20.7.10

Karate Kid (2010)


USA/VR China 2010 (The Karate Kid) Regie: Harald Zwart mit Jaden Smith, Jackie Chan, Taraji P. Henson 140 Min. FSK ab 6

Der neue „Karate Kid“ ist ein Kinderfilm, der sich an den Kult-Erfolg des Originals hängt, obwohl die heutige Zielgeneration von John G. Avildsens „The Karate Kid“ aus dem Jahr 1983 nichts weiß. Die Produktion hat trotzdem keine Mühe für die Kleinen gescheut, von den ersten Bildern an sieht der neue „Karate Kid“ groß aus. Das Karate wurde nach China verlegt und ist jetzt Kung Fu. Ansonsten erweist sich die einfache, so oft schon gezeigte Geschichte eines Kindes in fremder Umgebung nicht groß verändert, aber sehr gut gespielt: Der zwölfjährige Dre Parker (Jaden Smith) zieht mit seiner verwitweten Mutter aus den USA nach China. In der Schule wird er vom größeren Klassenbully schikaniert und verprügelt. So gern er die Mitschülerin Mei trifft, sein Schulalltag ist vor allem davon bestimmt, dass er sich vor den anderen Jungens versteckt. Als ihn der Hausmeister Han (Jackie Chan) vor den Schülern rettet, fordert deren Meister ein Duell der Jungens bei einem Kung Fu-Turnier. Han übernimmt Dres Kampf-Unterricht, lehrt ihm zuerst etwas Respekt und dann, seine Jacke ordentlich aufzuhängen. Dass Kung Fu in jeder Bewegung liegt, wird als weiser Spruch für später aufgespart.

„Karate Kid“ ist ein weiterer Baustein in der Karriere von Jaden Smith, dem schon recht routinierten Will Smith jr. („Der Tag, an dem die Erde stillstand“, „Das Streben nach Glück“). Hilfreich als Qualitätsgarantie wirkt Jackie Chan. Mit trockenem Humor nimmt er Abstand von seiner üblichen Action und wendet sich der Rolle des weisen Lehrers mit tragischer Vergangenheit zu. Eine Rolle, die ihm hervorragend steht. Jung- und Alt-Star funktionieren gut zusammen. Harald Zwart gelingen ein paar große Szenen, mit als emotionalem Höhepunkt den Zusammenbruch des Lehrers. Diesmal rettet der Schüler ihn und die Trainings-Stangen zeigen im Schattenspiel sehr schön die gegenseitige Abhängigkeit von Meister/Vaterersatz und Lehrling. Während dieser Aufwand recht groß ist, um eine etwas artifiziellere Form von Raufen und Sich-Prügeln zu propagieren, läuft die Konfrontation mit der fremden Kultur meist spaßig ab, bleibt aber doch oberflächlich.

Micmacs


Frankreich 2009 (Micmacs) Regie: Jean-Pierre Jeunet mit Dany Boon, Julie Ferrier, André Dussollier, Jean-Pierre Marielle, Yolande Moreau 104 Min. FSK: ab 12

Endlich gibt es wieder eine Film-Delicatesse von Jean-Pierre Jeunet: Sechs Jahre ist es her, seit Audrey Tautou in „Mathilde – Eine große Liebe“ die Leiden des Krieges durchlebte. Die gleiche Tautou, deren Pariser Liebeswirren in „Amélie“ 2001 die ganze Welt rührte. Was stellen die „Micmacs“ nun in Paris an, welche Farbnuance wählte der fantastische französische Regisseur nun? Den schwarzen Humor in vergilbtem Braun aus „Delicatessen“? Oder die hoffnungslose Dunkelheit aus „Die Stadt der verlorenen Kinder“ (1995) und „Alien Resurrection“ (1997)?

Schon der Auftakt erzählt auf geniale Weise, wie Bazil (Dany Boon, der Ober-„Sch'ti“) zu solch einem Sonderling wurde: Ohne Worte explodiert eine Landmine, die Familie des Opfers in Paris erhält ein Abschiedspaket, die Witwe kommt ins Krankenhaus, der kleine Bazil ins herzlose Schwestern-Heim. Jahre später, während Bazil in der Videothek Bogarts „The Big Sleep“ sieht, spielt auf der Straße ein realer Gangsterfilm und eine Kugel landet direkt im Kopf des Videothekars. Eine Münze des Chirurgen entscheidet, dass sie besser dort bleibt und fortan für schön seltsames Verhalten verantwortlich ist.

Wer für die beiden fatalen Waffen in seinen Leben verantwortlich ist, entdeckt der Mann ohne Familie, Job und Wohnung zufällig: Auf der Straße steht Bazil plötzlich zwischen dem Firmenwappen des Landminen-Produzenten Nicolas Thibault de Fenouillet (André Dussollier) und dem des Munitions-Herstellers François Marconi (Nicolas Marié). Da die Konzern-Chefs heftigst verfeindet sind, ist es Bazil ein Leichtes, die Händler des Todes gegeneinander auszuspielen. Bei dieser äußerst originellen Verschwörung sind Freunde aus dem Untergrund sehr findig behilflich.

Diese Freunde sind Freaks der Gesellschaft, ein sehr liebenswerter Ausschuss, der unter einer labyrinthischen Müllhalde lebt. Jeunet und sein Kameramann Tetsuo Nagata schufen ein so fantastisch von der Müllseite her fotografiertes Paris, dass man sofort Clochard werden möchte. Zu den „Micmacs“ gehören die Kontorsionistin Mademoiselle Kautschuk, mit „sensibler Seele in einem flexiblen Körper“, das Rechengenie Calculette, die Mutter der Truppe Cassoulet (die großartige Yolande Moreau aus „Louise hires a contract killer“), sowie der „Delicatessen“-Star Dominique Pinon, der eine Lebendige Kanonenkugel-Legende spielt.

Wie die kleinen, verrückten Trickmaschinen des sympathischen Petit Pierre funktioniert auch „Micmacs“. Der nicht ganz ernst genommene Krimi mit einem sehr humanistischen Herzen ist manchmal eine herrliche Chaplinade ohne Dialog. Dann ein romantischer Anachronismus, wenn der dreirädrige Transporter neben einer lautlosen Straßenbahn daherstottert. Im Hintergrund verfallene Gebäude vor den unvermeidlichen Glas-Stahl-Fassaden der Seine-Stadt. Diese recyclete Welt ist mit einem Zauber erfüllt - und damit Kino pur: Der banale Alltag wird traumhaft. So kann der eigentümliche Mann mit der Kugel im Kopf sich zum raffinierten Trickser und Texter entwickeln. Denn meist sprechen seine Kumpel mehr oder weniger exakt seine Texte nach. So wie er in der Metro die Lippen zu der Musik bewegt, die eine Frau nichts ahnend hinter einer Säule spielt und seinen Hut viel schneller als den ihren füllt.

„Micmacs“ ist die Rache der einfachen Leutchen am korrupten Establishment. Wie es einst „Lina Braake“ und Danny Ocean vormachten. Die Retro-Komödie hat dabei nicht die Coolness von „Oceans 11“, dafür ebenso viel Herz und Sympathien: Während sonst Tom Cruise in einem Seilakt über der Beute schwebt, wird hier nur niedlich ein Stückchen einschläfernden Zuckers in den Tee des Nachtwächters herab gelassen. So liegt eine natürliche Abneigung gegen Waffenhändler (mit denen auch Sarkozy im Bunde ist) der dunkelbraunen Farbpalette von „Delicatessen“ zugrunde, diesmal vermischt mit der Antikriegs-Haltung der „Mathilde“ sowie dem traumhaften Paris der „Amélie“.

Knight and Day


USA 2010 (Knight and Day) Regie: James Mangold mit Tom Cruise, Cameron Diaz, Peter Sarsgaard 110 Min. FSK: ab 12

Ein Unterschied wie Tag und Nacht: Einst reichte die Strahl- oder Grins-Kraft von Tom Cruise, um jede „Mission Impossible“ interessant zu machen. Er war „Top Gun“ der Schauspieler-Gilde. Nun wandelte sich Cruise mit erstaunlicher Sicherheit vom Kassen- zum Hähme-Magneten. Da ist es eigentlich keine schlechte Idee, sich auf den sicheren Boden eines komödiantisch überdrehten Spionage-Films zu begeben. Aber selbst mit Regie-Routinier James Mangold („Cop Land“, „Walk the Line“) am Ruder läuft bei „Knight and Day“ das Wichtigste schief.

Führerlos rasen Action und Romantik durch die Welt, denn gerade hat der Agent Roy Miller (Tom Cruise) eine ganze Flugzeugbesatzung umgelegt, samt Flugkapitän. Nur die Zufallsbekanntschaft June Havens (Cameron Diaz) bekommt nichts davon mit, während sie sich auf der Toilette des Fliegers für einen Flirt mit dem flotten Roy fertig macht. Vor Sturzflug und Notlandung auf Autobahn und Maisfeld bleibt noch Zeit für einen Drink und einen Kuss. Dann darf June erstmals in Ohnmacht fallen. Eigentlich ist sie keine Zufallsbekanntschaft, denn Roy benutzte sie, um eine sensationelle Superbatterie durch die Kontrollen zu schmuggeln. Obwohl der Agent wie ein Action-Autist wirkt - ziemlich tödlich aber auch tödlich debil, kümmert er sich fortan darum, dass June nicht von den Geheimdienst- und Gangster-Horden geschnappt wird.

Der Action-Tango „Knight and Day“ (mit vielen Remixes vom Gotan-Project) ist längst „Nackte Kanone“, also pure, alberne Parodie. Unübersehbar wenn June ein hormonell aufgeladenes Beziehungsgespräch mitten im Kugelhagel beginnt. Cameron Diaz, immerhin schon mal eine von „Charlie’s Angels“, darf sich dumm gebärden wie schon lange keine Blonde mehr im Film. Ihr Verhalten nahe am Gehirntod wird nur dadurch übertroffen, dass sie einen Großteil des Film betäubt mitgeschleppt wird. Früher war das zu eng geschnürte Mieder schuld an seriellen Ohnmachten. Liegt es heute vielleicht am zu engen Rollenkorsett? Doch der Wahnsinn hat Methode: Gerne wird Unnötiges wie persönlicher Hintergrund, psychologische Tiefe oder Sinnhaftigkeit der Handlung in einem action-getriebenen Blackout weggelassen - es kommt nur auf die Gags an. Das hat insgesamt den gleichen intellektuellen und emotionalen Reiz wie eine Urlaubsreise von Barbie und Ken. Zwei sterile Kunstfiguren - Cruise und Diaz - auf Leerlauf in einem schwachen Fließband-Produkt. Und - eigentlich wollten wir das dem Boulevard überlassen - damit ähnelt die Figur Roy Miller auch dem öffentlichen Auftreten von Tom Cruise. Mittlerweile scheint es eine Mission Impossible zu sein, noch einen anständigen Film mit Tom Cruise hinzubekommen.

14.7.10

Eclipse


USA 2010 (The Twilight Saga: Eclipse) Regie: David Slade mit Kristen Stewart, Robert Pattinson, Taylor Lautner, Billy Burke 121 Min.

Was sagt ein zünftiger Vampir, wenn er eine süße Jungfrau sieht? „Blut, Blut, ich rieche Menschenblut!“ Oder: „Schlürf“? Mitnichten. „Heirate mich“ ist der erste Satz von Edward Cullen (Robert Pattinson) gegenüber seiner großen Liebe Bella Swan (Kristen Stewart) in „Eclipse“. Doch sie will etwas anderes: „Beiß mich, mach mich zum Vampir!“ In einer romantischen Szene einigen sich die beiden auf die klassische Abfolge: Erst „Bis dass der Tod euch scheidet“, dann die Verlängerung in die Ewigkeit durch den Biss zur Vampirismus-Konversion Bellas.

„Eclipse“ erzählt auf zwei Ebenen die gleiche Geschichte: Die eine erzählt von den üblichen Teenager-Problemen um Liebe, Sex, Entscheidungen und vielen Fragen angesichts einer unklaren Zukunft. Das Teenie-Filmchen enthält auch den eifersüchtigen wie dämlichen Hahnenkampf von Werwolf Jacob und Vampir Edward um Bella. Bis zum Schulabschluss versucht sie herauszubekommen, wem ihr Herz gehört und wie sie leben will. Auch dies ein simpler Köder, der ins amerikanische Teenager-Leben geworfen und mit den Fantasy-Elementen von Vampiren und Werwölfen aufgehübscht zum anderen Film wird. Denn der große mythische Streit zwischen den verfeindeten Wesen der Nacht wird in der Twilight-Serie auf die Frage reduziert, ob die reifende Frau ein warmes, weiches Kuscheltier will oder sich mit dem Mann einlässt, der in sie eindringen will - mit seinen Zähnen. Dass Edel-Beißer Edward so altmodisch ist, dass er dies erst nach der Hochzeit zulässt, gibt der ganzen Einfalt etwas Länge.

