15.2.11

3faltig

 

BRD, Österreich 2010 Regie: Harald Sicheritz mit Christian Tramitz, Matthias Schweighöfer, Roland Düringer, Julia Hartmann, Adele Neuhauser, Alfred Dorfer 97 Min. FSK ab 12 Jahren

 

Eine respektlose und göttliche Komödie ist garantiert, wenn der Hage genannte Heilige Geist im Strip-Schuppen eines Alpen-Kaffs sein eigenes Musical „Holy Spirit Superstar" inszenieren will. Das immer übersehene dritte Rad an der Dreifaltigkeit wird allerdings davon brüskiert, dass die beiden anderen ohne Rücksprache die Apokalypse beschlossen haben. Ausgerechnet zur Musical-Premiere! Christian Tramitz trumpft als sehr weltlicher Heiliger Geist in dieser ebenso derb wie absurd gelungen Komödie auf.

 

Hage nennt er sich und lebt in irgendeinem Alpenwinkel. Er verkauft Devotionalien wie eine Blut spritzende Jungrau Maria („Bloody Mary"). Das wahrscheinlich schon etwas länger, denn Hage kommt von HG, die Abkürzung für „Heiliger Geist". Christl (Matthias Schweighöfer), ein ziemlicher Depp mit Bärtchen, kommt am 24.12., an seinem Geburtstag vorbei, um zu verkünden, dass am 31. Dezember die Apokalypse losgehen wird. Das hätten er und der „Pappa" zusammen beschlossen. Passt Hage (Christian Tramitz) gar nicht, denn gerade bereitet er die Premiere seines Musicals vor. Eine 2000 Jahre alte Geschichte mit Römern, Sklavinnen und Sandalen unter dem originellen Titel „Holy Spirit Megastar" soll es werden. Vor dem Welterfolg startet das Musical erst einmal in einer Stripp-Bar. Die Stangen werden ebenso kreativ integriert wie die Mädels des jähzornigen und brutalen Bar-Bosses Friedl Hanauer (Roland Düringer). Dass sich ausgerechnet Christl in Mona (Julia Hartmann), Hauptdarstellerin und das beste Pferd in Friedls Stall, verguckt, wäre schon ein größeres Problem. Dass der besoffene Christl die Mona bei seiner ersten Auto-Fahrstunde - nach 2000 Jahren! - nächtens über den Haufen fährt, ist eine Katastrophe! Zwar soll Christl ja immer für ein Wunder gut sein, doch momentan ist er ein „Auferwecker ohne Gebrauchsanleitung" - ziemlich nutzlos.

 

Leicht dialektös bewegt sich die ebenso respektlose wie göttliche Komödie „3faltig" zwischen dem Heimat-Humor von „Wer früher stirbt ..." und der treffenden Komik eines Bully Herwig. Manche Scherze haben den Absurditäts-Faktor von Monty Python, Respektlosigkeit gegenüber kirchlichen Ikonen und Einrichtungen ist garantiert. Der Humor ist immer wieder ruppig, ein Kurzauftritt von Christian Ulmen wird mit überzeugenden „Hau doch einfach ab, du Arschloch!" rechtzeitig beendet. Die Dialoge sind ansonsten ausgemacht zynisch und zeitweise umwerfend komisch. Nach dem nächtlichen Unfall schnauzt Hage den Christl angesichts der Apokalypse an: „Ich hätte nicht gedacht, dass du jeden einzeln umbringst...!" Zwar ist kurz vor der Apokalypse alles relativ, doch beim Eintritt in den Automobilclub werden die Prämienverhandlungen noch sehr erbittert geführt. So bleibt „3faltig" selbst wenn er einem schon mal zu blöd kommt, immer noch herrlich abstrus.

Auf der Suche nach Jan Krüger - Berlinale 2011

Berlin. Nach den ersten beiden Vorführungen des Berlinale-Starters „Auf der Suche" waren die Reaktionen sehr positiv. Unser Filmkritiker Günter H. Jekubzik traf den Autor und Regisseur Jan Krüger im Café der Forums-Sektion inmitten junger Filmemacher aus aller Welt, als Krüger gerade seine französische Darstellerin Valérie Leroy verabschiedet.

Auf der Suche“ erzählt von einer Mutter auf der Suche nach ihrem Sohn, der in Marseille verschwunden ist. Wie hast du den Stoff gefunden?

Der Auslöser war sehr konkret. Der Freund eines Freundes hatte sich umgebracht, wie im Film, in Marseille. Daraufhin habe ich dort einige Orte seines Lebens besucht, mit Bekannten gesprochen und aus dieser kraftvollen Inspiration die Geschichte entwickelt.

Wie empfindest du die Reaktionen jetzt hier in Berlin, nachdem du 2004 schon mit „Unterwegs“ beim Festival warst?

Das ist mir jetzt, nach den zwei ersten Vorführungen des Films, noch zu früh, dazu etwas zu sagen. Das möchte ich erst noch mal auf mich einwirken lassen.

Was suchtest du in Corinna Harfouch, deiner sehr prominenten Hauptdarstellerin?

Das Projekt lief schon eine Weile, aber ich bin immer wieder bei Corinna Harfouch hängengeblieben. Ihr Filmtyp ist oft auch eine brüchige Frau. Ich wollte nicht, dass es jemand ist, der seine Gefühle zu leicht zeigt, dann drohte die Geschichte sentimental zu werden.

Wie fandest du die Arbeit mit Harfouch?

Vor dem Dreh sagte sie ganz klar: „Ich hab 80 Filme gedreht, lass mich mal machen!“ Letztlich hat es funktioniert, wenn ich Vorschläge gemacht hab, aber man musste drum kämpfen. Was auch nicht so leicht war, weil ich einen wahnsinnigen Respekt vor ihr hatte. Aber das Drehen funktioniert ja immer über das gemeinsame Andocken an die Geschichte.

An welchem Projekt versuchst du dich als nächstes?

Anders als bisher möchte ich mal von einer Figur ausgehen, die aus ihrem Alltag heraus eine Veränderung erfährt. Ohne Ortswechsel wie in „Unterwegs“ oder „Rückenwind“. Es wird die Geschichte eines Hausmeisters, eines einfachen Angestellten hier aus Berlin. Gleichzeitig entwickle ich ein Tatort-Drehbuch für den WDR - mit den Kölner Kommissaren Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär). Bei denen habe ich nicht das Gefühl, dass ich mich verbiegen muss.

Welche Suche stellt der Film „Auf der Suche“ für dich persönlich dar?

Einerseits interessiert mich, zu sehen, dass Suchen seine Grenzen hat, dass man nicht immer klare Antworten finden kann. Zudem glaube ich - obwohl ich keine Selbstmordgedanken habe - dass manchmal nicht viel fehlt, um selber verloren zu gehen. Viele Leute können sich in dieser Erfahrung wiederfinden.

Jan Krüger wurde am 23. März 1973 in Aachen geboren. Er studierte an der RWTH Aachen und später an der Kunsthochschule für Medien, Köln. Seinen ersten Film drehte er 1999, das Musikvideo „Verführung von Engeln“; 2001 folgte der Kurzspielfilm „Freunde (The Whiz Kids)“, der den Silbernen Löwen der Filmfestspiele Venedig erhielt. Sein erster Langspielfilm „Unterwegs“ erhielt u.a. den Tiger Award in Rotterdam. Neben seiner Arbeit als Filmemacher ist Krüger seit 2006 als Dozent für Filmregie und Drehbuch an der KHM Köln tätig.

14.2.11

Konkurrenzlos mäßiger Wettbewerb - Berlinale 2011

 

Unmut, Enttäuschung und Ärger - die Stimmungen einiger Berlinale-Filme pflanzen sich langsam im Publikum der Wettbewerbs-Sektion fort. Circa die Hälfte der nur 16 Starter hat sich gezeigt und Ratlosigkeit breitet sich aus angesichts eines sehr schwachen Niveaus, aus dem nur Wim Wenders' „Pina" - außer Konkurrenz - herausragte.

