15.3.11

Betty Anne Waters

USA 2010 (Conviction) Regie: Tony Goldwyn mit Hilary Swank, Sam Rockwell, Minnie Driver, Melissa Leo 111 Min. FSK ab 12

Erin Brockovich stammte aus einfachen Verhältnissen und kämpfte wie eine Löwin für Gerechtigkeit. Brockovich ist allerdings ein zahmes Kätzchen im Vergleich zu Betty Anne Waters, die ihr halbes Leben aufgibt, um mit allen Mitteln der Justiz ihren unschuldig verurteilten Bruder zu befreien. Das ist bewegend, erstaunlich und in der Geschwisterliebe beinahe unglaublich. Doch wie Erin Brockovich war auch Betty Anne Waters eine reale Figur.

Schon als Kinder sorgten Betty und Kenny immer für Ärger, sie waren Stammgäste bei der Polizei des kleinen Örtchens Ayer in Massachusetts. Betty konnte als kleines Mädchen die Jungs verdreschen, der große Bruder holte sie immer raus, wenn es nicht mehr weiter ging. Die Mutter kümmerte sich nicht um sie, sieben unterschiedliche Waisenhäuser waren ihr zuhause. Als Erwachsene holt Betty (Hilary Swank) ihren Bruder Kenny (Sam Rockwell) immer wieder aus dem Knast. Der charmante Dickkopf  lässt sich von niemanden etwas sagen, ist extrem aufbrausend. So ist er nicht überrascht, dass er wieder verhaftet wird, nur diesmal ist es ernst. Eine Armada von Polizisten steht vor der Kirche, wo Kenny sich gerade von seinem verstorbenen Großvater verabschiedet. Zwei Jahre nach dem brutalen Mord an einer Frau aus der Nachbarschaft kann eine unübersehbar befriedigte Polizistin Kenny festnehmen. Im Jahr 1983 bekommt er lebenslänglich und das Gericht verurteilt damit auch seine Schwester - zu einem erstaunlichen Leben.

Betty Anne Waters beginnt Jura zu studieren, die Mutter von zwei Söhnen ist die älteste Frau in der Klasse. Sie kellnert nebenbei und schafft die Prüfungen gerade so eben. 12 Jahre hängt sie sich derart in die Obsession, die Unschuld ihres Bruders zu beweisen, dass ihr Mann auszieht und sie mit den Kindern alleine lässt. Später wollen auch die lieber beim Vater leben. Das schmerzt, aber die Liebe zum Bruder ist größer. Bis zum Zusammenbruch kämpft Betty, während alle längst aufgegeben haben. Nur Abra Rice (klasse: Minnie Driver), eine Freundin aus dem Studium, bleibt an ihrer Seite und balanciert den erschreckenden Ernst Bettys mit gutem Humor aus. Wie im amerikanischen Recht üblich, brauchen sie einen Präzedenzfall und die technische Entwicklung der DNA-Tests liefert ihnen diesen. Doch eine Staatsanwältin mit politischen Interessen steht Kennys Freilassung weiterhin im Wege. Irgendwann gibt es Email, die Handys sind klein geworden, aber die Blutproben immer noch nicht untersucht...

„Betty Anne Waters" erzählt eine eindrucksvolle, wahre Geschichte, die sich Anfang der Achtziger ereignete. Eine unprätentiöse Inszenierung vom TV-Routinier Tony Goldwyn lässt den Darstellern allen Raum, bis man glaubt, Hilary Swank („Boys Don't Cry") ist wirklich Betty Ann Waters. Deren Beharrlichkeit erstaunt zunehmend, denn es dauert auch im Kino 90 Minuten, bis Hoffnung aufkommt - dieser Film macht es nicht leicht, an die Unschuld von Kenny zu glauben. Swank fesselt in allen Verfassungen - bis zum nahen Wahnsinn. Auch Sam Rockwell altert in der Rolle ansehnlich, aber sein Kenny bleibt immer noch jähzornig. Überhaupt ist „Betty Anne Waters" im Stil unauffällig, aber durchgehend hervorragend besetzt. Juliette Lewis spielt beispielsweise eine herrlich schlampige Zeugin, die gegen Kenny aussagt und sichtbar stinksauer auf ihn ist. Das Drama feiert keine überschwängliche Freude am Ende, denn es bleiben 18 Jahre unschuldige Haft. Allein das New Yorker Projekt, das auch Betty Anne Waters in den letzten Monaten unterstützte, erreichte seit 1989 über 250 Freisprüche auf Basis von DNA-Beweisen! 

14.3.11

Faster

USA 2010 (Faster) Regie: George Tillman Jr. mit Dwayne Johnson, Billy Bob Thornton, Oliver Jackson-Cohen 98 Min. FSK ab 18

Dwayne Johnson macht wieder in aller seiner immer noch hochtrainierten Körperherrlichkeit den schnellen und furiosen Driver. Dieser namenlose Fahrer kommt aus dem Gefängnis, wartet auf niemanden, läuft einfach los. Bis zu seinem Ford Mustang, der gut verstaut bereitsteht. Zur Innenausstattung gehört ein Revolver unter dem Sitz. Nichts hält Driver auf und selten ist ein Entlassener so schnell rückfällig geworden: Wie aus der Pistole geschossen knallt er einen Büroarbeiter ab. Die Polizei tappt noch im Dunkeln, da hat der Ex-Häftling schon einen älteren Herren in den endgültigen Ruhestand befördert. Es traf nicht unbedingt den Falschen, denn dieser wollte sich gerade über ein betäubtes Mädchen hermachen. Der ganze Staat sucht mittlerweile den wenig dezent arbeitenden Driver über die TV-Nachrichten. Auch ein aalglatter Yuppie - der Killer - bekam den Auftrag, den Mörder zu ermorden. Immer zu spät ist derweil ein Junkie mit Dienstmarke. Billy Bad Thornton, der Ex-Mann von Angelina Jolie, macht den Bad Lieutenant, hier einfach Cop genannt. Zehn Tage vor dem Ruhestand (so alt ist Billy Bob echt noch nicht!) scheint er im Gegensatz zu seiner Kollegin Cicero (Carla Gugino) nicht besonders wach oder interessiert, hinter das Motiv des Driver zu kommen.

„Faster" sieht wirklich gut aus und hat einige starke Momente. Das Styling des B-Pictures, das sich selbst etwas zu ernst nimmt, ist erlesen, von den aufgepumpten Körpern bis zum Wagen- und Waffen-Arsenal des Killers und seiner Edel-Gespielin klarst ausgeleuchtet. Der Killer Oliver Jackson-Cohen hat allerdings außer eng stehenden Augen vor lauter Luxus nichts zu bieten. Sein Duell mit dem Driver ist wie das von Mustang und Ferrari: Die Kraft der Natur gegen gelackte Edel-Pferdestärken. Der eine getrieben von Schmerz und Rache. Der andere will nur glänzen und könnte auch Bausparverträge verkaufen. Er tötet als Hobby und lässt sich mit nur einem Dollar bezahlen. Doch bei aller Bemühung von Kamera und Regie: Der tragische Held steht Dwayne The Rock Johnson ebenso wenig wie der Kindergarten-Cop oder -Clown. Billy Bob Thornton macht hingegen als kleiner, wirklich schäbiger Cop nachhaltig Eindruck. Nicht seine größte Rolle, auch nicht die dreckigste, die war der „Bad Santa". Es bleiben auf der Positivliste die rasante Verfolgungsjagd im Rückwärtsgang, ein paar starke Momente und die Endabrechnung mit drei Männern, drei Pistolen und drei Überraschungen.

