11.4.11

Ohne Limit

USA 2011 (Limitless) Regie: Neil Burger mit Bradley Cooper, Abbie Cornish, Robert De Niro, Anna Friel 105 Min.

Ein Film über Drogen, die Intelligenz steigern, sollte nicht allzu dumm ausfallen. Das fängt schon beim Titel an: „Ohne Limit". Was soll das auf Deutsch heißen: Unbegrenzt haltbar? Stimmt schon mal nicht, denn die Halbwertszeit dieses ebenso dämlichen wie ärgerlichen Möchtegern-Thrillers liegt unter seiner Laufzeit.

Eine Schreibblockade hält Eddie Morra (Bradley Cooper) davon ab, seine Wohnung aufzuräumen und sein Leben auf die Reihe zu bekommen. Die Freundin hält ihn nicht mehr aus - auch finanziell. Gut, dass gerade ein Ex-Schwager vorbeikommt und ihm eine Wunderpille anbietet. Die Droge NZT 45 lässt Eddie das ganze Vermögen seines Gehirns nutzen, er erinnert sich an Sachen, von denen er nicht wusste, dass er sie weiß. Nebenbei hilft der frische Überflieger seiner Vermieterin bei ihrer Juraarbeit und landet ganz schnell bei ihr im Bett. Der „loser" wird zum Gewinner von Herzen und Frauenzuneigung. Allerdings hat der Prototyp der Pharmaforschung noch ein paar Fehler, unangenehme Nebenwirkungen, die dazu führen, dass sich der ach so hyperintelligente Eddie ziemlich dämlich verhält, als er seinen Ex-Schwager gemeuchelt in dessen Appartement findet. Schon steckt er mittendrin in einer kriminellen und gefährlichen Geschichte. Weil das vielleicht an Blödheit nicht reicht, leiht Eddie sich bei einem auf fünf Häuserblocks unsympathischen Russen eine Menge Geld. Dieser sadistische Killer entdeckt irgendwann auch die Wirkung des nun von vielen begehrten Mittels: Wie aus dem dumpfen Totmacher ganz ganz langsam ein cleverer Gangster werden will, gehört zu den wenigen gewitzten Momenten des höchstens unfreiwillig komischen Films.

Der Rest ist ziemlich vorhersehbar. Mit ein paar abgegriffenen Rezeptoren-Animationen wird die ebenso altmodische Idee vom ganz schnellen Geld an der Börse illustriert. Eddie scheffelt als Broker Millionen, kann Frauen auf Italienisch anmachen und bekommt ein Treffen mit dem großen Boss Van Loon (DeNiro). Zwischendurch irritieren ein mysteriöser Verfolger und immer häufigere Aussetzer. Ein Neu-Kluger kommt mit seinem Leben im Schnelldurchgang nicht mehr mit.

Trotz vieler Trickaufnahmen, Zeitraffer und Farbverfremdungen wirkt der Stil des Drogenfilmchen ebenso wenig reizvoll wie sein Hauptdarsteller Bradley Cooper. Ganz seltene Geistesblitze wie die Verachtung eines älteren Bankers, der sich sein Wissen und Können noch selbst verdient hat, werden von der holperigen Handlung links liegengelassen. Ein besonderer Hohn ist das Ende: Die Intelligenz aus der Apotheke setzt sich durch und ist mit massig Gel im Haar auf dem direkten Weg ins Präsidentenamt. Das wird den Absatz von Ritalin unter Studenten steigern, da man ja jetzt nicht mehr lernen muss. Als Gegengift sei Darren Aronofskys „Requiem for a Dream" empfohlen, eine schwer erträgliche Abwärtsspirale aller Drogenhoffnungen. Vor Gebrauch des Films „Ohne Limit" ist hingegen dringend abzuraten! Fragen sie vorher ihren Filmkritiker oder ihren Apotheker. Nebenwirkungen sind plötzliche Müdigkeit, heftiges Kopfschütteln und gequältes Stöhnen. 

Der Dieb des Lichts

Kirgisien, BRD, Niederlande, Frankreich 2010 (Svet-Ake) Regie: Aktan Arym Kubat mit Aktan Arym Kubat, Taalaikan Abazova, Askat Sulaimanov 80 Min.

Ein Robin Hood der Stromversorgung: Von den Armen geliebt, lässt er in deren Wohnungen die Zähler rückwärts laufen und bringt so Licht in Haushalte, die es sich nicht leisten können. Damit erzürnt „Herr Licht" (selbst in der Hauptrolle: Aktan Arym Kubat) - so die Übersetzung des Originaltitels „Svet-Ake" - das staatliche Energie-Unternehmen und wird auch schon mal festgenommen, was ihn aber in seinem menschenfreundlichen Tun nicht stoppen kann. Der nette Familienvater bringt mit seiner sonnigen Art auch Licht in die Herzen seiner Mitmenschen. Er ist Visionär und Don Quixote: Hinter seinem Haus steht ein selbst gebautes Windrad, das zwar bei guter Laune gerade mal eine Glühbirne flackern lässt, doch richtige Windräder im kargen Tal des Dorfes könnten das bescheidene Leben der vom ruhelosen Wind geplagten Menschen nachhaltig verändern. Solche Pläne werden vom alten Bürgermeister und dem Rat des Dorfes belächelt, doch immerhin stimmen diese Traditionalisten auch nicht gleich dem Landverkauf an den reichen russischen Kandidaten und Spekulanten zu, der mit seinem protzigen SUV das dürre Vieh aufscheucht. Mit viel Geld und Pferdestärken ist dieser für den Stimmenkauf unterwegs, weiß aber auch die Reitertradition des Steppenvolkes - bei einer ruppigen Art des Polos mit Schwein statt Ball - zu ehren.

Mit dieser großen Politik hat der gutmütige Herr Licht eigentlich nichts am Hut - das ist eine Sache der Herren mit den hohen Hüten, die den Rat des Dorfes auszeichnen. Der Elektriker möchte vor allem endlich auch mal einen Sohn zeugen und nimmt deshalb gelegentliche Stromschläge freudig hin: Sie würden die weiblichen Hormone austreiben. Doch viel Zeit bleibt dem hilfsbereiten Nachbarn nicht für eigene Sorgen, schon gilt es wieder den erfolgreichen Jockey auszunüchtern, der an der Enge des Dorfes verzweifelt.

Aktan Arym Kubat, der exzellente und vielfach ausgezeichnete Filmemacher aus Kirgisien, dessen Name auch als Aktan Abdykalykov wiedergegeben wird, beschäftigt sich nach seiner biografischen Trilogie aus „Maimil" (2001, internationaler Titel: „The Chimp"), „Beshkempir - Der fremde Sohn" (1998) und „Sel'kincek" (1993, „Swing") nun mit den ökonomischen Verhältnissen des Landes - in seiner speziellen poetische Art und Weise. Es geht im Hintergrund um die Macht über die Energieversorgung, um absurde Situationen, die nach dem Zerfall der Sowjetunion in den vereinzelten, ehemaligen Sowjetrepubliken herrschten. Das kann man mit etwas angelesenem Wissen aus den Bildern herauslesen. Doch ganz einfach fühlbar ist der konstant wehende Wind und man möchte glatt selbst mit anfassen, um aus dem peinigenden Naturzustand einen Quell des Wohlstandes zu machen. Wozu diese Energie dann genutzt werden soll ist, eine heikle Frage. Die Widmung des Films wünscht den Enkeln Zufriedenheit und Glück - nicht Reichtum. Die kirgisisch-deutsche Koproduktion „Der Dieb des Lichts" ist bestes Weltkino, eine bittere Parabel voller poetischer Bilder von Aktan Arym Kubat, der mit „Beshkempir" 1998 einen Silbernen Leoparden in Locarno gewann.


