21.5.12

Moonrise Kingdom

USA 2012 (Moonrise Kingdom) Regie: Wes Anderson mit Bruce Willis, Edward Norton, Bill Murray, Frances McDormand, Tilda Swinton, Jason Schwartzman 95 Min.

Diese herrlich abgedrehte Komödie war bislang das größte Vergnügen von Cannes 2012, nun erobert „Moonrise Kingdom" bereits die Kinos. Der neue Film von Wes Anderson („Die Royal Tenenbaums", „Darjeeling Limited") erzählt von einer großen Jugend-Liebe. Größer ist nur noch die Detailverliebtheit, mit der die schöne Geschichte mit zahllosen verrückten Ideen und Handlungs-Twists ausgestattet wurde.

Auf einer imaginären Insel vor der Küste Neuenglands entdeckt im Jahre 1965 Oberpfadfinder Ward (Edward Norton) bei der nur etwas seltsamen Morgeninspektion die Spuren einer spektakulären Flucht: Der eigenbrötlerische Sam (Jared Gilman) scheint tagelang daran gearbeitet zu haben, ein Loch in die Zeltwand zu schneiden, das er geschickt mit einer Landkarte verdeckte. Nun bewegt sich der Junge mit einem geklauten Kanu und Proviant auf alten Indianerpfaden zu einem geheimen Treffpunkt. Denn unerkannt von Erwachsenen plante Sam diese Flucht mit Suzy (Kara Hayward), der Tochter des neurotischen Anwalts-Ehepaars Bishop. In einem magischen Moment trafen sich beide in der Garderobe eines Kindermusicals. „Noye's Fludde" (Noahs Flut) von Benjamin Britten wurde in der Kirche gegeben, die im großartig überdrehten Finale alle Protagonisten vor einer fast biblischen Überschwemmung beschützen wird. Doch erst finden sich Sam und Suzy in einem goldgelben Getreidefeld - eine dieser Szenen, die ganz großes Kino sind, auch wenn die romantischen Helden noch was wachsen müssen. Komisch dabei bleibt immer der Gegensatz vom nerdigen, etwas rundlichen Jungen mit dicken Brillenrändern und dem perfekt auf Femme Fatale geschminkten Mädchen mit betörend dunklem Lidschatten.

Doch die Handlung lässt kaum Zeit für genaue Betrachtungen, denn nicht nur die Mit-Pfadfinder, die Sam alle irgendwie hassen, sind auf seiner Spur. Auch der coole Captain Sharp (Bruce Willis), Sheriff der Insel, hat endlich was zu tun. Neben seiner Affäre, die er ausgerechnet mit Mrs. Bishop (Frances McDormand), Suzys Mutter, pflegt. Dass Mr. Bishop (Bill Murray) etwas ahnt, gibt ihm Gelegenheit zu Gefühlsausbrüchen, die in ihrer Skurrilität wohl nur Andersons Dauer-Schauspieler Murray hinbekommt. Etwas Konkurrenz macht ihm Tilda Swinton, hier im Designer-Hosenanzug mit passend blauem Häubchen in der Rolle als „das Jugendamt".

Sie tritt auf, weil Sam ja eigentlich Waise ist, der in Heimen gelernt hat, sich zu wehren. Das übertrifft wiederum nur Suzy, deren Wutanfälle kombiniert mit ihrer Linkshänder-Bastelschere tödlich sein können und Motorräder auf Baumspitzen versetzen. Klingt seltsam? Ist noch viel komischer und witziger! Wes Anderson entzündet ein Feuerwerk höchst origineller Einfälle in Handlung und Ausstattung. Dabei fängt er wie schon oft mit einer seiner „Puppenkasten-Szenen" an. Die Kamera fährt (fast ohne Schnitt) die (aufgeschnittenen) Zimmer der Bishop-Familie ab, blickt hinein in diese traumhaft ausgestatteten Kammern und folgt dem Treiben der großen und kleinen Wesen. Auf einer anderen Ebene wird Brittens "Young Persons Guide to the orchestra" aufgelegt. (Auch diesen tragbaren Plattenspieler möchte man unbedingt haben.) Die vorgestellten Familien der Instrumente ergeben ein Zusammenspiel mit der Handlung und ganz nebenbei ist der große Spaß auch ein komplex verflochtenes Gesamtkunstwerk, das Lachmuskeln strapaziert, für Gänsehaut sorgt und richtig glücklich macht.

20.5.12

Cannes 2012 Es Cannes besser nicht regnen…


Das ganz besondere Spektakel von Cannes wird wirklich besonders, wenn es wie Sonntagabend heftig regnet. So was gehört sich eigentlich nicht und es freuen sich nur die Regenschirmverkäufer, die überall aus dem Boden sprießen. Was für die Berlinale ganz normal ist, ist an der Cote d'Azur widernatürlich – man muss sich auf die Innenräume beschränken! Die werden dann auch ganz schnell voll mit begossenen Pinguinen – vulgo: Smoking-Träger – und anderen armen Vögeln, die unbedingt von einem Termin zum nächsten mussten. Für den Fototermin am Roten Teppich gibt es einen ganz großen und hohen Carport. Die letzten Meter sind allerdings auch für die Stars pitschenass. Der berühmte Teppich spritzt zurück wie überwässerter Kunstrasen. Die Fans müssen komplett ohne Dach auskommen. Der gemeine Kinobesucher, den keine französische Limousine vorfährt, wartet gerne mal eine halbe Stunde im Regen, denn ohne Schlangestehen geht nichts in Cannes. Die Treppen im Inneren des Molochs „Palais des Festivals" werden derweil besetzt. Occupy gegen den Regen? Laut Wetterbericht soll es helfen…

Cannes 2012 Antiviral, Brandon Cronenberg

Dieser Film kann nur in Cannes laufen: Brandon Cronenberg – ja, der Sohn – zeigt in der gar nicht so futuristischen Gesellschafts-Satire „Antiviral" eine Welt, in der sich die Menschen für viel Geld mit den Krankheitsviren der Stars infizieren lassen und in exklusiven Restaurants künstlich gezüchtetes Zellfleisch ihrer Idole verspeisen. Unappetitlich? Klar, das ist ein Cronenberg und der Adams-Apfel fällt nicht weit vom Stammhalter, um im Splatter-Terminus zu bleiben. Doch „Antiviral" ist trotz einige Ekel- und Blut-Szenen vor allem eine raffinierte und stringent gestylte Gesellschafts-Bespiegelung. Held der Handlung ist ein Verkäufer für Star-Viren, der diese heimlich mit im eigenen Körper mit nach Hause schmuggelt, um sie dem Schwarzmarkt zuzuführen. Allerdings muss erst der Kopierschutz geknackt werden, auch bei den Viren gibt es Piraten! Als der Krankheits-Klauer Blut beim Superstar Hannah Geist abzapft, zieht er sich einen tödlichen Virus rein und der nur vermeintlich clevere Dieb wird im Kampf zweier Konzerne um Viren-Patente zermalmt. Originell, witzig, gut inszeniert – wir werden Brandon wohl bald auch im Wettbewerb sehen.

Cannes 2012 Cannes Re-Torten

Cannes Re-Torten

Süß, ist sie die Motividee zum 65-Jährigen von Cannes: Marilyn Monroe bläst eine Kerze auf einer kleinen Torte aus. Inzwischen haben investigative Kollegen herausgefunden, dass dies eigentlich eher das Dokument einer der vielen tristen Momente ihres Monroe-Leben ist. Der Star war an seinem Geburtstag irgendwo auf der Welt auf Publicity-Tour bei einem Diktator und eher einsam als in Feierstimmung. Doch das soll die Stimmung nicht verbittern: In der riesigen Eingangs-Halle des Festivalpalais hängen zur Aufrechterhaltung des cineastischen Zuckerspiegels die schönsten Torten-Szenen der Filmgeschichte. Also nicht nur Marilyn, das immer ein gekickstes Happy Birthday, Mr. President" im Ohr. Bei der Tortenschlacht macht auch Orson Welles mit und ein anderer weiblicher Star hat seinen richtigen Platz gefunden, gemäß Festivalleitung als Tortenfüllung. Nur der Kaffee vom Sponsor, der mit dem Clooney, ist da ähnlich bitter. 

Cannes 2012 The Hunt, Thomas Vinterberg

The Hunt, Thomas Vinterberg

Ein Kindergärtner soll sich vor einem kleinen Mädchen entblösst haben. Doch er ist unschuldig. Eindeutig. Mit dieser Prämisse nimmt Thomas Vinterbergs Film direkt eine nicht unproblematische Position ein. Doch genau darum geht es beim sympathischen Lucas (Mads Mikkelsen), dem geschiedenen Kindergärtner, der von Klara, der kleinen Tochter seines besten Freundes Theo, so gemocht wird, dass diese einen Vorwurf erfindet, den Grethe, die unfähige Leiterin des Kindergartens, gierig zu einem Vorwurf macht und überall verbreitet. Der passionierte Jäger Lucas wird zum Gejagten, in einer Massenhysterie gibt es plötzlich mehr Vorwürfe. Alle Kinder beschreiben den gleichen Keller bei Lucas zuhause, das Sofa, die Tapete. Nur - das alles existiert nicht, Lucas' Haus hat keinen Keller! Trotzdem schlagen Väter den Verdächtigen im Supermarkt zusammen, er darf seinen 15-jährigen Sohn nicht mehr sehen und alle Freunde wenden sich von ihm ab.