9.3.11

Justin Bieber - Never say never

USA 2011 (Justin Bieber - Never say never) Regie: John Chu 105 Min.

Infizierte Jugendliche werden es sich kaum vorstellen können: Für den Autoren dieser Zeilen war Justin Bieber irgendwie immer eher eine pelzige Zeichentrickfigur. Das Ohr unbeschädigt von den hohen Tönen des Teenie-Stars wundert sich jemand, dessen Idole in vergangenen Jahrtausenden eher David Bowie hießen und auf keinen Fall glatt und lieb aussahen.

„Justin Bieber - Never say never" ist zuerst ein typisches Starporträt in Konzertform bei der dieses kanadische Jüngelchen ohne markante Persönlichkeit recht verloren wirkt. Nur in 3D auf der Buhne bekommt er wenigstens Bildtiefe, der Rest fällt flach (aus). Die kreischenden Fans wird es nicht stören. Bis auf einen bombastischen Anfang lässt der mäßig inszenierte, überlange Film durchaus Raum für kritische Betrachtungen. Man kann quasi fühlen, dass viele auf spontan gemachte Szenen nur inszeniert sein können - mit 3D geht das nicht spontan! Das Tourleben mit der vermeintlichen Familie stellt sich harmonisch dar, doch kann eine Entzündung im Hals nach hunderten von Konzerten über einen Zeitraum von zwei Jahren tatsächlich der einzige Schaden für einen jungen Jugendlichen sein?

Das bescheidene Wunderkind, das mit fünf Jahren schon eindrucksvoll Schlagzeug spielte und auch noch Gitarre und Klavier lernte, wirkt heute wie ein angepasster Streber. Bemerkenswert wie der noch jüngere Jaden Smith, neben Usher und Miley Cyrus einer von vielen Partnern auf den Konzerten, das Mega-Sternchen Bieber mit Ausstrahlung und Persönlichkeit in den Schatten stellt. Egal ob diese Karriere über YouTube und Twitter entstand, die Musik ist dünn und nichtssagend. Zum Glück spielt der Film auch relativ wenig von ihr. Er ist auf keinen Fall 3D-Material und Regisseur John Chu ist kein Wim Wenders. Besonders die Bühnen-Szenen sind vom Schwächsten. Ein Fan-Film, der noch schneller als sein Star vergessen sein wird.

Alles erlaubt

USA 2011 (Hall Pass) Regie: Bobby Farrelly, Peter Farrelly mit Owen Wilson, Jason Sudeikis, Christina Applegate 105 Min.

„Angesiedelt zwischen derben Witzen und einigem Tiefgang" schrieb der film-dienst zu „Nach 7 Tagen ausgeflittert", dem letzten Film der Brüder Bobby und Peter Farrelly. Tatsächlich ist die neue Komödie der Macher von „Unzertrennlich" (2003), „Ich, beide & sie" (2000) oder „Verrückt nach Mary" (1998) erstaunlich reif und voller Tiefgang - ohne Verzicht auf Zotten, Fäkalem und sonstigem Grobem.

Rick und Fred (Owen Wilson und Jason Sudeikis) sind eingerostete, brave und ihren kleinen Ausflüchten völlig berechenbare Midlife-Ehemänner. Es gibt nicht mehr viel Sex in ihren Ehen. Man denkt, es liegt an mangelnder Zeit, aber eigentlich will die Frau gar nicht mehr. So drehen sich Männergespräch um alle anderen Frauen und die bevorzugten Orte der Masturbation. Irgendwann reicht Maggie (Jenna Fischer) das pubertäre Theater und sie gibt ihrem Mann für eine Woche einen Freifahrtschein von der Ehe. Nicht ganz überzeugt lässt auch Grace (Christina Applegate) ihren Fred von der Leine. Nun erfahren die recht beschränkt Sex gesteuerten Herren, dass sie gar nicht mehr wissen, wo man Singlefrauen findet, geschweige denn, wie man sie anspricht.

Die Woche der sexuellen Freiheit entwickelt sich zum albernen und komischen Fettnäpfchen-Parcours. Da führen mit Gras angereicherte Brownies zu Schweinereien auf dem Golf-Grün, ein vermeintliches Date mit der australischen Kellnerin endet in der Schwulensauna, Anmachersprüche aus dem Netz werden noch peinlicher, wenn man sie nicht richtig aufsagt. Während sich die sexuelle ausgehungerten Herren extrem dämlich verhalten und trotzdem ihre Chance bekommen, haben die Frauen an der Küste eine klasse und richtig romantische Zeit...

Den Brüdern Farrelly gelingt mit „Alles erlaubt" die Quadratur des Kreises: Zwar ist der Humor oft kindisch, doch die Ehegatten sprechen in ihrem Viagra-Redefluss die Wahrheit aus. Sexuelle Details werden ebenso wenig ausgelassen wie klare Worte zum Verlauf von Beziehungen. Auf diesem Gebiet werden nun Erkenntnisse vermittelt, die man auch bei Shakespeare oder in eine Oper von Mozart findet. Zwar hat diese sehr menschliche Komödie nicht so ein bitteres Finale wie es andere Menschendurchschauern - Chabrol oder Woody Allen - oft präsentieren. Hier ist tatsächlich „Alles erlaubt", selbst ein Liebesfilm-Happy End.

Wer wenn nicht wir

BRD 2011 (Wer wenn nicht wir) Regie: Andres Veiel mit August Diehl, Lena Lauzemis, Alexander Fehling 124 Min.

Was ist privat, was politisch? Diese Frage beschäftigte und beschäftigt immer wieder politisch aktive Menschen, selbstverständlich auch den linken Protest der Sechziger und Siebziger in der Bundesrepublik. Die Themen in „Wer wenn nicht wir", dem komplexen Spielfilm-Debüt des ausgezeichneten Dokumentaristen Andres Veiel („Balagan", „Black Box BRD", „Der Kick"), sind Beziehung und Engagement von Gudrun Ensslin und Bernward Vesper, sind privat und politisch.

Im Gegensatz zu Eichingers „Baader Meinhof Komplex" blickt Andres Veiel  hinter die Klischees, hinter die Phrasen von der radikalisierten Pastorentochter. Anfang der Sechziger siezst man sich noch an der Uni und auch sonst wo, selbst junge Männer (er-)tragen Krawatten und überall rauchen Zigaretten. Bernward Vesper (August Diehl) beginnt sein Studium in Tübingen, diskutiert und diniert mit Walter Jens. Der engagierte Student Vesper trägt allerdings eine schwere Last, sein verehrter und geliebter Vater Will war Großschriftstellers der Nazis, schrieb Grußverse an den Führer. Während Bernward Papas Werke im nebenbei gegründeten Verlag wieder rausbringen will, begeistert er sich auch für linke Autoren und Ideen. Darin findet er sich mit der Kommilitonin Gudrun Ensslin (Lena Lauzemis), die bald Mitbewohnerin, Freundin, Übersetzerin und Sekretärin wird. Eine andere Freundin zieht gleich mit ein, denn „warum muss ein Dreieck immer zur Geraden schrumpfen?" Mit solchen Sprüchen gibt sich Gudrun zwar offen, doch auf Bernwards Liebschaften reagiert sie immer wieder mit radikalen Selbstverletzungen. Nach 1964 sind Bernward und Gudrun in West-Berlin Teil der außerparlamentarischen Opposition. Doch dann ist da auf einer Party dieser Andreas Baader (Alexander Fehling). Ein frecher Prolet, ein Macho mit dickem Schlitten und Ego, ein Mann der Tat, während Bernward die Gesellschaft mit seinen Büchern verändern will.

