6.7.21

Black Widow


USA 2020 Regie: Cate Shortland, mit Scarlett Johansson, Florence Pugh, Rachel Weisz, David Harbour, Ray Winstone 134 Min. FSK ab 12

Eine Leiche aus der Mottenkiste von Marvels Action-Figürchen bekommt endlich ihren eigenen Film. Die mittlerweile auch in der Avengers-Reihe verstorbene Natasha Romanoff (Scarlett Johansson) erlebt im lange angekündigten und verzögerten „Black Widow" Kindheit und Ursprünge, um dann mit einer uneigentlichen Schwester etwas albern Bond zu spielen. Mit viel Frauen-Power produzierte das Marvel-Fließband wenig Überraschendes.

Die Geschichte der Black Widow genannten Comic-Figur Natasha Romanoff mit unzähligen Episoden in Print und Film nachzuerzählen, erforderte viele Seiten. Von den wahren Eltern geraubt, lebte sie schon als Kind in einer Schein-Familie zwischen den Spionage-Fronten des Kalten Krieges. Dann die Ausbildung zur Super-Agentin in der post-sowjetischen Geheimorganisation Red Room und das Überlaufen in die USA. Mit und gegen die Überhelden-Figur Iron Man dann noch ein paar Wechsel der Seiten (KGB, S.H.I.E.L.D., Avengers) und kompliziertes Liebesleben: Captain America, Winter Soldier, Hawkeye und Daredevil (Thor) sind unter anderem Partner. Also reichlich Material für ein Bio-Pic, könnte man meinen. Allerdings beweist „Black Widow" vor allem, dass Marvel mit Frauen nicht viel anfangen kann.

Die australische Regisseurin Cate Shortland gestaltet den Anfang spannend: Das Familienleben mit Mama (Rachel Weisz) und Papa (David Harbour) im beschaulichen Ohio wird brüsk beendet, weil er als Spion aufgeflogen ist und sofort nach Kuba fliehen muss. Das Reizvolle dabei: Eine kurze Szene zwischen Mutter und Tochter, ein Blick, die Worte „Es tut mir leid" zeigen, dass Natasha durchaus wusste, welche Rolle sie spielte. Im Gegensatz zur jüngeren Schwester Yelena. Die bekommt als erwachsene Agentin (Florence Pugh) die nächste Action-Szene im Stile von Bond mit Scharfschützinnen und viel Rennerei. Dabei sorgt ein rotes Pulver dafür, dass die Gehirnwäsche des Red Rooms aufgelöst wird. Yelena Belova ist keine Killer-Maschine mehr und flüchtet vor der eigenen Organisation. Selbstverständlich bringt sie dabei der Zufall mit der entfremdeten Schwester Natasha (Scarlett Johansson) zusammen. Nun wollen sie am Zerstörer ihrer Kindheit, dem Agenten-Boss Dreykov (Ray Winstone), Rache nehmen.

Die typisch amerikanische Jugend der Spion-Tochter und der Drill zur seelenlosen Agentin, in einer Montage verglichen mit Schweine-Zucht, weckt Hoffnungen auf Action mit psychologischem Tiefgang. Doch wenn Natasha und Yelena nach vertrauter Schnitzel-Jagd mit Bond-Episoden rund um den Globus wieder mit Mama Melina und Papa Alexei am Tisch sitzen, fehlt es der Familienzusammenführung an Gefühlen. Es ist zwar haarsträubend, was man den beiden Mädchen angetan hat, aber nun machen alle auf TV-Comedy. Der russische Superheld The Red Guardian geriet zur Witzfigur, Melina experimentiert mit Gedankenkontrolle an niedlichen Hausschweinen. Sind wir hier in eine der skurrilen Folgen des Marvel-Ablegers „WandaVision" geraten? Aber die rettende Action lässt nicht lange auf sich warten. Schade nur, dass bei recht flotter Inszenierung selbst die Verfolgungsjagden mit Kabbeleien der Schwestern lachhaft gemacht werden. Florence Pugh („Little Women", „Midsommar") gibt als Yelena Belova den komischen Action-Sidekick, der dauernd über Natashas alberne Kampf-Gesten und ihre Beziehungen zu Göttern lästert.

So geriet das Solo der beliebten Figur „Black Widow" bei der großartigen Regisseurin fürs Menschliche Cate Shortland („Berlin Syndrom", „Lore") zur belanglosen Bond-Imitation. In vielen Kategorien mehr als gut besetzt und produziert, ist das noch ansehnlich. Größere Erwartungen müssen allerdings enttäuscht werden.

*****

„Black Widow" startet Donnerstag bundesweit in den Kinos und Freitag auf Disneys Streaming-Kanal. Also nicht exklusiv zur Premieren-Auswertung für die Filmtheater. Dass viele Kinos den Film nicht zeigen, ist nicht nur ein Protest gegen den historischen Tabubruch in der bewährten Verwertungs-Kette. Auch die Verhandlungsführung sorgt für Kritik: „The Walt Disney Company stellt uns Kinobetreiber vor neue Vertragsbedingungen, die wir so nicht akzeptieren können. Diese Bedingungen sind nicht das Resultat von Verhandlungen, sondern sie erfolgen seitens Disney als Diktat", meint Benjamin Riedel, Assistent der Geschäftsführung des Dürener Lumen. Dieser Protest wird an der Grenze zu den Niederlanden und Belgien allerdings aufgeweicht, weil dort die großen Kinos alle „Black Widow" zeigen. Auch das Corso in Hückelhoven beteiligt sich nicht.

29.6.21

Catweazle

BRD 2021 Regie: Sven Unterwaldt, mit Otto Waalkes (Catweazle) · Julius Weckauf (Benny Lenz) · Katja Riemann, 96 Min. FSK ab 0

Otto Waalkes übernimmt mit seinem bewährten Filmteam die späte Kino-Adaption der 1970er Jahre-Serie „Catweazle" mit Geoffrey Bayldon in der Titelrolle. Vom Original bleibt wenig übrig, trotz Schlabberkostüm ist das die übliche Nummern-Revue aus dem Otto-Katalog. Aus dem Jahr 1022 in die Gegenwart verzaubert, erschrecken moderne Erscheinungen den erbärmlichen Zauberer Catweazle (Otto) und nur die Freundschaft zum zwölfjährigen Benny (Julius Weckauf) gibt etwas Orientierung. Mit viel TV-Prominenz ist das einfältige Filmchen auf unterem Niveau eher ärgerlich als spaßig.

Godzilla vs. Kong


USA 2021 Regie: Adam Wingard, mit Alexander Skarsgård, Millie Bobby Brown, Rebecca Hall 113 Min. FSK ab 12

„Godzilla vs King Kong" ist ein Exemplar des hirnlosen Unterhaltungs-Gigantismus, den man nicht unbedingt vermisst hat: Albernes schein-wissenschaftliches Brimborium und ein paar besorgte Menschlein mit Minimal-Geschichte sind nur Handlungs-Krücken, um die beiden Haupt-Figuren aus dem Computer mit viel Krach und Effekten in Hong Kong aufeinanderprallen zu lassen. Dass ein taubstummes Mädchen King Kongs Freundin gibt und sich richtige Schauspieler für derartigen Schrott hergeben, kann nichts dran ändern, dass dieses Science Fiction-Remake einer japanischen Sonderheit von und für pubertäre Computer-Fans gemacht ist.

A Quiet Place 2


USA 2020 Regie: John Krasinski, Emily Blunt, Cillian Murphy, Millicent Simmonds, Noah Jupe 97 Min. FSK ab 16

Selbst im ansonsten eher problematischen „Teil 2" kann „A Quiet Place" wieder mit der sensationell spannenden Idee begeistern, dass Menschen nur mucksmäuschenstill die Alien-Attacken überleben können. Nach dem Kammerspiel im vertrauten aufgerüsteten Heim geht es diesmal in zwei Parallelhandlungen an neue, gefährliche Orte. Evelyn (Emily Blunt) ist mit ihren Kindern Regan (Millicent Simmonds), Marcus (Noah Jupe) und dem Baby auf sich allein gestellt. Das Haus brennt ab und in einer Industrieruine treffen sie auf den ehemaligen Nachbarn Emmett (Cillian Murphy). Der ausbrechende Egoismus der Überlebenden ist eine Katastrophe in der Alien-Invasion. Während sich Evelyn mit dem schwer verletzten Marcus verschanzt, will die gehörlose Regan auf eigene Faust einen Radiosender finden. Diesmal kann man die riesigen und rasenden Aliens schon früher zeigen, „A Quiet Place 2" bleibt aber trotzdem hochspannend.

Nomadland


USA 2020 Regie: Chloé Zhao, mit Frances McDormand, David Strathairn, Linda May 108 Min. FSK ab 0

Der lang erwartete Oscar- und Festival-Erfolg „Nomadland" ist erneut die gekonnte Mischung von Dokumentation und inszenierten Szenen, die Filmemacherin Chloé Zhao in „Songs My Brother Taught Me" (2015) und „The Rider" (2017) zeigte. Die Vermischung der Genres macht beides stärker und bewegender. Diesmal geht es um Fern (Frances McDormand), die wie viele in den USA nach der großen Rezession 2008 Arbeit und Haus verloren hat. Nun reist sie mit der Schar von Arbeitsnomaden im zum Camper umgebastelten Van von Job zu Job. Bei Amazon kümmert sich das Unternehmen um einen Parkplatz für die Nacht. Ansonsten müssen Raststätten und Campingplätze als Kurzzeit-Heimat herhalten.

In den USA müssen große Teile der Bevölkerung in Wohnwagen leben. Diesen „Ausschuss" der kapitalistischen Gesellschaft erleben wir aus der Innenperspektive. Mit Fern nehmen wir an Überlebenskursen für Arme teil, spüren berührende Solidarität. So wird eine immer hilfsbereite, krebskranke „Nachbarin" auf den vielen offiziellen und wilden Camping-Plätzen zur Freundin Ferns. 

Um Fern herum zeigt Zhao wirkliche Menschen, andere „dwellers", die tatsächlich dieses Leben führen. Während Frances McDormand unprätentiös die Peinlichkeit spielt, als ältere Frau irgendwo in freier Landschaft auf Toilette gehen zu müssen, hören wir die wahren und ungemein bewegenden Geschichten der Laiendarsteller. Ferns eigenes Schicksal mit dem Krebs-Tod des Mannes und den Massenentlassungen in der Mine, die einen ganzen Ort auslöschten, tritt dabei zurück. So wie auch der „Star" Frances McDormand angenehm zurückhaltend spielt, oft nur auf die Erlebnisse der anderen reagiert. Trotzdem ein faszinierender Charakter – sie erträgt stoisch die Einsamkeit, verfolgt still ihren Weg. Selten gibt es ein kleines Lächeln, aber auch keinen großen Zusammenbruch. Selbst als ein tollpatschiger Verehrer ihr Geschirr zerbricht, eine letzte Erinnerung an ihr altes Leben.

Bei aller gerechtfertigten Begeisterung für Inszenierung, Spiel und grandiose Kamera darf die stille Musik von Ludovico Einaudi nicht unerwähnt bleiben. Dazu großartige Landschaftsaufnahmen, die doch ein Gefühl von Freiheit erzeugen, das sich in der brutalen Realität als wenig erstrebenswert erweist.

27.6.21

ghj: Der Mauretanier


GB, USA 2021 (The Mauritanian) Regie: Kevin Macdonald, mit Tahar Rahim, Jodie Foster, Benedict Cumberbatch 130 Min. FSK ab 12

Jodie Foster als Menschenrechts-Anwältin und Benedict Cumberbatch als rachsüchtiger Militärjurist haben nur die Nebenrollen bei diesem Kampf gegen himmelschreiende Ungerechtigkeit. Tahar Rahim („Ein Prophet") als Mohamedou Ould Slahi, das Opfer US-amerikanischen Terrors, macht stark den Wahnsinn des Guantanamo-Systems fühlbar.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurde der Mauretanier Mohamedou Ould Slahi (Rahim) verhaftet, den US-Geheimdiensten übergeben und nach Guantanamo Bay verschleppt. Wegen eines Telefonates mit jemandem, der mit Bin Laden zu tun hatte, wird er behandelt, als ob er persönlich Flugzeuge in die Twin Tower gesteuert hätte. Die Anwältin Nancy Hollander (Foster) nimmt sich allen Anfeindungen zum Trotz des Falls an, muss aber zuerst juristisch um brauchbare Dokumente kämpfen, die von den Militärs nicht komplett zensiert wurden. Aus den tatsächlichen Verhörprotokollen und Mohamedous Briefen erfährt sie von Folter mit Waterboarding und Schlafentzug, Vergewaltigung, Terror-Musik in eiskalter Zelle und der Drohung, die Mutter Mohamedous nach Guantanamo zu holen, damit sie dort vergewaltigt wird. Das bringt selbst den klaren und intelligenten Mann dazu, ein falsches Geständnis zu unterschreiben. Die Protokolle überzeugen auch den von Hass und Rachsucht erfüllten Militärankläger Lt. Col. Stuart Couch (Benedict Cumberbatch auch als Produzent engagiert), den krassen Fall von Unrechts-Justiz abzugeben.