"Die Jagd" ist die andere Seite von "Festen", der Missbrauchs-Geschichte von Vinterberg, die 1998 so sensationell einschlug. Sowie die erste Zusammenarbeit der dänischen Stars Mads Mikkelsen und Vinterberg in dessen siebtem Film. Sie passt gut zu dem Lynchmob, der kürzlich einen vermeintlichen Kindermörder selbst aburteilen wollte in Deutschland! Die unfassbare Situation der Jagd" ist glaubhaft erzählt, meist: Irgendein Bekannter Grethes führt ein regelrechtes Verhör mit Klara, legt ihr die erwarteten Worte in den Mund. Da gibt es andere Methoden und irgendwie vermutet man so beschränktes Verhalten nicht in Skandinavien. Doch die Wahrheit hat danach ebenso wenig eine Chance wie das Mädchen, das bald sagt, es sei nichts passiert. Das Vertrackte an der Situation ist, das selbst bei offensichtlicher Unschuld ein Zweifel bleibt. Wie vertrackt sie ist, zeigt eine Szene am Ende, nachdem sich alles aufgeklärt hat und man wieder gemeinsam feiert. Ein Küchenboden mit exzessivem Linienmuster liegt zwischen Lucas und Klara. Verdammt viele Linien, die man nicht überschreiten darf", meint Lucas und es geht längst nicht mehr um das Tritt-auf-keine-Linie-Spiel, das beide auf dem Nachhauseweg hatten. Lucas, der in der Extremsituation lange einen vernünftigen, aufrechten Weg suchte, findet auch hier eine Lösung, nimmt das Kind in den Arm und trägt es zum Papa. Eine ganz einfache Handlung, atemberaubend aufgeladen.

Cannes 2012 Liebe, Michael Haneke


Liebe - ein schönes, kleines, großes Wort: Liebe. Ein einfacher Filmtitel. So wie Michael Haneke die Welt zeigt, kann man allerdings Angst bekommen vor diesem Film. Der Regisseur aus Österreich drehte unter anderem die Jugend-Gewalt "Bennys Video", den Gesellschafts-Abschied "Der Siebte Kontinent", die Beobachtungs-Obsession mit kolonialem Hintergrund in "Cache" und die kaum erträgliche Gewalt-Analyse "Funny Games". (Als US-Remake gleich ein zweites Mal.) Hanekes letzter Film "Das weiße Band" füllt im Presseheft ganze drei Seiten - mit all seinen Preisen, angefangen mit der Goldenen Palme 2009.

Nun zeigt Haneke anscheinend ganz einfach, wie die alte Piano-Lehrerin Anne (Emmanuelle Riva) nach einer missglückten Operation halbseitig gelähmt ist und ihr auch nicht mehr fitter Mann Georges (Jean-Louis Trintignant) versucht, sie zu pflegen. Beziehungsweise es gibt kurz vorher einen Moment des gemeinsamen Lebens in Paris, voller Kultur und Austausch, dann kommen die Aussetzer bei Anne. Erst eine Hälfte des Körpers, dann die Sprache, dann liegt sie nur noch. Das Paar gehört zum wohlhabenden Bürgertum, Pflegerinnen sind bezahlbar, aber auch manchmal fürchterlich ruppig und ohne Einfühlungsvermögen. Die distanzierte und egozentrische Tochter Eva (Isabelle Huppert) kommt nur aus London vorbei, um alles besser zu wissen. Als Anne zu verstehen gibt, dass sie das quälende Füttern nicht mehr will, fasst Georges den Entschluss, dessen Ergebnis schon die erste Szene zeigte…

Wie Haneke dies Einfache, das oft verdrängte Altern und Sterben zeigt, ist ganz große Kunst. Der Holzhammer bleibt in der Schublade und man merkt trotzdem irgendwann, wie sehr man bei diesen Menschen ist, wie man alles einfach versteht, mitfühlt und es unter die Haut geht. Dabei ist „Liebe" in vielen Details raffiniert erzählt. So spiegelt eine alte Geschichte aus dem Jugendcamp, die Georges erzählt, mit einem Postkarten-Geheimcode für die Mutter, die Schwierigkeiten Annes wieder, ein Signal nach außen zu geben. Sowohl die innige Geistes-Gemeinschaft vor der Operation, wie auch das Verständnis nachher berühren dabei tief.

„Liebe" ist in diesem Stadium ein intensives Kammerspiel, nur die Landschaften in Öl zeigen etwas vom Draußen. Es ist auch in der Unfähigkeit der Tochter, zu kommunizieren ein typischer Haneke. Selbstverständlich intellektuell, die Bücherwand mit Noten und Schallplatten bildet den Rückhalt, Berührungen sind selten. Nur wenn der selbst humpelnde Georges Anne aus dem Rollstuhl in den Sessel hilft, dann ist das fast ein letzter Tanz der beiden Liebenden.

19.5.12

Cannes 2012 Beasts of the Southern Wild / Benh Zeitlin

Beasts of the Southern Wild / Benh Zeitlin

Nicht ganz neu, weil schon in Sundance gelaufen, aber sensationell gut ist der Außenseiterfilm Beasts of the Southern Wild" von Benh Zeitlin, der passend zum Thema am Rande des Festivals in der Nebenreihe Certain Regard" läuft.

Die sechsjährige Hushpuppy lebt mit ihrem Vater Wink im Marschland hinter einem Damm, der brave amerikanische Bürger schützt. Die anderen wohnen in der Bathtub", dem unregulierten Becken jenseits des Damms, also in der freieren Natur. Das kleine Mädchen hat eine eigene Hütte, die sie allerdings bald abfackelt, als ihr Vater wieder für einige Tage im Krankenhaus verschwindet. Das kleine Mädchen sucht selbständig Erklärungen für dies alles in der Natur, horcht nach dem Herzschlag von Tieren und Pflanzen. Hushpuppy sucht aber auch ihre Mutter.

Die kindlich fantasievollen Antworten, die wir im Off des Mädchens hören, gehen ins Magische, erzählen vom Schmelzen der Polkappen, einer großen Flut und riesigen prähistorischen Auerochsen, die heranstürmen. Die Flut kommt tatsächlich über die bunte Gemeinschaft von Trinkern, Verlorenen und überzeugten Außenseitern in Form eines heftigen Wirbelsturms. Und über Hushpuppy weil ihr Vater sterben wird.

Einer der eindrucksvollsten und atmosphärisch stärksten Filme von Cannes 2012 bislang erzählt die gelebte andere Seite des Levy", eines Dammes, der bei Katrina brach (was Spike Lee dokumentierte). Hier sprengen die sich freiwillig Ausgegrenzten ein Loch, damit die Flut abfließen kann, die Tiere und Pflanzen umbringt. Die Geschichte eines kleinen Mädchens erzählt neben vielen fantastischen, berührenden Momenten, tatsächlich auch von Globaler Erwärmung und dem Abschmelzen der Polkappen - im Kleinen. Der Film ist das Debüt des jungen Regisseurs Benh Zeitlin, der nachdem Katrina New Orleans zerstörte.

Cannes 2012 Lawless / John Hillcoat

Lawless / John Hillcoat

Der Musiker Nick Cave schrieb das Drehbuch zu dem packenden, brutalen, aber auch sehr durchschaubaren Gangster-Film Lawless" von Regisseur John Hillcoat (The Road" , 2009). Das mit Tom Hardy, Jessica Chastain, Guy Pearce, Gary Oldman, Shia LaBeouf und Mia Wasikowska ziemlich super besetzte Drama spielt 1931, mitten in der Prohibition im Bergdorf Franklin, Virginia. Hier wird an jeder Ecke illegal der Moonshine" gebraut, der in Chicago die ganz großen Gangsterkriege anheizt. Die drei Brüder Bondurant sind ganz groß, vor allem Forrest (Tom Hardy) ist so was wie der Pate der Schnapsbrenner und auch sonst Legende: Nachdem er als einziger seiner Truppe aus dem Krieg zurückkam, glaubt er selbst, er könne nicht sterben. Allerdings tritt Forrest ganz bescheiden in Strickjacke auf, bleibt im Grunzen immer einsilbig, wenn er nicht mit einem Wortschwall Gegner ablenken muss, bevor er mit seinem Schlagring, blutig Eindruck macht.

 

Auch wenn der kleine Bruder Jack (Shia LaBeouf), der als Kind kein Schwein erschießen konnte, mehr Verantwortung und Vertrauen im gesetzlosen Geschäft will, ist die Welt bei diesen Hillbillies in Ordnung. Die Polizisten bekommen ihren Schluck vom Kartoffelschnaps ab, bis der sadistische Special Agent Charlie Rakes (Guy Pearce) mit noch brutaleren Methoden Prozente abkriegen will und einen grausamen Krieg auslöst.

 

Wenn Gary Oldman auf der Dorfstraße zum Maschinengewehr greift und den Ford T seiner Verfolger stilvoll durchlöchert, ist das hochprozentiger Gangster-Stoff. Auch Jessica Chastain hat als Mädchen mit Vergangenheit einen starken Auftritt. Klar, dass sie mit Forrest zusammenkommt, auch wenn er ewig braucht. Klar wie alles andere, wie die Verletzungen der Nebenfiguren, die Bedrohung der Frauen, die Spirale der Gewalt. Dass diese, höchst brutal, effektiv mitreißt, ist als billiges Mittel nicht zu billigen, und auch sonst fühlt man sich öfter vorgeführt mitten im Film. Denn zu offensichtlich sind inszenatorische Brechstange und Entwicklung. Dabei schießt übrigens Shia LaBeouf in starker Ensemble-Umgebung den Vogel und schließlich auch das Schwein ab. Wie sich sein Jack vom ängstlichen Bübchen über eitlen Fatzke zum entschlossenen Killer wandelt, ist gekonnt.