„Wer wenn nicht wir" basiert auf dem Sachbuch „Vesper, Ensslin, Baader – Urszenen des deutschen Terrorismus" von Gerd Koenen. Exakt solche Urszenen zeichnet Veiel mit gelungener Inszenierung und tollem Schauspiel nach. Gudrun Ensslin wirkt schon jung hart im Gesicht und im Ausdruck. Doch erst als Baader mit dem Telefonkabel die Verbindung zu ihrem Sohn aus der Wand reißt, endet Jahre später zumindest formal die Zerrissenheit der nun offiziellen Terroristin. Ganz ohne Dokumentation kommt Veiel auch diesmal nicht aus, die Einbettung in die Weltpolitik gelingt mit historischem Material und super Ausstattung hervorragend. Dabei beobachtet man aber vor allem die Nuancen der persönlichen und politischen Handlungen. Auch wenn der Film in der verzweifelten Tragödie eines Liebenden endet, sich politische Analyse und persönliches Mitfühlen die Waage halten, verschenkt Veiel diese detaillierte Nachzeichnung mit den Mitteln der Fiktion nie an große Gefühle, die andere als Maxim der Unterhaltung zentral setzen. Eine spannende Balance zwischen Politischem und Persönlichem.

8.3.11

Almanya - Willkommen in Deutschland

BRD 2010 Regie: Yasemin Samdereli mit Vedat Erincin, Fahri Yardim, Lilay Huser, Demet Gül, Rafael Koussouris, Aylin Tezel, Denis Moschitto 101 Min. FSK ab 6

„Türkisch für Anfänger" war der charmante, umwerfend komische TV-Erfolg nach Drehbüchern der Schwestern Nesrin und Yasemin Samdereli aus Dortmund. Nun teilten sie sich Buch und Regie, um auch auf der großen Leinwand Probleme von Einwanderung und Integration mit viel Spaß darzubieten. Der Clou von „Almanya" liegt im Perspektiv-Wechsel: Alle Türken reden deutsch und die Deutschen irgendein unverständliches Kauderwelsch. Zudem kann man mit den ersten Gastarbeitern und ihren Familien darüber staunen, dass Deutsche Riesenratten an Leinen - gemeint sind Dackel - umher führen und überall diesen halbnackten, blutigen Mann - Jesus - an die Wand hängen. Eine Horrorvorstellung für kleine Anatolier!

Das Leben von  Hüseyin Yilmaz, des Ein-Millionen-Ersten Gastarbeiters, wird in „Almanya - Willkommen in Deutschland" aber auch recht ernsthaft erzählt: 1964 kommt Hüseyin nach Deutschland, um sein Familie im fernen Anatolien zu ernähren. Ein wechselhaftes Leben - von dem wir nicht viel erfahren - später hat er eine große Familie und überrascht diese mit der Nachricht, er habe ein Haus in „der Heimat" gekauft. Die Kinder und Enkel sollen alle zusammen in die Türkei, um es aufzumöbeln. Dem jüngsten Spross der Familie entfährt die zentrale Frage: Was sind wir eigentlich Türken oder Deutsche? Während der Reise erzählt die Enkelin ihm eben diese Geschichte des Großvaters mit vielen witzigen Anekdoten. Gleichzeitig quält die junge Frau ihre noch geheim gehaltene Schwangerschaft mit ausgerechnet einem Engländer! Ansonsten kennt die harmlose Wohlfühl-Komödie keine größeren Probleme, aber auch nur wenige große Momente und Bilder. „Almanya - Willkommen in Deutschland" unterhält sehr gut und leicht, wurde toll gespielt und hat das Zeug zu einem Komödien-Hit. Ob die Samdereli auch richtig Kino können, beispielsweise wie Fatih Akin in „Solino", kann hoffentlich ihre nächste, größere Produktion zeigen.

Der Plan

USA 2011 (The Adjustment Bureau) Regie: George Nolfi mit Matt Damon, Emily Blunt, Anthony Mackie, Terence Stamp 109 Min. FSK ab 12

Sie haben die Wahl: „Der Plan" lässt sich als allmähliche Entdeckung lesen. Mit der Überraschung, dass sich in der Hollywood-Verpackung ein sehr raffinierter Ideen-Komplex mit Abzweigungen ins Esoterische, ins Philosophische und Weltanschauliche verbirgt. Man kann es auch kurz fassen: Nach einem Buch von Philip K. Dick! Der fleißige Science Fiction-Autor (1928 - 1982) unterfütterte schon „Blade Runner", „Minority Report" aber auch „Total Recall" und „Paycheck". Diesmal gelang den Drehbuchautor und Regie-Debütanten George Nolfi die leichte Erzählung eines grundlegenden philosophischen Dilemmas.

Die Bevölkerung des Staates New York hat die Wahl und entscheidet sich gegen die große Hoffnung, den jungen Politiker David Norris (Matt Damon), weil dieser bei einer Party nicht nur sinnbildlich die Hosen runter ließ. Kurz bevor David mit einer Rede seine Niederlage eingesteht, trifft er im Herrenklo des Walldorf die Britin Elise (Emily Blunt ). Sie ist Liebe auf den ersten Blick und zudem Inspiration für eine Rede, die noch lange Wellen schlagen wird. Der Zufall will es, dass sich David und Elise am nächsten Tag im Bus widersehen. Auch dieses humorige Treffen lässt die Herzen höher fliegen, ein Smartphone landet im Kaffee-Becher und ihre Nummer auf seiner Karte. Doch das Schicksal ist gegen ein weiteres Treffen - das Schicksal in Form von Männern mit Anzug und Hut. Sie entführen den bass erstaunten Mann aus Raum und Zeit, um ihm zu erklären, wie die Welt funktioniert.

Immer wieder sucht die Menschheit Bilder für das Schicksal und immer gibt es Individuen, die sich gegen Fatalismus auflehnen. Die ganzen Götter- und Helden-Geschichten der Griechen erzählen davon. In der nordischen Mythologie wirken die Nornen am Lebensfaden. Der polnische Regisseur und Zyniker Krzysztof Kieślowski (1941 - 1996) beantwortete den Einwand „Der Zufall möglicherweise" extrem zynisch mit der Erkenntnis, dass am Ende alles gleich bleibt. George Nolfi lässt nun, nach der  Buchvorlage von Philip K. Dick, ein paar graue Männer, menschlichere Varianten des Mr. Smith aus „Matrix", das Schicksal kontrollieren. Sie werden auch Engel genannt und dienen - recht bürokratisch und mit wenig Mitgefühl - einem höheren Wesen, hier Vorsitzender genannt.

Das Schicksal hat Größeres vor mit David Norris. Der Plan besagt, dass er nicht nur die nächste Wahl zum Senator gewinnt sondern auch noch vier weitere. Eine Liebe zu Elise passt da nicht rein, scheinbar schaffen Menschen nur Großes, wenn sie eine große Leere in ihrem Herzen ausfüllen müssen. Und wie steht es da mit der freien Entscheidung der Menschen, fragt sich nicht nur David. Die bittere Antwort von Thompson (Terence Stamp), dem eindrucksvollsten der grauen Herren: Es sei immer schief gegangen, wenn man den Menschen Freiheit gelassen hätte. Zuletzt 1910-1963 mit dem Ergebnis von zwei Weltkriegen, der großen Depression und der Kuba-Krise. Man musste eingreifen, bevor die Menschheit alles zerstört hätte.

