31.5.12
Lebe wohl, meine Königin!
„Lebe wohl, meine Königin!" von Benoït Jacquot prägt im historischen Setting der Französischen Revolution ein, immer auf die Stars zu achten und nicht auf die Nebenfiguren. Ganz nah dran am Ende der Monarchie war die Vorleserin der Königin während der Tage um den 14. Juli 1789, ganz leise dringt mit den Ratten Unruhe zum Palast von Versailles. Doch die eigentlich kluge, verschlossene junge Sidonie Laborde (Léa Seydoux) kümmert sich nur um Marie Antoinette (Diane Kruger), die sehr an einer lesbischen Beziehung zur Adels-Kollegin Gabriel von Irgendwas leiden muss. Die aufmerksame Zeugenschaft Sidonies bringt uns ein paar spöttische Impressionen vom Schwarm erbärmlicher Gestalten, die am König kleben, auch die um sich greifende Angst in den dunklen Gängen von Versailles hätte sich zu einem fesselnden Film entwickeln können. Doch dann verliert der Film wie seine Hauptfigur den klaren Blick und lässt sich von einer nicht wirklich tragischen Königin umgarnen, die sich als launige Zicke Modejournale vorlesen lässt. Uninteressant bis zur Schlussszene, in der ein Machtwechsel stattfinden - als Farce. Denn die treuen Diener dürfen mal Herren spielen, um die als Helfer verkleideten Adeligen aus dem Land zu schmuggeln. Ist das politisch gemeint?
Benoït Jacquot, geboren 1947 in Paris, begann als Regieassistent, bevor er 1975 seinen Debütfilm vorstellte. Er arbeitete mehrfach mit Isabelle Huppert, Sandrine Kiberlain und Virginie Ledoyen zusammen. Jacquot ist neben seinen Regiearbeiten wie „Villa Amalia" (2009), „Der Unberührbare" (2006) oder „La Fille Seule" (1995) auch mit TV-Produktionen und Dokumentarfilmen hervorgetreten. 2004 inszenierte er Massenets „Werther" an der Royal Opera in London.
30.5.12
Buck
Diese Dokumentation wie auch ihr Protagonist Buck Brannaman sind enorm eindrucksvoll. Das muss sogar jemand sagen, der Pferdedressur generell veredelte Tierquälerei unterstellt. Hier zeigt Regisseurin Cindy Meehl in ihrem ersten Kinofilm jedoch einen derart sensiblen Umgang mit Pferden, dass man daraus selbst für den Umgang mit Menschen Lehren ziehen kann. Buck Brannaman reist als „Pferdeflüsterer" fast das ganze Jahr durch die USA, gibt viertägige Lehrgänge, meist für Menschen, die mit ihren Pferden nicht zurecht kommen. Oder umgekehrt. Denn eine der vielen verblüffend eingängigen Erkenntnisse lautet, dass „verhaltensgestörte" Pferde meist bei verhaltensgestörten Reitern auftauchen. Die Methode lehnt Zwang und mechanische Folterinstrumente ab. Wie geerdet dieser tiefenentspannte, humorvolle und sehr sympathische Bilderbuch-Cowboy in dem auch schön fotografierten Film rüberkommt, erstaunt umso mehr, wenn seine Vergangenheit erzählt wird: Als Kind war er mit seinem Bruder und Lassokünsten selbst eine Art Zirkuspferd, das vom alkoholkranken Vater brutal geschlagen wurde. Erst Pflegeeltern gaben Bucks Leben eine positive Richtung. Doch auch dies erklärt der Film stimmig: Da solche Trainer besonders sensibel sein müssen, sind sie wohl oft Menschen mit traumatischen Erlebnissen in der Vergangenheit. Dass Buck unter diesen „Pferdeflüsterern" als der Beste gilt, belegen auch Robert Redfords Erinnerungen an seinen Erfolgsfilm mit diesem Titel: Dort haben Buck und sein Pferd in einem Versuch geschafft, was professionelle Filmtrainer mit ihren Pferden in acht Stunden nicht fertig gebracht haben. Brannaman war auch als Berater sehr einflussreich bei den Dreharbeiten. In „Buck" schaffen es Film und Figur, nicht nur Pferdefreunde zu begeistern, sie wirken auch weit über die Koppel hinaus.
29.5.12
Mes - Lauf!
Ihre Wege sind direkt durch eine Parallelmontage verknüpft: Der junge, arme Cengo (Abdullah Ado) und der verstörte Alte Xelilo (Abudel Selam Kilgi) leben in dem kleinen kurdischen Ort Nusaybin an der Grenze zu Syrien. Während das Kind versucht, Kaugummis zu verkaufen, beobachtet es staunend der ruhelosen Mann, der hektisch und ohne Ziel hin und her eilt. Eines Tages geht der Junge mit, neben dem Mann im Mantel her, bis zum imaginären Wendepunkt auf der Straße und wieder zurück. Dann, als der zum Verrückten erklärte Xelilo etwas Vertrauen zu den Kindern gefasst hat, die unter der Brücke einer alten deutschen Bahnlinie spielen, ereignet sich der historische Umbruch, von dem sich die Türkei heute immer noch nur mit Mühen erholt: Die Vorführung eines Films von Ylmaz Güney wird von der türkischen Armee mit Waffengewalt aufgelöst, dann bei dem Überfall das ganze Dorf extrem brutal zusammengetrieben. Im Radio laufen nationalistische Parolen zum Putsch des Militärs. Nun läuft Cengo immer auf und ab, um einen wachhabenden Soldaten zu provozieren. Xelilo wurde mit anderen verhaftet, Cengos Bruder kommt nur nachts heimlich ins Dorf, weil er in den Bergen für die kurdische Befreiungsarmee PKK kämpft. Das Mädchen, das ihn fasziniert, zieht weg. Und auch die Versuche, den entlassenen Xelilo vor der Gnadenlosigkeit des Militärs zu schützen, scheitern. Zuerst wird Cengos Vater, dann der Außenseiter völlig grundlos und kaltblütig ermordet.