Das Maß des Verbrechens eines angeblich demokratischen Staates macht nicht nur der Fall von Mohamedou Ould Slahi deutlich, der über 14 Jahre unschuldig in Einzelhaft verbrachte, sieben davon, als er bereits freigesprochen war! Insgesamt gab es 779 Gefangene im immer noch existierenden Guantanamo. Nur acht von ihnen wurden verurteilt, drei dieser Urteile wurden später aufgehoben. Ein derartiges Ausmaß von Inhaftierung ohne Urteil ist nur in übelsten Diktaturen oder aktuell in der Türkei zu finden. Ein anklagender Film zu staatlichen Verbrechen ist immer lohnenswert. Doch ausgerechnet Regisseur Kevin Macdonald, der sich dem Diktator Idi Amin in „Der letzte König von Schottland" etwa über dessen schottischen Leibarzt näherte, bleibt in „Der Mauretanier" konventionell. Weder Jodie Foster noch Benedict Cumberbatch zeigen mehr als Routine, nur die gemeinsame Szene im absurden Souvenir-Shop von Guantanamo stich heraus. Es ist Tahar Rahim („Ein Prophet") zu daken, dass das Drama trotzdem packt. Die Aufnahmen im Abspann mit dem wahren Mohamedou zeigen, wie gut dieser getroffen wurde. Der Schauspieler und der wahre Überlebende, auf dessen Buch „Das Guantanamo-Tagebuch" der Film basiert, gewinnen Sympathien.

25.6.21

Stowaway


USA, BRD 2021 Regie: Joe Penna, mit Toni Collette, Anna Kendrick, Daniel Dae Kim, Shamier Anderson 116 Min.

Deutsche Marsmissionen lassen noch auf sich warten, aber ein deutsches SciFi-Drama mit internationaler Besetzung ist bereits erfolgreich abgehoben. Wenn Anna Kendrick („Pitch Perfect"), Toni Collette („Hereditary") und Daniel Dae Kim („Hawaii Five-O") als Mars-Reisende einen blinden Passagier (Shamier Anderson) entdecken und allen der Sauerstoff ausgeht, will man eigentlich nicht wissen, dass alles im Filmstudio entstanden ist. Genauer stand das Raumschiff in den Münchner Bavaria Studios und alle „Weltraum-Außenaufnahmen" mit Raumanzügen an Drähten für die Ausflüge ins schwerelose All, fanden in den Kölner MMC Studios statt.
Aber trotz dieser Hintergrund-Infos funktioniert das Kammerspiel im All vortrefflich. Von den Gesprächen mit „Huston" hört man nur die Raumschiff-Seite - ein interessanter Effekt! Aber eine Lösung kommt von der Erde sowieso nicht. Deshalb sollen bei einem äußerst spannenden Weltraum-Ausflug Sauerstoffreste aus der Antriebsrakete geborgen werden. Toni Collette gibt eine souveräne und emotionale Kommandantin. Die ruhige Stimmung linearen und reduzierten Geschichte erinnert beim Versuch, mit Algen Sauerstoff zu erzeugen an den Raumfahrt-Klassiker „Lautlos im Weltraum". Leider bekommt Kendrick keine ernsthafte Figur hin, der man eine Reise im Weltall zutraut.

Ich bin dein Mensch

BRD 2021 Regie: Maria Schrader Darsteller: Maren Eggert, Dan Stevens, Sandra Hüller, Hans Löw, Wolfgang Hübsch, Annika Meier, Falilou Seck, Jürgen Tarrach, Henriette Richter-Röhl, Monika Oschek Länge: 105 Min.

Der Nachfolger der gefeierten Serie „Unorthodox" von Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader ist eine leichte Komödie: „Ich bin dein Mensch" erzählt von der Wissenschaftlerin Alma (Maren Eggert), die am Pergamonmuseum Poesie in über 5000 Jahre alten sumerischen Keilschriften über Handelsvorgänge finden will. Mit Forschungsgeldern erpresst, lässt sich die Alleinstehende auf einen dreiwöchigen Test mit einem humanoiden Roboter als Partner ein. Der äußerst charmante Tom („Downton Abbey"-Star Dan Stevens) macht die gleichen Probleme wie andere Partner: Mal zu höflich, dann wieder zu phantasielos. „Ich klöne nie" lautet eine ihrer ersten Ansagen. Sprüche wie „Zum Bleistift" oder „Tschö mit ö" werden direkt aus seinem Programm gestrichen. Darin steht auch „Alle Menschen wollen glücklich sein", aber seine Testerin anscheinend nicht. So legt er sich selbst in das Schaumbad mit Rosenblättern, Sekt und Erdbeeren. Doch die eigenwillige Frau findet gegen alle Wahrscheinlichkeits-Rechnung Gefallen an dem perfekt berechneten Gegenstück.

Dass er seine neue „Ordnung" in ihrer Wohnung innerhalb vom elf Minuten wieder in den Ausgangszustand versetzt, ist in diesem romantischen Science Fiction klassisches Filmen ohne große Tricks. Auch der Club der einsamen Herzen und holografischen Liebhaber kommt bodenständig daher. Das Künstlichste ist da auf den ersten Blick das unterkühlte Spiel von Sandra Hüller („Toni Erdmann"), die den Roboter-Test leitet. „Ob diese Dinge in Deutschland heiraten dürfen", soll Almas Resümee für eine Ethikkommission klären. Ob Alma mehr als eine Nacht mit Tom aushält, ist die eigentliche Frage. Und was eine Frau, die fast alles auf ihre Forschungs-Karriere setzt, denn für einen Mann brauchen kann. „Ich bin dein Mensch" ist ganz klar ein Film über eine unabhängige Frau von heute, nicht über ihn oder die Technik. Und auch wenn Gefühle für Maschinen aufkommen, thematisch ist dies kein Klon von „Blade Runner".

„Ich bin dein Mensch" ist nach der Zweig-Biografie „Vor der Morgenröte" und „Unorthodox" wieder eine durchaus gelungene Regie vom Multitalent Maria Schrader. Als Schauspielerin erhielt sie 1999 für „Aimée & Jaguar" auf der Berlinale einen Silbernen Bären. Sie arbeitete mit Margarethe von Trotta, Doris Dörrie, Peter Greenaway, Max Färberböck, Rajko Grlic und Agnieszka Holland. Ihr Regiedebüt gab sie 2007 mit „Liebesleben". „Vor der Morgenröte" wurde auf der Piazza Grande in Locarno uraufgeführt und gewann den Publikumspreis der European Film Awards. 2020 wurde Schrader als erste deutsche Regisseurin mit einem Emmy für die Serie „Unorthodox" ausgezeichnet. Nun mit „Ich bin dein Mensch" ein erneuter Wechsel des Genre und des Tons. Die romantische Komödie ist ein netter, lustiger, auch kluger Film von Schrader und ihrem regelmäßigen Ko-Autoren Jan Schomburg („Vor der Morgenröte").

23.6.21

Lisey's Story / Apple TV+

Der (Dreh-) Buch-Autor Stephen King gehört zu den Gewinnern der Pandemie. Schon immer beliebt auf großen und kleinen Schirmen, sind seine Serien gefragt wie nie. Nach „The Stand: Das letzte Gefecht" und „The Outsider" im letzten Jahr trumpft 2021 die Fantasie-, Thriller- und Liebesgeschichte „Lisey's Story" mit Starensemble vor und hinter der Kamera auf. „Chapelwaite" ist in Vorbereitung.

Zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes, des berühmten Autors Scott Landon (Clive Owen), zwingt eine liebevolle posthume Schnitzeljagd Lisey Landon (Julianne Moore) verdrängte Erinnerungen auf. Dabei geht es um die geheimnisvolle Welt „Boo'ya Moon" unter einem roten Mond, in der ein Wasserbassin heilt und Kreative ihre Ideen schöpfen lässt. Eingeweihte wie Landon gelangen dorthin mit Tagträumen, die sie katatonisch in der realen Welt zurücklassen. Gerne mithilfe eines laufenden Wasserhahns. Oder sie verschwinden ganz und gar in das mysteriöse Land, in der das Monster „Longboy" droht.

Was billige Fantasie mit ein paar Schrecken werden könnte, gilt seit der Buchveröffentlichung 2006 (dt. Titel: Love) als einer der besten Romane des generell nicht auf geringem Niveau schreibenden Stephen King. Jetzt begeistert die Verfilmung mit einer exquisiten Besetzung, bei der Joan Allen und Jennifer Jason Leigh als Liseys Schwestern zu sehen sind.

Der chilenische Filmregisseur, Produzent und Drehbuchautor Pablo Larraín, der bisher unterschiedliche Meisterwerke wie den chilenischen Politfilm „No" (2012), die Biographien zu Pablo „Neruda" (2016) und „Jackie" Kennedy (2016) oder das explosive Tanzdrama „Ema" (2019) schuf, sorgt für eine glaubwürdige Umsetzung der fantastischen und tief menschlichen Geschichte eines Trauerprozesses. Sehr stimmungsvolle Bilder schuf Darius Khondji, der Kameramann von unter anderem Woody Allen und Michael Haneke. Stephen King, Julianne Moore und Pablo Larraín fungierten neben J. J. Abrams zusätzlich als Executive Producer.

Geboren aus Kings Angst vor wahnsinnigen Fans, ist „Lisey's Story" mit dem gnadenlosen Mörder Jim Dooley (Dane DeHaan) an mehreren Fronten unheimlich und fantastisch. Manchmal überspannt die Serie den Handlungsfaden, wenn die schwerverletzte Lisey eine drei Episoden dauernde Rückblende lang auf ihre Heilung warten muss. Doch ihre (Liebes-) Geschichte ist umfassender - mit Erinnerungen an eine horrende Kindheit des Autors und einer Wiedervereinigung der drei Schwestern.

„Lisey's Story" (USA 2021), Regie: Pablo Larraín, mit Julianne Moore, Clive Owen, Joan Allen, Jennifer Jason Leigh, 8 Folgen von 47-57 Min., Altersfreigabe: keine Angabe

Ab 4. Juni mit den ersten beiden Episoden, gefolgt von neuen Episoden jeden Freitag.

Physical / AppleTV+


Die klügere Hausfrau Sheila (großartig: Rose Byrne) hinter dem nicht klugen, charmanten oder erfolgreichen Möchtegern-Politiker Danny (Rory Scovel) wird zur Frau hinter ihrem eigenen Erfolg. Doch bevor Sheila mit ihren Aerobic-Videos in den 80er ein Star wird, hat die Serie „Physical" viele Folgen voller Selbsthass, Bulimie und Erniedrigung gesetzt. Wobei die in Buch und Inszenierung sehr sorgfältige Produktion keineswegs ein „Kitchensink"- oder Sozial-Drama ist. Spritzig sind die Gedankengänge, mit denen die intelligente Akademikerin sich selbst und ihren Körper extrem runter macht. Flott die Bildfolgen, wenn sie mit 50 Dollar vom schwindenden Familienkonto Hamburger kauft, die im Motel nackt verschlingt und wieder erbricht. Dazu das Arbeiten für einen selbstüberschätzten und untreuen Idioten, der nach Rauswurf an der Uni politische Karriere machen will. Das alles mag Frauen-Alltag und System unserer westlichen Gesellschaft sein, wirkt aber trotzdem schockierend. Es dauert etwas, bis Sheila den harten Drill von Aerobic als Ventil für Frustrationen entdeckt. In einer schrägen Combo mit Porno-filmendem Surfer und libanesischer Einwanderin wird mit geklauter Videoausrüstung eine Karriere angeschoben. Das macht zunehmend Spaß. Im gleichen historischen Farbton wie die Porno-Geschichte „Boogie Nights" gewinnt „Physical" in den späteren Episoden mit Kindheits-Geschichten und anderen Traumata enorm an vielschichtiger Tiefe.