David Norris, ein Mensch mit Einsicht in das geheime Uhrwerk des Schicksals, entsagt seiner Liebe, um die Tanz-Karriere von Elise nicht zu beenden. Doch nur für ein paar Monate, dann sind die Gefühle stärker und ein einzelner versucht, den Lauf der Dinge zu verändern - mit den Mitteln der grauen Männer. Endlich kann Matt Damon dabei wieder rennen und flüchten. Durch Türen, die weit entfernte Orte New Yorks direkt miteinander verbinden. In dem SciFi-Universum aus „Matrix" und „Inception" erhält die Spannung ebenso viel Raum wie Gefühl und Nachdenken. Eine klassische Geschichte im modernen Look, die das Leben nicht verändern wird, aber bei der man wahlweise auch mal nachdenken kann.


Biutiful

Spanien, Mexiko 2010 (Biutiful) Regie: Alejandro González Iñárritu mit Javier Bardem, Karra Elejalde, Blanca Portillo, Rubén Ochandiano 147 Min.

Angesichts seines baldigen Krebstodes versucht Uxbal in Barcelona sein bisheriges Leben aufzuräumen. Zwischen ehrenwerten Absichten, einem guten Herzen und krummen Geschäften kümmert sich der erste Mann um illegale Arbeiter, seine beiden Kinder und die Ex-Frau. Zwar müden die verzweifelten Bemühungen in einer Katastrophe, doch der ebenso poetische wie spirituelle Film von Alejandro González Iñárritu („Amores perros", „21 Gramm", „Babel") führt seine von Javier Bardem eindrucksvoll gespielte Hauptfigur zu einem versöhnlichen Ende.

Zwischen den Welten - selten passte eine Beschreibung besser auf eine Figur: Uxbal (Javier Bardem) spricht mit den Toten und ist selbst schon halbtot. Sein Krebs lässt ihm nicht mehr viel Zeit. Deshalb will Uxbal noch vieles erledigen, sich um vieles kümmern. Und es gibt viel, um das sich ein Mann in Barcelona kümmern kann. Da sind Schwarzafrikaner ohne Aufenthaltsgenehmigung, die von Uxbal gegen Geld vermittelt und dann von chinesischen Menschenhändlern ausgebeutet werden. Doch Uxbal will ihnen anständige Unterkünfte und Lebensbedingen garantieren. So verhandelt er mit den Chinesen, besticht die Polizei und redet als Freund mit den Illegalen.

Weil die bipolare Mutter Marambra (Maricel Álvarez) ihnen kein gutes Zuhause bieten kann, muss Uxbal sich zwischen der Chemotherapie wieder um seine beiden Kinder Ana und Mateo kümmern. Und auch die Liebe zu Marambra brennt weiterhin, obwohl sie in der Vergangenheit sehr zerstörerisch war. So ist der ernste, stille Mann in einem Moment ungemein liebevoll, dann wieder sehr genervt. Dann gibt es noch die Stimmen aus der anderen Welt, aus dem Jenseits, in dem Uxbal in einigen Wochen sein wird. Und längst hat er noch nicht gut Geld gespart und ergaunert, um seinen Kindern ihre Zukunft zu erleichtern.

„Biutiful" ist eine spezielle Art, „schön" auf Englisch zu schreiben und eine besondere Art der Schönheit. Rührend ohne jeden Kitsch ist das Verhältnis des Mannes zu seinen Kindern, vor allem zu der älteren Tochter Ana. Übersinnlich sind die Erscheinungen Uxbals im Spiegel oder eine Begegnung mit seinem Selbst, das wie eine Spinne an der Zimmerdecke hängt. Doch dies alles frei von Horror, vielmehr in poetischen Bildern angefüllt mit der Angst vor dem Ungewissen, vor dem „Hinübergehen".

In Cannes hing sich die Kritik daran auf, dass Alejandro González Iñárritu („Amores perros") nicht wie in seiner Globalisierung des Gefühls „Babel" oder in dem Schuld-Puzzle „21 Gramm" verschiedene Erzählstränge verflochten hat. Einerseits würden die gleichen flachen Argumente auch eine Wiederholung dieses Schemas bemängeln. Zudem könnte man auch sagen, in der Figur Uxbals vermischen sich mehr unterschiedliche Stränge als in den Figuren aus vorherigen Filmen. Dieses Barcelona - in seinen vom Tourismus freien Gassen ein Hauptdarsteller des Films - ist außerdem derart globalisiert, dass es keiner exotischen Parallel-Sets bedarf. So mag „Biutiful" im Fluss der Geschichte etwas konventionell sein - Figuren, Visionen, Gefühle und die ungewöhnlichen Mittel sind es nicht. Wenn sich der poetische Rahmen versöhnlich um den Abschied Uxbals schließt, vollendet sich das großartige Erlebnis dieses eindringlichen Films.

2.3.11

Snowman´s Land DVD

Regie: Tomasz Thomson

Thriller, Komödie

Gute Typen, trockene Dialoge, klasse Songs - das kann nicht nur Tarantino, so Gutes gibt es auch aus deutschen Landen: Walter (Jürgen Rißmann) hat einen zu viel umgebracht und sollte unbedingt mal „Urlaub machen", wie sein Boss nachdrücklich betont. Zum Glück gibt es einen Job in den eingeschneiten Karpaten, in einem einsamen Hotel. Walter soll bei diesem rätselhaften Einsatz das Gebäude für den Unterwelt-Boss Berger (Reiner Schöne) vor Einheimischen und Konkurrenten schützen. Nebenbei vielleicht auch noch Bergers Geliebte Sibylle (Eva Katrin Hermann) überwachen. Als Kollege wurde Walters alter Bekannter Micky herbei geordert. Der durchgeknallte Abknaller hat seit seinem letzten Bombeneinsatz eine Metallplatte im Kopf und ist selber hochexplosiv. Als Sibylle durch ein dummes Missgeschick ums Leben kommt, lassen Walter und Micky die Leiche verschwinden und legen eine falsche Fährte. Mysteriöse Angriffe von Außen und Kazik (Waléra Kanischtscheff), die asiatische Rechte Hand Bergers, sorgen für Action, so dass der Wahnsinn bald eine blutige Spur in den Schnee zeichnet.

Der Reiz in dieser gelungenen Genre-Variante liegt in der guten Ausführung, die wahrscheinlich nach viel mehr Geld aussieht, als tatsächlich da war. Aber vor allem auch in den schrägen und originellen Ideen. Erfreulich auch das reichhaltige Bonus-Material mit „Making of", Outtakes, Aufnahmen vom Dreh und weiteren Hintergründen dieser Filmproduktion.

I Am Love DVD

Regie: Luca Guadagnino

Drama

Eine große Familiengeschichte. Der Weg einer besonderen Frau zu sich selbst und in die Freiheit. „I Am Love" ist eines dieser Meisterwerke, vor denen man nur ergriffen dastehen oder dahin schmelzen kann. Tilda Swinton, die als Produzentin den Stoff elf Jahre lang mitentwickelt hat, glänzt als selbstvergessene russische Frau eines italienischen Patriarchen und ist auf der DVD auch - wie der Regisseur Luca Guadagnino - im Interview zu Film zu sehen.

Emma Recchi (Tilda Swinton) steuert mit aufmerksamem Blick und kleinen Gesten das Personal an diesem feierlichen Abend. Der Schwiegervater wird die Mailänder Stoff-Dynastie an die nächste Generationen weitergeben, an Emmas Gatten Tancredi Recchi (Pippo Delbono) und den gemeinsamen Sohn Edoardo (Flavio Parenti). Nach dieser Winterszene springt der Film in die sommerlichen Straßen Mailands und San Remos, in denen Emma Überraschendes über ihre Tochter Elisabetta Recchi (Alba Rohrwacher) erfährt und sich in einer Affäre mit Antonio Biscaglia (Edoardo Gabbriellini) dem Freund des Sohnes verliert. Dabei schafft es der sensationell sinnliche Film, das freie Glückgefühl der Verliebten dem Publikum durch ungewöhnliche Naturbilder und den prägnanten Musikeinsatz des Minimal-Music-Kompositionen John Adams zu vermitteln. Seit einer Woche ist „I Am Love" in den Videotheken und ab dem 15.03. als Kauf-DVD erhältlich.

