommen. Es gibt Wiedersehen mit den Romulanern, den Borg, 7 of 9 und Commander Riker. Am Freitag folgt der Abschluss der ersten Staffel. (Die zweite ist abgedreht, Sendetermine stehen noch nicht fest.) Der spannende Science Fiction wirkt sehr gegenwärtig mit mörderischen Religionen, Vorurteilen, Rassismus und Völkermord. Denn während es „Star Wars" immer darum ging, dass Böse zu vernichten, strebten alle Humanisten auf der Brücke der Enterprise danach, die Menschheit zu verbessern. Auch wenn hier wieder ein Kapitän lieber existenzialistische Philosophie liest - dies sind zehn Folgen, die beim Binge Watching mit Lichtgeschwindigkeit vergehen.

20.3.20

Spenser Confidential / Netflix

Mark Wahlberg mit der Action-Lässigkeit eines Bruce Willis? Moment, dafür muss der junge Mann wohl noch mal in die Detective-Schule des Lebens. Wahlbergs ehemaliger Polizist Spencer, der wieder in Boston korrupte Kollegen jagt, ist besser geschrieben und vom Routinier Peter Berg („Mile 22", „Boston") inszeniert als gespielt. Frisch aus der Haft entlassen, weil er den Polizei-Chef zusammenschlug, ermittelt Spenser auf eigene Faust und prügelt sich dazwischen regelmäßig. Nebenbei macht er eine Ausbildung zum LKW-Fahrer und jobbt als Box-Lehrer. Wahlberg spielt also mal einen, der etwas klüger sein sollte, als die anderen Prügelknaben rund um ihn herum. Doch das geht ihm nicht besonders lässig von der Hand. Besser gefallen da die Nebenfiguren, vor allem Alan Arkin glänzt als väterlicher Freund. Action-Routine knapp über dem Mittelmaß.

I Am Not Okay With This / Netflix

Pickel an komischen Stellen sind normal für Teenager und Teenager-Filme. Doch „I Am Not Okay With This" ist ein toller Außenseiter des Genres mit einer tollen Außenseiterin als Superheldin: Die 15-jährige Sydney Novak (klasse: Sophia Lillis) bemerkt seltsame Veränderungen. Als der grinsende Football-Idiot der Schule gegenüber sie nervt, fängt seine Nase an zu bluten, als der tropfende Wasserhahn sie wütend macht, tropft er plötzlich nicht mehr. Und ganz wütend rodet sie mit ihren übernatürlichen Kräften unbeabsichtigt ein kleines Wäldchen. Ein ziemliches Problem für die stille Sydney, deren Leben nach dem Selbstmord des Vaters schon schwer genug ist.

Die exzellent inszenierte Serie mit kurzen Episoden nach Charles Forsmans Graphic Novel macht Spaß und berührt mit unkonventionellen Figuren.

19.3.20

Systemsprenger / DVD, BR, div. Streams

Die neunjährige Benni (Helena Zengel) ist ein „Systemsprenger". Sie fliegt nach kurzer Zeit aus allen Pflegeeinrichtungen, ist aggressiv, hyperaktiv und gewalttätig. Auf den ersten Blick wirkt das blonde und eher zierliche Mädchen in ihrer rosa Jacke nett. Doch immer wieder, vor allem, wenn sie jemand ins Gesicht fasst, verwandelt sie sich zu einer Furie mit Schreien und Tobsuchtsanfällen. Nora Fingscheidt lässt die Zuschauer hochdramatisch um Benni und ihre Opfer bangen. Die junge Regisseurin schrieb nach langer Recherche über einen Zeitraum von vier Jahren das Drehbuch zu ihrem Kino-Erstling. Das bemerkenswerte Spielfilmdebüt gibt es als Stream oder als DVD/BluRay mit viel Bonusmaterial.