 

Kurz nachdem die Berliner keinen Volksaufstand, aber immerhin eine Volksabstimmung zu ihren Wasserrechten erfolgreich beendet haben, gab der berühmte Schauspieler Ralph Fiennes bei der Berlinale als Regisseur und Darsteller des martialischen Generals „Coriolanus" eine Lektion in Sachen Demokratie und Shakespeare-Verfilmung. Die ersten Bilder von Unruhen sind erschreckend aktuell, die Proteste gegen erhöhte Brotpreise im Maghreb sehen auch nicht anders aus. Zu den Bildern vom heute gibt es Shakespeares Originaltext von 1607 - der sich flüssig integriert. Rom im vierten Jahrhundert v. Chr: Das Volk hungert, die Reichen horten Getreide. Der hochmütige General Caius Martius Coriolanus (Fiennes) schützt die Stadt, verachtet aber die Plebejer und verhehlt dies nicht. Und irgendwie muss man ihm Recht geben, dass dies Völkchen sein Fähnchen sehr schnell in den Wind hängt. Doch ist die befürchtete Diktatur des Starken die einzige Lösung? Coriolanus wird verbannt und schließt sich dem Gegner an...

Mit schweren Waffen und lauter Action, aber insgesamt etwas zahmer als der blutrünstige „Titus" mit Anthony Hopkins, legte Fiennes sein Film-Stück an. Das rüttelt immer wieder wach und zeigt den Mimen, dessen kahlgeschorene Figur einen Friseurstuhl als Thron erhält, eindrucksvoll. Gerard Butler als sein Todfeind erweckt nicht viel Angst. Vanessa Redgrave als Mutter des sich schließlich selbst verschlingenden Kriegers legt einige grandiose Szenen hin.

 

Gutes Kulturkino, mit dem sich jedes Festival gerne schmücken kann - in Ergänzung ganz großer Werke. Nur die fehlen 2011 bislang. Das nützt auch „Les femmes du 6ème étage" von Philippe Le Guay, die kleine persönliche Revolution eines reichen Pariser Aktienberaters im Jahre 1962. Jean-Louis Joubert (Fabrice Luchini) verliebt sich in das neue spanische Dienstmädchen Maria (Natalia Verbeke) und kommt dabei den „Frauen der 6. Etage", den gesammelten Haushälterinnen des Gebäudes näher. Jean-Louis lebt auf wie nie zuvor und das Publikum amüsiert sich köstlich. Denn der etwas steife Bourgeois macht sich nicht lächerlich sondern locker.

 

Nur zwei Jahre später begann in Deutschland eine leichte Integrations-Komödie: Das Leben des Ein-Millionen-Ersten Gastarbeiters wird in „Almanya - Willkommen in Deutschland" erzählt - wortwörtlich. 1964 kommt Hüseyin nach Deutschland, um sein Familie im fernen Anatolien zu ernähren. Ein wechselhaftes Leben - von dem wir nicht viel erfahren - später hat er eine große Familie und überrascht diese mit der Nachricht, er habe ein Haus in „der Heimat" gekauft. Die Kinder und Enkel sollen alle zusammen in die Türkei um es aufzumöbeln. Während der Reise erzählt die Enkelin dem noch jüngeren Neffen eben diese Geschichte mit vielen Scherzen und eine witzigen Clou: Alle Türken reden deutsch und die Deutschen irgendein unverständliches Kauderwelsch. „Almanya", das Gemeinschaft-Produkt der Schwestern Samdereli, macht Spaß, aber ist generell im Wettbewerb fehlplaziert. Als harmlose Wohlfühl-Komödie ohne größere Probleme, aber auch ohne große Momente gehört sie ins Fernsehen.

 

Schwieriger, aber auch ästhetisch wesentlich interessant ließ Ulrich Köhlers „Schlafkrankheit" in der Konkurrenz um die Goldenen Bären keine Müdigkeit im Publikum aufkommen. Die erste Hälfte der „Schlafkrankheit" wirkt wie eine dieser gerade wieder modernen Ausbreitungen von Innerlichkeit auf der Leinwand. Diesmal mit dem dekorativen Hintergrund Afrika. Doch eine raffinierte Ellipse mit Perspektivenwechseln irgendwo in der Mitte, enttarnt eine sehr reizvolle Psycho-Story in der Tradition von Joseph Conrads „Heart of Darkness". Wie einst Colonel Kurtz in „Apocalypse Now" sich in Captain Benjamin L. Willard das eigene Exekutionskommando bestellte, holt sich der flämische Dr. Ebbo Velten jemanden von der Weltgesundheitsorganisation zur Evolution seiner sinnlosen Impfprojekte, weil er aus eigener Kraft nicht mehr von Afrika loskommt. Das Ende greift eine mythische Geschichte um ein Flusspferd wieder auf und erinnert an den thailändischen Cannes-Sieger „Onkel Boonmee". Das allein wird allerdings noch keinen Preis in Berlin bringen.

 

Konkurrenzlos mäßiger Wettbewerb - Berlinale 2011

 

Unmut, Enttäuschung und Ärger - die Stimmungen einiger Berlinale-Filme pflanzen sich langsam im Publikum der Wettbewerbs-Sektion fort. Circa die Hälfte der nur 16 Starter hat sich gezeigt und Ratlosigkeit breitet sich aus angesichts eines sehr schwachen Niveaus, aus dem nur Wim Wenders' „Pina" - außer Konkurrenz - herausragte.

 

Kurz nachdem die Berliner keinen Volksaufstand, aber immerhin eine Volksabstimmung zu ihren Wasserrechten erfolgreich beendet haben, gab der berühmte Schauspieler Ralph Fiennes bei der Berlinale als Regisseur und Darsteller des martialischen Generals „Coriolanus" eine Lektion in Sachen Demokratie und Shakespeare-Verfilmung. Die ersten Bilder von Unruhen sind erschreckend aktuell, die Proteste gegen erhöhte Brotpreise im Maghreb sehen auch nicht anders aus. Zu den Bildern vom heute gibt es Shakespeares Originaltext von 1607 - der sich flüssig integriert. Rom im vierten Jahrhundert v. Chr: Das Volk hungert, die Reichen horten Getreide. Der hochmütige General Caius Martius Coriolanus (Fiennes) schützt die Stadt, verachtet aber die Plebejer und verhehlt dies nicht. Und irgendwie muss man ihm Recht geben, dass dies Völkchen sein Fähnchen sehr schnell in den Wind hängt. Doch ist die befürchtete Diktatur des Starken die einzige Lösung? Coriolanus wird verbannt und schließt sich dem Gegner an...

Mit schweren Waffen und lauter Action, aber insgesamt etwas zahmer als der blutrünstige „Titus" mit Anthony Hopkins, legte Fiennes sein Film-Stück an. Das rüttelt immer wieder wach und zeigt den Mimen, dessen kahlgeschorene Figur einen Friseurstuhl als Thron erhält, eindrucksvoll. Gerard Butler als sein Todfeind erweckt nicht viel Angst. Vanessa Redgrave als Mutter des sich schließlich selbst verschlingenden Kriegers legt einige grandiose Szenen hin.

 

Gutes Kulturkino, mit dem sich jedes Festival gerne schmücken kann - in Ergänzung ganz großer Werke. Nur die fehlen 2011 bislang. Das nützt auch „Les femmes du 6ème étage" von Philippe Le Guay, die kleine persönliche Revolution eines reichen Pariser Aktienberaters im Jahre 1962. Jean-Louis Joubert (Fabrice Luchini) verliebt sich in das neue spanische Dienstmädchen Maria (Natalia Verbeke) und kommt dabei den „Frauen der 6. Etage", den gesammelten Haushälterinnen des Gebäudes näher. Jean-Louis lebt auf wie nie zuvor und das Publikum amüsiert sich köstlich. Denn der etwas steife Bourgeois macht sich nicht lächerlich sondern locker.

