19.2.08
Sweeney Todd
USA 2007 (Sweeney Todd - The Demon Barber of Fleet Street) Regie: Tim Burton mit Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Alan Rickman 116 Min. FSK: ab 16
Noch nie wurde Blut so schön gezeichnet. So süß und bitter dieser Saft, so auch die Moritat des betrogenen und nach Rache dürstenden Barbiers von London – grandios gespielt von Johnny Depp. Das neuerliche Meisterwerk Tim Burtons („Nightmare before Christmas“) steigert die melodramatische Geschichte aus dem düsteren 19.Jahrhundert mit Gesang: Schaurig schön!
Bitter, dieser Blick auf London: Nach 15 Jahren unschuldiger Haft und Verbannung kehrt Sweeney Todd (Johnny Depp) zurück, um zu erfahren, dass sich sein große Liebe vergiftet hat und das gemeinsame Kind Johanna in den Händen des rechtlosen Richters Turpin (Alan Rickman) ist, der Todds Glück vernichtete. Zusammen mit seiner alten Vermieterin Mrs. Lovett schmiedet der Barbier Todd einen Racheplan, der gleichzeitig die Fleischpasteten der Köchin Lovett lieblich füllt. Doch nicht nur die Liebe eines naiven Jungen zu der gefangenen Johanna sorgt für Überraschungen...
Johnny Depp macht wieder den Frisör. Aber im Gegensatz zu „Edward mit den Scherenhänden“, dem ersten von mittlerweile sechs gemeinsamen Filmen mit Burton, erweitert diesmal nur ein Rasiermesser den menschlichen Arm. Nur? “Sweeney Todd” macht das Rasieren, Barbieren und Halsabschneiden zu einer Kunst und bringt diese gleich zu höchster Vollendung. Stilisiert in einer Geste des Körpers richtet sich alles auf die messerscharfe Rache aus. Aus den düsteren Bildern weist allein die helle Spiegelung der Klinge ins Licht.
Nur wer keine Gänsehaut bekommt, wenn in einer dieser klassischen Kinomomente das Rasiermesser gewetzt wird, bleibt vom Schauer der Szenen unberührt, in denen mehr als einmal das Leben auf Messers Schneide steht. Hinzu kommt jetzt noch Gesang! Duette zwischen Sweeney und seiner herrlich düsteren Vermieterin (Helena Bonham Carter als Gothic-Ikone) - ganz wunderbar, auch dies Gänsehaut-Material. Aber erst wenn der noch unwissende Richter Turpin unter der Klinge von Sweeney liegt und beide gemeinsam die Vorzüge schöner Frauen besingen, steigern sich Spannung, Schauspiel, Bild- und Tonkunst zu einem unvergleichliche Genuss.
Ein Horror-Musical vom Feinsten: Wie in einem besonders außergewöhnlichen Leben folgt ein Höhepunkt dem nächsten. Immer wieder schwillt ein Lied an, Lippen verschenken Leidenschaft, Schönheit zeigt sich in ihrer ganzen Pracht, die Gefühle explodieren sinnlich und laut. Tim Burton fand in dem Musical von Stephen Sondheim eine ideale Vorlage.
Bei Depp stimmt auch die Stimme, der Londoner Dialekt lässt ihn reizvoll wie den frühen, rauen Bowie klingen. Die Nebenrollen wurden äußerst exquisit besetzt: Rickman als eiskalter Richter, Timothy Spall als schleimiger Assistent Beadle und Sacha Baron „Borat“ Cohen als eitler Italiener Pirelli.
Welch ein weiter Weg von Musicals wie den „Regenschirmen von Cherbourg“, bei dem das Grauen - etwa der Algerien-Krieg als Grund des Trennungsschmerzes - nur angedeutet bleibt. Hier spritzt das Blut wie die Springbrunnen in anderen Singspielen. Denn von Tim Burton darf man niemals nur Liebliches erwarten: Das Märchen um “Edward mit den Scherenhänden” zerriss ebenso den Schleier hässlicher ausgrenzender Bürgerlichkeit wie die Herzen. Der Stopp-Trick “Nightmare before Christmas” verband Horror mit Kitsch und versorgt die Gothic-Szene immer noch mit niedlichen Totenköpfen auf Taschen und Jacken. Seine “Corpse Bride” brachte als Brautgeschenk die schauerlich-schöne Romantik einer verwesenden Vermählten mit. Zwischendurch realisierte Burton noch zwei der besten “Batman”-Filme und attackierte mit “Mars Attacks!” das Zwerchfell ebenso wie den Science Fiction.
12.2.08
There Will Be Blood
USA 2007 (There Will Be Blood) Regie: Paul Thomas Anderson mit Daniel Day-Lewis, Paul Franklin Dano, Kevin J. O'Connor 158 Min. FSK: ab 12
Die Biographie eines Giganten! Das Leben des amerikanischen Ölbarons Daniel Plainview fesselt jenseits aller Erwartungen und bekannten Vorstellungen. Nach "Magnolia" und "Punch-Drunk Love" begeistert Paul Thomas Anderson erneut und ganz anders mit der freien Verfilmung des Romans "Öl!" von Upton Sinclair aus dem Jahr 1927.
Ein Mann gräbt nach Gold. Allein. Entschlossen. So entschlossen wie sich noch nie jemand in die Erde eingewühlt hat. Oder wie die Verkörperung all der Schatzsucher aller Zeiten. Dann findet Daniel Plainview (Daniel Day-Lewis) das Schwarze Gold. Kauft Land, bohrt nach Öl. Als einer seiner Arbeiter verunglückt, nimmt Daniel dessen Kind an Sohnes statt. Was sich als sehr hilfreich bei den Käufen neuer Landstriche erweist.
Mit einer erdschweren Tragik in der Musik fließt die Geschichte voran. Schon in den ersten, wortlosen Minuten ist eine ungeheure Kraft spürbar, eben wie das Beben einer explodierenden Ölquelle.
Wir erleben den Anfang des 20.Jahrhunderts, den Beginn des Ölzeitalters, einer neuen Form des Kapitalismus. Plainview tritt als Mann mit Visionen in einer ausgemergelten Gegend auf. Mit den Pumpstationen will er auch Bildung, Infrastruktur und Wohlstand ankurbeln. Der Öl-Mann als Wohltäter trifft bald auf den jungen, dämonischen Kirchenführer Eli Sunday (Paul Franklin Dano), verspricht ihm eine Prämie für dessen Kirche. Doch der Segen für die Ölquelle bleibt aus, Daniels Ziehsohn verunglückt und verliert sein Gehör. Ein Duell zwischen dem unbeugsamen Willen eines Machers, der nur an sich selbst glaubt, und einem fanatischen Christen, der nur den Glauben gelten lässt, beginnt und bestimmten die nächsten Jahrzehnte des wirtschaftlichen Aufstiegs und seelischen Niedergangs von Plainview.
Paul Anderson gelang eines der großartigen Lebens-Dramen, aus deren Bildern Urkräfte strahlen. Wie in "Days of Heaven", wie in "Citizen Kane" oder wie in George Stevens Öl-Drama "Giganten" mit James Dean und Elizabeth Taylor. Die Kamera fixiert kraftvolle Kompositionen, die zeitweise an die Kunstinstallationen eines Matthew Barney erinnern, fährt sie langsam ab und in sie hinein. Der Soundtrack von Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood wirkt mal mechanisch, mal nur organisch vibrierend ebenso eigen unvergleichlich, wie der gesamte Film.
Daniel Day-Lewis spielt wieder sensationell: Man hat dieses Gesicht schon so oft in unterschiedlichen Rollen aufgesogen, bei "Mein linker Fuß", als "The Boxer" oder Anführer der "Gangs von New York". Eigentlich müsste man es ja kennen. Doch den Menschen und den Unmenschen Daniel Plainview lernt man ganz neu kennen und kommt aus dem Staunen nie heraus in diesem gigantischen Film.
Das Waisenhaus
Mexiko, Spanien 2007 (El Orfanato) Regie: J.A. Bayona mit Belén Rueda, Fernando Cayo, Roger Príncep 105 Min. FSK: ab 12
Schon eine verrückte und naive Idee, ausgerechnet in das ehemalige Waisenhaus zu ziehen, in dem sie aufgewachsen ist. Aber Laura ist mittlerweile glücklich verheiratet und liebt ihr Adoptivkind Simón. Der redet seit dem Umzug aber nicht mehr nur mit seinen zwei eingebildeten Freunden, andere kommen hinzu. Als Simón verschwindet und Laura immer wieder die Anwesenheit von Eindringlingen spürt, holt sie Geisterkundige heran. Tatsächlich wird das Haus durch die Geister von Kindern bewohnt, die hier grausame Dinge erleiden mussten.