Cannes 2012 Dupa Dealuri (Hinter den Bergen) / Christian Mungiu

Dupa Dealuri (Hinter den Bergen) / Christian Mungiu (Rumänien)

Nach einer realen Geschichte erzählt Christian Mungiu im Wettbewerb wieder von zwei Freundinnen in einer extremen Situation. War es im Cannes-Sieger von 2007 "Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage" eine in Rumänien verbotene Abtreibung, spielt sich nun ein unausgesprochenes Beziehungsdrama in einem ärmlichen Kloster ab und führt zum Mord durch Exorzismus. Das klingt nach Hans-Christian Schmids Requiem" mit Sandra Hüller und auch der Gegensatz zwischen moderner Welt und abergläubischen Traditionen ist ähnlich: Als Alina in den kargen Hütten des kleinen Ordens ankommt, ist ihr Geschenk deplatziert wie sie selbst: Für die elektrische Kerze gibt es hier keinen Strom. Die junge Frau kommt verstört aus Deutschland zurück und will Voichita abholen. Sie waren zusammen im Waisenhaus des nächsten Örtchens und wohl auch mal ein Paar. Nun ist Voichita religiös geworden, redet von Sünde und Beichte, distanziert sich und arbeitet heimlich gegen den Abreiseplan. Die Zugfahrt verpassen sie, weil Alina einen Anfall bekommt, schreit und um sich schlägt. Das Krankenhaus vermutet Schizophrenie, schickt die Frau aber zur Erholung wieder zum Kloster, das nicht mehr als ein Bauernhof mit einer noch nicht geweihten Kirche ist. Dort tut die verzweifelte Arina alles, um mit Voichita zusammen sein zu können, will sogar in den Orden eintreten. Während Voichita sich feige hinter der Religion versteckt und sich nie klar äußert. Der Liebeswahn wird vom lange Zeit bedächtigen Obersten als teuflische Besessenheit interpretiert und mit tödlichen Folgen ausgetrieben. Die anderen Frauen jammern dazu oder schauen ängstlich aus dem Häubchen hervor. Dieses Frauenbild ist auch das eigentlich Verstörende an dem Film, der einige Andeutungen sehr offen lässt. (Was ist mit dem deutschen Herrn Pfaff, der von den Mädchen im Waisenhaus Fotos macht und ihnen eine Kamera schenkt?) In diesem Ausschnitt der rumänischen Gesellschaft warten sie verzweifelt auf einen fremdbestimmten Platz im Kloster, ganz wie im Mittelalter. Der Orden erweist sich aber nur minimal als caritative Institution, ist vor allem um den eigenen Erfolg als Glaubens-Unternehmung besorgt. Mungiu inszenierte dies mit guten Darstellern und einer sehr wirkungsvollen Tonspur, aber dehnt die sehr übersichtliche Geschichte auf über zweieinhalb öfters lange Stunden aus. Dazu ein recht absurdes Ende und fertig ist doch eine Unzufriedenheit im Wettbewerb.

18.5.12

Cannes 2012 Reality / Matteo Garrone

Die Wirklichkeit verliert, der Wettbewerb gewinnt

Cannes. Schein oder Sein - das ist vor allem in Cannes immer eine Frage, die sich aufdrängt beim frenetischen Jubel für sehr viele, sehr schöne Menschen. Womit haben die sich das verdient, fragt der protestantische Geist und staunt über italienische Begeisterung für einen Big Brother-Sieger im Wettbewerbsfilm Reality". Enzo ist dort und auch in der echten Realität eine Berühmtheit. Die ganze, große Familie des neapolitanischen Fischverkäufers Luciano bewundert ihn, findet aber auch, dass Papa, der nebenbei Geld mit Clownereien auf Hochzeiten verdient, selber in den Container sollte. Als er zum Casting nach Rom eingeladen wird, jubelt nicht nur das Viertel bei seiner Rückkehr. Auch der energische, junge Mann dreht völlig ab, vermutet überall Beobachter von der Produktion und verkauft schon mal sein Geschäft. Nur der gläubige  Angestellte und Freund Michelle bleibt auf dem Boden und meint, wir werden alle beobachtet - Gott sieht uns. Das ist nur ein raffinierter Twist von vielen, mit denen Matteo Garrone seiner exzellent gespielten Komödie Tiefgang gibt. Sie spielt tatsächlich auf mehreren Ebenen, nicht erst wenn am Ende die Kamera wieder in den Himmel geht und zum Auge Gottes wird. Garrones Vorgänger Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra" gewann 2008 den Großen Preis der Jury in Cannes und sahnte danach auch bei den Europäischen Filmpreisen mächtig ab. (ghj)

 

Cannes 2012 Paradies: Liebe (Ulrich Seidl)

Frustrierender Liebes-Kauf

Paradies: Liebe

Cannes. Der Österreicher Ulrich Seidl, der mit irritierenden und provokanten Schein-Dokumentationen wie Import Export" (2007), Jesus, Du weißt" (2003) oder Tierische Liebe" (1995) bekannt wurde, präsentiert mit Paradies: Liebe" im Wettbewerb der 65. Filmfestspiele von Cannes den ersten Teil einer Trilogie über Frauen einer Familie, die unterschiedliche Urlaube machen. In "Paradies: Glaube" ist es eine Missionarin und in "Hope" ein Teenager im Diät-Camp. Die "Liebe" suchen in Kenia vier frustrierte, einsame Frauen bei jungen, schwarzen Männern, die mit fadenscheinigen Geschichten Geld für Liebes-Spiel erhalten. Das ist in den besten Momenten eine verspätete Huldigung zu Gerhard Polts Geburtstag, wenn die Damen Erfahrungen austauschen: Die Neger sehen alle gleich aus, aber an der Größe kannst du sie unterscheiden." Die sexuelle Implikation dieses demaskierten Rassismus ist volle Absicht und auch im Bild wird der Film derart deutlich. Die an Originalschauplätzen mit Schauspielern und Laien ohne vorgegebenen Text improvisierten Szenen erschöpfen sich allerdings in Wiederholung. Vielleicht hätte Seidl seine über 80 Stunden Material doch lieber zu einem Film komprimiert und auf die Trilogie verzichtet. Cannes-Starter Laurent Cantet hatte das Thema der umkehrten Geschlechter-Ausbeutung schon 2005 mit In den Süden" und Charlotte Rampling wesentlich dichter behandelt. (ghj)

17.5.12

Cannes-Eröffnung mit Pauken-Schlag

Cannes. Ein Fest mit großem Staraufgebot, dazu ein Spektakel für Augen und Ohren im Kino war die Eröffnung der 65. Filmfestspiele in Cannes. Für die wichtigste Nebensache dabei, sorgte Regisseur Wes Anderson mit seinem genialen Kunstwerk „Moonrise Kingdom", ein bis ins kleinste Detail verschrobenes und verspieltes Romantik-Abenteuer zweier exzentrischer Jugendlicher.

Doch vor den Film hat der Cannes-Gott den Roten Teppich mit den am häufigsten fotografierten Treppenstufen der Welt gesetzt  - "Les Marches" schwärmt der Franzose. Den Sexismus (eines Wettbewerbs ohne Regisseurinnen) auf die Spitze trieb Alec Baldwin, der seine Verlobte (in den Medien auch ohne Namen), die Stufen zum Palast hochtrug. Man kann diesen Wesen auch nicht zumuten, wie Jury-Mitglied Diana Kruger auf der Suche nach irgendeiner Hochzeit, exorbitante Schleppen selbst zu schleppen. Oder es länger in gemeingefährlichen High Heels auszuhalten. Dagegen sollen übrigens spezielle Einlage-Sohlen helfen, mit denen ein "Gift Store" im Hilton Hotel Stars beschenkt, die sich hierhin verirren. Passender Name der heißen Sohlen: Red Carpet - Roter Teppich! Bill Murray setzte seine spezielle Note beim Verkleidungszwang mit einer knallbunten Fliege. Wer seine vergessen hat, bekommt im Supermarkt ein Billigst-Modell für nur 35 Euro!

Murray glänzt auch im neuen Wes Anderson Wettbewerbs-Starter „Moonlight Kingdom" wieder mit Verschrobenheit. Wie aus einem Puppenhaus ganz großes Kino wird, ist das wunderbare Erlebnis, dass Wes Anderson zur Eröffnung in Cannes präsentierte: Absonderliche Familien zeigte er schon in den „Royal Tenenbaums" und in „The Darjeeling Limited". Nun paart er solch einen herrlich skurrilen Haufen mit noch etwas schrägeren Pfadfindern, macht das Ganze zu einer Benjamin Britten-Oper, mischt Motive von Tiermärchen unter und verbreitete in Design und Farben der 60er Jahre großen Spaß. Um reinzukommen, lasse man einfach „Le Temps de l'Amour" von Françoise Hardy anklingen.

Es ist das Jahr 1965 und in 3 Tagen wird ein historischer Wirbelsturm über diese Region hereinbrechen. Der Pfadfinder-Flüchtling Sam (Jared Gilman) und die zwischen depressiv und cholerisch schwankende Suzy (Kara Hayward), Tochter einer Anwaltsfamilie Bishop, haben ihr Abenteuer auf der Neuengland-Insel lange vorbereitet. Während er im Stile von „Die Verurteilten" aus dem Zelt mit einem absurden Loch, um das eigentlich eine Wand gehört, abhaut, kommt sie mit Koffer, Katze und tragbarem Plattenspieler zur romantisch vernebelten Bucht, die später Moonrise Kingdom genannt wird. Die beiden ungewöhnlichen Teenager verhalten sich weiterhin nicht nach der Regel "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing" und tanzen zu Françoise Hardy den Rock ihrer ersten Liebe. (Dieser Genitiv-Kalauer musste sein.)

Wie noch nie zuvor gelingt es Wes Anderson, seine eigenwilligen Visionen mit ganz allgemeingültigen Gefühlen zu verbinden. Wie immer bewegt sich bei ihm die Kamera durch die bis ins kleinste Detail liebevoll konstruierten oder restaurierten Räume eines sehr großen Puppenhauses. So mussten Zelte im Schottenmuster her und auch die Requisiten sind so, dass Bill Murray zugibt, einige geklaut zu haben. Insgesamt ein Dekor, ein ganzer Film zum sich Reinsetzen - wohlgemerkt nicht ins Kino, das ist selbstverständlich, direkt in den Film will man, in das Haus der Bishops oder in die Bucht von Sam und Suzy.

Auf einer ganz anderen Ebene wird ganz am Anfang des Films Brittens "Young Persons Guide to the orchestra" aufgelegt. Die Familien der Instrumente sowie Percells Variantionen dazu  ergeben ein Zusammenspiel mit der Handlung, das man sich noch mal in Ruhe anhören muss. Ko-Autor Roman Coppola ist übrigens ein zweites Mal im Wettbewerb, bei Walter Salles "On the Road" war er Produzent.