 

Nur zwei Jahre später begann in Deutschland eine leichte Integrations-Komödie: Das Leben des Ein-Millionen-Ersten Gastarbeiters wird in „Almanya - Willkommen in Deutschland" erzählt - wortwörtlich. 1964 kommt Hüseyin nach Deutschland, um sein Familie im fernen Anatolien zu ernähren. Ein wechselhaftes Leben - von dem wir nicht viel erfahren - später hat er eine große Familie und überrascht diese mit der Nachricht, er habe ein Haus in „der Heimat" gekauft. Die Kinder und Enkel sollen alle zusammen in die Türkei um es aufzumöbeln. Während der Reise erzählt die Enkelin dem noch jüngeren Neffen eben diese Geschichte mit vielen Scherzen und eine witzigen Clou: Alle Türken reden deutsch und die Deutschen irgendein unverständliches Kauderwelsch. „Almanya", das Gemeinschaft-Produkt der Schwestern Samdereli, macht Spaß, aber ist generell im Wettbewerb fehlplaziert. Als harmlose Wohlfühl-Komödie ohne größere Probleme, aber auch ohne große Momente gehört sie ins Fernsehen.

 

Schwieriger, aber auch ästhetisch wesentlich interessant ließ Ulrich Köhlers „Schlafkrankheit" in der Konkurrenz um die Goldenen Bären keine Müdigkeit im Publikum aufkommen. Die erste Hälfte der „Schlafkrankheit" wirkt wie eine dieser gerade wieder modernen Ausbreitungen von Innerlichkeit auf der Leinwand. Diesmal mit dem dekorativen Hintergrund Afrika. Doch eine raffinierte Ellipse mit Perspektivenwechseln irgendwo in der Mitte, enttarnt eine sehr reizvolle Psycho-Story in der Tradition von Joseph Conrads „Heart of Darkness". Wie einst Colonel Kurtz in „Apocalypse Now" sich in Captain Benjamin L. Willard das eigene Exekutionskommando bestellte, holt sich der flämische Dr. Ebbo Velten jemanden von der Weltgesundheitsorganisation zur Evolution seiner sinnlosen Impfprojekte, weil er aus eigener Kraft nicht mehr von Afrika loskommt. Das Ende greift eine mythische Geschichte um ein Flusspferd wieder auf und erinnert an den thailändischen Cannes-Sieger „Onkel Boonmee". Das allein wird allerdings noch keinen Preis in Berlin bringen.

 

13.2.11

Pina - erste Sensation der Berlinale

Deutscher Dreiklang

Gleich drei deutsche Produktionen im Wettbewerb in und außer Konkurrenz - die Berlinale nicht als Fenster zur Welt, sondern als Schaufenster nationalen Filmschaffens, hatte am Wochenende Tag der offenen Tür. Einmal Türkisch für Anfänger im Kino, dann gekonntes Autorenkino „Out of Africa" und ein künstlerisches wie technisches Highlight mit Wim Wenders 3D-Tanzfilm „Pina".

Wenders wendet wieder Filmgeschichte

„Pina" von Wim Wenders, der am meisten erwartete Film dieser Berlinale erwies sich als die erahnte Sensation. Ein Monument außerhalb des Wettbewerbes, das Grenzen der Wahrnehmung verschiebt und die Zukunft des 3D-Kinos ausleuchtet, während es auf das Schaffen der Tanzlegende Pina Bauch zurück blickt.

Der Düsseldorfer Cannes-Sieger („Paris, Texas") wollte schon seit Jahrzehnten mit der Tanzlegende Pina Bausch aus seiner Heimatstadt einen Film drehen. Erst mit dem neuen 3D-Verfahren jedoch konnte er seine Visionen umsetzen, aber ganz wenige Tage von dem ersten Testdreh verstarb Pina Bausch plötzlich. Doch mit dem festen Ensemble sowie einem Senioren- und einer Junioren-Truppe setzte Wenders das Projekt fort. Pina Bausch lebt so in ihren Choreografien und diesen Bildern weiter.

Genre- und grenzüberschreitend setzt „Pina" neue Maßstäbe für den Tanz- und 3D-Film. Schon die ersten Szenen einer Aufführung von „Le Sacre du Printemps" sind überwältigend und grenzüberschreitend. Der Tanzfilm erhebt sich auch der erdigen Fläche in atemberaubende Höhen der Kunst. Die verschwitzten, verdreckten Körper sah man nie zuvor in dieser Genauigkeit. Der Tanzraum wurde noch nie so intensiv erlebt.

Wie schon mit „Hammett", bei dem Wenders Coppolas elektronisches Studio ausprobierte, und bei „Buena Vista Social Club", seinem ersten hochauflösenden digitalen Film, war der Technologie-Sprung enorm. Wenders hat - wie auch James Cameron mit „Avatar" - warten müssen, bis die Technik reif war. Wie rasant die 3D-Möglichkeiten sich entwickelten, sieht man daran, dass in der ersten Drehphase noch ein Kran-Ungetüm auf der auf der Bühne des Wuppertaler Opernhauses die zwei Kameras halten musste. „Café Müller", „Le Sacre du printemps" und „Vollmond" waren die Stücke dabei. Bei späteren Außenszenen, die Soli mit einzelnen Tänzern zeigen, gab es eine bewegliche Steadycam, die erst ein wirkliches Duett zwischen Apparatur und Tänzer erlaubte.

Seh(n)sucht Afrika

In der Konkurrenz um die Goldenen Bären war bei Ulrich Köhlers „Schlafkrankheit" keine Müdigkeit im Publikum zu erkennen. Der 1969 in Marburg/Lahn geborene Regisseur lebte 1974-79 mit seiner Familie in Zaire, heute Kongo. Nach seinem Spielfilmdebüt „Bungalow" (2002) kehrt er mit einer überraschenden Geschichte nach Afrika zurück: Die erste Hälfte der „Schlafkrankheit" wirkt wie eine dieser gerade wieder modernen Ausbreitungen von Innerlichkeit auf der Leinwand. Diesmal mit dem dekorativen Hintergrund Afrika. Oder versucht sich hier jemand an die Dickschiffe belgischer und französischer Kolonialgeschichten ranzuhängen? Doch eine raffinierte Ellipse mit Perspektivenwechseln irgendwo in der Mitte, enttarnt eine sehr reizvolle Psycho-Story in der Tradition von Joseph Conrads „Heart of Darkness". Wie einst Colonel Kurtz in „Apocalypse Now" sich in Captain Benjamin L. Willard das eigene Exekutionskommando bestellte, holt sich der flämische Dr. Ebbo Velten jemanden von der Weltgesundheitsorganisation zur Evolution seiner sinnlosen Impfprojekte, weil er aus eigener Kraft nicht mehr von Afrika loskommt. Der anfängliche Besuch seiner Tochter, die zwei Jahre lang in einem Internat war, kann nachträglich auch als Befreiungsversuch gesehen werden. Der jedoch scheiterte: Velter ließ Frau und Tochter nach Deutschland vor-fliegen und blieb selbst in der völlig leer geräumten Wohnung für den Leiter mehrerer Kliniken. Das Ende greift eine mythische Geschichte um ein Flusspferd wieder auf und erinnert an den thailändischen Cannes-Sieger „Onkel Boonmee". Das allein wird allerdings noch keinen Preis in Berlin bringen.

