21.6.22

A Day to Die

USA 2022, Regie: Wes Miller, mit Kevin Dillon, Bruce Willis, Gianni Capaldi, 105 Min., FSK: ab 16

Polizist Alston (Bruce Willis) leitet den Einsatz bei einer Geiselnahme. Die Opfer sind afroamerikanische Schüler, Helden gibt es nicht. Denn die Eingreiftruppe rund um Connor Connolly (Kevin Dillon) scheitert mit viel Geknall, Ballerei und reichlich Toten. Jahre später ist Alston Polizei-Chef der Stadt und Connor frustrierter Drogenjäger. Als er einen Gangster erschießt, will dessen Boss Schadensersatz in Millionenhöhe und entführt Connors schwangere Frau, um der Forderung Nachdruck zu verleihen.

Auch dieser billige Action-Film scheitert mit viel Geknall und Ballerei. Eigentlich nicht erwähnenswert, bei einer Produktion, die für das DVD-Regal geplant war. Prangte nicht das bekannte Gesicht von Bruce Willis auf dem Poster. Und auch der Titel macht Anleihen bei seinem größten Erfolg „Die hard". Leider verkauft sich die an Aphasie leidende Legende in der Dämmerung seiner Karriere in vielen billigen Produktionen mit reduzierten Möglichkeiten: Wenig Text und Mimik, kaum Bewegung, gar keine Action. Ein trauriger Weg, sich von der Leinwand zu verabschieden.

17.6.22

Lightyear

USA 2022, Regie: Angus MacLane, 100 Min., FSK: ab 0

Die Bruchlandung auf einem fernen Planeten, bevölkert von aggressiven Schlingpflanzen und fiesen Käfern fordert alles vom Kommandanten Buzz Lightyear und seiner Crew. So beginnt eine animierte, altmodische Science-Fiction, die manchmal an die Abenteuer von „Raumschiff Enterprise" erinnert. Wobei Buzz Lightyear das legendäre Logbuch nur für sich aufnimmt, niemand hört es jemals ab. Der Space Ranger braucht das, um seine Nervosität zu bekämpfen. Kollegin Hawthorne macht sich nett über ihn lustig, aber er darf eine Menge echter Heldentaten vollbringen.

Buzz Lightyear, der ewige Kumpel von Woody, war in den enorm erfolgreichen Filmen der „Toy Story"-Reihe ewig zur zweiten Reihe verdammt. Besonders wenn der Cowboy mal wieder verliebt war oder eine Kinderseele retten musste, wurde die Freundschaft arg strapaziert. Weswegen Lightyear sich auch in den bisherigen vier Kinofilmen und noch mehr Ablegern immer wieder aufspielen musste. Doch damit ist jetzt Schluss – der Kinofilm „Lightyear" dreht sich nur um den heldenhaften Astronauten aus der Spielzeugkiste. Ohne dass diese Doppelung einer Spielzeugfigur jemals erwähnt wird.

Die gescheiterte Mission mit Bruchlandung quält Buzz, er will sie vollenden und die Menschen von dem Planeten, der 4,2 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt ist, retten. Dafür muss der Held vom alten Schlage kurz mal um die Sonne fliegen, um eine Brennstoffzelle aufzuladen. Was ihn ein paar Minuten in Hypergeschwindigkeit kostet, während auf dem Planeten mehr als vier Jahre vergehen. Doch das Aufladen klappt erst nach mehreren Versuchen, nach 62 Jahren 7 Monate 5 Tagen. Alle anderen alterten rasant, seine Kollegin Hawthorne ist mittlerweile Vorgesetzte, verheiratet, Mutter, Oma. Und als es endlich geklappt hat, haben Roboter die Basis erobert.

Mit Hilfe von Izzy Hawthorne, der Enkelin seiner Freundin Alisha, tritt Buzz einem übermächtigen Gegner entgegen. Hinter der riesigen Maschine namens Zurg verbirgt sich eine deftige Überraschung. Mit dabei ist die Robot-Katze Sox, die ihm eigentlich für emotionale Probleme zugeteilt wurde, sich aber als tierisches Schweizer Messer mit Hacker- und Agenten-Fähigkeiten erweist.

Tricktechnisch auf hohem Niveau, bringt die Story von „Lightyear" wenig Mehrwert. Der einsame Held soll lernen, Hilfe zu akzeptieren und im anscheinend unmöglichen Team zu arbeiten. Dafür muss er andere aufbauen, statt immer nur runtermachen. Und Fehler verzeihen, auch die eigenen. Die Pixar-Studios lieferten bislang die Krönung von Disneys Animation. Mit Weisheiten weit über die kurzweilige Zerstreuung hinaus, siehe „Alles steht Kopf" über den Umgang mit überwältigenden Gefühlen wie Traurigkeit und Wut. Nun kann der Psychologe allein am sehr alten Buzz sehen, dass die bedingungslose Verfolgung seiner Ziele einen zum Extremisten werden lässt.

Der neue Pixar-Film „Lightyear" von Pixar-Veteran Angus MacLane (Co-Regie „Findet Dorie") ist eher leichte Kost, Erwachsenen-Action, dazu kurz die moralischen Fragen von Zeitreisen. Als digitale gezeichnete Nachmache von „Top Gun" eignet es sich eher für ältere Kids, die wohl meist Jungs sein werden.

14.6.22

Massive Talent


USA 2022 (The unbearable weight of massive talent) Regie: Tom Gormican, mit Nicolas Cage, Pedro Pascal, Tiffany Haddish, Neil Patrick Harris, 108 Min., FSK: ab 12

Wenn es doch immer so einfach wäre, wie im Film „Con Air", den die Tochter des kolumbianischen Präsidenten mit Popcorn und Freund genießt: Da wird eine andere Tochter sicher von ihrem Filmvater Nicolas Cage gerettet. Denn: „Er ist Legende!" Worauf maskierte Männer einfallen und das Mädchen entführen. Schnitt auf das „wahre" Leben der „Legende Cage" in Los Angeles heute: Stilvoll cruist er zum Gespräch für eine Filmrolle über den Highway, rastet dann wie ein Anfänger beim Vorsprechen aus. Beim Geburtstag der Tochter im Haus der getrennt lebenden Ehefrau ist Star Nicolas Cage nur noch besoffene Peinlichkeit. Als seine Hotelsuite für 600 Dollar die Nacht wegen Zahlungsverzug versperrt ist, nimmt der Schauspieler auf der Abwärtsspirale ein verachtetes, aber lukratives Angebot an: Für eine Million Dollar soll Cage bei einer Geburtstagsparty auf Mallorca auftreten.

Gastgeber ist Javi Gutierrez (Pedro Pascal), Milliardär mit kriminellem Hintergrund und vor allem Super-Fan von Nicolas Cage. Die reichlich skurrile Situation entwickelt sich mit gutem Gras und viel Männer-Bonding zur echten Freundschaft. Auch wenn Cage einige Ergänzungen zu Javis Drehbuch hat. Zudem ist Nick Cage die letzte Hoffnung der CIA, um an die entführte Politikertochter der Eingangsszene ranzukommen, die beim Gangster vermutet wird.

„Massive Talent" ist Action-Buddy-Komödie und erinnert nur in den albernsten Momenten an uneigentliche und ungeeignete Agenten wie Jackie Chan als „Spion wider Willen" oder Rowan Atkinson als „Johnny English". Doch eigentlich muss man Cage-Fan sein oder noch mal eine Woche in die „Mancage"-Mediathek eintauchen, um alle Hinweise in den Dialogen zwischen Fan(s) und Star zu verstehen. Denn der feinere Witz von „Massive Talent" liegt darin, dass eine ganze Karriere dekonstruiert wird. Bevor der einfache Actionheld noch einmal die Oberhand gewinnt, um wieder seine Tochter zu retten. Dabei taucht immer wieder sein wildes, jüngeres Ich namens Nicky auf, um wie das Teufelchen auf der Schulter ein paar verrückte Dinge vorzuschlagen. Nicky wie Nicolas Kim Coppola, wie der Neffe von Francis Ford Coppola eigentlich heißt, und ledermäßig bekleidet wie in seiner Rolle in „Wild at Heart".

Der 1964 geborene Cage hatte eine große Karriere zwischen frühen, kitschigen Glanzlichtern wie „Mondsüchtig" (1987) neben Cher bis zum „Oscar"-prämierten Meisterwerk „Leaving Las Vegas" (1995). Daneben eine knallharte Action-Schiene mit dem Gefängnis-Thriller „The Rock" (1996) und der irren Ausbruchs-Action „Con Air", bei der sich der gutherzige Unschuldige in einem Flieger voller Schwerverbrecher bewähren muss. Im gleichen Jahr von „Con Air", 1997, gab es schon einen ersten Ansatz, wieder aus der Action-Kiste rauszukommen: Bei „Face/Off - Im Körper des Feindes" wechselte Nicolas Cage das Gesicht mit John Travolta. Eine doppelte Doppelrolle, inszeniert vom Hongkong-Altmeister John Woo. 

Die enorme Filmliste, die im großen Devotionalien-Raum des Gangster-Bosses Javi Gutierrez Niederschlag findet, enthält auch reine Romantik wie den „unterschätzten" (Javi) „Corellis Mandoline" (2001) von John Madden oder „Stadt der Engel" (1998) von Brad Silberling. Werner Herzog kitzelte 2009 noch einmal alles aus der Ambivalenz von Güte und Härte im Gesicht von Cage heraus für das Abel Ferrara-Remake von „Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen". Der Rest war überkandidelter Trash wie „Ghost Rider" (2007), „Ghost Rider: Spirit of Vengeance" (2011), „Duell der Magier" (2010), „Das Vermächtnis der Tempelritter" (2004) oder „Der letzte Tempelritter" (2010). Der weitere Verlauf seiner Karriere lässt sich am besten dadurch beschreiben, dass kein Film erwähnenswert wäre. Nur auf den blutrünstigen Horror „Mandy" (2017) wird auch in „Massive Talent" referiert.

„Massive Talent" ist bei allen Referenzen kein „Adaption – Der Orchideen-Dieb", der Film von Charlie Kaufman, in dem Nicolas Cage den genialen Drehbuchautor Charlie Kaufman spielt und auch noch dessen Zwillingsbruder Donald, der sich auf simple, aber erfolgreiche Thriller spezialisiert hat. Im Vergleich zu jedem Charlie Kaufman-Film ist „Massive Talent" selbstverständlich unterkomplex. Referenz ist vor allem die belgischen „Action-Fritte" Jean-Claude Van Damme, die sich mit selbstreferenziellen „JCVD" aus einem Karriere- und Image-Tal herausfilmte. Das ist Cage mit diesem unterhaltsamen und augenzwinkernden Actionspaß für alte und junge Fans auch zu wünschen.

Schmetterlinge im Ohr


Frankreich 2021 (On est fait pour s'entendre) Regie: Pascal Elbé, mit Sandrine Kiberlain, Pascal Elbé, Manon Lemoine, 94 Min., FSK: ab 0

Dass ER nicht zuhört, soll öfters vorkommen. Dass er nicht mal ihre verführerischen Vorschläge im Bett mitbekommt und auch verpasst, wie sie beleidigt seine Wohnung verlässt, ist schon extrem. Antoine (Pascal Elbé) ist schwer schwerhörig und hat keine Ahnung davon. Selbst als seine Nachbarin Claire (Sandrine Kiberlain) sich wütend beschwert, sein Wecker würde unaufhaltsam plärren, findet er sie nur unverschämt. Während er den immer noch scheppernden Wecker überhört. In der Schule ist der Lehrer äußerst unbeliebt: Die ausführlich diskutierten Probleme der Kollegen ignoriert er scheinbar, die Fragen der Schüler kommen nicht bei ihm an. Als das Problem schließlich doch zu ihm durchdringt und ein irre teures Hörgerät installiert ist, gestaltet sich der Effekt des Wieder-Hören-Könnens auch beim Zuschauen berauschend. Den Streit zwischen seiner etwas senilen Mutter und seiner Schwester schaltet er dann allerdings schnell ab.