Ein türkischer Film komplett in Kurdisch ist schon eine Sensation, denn jahrzehntelang wurde dieser Bevölkerungsgruppe verboten, ihre eigene Sprache zu sprechen. Nun also nach „Mîn Dit – Die Kinder von Diyarbakir" wieder ein authentisches Film-Dokument aus dieser unterdrückten und umkämpften Region. Dass es um den Bürgerkrieg geht, ist da nicht verwunderlich, vor allem, weil „Mes" historisch im Jahr 1980 spielt. In warmen, erdigen Farben gut gespielt und inszeniert, will „Mes" keine große Kunst machen, sondern vor allem von einem Unrecht erzählen. Das gelingt mitreißend dank einiger schönen, auch bewegender Szenen sowie mit einer stimmigen Atmosphäre. Als aber weder die Freundschaft mit dem verstörten Mann noch eine junge Liebe überleben, bleibt der weinende Junge zurück. Eine Einblendung legt noch seinen weiteren Weg als Widerstandskämpfer ein paar Jahre später nach. Da ist der Film in der Reaktion eindimensional wie die Soldaten, die Xelilo zusammenschlagen, weil er einem von ihnen eine Zigarette klaute.
LOL (2012)
„LOL" war 2008 eine französische Teenager-Komödie über Mütter und Töchter, die auch jenseits der Zielgruppe andere Alter und Geschlechter begeisterte. Nun macht im eigenen Remake der Regisseurin nach Sekunden ein unnatürliches Zahnpasta-Grinsen deutlich, dass Lisa Azuelos ihr eigenes Remake ohne Rücksicht auf Verluste an Hollywood verkauft hat. Dabei hat sich inhaltlich wenig geändert: Als die 16-jährige Schülerin Lola (Miley Cyrus) aus den Ferien kommt, erzählt ihr Freund Chad (George Finn), er hätte was mit einer anderen gehabt. Lola erfindet spontan, dass sie das Gleiche getan habe und schon ist der Schulstart gründlich versaut.
Während sich die an allen hängende Zicke namens „Post-it" demonstrativ Chad krallt, entdeckt Lola beim eifrigen Chat und in einer romantischen Musikmontage, dass ihr bester Freund Kyle (Douglas Booth) die große Liebe ist. Es folgen die üblichen kleinen, dummen Spielchen mit den Gefühlen anderer, Lolas Freundin himmelt in Zeitlupe mit Schmacht-Soul den Dreitagebart-Mathelehrer an und Mama (Demi Moore) hat nach der heimlichen Affäre mit dem Ex-Mann eine richtige mit einem Drogenbeauftragten von der Polizei. So wie im Film munter bei Eltern und Kindern gekifft wird, laufen auch die Gespräche über Sex ähnlich ab: Mögen wir es lieber schnell oder mit Gefühl?
Aus dem sympathischen französischen Film wurde nach einer synthetischen Veränderung eine typische High School-Romanze. Das hat etwas von Genmanipulation: Man nimmt etwas auseinander, was funktionierte, tauscht ein paar Sequenzen, Gesichter, Songs, Orte aus und baut alles wieder zusammen. Das Ergebnis klingt nicht nur wegen einer schlimmen Synchronisation erschreckend. Es wird viel Zeit verpulvert, Demi Moore zu inszenieren, die dauernd Weichzeichner-Linsen und einen Jüngeren abbekommt. In Sachen Humor ist eine Bemerkung über Magersucht besonders und unbeabsichtigt erfolgreich - jeder denkt da selbstverständlich „Weniger ist Moore". Aber vor allem, wenn die verliebte Mama wieder zum verlegenen, unsicheren Teenager werden soll, merkt man selbst nach vier Jahren noch den riesigen Unterschied zwischen der in dieser Rolle tollen Sophie Marceau und einer hölzernen Demi Moore. Als das Filmchen um die übliche Teenager-Romanze eigentlich durch ist, folgt mit einem Tagebuch-Vertrauensbruch der Mutter noch mal eine dramaturgische Strafrunde. Wenn dann das Herz, die Quintessenz des Films, mit dem Satz „Endlich sind wir soweit, uns gegenseitig erwachsen werden zu lassen" auch noch auf die Zunge gelegt wird, merkt man, wie aufgesetzt und falsch „LOL" nun geworden ist. Das liegt mal nicht nur an der schrecklichen Miley Cyrus, einem ehemaligen Kinderstar, der aussieht wie A- oder BeHörnchen mit langen Haaren und bei dem das Ausdrucksvermögen des komischen Gesichts arg beschränkt ist.