Das innere Drama Bellas steht unter der mörderischen Bedrohung der Erzgegnerin Victoria, die ihre Rache an Edward Cullens Familie sucht. Dazu rekrutiert sie eine eigene Armee von Jungvampiren, die sich ungezügelt durchbeißen. Um Bella zu schützen, kämpfen sogar Vampire und Wölfe zusammen, alles läuft auf eine große Entscheidungs-Schlacht hinaus, während der sich Bella zwischen ihren Männern entscheidet. Die digital aufgebauschten Kämpfe liefern mehr Material für hämische Parodien als für Kult.

Die Eindeutigkeit dieser Parabel wirkt ermüdend und einfältig auf alle, die nicht gerade in dieser Lebensphase stecken. Aber für die ist diese Buch- und Filmreihe ja auch nicht gedacht. „Eclipse“ liefert als dritte Romanverfilmung nach Stephenie Meyer frisches Blut für die Fans der verklemmten Fantasy. Der Mann, das unbekannte Wesen, wandelt sich für die Teenager mal zum blassen Beißer, mal zum riesigen Steiff-Tier. Aber selbst diese Bedrohungen - und Verführungen - verbinden sich verlässlich gegen zügellose Horden. Auch dies passt ins konservativ prüde Konzept von „Twilight“. Am Ende bleibt nur ziemlich viel Gefühlswabern und ganz großer Liebeskitsch mit längst ausgelutschten Worthülsen. Bellas überflüssige Off-Kommentare machen den Film, der von seinen Produktionswerten den Augen einiges zu bieten hat, simpel und verständlich für wirklich jeden, der sein Geld an der Kinokasse lässt.

13.7.10

Marmaduke


USA 2010 (Marmaduke) Regie: Tom Dey mit Lee Pace, Judy Greer, William H. Macy 88 Min.

Es ist zum Heulen. Aber nein: Wolfe heulen, Hunde jaulen. Schon wieder falsch: Hunde sprechen doch, denn wir sind im Hollywood-Film. Das ist zum .... siehe oben. Hieß es früher bei Dr. Dolittle noch „Hör mal, wer da spricht“, verdanken wir es der digitalen Revolution, dass wir beim meist sinnfrei plappernden Getier nun auch die synchronen Bewegungen der Münder sehen. „Guck mal, wer da spricht!“ rufen jetzt die kleinsten aus, wenn ein Riesenköter seine Geschichte erzählt. Das reicht für einen Lacher aus. Einen ganzen Film trägt es nicht, da nervt es nur noch.

Die Dänische Dogge Marmaduke muss sich in der Hundegesellschaft der neuen Hundefutter-Firma seines Herrchens zurechtfinden. Im Freigehege gibt es den Platzhirsch, dämliche Afghanen-Damen, durchgeknallte Pinscher, eine Collie-Prinzessin und eine Straßenmischung als beste Freundin. Man ahnt hier schon, dass Marmaduke all das erleben wird, was Kids an Schulproblemen nach einem Umzug erleiden müssen. Neben der sozialen Eingliederung gibt es eine Liebesgeschichte, denn Marmaduke rennt erst der Falschen hinterher, bevor er schließlich seine Wasserscheu überwindet, um die wahre Liebe zu retten. Dass der ohne Computerhilfe schon trottelig wirkende Hund auf einem Surfbrett und im Rudeltanz besonders bescheuert wirkt, sollte man nicht unter Humor einordnen. Flache Furz-Scherze gibt es nämlich noch dazu. Nach Jahrzehnten der Computer-Entwicklung ist es Zeit für eine ganze neue Spezies, sprechen zu lernen: Der Zuschauer könnte mit den Füßen abstimmen und solchen Filmideen für die Zukunft den Garaus machen.

9.7.10

Hasenheide


BRD 2010

Regie und Buch: Nana A.T. Rebhan, Kamera: Nana A.T. Rebhan, Schnitt: Justyna Hajda, Produktion: Nana A.T. Rebhan, Alfred Exner 72 Min.
Verleih: Alfaville alfaville.film@gmx.net

Nicht der Central Park, nicht der Retiro, nicht mal der Tiergarten: Die Berliner Hasenheide ist kein Protz-Park, kein Touristen-Ziel. Der 50 Hektar große Park in Neukölln an der Grenze zu Kreuzberg liegt hingegen mitten im Leben der Menschen aus der Gegend. Die Regisseurin Nana A.T. Rebhan zeigt in ihrem Park-Porträt „Hasenheise“ vor allem die Spannweite des Genießens. Der Park, das sind unter diesem sympathischen und offenen Blick seine Menschen.

Bei einigen gilt die Hasenheide als „No go area“, denn sie ist unübersehbar ein belebter Drogenumschlagplatz in Neukölln. Die lustige Selbstverteidigungs-Gruppe, die im Park übt, interessiert dieses Klischee nicht: Für sie ist die Hasenheide ein „Ort zum Wohlfühlen“. Das leben auch die multinationalen Bolzteams mit großartiger Ball-Technik vor. Zu den vielen netten kleinen Beobachtungen des Films gehört die Insider-Erklärung, was die heftigen Streits über Tor und Nicht-Tor eigentlich bedeuten: Die Jungs sind einfach ko aber können das nicht zugeben. Da streitet man sich lieber mit großer Geste und beendet so das Spiel.

Auf dem Jogging-Parcours macht selbstverständlich auch eine verhüllte Muslima ihre Dehnübungen. Dies ist schließlich Neukölln! In der Hasenschenke selbst finden selbst echte Berliner noch ein Reservat fern vom touristischen Sony Center am Potsdamer Platz. Hier herrscht kein Biergarten-Chic, passend malt ein Künstler Zille-Motive auf die Wände der Hasenschenke. Überhaupt ist dieser Park nirgendwo fein mit Kunst verziert wie der Tiergarten.

„Hasenheide“ zeigt ein Gegenbild, zeigt die „Parallelgesellschaften“ abseits der aktuell oder ehemalig trendigen Viertel. Es ist ein positiver, netter Blick mit Stimmungsbildern, kurzen Selbstdarstellungen und Interviews. Da folgt der schwulen FKK-Sonnenecke mit dem einsamen Sonnenanbeter im Lotus-Sitz und der Zickenclique eine türkische Musikergruppe. Auch hier bleiben Männer unter sich, aber bekleidet und mit Instrumenten ausgerüstet liefern sie den orientalischen Soundtrack für die Abendstimmung. Die eher seltenen Fragen der Regisseurin zeigen vor allem ein großes Interesse an den Menschen. So erfährt sie von immer neuen Hasenheiden-Bewohnern, etwa von einem originellen Typen, der mit seinen vier Papageien durch den Park geht, und von dem Mann, der täglich den Falken des Parks füttert. Die Szenen wurden kommentarfrei und flüssig aneinander gefügt, wobei sich wie im richtigen Leben immer neue Begegnungen ergeben.

Über die „Hartz4-Wiese“ stolziert auch eine edel bekleidete, ziemlich schräge ältere Dame, passend Schneewittchen genannt. Besonders schön ist hier die Konfrontation mit einer ganz anderen, rustikalen Hunde-Lady, die unter Cowboyhut und Poncho von ihrer Arbeits-Reintegrations-Maßnahme erzählt. Kurios sind nicht nur ihre Versuche, die Probleme mit aggressiv ängstlichen Kindern, die das ach so friedliche Hundleben im Park stören, zu bewältigen.

Nana A.T. Rebhan zeichnet ein freundliches Porträt des vielfältig lebendigen Parks, ohne Interviews mit den Dealern, der Polizei oder Politikern. Ein runder Film über etwas Unspektakuläres, aber vielleicht umso wichtigeres in einer (Medien-) Welt, die reißerische Konfrontationen sucht: Das Zusammenleben.

7.7.10

Lügen machen erfinderisch


USA 2009 (The Invention Of Lying) Regie: Ricky Gervais , Matthew Robinson mit Ricky Gervais, Jennifer Garner, Jonah Hill 100 Min. FSK ab 6

In einer Welt ohne Lüge gibt es keine Werbung und selbstverständlich auch keine Spielfilme. Die gnadenlose Ehrlichkeit fängt schon bei der Begrüßung an. „Wie geht es dir?“ wird tatsächlich mal ehrlich beantwortet. „Nicht besonders gut. Wahrscheinlich werde ich heute gefeuert.“ Mark Bellinson (Regisseur und Ko-Autor Ricky Gervais), ein rundlicher, kleiner Verlierer, hat es ohne freundliche Heuchelei oder Taktgefühl besonders schwer. Doch als der Drehbuch-Autor für todlangweilige Nacherzählungen historischer Epochen in einer Bank spontan über seinen Kontostand lügt, ist er im Vorteil. Die Leute glauben ihm wie unter Hypnose alles: Dass er schwarz oder ein einarmiger deutscher Raketen-Ingenieur ist. Die langbeinige Blondine nimmt ihm sofort ab, dass die Welt untergeht, wenn sie nicht sofort mit ihm schläft. Das Konzept der Lüge ist nicht allgemein bekannt, also hat er immer Recht. Sein Handeln bleibt unerklärlich: Es gibt ja nicht mal ein Wort dafür, dass er etwas sagt, was nicht ist!

Mark erfindet nun sogar das Jenseits samt Paradies, um seine Mutter zu trösten, und jeder glaubt dem neuen - nein: einzigen Propheten. Als Nebenprodukt schreibt er die zehn Gebote (auf Pizza-Schachteln!) und gründet eine Religion. Nur seine große Liebe Anna McDoogles (Jennifer Garner) kann er nicht täuschen. Sie glaubt, dass es bei Liebe darum geht, zwei äußerlich möglichst attraktive Gen-Pools miteinander zu vereinen.

Die nicht ganz oberflächliche Komödie mit einer sympathischen Idee und ihrer sympathischen Hauptfigur präsentiert ein witziges Konzept, das sich selbstverständlich in unserer Welt der Täuschungen nicht ganz schlüssig realisieren lässt. Doch am Ende läuft alles auf nur ein Liebesfilm-Finale hinaus. All die netten Ideen des Anfangs bleiben verlorene Gedanken-Mühe.

6.7.10

Mr. Nobody


Frankreich/ Kanada/ Belgien 2009 (Mr. Nobody) Regie: Jaco van Dormael mit Jared Leto, Diane Kruger, Sarah Polley 138 Min.

Die Lebens-Erinnerungen von Nemo Nobody, dem letzten Sterblichen der Erde im Jahre 2092, führen in ein faszinierendes Labyrinth aus Liebes-Möglichkeiten und Enttäuschungen. Nach „Toto der Held“ (1991) und „Am achten Tag“ (1996) präsentiert der Belgier Jaco van Dormael wieder einen sensationellen Film.

Alle Menschen sind unsterblich im Jahr 2092. Mit Ausnahme eines 118 Jahre alten Mannes, dem letzten Sterblichen der Erde. Die ganze Welt will wissen, wie das Leben, wie die Vergangenheit dieses Mr. Nobody (Jared Leto) war. Darauf hat der Nemo genannte nur einen Scherz als Antwort: „Die meiste Zeit ist nichts passiert - wie in einem französischen Film.“ Doch die Ärzte lassen nicht nach und versetzen den Greis unter Hypnose, damit er sich erinnere: Noch ungeboren im Himmel erwählt sich Nemo sehr witzig ein Elternpaar aus. Mama (Natasha Little) riecht so gut und Papa (Rhys Ifans) erzählt eine schöne Geschichte, wie sich die beiden ineinander verliebt haben. Im Alter von acht Jahren begegnet Nemo drei Mädchen, die er später heiraten und gänzlich verschiedene Leben mit ihnen führen könnte. Damit beginnt ein Weg voller Entscheidungen: Zuerst trennen sich die Eltern und der neunjährige Nemo muss am Bahnsteig zwischen seinem Vater und der Mutter, die mit dem Zug wegfährt, wählen. Sie wird mit dem Vater von Nemos großer Liebe Anna (Diane Kruger) zusammenziehen. Beim eigenen Vater wird Nemo als Teenager mit Elise oder mit Jeanne zusammenkommen. Die manisch-depressive Elise (Sarah Polley) findet niemals ihr Glück an der Seite und mit den Kindern Nemos. Jeanne (Linh-Dan Pham) hingegen würde erfüllt und im Reichtum die Frau eines erfolgreichen Nemo sein. Nur er fühlt nichts in diesem Leben...

Die Leben mit und ohne die große Liebe Anna führen in einer äußerst reizvollen Montage der Möglichkeiten sogar bis zum Mars, wo ein alter Nemo die Asche seiner Frau ausstreut. Oder ist dies nur die eskapistische Science Fiction-Geschichte des frustrierten jungen Mannes, der seinen gelähmten Vater pflegt? Sind dies alles gar Hirngespinste eines alten Mannes unter Hypnose?

Dreizehn Jahre dauerte es, bis nach dem überwältigenden Erfolg von „Am achten Tag“ (mit Daniel Auteuil und Pascal Duquenne) der Belgier Jaco van Dormael wieder einen sensationellen Film hinlegte. Damit kehrte er zum fantastischen Erzählen seiner Erstlings „Toto der Held“ aus dem Jahre 1991 zurück. Die meiste Zeit arbeitete van Dormael tatsächlich an seinem Buch und an der Umsetzung von „Mr. Nobody“, eine Detailarbeit, die dem enorm dichten Film anzumerken ist.

