8.3.20

Die perfekte Kandidatin

Saudi-Arabien, BRD 2019 (The Perfect Candidate) Regie: Haifaa Al-Mansour, mit Mila Al Zahrani, Dhay, Khalid Abdulrhim, Shafi Al Harthy 101 Min. FSK ab 0

Nach „Das Mädchen Wadjda", dem Meisterwerk und ersten Film aus Saudi-Arabien, erzählt Regisseurin Haifaa al Mansour („Mary Shelley", „The Society") nun differenziert vom Emanzipations-Versuch einer privilegierten Ärztin. „Die perfekte Kandidatin" gewährt Einsichten in eine komplizierte Gesellschaft, hat aber nicht die künstlerische und emotionale Kraft des Vorgängers.

Nach wenigen Minuten hat „Die perfekte Kandidatin" alles klar situiert: Die miserablen Arbeitsbedingungen der Ärztin Maryam (Mila Al Zahrani), die Diskriminierung durch Patienten und selbst Kollegen. Dann noch die Situation in einem liberalen Haushalt, mit der älteren Schwester, die von Hochzeits-Unterhaltung lebt, und dem Vater, der als Musiker tourt. Die selbstbewusste Maryam darf immerhin mit ihrem neuen, teuren Auto alleine durch die Gegend fahren. Bis auch das im tiefen Schlamm vor ihrem Krankenhaus stecken bleibt. Genau wie die Krankenwagen und Rollstühle. Als sie auf dem Weg zu einem Kongress von Ausreisebeschränkungen gehindert wird, meldet sie sich eher zufällig als Kandidatin für den Gemeinderat an. Die durchsetzungsfähige Frau braucht eigentlich dringend die Genehmigung für eine Auslandsreise, aber der herablassende Sekretär eines befreundeten Beamten lässt sie nur als Bewerberin für die Wahl vor. Nun folgt mit Hilfe der beiden erst widerstrebenden Schwestern eine Wahlkampf-Kampagne vor allem gegen den Sexismus der saudischen Machos.

„Die perfekte Kandidatin" hält sich als klassischer Kampf- und Emanzipationsfilm angenehm zurück. Die Situation von Maryam und ihren Schwestern zeigt sich differenziert mit gewissen Freiheiten und auch brüskierenden Diskriminierungen. Die Ärztin erfährt meist freundliche Absagen durch freundliche Männer - sobald sie hinter ihrem Hijab erkannt wurde. Auch der Vater, dem in dieser Männer-Gesellschaft viele Aufgaben für die Töchter obliegen, meint es gut. Aber er ist zu sehr mit Trauer um die verstorbene Frau und seiner eigenen, späten Karriere als Musiker beschäftigt. Erst als Maryam etwas mehr fordert, erlebt sie die Konfrontation von rückständigen Machos und einem frauenfeindlichen System.

Im Vergleich zu „Das Mädchen Wadjda", die unbedingt Fahrrad fahren wollte, fehlt in „Die perfekte Kandidatin" eine metaphorische und poetische Ebene. Hier ist alles sehr deutlich, erschreckend deutlich. Dafür erzählen Details viel über das Leben einer Frau in Saudi-Arabien: Wann Verschleierung nötig ist und wann ganz hektisch die Schleier übergelegt werden müssen, weil der Bräutigam ins Hochzeits-Zelt kommt. Auch dass die Konzerte des klassischen arabischen Oud-Orchesters vom Ministerium gefördert und von religiösen Extremisten bedroht werden, differenziert das Bild des schon extremistischen Wahhabisten-Staates. Selbst propagiert der Film die Politik der kleinen Schritte anstelle großer Revolutionen. „Die perfekte Kandidatin" ist thematisch wichtig, politisch interessant, aber als Film leider eher mäßig als perfekt.

Zu weit weg

BRD 2019 Regie: Sarah Winkenstette, mit Yoran Leicher, Sobhi Awad, Anna König, Andreas Nickl, 91 Min. FSK ab 0

Nicht nur die Begeisterung für das Fußballspiel verbindet Ben und Tariq. Beide haben auch ihre Heimat verloren. Der eine wegen der Braunkohlebagger von RWE, die sein Dorf aufgefressen haben, der andere wegen der russischen und syrischen Bomben, die seine Stadt zerstört haben. Der Vergleich ist gewagt, funktioniert aber bestens in diesem gängigen Familienfilm, Coming-of-Age-Drama und dezent politischem Kinderfilm.

Zwar verspricht die „große Stadt" Düren dem zwölfjährigen Mittelstürmer Ben (Yoran Leicher) einen besseren Verein, doch der Wegzug der Familie aus einem der Kohle-Gier geopfertem Dorf, die neue Klasse und die Versetzung auf die Ersatzbank machen dem Jungen das Leben schwer. Die Situation bessert sich erst, als sich Ben des gleichaltrigen syrischen Flüchtlings Tariq (Sobhi Awad) annimmt und langsam dessen schweres Schicksal, samt Flüchtlingsdrama auf dem Mittelmeer, versteht.

„Zu weit weg" - in Düren und am Rande der Braunkohle-Verwüstungen gedreht - legt sich ganz schön viele Themen auf die Schaufel. Das Wegbaggern ganzer Dörfer und Dorfgemeinschaften durch ewig gestrige Konzerne wird eindrucksvoll ins Bild gebraucht und emotional mitfühlbar. Wenn Tariq beim fast therapeutischen Lego-Spielen wie beim Kriegsspiel eine ganze Stadt heftig zertrümmert, ist das eine erschütternde geniale Idee, die furchtbaren Erfahrungen des Kindes vorsichtig anklingen zu lassen. Dass der Vergleich von weggebaggerten Dörfern und zerbombten Städten mit Tausenden von Toten etwas schief ist, bemerkt der Film selbst und relativiert Bens große Probleme. Der kleine kluge Tariq stellt fest „Der Bagger macht alles kaputt, wie bei uns die Bomben. Nee, nicht wie bei euch: Ihr bekommt jeder ein neues Haus, hier ist ja kein Krieg. Trotzdem traurig - keine Heimat mehr."

Das exzellente Buch von Susanne Finken fängt das junge Publikum mit Fußball-Begeisterung, hat aber nicht nur ein Mädchen in der „Mann"-Schaft, auch in der Handlung spielen Bens ältere Schwester und die Mädchen seiner Klasse gute Rollen. Der kleine Held Ben ist einer mit Ecken und Kanten. Der, der sich bisher nur für seinen Fußball interessierte, lernt nach einer harten Zeit im neuen Club, seinen Egoismus zu überwinden. Ben ist einer, der aus Traurigkeit auch dämliche Sachen macht. Doch auch lernfähig und kann seinen Ärger loslassen - ein seltenes Vorbild im Kino. Nebenbei wird er vom begeisterten Bagger-Fan zum Braunkohle-Gegner. Der Film überwindet symbolisch den Egoismus unserer Gesellschaft, da gezeigt wird, wie gut ein unbegleiteter syrischer Flüchtling Aufnahme findet. Der Mut zu einer großen Geschichte wird mit einem tollen Film belohnt.

6.3.20

Lady Business

USA 2020 (Like a boss) Regie: Miguel Arteta, mit Tiffany Haddish, Rose Byrne, Salma Hayek 84 Min. FSK ab 12

Mia und Mel (Tiffany Haddish und Rose Byrne) sind beste Freundinnen, aber eigentlich Teenager mit falschem Körper und Klamotten. Beim Baby Shower lästern sie nicht nur joint-rauchend über ihre anderen Freundinnen, auch das Baby lassen sie mal ziehen. Die anderen haben eigene Häuser, Familien, Kinder - die beiden wohnen im geerbten Haus zusammen und haben Spaß. Dementsprechend sorglos sehen die Finanzen ihrer eigenen kleinen Kosmetikfirma aus, als das lukrative Übernahmeangebot vom Kosmetik-Konzern Claire Lunas (Salma Hayek) hereinplatzt.

In der bewusst ordinär und sexuell explizit scherzenden Komödie „Lady Business" geht es zuerst ein wenig unkorrekt her - auch die Ekelmomente dürfen nicht fehlen - und dann sehr, sehr übersichtlich. Schmerzlich vorhersehbar ist, dass die finanziell herausgeforderten Mia und Mel beim gefährlichen Angebot ihre Freundschaft verteidigen müssen. Jung, verrückt und dämlich wie aus Highschool-Filmen machen Mia und Mel noch etwas Spaß. Doch die Charaktere bleiben erschreckend flach, auf das ungehobelte Wildsein scheint die meiste Mühe verwandt worden sein.

Selma Hayek hat als leicht irre Konzern-Chefin hat ein paar gute Szenen völlig gnadenloser Bösartigkeit. Absurde Momente wie die kurze Feier- und Tanzeinlage zur Vertragsunterzeichnung hätten den Film retten können. Doch zu peinlich ist, wie lange die zu erwartende Entwicklung braucht. Letztlich wirkt der ganze Hintergrund um die Firmen-Übernahme wie im Kindergarten ausgedacht. Es ein Geschichtchen zu nennen, wäre stark übertrieben. Dass der Film dabei dann ganz ernst die Freundschaft als wahre Schönheit verkaufen will, ist ein schlechter Witz.

Der Spion von nebenan

USA 2019 (My Spy) Regie: Peter Segal, mit Dave Bautista, Kristen Schaal, Parisa Fitz-Henley 101 Min. FSK ab 12

Billige Dünnbrettbohrer-Schränke landen irgendwann auf den Müll. Vielleicht gibt es noch eine Zwischenverwertung im Kino-Keller oder Kinderzimmer. So ist es auch mit hohlen Action-Schauspielern: Bevor sie wegen Veralterung den Vergessen anheimfallen, versuchen sie immer wieder, noch in der Kinderabteilung des Kinos zu landen. Wie einst Ex-Bodybuilder Schwarzenegger („Kindergarten Cop") und leider immer noch Ex-Wrestler „The Rock" schlägt sich dessen Ex-Kollege Dave Bautista nun im Kinderzimmer rum.

CIA-Agent JJ (Dave Bautista) soll zusammen mit der verschrobenen Bobbi (Kristen Schaal) in Chicago die Wohnung einer jungen Witwe (Parisa Fitz-Henley) und ihrer neunjährigen Tochter Sophie (Chloe Coleman) überwachen. Die Geheimdienstler stellen sich dabei so dämlich an, dass Sophie schon nach ein paar Stunden die Überwachungskameras entdeckt und ihnen beim Spionieren über die Schulter schaut. Für das Stillschweigen muss JJ nun den Babysitter des einsamen und gemobbten Mädchens machen. Der Kleiderschrank macht sich beim Schlittschuhlaufen lächerlich und erschreckt bei einer Schulstunde Kinder und Eltern mit seinen Geschichten von ermordeten Terroristen.

Nicht nur die gewitzte Figur des Mädchens raubt der Hauptfigur die Aufmerksamkeit, auch die Schauspielerin Chloe Coleman spielt den groben Klotz Bautista („Guardians of the Galaxy") locker an die Wand. Und Sophie arrangiert auch noch ein romantisches Zusammentreffen von JJ und ihrer Mutter. Während man längst weiß, dass der grimmige Agent nach etwas Rumzicken fürsorglicher Freund des französischen Mädchens wird, baut sich die Action- und Buddy-Komödie für Kinder noch mühsam auf. Ob die härteren Sequenzen am Anfang und Ende zu Niedlichkeit des Rests für ein junges Publikum passen, bleibt fraglich.

3.3.20

Für Sama

GB, Syrien 2019 (For Sama) Regie: Waad al-Kateab, Edward Watts, 100 Min.

Der bewegendste Film seit langem und sicher für lange Zeit ist kein Produkt der Traumfabrik Hollywood, sondern eines der Albtraum-Fabrik namens Realität: Die oscar-nominierte Dokumentation „Für Sama" zeigt als poetischer Videobrief einer Filmemacherin an ihre kleine Tochter Sama die erschütternden Zustände im weltweit hingenommenen Syrien-Krieg.

Sterbende und schwer verletzte Kinder, kleine Jungs, die ihren toten Bruder in das letzte funktionierende Krankenhaus Aleppos bringen. Das ist - obwohl nie sensationsheischend aufgenommen - schwer zu ertragen. Doch wie viel schwerer muss es für die junge Mutter hinter der Kamera sein, die immer wieder ihre kleine Tochter Sama in diesen Situationen sieht?

Die Reporterin Waad al-Kateab erzählt in „Für Sama" von den begeisterten Anfängen der Revolution gegen den syrischen Diktator Baschar al-Assad im Studentenviertel von Aleppo. Von den ersten Massenmorden an den Protestlern und dann von jahrelangem, brutalem Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Während Waad ihre bald international verbreiteten Berichte aufnimmt, lernt sie den Arzt Hamza kennen. Er errichtet in den Trümmern der Stadt zweimal ein neues Krankenhaus. Doch diese Rettung für Tausende Menschen wird von den syrischen und russischen Raketen bewusst als Ziel gesucht.

So erleben wir diesen furchtbaren, von der internationalen Politik weitgehend hingenommenen Krieg aus der Innenperspektive, aus dem Inneren eines Krankenhauses. Rührend ist nicht nur der Kampf um jedes Leben, auch die unzerstörbare Hoffnung der Helfer lässt staunen. Selbst im Keller, nach wieder einem Bombenalarm, wird noch gelacht.

Das Wunderbare an diesem Film, den man nie vergessen wird, ist bei allen schockierenden Momenten, die kunstvolle, aber eigentlich zutiefst menschliche Form der Ansprache an die eigene Tochter. Das Material, das Waad, Hamza und ihre Freunde bei der - auch noch sehr spannenden - Evakuierung retteten, wurde in England auf eine exzellente Weise montiert, die gleichzeitig gute Seiten des Lebens und seine Schrecken zeigt. Bei Bildern, die auch ohne voyeuristisch zu sein, viel Grausames zeigen müssen, gibt es immer die kleine lachende Sama und die Geschichte einer Liebe in Zeiten des Krieges.