6.4.11

Wir sind die Nacht DVD

Regie: Dennis Gansel mit Karoline Herfurth (Lena), Nina Hoss, Jennifer Ulrich 100 Min. FSK ab 16

Blut geleckt? Wer noch immer  unstillbaren Durst nach Vampirfilmen verspürt, wird jetzt matriarchalen und berlinerischen Variante gefüttert, denn Vampir-Männer sind ausgestorben, „sie waren zu laut, zu gierig und zu dumm": Ein flottes Vampirtrio aus kühler Chefin Louise (Nina Hoss), melancholischer Leserin und modisch verrückter DJane jettet nach Paris. Der Klamotten wegen und für die Häppchen im Flieger - die anderen Fluggäste werden nämlich in den Hals gebissen und ausgesaugt. Auf diese Clique trifft die Berliner Diebin Lena (Karoline Herfurth) in einem einen Club auf die Louise (Nina Hoss). Louise verliebt sich in Lena und macht sie zum Vampir. Zwischen Faszination und Abscheu erlebt sie die Welt der blutigen Beißer, wobei ihre Gefühle für den Polizisten Tom (Max Riemelt) für noch mehr Verwirrung sorgen.

Nach seinem eigenen Drehbuch inszenierte Dennis Gansel („Die Welle", „Napola") diese Berliner Vampirgeschichte mit exzellenter Besetzung in den beiden Hauptrollen. Die Hoss gibt ihrer Figur etwas Besonderes - wenn schon nicht dämonisch, dann wenigstens herrisch - aber nicht unbedingt, das was man in diesem Genre erwartet. Digitale Bilder lassen das Ganze dreckig echt, aber auch zu viel höherem Styling-Budget von „Blade" oder „Twilight" etwas dünn erscheinen.

 

The Mechanic

USA 2011 (The Mechanic) Regie: Simon West mit Jason Statham, Ben Foster, Donald Sutherland 93 Min. FSK ab 18

Dieses „Leon" für Kerle ist das Remake des Charles Bronson-Rachefilmchens „Kalter Hauch" von Michael Winner aus dem Jahre 1972. In dem recht mechanischen Action-Vehikel gerät der erfolgreiche Auftragsmörder Arthur Bishop (Jason Statham) in einen Konflikt, als er seinen väterlichen Freund Harry McKenna (Donald Sutherland) umbringen soll. Er macht es trotzdem - Auftrag ist Auftrag. Und nimmt sich voller Reue dessen schwierigen Sohnes Steve (Ben Foster) an. Der wird nun auch zum Killer ausgebildet und begleitet seinen Mentor Arthur beim Morden. Aber irgendwann wird der Jäger zum Gejagten - welch Überraschung!

Also Rache, weniger kalt serviert als cool gestylt von Regisseur Simon West („Con Air", „Lara Croft"). Jason Statham fährt weiter seine Action-Schiene, Ben Foster passt gut in die Rolle des orientierungslosen Killer-Lehrlings. Der besondere Clou des zwiespältigen Verhältnisses von Arthur zu seinem Gehilfen, dessen Vater er ermordete, kommt zwischen vielen Kugelhageln und Explosionen nicht zur Geltung. Ein paar besonders brutale Morde machten „The Mechanic" ungeeignet für Jugendliche. Zudem transportiert diese „Transporter"-Variation einen extrem beschränkten Satz an Werten. Loyalität zum Auftraggeber der Morde ist wichtig, Freundschaft nicht ganz so sehr. Dafür kümmert man sich um den Sohn des eigenen Opfers - bis der aus gutem Grund wütend wird. Danach zählt nur noch die eigene Perfektion beim Killen. Und das scheint cool so. 

5.4.11

Womb

 

BRD, Ungarn, Frankreich 2010 (Womb) Regie: Benedek Fliegauf mit Eva Green, Matt Smith, Lesley Manville, Peter Wight 107 Min.

 

Der Ungar Benedek Fliegauf drehte 2007 mit „Tejút" fast ein Kunstvideo. Jetzt verlegt er sich auf die Kunst des Erzählens mit Bildern und legt direkt ein Meisterwerk des emotionalen Erzählkinos hin: „Womb"!

 

Die sommersprossigen Rebecca und Tommy lernen sich in einem kleinen Küstenort kennen, sinnlich herausgeleuchtet in warmen Bildern von Haut, Haus und Strand. Die Kinder verstehen sich ohne Worte. Doch dann muss Rebecca nach Japan ziehen. Ihre Liebe könnte sich fortsetzten, als Rebecca (Eva Green) nach 12 Jahren zurückkehrt. Aber ein tragisches Unglück reißt Tommy (Matt Smith) aus dem Leben. Rebecca zögert nicht lange, einen Klon ihrer großen Liebe zu gebären und aufzuziehen. Tommys Eltern sind zwar Atheisten und leiden sehr unter ihrem Verlust, doch diese Wiedergeburt können sie nicht akzeptieren. Die Reaktion der Mitmenschen auf „unnatürliche" Kinder treibt das ungewöhnliche Paar in ein einsames Strandhaus, weiter hinaus in die Isolation. Tommy wächst erneut zum jungen Mann heran, doch irgendwann taucht seine Großmutter auf und Rebecca muss Fragen beantworten.

 

Fliegaufs großes gestalterisches Vermögen macht aus der atemberaubenden Geschichte von „Womb" (dt. der Schoß) ein bewegendes Meisterwerk, das seine ethische Problematik ganz nebenbei transportiert. Eindringliche Bilder erzählen, gerade die entscheidenden Sätze werden gerne ausgelassen. Stattdessen blendet der Regisseur immer wieder atmosphärische Stillleben ein. Nur ein Satz wird wieder und wieder wiederholt: Die Schlüsselfrage „Wer bist du?"

 

Eine große „Bigger than life"-Liebesgeschichte, die sich von allen Konventionen löst und mit Hilfe von Science-Fiction ein Tabu spannend austestet. Die ausufernde Mutter-Sohn-Bindung buchstabiert Ödipus mit den Elementen der DNA völlig neu. Vor allem Eva Green füllt die exzellent stilisierte Geschichte mit dem Herz einer Liebenden und einer Mutter. Ein nicht klonbares Kino-Erlebnis.

The Fighter (2010)

 USA 2010 (The Fighter) Regie: David O. Russell mit Mark Wahlberg, Christian Bale, Amy Adams, Melissa Leo 115 Min.

Der Boxer Micky Ward verdankt seinen Ruhm in „einschlägigen" Kreisen drei Kämpfen gegen Arturo Gatti in den Jahren 2002 und 2003. Die Faustkämpfer haben sich besonders heftig und ausdauernd die Birnen zu Brei geschlagen. Wer jetzt sagt, das sei ja interessant, wird vielleicht etwas in diesem biographischen Ward-Film finden. Wer fragt „ja und?", wird trotz einer klaren, schlüssigen Machart in diesem Boxer-Familien-Porträt des interessanten Regisseurs David O. Russell („I heart Huckabees", 2004) wenig Ausdauer aufbringen können.

Micky Ward (Mark Wahlberg) ist in der ärmlichen Umgebung von Lowell, Massachusetts nur der kleine Halb-Bruder der Box-Legende Dicky Eklund (Christian Bale). Der ist zwar mittlerweile vor allem Crack-Champion, lebt aber immer noch von einem einmaligen Erfolg gegen Sugar Ray Leonard. Erst als der ehrliche, etwas schüchterne Micky sich mit Hilfe der Kellnerin Charlene Fleming (Amy Adams) von seiner unübersichtlichen und höchst peinlichen Familie lossagt, bekommt er die Chance auf einen Weltmeister-Fight. Das führt allerdings zu lächerlichen Zickenkriegen von Charlene gegen Ex-Managerin und Mutter Alice sowie deren sieben ebenso blondierten wie debilen Töchtern. Sie betrachten Micky als Familieneigentum und leben ganz gut von dessen Gagen - er wird dafür von nicht regelgerechten Gegnern zusammengeschlagen.