Safe - Todsicher
Sie werden tatsächlich immer kleiner, diese Datenspeicher aus Asien! Jetzt nutzen chinesische Gangster ein kleines Rechengenie als Safe für eine sehr lange Zahlenkombination. Das Mädchen Mei (Catherine Chan) wird nach New York entführt, mitsamt der wertvollen Fracht in ihrem Kopf. Irgendwann trifft sie auf den Ex-Polizisten und Kampfsportler Luke Wright (Jason Statham), der von der russischen Mafia zum Überleben verurteilt wurde, nachdem die seine Frau aus Rache für eine misslungene Wette ermordete. Es dauert eine halbe Stunde, bis die beiden Geschichten zusammenkommen und Statham zum ersten mal zuschlagen kann: Kurz bevor sich Luke vor eine U-Bahn wirft, sieht er Mei und rettet sie vor ihren Verfolgern. Dann macht die Action erst mal keine Pause mehr. Gleich zwei Gangster-Clans sind hinter Mei her und mitten im Einsatz verhandeln extrem korrupte Polizisten die Bestechungsgelder mit der russischen und der chinesischen Mafia neu. Da Luke meint, dass Mei ihm das Leben gerettet habe, beschützt er sie nun.
Vor allem das Erzählen über clevere Szenen-Sprünge und rasante Handlungsentwicklung macht anfangs bei „Safe" Spaß. Dann übernimmt ein Krimi-Plot, der so überladen ist, dass weder das raffinierte Kind noch die menschliche Seite von Haudrauf-Luke eine große Rolle mehr spielen. Dies ist weder „Leon" noch „Johnny Mnemomic". Die Action wird die Fans zufriedenstellen.
28.5.12
Cannes 2012 Die Liebe siegt - Die Preise
„Amour", der bei uns am 20. September unter dem Titel „Liebe" ins Kino kommen wird, krönt damit einen Cannes-Jahr, das vom europäischen Film bestimmt wurde. Eine gute Entscheidung der Jury von Nanni Moretti, wenn auch eine für den hermetischen, perfekten Diamanten des Festivals. Ungeschliffenere, kantigere Kunstwerke wie der genial verschrobene „Holy Motors" von Leos Carax blieben dabei außen vor. Nur der Preis für die Beste Regie an den Mexikaner Carlos Reygadas mit dem umstrittenen „Post Tenebras Lux" würdigte das offene Kunstwerk, das provoziert und auf unbekannte Wege führt. Diese Qualität von Cannes - fast alle Wettbewerbsfilme hatten offene Enden! - wurde zu wenig berücksichtigt.
Was, um den Liebes-Reigen zu schließen, dann doch auch für die Darsteller von „Amour" gilt: Mads Mikkelsen ist klasse als Kindergärtner unter falschem Verdacht in „Die Jagd" von Thomas Vinterberg, aber Trintignant in jeder Faser, in jedem Wort ein atemberaubender Ausnahme-Schauspieler. Auch Emmanuelle Riva als Sterbende ist so viel eindrucksvoller als die beiden jungen Rumäninnen Cristina Flutur und Cosmina Stratan als Novizinnen in Cristian Mungius Drehbuchpreis-Gewinner „Beyond The Hills". Somit wäre wieder Haneke ein Grund, diese Regelung zu überdenken. Doch anders als Wims Wenders, der 2008 aus gleichem Grund in Venedig mit „The Wrestler" Mickey Rourke großes Theater machte, nahm der stille Österreicher einfach seine Stars wie selbstverständlich aus Liebe zum guten Schauspiel mit auf die Bühne.
25.5.12
Cannes 2012 Io e te, Bernardo Bertolucci
Bernardo Bertolucci ist längst Legende, ein alter Mann könnte man denken. Doch wie er die kleine, rührende Jugend-Geschichte von „Io et te" (Ich und Du) inszeniert, zeigt dass er mit all seinem Können voll im Leben steht. Ein pubertierender Junge will sich vor der Schulfahrt drücken und versteckt sich im Keller des eigenen Mietkomplexes, zufällig kommt seine ältere Stiefschwester vorbei und will ausgerechnet hier mit einem Kalten Entzug von den Drogen loskommen. David Bowies „Space Oddity", jeweils einmal in der italienischen und der englischen Version charakterisieren die Drogenproblematik der Schwester und die Isolation des Sohnes. Das Keller-Kammerspiel entdeckt zwei junge Schauspieler, erzählt berührend feinfühlig und schenkt ein bitter-süßes Ende. Das hätte auch in den Wettbewerb gepasst.