„Für Sama", diese quasi Live-Übertragung eines andauernden Abschlachtens in Syrien, sollte Pflichtprogramm sein für all jene Idioten, die sich über Flüchtlinge beschweren. Es ist ein Aufschrei auch gegen alle deutschen Waffenproduzenten, alle Soldaten, die an solchen Verbrechen beteiligt sind, alle Politiker, die mit diesen Massenmördern Geschäfte machen.

28.2.20

La Vérité

Frankreich, Japan 2019 Regie: Hirokazu Koreeda, mit Catherine Deneuve, Juliette Binoche, Ethan Hawke 108 Min. FSK ab 0

Der japanische Regisseur Hirokazu Koreeda gewann bei 2018 in Cannes die Goldene Palme für sein berührendes Familiendrama „Shoplifters". In anderen, wunderbaren Familienfilmen wie „Unsere kleine Schwester", „Like Father, Like Son" oder „Nobody Knows" spielen Kinder immer eine besondere Rolle. Nun, bei seinem ersten „ausländischen" Film, ist vor allem Catherine Deneuves Filmdiva kindisch. Trotz der Stars gelingt Hirokazu Koreeda nach eigenem Buch erneut ein sehr schöner Film um Lüge und Wahrheit, echte und falsche Familien.

Die Drehbuchautorin Lumir (Juliette Binoche) kommt mit Ehemann Hank (Ethan Hawke) und dem gemeinsamen Kind aus New York nach Paris. Ihre Mutter, die französische Filmdiva Fabienne (Catherine Deneuve) wird Memoiren veröffentlichen. Der Titel lautet „La Vérité" - die Wahrheit, aber es steht nichts Wahres drin. Vor allem mit dem Bild der liebenden Mutter ist Lumir keineswegs einverstanden.

Weil die Diva ihren langjährigen Vertrauten und Freund verjagt, muss Lumir ihr bei Dreharbeiten zur Seite stehen. Und wir erleben, wie die Deneuve gekonnt in die Rolle eines zickigen Stars, einer schrecklichen Mutter, eines furchtbaren Menschen schlüpft. Dauernd über jüngere Kolleginnen lästert und dabei grandiose Sätze abläst: „Ich bin Schauspielerin, ich erzähle keine blöden Fakten, die Wahrheit ist langweilig." Fabienne stellt die paar familiären Small Talk-Fragen nur, weil sie Stille nicht erträgt. Ansonsten interessiert sie sich nur für sich selbst.

Solch ein Projekt eines gefeierten Regisseurs mit großen Stars hätte leicht ein eitles Schaulaufen werden können. Doch Hirokazu Koreeda fügt alle und alles zusammen zu einer runden Geschichte um eine zu abwesende und selbstbezogene Mutter, eine tragisch verstorbene Freundin und Konkurrentin, die eigentlich die bessere Mutter für Lumir war. Denn die Diva dreht gerade ausgerechnet einen Film über die allgemein vergötterte Konkurrentin Sarah, deren Erfolg Fabienne geraubt hat, indem sie mit dem Regisseur ins Bett ging,. Ein (Science Fiction-) Film über eine Mutter, die zu selten da ist, weil die Erdenschwere sie sterben lassen würde. Eine sehr deutliche Metapher für das vermeintliche Künstler-Leben des Stars, der nicht mal die Tochter schauspielern lassen wollte.

In vielen sehr schönen Details, Verbindungen und Dialogen lässt Hirokazu Koreeda die Familien-Beziehungen aus unterschiedlichen Perspektiven aufblitzen. Eine kleine, sehr feine Spielerei, vergnüglich anzusehen und immer wieder bei aller (gespielter) Raffinesse echt berührend. Anders als seine bisherigen Meisterwerke (und die wünscht man sich zurück), doch auch unbedingt sehenswert.

25.2.20

Die Känguru-Chroniken

BRD 2020 Regie: Dani Levy, mit Dimitrij Schaad, Rosalie Thomass, Henry Hübchen 90 Min.

Regisseur Dani Levy macht aus dem kommunistischen Känguru von Marc-Uwe Kling eine nette Komödie mit flapsigem Klassenkampf und klasse Besetzung.

Es fängt damit an, dass ein Känguru bei Marc-Uwe Kling (Dimitrij Schaad) nervig klingelt und um ein paar Eier bittet, um wenige Momente später gleich ganz einzuziehen. Doch wie es sich für die Geschichte eines kommunistischen Kängurus und eines anarchistischen Kleinkünstlers gehört, wird beim Film erst mal kritisch über die passende Nacherzählung diskutiert. Der Streit-Ton ist damit gesetzt, es ist das intellektuell durchaus gehaltvolle, zitatenreiche und links-politische Gekabbel zwischen neuen WG-Bewohnern.

Dem flott chaotischen Auftakt um hauptsächlich verschütteten Eierkuchen-Teig mit geistreichem Wortwitz, guter Animation und noch besserem Schauspiel folgt ein Mix aus Kiez-Porträts, Slapstick und anti-kapitalistischer Handlung. Denn die typische Berliner Viertel-Bude im Multikulti-Viertel soll vom fiesen Immobilien-Bonzen Jörg Dwigs (herrlich angebräunt: Henry Hübchen) für einen populistisch-nationalen Europa-Tower platt gemacht werden. So wie die Nazis, die gerade Kling und Känguru wegen dessen Köter-Weitkicken verfolgen, aus purer Blödheit Dwigs' Porsche platt gemacht haben. Dass der Immobilien-Hai auf Sand gebaut hat, erfährt die Protest-Truppe um Kling, das Känguru, die Kneipen- und Büdchen-Besatzung sowie Klings Love-Interest (Rosalie Thomass) erst später.

Es gibt reichlich Filmzitate und Häppchen aus dem modernen Klassiker „Die Känguru-Chroniken": Der grammatikalische Korinthenkacker bekommt ebenso sein Fett ab, wie die Nazis, die AzD (Alternative zu Deutschland), „Fick Neoliberalismus" (als Graffito nicht Graffiti!), rechte Aluhüte, ein Berliner Schwabe, der den Mangel an korrektem Deutsch beklagt, und das Gentrifizieren. Wenn die Handlung zwischendurch mal an Schwung verliert, tragen die sympathischen Figuren und die trefflichen Karikaturen die Komödie locker über die Hänger.

Dimitrij Schaad gibt die menschliche Hauptfigur stimmig, die animalische Animation ist gut und vor allem witzig. Dani Levys vertrauter Darsteller Henry Hübchen karikiert klasse den rechtspopulistisch verbrannten Unsympath und Rassisten. Das ist inhaltlich eher rebellisch als formal von Marc-Uwe Kling und Dani Levy auf die Leinwand gebracht. Nach Komödien wie „Alles auf Zucker" ist es diesmal kein feiner Lubitsch von Levy. Für die vielen Fans sind „Die Känguru-Chroniken" möglicherweise zu wenig pointiert, für Neueinsteiger auf jeden Fall ein netter Spaß mit dem Herz am linken Fleck. Für Nazi, AfD-Wähler und Immobilien-Spekulanten aber eher nichts.

Emma. (2020)

GB 2020 Regie: Autumn de Wilde, mit Anya Taylor-Joy, Johnny Flynn, Bill Nighy, Mia Goth, Miranda Hart 124 Min.

Hätten die inflationären Heiratsvermittler von Bachelor- und Bauernshows bloß „Emma" von Jane Austen gelesen! Sie hätten verstanden, dass Heiratsvermittlung - mit zu geringem Verstande betrieben - immer schiefgehen muss. Deshalb nach zahllosen Verfilmungen hier noch einmal und richtig vergnüglich: Emma!

Diese Emma Woodhouse (Anya Taylor-Joy) ist ein furchtbar eingebildetes Naivchen, wohlsituiert im britischen Landadel Anfang des 19. Jahrhunderts. Sie meint, ihre Mitmenschen zum (Ehe-) Glück führen zu müssen. Besonders darunter leiden muss ihre Freundin Harriet Smith (Mia Goth). Emma nimmt sich dieses völlig unbedarften Kükens an, sucht einen passenden Mann für die Mittellose, muss es dann aber verwinden, dass Harriet mit jemandem flirtet, der sie selbst interessiert.

Da sind der seltsame Pfarrer und der sehr gut aussehende, aber „zu arme" Bauer. Und vor allem der lange abwesende und erwartete Nachbars-Neffe Frank Churchhill (Callum Turner). Ihr Freund Mr. Knightley (Johnny Flynn) ist bei all den Irrungen und Wirrungen immer still und spitz kommentierend dabei. Nur er kann mit seinem kühlen Verstand lange den emotionalen Wallungen trotzen. (Ein Mann übrigens, der regelmäßig den Wagen stehen lässt, um zu Fuß zu gehen!) Wer schließlich Emmas Mr. Darcy wird, ist nicht schwer zu erraten. Aber der Weg dahin ist ein äußerst sorgfältig und liebevoll inszeniertes, buntes Vergnügen.

Die Werbe- und Musikvideo-Regisseurin Autumn de Wilde (Beck, Florence + The Machine) inszeniert die Austen-Figuren mit keineswegs leiser Ironie. Das „Leise" bekommt auch die Musik nicht hin - zur Freude der Zuschauer. „Emma." - mit bewusstem Punkt hinter dem Namen - präsentiert nicht das übliche Kostüm und Kulissen-Schaulaufen: Nein, wenn die Klosterschülerinnen im roten Umhang wie Entchen über ein Brückchen marschieren, ist das allein herrlich komisch. Hier sind die Farben so bonbon-bunt wie bei Sofia Coppolas „Marie Antoinette". Ein wunderbarer Bill Nighy kann als Emmas Vater Mr. Woodhouse nur mit Mühen Fassung bewahren, angesichts der Albernheiten, die um ihn herum geschehen. Selbstverständlich geriet auch die Mimik vor allem von Hauptdarstellerin Anya Taylor-Joy („The Witch", „Split") so pointiert wie der Dialog. Doch niemals grob oder übertrieben. Das Können der Videoclip-Regisseurin zeigt sich darin, dass die Gesellschafts-Tänze, die so leicht veralbert werden könnten, dann sogar als schöner romantischer Moment funktionieren.

Letztlich muss sich die eingebildete Emma selbst alle menschliche Schwächen und Tiefen eingestehen. Darin, dass es im turbulenten Verwechslungs-Finale wieder ganz wunderbar menschelt, liegt die andauernde Attraktion Jane Austens. Dem zuzuschauen, liefert letztlich die gleiche voyeuristische Schadens-Freude wie bei anderen medialen Heiratsvermittlungen, nur wesentlich raffinierter und feiner präsentiert.

24.2.20

The Gentlemen

USA 2019 Regie: Guy Ritchie, mit Matthew McConaughey, Hugh Grant, Colin Farrell, Michelle Dockery 114 Min. FSK ab 16

Hugh Grant verkauft uns eine millionenschwere Gangster-Geschichte, in der Drogen, Adel und überzogener Ehrgeiz eine mörderische Mischung ergeben. Vor allem wenn Guy Richie („Sherlock Holmes", „Snatch") Regie führt.

Wie erzählt man diese Gangster-Geschichte, die gerade durch ihre Erzählweise besonders reizvoll daher kommt? Vielleicht nicht damit, dass die Hauptfigur, Drogenboss und der Exil-Amerikaner Mickey Pearson (Matthew McConaughey) direkt in der ersten Szene zu sterben scheint. Besser mit diesem schmierigen und gleichzeitig faszinierenden Erzähler, dem Privatdetektiv Fletcher (Hugh Grant). Der sitzt uneingeladen in der Küche von Mickeys smarter rechter Hand Ray (Charlie Hunnam). Und will 20 Millionen Pfund für seine Geschichte, die ehrlich gesagt, so wie Guy Richie sie erzählt, tatsächlich Einiges wert ist.

Es ist die Geschichte des Amerikaners Mickey Pearson, der seine Zeit an einer britischen Elite-Uni nutzt, um den Adel mit Drogen zu versorgen. Dafür lässt ein Teil der verarmten Lordschaft ihn im riesigen Umfang Marihuana auf ihren Ländereien anpflanzen. Basis für ein millionenschweres Marihuana-Imperium. Doch nun will Mickey sich zur Ruhe setzen und bietet seine berauschende Infrastruktur dem exzentrischen Milliardär Matthew Berger (Jeremy Strong) für 400 Millionen an. Dass der Triaden-Boss Lord George (Tom Wu), der wahnsinnige Emporkömmling Dry Eye (Henry Golding) und auch ein kleiner, beleidigter Chefredakteur (Eddie Marsan) hinter Mickey her sind, macht den Deal kompliziert. Und all die geheimen Details will der Privatdetektiv Fletcher in Form eines Drehbuchs für nur 20 Millionen anbieten...

„The Gentlemen" ist mit seinem smarten Filmstil und den selbst im brutalen Killen coolen Figuren ein typischer Guy Ritchie. Trefflich besetzt mit Typen wie Matthew McConaughey („Interstellar"), Hugh Grant („Codename U.N.C.L.E.") und Colin Farrell („Widows – Tödliche Witwen"), denen das deftige Spiel gegen ihre typischen Rollen-Klischees sichtlich Spaß macht. Echte Gentlemen gibt es nämlich kaum beim verräterischen Hin und Her von „The Gentlemen". Dafür viel knackiger, raffiniert inszenierter Actionspaß und spritzige, am besten im Orginal genossene Dialoge zwischen den Blut-Spritzereien.

23.2.20

Just Mercy

USA 2019 Regie: Destin Daniel Cretton, mit Michael B. Jordan, Brie Larson, Rob Morgan, Tim Blake Nelson 137 Min. FSK ab 12

„Just Mercy" erzählt klug und ruhig von einem Kampf gegen rassistische US-Justiz. Wie bei Harper Lees „Wer die Nachtigall stört", nur dass diese wahre und bewegende Geschichte aus Alabama nicht in den 30ern, sondern 1987 spielt.