„Physical" (USA 2021), Regie: Craig Gillespie, Liza Johnson, Stephanie Laing, mit Rose Byrne, Rory Scovel, Dierdre Friel, 10 Folgen à 30 Min., FSK. keine Angabe

Luca / Disney+ ab 18. Juni


Die neueste Pixar-Komödie zeigt eine Meerjungfrau-Geschichte aus anderer Perspektive: Statt kleiner Meerjungfrau nach Andersen oder „Arielle" nach Disney ist Titelheld Luca ein sogenanntes See-Ungeheuer im Teenager-Alter. Gar nicht ungeheuerlich hütet er blökende Fische im Meer und versteckt eine große Neugier nach „dem da oben" vor besorgten Eltern. Denn die betonen, dass die Ungeheuer vom Land sehr gefährlich sind. So bleibt es Luca ein Rätsel, weshalb er sich verstecken soll, wenn wieder so ein lautes Gerät auf der Wasseroberfläche vorbeituckert und Dinge auf den Meeresboden fallen lässt.

Bis eine wirklich erschreckende Gestalt im Tiefsee-Tauchanzug als weiterer Meerjungfrau-Junge - oder wie man das „gendert" - herausstellt. Alberto hat schon viel Erfahrung mit Landgängen und zeigt Luca eine Welt mit Eis und Pasta. Denn sobald sie trocknen, verwandeln sich die Meer-Jungs in italienische Bambinos. Vor allem schwärmt Alberto von der „größten Erfindung der Menschheit", der Vespa: „Vespa ist Freiheit, du kannst damit überall hinfahren wo du willst." So bauen sie an der Küste aus Abfällen haufenweise Vespa-Imitate, die sie dann über eine Sprungschanze im Meer versenken. Der abenteuerlustige, aber nicht so intelligente Alberto lehrt Luca dabei, seine Angst zu überwinden: „Du hast einen Bruno im Kopf, höre nicht auf Bruno!"

Zusammen entdecken sie mutig das Dörfchen Portorosso, unverkennbar die echte Touristen-Attraktion Portofino in all ihren bunten Farben. Der ganze Film „Luca" ist voller herrlicher Italien-Klischees. Falls da unten jemand beleidigt sein möchte, gäbe es jetzt haufenweise Gründe, sich über „stereotype Darstellung" dramatischer Gesten und übertriebener Aussprüche („Santa Mozzarella") aufzuregen. Leider kommt dem Film hier nach 30 Minuten ein Rennen als Handlungs-Krücke in die Quere. Mit ihrer neuen Menschen-Freundin, der hyperaktiven Giulia, als Trainerin, wollen Luca und Alberto an einem Triathlon aus Schwimmen, Pasta essen und Radfahren teilnehmen. Letzteres geht steil bergauf und dramatisch bergab. So wie man es bei den von einem Österreicher Brausehersteller angetriebenen Down Hill-Events quer durch Ski-Ressorts und Berg-Dörfer kennt. Das Preisgeld reicht für einen schrottreifen Skooter, doch vor allem gilt es, den ekelhaften Dauersieger Giacomo abzuhängen. Derweil haben Lucas Eltern seine Abwesenheit entdeckt und sind zur Suche an Land gegangen. Wie eine Furie kickt Mama beim Straßen-Fußball alle Kinder in den Brunnen, um den Sohn in unbekanntem Aussehen zu entdecken. Denn sobald die Meer-Ungeheuer nass werden, nehmen sie wieder ihre alte Gestalt an.

Ganz, ganz grob geht es bei „Luca" mit dem „Coming Out" der vermeintlichen Ungeheuer um die Angst vor den Fremden, dem Anderen. Das wird aber für Pixar-Niveau im Vergleich zu „Inside Out" oder zuletzt „Soul" nicht besonders ausgearbeitet und so eher ein bunter Kinder-Spaß mit einer zu klassischen Geschichte und Sport-Finale. Der Fischhirte Luca, der mehr von der Welt hinter dem Meer wissen will, ist eine typische Disney-Figur. Allerdings verliert sich die Sache mit dem Entdeckerdrang etwas in der abenteuerlichen Handlung im Dorf. Wobei reichlich Holterdiepolter für ein sonst so sorgfältiges Pixar-Drehbuch auffällt. Nicht nur bei der rasanten Rad-Fahrt über das Pflaster der Dorfstraßen wird man durchgeschüttelt. Luca entscheidet sich nicht wegen großer Sehnsucht für ein Leben unter den Dörflern für sein Coming out, er macht es, um den Freund zu retten. Es scheint, als hätte sich Pixar hier fast an zu viel gutem Inhalt verhoben und dann schnell noch die Kurve zu leichter und sehr bunter Unterhaltung gewählt.

„Luca" (USA 2021), Regie: Enrico Casarosa, 95 Min., FSK ab 0

Shiva Baby / Mubi


Die orientierungslos junge, bisexuelle und aufgeklärte Jüdin Danielle (Rachel Sennott) ist eingezwängt in ein übervolles Familienfest. Wie es sich für das Alter gehört, trifft sie gleichzeitig verletzt und beleidigend, bestimmend und völlig verloren nicht nur auf die Eltern, die viel zu viel fragen und noch viel mehr empfehlen. Bei der Trauerfeier im Haus von Verwandten weiß „Danny" anfangs nicht mal, wer verstorben ist. Trotzig hält sie ihre Legende eines zielstrebigen Studiums gegen die ebenfalls anwesende und von allen bewunderte Maya (Molly Gordon) aufrecht. Die ist auch noch ehemalige Geliebte. Dem klaustrophobischen Wirrwarr von Menschen und Gefühlen zwischen Küche und Wohnzimmerchen setzt im großen Lästern das unerwartete Auftauchen von Danielles Liebhaber und Finanzier Max (Danny Deferrari) die Krone auf. An seiner Seite die erfolgreiche Geschäftsfrau mit kleinem, schreiendem Baby. Nur mühsam können die beiden heimlich sehr Vertrauten eine Legende für ihre nicht zu übersehenden Reaktionen erfinden. Zwischen Eifersucht und neu aufflammenden Gefühlen für Maya stolpert Danielle von einem Fettnäpfchen ins nächste.

„Shiva Baby" erinnert zeitweise an die besten Szenen Woody Allens, ist bei dieser Komik des Allzumenschlichen aber viel emotionaler und intensiver. Vor allem Rachel Sennott, die schon im gleichnamigen Kurzfilm die Hauptrolle spielte, spiegelt in ihrem expressiven Gesicht all die Vorwürfe, Erwartungen, Enttäuschungen der anderen. Die grandiose Kamera von Maria Rusche macht die Enge um Danielle im Bild körperlich spürbar. Die geniale Musikbegleitung von Ariel Marx vollendet das prall intensive Kammerspiel.

„Shiva Baby" (USA 2020), Regie: Emma Seligman, mit Rachel Sennott, Molly Gordon, Polly Draper, 77 Min., FSK keine Angabe

Solos / Amazon ****


Zuerst sollte Sasha (Uzo Aduba) ihr Haus nicht verlassen. Wegen Virus und tödlicher Pandemie halt. Nach Jahrzehnten will sie jetzt nicht mehr, so sehr das Haus mit seinem integrierten Computer auch drängt… Die nach Aktualität heischende Episode „Sasha" ist eine der schwächeren der „Solos". Weil sie den momentanen Hype den größeren Menschheitsfragen vorzieht. Gleichzeitig ist „Solos" exakt zum Ende der kinolosen Zeit in Deutschland eindeutig ein Kind der Pandemie: Solo-Auftritte von Schauspielern in Kammerspiel-Sets begrenzen kontrollierbar Ansteckungen.

Anne Hathaway gibt als eines der bekanntesten Gesichter in den sieben halbstündigen „Solos" die Wissenschaftlerin Leah, die per Zeitreisen versucht, ihre Mutter zu retten. Genauer per Videochat mit Vergangenheit und Zukunft. Im kleinen Hightech-Labor, das sich als niedliche Studio-Bastelei für die Neufassung von „Raumschiff Orion" bewirbt, sucht Leah mit fast zerrauften Haaren die richtige Funkfrequenz zwischen den eigenen Lebens-Phasen. Dabei arbeiten die vergangene und die zukünftige Leah nicht unbedingt mit. Der Spott über diese Episode zum Auftakt ist bei noch reizvoller Geschichte unvermeidbar: Anne Hathaway ist nicht diejenige, die man bei einem solchen schauspielerischen Parforceritt erwartet. Schon beim Science-Fiction „Stowaway - Blinder Passagier", mit dem einige deutsche Kinos heute starten, war „Astronautin" Hathaway das Glaubwürdigkeits-Leck eines Mars-Fluges.

„Stell dir vor, du triffst dich selber. Wen siehst du?" Das fragt Erzähler Stuart zur zweiten Folge, in der Tom (Anthony Mackie) einer Version seiner selbst gegenübertritt. Dem Original gefällt das Äußere der identischen Kopie nicht, vor allem nicht dessen respektlose Kommentare: „Du bist ein Arschloch." Der in den 24 Minuten Echt- und Netto-Laufzeit getestete allwissende Klon-Roboter weiß allerdings, wie er mit den baldigen Hinterbliebenen des todkranken Tom umgehen soll. Ersatz sein, aber nicht zu perfekt, damit Frau und Kinder nicht das Original vermissen. Der Informationsabgleich wird zum rührseligen Abschied und echot – ausgerechnet mit einer deftigen Furz-Zote - in anderen Episoden weiter.

Peg (Helen Mirren), die als Senior-Astronautin ohne Rückfahrkarte unterwegs ist, liefert im Gespräch mit dem Bordcomputer Lebensbeichte und Erinnerungen an eine verpasste Liebe. Sie muss erst am Mond vorbeifliegen, bevor ihr klar wird, was in ihrem Leben falsch lief. Zu den Klängen von „Space Oddity" (Major Tom) fragt die verpeilte All-Reisende, ob man das Raumschiff umdrehen könne. Nebenbei stellt sich heraus, dass Peg die kleine Tochter von Tom ist. Während auch die Pandemie-Episode von Sasha kein wirkliches Solo ist, sondern auf zukünftige Formen von Siri oder Alexa für den Dialog vertraut, legt Jenny (Constance Wu) in ihrem Gedächtnis-Protokoll quasi ein Geständnis ab: Von lebensgefährlichen Aktionen in Folge eines übersteigerten Mutterwunsches. Nera (Nicole Beharie) hingegen wird in einer stürmischen Nacht ganz allein Mutter, der künstliche gezeugte Sohn altert dann in Minuten um Jahre...

Im großen Finale macht Morgan Freeman (der bei allen Folgen einen Satz zur Einleitung lieferte) als dementer Stuart die qualitativen Unterschiede im auffällig „diversen" Ensemble deutlich: Nachdem ihm ein Pflaster Auffrischung der Erinnerungen gewährte, kann der alte Mann sogar wieder tanzen. Sehenswert! Dabei ist dies nur der erste Teil der Geschichte. Tatsächlich geht es um gestohlene Erinnerungen, die wiederum das Material der anderen Solo-Nummern bilden.

Auf unterschiedlichen Niveaus soll das Talent all dieser Stars bewundert werden, doch oft würde „Solos" als Hörspiel genau so gut funktionieren. Im Stil der „Unglaubliche Geschichten" (Amazing Stories) sind die kleinen Ideen mit leichter Sci-Fi-Zugabe reizvoll, machen aber vor allem neugierig auf mehr Geschichte und Inhalt.

