Hongkong, VR China, USA, Frankreich 2013 (Yi Dai Zong Shi) Regie: Wong Kar-wai mit Zhang Ziyi, Tony Leung, Wang Qing-Xiang, Chang Chen 118 Min. FSK ab 12
Wie einst in Kleists „Penthesilea" oder in Ang Lees „Tiger and Dragon" ist auch „The Grandmaster" vom Großmeister Wong Kar-wai („In the Mood for Love", Chungking Express") eine große und gewaltige Geschichte vom Geschlechterkampf der Liebenden. Ip Man, begnadeter Kämpfer in den 20er Jahren Chinas und zukünftiger Meister des Nordens wie des Südens, wird seiner großen Liebe Gong Er nie näher als im Kampf kommen...
Eine ewige Liebe in einer Bewegung - das ist Wong Kar-Wai. So ist auch das große Epos eigentlich schnell erzählt: Ip Man (Tony Leung), ein überlegener, aber bescheidener Kämpfer des Kung Fu aus dem Süden, wird zum Nachfolger des ganz großen und vereinigenden Meisters Gong, indem er es sogar mit dessen Tochter Gong Er, der Zauberin der 64-Schlag-Technik, aufnimmt. Dieser ausgesprochen romantische „pas des deux" sollte fortgesetzt werden, doch der Einmarsch der japanischen Armee trennt die Liebenden. Erst nach vielen Jahren und politischen Umwälzungen treffen sie sich im inzwischen britischen Hong Kong wieder. Doch Frau Gongs Gelübde, dass ihr half, den Mörder des Vaters zu besiegen, steht der Erfüllung im Wege.
Nach „Ashes of Time" ist „The Grandmaster" der zweite Martial Arts-Film vom Ausnahme-Regisseur Wong Kar-wai. Selbst wenn man nicht übermäßig viel für asiatische Klöppereien übrig hat, bei ihm wird Martial Arts zum Ballet, zum atemberaubenden Bewegungs- und Bilder-Fluss. „The Grandmaster" ist ein typischer Wong Kar Wai, der einen Moment nicht erfüllter Liebe über Jahrzehnte und mehrere Filmstunden aufs Wunderbarste zerdehnen kann. Kurze Zeitlupen, schwebende Rauchwölkchen, zitternde Schneekristalle, Tropfen, die für ihr perfektes Perlen reihenweise Oscars erhalten müssten. Das schmerzlich süße Schmachten kann niemand so gut in Filmform bringen, wie man seit „In the Mood for Love" weiß. Dazu Tableaus, die an Rembrandts Gilden-Gemälde erinnern oder aus einem Bordell in Süd-China „eine Bar in den Folies-Bergère" im Stile Manets machen. Dass in der unvereinbaren Liebe zwischen dem verschneiten Norden und dem warmen Süden nebenbei chinesische Geschichte und in der Zusammenführung unterschiedlicher Kampfstile durch den realen Ip Man (1893-1972) etwas Wesentliches für den Kung Fu erzählt wird, ist da fast Nebensache.
„Beim Eintopf kommt es auf den richtigen Zeitpunkt an: Steht er zu kurz auf dem Feuer, fehlt Geschmack, steht er zu lang, ist er verkocht" - wie anhand des aufmerksamen Kochens einer Suppe Lebensweisheiten vermittelt werden, äußern die Figuren zwar wenig, aber Treffendes. Fachjournale mögen entscheiden, ob die Geschichte des Lehrers von Bruce Lee korrekt wiedergegeben ist. Aber der Genuss an dieser perfekten Komposition aus Zeit und Raum, dem wunderbaren Ballett aus Zeitlupen und schneller Action ist allen gegeben. „The Grandmaster" ist ein großartiger Film, ein großes Drama um zwei Königskinder der Kampfkunst, dem etwas historisches Schicksal in Form der Japanischen Invasion untergemischt ist. Während bei anderen einzigartigen Film-Meisterwerken ein Kuss, eine Melodie oder ein Satz für immer hängen bleiben, schafft es Wong Kar-wai einem kleinen Regentropfen Ewigkeit zu verleihen.
24.6.13
18.6.13
Man of Steel
USA, Kanada, Großbritannien 2013 (Man of Steel) Regie: Zack Snyder, mit Henry Cavill, Amy Adams, Russell Crowe, Michael Shannon, Kevin Costner, Diane Lane, Laurence Fishburne, 137 Min. FSK ab 12
Der eigentlich als Mann in Strumpfhosen bekannte Clark Kent, Berufsbezeichnung: Superman, erlebt sein Recycling als „Man of Steel". Nun war er bisher noch keine Dose, aber ansonsten so ziemlich alles: Zuerst Comic-Figur, dann Film-Held, Zeichentrick-Figur, Kultur-Ikone, amerikanisches Symbol für einen Haufen Kram und auch TV-Wiederkehrer.