Es gibt früh im Film den Hinweis, die Geschichte spiele in Maycomb, einer kleinen Stadt im Alabama, die auch Handlungsort von Harper Lees Klassiker „To Kill a Mockingbird" (Wer die Nachtigall stört) war. Dass mittlerweile 1988 ist und trotzdem wie in den 1930er-Jahren die Justiz nach der Hautfarbe urteilt, schockiert. Aber zumindest muss nicht ein gerechter weißer Ritter wie Atticus Finch (im Film gespielt von Gregory Peck) als Retter einschreiten. Diesmal ist es ein privilegierter afroamerikanischer Harvard-Jurist, der einen zu Unrecht verurteilten Schwarzen vor dem Elektrischen Stuhl rettet.

Es ist eine Begegnung in der Todeszelle, die den Lebensweg des jungen Anwalts Bryan Stevenson (Rob Jordan) bestimmen wird: Die Verzweiflung und Einsamkeit des verurteilten Afroamerikaners berührt den Harvard-Absolventen tief. Zum Ärger seiner Mutter zieht er ins rückständige und rassistische Alabama, um zusammen mit der ortsansässigen Anwältin Eva Ansley (Brie Larson) Menschen zu verteidigen, die zu Unrecht verurteilt wurden oder sich keine angemessene Verteidigung leisten konnten. Unter seinen ersten Fällen ist Walter McMillian (Jamie Foxx), der 1987 für den Mord an einer 18-Jährigen zum Tode verurteilt wurde, obwohl alles gegen seine Schuld spricht. Stevenson wird bei seinem ersten Gefängnisbesuch von den Waffen direkt körperlich angegangen, muss sich widerrechtlich komplett ausziehen und untersuchen lassen.

„Just Mercy" klingt auf den ersten Blick nach Gerichtsfilm und nach Kampf gegen die Todesstrafe im Stil von „Walk the line". Doch völlig ohne übliche Klischees macht der exakt erzählende Film Rassismus in Justiz und Gesellschaft deutlich. Wie in einer Reportage wird gezeigt, was das Urteil mit Familie und Freunden von Walter macht. Der Harvard-Jurist muss die brutale alltägliche Diskriminierung im Süden der USA kennenlernen, samt willkürlicher Verkehrskontrollen mit Pistole an seinem Kopf. Dabei spielt der Film nicht in den sechziger Jahren, sondern 1988.

Ein Jahr, in dem übrigens 65 Menschen in diesem US-Staat hingerichtet wurden. So muss man mitten im Film mit anderen Zuschauern eine Hinrichtung durchstehen. Stevenson, nach dessen Sachbuch „Ohne Gnade: Polizeigewalt und Justizwillkür in den USA" aus 2014 der Film entstand, kämpft nicht nur gegen Rassen-Justiz, sondern auch gegen die Todesstrafe. So kommt laut Film auf neun hingerichtete Personen ein unschuldiger zum Tode Verurteilter. Ein doppeltes Engagement, das der Film fortführt. Auf unaufgeregte Weise, obwohl man beim Miterleben immer wütender wird. Der sehr starke Schauspielerfilm gegen Justizwillkür wirkt umso mehr im Bewusstsein, dass in den USA die Hautfarbe weiterhin landesweit eine Rolle bei der Rechtsprechung spielt.

Chaos auf der Feuerwache

USA 2019 (Playing with Fire) Regie: Andy Fickman, mit John Cena, Keegan-Michael Key, John Leguizamo, Brianna Hildebrand, Judy Greer 96 Min. FSK ab 0

Es brennt nicht gerade lichterloh in der Ideenkiste Hollywoods. Auch die lauwarme Komödie „Chaos auf der Feuerwache" ist so wenig originell, dass man sich immer überlegt, wann man diesen Film schon einmal gesehen hat. Es fängt noch ganz witzig an, wenn der Super-Feuerwehrmann Jake Carson (John Cena) wie eine Action-Puppe in Kinderhänden von den Autoren und vom Film durch die Mangel genommen wird. Ja, die US-Feuerwehrleute sind schon so oft und so pathetisch als Helden gefeiert worden, dass eine wohltuende Veralberung dringend nötig ist. Auch sein Team besteht aus herrlich clownnesken Nebenfiguren (Keegan-Michael Key, John Leguizamo). Die pedantische Helden-Heimeligkeit gerät durcheinander, als die freche Teenagerin Brynn (Brianna Hildebrand) mit zwei kleinen Geschwistern aus einem brennenden Haus gerettet und wegen Umständen auf der abgelegenen Feuerwache bleiben muss. Klar wird da mit Feuerlöschern gespielt, das wunderschön rote Feuerwehr-Auto zerkratzt und die Übungskiste entflammt. Aber vor allem das schreiende Kleinkind überfordert die Babysitter-Qualitäten der hartgesottenen Firefighter.

Der Film schlägt sich mit zunehmendem Klamauk immer mehr auf die Kinderseite: Erwachsene Männer kämpfen mäßig witzig mit Übelkeit beim Windelwechsel und mit einer unfreiwilligen Schaumparty. Nur die Rührseligkeit bremst den Humor aus, den man in diesem Filmchen bislang als Einziges ernst nehmen konnte. Ohne Unterfütterung mit halbwegs vernünftiger Handlung bleiben leider nur Witzfiguren übrig. Dazu noch ein hochintelligentes, sehr emanzipiertes und einsames Weibchen, das angesichts von Muskeln immer ganz albern schwach wird. Spätestens jetzt sind die kleinen Kinogänger genauso gelangweilt wie die großen vorher.

19.2.20

Ruf der Wildnis (2019)

USA 2019 (The Call of the Wild) Regie: Chris Sanders, mit: Harrison Ford, Dan Stevens, Omar Sy, Karen Gillian, Bradley Whitford, Colin Woodell 105 Min.

Ein Hundleben für Kinofreunde - die nächste Verfilmung des bekannten Jugendromans „Ruf der Wildnis" von Jack London kommt digital auf den Hund und ist so unnötig wie Flöhe und Zecken.

Ein Hund auf abenteuerlichen Abwegen - das wirkt wie die Kopie der Kopie von Filmen „Enzo und die wundersame Welt der Menschen" oder „Bailey", um nur das Letzte zu nennen. Dabei ist „Ruf der Wildnis" als Roman von Jack London eigentlich die Hunde-Mutter aller Hunde-Geschichten. Die besonders realistische Geschichte über das Hunde-Leben während des Goldrausches in Alaska erschien 1903 erstmals. Schon 1935 gab es einen ersten Film, damals mit Clark Gable und Loretta Young in menschlichen Hauptrollen.

Wieder wird Bernhardiner-Mischlingshund aus nach Alaska entführt. Dem Goldrausch folgend, landet er in dem Schlittenhund-Rudel von Perrault (Omar Sy), wo sich unser allzu menschlicher Held erst durchsetzen muss. Die vorletzte Etappe dieses tierischen Abenteuers wird Bucks Zeit mit dem trauernden alten John Thornton (Harrison Ford) sein. Alles scheint gut, doch letztlich ist das Tier klüger als die meisten Menschen: Buck folgt dem Ruf der Wildnis, entscheidet sich für ein (Liebes-) Leben in einem Wolfrudel.

Harrison Ford und Omar Sy halten gekonnt ihre Gesichter hin, haben aber ansonsten nicht viel zu sagen. Vor allem die Geschichte des einsamen Thornton passiert auf der Tonspur mit Synchrostimme. Hier hat der Mundharmonika spielende Hund noch einen Einsatz als Psychoanalytiker des Alkoholikers.

Die Werbung nennt dieses filmische Unglück „Live-Action-CGI-Animationsabenteuer" und irgendwie sieht es auch so verzwurbelt aus: Der digital generierte Bernhardiner zeigt sich unglaublich flexibel mal riesig bedrohlich, dann flauschig und niedlich. Aber vor allem künstlich wie die meisten anderen digitalen „Tiere" des Films. Zum Auftakt titscht Buck wie Gummiball und Comicfigur durch viele Slapstick-Fettnäpfchen und ähnelt dabei vor allem dem hyperaktiven Scooby Doo-Hund.

Bei völlig unblutigen Ringkämpfen im römisch-germanischen Stil, wie es halt Hundeart ist, übernimmt der Neuling Buck mit sozialen Maßnahmen die Leitung gegenüber dem alten autoritären Führer. Der neue, erzählerisch uralte „Ruf der Wildnis" ist eine verharmlosende, kindgerechte Version, die immer noch viel Drama und Gewalt enthält, wenn der Knüppel zur Erziehung eingesetzt wird. Dazu viel aufwändige Action, die wegen ihrer doch lahmen digitalen Unsetzung nie gut aussieht. Der 800 Kilometer lange Postweg gibt eine ganz kleine Ahnung vom Realismus Londonscher Erzählungen. (Wie die heutigen Zuschauer staunt der Hund über die von Briefen, diesen seltsamen weißen Vierecken, die Menschen glücklich machen können.) Selbstverständlich werden die Tiere dabei furchtbar vermenschlicht. „Ruf der Wildnis" ist Disney aufs Schlimmste, selbst wenn er nicht von Disney ist.

18.2.20

In Search...

BRD, Belgien, Kenia 2018 Regie: Beryl Magoko 90 Min.

Beryl Magoko wurde als junges Mädchen in einem ländlichen Dorf in Kenia „beschnitten". Lange trug sie diese traumatische Erfahrung alleine, im Glauben, dies würde jedes Mädchen erleben. Als Filmemacherin geht Beryl Magoko nun mit nervös fröhlicher Naivität vor und hinter der Kamera der Frage nach, ob diese genitale Verstümmelung operativ rückgängig gemacht werden kann. Die dokumentierte Entscheidungsfindung zeigt viele sehr persönliche Erfahrungsberichte und erstaunlich detaillierte Erinnerungen an das traumatische Ereignis von Mädchen, die sich auch von ihren Müttern allein gelassen fühlen. Die Nacherzählungen dieser noch zu oft tabuisierten Verbrechen an afrikanischen Frauen differenzieren - es gibt auch Aufklärungskampagnen. Wobei die Geschichte besonders tragisch ist, wenn die Aufklärung einfach zu spät kommt. Magoko selbst zeigt sich bei einem wunderbar gezeigten Besuch in ihrem Dorf und den Versuchen, mit der Mutter zu sprechen, mit extremen Menstruations-Schmerzen in Folge der brutalen „Initiation".

Die Frage nach den Möglichkeiten, die Verstümmelung rückgängig zu machen, ergibt einen mutig persönlichen, bewegenden und wichtigen Film zu einem verdrängten Thema, das leider immer noch ein Tabu ist.

Fantasy Island

USA 2019 Regie: Jeff Wadlow, mit Michael Peña, Maggie Q, Lucy Hale, Austin Stowell, Portia Doubleday 90 Min. FSK ab 16

Fantasieloses Elend

„Fantasy Island" ist noch eine zum Glück vergessene Fernsehserie (1977-1984, 1998-1999), die aus unerfindlichen Gründen auf die Leinwand gebracht werden musste. Aus mäßig dramatischer Nachmittags-Unterhaltung wird ein weniger als mäßiges Horror-Filmchen, das sich mit dem alten Namen etwas Aufmerksamkeit klauen will.

Auf „Fantasy Island" sollen in billig-noblem Ambiente eines Ferien-Clubs Träume wahr werden. Doch die magische Insel mit ihrem Reiseleiter (hier: Michael Peña) hat etwas Sadistisches - immer muss den Gästen moralin-sauer irgendwas beigebracht werden. Wer dies nicht in der Vergangenheit erleiden brauchte, bekommt am Anfang extrem deutlich erklärt, war hier alles möglich ist.

Der Film packt mehrere Episoden in eine krampfhaft kombinierte Handlung: Zwei Freunde wollen nur dumpfe Party und viel Sex, werden sich aber nach einem martialischen bewaffneten Überfall über den Wert ihrer Freundschaft klar. Eine unglückliche Frau bekommt die Chance, einen abgelehnten Heiratsantrag von vor fünf Jahren rückgängig zu machen. Als sie aufwacht, ist sie seit fünf Jahren verheiratet und hat ein großes Kind. Ein feiger kantiger Typ mit „rassistisch kurzen Haaren" möchte unbedingt in die Armee und trifft im Einsatz auf seinen mutigen Soldaten-Vater, der seit 27 Jahren verstorben ist. Und eine bauchfreie und blonde Influencerin möchte das Mobbing ihrer Schulzeit verarbeiten. In ihrer Fantasie darf sie ihre Quälerin foltern.

Diese Episödchen leihen sich wahllos etwas aus extremen Horror- und Kriegsfilmen, was zu einer haarsträubend zusammengeschusterten Auflösung führt. Dabei bekommt das fantasieloses Elend „Fantasy Island" nicht mal die Mini-Dosis Moral hin, die das Markenzeichen des Originals war.

13.2.20

Limbo (2019)

BRD 2019 Regie: Tim Dünschede, mit Elisa Schlott, Tilman Strauß, Martin Semmelrogge, Mathias Herrmann, Christian Strasser 89 Min. FSK ab 12

Ein Film in einer Aufnahme - dafür gab es bei „1917" gerade keinen großen Oscars und tatsächlich ist so eine Spielerei in der rohen Version eines Hochschulfilms aus München noch interessanter: Tim Dünschede lässt in der Unterwelt von „Limbo" drei Geschichten an einem Abend dramatisch zusammenkommen. Raffiniert, spannend und ambitioniert.

Die junge, verbissene Compliance-Managerin Ana Bergmann (Elisa Schlott) versucht nach Feierabend, ihren Chef auf ein Geldwäsche-Netzwerk hinzuweisen, doch der will mit seinem Kumpel zur einer Party. Deshalb verlässt die ununterbrochen filmende Kamera das Trio an einer Tankstelle und folgt nun dem verdeckten Ermittler Carsten (Tilman Strauß). Zusammen mit seinem väterlichen Freund, dem Kleinkriminellen Ozzy (Martin Semmelrogge), geht es mit einer Geschäfts-Idee zu dem Unterwelt-Typen Wiener in dessen auswärtigen Komplex. Die Mischung aus Bordell und illegalem Boxring wird von nun an mit viel Treppauf und Treppab der Handlungs-Ort sein. Eine blutrünstige Schickeria wartet auf den nächsten Kampf, hinter den Kulissen wird das Geldwaschen mit Hilfe eines Finanzinstituts auf ganz modern umgestellt.