Türkisch für Anfänger im Kino

Das Leben des Ein-Millionen-Ersten Gastarbeiters wird in „Almanya - Willkommen in Deutschland" erzählt - wortwörtlich. 1964 kommt Hüseyin nach Deutschland, um sein Familie im fernen Anatolien zu ernähren. Ein wechselhaftes Leben - von dem wir nicht viel erfahren - später hat er eine große Familie und überrascht diese mit der Nachricht, er habe ein Haus in „der Heimat" gekauft. Die Kinder und Enkel sollen alle zusammen in die Türkei um es aufzumöbeln. Während der Reise erzählt die Enkelin dem noch jüngeren Neffen eben diese Geschichte mit vielen Scherzen und eine witzigen Clou: Alle Türken reden deutsch und die Deutschen irgendein unverständliches Kauderwelsch. Hier endet auch schon die Festivalgeschichte dieses Films, der im Ausland doppelt unverstanden bleiben wird, weil man nicht versteht, dass man etwas nicht versteht. Somit ist „Almanya", das Gemeinschafts-Produkt der Schwestern Samdereli, generell im Wettbewerb fehlplaziert. Dass die harmlose Wohlfühl-Komödie keine größeren Probleme, aber auch nur wenige große Momente und Bilder hat, also generell eher ins Fernsehen gehört, spielt dann eher am Rande eine Rolle.

12.2.11

Schlafkrankheit (Berlinale 2011)

In der Konkurrenz um die Goldenen Bären war bei Ulrich Köhlers „Schlafkrankheit" keine Müdigkeit im Publikum zu erkennen. Der 1969 in Marburg/Lahn geborene Regisseur lebte 1974-79 mit seiner Familie in Zaire, heute Kongo. Nach seinem Spielfilmdebüt „Bungalow" (2002) kehrt er mit einer überraschenden Geschichte nach Afrika zurück: Die erste Hälfte der „Schlafkrankheit" wirkt wie eine dieser gerade wieder modernen Ausbreitungen von Innerlichkeit auf der Leinwand. Diesmal mit dem dekorativen Hintergrund Afrika. Oder versucht sich hier jemand an die Dickschiffe belgischer und französischer Kolonialgeschichten ranzuhängen? Doch eine raffinierte Ellipse mit Perspektivenwechseln irgendwo in der Mitte, enttarnt eine sehr reizvolle Psycho-Story in der Tradition von Joseph Conrads „Heart of Darkness". Wie einst Colonel Kurtz in „Apocalypse Now" sich in Captain Benjamin L. Willard das eigene Exekutionskommando bestellte, holt sich der flämische Dr. Ebbo Velten jemanden von der Weltgesundheitsorganisation zur Evolution seiner sinnlosen Impfprojekte, weil er aus eigener Kraft nicht mehr von Afrika loskommt. Der anfängliche Besuch seiner Tochter, die zwei Jahre lang in einem Internat war, kann nachträglich auch als Befreiungsversuch gesehen werden. Der jedoch scheiterte: Velter ließ Frau und Tochter nach Deutschland vor-fliegen und blieb selbst in der völlig leer geräumten Wohnung für den Leiter mehrerer Kliniken. Das Ende greift eine mythische Geschichte um ein Flusspferd wieder auf und erinnert an den thailändischen Cannes-Sieger „Onkel Boonmee". Das allein wird allerdings noch keinen Preis in Berlin bringen.


Schlafkrankheit | Sleeping Sickness

R: Ulrich Köhler

Deutschland, Frankreich, Niederlande 2011

D: Pierre Bokma,  Jean-Christophe Folly,  Jenny Schily,  Hippolyte Girardot,  Sava Lolov

Wettbewerb

91 min

Almanya - Willkommen in Deutschland (Berlinale 2011)

Türkisch für Anfänger im Kino

Das Leben des Ein-Millionen-Ersten Gastarbeiters wird in „Almanya - Willkommen in Deutschland" erzählt - wortwörtlich. 1964 kommt Hüseyin nach Deutschland, um sein Familie im fernen Anatolien zu ernähren. Ein wechselhaftes Leben - von dem wir nicht viel erfahren - später hat er eine große Familie und überrascht diese mit der Nachricht, er habe ein Haus in „der Heimat" gekauft. Die Kinder und Enkel sollen alle zusammen in die Türkei um es aufzumöbeln. Während der Reise erzählt die Enkelin dem noch jüngeren Neffen eben diese Geschichte mit vielen Scherzen und eine witzigen Clou: Alle Türken reden deutsch und die Deutschen irgendein unverständliches Kauderwelsch. Hier endet auch schon die Festivalgeschichte dieses Films, der im Ausland doppelt unverstanden bleiben wird, weil man nicht versteht, dass man etwas nicht versteht. Somit ist „Almanya", das Gemeinschaft-Produkt der Schwestern Samdereli, generell im Wettbewerb fehlplaziert. Dass die harmlose Wohlfühl-Komödie keine größeren Probleme, aber auch nur wenige große Momente und Bilder hat, also generell eher ins Fernsehen gehört, spielt dann eher am Rande eine Rolle.


Almanya - Willkommen in Deutschland | Almanya

R: Yasemin Samdereli

Deutschland 2010

D: Vedat Erincin,  Fahri Yardim,  Aylin Tezel,  Lilay Huser,  Demet Gül,  Denis Moschitto,  Petra Schmidt-Schaller

Wettbewerb außer Konkurrenz

97 min

11.2.11

Aus der Suche (Berlinale 2011)

Aus Prinzip keine Antwort, sondern ganz bewusst eine Frage, eine Suche präsentierte der aus Aachen stammende Jan Krüger mit seiner ersten großen Produktion „Auf der Suche" in der cineastisch hochgeschätzten Nebensektion „Forum". Die bekannte und exzellente Corinna Harfouch spielt darin eine Mutter, die in Marseille ihren anscheinend verschwundenen Sohn Simon sucht. Zu Hilfe holt sie sich dessen Ex-Lover (Nico Rogner), den sie allerdings vor Jahren nicht besonders freundlich behandelt hat. So verläuft die Suche nicht nur wegen der Sprachschwierigkeiten der Mutter holperig. Hier müssen sich Menschen finden und jeder hat ein anderes Bild von Simon. Jan Krüger gelang ein in seiner Form konsequenter Film, mit wenigen kriminalistischen, einigen dokumentarischen und vielen zwischenmenschlichen Elementen. „Auf der Suche" soll im Spätsommer oder Herbst in unsere Kinos kommen.


Auf der Suche | Looking for Simon

R: Jan Krüger

Deutschland, Frankreich 2011

Deutsch, Französisch

Untertitel: (E)

D: Corinna Harfouch,  Nico Rogner,  Valérie Leroy,  Mehdi Dehbi

Forum

89 min

Margin Call (Berlinale 2011)

Der Wettbewerb macht Kassensturz. Das passiert ansonsten am Ende, diesmal wird direkt mit dem ersten Film die Rechnung serviert. Man zahlt gerne mit seiner Zeit: Sag es einfach! Mehr als einmal hörte man diesen Satz in dem Börsenkrisen-Film „Margin Call" von JC Chandor. Wieso ist damals eigentlich die Blase geplatzt, für die wir und einige Generationen nach uns noch Milliarden abbezahlen müssen. Es braucht nicht das geballte Schauspieltalent von Kevin Spacey, Jeremy Irons, Demi Moore, Paul Bettany und Zach Quinto um uns die Hintergründe klar zu machen. Aber sie schaffen es immerhin, einen Film zu diesem tödlich trockenen und hochkomplexen Thema spannend zu machen. Es ist der Tag Eins der Wirtschaftskrise, Ground Zero der Bankenpleiten. Wieder einmal werden bei einer Bank haufenweise Leute entlassen. Einer hinterlässt einem jungen „Überlebenden" einen Datenstick mit brenzligen Analysen. Seit Wochen schon schießt die Bank mit ihren Verlustschwankungen weit über alle Alarmsignale hinaus. Das Minus allein der Risikomanagement-Abteilung ist größer als der Börsen-Wert der gesamten Bank. Was tun? Fragte einst Lenin und jetzt Jeremy Irons als Banken-Boss, der einige Hundert Millionen im Jahr verdient. „Um zu hören, wann die Musik aufhört zu spielen..." Die Party ist jetzt vorbei und nur noch der dümmste Anfänger fragt weiter jeden, was er denn so im Jahr macht. Innerhalb einer Nacht wird entschieden, ob die Blase platzt. Jeder trifft dabei auch persönliche Entscheidungen und keiner kommt mit einer reinen Weste aus dem Banken-Gebäude. Selbst Kevin Spacey, der als Senior Sam scheinbar Moral verkörpert, lässt sich für seinen Verrat gut bezahlen. „Margin Call" erklärt zwar nicht, warum wir alle für die Gewinne der Zocker und die Gehälter der Bänker zahlen müssen, aber für den Preis einer Kinokarte kann man diesen Wahnsinn einfach mal genießen.