Cannes 2012 Cosmopolis David Cronenberg
Die lautesten Lacher in seinem Wettbewerbsfilm "Cosmopolis" hat Cronenberg Carax zu verdanken: Die wiederholte Frage, wo sind all die Stretch-Limousinen in der Nacht, funktionierte als ungeplanter Querverweis innerhalb des Festivals. Doch man kann diese Variationen auf eine gesellschaftliche Erscheinung durchaus ernst nehmen. Wobei Carax den Cronenberg macht und die unsinnige Perversion der schon pervers ausgebreiteten Erscheinung Auto als die eigentlichen Lebewesen zeigt, in denen Menschen nur als Schmarotzer mitfahren. Und sie in der Nacht miteinander reden lässt. Cronenberg hingegen inszeniert die Limousine als Panzer eines Cyber-Kapitalisten, treffend verkörpert vom Twilight-Blutsauger Robert Pattinson. Kalt und herzlos bewegt sich der Multimilliardär Pucker im Schneckentempo durch New York. Während der Präsident - "Welcher?" "Der USA" - die Straßen blockiert, steigen Puckers Analysten, Ärzte und Affären ein und aus. Er trifft sich mit seiner Frau, die nach einer Heirat zweier Geldfamilien seine Augenfarbe entdeckt und noch immer nicht mit ihm schlafen will. Draußen brechen Unruhen aus, die Weltwirtschaft ist wieder in einer neuen Krise, diesmal wegen des Yuan, und die Idee der Ratte als Währung geistert herum. Gleichzeitig ist ein Attentäter hinter Pucker her. Dieser sucht und erlebt an einem Tag seinen Niedergang, macht den Ikarus. Sowohl die dichten, gesellschafts-analytischen und psychologischen Dialoge als auch einzelne Szene sind dabei hochspannendes Gedanken-Futter. Die Binoche darf an Puckers menschliche Seite appellieren. Während seine Prostata in der Limousine untersucht wird, entdeckt eine vom Joggen durchgeschwitzte Analystin in einer wunderbar absurden Szene ihre verborgenen sexuellen Interessen. Allerdings verliert der Film zum Ende an Drive, ausgerechnet wenn es ans Innerste des Protagonisten und an seine Jugend gehen soll. Wie schon beim Vorgänger Cronenberg, dem C.G. Jung-Film "A dangerous method", macht der Regisseur, der sich früher spektakulär in die Eingeweide des menschlichen Wesens wühlte, nun hauptsächlich Kopf-Kino.
24.5.12
Cannes 2012 Post Tenebras Lux, Carlos Reygadas
23.5.12
Cannes 2012 On the Road, Walter Salles
Jack Kerouacs "On the Road" hat Kultstatus. Als vor ein paar Jahren Walter Salles, der Regisseur, der "Die Reise des jungen Che" zu solch einem Erlebnis machte, mit Kerouac auf Tour ging, weckte das viele Erwartungen. Zudem war es ein Herzens-Projekt des Brasilianers, der er in einer Dokumentation Zeitzeugen und wichtige Leute wie Dennis Hopper über dies berühmte Buch befragte. Die Enttäuschung nach der Wettbewerbs-Präsentation von „On the Road" war deshalb umso größer.
Mit dem Text auf der Tonspur und einer Handvoll jungen Lesern, Säufern und Möchtegern-Literaten reisen wir über ein paar Jahre vom Ende der 40er bis in ein neues halbes Jahrhundert quer durch die USA. Antrieb der Ruhelosigkeit ist der vom Erzähler Sal Paradise verehrte Lebemann und Frauenverbraucher Dean Moriarty, so wie die irgendwann endende Freundschaft der beiden auch das Herz des Buches ist. Doch der Film atmet nur in wenigen Szenen die große Freiheit der Straße. Es ist als wenn sein Konzept in Zeiten von Billigflieger von vornherein aufgegeben wurde. Nur ein paar exzessive Partyszenen vermitteln die Lebenslust, die viele Leser begeisterte. Da helfen auch die guten Schauspieler von Kristen Stewart über Kirsten Dunst, Viggo Mortensen, Sam Riley bis zum Dean-Darsteller Garrett Hedlund nicht drüber weg.
Cannes 2012 Tickets please?
nähert, ist die Frage "Tickets please?" in einer endlos wiederholten
Mantra. Hunderte gedruckte oder selbstgemalte Schilder und flehende
Augen betteln um eine Eintrittskarte für die großen Filme des Tages.
In diesem Jahr sind iPads als Miniplakat gross im kommen. Andere
bieten ihren Gesang für eine Karte an, ein Akkordeon-Spieler
unterstützt mit einer romantischen Tonspur die Suche einer jungen
Frau: Sie wird Sie heiraten für ein Ticket. Und es klappt, die
Glückliche freut sich mit knallrotem Kopf. Das herzerweichende und
komische Amateuer-Theater steigert sich zum Abend hin, wenn es immer
mehr Smokings droht, draußen zu bleiben.
Dabei ist es die Kartenbeschaffung für die Akkreditierten in Cannes
schon nicht einfach: Wie an der Börse müssen jeden Morgen mit einem
persönlichen Punktekonto die Karten für den Tag ersteigert werden.
Gala ist am teuersten, dann geht der Preis runter in die kleineren
Säle. Wer seine Karte nicht nutzt, wird vom Computer für einen Tag
gesperrt. Dann doch lieber weitergeben. "Tickets please?" (ghj)
22.5.12
Medianeras
„Medianeras" ist eine großartige, romantische Filmentdeckung, die abseits von den ausgetretenen Wegen und überaus vergnüglich das Zusammenkommen zweier vereinsamter Menschen in Buenos Aires bebildert. Und dies im wahrsten Sinne des Wortes: Der argentinische Festivalerfolg zeigt erst über fünf Minuten lang beste Architektur-Fotografie, unterlegt mit philosophischen Gedanken über Gebäude und wie sie die Menschen beeinflussen. Bis hin zu Depressionen und Selbstmord. Im Gegensatz zu diesen Außenansichten leben Martín (Javier Drolas) und Mariana (Pilar López de Ayala) isoliert meist innen, in ihren Appartements. Die liegen zwar im gleichen Komplex, doch treffen sich die beiden Suchenden immer gerade nicht.