200 Millionen Dollar steckte Warner nun in das überlange Filmchen, den größten Teil davon bekam das Marketing ab. Als Produzent und Drehbuchautor leistete man sich mit kleineren Millionenbeträgen Christopher Nolan und David S. Goyer, die bereits „Batman" als „Dark Knight" rebooteten. Regisseur Zack Snyder qualifizierte sich mit „300" und „Watchmen". Von ersteren erhofft man sich eine gebrochene Gestalt, letzterer darf den neuen Überflieger mit rotem Cape als Muskel-Paket ausstatten, das aus dem Anabolika-Versandkatalog gefallen ist.
Doch jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, dem von „Man of Steel" der eines großartigen Science Fiction im Stile von „Dune": Der Planet Krypton steht kurz vor dem Zusammenbruch. Gegen den Willen des putschenden Militärs General Zod (sagenhaft: Michael Shannon) sendet der Wissenschaftler Jor-El (gut: Russell Crowe) seinen frisch geborenen Sohn quer durchs Universum auf die Erde. Das war es dann leider nach 30 Minuten mit einem fantastischen Zukunfts-Film voller organischer und Hightech-Visionen.
Danach verläuft „Man of Steel" holpernd wie die Erd-Landung vom Super-Schreihals und -Windelscheißer: Hüpfend zwischen Rückblenden, Heldentaten und Gegenwart kann Regisseur Zack Snyder auch die Erde reizvoll inszenieren, jeder Szene etwas Besonderes geben. Superman Clark Kent (Henry Cavill) bleibt undercover bis Zod in Raumschiffen, angetrieben von großem und lautem Filmorchester, einfliegt und auf den Ruinen der Menschheit Krypton neu aufbauen will. Das kann nur einer verhindern: Batman! Oh nein, falsch: Mr. Universe! Oder doch: Superman?
Als Messias, der die Menschen lehren und führen soll, kommt Hauptdarsteller Henry Cavill schnell an seine Grenzen. Ein unpassendes Gesicht mit Schmalzlocke. Milchgesichtig vor allem gegenüber Zod-Schurken Michael Shannon, der vielleicht nicht diesen Planeten aber den Film für sich erobert. Kevin Costner hat als Erd-Papa von Kent noch einmal so einen großen, ur-amerikanischen Helden-Abgang. Nebenbei trifft Lois Lane (Amy Adams mit mit kecker Nase) auf Diane Lane in der Rolle von Kents Adoptivmutter. Echte Scherze jedoch, die auch zünden, gibt es auf 140 Minuten Film genau 2, in Worten: Zwei! Dafür findet im stundenlangen Finale eine unfassbare Materialschlacht statt, die jegliche Rücksicht auf die Skyline von New York - im Film Metropolis genannt - nach 9/11 fallen lässt: Flugzeuge knallen wie auf Perlenkette in Hochhäuser, die danach Domino Day spielen. Für den High Noon zwischen Zod und Kent wird pietätlos der Ground Zero verwendet. Und wieder fällt so einer hoch entwickelten Zivilisation nichts anderes ein, als sich letztendlich mit den Fäusten zu prügeln.
Der enorme Aufwand für die Pop-Ikone Superman, die hier minimal mehr Tiefe erhält, resultiert in annähernd zwei Stunden Unterhaltung. Der Rest ist zu läng und ermüdend mehr von der gleichen Materialvernichtung - seien es Stadtlandschaften oder millionen-schwere Filmminuten. Schauspielerisch können nur die Randfiguren überzeugen. Die männlichen, da hier scheinbar alle Frauen sich mit der Groupie-Funktion zufriedenstellen müssen. selbst wenn Lois Lane zwischendurch auf Lara Croft macht. Dieser Super-Mann-Traum in engem Latex bleibt halt auch ein ziemlich verstaubtes Stöffchen.
Der eigentlich als Mann in Strumpfhosen bekannte Clark Kent, Berufsbezeichnung: Superman, erlebt sein Recycling als „Man of Steel". Nun war er bisher noch keine Dose, aber ansonsten so ziemlich alles: Zuerst Comic-Figur, dann Film-Held, Zeichentrick-Figur, Kultur-Ikone, amerikanisches Symbol für einen Haufen Kram und auch TV-Wiederkehrer.
200 Millionen Dollar steckte Warner nun in das überlange Filmchen, den größten Teil davon bekam das Marketing ab. Als Produzent und Drehbuchautor leistete man sich mit kleineren Millionenbeträgen Christopher Nolan und David S. Goyer, die bereits „Batman" als „Dark Knight" rebooteten. Regisseur Zack Snyder qualifizierte sich mit „300" und „Watchmen". Von ersteren erhofft man sich eine gebrochene Gestalt, letzterer darf den neuen Überflieger mit rotem Cape als Muskel-Paket ausstatten, das aus dem Anabolika-Versandkatalog gefallen ist.