Dass dabei Ana mit ihrem Chef wieder auftaucht, dass Alles mit Allen zusammenhängt, überrascht positiv, nachdem der Dialog mit Carsten und Ozzy auf einer zu langen Autofahrt zu vielen Längen hatte. Dieser „Limbo" zwischen Akteuren und Kamera, der Tanz zwischen den Ebenen wird zum Schluss immer spannender. Das ist handwerklich und auch noch als Debütfilm erstaunlich gut gemacht, vor allem mit dieser „One Shot"-Spielerei. Illegale Boxkämpfe und Wetten, dazu Geldwäsche, das hat ganz leicht einen Hauch von Scorsese. Ein paar von Früher bekannte Gesichter helfen aus, doch Regie, Kamera und Schauspielführung passen, viel Stimmung wird mit der Musik gemacht. Das Buch hätte etwas dichter, der Dialog etwas flotter sein können. Aber dass „Limbo" bald auch außerhalb von Studentenfilm-Kreisen für Aufsehen sorgte, ist sehr verständlich, ein Kinostart mehr als verdient.

Weisser weisser Tag

Island, Dänemark, Schweden 2019 (Hvitur, Hvitur Dagur) Regie: Hlynur Pálmason, mit Ingvar Eggert Sigurdsson, Ída Mekkín Hlynsdóttir, Hilmir Snær Guðnason 109 Min.

Ein Autounfall im dichten Nebel und ein abgelegener Hof im Wechsel der Jahreszeiten. Ja, der isländische Regisseur Hlynur Pálmason ist sichtbar auch bildender Künstler und so wird aus dem Drama eines zur Trauer unfähigen alten Witwers ein besonderer Film.

Nach dem Knall zum Auftakt - in einsamer Berglandschaft fährt ein Wagen durch die Leitplanken - verfolgen wir den Wandel eines verlassenen Hofes wie eine bewegte Bild-Installation. Die langsam belebt wird, je mehr der ältere Mann Ingimundur (Ingvar Eggert Sigurdsson) das Haus herrichtet. Auch während der Sitzungen beim Psychologen mault er leicht aggressiv, er wolle nichts anderes, als ein Haus bauen und auf keinen Fall viele Fragen gestellt bekommen.

So nett Ingimundur als Opa sich um die Enkelin Salka (Ída Mekkín Hlynsdóttir) kümmert, weil die Eltern zu gestresst sind - dieser knorrige, bärtige Herr wirkt gefährlich verschlossen. Ein Karton voller Erinnerungen seiner verunfallten Frau stellt sein Inneres dann auf den Kopf. Da taucht in Videos ein Liebhaber auf, mit dem Ingimundur sogar noch Fußball spielt. Vom bösen Faul bis zu Gewehrschüssen bricht die lang verdrängte Trauer in gefährlicher Weise an die Oberfläche.

Noch so ein Drama um verschlossene Alte aus dem Norden erscheint vielleicht wenig geeignet für einen auch sehr kunstfertigen Film. Aber die üblichen Gespräche über Begehren und Treue werden bei Hlynur Pálmason begleitet mit Stillleben von Steinen und Detailaufnahmen des tödlichen Autounfalls. „Weisser weisser Tag" verfolgt auch mal zwischendurch den Sturz eines Steins über einen langen Abhang bis auf den Boden des Meeres. Dauernd unterbrechen Aufnahmen von Überwachungskameras die Bilder, dann fließt langsam Milch über eine Holzmaserung.

Was sich zeitweise faszinieren meditativ ansieht, wird dann zunehmend sehr dramatisch. Die Figur Ingimundurs fesselt, wie sie sich eigentlich liebevoll um die Enkelin kümmert. Plötzlich erzählt er ihr aber ziemlich heftige Schreckens-Geschichten. Das alles ist zum Glück weit entfernt vom ästhetischen Einerlei ähnlicher Bewältigungs-Dramen. Und wirklich mal „sehens"-wert.

10.2.20

Tommaso und der Tanz der Geister

Italien, Großbritannien, USA 2019 Regie: Abel Ferrara, mit Willem Dafoe, Cristina Chiriac, Anna Ferrara 117 Min. FSK ab 12

Mit einem allseitig fordernden Selbstporträt liefert der für skandalöse Filme aller Art berüchtigte Regisseur Abel Ferrara („Bad Lieutenant") ein spätes Meisterwerk ab. Willen Dafoe spielt den Filmemacher an der Seite von dessen tatsächlicher junger Frau und dessen echter dreijähriger Tochter.

Der amerikanische Filmemacher Tommaso Buscetta (Willem Dafoe) wohnt mit seiner jungen Frau Nikki (Cristina Chiriac) und der Tochter Dee Dee (Anna Ferrara) in Rom, lernt italienisch, gibt Schauspielunterricht und arbeitet an einem neuen Film. Dafoe spielt bewährt intensiv den Regisseur, der gleichzeitig hinter der Kamera steht. Mit dessen eigener Frau, die vor der Kamera spielt. Spätestens bei sehr intimen Szenen verursacht diese besondere Versuchsanordnung das typisch unangenehm irritierede Ferrara-Gefühl.

Bei den anonymen Alkoholikern erzählt Tommaso sehr gekonnt und berührend eine Geschichte von ganz unten - nicht unwahrscheinlich, dass sie der abhängige Ferrara selbst erlebt hat. Es gibt in „Tommaso" heftige Beziehungsprobleme, erotische Tagträume mit nackten Frauen, wahnsinnige Eifersucht und immer wieder erschütternde Geständnisse bei den AA-Sitzungen.

Aber im packenden Fluss ruhiger Szenen staunt man auch über eine unvermittelte Pontius Pilatus-Szene in Mafia-Milieu, beobachtet den recht fitten Dafoe bei Yoga und Meditation. Ferrara schafft es trotzdem, selbst in diesen reflektierten Film ein paar brutale Szenen einzubauen. Bis zu einer Kreuzigungsgruppe vor dem Bahnhof Termini, selbstverständlich mit Dafoe wieder als Christus. Der Schauspieler begeistert noch einmal in einer faszinierenden Rolle eines sehr vielschichtigen, getriebenen Mannes - voller Erfahrungen und immer noch orientierungslos.

Zwischen inszenierter Dokumentation, filmischer Beichte und kunstvollem Künstler-Porträt ist „Tommaso" ein sehr ruhiger und reifer Film, der aber seine immer noch die Effizienz seines erfahrenen Horror- und Gewalt-Regisseurs („The Addiction", „Body Snatchers") zeigt. Sehr berührend, interessant und nachdenklich machend.

9.2.20

Bombshell

USA, Kanada 2019 Regie: Jay Roach, mit Charlize Theron, Nicole Kidman, Margot Robbie, John Lithgow 110 Min. FSK ab 12

Sehr passend zur nicht gender-mäßig ausgewogenen Oscar-Veranstaltung startet diese glänzend schockierende Anklage sexueller Belästigung und Ausbeutung von Frauen in der Medien-Welt. Die wahre Geschichte des Falls von Fox-Chef Roger Ailes feiert die Erfolge von etwas weiblicher Solidarität noch vor #metoo und Harvey Weinstein.

Dass Donald Trump sich schon als Kandidat auch mit obszöne Bemerkungen und Aktionen gegenüber Frauen diskreditierte, ist heute schon wieder vergessen. 2016, zu Beginn des Wahlkampfs, konfrontierte Megyn Kelly (Charlize Theron), Moderations-Star bei Fox, ihn damit bei einer TV-Diskussion. Schon vorher wurde ihr vergifteter Kaffee untergeschoben, nachher sind Trumps Tweets und der inszenierte Shitstorm ebenso ungenießbar. Megyn Kelly badet einen kurzen Gesinnungswandel von Murdoch gegen Trump aus, muss allerdings auf Befehl von Fox-Chef Roger Ailes (John Lithgow) persönlich zurückrudern.

Diese totale Kontrolle eines vermeintlichen Nachrichten-Konzerns ist Teil der Farce „Bombshell" aus der Hölle des ultrakonservativen Medien-Löwen Rupert Murdoch. So flott der Film und seine Erzählerinnen auch durch die Redaktionsräume, Studios und Chef-Etagen führen, Angst und Beklemmung ist selbst bei überzeugten rechten Meinungs-Machern im Gesicht abzulesen. Und zunehmend bei den Frauen, die alle wissen, was in den Räumen des fetten, alten Bosses Roger Ailes passiert. Sie wissen und schweigen. Der Karriere willen.

In der „Bombshell"-Dramaturgie verklagt erst die ältere, degradierte und schließlich entlassene Moderatorin Gretchen Carlson (Nicole Kidman) wegen sexueller Belästigung den berüchtigten Senderchef Roger Ailes und den Murdoch-Konzern Fox. Sie muss auf Kolleginnen hoffen, die auch über erlittene Schweinereien von Ailes aussagen - lange vergebens. Zu den interessanten Identifikations-Figuren im Herzen des rechten Medienzentrums gehört als Dritte die naive Aufsteigerin Kayla Pospisil (Margot Robbie): Forsch drängt sie sich in das abgeschlossene Büro von Ailes, wo ihr schauerlich langsam klar gemacht wird, dass sie sexuell zur Verfügung stehen muss, wenn sie Erfolg haben will. Dass die Moderatorinnen nicht nur vor der Kamera ihre nackten Beine zeigen müssen, ist die Außenseite einer Konzern- und Gesellschafts-Mentalität, in der Frauen nur als Sexualobjekte etwas wert sind. Zwar herrscht bei Fox rechts-konservative Naivität bis zu gemeiner Blödheit, doch noch erschreckender sind die frauenfeindlichen Frauen, die nach ersten Anklagen als „Team Roger" nur Solidarität zum mächtigen Schwein zeigen. Erst der Blick auf die eigene Tochter lässt Megyn Kelly umdenken.

Es sind ambivalente Heldinnen, mit denen „Bombshell" den - Spoiler! - bekannten Fall des scheinbar allmächtigen Roger Ailes nachzeichnet. Dadurch bleibt diese Etappe im Kampf gegen Sexismus und Vergewaltigungen außer schockierend auch interessant und packend.

La Gomera

Rumänien, Frankreich, BRD 2019 Regie: Corneliu Porumboiu, mit Vlad Ivanov, Catrinel Marlon, Rodica Lazar, Sabin Tambrea 98 Min.

Dass „La Gomera" im Wettbewerb von Cannes lief, macht klar: Dieser klasse Krimi ist nicht die übliche Kost und trotz Strand und Lorbeerwald auch kein Urlaubsfilmchen für Fans des „Valle Gran Rey". Als der Bukarester Polizist Cristi (Vlad Ivanov) noch altmodisch per Fähre anlandet, begrüßen ihn schroffe Felsen, ein rauer Gangster und Gilda (Catrinel Marlon) im verführerisch roten Kleid. Eine der reizvoll eingebauten Rückblenden macht klar: Als die Frau den Polizisten in Rumänien beauftragte, einen Vertrauten aus dem Gefängnis zu befreien, kamen sie sich wegen der allgegenwärtigen Überwachungskameras zu Tarnung intim nahe. Jetzt sei das vergessen, betont sie, während er die berühmte Pfiff-Sprache El Silbo für die Befreiungsaktion lernt. Weitere Rückblenden machen weitere Verwicklungen um versteckte 30 Millionen Euro klar und den Gangsterboss Paco (Agustí Villaronga) sehr wütend. In dieser korrupten Gesellschaft hat auch Cristis Polizei-Chefin Magda (Rodica Lazar) eigene Pläne.

Dieser Arthaus-Krimi um Rache und Millionen spielt raffiniert mit Erwartungen und Sehgewohnheiten: Schon Gilda in rot ist eine alte Verführungs- und Filmgeschichte. Der Western im Kino wird zum finalen Feuergefecht ausgerechnet in der verlassenen Filmkulisse eines Western. Dazu gibt es in diesem wahrhaft pfiffigen Film eine gepfiffene Mackie Messer-Melodie. Regisseur und Autor Corneliu Porumboiu zeigt sich in „La Gomera" nicht als Speerspitze der rumänischen Nouvelle Vague. Doch sein Krimi ist in Geschichte und Schauspiel äußerst packend und sehr sehenswert.

Looking at the Stars

Brasilien, USA 2016 Regie: Alexandre Peralta 90 Min. FSK ab 0, Audiodeskription & Untertitel für Gehörlose

Mitten in Sao Paulo gibt es eine besondere Schule: Die Ballettschule „Associação Fernanda Bianchini" kümmert sich nicht nur um arme und benachteiligte Kinder, sie lehrt Blinden den Balletttanz! Die brasilianische Ballerina und Physiotherapeutin Fernanda Bianchini gründete diese außergewöhnliche Institution. Schon mit seinem Kurzfilm über diese Schule aus dem Jahr 2014 gewann Alexandre Peralta den „Studenten-Oscar". Die berührende, sehr gute Dokumentation „Looking at the Stars" begleitete nun über mehrere Jahren besondere Menschen dieser Schule.

Zwei faszinierende Frauen sind mit sehr persönlichen Portraits Protagonistinnen des Films: Geyza erblindete mit neun Jahren und ist heute Primaballerina und Ballettlehrerin an Fernanda Bianchinis Schule. Wir erleben ihren Alltag, die Zweifel daran, dass ihr Freund sie interessant finden könnte. Aber dann auch eine bewegende Hochzeit, die Geburt eines Kindes und bald die ersten Schritte zurück auf die Ballett-Bühne.

Geyzas Lieblingsschülerin scheint die 14-jährige Thalia mit dem so gewinnenden Lachen zu sein. Beim Unterricht mit dem Lehrer sehen wir, wie die blinden Schülerinnen die Bewegungen und Körperspannungen an anderen ertasten. Schnipsende Finger geben Rhythmus und Richtung vor. Sehende Tänzer unterstützen die Ballerinen.