Derweil gelingt es Claire nicht, sich vom Tod des Ehemannes zu erholen. Selbst als der Schwager ihr Gras zum Rauchen gibt, führt das nur zum komatösen Schlaf auf der Couch. Der ungeliebte Nachbar Antoine kümmert sich deshalb um die hungrige Tochter Violette (Manon Lemoine) und freundet sich mit ihr an. Das wird die Basis für eine wachsende Anziehung zwischen Claire und Antoine, sehr schön ausgedrückt über neugierige Blicke im Innenhof von Wohnung zu Wohnung. Doch zum ersten romantischen Abendessen kommt er ohne Hörgerät - mit entsprechend katastrophalen Gesprächen...

Sandrine Kiberlain („Verliebt in meine Frau", „Der kleine Nick") ist eine geniale und bei uns unterschätzte Komikerin, die bei „Schmetterlinge im Ohr" endlich mal wieder in Hauptrolle zu genießen ist. Ihr Partner bei der alles andere als platten Romantischen Komödie ist Pascal Elbé, auch Autor und Regisseur des Films. Er kann sich auf herrliche Situationskomik verlassen, sowohl wenn er alles überhört, als auch, wenn er völlig euphorisch alles überdeutlich hört. Dass in den Beziehungen zu Freunden und Familie die feinen Töne in der Mehrzahl sind, veredelt diesen sympathischen Film bis zum wunderschönen Wunder seines Happy Ends.

13.6.22

A E I O U - Das schnelle Alphabet der Liebe


Deutschland, Frankreich 2022, Regie: Nicolette Krebitz, mit Sophie Rois, Milan Herms, Udo Kier, 104 Min., FSK: ab 6

Überfallartig tritt der junge Schüler Adrian (Milan Herms) ins Leben der älteren Schauspielerin Anna (Sophie Rois): Nach einem Handtaschenraub ist ausgerechnet der Räuber Kandidat für einen Sprechunterricht. In ihrer Wohnung, auf deren Miete der Besitzer Michel (Udo Kier) schon länger wartet, wird das Alphabet schön deutlich betont, während der neue Film der bekannten Schauspielerin Nicolette Krebitz („Bandits", „Unter dir die Stadt") mit den „A"s von Anna und Adrian, sowie zugehörigen Lustlauten Liebe konjugiert. Die Stimmausbildung führt zu dem körperlichen Kontakt, den Anna im Synchronisations-Studio vom älteren Kollegen abwehrte.

Die Affäre mit dem notorischen Dieb bringt viel „amour fou" und eine Flucht an die Côte d'Azur. In einem TV-Talk muss die Schauspielerin den Macho-Kollegen (Moritz Bleibtreu) erklären, dass ihr Körper keine „Komplimente" braucht. Der Altersunterschied der Beziehung wird angenehm leicht überspielt. Dabei kommentiert Anna selbst ihre Handlungen und „A E I O U" ist bei tollen Texten verspielt, poetisch, verträumt, feministisch, wirkt aber immer auch konstruiert künstlich.

7.6.22

Jurassic World: Ein neues Zeitalter


USA 2022 (Jurassic World: Dominion) Regie: Colin Trevorrow, mit Chris Pratt, Jeff Goldblum, Bryce Dallas Howard, 146 Min., FSK: ab 12

Das Treffen der Helden von „Jurassic World" mit den vorzeitlichen Figuren des 90er-Hits „Jurassic Park" ist ein großer Spaß. Wenn dann noch Dinosaurier mit ihrer Action dazukommen, ist der Kassenhit fertig.

Schon wenn Cowboys im Schnee besonders große Rinder einfangen, ist das in 3D ein tolles Spektakel, denn gejagt werden zahme Saurier, die hier im Norden Amerikas weiden. Nebenan im Sägewerk müssen erst Riesen-Dinos geweckt werden, bevor die Arbeit weitergehen kann. Seit den Ereignissen des letzten Films „Jurassic World: Das gefallene Königreich" (2018) im Dino-Reservat Isla Nublar leben die Urzeit-Riesen frei auf dem Festland, neben und zwischen den Menschen. Ging es früher in den Jurassic Parks und Welten ums Fürchten und Erschrecken, startet „Jurassic World: Ein neues Zeitalter" mit immer wieder erstaunlichen Szenen des Miteinander.

Auch der Cowboy der Eingangsszene, der Dinosaurier-Experte Owen Grady (Chris Pratt), und seine große Liebe Claire Dearing (Bryce Dallas Howard) leben friedlich in einer Blockhütte, soweit es der rebellische Teenager Maisie Lockwood (Isabella Sermon) erlaubt. Maisie ist allerdings ebenso im Visier übler Gestalten wie das süße Dino-Baby vom Velociraptor Blue. Dieser Killer-Dino, den Grady im ersten „Jurassic World" (2015) zähmte, lebt auch in diesen Wäldern. Nach der Entführung beider Kinder beginnt eine Jagd rund um die Welt, die zum mysteriösen und mächtigen Biotech-Unternehmen namens Biosyn führt. Auch die riesigen Horror-Heuschrecken, welche die Welternährung bedrohen, hängen mit Biosyn zusammen. Fressen sie doch nur die Felder kahl, die nicht mit Biosyn-Produkten behandelt sind. Ein informierter Schelm, wer hier Glyphosat denkt.

Auf Madagaskar wird der erste Rettungsversuch zu einem Katz-und-Maus-Spiel mit tödlichen Sauriern: Die Schurken sorgen mit einer Kombination aus hochmoderner militärischer Laser-Kennung und animalischem Jagdinstinkt der Vorzeit für herrlich lange Verfolgungsjagden. Auf und ab, rein und raus aus alten Katakomben, quer durch die Gassen einer Altstadt sind ständig neue Raptoren hinter Owen und Claire her. Nach dem gelungenen Action-Mittelteil wird die gesamte Belegschaft zum Labor von Biosyn geflogen, das in einem weiten Dolomiten-Tal liegt. Selbstverständlich gibt es hier das neue, „jetzt bestimmt ganz, ganz sichere" Saurier-Reservat, die Fortsetzung vom „Park" und der „World". Dort kommt es im letzten Drittel endlich zum Treffen mit den Alt-Stars aus „Jurassic Park", die in einer Parallelhandlung eingesammelt wurden. Die Dino-Wissenschaftler Ellie Sattler (Laura Dern) und Alan Grant (Sam Neill) werden unterstützt von Ian Malcolm (Jeff Goldblum), der sich als intellektuelles Aushängeschild von Biosyn tarnt.
 
Als Steven Spielberg 1993 den „Jurassic Park" nach einem Buch von Michael Crichton und David Koepp schuf, war schnell klar, dass hier eine Goldgrube entdeckt wurde. Sam Neill, Laura Dern und Jeff Goldblum sorgten für schauspielerische Substanz zwischen den digitalen T-Rexen. Eine wahre Dino-Lawine ging ab mit T-Rex T-Shirts, Spielfiguren und vielen Nachahmern. Bergab ging es allerdings auch mit den Folgefilmen. Innerhalb der „Jurassic Park"-Trilogie und dann vor allem mit „Jurassic World", dem neuen Dino-Park mit Chris Pratt und Bryce Dallas Howard, wo amoklaufende Action vorherrschte.

Jetzt ist wieder Zeit für eine neue Generation Jurassic-Begeisterung und jede der vielen Filmminuten von Regisseur Colin Trevorrow liefert tolle Popcorn-Unterhaltung. Viele eindrucksvolle Kreaturen führen das Spiel vom Fressen und Gefressenwerden vor, ein amphibisches Biest auf einem zugefrorenen Stausee erweist sich als besonders fies. Bei all dieser digitalen Kreativität liegt der Clou von „Jurassic World: Ein neues Zeitalter" allerdings im generations-übergreifenden Treffen der Hauptfiguren. So wie der T-Rex seit dem ersten „Jurassic Park" Star der Dino-Welt ist, erweist sich Jeff Goldblum als unveränderte Attraktion unter den Zweibeinern. Da kann Chris Pratt so viel rennen, schlagen und schmunzeln wie er will. Goldblum wirkt wie ein „Culture Vulture"-Vampir völlig unverändert und bleibt zuverlässig stilvoll: Wer sonst würde in höchster Not als Zahlencode für ein verschlossenes Tor den Geburtstag von Miles Davis eingeben?

Neben dieser kulturellen Note im Feuerwerk der Unterhaltung überrascht auch der ökologische Schlusston: Da wird tatsächlich plädiert, jede Kreatur und jedes Leben auf dieser Welt zu würdigen, um das Gleichgewicht des biologischen Systems zu bewahren. Klingt nach Greenwashing, aber in vielen Kinos gibt es das Popcorn ja auch schon in Öko-Verpackung!

6.6.22

France


Frankreich, Italien, Deutschland 2020, Regie: Bruno Dumont, mit Léa Seydoux, Blanche Gardin, Benjamin Biolay, 130 Min., FSK: ab 12

France de Meurs (Léa Seydoux) ist in Frankreich Star des TV-Journalismus: Bei einer Pressekonferenz des Präsidenten steht sie zur Begrüßung nicht auf, quatscht unverdrossen weiter, bis Macron sie persönlich unterbricht. Wieder ein öffentlicher Coup für das Aushängeschild des Senders „i". France und ihre Assistentin Lou (Blanche Gardin) freuen sich dreist und ordinär wie Schulmädchen. Das ambivalente Bild dieser Star-Reporterin setzt sich zuhause fort: Sie kümmert sich im erdrückend barocken Wohnzimmer kaum um den Sohn, mit dem Ehemann wird kein Wort gewechselt.

Alle wollen Selfies mit France, selbst die Kämpfer der Tuareg bei einer ihrer „Reportagen" in Nordafrika. Die genau wie die französischen Einsatzkräfte dort auf unerträgliche Weise von der Frau aus dem Westen für die besten Kamerabilder rumkommandiert werden. Nach einem absurden Autounfall, bei dem sie mit weniger als Schritttempo einen arabischstämmigen Rollerfahrer touchiert, der in Zeitlupe umfällt und sich verletzt, zerfällt das Leben von France. Nun wird sie Opfer ihrer Art von „Journalismus" und beendet ihre Fernsehshow. Nach einem Zusammenbruch spioniert selbst eine anscheinend medienferne Affäre in einer Bergklinik sie für einen reißerischen Artikel aus. Dann gibt es ein sensationelles Comeback, bei dem France mit Boots-Flüchtlingen das Mittelmeer überquert – vor der Kamera. Tatsächlich reisen sie und ihr Team auf einer Jacht parallel zum Schlauchboot mit.

„France" klingt nach böser Medien-Satire, doch es ist vor allem ein Film vom Festival-Monolithen Bruno Dumont (TV-Serie „KindKind", „Das Leben Jesu"). Der in Cannes preisgekrönte Regisseur mit Wurzeln in der schweren Erde Nordfrankreichs lässt sein Publikum gerne rätselnd zurück. In „L'humanité" (1999, Großer Preis der Jury) schwebte der gepeinigte Kommissar über den fürchterlichsten Dingen. Bei „Jeannette – Die Kindheit der Jeanne d'Arc" gab es ein wundersam laienhaftes Singspiel in einfachsten Dünen-Szenerien. Man muss die Verbindung von „France" zur einfältigen Schäferin Jeanne ziehen, die sich ab einem bestimmten Punkt schließlich auch selbst inszenierte. Das Erstaunliche, Wundersame beim neuen Dumont ist allerdings, dass er alle Genres unterläuft: France wird nicht psychologisiert, sie ist nicht bösartig oder kalkulierend. Was sie macht, ist sie tatsächlich. Also keineswegs Material für ein Drama oder ein Melodram.