 Margin Call

R: JC Chandor

USA 2010

Englisch

Untertitel: (D)

D: Kevin Spacey,  Jeremy Irons,  Demi Moore,  Paul Bettany,  Zach Quinto

Wettbewerb

110 min

10.2.11

Berlinale 2011 Eröffnung


Filmischer Parforce-Ritt

Berlin. 385 Filme in 14 Reihen an 11 Tagen - dies sind ab heute die nüchternen Zahlen, um die sich Entdeckungen, Diskussionen, Star-Aufläufe und sicher auch mindestens ein Skandal drehen werden. Das Gesamtpaket namens Berlinale kann sich in der 61. Ausgabe, im Jahr eins nach dem Jubiläum, wieder komplett auf Filme, Künstler und Stars konzentrieren. Zum Aufgalopp präsentiert Festivaldirektor Dieter Kosslick heute Abend mit „True Grit" einen neuen alten Western. Angestaubt ist der nicht nur, weil das klassische Genre seine Helden und Pferde gern mit Feinkörnigem bepudert. Das Remake des John Wayne-Klassikers „Der Marshal" aus dem Jahre 1969 (siehe Kinoseite) läuft bereits ein paar Wochen in den USA, ist also nicht unbedingt ein Reißer in Festivalkreisen. Als Film an sich jedoch pures Vergnügen! Jeff Bridges („Big Lebowski", „Männer die auf Ziegen starren") und Matt Damon („Der Informant!", „Hereafter") konkurrieren in den Hauptrollen mit dem edlem Filmhandwerk der Coens. Ihren bislang konventionellsten Film erzählen die texanischen Brüder erstmals komplett chronologisch. Wie sich ein junges, sehr resolutes Mädchen aufmacht, um den Tod ihres Vaters zu rächen, dabei aber ausgerechnet auf die Hilfe des größten Trunkenboldes und Rabauken rechnet, begeistert die Cineasten bereits weltweit.

Heute Abend hat auch die Internationale Jury unter der Leitung von Isabella Rossellini ihren ersten großen Auftritt auf dem Roten Teppich am Potsdamer Platz. Zudem wird „The Dude" Jeff Bridges die Atmosphäre anheizen. Er reist mit den Coen-Brüdern an. Später werden für eine Special-Vorführung des Oscar-Favoriten „The Kings Speech" auch Colin Firth und Helena Bonham Carter erwartet. Kevin Spacey, Jeremy Irons und Liam Neeson stehen ebenfalls auf der Gästeliste.

Mit „Almanya - Willkommen in Deutschland" von Yasemin Samdereli, „Schlafkrankheit" von Ulrich Köhler und dem 3D-Tanzfilm „Pina" von Wim Wenders laufen am ersten Wochenende direkt drei deutsche Wettbewerbsbeiträge. Auch „Auf der Suche" von Jan Krüger feiert am Sonntag seine Weltpremiere. Der aus Aachen stammende Film-Regisseur, der zuletzt ein Sybille Berg-Stück am Theater Aachen erfolgreich inszenierte, drehte mit Corinna Harfouch die Geschichte einer Mutter, die in Marseille ihren verschwundenen Sohn sucht.

Politisches Statement

Der morgige Tag steht im Zeichen der Unterstützung für die zu 20 Jahren Haft verurteilten iranischen Regisseure Jafar Panahi und Mohammad Rasoulof. Um die Aufmerksamkeit auf das nicht anwesende Jury-Mitglied Jafar Panahi zu lenken, wird die Berlinale in mehreren Sektionen jeweils einen Film des weltweit anerkannten Regisseurs präsentieren. Am 11. Februar, dem Jahrestag der Iranischen Revolution, läuft der Berlinale-Preisträger „Offside". Eine Vielzahl prominenter Gästen hat sich angekündigt, um ihre Solidarität zu bekunden.

Der rote Bär, das Logo des Festivals, bestimmt schon seit Tagen die Stadt. Vor den Verkaufsstellen für die Kinokarten stehen lange Schlangen. Flächendeckend ist die Berlinale 2011 nicht nur durch die erfolgreiche Initiative „Berlinale im Kiez", die Festival-Flair in viele Stadtteile bringt. Auch die Aktion „Forum Expanded" gestaltet künstlerisch raumgreifend die Hauptstadt: 42 Künstler, Filmemacher, Performer und Musiker aus 16 Ländern präsentieren filmische Arbeiten in Ausstellungen, in Screenings, im Radio und auf der Bühne. Neben Filmen gibt es Audiobeiträge im Deutschlandradio Kultur, Videointerviews mit Festivalgästen oder in der Botschaft von Kanada und im Filmhaus Guy Maddins „sHauntings" – Videos über Gespenster der Filmgeschichte. Die Gespenster, Sensationen, Entdeckungen der Filmgegenwart schlummern noch in ihren Filmdosen oder Festplatten. Heute Abend werden sie losgelassen.

8.2.11

Lola

Philippinen 2009 (Lola) Regie: Brillante Mendoza mit Anita Linda, Rustica Carpio, Tanya Gomez, Jhong Hilario 110 Min. OmU 

Brillante Mendoza hat die Philippinen erneut auf die filmische Weltkarte gebracht: Mit seinen Filmen „Kinatay" (2009) und „Serbis" (2008) schockierte er das Festivalpublikum, amüsierte und faszinierte aber auch. Dabei wirkt sein Stil sehr dokumentarisch, Mendoza entführt auch immer in verschiedene soziale Milieus, bis hin zum brutalen Verbrechertum, bei dem Menschenleben nur sehr wenig zählen. Ein wenig zahmer, wenn auch nicht weniger erschütternd, zeigt sich „Lola": Eine alte Frau muss die Leiche ihres Enkels an der Polizeistation identifizieren. Danach führt sie eine mühsame Odyssee durch Manila, denn sie muss Geld für die Beerdigung zusammensammeln, dabei viele Klinken putzen, mit vielen Menschen reden. Schon in der Polizeistation kreuzte sich ihr Weg mit dem der Großmutter des Mörders. Auch diese „Lola" versucht Geld zu sammeln...

 

Die Kinder von Paris

Frankreich 2010 (La Rafle) Regie: Roseyln Bosch mit Jean Reno, Mélanie Laurent, Gad Elmaleh, Raphaëlle Agogué , Hugo Leverdez  120 Min. FSK ab 12

Montmartre 1942, Paris-Romantik pur. Mit ein paar Flecken. Die sind gelb und auf ihnen steht „Juif", Jude. Das Leben in den Viertel versucht nach dem Einmarsch der Deutschen wie gewohnt  weiterzulaufen. Die Kinder amüsieren sich mit Hitler-Parodien und wundern sich über den Gestank der Deutschen. Ein Priester trägt aus Solidarität den Judenstern. Doch während die Familie des trotzkistischen Handwerkers das Ende von Sabbat erwartet, verkauft die Pariser Polizei alle Juden der Stadt an die Nazis - mit der Versicherung „sich um alles zu kümmern".

Der lieblich klingende „Die Kinder von Paris" heißt im Original „La Rafle" und damit verbindet man in Frankreich „La grande rafle du Vél d'Hiv". Mehr als 13.000 Juden wurden am 16. und 17. Juli 1942 verhaftet. Zwar verbannte man sie in den Tagen vorher von der Akademie, von den Spielplätzen, trotzdem können sich die Menschen, die einst vor den Kosaken aus Polen flohen, nicht vorstellen, dass die Franzosen unter Petain zu ähnlich barbarischen Handlungen fähig wären. Doch diesmal nehmen sie sogar die Kinder mit! Das Entsetzen ist enorm, aber es wächst und wächst auf dem Weg dieser Menschen ins Verderben. Die Familien werden in einer riesigen Sporthalle interniert, ohne sanitäre Einrichtungen, ohne ausreichende medizinische Versorgung, sogar ohne Wasser. Als einziger Arzt müht sich Dr. David Sheinbaum (Jean Reno) um alle Kranken, vom Operationstisch Verschleppten und aus Krankenhäusern Abtransportierten.