Hunters / Amazon Prime

Zu einiger Berühmtheit gelangte die Serie „Hunters" von Amazon Prime, weil Polizisten sie im Dienst vor einer Synagoge schauten. Die Geschichte von Holocaust-Überlebenden rund um einen Anführer (Al Pacino), die 1977 im Stile von Tarantinos „Inglourious Basterds" alte Nazi jagen, rückt mit Action und Spannung Geschichte zurecht. Erinnerungen an die Grauen des Holocaust vermischen sich mit Rächern, die nach modernen Korrektheiten quer durch Geschlechter, Hautfarben und Religionen zusammengesetzt sind. Die von David Weil geschaffene, zehnteilige Serie „Hunters" hat bei allem Comic-Spaß an unkorrekter Rache vielleicht den Strickfehler, dass auch die Faschisten „cool" überzeichnet wurden.

18.3.20

Hayao Miyazaki bei Netflix

In allen Listen mit Streaming-Tips für Kinder sind die Zeichentrickfilme des japanischen Großmeisters Hayao Miyazaki („Heidi"!) am häufigsten zu finden. Netflix bringt in mehreren Chargen eine Reihe von Filmen des Ghibli-Studios für jedes Alter ins Programm. Auch die Kleinsten wird „Mein Nachbar Totoro" mit den niedlichen fantastischen Wesen begeistern, ebenso „Kikis kleiner Lieferservice" um die Emanzipation einer kleinen Hexe. Die großen Erfolge „Prinzessin Mononoke" (1997) und „Chihiros Reise ins Zauberland" (2001, Oscar, Goldener Bär) mit ihren ernsten ökologischen Aspekten sind ebenso erneut zu genießen wie das frühe Anti-Atomkraft-Meisterwerk „Nausicaä aus dem Tal der Winde" (1984) oder die erwachsene Verrücktheit „Porco Rosso" (1992). Leider ist der schönste Film für Vorschulkinder - „Ponyo - Das große Abenteuer am Meer" (2008) - in den Wirren der Streaming-Rechte nicht in Deutschland erhältlich.

The Mandalorian

„The Mandalorian" ködert auf Pro7

Disney+ startet mit sensationellem „Star Wars"-Ableger - erste Folge auf ProSieben

Ein einsamer Kopfgeld-Jäger und ein niedliches Baby. Da denken die Älteren an John Fords „Spuren im Sand" (3 Godfathers, 1948) mit John Wayne als Babysitter im Wilden Westen. Die Jüngeren können es hingegen nicht erwarten, im „Star Wars"-Ableger „The Mandalorian" das bereits kultige „Baby Yoda" zu sehen. Zusammen mit dem neuen Streaming-Dienst Disney+ startet die sensationell gute Mini-Serie von Schöpfer und Showrunner Jon Favreau („Iron Man" am 23. März.

In der Saga angesiedelt nach dem Fall des Empires, zitieren die kurzen Folgen genüsslich Genres und Klassiker wie „Die sieben Samurai". Der deutsche Regisseur Werner Herzog hat einige großartige schauspielerische Auftritte als gnadenloser Auftraggeber. Als Köder wird ProSieben die erste Folge am Sonntag (20.15 Uhr) im Rahmen einer Star Wars-Nacht zeigen. Für die sieben weiteren Episoden muss man Disney+ abonnieren.

15.3.20

Waves

USA 2019 Regie: Trey Edward Shults, mit Sterling K. Brown, Taylor Russel, Kelvin Harrison Jr., Alexa Demie 137 Min. FSK ab 12

Die Geschichte des jungen Highschool-Studenten Tyler Williams (Kelvin Harrison Jr.) zuerst zu erzählen, hieße der unglaublich eindrucksvollen Machart nicht gerecht zu werden. „Waves" ist anfangs ein Bildrausch mit taumelnder, rotierender und fließender Kamerabewegung. Mittendrin das Leben eines erfolgreichen jungen Sportlers aus guter Familie, mit dicken Muskeln und noch dickerem SUV. Das Glück mit der netten Freundin hebt ab, nur der strenge Vater sorgt für Konfrontationen. Dann wird die Schulterverletzung ernster, die Freundin schwanger. Unter immer mehr Drogen, Schmerzmittel und Aufputschmitteln rastet Tyler aus, wird zum ekelhaften Macho und schließlich Mörder.