Martín ist lichtscheu und lebt deshalb komplett im Internet, Sex inklusive. Selbst der kleine Straßenvollscheißer, den er pflegt, übernimmt seine Angst vor dem Draußen und anderen Artgenossen. Mariana, eine Architektin, die Schaufenster dekoriert und sich eine Puppe als Partner zuhause hält, knabbert an ihrer letzten Beziehung. Wie diese scheiterte, zeigt eine witzige Animation mit der abnehmenden Zahl fotografierter Momente in den verfließenden Beziehungsjahren. Überhaupt gelingt es dem argentinischen Regisseur erstaunlich leicht, mit immer neuen Bildideen zu erzählen. Mal verschwinden M&M in witzig verzerrten Webcam-Porträts, mal taucht sie aus einem beschlagenen Spiegel auf, dann wischt sie ihren alten Freund bei einer gegenläufigen Auflösung in einem Foto aus. Der so großartig visuelle Film sprudelt nur so vor schönen Einfällen, ganz wie die Wimmelbilder, in denen Mariana immer auf der Suche nach ihrem Freund Wally ist. Allerdings steckt sie selbst in einem riesigen Suchbild - das der vereinzelnden Stadtarchitektur, hinter der sich das Leben versteckt.
So erleben wir die Ängste der beiden, ihre Ausbruchsversuche, die misslingenden Bemühungen um eine neue Beziehung. Das ganze romantisch-schöne Leiden immer wieder unterbrochen von architektonischen Aufnahmen, die im Zusammenspiel mit den lakonischen Off-Kommentaren kongenial die Gefühlszustände der beiden Figuren spiegeln. Bis ihnen ein Durchbruch gelingt - wieder ist der Wortsinn genau zu nehmen. Ein Hinweis: Der Titel „Medianeras" bezeichnet spanisch die Brandmauern von Häusern, die meist ohne Fenster sind.
Gustavo Taretto inszenierte „Medianeras" voller toller Ideen und mit zwei sehr guten Hauptdarstellern auf Basis eines früheren Kurzfilms. Ein herrliches und herzliches Kino-Erlebnis.
21.5.12
Act of Valor
Dreister geht es nicht mehr: Ein Rekrutierungsfilm der US-amerikanischen Armee wird als Kinounterhaltung verkauft! Das kann nur aus einem Land kommen, in dem verzweifelte Arbeitslose schon als Jugendliche der Unterschichten zu unterhaltsamen Reisen nach Afghanistan oder in den Irak eingeladen werden. Sie haben nur eine Wahl: Arm dran oder Arm ab. An der deutschen Kinokasse kann man sich noch entscheiden, ob man Kriege mit Kinokarten quersubventioniert.
Die Idee muss irgendwelchen bleiverseuchten Hirnen beim Militär genial vorgekommen sein: Wenn wir schon Hollywood seit Jahrzehnten mit Kriegen und Kriegsgerät versorgen, können wir die Filmen doch gleich selber drehen. Und mit unseren eigenen (anonym bleibenden) Soldaten besetzen. Können sie allerdings nicht, schon gar nicht, wenn sie ehemaligen Stuntmen die Regie überlassen. Oder wie es der Amerikaner sagen kann: Filme „zu schießen", ist nicht so einfach wie Menschen erschießen.
Unter fast kompletter Negation von allem, was ein Spielfilm zum Erzählen braucht, werden Navy Seals, sogenannte „Elite-Soldaten", in materialaufwändige Einsätze geworfen. Der Trick zur Rechtfertigung der vermeintlich alternativlosen Mordaufträge ist uralt: Da wird eine Soldatin in drastischen Szenen gefoltert; da wollen ungewaschene, bärtige Selbstmordattentäter, die wahrscheinlich schlechtes Englisch sprechen, die USA in die Luft jagen. Nun darf das Militär zeigen, wie gut das Militär ist. Und am Ende kommt tatsächlich ein vor Pathos triefender Rekrutierungs-Spruch. Sollte hier nicht eher Blut triefen? Das ekelhafteste Kinoprodukt seit langem.
Moonrise Kingdom
Diese herrlich abgedrehte Komödie war bislang das größte Vergnügen von Cannes 2012, nun erobert „Moonrise Kingdom" bereits die Kinos. Der neue Film von Wes Anderson („Die Royal Tenenbaums", „Darjeeling Limited") erzählt von einer großen Jugend-Liebe. Größer ist nur noch die Detailverliebtheit, mit der die schöne Geschichte mit zahllosen verrückten Ideen und Handlungs-Twists ausgestattet wurde.