Lauras Mann, als Arzt ganz Naturwissenschaftler, glaubt nicht an Geister und verlässt Haus und Frau. Die verkündet den (Quäl-) Geistern, sie habe keine Angst und geht auf deren Spiel ein. Versteckte Gegenstände und Hinweise führen sie zu einer schrecklichen Entdeckung.
Nicht der Holzhammer-Schrecken, sondern sanfter Grusel in der Form von "The Others" sorgt im "Waisenhaus" für Spannung. Ein tödliches Kinderspiel läuft zwischen Lebendigen und Toten, mit Laura mittendrin, ohne dass sie die Regeln kennt. Das hat etwas vom "Hospital der Geister" des Lars von Trier, sorgt für reizvollen Schauer, aber auch nicht mehr.
Der mexikanische Jung-Meister Guillermo Del Toro produzierte, aber anders als bei seinen eigenen Filmen "El Espinazo del diablo" und "Pans Labyrinth" fehlt dem Erstling von J.A. Bayona der historische Hintergrund, der dem Schrecken eine weitere Ebene gab. So war im ersten ein entlegenes Waisenhaus gleichzeitig Bollwerk und Schreckensstätte des Franco-Faschismus. Und die märchenhaften Verführungen Pans boten einer Halbwaise eine traumhafte Flucht vor dem realen Terror der Frankisten. Nun ist es ein Spiel, ein tödliches, ein reizvolles. Dabei belegt "Das Waisenhaus" erneut den exzellenten Umgang der Thriller- und Horror-Genres in Spanien, wo der Film alle Kassenrekorde schlug.
27 Dresses
USA 2008 (27 Dresses) Regie: Anne Fletcher mit Katherine Heigl, James Marsden, Malin Akerman 110 Min. FSK: o.A.
In einem nicht wirklich existenziellen Streitgespräch zwischen Redakteurin und Autor geht es darum, dass die Anzeigenkunden lieber schöne Hochzeitskleider als kritische Bemerkungen zur dreisten Geschäftemacherei um Heiraten sehen wollen. Ähnliche Diskussionen führen in Filmproduktionen genau zu so netten und "schönen" Romantischen Komödien wie "27 Dresses". Zum Glück gibt es freie Filmpresse ...
Da kann man sagen, dass "27 Dresses" ein ganz netter Film um die ewige Brautjungfer Jane (Katherine Heigl) ist. Sie heiratet für ihr Leben gerne - leider nur als Organisatorin für andere. So brachte sie es auf eine stattliche Sammlung von 27 mehr oder weniger schönen Braut(jungfer)kleidern. Dabei arbeitet sie im Büro schon für ihren Traummann George. Doch der fährt voll auf die dämliche und hinterhältige Schwester Jane ab. Jane hingegen wird vom frechen Journalisten Kevin verfolgt. Will der etwa mehr als ihre Hilfe für einen guten Text?
Überraschende Wendungen, scharf geschliffene Dialoge, klare Durchblicke zum Thema Hochzeit, ungeahnte Einsichten ... gibt es in dem Filmchen nach dem Buch von Aline Brosh McKenna ("Der Teufel trägt Prada") selbstverständlich nicht. Dafür ein sicheres Happy End, nette Gesichter und schön viel Hochzeiten zum Schwärmen.
John Rambo
USA 2007 (John Rambo) Regie: Sylvester Stallone mit Sylvester Stallone, Julie Benz, Matthew Marsden 92 Min. FSK: k.J.
Den jüngeren Lesern muss man an dieser Stelle vielleicht erklären: Rambo ist nicht die amerikanische Schreibweise des bekannten und beliebten französischen Dichters Arthur Rimbaud. Es handelt sich vielmehr um eine längst vergessene, archaische Figur des Gewalt-Kinos. Rambo rückte in bislang drei Filme mit reichlich Dickschädel und Waffengewalt Weltpolitik im Sinne der gesund beschränkten Volksmeinung zurecht. Bei amerikanischen Hinterwäldlern setzte er seine mit US-Steuergeldern antrainierten Vietnam-Kampftechniken ein. Dann entsorgte er die historischen Reste des Vietnamkrieges, bevor er die Russen aus Afghanistan verjagte. Alles wirkte schon damals recht vorgestrig.
Jetzt ist das Timing gelungen. Raubte in der vergangenen Kinowoche mit "Charlie Wilson" ausgerechnet ein Politiker Rambo die Ehre, Afghanistan von den Russen befreit zu haben, besetzt der Senioren-Kämpfer nun eigenhändig den Norden Burmas, um dem unterdrückten Bergvolk der Karen und ein paar dämlichen Westlern beizustehen. (Den eigenmächtig angeeigneten Eigennamen des Landes Myanmar wollen wir gar nicht erst in simple Spielfilmchen bringen.)
Wieder will der Rammbock der Filmgeschichte mit dem Kopf durch die Wand des Dschungel-Gefängnisses. Damit die Gewaltorgie auch berechtigt und ohne schlechtes Gewissen losbrechen kann, müssen vorher die Schurken ganz extrem brutal morden, foltern und vergewaltigen. Die Schraube der Gewalt dreht hier durch - auch dieser Film erhält keine Jugendfreigabe.
11.2.08
Preis der deutschen Filmkritik f=?ISO-8859-1?B?/A==?=r Dieter Schleip
Berlin. Gestern Abend wurden am Potsdamer Platz im Rahmen der Berlinale die Preise der Deutschen Filmkritik feierlich vergeben. Bereits zum dritten Male erhielt Dieter Schleip den Preis der deutschen Filmkritik für die Beste Filmmusik des Jahres. Und morgen kann der aus Aachen stammende Komponist in Berlin noch die Neuerscheinung einer Doppel-CD mit vielen seiner Melodien feiern.
"Ich liebe die Kritiker!" war die erste Reaktion des Komponisten, der in München für Film und Fernsehen arbeitet. Die Auszeichnung für die Beste Filmmusik des Jahres 2007 ging an den aufwändigen und ungewöhnlich groß orchestrierten Score zur Dokumentation "Die Hochstapler" von Alexander Adolph. Auch die Jury ließ sich davon überzeugen: "Der Umstand, dass ein Dokumentarfilm mit einem eigens komponierten vollorchestralen Soundtrack ausgestattet wird, ist selten genug. Darüber hinaus findet Dieter Schleip zarte, aber auch opulent-aristokratische Klänge für die vier Gentleman-Gauner, die hier offen über ihre „Profession" sprechen. Er denunziert seine Protagonisten nicht, auch wenn deren Aktivitäten oftmals am Rande der Legalität liegen. Ein charmantes Hörvergnügen, dass bestens mit dem Retro-Style des Langfilm-Debüts von Alexander Adolph korrespondiert."
Dieter Schleip wurde 1962 in Aachen geboren und lebt seit 1987 in München. Seit 1995 ist er ausschließlich als Filmkomponist tätig und schreibt vornehmlich komplexe Orchesterpartituren. Neben großen Kinofilmen komponierte er auch die Musik zu besonders anspruchsvollen, häufig preisgekrönten Fernsehfilmen.
Neben dem "Deutschen Fernsehpreis" 2003 und 2000 erhielt der immer neugierige und weiter suchende Schleip den "Preis der deutschen Filmkritik" 2002 für "Der Felsen" von Dominik Graf, der übrigens regelmäßig mit dem Ex-Aachener zusammenarbeitet. 2001 feierte die Kritik dessen Score zu "Die Einsamkeit der Krokodile" von Jobst Oetzmann.
Die enorme Wertschätzung in Fachkreisen zeigt sich auch in der liebevoll editierten Doppel-CD der verdienstvollen und qualitativ hochwertigen "Edition Filmmusik". Darin finden sich unter anderem Kompositionen aus "Liegen lernen", "Ausländer ohne Grund", "Aphrodites Nacht", "Tango zu dritt", "Die Hochzeit meines Vaters", "Kommissarin Lucas", "Der rote Kakadu", "Roula" und "Der Magier". Wobei Dieter Schleip Garant dafür ist, dass es nie wieder erkennbar im Sinne von langweilig ist. Die Reihe wird von der Fachzeitschrift fachkundig "film-dienst" begleitet und betont, dass der "aktuelle deutsche Kinofilm sich sehen- aber auch hören lassen kann: dank des Talents und der Vielseitigkeit von Filmkomponistinnen und -komponisten, die aus Filmen Hörerlebnisse machen." Besonders schön auch das 16-seitige Booklet mit Biographie und Infos zu allen Filmen.