 

Längst war die Bühne, auf der Beth Ditto einen Auftritt hatte, wieder vom Glamour befreit, als die Presse bekam an gleicher Stelle zum Frühstück das heftige Drama „De Rouille et d'os" mit einer großartigen Marion Cotillard vorgesetzt. Die Piaf- und Coco Chanel-Darstellerin spielt im neuen Film vom Cannes-Sieger Jacques Audiard ( „Ein Prophet") eine Orca-Trainerin, der bei einem Unfall beide Beine abgebissen werden. Das ist extrem heftig inszeniert und tatsächlich wichtiger als ihre unbedeckten Brüste, die das Boulevard interessierten. Noch wichtiger eigentlich die Hauptrolle vom Flamen Matthias Schoenaerts („Bullhead"), der einen Kickboxer spielt, der sich weder um die am Boden zerstörte Frau noch um seinen kleinen Sohn kümmert - außer wenn er seine Fäuste einsetzen kann, um den ins Eis eingebrochenen Kleinen zu retten. Zwischen den Spielorten Côte d'Azur und Ardennen, zwischen großen Namen und intensivstem Autoren-Drama packt der sehr starke Film in fast jeder Szene. Stärker noch: Er haut um, schockt, bewegt, erschüttert.

„De Rouille et d'os"  ist übrigens der erste von zwei Startern im Wettbewerb, die aus Lüttich stammen. Eine Produktionsfirma ist "Les Films de Fleuve" der Brüder Dardenne. Sie sind irgendwie immer in Cannes, auch wenn sie gerade keinen neuen Film haben. So wie Bouli Lanners, der Regisseur und Darsteller aus Lüttich, diesmal mit einer endlich ernsten Rolle als Kampf-Manager der  tragischen Hauptfigur.

Außerhalb des Wettbewerbs enttäuschte Cannes-Liebling Fatih Akin: Für seine „Heimat"-Doku „Der Müll im Garten Eden" drehte er fünf Jahre im türkischen Dorf Camburnu, aus dem seine Eltern stammen. Ein politischer Beschluss machte aus den idyllischen Hügeln am Schwarzen Meer eine Hölle aus Gestank, Tierplagen und schwarzem Grundwasser.  Der Film stellt zwar den aussichtlosen Kampf der – vor allem – Frauen aus dem Ort dar, schafft es aber nicht, über den Tellerrand hinaus zu blicken. Das Wort Müllvermeidung fällt kein einziges Mal. Das hinterlässt keinen besonderen Footprint im Festivalgeschehen und man kann sich ganz aufgeräumt wieder dem Wettbewerb widmen. Ulrich Seidls  „Paradies: Liebe" ist hoffentlich verführerischer.

 

 

14.5.12

Our Idiot Brother

USA 2011 (Our Idiot Brother) Regie: Jesse Peretz mit Paul Rudd, Elizabeth Banks, Zooey Deschanel, Emily Mortimer 90 Min. FSK o.A.

Ned (Paul Rudd) ist ein herzensguter Kerl. So gut, dass er auf einem „farmers market" bei New York einem Polizisten ein Tütchen Gras schenken will, weil der Mann in Uniform ja so gestresst ist... Damit wandert Ned nicht nur in den Knast, nach der Rückkehr schmeißt ihn auch die total alternative Superegoistin aus Beziehung und Biobauernhof raus. Schlimm ist dabei vor allem Neds herzzerreißende Trennung von seinem geliebten Hund Willy Nelson. Nach diesem Auftakt kommt der Latzhosen-Mann bei seiner netten, toleranten Familie unter. Da gibt es die Mutter, eine lesbische und zwei andere Schwestern, nur keine finanzielle Unterstützung für den schrecklich naiven Späthippie, der aussieht wie ein kleiner Bruder des Dude Lebowski. Sie werden es alle bereuen, die Schwesterlein - drei jede auf eigene Art schrille Ladies, die sich in ihrer extremen Selbstsucht ähneln. Ohne allzu viel zu tun oder zu wollen, außer nett und naiv zu sein, sprengt Ned wunderbar sanft die Leben seiner Schwestern.

Die liebevoll komische Geschichte vom Narren, der immer die Wahrheit sagt, ist zwar voll im Heute situiert, könnte aber auch Märchen oder eine Parabel sein. Ein erfrischend komisches Märchen, das keine Nebenfiguren hat und durchgängig großartig besetzt ist. Selbstverständlich begleitet von Willie Nelson-Liedern. Allerdings nimmt auch Ned Schaden, bei zweiten Mal ist es kein Versehen, dass er seinem Bewährungsoffizier von einem Joint erzählt. Die Nachricht aus dem Knast an die Familie lautet „Go, fuck yourselfs" - Ihr könnt mich mal! Dass sich nun alle plötzlich bessern und ihrem Leben eine andere Richtung geben, ist etwas zu viel des Guten. Ebenso, dass Willi Nelson am Ende auf der Hundewiese eine Dolly Parton trifft.

Hanni & Nanni 2

BRD 2012 Regie: Julia von Heinz mit Jana Münster, Sophia Münster, Heino Ferch, Suzanne von Borsody, Anja Kling, Katharina Thalbach, Carolin Kebekus 90 Min. FSK o.A.

Never change a winning Lindenhof! „Hanni & Nanni 2" ist der eineiige Zwillings-Film zum ersten Kinoerfolg und wird wieder die kleinen Zuschauer begeistern. Minimale Variationen erhalten die Freundschaft, obwohl Lilli, die nervig laut singende Cousine, sich wenig Freunde macht, als sie jetzt auch in Lindenhof ist. Anfangs gibt es reichlich Verwicklungen, so erfährt Lilli von ihrer Mutter, dass Hanni und Nannis Eltern sich
getrennt haben und plaudert dieses an Hanni aus. Die will ihre Schwester schützen und verrät nichts, was nur Probleme einbringt. Das Internat ist immer noch in Geldnöten, Teile sind schon als Schafweide verpachtet, wobei es es nicht nur Schafe auf der Wiese gibt. Alles gipfelt darin, dass Nanni durch eine Verwechslung entführt wird. Sie ruft Hanni zu Hilfe, denn die Kinder spüren, dass die Erwachsenen grad mit sich selbst beschäftigt sind...

Nach dem gleichen Konzept wie bei Film 1 werden einige Problem auf- und am Ende wieder abgebaut, ansonsten alles Friede, Freude, Butterkuchen beim friedlichen Lindenhofidyll mit den vielen bunten Farben. Das allerdings so rasant schnell, dass man kann kaum Luft holen kann. So kann die Filmserie problemlos bis Teil 100 fortgesetzt werden.

Lachsfischen im Jemen

Großbritannien, 2011 (Salmon Fishing in the Yemen) Regie: Lasse Hallström mit Ewan McGregor, Emily Blunt, Amr Waked, Kristin Scott Thomas, Tom Mison 108 Min. FSK ab 6

Herrlich, wie dieser verstaubte britische Beamte Dr. Alfred Jones (Ewan McGregor im Tweed) seine Zeit im Büro absitzt und den perfekten Angelwurf übt. Er sitzt ja auch im Landwirtschafts-Ministerium seine Zeit ab. Und in einer weder besonders leidenschaftlichen, noch freuvollen Ehe. Ausgerechnet den muss die flotte Harriet (Emily Blunt), die gerade von einem stürmischen Soldaten erobert wurde, für ihren reichen, arabischen Auftraggeber überzeugen, Lachse im Jemen anzusiedeln. Denn dieser Scheich (Amr Waked) hat mal eine andere Vision: Keine Formel 1-Strecke, keine Palmen-Insel, nein, ein Strom voller Lachse soll durch die Wüste fließen. Der Scheich angelt gerne, nicht nur auf seinem schottischen Schloss. Da auch die britische Außenpolitik gerade ein weiteres Desaster in Afghanistan erlebt, entdeckt die Presse-Chefin des Premierministers (Kristin Scott Thomas) die völlig bescheuerte Fisch-Umsiedlung als „positives Projekt britisch-arabischer Zusammenarbeit" und schmeißt ihm auch ein paar Millionen hinterher...

So schön bescheuert wie die ganze Aktion hat Drehbuchautor Simon Beaufoy („127 Hours", „Slumdog Millionär") die Figuren und die Dialoge geschrieben, die dies alles ironisieren. Vor allem Kristin Scott Thomas ist als Presse-Tusse Patricia Maxwell so gnadenlos zynisch und herrisch, dass man wünscht, es sei ihr Film. Aber, man möchte einen von Patricias deftigen Flüchen ablassen, dieses filmische Fischen im Erfolgsbuch vom ehemaligen Ingenieur Paul Torday, wird als romantische Komödie verkauft und erreicht auf diesem Terrain die Trockenheit der immer mal wieder schön gefilmten jemenitischen Lokalitäten. Wie der nerdige Sonderling Alfred und die lebensfrohe Harriet zusammenkommen, kann man höchstens mit der Liebe für ein gemeinsames Projekt erklären, dem der Scheich trotz einiger Reden und weiser Sprüche (während er bis zum Bauch im Wasser steht und angelt) keinen tieferen Sinn abgewinnen kann. Hier, vor den geplanten Traumkulissen, versandet nicht nur der spöttische Schwung der Geschichte, es wird sogar ärgerlich, wenn dem Märchenscheich eine unfassbar naive Revolte entgegengesetzt wird. Dieses Buch entstand weit vor der Arabellion!

Lachse schwimmen gegen den Strom. Lasse schwimmt immer mit dem Main- und dem Hallström. So kann man die Erkenntnis in einen Satz verkalauern, dass der sehr talentierte schwedische Regie-Veteran („ABBA - The Movie") immer wieder Bestseller auf ansehnliche Kinoerfolge eindampft. Sei es „Schiffsmeldungen" (2001), „Chocolat" (2000) oder Ivings „Gottes Werk & Teufels Beitrag" (1999) - immer denkt man, so banal kann doch das Buch nicht gewesen sein. „Das Feld der Träume" will auf diesem Wüstenboden nicht angehen. Der kleine melodramatische Ausflug in Richtung Nicolas Sparks, als Harriets Soldat vermisst wird, vermittelt zu wenig echtes Gefühl. Abba, verzeihung: Aber wenn nur die Chemie funktioniert hätte, dann würde man alles andere tolerieren. Doch Ewan ist nur niedlich und während man Harriet nicht wünscht, als zweite Ehefrau an dieser Seite zu versauern, weiß man, seit „Young Victoria" (2009) und „Sunshine Cleaning" (2008), dass auch Emily Blunt mehr kann. So will man dauernd zurückschalten, zu Alfreds Chef Bernhard, der verzweifelt versucht, 10.000 Lachse von fanatischen schottischen Anglern loszueisen. Und zur Medien-Zicke Patricia, die selber auch entschieden hätte, alle anderen ertrinken zu lassen, damit es ihr Film wird.