„The Fighter" bemüht sich, authentisch zu sein - so wurden möglichst die Originalschauplätze in Lowell verwendet. Und Mark Wahlberg tanzt die echten Kämpfe fast identisch nach. Trotzdem ist selbst „Rocky" ein ganzes Stück interessanter. Im Bemühen „echt" zu sein, geriet auch der Stil altmodisch und behäbig. So ist David O. Russells („Three Kings" 1999, „Flirting with Disaster" 1996) Ring-Film weit von der filmischen Schlagkraft eines Martin Scorseses in „Wie ein wilder Stier" entfernt. Und wenn „The Fighter" mal irgendwie wirkt, dann nur in den geradezu satirischen Szenen von Mickys unglaublicher Riesenfamilie.

Darren Aronofsky sollte eigentlich die Regie von „The Fighter" führen. Dessen Rourke-Abgesang „The Wrestler" zeigt, was möglich gewesen wäre. Jetzt dominieren überzogene Darstellungen, die auch noch zwei Oscars einheimsten: Beste Nebendarstellerin für Melissa Leo („Willkommen bei den Rileys") als hysterische Mutter und Bester Nebendarsteller für Christian Bale und seine Rolle als nerviger großer Bruder, der tatsächlich eine tragische (Haupt-) Figur hätte sein können. Wie die Kämpfe von Ward, der sich sieben Runden lang verprügeln ließ, um dann mit nur einer Kombination den Gegner ko zu schlagen, verlangt „The Fighter" über fast zwei Stunden viel Stehvermögen. Eine schlagkräftige Szene gelingt nur im wahrsten Sinne der Worte und Fäuste.

Am Ende sitzen die Brüder auf der Couch vor einer Kamera - das hat etwas von Dick und Doof. Wenn dann während des Abspanns die beiden echten Wards sich bei den „Hollywood-Leuten" bedanken, spürt man auch hier, dass ihr einfaches Leben einfach kein Stoff für einen Film ist.

MADE IN EUROPE feiert Film mit Charakter und Gästen

Maastricht. 40 Filme in fünf Tagen, Premieren, internationale Filmprominenz und Filmparty - diese Festivalvergnügen läuft nicht in Cannes, Venedig oder Berlin, sondern vor der Haustür in Maastricht. Das „6. Made in Europe Film Festival" (5.-10- April 2011) startet am kommenden Dienstag im Maastrichter Pathe mit dem limburgischen Drama „Rundskop". Die Geschichte um Freundschaft und Verrat vor dem Hintergrund der flämischen Hormonmafia wurde im benachbarten Sint-Truiden aufgenommen.

Der Film von Michael R. Roskam ist also eine regionale Aufzucht, allerdings mit internationaler Festivalgeschichte: „Rundskop" lief im Februar auf der Berlinale. Regisseur, Hauptdarsteller Matthias Schoenaerts sowie weitere Team-Mitglieder sind bei der Premiere dabei. Ab Mittwoch, dem 6. April laufen alle Maastrichter Filme in den sechs Sälen des vertrauten Festivalkinos Lumière. Das Programm will mit eigenwilligen Filmen ein Bild des aktuellen Europa zeigen. Die Sektion „Made in Europe" präsentiert ganz frische Festival-Entdeckung vom Lumière-Chef David Deprez und seinem Team, „Festival Previews" hingegen Filme, die bei uns bereits oder bald im Arthouse-Kino laufen.

Den Charakter des sehr erfolgreichen und von Maastricht - auch mit Blick auf die Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2018 - verwöhnten „Made in Europe" bestimmten schon immer außergewöhnliche und mutige Werke. In der Sektion „Hors Catégorie" laufen besonders eigenwillige Filme wie das poetische „Little Baby Jesus Of Flandr" des jungen Belgiers Gust Van Den Berghe. Die Geschichte von drei Bettlern, die als Sternsinger durch eine Breughel-Landschaft ziehen, wurde größtenteils von geistig behinderten Laien gespielt. In Cannes verglich die Kritik den Film mit Béla Tarr und Pasolini. Der schwedische „Sound Of Noise" wird als Percussions-Guerilla-Komödie angekündigt. Der Trailer auf der reichhaltigen Festival-Website zeigt eine vielversprechende Percussion-Perforation (sic!) im OP-Saal. Angekündigt wurde das Festival-Event durch eine sehr originelle Werbekampagne, bei der ein stolzer Festivalpudel auf bunten Karten freche Filmsprüche verbreitet.

Star des Festivals wird die französische Schauspielerin Hafsia Herzi sein, die auch zwei eigene Regiearbeiten präsentiert. Mit ihrer denkwürdigen Dauer-Bauchtanz-Szene aus „Couscous mit Fisch" von Abdellatif Kechiche spielte sich die 1987 geborene Herzi ins Rampenlicht. Sie erhält „für ihre Verdienste um die europäische (Film-) Kultur" den mit 6000 Euro datierten „Made in Europe Film Award", der noch 2009 als Lambertz-Euregio-Filmpreis in Aachen verliehen wurde. Die Preisverleihung findet am 6. April während der Festivaleröffnung für Genk im neuen Kulturzentrum „C-Mine" statt.

Das Herz von „Made in Europe" schlägt jedoch mit über 100 Vorstellungen in Maastricht. Als Satelliten sind in der nächsten Woche Genk , das Heerlen, das Roermond und das Sittard dabei. Festivalmacher David Deprez meldet, dass auch das Ludwig Forum wieder zu den Teilnehmern gehört. Die Filme stehen allerdings noch nicht fest und sollen erst im Rahmenprogramm zum Karlspreis 2011 laufen.

Das komplette Programm des „Made in Europe Film Festivals" ist auf  www.madeineurope.nu zu finden. Dort auch Hinweise auf die jeweiligen Sprachversion und eine spezielle Auswahl von Filmen in Englisch. Der Vorverkauf beginnt am Sonntag um 12 Uhr im Maastrichter Lumière.

4.4.11

Willkommen bei den Rileys

USA 2009 (Welcome To The Rileys) Regie: Jake Scott mit Gandolfini, Kristen Stewart, Melissa Leo 110 Min.

Wie in American Beauty ist auch bei den Rileys die Garage Ort für Trauer und Sublimation: Doug Riley („Soprano" James Galdofini) muss dort rauchen und weinen. Seine Frau Loïs (Melissa Leo) bekommt dies mit, zieht sich jedoch zurück. Eher ängstlich als rücksichtsvoll. Irgendwann wird Doug schreien: „Ich bin noch nicht tot!", denn die Riley leben nach dem Unfalltod ihrer Tochter vor acht Jahren wie im Mausoleum. Loïs verdrängt das tragische Geschehen, aber verlässt das Haus nicht. Als Dougs jüngere Geliebte ganz plötzlich an einer Herzattacke stirbt, bricht noch mehr in ihm zusammen. Bei einem Messebesuch in New Orleans trifft der einfache Geschäftsmann, der eher unfreiwillig in einer Strip-Bar landet, dort auf die ziemlich ordinäre Mallory (Kristen Stewart, „Twilight"). Irgendwas klickt bei ihm, nicht ganz ohne Widerstand quartiert er sich in Mallorys versiffter Bruchbude ein, repartiert, macht sauber und hängt sich voll rein, um das gefallene Mädchen wieder auf die rechte Bahn zu bringen.

Diese Rettungsaktion eines kleinen prolligen Mädchens ist eine verrückte Geschichte. Mallory und andere vermuten einen irgendwie perversen Hintergrund. Doch der kräftige und massige Doug Riley erweist sich nicht nur handwerklich als ganzer Kerl. Während er der Ersatz-Tochter etwas Erziehung im Schnelldurchgang angedeihen lässt, versucht seine Frau trotz heftiger Angstattacken zu ihm zu kommen. Jahrelang traute sie sich nicht mal zum Briefkasten. Obwohl die Tochter bei einem Autounfall starb, fährt Loïs schließlich selbst die gewaltige Strecke nach New Orleans. Was nicht ohne komische Momente bleibt.