Rede-Rhapsody in Hellblau
Mitte der Woche mit Robert de Niro bei der Goldenen Kamera diniert, am Vorabend auf dem Roten Teppich der Berlinale und dann auf dem roten Teppich der Bühne im alten Kurhaus: Martina Gedeck führt auch abseits des Sets ein bewegtes Leben. Die Schauspielerin las in "Rhapsody in Blue" fiktive Erinnerungen an George Gershwin vor, während der Pianist Sebastian Knauer den Künstler selbst über seine Kompositionen aufleben ließ. Die Weltpremiere in der Reihe "Wort trifft Musik" fand ein begeistertes Publikum.
22. September 1945. George Gershwin ist seit mehr als acht Jahren tot und "Rhapsody in Blue", ein Film über sein Leben, feierte gerade Premiere. Georges jüngere Schwester Frances erinnert sich schön chronologisch an Leben und Karriere des amerikanischen Ausnahme-Komponisten und Pianisten. Mit einem dieser modernen Mikrophone klobig um den Kopf gezwängt, mit High Heels zum schwarzen Kleid, betritt Martina Gedeck als Frances die Bühne, summt eine Gershwin-Melodie und spielt Trauer. Als das erste Stückchen Biografie rezitiert ist, hat der Pianist Sebastian Knauer seinen Einsatz. Er spielt kurz Gershwin-Hits an, erinnert mit Klavier-Versionen an Standards wie "Summertime". Dabei gibt es viel Gelegenheit zum "Star schauen".
Martina Gedeck machte sich in "Der Zeit" Gedanken zum Wesen der Diva, ist aber selbst viel zu bodenständig um diese Aura zu berühren. Auf den Bildern berühmter Fotografen wie Jim Rakete schlüpft sie in ebenso viele unterschiedliche Personen wie auf der Bühne und vor der Kamera. Für ihre Rolle der "Bella Martha" erhielt Martina Gedeck den Deutschen Filmpreis in Gold. Bei den "Bayerischen Filmpreisen" gab es im vergangenen Jahr den mit 10.000 Euro dotierten Darstellerpreis für ihre Rolle in dem Film "Meine schöne Bescherung". Aber vor allem in Florian Henckel von Donnersmarcks Oscar-prämierten Film "Das Leben der Anderen" beeindruckte sie nachhaltig. Gerade hat Martina Gedeck die Bernd Eichinger-Produktion "Der Baader Meinhof Komplex" abgedreht, der am 25. September in die Kinos kommen wird. Vorher ist sie noch als die Pianistin "Clara Schumann" zu erleben. Und im August kann man sie bei den Salzburger Festspielen in der Titelrolle von "Harper Regan" sehen.
Bei der Rede-Rhapsody mimiert die Gedeck minimal. Kuckt sie so traurig, weil Frances ihren Bruder vermisst oder weil sie sich unterfordert langweilt? Als Sebastian Knauer mit der abschließend virtuos gespielten "Rhapsody in Blue" den Saal begeistert, fragt man sich, weshalb so ein eindrucksvoller Pianist durch literarisch uninteressante Wortbeiträge unterbrochen wurde. Doch die Texte stammen von Sebastians Vater Wolfgang Knauer und Junior scheint es zu gefallen: Er hat mittlerweile ein ganzes Repertoire solcher Lese-Spiel-Abende aufgebaut. "Rhapsody in Blue" bietet seine Agentur alternativ auch mit Gudrun Landgrebe oder Hannelore Elsner an. Wie sehr dieses Konzept den Zeitgeist trifft, bewies erneut die sehr erfolgreiche Veranstaltung im Alten Kurhaus - alle 300 Plätze waren ausverkauft.
6.2.08
Berlinale Er=?UTF-7?B?K0FQWS0=?=ffnung
Berlin. Heldenverehrung ist angesagt: Nicht nur, weil die Rentnerband Rolling Stones auf der Leinwand und dem Roten Teppich heute Abend die Berlinale eröffnen werden. Zahlreiche Helden aus Entertainment und Politik werden ihnen in den Berlinale-Palast voran gehen, wenn Ex-Ehrensenf-Frontfrau Katrin Bauerfeind die Gala moderiert und die Pop-Rock Band „Wir sind Helden" musiziert. Ein festlicher Auftakt vor den zehn Filmfeiertagen mit mehr als 400 Beiträgen aus aller Welt.
Berlinale-Direktor Dieter Kosslick eröffnet das größte deutsche Filmereignis gemeinsam mit Kulturstaatsminister Bernd Neumann, dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, und dem Jury-Präsidenten Costa-Gavras. Zwischen Mario Adorf, Fatih Akin, Daniel Brühl, Hannelore Elsner, Heike Makatsch, Neil Young und vielen anderen wird der Normalbürger keinen Platz finden, doch dafür bekommt er am Roten Teppich am Potsdamer Platz besonders viel zu sehen. Direkt um die Ecke kann er sich dann in die lange Schlange vor dem Kartenvorverkauf einreihen - Berlin ist neben Wettbewerb, Filmmarkt und Branchentreff auch ein vitales Publikumsfestival. Und wenn man sie auf den Straßen vergeblich sucht, in den ersten Reihen der Abendgalas hat sich die Berliner Schnauze einen Platz reserviert. Es wird sie besonders freuen, wenn in den nächsten Tagen jeweils eine Berlinale-Kamera an die sehr volksnahen Karlheinz Böhm und Otto Sander geht.
Michael Schmid-Ospach, Leiter der Filmstiftung NRW, findet es kurz vor Abreise aus Düsseldorf an die Spree nicht dramatisch, dass sein Vorgänger und aktueller Berlinale-Chef Dieter Kosslick nur zwei deutsche Filme (Dörries "Kirschblüten", Luigi Falornis "Feuerherz") in den Wettbewerb holte und keiner von ihnen in NRW gefördert wurde: "Wir freuen uns auf die Berlinale, weil wir im eigentlichen Bereich, in den Reihen, in denen junge Filme präsentiert werden, besonders stark sind. Hier werden Schicksale von Filmemachern entschieden."
Ein besonderer Clou der Berlinale und eine immer beliebtere Insel in ihr ist der "Talent Campus" im Haus der Kulturen der Welt, mitten im Tiergarten: Hier finden sich junge Filmemacher aus aller Welt zusammen, die ihr Projekt im Internet vorstellten und planten, um es unter prominenter Begleitung in den zehn Tagen zu realisieren. So zieht sich ein Festival seinen eigenen Nachschub heran und wer hier so groß wurde, will vielleicht in ein paar Jahren sein Meisterwerk gar nicht unbedingt in Cannes zeigen.
Und auch der Lokalpatriotismus hat was zum Schauen: Gerade frisch beim Max Ophüls-Festival mit dem Darstellerpreis prämiert, zeigt "Nichts geht mehr" auf der Berlinale einen humorvoll erzählten Bruderkonflikt. Regisseur Florian Mischa Böder inszenierte am Theater Aachen 2005/2006 "Die Rote Zora und ihre Bande" sowie 2006/2007 "Das Wirtshaus im Spessart". Produzent Peter Kreutz (Aquafilm, Köln) studierte in Aachen und fasst für einen zukünftigen Film die alte Heimat als Drehort ins Auge. Und man soll sich auch nicht den Bären aufbinden lassen, in Berlin gäbe es nur Bären in Gold zu gewinnen. Die sind auch mal aus Glas für den Kinderfilm oder aus Teddy für das Beste Schwul-Lebische. Dazu kommt eine unübersehbare Anzahl weiterer Auszeichnung. Im Rennen um die Beste Filmmusik des Jahres 2007 ist übrigens ein weiterer Ex-Aachener: Dieter Schleip ist für "Hochstapler" nominiert. Wobei wieder einer jüngere Musik macht, als die Herren des Eröffnungsfilms "Shine the Light" - aber das ist auch nicht schwer, denn Martin Scorsese porträtierte darin ja bekanntlich die Rolling Stones.
5.2.08
Der Jane Austen Club
USA 2007 (The Jane Austen Book Club) Regie: Robin Swicord mit Kathy Baker, Maria Bello, Emily Blunt 105 Min. FSK: o.A.
Auf der Skala der verständnisvoll bloßgestellten Männer dieses Films muss sich der Kritiker beim Nur-Austen-Verfilmungs-Kenner einordnen. Männer haben von Gefühlen grundsätzlich keine Ahnung und lesen deswegen nicht Jane Austen - Ausnahmen machen besonders viel Spaß. Unter dieser Grundvoraussetzung finden sich fünf Frauen aus Sacramento zu einem Lese- und Leidenszirkel ein, um die sechs Romane zu besprechen, die von der Engländerin Jane Austen bis zu ihrem Tode 1817, im Alter von gerade mal 41, geschrieben wurden.