Die atemberaubende und begeisternde Bildgestaltung, der starke Soundtrack von Atticus Ross & Trent Reznor, das alles reißt einen in den schwer erträglichen Abwärtsstrudel dieses jungen Manns mit. Bis zur Mitte der Films, an dem die bisherige Randfigur von Tylers Schwester Emily (Taylor Russell) die Hauptrolle übernimmt. Eine andere Liebesgeschichte spiegelt die vorherige Entwicklung auch stilistisch in eine positive Richtung.

Dass Trey Edward Shults Filme machen kann, weiß man seit „Krisha" und vor allem seit „It Comes at Night". Er zeigt es in „Waves" auf grandiose Weise. Die auffälligsten Mittel sind eine Beschränkung des Bildrahmens, wenn das Leben sich um die Figuren zuschnürt. Die wechselnde Farbpalette und die langsam eher feststeckende Kamera arbeiten alle an einer gewaltigen Gefühls-Achterbahn für das Publikum.

Das ist gewaltig und stark, nicht im Sinne von unangenehm brutal, wie Tyler nur ausnahmsweise nach der Trennung sein Zimmer zertrümmert. Sondern mit allen Mitteln subtil, aber unausweichlich. Zudem die ganz, ganz starke Schauspielleistung: Kelvin Harrison Jr. zeigt einen Typen, mit dem man Spaß hat, den man bestaunt, den man verabscheut, und mit dem man leidet. Taylor Russell ist mit der Empfindsamkeit, die sie ihrer Emily gibt, eine tolle Entdeckung. So ist es nicht nur Trey Edward Shults, den man für weitere eindrucksvolle Film-Ereignisse im Auge behalten muss.

Der Fall Richard Jewell

USA 2019 (Richard Jewell) Regie: Clint Eastwood, mit Paul Walter Hauser, Sam Rockwell, Kathy Bates, Jon Hamm, Olivia Wilde 129 Min. FSK ab 12

„Richard Jewell" ist der neue Film von dem Mann, der schon mal öffentlich mit Stühlen redet und Waffenbesitz ganz klasse findet. Doch Clint Eastwood ist als exzellenter Regisseur schwer zu packen und gerade die ambivalente Geschichte des fälschlich verdächtigten Wachmanns Richard Jewell lehrt, genauer hinzuschauen.

Richard Jewell (Paul Walter Hauser) ist ein simpler aber irgendwie auch gefährlicher Typ: Als Möchtegern-Polizist auf einem Uni-Campus schikaniert er saufende Studenten und kontrolliert sogar den Verkehr außerhalb des Geländes. Der dicke, von allen belächelte Richard weiß immer, was die Leute brauchen, manchmal noch bevor sie es selber wissen. Noch bevor etwas Großes passiert, ist es schon eine große Freude, diese genauen Menschen-Studien zu sehen.

Während sich die USA 1996 in einer nationalistischen Olympia-Begeisterung befindet, kommt Richard Jewells großer Moment. Bei einem lokalen Volksfest am Rande der Spiele in Atlanta entdeckt der Ordnungshüter eine Bombe und rettet damit viele Menschenleben. Richard ist ein Held - bis das völlig ahnungslose FBI ihn zum Hauptverdächtigen macht.

Kathy Scruggs (Olivia Wilde), eine Journalistin von der übelsten Art, startet mit dieser Information, für die sie mit dem FBI-Agenten Tom Shaw (Jon Hamm) Sex hatte, eine mediale Hexenjagd. Doch zum Glück traf Richard in einem Job als Bürobote den eigenwilligen Anwalt Watson Bryant (Sam Rockwell), der nun die Verteidigung des Unschuldigen übernimmt.