Wie so oft im Leben passiert etwas, während eigentlich etwas anderes geschieht: Die Ripleys kümmern sich vermeintlich um eine hilflose junge Frau, doch diese gute Tat dient nebenbei der Bewältigung des eigenen Traumas. So kümmert sich das Ehepaar um die Geschlechtskrankheiten des leichten Mädchens und dieses sagt den Alten irgendwann, dass sie mal miteinander reden sollten...

Regisseur Jake Scott („Plunkett & Mclean") ist der Sohn von Ridley Scott und der Neffe von Tony Scott – beide haben den Independent-Film mitproduziert. Da könnte man misstrauisch werden. Braucht man aber nicht: Scott Jr. gelingt die Gratwanderung der Geschichte. Er sorgt für Glaubwürdigkeit und vermeidet zu viel Kitsch. Die kuriose Situation sorgt immer wieder für komische Momente, in denen James Gandolfini ebenso glänzt wie in den gefühlvolleren. Der ehemalige Soprano-Boss erweist sich wieder einmal als großartiger Schauspieler, der solch einen Charakter-Part und auch so einen ernsthaften Film komplett tragen kann. Kristen Stewart zeigt, dass sie mehr kann, als neben Vampiren blass auszusehen. „Willkommen bei den Rileys" ist ein Beispiel für eine gute Geschichte, die ohne überzogenes Drama leicht unterhalten kann, dabei nicht auf Inhalt und Tiefe verzichtet.

28.3.11

Winter's Bone

USA 2010 (Winter's Bone) Regie: Debra Granik mit Jennifer Lawrence, John Hawkes, Kevin Breznahan, Dale Dickey 100 Min. FSK ab 12

Willkommen in den USA, dem Land der ungenutzten Möglichkeiten, dem echten Amerika, das zwischen L.A. und New York liegt. Hier in Missouri leben die Menschen, die Bush gewählt haben. Gut geht es ihnen deshalb nicht wirklich. In einer elenden Nachbarschaft wird jeder Fremde verdächtigt, und fremd sind schon die vom nächsten Hof. Selbst wenn sie irgendwie auch Familie sind. Hier haust das junge Mädchen Ree (Jennifer Lawrence) mit ihren kleinen Geschwistern in einer ärmlicher Hütte. Die Mutter ist ein Pflegefall, der Vater Jessup muss in einer Woche wieder mal vor Gericht erscheinen. Eigentlich sein Problem, aber als Kaution hat der verschwundene Wiederholungstäter Haus und Hof der Familie eingesetzt. Ree, die sowieso die kleine Farm schmeißt, muss nun auch ihren Vater innerhalb einer Woche auftreiben.

Ihre Fragen an Nachbarn und Verwandte ernten heftigste Ablehnung, die schließlich sogar gewalttätig wird. Rees Schwester würde helfen, doch der Schwager verleiht seinen Pickup nicht. Der Onkel Teardrop (John Hawkes) ist eher Bedrohung als Unterstützung. Selbst Geschwister gehen hier nicht besonders nett oder sanft miteinander um. Doch Ree fragt weiter - furchtlos, entschlossen, oder hat sie einfach keine andere Wahl? Ree erinnert an die Lütticher „Rosetta" der Dardennes oder auch an die 14-jährige Mattie Ross aus „True Grit" der Coens.

So etwas hieße in Italien Neorealismus, in den USA nennt man die hier porträtierten Leute geringschätzig „White Trash", weißer Abschaum. In diesen US-amerikanischen Schulen lernen die Teenager, Babys richtig zu halten und das Gewehr im Gleichschritt zu schultern. Ree lehrt ihre Geschwister mit dem Gewehr für Eichhörnchen schießen. Hier tummeln sich haufenweise Machos mit rekordverdächtig niedrigem IQ und extrem rücksichtslosem Verhalten gegenüber ihren Mitmenschen. So ungepflegt wie ihre Aussprache sind Bekleidung und Sitten. Der Country ist die passende Musik dazu. Doch das Gezupfe, das oft als Auswurf solch furchtbarer Gegenden gering geschätzt wird, wirkt hier wie wärmendes Herdfeuer,

Damit noch nicht genug des Elends, die Haupteinkommensquelle scheint das „Kochen" von Crystal Meth zu sein. Das „Crank", wie es hier genannt wird, verstärkt die Aggressivität. Angeblich soll auch Jessup mit so einem illegalen Labor in die Luft geflogen sein. Ree durchschaut jedoch diese falsche Spur. Angesichts dieser besonderen Exemplare der Gattung Kotzbrocken bleibt den Frauen nichts anderes als eine heimliche Solidarität. Scheinbar, denn letztendlich verteidigen die Weibchen erschreckend brutal ihren Clan ebenso wie die schon immer abschreckenden Leithammel.

Die Landschaft ist ähnlich karg wie der Film selbst, die Temperatur eisig wie der Umgang. Trotzdem fesselt diese Trostlosigkeit. Das liegt zum einen am Spiel von Jennifer Lawrence als, die für den Oscar nominiert war. Und auch an der Aufrichtigkeit des Films. Das Drehbuch entstand nach dem gleichnamigen Roman von Daniel Woodrell, der selbst  in Missouri, in solch einer Umgebung gelebt hat. Gedreht wurde an authentischen Orten mit vielen Laiendarstellern, was man dem Film überhaupt nicht anmerkt.

Der eindringliche „Winter's Bone" zeigt keine kriminalistische, keine spannende Suche. Der Blick liegt auf der suchenden Ree, die fast noch Baby-Speck im Gesicht trägt, aber sich sogar die Hochachtung des gnadenlosen Kopfgeldjägers erwirbt. Dafür muss sie eine grausige Entdeckung machen und wir erleben, wie sich Menschenverachtung noch unter Null versenken lässt. Am Ende hat Ree die Farm zurück gewonnen und die Anerkennung der Gegend. Eine Flucht aus der menschenfeindlichen Tristesse steht nicht auf dem Programm.

Unter dir die Stadt

Frankreich, BRD 2010 (Unter dir die Stadt) Regie: Christoph Hochhäusler mit Robert Hunger-Buhler, Nicolette Krebitz, Mark Waschke 105 Min.

Es scheint eine klassische Affäre zu werden: Die unkonventionelle Kreative Svenja Steve (Nicolette Krebitz) landet mit dem neuen Job ihres Freundes Oliver im Frankfurter Bankenmilieu. Ihre Nikotinsucht führt zu einer zufälligen Begegnung mit Olivers Chef Roland Cordes (Robert Hunger-Bühler). Der Banker des Jahres will eine Affäre und befördert Svenjas Mann deshalb auf einen lebensgefährlichen Posten in Indonesien. Ein aufreizendes Machtspiel mit Lebenslügen und Täuschungen beginnt, bei dem die junge Frau dem berufsmäßigen Manipulator keineswegs unterlegen ist.

Svenja ist eine Revoluzzerin. Rebellisch und so mutig, dass sie sogar ihrem Freund in den verachteten Banker-Job folgt. Eine junge verrückte Frau - genau was so ein verknöcherter Banker braucht, denkt man schnell. Doch Svenja ist imprägniert gegen die Verführungen von Macht und Karriere. Sie gibt sich selbst im eigens gemieteten Hotelzimmer noch desinteressiert. Cordes' Ränkespiele, seine Lügen und Täuschungen werden dagegen immer krasser. Ebenso wächst beim Zuschauen das Entsetzen angesichts der Unverfrorenheit dieses Anzugträgers. Zu den heftigsten, ja gar lynch-artigen Momenten gehört der sadistische Voyeurismus von Cordes, der gegen Bezahlung runtergekommenen Junkies zusieht, wie die sich einen Schuss setzen. Genau wie bei der erfundenen Legende einer eigenen Kindheit in schäbiger Mietswohnung, kann der Banker sich Menschliches nur mit besonders perversen Verrenkungen aneignen.