„Die Kinder von Paris" verfolgt dabei verschiedene Schicksale: Die Tochter eines reichen Professors. Den niedlichen Junge, der seine Mutter sucht, die am ersten Tag der Deportation gestorben ist. Die nicht-jüdische Krankenschwester, die sich dem Kinderzug anschließt. Regisseurin und Drehbuchautorin Roseyln Bosch zeigt immer wieder Menschen, die sich entscheiden können. Für die Menschlichkeit oder für die Befehle. Neben der großen Erschütterung angesichts der grausamen und systematischen Ermordung, angesichts des Abtransportes der Kinder (ähnlich wie bei Wajdas polnischem Kinderarzt „Korczack") thematisiert der eindrucksvolle Film vor allem die Rolle der Franzosen, die sich zu gerne dienstbar machten und nicht nur gnadenlos, sondern sogar mit sadistischem Vergnügen rumkommandierten. Was führt diese Menschen zu schwer erträglicher Brutalität, mit der sie nicht nur Wertgegenstände rauben, sondern am Ende auch noch die Kinder von ihren Müttern trennen.

Belanglos und einziger Ausfall des Films ist Hitler als Kinderfreund auf dem Berghof, während er die Tötung von 100.000 Juden anordnet, wärmt sich am Herdfeuer, während Krematorien geplant werden. Diese Szenen wirken eher peinlich. Bei der Razzia, bei der 24.000 Juden auf den Listen von Bevölkerungszählungen standen, konnten 10.000 durch Hilfe von Nachbarn entkommen. Dass dies überhaupt geschehen konnte, wurde nach „La Rafle" in Frankreich heftig diskutiert. 


7.2.11

Tucker & Dale vs Evil

Kanada 2010 (Tucker & Dale vs. Evil) Regie: Eli Craig mit Tyler Labine, Alan Tudyk, Katrina Bowden, Jesse Moss 88 Min. FSK ab 16

Debile Dörfler werden durch jahrelangen Inzest zu Zombies und Kannibalen – das ist der Stoff aus dem Teenie-Horrorfilme gemacht werden. Etwas Angst vor der Fremde und dem Anderen schlummert in jedem Reisegepäck. Man kann sich die USA als ein Land vorstellen, das kurz außerhalb der Stadtgrenzen in Blutbädern kurt. So floriert das erfolgreiche Horror-Subgenre von Klassikern wie John Boormans Flussfahrt mit Mord „Beim Sterben ist jeder der Erste" (1972, Deliverance) bis Schockern wie „The Hills have Eyes - Hügel der blutigen Augen". Die Zeit war reif für eine Parodie - also schmeißen wir alberne College-Studenten und tumbe Dörfler in den Fargo-Häcksler...

Der erste Schocker schreckt schon auf dem Highway: Die Studenten auf dem Wochenend-Trip nach Arizona haben das Bier vergessen! Bei der nächsten Tankstelle empfangen sie dumpf blickende Dörfler. Der an sich ganz nette Dale (Tyler Labine) will die jungen Leute begrüßen, lernt aber schnell: Es lauft nichts mit den Frauen, wenn man mit der Sense in der Hand smalltalken will. Über einen Haufen dummer Gags holpert die Handlung zu ihrem genialen Clou: Während die Studentin Allison beim nächtlichen Nacktbaden verunglückt, retten sie zwei voyeuristische Angler - Tucker und Dale. Die panischen Kids verstehen alles gemäß ihrer Horrorfilm-Sozialisierung, also völlig falsch. Von nun an versuchen sie äußerst ungeschickt und immer wieder tödlich, ihre Freundin zu befreien, während sich die ahnungslosen Retter wundern, weshalb sich die jungen Leute wie die Lemminge vor ihrer Nase umbringen. Bis zum kräftigen Sprung in den Häcksler...

Wer ist debiler? Die Inzest-Brut vom Lande oder die geklonten College-Kids, die sich ihre kleinen Hirne bei Partys weggesoffen haben? Netter sind auf jeden Fall Tucker und Dale. Ihr Film zückt immer mal wieder die Motorsäge - allerdings nur, um Bienen zu verscheuchen. Derweil hat der Sheriff ein Brett vor dem Kopf, mit dicken Nägeln in der Stirn.

Ein paar gute Ideen, wie man ein Genre auf den Kopf stellt, werden in „Tucker & Dale vs Evil" mit viel Blut verwässert. Mörderische Männer, die eine softe Gesprächstherapie probieren, sind schon zum Schreien („Sream!"), doch spätestens wenn es ernst wird, wird es auch langweilig. Denn auch hier ereignete sich wie immer vor 20 Jahren etwas Grausames. So sind die Scherzchen im Trailer fast schon die besten des Films.

Gullivers Reisen

USA 2010 (Gulliver's Travels) Regie: Rob Letterman mit Jack Black (Lemuel Gulliver), Emily Blunt (Prinzessin Mary), Jason Segel 87 Min. FSK ab 6

Dass die Hauptfigur dieses Kinderfilms noch den Namen Gulliver aus der Vorlage von Jonathan Swift des Jahres 1726 trägt, erstaunt. Ist das simple Spektakel doch eine reine Jack Black-Show, die sogar noch die kritikfreie Kinderversion von Swift an Einfachheit unterbietet. Jack Black, der sich hier Gulliver nennt, fristet ein Leben als kleiner Bürobote einer Zeitung. Seine eigentlich traurige Verlierer-Existenz redet er sich mit lustigen Sprüchen schön, während er die Freizeit als "Guitar Hero" vor der Spielkonsole verbringt. Doch irgendwann fasst er sich ein Herz, behauptet gegenüber der Redakteurin Darcy (Amanda Peet), in die er heimlich verliebt ist, dass er viel reise und auch darüber schreibe. Der Betrug bringt ihm den Auftrag ein, eine Reportage vom Bermuda Dreieck zu machen. So sticht Gulliver allein mit einem Boot in See – ohne Führerschein oder Ahnung, um bald von einer riesigen Wasserhose in die Luft geschleudert zu werden.

Als Gefangener der Liliputaner muss Gulliver erst eine Prinzessin retten, dann das Feuer im Schloss unorthodox löschen, um nicht mehr als riesiges "Biest" verachtet zu werden. Dass Jack Black dabei die Hosen runter lässt und das Feuer ausgepinkelt wird, ist allerdings keine Neuerfindung im Geiste amerikanischer Ekel-Komödien. Auch bei Swift wurde schon so gelöscht!

Ansonsten wimmelt es in „Gullivers Reisen" von Modernisierungen des Stoffes, wenngleich kaum geistreichen. Die freundlichen Kleinen bauen ihm ein Luxushaus und schließlich auch ein Mini-Broadway, das in allen Aufführungen den großen Gulliver widerspiegelt. Er erzählt ihnen nicht nur, er sei Präsident von Manhattan gewesen, sondern inszeniert auch aus den größten Filmklassikern Theaterstücke. Die Liliputaner glauben ihm schließlich, dass er in der Titanic gestorben ist ... aber dann doch wiederbelebt wurde.

Für seinen neuen Liliputaner-Kumpel Horatio (Jason Segel) macht Gulliver mit Prince-Songs den Cyrano, denn der kleine Held will die reichlich naive Prinzessin Mary erobern. Derweil versucht noch so ein kleines, kriegerisches Völkchen mit altertümlicher Sprache und Sitte, Liliput zu erobern. Gulliver soll als neuer General die Verteidigung übernehmen und aus dem Spaß wird ein ... noch weniger lustiger Unernst.