„Mr. Nobody“ berauscht mit der Bildgewalt seiner Welt und seiner Erzählraffinesse. Doch van Dormaels neuestes Meisterwerk begeistert nicht nur durch die Dichte der Idee und Bilder, durch einen eindrucksvollen Cast oder den ebenso leichten, wie treffenden Pop-Soundtrack. Nicht nur wegen seiner grandiosen Ausstattungsdetails. „Mr. Nobody“ erzählt eine ganz große, bis zum letzten Moment mehr und mehr mitreißende Liebesgeschichte. Wie van Dormael das Entstehen von Gänsehaut im Detail zeigt, praktiziert er das Erwecken der Gefühle auch im großen Ganzen.

30.6.10

Für immer Shrek 3D


USA 2010 (Shrek Forever After) Regie: Mike Mitchell 93 Min

„Shrek lässt nach“ hieß es schon einmal, als der Leinwand-Erfolg des grünen Ogers in den Teilen 2 und 3 verflachte. Noch ein Wiederholung des schrecklich schwächelnden Oger-Spaßes wäre schon zum grün und blau ärgern. Dieser „Shrek 4“ entfernt sich zwar vom Erfolgsrezept, doch auch das tut ihm gar nicht gut. Die einst gelungene Mischung aus frischen Figuren und peppigen Medien-Parodien ist nur noch blaß-grün oder vielleicht gar angeschimmelt.

Nach Prinzessinnen- und Königreichs-Rettung ist es nun soweit: Der Oger Shrek lebt mit seiner Fiona und den drei Kinder glücklich und zufrieden im Sumpf bis dass der Tod ... Moment: In einer Art Groundhog Day-Horror läuft für Shrek der Rest des Lebens tatsächlich in dieser Routine ab. Das schafft selbst den stärksten Oger. Shrek, der vom Schrecken der Umgebung zur Touristen-Attraktion verkommen ist, fühlt sich brav, zahm und zahnlos. Selbst sein berüchtigter Brüller wird nicht mehr ernst genommen. So hat das Rumpelstilzchen leichtes Spiel, dem grünen Grobian für einen einzigen Tag alter Oger-Gloria einen anderen Tag seines Lebens abzuluchsen. Da dies aber Shreks Geburtstag war, ändert sich nach dem Zeitreisen-Prinzip alles in dem Märchenland „Weit Weit Weg“: Im Schloss herrscht Rumpelstilzchen mit seinen Hexen, Fiona ist unter dem Grund, also im Untergrund, und kann sich vor allem nicht an Shrek erinnern. Der hat nur einen Tag, um seine Liebe und seinen Routine-Alltag wieder zu gewinnen.

Die ganze Geschichte ist lahme Shrek-Schluß-Pistole und hätte eigentlich schon nur auf DVD herauskommen sollen. Denn dies soll endgültig sein letzter Kinoauftritt sein - so uninspiriert ist Shrek auf direktem Wege zur eigenen Zeichentrick-Serie bei der jedes Kind alles versteht. Einst war es sein märchenhafter Zaubertrick, einen bunten Spaß für die Kleinen und eine ganze Menge Querverweise, Seitenhiebe und doppelte Medien-Referenzen für die Erwachsenen zu bieten. Nun ist es simpler Familienkitsch vom Fließband, wie schon bei „Ice Age“ schadet der filmische Nachwuchs dem Spaß. Nun geriet alles sehr menschlich, sogar romantisch, aber nicht mehr besonders komisch.

Selbstverständlich wird sich am Ende alles nur als ein böser Traum erweisen und der einstige Grobian muss Sätze ablassen, die er früher tief im Morast hätte vermodern lassen: „Weil ich erst wusste, was ich hatte, als ich es nicht mehr hatte.“ So folgt dem Action-Finale ungebrochene Romantik - wo früher alles auf den Kopf gestellt und durch den Wolf und die sieben Geißlein gedreht wurde, ist nun der gestiefelte Kater fett, der dumme Esel dumm und nicht mehr Shreks Freund. Das muss an Originellem reichen.

Als neuer Star von „Shrek“ erweist sich nicht das immer präsente und bei Hexenritten durch tiefe Schluchten und hohe Brücken wirkungsvolle 3D. Nein, der Filmtitel sollte besser: „Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich eigentlich Rumpelstilzchen heiß“ lauten. Der kleine, neurotische Giftzwerg, der Amadeus der hinterhältigen Verträge ist ein Knaller unter all seinen Perücken für die verschiedenen Gemütszustände und Amtshandlungen. Ausnahmsweise macht auch die Synchronisation mit der Stimme von Bernhard Hoëcker großen Spaß. Also liebe Hollywood-Feiglinge: Packt den Shrek weg und lasst mal wieder das Rumpelstilzchen in euch raus.

29.6.10

Wendy & Lucy DVD

Wendy & Lucy

Regie: Kelly Reichardt

Al!ve AG

Hunde und Kinder sind Erfolgsgaranten im Film, doch „Wendy & Lucy“, das herzergreifende Drama um die kindliche, junge Frau Wendy und ihren Hund Lucy, war abseits von Hollywood-Formeln einer der besten Independent-Filme des letzten Jahres: Auf der Durchreise nach Alaska strandet Wendy (Michelle Williams) mit ihrem Hund Lucy in einem kleinen Kaff in Oregon. Immer knapp bei Kasse, wird sie beim Stehlen von Hundfutter erwischt. Während sie bei der Polizei ist, verschwindet Lucy.

Regisseurin Kelly Reichardt („Old Joy“) basiert ihren Film auf eigenen Erfahrungen und klagt die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich an. Doch dieser amerikanische Neorealismus wird erfrischend einfach erzählt. Mit großem Mitgefühl verfolgt man nicht die Suche des Fahrrades („Fahrraddiebe“), sondern des „besten Freundes“.
In der Hauptrolle beeindruckt der kommende Superstar Michelle Williams mit nuanciertem Spiel. Ihr ängstlicher Blick ist hilflos der Gesellschaft ausgeliefert. Wobei der herzlose Mechaniker ebenso bedrohlich wirkt, wie die Lebensbeichte eines verstörten Obdachlosen im Dunkeln neben lauten Schienen. Das kleine Drama mit der großen Wirkung lässt sich Zeit für Begegnungen mit Menschen und verdient die gleiche Aufmerksamkeit.

Als Bonus-Material gibt es ein kurzes Interview mit Kelly Reichardt sowie zwei Kurzgeschichten von Jon Raymond, der die Vorlage zum Film schrieb.

Der Andere


USA, GB 2008 (The Other Man) Regie: Richard Eyre mit Liam Neeson, Laura Linney, Antonio Banderas, Romola Garai 88 Min. FSK ab 12

„Ich mag deine Schuhe, nur nicht die Menschen, die sie tragen...“ Wenn der Ehemann Peter (Liam Neeson) dies seiner Frau Lisa (Laura Linney) sagt, kann die Verbindung noch gut sein? Doch - Peter und Lisa leben harmonisch miteinander. Die Frage der Modedesignerin, ob er sich vorstellen könne, ein ganzes Leben lang zusammen zu sein, irritiert ihn nicht sonderlich. Ebenso wenig das Nachhaken, ob er nicht mal mit einer anderen ins Bett wolle. „Dann ist ja alles in Ordnung,“ beschließt er das Gespräch, bevor es spannend wird.

Einige Zeit später ist Lisa nicht mehr da. Peter schmeißt ihre Sachen aus der gemeinsamen Wohnung und findet auf ihrem PowerBook Hinweise einer Affäre. Leidenschaftliche Aufnahmen vom Comer See und eine Männerstimme auf dem Handy. Sehr entschlossen zwingt der Firmenchef Peter eine Angestellte, die Identität des Mail-Schreibers herauszufinden: „Ich möchte ihn töten.“

Die Eifersucht treibt Peter mit einer Waffe nach Mailand, dort lauert er dem Anderen (Antonio Banderas) auf. Es kommt zu einem Duell zweier Schachspieler, zweier älterer Männer. Der scheinbare Gegensatz zwischen dem ruhigen Briten Peter und dem reiselustigen Latin-Lover mit dem albern ausgesprochenen Namen Ralph („räf“) baut sich während einer indische Verteidigung auf. „Die Ehe ist die Hölle - ich ziehe Hotels und den Himmel vor.“ Der verrückte Romantiker stellt sich mit solchen Sätzen, die nur Fassade sind, mehr und mehr als Schwätzer bloß. Ein Idiot in Gucci-Slippern, den man umso mehr hassen muss, wen sich seine Liebe mit so einem debilen Kretin abgibt. „Was ist schlimmer:  Dass die Person, die man liebt, jemand anderes ist, wenn sie mit dem anderem zusammen ist, oder dass sie die gleiche ist?“ Solche bitteren Gedanken schmerzen mehr als die (eingebildeten?) Rückblenden auf ein mehrere Jahre dauerndes Doppelleben.

Mit „Der Andere“ verfilmte Regisseur Richard Eyre („Tagebuch eines Skandals“, „Iris“) eine Kurzgeschichte von Bernhard Schlink („Der Vorleser“) aus dem Erzählband „Liebesfluchten“. Liam Neeson gibt den eifersüchtigen Ehemann eindrucksvoll - die Synchronisation nimmt ihm allerdings eine Menge seiner Präsenz. Banderas glänzt - nicht nur mit der Pomade im Haar, die den Look eines schmierigen spanischen Blenders vervollständigt. Doch nur das Gegeneinander unterschiedlicher Männer wäre ein ermüdendes Klischee. „Der Andere“ gibt Peter Zeit, sich aus der Wut zu befreien und in der Trauer sowohl milde zu werden, als auch ein besseres Verhältnis zu seiner Tochter zu entwickeln. Selbst der alberne Ralph erhält eine liebenswerte tragische Note: „Ich mache die Dinge sehr viel schöner als sie sind. Verlierer sind gut darin.“ Am Ende, nach einem schönen und friedlichen Abschied, überzeugt die wesentlich entspanntere Miene Peters/Neesons - ein Effekt, den selbst die Synchronisation nicht kaputt bekommt.

28.6.10

The Private Lives Of Pippa Lee


USA 2008 (The Private Lives of Pippa Lee) Regie: Rebecca Miller mit Robin Wright Penn, Alan Arkin, Blake Lively, Maria Bello, Keanu Reeves, Julianne Moore  93 Min.

In der besonders hochkarätig besetzten Selbstfindungs-Geschichte einer fünfzigjährigen Ehefrau und Mutter beeindruckt Robin Wright Penn als zwischen Vergangenheit und Zukunft verlorene Pippa Lee. Der Künstlerin und Regisseurin Rebecca Miller - Tochter von Arthur Miller - zeigt in ihrem vierten Film eine stimmige Entwicklung mit leisen Tönen.

Die Tischrede lobt die gutaussehende, elegant gekleidete Fünfzigerin als perfekte Gattin, Hausfrau und Muse. Kaum zu übersehen ist, dass sich Pippa Lee (Robin Wright Penn) in dieser Rolle überhaupt nicht wohl fühlt. Als Gattin eines gleich um dreißig Jahre älteren, erfolgreichen Verlegers (Alan Arkin) wird sie als anpassungsfähiges Rätsel bezeichnet - und hasst es! Vor allem nach dem Umzug aus der Metropole New York in ein Rentnerdorf der Provinz schleichen sich mehr und mehr Irritationen in das Leben von Pippa Lee.

So verliert sich Pippa Lee tagträumend in Erinnerungen: An ihre Kindheit mit der Speed-abhängigen Mutter (Maria Bello), die ihren Alltag wie in einem Werbespot lebte. Damals lernte das Kind alles Nötige zur Karriere einer sorgenden Frau. Für die Mutter, die Männer, die Kinder, die Nachbarin. Eine Flucht führt den Teenager Pippa (Blake Lively) zu ihrer lesbischen Tante Trish, deren Freundin (eine wieder sagenhaft präsente Julianne Moore) sie schon nach ein paar Tagen in Lesbenpornos einsetzt. Danach eine wilde Zeit mit Drogen und zu viel bedeutungslosem Sex, aus der Pippa, deren vornehmliche Qualität nach eigener Aussage zuvor „Versagerin“ war, vom viel älteren Verleger Herb gerettet wird.

Bevor Pippa Sarkissian zu Pippa Lee wird, tritt ihre Vorgängerin Gigi (Monica Bellucci) mit einem äußerst dramatischen Selbstmord ab. Vor lauter Schuld beschließt die haltlose junge Frau, von nun an eine gute Frau zu werden. Sie bedient ihren Mann, findet sich in die Rolle, von der sie anfangs gar nicht weiß, wie sie funktioniert. Über die Jahre gerät sie allerdings zu einer Farce, wenn Herb Pippa wie einen Hund zu sich ruft.

Die leicht skurrile, witzige und doch sehr warmherzige Emanzipation der Vorzeigefrau Pippa Lee zum selbständigen Menschen begeistert auf den ersten Blick mit ungewöhnlich vielen exzellenten Schauspielern. Vor allem Robin Wright Penn, durchaus mit starken Rollen vertraut, zeigt vom ersten Moment an eine schillernde Verlorenheit. Je mehr man sich auf die ebenso so scharf wie spöttisch beobachteten Feinheiten des Buches von Regisseurin Rebecca Miller (nach ihrem eigenen Roman) einlässt, desto mehr gewinnt der Film. Die vielfältig talentierte Künstlerin, Tochter des 2005 verstorbenen Arthur Miller, zeigt sich bei ihrer vierten Regie-Arbeit nicht nur in der Figurenzeichnung des vielfältigen Beziehungsgeflechts als sehr sicher, sie verbindet auch die Ebenen des Films mit sehr eleganten Überblendungen.