Auf einer imaginären Insel vor der Küste Neuenglands entdeckt im Jahre 1965 Oberpfadfinder Ward (Edward Norton) bei der nur etwas seltsamen Morgeninspektion die Spuren einer spektakulären Flucht: Der eigenbrötlerische Sam (Jared Gilman) scheint tagelang daran gearbeitet zu haben, ein Loch in die Zeltwand zu schneiden, das er geschickt mit einer Landkarte verdeckte. Nun bewegt sich der Junge mit einem geklauten Kanu und Proviant auf alten Indianerpfaden zu einem geheimen Treffpunkt. Denn unerkannt von Erwachsenen plante Sam diese Flucht mit Suzy (Kara Hayward), der Tochter des neurotischen Anwalts-Ehepaars Bishop. In einem magischen Moment trafen sich beide in der Garderobe eines Kindermusicals. „Noye's Fludde" (Noahs Flut) von Benjamin Britten wurde in der Kirche gegeben, die im großartig überdrehten Finale alle Protagonisten vor einer fast biblischen Überschwemmung beschützen wird. Doch erst finden sich Sam und Suzy in einem goldgelben Getreidefeld - eine dieser Szenen, die ganz großes Kino sind, auch wenn die romantischen Helden noch was wachsen müssen. Komisch dabei bleibt immer der Gegensatz vom nerdigen, etwas rundlichen Jungen mit dicken Brillenrändern und dem perfekt auf Femme Fatale geschminkten Mädchen mit betörend dunklem Lidschatten.
Doch die Handlung lässt kaum Zeit für genaue Betrachtungen, denn nicht nur die Mit-Pfadfinder, die Sam alle irgendwie hassen, sind auf seiner Spur. Auch der coole Captain Sharp (Bruce Willis), Sheriff der Insel, hat endlich was zu tun. Neben seiner Affäre, die er ausgerechnet mit Mrs. Bishop (Frances McDormand), Suzys Mutter, pflegt. Dass Mr. Bishop (Bill Murray) etwas ahnt, gibt ihm Gelegenheit zu Gefühlsausbrüchen, die in ihrer Skurrilität wohl nur Andersons Dauer-Schauspieler Murray hinbekommt. Etwas Konkurrenz macht ihm Tilda Swinton, hier im Designer-Hosenanzug mit passend blauem Häubchen in der Rolle als „das Jugendamt".
Sie tritt auf, weil Sam ja eigentlich Waise ist, der in Heimen gelernt hat, sich zu wehren. Das übertrifft wiederum nur Suzy, deren Wutanfälle kombiniert mit ihrer Linkshänder-Bastelschere tödlich sein können und Motorräder auf Baumspitzen versetzen. Klingt seltsam? Ist noch viel komischer und witziger! Wes Anderson entzündet ein Feuerwerk höchst origineller Einfälle in Handlung und Ausstattung. Dabei fängt er wie schon oft mit einer seiner „Puppenkasten-Szenen" an. Die Kamera fährt (fast ohne Schnitt) die (aufgeschnittenen) Zimmer der Bishop-Familie ab, blickt hinein in diese traumhaft ausgestatteten Kammern und folgt dem Treiben der großen und kleinen Wesen. Auf einer anderen Ebene wird Brittens "Young Persons Guide to the orchestra" aufgelegt. (Auch diesen tragbaren Plattenspieler möchte man unbedingt haben.) Die vorgestellten Familien der Instrumente ergeben ein Zusammenspiel mit der Handlung und ganz nebenbei ist der große Spaß auch ein komplex verflochtenes Gesamtkunstwerk, das Lachmuskeln strapaziert, für Gänsehaut sorgt und richtig glücklich macht.
20.5.12
Cannes 2012 Es Cannes besser nicht regnen…
Das ganz besondere Spektakel von Cannes wird wirklich besonders, wenn es wie Sonntagabend heftig regnet. So was gehört sich eigentlich nicht und es freuen sich nur die Regenschirmverkäufer, die überall aus dem Boden sprießen. Was für die Berlinale ganz normal ist, ist an der Cote d'Azur widernatürlich – man muss sich auf die Innenräume beschränken! Die werden dann auch ganz schnell voll mit begossenen Pinguinen – vulgo: Smoking-Träger – und anderen armen Vögeln, die unbedingt von einem Termin zum nächsten mussten. Für den Fototermin am Roten Teppich gibt es einen ganz großen und hohen Carport. Die letzten Meter sind allerdings auch für die Stars pitschenass. Der berühmte Teppich spritzt zurück wie überwässerter Kunstrasen. Die Fans müssen komplett ohne Dach auskommen. Der gemeine Kinobesucher, den keine französische Limousine vorfährt, wartet gerne mal eine halbe Stunde im Regen, denn ohne Schlangestehen geht nichts in Cannes. Die Treppen im Inneren des Molochs „Palais des Festivals" werden derweil besetzt. Occupy gegen den Regen? Laut Wetterbericht soll es helfen…
Cannes 2012 Antiviral, Brandon Cronenberg
Dieser Film kann nur in Cannes laufen: Brandon Cronenberg – ja, der Sohn – zeigt in der gar nicht so futuristischen Gesellschafts-Satire „Antiviral" eine Welt, in der sich die Menschen für viel Geld mit den Krankheitsviren der Stars infizieren lassen und in exklusiven Restaurants künstlich gezüchtetes Zellfleisch ihrer Idole verspeisen. Unappetitlich? Klar, das ist ein Cronenberg und der Adams-Apfel fällt nicht weit vom Stammhalter, um im Splatter-Terminus zu bleiben. Doch „Antiviral" ist trotz einige Ekel- und Blut-Szenen vor allem eine raffinierte und stringent gestylte Gesellschafts-Bespiegelung. Held der Handlung ist ein Verkäufer für Star-Viren, der diese heimlich mit im eigenen Körper mit nach Hause schmuggelt, um sie dem Schwarzmarkt zuzuführen. Allerdings muss erst der Kopierschutz geknackt werden, auch bei den Viren gibt es Piraten! Als der Krankheits-Klauer Blut beim Superstar Hannah Geist abzapft, zieht er sich einen tödlichen Virus rein und der nur vermeintlich clevere Dieb wird im Kampf zweier Konzerne um Viren-Patente zermalmt. Originell, witzig, gut inszeniert – wir werden Brandon wohl bald auch im Wettbewerb sehen.