Eigenartig, als die Handlung am Ende auf dem Land ankommt, weil France dort eine Reportage über einen Vergewaltiger und Mörder macht, wirkt alles plötzlich stimmiger. Mit Wind und Brandung, als wenn Dumonts Filme wieder zuhause ist. Das Kamerateam ist nicht mehr so athletisch und jung wie vorher. Selbst France bemerkt: „Es ist schön hier." Und blickt auf ein matschiges Feld.

Vor und nach dem Zusammenbruch bleibt die gleiche hemmungslose, gewissenlose Inszenierung: Ob im Kriegsgebiet die Granateneinschläge echt oder inszeniert sind, interessiert da nicht mehr. Die Tränen fließen bei der Aufnahme wesentlich leichter, doch was bedeutet das? Immerhin reicht die Erschütterung so weit, dass France abends im Nobelhotel mit dem lokalen Kontaktmann ins Bett geht. Das Verhältnis zu Sohn und Ehemann spielt für den Film ebenso wenig eine Rolle wie für France. Auch wer aus der Doppelung des Namens France und der Nation „La France" interpretatorischen Nutzen schlagen will, läuft ins Leere. Selbst das Starkino, mit der grandiosen und vielseitigen Léa Seydoux („James Bond: Keine Zeit zu Sterben", „Blau ist eine warme Farbe") eigentlich perfekt bedient, wird komplett unterlaufen. Wie schon bei der überaus skurrilen Komödie „Die feine Gesellschaft" (2016, mit Valeria Bruni Tedeschi und Juliette Binoche). Bruno Dumont bleibt auch ohne Wunder wundersam.

Belle


Japan 2021 (Ryu to Sabakasu no hime) Regie: Mamoru Hosoda, 121 Min., FSK: ab 12

Aus ihrem uniformen, grauen Schulalltag flieht die traurige 17-jährige Suzu in die knallbunte Cyberwelt namens „U". Ihr schillernder Avatar Belle wird dort in Minuten zur gefeierten Sängerin. Dabei hat das sehr musikalische Mädchen selbst seit dem Tod der Mutter ihre Stimme verloren. 

Außenseiterin Suzu ist nie gefährdet, den Verführungen von Popularität und digitalen Fluchten zu verfallen. Dabei sind diese wirklich fantastischen virtuellen Welten mit Belles Perlenkleidern, mit den riesigen Arenen, durch die sogar Walfische schweben, mit den unendliche Sphären das Berauschendste, was es im animierten Film seit langem zu sehen gab.

Doch es gibt in dieser Wunderwelt auch einen Störenfried: Das mysteriöse „Biest" stört den großen Auftritt von Belle und lässt sich von den Ordnungskräften weder fangen noch enttarnen. Nur Belle empfindet Mitleid mit dem Biest und folgt ihm zu seinem opulenten Schloss - womit wir endgültig bei der Hommage von Disneys „Die Schöne und das Biest" angekommen sind.

Das Meisterwerk des japanischen Regisseurs Mamoru Hosoda  („Mirai - Das Mädchen aus der Zukunft", „Der Junge und das Biest") zitiert die Tanzszene im Ballsaal, schwingt sich aber sowohl ästhetisch als auch inhaltlich zu ganz anderen Sphären auf. Während die Höhenflüge der Animationskunst Szene für Szene atemberaubend beglücken, liegt das Geheimnis der bitteren und wütenden Kreatur außerhalb des Cyberspace „U", in einer erschreckend realen Alltagswelt. Mit ihren Freunden entdeckt Suzu, dass hinter dem Avatar des Biests ein misshandelter Teenager steckt, der seinen kleinen Bruder vor dem gewalttätigen Vater schützen will.

Das wundervolle Cyber-Märchen „Belle" feierte seit seiner Premiere in Cannes 2021 einen internationalen Siegeszug. Zum Erfolg gehören die vielen Popsongs mit Hitpotential von Belle. Und tausende toller Avatare, mehr Kreaturen als zehn Jahre Disney-Film abliefern. Während im Finale ein gigantisches Konzert des Herzens schon für überbordende Gefühle sorgt, toppt nach dem ganzen Spektakel die bewegende menschliche Geschichte alles noch einmal.

Mit Herz und Hund


Großbritannien 2020 (23 Walks) Regie: Paul Morrison, mit Dave Johns, Alison Steadman, Natalie Simpson, 98 Min, FSK: ab 6 

„Bist du einsam, schaff dir einen Hund an!" Die Senioren Dave und Fern brauchen diesen Kennenlern-Tipp nicht, sind lieben ihre Hunde und die Spaziergänge mit ihnen. Selbst der sehr kommunikative Dave (Dave Johns) plante keine Anmache, als er der zurückhaltenden Fern (Alison Steadman) einen viel schöneren Park zum Gassi-Gehen zeigte. Nun begleitet der pensionierte Krankenpfleger mit seiner Schäferhündin die scheue Naturheilerin Fern mit ihrem Yorkshire-Terrier regelmäßig. Exakt 23 mal, wie der Originaltitel „23 Walks" verrät.

Wie es angeblich dem Alter entspricht, gehen sie es ruhig an. Auch tauchen immer wieder Missverständnisse auf. „Mit Herz und Hund" ist keineswegs eine leichte Liebeskomödie mit Wuffwuff: Sie beginnt einfach, wird aber durch Fern und immer neue Vorbehalte recht kompliziert. Dazu gibt es ein wenig Sozialdrama im Stile von Ken Loach, wenn Dave seine alte Wohnung nicht mehr abbezahlen kann und in eine kleinere ziehen soll. Doch wie der Film bleibt Dave trotz der Gegenschläge ein optimistischer Typ.

 

Risiken & Nebenwirkungen


Österreich 2019, Regie: Michael Kreihsl, mit Inka Friedrich, Samuel Finzi, Pia Hierzegger, 93 Min., FSK: ab 6

Architekt Arnold (Samuel Finzi) diskreditiert sich von der ersten Szene an, wenn er beim Bergausflug mit Familie egoistisch voran stürmt. Rücksichtslos belästigt er im Wartezimmer Patienten mit seinen geschäftlichen Handygesprächen. Es braucht dann auch eine Weile, bis in seinen Ego-Panzer durchdringt, dass Ehefrau Kathrin (Inka Friedrich) eine neue Niere braucht. Richtig peinlich wird es, wenn Arnold sich windet, um nicht eines seiner kompatiblen Organe zu spenden. Das Ekel ist erst wieder interessiert, als ein Freund spontan seine Niere anbietet. Konkurrenzverhalten und Eifersucht fixen den Architekten an, der den größten, arg phallischen Turm der Region baut.

Die eigentlich monothematische Farce eines Egozentrikers wird durch schön böse Wendungen aufgefrischt. Organhandel bekommt eine ganz neue Bedeutung als ein Seitensprung mit in die Verhandlungsmasse gerät. Samuel Finzi gibt den fiesen und dann weinerlichen Macho gut, Inka Friedrich trumpft mit schauspielerisch mehr Facetten auf.

30.5.22

The Outfit (2022)


USA 2022, Regie: Graham Moore, mit Mark Rylance, Zoey Deutch, Johnny Flynn, 106 Min., FSK: ab 16

Kleider machen Leute - eine weit verbreitete Erkenntnis seit der Novelle des Schweizer Dichters Gottfried Keller und ihrer vielen Verfilmungen. Aber was machen Kleider aus Gangstern? Sicher keine ehrlichen Leute. „The Outfit" schaut im Chicago 1956 hinter das feine Zwirn, das einige berühmte Gangster tragen. Schicht für Schicht enthüllt sich ein immer packenderer, sagenhaft gut gespielter und inszenierter Thriller.

Gelernt habe er in der berühmten Savile Row, der Londoner Straße für Herrenschneider, so erzählt es der sanftmütige Maßschneider Leonard Burling (Mark Rylance) immer wieder. Was ihn in die „Windy City" vertrieben habe, seien nicht die Bomben der Nazi gewesen. Es war Schlimmeres, die Jeans! Nun betreibt der stille Mann sein Handwerk erfolgreich in Chicago. Seine eigene Beschreibung des komplexen Vorgangs der Erstellung eines Anzugs, der vier Stoffe und 238 Schritte erfordert, ist nahezu Poesie. Ebenso die Analyse der Kunden mit viel Menschenkenntnis. Allerdings gibt es im Leonards Geschäft auch die Herren, die wortlos eintreten, direkt den Verkaufsraum mit der charmanten Assistentin Mable (Zoey Deutch) durchqueren und hinten im Atelier Briefumschläge in eine Box werfen. Nur mit den Männern, die abends die Kiste ausleeren, wechselt der Schneider einige oberflächlich freundliche Worte. Es sind die Gehilfen des Gangsters Boyle (Simon Russell Beale), einst Burlings erster Kunde. Der erkannte die perfekte Tarnung, welche solch ein unauffälliger Scheider bietet. Aber Burling lässt immer die anderen reden, niemand weiß, was in seinem Kopf vor sich geht.

Nun gibt es diesen Abend eine Irritation für Boyles Sohn Richie (Dylan O'Brien) und die rechte Hand des Bosses Francis (Johnny Flynn): In einem Umschlag steckt ein Tonband, mit dem der Boyle-Clan abgehört wurde. Noch brisanter, der Inhalt des Bandes würde gleich den Verräter mit ans Messer liefern. Die aufgeregte Aufklärung der beiden Kriminellen in den Straßen von Chicago kommt allerdings nicht weit. Wenig später sind sie wieder im Laden, Richie hat eine Kugel in den Bauch bekommen, Burling soll die Wunde schnell vernähen.

Dieses in aller Ruhe mit feinen Dialogen und genauen Charakterzeichnungen eingeführte Drama ist nur die Grundlage für sich stetig steigernde Spannung. Denn bald wird Richie durch weitere Kugeln sterben, kurz danach taucht sein Vater auf und sucht ihn. Leonard weiß, dass die Leiche in einer Kiste seines Ateliers liegt, zeigt aber unerwartete Coolness in lebensgefährlicher Situation. Dann muss Mable ihr kleines Geheimnis preisgeben und die konkurrierende Gangsterfamilie „La Fontaine" macht mächtig Druck. Auch das FBI hat seine Finger im Spiel...

Über allem droht und lockt die einst von Al Capone ins Leben gerufene Kontrollorganisation der Gangster-Familien: The Outfit! Hinter dem Filmtitel „The Outfit" steckt eine Doppel-, „vielleicht sogar eine Dreifachbedeutung", wie Regisseur und Ko-Autor Graham Moore meint. „Die Outfits, die Leonard herstellt, diese Verbrecherorganisation, die wie ein Phantom im Hintergrund des Films lauert, und das metaphorische Outfit, das wir alle anziehen, um durchs Leben zu gehen."

Moore, der für das Drehbuch zu „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben" einen Oscar erhielt, wurde von seinem Großvater für die Figur Burlings inspiriert: „Mein liebenswerter, sanfter Großvater kümmerte sich (als Arzt) um einen der Anführer der brutalen Verbrecherfamilie Genovese. Meine Großmutter flehte ihn an, seinen Gangsterpatienten aufzugeben, aber Charlie weigerte sich: Zu mir war er nie etwas anderes als ein Gentleman." Ein weiterer Baustein des ungeheuer spannenden Kammerspiels war die Tatsache, dass das FBI die erste Abhörwanze in seiner Geschichte 1956 in Chicago platziert hatte - in einem Schneidergeschäft.

Reichlich guter Stoff also für einen herausragenden und gutaussehenden Film, der bis zur letzten Minute atemberaubende Wendungen im Ärmel hat. Für das Finish, das „Kingsman" wie kleine Schneiderlein aussehen lässt, sind die Darsteller zuständig. Neben Oscar-Preisträger Mark Rylance („Bridge of Spies – Der Unterhändler", „The Trial of the Chicago 7") glänzt Zoey Deutch („The Disaster Artist") mit einigen Abgründen. Frische Oscars verdienen aber auch für das ungemein raffinierte Buch Graham Moore mit seinem Ko-Autor Jonathan McClain sowie die wunderbare Kamera von Dick Pope bei dieser packenden Geschichte, die sich in ein grandioses persönliches Drama wandelt.