22.6.10

Easy Virtue


Großbritannien, Kanada 2008 (Easy Virtue) Regie: Stephan Elliott mit Jessica Biel, Ben Barnes, Kristin Scott Thomas, Colin Firth 97 Min. FSK ab 6

Eine amerikanische Rennfahrerin in den Roaring Twenties, den Wilden Zwanzigern, rennt sich an der verstaubten Familie ihres britischen Mannes den hübschen und klugen Kopf ein. Nach einer Bühnen-Vorlage des schillernden Autors und Schauspielers Noel Coward (1899 - 1973) inszenierte Stephan Elliott („Priscilla, Queen of the Desert“) mit tollem Cast und großartiger Ausstattung eine bissige Komödie mit überraschendem emotionalen Tiefgang.

Die blonde und höchst attraktive Amerikanerin Larita (Jessica Biel) liebt große Auftritte. Beim Grand Prix in Monaco, den sie gewinnt, dann aber als Frau disqualifiziert wird. Oder wenn sie mit ihrem Rennwagen bei der Familie des frischgebackenen britischen Ehemannes John Whittaker (Ben Barnes) vorfährt. Nur leider lautet eines der Gesetze der schlecht gelaunten, gestressten Familiendiktatorin Mrs. Whittaker (Kristin Scott Thomas) auf dem riesigen, langsam verfallenden Schloss: „Nicht auffallen! Sich unsichtbar machen!“

Nun versucht die sympathische Larita, sich an die seltsamen Gepflogenheiten der Landeier anzupassen, doch das geht nicht erst beim Can Can ohne Unterwäsche auf der Kriegswitwen-Benefiz schief, der alte Herren zu Tränen rührt. Auf die unerlässliche Frage, ob sie die Jagd liebe, kontert Larita: „Die auf wehrlose Tiere oder nach Glück und Vollkommenheit?“ Generell bescheinigt die junge Frau aus Detroit Pferden eine schlechte Lenkung sowie ein unzuverlässiges Bremssystem. Und mischt auf dieser Grundlage die Fuchsjagd grandios auf. In der erstickende Atmosphäre des rückständigen Landlebens, ist die junge Ehe trotzdem schnell bedroht. Gatte John singt nette Liedchen, verhält sich aber nicht solidarisch. Nur sein Vater (Colin Firth - ein Genuss) steht Larita mit galligen Kommentaren zur Seite. Hinter seiner ruhigen, sarkastischen Art steckt die bittere Geschichte eines Offiziers, dessen komplette Mannschaft im „Großen Krieg“ innerhalb von wenigen Minuten massakriert wurde. Seine Frau holte ihn aus einer Opiumhöhle zurück, seitdem gibt es eine Lüge mehr in dieser Familie.

Das pralle Kino-Vergnügen vom Priscilla-Regisseur Stephan Elliott unterhält scheinbar ganz einfach leicht und trotzdem mit anrührendem Tiefgang. Der Humor reicht vom guten, alten Slapstick, wenn der versehentlich platt-gesessene Schoßhund heimlich verbuddelt wird, bis zu feingeistigen Bemerkungen, scharf wie bei Oscar Wilde. Das historische Dekor verbindet sich mit auf alt gestimmten Songs wie Rose Royces „Car Wash“ oder Tom Jones’ „Sex Bomb“ Larita erkennt die Bitterkeit der Mrs. Whittaker als deren Frust, nie die Welt gesehen zu haben. Von der nicht nur blonden, sondern auch klugen Frau kommen auch die Einsichten darüber, was und wen man so in Beziehungen sucht. Und was dabei kaputt gegen kann. Im großen Finale tanzt eine Ausgestoßene ihren Tango alleine. Doch „Easy Virtue“ wird doch noch ein großer Liebesfilm, ein schöner Aus- und Aufbruch.

16.6.10

When in Rome


USA 2010 (When in Rome) Regie: Mark Steven Johnson mit Kristen Bell (Beth), Josh Duhamel (Nick), Anjelica Huston 90 Min.    

Eine Workaholic und Ungläubige der Kirche der Romantik fischt besoffen in Rom fünf Münzen aus einem Brunnen. Sofort sind fünf Männer aus New York hemmungslos in sie verliebt. Ein hartes Pflaster für Nick (Josh Duhamel), den einen unter ihnen, der ernsthaft und schon einige Minuten länger in die junge blonde Beth (Kristen Bell) verliebt ist. Die alte (romantische) Idee von "Drei Münzen im Brunnen" aus dem Jahre 1954 wurde hier nicht aufpoliert, sondern erleidet die allgemeine Inflation des Humors. Diese filmische Fehlprägung namens „When in Rome“ legt programmatisch mit dem falschen Brunnen in Rom los: War der Trevi ausgebucht? Oder hat die römische Filmkommission vorher das Drehbuch gelesen?

Denn schon die Tatsache, dass alle fünf Männer, die Münzen in den römischen Brunnen warfen, am nächsten Tag in New York landen, ist eine Armutserklärung des Drehbuchs. Dass es nur Witzfiguren sind, ist eine bewusste Entscheidung. Der Taschendieb beherrscht ebenso nur einen Scherz wie der italienische Straßenmaler oder das dämliche Male Model. Danny DeVito darf als Fleischproduzent solche klassischen Sätze ablassen wie „Diese Bratwurst sagt Hallo zu dir!“ Damit wird selbst das kleinste Aufkeimen von Magie durch grobe Albernheiten geplättet. Da ist der Salat zwischen den Zähnen beim Wiedersehen mit dem Ex schon ein poetischer Holzhammer unter all den schlappen Schenkelklopfern. Quietschende Scharniere des holperigen Verlaufs dieser Möchtegern-Komödie sind dumme Missverständnisse, grob und ungelenk hergeleitet.

Den Filmemachern scheint man Komödie mit „American Pie“ eingetrichtert zu haben. Dazu passen infantile Figuren, die unglaubwürdig Beruf und Beziehung spielen. Angefangen bei Beth, dem dummen Blondchen, die Kuratorin in New Yorker Guggenheim sein soll. Sie versucht, während einer lauten Hochzeitsfeier mitten in der Menge und im Gebäude zu telefonieren. Derartig verstrahlte Intelligenz könnte nicht mal einen Kindergeburtstag organisieren. Mit einem unglaublichen Tollpatsch wie Nick in ein völlig dunkles Fühl-Restaurant zu gehen, könnte guten Slapstick liefern. Doch der Film muss dann noch vier andere Typen mit Nachtsichtgeräten auffahren.

Aufwand und Inhalt stehen bei „When in Rome“ in einem krassen Verhältnis zueinander: So gibt es teure Bilder (NY) und Postkarten (Rom) für einen Witz von Geschichte, der mit der absurden Ernsthaftigkeit von einem Millionen Dollar-Einsatz nicht mal ansatzweise lustig ist. Bei der unglaublich blassen Hauptdarstellerin wirkt es extrem erstaunlich, dass echte Schauspieler wie Angelica Huston oder Danny DeVito mitmachen.

Und dann nach allen Gründen, sich den Eintritt für diesen Film für irgendeinen Glück- oder Liebesbrunnen aufzubewahren, passiert diesem komödiantischen Nichts eine historische Szene: Die Pokermünze, welche die Guggenheim-Wendel herunter rollt, zeigt sich als die originellste Hommage an die Architektur des Museums seit Tom Tykwers Shotout in „The International“. Aber das gibt es als Minuten-Clips sicher bald auf YouTube - mehr lohnt sich am Film wirklich nicht.

La Nana - Die Perle


Chile, Mexiko 2009 (La Nana) Regie: Sebastián Silva mit Catalina Saavedra, Claudia Celedón, Alejandro Goic, Andrea García-Huidobro 115 Min.

Dass sich viele Filme aus Lateinamerika um Dienstboten und Hausangestellte drehen wie in Carlos Reygadas Meisterwerk „Batalla en el cielo“ hat nicht nur den Hintergrund, dass dort in vielen Ländern noch zahllose Dienstverhältnisse dieser Art gibt. Die scherzhafte Bemerkung eines Kritikers, dass viele Regisseure in solchen Verhältnissen aufgewachsen sind, trifft auf den chilenischen Regisseur Sebastián Silva zu. So enthält der vielfach ausgezeichnete und exzellent gespielte „La Nana“ auch die Wehmut des Bedienten, einmal nicht mehr von dieser sozialen Ungleichheit profitieren zu können.

Es ist Raquels (Catalina Saavedra) Geburtstag und ein große Peinlichkeit: Die 41-jährige Hausangestellte hat ihr halbes Leben bei „ihrer“ Familie verbracht. Jetzt gibt es einen Kuchen und Geschenke, aber schon die Frage, ob Raquel den Kuchen in der Küche oder im Esszimmer verspeisen darf, ist problematisch. Die gut meinende Hausherrin meint, „das Mädchen“ solle sich an den Tisch setzen und mal nicht die Teller abräumen. „Dann muss ich es doch nachher machen“, lautet die pragmatische Antwort.

Seit 23 Jahren kümmert Raquel sich um die Wohlhabenden, zog ihre Kinder groß und stopft den Kleinsten noch immer heimlich Süßes in die Schultaschen. Sie hat sich „ihrer“ Familie völlig verschrieben, mit der eigenen Mutter gibt es nur kurze Telefongespräche. Das Hausmädchen ist dabei zu einer alten Jungfer geworden, und sehr eigenwillig dazu. Erfolgreich verscheucht sie andere Hausangestellte. Ihr Gesicht zeigt dabei kaum Regungen. Auch ist es nicht besonders raffiniert, wie Raquel immer wieder die Konkurrentinnen aussperrt und dann den Staubsauger anwirft, um deren Klopfen angeblich nicht zu hören. Manchmal wirkt sie auch debil, einfältig. Geradezu manisch wischt sie das Angestelltenbad, wenn mal wieder eine andere darin war und lässt einen auch ansonsten befürchten, dass hier etwas in Sachen Psycho abgeht.

Aber irgendwann lassen sich die Schwächeanfälle nicht mehr verheimlichen. Raquel braucht Bettruhe und die lebenslustige Lucy (Mariana Loyola) übernimmt nicht nur ihren Job. Die junge Frau achtet auf sich selbst und zeigt, im Gegensatz zum Hausherrn, der sich selbstverständlich mehr um sein Modelbau-Schiff als um seine Angestellten sorgt, wahre Anteilnahme für Raquel. Die üblichen Anfeindungen lacht sie hinweg, kümmert sich wie eine Mutter um die verbitterte Nana und ihre seelische Öde. Bald taucht Freude in Raquels Gesicht auf. Sie feiert Weihnachten mit Lucy, auch wenn sie dafür schweren Herzens ihre (Arbeitgeber-) Familie verlassen muss. Der Zusammenbruch ist auch ein Aufbruch - ein kleiner wenigstens.

Die lange Reihe von Auszeichnungen beweist es: „La Nana“ ist der Film von Catalina Saavedra, der Darstellerin der Raquel. Ihr Gesicht, das von lebloser Abgestumpftheit am Rande der Bösartigkeit langsam auftaut, trägt einen Großteil der Dramaturgie und der Faszination dieses Films. Irgendwann vergisst man darüber auch die digital dünne Aufnahmen. Dass „La Nana“ kein Stück Klassenkampf ist, verdankt man dem Regisseur, der die letzte, schöne Szene einer ganz kleinen Freiheit für Raquel nur mit Bedauern eingefügt hat, weil er dabei die gleiche Wehmut empfand, wie früher, als das Hausmädchen seinen freien Tag hatte.

15.6.10

Five Minutes of Heaven


Großbritannien, Irland 2009 (Five Minutes Of Heaven) Regie: Oliver Hirschbiegel mit Liam Neeson, James Nesbitt, Anamaria Marinca 89 Min.

Nach dem missglückten Science Fiction-Remake „Invasion“ mit Nicole Kidman und Daniel (James Bond) Craig trumpft Oliver Hirschbiegel („Das Experiment“) mit einem hoch spannenden Nord Irland-Drama auf. Ein Mord im Jahre 1975, mitten im Bürgerkrieg, bindet zwei Männer aneinander, die sich erst Jahrzehnte später wiedersehen werden. Während Kinder auf den Straßen Bürgerkrieg spielen, macht sich der Teenager Alistair Little vor dem Spiegel für den Abend fertig. Pickel sind ein Problem für ihn, aber vor allem muss er die Waffe, die unter seiner Spielzeugkiste versteckt war, in seiner Kleidung unterbringen. Dann zieht er mit gleichaltrigen protestantischen Freunden los, um für die Ulster Volunteer Force (UVF) einen jungen katholischen Arbeiter zu erschießen. Stummer Zeuge dabei ein elfjähriges Kind: Joe, der kleine Bruder des Opfers. Nur einen langen Moment lang blickt er dem maskierten Mörder in die Augen.