„Solos" (USA 2021), Regie: David Weil,Zach Braff, Tiffany Johnson, Sam Taylor-Johnson, mit Morgan Freeman, Anne Hathaway, Anthony Mackie, 7 Folgen à 24 Min., Altersfreigabe ohne Angabe

Palm Springs / Amazon

Und ewig grüßt die Hochzeitsfeier! Anfangs wundert man sich etwas über Nyles (Andy Samberg), das Hawaii-Hemd unter all den festlich gekleideten Hochzeitsgästen. Nach vielen Dosen seines Billig-Biers so hemmungslos, als ob er niemanden der Feiernden jemals wiedersehen würde. Tatsächlich sieht er alle jeden Tag wieder, denn er durchlebt den gleichen Hochzeitstag der Freundin seiner Freundin wieder und wieder. Siehe „Und täglich grüßt das Murmeltier" - nur deftiger und ausgeflippter. Der lässig sorglose Wiederholung-Täter beeindruckt Sarah (Cristin Milioti), die Schwester der Braut, mit flotten Tanzschritten und akrobatischen Einlagen, welche die Bewegungen aller anderen vorherzusehen scheinen. Er weiß auch, wer den Koks in der Hosentasche hat und mit wem der Bräutigam letzte Nacht fremdgegangen ist. Versehentlich zieht er Sarah mit in seine Zeitschleife. Trotz deutlicher Warnungen versucht sie vergebens, alle naheliegenden Fluchtwege, an denen er bereits gescheitert ist: Selbstmord, einfach wegfahren, gute Taten und was das Genre der Murmeltier-Klone sonst so hervorgebracht hat. „Es war immer ein guter Tag" – selbst die Attacken seines ebenfalls in diesem Tag gefangenen Erzfeindes (grandios: J. K. Simmons) enden im ungemein sympathischen Film in einer anrührend positiven Lebenshaltung. „Palm Springs" gewinnt den ewigen Wiederholungen der Filmidee eines ewig wiederholten Tages mit wilden Einfällen, klasse Schauspiel und gekonnter Inszenierung überraschend viel ab.

„Palm Springs" (USA 2020), Regie: Max Barbakow, mit Andy Samberg , Cristin Milioti , J. K. Simmons, 90 Min., Altersfreigabe ab 16

Für 14,99€ leihen, 17,99 € kaufen.

15.6.21

Katla / Netflix


Der grandiose Regisseur Baltasar Kormákur bewegt sich gekonnt zwischen seiner isländischen Heimat und Hollywood. Mit Keira Knightley, Emily Watson und Jake Gyllenhaal drehte er „Everest" (2015), „2 Guns" (2013) mit Denzel Washington und „Contraband" (2011) mit Mark Wahlberg. Dann faszinierendes Arthouse mit schrägen Beziehungsgeschichten wie „101 Reykjavik" (2000) oder das fast mythologischen Drama eines tiefgekühlten Fischers in „The Deep" (2012). Nun lässt er - wieder in Island - ein Jahr nach dem Ausbruch des vom Gletscher bedeckten Vulkans Katla aus Ascheregen eine Frau auftauchen. Als die Krusten von nackter Haut gewaschen sind, erzählt die angebliche Schwedin, sie arbeite im einzigen Hotel des Ortes und hätte ein Verhältnis mit dem Einheimischen Thor. Der erinnert sich an eine Affäre – vor 20 Jahren. Mitten in der großen Verwirrung tauchen weitere „Wechselbälger" auf, wie der Mythos sie nennt. Zuerst Thors Tochter Asa, seit dem Ausbruch verschollen. Aber auch ein Junge, der eindeutig gestorben war. Mit immer neuen Duplikaten wird „Katla" in zunehmendem Maße verstörender. Bei eindrucksvollen Aufnahmen, immer wieder auch aus der Luft von hellen Autos vor schwarzer Asche, erzeugt die Reihe unerklärlicher Erscheinungen nicht üblichen Horror, sondern spannendes Rätseln rund um ein Naturphänomen, ähnlich wie in der französischen Arte-Serie „The last Wave". Während Asas Schwester Grima den Sinn der Doppelgänger ergründen will, findet sich Thor mit der Gleichzeitigkeit vin junger und älterer Geliebter ab: „Wer bin ich, die Natur der Dinge infrage zu stellen?" In diesem erneut sehr außergewöhnlichen Werk setzt Kormákur menschliche Beziehungen einer extremen Situation aus.

„Katla" (Island 2021), Regie: Baltasar Kormákur, mit Gudrun Ýr Eyfjörd, Íris Tanja Flygenring, Ingvar Sigurdsson, 8 Folgen à 40 Min. Nicht für Kinder unter 14 Jahren geeignet

8.6.21

Kids Run / VoD - alleskino.de und demnächst im Kino


Im aufsehenerregenden Debüt „Kids Run" der Drehbuchautorin und Regisseurin Barbara Ott kümmert sich der überforderte Vater Andi um drei kleine Kinder von zwei Müttern. Die eine zeigt aufgrund psychischer Probleme heftige Aggressionen. Die Mutter vom Baby, die prostituiert wird, sagt hingegen klar, sie käme zurück zu Andi, wenn er mehr Geld hätte. So muss der Ex-Boxer ein Comeback in jungen Jahren starten, für Miete und Kindersachen. Obwohl die erste Karriere mit einem Schädelbasis-Bruch endete. 

Eine heftig emotionale, berührende und erschreckende Achterbahn-Fahrt durch die Härte des Lebens mit vielfach unmöglichen Situationen für Kinder. Bei den belgischen Brüdern Jean-Pierre und Luc Dardenne war das 2008 in „Lornas Schweigen" ebenso eindringlich und erschütternd klassisches Sozialdrama. Andi hingegen ist ein schwieriger, stärker gebrochener Charakter: Er rennt die ganze Zeit mit seinen Kindern durch die Gegend, aber die haben auch immer mal wieder Angst vor ihm. Frauen schlagen geht gar nicht, aber beim Freund seiner Ex schlägt er brutal zu. Ein Widerspruch, den Jannis Niewohner („Narziss & Goldmund", „Jugend ohne Gott") mit zurückhaltend intensivem Spiel im rau dreckigen Setting großartig verkörpert. „Kids Run" ist der nächste eindrucksvolle Kino-Start des aus Aachen stammenden Produzenten Martin Heisler („Vergiss mein nicht", „Einzelkämpfer", „Berlin Bouncer").

„Kids Run" (BRD 2020), Regie: Barbara Ott, mit Jannis Niewöhner, Lena Tronina, Eline Doenst, 103 Min., FSK: ab 16

7.6.21

Loki / Disney+ (ab 11.6.2021)


„Loki", die neue Serie von Marvel Studios und Disney, spielt nach den Ereignissen von „Avengers: Endgame" ... Und schon liegen wir ganz falsch, denn der Gott des Schabernacks Loki bekommt in seiner Hauptrolle mächtig und auch komisch mit Zeitreisen zu tun. Alles ist möglich und die beiden ersten Folgen sind richtig gut.

Ein großer Vorteil des größenwahnsinnigen Universums der unzähligen Marvel-Filme ist der Spar-Effekt: Man kann sich immer kostengünstig bei Szenen anderer Filme bedienen. Beispielsweise, wenn man zeigt, wie der gefangene Loki (Tom Hiddleston) in „Avengers: Endgame" (2019) den Tesseract klaut und unfreiwillig in Raum und Zeit herumreist. Nach Ankunft wird er allerdings schnell wie respektlos von Soldaten der TVA einkassiert. Ihre Behörde namens „Time Variance Authority" sorgt dafür, dass die Timeline – der Verlauf der Geschichte – eingehalten wird. Alle parallelen Zeitstränge müssen gestoppt werden.

Nun befindet sich der besonders arrogante und von Natur aus betrügerische Gott in den Händen einer kafkaesken Bürokratie, siehe „Brazil". Ein witziger Werbeclip erklärt den Job der Timeline-Kontrolleure, doch Loki nimmt die Sache erst ernst, als er merkt, dass all seine Zauberkräfte hier nicht funktionieren. Dafür holt ihn ein Hundehalsband der TVA auf Knopfdruck immer wieder zu einem Ausgangszeitpunkt zurück. Dumme Sache.

Und ganz schön spaßig, wie vor allem der TVA-Agent Major Mobius M. Mobius (Owen Wilson hinter biederem Schnurrbart) den eingebildeten Gott mit wissendem Lächeln immer wieder auflaufen lässt. Loki sei „nur eine Schmusekatze gegenüber den echten Verbrechern" und „für jemanden, der zum Herrschen geboren sein soll, verlierst du eine Menge". Schließlich bekommt der gescheiterte Sohn von Asgard doch einen Bürojob und soll helfen, einen besonders hartnäckigen Verbieger der Zeitlinien zu schnappen. Denn der soll eine noch üblere Variante von Loki selbst sein!

Es ist schon mal ein Gewinn für die Marvel-Helden-Filmchen, dass Loki aus dem Schatten seines Bruders heraustritt. Denn der Typ, der immer verneint, der immer lügen und betrügen muss, ist auf jeden Fall interessanter als sein stinklangweiliger großer und starker Bruder, der törichte Muskelberg Thor. Tom Hiddleston machte schon immer in dieser Rolle Spaß. Diesmal wird er erstmal gar nicht ernst genommen. Bei einer Art Psychoanalyse ist das „Best of" seiner bisherigen Szenen nicht gerade schmeichelhaft. Aber auch den ganzen überspannten Marvel-Kladderadatsch nimmt diese Serie (in den zwei zugänglichen Episoden) keineswegs ernst: In einer der nettesten Momente finden sich nebenbei haufenweise Infinity-Steine in einer Schublade. Sie werden von den TVA-Bürohengsten als Briefbeschwerer benutzt. Für Nicht-Eingeweihte: Um diese Glitzersteinchen drehten sich mehrere Filme, die zusammen Milliarden einbringen sollten.

Das relativiert einiges und schafft Platz für Neues. In einer Art Detektivgeschichte wird Loki ab der zweiten Folge auf die Jagd nach sich selbst geschickt. Beziehungsweise auf die Jagd nach einer anderen der vielen Variationen seiner. Wieder einer der kleinen Scherze zwischendurch zeigt, dass eine Variante die Tour de France gewonnen hat - man muss an Lance Armstrong denken. Dass in einem der Akten-Vorgänge die Zerstörung von Asgard, die Ragnarök, verbucht ist, erschüttert den einst von dort Verbannten nur kurz. Bald sucht er darin eine Ausflucht per Zeitreise. Reizvoll bei der inhaltlich und äußerlich sehr vielversprechend angelaufenen Serie ist vor allem der Name von Owen Wilsons Figur Mobius M. Mobius. Bezeichnet doch das nach dem Leipziger Mathematiker August Ferdinand Möbius beschriebene Möbiusband eine Fläche mit überraschend anderen Perspektiven und Seitenwechseln. Die Marvel-Figurchen können durch gute Science Fiction nur gewinnen.

„Loki" (USA 2021), Regie: Kate Herron, mit Tom Hiddleston, Owen Wilson, Gugu Mbatha-Raw, 6 Folgen
mit ca. 60 Min., Altersfreigabe ohne Angabe

Lupin 2 / Netflix ****


Schon vor dem enormen Erfolg der Arsene Lupin-Modernisierungen mit Omar Sy stand eine Fortsetzung fest. Nach dem Cliffhanger an den berühmten Klippen von Étretat geht es in den neuen Folgen hochspannend weiter. Der Meister-Dieb Assane Diop (Sy) ist in der Defensive, als sein Sohn entführt wird. Die erste pure Spannungsfolge lässt jedoch die typischen Tricks des Lupin-Fans Assane vermissen. Ohne große Überraschungen, die gerade die Würze der ersten Staffel darstellten, verfolgen Assane und sein größter Fan aus Polizeikreisen den Entführer. Danach setzt der gekränkte Dieb seinen Rachefeldzug gegen den gnadenlosen Milliardär Hubert Pelligrini (Hervé Pierre) fort, der Schuld am Tod von Assanes Vater trägt. Alles gipfelt im großen Heist-Finale. Nach dem „Collier der Königin" geht es nun darum, das Geld eines Spendenbetrugs während eines Gala-Konzerts abzuschöpfen. Die Freundschaft mit Benjamin (Antoine Gouy), Assanes Spießgeselle seit Schulzeiten, spielt eine größere Rolle.