Der schlimmste Mensch der Welt


Norwegen, Frankreich, Schweden, Dänemark, USA 2021 (Verdens verste Menneske) Regie: Joachim Trier, mit Renate Reinsve, Anders Danielsen Lie, Herbert Nordrum, 128 Min., FSK: ab 12

Schick steht Julie (Renate Reinsve) auf einer Terrasse, zieht gelangweilt an ihrer Zigarette, während im Oslo-Panorama unter ihr ein schweres Motorrad vorbeifährt. Oder ist es das Leben, das an ihr vorbeirauscht? Dieser Prolog für die folgenden zwölf Kapitel plus Epilog zeigt exemplarisch die Schwierigkeit Julies, sich für das richtige Leben und den richtigen Mann zu entscheiden. Rund um ihren dreißigsten Geburtstag will sie noch viel erleben.

„Der schlimmste Mensch der Welt" - der genaugenommen nicht Julie ist - folgt ihrem wechselvollen Leben von brillanter, aber gelangweilter Medizinstudentin zur exzessiven Partygängerin. Bei einer Fete erfolgt der fliegende Wechsel ins Bett und dann in die Beziehung mit dem älteren Comic-Zeichner Aksel (Anders Danielsen Lie). Alles passt beim Paar, doch der Besuch bei seinen Freunden konfrontiert mit deren nervigen Kindern und dann mit der Kinderfrage. Die zeigt sich hier umgekehrt als üblich: Er will Nachwuchs, sie will ungehemmt leben. Eine schleichende Entfremdung zieht sich über mehrere Kapitel hin.

Bis zur Schlüsselszene des Prologs. Aksel wird wegen eines neuen Comics gefeiert, Julie haut gelangweilt ab und schnorrt sich unten in der Stadt bei einer Hochzeitsfeier ein. Nachdem sie eine ältere Mutter mit neusten (erfundenen) Erziehungsthesen schockiert hat (Kuscheln erzeugt Drogensucht), verbringt sie die Nacht mit Eivind (Herbert Nordrum). Gemeinsam testen sie findungsreich aus, was alles noch kein Seitensprung ist. Es dauert eine Weile, bis sich die Bibliothekarin Julie, die eigentlich Fotografin werden wollte und nebenbei einen erotischen Essay schreibt, von Aksel trennt. Zum Glück beschert uns das Abwarten einen wunderbar romantischen Momo-Moment, in dem die Zeit mit allen Menschen in der Stadt stehen bleibt, während Julie zu Eivind rennt, um sich zu ihm zu bekennen.

Der norwegische Festival-Liebling Joachim Trier („Louder Than Bombs") vollendet mit „Der schlimmste Mensch der Welt" seine „Oslo-Trilogie" („Reprise", 2008, „Oslo, 31. August", 2011). Er verfolgt nach den Entwicklungen von Autoren nun einen sprunghaften Reifeprozess in einem ruhigen und langen Beziehungsfilm. Denn der Film kommt schließlich mit Julie zur Ruhe, wenn auch nicht zu einem runden Ende. Vor vielen schönen Blicken auf Oslo ist der neue Trier vor allem toll gespielt. Die in Cannes 2021 mit dem Preis für die beste Hauptdarstellerin ausgezeichnete Renate Reinsve zeichnet die Gefühle fein nach, stürzt sich glaubhaft euphorisch ins Leben.

Dabei geht es im Verlauf um mehr als Gefühlslagen. Die Kluft zwischen Julie und Aksel liegt zum Beispiel nicht nur in den vierzehn Jahren Altersunterschied, sondern auch im Aufkommen digitaler Medien mit ihren Ablenkungen. Die störten Julie im Studium, aber ist es nicht die gleiche Ruhelosigkeit zwischen immer neuen Tweets und Nachrichten, die ihre Unbeständigkeit im Leben bestimmt? So nennt Trier auch sein 10. Kapitel „Kulturelle Unbehaglichkeit". Unbehaglichkeit, die der exzellente Regisseur lebendig vermittelt. Und auf jeden Fall leichtherziger als der arg depressive Tag eines Süchtigen (auch Anders Danielsen Lie) in „Oslo, 31. August".

Glück auf einer Skala von 1 bis 10


Schweiz/Frankreich 2021 (Presque) Regie: Bernard Campan, Alexandre Jollien, mit Bernard Campan, Alexandre Jollien, Tiphaine Daviot, 92 Min., FSK: ab 6

Es ist zwar nur ein Fast-Zusammenstoß, der den eiligen Bestattungsunternehmer Louis (Bernard Campan) mit dem Fahrradkurier für Biogemüse Igor (Alexandre Jollien) zusammenbringt. Und der Begleiter der letzten Ausfahrt verhält sich trotz großen Stresses total korrekt, bringt den jungen Mann ins Krankenhaus und bleibt bei ihm, bis alles in Ordnung ist. Doch Igor, der wegen Sauerstoffmangels bei der Geburt leicht behindert ist, taucht dann bei einer langen Überführungsfahrt neben dem Sarg auf und es entwickelt sich ein Roadmovie mit einigen Überraschungen.

Denn Igor ist zwar relativ selbstständig, aber vor allem anhänglich. Und er sorgt sich um das Wohlergehen des „Nicht-Behinderten". Während sie erst zum Bahnhof wollen, dann doch zusammen im Hotel, auf einer Party und letztendlich sogar mit neuem Anzug auf der Beerdigung landen, hat er für jeden Stolperstein des Lebens eine philosophische Weisheit parat. Eine Tramperin, die sie auch noch mitnehmen, meint, er hätte „ein Buch gefrühstückt" – wohl eher eine ganze Bibliothek. Es ist erfreulich, dass hier nicht alle Beteiligten einen Lehrgang im Umgang mit Behinderten ablegen müssen. Louis bleibt völlig normal, ein paar blöde Bemerkungen von Umstehenden kontert der Junge selbst gekonnt.

Hauptdarsteller des Igor, Ko-Autor und -Regisseur Alexandre Jollien wurde mit zerebraler Kinderlähmung geboren und gilt als populärer französischsprachiger Philosoph. Eine seiner Buchveröffentlichungen las schon 2007 der bekannte Schauspieler Bernard Campan ein. So ist es kein Zufall, dass dieser nach seinem César-Erfolg von „Alles kein Problem" (als Schauspieler, Autor und Regisseur) zusammen mit Jollien diesen netten Film realisierte. In „Glück auf einer Skala von 1 bis 10" muss man an „Rain Man" mit Dustin Hoffman und Tom Cruise denken. Aber der Schweizer Film verläuft undramatisch und nicht hollywood-mäßig perfekt dramatisiert. Das ist teils angenehm, aber auch etwas dünn für einen langen Kinofilm, der erst mit der Überraschung des Finales wieder packt. Hier wird nicht das ganze Leben auf den Kopf gestellt, aber aus einem blinden Passagier wird ein Freund.

Der kleine Nick auf Schatzsuche

 
Frankreich 2019 (Le Trésor du Petit Nicolas) Regie: Julien Rappeneau, mit Jean-Paul Rouve, Audrey Lamy, Ilan Debrabant, 103 Min., FSK: ab 0
 
Der neunjährige Nick (Ilan Debrabant), einst leicht skizzierter Comic-Held der kurzen Strips von Goscinny und Sempé, begleitet in seinem neuen Kinofilm den Vater (Jean-Paul Rouve) zur Arbeit. Im charmanten Kinderblick sieht das Großraumbüro aus wie ein Klassenzimmer und auch die Großen verstehen nicht, was sie da eigentlich tun. Außer Papiere ordentlich zusammenzuheften. Als eine Beförderung mit Umzug nach Südfrankreich droht, geht das flinke Kerlchen mit seinen Kumpels der Clique „Die Unbesiegbaren" auf Schatzsuche: Mit einem Schatz hätte die Familie genügend Geld und bräuchte keinen neuen Job. Nick könnte weiter glücklich mit seinen Freunden leben.
 
Die Eigenarten der alten Kultcomics von Goscinny und Sempé gehen bei noch einer Geschichte von noch einer Jugendbande etwas verloren. Weiterhin ist Nicks Welt bevölkert von netten, sympathischen Charakteren. Herrlich Jean-Pierre Darroussin als Schuldirektor im dauernden Bemühen, ein witziges Wortspiel hinzubekommen. Auch wenn die Kinder-Komödie zeitweise erwachsen und melancholisch daherkommt, erfreut die sehr hochwertige Produktion doch hauptsächlich.

Erwartung - Der Marco-Effekt


Dänemark, Deutschland, Tschechien 2021 (Marco Effekten) Regie: Martin Zandvliet, mit Ulrich Thomsen, Zaki Youssef, Sofie Torp, 125 Min., FSK: ab 12

Die Erwartungen an die fünfte Verfilmung eines Krimis von Jussi Adler-Olsen sind überschaubar: Spezialermittler Carl Mørck will nach „Erbarmen" (2012), „Schändung" (2014), „Erlösung" (2016) und „Verachtung" (2018), im Sonderdezernat Q immer am Rande des Zusammenbruchs, den Fall eines Familienvaters lösen, der vor einigen Jahren spurlos verschwand. Dessen Pass wird beim 14-jährigen Rom Marco gefunden, der allein nach Dänemark einreist. Mørck, nun gespielt von Ulrich Thomsen, der Nikolaj Lie Kaas ablöst, ist übergriffig in der Recherche, übermüdet im Alltag und überspannt bemüht, seinen Arbeitsplatz auf Bewährung zu halten.

Der Nordic-Noir-Thriller um Spendengelder für Afrika, die bei reichen Dänen landen, verläuft interessant, dicht, aber lange Zeit nicht wirklich spannend. Beim üblichen hohen Maß an Gewalt entdecken wir diesmal bei sichtbar geringerem Etat auf TV-Niveau keine wahnsinnig böse oder düstere Verschwörung. Nach viel dänischer Fremdenfeindlichkeit steht am Ende immerhin sozialkritisch fest: Es waren die Einheimischen!

27.5.22

Maixabel

Spanien 2021 (Maixabel) Regie: Icíar Bollaín, mit Luis Tosar, Blanca Portillo, Urko Olazabal, 116 Min., FSK: ab 12

Diese Kinowoche zeigt an drei Filmen exemplarisch den Umgang mit Kriegen und Konflikten: Mal völlig gedankenlos im Spiel mit dem militärischen Mord-Maschinen und beim Abknallen eines irgendwie „Anderen" in „Top Gun". Mal mit großem Respekt vor dem Leben der Kämpfer, wenn auch der Kampf gegen die deutschen Nazis in „Die Täuschung" unvermeidlich scheint. Und in dem besten Film „Maixabel" der Versuch, die Unsinnigkeit des ETA-Kampfes und der Opfer in einem Versöhnungsprozess zu bewältigen. Wie ein politischer Mörder mit der Witwe seines Opfers Jahre nach der Tat Kontakt aufzunehmen versucht, ist nicht nur ungemein bewegend, sondern auch im Prozess der Vergebung richtungsweisend auf gesellschaftlicher und persönlicher Ebene.

Am Anfang ein politischer Mord, eine Hinrichtung, wie es zu viele gibt. (Auch im Film.) Das Opfer, der sozialistische baskische Lokalpolitiker Juan Marí Jáuregui sitzt im Jahr 2000 im Café, der Täter kommt von hinten, schießt ihm eine Kugel in den Kopf. Drei Männer fliehen im Auto. Ist es spannend, wie cool der Fahrer bleibt? Sogar einen Polizeiwagen überholt Ibon Etxezarreta (Luis Tosar), weil die eine falsche Beschreibung des Fluchtwagens haben. Dann mit etwas Distanz der Zusammenbruch von Maixabel Lasa (Blanca Portillo), der Frau des Ermordeten, und der von dessen Tochter, die eben noch ausgelassen den Sommer am Strand genoss. Während der Gerichtsverhandlung ist es widerlich, wie die inzwischen gefassten ETA-Kämpfer im Glaskäfig gegen den angeblich faschistischen spanischen Staat anschreien und geifern. Und den entsetzten Angehörigen keines Blickes würdigen.