Da Sylvia (Amy Brenneman) nach 32 Jahren Ehe kürzlich von ihrem Mann Daniel (Jimmy Smits) für eine ältere Frau verlassen wurde, holt die Hundeliebhaberin Jocelyn (Maria Bello) noch den knackigen Grigg (Hugh Dancy) in den Kreis. Sylvias heißblütige und lesbische Tochter Allegra (Maggie Grace) stürzt sich gerade wieder in eine neue stürmische Affäre. Die freundliche Bernadette (Kathy Baker), weise lächelnde Übermutter des Lesezirkels, glaubt für die siebte Hochzeit reif zu sein. Die sich europäisch intellektuell gebende Lehrerin Prudie (Emily Blunt) macht ihrem Namen Ehre, träumt aber von der Affäre mit einem Schüler. Denn ihr Gatte sagt den Trip nach Paris für ein Football-Spiel ab. Reichlich unbefangen und unbelesen kommt der nette Grigg hinzu und tauscht seine bevorzugte Science-Fiction-Literatur gegen einen dicken Austen-Schinken.
In der Folge spiegeln sich in den Austen-Romanen wie "Verstand und Gefühl", "Sinn und Sinnlichkeit" oder "Stolz und Vorurteil" die Schicksale der Leserinnen. Die Dramen unerfüllter Liebe drohen sich zu wiederholen...
Jane Austen bleibt populär - auch im Kino. Im Herbst erst erzählte uns die Biografie "Geliebte Jane" ("Becoming Jane") von den ersten Liebesjahren der Autorin. Doch liegt es am Geschlecht, dass man sich mit dem "Jane Austen Club" schwer tut? Oder hat es sich die erfolgreiche Autorin Robin Swicord ("Die Geisha", "Betty und ihre Schwestern") in ihrer ersten Regie zu einfach gemacht? Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Karen Joy Fowler kann sich nie von Look und Gefühl einer TV-Serie lösen. Zu klischeehaft wirken die Liebes- und Leid-Episoden der fünf Frauen, die literarischen Bezüge erscheinen platt und oberflächlich. Zu wenig Eigenes lässt sie im gepflegten Bilderreigen uninteressant wirken. Kein Vergleich zu anderen Duetten zwischen Literatur und Film, "The Hours" etwa. Vielleicht liegt ja gerade der Erfolg von Jane Austen darin, recht allgemeingültige Gefühlsverstrickungen geschildert zu haben. Aber der heutigen Autorin und Regisseurin obliegt es, auch in der x-ten Variante noch Interesse für diese Wirrungen und Irrungen, diese Kämpfe mit gesellschaftlichen Normen und Blicken zu wecken.
Auf der Skala der verständnisvoll bloßgestellten Männer dieses Films muss sich der Kritiker beim Nur-Austen-Verfilmungs-Kenner einordnen. Männer haben von Gefühlen grundsätzlich keine Ahnung und lesen deswegen nicht Jane Austen - Ausnahmen machen besonders viel Spaß. Unter dieser Grundvoraussetzung finden sich fünf Frauen aus Sacramento zu einem Lese- und Leidenszirkel ein, um die sechs Romane zu besprechen, die von der Engländerin Jane Austen bis zu ihrem Tode 1817, im Alter von gerade mal 41, geschrieben wurden.
Da Sylvia (Amy Brenneman) nach 32 Jahren Ehe kürzlich von ihrem Mann Daniel (Jimmy Smits) für eine ältere Frau verlassen wurde, holt die Hundeliebhaberin Jocelyn (Maria Bello) noch den knackigen Grigg (Hugh Dancy) in den Kreis. Sylvias heißblütige und lesbische Tochter Allegra (Maggie Grace) stürzt sich gerade wieder in eine neue stürmische Affäre. Die freundliche Bernadette (Kathy Baker), weise lächelnde Übermutter des Lesezirkels, glaubt für die siebte Hochzeit reif zu sein. Die sich europäisch intellektuell gebende Lehrerin Prudie (Emily Blunt) macht ihrem Namen Ehre, träumt aber von der Affäre mit einem Schüler. Denn ihr Gatte sagt den Trip nach Paris für ein Football-Spiel ab. Reichlich unbefangen und unbelesen kommt der nette Grigg hinzu und tauscht seine bevorzugte Science-Fiction-Literatur gegen einen dicken Austen-Schinken.
In der Folge spiegeln sich in den Austen-Romanen wie "Verstand und Gefühl", "Sinn und Sinnlichkeit" oder "Stolz und Vorurteil" die Schicksale der Leserinnen. Die Dramen unerfüllter Liebe drohen sich zu wiederholen...
Jane Austen bleibt populär - auch im Kino. Im Herbst erst erzählte uns die Biografie "Geliebte Jane" ("Becoming Jane") von den ersten Liebesjahren der Autorin. Doch liegt es am Geschlecht, dass man sich mit dem "Jane Austen Club" schwer tut? Oder hat es sich die erfolgreiche Autorin Robin Swicord ("Die Geisha", "Betty und ihre Schwestern") in ihrer ersten Regie zu einfach gemacht? Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Karen Joy Fowler kann sich nie von Look und Gefühl einer TV-Serie lösen. Zu klischeehaft wirken die Liebes- und Leid-Episoden der fünf Frauen, die literarischen Bezüge erscheinen platt und oberflächlich. Zu wenig Eigenes lässt sie im gepflegten Bilderreigen uninteressant wirken. Kein Vergleich zu anderen Duetten zwischen Literatur und Film, "The Hours" etwa. Vielleicht liegt ja gerade der Erfolg von Jane Austen darin, recht allgemeingültige Gefühlsverstrickungen geschildert zu haben. Aber der heutigen Autorin und Regisseurin obliegt es, auch in der x-ten Variante noch Interesse für diese Wirrungen und Irrungen, diese Kämpfe mit gesellschaftlichen Normen und Blicken zu wecken.
4.2.08
Der Krieg des Charlie Wilson
USA 2007 (Charlie Wilson's War) Regie: Mike Nichols mit Tom Hanks, Philip Seymour Hoffman, Julia Roberts 102 Min. FSK: ab 12
Oscar-Rambo
Zuerst muss gesagt werden, dass einen dieser Krieg nicht sonderlich zu interessieren braucht: "Der Krieg des Charlie Wilson" ist so eine uramerikanische Geschichte wie Highschool-Football oder Springbrake. Der 75-jährige Routinier Mike Nichols ("Mit den Waffen der Frauen", "Die Farben der Macht", "Wolf") legte eine zahnlose Heldenverehrung hin. Dass diese naive Politgeschichte Satire sein soll, kann man nur im Presseheft erfahren. In einer Reihe von durchaus kritischen Großproduktionen ("Syriana", "A good shepherd", "Lord of War") stellt diese Hochglanz-Lüge einen Rückschlag dar.
Charlie Wilson (Tom Hanks) ist Kongressabgeordneter und Lebemann. Sein Vorzimmer sieht aus wie eine Modell-Agentur, den Sitz im Ethik-Ausschuss sieht er als Witz an und sein politisches Engagement für Afghanistan erhebt sich ausgerechnet im Whirlpool mit ein paar Stripperinnen. Doch dann legt er - angestachelt durch die Verführungskünste der resoluten erzkonservativen Lobbyistin Joanne Herring (Julia Roberts) - richtig los und lässt den CIA-Etat für Afghanistan von 5 auf 500 Millionen wachsen! Alles nur, um Anfang der achtziger Jahre den afghanischen Mudschaheddin Waffen zu besorgen, mit denen sie sowjetische Hubschrauber und Flugzeuge abschießen können. Dabei hilft ihm kongenial der unkonventionelle CIA-Agent Gust Avrakotos (Philip Seymour Hoffman). Letztendlich geht der Plan auf, die Sowjets ziehen nach vielen Kriegsjahren ab.
Dieser aufwändig und mit vielen Schauwerten produzierte Hollywood-Film, basierend auf der realen Geschichte des realen Charlie Wilson, macht im Prinzip nichts anderes als die Rambo-Filme: Politische Zusammenhänge dreist verkürzen und ziemlich vorteilhaft für die USA verdrehen. Zwar weiß der Kokser Wilson, wo Afghanistan liegt und selbst, wie die Nachbarländer heißen. Doch die Gutmenschen-Rührszenen in pakistanischen Flüchtlingslagern sind unerträglich verlogen: Wenn dem US-Politiker das Leid der Minenopfer - oft Kinder - so rührte, sollte er mit seiner Regierung einen Bann dieser Waffen vorantreiben und nicht noch mehr Munition in den brutalen Krieg einbringen.