Omar Sy brilliert erneut als raffinierter Dieb in vielen Verkleidungen. Der Kampf gegen Unrecht und Rassismus hat vor allem das Ziel, die Unschuld von Assanes Vater zu beweisen. So läuft auch zu Vertiefung des Charakters der Titelfigur durchgehend die Rückblende in seine Pubertät. Erste Betrügereien aus Liebe, weitere Erniedrigungen wegen seiner Hautfarbe. Ein großer Plan und der Clou lassen sich erahnen, es wird aber alles erst in der letzten Folge aufgelöst. In der Tradition von BBCs „Sherlock" sind die beiden Staffeln von „Lupin" kleine, in sich abgeschlossene Miniserien. Nicht mehr sensationell wie die erste Staffel, kann der zweite große Beutezug der Lupin-Erneuerer mit Unterhaltung auf hohem Niveau überzeugen.

„Lupin 2", Staffel 2 (Fr 2021), Regie: Ludovic Bernard (Episoden 6, 7), Hugo Gélin (8-10), mit Omar Sy, Hervé Pierre, Nicole Garcia, Clotilde Hesme, fünf Folgen à 50 Min., Altersempfehlung ab 14

5.6.21

Neustart Kino bei den Nachbarn - DeNiro, Kate Winslet, David Byrne ....


Während sich in Deutschland die Verbände der Kinobetreiber auf einen (unverbindlichen) gemeinsamen Re-Start am 1. Juli 2021 geeinigt haben, laufen in den Nachbarländern die Projektoren bereits wieder an. Eine kleine Auswahl der Programm-Highlights in den Niederlanden (ab 5.6.) und Belgien (ab 9.6.) macht Laune auf wieder erlaubte cineastische Kurztripps.

Mehr noch als sonst, haben die Filmkunsttheater das reizvollere Angebot. Sie sind nicht so abhängig von den großen Produzenten, die ihre Blockbuster zurückhalten oder per Streaming verheizen.

So hat das Lumiere in Maastricht sogar einen der schönsten deutschen Filme des Vorjahrs zur Wiedereröffnung im Angebot: „Undine", das mysteriöse Liebesdrama von Christian Petzold. Dazu gibt es dort schon den Oscargewinner „Nomadland" mit Frances McDormand. Ganz neu sind „David Byrne's American Utopia", die Aufnahme der Broadwayshow durch Spike Lee (Do The Right Thing, BlacKkKlansman), das historische Liebesdrama „Ammonite" von Francis Lee (God's Own Country) mit Kate Winslet und Saoirse Ronan.

Die Lütticher Arthäuser Sauveniere und Churchill zeigen - wie immer in Originalversion mit französischen Untertiteln - auch „Nomadland", dazu „Drunk" („Der Rausch"), den neuen Spielfilm von Thomas Vinterberg mit Mads Mikkelsen. Der bisher nur bei Disney+ gelaufene Spaß „Cruella" ist hier endlich im Kino zu sehen.

Das Vue in Kerkrade wartet als Multiplex auf lautere Filme aus Hollywood und wartet derweil mit ein bisschen alter Action und sowie angestaubtem Horror auf. Bei den Kinderfilmen ist „Peter Rabbit 2" schon zu sehen, allerdings meist synchronisiert. Wer Zeeland gerade sehr vermisst und Niederländisch versteht, kann Landeskunde mit dem Kriegsfilm „De Slag om de Schelde" nachholen. Middelburg und „deutsche Gäste" mal anders gesehen.

„The Comeback Trail" ist ein übersehener Robert De Niro-Film aus 2020. Er spielt den Filmproduzenten Max mit großen Schulden beim Kriminellen Reggie Fontaine (Morgan Freeman). Unter Lebensgefahr will Max einen Western produzieren und dabei den Hauptdarsteller für eine hohe Versicherungssumme umkommen zu lassen. Doch dieser Duke Montana (Tommy Lee Jones) erweist sich als sehr robust.

https://lumiere.nl/programma
https://www.grignoux.be/fr/agenda
https://www.vuecinemas.nl/films/nu-in-de-bioscoop#tijden

Undine St 2 Jpg Sd High 10663 1604397143

2.6.21

Sweet Tooth / Netflix


Nie war Pandemie aufregender und fantastischer: In der Serie „Sweet Tooth" nach der gleichnamigen DC-Comicreihe von Jeff Lemire stirbt und meuchelt sich ein großer Teil der Menschheit „an oder wegen" dem H5G9-Virus dahin. Zum gleichen Zeitpunkt werden Mischlinge aus Mensch und Tier geboren, aber auch bald gejagt. Man weiß nicht, ob sie Ursache oder Folge des Virus sind.

Gus (Christian Convery) ist ein Junge, der von seinem Vater vor einer chaotischen und gewalttätigen Welt im Wald versteckt aufgezogen wurde. Als Mischwesen hat der Knabe ein zartes Geweih und lustig zappelnde Öhrchen. Dazu kann er im Dunkeln sehen und sehr gut riechen. Die Erziehung zum Überleben betonte immer die Gefahr hinter dem Zaun. Doch mit einem sanften Papa ähnelt alles eher Waldorfschule als dem hartem Survival-Training von „Wer ist Hanna?". Dementsprechend naiv stolpert Gus in eine überwältigende Welt mit eindrucksvollen Landschaften und wieder wilden (Zoo-) Elefanten und Giraffen, als er doch das Gebot des Vaters übertreten muss. Zum Glück hat er den großen, brummigen Einzelgänger Tommy Jepperd (Nonso Anozie) an seiner Seite.

„Sweet Tooth" ist immer besonders stark, wenn die Serie neue, schillernde Figuren einführt. Jepperd ist einer von ihnen: Ehemaliger Football-Star (im kanadischen Comic: Eishockey), ein gutmütiger Berg von einem Kerl. Dann hat er beim Ausbruch der Pandemie Dinge getan, auf die er nicht mehr stolz ist. Und für die ihn noch viele hassen. Wie Bear (Stefania LaVie Owen), die Gründerin der Animal Army. Diese Horde verwaister Kinder stattet sich mit Tier-Attributen aus, um recht selbstgerecht für die Mischlinge und die Natur zu kämpfen. (Ähnlichkeiten mit Klima-Aktivistinnen sind rein zufällig.) Mit VR-Videospielen haben sie für den Ernstfall trainiert. Ausgerechnet dieses Trio macht sich gemeinsam auf die Suche nach Gus' Mama. Immer verfolgt von Mischlings-Wilderern. Was besonders mit der Kombination aus Kind und anfangs unwilligem, alten Einzelgänger ein ausgetretener Pfad sein könnte. Es bleibt mit der herrlich unbeschränkten Fantasie des Comics jedoch immer frisch und überraschend.

Die Mischung aus „Bambi" und „Mad Max" wird angereichert mit der tragisch-komischen Geschichte des indischen Virologen Dr. Aditya Singh (Adeel Akhtar), einem ehemals unglaublich netten Arzt, der zur Heilung seiner Frau ethischen Grenzen überschreitet. Und der vormals unscheinbaren Therapeutin Aimee Eden (Dania Ramirez), die nun in einem Zoo eine Mischlings-Tochter beschützt. Dazu gibt der sonore Erzähler (James Brolin) trocken ironische Kommentare ab. Wobei die postapokalyptischen Landschaften (gefilmt in Neuseeland) und Szenerien eher farbig als wüst im Stile von „Mad Max" daherkommen. Besonders das Violett des Virus' - in plötzlich sprießenden Veilchen und der positiven Testflüssigkeit – lässt tödliche Gefahr schön aussehen.

Der kanadische Comicautor Jeff Lemire („Essex County Trilogy", „The Nobody", „The Underwater Welder") veröffentlichte „Sweet Tooth" in 40 Ausgaben von 2009-14. Die ersten Folgen der Film-Serie auf eine nicht gerade dezente Symbolik für unser Verhältnis zur Natur zu reduzieren, wäre gemein verkürzend. Gerade die launisch präsentierte Vielfalt menschlicher Verhaltensweisen von den braven Bürgerwehren, die infizierte Nachbarn in Frischhaltefolie einwickeln und mit den eigenen Häusern abfackeln, bis zu dem schon „süüüüß" liebenswerten Gut-„Menschen" Gus gibt „Sweet Tooth" eine reizvolle humanistische Tiefe zu den fantastischen Ideen.

Ausführende Produzenten des Projekts sind übrigens Susan Downey und ihr Ehemann Robert Downey Jr. Als Showrunner und Drehbuchautoren prägten Jim Mickle („Vampire Nation" 2010) und Beth Schwartz die herausragende und hoffnungsvolle Pandemie-Serie.


„Sweet Tooth" (USA 2021), Regie: Jim Mickle, Toa Fraser, Robyn Grace, mit Christian Convery, Nonso Anozie, Adeel Akhtar, 8 Folgen von 37-53 Min., Altersfreigabe ohne Angabe

1.6.21

Drei Filme von Abbas Kiarostami / MUBI


Der weltberühmte iranische Regisseur Abbas Kiarostami machte quasi Anti-Netflix: Seine vielen Meisterwerke brauchten Ruhe und Zeit, sich zu entwickeln. In „Wo ist das Haus meines Freundes?", dem Film, der ihn 1988 von Locarno aus bekannt machte (Bronzener Leopard, FIPRESCI-Preis, Preis der Ökumenischen Jury) muss der 8-jährige Ahmed unbedingt immer wieder den staubigen Hügel zum nächsten Dorf hinauflaufen, um seinen Schulnachbarn zu finden. Ahmed hat aus Versehen das Heft seines Freundes Mohamed einsteckt, dem dadurch ein Schulausschluss droht. Die kleine Odyssee wird großes Kino. (ab 4.6.) So viel Zeit für eine so kleine Geschichte würde Netflix heute keinem Film geben.
Bei „Quer durch den Olivenhain" (eigentlich Teil einer anderen, der „Erdbeben"-Trilogie) wird Geduld erst in der letzten Szene im Olivenhain belohnt. Die Film-im-Film-Geschichte ist das Liebesdramas des Maurers Hossein, der beim Dreh im erdbebenzerstörten Norden Irans eine kleine Rolle bekommt und sich in seine Filmehefrau verliebt. Ein bei scheinbarer Einfachheit berührend raffiniertes Spiel mit Form und Gefühl, das 1994 auf den Festivals von Cannes, Toronto und Locarno lief. (ab 12.6.)
1997 gewann dann „Der Geschmack der Kirsche" die Goldene Palme in Cannes. Das Spiel der Filme mündet im bitteren Ernst: Herr Badii ist auf der Suche nach einem Helfer, der ihm nach dem selbstgewählten Tod das Grab mit Erde zudecken soll. Oder, falls Badii es sich anders überlegt, ihn aus dem Grab herausholen. Auch hier sind die schon damals überdurchschnittlich langen Einstellungen in der kargen Landschaft Irans Labsal für von schnellen Schnitten geschundene Seelen.

„Drei Filme von Abbas Kiarostami" (Iran 1989, 1994, 1997), 83 /103 / 99 Min. Regie: Abbas Kiarostami, FSK: ab 0/6/6

MUBI ab 4., 12. und 19. Juni

Halston (2021) / Netflix ****


Von Obi-Wan Kenobi zu „Amerikas Modedesigner Nummer 1" – kein Problem für Ewan McGregor. Er ist die Seele der Serie über Leben und Karriere des legendären Modedesigners Roy Halston Frowick (1932-1990). Der Pillbox-Hut von Jackie Kennedy war sein erster Hit – bis die Leute aufhörten, Hüte zu tragen. Dass die junge Liza Minelli – nett mit einem Lied über die korrekte Aussprache ihres Namens vorgestellt – nach einem persönlichen Kleid-Entwurf beste Freundin wurde, wird sich später auszahlen. In dieser Szene um einen der vielen berühmten Klassiker Halstons erklingt „Sunday Morning" von The Velvet Underground. Die 70er Jahre stehen vor der Tür, der Modedesigner wird die Disco-Mode im Club 52 mitbestimmen. Doch immer begleitet ihn eine tiefe, schmerzende Unsicherheit aus Kindertagen mit gewalttätigem Vater. Diese Ängste bewegten ihn dazu, seinen Namen an einen großen Konzern zu verkaufen, worauf ein Kampf um kreative Unabhängigkeit beginnt.