Eine reißerische TV-Sendung will Jahre später die erwachsenen Alistair Little (Liam Neeson) und Joe Griffen (James Nesbitt) zusammenbringen. Schon die Anreise macht unterschiedliche Typen deutlich: Joe bekam durch die Tat ein Trauma für den Rest des Lebens verpasst. Die Mutter warf dem Jungen vor, nichts getan zu haben. Nach dem Mord am Bruder raffte das Leid fast die ganze Familie hin. Joe ist jetzt ein unkontrolliertes Wrack, das von seinen Erinnerungen überwältigt wird.

Alistair hingegen wirkt extrem ruhig, kann alle Details und Folgen solcher Taten exakt schildern und abstrahieren. Er predigt Versöhnung, leitet Selbsthilfegruppen, kann aber tatsächlich sich selbst nicht helfen. Das Treffen ist eine heikle Situation. Die Fernsehfritzen kümmern sich nur oberflächlich um das Opfer. Joe scheint am wenigsten am Konzept von „Truth and Reconciliation“ („Wahrheit und Aussöhnung“) interessiert zu sein. Das Messer in seiner Tasche macht klar, dass es ihm um Rache geht. Doch bis er den Mann trifft, der sein Leben zerstört hat, spielt er krampfhaft gute Laune vor. Nur Vika (Anamaria Marinca), die einfache russische Hilfskraft, fühlt mit und erkennt: Es ist gut, dass sich die zwei gebrochenen Männer treffen werden. Die Begegnung scheitert zwar, aber die Kontrahenten haben dabei die Adresse ihres Gegenpols erfahren...

Sehr spannend spielt Regisseur Oliver Hirschbiegel diese hochdramatische Situation aus. Von Anfang an sind Hass und Gewalt packend und erschreckend. Die Charakterisierung der Personen gelingt auf den Punkt, wie Alistair/Neeson kurz vor der Ankunft seine Sonnenbrille aufsetzt, erzählt mehr als andere Filme in drei Teilen. Nebenbei werden noch die TV-Macher demontiert und die inszenierten Gefühlen solcher Formate vorgeführt. Es ist eindrucksvoll, was Hirschbiegel inszenatorisch drauf hat, was ihm gelingt, wenn er sich nicht mit unsäglichen Stoffen wie dem „Untergang“ abgibt. Auf der Basis des teilweise authentischen Materials von Autor Guy Hibbert führt er die menschlichen Trümmerfelder ideologischer Gewalt vor und unterhält in knappen 80 Minuten vortrefflich. Ein Segen, dass dieser Film in Originalversion mit Untertiteln gezeigt wird. So lässt sich vor allem die Schauspielkunst von Liam Neeson in seiner Gesamtheit genießen. Für den Konflikt kann keine Lösung geben. Am Ende entspricht ihr Äußeres jedoch den Wracks, die sie innerlich sind. Und Joe, der nie über all das geredet hat, was ihn verfolgt, sitzt in einer Selbsthilfegruppe.

9.6.10

Cindy liebt mich nicht


BRD 2010 (Cindy liebt mich nicht) Regie: Hannah Schweier mit Clemens Schick, Peter Weiss, Anne Schäfer 92 Min. FSK o.A.

„Jules & Jim“ war ein unglaublich schöner Film über zwei Männer und eine Frau. Zahllose andere Beispiele sollten diese Zeilen füllen, und irgendwann sollte man erwähnen, dass „Cindy liebt mich nicht“ auf keinen Fall in diese Reihe gehört. Der Form nach lieben zwei Männer eine Frau. David (Peter Weiss) sagt von sich: „Ich klage an“, berufsmäßig als Referendar bei der Staatsanwaltschaft in Mannheim. Eine Karikatur, so steril und leblos, dass er gut Data aus Enterprise spielen könnte. Große hilflose Augen kennzeichnen den Depp, der immer hilft und „Kein Problem“ als zweiten Vornamen mit sich herum trägt.

Dem Anzugträger wird die Lederjacke entgegen gesetzt: Der coole Viertage-Bärtler Franz (Clemens Schick) mit seinen Bindungsängsten kellnert in der Bar „Cindy liebt mich nicht“. Und beide vermissen seit ein paar Wochen Maria (Anne Schäfer), die Freundin von David und die Irgendwie-auch-Freundin von Franz. So geht es im ganz alten Schrägheck-Passat des Chaoten auf ins deutsche Dorf Philadelphia, wo Marias Eltern wohnen. Da Franz und David auf der Fahrt schweigen, ist viel Zeit für Rückblenden zu den jeweiligen ersten Begegnungen mit Maria. Danach führt die Reise in eine Psychiatrie und letztendlich zu Marias Ehemann in Dänemark. Dort fällt der Satz, der vielleicht ein guter Film werden könnte: „Maria fühlt sich stark und lebendig, wenn sie geliebt wird. Eine Liebe ist nicht genug für sie.“ Der vorliegende „Cindy liebt mich nicht“ ist nicht dieser Film, eher sein lebloses, blutleeres Gegenteil.

Die lebenshungrige, etwas verrückte, aber auch Halt suchende Maria nimmt sich Franz nach wenigen Minuten, trinkt auf Partys direkt aus Weinflaschen und darf die femme fatale sein. Bis man von ihren Depressionen erfährt. Wenn so was funktioniert, werden Klassiker draus. Wenn nicht, ist es sehr peinlich. „Cindy“ hat hauptsächlich peinliche Momente. Das gilt vor allem für die überladenen Dialoge, die nach den beiden Klischee-Männern der dritte Grund gewesen sein muss, weswegen Maria abgehauen ist. Die Bilder sehen aufgeräumt nett aus, irgendwo zwischen mittelmäßigem Werbeprospekt und Bravo-Fotoroman. Am Ende bleibt nur das Rätsel, weshalb die Bar, in der Franz kellnert, „Cindy liebt mich nicht“ heißt. Und, ob es ein Eigentor oder eine sich selbsterfüllende Prophezeiung der Kinos ist, wenn man in Erwartung der WM so einen schwachen Film starten lässt?

Die dreißigjährige Hannah Schweier schrieb und inszenierte den Film für „ZDF - Das kleine Fernsehspiel, was dem einst herausragend mutigen und nun immer langweiliger werdenden Format nicht zur Ehre gereicht. Das ganze, höchstens akzeptabel gespielte Projekt erweist sich ebenso als Verschwendung wie die paar auffallenden aber nichtssagenden Kranfahrten.

7.6.10

My Name is Khan


Indien 2010 (My Name is Khan) Regie: Karan Johar  mit Shah Rukh Khan, Kajol 125 Min.

Der indische Film ist der erfolgreichste der Welt. Und der absolute Überstar dieses „Bollywood-Kinos“ ist Shah Rukh Khan - eine Art Elvis und Michael Jackson in Personalunion und dann auch noch lebendig! Dies nur, um „My Name is Khan“ für die Uneingeweihten einzuordnen. Nun hat Shah Rukh Khan mit „My Name is Khan“ einen sehr politischen und gleichzeitig herrlich kitschigen Bollywood-Film hingelegt. Shah Rukh Khan zeigt als Rizvan Khan in „My Name is Khan“ den USA und der ganzen Welt, dass nicht jeder Muslim ein Terrorist ist. Zudem erweist sich der naive Held als moralisches Vorbild für die Amerikaner. In der Tradition Bollywoods geht das selbstverständlich nicht ohne ein großes Liebesdrama und einige Lieder ab.
 
Das ebenso unglaublich politische wie herrlich kitschige Drama „My Name is Khan“ zeigt Superstar Shah Rukh Khan als indischen „Rainman“ und als heiligen Narr, der zum moralischen Retter der USA wird. Seine Figur Rizvan Khan leidet am Asperger-Syndrom, einer milden Form von Autismus. In der Jugend muss Rizvan Khan in Indien blutige religiöse Massaker zwischen Hindus und Moslems miterleben. Doch seine liebevolle und fürsorgliche Mutter lehrt ihn, dass es nur zwei Arten von Menschen gibt: gute und schlechte. Jahre später ist Rizvan in den USA glücklich mit einer Traumfrau (Kajol) verheiratet, als die Anschläge vom 11. September 2001 eine Welle des Hasses gegen alles, was muslimisch sein könnte, auslösen. Sein hinduistischer Stiefsohn Sam wird aufgrund des angenommenen Nachnamens Khan von weißen amerikanischen Mitschülern ermordet und in seiner verzweifelten Einfalt will Rizvan allen, vor allem aber dem Präsidenten Bush klarmachen: „Mein Name ist Khan, ich bin kein Terrorist.“ Seine Reisetätigkeit auf den Spuren von Bush rufen allerdings die Sicherheitsdienste auf den Plan...

„My Name Is Khan“ beginnt seine - in der Originalversion - fast drei prallen Filmstunden packend und politisch. Spätestens wenn die Liebe zwischen Rizvan und Mandira (Superstar Kajol Devgan) ausbricht, ist dieser amerikanisch-indische Film wieder in Bollywood angekommen. Zwar fehlen die Tanzeinlagen und es gibt relativ wenige Lieder, doch hier traut man sich, die Gefühle viel deutlicher heraus zu schreien und die Schmetterlinge im Bauch blumiger auszumalen. Trotz heftigster Überzeichnungen und eines sehr freien Umgangs mit der Krankheit des Helden ist der Aufruf zur Verständigung überzeugend. Scheinbar spielerisch leicht gelingt es dem Film, Politisches und Banales miteinander zu verbinden.

Das Schauspiel von Shah Rukh Khan trägt dazu besonders bei: Ihm gelingt es, den für Außenstehende geistig behinderten Rizvan mit Menschlichkeit und viel Humor darzustellen, ohne ihn lächerlich zu machen. Man kann Shah Rukh Khan auch das politische Engagement glauben - bei allem Überkitsch, der zu diesem Kino gehört. Denn parallel zur Euro-Premiere riskierte Khan daheim seinen Ruhm, indem er sich für pakistanische Spieler in Indiens Kricket-Liga ausgesprochen hat, worauf extremistische Hindus heftig protestierten.

„My Name Is Khan“ ist großes Spektakel und mehr. Damit nicht nur für die zahlreichen Khan-Fans ein ganz spezieller Stoff. Der Film kommt leider nur in einer um ganze 40 Minuten gekürzten Fassung in die deutschen Kinos. Das wird einige der Fans verschrecken, die sich dann für die volle Khan-Dröhnung auf dem internationalen DVD-Markt bedienen.

2.6.10

Bedways


BRD 2010 (Bedways) Regie: RP Kahl mit Miriam Mayet, Matthias Faust, Lana Cooper 76 Min. FSK ab 16

Rolf Peter Kahl, der eher mit spektakulären Konzepten („99 Euro Films“) als mit gelungenen Filmen auf sich aufmerksam macht, drehte nun einen Autoren-Film-Porno. Oder Autoren-Filmer, die einen Porno drehen. Es gibt auf jeden Fall die Regisseurin Nina, die in einer leeren Wohnung Hans und Marie spielen lässt, ohne zu wissen, wo sie eigentlich hin will. So sehen wir Drehs und Proben der beiden Darsteller. Zwischendurch schaut Nina lächelnd listig und rätselhaft. Und es häufen sich die bedeutungsschwangeren Namen, Sätze und Einstellungen. Am zweiten der sieben Tage des Films ziehen sie sich aus, am sechsten bekommt Nina ihren Ex Hans. Das Arrangieren von nackten Körpern im kalten Scheinwerferlicht ist bewusst weit von Erotik entfernt.

Im Gegensatz zu anderen Filmen, die Sexualität thematisieren und unverhüllt zeigen - zum Beispiel Patrice Chereaus „Intimacy“ - bleibt „Bedways“ lange im Status der Versuchsanordnung. Da spielen reduzierte Figuren im Film-im-Film reduzierte Figuren. Und reden viel über Sex. „Wahnsinnig gute Texte“ werden im Slip vorgelesen - Kopfgeburten in nackter Haut. Alle drehen sich immer irgendwie um das Filmemachen. Dieser Dreh ist allerdings so verdreht, dass halbwegs geerdete Gefühle unabhängig von diesem rätselhaften Prozess nicht zu entdecken sind. Das Vexierspiel zwischen „echt“ und „Film“ verliert so seinen geplanten Reiz. „Bedways“ ist weder emotional noch intellektuell bereichernd oder erweiternd. Beim sich rebellisch gebenden Kahl muss es selbstverständlich ein Low Budget-Film sein. Man tut dieser durchaus kreativen Ecke des Filmemachens allerdings Unrecht, wenn man Werke eines in sich selbst verhinderten Künstlers als deren Speerspitze anpreist.

1.6.10

Vergebung


Schweden, Dänemark, BRD 2009 (Luftslottet Som Sprängdes) Regie: Daniel Alfredson mit Michael Nyqvist, Noomi Rapace, Jacob Ericksson, Sofia Ledarp 146 Min. FSK ab 16
 
Ist es tatsächlich „langerwartet“, das Finale der Millennium-Trilogie nach den Romanen von Stieg Larsson? Oder hat sich der Hype erledigt und ist der Blick mittlerweile frei für eine zwar teilweise gut gespielte und skandinavisch schwarzseherische, aber doch nicht sensationelle Krimireihe?
 