Nur am Ende hängt Nichols eine bittere Note - oder ein Feigenblatt an: Nachdem Charlie Wilson seinen Krieg gewonnen, also fast ganz allein die Rote Armee besiegt hat, sieht er dank Nachhilfe von Gust Avrakotos ein, dass jetzt "der Frieden gewonnen" werden muss. Mit Schulen und Aufbauhilfe für Afghanistan. Das würde zwar nur ein Bruchteil der Millionen kosten, die in Waffen investiert wurde, aber trotzdem findet sich keine Mehrheit im Kongress. Weil der zu großen Teilen durch die Waffeindustrie finanziert wird? Dann doch lieber direkt den Rentner-Rambo schauen, der nächste Woche anläuft. Der ist ehrlicher verlogen.
30.1.08
Die Band von nebenan
Die Band von nebenan
Frankreich, Israel 2007 (The Band's Visit / Bikur hatizmoret) Regie: Eran Kolirin mit Sasson Gabai, Ronit Elkabetz, Khalifa Natour 88 Min. FSK: o.A.
Es hat schon bei der Ankunft einen ganz besonderen Charme, dieses Polizeiorchester von der traurigen Gestalt. Die Städtische Polizeicombo von Alexandria sieht reichlich verloren aus am israelischen Flughafen. Nicht nur weil niemand sie abholt, auch weil es hier gar Arabisches Kulturzentrum gibt, eigentlich "überhaupt keine Kultur", wie die Imbiss-Wirtin Dina bitter spöttisch bemerkt. So ziehen die acht Musiker mit ihren Trolleys und verschiedenen Instrumenten auf Rollen durch die öde Gegend und lassen an Kaurismäki und andere trockene Humoristen denken.
Dabei herrschte schon ohne dieses Chaos Krisenstimmung, denn die Band wird auch zuhause nicht mehr gebraucht. Interne Spannung verursacht nicht nur der junge Trompeter, der Chat Baker und junge Frauen liebt. In der angestaubten Rollerskate-Disco gibt er eine Lehrstunde in Sachen altmodischem Flirt und Charme. Die Völkerverständigung läuft hier nur über Englisch ab - ein beredter Beleg für die Situation im Nahen Osten. Wobei die Musik der "Summertime" ganz einfach harmonisch zusammenführt. Oder die Begeisterung für Omar Sharif und die alten ägyptischen Liebesfilme.
Der melancholisch-diktatorische Dirigent Tafik erinnert stark an Chaplin und umso reizvoller ist das Interesse Dinas an ihm. Will sie ihren verheirateten Liebhaber eifersüchtig machen? Neben großartigen Schauspielern mit eindrucksvoller Physiognomie präsentiert der junge Regisseur Eran Kolirin immer wieder wunderbare Tableaus, welche die Würde gebrochener Individuen ausdrücken.
Diese "Band" war Preisträger bei vielen Festivals und spielt sich in der Konfrontation von ägyptischer Tradition und israelischer Moderne in die Herzen des Publikums. Die mit Sympathie gezeichneten Figuren erzählen ganz nebenbei einiges über die Region, was man nicht in den Nachrichten erfährt.
Frankreich, Israel 2007 (The Band's Visit / Bikur hatizmoret) Regie: Eran Kolirin mit Sasson Gabai, Ronit Elkabetz, Khalifa Natour 88 Min. FSK: o.A.
Es hat schon bei der Ankunft einen ganz besonderen Charme, dieses Polizeiorchester von der traurigen Gestalt. Die Städtische Polizeicombo von Alexandria sieht reichlich verloren aus am israelischen Flughafen. Nicht nur weil niemand sie abholt, auch weil es hier gar Arabisches Kulturzentrum gibt, eigentlich "überhaupt keine Kultur", wie die Imbiss-Wirtin Dina bitter spöttisch bemerkt. So ziehen die acht Musiker mit ihren Trolleys und verschiedenen Instrumenten auf Rollen durch die öde Gegend und lassen an Kaurismäki und andere trockene Humoristen denken.
Dabei herrschte schon ohne dieses Chaos Krisenstimmung, denn die Band wird auch zuhause nicht mehr gebraucht. Interne Spannung verursacht nicht nur der junge Trompeter, der Chat Baker und junge Frauen liebt. In der angestaubten Rollerskate-Disco gibt er eine Lehrstunde in Sachen altmodischem Flirt und Charme. Die Völkerverständigung läuft hier nur über Englisch ab - ein beredter Beleg für die Situation im Nahen Osten. Wobei die Musik der "Summertime" ganz einfach harmonisch zusammenführt. Oder die Begeisterung für Omar Sharif und die alten ägyptischen Liebesfilme.
Der melancholisch-diktatorische Dirigent Tafik erinnert stark an Chaplin und umso reizvoller ist das Interesse Dinas an ihm. Will sie ihren verheirateten Liebhaber eifersüchtig machen? Neben großartigen Schauspielern mit eindrucksvoller Physiognomie präsentiert der junge Regisseur Eran Kolirin immer wieder wunderbare Tableaus, welche die Würde gebrochener Individuen ausdrücken.
Diese "Band" war Preisträger bei vielen Festivals und spielt sich in der Konfrontation von ägyptischer Tradition und israelischer Moderne in die Herzen des Publikums. Die mit Sympathie gezeichneten Figuren erzählen ganz nebenbei einiges über die Region, was man nicht in den Nachrichten erfährt.
29.1.08
In die Wildnis - Into the Wild
USA 2007 (Into the Wild) Regie: Sean Penn mit Emile Hirsch, Marcia Gay Harden, William Hurt 140 Min.
Der Traum vom Aussteigen, von der Klarheit eines ursprünglichen Lebens, gehört zum Handgepäck jedes romantischen oder auch nur halbwegs rebellischen Jugendlichen. Meistens lässt dieser Traum sich in einen Rucksack verpacken und erfüllt sich je nach Generation auf Goa oder Gomera. Mit der wahren Geschichte des Aussteigers Chris McCandless zeichnete Autor Jon Krakauer so einen idealistischen Trip nach. Schauspieler, Autor und Regisseur Sean Penn ("Das Versprechen - The Pledge", "The Crossing Guard", "The Indian Runner") verfilmte den Traum-Stoff durchaus doppelbödig: "Into the Wild" schwelgt in Naturromantik und bricht diese gleichzeitig im aufmerksamen Blick.
Schon dieses (Titel-)bild ist verwunderlich: Wie kommt ein Linienbus in die straßenlose Wildnis einer abgelegenen Ecke Alaskas? Und wie kommt dieses bärtige Jüngelchen, das Gedichte in Holz ritzt, in den rauen Winter? Der 20-jährige Student Chris (Emile Hirsch), verwöhntes Jüngelchen aus reichem Hause, will die Wahrheit finden. Er reist klassisch gen Westen, verbrennt seinen Ausweis. Der alte Datsun wird weggespült von Naturgewalten. Dann geht es den Grand Canyon runter, man besucht nette Hippies in Kalifornien, bevor der eigentliche Plan verwirklicht wird: Ab nach Alaska. Doch Alexander Supertramp, wie er sich nun nennt, flieht ebenso die Zivilisation wie den Ehekrieg seiner Eltern.
Nun lebt er allein mit seinen literarischen Helden in diesem Bus mitten im Nichts. Man vermeint, im Kino die Klarheit der Berge und der Luft zu atmen. Chris stehen Tränen in den Augen bei einer stillen Begegnung mit einem Karibu und das Publikum ist ergriffen von eindrucksvollen Naturaufnahmen. Die Songs von Eddie Vedder ("Pearl Jam") begleiten die Bilder kongenial rau ("Gesellschaft, du bist ein seltsames Gewächs. Hoffe, du fühlst dich nicht einsam ohne mich").
Doch die Kondensstreifen der Flieger am Himmel machen deutlich, dass man der Zivilisation auf dieser Welt kaum mehr entfliehen kann - zumindest nicht geographisch. Überhaupt ist das so ein Ding mit der verachteten Gesellschaft und ihren Errungenschaften. Da grillt der verleugnete Vater bei gehassten Gartenfeiern, die albernen skandinavischen Touristen braten sich einen Burger im Grand Canyon. Chris lässt dies alles zurück, um archaisch selber wieder mit dem Feuermachen anzufangen. Oder wie es ein "Freund" auf der Wanderschaft in die Wildnis bemerkte: "Wer ist denn diese Gesellschaft? Bin ich es? Oder der Typ an der Bar?"