„Unter dir die Stadt" kann man als Kommentar zu Heuschrecken und Ackermännern lesen. Diese Menschen sagen beim fotografiert werden nicht „cheese" sondern „greed". Und die Gier des Cordes ist maßlos. Auch wenn er im Umgang mit den Konsequenzen seiner Handlungen überrascht. Der Film ist aber auch ein eiskaltes Psycho-Drama mit faszinierend genauen Einblicken in Funktionen und Deformationen der begehrenden Psyche. Der studierte Architekt und Filmemacher Hochhäusler („Milchwald", „Falscher Bekenner") arbeitet mit Räumen. Wer tut das nicht, kann man fragen, doch Hochhäusler situiert Svenja sehr exakt beim Einzug und der Neueinrichtung einer gemeinsamen Wohnung. Die abgehobenen Spiegel-Türme der Frankfurter Banker mit ihren undurchdringlichen Fassaden sind eigentlich auch Klischee, aber selbst den Hochhäusern gewinnt Hochhäusler noch einiges an Kälte ab. Die wiederkehrenden Blicke von oben auf Passanten, die Kirche und den ganzen Rest der Welt lassen Kälte förmlich spüren. Dazu passt ein extrem irritierender Soundtrack, der immer wieder Hintergrundgeräusche in Musik übergehen lässt.

Grandios dabei die Hauptdarsteller: Der vom Theater kommende Robert Hunger-Bühler ist noch ein recht unbekanntes Kinogesicht, das sich aber als Cordes nachhaltig einprägt. Nicolette Krebitz verbindet in Svenja wieder wie in vielen anderen Rollen (und ihren eigenen Filmen) starke Emotionalität mit großer Intelligenz, Zerbrechlichkeit mit enormen Durchsetzungsvermögen. Die Exaktheit dieser Figuren und der genauen Konstruktion von Hochhäusler wird schnell übersehen, denn der allerletzte Schlusspunkt ist nur noch surreal: Noch ein Blick von oben auf die Straßen mit panisch rennenden Passanten und der Kommentar: Es geht los!

Spannend kühl inszeniert Christoph Hochhäusler die Affäre eines Frankfurter Bankers mit der Frau eines Angestellten in „Unter dir die Stadt". Aus einer zufälligen Begegnung wird ein Beziehungs- und Machtkampf mit überraschenden Verhältnissen. Der Cannes-Starter der Kölner „Heimatfilm" ist kluges Kopfkino und vermittelt in einem überzeugenden ästhetischen Konzept die Skrupellosigkeit abgehobener Machtmenschen auch emotional.


Sucker Punch

USA,Kanada 2011 (Sucker Punch) Regie: Zack Snyder mit Emily Browning, Abbie Cornish, Jena Malone, Vanessa Carla Gugino, 110 Min.

Bitter-süßer Pulp

Wenn Quentin Tarantino frontal mit dem „Tank Girl" zusammenkracht und Baz Luhrman das alles durch seine Rote Mühle dreht... „Sucker Punch" ist ein gewaltiger Action-Clip von Zack Snyder, ein postmodernes Kinospektakel, bei dem einem Zitate, Zeiten und Fetzen um die Ohren fliegen. Die Geschichte einer Kind-Frau im Sumpf ausbeuterischer Männer-Anstalten kommt da fast zu kurz, dies ist Kino-Kampf-Sport in Reizwäsche. Moral ist längst von Weltkriegs-Panzern, Mittelerden-Orks oder Mittelalter-Drachen plattgemacht worden.

„Sweet Dreams" bilden die einzige Fluchtmöglichkeit für Baby Doll (Emily Browning). Aber bei einem Mädchen, das Vergewaltigung durch den Stiefvater miterlebt hat und von diesem auch noch in eine schmierige Nervenheilanstalt abgeschoben wird, sind Träume niemals süß. Die farblose Klapse erweist sich als Bordell, in dem die jungen Patientinnen ihren ekligen Freiern mit Tanzvorführungen einheizen sollen. Der südländische Pfleger Mr. Pleasant (Oscar Isaac) gibt den brutalen Zuhälter Blue, der gerne Jungfrauen zu besonders hohen Preisen verkauft. Baby Doll denkt auch hier nur an Flucht. Überraschenderweise bietet ihr ausgerechnet der Anmach-Tanz - den wir nie sehen - einen Ausweg: Damit hypnotisiert das Mädel im Schulmädchen-Anzug die Zuschauer und versetzt sich selbst in eine fantastische Action-Welt. Hier, im alten Japan, im futuristischen 1. Weltkrieg oder in einer Fantasy-Welt mit Drachen und Orks, muss sie vier Gegenstände erobern. Ihre Mitgefangenen mit den Porno-Namen Sweet Pea, Rocket, Blondie und Amber kämpfen an ihrer Seite. Im Stile von „Charlie's Angels" voller Adrenalin und nicht mehr jugendfrei. Während diese pralle und eindrucksvolle Action sorgen- und sinnfreien Spaß bietet, ist sie auch die einzige der drei Erzählebenen, in der sich die jungen Frauen wehren können. In den realeren Realitäten ist der Kampf ein wirklich düsterer.

Ein heftiger Punch aus Drama und Musik eröffnet diese bitter-süße Kino-Attacke. Wie auch später bei Baby Dolls Traumwelt-Actiontänzen ein starker, mitreißender Video-Clip, bei dem die Song-Länge die Szene bestimmt. Besonders kraftvoll dröhnt Björks Army of me". Kraftvoll und im Text passend: „Wenn du dich noch einmal beschwerst, bekommst du es mit einer ganzen Armee von mir zu tun!" Leider folgt der Film nicht der Frauen-Power der Songs. Diese süßen Punch-Girls sind keine Rebellinnen wie das „Tank Girl" im Film von Rachel Talalay. Sie bleiben Opfer, egal wie viele Zombie-Soldaten oder spiegelnde C-3PO-Imitate umgebracht werden. Ihr einziger Wunsch bleibt, wieder nach Hause zu können, was letztlich auch nur eine Illusion ist, wie das letzte Bild mit der Vogelscheuche aus „Zauberer von Oz" zeigt. Der wirkliche Held, der Retter oder Engel ist Scott Glenn als Wiedergeburt von Tarantinos (Kill)Bill.

Die Zitate-Galerie bedient sich ausführlich bei „Brasil", „Moulin Rouge", bei „Herr der Ringe" und vielem anderen mehr. Zack Snyder erweist sich als Guttenberg der Filmregisseure, erschafft aber etwas Eigenes, das mehr Pulp ist als Tarantinos gesammeltes „Pulp Fiction". Aber genauso überwältigend wie die zahlreichen Verweise sind die Bilder und Töne. Wenn ein kriegerisches, rosa Pokemon über die Leichengräben von Verdun hüpft, das ist filmische Fantasie in seiner wildesten Form. Und absolut sehenswert.

Snyder muss nach so unterschiedlichen Filmen wie „Die Legende der Wächter" (2010), „Watchmen - Die Wächter" (2009), „300" (2006) und sogar einem Video-Clip für „Morrissey" auf jeden Fall als ein hochtalentierter Filmemacher angesehen werden, der auch in verschiedensten Genres bemerkenswerte Fingerabdrücke hinterlässt. Auf seinen „Superman: Man of Steel", der 2012 in die Kinos kommt, darf man gespannt sein.