Der investigative Zeitungsreporter Mikael Blomkvist (Michael Nyqvist) und die Privatdetektivin Lisbeth Salander (Noomi Rapace) stürzen sich wieder in die erschreckenden Abgründe der schwedischen Gesellschaft. Nach der für sie fast tödlichen Abrechnung mit dem mächtigen Gegner Zala liegt Lisbeth fast wehrlos und vor allem erst einmal ohne ihre Computer-Spielzeuge im Krankenhaus. Dabei hat sie noch eine Menge Feinde, denn ihr Wissen kann eine Verschwörung alter Männer aufdecken, die bis in höchste Regierungskreise geht. Den Druck dieser Seilschaften bekommt auch die Millennium-Redaktion zu spüren, wobei kein Unterschied zwischen Verfassungsschutz und organisierter Kriminalität auszumachen ist. Obwohl auch das Leben seiner Kollegen und seiner Ersatz-Geliebten bedroht ist, tut Mikael Blomkvist alles, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Der Kampf um Lisbeths Freiheit wird dabei vor Gericht ausgefochten, denn noch immer steht sie wegen der Morde unter Anklage, die ihr in der letzten Folge untergeschoben wurden.
 
Man muss jetzt nicht gleich alle drei Filme zusammen sehen oder die fürs deutsche Publikum so prägnant umbenannten „Verblendung“ und „Verdammnis“ auf DVD nachholen. Aber „Das Luftschloss, das gesprengt wurde“ wie der dritte Teil im Original heißt, strickt doch viele Handlungsfäden der „Verdammnis“ fort. Dabei kann vor allem Noomi Rapace die ebenso traumatisierte wie wehrhafte Punk-Detektivin Lisbeth Salander erneut eindrucksvoll verkörpern. Michael Nyqvist hat bei seinem braven Reporter Mikael Blomkvist nicht so viele Möglichkeiten, sein Können auszuspielen und wirkt daher blasser. Während einige Szenen durchaus überzeugen, nervt die extrem aufdringliche Musik wieder und das Action-Finale kommt - unter anderem mit vielen brachialen Schock-Geräuschen - platt wie ein Computer-Spiel daher. Also anständige Krimi-Unterhaltung mit einigen besonders pessimistischen Noten, aber keineswegs die Sensation, die uns seit der wesentlich stärkeren „Verblendung“ eingeredet wird.

#9


USA 2009 (9) Regie: Shane Acker mit den Stimmen von Christopher Plummer, Martin Landau, John C. Reilly, Crispin Glover 79 Min.

Der post-humane Zeichentrick „#9“ (nicht zu verwechseln mit dem Musical-Kitsch „Nine“) war zu schön düster, zu emotional, zu nachhaltig und zu wenig oberflächlich, um als Multiplex-Futter durchzugehen. Deshalb blieb er weitgehend ungesehen, was eine Schande ist. In einem verfallenen Miteinander von altmodischer und futuristischer Technik erwacht die Puppe #9 zum Leben. Das liebenswerte Wesen aus Jutestoff mit dem Reißverschluss am Bauch fand gerade in den Kriegs-Trümmern einer Stadt den artverwandten #2, da wird dieser auch schon von einer grausigen Maschine entführt. Gegen den Widerstand des Führers #1 mit seiner Papst-Mitra und zusammen mit der mutigen Kämpferin #7 tritt #9 den Maschinenwesen entgegen und entdeckt den Sinn seiner Existenz.

Von einer durch Krieg völlig zerstörten Welt ohne jedes Leben erzählt Regisseur Shane Acker in der Langversion seines gleichnamigen Kurzfilms, ganz anders als beim Kinderspiel „Wall*E“. Ebenso faszinierend wie die Bilder der zerstörten Welt sind die Kreaturen mit Gesichtern wie in (Produzent) Tim Burtons „Nightmare“. Auch Timur Bekmambetow („Wächter der Nacht“) gehört zu den Produzenten. Entsprechend wirkungsvoll berührt der Kampf um die letzten Seelen in einer düsteren Welt. Die Originalversion gewährt zudem das Vergnügen der Stimmen von grandiosen Schauspielern wie Christopher Plummer, Martin Landau, John C. Reilly und Crispin Glover.

Forgetting Dad


BRD 2008 (Forgetting Dad) Regie: Rick Minnich, Matt Sweetwood 84 Min.

Was macht einen Menschen zu einem Individuum und was ist, wenn nur noch die äußere Hülle übrig bleibt? Rick Minnich hat erlebt, wie sein Vater durch einen völligen Gedächtnisverlust zu einem Fremden wurde. Die bewegende und spannende Dokumentation „Forgetting Dad“ von Minnich und Matt Sweetwood zeichnet diesen Verlust einer ganzen Familie nach und versucht vergeblich eine letzte Annäherung.

Es war ein Auffahrunfall in Sacramento im Jahre 1990: Kurz danach fühlte sich Richard Minnich immer schlechter und konnte sich ein paar Tage später plötzlich an nichts mehr erinnern. Der 44-Jährige verhält sich wie ein kleines Kind. Dann, nachdem er viele Dinge wieder gelernt hat, wie ein Fremder ohne emotionale Bindung zu den Menschen, die ihn umgeben. Während dieser außergewöhnliche Wandel in den USA stattfand, studierte der Sohn Rick Minnich Film in Berlin. Bei der Rückkehr hatte er seine Kamera dabei, so gibt es eine Menge privater Aufnahmen, um 15 Jahre Entfremdung nachzuerzählen.

Dieser Riss im Leben, oder genauer: dies neue Leben, ist ein faszinierendes Ereignis, das uns neben der spannenden und emotional aufgeladenen persönlichen Geschichte von Ko-Regisseur Rick Minnich viel über das Wesen von Persönlichkeit erzählt. „Forgetting Dad“ lässt den Abschied von einer Person, die nur äußerlich noch da ist, miterleben. Die Persönlichkeit des „alten Richard“ verschwand. „Schlimmer als wenn er gestorben wäre“, sagt unter Tränen Richards Schwester, eine der vielen Familienmitglieder aus drei Ehen vor der Kamera.

Aber selbst nach Jahrzehnten der Entfremdung bleibt der Verdacht, dass der sehr intelligente Richard dies alles nur spielt. Vielleicht um den Unregelmäßigkeiten bei seiner Bank zu entkommen? Steve, der prollige Stiefbruder des Regisseurs, hält alles für eine feige Flucht vor Schulden und Verantwortung. Hier wird die Suche nach dem Vater fast zu einem Krimi, doch Richard entfernt sich immer mehr von seiner alten Familie, von seinen fünf „biologischen Kindern“, wird noch seltsamer. Er erzählt sogar, dass er seinen Körper verlassen und an weit entfernte Orte reisen könne...

Minnich und Sweetwood, die bislang einige Dokumentarfilme in den USA und in Deutschland drehten, finden gute Bilder für den Gedankenfluss von Rick. Die gelungene Balance zwischen persönlicher Geschichte und außerordentlichem Ereignis, dass am Wesen unserer aller Identitäten kratzt, machen „Forgetting Dad“ zu einer sehenswerten Kino-Dokumentation.

Diamantenhochzeit


BRD 2009 Regie: Michael Kupczyk mit Marleen Lohse, Jörg Pohl, Uta Maria Schütze, Dietrich Hollinderbäumer, Anja Franke 84 Min.

Ein Beutelchen Diamanten zur Hochzeit mitbringen - eine schöne Idee, die ein junges Brautpaar freuen wird. Allerdings nicht, wenn die Diamanten noch im Bauch des Kuriers stecken und der tot im Kofferraum liegt. Der Vater der Bräutigams hat mal wieder ein krummes Ding vergeigt. Der aus Lünen stammende Regisseur Michael Kupczyk („Nordstadt“) machte aus dieser Grundidee und einigen bekannten Gesichtern in seinem zweiten Langfilm eine flotte Komödie mit der Besonderheit, dass alles in „Echtzeit“ abläuft - die erzählte Zeit ist gleich der Erzählzeit.

Auch für die jungen, verliebten Studenten Julia Dähnert und Alex Protovski (Marleen Lohse, Jörg Pohl) soll ihre Hochzeit zu einem besonderen Tag werden. Als Problem erweist sich jedoch einmal nicht, dass die Elternpaare kaum gegensätzlicher sein könnten. Julias Eltern (Uta Maria Schütze, Dietrich Hollinderbäumer) steigen als reiche Spießer im noblen Hotel ab und bringen einen Kleinwagen als Geschenk mit. Alex’ Erzeuger, die esoterische Ramona Keller (Anja Franke) und der zwielichtige Manfred Protovski (Martin Brambach), kommen nicht nur getrennt, Manfred bringt auch eine Menge Ärger mit. Denn er schoss aus Versehen mit der Pistole, die ja „aussieht wie echt“ durch die Klotür und den Kopf des Kuriers, der sich gerade einer aus Afrika geschmuggelten Ladung Diamanten für 120.000 Euro entledigen wollte.

Der chaotische Manfred bringt die Leiche einfach zur Hochzeit mit, was in Folge auch den Gangster Grecco (Udo Kroschwald) und seinen mordlüsternen Handlanger Jay Jay (Helmüt Rühl) zum Teil der Feiergesellschaft macht. Die Leiche mit den Diamanten kommt in Alex’ alten Saab, der im Laufe der sich überschlagenden Handlung Stück für Stück zu Schrott verwandelt wird. Julias Eltern warten derweil in klassischer Slapstick-Tradition sehr lange vor dem Hotel, während immer wieder mal jemand aus der Hochzeitsgesellschaft hektisch vorbeifährt und sie nicht mitnimmt...

Schon der Vorspann sieht nach Blake Edwards’ „Pink Panther“ aus. Statt des Diamanten Pink Panther gibt es bei der „Diamantenhochzeit“ eine Pink Torte, die erstaunlich lange sehr viel mitmacht. Die Grundidee für den klassischen Komödien-Plot, der recht flott umgesetzt wurde, war von einem abgeschlossenen Handlungszeitraum bestimmt: Alles was sich ereignet, passiert exakt in den knapp 90 Minuten, die auch der Film läuft. Aquafilm-Produzent und Ko-Autor Peter Kreutz entwickelte diese Idee zusammen mit seinem Autor und Freund Georg Piller, noch bevor sie in Form von „24“ berühmt wurde. Was John Badham als Krimi „Gegen die Zeit“ mit Johnny Depp gelang, sorgt auch komisch mit einer Riege treffend besetzter Darsteller aus der zweiten Reihe für nette Unterhaltung. Nicht immer hält der Film sein vorgegebenes Tempo, doch freche Dialoge („Arsch voll Diamanten, keen Geld für’n Taxi!“) sowie originelle Bildgestaltung mit Splitscreens und Wischblenden fangen einiges auf. Ein wenig schwarzer Humor rundet den leichten Hochzeitsschmaus ab.

Repo Men


USA, Kanada 2010 (Repo Men) Regie: Miguel Sapochnik mit Jude Law, Liev Schreiber, Forest Whitaker, Alice Braga 111 Min.

2007 drehte Clip-Regisseur Miguel Sapochnik einen originelle Kurzfilm-Geschichte mit der treibenden Kraft des Unkle-Songs „Burn My Shadow“: Ein Mann (Goran Visnjic) wacht morgens mit einer Zeitbombe als Herz auf und eine Uhr auf der Brust zählt die 5.41 des Songs herunter. Starker Song, nettes Filmchen, das immer noch auf You Tube steht. Nun knallt „Burn My Shadow“ als Hintergrund einer Splatter-Szene in Matrix-Choreographie. Miguel Sapochnik ist erstmals Spielfilm-Regisseur und darf direkt mit zig Millionen sowie mit Jude Law, Forest Whitaker und Liev Schreiber spielen. Ergebnis: Starke Songs, dünne Grundidee, mäßige Unterhaltung.

Remy (Jude Law) arbeitet bei der Abteilung „Repossession“ eines Gesundheitskonzerns. Die Rückforderungen von nicht bezahlten Organen sind ein großer Spaß, mit seinem Kumpel Jake Freivald (Forest Whitaker) erschreckt Remy zukünftigen Kunden - oder Opfer - wie Kinder. Die Menschenjagd fällt allerdings sehr blutig aus: Beim Grillfest geht Jake mal eben „mehr Fleisch“ holen. Dabei werden Remys Frau und ihr Sohn Zeugen des unappetitlichen „Ausnehmens“ vor der eigenen Haustür.

Dann versetzt Remy sich selbst bei einem Arbeitsunfall einen Herzschlag. Kurioserweise fühlt er mit seinem neuen Kunstherzen mehr als zuvor. Vor allem empfindet er Skrupel. Oder liegt es daran, dass ihn seine Frau rausgeschmissen hat? Auf jeden Fall schaut er ab jetzt sehr belämmert aus der Wäsche. Klar, er weiß, was passiert, wenn er seine extrem hohe Herz-Rechnung nicht bezahlt. Aber da er jetzt auf der anderen Seite steht, kann er seinen alten Repo-Job, das Ausnehmen säumiger Patienten, nicht mehr erledigen. Remy wird vom Jäger zum Gejagten.