Solche Betrachtungen über globale Entwicklungen der Modebranche ergänzen ein gelungenes intimes Porträt. Ewan McGregor fesselt als Kreativer, dem der Erfolg zu Kopfe steigt, noch bevor er da ist. Die Arbeit mit einem teilweise ebenso größenwahnsinnigen wie mutigen Halston ist kein Vergnügen. Doch die rührenden Freundschaften mit Liza und sein Verhältnis mit einem Speed-abhängigen jungen Assistenten zeigen einen sehr sensiblen Menschen. Dabei erzählt die Serie angenehm undramatisch bei reizvoller, aber nicht protzender Ausstattung.


„Halston" (USA 2021), Regie: Daniel Minahan, mit Ewan McGregor, Rebecca Daryan, Rory Culkin, fünf Folgen à 45 Min., FSK: keine Angabe

Rebel (2021) / Disney+ ***


Aus Peggy Bundy („Eine schrecklich nette Familie") wird Erin Brockovich! Eine nach zwei Folge nur langsam überzeugende Besetzung. Aber die zehnteilige Serie, inspiriert vom Leben der engagierten Rechtsanwaltsgehilfin, bietet beim Kampf um Gerechtigkeit solide Unterhaltung. Annie „Rebel" Bello (Katey Sagal) ist wie ihr reales Vorbild eine Anwaltsgehilfin ohne Jura-Abschluss. Außerdem gefürchtet wegen ihres Kämpferherzens und unkonventioneller Methoden. Während sie gegen ein Medizin-Unternehmen kämpft, dessen künstliche Herzklappen krank machen, werden sie und die Serie unterstützt von Kindern und Ehemännern. Einer von letzteren sitzt praktischerweise auf der Polizeiwache, wo Rebel wieder mal in der Zelle landet und mit Kaution freigekauft werden muss. In einer Nebenhandlung streitet sich die jähzornige Kämpferin mit dem nächsten Ehemann. Zum Glück kassiert ihre Ex-Schwägerin und Assistentin dabei rechtzeitig Rebels Gewehr ein.

Die ruppige und wenig taktvolle Kämpferin für die gerechten Sachen bekommt Hilfe von ihrem Boss Julian Cruz (Andy Garcia). Wie der von seiner eigenen guten Seite überzeugt werden muss, weil er den Fall aus Trauer um seine Frau nicht anrühren will, gibt den ersten beiden Folgen schauspielerisch und dramatisch mehr Substanz. (Folge zwei durfte man sehen, aber nicht verraten!) Das ist zwar längst nicht die Vielschichtigkeit, die Julia Roberts und Regisseur Steven Soderbergh dieser Figur gegeben haben, aber erbauliche klassische Serien-Kost.

„Rebel" (USA 2021), Regie: Marc Webb, mit Katey Sagal, John Corbett, Lex Scott Davis, 10 Folgen à 50 Min., FSK: ohne Angabe

26.5.21

Cruella / Disney+ *****


„101 Dalmatiner" war im Jahr 1961 der 17. abendfüllende Zeichentrickfilm von Disney. 60 Jahre später läuft der neue Disney „Cruella" nicht im Kino, die Freigabe ist von 0 auf 6 Jahre angehoben worden, die Welt steht kopf. Denn wir lieben plötzlich die böse Cruella. Weil wir nach dieser herrlichen Vorgeschichte namens „Cruella" verstehen, weshalb die Modedesignerin unbedingt einen Mantel aus Dalmatiner-Fellen haben will. Ein in Inszenierung und Hauptrollen von Emma Stone und Emma Thompson überzeugender Spaß mit großer Bandbreite an Gefühlen.

Rebellisch ist die kluge Estella schon als kleines Mädchen – beim Nähen mit der Mutter zerreißt sie entschlossen das Muster, um etwas ganz Neues zu schaffen. Die Kindheit in bescheidenen Verhältnissen gerät beim Schuleintritt aus den Fugen: Wegen ihrer links schwarzen und rechts weißen Haaren wird Estella von den Idioten verspottet, die auch Behinderte mit Essen bewerfen. Doch damit sind sie beim ebenso intelligenten wie schlagfertigen Mädchen an die Falsche geraten. Die klasse Strafaktionen beantwortet ein verständnislos vertrockneter Schulleiter mit dem Rauswurf. Mama Catherine (Emily Beecham) will darauf nach London ziehen, doch ein Zwischenstopp auf dem überwältigenden Anwesen der Baroness von Hellman (Emma Thompson) endet tragisch. Wie bei Disney üblich, sterben Mütter von Prinzessinnen und anderen gerne vorzeitig.

So landet die junge Estella (Billie Gadsdon) einsam und traurig am Traumort London, wird aber schnell von zwei diebischen Straßenjungen aufgenommen. Zeit für Trauer bleibt keine bei rasanten Verfolgungen und raffinierten Diebeszügen im Swinging London der 70er Jahre. Mit einem flotten Sprung über zehn Jahre leitet Regisseur Craig Gillespie („Lars und die Frauen", „I, Tonya") die entscheidende Phase in Estellas Karriere ein. Ein weiterer Betrug bringt das fies geniale Mädchen Emma Stone ihrem Traum einer Modemacherin näher – als Putzfrau im Modehaus. Erst als sie im besoffenen Frust ein Schaufenster punkig kreativ umgestaltet, nimmt sie die Chefin, Baroness von Hellman, ins Design-Team auf. Ausgefallene Ideen machen das Mädchen zum Liebling der kapriziös herrischen Stil-Diktatorin, bis Estella erfährt, wer am Tod der vermeintlichen Mutter schuld ist. Die Wut gebiert atemberaubende Protest-Kreativität. Aus Estella wird Cruella mit nur einem Ziel: Kunst und Probleme machen!

Sicher ist „Cruella" erst einmal wieder Variante des Disney Werkschatzes, diesmal mutig Perspektiven und Sympathien auf den Kopf stellend. „101 Dalmatiner" und auch „Schneewittchen" neu erzählt. Aber immer ist in Cruellas Auftritt und ihren wilden Entwürfen die Modemacherin des Punk Vivienne Westwood zu entdecken. (Während ein Assistent der Baroness verdächtig nach Yves Saint Laurent aussieht.) Das raffinierte Rache- und Selbstfindungsdrama ist Dank mitreißend frechem Schauspiel und vielen Ausstattungs-Orgien trotz gebrochenem Mädchen-Herzens ein großer Spaß. Neben Emma Thompson, die scheinbar genüsslich pointiert einen miesen Charakter mit messerscharfen Sätzen spielt, erfreut Mark Strong als treuer Diener der fiesen Biester. (Glenn Close, im letzten Realfilm noch Darstellerin der alten Cruella, ist als Ausführende Produzentin dabei.)

Vollendet wird der Filmspaß um eine unangepasste Power-Frau durch einen grandiosen Soundtrack mit nicht nur für den Zeitkolorit sehr passenden Songs: Die rebellische Dynamik Cruellas erklingt aus „These Boots Are Made for Walkin'" von Nancy Sinatra, Nina Simones „Feeling good" oder Blondies „One way or another". Im finalen „Sympathy for the De Vil" (sic!) Der Stones wird der ganze Film zusammengefasst: Ab jetzt ist Cruella de Vil Sympathie-Figur und die Süßlichkeit der Dalmatiner-Welpen Pongo und Perdita Vergangenheit. Der bondartig reizvolle Abspann verspricht dann eine Fortsetzung, die gerne erwartet wird.

„Cruella" (USA 2021), Regie: Craig Gillespie, mit Emma Stone, Emma Thompson, Mark Strong, 135 Min., FSK: ab 6

Ab dem 28. Mai für 21,99 € („VIP-Zugang") auf Disney+

25.5.21

Army of the dead / Netflix


„We're caught in a trap" – wir sitzen in der Falle, singt passenderweise Elvis, während eine Zombie-Horde in Las Vegas einfällt. Nachdem der Klassiker „Dawn of the Dead" von George A. Romero mit seelenlosem Konsumwahn im Supermarkt spielte, will dieses Mal die glitzernde Spielerstadt ein reiz- und inhaltsvoller Hintergrund für gesellschaftskritischen Unterbau sein. Aber nach der Invasion blieben nur Trümmerfelder und Leichenberge. Vegas wurde hermetisch eingeriegelt und eine Atombombe soll das Zombie-Problem lösen. In letzter Minute will eine Gruppe von Söldnern um Scott Ward (Dave Bautista) viele Millionen aus dem Tresor eines Casinos retten. Die „Klapperschlange"-Aktion wird für ihn zum Wiedersehen mit Tochter Kate Ward (Ella Purnell).

Dass Zombie-Filme menschenverachtendes Gemetzel zeigen, ist klar. Die Frage ist jeweils, ob dieses Abschlachten sogenannter Un-Menschen als Feigenblättchen etwas Sozialkritik enthält. Oder ob gar am Ende des Blutrausches scheinheilig behauptet wird, Abschlachten sei keine gute Sache. Tatsächlich dauert es nach dem hochgradig ästhetisierten Vorspann-Gemetzel im Stile von Zack Snyders „300" - jetzt ersetzen Zombies die Perser - fast eine Stunde bis zur nächsten Blut-Spritzerei. Weiterhin ist der Drax-Darsteller Bautista aus „Guardians of the Galaxy" wortkarg, aber die vielen Nebenfiguren sind mit einem Minimal-Satz an Charakter ausreichend ausgestattet. Neben der französischen Anführerin Lilly „The Coyote" (Nora Arnezeder) sorgt der deutsche Schauspieler Matthias Schweighöfer für internationales Interesse. Er gibt als Safe-Knacker im Hippster-Dress den witzigen Part, allerdings nicht als Einziger und nicht als Bester. Komischer als sein angstvolles Kreischen mit hoher Stimme ist US-Comedian Tig Notaro („Star Trek: Discovery") als zynische Helikopter-Pilotin. Wie einen filmtechnischen Zombie hat man sie für Millionen nachträglich in den fertigen Film kopiert, weil der eigentliche Darsteller Chris D'Elia nach Vorwürfen sexueller Übergriffe im Rahmen von Cancel Culture ausradiert wurde.

„Army of the dead" (USA 2021), Regie: Zack Snyder, mit Dave Bautista, Ella Purnell, Omari Hardwick, Matthias Schweighöfer, 148 Min., Altersfreigabe ab 14

Mare of Easttown / Sky *****


Von einer unscheinbaren Kleinstadt-Geschichte zu Hochspannung in fünf (bislang zugänglichen) Folgen! Selten war eine Spannungskurve so steil wie in der siebenteiligen Miniserie „Mare of Easttown" von Sky!

Die Kleinstadtpolizistin Mare Sheehan (Kate Winslet) tritt nicht besonders freundlich oder sozial verträglich auf. In einfachem T-Shirt und Jeans kümmert sie sich um kleine „schäbige Diebstähle und Einbrüche", wie sie selbst sagt. Als junge Großmutter kümmert sich Mare um einen kleinen Jungen, der bedenklich nervös mit dem Auge zuckt. Dass sie so gut wie nie lächelt, mag daran liegen, dass viele ihr Versagen bei der Suche nach einem verschwundenen Mädchen vorwerfen. Vor allem deren Mutter, eine Schul- und Sportfreundin Mares. Und das in einem Dorf, in dem Jeder Jeden kennt - wenn sie nicht sogar miteinander verwandt sind. Bei oft unerfreulichen oder gar gewalttägigen Familienverhältnissen.

In ihrer nicht besonders aufregenden Arbeit zeigt die Polizistin Mare keine gesteigerte Begeisterung. Statt den Verdächtigen fängt sie sich bei einer lahmen Verfolgung einen angeknacksten Knöchel ein. Der begleitende Streifenpolizist kann kein Blut sehen. Wie die Badezimmer sind die meisten Handlungsorte nicht auf Hochglanz poliert. Das alles sollte in der ersten Folge nicht abschrecken, die für eine Krimi-Serie standesgemäß mit einer Leiche endet: Eine sehr junge Mutter, die kurz zuvor von der neuen Freundin des Vaters zusammengeschlagen wurde, wird nackt im Fluss gefunden. Als in Folge Zwei ein weiteres Mädchen verschwindet, nimmt Mare Sheehan die alten Ermittlungen wieder auf.