Tatsächlich wissen wir - Spoiler! - bei dieser wahren Geschichte von Richard Jewell, dass dieser zwar ein seltsamer Spinner und Waffennarr, aber kein Bombenleger war. Mehr als um den typischen unschuldig Verdächtigen geht es um eine zwiespältige Figur. Watson warnt den einfältigen Typen früh: „Werde kein Arschloch, wenn du eine Uniform hast!" Und tatsächlich wird der Möchtegern-Polizist sehr unsympathisch, sobald er etwas Macht hat. Im Drama um seine Verteidigung verhält er sich extrem dämlich, und ganz sicher möchte man mit so einem kleinen, obrigkeitshörigen Mitläufer nichts zu tun haben.

Jewell ist der typische durchgeknallte Durchschnittsamerikaner mit einer Waffensammlung unter dem Bett und einer ziemlich simplen sowie rechten Haltung. Also der ideale Verdächtige für einen extremistischen Anschlag. Wie wahrscheinlich ein Großteil der Trump-Wähler. Doch abseits von allen Etiketten simpler Charakterisierung geht es Eastwood nur darum, ob die Leute das Richtige tun oder nicht.

Das gilt für den typisch heruntergekommenen Anwalt ohne Aufträge. Für den gutaussehenden aber in seiner Unfähigkeit gefährlichen FBI-Agenten. Und vor allem für die gnadenlose Journalistin, die immer einen Knopf am Hemd zuviel geöffnet hat. Die Wende bei Kathy Scruggs ist einer der wenigen Schwachpunkte des durchgehend gelungenen Films. Und Eastwood legt noch eine Schippe drauf, um sie im Gespräch mit ihrem Chef-Redakteur richtig zu dämonisieren. Ist das die typische „Lügenpresse"-Idiotie rechter Clowns?

Eastwood inszeniert mit einer meisterlichen Leichtigkeit, die auch verschmitzten Humor zeigt, wenn zum Beispiel die Wege des Verdächtigen getimet werden und Sprinter Michael Johnson parallel seinen Gold-Lauf ablegt. Watsons osteuropäische Assistentin Nadja hat deftige Sprüche drauf: „Da wo ich herkomme, wenn die Regierung einen für schuldig hält, ist der unschuldig!" „Richard Jewell" ist mit Könnern wie Kathy Bates in allen Rollen sehr, sehr gut besetzt und gespielt. Bis zur wieder leisen und treffenden Klavierbegleitung (Musik: Arturo Sandoval) macht der rechte Waffennarr und Stuhl-Plauderer Eastwood mal wieder alles richtig.

Über die Unendlichkeit

Schweden, BRD, Norwegen 2019 (About Endlessness) Regie: Roy Andersson, mit Jane-Eje Ferling, Martin Serner, Bengt Bergius 78 Min.

Der erste Satz im neuen (Roy) Andersson lautet „Es ist schon September". Nein, September ist es noch lange nicht. Wir müssen noch Monate warten, bis wir den Silbernen Löwen der Filmfestspielen von Venedig im Kino sehen können. Sein Kinostart ist wegen des Corona-Virus verschoben worden.

Der Schwede Roy Andersson setzt in „Über die Unendlichkeit" seinen unvergleichlich blassen Stil aus seiner Trilogie über das Leben ( „Songs from the Second Floor", „Das jüngste Gewitter" und „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach") fort: Viele Geschichten, reduziert auf kleine Momente mit bleich geschminkten Gestalten und Kulissen.

Ein Mann, dessen Arbeit darin besteht, über Gott zu reden, der als Priester seinen Lebensunterhalt verdient, träumt davon, gekreuzigt zu werden. Ein Mann, der auf eine Mine getreten ist und dessen Beine amputiert sind, spielt in der Untergrundbahn auf einer Balalaika „Oh, sole mio". Ein Liebespaar wie von Chagall schwebt über der völlig zerbombten Stadt Köln. Die Einstellungen in „Über die Unendlichkeit" ergeben eher selten einen einfachen Zusammenhang, durchgehend sehen wir den wankenden Priester: „Oh Vater, warum hast du mich verlassen?"