So flieht er mit einer seiner Kundinnen in den Untergrund. Beth (Alice Braga aus "I Am Legend") ist ein besonderer Fall - sie besteht fast vollständig aus Ersatzteilen. Nur ihr Herz und ihre Lippen sind ihre eigenen. Welch schöne Grundlage für Untergrund-Romantik! Als Füllsel zwischen den Action-Einlagen. Denn die guten Songs des Films erscheinen tiefsinniger als der Rest. Die psychologische Grundsituation wurde sehr übersichtlich gestaltet, nur bei der Ausarbeitung der einzelnen Szenen hat man sich etwas mehr einfallen lassen. Kleine Scherze, originelle Zukunftsvisionen wie eine illegale asiatische Klinik mit einer neunjährigen Chirurgin. Da ahnt man schon die homöopathische Dosis „Blade Runner“, die mit viel Geld und bekannten Gesichtern bis zum traumhaften Trug-Schluss aus „Brazil“ („Dream a little Dream“) zu einem massenkompatiblen Blockbuster ohne Nachwirkungen verdünnt wurde.

Im letzten Drittel wird „Repo Men“ noch etwas spannend, aber die Action auch immer blutiger und brutaler. Forest Whitaker darf das dumme Grinsen auf seinem Gesicht durch konfliktgeladene Bedenklichkeit ersetzen. Liev Schreiber überzeugt als aalglatter Verkäufer. Jude Law steht die Action überhaupt nicht. Allein eine große, futuristische Liebesszene ragt heraus: In engster, blutiger Umarmung werden alle unbezahlten Organe Beths mit einem Scanner aus dem System gelöscht. Song dieses Clips: Ein „Sing it Back“-Remix von Moloko. Erkenntnis des Films: Schuster Sapochnik, bleib bei deinen Video-Clips!

31.5.10

Splice


Kanada, Frankreich 2009 (Splice) Regie: Vincenzo Natali mit Adrien Brody, Sarah Polley, Delphine Chanéac 108 Min. FSK ab 16

„Wenn Gott nicht gewollt hatte, dass wir neues Leben schaffen, hätten er uns nicht die Werkzeuge dazu gegeben!“ Dieser flapsige Satz stammt nicht von Craig Venter aus dem realen Künstliches schaffenden Leben. Der viel coolere Pop- und Punk-Wissenschafter Clive (Adrien Brody), ein Gen-Zauberer der Extraklasse, der es auf das Titelblatt der Wired geschafft hat, wischt damit in „Splice“ euphorisch die Bedenken seines Konzern-Aufsehers hinweg. Euphorie und Bedenken sind gleichermaßen angebracht, schufen Clive und seine Lebens- wie Forschungs-Partnerin Elsa (Sarah Polley) doch mit Ginger und Fred zwei zwar unförmige, aber sehr komplexe Lebewesen, die bei der ersten Begegnung direkt einen betörend schönen Zungenkuss austauschen - obwohl sie selber so aussehen wie überzüchtete Rinderzungen vom Metzger. Schon in diesem Moment packt Regisseur Vincenzo Natali, dem seit „Cube“ das Horror-Schild an der Filmographie hängt, sehr raffiniert: Gespannt erwartet man alles andere als diese fast kitschige Vereinigung rosa-farbener Riech-, Fühl- und Fortpflanzungs-Zungen. Der Horror kommt später.

Denn der Vorstand des Pharmakonzerns ist gar nicht begeistert und schließt die Abteilung, damit es kein öffentliches Aufsehen gibt. Heimlich klonen Clive und Elsa jedoch weiter, mixen sogar ein paar menschliche Gene in den schöpferischen Cocktail. Bei etwas übertriebener Zellteilungs-Geschwindigkeit entsteht so ein ... extrem faszinierendes Etwas. Eine Art Riesen-Springmaus mit ganz weichem Gesicht und großen Augen. Während Wissenschaftler Clive das Experiment sofort vernichten will, erwacht in Elsa, die sich eigentlich nicht mit Kindern Karriere und Figur versauen wollte, der Mutterinstinkt. Und als das bald Dren genannte Wesen zum Tier-Mädchen und später -Teenager aufwächst, wird klar weshalb...

Vier Finger, ein schönes Frauengesicht, Sprung-Beine wie bei einem Saurier und ein Schwanz mit bedrohlichem Stachel - Dren (Delphine Chanéa) ist eine zwischen Mensch und Tier schillernde Kreatur. Sie kann lesen, guckt beim Sex zu, hat Angst und irgendwann auch Kiemen und Flügel. Was sich sehr abgehoben anhört, funktioniert mit exzellent eingesetzter Tricktechnik und hervorragendem Schauspiel ausgezeichnet. Man würde Dren selbst sofort aufnehmen und auf dem Lande verstecken, wenn sie lieblich schnurrt und bittend den Kopf zur Seite legt. Doch ein Blutbad vor Aktionären, als Elsa und Fred vorgeführt werden, lässt ahnen, wohin sich auch das neueste Monster der Familie Frankenstein entwickeln kann. Dabei schwankt auch der Monster-Pol hin und her zwischen Kreatur und monströsen Eltern, die Dren anketten, wegschließen und (erfolglos) verstümmeln.

Im Gegensatz zum heute üblichen Horror-Schund geht es bei „Splice“ mit gutem Tempo und viel Humor um etwas. Richtige Schauspieler vom Besten (Polley und Brody) starten als hippe Wissenschaftler und führen uns durch immer wieder überraschende psychologische Untiefen. Das macht Spaß wie Angst, lässt mitdenken und -fühlen. Nachdem sowohl wissenschaftlich als auch familiär jedes Tabu gebrochen wurde, kommt der kluge und vielschichtige Science Fiction-Horror dann im Mary Shelley’schen Winter an, in dem die Kreatur Vollendung und Ende erlebt. Dieses bleibt offen, aber nur für den Pharmakonzern mit seinen Patenten auf menschliche DNA wirklich happy.

25.5.10

David Wants To Fly


BRD, Österreich, Schweiz 2009 (David Wants To Fly) Regie: David Sieveking 89 Min.

In dem hervorragenden Dokumentarfilm „Lynch“ erzählte der geniale Regisseur David Lynch von der kreativen Energie, die er aus der "Transzendentalen Meditation" (TM) zieht. Seinem großen Vorbild David Lynch folgt der frisch diplomierte deutsche Filmemacher David Sieveking, der mit seiner Karriere nicht richtig weiter kommt. Bringen teure Kurse bei der weltweiten TM-Organisation etwas? Im Laufe der Recherche zum Thema "Transzendentale Meditation" wandelt sich David Sieveking vom naiven Fan zum Kritiker, dem sowohl die Organisation als auch David Lynch rechtliche Schritte androhen.
Das, obwohl die Dokumentation keine sensationellen Erkenntnisse ans Tageslicht bringt. Was kann man schon erwarten, wenn man sich mit einem Guru beschäftigt, der als Ziel der Erkenntnis kleine, persönliche und unmotorisierte Flugeinheiten verspricht. Trotzdem hatte Maharishi Mahesh Yogi tausende Anhänger, einige von ihnen bezahlten sogar Millionen, um regionale Statthalter des Gurus zu werden.
Wie die TM-Organisation nutzt auch der Film den sehr geschäftstüchtigen David Lynch als Zugpferd. Andere Gestalten tun Sieveking den Gefallen, dass sie sich mit Gefasel vom „unbesiegbaren Deutschland“ herrlich lächerlich machen. Nebenbei geht eine Beziehungsgeschichte in die Brüche und am Ende schickt ihn anderer Guru zu den Quellen des Ganges. Ein handfestes Ergebnis der vierjährigen Beschäftigung mit TM in Indien, den USA, der Schweiz und Deutschland ist zumindest dieser Film.

Sex And The City 2


USA 2010 (Sex And The City 2) Regie: Michael Patrick King mit Sarah Jessica Parker, Kim Cattrall, Kristin Davis, Cynthia Nixon 146 Min. FSK ab 12

Welches Ereignis der TV-Unterhaltung beschäftigt in dieser Woche die ganze Welt? Richtig: Nach sechs Staffeln fand die sensationelle Serie „Lost“ ihr Ende! „Sex and the City“? Das ist dagegen so was von vorgestrig, echt „Vintage“, wie die abgehangenen Klamotten, auf die vier ältere Damen in diesem Film immer so stolz sind. Ohne äußeren oder inneren Grund gibt es einen zweiten Kino-Nachklatsch zu einer der oberflächlichsten TV-Serien des letzten Jahrhunderts. Außer Äußerlichkeiten hat auch „SATC2“ nichts zu bieten, nicht mal den Sex oder die City New York aus dem Titel. Samantha hat ihre Menopause und gut die Hälfte des Film füllt ein Reiseprospekt für Abu Dhabi.

Es gibt wieder eine Hochzeit - aber die wirklich sehr schwule Trauung zweier Freunde der vier Freundinnen Carrie, Samantha, Charlotte und Miranda dient nur als äußerst aufwendige Deko für das schwätzende Frauen-Quartett aus New York. (Lisa Minelli zappelt dazu auf der Bühne rum - ein ganz schlechter Scherz.) Am nächsten Tag hüpfen dann die Brüste von Charlottes Babysitter so auffällig ohne BH in Großaufnahme herum, dass jeder versteht: Dies sind die beiden Eheprobleme der überforderten Mutter. Ebenso mit dem Holzhammer bekommen auch die anderen drei ihr nur behauptetes und nie empfundenes Problem angehangen. Carrie hat zwei Jahre nach der Heirat einen zu häuslichen Mr. Big auf dem Sofa rumhängen. Samantha macht Panik wegen ihrer Menopause und Miranda kündigt wegen ihres diskriminierenden Kanzlei-Chefs. Diese Probleme und ihre Lösungen würden in einer Frauenzeitschrift in jeweils fünf Zeilen abgehandelt werden. Der Rest ist Werbung für Klamotten, Schuhe und Schmuck. Allerdings gibt es keine Frauenzeitschrift, für die man fast zweieinhalb lange Stunden braucht. Dieses undramatische, nie witzige und kaugummi-zähe „Sex And The City 2“ nimmt sich hingegen unverschämt viel Zeit.

Ärgerlicher ist nur noch der immense Werbeblock für Abu Dhabi, wo sich die armen, fast an der Hungerseide nagenden Ladies von der schweren Krise in den USA erholen können. (Carrie hat übrigens noch ihr altes Appartement in NY, weil zurzeit der Markt nicht nach Verkaufen ist.) Weil Samantha PR für ein Hotel machen soll, spendiert ein Scheich den Luxus-Urlaub, bei dem ein Maybach für jede nur eine Dreingabe ist. (Aber die Wagen will ja sowieso niemand haben.) Die Zurschaustellung von Überfluss - samt männlicher Kammerdiener - ist ähnlich obszön wie die generelle Idee, die Figuren in ein Land zu schicken, dass die etwas freizügigeren Serienfolgen nie ausgestrahlt hätte.

Auch wenn selbst die „Süddeutsche“ diesen Film mit einer Modestrecke zur Premiere bewirbt, sollte eine Filmkritik auch den Rest des fadenscheinigen Films betrachten. Dabei werden selbst die furchtlosesten Fans feststellen müssen, dass das Ganze ziemlich lahm und langatmig hingerotzt wurde. Hier verabschiedet sich ein ehemaliger Kult sang- und klanglos von der Bildfläche.

The Crazies


USA 2010 (The Crazies) Regie: Breck Eisner mit Timothy Olyphant, Radha Mitchell, Joe Anderson 102 Min.

1973 war die Welt in den USA auch schon längst nicht mehr in Ordnung. Nach Korea kam der Vietnam-Krieg und wenn Leute Amok liefen, gab es dafür gleich mehrere Erklärungsmöglichkeiten. Eine biologische Waffe auf Abwegen (das Militär war schon immer für originelle Verteilungswege zu haben) ist da aber handlicher als dieser ganze Psycho-Kram. So schilderte George A. Romero 1973 in „The Crazies“ gradlinig das mörderische Ausrasten braver Bauern mitten in den USA und meinte eigentlich mehr. Das Militär versucht die Verbreitung des eigenen Virus einzudämmen, aber am Ende bleibt nur eine ganz drastische Maßnahme.

Das Remake von Romeros „Crazies“ durch Breck Eisner - Sohn des ehemaligen Disney-Chefs Michael Eisner - fällt zuerst durch die inflationär gesteigerten Produktionswerte auf, mit der ein kleiner, „dreckiger“ Film mehr als drei Jahrzehnte später zum Boxoffice-Hit werden soll: Mit den Aushängeschildern Timothy Olyphant und Radha Mitchell sieht auch der Rest der kleinen Geschichte eigentlich zu gut aus.

Sheriff David Dutton (Timothy Olyphant) kann den Nachbarn gerade noch erschießen, der sichtlich verwirrt mit dem Gewehr auf das Baseball-Feld marschiert. Eine Weile bleibt das Motiv rätselhaft, obwohl immer mehr brave Bürger zu mörderischen Bestien werden. Gerade hat Dutton das Flugzeugwrack im Trinkwasser-Reservoir entdeckt, da fällt auch schon das Militär ein und nimmt das ganze Dorf in Quarantäne. Dutton und sein Deputy Clank (Joe Anderson) können fliehen und zusammen mit Duttons schwangerer Frau Judy (Radha Mitchell) schlagen sie sich zwischen gleichermaßen mordlüsternen Militärs und Monstern durch.