Stone DVD

Regie: John Curran

Thriller

Die Besetzung mit Edward Norton, Robert De Niro und Milla Jovovich ist klasse. Dass „Stone" nicht in deutsche Kinos kam und mit einer Altersfreigabe ab 16 als DVD erhältlich ist (Verkauf: 15.03.2011), mag daran liegen, dass er ein psychologisch wie auch in der Darstellung einiger Szenen sehr harter Film ist.

Er beginnt mit einer Rückblende: Die junge Frau will ihren Mann verlassen. Er droht, das gemeinsame Kind zu töten, hält es aus dem Fenster. Jahrzehnte später sitzt er immer noch vor dem Fernseher und trinkt, während sie noch seine Frau ist.

DeNiro spielt diesen Bewährungshelfer kurz vor dem Ruhestand, der seine festen Kunden noch bis zur nächsten Bewährungssitzung begleiten will. Ein verurteilter Brandstifter (Edward Norton) beginnt zusammen seiner attraktiven Frau (Milla Jovovich) ein psychologisches Spiel, bei dem es keine sympathischen Charaktere gibt.

Edward Norton wurde mit solch einer Rolle bekannt. In „Zwielicht" spielte 1995 als Mörder mit Richard Gere. „Stone" eröffnet seine Winkelzüge mit der ungewöhnlichen Prämisse, dass der Vertreter von Moral und Gesetz, ein braver Kirchgänger, durch den Vorspann sehr bedenklich gesetzt wurde. Ein dreckiges Spiel um Gewalt und Verführung.

Eine Familie

Dänemark 2010 (En Familie) Regie: Pernille Fischer Christensen mit Jesper Christensen, Lene Maria Christensen, Pilou Asbæk, Anne Louise Hassing, Coco Hjardemaal 103 Min. FSK ab 12

Hinter dem unscheinbaren Titel „Eine Familie" verbirgt sich ein eindrucksvolles und tiefes Meisterwerk der Menschlichkeit und des Menschseins. „Eine Familie" könnte auch unscheinbar „Ein Leben" heißen. Oder der gefühlten Fülle des Films entsprechend „Das Leben". Die Dänin Pernille Fischer Christensen setzt mit diesem wunderbaren Film als internationale Newcomerin die Tradition ebenso bodenständiger wie lebenskluger Filme fort.

Eine dänische Familie feiert die Wiederkehr des Patriarchen Rikard Rheinwald (Jesper Christensen) nach erfolgreicher Chemotherapie. Viel Glück und strahlende Gesichter. Wir - mit der Kamera mittendrin - fühlen uns direkt ganz nah dabei. Rikard verkündet, dass er seine zweite Lebenspartnerin, die während der Krankheit an seiner Seite stand, heiraten wird. Doch mitten in der schönen, ausgelassenen Hochzeitsparty wirft ihn ein Schwindel zu Boden. Die Diagnose ist brutal: Ein Tumor im Kopf ist nicht operabel. Der baldige Tod ist unausweichlich. Heftige Veränderungen der Persönlichkeit und des Lebens sind zu erwarten.

Die große Persönlichkeit Rikard Rheinwald will sich nicht unterkriegen lassen. Entschlossen flieht er das Krankenhaus und lädt seine Lieblingstochter Ditte (Lene Maria Christensen), die Älteste, in seine große Brotfabrik. Sie soll den Traditionsbetrieb, der seit Generationen den Namen Rheinwald trägt und auch Könige beliefert, fortführen. Doch Ditte startete gerade froh gelaunt in eine neue Lebensphase: Eine Galerie in NY bot ihr einen Job an, der Freund wollte mit. Ein Wehmutstropfen lag in der Schwangerschaft, die nicht zum richtigen Zeitpunkt kam. Aber beide entschieden sich zusammen für das neue Abenteuer. Zwischen Vater und Tochter entsteht ein Zwist, das Familienoberhaupt wird durch die Krankheit herrisch, Ditte ist hin und her gerissen.

Die jüngere Tochter hat sich dagegen bereits von dem Vater abgelöst, kommt nicht für die Firma in Frage. Die Kinder aus zweiter Ehe sind noch klein und erschreckend indifferent gegenüber dem schwächeren alten Mann. Auch sie müssen lernen, mit Krankheit umzugehen. Ihre Mutter emanzipiert sich ausgerechnet jetzt, will den Leidenden mit seinen An- und Ausfällen nicht im Haus haben.. 

Es ist faszinierend, wie jede Figur dieser Familie ihre eigene Entwicklung mitmacht. Diese „Familie" ist dabei - wie es skandinavische Film so ausgezeichnet können - lebensecht, glaubwürdig, erdig, direkt zum Anfassen. Dazu atemberaubend gut gespielt. Veränderungen der Gefühlslagen kommen in den scheinbar einfachen Bildkompositionen (Kamera: Jakob Ihre) sehr wirkungsvoll rüber. Obwohl Pernille Fischer Christensen ohne laute Töne, ja fast ganz ohne Musik (Sebastian Öberg) und vor allem ohne konventionellen (Hollywood-) Kitsch arbeitet. „Eine Familie" ist kein Melodram und doch bis zum schmerzlich schönen letzten Atemzug tief berührend.

1.3.11

The Tree

 

Australien, Frankreich, BRD, Italien 2010 (The Tree) Regie: Julie Bertucelli mit Charlotte Gainsbourg, Morgana Davies, Marton Csokas, Christian Byers, Tom Russell 100 Min. FSK ab 6

 

Pünktlich zum 20. Todestag von Serge Gainsbourg kommt dieser traumhafte Film mit seinem mittlerweile sehr reifen Töchterchen Charlotte in die deutschen Kinos. Wie um sich dem Vater würdig zu erweisen, zeigt die Sängerin und Schauspielerin auf raffinierte Art eine der vielen Facetten ihres Könnens. Dass man Charlotte Gainsbourg parallel zum „Antichrist" wieder beim Schmusen mit einem Baum sieht, mag Zufall sein. Mit vielen eindringlichen Darstellungs-Nuancen zwischen düsterem Horror („Antichrist") und lichter Natur-Mystik in „The Tree" ist Gainsbourg wieder ein Grund, ins Kino zu gehen. Julie Bertucellis zweiter Kinofilm (nach „Seit Otar fort ist", 2003) ein noch besserer.

 

Ein netter Vater, eine glückliche Tochter fahren durch überwältigende australische Landschaften nach Hause. Da ereilt ihn eine Herzattacke, der führerlose Pickup rollt die letzten Meter aus und stößt gegen einen riesigen Baum vor dem Hause der Familie. Peter O'Neil lässt nicht nur Tochter Simone (Morgana Davies) zurück, sondern auch noch drei weitere Kinder und seine Frau. Dawn O'Neil (Charlotte Gainsbourg) streckt die Trauer nieder, regungslos verharrt sie tagelang im ehelichen Schlafzimmer. Simone findet ihren Schmerz-Ort im Bau und bemerkt ganz nebenbei aber ernsthaft, Vater würde durch den Bau zu ihr sprechen. Dawn verbittet sich den Blödsinn, aber als die Tochter nur mit fremder Hilfe von Ungetüm aus Ästen und Wurzeln herunter geholt werden kann, kommt die junge Witwe den pflanzlichen Armen näher. Und spürt etwas. Der Baum nimmt in der Folge zunehmend Raum ein, verstopft die Wasserleitungen. Ein knackiger Klempner namens George (Marton Csokas) behebt das Problem und bietet Dawn einen Posten sowie den Platz an seiner Seite an. Daraufhin kracht ein gewaltiger Ast in ihr Schlafzimmer, die belebte Natur macht sich mit Fröschen im Klo und Flughunden in der Küche bemerkbar.