Doch jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, dem von „Man of Steel" der eines großartigen Science Fiction im Stile von „Dune": Der Planet Krypton steht kurz vor dem Zusammenbruch. Gegen den Willen des putschenden Militärs General Zod (sagenhaft: Michael Shannon) sendet der Wissenschaftler Jor-El (gut: Russell Crowe) seinen frisch geborenen Sohn quer durchs Universum auf die Erde. Das war es dann leider nach 30 Minuten mit einem fantastischen Zukunfts-Film voller organischer und Hightech-Visionen.
Danach verläuft „Man of Steel" holpernd wie die Erd-Landung vom Super-Schreihals und -Windelscheißer: Hüpfend zwischen Rückblenden, Heldentaten und Gegenwart kann Regisseur Zack Snyder auch die Erde reizvoll inszenieren, jeder Szene etwas Besonderes geben. Superman Clark Kent (Henry Cavill) bleibt undercover bis Zod in Raumschiffen, angetrieben von großem und lautem Filmorchester, einfliegt und auf den Ruinen der Menschheit Krypton neu aufbauen will. Das kann nur einer verhindern: Batman! Oh nein, falsch: Mr. Universe! Oder doch: Superman?
Als Messias, der die Menschen lehren und führen soll, kommt Hauptdarsteller Henry Cavill schnell an seine Grenzen. Ein unpassendes Gesicht mit Schmalzlocke. Milchgesichtig vor allem gegenüber Zod-Schurken Michael Shannon, der vielleicht nicht diesen Planeten aber den Film für sich erobert. Kevin Costner hat als Erd-Papa von Kent noch einmal so einen großen, ur-amerikanischen Helden-Abgang. Nebenbei trifft Lois Lane (Amy Adams mit mit kecker Nase) auf Diane Lane in der Rolle von Kents Adoptivmutter. Echte Scherze jedoch, die auch zünden, gibt es auf 140 Minuten Film genau 2, in Worten: Zwei! Dafür findet im stundenlangen Finale eine unfassbare Materialschlacht statt, die jegliche Rücksicht auf die Skyline von New York - im Film Metropolis genannt - nach 9/11 fallen lässt: Flugzeuge knallen wie auf Perlenkette in Hochhäuser, die danach Domino Day spielen. Für den High Noon zwischen Zod und Kent wird pietätlos der Ground Zero verwendet. Und wieder fällt so einer hoch entwickelten Zivilisation nichts anderes ein, als sich letztendlich mit den Fäusten zu prügeln.
Der enorme Aufwand für die Pop-Ikone Superman, die hier minimal mehr Tiefe erhält, resultiert in annähernd zwei Stunden Unterhaltung. Der Rest ist zu läng und ermüdend mehr von der gleichen Materialvernichtung - seien es Stadtlandschaften oder millionen-schwere Filmminuten. Schauspielerisch können nur die Randfiguren überzeugen. Die männlichen, da hier scheinbar alle Frauen sich mit der Groupie-Funktion zufriedenstellen müssen. selbst wenn Lois Lane zwischendurch auf Lara Croft macht. Dieser Super-Mann-Traum in engem Latex bleibt halt auch ein ziemlich verstaubtes Stöffchen.
Confession
Frankreich, BRD, Großbritannien 2012 (Confession of a child of the century) Regie: Sylvie Verheyde, mit Charlotte Gainsbourg, Pete Doherty, August Diehl, 120 Min., FSK ab 12
Nach Alfred de Mussets (1810 - 1857) autobiographischem Roman „La confession d'un enfant du siècle" („Bekenntnis eines jungen Zeitgenossen") über seine Beziehung zu George Sand entstand ein in Stimmungen schwelgender Film, der das Liebes- und Leidensdrama vor allem atmosphärisch interessant fasst.
Anstelle von Dialogen und Handlungen als antreibende Elemente schwebt der Film lange Strecken zwischen diesen, ist mit oft unscharfen Bildern und dem Score von „NousDeux the Band" der Sound- und „Bild-Track" einer persönlichen und - so wird behauptet - auch Zeit-Stimmung. Octave (Pete Doherty) steht für eine „verlorene Generation" in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Exzessive Feiern und viele erotische Begegnungen versuchen die Leere eines Lebens-Überdrusses aufzufangen. Octave weigert sich zu lieben, verfällt aber doch der älteren Brigitte (Charlotte Gainsbourg).