Diesmal gibt es bei Andersson ebenso wenige Dialoge, aber einen poetischen Off-Text, immer beginnend mit „Ich sah einen Mann" oder „Ich sah eine Frau". Es folgen Beobachtungen über den Geist der Zeit, über die Menschen unserer Zeit. Die Szenen, wie immer mit bewegungsloser Kamera aufgenommen, sind absurd und traurig, oder einfach nur traurig. Wenn es mal einen netten Moment gibt, wie die liebevoll erwartete Ankunft des Vaters an einem Bahnhof, folgt danach aus dem Zug direkt eine Frau, auf die niemand wartet. Dann der weinende Vater, der seine gerade erstochene Tochter nach einem so genannten Ehrenmord noch in den Armen hält. Symptomatisch ist eine Diskussion im vollen Bus, ob man in der Öffentlichkeit traurig sein darf.

Hitler im Führerbunker, eine Zahnarzt-Behandlung mit Problemen. „Über die Unendlichkeit" ist eine geballte Dosis Traurigkeit, kunstvoll wie beige Senioren-Kleidung in einem vergessenen Kurort präsentiert. Insgesamt ist es sehr verständlich, dass dieser Film in Corona-Zeiten nicht gezeigt wird. Ob aber der melancholische Herbst ein besserer Zeitpunkt ist?

8.3.20

Die perfekte Kandidatin

Saudi-Arabien, BRD 2019 (The Perfect Candidate) Regie: Haifaa Al-Mansour, mit Mila Al Zahrani, Dhay, Khalid Abdulrhim, Shafi Al Harthy 101 Min. FSK ab 0

Nach „Das Mädchen Wadjda", dem Meisterwerk und ersten Film aus Saudi-Arabien, erzählt Regisseurin Haifaa al Mansour („Mary Shelley", „The Society") nun differenziert vom Emanzipations-Versuch einer privilegierten Ärztin. „Die perfekte Kandidatin" gewährt Einsichten in eine komplizierte Gesellschaft, hat aber nicht die künstlerische und emotionale Kraft des Vorgängers.

Nach wenigen Minuten hat „Die perfekte Kandidatin" alles klar situiert: Die miserablen Arbeitsbedingungen der Ärztin Maryam (Mila Al Zahrani), die Diskriminierung durch Patienten und selbst Kollegen. Dann noch die Situation in einem liberalen Haushalt, mit der älteren Schwester, die von Hochzeits-Unterhaltung lebt, und dem Vater, der als Musiker tourt. Die selbstbewusste Maryam darf immerhin mit ihrem neuen, teuren Auto alleine durch die Gegend fahren. Bis auch das im tiefen Schlamm vor ihrem Krankenhaus stecken bleibt. Genau wie die Krankenwagen und Rollstühle. Als sie auf dem Weg zu einem Kongress von Ausreisebeschränkungen gehindert wird, meldet sie sich eher zufällig als Kandidatin für den Gemeinderat an. Die durchsetzungsfähige Frau braucht eigentlich dringend die Genehmigung für eine Auslandsreise, aber der herablassende Sekretär eines befreundeten Beamten lässt sie nur als Bewerberin für die Wahl vor. Nun folgt mit Hilfe der beiden erst widerstrebenden Schwestern eine Wahlkampf-Kampagne vor allem gegen den Sexismus der saudischen Machos.

„Die perfekte Kandidatin" hält sich als klassischer Kampf- und Emanzipationsfilm angenehm zurück. Die Situation von Maryam und ihren Schwestern zeigt sich differenziert mit gewissen Freiheiten und auch brüskierenden Diskriminierungen. Die Ärztin erfährt meist freundliche Absagen durch freundliche Männer - sobald sie hinter ihrem Hijab erkannt wurde. Auch der Vater, dem in dieser Männer-Gesellschaft viele Aufgaben für die Töchter obliegen, meint es gut. Aber er ist zu sehr mit Trauer um die verstorbene Frau und seiner eigenen, späten Karriere als Musiker beschäftigt. Erst als Maryam etwas mehr fordert, erlebt sie die Konfrontation von rückständigen Machos und einem frauenfeindlichen System.