Es ist ein weiter Weg von der jungen Gallionsfigur im Super-Erfolg „Titanic" zur überarbeiteten Dorfpolizistin mit Depressionen. Kate Winslet spielt ganz und gar unprätentiös, aber gibt dennoch selbst einer wenig schillernden Rolle viel Ausstrahlung und Persönlichkeit. Das überrascht nicht, wenn man das unfassbare Spektrum dieser Ausnahme-Schauspielerin nur teilweise verfolgt hat: Als anstrengende Freundin Jim Carreys in „Vergiss mein nicht", als KZ-Aufseherin in „Der Vorleser", als verführte Verführerin in „Holy Smoke", als Landschaftsplanerin von Louis XIV in „Die Gärtnerin von Versailles" und als schöne Rächerin in „The Dressmaker" – um nur einige zu nennen. So verwundert in „Mare of Easttown" auch nicht die komische Nebengeschichte, dass trotz aller Widerspenstigkeit viele Männer an ihr interessiert sind.

Nun bestimmt Kate Winslet auch als ausführende Produzentin in „Mare of Easttown" eine ungewöhnliche Krimi-Serie, die mit der ungeschönten und genauen sozialen Zeichnung öfters an skandinavische Vorbilder erinnert. Winslet wird in der vielfältig interessanten Geschichte von einem breiten Figuren-Ensemble begleitet: Der Ex-Ehemann wohnt noch im Gartenhaus und heiratet bald wieder. Ein Cousin und Priester betrinkt sich mit der Mutter in der Küche. Doch im Zentrum der außergewöhnlich vielschichtigen Geschichte bleibt Mare Sheehan, die den Selbstmord ihres übel drogensüchtigen Sohnes verdrängt und Therapie verweigert. Davon ausgehend gewinnt das Drama von Folge zu Folge atemberaubend an Spannung, bringt noch einen echten Serienkiller ins Spiel und erinnert zeitweise sogar an „Twin Peaks" mit dem Schicksal von Laura Palmer. Selten sah man ein so gleichmäßig interessantes Ensemble und selten so viel Steigerung in der Spannung über die Serie hinweg. Eine unbedingte Empfehlung nicht nur für Freunde exzellenter Krimis.

„Mare of Easttown" (USA 2021), sieben Episoden je ca. 60 Min., Regie: Craig Zobel, mit Kate Winslet, Julianne Nicholson, Jean Smart, 92 Min., FSK: keine Angabe

Immer freitags um 20.15 Uhr in Doppelfolgen auf Sky Atlantic sowie auf Sky Ticket und über Sky Q auf Abruf.

The Woman in the Window / Netflix ****


Schon im Vorspann wird deutlich auf Hitchcocks „Das Fenster zum Hof" (Rear Window) verwiesen. Dazu Puppenhäuser mit vielen Fenstern für Voyeure. In einem der echten Fenster auf der anderen Straßenseite sieht Anna Fox (Amy Adams) den Mord an der flüchtigen Bekannten Jane Russell (Julianne Moore). Doch der verdächtige und bedrohliche Nachbar Alistair Russell (Gary Oldman) präsentiert der Polizei seine quicklebendige Gattin Jane (Jennifer Jason Leigh). Außerdem untergraben viele mit Alkohol gemixte Pillen die Glaubwürdigkeit der Kinderpsychologin Anna. Aber der verstörte Sohn der Russells Ethan (Fred Hechinger) scheint ihr recht zu geben.

Wo James Stewart in „Das Fenster zum Hof" 1954 durch einen Beinbruch ans Haus gefesselt war, ist es in „The woman in the Window" Annas Agoraphobie, die Angst vor offenen Räumen, welche die Protagonistin nicht nach draußen lässt. Auch die Kamera sperrt Amy Adams immer wieder ein. Das ikonische Bild mit der aufs gegenüberliegende Haus gerichteten Fotokamera übernimmt der neue Film, sorgt dazu im eigenen Haus mit unerklärlichen Geräuschen für zusätzliche Spannung.

„Geschätzt 50 Arten, entsetzt dreinzublicken" titelte der Spiegel seine Kritik. Aber wenn man jemand bei „geschätzt 50 Arten, entsetzt dreinzublicken" zuschauen möchte, dann ist es Amy Adams („Hillbilly Elegy", „Arrival"). Die Auftritte von Julianne Moore und Tim Roth machen die Geschichte zu einem schauspielerischen Edel-Reigen. Der erfahrene Regisseur Joe Wright („Anna Karenina", „Wer ist Hanna?", „Abbitte", „Stolz & Vorurteil) legt einige ästhetisch grandiose Sequenzen mit viel Kunstfertigkeit in Ausstattung und Kameraführung hin. Die Auflösung lässt sich zwar wegen ungeschicktem Über-Aktieren vorausahnen - auch ohne schlechte Jugend-Therapeutin zu sein. Mit einem deftigen Finale, das Hitchcock gefallen hätte, ist „The Woman in the Window" eher cineastischer Spaß als ehrenvolle Hommage. Wobei vor allem der andere Hitchcock, „Vertigo" mit den ausgetauschten Blondinen, Pate stand.

„The Woman in the Window" (USA 2020), Regie: Joe Wright, mit Amy Adams, Gary Oldman, Julianne Moore, 100 Min., Altersfreigabe: ab 14

12.5.21

The Underground Railroad / Amazon Prime (ab 14. Mai)


Das großartige Epos „The Underground Railroad" basiert auf dem gleichnamigen Bestseller von Colson Whitehead, 2016 mit dem National Book Award und 2017 mit dem Pulitzer Prize for Fiction ausgezeichnet. Die Flucht einer jungen Sklavin aus Georgia mit Hilfe des legendären Netzwerks „The Underground Railroad" wird mit fantastischen Elementen zu einem ebenso faszinierenden wie erschreckenden Kaleidoskop afroamerikanischer Geschichte(n) bis heute.

Cora (Thuso Mbedu) schuftet als Besitz weißer Farmer auf Baumwoll-Feldern in Georgia. Schon ihre Mutter war Sklavin, konnte aber fliehen. Trotz Vergewaltigungen und Erniedrigung weist Cora das Angebot des neuen Sklaven Caesar (Aaron Pierre) zur gemeinsamen Flucht ab. Bis der weiße Sklavenhalter stirbt und sein Bruder, ein übler Sadist, dessen Farm übernimmt. Nun wird alles noch schlimmer. In einer der grausamsten Szenen lässt er einen gefangenen Flüchtling über Tage bis auf die Knochen auspeitschen, während die weiße Gesellschaft davor im Garten diniert. Zum Schluss wird der Gefolterte bei lebendigem Leibe verbrannt. Nun schließt sich Cora einer Fluchtgruppe an und erreicht nach dramatischen Szenen einen „Stationmaster" (Bahnhofswärter) genannten weißen Fluchthelfer. Während das Hilfs-Netzwerk „The Underground Railroad" nur nach der damals aufkommenden Eisenbahn benannt wurde, gibt es im Roman von Colson Whitehead und der Mini-Serie von Barry Jenkins tatsächlich ein Schienennetz unter der Erde. Was nicht nur Cora erstaunt.

„The Underground Railroad" zeigt in der ersten Episode in Georgia schon beim Zusehen schwer erträgliche Grausamkeiten der Sklavenhalter, wie man sie aus „12 Years a Slave" kennt. Noch stärker sind die folgenden Episoden einer historisch in Nuancen veränderten Welt. Tagträume, Erinnerungen und Visionen zeigen sich stilistisch in magischen Szenen schwebender Gestalten und rückwärts laufenden Bildern. Der tatsächliche Zug unter dem Haus des weißen Helfers ist nur der auffälligste kreative Einfall des Autors Whitehead.

Coras folgende Fluchtstation, eine Stadt in South Carolina, feiert die Freiheit der Schwarzen. Aber in einem Museum der Sklaverei spielen die Weißen mit Begeisterung alte Grausamkeiten nach. Und feiern sich gleichzeitig als Wohltäter. Die Sklaven sind frei, dürfen sich jedoch nur kontrolliert fortpflanzen, während die Männer in einem Experiment mit Krankheiten infiziert werden. Wenn Cora „frei" durch die Straßen geht, erzählen die Blicke der wirklich Freien, sehr viel mehr von heute als von einer nicht genau datierten Vergangenheit. In North Carolina hingegen, der nächsten Station und Episode, sollen Schwarze aus rassistischen Gründen überhaupt nicht mehr existieren. Jeder und jede dieser religiös verbitterten Menschen, der Schwarze aufnimmt, wird auf einer schaurigen Allee voller Leichen gehängt.

Generell wird „The Underground Railroad" durch stilistische und inhaltliche Brüche noch interessanter: Coras Flucht, immer verfolgt vom Kopfgeldjäger Ridgeway (Joel Edgerton), korrespondiert mit mehreren Nebenhandlungen. Episode 4 „The Great Spirit" widmet sich in einer Rückblende allein der wirren Psyche des jungen Ridgeways. Die siebte Folge über „Fanny Briggs" ist nur 20 Minuten lang. Die exzellente Gestaltung durch Regisseur und Ko-Autor Barry Jenkins ist nach seinen aufsehenerregenden Erstlingen „Moonlight" (2016) und „Beale Street" (2018) keine Überraschung. Immer wurde die Unterdrückung der Afroamerikaner mit ungewöhnlicher Individualität und Sensibilität angeklagt.

„The Underground Railroad" (USA 2021), Regie: Barry Jenkins, mit Thuso Mbedu, Chase W. Dillon, Joel Edgerton, Aaron Pierre, 10 Episoden von 20–70 Min., FSK: ab 16

11.5.21

Seaspiracy / Netflix ****


Filmemacher Ali Tabrizi geht in seiner Dokumentation „Seaspiracy" seiner Begeisterung für die Ozeane und Meerestiere nach, um Erschreckendes zu entdecken. Seine romantische Sicht wird von Walstrandungen mit Mägen voller Plastik entzaubert. Dann geht es von Plastikmüll und Mikroplastik direkt um das Überleben der Menschheit: Denn „wir sterben, wenn Wale und Delphine sterben". Tabrizi sammelt Plastik von den Stränden und findet unter anderem einen Plastik-Nemo. In der japanischen Taiji-Bucht filmt er nicht nur das bekannte Abschlachten, dass die Bucht blutig färbt. Es ist auch das Fangen von Delphinen für Zoos und Tiershows, wobei für jeden gefangenen Delphin zwölf andere erschlagen werden, weil sie Konkurrenten der Fischer sind. Dann geht es zum Handel mit Haifisch-Flossen nach Hongkong und der Wert von MSC- und anderen Fischschutz-Siegeln wird kritisch untersucht.
„Seaspiracy" wird erst richtig interessant, wenn Tabrizi seine Person zurücknimmt und die großen Zusammenhänge ins Auge fasst. Die Industrialisierung der Fischerei mit ihren schwimmenden Schlachthöfen spielt vielleicht auch eine große Rolle für unser Klima. Hinter allem steht eine Industrie, die mit zig Milliarden öffentlicher Gelder gefördert wird – die Summe, mit der man den Hunger auf der Erde stoppen könnte. So werden auch afrikanische Fischgründe international leergefischt, die hungernden Fischer jagen Affen, das führt zu Ebola. Einsichten wie diese verderben den Appetit auf Fisch mehr, als die künstlich dramatisierte Jagd nach Informanten.