Jahre später ist bei den Verurteilten in der Haft ein Wandel eingetreten. Zwei haben sich von der harten ETA-Linie losgesagt, die selbst im Gefängnis erforderte, dass keine Erleichterungen angenommen werden, dass keine Programme mitgemacht werden. So gab es keinen Freigang, keine Arbeit im Gefängnis. Ibon sucht Kontakt zu Maixabel. Sie ist mittlerweile Vorsitzende eines Opferverbandes und braucht Personenschutz, weil selbst die Opfer der entgegengesetzten Seiten untereinander bis aufs Blut verfeindet sind. Trotz des wieder stärker aufgewühlten Schmerzes stimmt sie zu.

Die von einer Mediatorin begleiteten Gespräche zwischen Maixabel und Ibon sind nicht nur schauspielerisch das Herzstück dieses überwältigenden Films. Eine unglaubliche Detailgenauigkeit im Gefühlsmix aus Schuld, Erklärungen, ohne die Taten herunterzuspielen, Entwicklungsgeschichten und vielem mehr ist hochspannend. Weswegen schließt sich ein junger Mann der ETA an? Wieso fragt niemand, wer das „Zielobjekt" ist? Die Begegnungen gipfeln in einem verdrehten Moment der Empathie, wenn Maixabel sagt, dass sie lieber die Witwe des Opfers sei, als die Mutter des Mörders, und Ibon, dass er lieber das Opfer wäre, als der Mörder.

„Maixabel - Eine Geschichte von Liebe, Zorn und Hoffnung" ist ein unfassbarer wichtiger Film: In Zeiten wachsender Konflikte das Gegenteil von Militarismus und Konfrontation. Versöhnung, Empathie und Vergebung nach dem blutigen ETA-Bürgerkrieg, in dem während 51 Jahren des Terrors 829 Tote zu beklagen waren. Versöhnung trotz großer Widerstände auf beiden Seiten. Diese sehr bewegende Lehrstunde für das Leben ist eindeutig der Film der Woche und vielleicht sogar der Film dieser „Zeitenwende".

25.5.22

Top Gun Maverick


USA 2020, Regie: Joseph Kosinski, mit Tom Cruise, Miles Teller, Jennifer Connelly, 131 Min., FSK: 12

Tom Cruise kreuzt als Überflieger Maverick wieder am Himmel auf! 36 Jahre nach dem großen Erfolg vom Kriegsfilm „Top Gun" ist alles wieder beim Alten und sieht ziemlich alt aus. Vor allem Tom Cruise und sein Düsenjäger F18. Mit vielen Oldtimern wird wie bewährt geflogen, geflirtet und gefeuert – auf gesichtslose Gegner. „Top Gun Maverick" ist hemmungslos toxisches Männer-Kino von vorgestern, im Finale aufgepeppt mit dem Adrenalin purer Bewegungs-Action.

Gleich zum Auftakt macht der nie erwachsen gewordene Navy-Pilot Captain Pete „Maverick" Mitchell (Tom Cruise) wieder ein Spielzeug kaputt. Als Testflieger widersetzt er sich Befehlen und dem Gang der Zeit. Mit einem Tarnkappenbomber und seinem Dickkopf durchbricht er mehrere Schallwände, ist der schnellste Mann der Welt und zerstört den milliardenschweren Flieger. Ein General macht klar: Drohnen sind die Zukunft. Piloten wie Maverick machen nur Sachen kaputt. Also die eigenen Sachen, nicht die der „Gegner".

Durch gute Beziehungen zu seinem alten Lieblings-Konkurrenten Iceman (Val Kilmer), der mittlerweile Admiral ist, bekommt Maverick einen letzten Job. Auf seiner alten Flieger-Eliteschule „Top Gun", die ihn zwischendurch schon mal als Lehrer feuerte, soll er die besten Abgänger für ein Himmelfahrtskommando trainieren. Gemeint ist mit dem nie benannten Ziel eine vermeintliche Urananreicherungsanlage im Iran, die auf Widerstand Israels trifft, was die USA eingreifen lässt. Man könnte das Ganze auch mit Drohnen oder vernünftigen Atomwaffensperrverträgen regeln, aber „Top Gun Maverick" ist nicht nur politisch mehr als dämlich. Deshalb trainiert das Auslaufmodell Maverick die jungen Spezialisten für Slalomparcours unter dem Radar, für Steigflüge mit extremen Beschleunigungswerten für den Körper und für dreckigen Luftkampf („Dog fight"). Vor allem Letzteres ist Maverick wichtig. Nachdem der Bunker in die Luft gejagt wurde, will er die jungen Piloten retten. Der immer streng dreinblickende Vize-Admiral „Cyclone" (Jon Hamm) will nur den Auftrag erledigt bekommen, auch wenn keiner der Piloten – und Quoten-Pilotin – es zurückschafft. Die wissen selbstverständlich nichts davon, dass sie geopfert werden. 

Es wird wieder einer der typischen Regelbrüche von Maverick sein, der die Mission etwas unmöglicher macht, aber Chancen aufs Überleben lässt. Bis dahin gibt es bei Übungsflügen mit simulierten Abschüssen viel Flugspaß wie im Computerspiel. Die jungen Darsteller sind – wie im restlichen Film – nur Staffage, wenn Maverick sie nacheinander mit Luft-Saltos, Loopings oder Houdini-Tricks wegballert. Spannend wird es erst, wenn eine fliegende Aussprache mit Bradley Bradshaw (Miles Teller) fast mit einem Doppel-Crash endet. Denn Bradshaw, mit Spitznamen „Rooster", ist Sohn von Mavericks verstorbenem Co-Piloten und Freund Nick „Goose" Bradshaw aus dem Original „Top Gun". Maverick saß beim tödlichen Absturz am Steuerknüppel und aus Schuldgefühl versuchte er, Ziehvater für Rooster zu sein. Auch das ging gründlich schief.

Womit wir bei der langen Liste der Wiederholung sind. Rooster steckt mit Lieutenant „Hangman" Seresin (Glen Powell) im gleichen Leithammel-Duell wie einst Maverick/Iceman. Jennifer Connelly übernimmt als Barfrau Penny den romantischen Part von Kelly McGillis. Und „Top Gun Maverick" erbt selbstverständlich auch die Väter-Problematik aus dem Vorgänger: Damals war es der angeblich verschollene Vater von Maverick, der sich nachträglich als Kriegsheld herausstellte und für den sich der Cruise-Charakter die ganze Zeit bewähren wollte. Diesmal spielt Cruise selbst die Vaterfigur. Rooster muss nun in die Arme des sorgenden Ziehvaters finden, erst dessen Autorität und dann dessen Liebe anerkennen. Wenn der junge Pilot am Klavier „Great balls of fire" spielt, wie einst der Vater, mit dem Kleinen auf dem Klavier und Mama Meg Ryan lustig dazu tanzend, gibt es mal einen mehr als nur mechanisch funktionierenden Moment im Film.

Ansonsten ist Maverick eine Antiquität wie seine Lederjacke oder sein Motorrad, damit kokettiert der Film. Aber Tom Cruise sieht in der Rolle des Fliegers vom alten Eisen auch echt alt aus. Die Wangen hängen runter, das Haar ist wie bei Berlusconi zu schwarz gefärbt. „Mission Impossible" hat da eindeutige die bessere Maske. Um die derart schockierende Cruise-Show gibt es viel schwülstiges Heldengetue auf Tonspur und in Gegenlicht. Bei Bromance, Macho-Gesten wie Schulterklopfen, sich an die Brust springen und anderem, was man auch vom Menschenaffen kennt, bleiben Frauen Randfiguren. Davon erlöst nur altmodisches Schwarzweiß- Feinddenken mit zwanzig Minuten Hochspannung im Finale.

24.5.22

Die Täuschung (2021)


USA, Großbritannien 2021 (Operation Mincemeat) Regie: John Madden, mit Colin Firth, Matthew Macfadyen, Kelly Macdonald, 128 Min., FSK: ab 12

Als Spam noch Notnahrung aus der Dose war, fand das Leben in London aus Angst vor deutschen Angriffen weitgehend im Dunkeln und im Untergrund statt. 1943 wird fast ganz Europa von Nazi-Horden terrorisiert, doch die Invasion der Alliierten ist in Planung. Um den Angriff im Süden Siziliens mit möglichst wenig Verlusten verlaufen zu lassen, soll eine nicht existente britische 12. Armee mit ihrem nicht existenten 12. Bataillon Griechenland attackieren. Diese Täuschung will das „Twenty Committee" unter dem Namen „Operation Mincemeat" („Trojanisches Pferd" wurde als zu auffällig verworfen) jedenfalls der deutschen Führung irgendwie unterjubeln.

Zwei Geheimdienstler, Ewen Montagu (Colin Firth) und Charles Cholmondeley (Matthew Macfadyen), beginnen aus dem „Corpus delicti" des Walliser Obdachlosen Glyndwr Michael, der sich mit Rattengift umgebracht hat, die Legende um einen angeblichen Major Martin zu stricken. Ihr glauben letztendlich mehrere Spionage-Organisationen bis zu Hitlers Schreibtisch und sie rettet Zehntausende Menschenleben. Denn am Handgelenk Martins festgekettet sind „geheimste Informationen" über die bevorstehende Invasion der Alliierten in Griechenland! Mit großer Leidenschaft arbeiten alle Beteiligten tags und auch abends in Clubs an der fiktiven Biografie Martins, samt Fotos und Liebesbriefen. Fiktion und Realität überlagern sich dabei, denn sowohl Montagu als auch Cholmondeley verlieben sich in die junge, wichtige Mitarbeiterin und Kriegswitwe Jean Leslie (Kelly MacDonald). So sehr, dass die ganze Mission bedroht ist.

„Die Lüge ist der Leibwächter der Wahrheit", heißt es am Anfang des Films, und wie reizvoll das raffinierte Spiel mit der Fiktion ist, zeigt nicht nur die Anwesenheit von Bond-Autor Ian Fleming in dieser wahren Geschichte um „Operation Mincemeat". Irgendwie scheint hier jeder der Offiziere gerade seinen eigenen Spionage-Roman zu schreiben. Altmeister und Theatermann John Madden („Shakespeare in Love", „Best Exotic Marigold Hotel"), gelingt mit „Die Täuschung" ein spannender Kriegsfilm, in dem menschliches Leben und Leiden nie aus den Augen verloren wird.

23.5.22

Immenhof 2 - Das große Versprechen


Deutschland 2021, Regie: Sharon von Wietersheim, mit Leia Holtwick, Caro Cult, Moritz Bäckerling, Max Befort, 102 Min., FSK: ab 0

„Ich frag mich in letzter Zeit, ob Pferde überhaupt dazu gemacht sind, Menschen auf ihrem Rücken durch die Gegend zu tragen." Solch ein Satz inmitten schönster Pferde-Ästhetik und simpelster Reiterhof-Romantik ist schon sensationell, wenn nicht gar verstörend. Die zweite Neuverfilmung des Immenhof-Stoffes aus den 50er Jahren präsentiert sich mit der mäßig spannenden Handlung um ein vergiftetes Rennpferd eher niedlich für kleine Mädchen. Teenager werden Pickel von dieser heilen und klinischen Gute Laune-Welt bekommen. Da sind Nachmittags-Soaps in Dialog und Drama vergleichsweise wahre Höllenschlunde. Während Reiterhof-Mädchen versuchen, geschundene Rennpferde vor der Tierquälerei durch Gestütsbesitzer zu retten, zeigen die Darsteller eher Schön- als Schauspiel-Qualitäten. Hölzerne Texte sind immer überdeutlich. Immer wieder gibt es den Schnitt auf die Gesichter der Pferde die dank Kuleschow-Effekt anscheinend kommentierend lachen oder traurig dreinschauen. Ganz kurios wird es, wenn der Film auf dem Höhepunkt suizidale Rennpferde an Kreidefelsen nach Caspar David Friedrich zeigt. Aber die Pferde sind wirklich schön fotografiert.