Im Vergleich zu „Das Mädchen Wadjda", die unbedingt Fahrrad fahren wollte, fehlt in „Die perfekte Kandidatin" eine metaphorische und poetische Ebene. Hier ist alles sehr deutlich, erschreckend deutlich. Dafür erzählen Details viel über das Leben einer Frau in Saudi-Arabien: Wann Verschleierung nötig ist und wann ganz hektisch die Schleier übergelegt werden müssen, weil der Bräutigam ins Hochzeits-Zelt kommt. Auch dass die Konzerte des klassischen arabischen Oud-Orchesters vom Ministerium gefördert und von religiösen Extremisten bedroht werden, differenziert das Bild des schon extremistischen Wahhabisten-Staates. Selbst propagiert der Film die Politik der kleinen Schritte anstelle großer Revolutionen. „Die perfekte Kandidatin" ist thematisch wichtig, politisch interessant, aber als Film leider eher mäßig als perfekt.

Zu weit weg

BRD 2019 Regie: Sarah Winkenstette, mit Yoran Leicher, Sobhi Awad, Anna König, Andreas Nickl, 91 Min. FSK ab 0

Nicht nur die Begeisterung für das Fußballspiel verbindet Ben und Tariq. Beide haben auch ihre Heimat verloren. Der eine wegen der Braunkohlebagger von RWE, die sein Dorf aufgefressen haben, der andere wegen der russischen und syrischen Bomben, die seine Stadt zerstört haben. Der Vergleich ist gewagt, funktioniert aber bestens in diesem gängigen Familienfilm, Coming-of-Age-Drama und dezent politischem Kinderfilm.

Zwar verspricht die „große Stadt" Düren dem zwölfjährigen Mittelstürmer Ben (Yoran Leicher) einen besseren Verein, doch der Wegzug der Familie aus einem der Kohle-Gier geopfertem Dorf, die neue Klasse und die Versetzung auf die Ersatzbank machen dem Jungen das Leben schwer. Die Situation bessert sich erst, als sich Ben des gleichaltrigen syrischen Flüchtlings Tariq (Sobhi Awad) annimmt und langsam dessen schweres Schicksal, samt Flüchtlingsdrama auf dem Mittelmeer, versteht.

„Zu weit weg" - in Düren und am Rande der Braunkohle-Verwüstungen gedreht - legt sich ganz schön viele Themen auf die Schaufel. Das Wegbaggern ganzer Dörfer und Dorfgemeinschaften durch ewig gestrige Konzerne wird eindrucksvoll ins Bild gebraucht und emotional mitfühlbar. Wenn Tariq beim fast therapeutischen Lego-Spielen wie beim Kriegsspiel eine ganze Stadt heftig zertrümmert, ist das eine erschütternde geniale Idee, die furchtbaren Erfahrungen des Kindes vorsichtig anklingen zu lassen. Dass der Vergleich von weggebaggerten Dörfern und zerbombten Städten mit Tausenden von Toten etwas schief ist, bemerkt der Film selbst und relativiert Bens große Probleme. Der kleine kluge Tariq stellt fest „Der Bagger macht alles kaputt, wie bei uns die Bomben. Nee, nicht wie bei euch: Ihr bekommt jeder ein neues Haus, hier ist ja kein Krieg. Trotzdem traurig - keine Heimat mehr."

Das exzellente Buch von Susanne Finken fängt das junge Publikum mit Fußball-Begeisterung, hat aber nicht nur ein Mädchen in der „Mann"-Schaft, auch in der Handlung spielen Bens ältere Schwester und die Mädchen seiner Klasse gute Rollen. Der kleine Held Ben ist einer mit Ecken und Kanten. Der, der sich bisher nur für seinen Fußball interessierte, lernt nach einer harten Zeit im neuen Club, seinen Egoismus zu überwinden. Ben ist einer, der aus Traurigkeit auch dämliche Sachen macht. Doch auch lernfähig und kann seinen Ärger loslassen - ein seltenes Vorbild im Kino. Nebenbei wird er vom begeisterten Bagger-Fan zum Braunkohle-Gegner. Der Film überwindet symbolisch den Egoismus unserer Gesellschaft, da gezeigt wird, wie gut ein unbegleiteter syrischer Flüchtling Aufnahme findet. Der Mut zu einer großen Geschichte wird mit einem tollen Film belohnt.