23.3.11

In einer besseren Welt

Dänemark,Schweden 2010 (Hævnen) Regie: Susanne Bier mit Mikael Persbrandt, Trine Dyrholm, Ulrich Thomsen, Markus Rygaard  117 Min. FSK ab 12

Der aktuelle Oscar-Gewinner „In einer besseren Welt" verbindet eine Familiengeschichte mit der Problematik von Gewalt und der schwierigen Reaktion darauf. Die ausgezeichnete dänische Regisseurin Susanne Bier („Brothers", „Nach der Hochzeit", „Open Hearts") und ihr vertrauter Autor Anders Thomas Jensen spannen den Bogen ihrer intensiven Geschichte von einer zerfallenden Kernfamilie bis zur großen Politik, vom Mobbing in der Schule bis zu afrikanischen Warlords. Exzellent gespielt, wirkt „In einer besseren Welt" gleichzeitig berührend und klug differenzierend.

Während sein Vater Anton (Mikael Persbrandt) in einem afrikanischen Flüchtlingslager als Arzt operiert, muss sich Elias (Markus Rygaard) in der dänischen Schule von einem „Bully" und seinem Anhang quälen lassen.  So grausam dieses Mobbing ist, so brutal ist die Gegenwehr des neuen Mitschülers Christian (William Jøhnk Nielsen) mit Eisenstange und Messer. Die beiden werden Freunde und finden sich im gemeinsamen Leiden: Christian hat seine Mutter an den Krebs verloren, Elias kommt nicht mit der drohenden Scheidung der Eltern zurecht.

Anton und Marianne (Trine Dyrholm) können nur noch am Telefon miteinander reden, selbst wenn er in Dänemark ist, wo er übrigens auch immer draußen in der Natur sitzt. Anton ist ein bemerkenswerter Mann und als ihn auf dem Spielplatz ein dumpfer Grobian ohrfeigt, verhält er sich noch seltsamer als sonst. Er sucht den Automechaniker auf und hält ganz konkret auch die andere Wange hin. Eine erstaunlich gelassene und souveräne Reaktion gegenüber einem adrenalin-gesteuerten Gewaltmenschen. Ob die gerade mal zehnjährigen Jungs, die Anton zu dieser pazifistischen Demonstration mitgenommen hat, es verstehen, ist fraglich. Aber er macht Eindruck.

Eine ganz andere Situation erwartet den stoischen Arzt im Flüchtlingslager, als ein Milizenführer mit fast verfaultem Bein eingeliefert wird und seine Schergen Angst und Schrecken verbreiten. Anton weißt die Bewaffneten vor das Tor, behandelt aber zum Entsetzen seiner einheimischen Mitarbeiter „Big Man", der dafür berüchtigt ist, Schwangeren den Bauch aufzuschneiden. Dieser mutigen Haltung, die später noch einmal herausgefordert wird, steht eine Gewalttat des Halbwaisen Christian gegenüber. Er will dem Mechaniker seine Grenzen aufweisen - mit Sprengstoff!

Auch wenn die Kritik die letzten zehn harmonischen Minuten „In einer besseren Welt" bemängeln, dieser großartige Film reflektiert den Umgang mit Gewalt vom familiären Kreis bis zur Weltpolitik facettenreich und bietet bei vielen Gedankenanstößen keine einfache Lösung. Exzellente Schauspieler sorgen dafür, dass die lebendigen Figuren mitfühlen lassen. In sehr schönen, handlungsfreien Bildstrecken schenkt der Film Ruhe, als hielte die Natur den Atem an, um zu schauen, wie sich diese kleinen Wesen in ihr verhalten. So wie wir den Ameisen zusehen. Die meisterliche Montage mit gleitenden Übergängen von Dänemark nach Afrika zeigt unsere Erde als eine zusammenhängende Welt. Das goldbraun abgeerntete Feld könnte auch Savanne sein. Hier wie dort kann das persönliche Handeln über einen Flächenbrand der Gewalt entscheiden.

22.3.11

Filmreihe Hyper-Real im Aachener Ludwig Forum

Im Rahmen der faszinierenden Ausstellung „Hyper Real - Kunst und Amerika um 1970", der „künstlerische Reflexion des American Way of Life im Kontext gesellschaftspolitischer Entwicklungen" laufen ab heute im Aachener Ludwig Forum jeden Donnerstag zeitgenössische Filme und Werke, die einen Bezug zur themasierten Zeit haben. Von Kubricks „2001 - Odyssee im Weltraum" (24.3.) aus dem Jahre 1968 bis zur Errol Morris' Dokumentation über Robert McNamara, „The Fog of War" (2.6.) aus 2003, reicht die Spannweite. Zu den 13 Filmen, die von DVD kommen und nicht in Kinoqualität projiziert werden, gehören geniale Zeitstimmungen wie „American Graffiti" (USA 1973, Regie: George „Star Wars" Lucas, 19.5.), Kriegs-Anklagen wie „Platoon" (UK/USA 1986, Regie: Oliver Stone, 21.4.) und „Full Metal Jacket" (UK/USA 1987, Regie: Stanley Kubrick, Do 9.6.) sowie - ungemein aktuell - die Warnung vor den Gefahren der Atomkraft in „Das China-Syndrom" (USA 1979, Regie: James Bridges, Do 26.5.). Eine gut ausgewählte Reihe, die auch bei großen Festivals laufen könnte, in Aachen aber leider unter Wert vorgeführt wird. (23.3.-10.6. immer um 20 Uhr im Space, im Kino des Ludwig Forum, Aachen) 


The Roommate

USA 2011 (The Roommate) Regie: Christian E. Christiansen mit Leighton Meester, Minka Kelly, Cam Gigandet 91 Min. FSK ab 16 Jahre

Wer "Weiblich, ledig, jung sucht ..." noch kennt, weiß dass eine billige und schlechte Kopie dieses sehr spannenden, 19 Jahre alten Thrillers von Barbet Schroeder nicht ohne Hohn ist. Geht es doch in dem bösen Psycho-Spiel zwischen Bridget Fonda und Jennifer Jason Leigh gerade um eine Mitbewohnerin, die im umgekehrten Vertigo ihrem Idol immer ähnlicher wurde. Eine mörderische Kopie. „The Roommate" hingegen ist das tödlich langweilige Plagiat, das auf ein ahnungsloses Publikum hofft.

Diesmal will die College-Studentin Rebecca allerbeste Freundin und auch ganz genau so werden wie ihre Mitbewohnerin Sara. Dafür ermordet sie eine vermeintliche Freundschafts-Konkurrentin und spült sogar ein Kätzchen in der Waschmaschine weich. Irgendwann merkt Sara, dass sie in einem ganz bösen Film ist...

Statt Bridget Fonda und Jennifer Jason Leigh spielen nun Leighton Meester, Minka Kelly und Cam Gigandet. Namen, die man höchstens von TV-Serien kennt. Gegen den Thriller spricht auch schon die Altersausrichtung für den amerikanischen Markt: Alles soll noch für 13-Jährige kompatibel sein. Bei uns ist er „ab 16" und für niemanden empfehlenswert.

Gnomeo und Julia

USA/Großbritannien 2011 (Gnomeo & Juliet) Regie: Kelly Asbury 84 Min. FSK ab 6

Kaum sind die zerstrittenen Haushälter namens Montague und Capulet aus dem Haus, da kommen ihre Gartenzwerge groß in Fahrt und führen den Streit der neidigen Gärtner weiter. Die kultivierten Blauen verachten die ungebildeten Roten. Ab und zu schlüpft einer durch den Zaun, um die Blumen in Nachbars Garten umzuknicken. Die jungen Wilden liefern sich in der Gasse namens Verona Drive heiße Rennen mit den Rasenmähern. Der Held heißt diesmal nicht James Dean sondern Gnomeo. Als Sohn der Blauen Königin tragen seine tönernen Muskeln viel Verantwortung und Bewunderung. Die rote Julia hingegen ist um die Schönheit der Grünkultur besorgt. Beim Ergattern einer schönen Orchidee im verlassenen Garten der Nachbarschaft treffen sich Gnomeo und Julia in einem wunderschönen Liebesduett! Denn hier handelt es sich um ganz gewöhnliche, sprechende, laufende und raufende Gartenzwerge mit einer ganz außergewöhnlichen Besonderheit: Sie singen dauernd kitschige Elton John-Lieder!