Freund steht in Anführungszeichen, weil fraglich ist, ob Chris sie überhaupt hat? Der Super-Tramp leistet sich den Luxus der Ungebundenheit - wird dadurch von vielen Menschen an Sohnesstatt angenommen, um bald wieder weiter zu ziehen. Was für die Zurückgebliebenen sehr grausam ist, höhnisch kommentiert von Pseudo-Weisheiten wie "Man darf sein Herz nicht an die Menschen hängen. Zwei Fragen an die Menschen stechen heraus in dieser Reise zur Selbstfindung, zwei Pole: Wovor laufen sie weg? Oder: Wovor verstecken sie sich? Sean Penn entschied sich für den Mittelweg, er lässt Chris in den Bildern träumen, ohne sich naiver Romantik hinzugeben.
Cloverfield
USA 2007 (Cloverfield) Regie: Matt Reeves mit Lizzy Caplan, Jessica Lucas, T.J. Miller 85 Min. FSK: ab 12
Wer meint, Hollywoodfilme im allgemeinen und Katastrophen-Filme ganz besonders seien in den letzten Jahren eher eine Katastrophe gewesen, und wer sich für hochwertige TV-Kost wie "Lost" begeistert, wird an der neuen Kino-Katastrophe "Cloverfield" seinen Spaß haben.
Aufnahmen von einer Abschiedsparty in Manhattan wirken unspektakulär wie all die anderen Heim-Videos mit persönlichem Erinnerungswert. Eine Clique feiert und nimmt die Wünsche für den scheidenden Rob (Michael Stahl-David) auf. Ein kleiner Einblick in die Beziehungen der Gruppe reicht, Gerede über Robs Freundin Beth kommt hinzu. Kurz vor dem ersten Einschlag hört man das Leitmotiv für die weiteren Handlungen: Kümmere dich um die Leute, die dir am meisten bedeuten! Dann fällt das Licht aus, ein Erdbeben erschüttert die Hochhäuser in New York. Das Fernsehen bringt erste Spekulationen, doch schon rennen alle panisch auf die Straßen, wo der Kopf der Freiheitsstatue als Bowlingkugel missbraucht wird. Zeit für Erklärungen hat dieser Film nicht. Oder positiv gesagt: "Cloverfield" ist so unübersichtlich wie das Leben.
Denn der Film besteht nur aus verwackelten Handkamera-Aufnahmen, die Hud ziemlich talentlos schießt. Dafür ist er wie die Kamera ziemlich robust: Selbst in den wildesten Szenen vergisst er das Filmen nicht, eine helfende Hand fehlt also immer in der Not - man sollte nicht weiter drüber nachdenken. Auch nicht darüber, dass die Kamera selbst wohl ein Model "Bruce Willis" ist. Unkaputtbar machen ihr Hubschrauberabstürzen, Bombenattacken und Feuersbrünste nichts aus. Doch das sind Randerscheinungen eines erfreulich unkonventionellen Katastrophenfilms.
Ganz anders als bei üblichen Panikstreifen aus New York herrscht hier kein Hightech vor, kein digitales Trickfeuerwerk will beeindrucken. Mit vermeintlichem Understatement bleibt die hektische und verwackelte Hand-Kamera der 25 Mio.-Produktion ganz nahe bei den schreienden panischen Menschen. Dazu sieht man von den Angreifern lange nur Fragmente im Dunkeln. "Blair Witch" trifft auf "Godzilla" beschrieb die Kritik dieses Konzept treffend.
Im scheinbar dokumentarischen Videomaterial, gefunden im Katastrophengebiet "Cloverfield", ehemals bekannt als Central Park, baut sich Spannung konsequent auf der Augenhöhe der Betroffenen auf. Das wirkt und lässt beinahe vergessen, dass die Dramaturgie der Freunde, von denen einer nach dem anderen auf der Strecke bleibt, sehr klassisch ist.
Schauspielerisch ist "Cloverfield" gelungen, ohne dass Highlights auffallen würden. Die wirklichen Werte warten hinter der Kamera auf: Produzent ist der "Lost"-Macher J.J. Abrams. Der Autor Drew Goddard schrieb auch Bücher zu "Lost", "Alias" und "Buffy". Dazu kam in den USA eine sehr geschickte Werbekampagne, die wie der Film vieles nur andeutete. Da sich dabei wie bei "Blair Witch" der Reiz verliert, je mehr man über den Film weiß, sollte man ihn einfach mal sehen.
23.1.08
Leergut
Tschechische Republik 2007 (Vratne Lahve) Regie: Jan Sverák mit Zdenek Sverák, Daniela Kolárová, Tatiana Vilhelmová und Jirí Machácek, 103 Min.
Wenn ein Film gleich eine Reihe von Publikumspreisen auf großen Festivals erhielt und erfolgreichster tschechischer Film aller Zeiten wurde, braucht man eigentlich nicht mehr viel zu sagen. Außer vielleicht, dass "Leergut" umso sympathischer ist, weil er sich auf keine Erfolgsformel ausruht und die Kantigkeit seiner Hauptfigur erfolgreich die Form einer wunderbaren Komödie übernimmt.
Oscar-Preisträger Jan Sverák inszenierte (wieder mit seinem Vater Zdenek in der Hauptrolle) nach "Kolya" eine herrlich unromantische Komödie. Nachdem der alte Lehrer Josef wieder einen Schwamm über seinem schlimmsten Schüler auswrang, wird ihm klar, dass er hier aufhören muss. Doch zuhause bei seiner Frau, mit der er vierzig Jahre teilte, hält er es auch nicht aus. Er sein ein "Grüßer", und um seine Frau freudig zu begrüßen, müsse man halt vorher aus dem Haus gehen. So versucht sich Josef erst als Fahrradkurier im vereisten Prag, wobei er wohl älter ist, als alle Kollegen zusammen. Dann findet er seine Bestimmung in der Leergutannahme eines Supermarktes. Dort ist der liebenswert eigenwillige Rentner Psychologe, Verkuppler und Sozialdienst in einer Figur.
Nach der Senioren-Kinder-Geschichte "Kolya" gelang Sverák wieder ein ungemein herzlicher Film um Menschen, die man mag, weil sie einfach menschlich sind. Ohne großes Theater ist "Leergut" in seiner Bescheidenheit großartig. Wobei, wenn es im Finale abhebt, das Meisterwerk noch einmal atemberaubend wird.
My Blueberry Nights
China/USA 2007 (My Blueberry Nights) Regie: Wong Kar Wai mit Jude Law, Norah Jones, Rachel Weisz 95 Min. FSK: ab 6
In the Mood für Blaubeer-Küsse
Der Moment kurz vor der Liebe, ausgedehnt über ein ganzes Leben, oder zumindest einen schönen langen Film, mit möglichst vielen kulinarischen Szenen ... das ist Wong Kar-Wai, das ist „In the mood for love". Nur diesmal sind es nicht dampfende Nudelküchen, in denen sich erst Blicke, dann Sehnsüchte und Säume wunderbarer Stoffe streifen. Der in Kunstkino-Kreisen hoch verehrte Regisseur aus Hong Kong drehte erstmals in Englisch. So wird Elizabeth (Norah Jones) New York nach langer Beziehung verlassen, vom Imbiss ihrer verlorenen Liebe gen Westen aufbrechen - von einer Kneipe zum nächsten Restaurant. Weil sie nicht schlafen kann, macht sie gleich zwei Jobs, bis jemand sowohl in ihrem Tag- als auch im Nacht-Leben auftaucht.
Vom kalifornischen Venice Beach gehen die Erinnerungen zurück nach Coney Island, an die Ostküste. Fast ein Jahr ist es nun her, dass Elisabeth (Norah Jones) sich verzweifelt im Cafe Kluych nach ihrem Freund erkundigte. Der englische Chef Jeremy (Jude Law) erinnert sich gut an Leute, nur nie an ihre Namen, immer nur an ihr Essen. Wie die verlorene Frau, die nicht allein sein will, bald Abend für Abend zum Reden kommt und ihren Blueberry Pie, ihren Blaubeer-Kuchen mit Vanille-Eis essen wird, bleibt ihm unvergesslich ...
Das Ritual erlaubt ihnen eine ganz langsame Annäherung, lässt Trauer verfließen und die Bilder der Überwachungskamera statt alter Geschichten erzählen. Warme, gelb-grüne Töne passen zur rauchigen Stimme Elizabeths. Bald fällt sie an seiner Seite in Schlaf. Ein Rest Eis verführt zum wunderbaren, dem Schlaf und schönen Lippen geraubten Kuss. Dazwischen geschnittenes Zusammenschmelzen von Beeren, Sahne und Eis macht die reine Berührung hoch erotisch.