Die lebenslustige und mutige Thalia erleidet Mobbing in der Schule. Dem Ausgegrenzt- und Nicht Verstanden-Sein setzt der Film eine poetisch inszenierte Tanzszene in den Schulräumen entgegen. Überhaupt findet Alexandre Peralta selbst in alltäglichen Beobachtungen immer wieder sehr sinnliche Aufnahmen.

Selbst wenn zwei öffentliche Aufführungen zu den Höhepunkten des Films zählen, ist der Alltag oft interessanter als die schwierigen Übungsstunden und die erstaunliche Faszination blinder Frauen und Mädchen für eine sehr optische Betätigung. Auch wenn dieser interessante Widerspruch nicht weitergedacht wird, bleibt „Looking at the Stars" eine hervorragend gemachte und berührende Dokumentation.

31.1.20

Varda par Agnès

Frankreich 2018 Regie: Agnès Varda 115 Min.

Agnès Vardas possierlich als „Großmutter der Nouvelle Vague" zu bezeichnen, übersieht, dass die Französin eine der wichtigsten, innovativsten, intelligentesten und wunderbarsten Filmemacherin nicht nur ihrer Zeit war. In „Varda par Agnès" blickt die 90-jährige Künstlerin kurz vor ihrem Tod im März 2019 gewohnt geistreich und berührend auf ihr Werk zurück.

„Nichts ist banal, wenn man die Menschen mit Liebe und Empathie filmt!" Vom ersten Welterfolg „Cleo – Mittwoch zwischen 5 und 7" (Cléo de 5 à 7) im Jahr 1961 über „Vogelfrei" (Sans toit ni loi) mit Sandrine Bonnaire als Obdachlose, den herzzerreißenden Abschied von Vardas Lebensgefährten Jacques Demy in „Jacquot" bis zu den späten Erfolgen „Die Sammler und die Sammlerin" (Les glaneurs et la glaneuse) und „Augenblicke: Gesichter einer Reise" (Visages Villages) zeichnet der filmische Blick Vardas diese Liebe für die Menschen vor ihrer Kamera aus. Und eine Neugier für andere, neue Sichtweisen. Die kindliche Freude über die erste digitale Kamera in ihrer Dokumentation „Die Sammler und die Sammlerin" bleibt unvergesslich. Und die Kunstfertigkeit, aus scheinbar banalen Alltagsfunden ein komplexes Meisterwerk zu formen.

Vardas letztes Werk dreht sich um eine Reihe von Vorträgen. Eine „Master Class" aber nicht nur über das Filmen, sondern über das Leben. Und wieder einmal Glück, 24 mal pro Sekunde. Ausführlich lässt sie die Entstehung ihres Klassikers „Cleo" aufleben. Schämt sich im Gespräch mit Sandrine Bonnaire etwas, wie sie das Mädchen für die harte Rolle hat leiden lassen.

Dann die unglaubliche Geschichte vom Dreh von „Jane B… wie Birkin" mit Schauspielstar Jane Birkin. Die Aufnahmen wurden unterbrochen, um eine Geschichte, die Jane Birkin erwähnte, in den Sommerferien zwischendurch zu drehen. Mit Charlotte Gainsbourg, der Tochter von Birkin und Mathieu Demy, dem Sohn von Agnes Varda: „Die Zeit mit Julien". Leben samt Betreuung schulfreier Kinder und Kunst in Harmonie - wie so oft bei Varda.

„Varda par Agnès" ist ein letzter Schatz, den dieser filmisch so außergewöhnliche, aber vor allem emotional so kluge Mensch hinterlässt. Eine gute Gelegenheit, sie kennenzulernen oder sich ihrer zu erinnern.

30.1.20

Intrige

Frankreich, Italien 2019 (J'accuse) Regie: Roman Polanski, mit Cast: Jean Dujardin, Louis Garrel, Emmanuelle Seigner, Grégory Gadebois 132 Min.

Nach dem gleichnamigen Roman von Robert Harris („Der Ghostwriter", „Enigma") inszeniert Roman Polanski in „Intrige" den wahrscheinlich größten politischen Skandal des späten 19. Jahrhunderts aus Nebenperspektive als Krimi und Spiegel der französischen Gesellschaft. Ein hintersinniges und aktuelles Drama um das vielfältige Wirken von Antisemitismus, das bei den Filmfestspielen von Venedig 2019 den Großen Preis der Jury gewann und für 12 Césars nominiert ist.

„Intrige" ist nicht, wieder Originaltitel „J'accuse" vermuten lässt, die Verfilmung des berühmten gleichnamigen Zeitungsartikels von Émile Zola. Es ist auch nicht die Geschichte des 1895 zu Unrecht aus antisemitischen Gründen wegen Spionage verurteilten, degradierten und verbannten Offiziers Alfred Dreyfus. Sondern die seines Ausbilders und zeitweiligen Weggefährten, den Offizier Marie-Georges Picquart, der am Rande der Intrigen mitarbeitet, die Dreyfus verurteilen ließen. Der aber auch später aus Gewissensgründen als Chef des Geheimdienstes den Skandal auffliegen ließ.

Die zelebrierte Degradierung und Erniedrigung des jüdischen Offiziers Dreyfus (Louis Garrel) vor vielen Soldaten und Pöbel wird von den Kollegen der Armee mit ein paar Juden-Witzen kommentiert. Als nicht ganz unbeteiligter Prozessbeobachter ist Marie-Georges Picquart (Jean Dujardin) dabei. Das eröffnet ihm Aufstiegsmöglichkeiten: Picquart wird nach einer Versetzung zum Geheimdienst jüngster Oberst der Armee. Das neue Arbeitsgebäude wird mit leisem Humor in all seiner Verdreckt- und Verkommenheit vorgeführt. Wie der von Syphilis zerfressene Vorgänger ist auch diese Gesellschaft verdorben. Mit naivem Staunen erfährt der neue Chef, was und wer alles ausspioniert wird. Als Zeichen einer Psychose gibt es geheime Listen wie bei Stalin: 2500 sind Verräter 100.000 direkt zu verhaften, die Juden gehören noch nicht dazu. (Ein böser Verweis, zu den Listen, die den Deutschen die Verhaftung der Pariser Juden ermöglichten.) Es ist die Abteilung, die stolz darauf ist, den vermeintlichen Spion Dreyfus entdeckt und überführt zu haben. Das entsprechende Schreiben hängt gerahmt an der Wand. An ihm wird sich Picquarts teilweiser Gesinnungswandel vollziehen.

Bei der aufwändigen Beschattung eines schwulen Gesandten wird Picquart klar, dass Dreyfus unschuldig war und nur aus antisemitistischen Gründen verurteilt wurde. Der großartige Jean Dujardin („The Artist", „OSS 117 – Der Spion, der sich liebte") verkörpert ganz unkomödiantisch eine ambivalente Figur: Sein Ehrgefühl führt ihn dazu, gegen alle Widerstände das Fehlurteil zu bekämpfen. Dafür geht er sogar ins Gefängnis, nachdem er bei einem geheimen Treffen demokratischer Kräfte - Abgeordnete, Herausgeber und Émile Zola - als „Whistleblower" sein Wissen geteilt hat. Doch mit dem gleichen Gerechtigkeitsgefühl gab der militärische Ausbilder Picquart einst Dreyfus gute Noten, obwohl er „Juden nicht leiden kann". In diesem Geist hielt sich die Fin de Siecle-Gesellschaft für kultiviert.

Mit der Hauptfigur Picquart teilt „Intrige" die ruhige, exakte Beobachtung. Der historische Krimi ist nie ungemein spannend, denn - Spoiler - man weiß, dass Dreyfus rehabilitiert wird. Bei allem Dekor und Kostüm sind die Personen sehr präsent und gegenwärtig. Neben Jean Dujardin sind auch die weiteren Rollen mit Louis Garrel, Emmanuelle Seigner und anderen exzellent besetzt.

Schockierend ist, wie übel die Rechtsprechung manipuliert wird, um zum gewünschten Urteil zu kommen. Die Wissenschaft des Graphologen (Mathieu Amalric) verbiegt sich in abstrusen Konstrukten, um die Schuld „des Juden" zu „beweisen". Polanski klagt in seinem hervorragend gemachten, exzellent gespielten Film, der immer noch notwendig ist, nicht einfach laut an. Er führt detailliert das Zusammenspiel von antisemitischer Gesellschaft und Überwachungs-Staat vor. In dem es auch kein Happy End geben kann - ein bitterer Epilog mit dem rehabilitierten Dreyfus und Picquart zeigt, dass die Sache mit der Gerechtigkeit ihre Grenzen hat.

21 Bridges

USA 2019 Regie: Brian Kirk, mit Chadwick Boseman, Sienna Miller, Taylor Kitsch, Stephan James, J.K. Simmons 100 Min. FSK ab 16

„Black Panther" Chadwick Boseman ist Held dieses Action-Films. Sein Polizist Andre Davis ein schießwütiger „Killer von Cop-Killern", gegen den mittlerweile intern ermittelt wird. Auch der Film „21 Bridges" gehört wegen seiner Schiesswütigkeit auf die Anklagebank: Nach einem extrem brutal und mörderisch verlaufenden Überfall mit Schnellfeuerwaffen wirkt die Trauer des Helden Davis angesichts der vielen toten Kollegen wie ein Hohn. Davis will in Konkurrenz mit anderen Abteilungen die flüchtigen Räuber Ray und Michael finden und lässt dafür alle 21 Brücken sperren, die nach Manhattan führen.

Wie die Machos von Polizei, FBI und Drogenfahndung lässt auch der Film überdeutlich seine Muskeln spielen: Hubschrauber (-Aufnahmen), dauernde Verfolgungsjagden mit viel Kollateral-Schaden und weiterhin Geballer mit weiteren Toten. Selbstverständlich entdeckt der etwas klügere Kleingangster Michael während seiner Flucht, dass er in ein Drogenlager getappt ist, dass von Davis' korrupten Kollegen betrieben wird. Also muss Michael gefangen und gleichzeitig vor anderen Polizisten geschützt werden. Fürs Herz ist immer die Geschichte vom kleinen Davis dabei, der ohne seinen ermordeten Polizisten-Vater aufwuchs.

In Härte und ästhetischem Overkill ahmt der Serien-Regisseur Brian Kirk Legenden wie Michael Mann („Heat") erfolglos nach. Der Look von New York in der Nacht wirkt gewöhnlich, die Gewalt abschreckend. Nur Hauptdarsteller Chadwick Boseman macht mit seiner vielschichtigen Figur als kluger und ausgegrenzter Ermittler Eindruck. Auch J.K. Simmons („Whiplash") gefällt als Vorgesetzter Captain McKenna sehr. Brücken an Kirk: Etwas weniger (Gewalt) wäre hier mehr gewesen.

28.1.20

Countdown (2019)

USA 2019 Regie: Justin Dec, mit Elizabeth Lail, Jordan Calloway 91 Min. FSK ab 16

Während im Kino nebenan hoffentlich Meisterwerke von Terrence Malick und Ken Loach starten, schraubt die wöchentliche Dosis Horror die niedrigen Erwartungen in dieses Genre weiter runter: „Countdown" ist ein Film, der sich nicht mal die Mühe macht, sein Countdown-Konzept durch einen Titel zu ersetzen. Eine ach-so-spaßige Handy-App zählt die eigene Lebenszeit runter, und wenn man probiert, daran zu tricksen, kommt ein böser Dämon vorbei.

„Countdown" liefert wieder das übliche Teenager-Abmurksen gemäß „Final Destination". Fröhlich flackern die Neon-Röhren, während man immer mehr vom mysteriösen Wesen sieht, das die Freunde pünktlich umbringt. Nicht mal die schematischen „Spannungs-Momente" sind hier spannend. Es gibt eine kleine Romanze und dann sorgt ein unkonventioneller Priester noch für etwas Exorzismus. Denn im Computer-Code stecken ein paar böse lateinische Sprüche und diese Sprache ist eindeutig des Teufels. Während man bei solchen erbärmlichen Filmchen höchsten sanft entschlummert.

27.1.20

Little Women (2019)

USA 2019 Regie: Greta Gerwig, mit Saoirse Ronan, Emma Watson, Florence Pugh, Eliza Scanlen, Timothée Chalamet, Laura Dern, Meryl Streep, 135 Min. FSK ab 0

Louisa May Alcotts bekannter Jugendroman „Little Women" aus der Mitte des 19. Jahrhunderts in den Händen der großartigen Schauspielerin, Autorin und Regisseurin Greta Gerwig, die als „Frances Ha" und als „Mistress America" so einzigartig das verspätete Erwachsenwerden im heutigen Amerika skizziert hat. Auch im Regiestuhl enttäuscht Gerwig nicht, aber im klassischen Stoff taucht die typische Gerwig nur selten auf.

„Little Women" gab es schon mit Katharine Hepburn, Janet Leigh und mit Winona Ryder in der Hauptrolle. Nun erleben wir die March-Schwestern Jo (Saoirse Ronan), Meg (Emma Watson), Amy (Florence Pugh) und Beth (Eliza Scanlen) mit ihrer Mutter Marmee (Laura Dern) als Familie und liebenswert quirligen Haufen, der beispielsweise zu Weihnachten auszieht, um das eigene Essen mit einer bitterarmen Familie zu teilen. Es ist (Bürger-) Krieg, es wird gestorben, geweint und gelacht, es gibt viel Rührung, einigen Aufruhr. Für das Komische und Romantische ist Laurie (Timothée Chalamet), der langjährige Freund der vier Mädchen zuständig.

„Little Women" ist nicht von ungefähr ein sehr erfolgreicher Roman. Ganz wie bei Jane Austen auf dem alten Kontinent geht es immer noch um gesellschaftliche Normen und darum, auf jeden Fall die Töchter unter die Haube zu bekommen. Was die Erzählerin Jo überhaupt nicht interessiert. Zwar hat sie in New York ihre erste Geschichte verkauft, doch eine harsche Kritik von einem hübschen und intelligenten Franzosen lässt sich wieder nach Hause eilen.