„Gullivers Reisen" wurden in jeder Hinsicht für (amerikanische) Kinder gebucht. Wenn Gulliver/Jack von einem noch größeren Riesen besiegt wird, hebt der ihn an seiner Unterhose hoch - ein klassischer böser Spaß auf US-Schulhöfen. Der Einsatz eines Transformer-Roboters wirkt völlig deplatziert. Dazu passt Jack Black, einst ein bissiger Comedian, nun ein Hollywood-Clown, der sich in kurzen Hosen als zu großes Kind aufführt. Für diesen Möchtegern-Rocker hat man zwei Musiknummern ins Drehbuch geschrieben - und tägliche Massagen gegen starre Nacken, denn dauernd müssen die Leute steil nach oben oder unten starren. So sammelt der Film haufenweise alberne Ideen, macht auf Nummern-Revue ohne große Linie. Dass Gulliver über sich selbst hinauswächst, erwartet man vergebens. Wir lernen vor allem: Nicht auf die äußere Größe kommt es an, auch Erwachsenen können völlig kindischen Blödsinn machen.

1.2.11

Mein Glück


BRD, Ukraine, Niederlande 2010 (Schastye Moe) Regie: Sergej Loznitsa mit Viktor Nemets, Wladimir Golowin, Alexei Vertkov 128 Min. FSK ab 16

Der LKW-Fahrer Georgy (Viktor Nemets) macht sich auf den Weg, ohne sich von seiner Frau zu verabschieden. Wird diese kleine Nachlässigkeit eine Rolle spielen? Ein alter Mann wird für kurze Zeit sein Beifahrer, macht sich aber bei der Kontrolle durch brutale und korrupte Polizisten davon. Ein düsterer Vorbote? Als nächstes nimmt der Fahrer eine sehr junge Prostituierte mit, sie soll ihn am Stau vorbei lotsen, doch das Dorf, in dem er landet, zeigt sich extrem abweisend, wenn nicht gar feindselig. Der einzige Ausweg scheint ein unbefestigter Weg durch einen nächtlichen Wald zu sein. Drei Gestalten, die sich während einem Stopp mit ans Lagerfeuer setzen, führen auch nur Böses im Schilde. Ein Schlag auf den Kopf und Georgy findet sich im eingeschneiten Haus einer alten Frau wieder, das Getreide vom Laster wird verkauft, die Odyssee scheint hier ihr tragisches Ende gefunden zu haben. Doch noch ein paar unerklärte Wendungen später ist der Film wieder bei der Polizeikontrolle. Die Gewalt hat zugenommen, Leichen pflastern den letzten Teil des Weges.

Dies oder vielleicht auch etwas anderes ist die Handlung des nicht immer zusammenhängend verlaufenden Films. Rückblenden zu Kriegsepisoden, in denen Menschen auch schon so kaltherzig handelten und mordeten, lassen sich vom Personal her nur schwer einordnen. Wurde Georgy so zum Waisen? Oder ist dies alles eine Parabel auf das heutige Russland? Regisseur Sergej Loznitsa kommt von Dokumentarfilm und zeigte bislang Zustände seines Landes. Das gelingt ihm nun in einzelnen Szenen auch durchaus eindrucksvoll. Doch ohne einen erkennbaren Zusammenhang, kann der Film das Interesse nicht halten.

Good Food Bad Food - Anleitung für eine bessere Landwirtschaft


Frankreich 2010 (Solutions locales pour un désordre global) Regie: Coline Serreau 113 Min. FSK: o.A.

Du bist, was du isst. Dieser Banalität nehmen sich immer wieder auch bekannte Künstler an, die dann nicht mehr berühmte Autoren wie Jonathan Safran Foer („Alles ist erleuchtet“), deutsche (Doris Dörrie, „How to Cook Your Life“) oder französische Komödien-Regisseurinnen sind, wie die berühmte Coline Serreau („Drei Männer und ein Baby“, „Saint Jacques... Pilgern auf Französisch“). Sie sind dann Menschen, die sich Gedanken über die eigene Nahrung machen und das mit ihrem hervorragenden Handwerk umsetzen. Serreau kehrt mit „ Good Food Bad Food - Anleitung für eine bessere Landwirtschaft“ zu ihren Wurzeln als Dokumentaristin zurück.
Ihre „Anleitung“ beginnt mit dem 1. Weltkrieg, der nicht nur Millionen Bauern tötete und Land vernichtete, sondern mit der chemischen Kriegsführung auch die Grundlage für eine von Agro-Chemie beherrschte Landwirtschaft bildete. Wir erfahren, dass Landwirtschaft früher weiblich war und heute männlich kontrolliert wird. Von einer hohen Selbstmordrate unter Bauern, die in Indien hunderttausend Opfer gefordert hat. Eine der vielen interviewten Aktivisten nennt es Selbstmord-Landwirtschaft. Der engagierten Analyse folgen detaillierte Beispiele andere Wege: Selbstverwaltete Betriebe überall auf der Welt, die traditionell arbeiten, auf Chemie verzichten, sich ihre Rechte wieder erkämpften.
Die „ Anleitung für eine bessere Landwirtschaft“ ähnelt bei allem Engagement der Regisseurin eher einem sehr informativen Handbuch als einem bewegenden Film. Damit wirkt er anders, nicht so frontal emotional oder schockend wie beispielsweise „Unser täglich Brot“. Doch all diese Menschen, die einen anderen Weg suchen, erweitern das Verständnis der Möglichkeiten und machen Hoffnung.

Poll


BRD, Österreich, Estland 2010 Regie: Chris Kraus mit Paula Beer, Edgar Selge, Tambet Tuisk, Jeanette Hain, Richy Müller 133 Min. FSK ab 12

Das weiße Band in Estland: „Poll“ erzählt eindrucksvoll von einer endenden Kindheit im multikulturellen Baltikum kurz vor Ausbruch des „Großen Krieges“. Das große Panorama einer einzigartigen Region und einer morbiden Lebenshaltung entführt, fasziniert und erschreckt...

Präparierte Käfer und Leichen estischer Widerstandskämpfer. Eine an Dali erinnernde Herrenhaus-Konstruktion auf Stelzen am Ostseestrand, der Dialekt, den man ähnlich von Grass’ ostpreußischer „Blechtrommel“ kennt. Auf dieses Gut namens Poll kommt die 14-jährige Oda von Siering (Paula Beer) aus Berlin, ihre gerade verstorbene Mutter auf Eis im Gepäck. Oda versteht sich gut mit dem Vater Ebbo von Siering (eindrucksvoll: Edgar Selge), dem sympathischen, etwas seltsamen Wissenschaftler, der hierher neu und reich heiratete. Sie weiß allerdings noch nicht, dass dieser auch Gehirne von frisch erschossenen „Anarchisten“ präpariert. So nannte man damals die Esten, die sich gegen die Soldaten des Zaren wehrten. Eine ganze Truppe dieser Russen hat sich in den Schuppen vor dem Herrenhaus einquartiert. Es ist 1914, die Beziehungen zwischen den Deutschen im Baltikum und den Besatzern sind gut, die Offiziere kommen zur Hausmusik vorbei. Dass Odas Stiefbruder Paul nach einer sadistischen Bestrafung mit zerquetschten Fingern Akkordeon spielen muss, gehört zu den schauerlichen Momenten, über die sich immer wieder das sanfte Licht der Mittsommernacht legt.

Es ist eine paradiesische Sommerfrische, in der Oda landet. Vom Vater idealisiert auf Fotoplatten fixiert. Als das Mädchen jedoch einen schwer verletzten Anarchisten (Tambet Tuisk) versteckt und den bald „Schnaps“ genannten Poeten und Freiheitskämpferdirekt unter den Augen der Russen pflegt, wachsen die Spannungen in der Familie. Und im Gegensatz zur großen Politik lassen diese sich nicht ignorieren. Ebbo von Siering ringt verzweifelt um Anerkennung seiner rassistischen Forschung, seine herrschaftliche Frau Mila von Siering (Jeanette Hain) hat ein Verhältnis mit dem rauen Verwalter Mechmershausen (Richy Müller).