11.5.12

Marley

USA/Großbritannien, 2012 (Marley) Regie und Buch: Kevin Macdonald 145 Min. FSK ab 6

Der Schotte Kevin Macdonald erzählt in mehr als zwei packenden Stunden das Leben der Reggae-Legende Bob Marley (1945-1981). Obwohl aus Marleys Jugend in ärmsten Verhältnissen auf Jamaika kaum Dokumente existieren, schafft es der Regisseur vom „Last King of Scotland" und Cutter der You-Tube-Kompilation „Life in a Day" mit vielen originellen Geschichten ein ambivalentes Bild des weltweit verehrten Musikers zu zeichnen. Dabei müssen die Hits wie „One Love" oder „No woman, no cry" gar nicht ausgespielt werden, ebenso faszinierend wie der musikalische Siegeszug eines von allen Seiten verachteten Mischlings - „German Boy" nannte man den Weißhäutigen - ist die religiöse Komponente des Rastafari und die persönliche eines Mannes, der immer behauptete, keinen Ehrgeiz zu haben, aber seine elf Kinder von sieben Frauen beim Wettrennen immer schlagen musste. In kommentierenden Einblendungen und über die pointiert gewählten Aussagen der Zeitzeugen steckt keine Mystifizierung sondern überraschend viel Humor. Sogar bis zum tragischen Ende, als der schwer krebskranke Jamaikaner, der zwischendurch auch mit der Miss World 1976 zusammen war, ausgerechnet in der Klinik eines obskuren holistischen Arztes im oberbayrischen Rottach-Egern eingeschneit zu sehen ist.

Macdonald ist Enkel der Regie-Legende Emeric Pressburger und feiert die Premiere des Films bei der Berlinale 2012 während seine Frau Tatiana am gleichen Abend in London den Britischen Filmpreis für das beste Produktions-Design erhielt.

Die Kunst zu lieben (2011)

Frankreich, 2011 (L'art d'aimer) Regie und Buch: Emmanuel Mouret mit François Cluzet, Frédérique Bel, Julie Depardieu, Emmanuel Mouret, Pascale Arbillot 88 Min.

Eine Melodie des Verliebens soll es geben, erzählt ein Komponist zu Beginn des Films. Er selbst erweckt bei seinen Zuhörern die Erinnerung daran, obwohl er die Melodie selbst nie gehört habe. So ähnlich wirkt dieser in freundlichster Auslegung „nette" Episodenfilm, der Liebe konjugieren will, aber nie ein Gefühl dafür hervorruft. Selbstverständlich findet sich dies alles postkarten-schön in Paris, der Stadt der Liebesversuche.

Da drängt die Freundin der untersexten Frau quasi den Freund fürs Bett auf - nur leihweise wohlgemerkt, und es sei ja nur wie eine Massage. Was in der geschickten Montage des Films erst ein Traum war, wiederholt sich für Isabelle bald ganz real. Eine andere Geschichte amüsiert sich an den Liebes-Schmerzen eines jungen Paares. Nach einem ziemlich unnötigen Eifersuchts-Streit einigen sie sich auf ein Gleichgewicht des Schreckens. Doch keiner nutzt den Freifahrtschein und nun tun beide so als gingen sie fremd, während sie beim Doppelselbstbetrug einsam gequält im gleichen Café sitzen, ohne voneinander zu wissen. Eine glückliche Mutter überzeugt die Freundin davon, mit ihrem aufdringlichen Verehrer anonym ins komplett abgedunkelte Bett zu gehen, mit sehr verdrehten Folgen. Beim komödiantischen Schauspiel am überzeugendsten sind die holperigen Annäherungsversuche zweier Nachbarn: Achille (François Cluzet) und seine neue, sehr lustvolle Anwohnerin (Frédérique Bel) kommen immer wieder nicht zueinander, weil sich beide als schwierige Spontaneitätsbremsen erweisen. Mit Judith Godréche („Das Schmuckstück") oder Julie Depardieu („Ein Geheimnis") sorgen auch weiteren gute französische Darstellern für das gekonnte Spiel mit den Wirrungen und Irrungen ums große Gefühl. Die große Kunst des Liebesfilms ist das Werk des routinierten Regisseurs Emmanuel Mouret („Küss mich Bitte") dabei allerdings nicht. Eher eine nette Nichtigkeit.

Kill me please

Frankreich, Belgien 2010 (Kill me please) Regie: Olias Barco mit Aurélien Recoing, Benoît Poelvoorde, Muriel Bersy, Nicolas Buysse 96 Min. FSK ab 16

Selbstbestimmt Sterben ist besonders in Deutschland ein heikles Thema. Da tut der fast anarchische, aber auf jeden Fall herrlich schwarz-humorige Umgang von „Kill me please"gut: Im winterlichen Dekor erwartet ein altes Hotel auf dem Lande seine Gäste. Die sind allerdings hier im Geiste von „Hotel California" „You can check out anytime you like, but you can never leave". Lebend jedenfalls kommen sie hier nicht raus, weil Dr. Krueger (Aurélien Recoing) seiner erlesenen Kundschaft einen schönen, selbstbestimmten Tod anbietet. In der einzigartigen Einrichtung wirkt der Todeswunsch auf den ersten Blick dekadent. Ein bekannter Regisseur (Benoît Poelvoorde) gibt vor, unheilbar krebskrank zu sein, nur um aufgenommen zu werden. Ein Intellektueller stirbt beim Sex mit einer Studentin. Dies war sein letzter Wunsch.

Der immer gefasste Anstaltsleiter Krueger, der seine Emotionen beim Joggen ausschwitzt, sieht sich als Künstler, der erst in Zukunft anerkannt wird. Er ist aber auch ehrlich begeistert, als eine Kundin einfach nach Hause will. Was sich plötzlich als schwierig erweist, weil die Dorfbevölkerung gegen das Sterben in der Klinik aufbegehrt, indem sie alle abknallen will.

Die Logik der braven Bürger ist herrlich einleuchtend im Sinne der Schildbürger: Wir wollen nicht, dass ihr euch umbringt, deswegen erledigen wir das! Das hat was vom Staat, der Selbstmord-Versuche mit der Todesstrafe belegt. Der skurril komische und dabei verblüffend kluge Film steigert die schizophrenen Situationen: Die Asthmatikerin, die eigentlich wieder leben wollte, muss außer Atem fliehen. Bei immer mehr ungeplanten Todesfällen durch Kopfschuss wird die Farce zu einem Krimi. Denn auch eine Dame von der Finanzpolizei ermittelt wegen Erbschleicherei.

Der ganze Aufstand hat was von Frankenstein, aber auch den ebenso scharfsinnigen wie -züngigen Witz von Gesellschaftssatiren wie „Clockwork Orange". „I hired a contract Killer" heißt es hier gleich mehrfach, wobei das aberwitzige Motto „Ich bin lebensmüder Star - holt mich hier raus" mit sehr sorgfältigen Personenzeichnungen (von Rapper bis zur alternden Diva) und gutem Schauspiel (u.a. Bouli Lanners und Saul Rubinek) unterfüttert ist. Auch wenn die Komödie schon sehr bitter ist, die Menschen zu Tieren wurden und der Horror ist da, bleibt „Kill me please" trotz viel Blut dank passendem Schwarzweiß gnädig. Bis zur letzten, sozial und gesamtwirtschaftlich bitteren Note.

Kill me please ****

Frankreich, Belgien 2010 (Kill me please) Regie: Olias Barco mit Aurélien Recoing, Benoît Poelvoorde, Muriel Bersy, Nicolas Buysse 96 Min. FSK ab 16

Selbstbestimmt Sterben ist besonders in Deutschland ein heikles Thema. Da tut der fast anarchische, aber auf jeden Fall herrlich schwarz-humorige Umgang von „Kill me please"gut: Im winterlichen Dekor erwartet ein altes Hotel auf dem Lande seine Gäste. Die sind allerdings hier im Geiste von „Hotel California" „You can check out anytime you like, but you can never leave". Lebend jedenfalls kommen sie hier nicht raus, weil Dr. Krueger (Aurélien Recoing) seiner erlesenen Kundschaft einen schönen, selbstbestimmten Tod anbietet. In der einzigartigen Einrichtung wirkt der Todeswunsch auf den ersten Blick dekadent. Ein bekannter Regisseur (Benoît Poelvoorde) gibt vor, unheilbar krebskrank zu sein, nur um aufgenommen zu werden. Ein Intellektueller stirbt beim Sex mit einer Studentin. Dies war sein letzter Wunsch.

Der immer gefasste Anstaltsleiter Krueger, der seine Emotionen beim Joggen ausschwitzt, sieht sich als Künstler, der erst in Zukunft anerkannt wird. Er ist aber auch ehrlich begeistert, als eine Kundin einfach nach Hause will. Was sich plötzlich als schwierig erweist, weil die Dorfbevölkerung gegen das Sterben in der Klinik aufbegehrt, indem sie alle abknallen will.

Die Logik der braven Bürger ist herrlich einleuchtend im Sinne der Schildbürger: Wir wollen nicht, dass ihr euch umbringt, deswegen erledigen wir das! Das hat was vom Staat, der Selbstmord-Versuche mit der Todesstrafe belegt. Der skurril komische und dabei verblüffend kluge Film steigert die schizophrenen Situationen: Die Asthmatikerin, die eigentlich wieder leben wollte, muss außer Atem fliehen. Bei immer mehr ungeplanten Todesfällen durch Kopfschuss wird die Farce zu einem Krimi. Denn auch eine Dame von der Finanzpolizei ermittelt wegen Erbschleicherei.