Effektvoll inszeniert mit ein paar spannenden Mords-Ideen wie einem kleinen Kreissägen-Massaker funktioniert „The Crazies“ anständig, gradlinig, aber ohne besonderen Mehrwert.
Menschenleere Lagerhallen und Krankenhäuser sind ebenso unheimlich wie die Waggon-Ladungen vorsorglich umgebrachter Bewohner. Der Sheriff als stiller, nachdenklicher Held steht dem Militär entgegen, das nur noch erschießt und Leichen abfackelt. Einige gute dramaturgische Ideen, etwa die Autowaschstraße der Gebrüder Zombie zeugen von mehr Entwicklungsarbeit am Drehbuch als es die meisten Filme dieser Art an den Tag legen. Gute, sorgfältige Bilder gibt es bis zum apokalyptischen Endbild, das wie in seinem neuesten Film „Survival of the Dead“ wieder ganz Romero ist.

24.5.10

Cannes 2010 Kommentar


Das war ein großes Kunststück der Cannes-Jury um Regisseur Tim Burton: Aus einem sehr schwachen Wettbewerb das Preiswürdige derart aufmerksam herauszupicken, dass am Ende allgemeine Zufriedenheit und Zustimmung blieb. So was zeichnet wohl einen großen Regisseur aus und da legte Burton bessere Arbeit hin als Festivalchef Thierry Fremaux.
Doch jenseits solch flüchtiger Tageskritik setzte der Siegerfilm "Onkel Boonmee" vom Thailänder Apichatpong Weerasethakul (man darf ihn auch einfach „Joe“ nennen) ein nachhaltiges Zeichen: Gegen den Trend, Kriege oder Krisen mehr schlecht als recht abzuhandeln oder sich von Schwarzmalern und katastrophen-süchtigen Medien von einer Angst in die nächste Panik hetzen zu lassen, setzte Weerasethakul auf andere Werte. Das Leben (und Sterben) in einer Welt mit beseelten Wesen und Gegenständen als Zyklen der Wiedergeburt zu sehen, ist ein großes Geschenk des eigenwilligen Filmemachers an seine Zuschauer.
Abschiede gab es zuhauf in Cannes, auch Javier Bardem spielte sich mit den letzten Tagen eines Todkranken in „Biutiful“ eine Goldene Palme ein. Doch nur bei "Onkel Boonmee" erlebte man das Hinübergehen so leicht, dass der Film von einigen sogar als Komödie bezeichnet wurde. Derart beseeltes und nebenbei auch wunderbar entschleunigtes Kino kann tatsächlich noch bereichern - falls es denn bei uns ankommt. Den letzten Cannes-Beitrag von Weerasethakul „Tropical Malady“ verschliefen 2005 nicht nur viele Kritiker, in Deutschland sahen ihn nach dem Start auch nur 4.000 Menschen. Jetzt kann man hoffen, dass "Onkel Boonmee" mehr Zuschauer beglücken wird. Einen Verleih oder einen Starttermin gibt es allerdings noch nicht.

21.5.10

Cannes 2010 Resümee

 

Cannes. Allabendlicher Glamour am Roten Teppich, jubelnde Zuschauer hinter den Absperrungen, emsiges Treiben der Branche mit tausenden Akkreditierten Teilnehmern zwischen Film und Party. Cannes glänzte während der letzten zehn Tage wie immer als Epizentrum der Filmwelt. Mit noch zwei ausstehenden Filmen vor der Preisverleihung am Sonntagabend hinterlässt die Frage nach einem Favoriten jedoch recht ratlose Gesichter. Nur die alte Algerien-Politik Frankreichs sorgte gestern für Aufregung, da wegen des Films „Hors la loi" von Rachid Bouchareb die Sicherheitsvorkehrungen auf das Niveau von G8-Gipfeln verschärft wurden. Die 63. Ausgabe wird ansonsten in der Festivalgeschichte keinen besonderen Platz einnehmen.

 

Hätte man misstrauisch werde sollen, als Festivalchef Thierry Fremaux nur 19 Filme für den Wettbewerb ankündigte? Übersichtlich blieben auch die besonderen Kino-Momente. Vor allem die üblichen Verdächtigen wie Woody Allen, Ken Loach oder Takeshi Kitano in dieser wieder mal exklusiven Männerriege konnten die Erwartungen nicht erfüllen. Nun bleibt es spannend, was die Internationale Jury unter der Regie von Tim Burton aus diesem mageren Angebot für die Goldenen Palmen, die am Sonntagabend vergeben werden, heraus pickt.

 

Ausgerechnet ein fünfstündiger TV-Dreiteiler, der am Premierentag direkt im französischen Fernsehen anlief, erwies sich als interessanteste Arbeit: In „Carlos" verfilmte Olivier Assayas die „Karriere" des internationalen Terroristen Ilich Ramirez Sanchez. Auch wenn man direkt alle Hoffnung auf das aktuelle Kino fahren ließ, wurde man bei den „Cannes Classics" gut bedient: Neben einer restaurierten Fassung von Luchino Viscontis „Der Leopard" und „Psycho" mit einer neuen Tonspur gab es auch den „Director's Cut" von „Die Blechtrommel". Einige Minuten mehr verändern den Film nicht wesentlich, machen aber Werbung für eine DVD-Veröffentlichung diesen Sommer. Um den Altersreigen abzuschließen, seien noch die Alt-Rocker namens Rolling Stones erwähnt: Mick Jagger adelte die Vorführung von „Stones in Exile" (Regie: Stephen Kijak), einer Dokumentation über das Entstehen von  „Exile on Main Street", dem angeblich besten Album der Musikgeschichte. Da der Film fast jugendfrei ist, kann es mit der Wahrheit über die wilden Sechziger nicht weit her sein.

 

Kriegs-Lügen

Symptomatisch für ein Festival ohne Überraschungen waren auch die beiden Filme zum Irak-Krieg, die nicht viel Neues erzählten: „Fair Game" von Doug Liman rollt den tatsächlich so passierten skandalösen Verrat einer CIA-Agentin durch Mitglieder der Bush-Regierung auf: Valerie Plame  (Naomi Watts) arbeitet seit 19 Jahren für den Geheimdienst, ihr Mann Joe Wilson (Sean Penn) war lange Botschafter der USA in Afrika. Als seine Untersuchungen über Material zum Bau einer irakischen Atombombe ins Gegenteil verkehrt werden, um einen Krieg gegen den Irak zu starten, geht Wilson mit den Fakten an die Öffentlichkeit. Die Bush-Leute rächen sich, indem sie Valerie enttarnen und so das Leben vieler Mitarbeiter in aller Welt gefährden. Eine Schlammschlacht beginnt, in der Wilson alleine gegen das Weiße Haus und für die Wahrheit kämpft. Liman, Regisseur von völlig unpolitischer Unterhaltung wie „Mr. & Mrs. Smith", kann mäßig unterhalten, der große Politthriller ist „Fair Game" aber nicht.

In Ken Loachs „Route Irish" versucht der ehemalige britische Soldat Fergus herauszufinden, wie sein Freund Frankie im Irak umgekommen ist. Sein Wagen wurde auf der angeblich gefährlichsten Straße der Welt, der „Route Irish", die Bagdad mit dem Flughafen verbindet, in die Luft gejagt. Ein iranisches Handy zeigt allerdings ein blutiges Massaker an Journalisten, an dem Frankie teilgenommen hatte. Hatte  man ihn aus dem Weg geräumt, weil er diese Morde nicht mit vertuschen wollte? Dabei gibt es doch ein afghanisches Gesetz extra für die US-Cowboys privater Sicherheits-Armeen, das ihnen generelle Amnestie gewährt.

Ken Loach wollte ein Kriegs-Thriller wie Green Zone", hat ihn allerdings wesentlich sparsamer inszeniert. Wo dort durch die Gegend gedüst wird, muss es hier der Chat mit dem Informanten in Bagdad tun. Das ist völlig ok und raffiniert gemacht. Probleme hat der Film, der seinen Helden schließlich zur Folter und Selbstjustiz schreiten lässt, eher in den moralischen Dilemmata, die nicht gut genug ausgearbeitet sind. Da hätte „Route Irish" vielleicht noch etwas Zeit und Feinschliff gebraucht. Aber der ehemalige Cannes-Sieger Ken Loach hatte sich seine Vorschusslorbeeren bereits verdient, ihn empfing ein tosender Applaus im Festivalpalast.

 

Die Begeisterung ließ sich auch allgemein nicht vertreiben, das Palmen-Logo im Vorspann zu jeden Film bekam regelmäßig Szenenapplaus. Man feiert sich in Cannes selbst als Teil des Hyper-Ereignisses, und als solches kann das größte Filmfestival der Welt  auch mal ein sehr schwaches Jahr überstehen.

19.5.10

Cannes - Die Binoche weint

 

 

Cannes. Juliette Binoche, das Poster-Girl der 63. Filmfestspiele von Cannes, spielt die Hauptrolle in dem vertrackten Beziehungsdialog „Copie Conforme", den der iranische Meisterregisseur Abbas Kiarostami extra für den französischen Star schrieb. Alles dreht sich dabei um Kopie und Fälschung, was angesichts eines weiterhin schwachen Wettbewerbs den Verdacht erweckt, ob nicht auch Cannes 2010 nur eine schwache Kopie ist, während die üblichen Macher und Qualitäten irgendwo Urlaub machen. Für diesen empfiehlt sich Südafrika in dem bewegenden deutschen Regard-Beitrag „Life, above all" nicht wirklich.

 

Ein amerikanischer Autor (William Shimell) stellt in der Toskana sein Buch über den Wert von Kopien in der Kunst vor. Eine Französin (Binoche), die hier ihren Kunsthandel betreibt, interessiert dies besonders, sie bittet ihn auf ein Treffen für den nächsten Tag. Das Treffen wird zum Ausflug in ein idyllisches Dorf, die Gespräche über Original und Fälschung verlagern sich zum Thema Beziehung und Ehe. Plötzlich kippt die Situation: Spielen hier zwei Fremde miteinander oder hat dieses Paar tatsächlich genau in diesem Dorf vor 15 Jahren Hochzeit gefeiert und sich in den letzten Jahren auseinander gelebt?

Mit der ihm eigenen Beiläufigkeit von Autofahrten durch eine wunderbare toskanische Landschaft, von entspannten Gesprächen und scheinbar alltäglichen Ereignissen spannt der kluge Iraner Kiarostami einen sehr reizvollen Bilder- und Gefühlsbogen. Juliette Binoche fasziniert mit der mutigen Offenheit ihrer Figur, einen liebevollen Neuanfang anzubieten. Das Repertoire von Emotionen auf ihrem Gesicht erstaunt immer wieder, weshalb etwas verwundert, dass sie auf dem Festivalposter eher unleidlich dreinblickt. Und doch verlor der Ausdrucks-Profi während der Pressekonferenz die Kontrolle. Als eine iranische Journalistin dem Landsmann Kiarostami sehr bewegt Fragen zur künstlerischen Freiheit seines Arbeitens in Bezug auf die Zensur im Iran stellte, rollten Tränen über Binoches Wangen.

 

Sehr bewegen wird sein Publikum in den nächsten Monaten auch die südafrikanisch-deutsche Koproduktion „Life, above all" von Oliver Schmitz. Es ist ein Krankenbericht aus Südafrika. Doch nicht die Wehwehchen von Fußball-Millionären stehen im Fokus, sondern der Überlebenskampf von Menschen mit wirklichen Problemen. Chandas kleine Schwester ist in einem kleinen Dorf gestorben. Da die Mutter verstört und der Vater betrunken ist, kümmert sich das kluge Mädchen um das Begräbnis. Die kleinen Geschwister dürfen nicht wissen, was passiert ist, und es dauert eine Weile, bis man begreift, dass hier alle wie kleine Kinder handeln oder behandelt werden. Bestimmt eine Stunde lang wird die Freundin Chandas ausgegrenzt, muss die Mutter zu Quacksalbern und Wunderheilern, nur das Wort AIDS spricht niemand aus. Selbst aus dem Krankenhaus wird Chanda geschmissen, als sie das Unwort in den Mund nehmen will. Doch dieses erstaunliche Kind beobachtet, versteht und handelt entschlossen, was zu einem Ende des absurden Schweigens führt. Dem 1960 in Kapstadt geborenen und in Deutschland arbeitenden Oliver Schmitz gelingt es, eine unfassbare Situation auch ohne drastische Darstellungen zu vermitteln. Dadurch wird dieser wichtige Film nicht nur ein großes Publikum erreichen, er ist sogar für Jugendliche geeignet. Konventionell inszeniert, aber sehr stilsicher, erfreut man sich 2010 an solchen Funden, während man im Wettbewerb – beispielsweise bei der anderen deutschen Koproduktion „Schastye Moe" vom Dokumentaristen Sergei Loznitsa – immer weniger versteht.