6.3.20

Lady Business

USA 2020 (Like a boss) Regie: Miguel Arteta, mit Tiffany Haddish, Rose Byrne, Salma Hayek 84 Min. FSK ab 12

Mia und Mel (Tiffany Haddish und Rose Byrne) sind beste Freundinnen, aber eigentlich Teenager mit falschem Körper und Klamotten. Beim Baby Shower lästern sie nicht nur joint-rauchend über ihre anderen Freundinnen, auch das Baby lassen sie mal ziehen. Die anderen haben eigene Häuser, Familien, Kinder - die beiden wohnen im geerbten Haus zusammen und haben Spaß. Dementsprechend sorglos sehen die Finanzen ihrer eigenen kleinen Kosmetikfirma aus, als das lukrative Übernahmeangebot vom Kosmetik-Konzern Claire Lunas (Salma Hayek) hereinplatzt.

In der bewusst ordinär und sexuell explizit scherzenden Komödie „Lady Business" geht es zuerst ein wenig unkorrekt her - auch die Ekelmomente dürfen nicht fehlen - und dann sehr, sehr übersichtlich. Schmerzlich vorhersehbar ist, dass die finanziell herausgeforderten Mia und Mel beim gefährlichen Angebot ihre Freundschaft verteidigen müssen. Jung, verrückt und dämlich wie aus Highschool-Filmen machen Mia und Mel noch etwas Spaß. Doch die Charaktere bleiben erschreckend flach, auf das ungehobelte Wildsein scheint die meiste Mühe verwandt worden sein.

Selma Hayek hat als leicht irre Konzern-Chefin hat ein paar gute Szenen völlig gnadenloser Bösartigkeit. Absurde Momente wie die kurze Feier- und Tanzeinlage zur Vertragsunterzeichnung hätten den Film retten können. Doch zu peinlich ist, wie lange die zu erwartende Entwicklung braucht. Letztlich wirkt der ganze Hintergrund um die Firmen-Übernahme wie im Kindergarten ausgedacht. Es ein Geschichtchen zu nennen, wäre stark übertrieben. Dass der Film dabei dann ganz ernst die Freundschaft als wahre Schönheit verkaufen will, ist ein schlechter Witz.

Der Spion von nebenan

USA 2019 (My Spy) Regie: Peter Segal, mit Dave Bautista, Kristen Schaal, Parisa Fitz-Henley 101 Min. FSK ab 12

Billige Dünnbrettbohrer-Schränke landen irgendwann auf den Müll. Vielleicht gibt es noch eine Zwischenverwertung im Kino-Keller oder Kinderzimmer. So ist es auch mit hohlen Action-Schauspielern: Bevor sie wegen Veralterung den Vergessen anheimfallen, versuchen sie immer wieder, noch in der Kinderabteilung des Kinos zu landen. Wie einst Ex-Bodybuilder Schwarzenegger („Kindergarten Cop") und leider immer noch Ex-Wrestler „The Rock" schlägt sich dessen Ex-Kollege Dave Bautista nun im Kinderzimmer rum.

CIA-Agent JJ (Dave Bautista) soll zusammen mit der verschrobenen Bobbi (Kristen Schaal) in Chicago die Wohnung einer jungen Witwe (Parisa Fitz-Henley) und ihrer neunjährigen Tochter Sophie (Chloe Coleman) überwachen. Die Geheimdienstler stellen sich dabei so dämlich an, dass Sophie schon nach ein paar Stunden die Überwachungskameras entdeckt und ihnen beim Spionieren über die Schulter schaut. Für das Stillschweigen muss JJ nun den Babysitter des einsamen und gemobbten Mädchens machen. Der Kleiderschrank macht sich beim Schlittschuhlaufen lächerlich und erschreckt bei einer Schulstunde Kinder und Eltern mit seinen Geschichten von ermordeten Terroristen.