Der ganze Aufstand hat was von Frankenstein, aber auch den ebenso scharfsinnigen wie -züngigen Witz von Gesellschaftssatiren wie „Clockwork Orange". „I hired a contract Killer" heißt es hier gleich mehrfach, wobei das aberwitzige Motto „Ich bin lebensmüder Star - holt mich hier raus" mit sehr sorgfältigen Personenzeichnungen (von Rapper bis zur alternden Diva) und gutem Schauspiel (u.a. Bouli Lanners und Saul Rubinek) unterfüttert ist. Auch wenn die Komödie schon sehr bitter ist, die Menschen zu Tieren wurden und der Horror ist da, bleibt „Kill me please" trotz viel Blut dank passendem Schwarzweiß gnädig. Bis zur letzten, sozial und gesamtwirtschaftlich bitteren Note.

9.5.12

Ausgerechnet Sibirien

BRD, Russland 2012 Regie: Ralf Huettner mit Joachim Król, Vladimir Burlakov, Yulya Men, Armin Rohde, Katja Riemann 105 Min.

Der Weg ist das Ziel und Joachim Król immer gerne der komische Kauz in fremder Umgebung. Neben diesen allgemeingültigen Gesetzmäßigkeiten erfreut und erweitert der sehenswerte Film von Ralf Huettner mit Weisheiten und sibirischer Weite.

Es ist ein weiter Weg vom Joggen am Rhein zu sibirischer See(le)n-Idylle im Haus der schamanischen Großmutter. Doch die albernen Heldengeschichten, die der Transport-Bürokrat Matthias Bleuel (Joachim Król) auf seinen altmodischen Disc-Man hört, sind hier nicht nur eine kleine Flucht. Zuerst will der frisch Geschiedene, der immer noch bei der Ex Ilka (Katja Riemann) unterm Pantoffel steht, nicht für seinen Bekleidungs-Laden nach Sibirien reisen. Zu Recht, strandet er doch ohne Sprachkenntnisse schon am Transfer-Flughafen. Am Ziel erklärt der junge Übersetzer Artjom (Vladimir Burlakov), hier lande sonst nur Weltraumschrott...

Der beste Kunde erweist sich als kleines Bestellbüro in einem Bazar, in dem Tauschhandel blüht und Bleuel überhaupt nichts versteht. Zur Begrüßung gibt es einen jungen, militanten Putin-Fan und einen alten Weltkriegs-Geschädigten. Artjoms blumige Übersetzung bügelt kulturelle Unterschiede aus, doch der steife Deutsche mit deutlicher Behinderung im menschlichen Umgang, wird irgendwann selbst die gutherzigsten Russen brüskieren. Bleuel ist Lost ohne Translation und will nur wieder weg, bis er beim Gesang der Oberton-Künstlerin Sajana (Yulya Men) sein blaues Wunder erlebt. Nun stürzt sich der bislang immer kontrollierte Angsthase in die Fremde, reist auf abenteuerlichen Wegen der Sängerin in ihre Heimat hinterher, wo das kleine Volk der Schoren lebt. Während Bleuels Frisur längst verwuselt und sein Anzug derangiert ist, braucht es noch eine alte Schamanin, um ihm zu sagen, dass die Stäbe von seinem Gefängnis bereits meterweit auseinander stehen.

Gerne wird „Ausgerechnet Sibirien" als erster Film von „Frau Ex-Außenjoschka" Minu Barati, die als Autorin und Produzentin firmierte, verspottet. Doch die hochwertig besetzte, komödiantische Reise in ferne Regionen und zu sich selbst, fängt nur an wie ein typischer Kròl-Film. Der Sonderling aus „Wir können auch anders" oder „Zugvögel… Einmal nach Inari" führt uns in eindrucksvolle Regionen und erweitert mit vielen detailierten Beobachtungen den Horizont auf dem Globus und im Seelenleben. Das geschieht auf manchmal holperigen dramaturgischen Wegen und auch die Metaphern der Libelle und der Raumfahrt werden zu sehr bemüht. Doch wenn das Gewöhnliche im langweiligen Pedanten (und dieser Filmformel) auf das Außergewöhnliche dieser Gegend und des schorischen Volkes trifft, gibt sich nicht nur Bleuel geschlagen. „Ausgerechnet Sibirien" fährt in der Ferne die Komödie zurück und macht den Weg frei für andere Erfahrungen. Ob die romantische Geschichte zwischen Bleuel und Sajana funktionieren wird, bleibt dabei zweitrangig. Der Film ist die Reise wert...

7.5.12

Dark Shadows (2012)

USA 2012 (Dark Shadows) Regie: Tim Burton mit Johnny Depp, Michelle Pfeiffer, Helena Bonham Carter, Eva Green 113 Min. FSK ab 12

Vampire gibt es mittlerweile in allen Varianten, doch wenn Johnny Depp im neuen Tim Burton einen zeitlich desorientierten Vampir mit Adaptions-Schwierigkeiten gibt, verweist dies zum Anfang aller Vampir-Diversifizierung. Denn „Dark Shadows" brachte von 1966 bis 1971 in 1225 TV-Episoden und zwei Filmen Übersinnliches, Blutsauger und Werwölfe in die tägliche Fernsehunterhaltung.

In diesem gerafften Remake von Tim Burton, dem Spezialisten für schwarz-humorigen Schauer, wird Barnabas Collins (Johnny Depp), ein reicher Abkömmling englischer Kolonialisten, von der eifersüchtigen Geliebten und Dienstmagd Angelique zum Vampir verflucht und bald darauf verbuddelt. Als sein Sarg nach fast zwei Jahrhunderten bei Bauarbeiten gefunden wird, ist Barnabas so durstig. dass er gleich ein ganzes Sixpack Bauarbeiter leersaugt. Der blasse und blasierte Adelige landet 1972 mitten unter den Hippies, doch er fällt beim allgemeinen Flower Power nicht sonderlich auf. Sein imposant düsteres Gothic-Schloss steht noch und wurde - sehr runtergewirtschaftet - Heimstatt für herrlich disfunktionale Nachkommen. Die aktuelle Clan-Chefin Elizabeth Collins Stoddard (Michelle Pfeiffer) wird eingeweiht und erklärt fortan, dass Barnabas ein Gast aus England sei. Die Abneigung gegen Silber wäre Metallallergie und Sonne möge er auch nicht recht.

Als man sich ausreichend mit einem schüchternen Halbweisen, der pubertierenden Ur-Ur-Ur-usw-Enkelin oder der alkoholisierten Psychiaterin amüsiert hat, taucht die immer noch knackige Angie auf, die Barnabas einst unter die Erde flachlegte. Es kommt zu heftigem Sex, der diesmal die Horizontale verschmäht, dann geht das Eifersuchtsdrama in Knallrot weiter: Die Hexe, die Jahrhunderte jung mit Porzellan-Haut überstand, will auch die neue große Liebe des Vampirs über die malerische Klippe springen lassen...

Dieser Gothic-Pop von Tim Burton ist so ganz anders als die dunkle Welt von „Sleepy Hollow" oder der Animation „Corpse Bride". „Dark Shadows" präsentiert einen überbordenden Kostüm-Kitsch - wenn schon dann auch richtig. Die tödliche Klippe thront wie gemalt hoch über der brausenden Brandung. Ein totes Bäumchen obendrauf und die Musik von Danny Elfman dazu. Das Drama der Anfangsszene macht dann lange Pause, das Revamping des Schloss-Herrn mit zeitgemäßen Klamotten fällt nicht besonders witzig aus. Eher schon seine Anfrage beim Teenager Carolyn, wie er denn das Kindermädchen Victoria für sich gewinnen könne, da Geld oder Schafe für den Brautvater aktuell wohl nicht mehr funktionieren sollen.

Die Figur Johnny Depps ist in diesem Film so altmodisch, dass er zwischendurch gar Stummfilm-Gestik drauf hat. Man glaubt ihm, dass er ein ohne Flamme leuchtendes „M" (von McDoof) als Zeichen von Mephistopheles ansieht. Hier ist „Dark Shadows" ein komischer Familienfilm, stellenweise wie bei den „Munsters" zuhause, die auch ab Mitte der 60er versendet wurden. Einen rockigen Gastauftritt gibt es von der Saturn-Werbeikone Alice Cooper, da hatte ein herbeizitierter Bela Lugosi in „Ed Wood" doch mehr Klasse.

Doch wieso ist dieser Tim Burton ein ganz schwacher, wo doch - im Gegensatz zur Enttäuschung „Alice im Wunderland" - alle Elemente seiner genialen Filme vorhanden sind? Beim seriellen Hauptdarsteller Johnny Depp muss man an „Edward mit den Scherenhänden" oder „Sweeney Todd" denken. Burtons Gemahlin Helena Bonham Carter ist auch wieder dabei. Wieder müssen die Außergewöhnlichen gegen einen neidischen Mob aus Biedermännern bestehen. Wobei die Hexe Angelique einst die Dienstmagd war und sozial die Vampire also in eine Kiste mit den Heuschrecken des Kapitalismus passen. Doch da Barnabas ganz unüblich durch einen Fluch zum Vampir wurde, sollte man das alles sowieso nicht so ernst nehmen. Oder spiegelt sich in der unterdrückten Jugend von Victoria die von Tim Burton? Sind die frühen Siebziger mit den Hits von The Moody Blues („Nights in White Satin") die Zeit, die ihn geprägt hat?

Zu Hause bei den Collins ist das Finale blutig, nicht düster; deftig statt subtil. Teenie Carolyn Stoddard entpuppt sich noch als Werwolf und irgendwie war das wohl zu viel an Themen und Figuren, um die Geschichte richtig dicht und gut zu meistern. Bis auf ein wirklich schaurig-schönes Herz-Verschenken und einen überstürzten finalen Kuss voller Romantik, die ein wenig versöhnen.

6.5.12

21 Jump Street (2012)

USA 2012 (21 Jump Street) Regie: Phil Lord, Chris Miller mit Jonah Hill, Channing Tatum, Brie Larson, Dave Franco, Rob Riggle, DeRay Davis, Ice Cube 109 Min.