Alles in bester Ordnung


Deutschland 2021, Regie: Natja Brunckhorst, mit Corinna Harfouch, Daniel Sträßer, Joachim Król, 100 Min., FSK: ab 6

Die automatische Sortieranlage befördert im Lager jede Flasche ordentlich in ihren Kasten - eigentlich. Da die Software dafür spinnt, kommt der pedantische IT-Spezialist Fynn (Daniel Sträßer) hinzu, dessen Wohnung eher ausgeraubt als aufgeräumt aussieht. Da er aber weder in der Fabrik noch in den vier Wänden ein geschicktes Händchen hat, sorgt er für einen Wasserschaden am Heizungsrohr und damit für eine Konfrontation mit dem gänzlich anderen Lebenskonzept in der Wohnung unter ihm. Marlen (Corinna Harfouch) ist eine liebenswerte und aufgeräumte Person, doch nach dem Öffnen ihrer Tür erschließt sich Erschreckendes. Niemand darf in ihre mit Erinnerungen und schönen Fundstücken vollgemüllte Wohnung. Dass wegen der Wasserschäden jetzt demnächst Handwerker rein müssen, sorgt für Panik beim Messi. Zudem nistet sich der Verursacher vom Chaos ziemlich dreist bei ihr ein. Natja Brunckhorst, Hauptdarstellerin in „Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" (1981) und später Drehbuchautorin, inszenierte als ihre erste Regie eine sympathisch stille Komödie. Corinna Harfouch und Daniel Sträßer glänzen als entgegengesetzt schräge Figuren. Aber man glaubt dem Film, man kann beide verstehen.

18.5.22

Leander Haußmanns Stasikomödie


Deutschland 2021, Regie: Leander Haußmann, mit David Kross, Jörg Schüttauf, Antonia Bill, Deleila Piasko, Henry Hübchen, 116 Min., FSK: ab 16

Lässt sich über Stasi lachen? Kurz nach dem erfolgreichen Stasi-Drama „Das Leben der Anderen" wäre die Frage vehement verneint worden. Doch das war 2006. Jetzt lässt Leander Haußmann die Anklage weg und amüsiert sich versöhnlich wie vortrefflich in „Leander Haußmanns Stasikomödie". Ein berühmter Autor erinnert sich an seine Stasi-Vergangenheit, frei nach dem realen Alexander „Sascha" Anderson. Nach „Sonnenallee" und „NVA" unterhält auch der dritte Teil der DDR-Trilogie mit exzellenten Schauspielern und feinem Humor.

Es ist ein großer Tag: Der erfolgreiche Autor Ludger Fuchs (Jörg Schüttauf) hat seine Stasi-Akte erhalten und wird sie zuhause lesen. Das private Ereignis wuchs zu seiner Überraschung zu einer kleinen Party: Neben Ehefrau Corinna (Margarita Broich) sind Kinder und Enkel sowie Herr Dietrich vom Literatur-Institut (Tom Schilling) aufdringlich und gegen seinen Willen dabei. Das Blättern im Akten-Ordner ist erst etwas peinlich bei unscharfen Fotos der ersten Liebesnacht und dann dramatisch bei einem zerrissenen Liebesbrief, der nicht von Corinna ist. Aber chronologisch nach dem Zusammenkommen von Ludger und Corinna liegt – die Stasi ist ordentlich! Wütend stürmt Ludger aus dem Haus, trifft einen alten Kumpel und beschwert sich, dass die alten Kollegen die falsche Stasi-Akte falsch gefälscht haben. In einer Rückblende erfahren wir, was der gefeierte Romanautor und Widerstandsheld wirklich als junger Mann in der DDR gemacht hat.

Nachdem sich Ludger (David Kross) an einer vom Stasi-Offizier (genial: Henry Hübchen) ferngesteuerten Fußgängerampel als extrem systemtreu erwies, wird er angeworben, um die Bohème des Prenzlauer Bergs auszukundschaften. Beim ersten slapstickhaften Einsatz landet er direkt im Bett des Zielobjekts, was nicht nur seinem Offizier (Hübchen), sondern auch Minister Erich Mielke gefällt. So okkupiert der Neu-Spion direkt eine Wohnung, dessen Mieter noch nicht ganz verstorben ist und lebt sich in die Szene ein. So sehr, dass er schon bald seinen Auftrag vergisst. Dabei macht der angebliche Dichter Ludger selbst auf den Beat-Poeten Allen Ginsburg Eindruck. Bei dessen Besuch auf einer privaten Party im Prenzlauer Berg ereignet sich aus lauter Verlegenheit von Ludger etwas, was zur Perle Haußmannschen Humors wird. Um wirklich in den Kreis der Kreativen um seine Liebste aufgenommen zu werden, soll der Neue selbst etwas präsentieren. Mangels Material zerreißt Ludger die Perlenkette der Drag Queen (Alexander Scheer), die ihn zum Auftritt drängt und meint „Perlen vor die Säue". Dieser Spruch macht nun sowohl in Stasi-Kreisen als auch bei den Subversiven die Runde und erfährt vielfältige surreale Interpretationen. Bis hin zu Protestaktionen, bei denen der Stechschritt der Soldaten an der Neuen Wache durch „Perlen" auf dem Boden ins Stolpern gerät. Es ist dieses feine Spiel mit eigentlichen Nichtigkeiten in Haußmanns eigenem Drehbuch, welches Absurdität von Systemen und Gegenbewegungen gleichermaßen aufzeigt.

Ein bisschen deftiger kann er selbstverständlich auch: Die Szene, in der sich der dicke Minister für Staatssicherheit der DDR zu seinem Geburtstag als Sonnenkönig inszeniert und mühsam vom Pferd gehoben werden muss, erinnert an schrille italienische Polit-Farcen wie „Il Divo". Und die drei anderen studierten Kollegen von der Stasi sehen nicht nur aus wie Idioten.

Haußmanns Komödie hat eine Besetzung, mit der man einen kompletten Preisverleihungsabend gestalten könnte. Ludger Fuchs ist sowohl in der Ausführung alt mit Jörg Schüttauf und jung mit David Kross überaus gewinnend besetzt und gespielt. So rettet der junge Ludger in der skurrilen Eingangsszene gleich ein kleines Kätzchen vor einer großen Straßenreinigungsmaschine. So ein Mensch kann nicht schlecht sein, selbst wenn er später bei der Stasi ist. Haußmann selbst meint dazu: „Meine Figuren sind aber im Grunde auch in ihrer Blödheit sympathisch, vor allem die Hauptfigur, die von David Kross gespielt wird. Der ist eher so einer wie Jean-Pierre Léaud bei Truffaut. Der geht staunend durch die Welt und reagiert auf jede einzelne Situation."

Autor und Regisseur Leander Haußmann äußert sich selbst versöhnlich gegenüber dem eigenen Nachbarn, der ihn ausspioniert hat. So ist dieses sehr spaßige und ganz andere „Leben der Anderen" zu verstehen. Denn beim großen, auch internationalen Erfolgsfilm von Florian Henckel von Donnersmarck über das Treiben der Stasi im Künstler-Milieu waren die Fronten klar. Standhaft war gut, Verrat böse. Schmerzlich böse. Der Trick von „Leander Haußmanns Stasikomödie" liegt darin, dass Fuchs niemanden „ans Messer liefert". Seine Berichte sorgen geradezu für dadaistische Verwirrung im Ministerium für Staatssicherheit. Bis in die Spitze. Denn Erich Mielke nahm den Jungen früh unter spezielle Beobachtung. Die wahre Geschichte vom Autor Alexander „Sascha" Anderson diente als Vorlage, Haußmann müht sich aber nicht mit einer Abrechnung ab. So verläuft nicht mal die Liebe unter den Bedingungen der Stasi wirklich schmerzlich. Im letzten Augenzwinkern von Corinna liegt ein heiteres Unentschieden der Betrogenen. Das Leben geht derweil mit der nächsten Generation weiter. Draußen schauen sich Fuchs und Buck als ewiger Streifenpolizist bei einer besonderen Form von Dialektik in die Augen. Auf die gegenseitige Frage, was haben wir alles falsch gemacht, gibt es eine lange Pause und dann keine Antwort.

17.5.22

Dog


USA 2022, Regie: Reid Carolin, Channing Tatum, mit Channing Tatum, Jane Adams, Kevin Nash, 102 Min., FSK: ab 12

Hund und sexy Mann - das müsste doch auch für die Kinokasse eine unschlagbare Paarung sein. Dachten sich jedenfalls Channing Tatum und sein langjähriger Freund und Produktionspartner Reid Carolin (Drehbuchautor und Produzent von „Magic Mike" und „Magic Mike XXL"), beide Hunde-Daddys. So schickten sie Tatum und seinen Filmhund als kriegsgeschädigte Psychopathen auf Roadtrip. Was sich jetzt nicht mehr so attraktiv anhört. Raus kam mit „Dog" eine ziemlich wilde Promenadenmischung von Film, die sich nur schwer kategorisieren oder wertschätzen lässt.

US-Army Ranger Jackson Briggs (Channing Tatum) kann es nicht erwarten, wieder in den Krieg nach Afghanistan geflogen zu werden. Vom letzten seiner vielen Einsätze hat er zwar einen Hirnschaden, „aber haben wir nicht alle Hirnschäden" meint er zu seinem Offizier, der ihn nicht einsetzen will. Als sich dann der nächste der Veteranen umbringt, bekommt Briggs seine Chance: Der verzweifelte Selbstmörder war Hundeführer und sein Armee-Schäferhund Lulu soll nach Arizona gefahren werden. Das Tier ist wie viele Ehemalige so traumatisiert, dass es nicht fliegen darf. Wenn Briggs diesen Job erledigt, kann er wieder in fremde Länder und auf unbekannte Menschen schießen.

Eigentlich ist klar, dass sich in dieser doppelten Veteranen-Geschichte Soldat und Hund gegenseitig heilen werden. Denn beide haben schwere Sachen mitgemacht. Dafür muss Briggs erstmal das Vertrauen der bissigen Bestie gewinnen, die nur mit Beruhigungsmitteln erträglich ist. Sein Vorhaben ist ein nettes, denn Lulu soll nach der Beerdigung eingeschläfert werden und vorher noch eine schöne Reise haben. Was autobiografischen Ursprungs sei, wie Tatum erzählt. Als seine Hündin namens Lulu an Krebs erkrankte, brach er auch mit ihr zu einem Roadtrip auf. Wobei sich die Frage stellt, ob (kranke) Hunde die Leidenschaft der US-Amerikaner für extrem lange Reisen in Autos teilen.

Der in seiner Stimmung sehr wechselhafte Weg von „Dog" bringt dem Kino ein wenig Action, krampfhaften Humor, das wachsende Verantwortungsgefühl des Soldaten für Hund und eigentlich vergessenes Kind. Dabei braucht es tatsächlich den vollen Charme des Channing Tatum, um diesen Primitivling Briggs Sympathie gegenüber aufzubringen. Denn der will anfangs nur Krieg spielen und zwischendurch Saufen oder Frauen abschleppen. Doch auch diesmal erweist sich Lassie wieder als der bessere Mensch. Oder zumindest als Spiegelbild dafür, wie kaputt Mensch und Tier vom „Einsatz" aus Afghanistan zurückkommen.

