10.5.22

Blutsauger


Deutschland 2021, Regie: Julian Radlmaier, mit Aleksandre Koberidze, Lilith Stangenberg, Alexander Herbst, Corinna Harfouch, 128 Min., FSK: ab 12

Die junge Fabrikbesitzerin Octavia Flambow-Jansen (Lilith Stangenberg) liest am Ostsee-Strand den vermeintlichen Baron Ljowuschka (Aleksandre Koberidze) auf, der sich als verstoßener Trotzki-Darsteller des Films „Oktober" vom Regisseur Sergei Eisenstein herausstellt. Die Handlung beginnt „an einem Dienstag im August 1928", dabei fliegt ein Kite-Surfer im Meer vorbei. Andere Anachronismen wie eine Coca Cola-Dose beim Dinner laufen ganz selbstverständlich mit, machen Spaß und die Zeitlosigkeit der Handlung klar. In dem gar nicht so abseitigen Subtext wird das Kapital im marxschen Sinne als Vampir behandelt. Wie ein Prolog der Darsteller bei der Marx-Lektüre am Strand klarmacht. Einen Vampir, den der Film ganz ernst nimmt. Der naive Jakob meint zwar, es handle sich bei den beiden Blutmalen um Flohstiche, aber wir haben längst gesehen, wie sich die junge Blutsaugerin Octavia an ihm labt.

Während der Text sich an Verspottung und Abschaffung des Adels abmüht, droht draußen das Volk, Jagd auf die Blutsauger zu machen. Der zum „persönlichen Assistenten" modernisierte Diener Jakob (Alexander Herbst) ist naiv in seine Herrin Octavia verliebt. Die hat allerdings mehr Spaß am exilierten Russen, der nach Hollywood will. „Sie hält sich einen Proleten", meint ein arroganter Adeliger. All das erfahren wir aus wechselnden Perspektiven des Films. Die abgefilmten Gedanken bekommen noch mehr Raum für verspielte Szenen als die Truppe um Octavia ausgerechnet einen Vampir-Film dreht. Damit Ljowuschka etwas in Hollywood vorweisen kann. Doch auch Jakob hofft, sich beim Dreh beweisen und Octavias Gunst gewinnen zu können.

Der junge Regisseur Julian Radlmaier wurde mit der selbstreflexiven Betrachtung des deutschen Filmbetriebs „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes" (2017) bekannt. „Blutsauger" ist nun ein immer wieder mal komischer und schräg inszenierter, aber hinter dem Gedankenkonstrukt doch etwas blutleerer Film.