Auf der Schule war Schmidt (Jonah Hill) der nerdige Außenseiter, Jenko (Channing Tatum) fast Prom-King - wenn die Noten besser gewesen wären. Die einstigen Gegenpole des amerikanischen Schullebens arbeiten nun bei der Polizeiausbildung zusammen, damit der pummelige Schmidt die Hürden des Hindernisparcours schafft und der dämliche Jenko die im Chemie-Unterricht. Auch mit Dienstmarke sieht dann das ungleiche Duo stark nach Police-Academy aus, wenn sie mit ihren Sirenen-bewehrten Rädern Patrouille fahren. Der Versuch, ein paar kiffende Rocker aufzumischen, gerät endgültig zur peinlichen Lachnummer. Jenko kann die Sache mit dem Rechtevorlesen nicht zu Ende bringen, weil „die im Fernsehen immer vorher schneiden"! Die Strafe folgt und damit der eigentlich Plot der in den 80ern erfolgreichen TV-Serie: Die jungen, unreifen Polizisten sollen undercover für die geheime „Jump Street"-Einheit zurück auf die High School.

Es gilt den Verteiler einer neuen Droge zu enttarnen. Ernste Sache, aber die Drogen-Effekte auf Youtube sind schon wieder sehr albern. Auf der Schule haben sich die Zeiten geändert, man trägt jetzt den Rucksack mit beiden Riemen, ganz anders als früher mit nur einem „single strap" über der Schulter. Deswegen sind in einer Welt aus ökologisch bewussten Nerds und „political" korrekten Strebern die Rollen vertauscht: Während Schmidt sogar beim Dealer Eric beliebt ist, hängt der frühere Aufreißer mit den Außenseitern rum. Zudem müssen die Trottel den Auftrag auch noch mit vertauschten Rollen durchstehen: Der Schönling ist im Chemie-Leistungskurs, der Verklemmte, der immer stottert, wenn es zum Absch(l)uss kommt, soll Theater spielen. Ein ziemlich blödes Theater dies alles...

Für wen wurde dieses Remake gemacht und gedacht? Ein lahmer Drogenfall, gestreckt mit sehr unechtem Highschool-Kram, nicht „camp" inszeniert wie „Miami Vice". Die Testgruppe von ehemaligen „Jump Street"-Fans findet es eher lahm. Kids von heute können sich zig andere Albernheiten ansehen. Ein Totalausfall - bis Johnny Depp auftritt, der mit dieser Serie zum Star wurde. Hier erschreckt die Fallhöhe zwischen guten Schauspielern und populären Schönlingen oder Ulknudeln sogar. Doch dann kommt ein extralanges Finale mit extralangen Limousinen und einer superlangen Verfolgungsjagd, die wie dieser verschachtelte Satz, den Anschein erweckt, niemals aufzuhören, was auch die billige Musik nicht überspielen kann, oder eingestreute Scherze, die nicht witzig sind, wirklich nicht. Eine Fortsetzung auf dem College wird im Abspann angedroht.

Lockout

Frankreich 2012 (Lockout) Regie: James Mather, Stephen St. Leger mit Guy Pearce, Maggie Grace, Vincent Regan, Joseph Gilgun 100 Min. FSK ab 16

Gibt es Klapperschlangen im Weltall? Wenn Alcatraz altmodisch zur Boje im Planschbecken wird, sollte man das Gefängnis vielleicht im Orbit installieren. Dann bekommt das Wort Himmelfahrtskommando auch gleich eine andere Bedeutung, wenn die Tochter des Präsidenten mitten aus einer Gefangenenrevolte befreit werden muss. In der Lage dazu ist wieder „Nur ein Mann", wie Roger Ebert diesen Typen treffend beschrieb. „Nur ein Mann" soll 2079 also alles retten und macht es, weil er als CIA-Agent reingelegt wurde. Die ganze Film-Konstruktion hängt und fällt wieder mit einem Aktenkoffer. Zuletzt spielte dieser in „Cold Light of Day" den MacGuffin und auch diesmal ist eigentlich egal, was drin ist. Trotzdem hat ihn „Nur ein Mann" und sein ehemaliger Arbeitgeber will ihn. „Nur ein Mann" - nennen wir ihn diesmal Snow (Guy Pearce) - verdient den Knast aber eigentlich, weil er jeden Satz wahnsinnig cool oder total originell bringen muss. Als der eigentliche Job dann trotz zweier Psychopathen relativ locker erledigt ist, füllt der Film den Rest mit Rededuellen, weil die befreite Blondine selbstverständlich immer etwas Dämliches machen will. Das Drehbuch funktioniert nur dank Schleusen und Türen, die je nach dramaturgischem Bedarf verschlossen, offen oder blockiert sind. Zwischendurch gibt es noch Raumschiff-Geballer, das unübersehbar den Todesstern kopierend attackiert.

Anfangs funktionierte schon die Hochsicherheit des fliegenden Gefängnisses nicht wirklich. Es reichte ein Schalter, um hunderte Gefangene zu befreien. Dann folgt das übliche Duell zwischen gutem und bösem Geiselnehmer, die diesmal Brüder sind. Bedrohlich dabei nur der schrille Psychopath (Vincent Regan), der schlimmer aussieht als Marilyn Manson und mehr Tattoos hat als Charlotte Roche. „Lockout" ist eine dieser mordlüsternen Spaßnummern mit Action und schickem Produktionsdesign aus Luc Bessons französischer Kopier-Fabrik. Der raffinierte Geschäftsmann überließ die Regie diesmal den Clipspezialisten Saint und Mather (Stephen St. Leger und James Mather), mit dem Ergebnis, dass der Film nicht wirklich packt. Ziemlich schales Popcorn.

Sound it out

Großbritannien 2011 (Sound it out) Regie, Buch, Kamera: Jeanie Finlay 74 Min.

Haufenweise klasse Typen, noch mehr tolle Cover

Eine Rarität in Zeiten von iTunes, Spotify und YouTube: Der Record Store namens „Sound It Out Records" ist der älteste und letzte verbliebene unabhängige Plattenladen im Bezirk Teesside im Nordosten Großbritanniens. 50.000 Vinyl-Scheiben und CDs bietet der Ladeninhaber Tom dort in Stockton-on-Tees an, und nur er weiß wo alles liegt. Das ist fast wie Nick Hornbys „High fidelity", nur besser, weil echt. Regisseurin Jeanie Finlay porträtiert die Mitarbeiter und Kunden des kultigen Kramladens, der zwischen Arbeitsamt und Kneipe liegt. So kommt denn auch spontan ein angeheiterter älterer Herr herein, um „Sultans of Swing" von den Dire Straits zu suchen.

Der wunderbaren Dokumentation gelingt unter einem Querschnitt verschiedenster Musikstile (von Status Quo über DEFNOYZ bis zu Skindred) auch ein Soziogramm der heruntergekommenen Industriestadt mit ihrer alkoholfreien Zone im Zentrum. Denn dieser letzte unabhängige Plattenladen der Region ist auch ein sozialer Knotenpunkt, trotz unterschiedlich lauter Beschallung ein Ort, an dem Menschen kurz aussteigen und zur Ruhe kommen.

Gegen Stockton in der Krise mit seinem (toll fotografierten) Elend, der Arbeitslosigkeit, den leeren Läden setzt der Film Musik in all seinen Facetten, bis hin zum wunderschönen Solokonzert im kleinen Plattenladen. Saint Savior, eine ehemals schüchterne Schülerin des Orts, die „sich in London neu erfunden hat", spielt Piano und singt. Es muss an der Regisseurin liegen, dass sich so viele eigenbrötlerische Menschen für den Film öffnen: Etwa der allein lebende Status Quo-Fan, der schon hunderte Konzerte gesehen hat und drüber nachdenkt, sich einen Sarg aus seinen eingeschmolzenen Platten machen zu lassen.

Das Zentrum des Ladens und des Films steht der gutherzige Tom: Seine Verachtung gegenüber der extrem hektischen Techno-Abart namens Máchina zeigt sich nur ganz sanft. Der kurz geschorene Fan dieser Musik verehrt Tom ebenso wie der zottige Senior, der sich wehmütig an Meat Loaf erinnert. Toms Blick wird erst hart, als er sofort merkt, dass ein zum Verkauf angebotener Koffer voller LPs geklaut ist. Der Händler ist zwar ein Dealer für seine Kunden, aber nur im Sinne von Abhängigkeit. So wie er eine Melodie beim Summen erkennt, kennt er auch seine Klientel. Es gäbe die, die nur haben wollen. Und die, welche alles hören wollen, wie er selbst - zumindest ein Mal. Für gute Kunden werden Fundstücke hinten in Plastiktüten zwischengelagert bis das Geld wieder reicht.

Jeanie Finlay ist eine britische Künstlerin und Filmemacherin, die bereits zahlreiche Dokumentarfilme gedreht hat. Zu ihren früheren Filmen gehören "Goth Cruise", Teenland" und der preisgekrönte Dokumentarfilm "Home-Maker".

Auch wenn Sammeln Männersache ist, stellt die Frau, die den Film macht, genau die richtigen Fragen: Wie sortierst du deine Platten? Dazu findet sie trotz des winzigen Ladens sehr gute Bildkompositionen, klasse Musik und immer wieder Kuriositäten in den Regalen und an den Wänden. Für eine Filmlänge kann man Copyright, Kulturflatrate, GEMA und Piraten vergessen. Platten sind Gefühle und Erinnerungen, sagt Tom. „Sound it out", der Laden und der Film fangen genau das ein und geben es in Gesprächen, Tönen und Bildern wieder. Ein Hit!

2.5.12

Ein Mann, der schreit

Frankreich, Belgien, Tschad 2010 (Un homme qui crie) Regie: Mahamat-Saleh Haroun mit Youssouf Djaoro, Diouc Koma, Émile Abossolo M'bo 90 Min. FSK ab 6

Das Vater-Sohn-Drama aus dem Tschad erzählt im reduzierten Stil und langen Sequenzen vom ehemaligen „Champion" Adam, der jetzt als Bademeister in einem Luxushotel der Hauptstadt arbeitet. Als nach einer Privatisierung der kräftigere Sohn den Job bekommt, verrät ihn der Vater. Deshalb muss der Entlassene zur Armee und in den Bürgerkrieg. Spätere Szene in der Wüste zeigen, wie der reuige Vater den verwundeten Sohn retten will. Vater und Sohn, Verrat und Reue. Auch die anderen Bestandteile des erzählerisch reduzierten Films bieten sich mehr dem Entschlüsseln als dem (Mit-) Erleben an. Das umkämpfte Motorrad mit Beiwagen, die Taucherbrille nun in der Wüste als deplatzierter Windschutz. Die kühle Inszenierung erhielt 2010 in Cannes den Preis der Jury.