 

Eine Geschichte von Abschied und Trauer, in der unter betörend blauem und weitem Himmel von ganz ferne die Mystik aus Peter Weirs „Picknick am Valentinstag" anklingt.  Auch in „The Tree" schwebt die Musik. Julie Bertucelli schafft es vor allem durch das sichere Spiel von Charlotte Gainsbourg, die sehr ungewöhnliche Geschichte - nach dem Roman „Our Father, Who Art in the Trees" von der australischen Autorin Judy Pascoe - glaubwürdig und gerade nicht „spinnert" zu präsentieren. Nach einem heftigen Sturm bleibt stimmig eine besondere Stimmung zurück, in der Menschen und Natur innig verbunden sind.

28.2.11

Der Adler der Neunten Legion

Der Adler der Neunten Legion

GB, USA 2010 (The Eagle) Regie: Kevin MacDonald mit Channing Tatum, Jamie Bell, Mark Strong, Donald Sutherland 114 Min.

Die Neunte. Darunter verstand man bei den alten Römern scheinbar noch keine Sinfonie, sondern das schmähliche Verschwinden der 9. Legion in Nordbritannien 120 Jahre nach Beginn unserer Zeitrechnung. Als Marcus Aquila (Channing Tatum), der Sohn des damaligen Heerführers seinen Posten am Hadrianswall übernimmt, will er unbedingt die Ehre der Familie und der Römer widerherstellen. In ersten Schlachten mit bärtigen Gegnern (Islamisten? Nein: britische Druiden!) wird Marcus zum Held und wegen seiner Verletzungen direkt in den Ruhestand versetzt. Doch mit dem eingeborenen Sklaven Esca (Jamie Bell, der „Billy Elliot") wagt sich Marcus nördlich des Walls, wo angeblich kein Römer überleben kann, um die Standarte der Adler wiederzufinden...

Hier, in der neuen Welt wandelt sich das redlich inszenierte, exzellent gefilmte (Kamera: Anthony Dod Mantle) aber in der Hauptrolle von Channing Tatum schwach gespielte Sandalen-Filmchen. Wogen vorher ein paar intensive Kampfszenen die ärgerliche Propaganda eines gläubigen und ehrsüchtigen Kriegers, der unzivilisierten Horden (Bin Laden? Taliban?) gegenübertritt, kaum auf, findet nun ein leichter Wechsel der Perspektive statt: Die wilden Völker Britanniens werden unterscheidbar und erhalten eigene Sprachen mit Untertiteln. Da gibt es die nackten Wilden Krieger mit ihren Ganzkörper-Tattoos. Und auch einfache Bauern. Zwar ist die Verdrehung geradezu absurd, dass die alten Englänger fremde Dialekte bekommen, während die alten Italiener fließend English reden! (Während es heutzutage sinnvoll ist, dass die Amerikaner römische Eroberer spielen und die Briten Eroberte.) Doch vor allem der Seehund-Clan wirkt viel faszinierender als das ganze Römer-Geschepper vorher: Jäger, die mit Fellen bekleidet und mit grau angemalter Haut an schottischen Küsten leben.

Hier entdeckt Marcus die goldene Adler-Standarte und erkennt, dass sein Sklave und Begleiter Esca von diesem Volk stammt. Hier erfährt der Römer Freundschaft von einem, der von feindlichen Soldaten Mord, Vergewaltigung und Folter erfahren hat. Hier sagt einer der angeblichen Barbaren, man würde Gefangene menschlich behandeln, nicht wie bei den Römern. An diesem Ort hat der Film auch seine stärksten Momente, ein nächtliches, rituelles Fest hebt sich vom ansonsten braven Erzählgestus ab. Aber die Ernüchterung folgt bald. Marcus dankt die anständige Behandlung mit Morden und Schlachten, raubt den Gold-Adler und flieht. Allerdings rettet ihn nur die Hilfe vom Verräter Esca. Nun werden auch noch die Legions-Pensionäre der Neunten aus dem Wald gescheucht, um der „Ehre" noch mehr Menschen-Opfer zu bringen. Je mehr sich der Film wieder dem Hadrianswall als Grenze der „Zivilisation" nähert, desto übler verfällt er wieder dem Glorifizieren überkommener Ideale. Marcus darf als Protagonist herrisch dumm glänzen und erschreckend gnadenlos Kehlen - auch von Kindern - durchschneiden. Das berufliche Töten fürs Vaterland erhält hier keine posttraumatische Behandlung sondern ein unglaubwürdiges männerbündlerisches Happy-End. Die Romanvorlage von Rosemary Sutcliff (1920 - 1992) wurde von großen, durchaus talentierten Jungs, die mal einen echten Sandalen-Film machen wollten, ohne großes Nachdenken über den Sinn ihres Handelns ausgeschlachtet.

Unknown Identity

BRD, Großbritannien, Frankreich 2011 (Unknown Identity) Regie: Jaume Collet-Serra mit Liam Neeson, Diane Kruger, January Jones, Aidan Quinn, Bruno Ganz 111 Min

„Unknown Identity" ist ein mäßiger Action-Film, der trotz Hauptdarsteller Liam Neeson wohl nur auf DVD rauskäme, wenn man ihm nicht schon längst 4.778.860 € an deutschen (Steuer-) Geldern nachgeschmissen hätte! Das sind fast fünf Millionen Euro!

Dem DFFF (Deutscher Filmförderfonds) war das Autozerdeppern auf Berliner Straßen 4.208.860 € Steuergeld wert. Das Medienboard Berlin-Brandenburg legte noch einmal 450.000 € drauf - das Studio Babelsberg musste ja als Koproduzent beschäftigt werden! Dann gab es von der FFA - also von den Kinokarten - auch noch 120.000 € Verleihförderung und Medialeistungen! Als wenn man dem Film trotz Hofierung bei der Berlinale immer noch nicht zutraut, aus eigenem Vermögen ein wenig Kasse zu machen! Wenn Sie also meinen, irgendwer hätte gesagt, der Film sei doch ganz gut. Das haben vielleicht die 120.000 € gesagt!

Ansonsten, ist „Unknown Identity" wie der Titel schon sagt, eine wesentlich schwächere Ausgabe von „Born Identity": Ein Killer entdeckt, wer er eigentlich ist, und rächt sich an seinen Auftraggebern. Damit das Plagiat nicht sofort entdeckt wird, gibt es in Berlin ein Ablenkungsmanöver: Dr. Martin Harris (Liam Neeson) kommt mit seiner Frau Liz an, liefert diese im Hotel Adlon ab, um darauf hin noch mal ins Taxi zu steigen - ein Koffer wurde am Flughafen vergessen. Nach einem schweren Unfall rettet die Taxifahrerin Gina (Diane Kruger) den Doktor aus der Spree, Tage später erwacht Harris aus dem Koma, fährt zu seiner Frau, doch ein anderer hat schon seinen Platz bei ihr und beim hochrangigen Biotechnologie-Kongress eingenommen. Harris ist klug genug, seine Verwunderung zu verbergen, bald ist ein Killer auf seinen Fersen und nur Gina kann ihm weiterhelfen. Der Rest ist - wie gesagt - „Bourne Identity" im Schnelldurchgang, eine Menge Schrott bei Verfolgungsjagden auf Berliner Straßen und im Drehbuch. Zum Schluss wird auch noch das Adlon in die Luft gejagt, ein wunderbares Sinnbild für das Verheizen von Steuergeldern.