Cannes 2012 Cannes Re-Torten
Cannes Re-Torten
Süß, ist sie die Motividee zum 65-Jährigen von Cannes: Marilyn Monroe bläst eine Kerze auf einer kleinen Torte aus. Inzwischen haben investigative Kollegen herausgefunden, dass dies eigentlich eher das Dokument einer der vielen tristen Momente ihres Monroe-Leben ist. Der Star war an seinem Geburtstag irgendwo auf der Welt auf Publicity-Tour bei einem Diktator und eher einsam als in Feierstimmung. Doch das soll die Stimmung nicht verbittern: In der riesigen Eingangs-Halle des Festivalpalais hängen zur Aufrechterhaltung des cineastischen Zuckerspiegels die schönsten Torten-Szenen der Filmgeschichte. Also nicht nur Marilyn, das immer ein gekickstes „Happy Birthday, Mr. President" im Ohr. Bei der Tortenschlacht macht auch Orson Welles mit und ein anderer weiblicher Star hat seinen richtigen Platz gefunden, gemäß Festivalleitung –als Tortenfüllung. Nur der Kaffee vom Sponsor, der mit dem Clooney, ist da ähnlich bitter.
Cannes 2012 The Hunt, Thomas Vinterberg
The Hunt, Thomas Vinterberg
Ein Kindergärtner soll sich vor einem kleinen Mädchen entblösst haben. Doch er ist unschuldig. Eindeutig. Mit dieser Prämisse nimmt Thomas Vinterbergs Film direkt eine nicht unproblematische Position ein. Doch genau darum geht es beim sympathischen Lucas (Mads Mikkelsen), dem geschiedenen Kindergärtner, der von Klara, der kleinen Tochter seines besten Freundes Theo, so gemocht wird, dass diese einen Vorwurf erfindet, den Grethe, die unfähige Leiterin des Kindergartens, gierig zu einem Vorwurf macht und überall verbreitet. Der passionierte Jäger Lucas wird zum Gejagten, in einer Massenhysterie gibt es plötzlich mehr Vorwürfe. Alle Kinder beschreiben den gleichen Keller bei Lucas zuhause, das Sofa, die Tapete. Nur - das alles existiert nicht, Lucas' Haus hat keinen Keller! Trotzdem schlagen Väter den Verdächtigen im Supermarkt zusammen, er darf seinen 15-jährigen Sohn nicht mehr sehen und alle Freunde wenden sich von ihm ab.
"Die Jagd" ist die andere Seite von "Festen", der Missbrauchs-Geschichte von Vinterberg, die 1998 so sensationell einschlug. Sowie die erste Zusammenarbeit der dänischen Stars Mads Mikkelsen und Vinterberg in dessen siebtem Film. Sie passt gut zu dem Lynchmob, der kürzlich einen vermeintlichen Kindermörder selbst aburteilen wollte – in Deutschland! Die unfassbare Situation der „Jagd" ist glaubhaft erzählt, meist: Irgendein Bekannter Grethes führt ein regelrechtes Verhör mit Klara, legt ihr die erwarteten Worte in den Mund. Da gibt es andere Methoden und irgendwie vermutet man so beschränktes Verhalten nicht in Skandinavien. Doch die Wahrheit hat danach ebenso wenig eine Chance wie das Mädchen, das bald sagt, es sei nichts passiert. Das Vertrackte an der Situation ist, das selbst bei offensichtlicher Unschuld ein Zweifel bleibt. Wie vertrackt sie ist, zeigt eine Szene am Ende, nachdem sich alles aufgeklärt hat und man wieder gemeinsam feiert. Ein Küchenboden mit exzessivem Linienmuster liegt zwischen Lucas und Klara. „Verdammt viele Linien, die man nicht überschreiten darf", meint Lucas und es geht längst nicht mehr um das Tritt-auf-keine-Linie-Spiel, das beide auf dem Nachhauseweg hatten. Lucas, der in der Extremsituation lange einen vernünftigen, aufrechten Weg suchte, findet auch hier eine Lösung, nimmt das Kind in den Arm und trägt es zum Papa. Eine ganz einfache Handlung, atemberaubend aufgeladen.