The Cold Light of Day

USA 2012 (The Cold Light of Day) Regie: Mabrouk El Mechri mit Henry Cavill, Bruce Willis, Sigourney Weaver, Joseph Mawle 93 Min.

Beim Familientreffen auf der Jacht des Vaters Martin (Bruce Willis) in reizender Umgebung herrscht Distanz - relativ subtil ausgedrückt im Bild. Und ruppig im rauen Ton, den Kommandos, den abfälligen Blicken des nicht väterlichen Skippers. Doch weder das und noch die schwierige Kindheit in vielen Ländern spielt eine Rolle, als Will Shaw (Henry Cavill) nach einem Landgang zurückkehrt: Die Familie ist verschwunden, Polizisten nehmen ihn als Verdächtigen fest, der Papa befreit ihn dann fachmännisch. Denn er ist eigentlich CIA-Agent und wird im nächsten Moment erschossen. Dass Bruce Willis nach 20 Minuten aus dem Film verschwindet, kann man als Herausforderung sehen. Doch Script (Scott Wiper, John Petro) und Inszenierung (Mabrouk El Mechri) meistern diese nicht.

Der ganz gewöhnliche junge Mann Will wird im Handumdrehen zum schlagkräftigen Straßenkämpfer und Agenten. Es erweist sich als Vorteil, dass er von Papa zu vielen verschiedenen Sporttrainings gezwungen wurde. Entführer geben ihm 24 Stunden um seine Familie zu retten, die amerikanische Botschaft in Madrid hilft nicht. Beim Madrid-Sightseeing gesellt sich zufällig die junge, attraktive Lucia (Veronica Echegui) hinzu. Und Carrack (Sigourney Weaver), die Frau, die den Vater stehen ließ, bietet nun ihre Hilfe an. Ist sie tatsächlich eine Ex-Kollegin vom CIA und überhaupt vertrauenswürdig?

Die auf Autopilot geschaltete Action-Routine wird zwischendurch von psychologischen Manipulationsversuchen durch Weavers knallharten Charakter unterbrochen. Doch auch sie darf bald mitballern. Ein leichtes Spiel für die Alien-Veteranin. Ihr „tougher" Look liegt zur Hälfte an der Sonnenbrille gegen den endlos klaren Himmel in der spanischen Metropole. Das „kalte Licht" des Titels ist allerdings überraschend selten zu sehen, denn viel spielt sich nachts oder in Parkhäusern ab. Regisseur Mabrouk El Mechri erinnert in seinem dritten Kinofilm gar nicht an den originellen Vorgänger „JCVD", einem postmodernen Spiel mit der Prügel-Pommes Jean-Claude Van Damme als Jean-Claude Van Damme.

Dass ein Amateur mal eben den CIA aufmischt, ist ebenso hanebüchen wie das ganze Prügeln, Schießen und Morden in Postkarten-Settings. Unerlässlich wie ermüdend auch die aufgesetzte Kritik an US-Außenpolitik und Geheimdiensten. Doch hier kann sich Kritik nur wiederholen, weil sich diese Actionfilme wiederholen. Austauschbar, auch wenn jedes Mal ein paar Gesichter und Orte ausgetauscht werden.

The Cold Light of Day

USA 2012 (The Cold Light of Day) Regie: Mabrouk El Mechri mit Henry Cavill, Bruce Willis, Sigourney Weaver, Joseph Mawle 93 Min.

Beim Familientreffen auf der Jacht des Vaters Martin (Bruce Willis) in reizender Umgebung herrscht Distanz - relativ subtil ausgedrückt im Bild. Und ruppig im rauen Ton, den Kommandos, den abfälligen Blicken des nicht väterlichen Skippers. Doch weder das und noch die schwierige Kindheit in vielen Ländern spielt eine Rolle, als Will Shaw (Henry Cavill) nach einem Landgang zurückkehrt: Die Familie ist verschwunden, Polizisten nehmen ihn als Verdächtigen fest, der Papa befreit ihn dann fachmännisch. Denn er ist eigentlich CIA-Agent und wird im nächsten Moment erschossen. Dass Bruce Willis nach 20 Minuten aus dem Film verschwindet, kann man als Herausforderung sehen. Doch Script (Scott Wiper, John Petro) und Inszenierung (Mabrouk El Mechri) meistern diese nicht.

Der ganz gewöhnliche junge Mann Will wird im Handumdrehen zum schlagkräftigen Straßenkämpfer und Agenten. Es erweist sich als Vorteil, dass er von Papa zu vielen verschiedenen Sporttrainings gezwungen wurde. Entführer geben ihm 24 Stunden um seine Familie zu retten, die amerikanische Botschaft in Madrid hilft nicht. Beim Madrid-Sightseeing gesellt sich zufällig die junge, attraktive Lucia (Veronica Echegui) hinzu. Und Carrack (Sigourney Weaver), die Frau, die den Vater stehen ließ, bietet nun ihre Hilfe an. Ist sie tatsächlich eine Ex-Kollegin vom CIA und überhaupt vertrauenswürdig?

Die auf Autopilot geschaltete Action-Routine wird zwischendurch von psychologischen Manipulationsversuchen durch Weavers knallharten Charakter unterbrochen. Doch auch sie darf bald mitballern. Ein leichtes Spiel für die Alien-Veteranin. Ihr „tougher" Look liegt zur Hälfte an der Sonnenbrille gegen den endlos klaren Himmel in der spanischen Metropole. Das „kalte Licht" des Titels ist allerdings überraschend selten zu sehen, denn viel spielt sich nachts oder in Parkhäusern ab. Regisseur Mabrouk El Mechri erinnert in seinem dritten Kinofilm gar nicht an den originellen Vorgänger „JCVD", einem postmodernen Spiel mit der Prügel-Pommes Jean-Claude Van Damme als Jean-Claude Van Damme.

Dass ein Amateur mal eben den CIA aufmischt, ist ebenso hanebüchen wie das ganze Prügeln, Schießen und Morden in Postkarten-Settings. Unerlässlich wie ermüdend auch die aufgesetzte Kritik an US-Außenpolitik und Geheimdiensten. Doch hier kann sich Kritik nur wiederholen, weil sich diese Actionfilme wiederholen. Austauschbar, auch wenn jedes Mal ein paar Gesichter und Orte ausgetauscht werden.

50/50

USA 2011 (Regie: Jonathan Levine) mit Joseph Gordon-Levitt, Seth Rogen, Anna Kendrick, Bryce Dallas Howard 100 Min. FSK: ab 12

Da kann man noch so vorsichtig sein, gesund leben, an der Ampel stehenbleiben, auch wenn meilenweit kein Auto zu sehen ist, die Krebs-Diagnose überfährt den 27-jährigen Adam Lerner (Joseph Gordon-Levitt aus „(500) Days Of Summer") trotzdem. Ein furchtbarer Arzt sagt es ihm, eigentlich nicht ihm, sondern seinem Aufnahmegerät, auf eine extrem unpersönliche Weise: Irgendwas mit vielen Silben und die Überlebens-Chancen sind nicht besonders groß. Viele Silben sei toll, wird später ein älterer Leidensgenosse bei einer sehr lustigen Gruppen-Chemo mit Haschkeksen erwähnen. Adam, ein junger Radioreporter, der sich nie wehrt und viel gefallen lässt, erlebt auch weiterhin nur witzige Figuren, die überhaupt nicht mit seiner Krankheit umgehen können. Die untreue, verlogene Künstler-Freundin Rachael (Bryce Dallas Howard), die sich sowieso schon distanziert verhält, besorgt ihm einen verrenteten Windhund für den Heilungsprozess. Kyle (Seth Rogen), der beste Kumpel, organisiert eine peinlich frühe Abschiedsparty in der Redaktion. Jeder umarmt Adam oder klopft ihm auf die Schulter, selbst die Therapeutin Katherine (Anna Kendrick) verrenkt sich dauernd für ein beruhigendes Tätscheln des Arms.

Dass ausgerechnet der ordnungsliebende Adam mit dieser chaotischen Anfängerin zusammenkommen wird, ist dabei ebenso vorhersehbar wie das klärende Gespräch mit der hilflos dominanten Mutter (Anjelica Huston). Herzlich authentisch bleibt nur Kumpel Kyle - er sagt weiterhin immer das Falsche und nutzt die Krankheit aus, um Frauen über die Mitleidsschiene ins Bett zu bekommen. Der komische - auch im Sinne von witzig - Freund will erstmal ein Ultraschallbild vom Krebs sehen und erwähnt Patrick Swayze als Beispiel dafür, dass man die Krankheit überleben könne.

So steht vor allem Seth Rogen als meist unappetitlich runde Galionsfigur der Judd Apatow-Filme für den oft Marihuana-verräucherten Humor des Überlebens-Films, der genauso ein nettes Buddy-Movie ist. Trotz der durchgehend guten Besetzung fast aller Figuren reagieren sie vorhersehbar klischeehaft. Nun entstehen Klischees zwar durch komprimierte Erfahrung, ob hier die autobiographischen Krankheits-Erlebnisse des Autors Will Reiser stärker wirkten als Drehbuch-Routinen Hollywoods, ist zweifelhaft. Da reklamierte in der letzten Kinowoche „Das Leben gehört uns" doch stärker das richtige Leben für sich. Auch Andreas Dresens „Halt auf freier Strecke" kommt passend nach den Erfolgen beim Deutschen Filmpreis 2012 wieder in die Kinos und konfrontiert sehr trocken realistisch mit der Krankheit Krebs. In dem Beschäftigen und Nicht-Verdrängen liegt auch der besondere Wert all dieser Filme, egal ob nüchtern oder unterhaltsam rührend.