Es gibt als schönen Spiegel der Gesellschafts-Ordnungen die leidenschaftlichen Tänze mit viel Spaß in der Spelunke, den gezwungenen Gesellschaftstanz in schicken Kostümen und speziell die typischen Gerwig-Bewegungen beim heimlichen und ganz unzeitgemäßen Tanz auf der Terrasse. Im grandiosen Reigen außergewöhnlicher Schauspielerinnen spielt Saoirse Ronan Gerwigs Alter Ego, beziehungsweise jüngeres Ego, wie schon in „Lady Bird" verblüffend wiedererkennbar.

„Little women" bleibt über die Jahrzehnte ein netter Stoff fürs Kino, den man nicht nur am aktuellen Stand von Gleichberechtigung messen sollte. Den Bechdel-Test bestehen die Schwestern auf jeden Fall. Ob umgekehrt zwei Männer miteinander nicht über Frauen reden? Genau einmal passiert das wohl! Das Ringen mit der Frauen-Rolle, die keinerlei selbständige Kreativität erlaubt, löst sich in Wohlgefallen auf. Nur in der elegant verschachtelten Chronologie nimmt Greta Gerwig augenzwinkernd Louisa May Alcotts Kampf auf, ihre Figur auch ohne Hochzeit glücklich enden zu lassen. So ist die aktuellste Version von „Little Women" nicht unbedingt ein Film für Gerwig-Fans, aber einer für die Oscars, der nett unterhält und für alle happy endet.

Ein verborgenes Leben (2019)

BRD, USA 2019 (A Hidden Life) Regie: Terrence Malick, mit August Diehl, Valerie Pachner, Maria Simon, Tobias Moretti, Ulrich Matthes, Matthias Schoenaerts, Franz Rogowski, Karl Markovics, Bruno Ganz 174 Min. FSK ab 12

Die (wahre) Geschichte eines von Nazi-Justiz hingerichteten Wehrdienst-Verweigerers aus Österreich ist schnell zusammengefasst: Das paradiesische Leben und Lieben des Österreicher Landwirtes Franz Jägerstätter (August Diehl) und seiner Frau Fani (Valerie Pachner) wird auch durch die Einberufung zur deutschen Armee kaum getrübt. Ist es doch nur eine Grundausbildung, danach darf Franz, als Bauer unabkömmlich, wieder nach Hause. Doch der Naturbursch macht nicht mit bei Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus, er gibt kein Geld für die Nazi-Kriegssammlung und nimmt auch keines von deren „Familien-Förderung". Von der Dorfbevölkerung angefeindet, sucht der auch als Küster tätige Franz vergebens Hilfe bei Priester (Tobias Moretti) und Bischof. Irgendwann wieder einberufen, verweigert der trotzige Bergbewohner den Eid auf Hitler, nimmt keinen der vielen angebotenen Auswege an und wird schließlich hingerichtet.

Dass der reale Franz Jägerstätter 2007 von Papst Benedikt selig gesprochen wurde, ist eine andere (Kirchen-) Geschichte. Selig wird der Filmfan allein angesichts der Bilderströme von Terrence Malick. Es sind die gleichen hypnotisch wunderbaren Malick-Bilder wie aus seinem Cannes-Siegerfilm „The Tree of Life" (2011) mit Brad Pitt, aus dem frühen Erfolg „Days of Heaven" (1978) mit Richard Gere, auch wenn statt des vertrauten Kameramannes Emmanuel Lubezki nun der vertraute Stready Cam-Mann Jörg Widmer filmte. Die größte Veränderung liegt - neben Malicks Verhältnis zur Religion - darin, dass die Erzählung fast durchgängig chronologisch und linear verläuft. Sie fließt mit den Gedanken aus den Briefen der beiden Liebenden. „Ein verborgenes Leben" ist mit Abstand der eingängigste Terrence Malick-Film bislang.

Also eine Geschichte von einem der wenigen, die widerstanden haben. Wie Sophie Scholl, Georg Elser, Oskar Schindler, Janusz Korczak oder auch religiös motiviert, Dietrich Bonhoeffer. Doch noch nie wurden so gewaltig die Gedankenwelten des Widerstands, das Ringen um das richtige Handeln mit berauschender Ästhetik verbunden. Der wunderbare Fluss von Bewegungen im Malick-typischen, wogenden Gras betört anfangs in offenen Landschaften. Während Franz Jägerstätter in St. Radegund, Oberösterreich, lebte, wurde vor den Dolomiten in Süd-Tirol gedreht. Die in natürlichem Licht aufgenommenen Landschaftsbilder erinnern stark an die Gemälde von Giovanni Segantini. Aber auch die immer enger und dunkler werdenden Innen-Räume von Ställen, Bauernhäusern und Bischofssitz, die Kavernen im ersten Gefängnis und immer wieder das bedeutungsvolle Licht am Ende von Raum-Tunneln sind purer Augenschmaus.

August Diehl („Der junge Karl Marx", „Inglourious Basterds", „23") hat mit dieser Michael Kohlhaas-Figur einen der besten Auftritte seiner Karriere bisher: Die riesige gedankenschwere Stirn zeigt den Dickschädel und erinnert ironischerweise an Riefenstahl-Physiognomie. Wobei die Ästhetik Malicks mit ihrer Weichheit das genaue Gegenteil ist. Zahlreiche andere eindrucksvolle Gesichter veredeln diesen außergewöhnlichen Film: Valerie Pachner, Maria Simon, Tobias Moretti , Ulrich Matthes, Matthias Schoenaerts (demnächst als Petrus im Jesus-Film von Malick), Franz Rogowski, Karl Markovics und Bruno Ganz in seiner letzten Rolle als der Richter des Todesurteils, der sich real danach selbst richtete.

Ein großer, grandioser Film, ein „einfacher" Malick für alle. Wäre da nicht die Gretchen-Frage: Malick, wie hast du's mit der Religion? Wurde die extremistische Religiosität der Brad Pitt-Figur in „The Tree of Life" noch mit irren Bildern der Evolution konterkariert, bleibt der gläubige Stolz des Franz Jägerstätter, der auch das Leben von Frau und Kindern opfert, unwidersprochen. Auch weil man nichts vom Grauen von Krieg und Terror-Herrschaft sieht, stellt sich die Frage nach dem „Warum?" umso mehr. Es geht nicht um absolute Freiheit oder Menschenrechte. Es ist nur so, dass Franz Jägerstätter nicht seinen Herrn auswechseln möchte. Hätte er auch Widerstand geleistet, wenn er in einem der vielen Unrechts-Regimes der Kirche gelebt hätte?

Sorry we missed you

Großbritannien, Frankreich, Belgien 2019 Regie: Ken Loach, mit Kris Hitchen, Debbie Honeywood, Rhys Stone, Katie Proctor, Ross Brewster, Charlie Richmond 100 Min. FSK ab 12

Weil er zu stolz für Arbeitslosengeld ist, nimmt Ricky in Newcastle einen Job als Paketbote an. Was „Job" bedeutet, ist allerdings Thema und Kern des Dramas um extrem prekäre Arbeitsverhältnisse und brutale Ausbeutung unter dem Deckmantel neoliberaler Ökonomien. Der neue Film des alten Sozialisten Ken Loach packt, klärt auf und erschüttert.

Bei der Einstellung gibt es viele tolle neue Namen für die alte Arbeit. Das Prinzip ist einfach: Alle Risiken und Investitionen übernimmt nun der Arbeiter, der als Franchise-Nehmer angeblich ein (schein-) selbständiger Unternehmer ist. „Selbst" ist jedoch nur die Selbst-Ausbeutung. Weil Ricky seinen eigenen Transporter mit zur Arbeit beim Paketdienst bringen muss, verkauft seine Frau widerwillig ihr kleines Auto. Nun fährt Abby mit dem Bus zu den Klienten ihres anstrengenden Jobs als Pflegerin. Doch trotz Stress, unverschämten Kunden und Strafzetteln für Falschparken scheint es zu laufen. Ricky und Abby haben tolle Kinder, die Tochter kümmert sich zuhause und auch um den großen, Teenager-arroganten Sprayer-Bruder.

„Sorry we missed you" (Wir haben Sie leider verpasst), benannt nach dem Spruch auf den Paketboten-Zetteln an der Haustür, verläuft lange undramatisch. Immer spannend dabei jedoch die Angst, dass wieder was schief geht. Wie damals, als die Familie mit dem Kredit für das eigene Haus scheiterte. Die Schlinge zieht sich langsam zu. Und als es dann knallt, sind selbstverständlich die Krankenhäuser überfüllt - auch Teil politischer Deregulierung.

Der 83 jährige britische Regisseur und Cannes-Sieger Ken Loach liefert dieses brennende Thema schnell, quasi als Express-Bestellung ins Kino. Jan Böhmermann klagte diese moderne Ausbeutung, die regelmäßig an unserer Haustür klingelt, bereits in seiner Show an. Aber für einen Kino-Film ist „Sorry we missed you" schnell und hoch aktuell. Die tatsächlich mörderischen Arbeitsverhältnisse bekommen mit dieser zugrunde gerichteten Familie ein menschliches Gesicht. Sympathische, ehrliche Leute geben alles, aber sie können es in diesem politisch ungeregelten Ausbeutungs-System nicht schaffen. Das gilt für die Paketboten, aber auch für Abbys Arbeit im Pflegesektor unter Zeitdruck und ohne wirkliche Freizeit.

Das Drama aus den Realitäten unseres täglichen Straßenkampfes um Termine und Parkplätze ist in der Beobachtung (Buch: Paul Laverty) messerscharf: Die Anfahrt wird Abby nicht bezahlt, die Zeiten für die Pflege sind viel zu knapp und unmenschlich. Derweil fällt die Familie auseinander, denn ein freier Tag kostet Ricky 100 Pfund! Diese Situation nimmt der Jugend die Vorbilder und die Perspektive. Und all dieser Wahnsinn findet statt für noch eine Ladung unnötigen Konsums!

26.1.20

Die fantastische Reise des Dr. Dolittle

USA 2019 (The Voyage of Doctor Dolittle) Regie: Stephen Gaghan, mit Robert Downey jr., Harry Collett, Antonio Banderas, Michael Sheen 96 Min.

Ein Eisbär mit Strickmütze, ein ängstlicher Gorilla und ein klug sprechender Papagei - selbst mit einer heftigen Allergie gegenüber sprechenden Tieren macht diese Nach-Erzählung der bekannten Geschichte Dr. Dolittles enormen Spaß. Dank Robert „Ironman" Downey jr. in der heruntergekommenen Hauptrolle gewinnt das Trick-Spektakel sogar menschliche Substanz.

Ein von ihm selbst angeschossenes Eichhörnchen bringt Tommy Stubbins (Harry Collett) hinter die zugewachsenen Mauern eines englischen Anwesens, wo er Dr. John Dolittle aus seiner trauernden Zurückgezogenheit erweckt. Im kunterbunten Durcheinander dauert es nicht lange, bis Dolittle mit seiner Truppe exotischer Tiere das Eichhörnchen operiert und neu motiviert aufbricht, auch gleich auch die vergiftete Königin von England zu retten.

Es ist schwer zu urteilen, wer im königlichen Gemach mehr fasziniert: Die intriganten Hofherren, gespielt von Michael Sheen und Jim Broadbent, oder die Tierwelt inklusive eines Tintenfisches im Aquarium. Dolittle untersucht mit ungewöhnlichen, aber sehr moderne Methoden, wie der Nase des Hundes. Ganz in Tradition von „Sherlock" wird ein Insekt zur Spionage auf dem Bilderrahmen versteckt - es ist keine Wanze. Dann geht es hinaus in die Welt, um die rettende Pflanze auf einer mysteriösen Insel zu finden.

Die Geschichte von Dolittle wird meist vom Anfang her, von der Werdung des Doktors erzählt. Diesmal ist alles am Ende, fast. Nach rasantem Start erlaubt „Die fantastische Reise des Dr. Dolittle" nur wenige Atempausen, dafür viel Action und immer wieder neue, sprechende Tiere. Beim schon begeisternden Trailer fragte man sich noch, wieso Robert Downey jr. so ein abgenutztes Thema übernimmt. Aber nach wenigen Minuten, wenn ein gebrochener Dolittle mit einem ängstlichen Gorilla Schach spielt, und die Figuren kleine, verkleidete Mäuse sind, weiß man dass der exzellente „Sherlock"- und der „Ironman"-Darsteller genau der Richtige dafür ist. Vor allem, da dessen Ironman-Beschäftigung ja vorübergehend auf Eis gelegt ist.

Die Tier-Stimmen von Emma Thompson, Ralph Fiennes, Selena Gomez oder Marion Cotillard im Original tragen zur hohen Qualität dieses schönen Spaßes bei. Antonios Banderas tritt als verrückter Pirat in Konkurrenz zu einem mörderischen Tiger mit Mutterkomplex auf.

„Die fantastische Reise des Dr. Dolittle" von Regisseur und Oscar-Gewinner Stephen Gaghan (Syriana, Traffic) ist im Prinzip ein Abenteuerfilm mit etwas zu klassischem Verlauf im Stile von Indiana Jones. Aber mit Robert Downey jr., fantastischen Trick-Ideen und der Aussicht der Notoperation an einer gefährlichen Drachen-Lady wird es ein umwerfendes Feuerwerk aus Wort- und Bildwitz.

Die Kunst der Nächstenliebe

Frankreich 2018 (Les Bonnes Intentions) Regie: Gilles Legrand, mit Agnès Jaoui, Tim Seyfi, Alban Ivanov 103 Min. FSK ab 0

Spaß mit französischer Fremdenfeindlichkeit scheint mit dieser „Kunst der Nächstenliebe" wieder ins Kino zu fallen. Doch mit einer tollen Agnès Jaoui in der Hauptrolle wird erst überzogene Hilfsbereitschaft vorgeführt, um sich nach viel deftiger Komödie mit ihr zu versöhnen.