Am Anfang hofft man, „Unknown Identity" könnte die Berliner Version von Polanskis Paris-Thriller „Frantic" werden. Doch weder die wegen Vorhersehbarem schwache Spannung noch die sedierte Action erreichen dessen Niveau. Jaume Collet-Serras Mainstream-Debüt nach zwei mal Horror und einmal Fußball-Horror („Goal 2") fällt mehrfach enttäuschend aus. Liam Neeson ist ein Schatten seiner selbst, Kruger, die demnächst in „Barfuss auf Nacktschnecken" zeigt, dass sie doch schauspielern kann, macht hier wie üblich wenig aus ihrer Rolle. Sie brauchte es in Kollaboration mit einem schlechten Drehbuch sogar auf die peinlichsten Sätze der letzten Berlinale, die ihrer Figur irgendeine traumatische Vergangenheit anhängen sollen. Auffällig und gut ist nur Bruno Ganz als verschmitzter und sarkastischer Stasi-Agent Jürgen, dessen alte Seilschaften schnell für Klarsicht sorgen.

Big Mama's Haus - Die doppelte Portion

USA 2011 (Big Momma's: Like Father, Like Son) Regie: John Whitesell mit Martin Lawrence, Brandon T. Jackson, Jessica Lucas 106 Min. FSK ab 6

„Big Mama 3" hat als Krimi die Spannung und Originalität einer Nachmittags-Serie, doch dieser völlig unansehbare Film tritt bald zur Seite für noch Schlimmeres: Martin Lawrence, der nie wirklich komische Eddie Murphy-Ersatz,  zieht wieder ein Gummi-Kostüm an. Damit keiner merkt, dass niemand was Neues eingefallen ist, wird noch ein untalentierter Jungschauspieler in Kostüme gesteckt.

FBI Agent Malcolm Turner (Martin Lawrence) will ganz allein nächtens eine Russenbande mit einem Spitzel überführen. Dass lächerlich versteckte Mikro fällt auf, der Spitzel ist tot und Malcolms Stiefsohn Trent (Brandon T. Jackson) hat alles gesehen. In ebenso durchsichtigen Kostümen verstecken sich nun Stiefpapa und rebellischer Zögling im Mädchen-Internat. Sie hätten sich auch im Bart einwickeln können, den dieser Witz schon hat. 

Malcolm verhält sich nicht wie ein FBI-Agent, der Sohn nicht wie ein Jugendlicher mit Gehirn, aber komisch soll dieses dahingeschlampte Filmchen trotzdem sein. Lächerlich ist nur, wenn Papa nicht will, dass sein fast 18-jähriger Sohn eine nackte Frau sieht. „Big Mama 3" beschäftigt sich vor allem - und gewinnt den größten Teil seiner Scherze - aus der Verklemmtheit im Umgang der Geschlechter miteinander. Dieser ist ein einem Land, das Fünfjährige wegen eines Kusses im Kindergarten verhaftet, mindestens mittelalterlich. So sind auch die Scherze. Vorpubertär. Vorevolutionär. 

27.2.11

Unknown Identity

 BRD, Großbritannien, Frankreich 2011 (Unknown Identity) Regie: Jaume Collet-Serra mit Liam Neeson, Diane Kruger, January Jones, Aidan Quinn, Bruno Ganz 111 Min

 „Unknown Identity" ist ein mäßiger Action-Film, der trotz Hauptdarsteller Liam Neeson wohl nur auf DVD rauskäme, wenn man ihm nicht schon längst 4.778.860 € an deutschen (Steuer-) Geldern nachgeschmissen hätte! Das sind fast fünf Millionen Euro!

 Dem DFFF (Deutscher Filmförderfonds) war das Autozerdeppern auf Berliner Straßen 4.208.860 € Steuergeld wert. Das Medienboard Berlin-Brandenburg legte noch einmal 450.000 € drauf - das Studio Babelsberg musste ja als Koproduzent beschäftigt werden! Dann gab es von der FFA - also von den Kinokarten - auch noch 120.000 € Verleihförderung! Als wenn man dem Film trotz Hofierung bei der Berlinale immer noch nicht zutraut, aus eigenem Vermögen ein wenig Kasse zu machen! Wenn Sie also meinen, irgendwer hätte gesagt, der Film sei doch ganz gut. Das haben vielleicht die 120.000 € gesagt!

 Ansonsten, ist „Unknown Identity" wie der Titel schon sagt, eine wesentlich schwächere Ausgabe „Born Identity". Ein Killer entdeckt, wer er eigentlich ist und rächt sich an seinen Auftraggebern. Damit das Plagiat nicht sofort entdeckt wird, gibt es in Berlin ein Ablenkungsmanöver: Dr. Martin Harris (Liam Neeson) kommt mit seiner Frau Liz an, liefert diese im Hotel Adlon ab, um darauf hin noch mal ins Taxi zu steigen - ein Koffer wurde am Flughafen vergessen. Nach einem schweren Unfall rettet ihn die Taxifahrerin Gina (Diane Kruger) aus der Spree, Tage später erwacht Harris aus dem Koma, fährt zu seiner Frau, doch ein anderer hat schon seinen Platz bei ihr und beim hochrangigen Biotechnologie-Kongress eingenommen. Harris ist klug genug, seine Verwunderung zu verbergen, bald ist ein Killer auf seinen Fersen und nur Gina kann ihm weiterhelfen. Der Rest ist - wie gesagt - „Bourne Identity" im Schnelldurchgang, eine Menge Schrott bei Verfolgungsjagden auf Berliner Straßen und im Drehbuch. Zum Schluss wird auch noch das Adlon in die Luft gejagt, ein wunderbares Sinnbild für das Verheizen von Steuergeldern.

 Am Anfang hofft man, „Unknown Identity" könnte die Berliner Version von Polanskis Paris-Thriller „Frantic" werden. Doch weder die vorhersehbare Spannung noch die sedierte Action erreichen dessen Niveau. Aber Jaume Collet-Serras Mainstream-Debüt nach zwei mal Horror und einmal Fußball-Horror („Goal") fällt mehrfach enttäuschend aus. Liam Neeson ist ein Schatten seiner selbst, Kruger, die demnächst in „Barfuss auf Nacktschnecken" zeigt, dass sie doch schauspielern kann, macht hier erwartet wenig aus ihrer Rolle. Sie brauchte es in Kollaboration mit einem schlechten Drehbuch sogar auf die peinlichsten Sätze der letzten Berlinale, die ihrer Figur irgendeine traumatische Vergangenheit anhängen sollen. Auffällig und gut ist nur Bruno Ganz als verschmitzter und sarkastischer Stasi-Agent Jürgen, dessen alte Seilschaften schnell für Klarsicht sorgen.

22.2.11

Jack in Love

USA 2010 (Jack Goes Boating) Regie: Philip Seymour Hoffman mit Philip Seymour Hoffman, Amy Ryan, John Ortiz, Daphne Rubin-Vega 91 Min. FSK ab 12

Indem er den Broadway-Hit „Jack Goes Boating" (von Bob Glaudini) in seinem Regiedebüt mit fast der kompletten Besetzung auf die Leinwand brachte, gelang Philip Seymour Hoffman eine Komödie, wie sie Woody Allen in seinen ruhigsten Momenten machen würde: Jack (Philip Seymour Hoffman) und Connie (Amy Ryan) haben sich bei einer Single-Zusammenführung kennengelernt. Die erste Begegnung ist eine komplette medizinische Fallstudie auf ihrer Seite. Bei ihm meist Schweigen. Beide sind nicht sehr kommunikativ, dazu ziemlich unsicher. Ein Küsschen auf die Wange zum Abschied lässt ihn auf mehr hoffen, aber man wartet auf den Sommer. Dann könnte man ja mal Boot fahren. Jack stimmt mitten im New Yorker Winter zu, dabei hat er Angst vor dem Wasser. Später wird er ein gemeinsames Essen vorschlagen, sie meint, er wolle für sie kochen und ist völlig gerührt. Nun muss Jack nicht nur Schwimmen, sondern auch noch Kochen lernen.