„Seaspiracy" (USA 2021), Regie: Ali Tabrizi, Lucy Tabrizi, 89 Min., FSK: ohne Angabe

Der Boandlkramer und die ewige Liebe / Amazon Prime Video


Föderalismus und Multikulti des deutschen Films gebären immer wieder seltsamen Stilblüten von unterhalb des Weißwurst-Äquators. „Der Boandlkramer und die ewige Liebe" ist so ein Stück Heimat- und Kasperle-Theater mit erstaunlich prominenter Besetzung. Der letzte Film des 2020 verstorbenen Regisseurs Joseph Vilsmaier („Herbstmilch", „Schlafes Bruder", „Comedian Harmonists") greift eine Figur aus Vilsmaiers Kinofilm „Die Geschichte vom Brandner Kaspar" des Jahres 2008 auf. Michael Bully Herbig gibt den Boandlkramer, was auf bayerisch der personifizierte Tod ist. Genauer, der für die Menschen Unsichtbare, der die Toten mit seinem Pferdekarren abholt und je nach Lebens-Ranking in die Hölle oder ins Paradies bringt.
Als diese „lebloseste Wesen unter den Leblosen" sich in Gefi (Hannah Herzsprung) verliebt, gerät diese Ordnung durcheinander. Ihren Sohn Maxl lässt der liebestrunkene Boandlkramer leben, einen Herzsbrecher bringt er in den Himmel, um Liebes-Tipps zu bekommen. Und mit dem Teufel (Hape Kerkeling) geht er einen Deal ein, um sichtbar zu werden.
Probleme mit der Jenseits-Bürokratie, Slapstick auch mit katholischen Zeremonien – das mag der Humor der Fünfziger sein, in denen Adenauer gerade die letzten Kriegsgefangenen freikauft. Die Idee zur Volks-Komödie stammt von Michael Bully Herbig („Der Schuh des Manitu", „Wickie und die starken Männer"). Wenn ein sehr aufgeschwemmter Hape Kerkeling als Teufel eine Musicaleinlage hinlegt oder wenn Stan Laurel und Oliver Hardy vom Boandlkramer tragikomisch imitiert werden, lässt sich auch jenseits der Schenkelklopfer schmunzeln.

„Der Boandlkramer und die ewige Liebe", (BRD 2019), Regie: Joseph Vilsmaier, mit Michael Bully Herbig, Hape Kerkeling, Hannah Herzsprung, 87 Min., FSK: ab 6

4.5.21

Night in Paradise / Netflix

Der knallharte Gangster mit dem weichen Herzen ist ein beliebtes Klischee des internationalen Kinos. In Asien meisterlich verkörpert vom Japaner Takeshi Kitano. Nun hat das koreanische Kino der Filmwelt viel Exzellentes gegeben, aber wie hier der Killer Tae-Gu (Eom Tae-goo) naiv seinem unausweichlichen Ende zuwartet, ist eher Mittelmaß.

Tae-Gu ist ein junger, aufstrebender Mörder für eine Gangster-Organisation. Im gut sitzenden Anzug zeigt sich Tae-Gu als fürsorglicher Onkel für seine Nichte und hilfreich für die Schwester. Als die bei einem Autounfall umgebracht werden, nimmt er hasserfüllt und loyal nimmt er den Auftrag an, den Boss der Konkurrenz in der Sauna umzubringen. Auf dem Weg zu ihm müssen vorher noch ein paar Helfer abgestochen werden. Der einzige Coole unter den uniform langweiligen Charakteren, ein lässiger Cop liefert einen netten Kommentar zum folgenden Bandenkrieg: „Was zum Teufel macht ihr da? Dreht ihr einen Film oder was? Das ist wie in den Achtzigern."

Erst im Finale tauchen die Raffinierten auf, welche die ganze Zeit alle Fäden in der Hand hatten. Dies Ende unterscheidet sich jedoch wenig von einem normalen Tag im Schlachthof für Schweine. Man kann das Film Noir nennen, weil es ja meist dunkel ist und (fast) alle Gangster dunkle Anzüge tragen. Doch „Schlachten mit Stil" wäre die passendere Genre-Überschrift. Sinnlos ist das alles, weil der am Ende ausführlich hingerichtete Tae-Gu vor seinem Martyrium ja keine Schuld auf sich genommen hat. Jedenfalls nicht mehr, als der übliche Auftragskiller von Nebenan. Zumindest das größte Schwein, der intrigante Ma Sang‑gil (Cha Seung‑won) hat Charisma und macht Eindruck, wenn er alle anderen reinlegt. Noch schlimmer als die Gewalt ist die englische Synchronisation, in Deutsch gibt es nur Untertitel. Das Ganze wäre kaum jugendfrei, müsste es durch eine Alterskontrolle.

„Night in Paradise" (Nagwon-ui Bam, Südkorea 2020), Regie: Park Hoon-jung, mit Tae-goo Eom, Yeo-bin Jeon, Seung-Won Cha, 131 Min., FSK: keine Angabe

Star Wars: The Bad Batch / Disney+

Star Wars: The Bad Batch

Die billigste Resteverwertung der Star Wars-„Saga" und Spielfigürchen sind ihre Zeichentrickserien. Erfolgreich geködert werden Fans mit Anknüpfungspunkten zu den richtigen Filmen: „Die Geschehnisse zwischen Star Wars: Episode II und Star Wars: Episode III". 2020 endete nach insgesamt 133 Folgen die 7 Staffel. Als Fortsetzung konzentriert sich „The Bad Batch" (dt: Ausschuss-Charge) auf eine Elitetruppe eigentlich fehlerhaft produzierter Klone, die sich nach einem Verrat der Führung für die richtige Seite entscheiden müssen.

Diese Prügeltruppe erlebt „das Ende der Klon-Kriege" mit banalem Geballer, mit kindischen, „lustigen" Sprüchen und albernen Gegnern. Es ist „Kinderkram", auch in dem Sinne, dass die Animation aussieht, wie von Kindern richtiger Filmemacher gekritzelt. Das ganze Elend wurde zudem anscheinend in irgendeiner Garage synchronisiert.

Die animierte Originalserie wird ab Dienstag, den 4. Mai exklusiv auf Disney+ zu sehen sein. Den Auftakt macht ein 70-minütiges Special, auf das ab dem 7. Mai wöchentlich immer freitags eine neue Episode mit weniger als 30 Minuten Länge folgen wird.

Die zweite Episode, von der Sie nach dem Gesetz des Disney-Imperiums auf keinen Fall schon etwas erfahren dürfen, bringt nur ein Mini-Abenteuerchen. Das könnte auch Star Trek sein – was die schlimmste Kritik für ein Star Wars-Produkt ist. Die Scherze sind kindisch die Handlungen erschreckend banal und übersichtlich. Nun gilt das für das ganze Star Wars-Universum. Doch nach dem stilvollen „Mandalorian" wird hier wieder ein ganzes Universum auf dem Erd-Boden der Tatsachen zurückgeholt.

Die Mitchells gegen die Maschinen / Netflix

Die Mitchells gegen die Maschinen

Kunst kann nützlich sein – das erfährt die junge Trickfilmerin Katie Mitchell als die Familienreise zur Filmhochschule eine Apokalypse wird. Denn es bedarf tatsächlich einer weltumspannenden Revolution der, um Katie wieder mit dem entfremdeten Vater Rick zusammen zu bringen. Und den Handwerker schließlich das Trickfilm-Können der Tochter anerkennen zu lassen: Kunst kann nützlich sein.

Diese umwerfend komische und richtig rührende Weltrettung der bunten Animation „Die Mitchells gegen die Maschinen" ist vor allem ein Vater-Tochter-Abenteuer. Der Weltuntergang fängt mit dem Ausfall des Internets an, weil das Smartphone eines mächtigen Cyber-Unternehmers – siehe Steve Jobs - beleidigt ist und die Kontrolle übernimmt. Zuerst sammeln Roboter weltweit alle Menschen ein, um sie ins All zu schießen. Nur die Mitchells bleiben frei und versuchen, den Notschalter zu erreichen. Es besiegt der Spaß mit unzähligen schrägen Einfällen die Action, wenn der schielende Schoßhund zur besten Waffe wird: Er ist so missraten, dass diese unvergleichliche Hässlichkeit die überforderten Chips der Roboter durchbrennen lässt. Aber auf Familie ist letztlich Verlass: Mama mutiert zur Samurai-Queen und Papas Kritik daran, dass alle ein Elektrogerät in der Hand und vor der Nase haben, lässt sich nachvollziehen – auch wenn dieser ein ziemlich verschrobener Handwerker-Typ ist.

„Die Mitchells gegen die Maschinen" (USA 2021), Regie: Mike Rianda, 110 Min., FSK: ab 6


Moskito-Küste / Apple TV+


Eine Eismaschine mitten im Dschungel! Das ist das ikonische Bild des Films „Mosquito Coast", an das auch die Serie 35 Jahre später erinnert: Noch steht die Apparatur, die aus Feuer Eis macht, in der Scheune des seltsamen Erfinders Allie Fox (Justin Theroux). Genial, aber trotzdem hält er sich mit kleinen Jobs über Wasser. In neun Jahren hat seine Familie sechs Mal Wohnort und Identität gewechselt. Der charmante und clevere Allie Fox scheint klüger zu sein, als die Polizei erlaubt. Extremistisch ist er nur in seiner Konsumkritik und der Anwendung alternativer Energien. Seine Kinder (Logan Polish, Gabriel Bateman) würden hinzufügen, dass er ihnen Smartphones, Computerspiele und Fernsehen verbietet. Als wieder mal der Geheimdienst näher kommt und die Sirenen schon auf dem Weg zur Familien-Farm heulen, begleitet ihn auch seine Frau (Melissa George). Vor dem Ziel Honduras steht allerdings eine lebensgefährliche Überquerung der Wüste nach Mexiko. In umgekehrter Richtung der Flüchtlings-Gruppen, aber trotzdem auf dem Radar der kriminellen Menschenschmuggler.

Ältere mögen sich an den nicht ganz gelungenen Spielfilm „Mosquito Coast" (1986) mit Harrison Ford und River Phoenix in den Hauptrollen erinnern. Der Film von Peter Weir hat es damals schwierig, weil er die erste ambivalente Rolle für Harrison Ford nach seinem „Indiana Jones"-Erfolgen war. Diesmal gibt Justin Theroux den genialen Erfinder, der für seine Ideale immer wieder die ganze Familie gefährdet und keine Alternative zulässt. Justin, das fällt schon bei Vorspann auf, ist übrigens Neffe des Romanautoren Paul Theroux, dessen Bestseller „Mosquito Coast" dieses Jahr 40-jähriges Jubiläum feiert. Die beiden Theroux' zeigten sich von der Besetzung begeistert und betonten, dass hier keine Form von Nepotismus für das Casting verantwortlich war.

Spannung erzeugt die siebenteilige Serie altbacken durch das Prinzip „Auf der Flucht". Bei dauernder Flucht-Bewegung gilt es in jeder Folge an neuer Station ein Problem zu lösen. Mal will eine charismatische Drogen-Baronin Rache, dann zeigt sich ein Mitverschwörer auf sadistische Weise misstrauisch. Dabei hat Allie Fox als erfahrener Untertaucher einiges drauf, MacGyver-Einlagen eingeschlossen. Seine „Abkürzungen" sind hingegen fast zum Lachen, doch die Familie lacht schon lange nicht mehr. Mit unerschütterlichem, lebensgefährlichem Optimismus ist Allie eigentlich ein mieser Charakter. Rücksichtslos, ohne Respekt vor Lebenden oder Toten.

„Du bist Amerika!" sagt ihm einmal hasserfüllt einer der Menschen, die unter die Räder des Idealisten kommen. Immer wieder zeigt sich die egozentrische Haltung des ach so alternativen US-Amerikaners. Die Philosophie dahinter ist hingegen treffend: Fernseher in den Schaufenstern bezeichnet er als „future trash", zukünftigen Müll. Obdachlose sind „defekte Konsumenten", die das größte Verbrechen begingen: Sie hörten auf, zu kaufen. In ersten Kritiken wurde zu Recht darauf hingewiesen, dass hier Konsumkritik ausgerechnet auf dem Film-Kanal des gigantischen Konsum-Erzeugers Apple geäußert wird. Allerdings wäre es bei Amazon Prime auch nicht besser gewesen.

Selbst wenn das große Ziel, wie auch die Moskito-Küste nicht erreicht werden, überzeugt die Serie Folge für Folge mit guter Spannung. Dazu immer wieder starke Bilder, wie das Explodieren ausgestopfter Tiere in Zeitlupe. Oder die Monarchfalter, die ja auf Migrationen bis zu 3600 Kilometer ihr eigenes Road-Movie erleben und für die Seelen der vielen Toten stehen, die den Weg der Familie Fox pflastern.

„Moskito-Küste" (The Mosquito Coast, USA 2021), Regie: Rupert Wyatt, Natalia Beristáin, Clare Kilner, Tinge Krishnan, Jeremy Podeswa, mit Justin Theroux, Melissa George, Kimberly Elise, sieben Folgen à ca. 55 Min., FSK: ab 12