Interessanter als Channing Tatums Ko-Regie und die Frage, wer von den beiden Regisseuren, Autoren und Produzenten welche Teile zu verantworten hat, sind die Nuancen von Tatums Schauspiel: Selbstironie rettete ihn bei den peinlichsten Besetzungen, nur manchmal wie bei „The Lost City" an der Seite von Sandra Bullock war es trotzdem zum Weglaufen. Feines Spiel um sensibles Innenleben durfte er bei „Magic Mike" von Steven Soderbergh als Striptänzer zeigen. Das ist hier bei einem flachen Charakter nicht nötig. Unangenehmer fällt allerdings der uneinheitliche Mischmasch zwischen Armee-Kritik, Anbiederei mit Hunde-Schwärmerei, billigen Scherzen und teurer Ästhetik auf.

Sechs Tage unter Strom - Unterwegs in Barcelona


Spanien 2021 (Sis Dies Corrents) Regie: Neus Ballús, mit Mohamed Mellali (Moha) · Valero Escolar (Valero) · Pep Sarrà, 85 Min., FSK: o.A.

Die Probewoche von Moha (Mohamed Mellali) bei einem Installationsbetrieb in Barcelona beginnt schon schwierig: Der dicke Geselle Valero (Valero Escolar) meint schroff, Moha sei nicht an der richtigen Adresse. Die Schikane wird weitergehen bis zu fremdenfeindlichen Bemerkungen über den „nicht Spanisch Sprechenden". Dabei glaubt der nicht besonders helle Valero clever zu sein, wenn er seinen Rassismus bei den anderen Katalanen unterschiebt. Während sich ein alter Kunde sehr nett mit dem Marokkaner unterhält und seine Rezepte für ein langes Leben weitergibt. In den folgenden Tagen bildet die Kundschaft ein Panoptikum der katalanischen Gesellschaft. Ein Fotostudio mit Bodybuilder und Tattoo-Frau, bei der Moha zum Fotomodel wird. Eine Familie, bei der die Zwillings-Mädchen Valero erst fast einen Schlag versetzen und dann auf dem Balkon aussperren. Maho, dessen Außenseiter-Perspektive wir oft hören, beobachtet immer wieder Menschen verschiedener sozialer Schichten auf den Balkonen. Und dann der Freitag beim Psychiater, dessen Hauselektronik bald wie bei Jacques Tati verrückt spielt, während er die Paarbeziehung von Moha und Valero analysiert.

Neben den netten kleinen Porträts der Kundschaft lernen wir auch Maho und selbst Valero ohne Vorverurteilung kennen. Der Marokkaner besucht abends noch Sprachkurse, danach lernt er alleine im Zimmer und sitzt nicht mit den spottenden Landsleuten seiner Wohngemeinschaft zusammen. Dass Valero auch wegen einer Diät mies gelaunt ist, erfahren wir erst spät. Doch von Anfang an spielte er nur herum, während Senior Pep (Pep Sarrà) sich um die dreckige Arbeit kümmerte.

Regisseurin Neus Ballús – deren Vater selbst Installateur ist – erzählt ihre Geschichte mit leisem, hintergründigem Humor. „Sechs Tage unter Strom - Unterwegs in Barcelona" ist keine Komödie in üblichem Sinne. Eher der trockene Humor von Tati oder Aki Kaurismäki in einem ruhigen Lied mit sechs Strophen und Alltags-Porträts.

Bettina


Deutschland 2022, Regie: Lutz Pehnert, 107 Min., FSK: ab 0

„Ich singe immer lauter als ich spreche." Fast entschuldigend spricht die Liedermacherin Bettina Wegner bei einem Konzert. Dabei sollte jedes Wort der erstaunlichen Künstlerin und Person der Zeitgeschichte geschätzt werden. Geboren 1947 in Westberlin, mussten die kommunistischen Eltern umziehen, weil sie die Miete nicht mit Ostmark zahlen konnten. Als Kind hatte Bettina Stalin glühend verehrt. Später steht sie vor Gericht, weil sie gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten 1968 in die Tschechoslowakei protestierte. Das Tonprotokoll mit den überaus intelligenten Antworten der Angeklagten ist Teil des packenden Films. Mit 36 Jahren wurde sie aus der DDR ausgebürgert, seither fühlt sie sich „entwurzelt". Diese aktiv erlebte Zeitgeschichte ist derart faszinierend, dass die berührende und aufrührende Musik aus der Tradition des Folk fast zu kurz kommt. Die wenigen Zeilen von „Kinder (Sind so kleine Hände)" haben nach Jahrzehnten noch das Zeug, Leben auf den Kopf zu stellen. Beziehungen zu dem sehr jungen Thomas Brasch oder eine Affäre mit Oskar Lafontaine, weil der in Georgisch singen konnte, sind Randnotizen in der anhaltenden Suche nach Aufrichtigkeit in ihren Liedern.

I Am Zlatan


Schweden, Dänemark, Niederlande 2021 (Jag Är Zlatan) Regie: Jens Sjögren, mit Granit Rushiti, Dominic Andersson Bajraktati, Cedomir Glisovic, 102 Min., FSK: ab 12

Die sehr konventionelle Sportler-Biografie versucht, die Popularität des umstrittenen und exzentrischen schwedischen Fußballspielers Zlatan Ibrahimovic nachträglich von ziemlich üblen Auswüchsen reinzuwaschen. Von jugoslawischer Abstammung und in einem Problemviertel Malmös aufgewachsen, war er schon als Kind herrisch, unkontrolliert, egozentrisch. Er und seine Schwester helfen der Mutter bei der Arbeit als Putzfrau, später wachsen sie beim untätigen Vater auf. Es wirkt, als suche der Spielfilm Entschuldigungen für einen miesen Charakter. Mit enormem Talent gesegnet, steht er sich immer selbst im Weg. Das gilt auch für die Zeit bei Ajax Amsterdam, von wo der Film seine Rückblenden in die Jugend startet. Nur mit Mühen wird aus diesem unsympathischen Charakter mit seinen Gewaltausbrüchen eine tragende Hauptfigur. Der Darsteller Granit Rushiti zeigt eine gewisse Ähnlichkeit in der arroganten Mimik. Da sind tatsächlich die Tore des echten Zlatan im Abspann interessanter als der ganze Film.


10.5.22

Das Licht, aus dem die Träume sind


Indien, Frankreich, USA 2021 (Last Film Show) Regie: Pan Nalin mit Bhavin Rabari, Bhavesh Shrimali, Richa Meena, 112 Min., FSK: ab 12

Der neunjährige Samay (Bhavin Rabari) ist Sohn eines Tee-Verkäufers an einem kleinen indischen Bahnhof. Sein Vater zählt als Brahmane zwar zu einer höheren Kaste, doch da ihm die Brüder einst die Herde stahlen, lebt er in Armut. Ein Höhepunkt ist der Familienbesuch im Kino des nächsten Ortes. Samay stellt danach begeistert fest: „Ich möchte Filmemacher werden!" Worauf der Vater entsetzt ist, denn „die Filmwelt ist schmutzig und widerspricht unseren Tugenden".

Fortan experimentiert der aufgeweckte Junge an der Bahnstrecke mit durch farbiges Glas gefiltertem Licht und erzählt Geschichten mit den Bildern von Streichholzschachteln. Selbstverständlich wird auch die Schule geschwänzt, um sich heimlich und ohne Eintrittskarte ins Kino zu schleichen. Bald wird er erwischt und im hohen Bogen rausgeschmissen. Aber Filmvorführer Fazal (Bhavesh Shrimali) hat Mitleid und lässt den kleinen Kinofan in der Kabine mitschauen. Der Deal lautet: Samay bringt das köstliche Essen seiner Mutter mit und darf dafür in der Vorführkabine umsonst Filme sehen. Dabei bleibt es nicht. Er lernt auch das Vorführen und erkundigt sich, wieso es eigentlich Filme gibt. Die spezielle Filmgeschichte dieses Vorführers ist allerdings eine der vielen Lügengeschichten des Kinos.

„Das Licht, aus dem die Träume sind" ist als „Cinephilgood-Drama" sehr verwandt mit „Cinema Paradiso", auch wenn hier der Filmvorführer deutlich jünger und verrückter als Philippe Noirets Alfredo ist. Und indischer Film mit seinen überbordenden Tanzsequenzen und der betörenden Farbenpracht eine völlig andere Welt. Doch der große Saal voller Menschen, die tanzenden Staubkörner im Lichtstrahl, das Rattern des Filmprojektors, das sind alles universelle Erfahrungen des Kinos. Und wenn diese Initiation von großen Cineasten schon oft gefeiert wurde, in Zeiten von Netflix und politischer Streaming-Förderung kann es nicht passender sein, sich noch einmal darüber zu begeistern.

Samays Ansage „Wir müssen das Licht einfangen" folgen wunderbare poetische Momente und immer wieder Schmunzeln über Ideen für Lichtspiele, Imitationen von Filmszenen mit Kindermitteln, Kartons und Müllresten. Anfangs klaut der kleine Filmfan einzelne Filmbilder, die er über eine Linse auf ein weißes Tuch der Mutter projiziert. Dann werden es ganze Filmrollen und irgendwann haben die Freunde ein richtiges Filmlager, das Samay schließlich ins Gefängnis bringt. Traumhaft ist eine komplett von den Kindern nachvertonte Filmszene mit den Geräuschen des Windes, dem Klappern der Pferde, dem Gesang des vergötterten Filmstars.

Auch die harten Realitäten einer Kindheit in Indien werden in dieser bittersüßen Erinnerung nicht ausgeblendet. Der Lehrer macht klar: Wenn du es in diesem Land zu etwas bringen willst, musst du zwei Dinge tun. Erstens musst du Englisch lernen und zweitens musst du von hier fort gehen. Systemwechsel sowohl bei der Bahn als auch im Kino machen Vater und Filmvorführer arbeitslos. Immer ist es die fehlende Kenntnis des Englischen, die verhindert, dass sie im neuen System einen Job haben können.

Ein wahres Martyrium dann, wenn Samay dem Ausweiden „seines" Kinos Galaxy folgt: Auf einem Friedhof der Filmprojektoren werden diese zerschmettert und eingeschmolzen, um banal als Löffel zu enden. Die alten Filme erleben nach dem Einschmelzen ein neues Leben als farbige Armreifen und Regisseur Pan Nalin macht daraus im Finale eine rührende Hommage an die Regisseure, die ihn geprägt haben. Wie überhaupt einige Zitate aus klassischen Filmen zu entdecken sind. Angefangen mit den mehr als Truffauts 400 Schlägen („Sie küßten und sie schlugen ihn" / „Les Quatre Cents Coups"), die der Junge vom Vater bekommt. Der ihn schließlich doch in einer herzzerreißenden Szene seinen Weg gehen lässt.

Pan Nalins Komödie „7 Göttinnen" (2015) genoss kommerziellen Erfolg und Kritikerlob. Ins globale Rampenlicht trat Pan Nalin bereits mit „Samsara" (2001), der über 30 internationale Auszeichnungen gewann. Nalins romantisches Epos „Valley of Flowers" (2006) gilt als großer Underground-Hit. Die japanisch-französisch-deutsche Koproduktion wird nach wie vor auf mehreren Plattformen veröffentlicht und hat weltweit Kultcharakter. Der teils autobiographische Film „Das Licht, aus dem die Träume sind" ist sein erster Film in Gujarati-Sprache. Kürzlich beendete Nalin seine erste neuseeländisch- indische Koproduktion, „The Disappearance of Eva Hansen", ein spiritueller Thriller im Himalaya mit David Wenham und Emmanuelle Beart.