Nicht nur die gewitzte Figur des Mädchens raubt der Hauptfigur die Aufmerksamkeit, auch die Schauspielerin Chloe Coleman spielt den groben Klotz Bautista („Guardians of the Galaxy") locker an die Wand. Und Sophie arrangiert auch noch ein romantisches Zusammentreffen von JJ und ihrer Mutter. Während man längst weiß, dass der grimmige Agent nach etwas Rumzicken fürsorglicher Freund des französischen Mädchens wird, baut sich die Action- und Buddy-Komödie für Kinder noch mühsam auf. Ob die härteren Sequenzen am Anfang und Ende zu Niedlichkeit des Rests für ein junges Publikum passen, bleibt fraglich.

3.3.20

Für Sama

GB, Syrien 2019 (For Sama) Regie: Waad al-Kateab, Edward Watts, 100 Min.

Der bewegendste Film seit langem und sicher für lange Zeit ist kein Produkt der Traumfabrik Hollywood, sondern eines der Albtraum-Fabrik namens Realität: Die oscar-nominierte Dokumentation „Für Sama" zeigt als poetischer Videobrief einer Filmemacherin an ihre kleine Tochter Sama die erschütternden Zustände im weltweit hingenommenen Syrien-Krieg.

Sterbende und schwer verletzte Kinder, kleine Jungs, die ihren toten Bruder in das letzte funktionierende Krankenhaus Aleppos bringen. Das ist - obwohl nie sensationsheischend aufgenommen - schwer zu ertragen. Doch wie viel schwerer muss es für die junge Mutter hinter der Kamera sein, die immer wieder ihre kleine Tochter Sama in diesen Situationen sieht?

Die Reporterin Waad al-Kateab erzählt in „Für Sama" von den begeisterten Anfängen der Revolution gegen den syrischen Diktator Baschar al-Assad im Studentenviertel von Aleppo. Von den ersten Massenmorden an den Protestlern und dann von jahrelangem, brutalem Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Während Waad ihre bald international verbreiteten Berichte aufnimmt, lernt sie den Arzt Hamza kennen. Er errichtet in den Trümmern der Stadt zweimal ein neues Krankenhaus. Doch diese Rettung für Tausende Menschen wird von den syrischen und russischen Raketen bewusst als Ziel gesucht.

So erleben wir diesen furchtbaren, von der internationalen Politik weitgehend hingenommenen Krieg aus der Innenperspektive, aus dem Inneren eines Krankenhauses. Rührend ist nicht nur der Kampf um jedes Leben, auch die unzerstörbare Hoffnung der Helfer lässt staunen. Selbst im Keller, nach wieder einem Bombenalarm, wird noch gelacht.

Das Wunderbare an diesem Film, den man nie vergessen wird, ist bei allen schockierenden Momenten, die kunstvolle, aber eigentlich zutiefst menschliche Form der Ansprache an die eigene Tochter. Das Material, das Waad, Hamza und ihre Freunde bei der - auch noch sehr spannenden - Evakuierung retteten, wurde in England auf eine exzellente Weise montiert, die gleichzeitig gute Seiten des Lebens und seine Schrecken zeigt. Bei Bildern, die auch ohne voyeuristisch zu sein, viel Grausames zeigen müssen, gibt es immer die kleine lachende Sama und die Geschichte einer Liebe in Zeiten des Krieges.

„Für Sama", diese quasi Live-Übertragung eines andauernden Abschlachtens in Syrien, sollte Pflichtprogramm sein für all jene Idioten, die sich über Flüchtlinge beschweren. Es ist ein Aufschrei auch gegen alle deutschen Waffenproduzenten, alle Soldaten, die an solchen Verbrechen beteiligt sind, alle Politiker, die mit diesen Massenmördern Geschäfte machen.