Es kommt, wie Shakespeare es von seinem steinernen Podest voraussagt: Diese Liebe endet - vorläufig - tragisch, denn Gnomeos kleine und kleingeistige Verwandtschaft denkt immer noch „Lieber tot als rot!" „Gnomeo und Julia", dieser tolle Zeichentrick-Spaß für Kinder und Erwachsene, löst sich weitgehend von Shakespeares Original ohne dabei auf tönernen Füßen zu stehen. Oder ich habe vergessen, welche Rolle der rosa Plastikflamingo mit südländischem Akzent beim britischen Barden spielt. Trotzdem kommen eine Menge Zitate vor und der Bus, der Gnomeo entführt, fährt selbstverständlich nach Stratford-upon-Avon. Doch aus welchem Königsdrama stammt noch mal der Rasenmäher namens „Terra minator"? Oder erwuchs er wie andere Szenen eher aus „Tiger & Dragon" und „Braveheart"? Die Lieder, angefangen beim „Crocodile Rock", sind jedenfalls eindeutig vom modernen Barden Sir Elton, der auch ausführender Produzent der verrückten und überkandidelten Garten-Party war. Dabei behalten die einzelnen Gartenzwerge sehr nett im animierten Zustand ihre beschränkte Identität. Weitere Grün-Ausstattung füllt die „Dramatis personae" humorvoll an: Ein Plastik-Frosch gibt die Amme Julias. It's mehr then a little bit funny, dieser größte Gartenzwerg-Film der Welt. Er braucht übrigens kein 3D, um riesig - Verzeihung: zwergig Spaß zu machen. 

Der letzte Tempelritter

USA 2010 (Season Of The Witch) Regie: Dominic Sena mit Nicolas Cage, Ron Perlman, Claire Foy, Ulrich Thomsen, Christopher Lee  95 Min. FSK ab 16

Schon 1332 machten gedankenlose Soldaten den Mörder im Namen irgendeines Gottes. 1333, 1334 usw., Jahr um Jahr morden die Kreuzritter weiter. Der Dienst dauert viel länger, als vereinbart. Ein versprochener Abzug lässt auf sich warten. Irgendwann mitten im Gemetzel öffnet Behmen (Nicolas Cage) die Augen und erkennt, dass er gerade eine junge Frau auf seinem Schwert ersticht. Das schreit nach Sühne. Wieso - nach langer Reise in Österreich gelandet - nicht eine junge Frau, die der Hexerei verdächtigt wird, retten? Was Sinnvolleres konnte man im Mittelalter scheinbar nicht mit seinem schlechten Gewissen anfangen. Aber auch anderes ist abwegig in diesem Film: Hier gibt es tatsächlich Hexen, die Steiermark liegt am Meer und der Teufel ist wieder mal kein Eichhörnchen sondern ein übertriebenes Monster aus der digitalen Trickkiste.

Inmitten einer pestgeplagten Landschaft zieht Behmen los, das Mädchen im Käfig und begleitet von seinem Kumpel Felson (Ron Perlman), dem Ritter Ekhart (Ulrich Thomsen), einem Mönch, einem Dieb und einem Praktikanten. Das hört sich schon viel interessanter an, als es letztlich wird: Beim langen Ritt durch ausführlich abgefilmte Berge und Wälder sterben einige der Gefährten, am Reiseziel, einem Kloster, liegen nur noch Leichen und jetzt kann sich Behmen endlich mit einem digitalen Monster prügeln.

Die erste Enttäuschung ist der Filmtitel, der sich von der Hexen-Saison im Englischen zum sinnentfremdeten Kreuzritter im Deutschen wandelt - DAS ist das Letzte! Nicolas Cage trägt wieder langes, lockiges Haar durch die Landschaft und schaut vertraut ernst in dieselbe. Es gibt etwas Action, ein paar Gruselszenen, Wölfe mit einem Lemming-Gen, die den Reisenden direkt ins Schwert springen, und andauerndes Kopfschütteln über diese einfältige „Âventiure". Die mittelalterliche Erzähl-Formel erweist sich - trotz teurer Kulissen und auch wegen unerträglich dick aufgetragener Musik - vor allem für das Publikum als Bewährung. Ganz entfernt winken Polanskis „Die neun Pforten" herüber, aber da konnte man sich von echten Hexen noch verzaubern lassen.

Das Schmuckstück

Frankreich 2010 (Potiche) Regie: François Ozon mit Catherine Deneuve, Gérard Depardieu, Fabrice Luchini, Karin Viard, Judith Godrèche 103 Min.

Eine französische Screwball-Komödie mit Catherine Deneuve und Gérard Depardieu. Wie toll! Nun muss man den Jüngeren vielleicht erklären, was eine Srewball-Komödie ist, eventuell auch, wer Deneuve und Depardieu sind. Dass dieses cineastische „Schmuckstück" von François Ozon ist, macht den Spaß noch etwas spezieller...

Fabrice Luchini spielt wie schon bei „Les femmes du 6ème étage" wieder den Boss, der Probleme mit Frau und Personal hat. Diesmal ist seine Figur Robert Pujol allerdings ein ausgesuchtes Ekel. Voll die 70er kommt er mit einem Kofferradio in der Hand die Treppe herunter und motzt: Madame Pujol (Catherine Deneuve) soll keine Fragen stellen, soll kein Frühstück machen, soll nur Madame Pujol sein. Ein Schmuckstück - eine „Potiche", eine Ziervase. Wenn man sie in der Anfangsszene selig in lieblicher Natur joggen sieht oder wenn sie - wieder farblich perfekt mit der Umgebung abgestimmt - in der Küche ein Liedchen trällert, dann scheint ihr diese Roll zu passen.

Doch ein Streik seiner Arbeiter fällt den galligen Pujol per Herzattacke. Nun übernimmt Suzanne Pujol, die Tochter des Firmengründers, wieder die Führung der Regenschirm-Fabrik. Sie macht sich nur noch etwas frisch - die Kleidungsfrage ist ebenso wichtig wie die Klassen-Frage - und tritt mit Pelz und Perlen den Gewerkschaftsvertretern gegenüber. Während der Gatte in Anlehnung an Sarkozy meint, „wenn die Arbeiter mehr Geld wollen, sollen sie mehr arbeiten", verständigt sich Madame Pujol mit allen. Sogar mit der Sekretärin, die nur zu gerne die Rolle der Ehefrau übernehmen würde und auch mit intimen Handreichungen vertraut ist. Tochter und Sohn Pujol sollen endlich in der Firma mitarbeiten. Der kunstsinnige, unübersehbar schwule Sohn lässt sich einspannen und entwirft herrlich poppige Regenschirm-Designs. Mit dem kommunistischen Bürgermeister Maurice Babin (Gérard Depardieu) zieht Suzanne in die anrüchige Bordell-Disko, die dem holden Gatten immer für „Geschäftsgespräche" diente. Hier lebt die Affäre wieder auf, die Suzanne und Maurice kurz vor ihrer Hochzeit hatten. Nach einigen Monaten unter der Führung von Madame Pujol blüht auch die Regenschirm-Produktion auf, doch dann kehrt der erholte Herr Pujol von seiner Kreuzfahrt zurück. Er ist jetzt das „Potiche", das Schmuckstück, und muss zuhause Hausfrauen-Sendung schauen. Im Streit um die Herrschaft über die Firma gewinnt er mit fiesen Tricks, doch Suzanne Pujol will jetzt gleich in die Politik: Wenn ich bisher den Haushalt und die Firma Pujol aufräumen konnte, dann werde ich auch das Land aufräumen...