Der große und großartige Historienfilm „Poll“ schwelgt in seinen faszinierenden Kostümen, Kulissen und Landschaften. Dank bekannter, aber in diesem breiten Format überraschend guter Schauspieler fühlt man sich trotz andauernden Staunens schnell in diese Welt und diese Familie ein. Das Herzens-Projekt von Chris Kraus ist Zeitmaschinen-Kino mit großen Schauwerten, liefert aber auch einen scharfen Blick auf all die Verwerfungen, mit denen man sich für ein sattes Leben arrangierte. Kraus erzählt die wahre Geschichte seiner 1988 verstorbenen Großtante Oda Schaefer, einer heute gänzlich in Vergessenheit geratenen Autorin. Er entführt mit „Poll“ in eine vergangene Epoche, versetzt das gewaltige Panorama mit Momenten des Schreckens und der verdrängter Gewalt. Die Spinnfäden eines vergangenen Sommers ziehen neben allen anderen höchst gelungenen Elementen des Films auch noch Verbindungen zu heutigen Situationen multinationalen Zusammenlebens und übersehener (Staats-) Gewalt.

31.1.11

Serengeti


BRD 2010 Regie: Reinhard Radke 102 Minuten FSK ab 6

„Serengeti darf nicht sterben“ hieß es 1959 in der Dokumentation von Bernhard Grzimek. Ein halbes Jahrhundert später geht es ihr sichtbar gut. Auch dank des Einsatzes des possierlichen TV-Zoo-Direktors Grzimek ist der Nationalpark in Tansania weiterhin „Ein Platz für Tiere“. Nun nahm der erfahrene Raubtierfilmer Reinhard Radke die Spur Grzimeks auf und machte Kamera-Jagd auf .... Gnus! Die massiven Huftiere stehen nicht ganz oben beim Zoobesuch, doch mit (immer wieder fragwürdiger) Dramatisierung und vor allem extrem spektakulären Aufnahmen gelang Radke ein altmodischer Tierfilm auf ausgetretenen Pfaden.

Der Kreislauf des Lebens in Form der lang unverstandenen, saisonalen Wanderung der Huftiere in der Serengeti, bilden das Handlungsgerüst von „Serengeti“. Am Wegesrand lauern Löwen, Geparden, Leoparden und Krokodile. Besonders die Querung des Mara-Flusses sorgt immer wieder für Staunen. Während sich Tausende Gnus an den steilen Hängen drängen und fast wie Lemminge wirken, fragt man sich, wie viele Filmteams wohl das gegenüberliegende Ufer bevölkern. Schon vorher verglich man die realen Tiere mit den teilweise attraktiveren Verwandten aus Disneys Trickfilm „Der König der Löwen“. Solch Spott mag gemein wirken, doch der sich endlos in Banalitäten wiederholenden Kommentar von Hardy Krüger Jr., dem Wüstenfuchs der Vorabendserie, und vor allem die abgenudelte Musik provozieren derartige Reaktionen.

Klassisch geschnitten, didaktisch immer mal wieder informativ. Ein netter Film, doch die Konkurrenz andere Filme ist für „Serengeti“ gefährlicher als lauernde Löwen. Radke konnte für seine NDR-Produktion ein paar sagenhafte Super-Zeitlupen einfangen, die Zeitraffer des Sternen-Himmels beeindrucken ebenso wie Helikopter-Aufnahmen der rauchenden Vulkan-Schlote. Die geniale Tarnung der Geparden lässt sie selbst beim Sprint im hohen Steppengras fast unsichtbar werden. Auch die unfassbare Menge an Huftiere auf diesem Meer aus Gras macht Eindruck. Vermenschlichung und rührselige Momente inklusive. Doch mit modernen Mega-Produktionen des BBC oder französischer Tierfilm-Spezialisten kann die „Serengeti“ nicht mehr mithalten. Das „Survival of the fittest“ gilt auch im Kino. Zumindest mit dem Hintergrund der großen Wanderung belohnt der Film am Ende: Es sind die Jod SL-Körnchen oder so im vulkanischen Boden, die Millionen Huf-Tiere zu Wandervögel machen und Tierfilmer reichlich Film-Futter liefern.

27.1.11

I Killed My Mother


Kanada 2009 (J'ai tué ma mère) Regie: Xavier Dolan mit Anne Dorval, Xavier Dolan, François Arnaud 96 Min.

Ein 16-jähriger Junge hasst seine Mutter, die ihn zur Schule und zur Videothek fährt, das Essen macht und das Erbe der Oma verwaltet, bis der aufmüpfige Teenager 18 wird. Das klingt jetzt schon dramatischer als das erweiterte und nervige Kammerspiel eigentlich ist, der Titel „I Killed My Mother“ ist gar völlig überzogen. Was der junge Autor, Regisseur und Hauptdarsteller Xavier Dolan damit erledigt sind wohl seine pubertären Rest-Frustrationen. So brüllt seine Figur Hubert Minel leidenschaftlich, oft und gleichbleibend. Die Mutter Chantale (Anne Dorval) schreit meist mit, weiß aber auch, dass sie mit dem leisen Summen irgendwelcher Liedchen die Wut noch steigern kann.

Während Hubert sein selbstverliebtes Kamera-Tagebuch in s/w führt, macht stattet der linear langweilig erzählte Film die Mutter lächerlich aus und versucht den rebellischen Sohn zu stylen, was ebenso erbärmlich wirkt. Da hängen Kunst-Drucke beim kiffenden Liebhaber mit der sexy Mutter und provenzalischer Kitsch in der dämmerigen Küche zuhause. Zwischendurch gibt es ein paar Zitate und einen Hauch von zärtlichem Gefühl. Doch bald wird wieder gebrüllt. Filmisch mit schwacher Kamera und Kunstversuchen. Akustisch sowieso. Vielleicht hätte Dolan die Probleme persönlich mit seiner Mutter klären sollen, anstatt ein Publikum anzubrüllen, das daran nun mal keine Schuld hat. Ein sehr expressives und unreifes Werk. Am originellsten ist noch das kanadische Französisch im Original, selbst wenn man das Wallonische gewohnt ist. Doch, etwas Gutes gab es in diesem anstrengenden Film: Die Musik klingt wie die Pianoläufe von Wim Mertens aus dem „Bauch des Architekten“. Der nächste Film von Dolan ist schon am Start, ebenfalls beim ansonsten exzellenten Verleih Kool. „Les amours imaginaires“ wird mit Regie, Produktion, Buch und einer Rolle wahrscheinlich erneut eine sehr  individuelle Dolan-Äußerung.

26.1.11

Diamantenhochzeit DVD


BRD 2009

Regie: Michael Kupczyk

Lighthouse

Aachen-Komödie

Die rasanteste Aachen-Komödie aller Zeiten ist jetzt endlich auf DVD erhältlich: Von der Jakobskirche bis zum Spielcasino jagt die Hochzeits-Gangster-Geschichte in „Echtzeit“ durch die Straßen der Stadt und zieht alle Register eines flotten Spaßes: Ein Beutelchen Diamanten zur Hochzeit mitbringen - eine schöne Idee, die ein junges Brautpaar freuen wird. Allerdings nicht, wenn die Diamanten noch im Bauch des Kuriers stecken und der tot im Kofferraum liegt. Der Vater der Bräutigams hat mal wieder ein krummes Ding vergeigt. Der aus Lünen stammende Regisseur Michael Kupczyk („Nordstadt“) machte aus dieser Grundidee und einigen bekannten Gesichtern (Marleen Lohse, Jörg Pohl, Uta Maria Schütze, Dietrich Hollinderbäumer, Anja Franke) in seinem zweiten Langfilm eine flotte Komödie, mit welcher der aus Aachen stammende Produzent Peter Kreutz seiner Heimat eine Hommage abstattete.