Cannes 2012 Liebe, Michael Haneke
Liebe - ein schönes, kleines, großes Wort: Liebe. Ein einfacher Filmtitel. So wie Michael Haneke die Welt zeigt, kann man allerdings Angst bekommen vor diesem Film. Der Regisseur aus Österreich drehte unter anderem die Jugend-Gewalt "Bennys Video", den Gesellschafts-Abschied "Der Siebte Kontinent", die Beobachtungs-Obsession mit kolonialem Hintergrund in "Cache" und die kaum erträgliche Gewalt-Analyse "Funny Games". (Als US-Remake gleich ein zweites Mal.) Hanekes letzter Film "Das weiße Band" füllt im Presseheft ganze drei Seiten - mit all seinen Preisen, angefangen mit der Goldenen Palme 2009.
Nun zeigt Haneke anscheinend ganz einfach, wie die alte Piano-Lehrerin Anne (Emmanuelle Riva) nach einer missglückten Operation halbseitig gelähmt ist und ihr auch nicht mehr fitter Mann Georges (Jean-Louis Trintignant) versucht, sie zu pflegen. Beziehungsweise es gibt kurz vorher einen Moment des gemeinsamen Lebens in Paris, voller Kultur und Austausch, dann kommen die Aussetzer bei Anne. Erst eine Hälfte des Körpers, dann die Sprache, dann liegt sie nur noch. Das Paar gehört zum wohlhabenden Bürgertum, Pflegerinnen sind bezahlbar, aber auch manchmal fürchterlich ruppig und ohne Einfühlungsvermögen. Die distanzierte und egozentrische Tochter Eva (Isabelle Huppert) kommt nur aus London vorbei, um alles besser zu wissen. Als Anne zu verstehen gibt, dass sie das quälende Füttern nicht mehr will, fasst Georges den Entschluss, dessen Ergebnis schon die erste Szene zeigte…
Wie Haneke dies Einfache, das oft verdrängte Altern und Sterben zeigt, ist ganz große Kunst. Der Holzhammer bleibt in der Schublade und man merkt trotzdem irgendwann, wie sehr man bei diesen Menschen ist, wie man alles einfach versteht, mitfühlt und es unter die Haut geht. Dabei ist „Liebe" in vielen Details raffiniert erzählt. So spiegelt eine alte Geschichte aus dem Jugendcamp, die Georges erzählt, mit einem Postkarten-Geheimcode für die Mutter, die Schwierigkeiten Annes wieder, ein Signal nach außen zu geben. Sowohl die innige Geistes-Gemeinschaft vor der Operation, wie auch das Verständnis nachher berühren dabei tief.
„Liebe" ist in diesem Stadium ein intensives Kammerspiel, nur die Landschaften in Öl zeigen etwas vom Draußen. Es ist auch in der Unfähigkeit der Tochter, zu kommunizieren ein typischer Haneke. Selbstverständlich intellektuell, die Bücherwand mit Noten und Schallplatten bildet den Rückhalt, Berührungen sind selten. Nur wenn der selbst humpelnde Georges Anne aus dem Rollstuhl in den Sessel hilft, dann ist das fast ein letzter Tanz der beiden Liebenden.
19.5.12
Cannes 2012 Beasts of the Southern Wild / Benh Zeitlin
Beasts of the Southern Wild / Benh Zeitlin
Nicht ganz neu, weil schon in Sundance gelaufen, aber sensationell gut ist der Außenseiterfilm „Beasts of the Southern Wild" von Benh Zeitlin, der passend zum Thema am Rande des Festivals in der Nebenreihe „Certain Regard" läuft.
Die sechsjährige Hushpuppy lebt mit ihrem Vater Wink im Marschland hinter einem Damm, der brave amerikanische Bürger schützt. Die anderen wohnen in der „Bathtub", dem unregulierten Becken jenseits des Damms, also in der freieren Natur. Das kleine Mädchen hat eine eigene Hütte, die sie allerdings bald abfackelt, als ihr Vater wieder für einige Tage im Krankenhaus verschwindet. Das kleine Mädchen sucht selbständig Erklärungen für dies alles in der Natur, horcht nach dem Herzschlag von Tieren und Pflanzen. Hushpuppy sucht aber auch ihre Mutter.
Die kindlich fantasievollen Antworten, die wir im Off des Mädchens hören, gehen ins Magische, erzählen vom Schmelzen der Polkappen, einer großen Flut und riesigen prähistorischen Auerochsen, die heranstürmen. Die Flut kommt tatsächlich über die bunte Gemeinschaft von Trinkern, Verlorenen und überzeugten Außenseitern in Form eines heftigen Wirbelsturms. Und über Hushpuppy weil ihr Vater sterben wird.
Einer der eindrucksvollsten und atmosphärisch stärksten Filme von Cannes 2012 bislang erzählt die gelebte andere Seite des „Levy", eines Dammes, der bei Katrina brach (was Spike Lee dokumentierte). Hier sprengen die sich freiwillig Ausgegrenzten ein Loch, damit die Flut abfließen kann, die Tiere und Pflanzen umbringt. Die Geschichte eines kleinen Mädchens erzählt neben vielen fantastischen, berührenden Momenten, tatsächlich auch von Globaler Erwärmung und dem Abschmelzen der Polkappen - im Kleinen. Der Film ist das Debüt des jungen Regisseurs Benh Zeitlin, der nachdem Katrina New Orleans zerstörte.