Blutsauger


Deutschland 2021, Regie: Julian Radlmaier, mit Aleksandre Koberidze, Lilith Stangenberg, Alexander Herbst, Corinna Harfouch, 128 Min., FSK: ab 12

Die junge Fabrikbesitzerin Octavia Flambow-Jansen (Lilith Stangenberg) liest am Ostsee-Strand den vermeintlichen Baron Ljowuschka (Aleksandre Koberidze) auf, der sich als verstoßener Trotzki-Darsteller des Films „Oktober" vom Regisseur Sergei Eisenstein herausstellt. Die Handlung beginnt „an einem Dienstag im August 1928", dabei fliegt ein Kite-Surfer im Meer vorbei. Andere Anachronismen wie eine Coca Cola-Dose beim Dinner laufen ganz selbstverständlich mit, machen Spaß und die Zeitlosigkeit der Handlung klar. In dem gar nicht so abseitigen Subtext wird das Kapital im marxschen Sinne als Vampir behandelt. Wie ein Prolog der Darsteller bei der Marx-Lektüre am Strand klarmacht. Einen Vampir, den der Film ganz ernst nimmt. Der naive Jakob meint zwar, es handle sich bei den beiden Blutmalen um Flohstiche, aber wir haben längst gesehen, wie sich die junge Blutsaugerin Octavia an ihm labt.

Während der Text sich an Verspottung und Abschaffung des Adels abmüht, droht draußen das Volk, Jagd auf die Blutsauger zu machen. Der zum „persönlichen Assistenten" modernisierte Diener Jakob (Alexander Herbst) ist naiv in seine Herrin Octavia verliebt. Die hat allerdings mehr Spaß am exilierten Russen, der nach Hollywood will. „Sie hält sich einen Proleten", meint ein arroganter Adeliger. All das erfahren wir aus wechselnden Perspektiven des Films. Die abgefilmten Gedanken bekommen noch mehr Raum für verspielte Szenen als die Truppe um Octavia ausgerechnet einen Vampir-Film dreht. Damit Ljowuschka etwas in Hollywood vorweisen kann. Doch auch Jakob hofft, sich beim Dreh beweisen und Octavias Gunst gewinnen zu können.

Der junge Regisseur Julian Radlmaier wurde mit der selbstreflexiven Betrachtung des deutschen Filmbetriebs „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes" (2017) bekannt. „Blutsauger" ist nun ein immer wieder mal komischer und schräg inszenierter, aber hinter dem Gedankenkonstrukt doch etwas blutleerer Film.

Nico (2021)


Deutschland 2021, Regie: Eline Gehring, mit Sara Fazilat, Sara Klimoska, Javeh Asefdjah, 79 Min., FSK: ab 12

Die junge Nico (Sara Fazilat) ist eine fröhliche und lebensbejahende Altenpflegerin in Berlin. Mit ihrer besten Freundin Rosa (Javeh Asefdjah) regt sich die Iranisch-Stämmige lachend über verhüllte Mädchen auf, die auch noch über Halal-Kondome reden. Auch wenn der Job oft schwer ist, hat Nico Spaß im Leben. Die Autofahrerin, die sie mit ihrem Rad von der Straße hupen will, bekommt den klebrigen Donat des nächsten Kunden auf die Windschutzscheibe.

Bis ein paar fremdenfeindliche Kartoffel-Deutsche Nico aus heiterem Himmel anmachen und brutal zusammenschlagen. Niemand hilft, erst im Krankenhaus wacht sie wieder aus der Ohnmacht auf. Als anderer Mensch. Zwar scherzt sie noch mit Rosa, doch selbst als die Verwundungen im Gesicht langsam verschwinden, hat sie draußen Angst und versteckt sich in der Stadt unter ihrem Hoddie.

Der Moment des Angriffs ist ein doppelt schockender für Nico und die Zuschauer: Vorher gab es keinen Gedanken, dass sie nicht „dazu gehört". Selbstbewusst ging sie ihren Weg. Den hat sie nun verloren. Hilfe sucht sie beim gradlinigen Karate-Weltmeister Andy (Andreas Marquardt). Doch trotz der Techniken zur Selbstverteidigung wird Nico immer angespannter und aggressiver. Selbst mit ihrer besten Freundin Rosa will sie nichts mehr zu tun haben. Und bei der Pflege macht sich die hilflose alte Dame Brigitte (Brigitte Kramer) Sorgen: „Det Leben ist zu kurz für son langes Jesicht!" Ja, der schwere Weg Nicos zurück zu sich selbst, findet auch immer etwas Humor.

Als Nico auf einer Kirmes die Mazedonierin Ronny (Sara Klimoska) trifft, entwickelt sich eine Verbindung zwischen den beiden Frauen, welche die Abwärtsspirale stoppt. Die Motive Ronnys bleiben rätselhaft, doch die Veränderung tut Nico gut.

„Nico" ist stilistisch kein besonders „dreckiger" Großstadtfilm. Überhaupt steht der Stil zurück hinter dem Spiel von Sara Fazilat als Nico, Javeh Asefdjah als ihre Freundin Rosa und Andreas Marquardt als authentischer Trainer Andy. Im glaubhaften, lebensnahen Auftreten liegt die Stärke des Ensembles und des Films.

Das mutmachende Drama ist der Film von Hauptdarstellerin Sara Fazilat: Sie hat zusammen mit Regisseurin Eline Gehring und Kamerafrau Francy Fabritz das Drehbuch geschrieben. Zudem ist sie Produzentin des Films. Produktion ist das Fach, das sie an der DFFB in Berlin und der Columbia University in New York studierte. Trotzdem werden wir Sara Fazilat 2022 oft vor der Kamera sehen: Sie wird in Michael Bully Herbigs „1000 Zeilen" eine tragende Rolle übernehmen, ebenso in „Holy Spider", dem neuen Film von Ali Abbasi, der seine Premiere 2022 im Wettbewerb von Cannes feiern wird. Als Produzentin und Autorin schreibt sie an ihrem Langfilm „Arier".

Regisseurin Eline Gehring begann ihre Karriere als Kamerafrau und Editorin für deutsche Berichterstattung in Paris, Prag, Kiew und Berlin. Stationen führen sie auch nach Südafrika, wo sie 2011 ein Jahr lang Kurzfilme, Dokumentationen und Social Spots für NGOs dreht. 2013 nimmt sie das Regiestudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) auf und inszeniert Kurzfilme, die auf internationalen Filmfestivals ihre Premiere feiern. 2016 beginnt Gehring die Arbeit an ihrem Langfilm-Debüt „Nico", der 2021 bei seiner Weltpremiere im Wettbewerb des 42. Filmfestival Max Ophüls Preis den „Nachwuchs-Schauspielpreis" für Sara Fazilat in der Hauptrolle gewinnt. Im Jahr 2022 steht „Nico" in der Vorauswahl für den Deutschen Filmpreis.

9.5.22

Meine schrecklich verwöhnte Familie


Frankreich 2020 (Pourris Gâtés) Regie: Nicolas Cuche, mit Gérard Jugnot, Camille Lou, Artus, 95 Min., FSK: ab 6

Die schrecklich französische Filmklamotte „Meine schrecklich verwöhnte Familie" blödelt wieder, bis es weh tut: Die drei erwachsenen Kinder des Millionärs Francis Bartek (Gérard Jugnot) sind Karikaturen extrem verwöhnter Gören: Das dämliche Töchterchen Stella (Camille Lou) shoppt und feiert Party. Philippe (Artus) macht nur auf Casanova, mit Mutter und Töchtern gleichzeitig. Alexandre (Louka Méliava) haut das Geld mit extrem bescheuerten Geschäftsideen raus. Verzweifelt täuscht Papa mit groß inszeniertem Polizei-Einsatz vor, sein Vermögen verloren zu haben. Es bleibt scheinbar nur die Flucht in eine verfallene Hütte bei Marseille. Billige Scherzchen der überkandidelten „Rich Kids" angesichts von Spinnenweben und staubiger Matratzen sind nur der Anfang einer extrem unrealistischen und überzogenen Suche nach Arbeit und Geld. Im unnötigen Drama am Ende macht sich der peinliche Film auf völlig geschmacklose Weise über einen gebärdensprechenden Menschen lustig.

3.5.22

Doctor Strange in the Multiverse of Madness

USA 2022, Regie: Sam Raimi, mit Benedict Cumberbatch, Chiwetel Ejiofor, Elizabeth Olsen, 126 Min., FSK: ab 12

Oh, hehre Superhelden voller Kraft, füllet die Kinokasse mit Geld und Saft... Nein, es gibt keine Verse mit wechselndem Versfuß im Multiverse. Wäre Kassengift, wenn auch nicht viel weniger kompliziert als das unverständliche MCU-Konstrukt von Marvel. Halten wir es also übersichtlich: Benedict Cumberbatch kämpft als Doctor Strange gegen die wahnsinnig böse Wanda, beide verdoppelt und verdreifachen sich. Das wirklich Sensationelle ist, dass Grusel-Meister Sam Raimi aus der Marvel-Routine eine grandiose Geschichte voller Überraschungen macht.

Das wird nun zum Standard fürs Multiversum (früher sagte man Paralleluniversum), egal ob bei Marvel oder letzte Kinowoche in „Everything Everywhere All at Once" mit Michelle Yeoh: Irgendwann rasen die Figuren durch zahllose Parallelwelten und es ist aberwitzig komisch, wie sie darin für Sekundenbruchteile aussehen. Mal als Knetfiguren, mal als Penata, dick, dünn, alles ist drin. Doch noch viel komischer ist, wenn Regisseur („Evil Dead", „Tanz der Teufel") Benedict Cumberbatch im Finale als Zombie-Version von Doctor Strange auftauchen lässt.

Doch zurück zum Anfang: Frisch aus einem fiesen Albtraum aufgewacht, erlebt Dr. Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) bei der Hochzeit seiner geliebten Christine Palmer (Rachel McAdams) mit einem anderen, dass auch der andere Albtraum wahr wird. Ein tolles einäugiges-achtarmiges Polypenmonster verfolgt America Chavez (Xochitl Gomez) durch die Straßenschluchten. Denn das junge Mädchen hat die Fähigkeit, von einem ins andere Paralleluniversum wechseln zu können. Und jemand möchte ihr diese Macht rauben. Strange findet schnell heraus, dass „jemand" Wanda Maximoff (Elizabeth Olsen) ist, die sich so verzweifelt Kinder wünscht, dass sie dafür zur dunklen Hexe Scarlet Witch wurde. Der kebbelnde Zauberkumpel Wong (Benedict Wong) versammelt alle Magier um sich, doch auch zusammen können sie America nicht schützen. Im letzten Moment fliehen Strange und das Mädchen in ein anderes Universum.

So weit, so Marvel mit einer deftigen Zauber-Schlacht und bekannten Gesichtern. Aber die Figuren tragen nach unzähligen Filmen alle auch einen ganz dicken Rucksack Tragik und Verluste mit sich rum. Was besonders Wanda nicht gut bekommen ist und die Figur bis ins mutterherzzerreißende Finale interessant macht. Strange versucht derweil in mehreren Universen seine Liebe zu Christine in gute Bahnen zu lenken. Diese ganzen Details für Marvel-Junkies werden übertrumpft vom Raimi-Stil. Das Superhelden-Getue bleibt dosiert, der Fantastische Film wird immer düsterer. Fast wähnt man sich bei Guillermo del Toro, doch Regisseur Raimi setzt mit Geisterhaus und Zombie eindeutige Duftmarken. Dazu ein tolles Spiegelkabinett-Kabinettstückchen, in denen das Böse aus Spiegelflächen nach einem greift. Jean Cocteau grüßt mit seinem „Orpheus". Oder ein Zauberduell zwischen Strange und Strange mit Musiknoten als Waffen. Genial auch, wie Professor Charles Xavier den wahnsinnigen Verstand von Wanda besucht. Richtig, Patrick Stewart mischt sich auch ein!

Also packende, einfallsreiche und ungewöhnliche Unterhaltung, die auch nur ganz knapp die Zweistunden-Grenze reißt. (Wenn auch die Figurenentwicklung so interessant ist, dass man gleich noch mal die schräge Serie „Wanda Vision" sehen muss!) „Doctor Strange in the Multiverse of Madness" beweist, dass kreative Geister wichtiger sind, als absurde Konzern-Konstrukte.