Die 50-jährige Isabelle (Agnès Jaou) hilft. Sie hilft Einwanderern, hilft Obdachlosen, hilft Analphabeten. Zuhause sind ihr Mann - ehemaliger Flüchtling! - und die Kinder allerdings hilflos, wenn dauernd Essen und Bekleidung für einen guten Zweck verschwindet. Isabelle ist eigentlich ein ernsthaftes Problem; für die Familie, für den wunderbar schweigsamen Leiter ihrer Erwachsenenbildung, sogar für die Hilfsbedürftigen selbst, die lieber zur deutschen Lehrerin nebenan wollen. Doch „Die Kunst der Nächstenliebe" präsentiert die zwanghafte Helferin in einer komödiantischen Tour de Force ohne Rücksicht auf Verluste. Vor allem, als Isabelle mit Sozialhilfe all ihre Schäfchen zu einem unfähigen Fahrlehrer schickt.

Die Einwanderer in Isabelles Sprachkurs sind niedlich ungeschickt und entsprechen auf satirische Weise genau den Klischees für ihre Region. Sie geben aber auch zusammen mit der alten analphabetischen Französin die typischen Rassisten-Sprüche an die Franzosen zurück. Nach den Regeln des Films ist es sehr erstaunlich, dass sich hier die Hauptfigur so gut wie gar nicht verändert: Von der anstrengenden und für ihre Umgebung kaum erträglichen Wohltäterin wird Isabelle zur von allen geliebten Wohltäterin, weil die anderen ihren Einsatz plötzlich schätzen. Das verläuft nicht ganz platt, Isabelles psychologischer Hintergrund ist - wieder deftig komisch - vorhanden, Jaouis Spiel macht die Figur sympathisch und interessant. Die gesamte Konstruktion rettet sich allerdings nur durch ein sehr schön harmonisches Ende.

19.1.20

Jojo Rabbit

Neuseeland, USA, Tschechien 2019 Regie: Taika Waititi, mit Roman Griffin Davis, Thomasin McKenzie, Scarlett Johansson, Taika Waititi, Sam Rockwell, Rebel Wilson 108 Min. FSK ab 12

Wenn die Beatles zum Vorspann „Gib mir deine Hand" auf Deutsch singen und alle mit erhobener Hand beim Hitlergruß fröhlich durch die Gegend hüpfen, ist wieder etwas Überwindung nötig. Auch „Jojo Rabbit" erzeugt mit seiner komödiantischen Bearbeitung der Nazi-Zeit ein seltsames Gefühl. Doch der neuseeländische „Thor"-Regisseur Taika Waititi zeigt mit der Thor-Geliebten Scarlett Johansson und anderer Super-Besetzung einen exzellent frechen Spaß mit Tiefgang, an dem alles stimmt.

Jojo (Roman Griffin Davis) ist ein guter deutscher Junge und begeisterter Nazi-Fan in einer kleinen idyllischen Stadt, wo der Krieg noch fern ist. Obwohl ihm sein eingebildeter Freund Adolf - Hitler mit tuntigem Habitus - gut zuredet, versagt das einfühlsame Kind im harten Drill der Hitler-Jugend. Dieses militärische Pfadfinder-Lager ist allerdings ein Festival des abgedrehten Humors. Angeführt vom einäugigen und schießwütigen Kriegsausschuss Captain Klenzendorf (irre: Sam Rockwell) als strafversetztem Leiter des kriegsgeilen Jugendlagers, wird hier auf bescheuerte Weise gerannt, gerobbt und mit Granaten geschmissen, bis Jojo von einer erwischt wird. Wieder zuhause bei seiner flotten und schlagfertigen Mutter Rosie (Scarlett Johansson) entdeckt der kleine Nazi, dass eine junge Jüdin unterm Dach versteckt ist. Jojo muss nicht nur mit der vertrackten Situation fertig werden, er findet das Mädchen (Thomasin McKenzie) auch richtig nett.

Nach „Thor" ist „Jojo Rabbit" der nächste Hammer von Taika Waititi: Basierend auf dem Buch „Caging Skies" vom Christine Leunens legt er als Hitler-Darsteller und Regisseur gleich am Anfang äußerst flott und gekonnt einen Mix aus Original-Aufnahmen und Spielfilm-Momenten hin. Das hat was von „Doctor Strangelove" und Mel Brooks. Die Witze sind gekonnt, die Schauspieler klasse, der Humor frech und treffend. Kulissen und Kostüme erstklassig mit einem Touch ins Komische. Die Dialoge spritzig, witzig und geistreich. Irgendwann bleibt Jojo im Gespräch mit dem heimlichen Gast nichts anderes übrig, als den ganzen Nazi-Blödsinn in Frage zu stellen. Denn „du bist kein Nazi, Jojo, du bist nur ein Zehnjähriger, der gerne lustige Uniformen trägt und dazugehören will!"

Die Entdeckung des jüdischen Mädchens auf dem Dachboden ist eine Szene allerbesten Horrors, gefolgt von perfektem Slapstick. Der Flüchtling ist kein ängstliches Opfer, sondern eine schlagfertige, ironische und kluge Frau. Als die Gestapo mit gleich einem ganzen Haufen dunkler Gestalten auftaucht, wird es kurz spannend, aber dann direkt wieder aberwitzig komisch mit der ewigen Heil Hitlerei.

„Jojo Rabbit" ist ein großartiger Film, eine tolle Komödie mit viel Tiefgang und guten Gedanken, aber auch Tragik. Er brilliert zudem mit prominenten Darstellern: Sam Rockwell malt als schwuler Captain Klenzendorf an schillernden Fantasie-Uniformen für den Endkampf und äußert sehr sarkastische Bemerkungen zur Lage der deutschen Kriegsführung. Ebenso exzellent Scarlett Johansson als Jojos kluge Mutter, die für den Widerstand arbeitet. („Nicht jeder hat das Glück, dämlich aus zu sehen. Ich zum Beispiel bin damit verflucht, sehr gut auszusehen.") Rebel Wilson ist gewohnt prollig provokant als antisemitische Jugendführerin, die dem Führer schon 18 Kinder geboren hat. Taika Waititi als eingebildeter Hitler ist einfach bescheuert komisch. Er sagte in „The Daily Show", dass es seltsam sei, 2019 noch Menschen erklären zu müssen, keine Nazis zu sein. „Jojo Rabbit" verursacht zwar nicht die tiefe Erschütterung von Roberto Benignis „Das Leben ist schön", aber wieder kämpft das Lachen unterhaltsam gegen eine ernste Sache an.

17.1.20

Die Wütenden - Les Misérables

Frankreich 2019 Regie: Ladj Ly, mit Damien Bonnard, Alexis Manenti, Djebril Zonga, Issa Perica, 102 Min.

Vergessen Sie alles, was Sie an „Problemfilmen" aus Banlieues, Kiezen oder Ghettos gesehen haben: Regisseur Ladj Ly macht als Debütant aus zwei Tagen mit drei Polizisten im Hexenkessel der Straßen von Montfermeil eine erschütternde Film-Sensation. „Les Misérables" gewann den Preis der Jury in Cannes und ist französischer Oscar-Kandidat.

Noch hängt die französische Fahne sehr symbolträchtig auf den Schultern des jungen dunkelhäutigen Issa (Issa Perica) und dann geht es nach Paris zum Eiffelturm, um die Nationalhymne zu singen und die Nationalmannschaft zu feiern. Aber schon der nächste Tag sieht anders aus: Die Polizisten Chris (Alexis Manenti) und Gwada (Djebril Zonga) gehen mit dem Neuen, Stéphane (Damien Bonnard), um als wenn der ein Häftling wäre. Er wird grob und deftig vorgeführt, bis die Albernheiten in dramatischen Ernst umkippen.

Ein Zigeuner genannte Zirkustruppe aus lauter Muskelschränken baut sich vor den Schwarzen um den „Bürgermeister" auf, weil Johnny entführt wurde. Das Aufeinandertreffen von viel zu viel Steroiden und Adrenalin explodiert fast, ohne dass die eine Gruppe überhaupt weiß, wer dieser Johnny ist, von denen die andern so wütend reden. Es stellt sich heraus, dass ein Löwenbaby geklaut wurde und der sogenannte Bürgermeister bekommt eine Frist von 24 Stunden, das Tier zu finden.

Die drei Polizisten stecken mitten drin in diesem drohenden Kleinkrieg und entdecken bald, dass Issa den kleinen Löwen geklaut hat. Beim Versuch den Jungen festzunehmen, müssen sich die Ordnungshüter einer ganzen Schar wütender Jugendlicher erwehren. Ein Schuss mit Gummigeschoss verletzt Issa schwer und eine Drohne hat alles aufgezeichnet.

Viktor Hugos siedelte im Handlungsort Montfermeil seinen Roman „Les misérables" (Die Elenden) an, Regisseur Ladj Ly wuchs dort auf und hier begannen auch 2005 schwere Bevölkerungsunruhen, die sich im nahen Paris fortsetzten. Während die Drohnen-Aufnahmen im wahrsten Sinne des Wortes einen Überblick des Problem-Viertels verschaffen, zeigt die Handlung dramatische Sozialstrukturen. Muslimische Seelenfänger kümmern sich um die vom guten Weg abgewichene Jugend, kriminelle Organisationen sorgen selbst für ihre eigene Ordnung.

Das interessante Trio aus übergriffigem weißen Rassisten („Rosa Schwein" genannt), einem zurückhaltenden Nordafrikaner und dem Neuling, der noch weiß, wie die Gesetze eigentlich lauten, zeigt dank sehr, sehr guter Schauspieler vielschichtige Figuren. Ladj Ly zaubert in seinem Spielfilmdebüt direkt einen enormen einnehmender Wechsel zwischen extrem spannenden und intensiven ruhigen Szenen.

Das Bild dieses Viertels ist erschreckend wie „Gomorrha" und „Paranza", die italienischen Filme über extrem brutale jugendliche Gangster. Aber im Geist des Films steckt auch das mahnende Moment des Victor Hugo-Zitates vom Abspann: „Merkt Euch, Freunde! Es gibt weder Unkraut noch schlechte Menschen. Es gibt bloß schlechte Gärtner."

12.1.20

Crescendo

BRD 2019 Regie: Dror Zahavi, mit Peter Simonischek, Bibiana Beglau, Daniel Donskoy, Sabrina Amali, Mehdi Meskar 112 Min. FSK ab 6

Musik zur Völkerverständigung ist immer eine schöne Idee, nur in diesem Film funktioniert das gar nicht - wie fast alles andere. Ob Palästinenser oder Israeli, darauf dass „Crescendo" nicht sehenswert ist, wird man sich gut einigen können.

Der geschätzte Dirigent Eduard Sporck (Peter Simonischek) soll zur Begleitung von Nahost-Friedensverhandlungen in Südtirol ein Orchester aus jungen Palästinenser und Israelis zusammenführen. Die Violinistin Layla und der Klarinettist Omar, eine eigenwillige Tochter und ein unselbstständiger Sohn aus der Westbank, symbolisieren die guten jungen Menschen: Sie üben, während die anderen auf den Straßen demonstrieren. Bis das Tränengas in die Wohnung kommt. Auch die Schikanen durch herrschsüchtige Menschen am israelischen Kontrollpunkt dürfen nicht fehlen. Man hat also alles schon mal gesehen, aber es wird zur Sicherheit noch einmal gesagt: „Sie kommen mit Panzern und sie spielt Geige." Ebenso ermüdend wie die Leer- und Lehrsätze sind Vorspielen und Casting.

Erst in Südtirol (selbst auch umkämpft, aber das erwähnt der Film nicht) schreien die Gegner ihre Wut hinaus und erzählen dann ihre Geschichten. Das erste Mal, dass dieser Film interessiert. Sporck geht es weniger um Musik, als um eine Gruppentherapie. Dass er seine Probleme als Kind von Nazi-Eltern als völlig unpassendes Beispiel für mögliche Versöhnung anführt, ist der Start in ein Finale, in dem alles nur noch schlimmer wird.

Nicht erst beim völlig unnötigen Unfall am Ende erkennt man, „Crescendo" ist von vorne bis hinten erschreckend schlecht konstruiert. Alice Brauner setzt mit dem Film ehrenwert das Erbe ihres legendären Vaters Artur Brauner fort. Doch bei der Regie des jungen Routiniers Dror Zahavi gilt: „Gut gemeint reicht nicht".

1917

USA, Großbritannien 2019 Regie: Sam Mendes, mit George MacKay, Dean-Charles Chapman, Mark Strong, Colin Firth und Benedict Cumberbatch 119 Min.

Eine lange Plansequenz durch die britischen Laufgräben des 1. Weltkrieges macht nicht so sehr die Grauen des bewaffneten Kampfes klar, als vielmehr die Ambitionen dieses filmischen Großangriffs: Sam Mendes („American Beauty", „James Bond Skyfall" und „James Bond Spectre") erweckt über fast zwei Stunden Kriegsfilm den Eindruck, der Überlebenskampfes eines friedliebenden Soldaten wäre an einem Stück aufgenommen worden. Kann man so machen, bringt als einzigen Mehrwert aber höchstens ein paar Oscars.

Die beiden britischen Soldaten Schofield (George Mackay) und Blake (Dean-Charles Chapman) sollen ziemlich unsinnig allein durch von den Deutschen verlassene Kampflinien ziehen, um eine andere Truppe vor einem Hinterhalt zu warnen. Klar, die bösen Gegner haben die Telefonleitungen zerstört! Blake ist besonders motiviert, denn sein Bruder würde am nächsten Tag zu den Soldaten gehören, die mit dem üblichen Geschrei in eine Falle der hinterhältigen Deutschen stürmen. So geht es raus aus den eigenen Laufgräben, über das Schlachtfeld mit den vielen Leichen und Pferde-Kadavern, durch Stacheldraht und Bombenkrater. Die deutschen Stellungen sind tatsächlich verlassen, aber eine Sprengfalle erweist sich als ebenso bösartig wie später die Heckenschützen.