Srewball war der vom rasanten Wortwitz angetriebene Komödien-Spaß aus dem Hollywood der 50er-Jahre. Die Figuren waren gut situiert und seltsam - das passt zu den Pujols. Auch an vielen anderen Ecken ist „Das Schmuckstück" Zitat und ein Vergnügen für Cineasten, angefangen mit der wunderschönen Idee, die Deneuve, die mit „Die Regenschirme von Cherbourg" vor 46 Jahren berühmt wurde, wieder ins Regenschirmgeschäft einsteigen zu lassen. Und das mit einer völlig verspielten Fabrikation, künstlich wie Willi Wonkas Schokoladenfabrik. „Das Schmuckstück" schmückt die Karriere der Deneuve vortrefflich: Traumhaft, wie sie morgens beim Joggen die Rehlein, die Täubchen und die rammelnden Häschen begrüßt. Solch kitschig-verrückte Szenen macht François Ozon kaum jemand nach. Auch die Lied-Einlagen nicht, die vor allem als Hommage an die große Zeit des Hollywood und des französischen Musicals gedacht sind. In der schönsten Verbindung beider, in „Die Mädchen von Rochefort", spielte, sang und tanzte Catherine Deneuve mit Gene Kelly die Hauptrolle. Da gibt es selbstverständlich auch jetzt eine typische Gruppentanz-Einlage, wie in Ozons etwas weniger lieblichen „Tropfen auf heiße Steine" und in seinem Erfolg „8 Frauen".

Fabrice Luchini erweist sich in „Das Schmuckstück" wieder als großartiger Komiker. (Während das weitere Casting eine gewisse Verachtung für die Arbeiterklasse zeigt.) Deneuve macht mit Ausstrahlung wett, was ihr an Tempo fehlt. Ihr gebührt auch die letzte große Ozon-Szene: Suzanne Pujol beendet ihre Siegesrede mit einem Chanson, „C'est beau la vie"! Diese nette Komödie ist auf jeden Fall schön.

16.3.11

I Shot my Love

Israel, BRD 2010 Regie: Tomer Heymann 70 Min.

Eine Familiengeschichte, eine Liebesgeschichte und eine über jüdisch-deutsche Verhältnisse heute. Die tolle Dokumentation mit dem nicht martialisch gemeinten Titel „I Shot my Love" fängt auf sehr persönliche Weise eine Vielfalt von Themen ein: Die Mutter schenkte Tomer Heymann die erste Kamera, er wurde filmverrückt, nahm alles auf und Jahre später stehen die beiden Israelis zusammen bei der Berlinale auf der Bühne. Später lernt Tomer im Berlin den deutschen Andreas kennen. Der verliebte junge Künstler reist bald nach Tel Aviv. Selbst bei der sehr emotionalen Umarmung am Flughafen bleibt die Kamera in der Hand und ist auch ansonsten immer dabei. Mit der Mutter in der Wohnung, mit dem Geliebten unter der Dusche, wenn dieser Brecht singt.

„I Shot my Love" balanciert auf scheinbar beiläufige Weise verschiedene Aspekte seines Lebens und ist nie monothematisch wie viele israelische Dokumentationen aus der Generation der Nachgeborenen. Die sehr vielschichtige Dokumentation zeigt mehr Gefühl und Wahrheit, als die meisten Spielfilme.

The Rite - Das Ritual

USA 2010 (The Rite) Regie: Mikael Håfström mit Anthony Hopkins, Colin O'Donoghue, Rutger Hauer 114 Min.

Ein junger Mann, der eigentlich nicht Priester werden will, erfährt, dass er Hundertausende an Studienkosten zurückzahlen muss, falls er fahnenflüchtig wird. Michael Kovak (Colin O'Donoghue) könne aber auch in Rom an einem ganz speziellen Priester-Seminar teilnehmen, schlägt sein spiritueller Doktorvater vor. Dort sieht Michael ein Best off aller möglichen Exorzisten-Filme und wird gründlich an das Thema rangeführt, das ihm sehr suspekt ist. Ein Praktikum bei Pater Lucas (Anthony Hopkins), der mit allen Weihwassern gewaschen scheint, präsentiert ihm ein schwangeres italienisches Mädchen, das vom Vater vergewaltigt wurde, als erste und dann chronische Patientin. Das Power-Beten mit Kreuz-Schwingen stellt eine Prüfung für den ungläubigen Michael dar, denn: Wenn er nicht an Gott glaubt, wieso dann an den Teufel? Allerdings ist so ein moderner Mensch auch eine Herausforderung für Beelzebub und dieser bemüht sich redlich mit dem üblichen Kopfverdrehen, Adern-Anschwellen und Fingernägel-Kratzen überzeugend zu wirken.

Auch das übliche Exorzisten-„Ritual" bemüht sich relativ geschickt, selbst die am Kult des Horrors Ungläubigen zu packen. Da hilft die Vorlage zum Film, Matt Baglios „Die Schule der Exorzisten: Eine Reportage" ist der Bericht eines Priesters, der die Exorzisten-Abteilung des Vatikans durchlebt hat, ebenso wie die skeptische Grundhaltung des Protagonisten. Die nachvollziehbare Frage, ob es sich nicht einfach um Schizophrenie handelt, nimmt auch einige verständliche Einwände vorweg. Und verweist auf den einzig im Wortsinne „vernünftigen" Exorzisten-Film: Hans-Christian Schmids „Requiem" mit Sandra Hüller als Getriebene und Verfolgte. Doch der beste Trick des Films ist Anthony Hopkins. Dieser großartige Schauspieler könnte einem auch glauben machen, dass die Erde eine Scheibe oder unsere Atomkraftwerke sicher sind. Dabei kann sich seine Figur erlauben, mitten im Exorzismus ein Telefongespräch anzunehmen! Stand nicht in der Gebrauchsanleitung „nicht am Steuer oder bei Teufelsaustreibung benutzen"? Derweil behauptet die Musik dauernd Spannung, die in Bild und Handlung noch lange nicht auftauchen. Es gibt spannendere, mit mehr Schrecken beseelte, aber auch viele simplere Exemplare dieser teuflischen Filmgattung. Trotzdem bleibt auch dieser Fall unwesentlich wie eine Geisterbahnfahrt.

15.3.11

Onkel Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben

Thailand, Großbritannien, BRD, Frankreich, Spanien 2010 (Uncle Boonmee who can recall his past Lives) Regie: Apichatpong Weerasethakul 113 Min. FSK ab 16 OmU

Der bejubelte Gewinner der Goldenen Palme von Cannes 2010 „Onkel Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben" ist ein seltenes Erlebnis in deutschen Kinos. Zwar ist der Thailänder Apichatpong Weerasethakul (man darf ihn auch einfach „Joe" nennen) nicht nur ein anerkannter Regisseur und Bildender Künstler, doch schon seinen letzten Cannes- Beitrag „Tropical Malady" verschliefen 2005 nicht nur viele Kritiker, in Deutschland sahen ihn nach dem Start nur 4.000 Menschen.

Onkel Boonmee ist schwer krank, mitten in der Natur bereitet er sich auf den Tod vor. Die Besuche von Angehörigen und Freunden sind in dieser Situation üblich. Bei Weerasethakul tauchen allerdings auch schon verstorbene Personen aus Boonmees Leben auf. In menschlicher und tierischer Gestalt. Mit der wunderbarsten Selbstverständlichkeit. Zwischendurch erzählt der Film traumhafte Episoden, deren Zusammenhang - wie oft bei diesem Regisseur - nicht auf den ersten Blick deutlich wird.

Das Leben (und Sterben) in einer Welt mit beseelten Wesen und Gegenständen als Zyklen der Wiedergeburt zu sehen, ist das große Geschenk des eigenwilligen Filmemachers an seine Zuschauer. Bei „Onkel Boonmee" erlebt man das Hinübergehen so leicht, dass der Film auch Komödie ist. Derart beseeltes und nebenbei auch wunderbar entschleunigtes Kino kann tatsächlich noch bereichern.