Im Rahmen dieser besonderen Begegnung zwischen Elizabeth und Jeremy erzählt „My Blueberry Nights" von anderen Leidenschaften auf dem Weg der Reisenden. Auch wenn der Film vor allem in dem New Yorker Cafe die großen und kleinen Gefühle in ganz große traumhafte Kinomomente umwandelt, zeigen auch die anderen gefühlvollen Geschichten schönes Kino, mit heftigen Leidenschaften, saufenden und heulenden Männern, denen verzweifelte Liebe das Genick bricht.
Ein ganzes Buch voller Geschichten erzählt eine Vase mit Schlüsseln, die Jeremy von unglücklich Verliebten zum Aufbewahren hinterlassen wurden. Er glaubt daran, dass Türen nicht für immer geschlossen bleiben. Und seine Mutter lehrte ihm, wenn er mal verloren ginge, einfach stehen zu bleiben und zu warten. Das erschwert seine Suche nach Elizabeth, die längst immer wieder anders heißt, ihrem „Freund" Postkarten schickt, aber vielleicht auch woanders Blaubeer-Kuchen isst.
Norah Jones, die als Jazz-Country-Sängerin ähnlich meinte: "Come Away with Me", hat nicht die Eleganz von Gong Li, der Göttin aus Wong Kar-Wais asiatischen Filmen. Das fällt besonders auf, wenn Rachel Weisz in einer kleineren Rolle ähnlich cool stilisiert wird. Doch der Seitenwechsel tut Wong Kar-Wai gut: Man erfreut sich an vielen bekannten Stilen, erlebt aber auch ganz neu dynamische Montagen, etwas schnellere Zeitlupen. Das gilt für Bild und Ton, den kreisenden Melodien von „Mood" gesellen sich Jones-Akkorde hinzu. Die bewegendsten Momente dieses wunderbaren Films treffen mit kurzem Flamenco-Klatschen oder mit einer Version (Nina Simone?) von Neil Youngs „Harvest Moon" auf: Because I am still in love with you ...
16.1.08
Once
Once
Irland 2006 (Once) Regie: John Carney, Musik: Glen Hansard, Markéta Irglová mit Glen Hansard, Markéta Irglová 87 Min. FSK o.A.
Ein Musical? Da klampft jemand in einer Dubliner Einkaufsstraße, am Bildrand pinkelt ein anderer in die Ecke, um bald mit den paar Münzen des Straßenmusikers abzuhauen. Das ist voll das Leben. Oder zumindest live aus diesem aufgenommen. Nix von der auch sehr schönen Künstlichkeit eines "Singing in the Rain", der "Regenschirme von Cherbourg" oder Lars von Triers "Dancer in the Dark". Kein Jacques Demy und kein Hollywood-Musical. Sympathisch, diese Eröffnung, auch weil der Musiker (Glen Hansard), nachdem er den Dieb gestellt hat, sich erweichen lässt, ihm das Geld zu lassen. In der nächsten Szene gewinnt der bärtige Barde endgültig die Herzen: Nachts ohne rastlose Konsumenten spielt er vor den verschlossenen Läden seine eigenen, rau-sehnsüchtigen Songs. Ein wenig von Damien Rice hat er im Besingen unglücklicher Liebe, obwohl man sich den nicht im Nebenjob als Staubsauger-Mechaniker vorstellen kann. Doch dies ist wieder so eine nette Wende des im Minutentakt einnehmenden Films. Die Begegnung mit dem tschechischen Mädchen (Markéta Irglová) wird erst zu einem Reparaturauftrag, dann zu einem Duett und dann ... wird man wird wieder überrascht.
Glen Hansard und Markéta Irglová haben auch schon im richtigen Leben zusammen musiziert und eine CD aufgenommen. Das steigert den Charme dieses so ungemein natürlich spielenden Paares aus zwei sehr liebenswerten und sehr witzigen Charakteren. Auf jeden Fall kann man "Once" wünschen, dass die Szene, in der das Mädchen ihren Staubsauger wie einen Hund durch die Fußgängerzone zieht, zu einer Filmikone wird - ganz wie Gene Kelly unter Regenschirm und Lampe.
Irland 2006 (Once) Regie: John Carney, Musik: Glen Hansard, Markéta Irglová mit Glen Hansard, Markéta Irglová 87 Min. FSK o.A.
Ein Musical? Da klampft jemand in einer Dubliner Einkaufsstraße, am Bildrand pinkelt ein anderer in die Ecke, um bald mit den paar Münzen des Straßenmusikers abzuhauen. Das ist voll das Leben. Oder zumindest live aus diesem aufgenommen. Nix von der auch sehr schönen Künstlichkeit eines "Singing in the Rain", der "Regenschirme von Cherbourg" oder Lars von Triers "Dancer in the Dark". Kein Jacques Demy und kein Hollywood-Musical. Sympathisch, diese Eröffnung, auch weil der Musiker (Glen Hansard), nachdem er den Dieb gestellt hat, sich erweichen lässt, ihm das Geld zu lassen. In der nächsten Szene gewinnt der bärtige Barde endgültig die Herzen: Nachts ohne rastlose Konsumenten spielt er vor den verschlossenen Läden seine eigenen, rau-sehnsüchtigen Songs. Ein wenig von Damien Rice hat er im Besingen unglücklicher Liebe, obwohl man sich den nicht im Nebenjob als Staubsauger-Mechaniker vorstellen kann. Doch dies ist wieder so eine nette Wende des im Minutentakt einnehmenden Films. Die Begegnung mit dem tschechischen Mädchen (Markéta Irglová) wird erst zu einem Reparaturauftrag, dann zu einem Duett und dann ... wird man wird wieder überrascht.
Glen Hansard und Markéta Irglová haben auch schon im richtigen Leben zusammen musiziert und eine CD aufgenommen. Das steigert den Charme dieses so ungemein natürlich spielenden Paares aus zwei sehr liebenswerten und sehr witzigen Charakteren. Auf jeden Fall kann man "Once" wünschen, dass die Szene, in der das Mädchen ihren Staubsauger wie einen Hund durch die Fußgängerzone zieht, zu einer Filmikone wird - ganz wie Gene Kelly unter Regenschirm und Lampe.
15.1.08
PS - Ich liebe dich
USA 2007 (P.S. Ich liebe dich) Regie: Richard LaGravenese mit Hilary Swank, Gerard Butler, Gina Gershon 129 Min. FSK: o.A.
Zu sagen, Holly (Hilary Swank) und Gerry (Gerard Butler) lieben und necken sich, wäre die größte Untertreibung seit dem bekannten Streit von Adam und Eva. Sie streiten sich derart, dass die Sofa-Kissen zerfetzt aussehen, wie nach einem Besuch von Freddy Krueger. Und lieben sich dann ebenso intensiv! Eine schwierige Beziehung, die erst als das ganz Wunderbare erkannt wird, wenn man und frau einen Schritt zurückgehen. Leider ist der Schritt, den Holly erleben muss, unwiderruflich: Gerry stirbt wegen eines Tumors. Auf geht es zu einer unverschämt guten Achterbahn der Gefühle...
Erst vergräbt sich die junge Frau derart in ihrem Schmerz, dass es die Freunde förmlich riechen. Vor lauter Trauer und herzzerreißenden Erinnerungen bleibt die Körperhygiene auf der Strecke. Doch an ihrem 30. Geburtstag erreicht Holly eine Nachricht des Verstorbenen: Im Bewusstsein des nahenden Endes hinterließ er ihr Nachrichten, die sie jetzt langsam wieder zurück ins Leben führen sollen. Sie enden fast alle mit "P.S. Ich liebe dich".
Rührend wie die Rückblenden wirkt auch die intime Kenntnis Gerrys aller zukünftigen Reaktionen seiner Liebsten. Spät, zu spät, erkennt sie, wie gut er sie kannte. Und wie selbstlos er sie aus seiner Liebe entlässt, damit sie sich selber wieder finden kann.
La Gravenese verfilmte einen Roman der Irin Cecilia Ahern und bestätigt seine hervorragenden Arbeiten als Autor ("Die Brücken von Madison County", "Der Pferdeflüsterer") und Regisseur ("Wachgeküsst", "Freedom Writers"). Es geht um Trauer und Abschied, aber "P.S. Ich liebe dich" ist in munterem Wechsel unverschämt rührend und umwerfend spaßig. Hinzu kommt, dass eine Romantische Komödie selten so schön beiläufig von Weisheiten des Lebens, Leidens und Liebens erzählte.