Ja, es ist sehr spannend mit dieser Falle in den Gängen. Und eklig mit den verwesten und zerfetzten Leichen, den Aasvögel und Ratten. Dann stürzt auf freiem Feld nach Luftkampf ein Roter Baron besonders spektakulär ab. Und als später der Überlebende des Duos durch eine völlig zerstörte Stadt rennt, sind diese nächtlichen Szenarien albtraumhaft. Dabei werden immer wieder Schönheit und Grauen konfrontiert: Während Kirschblüten in den Fluss schneien, muss der einsame Soldat über reihenweise aufgeblähte Wasserleichen klettern. Auch in diesem Gegeneinander liegt wieder ein V-Effekt, die Ver- und Entfremdung von den eigentlich erschütternden Handlungen durch ästhetischen Schnickschnack.

Sam Mendes und sein Kameramann Roger Deakins schufen eindrucksvolle und erschütternde Bilder von Grauen und Zerstörung - bei denen man sich immer wieder fragt: „Wie haben die das gemacht?". Die Plansequenz ohne Schnitt war schon immer eine besondere Herausforderung für Filmemacher. Orson Welles machte es in „Touch of Evil", Hitchcock bei „Cocktail für eine Leiche". Ironischerweise erzeugt bei 1917 gerade die Kunstfertigkeit eines Film ohne Schnitt (oder nur mit kaschiertem) weniger Realismus: Denn anstatt die Handlungsorte als real wahrzunehmen, fragt man sich immer, wie diese angeblich ununterbrochenen Szenen hintereinander gesetzt wurden und wo der unsichtbare Schnitt versteckt liegt.

Aber vor allem täuscht die Trickserei drüber hinweg, dass „1917" im Jahr 2020 kein Antikriegs-Film ist, sondern ein einseitiges Abenteuerfilmchen vor Kriegskulisse. Zwar hat auch Mendes einen großen Moment vom Wahnsinn des Krieges, im Gegensatz zu Spielbergs „Saving Privat Ryan" nicht am Anfang, sondern am Ende. Doch das hier ist wieder das uralte, furchtbare Heldentum für „gute" Seite des Krieges und nicht für die Menschlichkeit. Obwohl hier kurioserweise ein Soldat durch den ganzen Film läuft und Wohltäter ist. Die mörderischen Soldaten gibt es nur auf der Seite der Gegner. Da kann man nur Peter Jacksons Dokumentation zum 1. Weltkrieg „They Shall Not Grow Old" oder Peter Weirs „Gallipoli" über das wahre Abschlachten empfehlen.

Lindenberg! Mach dein Ding

BRD 2019 Regie: Hermine Huntgeburth, mit Jan Bülow, Max von der Groeben, Charly Hübner, Julia Jentsch, Detlev Buck 135 Min. FSK ab 12

Erstaunlich gut imitiert Jan Bülow den jungen Lindenberg mit kleinem Schmollmund und linkischen Bewegungen. Muss er auch, denn „Lindenberg! Mach dein Ding" ist nicht die übliche Erfolgs-Biografie zum Mitschunkeln der Hits - der Film hört mit dem ersten Erfolg auf. Und beginnt in den Fünfzigern in Gronau mit einem ganz kleinen Udo, der seinen besoffenen Vater (großartig tragisch: Charly Hübner) trommelnd auf dem Metalleimer begleitet. Trotz Familientradition wird aus diesem Lindenberg kein Klempner, sondern Schlagzeuger mit Engagement in einem Hamburger Sex Club. Der Film wird immer wieder in herrliches Reeperbahn-Retro rum um die heute legendäre „Onkel Pö's Carnegie Hall" eintauchen.

Auf der Reeperbahn verliebt sich Udo in eine Prostituierte und macht ungelenk auf Zuhälter. Beim LSD-Trip lässt ihn die Animation Sternchen und Bötchen sehen. Die Kellner-Lehre 1963 in Düsseldorf wird für das Nacht- und Musikerleben schnell geschmissen. Raffiniert trinkt Udo einen Jazz-Trommler unterm Tisch und übernimmt seinen Posten. Doch statt Jazz gibt es dann Rock für US-Soldaten in Libyen. Bis er mit „Funny Valentine" ganz ins Rampenlicht tritt und eine Auffrischung des Kindheitstrauma erlebt. Denn bei viel Spaß und Anekdötchen kommt die Karriere nur langsam in die Gänge. Auch weil der saufende Vater einst meinte, „Lindenbergs werden Klempner und sonst nix". (Dass Lindenberg auf der von Klaus Doldinger komponierten Titelmusik zum „Tatort" Schlagzeug spielte, wird nicht erwähnt.)

Nein, diese Filmbiografie über die Jugend und ersten Jahre des 1946 geborenen Musikers Udo Lindenberg liefert kein „Greatest Hits". Glen Millers „Chattanooga Choo Choo" deutet mal den späteren „Sonderzug nach Pankow" an, aber erst einmal war in Deutschland nur Platz für englischen Rock oder Schlager. In den dauernden witzigen Treffen mit dem Musik-Produzenten Mattheisen, sagenhaft gut von Detlev Buck gespielt, entwickelt sich die Idee, mal was anderes zu machen, eher komisch und beiläufig. Vor allem lebt der schüchtern wirkende Udo seine Verrücktheiten aus. Und ein paar Liebesgeschichten, die später als „Cello" und „Mädchen aus Ost-Berlin" zu Hits wurden, sind auch noch zu erzählen.

„Lindenberg" erzählt nur exakt bis zum ersten großen Konzert anlässlich der Veröffentlichung der ersten LP Andrea Doria. Udo kämpft immer noch mit Lampenfieber und mangelndem Selbstbewusstsein. Die im ganzen Film mitlaufende Sauferei macht den Auftritt auch nicht leichter. Mit diesem Höhepunkt sorgt die exzellente Regisseurin Hermine Huntgeburth („Tom Sawyer" 2011, „Die weiße Massai" 2005) für etwas Spannung. Spoiler: Udo wird es schaffen! Ansonsten ist Udo Lindenberg kein Freddy Mercury - bei allen deutlich sichtbaren Qualitäten, den klasse Darstellern, den tollen Kulissen und den Fabulier-Fähigkeiten der Biografen geriet das lange, überraschend aufregende Leben von Udo Lindenberg in diesem Film dann doch zu lang.

Vom Gießen des Zitronenbaums

Frankreich, Katar, BRD, Kanada, Türkei, Palästina 2019 (It must be Heaven) Regie: Elia Suleiman, mit Elia Suleiman, Gael García Bernal, Ali Suliman 97 Min. FSK ab 0

Wer aus Nazareth kommt, muss sich angesichts der wundersamen Vergangenheit dieser Stadt eigentlich über nichts mehr wundern. Doch einer der Nazarener wundert sich derart klug und komisch, dass seine Filme auf internationalen Festivals geliebt werden: Elia Suleiman „Göttliche Intervention" wurde 2002 im Rahmen des Europäischen Filmpreises ausgezeichnet. „Vom Gießen des Zitronenbaums" erhielt in Cannes eine lobende Erwähnung der internationalen Wettbewerbsjury und wurde mit dem FIPRESCI-Preis für den Besten Spielfilm ausgezeichnet.

Elia Suleiman beginnt seine Sammlung skurriler Szenen mit irgendeiner christlichen Zeremonie in Nazareth, wo der Priester prügelnd nachhelfen muss, um die Kirchtüren zu öffnen. Zuhause klaut der Nachbar Elia Suleiman (gespielt von Elia Suleiman) die Zitronen vom Baum und meint, er hätte ja vorher geklopft. In einem ansonsten meist menschenleeren Paris laufen einen Nina Simone-Song lang nur Models auf den Straßen herum. Die Polizisten fahren auf Sedgeways oder Skates in Formation. Die Glascontainer sind überfüllt, die Armen haben Hunger. Aber der Rettungsdienst macht einen Hausbesuch bei einem Obdachlosen und liefern ein komplettes allergenfreies Menü. Zwei dunkelhäutige Straßenkehrer spielen Gold mit Getränkedosen. In New York trägt jeder ein schweres Maschinengewehr mit sich rum, aber für einen Engel mit palästinensischer Flagge rückt die Polizei zu Leonard Cohens „Darkness" groß aus.

Wenn man unbedingt „Handlung" will, dient die Reise dem Besuch von Produzenten für sein neues Filmprojekt. Die sagen ihm allerdings, es sei „nicht palästinensisch genug". Was durchaus für „Vom Gießen des Zitronenbaums" gelten kann. Der gnadenlose Kampf um die Sitzmöbel an einem Pariser Brunnen nimmt mehr Raum ein als der Kampf um die Zweistaaten-Lösung. Erst das Ende mit der ganz einfachen Szenen einer Frau im Olivenhain und feiernden Menschen in einer Disco ruft berührende Heimatliebe auf. Das allerdings nicht mit dem heute gebräuchlichen Lautsprecher-Stil - es gibt keine filmischen Großbuchstaben und Ausrufeze1chen.

Dafür reichlich dieser amüsanten Momente, die man von Suleimans skurrilem Meisterwerk „Göttliche Intervention" kennt. Er lässt lachen und staunen, dieser wunderbare Kommentar auf gesellschaftliche Zustände, die sich als erstaunlich universal erweisen. Überall gibt es grundaggressive, bedrohliche Typen, die ihn dauernd anstarren. Er starrt zurück. Suleimans Suleiman sagt ansonsten so gut wie nie etwas und schaut regungslos. Nur im Flugzeug taucht ein Hauch von Panik auf und die Rettung eines verirrten Spatzen entlockt ihm ein Lächeln. Elia Suleiman ist ein Flaneur, ein „perfekter Fremder", manchmal ein palästinensischer Jacques Tati. Unter Strohhut der leicht erstaunte Beobachter einer deutlich verrückten Welt. Mit einem Blick in die Kamera, der fragt „Was haltet ihr davon?"

Weathering with You

Japan 2019 (Tenki no ko) Regie: Makoto Shinkai 113 Min. FSK ab 6

Nach dem sagenhaften Welterfolg der Fantasy-Romantik von „Your Name" führt der japanische Regisseur Makoto Shinkai nun das Konzept einer hochwertigen und ideenreichen Animation für Teenager und Erwachsene fort. Diesmal flieht der 15 jährige Schüler Hodaka von seiner Insel. Bald in Tokyos Dauerregen ohne Geld und Dach überm Kopf, nimmt ihn ein verrückter Kerl auf und lässt ihn für sein Okkultismus-Magazin arbeiten. Als Hodaka auf Hina trifft, geht die Sonne auf. Tatsächlich, denn das Mädchen kann mit einem Gebet den Himmel aufklären lassen. Während es nur regnete, seit er in der Stadt ist, sorgt sie auf Bestellung lokales für gutes Wetter. Bald bieten die Teenager diesen Service gegen Geld für Straßenfeste, Geburtstage und andere Events an. Ein großer Erfolg, der aber bei „Sunshine Girl" Hina Spuren hinterlässt.

„Weathering with You" ist erneut eine ganz große Fantasy-Geschichte, aufwändig gezeichnet und mit tollen Figuren ausgestattet. Die Aufträge für Hina geben einen Querschnitt der Menschen in Tokyo und dessen, was sie bewegt. Zwar zeigt die Teenager-Geschichte, die Romantik und Fantastisches gut ausbalanciert, ab und zu die übertriebenen Gesten und Grimassen des Manga. Dann aber auch einfühlsame Figurenzeichnungen und ganz alltägliche Probleme. Ein sehr dramatisches Finale hebt mit wunderbaren Bildern wortwörtlich ab und lässt Tokyo überflutet zurück. Das ist schon so herrlich fantastisch, dass dies allein den Film lohnt.

7.1.20

Queen & Slim

USA, Kanada 2019 Regie: Melina Matsoukas, mit Daniel Kaluuya, Jodie Turner-Smith 132 Min. FSK ab 12

Das erste Date von Queen (Jodie Turner-Smith) und Slim (Daniel Kaluuya) wird durch die brutale Schikane eines schiesswütigen Polizisten jäh beendet. Das Auto mit dem dunkelhäutigen Paar hatte eine weiße Linie touchiert und wird nun kontrolliert, als ob ein Mordverdacht vorliegt. Als der weiße Polizist dann seine Waffe zieht und auf Queen schießt, wird der Rassist im folgenden Gerangel durch seine eigene Waffe getötet. Die klügere Anwältin weiß, dass beide in den USA keine Gerechtigkeit erwarten können und ihnen Flucht als einziger Ausweg bleibt. Es beginnt ein abenteuerlicher Road-Trip in Richtung Kuba mit Polizei und Medien auf ihren Fersen.

Nach diesem Schock zu Anfang des Films findet „Queen & Slim" wieder zurück zu einem ruhigen, aber doch fesselnden Rhythmus. Das Kennenlernen des Paares, das sich über eine Dating-App verabredet hatte, bekommt viel Zeit. Queen erweist sich als resolute und wütende Frau, die Ungerechtigkeiten nicht leiden kann. Slim, als etwas hilfloser und naiver Kerl, der vor allem wieder zu seiner Familie will. Auch wenn „Queen & Slim" als „schwarze Bonnie und Clyde" gefeiert werden, sind die beiden keine coolen Gangster. Sie machen viel Blödsinn im netten und gefährlichen Sinne. Währenddessen stellt sich heraus, dass der Polizist schon vorher einen Schwarzen umgebracht hatte. Teile der Bevölkerung glorifiziert die Fliehenden als „Black Panther", es gibt Solidarität und wegen eines hohen Kopfgeldes auch Verrat.

Auch wenn immer wieder durchaus brenzlige Details hinzukommen, gerät der hervorragend gespielte und inszenierte „Queen & Slim" von Regisseurin Melina Matsoukas und Drehbuchautorin Lena Waithe nie zum gehetzten Action-Spektakel. Die Reise verwandelt beide, nicht nur äußerlich. Es werden zwischendurch alte, bewegende Familiengeschichten in Ordnung gebracht und auch für einen atmosphärisch starken Blues-Abend im Süden der USA mit poetischer Liebes-Szene bleibt Zeit. Die zweifache Grammy-Gewinnerin Melina Matsoukas (Master of None) macht aus ihrem gelungenen Kinoregiedebüt eine berührende menschliche Geschichte und eine starke Anklage des mörderischen Rassismus in den USA.