Jack trägt seine Strickmütze sogar beim Essen, nur beim Schwimmunterricht wird sie durch die Bademütze ersetzt. Er lebt fast schon autistisch in seiner kleinen Welt, bekommt zwar mit, wie sich die Beziehung der aufopferungsvollen Freunde auflöst, hilft ihnen aber nicht.

„Jack in Love" - wer hat sich bloß wieder diesen Titel aus dem müden Hirn gedrückt? - ist ein toll gespieltes Stück mit mehr Stimmung als Handlung. Allen voran erfreut Philip Seymour Hoffman, dem man immer gerne zuschaut, auch wenn er wie hier das erste Mal gleich gekonnt Regie führt. Doch man merkt dem bis auf schöne Visionen Jacks recht statischen „Jack in Love" doch die Herkunft von der Bühne an. Es bleiben ein paar wunderschöne Lieder, einige schräge Situatiionen und berührende Momente der Empfindsamkeit, die nichts von der verlogenen Perfektion einer Bigger-than-life-Romantik aus Hollywood-Filmen hat.

The Green Wave

BRD 2010 Regie: Ali Samadi Ahadi mit Pegah Ferydoni , Navid Akhavan 82 Min.

Selten kam ein Film zeitlich perfekter in die Kinos: Ein paar Tage nach dem Berlinale-Erfolg des iranischen Films „Nader And Simin, A Separation" von Asghar Farhadi dokumentiert „The Green Wave" erschütternd und künstlerisch sehr gelungen die Grüne Revolution Irans, die Mutter all der Aufstände, die jetzt Nordafrika und Arabische Emirate in Unruhe stürzen.

„The Green Wave" lässt chronologisch noch einmal die Ereignisse vor und nach der Präsidentenwahl vom 12. Juni 2009 ablaufen. In den authentischen Stellungnahmen von Menschen, die bei der Grünen Revolution dabei waren, lebt noch einmal all die Leidenschaft und Hoffnung auf, die große Teile des iranischen Volkes bewegte. Doch in Originalaufnahmen von brutal niedergeschlagenen Protesten stirbt auch der Traum einer freieren Gesellschaft. Um Stellungnahmen von Krankenschwestern und Folteropfern zu anonymisieren sowie deren schreckliche Erlebnisse darzustellen, fügte Regisseur und Autor Ali Samadi Ahadi kunstvolle Animationen (vom Künstler Ali Reza Darvish) ein. Ein Verfahren, dass auch in „Waltz With Bashir" verfremdend und verstärkend wirkte.

Wie Bahman Ghobadis „Persische Katzen" und Hana Makhmalbafs „Green Days" ist auch „The Green Wave" ein stark berührender Film zum Traum eines anderen Irans. Der aus dem Iran stammende und seit seinem 12. Lebensjahr in Deutschland lebende Regisseur Ali Samadi Ahadi hatte vorher mit der Komödie „Salami Aleikum" (2008) und dem Dokumentarfilm „Lost Children - Verlorene Kinder" (2005) sehr positiv auf sich aufmerksam gemacht.

Meine erfundene Frau

 

USA 2011 (Just Go With It) Regie: Dennis Dugan mit Adam Sandler, Jennifer Aniston, Nick Swardson , Brooklyn Decker 116 Min.

 

Danny Maccabee (Adam Sandler) ist als Schönheits-Chirurg in Los Angeles Spezialist für die Oberfläche und Oberflächliches. Mit einem falschen Ehering und der erfundenen Geschichte seiner verpfuschten Ehe schleppt er reihenweise Frauen für eine Nacht ab. Der Ring, sie alle sie rumzukriegen, ist auch eine Versicherung, dass nicht mehr draus wird. Dann kommt Palmer Dodge (Brooklyn Decker), die Frau, die nach einer Nacht am Strand ganz sicher die richtige sein soll. Die Romantik zwischen den beiden funktioniert wie der ganze Film - gar nicht.

 

Als Palmer den unbenutzten Ring findet, windet Danny sich mit einer noch bescheuerteren Lüge heraus - nun muss er eine Ehe im Endstadium vortäuschen. Hilfreich auch dabei ist seine Sprechstunden-Hilfe Katherine Murphy (Jennifer Aniston), die sich frisch eingekleidet und extrem affektiert als Noch-Ehefrau aufspielt. Sie übertreibt ihre Rolle so sehr, dass auch noch zwei Kinder in das Spiel mit gezinkten Heiratsurkunden einbezogen werden. Ins Gepäck einer Kennenlern-Reise nach Hawaii kommt zudem der peinliche Freund Eddie (Nick Swardson), der einen Deutsch-Amerikaner faselt.

 

Selbstverständlich ist Jennifer Aniston als Sprechstundenhilfe Katherine Murphy die eigentlich Richtige für Danny. Der Film schwenkt völlig unauffällig seine Aufmerksamkeit von einem schauspielerischen Niemand (Decker) zu einer schauspielerischen Null mit TV-Star-Status (Aniston). Mit der klassischen Shopping-Montage des Büro-Mäuschens, das mit Hilfe von nur ein paar Tausend Dollar an Accessoires attraktiv wird. Ein äußerst raffinierter Schwenk - für ein Kindergarten-Publikum.

 

Dies arg verbogene Gerüst aus „Die Kaktusblüte" mit Walter Matthau und Ingrid Bergman wird von Sandlers Standard-Regisseur Dennis Dugan mit typisch Infantilem aufgepeppt: Der Ulk einer Frau, deren Augenbraue nach verpfuschter Schönheits-OP mit dem Haaransatz konkurriert. Dann ein paar Scherze um eine Penisverlängerung und überhaupt das Wartezimmer voller Monstrositäten aus der Ärztefehler-Abteilung der Schönheits-Chirurgen. Oder eine rabiate Schaf-Wiederbelebung - haha!

 

Adam Sandler kann gut rumalbern und sogar schauspielern. Auch wenn viel von seinem Talent in der Synchronisation flachfällt. Seine Partnerin - der Name glitt an der glatten Oberfläche ab - wirkt wie ein dreidimensionaler Werbeaufsteller in Blond für die Pubertierenden-Zielgruppe. Nicole Kidman begab sich für einen Dreh in Hawaii auf das Niveau der anderen Blondchen und ist lustig, weil sie ein paar Häschen-Zähne angeklebt bekam. Alle zusammen schaffen es tatsächlich, Jennifer Aniston so witzig wie noch nie in ihrer verzweifelten Leinwandkarriere aussehen zu lassen. Wobei dieser Minimal-Gewinn tragisch mit der totalen Peinlichkeit von Kidman bezahlt werden muss. Erwähnenswert sind noch die Werbeeinblendungen für einen Touri-Bunker auf Hawaii und auch die Musik betätigt sich kräftig an der Angleichung auf das kleinste gemeinsame Niveau. Die „Mash-Ups" aus zwei bekannten Stücken zu einem, passt perfekt zu diesem Mischmasch aus bekannten Versatzstücken zu irgendwas neuem Unnötigen.