Hilary Swank ist als Holly ein Volltreffer: Ein klasse Charakter, immer irritiert, dauernd verwirrt und meint dabei ganz genau zu wissen, was man machen muss. Ihre Launen sind schwer erträglich und dabei sehr liebenswert. Auch die Nebenrollen in Hollys toller Party-Familie sind fantastisch besetzt, sehr schön, der ungeschickte, alberne Barkeeper Daniel (Harry Connick jr.), der tatsächlich Pillen gegen seine Unhöflichkeit nehmen muss. Ob aus dieser seltsamen Freundschaft aus Selbstmitleid, Bitterkeit und Kotze mehr wird? Dies wird hier nicht verraten. Eines jedoch noch: "P.S. Ich liebe dich" ist auf keinen Fall nur ein Frauenfilm, denn irgendwann wird den Männern verraten, worauf Frauen eigentlich wirklich stehen!
Der Nebel
USA 2007 (The Mist) Regie: Frank Darabont mit Thomas Jane, Marcia Gay Harden, Laurie Holden, André Braugher 127 Min. FSK: ab 12
Es ist eine unheimliche Begegnung, die einem das Grauen lehren könnte: Ein nicht besonders guter, aber effektiver und dadurch erfolgreicher Horror-Autor - Stephen King - trifft auf einen hervorragenden Regisseur - Frank Darabont. Zweimal ging es gut. "Die Verurteilten" und "The Green Mile" waren dichte, hervorragend gezeichnete Filme, denen man Stephen King nicht unbedingt ansah. Diesmal jedoch herrscht der Schrecken und das Ergebnis hätte auch heißen können: "Ungeziefer im Nebel".
Zuerst schlägt ein Sturm zu, dann nähert sich eine seltsame Nebenwand der Küste. Als David Drayton (Thomas Jane) mit seinem Sohn zum Supermarkt fährt, ist alles in einem unerklärlichen Aufruhr. Polizei, Feuerwehr und Militär rasen durch die Straßen. Bald erreicht der Neben die Glasfassaden des Einkaufszentrums und die Kunden sind eingeschlossen, denn draußen lauert etwas.
Regisseur Darabont schafft es sofort, eine bedrohliche Atmosphäre aufsteigen zu lassen. Allerdings gibt er auch schnell etwas preis - früh wird ein Teil des Ungeheuers gezeigt, das dort draußen wütet. So schafft er Raum für ein Wechselspiel von externer Bedrohung und inneren Spannungen. Im Mikrokosmos der eingeschlossenen Notgemeinschaft errichtet eine fanatische Christin (grandios; Marcia Gay Harden) ihren Gottesstaat, ein unsicherer Nachbar will dauernd jeden verklagen, und die kleinen Geister im menschlichen Wesen zeigen sich in Verdächtigungen und Missverständnissen. Im Klima aus Aggressionen, Gewalt und Drohungen wächst ein kleiner Angestellter des Supermarktes über sich selbst hinaus.
Wie verhalten sich Menschen in Notlagen, welchem Führer rennen sie hinterher? Das lässt sich alles durchaus auch simpel politisch interpretieren. Etwa mit den Anschlägen von 9/11 und dem falschen Prediger Bush, der mittelalterlich anmutenden Widergeburt von Religionen. Und schuld an allem ist das Militär. Oder die Genforschung? Da es bei King vor allem um vordergründige Effekte geht, fällt die Erklärung auch austauschbar aus. Bis zur billigen und zynischen Schlusspointe, die niemals die Tragik hat, die hier vor allem in die Musik gelegt wurde.
Von Stephen King kann man nicht erwarten, dass all diese plakativen Dramen differenziert geschildert werden. Etwas wird den Fans jedoch gefallen: Ziemlich fiese Viecher mit hohem Ekelfaktor spritzen ihr Blut bis in die Splatterecken. Immer wieder sorgen kleine Duelle mit Rieseninsekten für Schockmomente. Geschickt hält der Film dabei seine Kreaturen tricktechnisch im Halbdunkel. In dem ganzen künstlich erzeugten Nebel aus Werbung und Marketing sollte man eines nicht übersehen: "Der Nebel" ist nicht mehr als ein inhaltlich billiges B-Movie, das zusätzlich Sympathien verspielt, weil es sich viel zu ernst nimmt.
11.1.08
Die Österreichische Methode
BRD 2006 Buch und Regie: Florian Mischa Böder, Peter Bösenberg, Gerrit Lucas, Erica von Moeller, Alexander Tavakoli 93 Min.
"Die Österreichische Methode" verbindet fünf Episoden von fünf jungen Regisseuren, in denen Selbstmord einen Ausweg darstellt. Fünf Frauen wird bewusst, was im Leben wirklich zählt.
Was ist "Die Österreichische Methode"? Weil es im Film ganz am Anfang steht und auch einen Teil der Stimmung ausmacht, sei es verraten: Es ist eine in Alpenländern und Winter praktizierbare Methode des Selbstmords. Man saufe sich fast besinnungslos, lege sich in den Schnee und schlummere - angeblich - dem Ende entgegen. Ansonsten ist "Die Österreichische Methode" ein starkes Stück Kollektivarbeit von fünf jungen Regisseuren.
Treibende Kraft hinter dem Projekt ist Produzent Tobby Holzinger mit seiner Schauspiel-Agentur "Spirit", in der auch Akteure des Theater Aachens vertreten sind. Den Look verantwortete der Top-Kameramann Matthias Schellenberg, der etwa mit Daniel Brühl "Das weiße Rauschen" und "Die fetten Jahre sind vorbei" drehte. Auch "Kroko" nahm er auf. Vor der Kamera standen junge und renommierte Akteure, bekannte und frische Gesichter von Susanne Lothar bis Walter Sprungalla. "Die Österreichische Methode" wurde von der Filmstiftung NRW gefördert.
8.1.08
Control
Australien, Großbritannien, Japan, USA 2007 (Control) Regie: Anton Corbijn mit Sam Riley, Samantha Morton, Craig Parkinson, Alexandra Maria Lara 121 Min.
Auch ohne ein Fan der "Joy Division" zu sein, ja selbst, wenn man den anhaltenden Hype um die populäre Band der Siebziger nicht versteht - diese untypische, aber rundum exzellente Filmbiographie zum früh verstorbenen Sänger Ian Curtis versteht man unabhängig: "'Control' ist ein persönlicher Film. Es ist kein Musikfilm" meint Anton Corbijn, der bekannte Fotograf und Clipregisseur, der seinen ersten Spielfilm realisierte.
Mit 19 Jahren trifft Ian Curtis (Sam Riley) auf Debbie (Samantha Morton). Der verträumte Teenager verdient sein Geld beim Arbeitsamt, schwärmt für den Glamrock des David Bowie und verliert sich in seinen Gedichten. Debbie wird er heiraten, doch sein Leben gibt er für eine Band aus Freunden, die mit ihm als Sänger und Texter einen rasanten Aufstieg erlebt. Mit Einflüssen des Punk und einem düsteren Image werden "Joy Divison" weit über Manchester bekannt. Auf den Touren begleitet Ian bald das belgische Groupie Annik (Alexandra Maria Lara), die Affäre vergrößert noch den Abstand zu Ians Frau und der inzwischen geborenen gemeinsamen Tochter. Die Ehe zerbricht. Drogenkonsum und die Folgen epileptischer Anfälle bringen den schwermütigen Musiker immer mehr runter. Am Abend vor der ersten US-Tournee bringt sich Ian im Alter von 23 Jahren um.
Der Film erzählt aus der Sicht von Ians Frau Debbie, so trägt nichts zur üblichen Glorifizierung solcher Filmbiographien bei, nur Sam Riley in der Hauptrolle beeindruckt schwer. Alexandra Maria Lara darf als verliebtes, belgisches Groupie Annik wieder mit großen Augen anhimmeln. Eine internationale Rolle, die vor allem neben Sam Riley völlig verblasst.
Besonders beeindruckt der im Rhythmus und in der Dramaturgie der Emotionen gute Einsatz bekannter Lieder: "Love will tear us apart" bekommt nach tausenden individuellen Erlebnissen der Hörer dieses Songs nun eine weitere universale Geschichte. Die erste Entfernung von Ian und Debbie setzt Corbijn in nüchterne, fast triste Schwarzweiß-Bilder. Für den Fotografen schließt sich mit dem Film ein Kreis, schoss er doch vor dreißig Jahren seine ersten Bilder bei einem Konzert von "Joy Division". Mittlerweile ist der Niederländer auch als Regisseur von Videoclips ein gefragter Künstler. Ob "Control" eine dem Leben nahe Biographie ist, mögen die Fans entscheiden. Corbijn ist vor allem ein exzellenter, bewegender Film gelungen.
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