„Confession" zeigt ein intensives, verzweifeltes Verhältnis, das bereits einmal in „Das Liebesdrama von Venedig" (Les enfants du siècle, Regie Diane Kurys) mit Juliette Binoche und Benoît Magimel verfilmt wurde. Die talentierte Belgierin Sylvie Verheyde, die bisher mit „Stella" (2007), der Geschichte einer Kneipentochter beeindruckte, lässt uns die Gefühlsqualen über zwei Stunden lang intensiv miterleben. Das ungewöhnliche und nicht professionelle Spiel vom bekannten Musiker Pete Doherty fügt sich ein, ist jedoch merklich ein anderes als etwa das von August Diehl, der neben „Layla Fourie" wieder einmal in einer englisch-sprachigen Produktion beeindruckt und so den unsäglichen „Nachtzug nach Lissabon" vergessen lässt.
Vor allem im Zusammenspiel mit Charlotte Gainsbourg gelingen Doherty natürlich wirkende Szenen und kleine Perlen wie eine transvestite Verkleidung der beiden. Gainsbourg verdankt man auch die emotionalsten Szenen im verzweifelten Kampf ihrer Figur um Liebe, im Abmühen am überdrüssigen Schnösel Octave. Ein mit dunklen Bildern und Wort- wie Musikschleifen ungewöhnlich eindringlicher und in seinem Stil kompromissloser Film, auf den man sich ganz einlassen sollte.
Nach Alfred de Mussets (1810 - 1857) autobiographischem Roman „La confession d'un enfant du siècle" („Bekenntnis eines jungen Zeitgenossen") über seine Beziehung zu George Sand entstand ein in Stimmungen schwelgender Film, der das Liebes- und Leidensdrama vor allem atmosphärisch interessant fasst.
Anstelle von Dialogen und Handlungen als antreibende Elemente schwebt der Film lange Strecken zwischen diesen, ist mit oft unscharfen Bildern und dem Score von „NousDeux the Band" der Sound- und „Bild-Track" einer persönlichen und - so wird behauptet - auch Zeit-Stimmung. Octave (Pete Doherty) steht für eine „verlorene Generation" in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Exzessive Feiern und viele erotische Begegnungen versuchen die Leere eines Lebens-Überdrusses aufzufangen. Octave weigert sich zu lieben, verfällt aber doch der älteren Brigitte (Charlotte Gainsbourg).
„Confession" zeigt ein intensives, verzweifeltes Verhältnis, das bereits einmal in „Das Liebesdrama von Venedig" (Les enfants du siècle, Regie Diane Kurys) mit Juliette Binoche und Benoît Magimel verfilmt wurde. Die talentierte Belgierin Sylvie Verheyde, die bisher mit „Stella" (2007), der Geschichte einer Kneipentochter beeindruckte, lässt uns die Gefühlsqualen über zwei Stunden lang intensiv miterleben. Das ungewöhnliche und nicht professionelle Spiel vom bekannten Musiker Pete Doherty fügt sich ein, ist jedoch merklich ein anderes als etwa das von August Diehl, der neben „Layla Fourie" wieder einmal in einer englisch-sprachigen Produktion beeindruckt und so den unsäglichen „Nachtzug nach Lissabon" vergessen lässt.
Vor allem im Zusammenspiel mit Charlotte Gainsbourg gelingen Doherty natürlich wirkende Szenen und kleine Perlen wie eine transvestite Verkleidung der beiden. Gainsbourg verdankt man auch die emotionalsten Szenen im verzweifelten Kampf ihrer Figur um Liebe, im Abmühen am überdrüssigen Schnösel Octave. Ein mit dunklen Bildern und Wort- wie Musikschleifen ungewöhnlich eindringlicher und in seinem Stil kompromissloser Film, auf den man sich ganz einlassen sollte.
Die mit dem Bauch tanzen
BRD 2013 Regie: Carolin Genreith, 79 Min. FSK: o.A.
Bauchtanz auf Wiesen vor interessierten Kühen ist eine mutige Gratwanderung für die ersten Aufnahmen. Die Berliner Regisseurin Carolin Genreith kehrt in ihr Heimatdorf der Nordeifel zurück und sieht sich vor allem mit dem neuen Leben der Mutter konfrontiert. Diese zeigt sich nach einer Trennung von langjähriger Ehe als sehr glücklich und vor allem in ihrer Bauchtanzgruppe aufgehoben.
Filmemacherin Carolin Genreith selbst ist 28, und „wird bald 30"! Während die Mutter schon in den Wechseljahren ist. Die Eifler Damengruppe in selbstgeschneiderten Orientlook hat sichtbar viel Spaß, die erwartete Hinterwäldler-Mentalität hinter hohen Buchhecken wird nur im Kommentar behauptet und in einigen Bildern angedeutet. Nur das Wetter macht wie erwartet tatsächlich mal auf deprimierend. Dagegen erzählen einige Porträts der Tänzerinnen mit Trennungs-Geschichten und solchen der neuen Liebe von durchaus erfüllten Leben, gerne auch nach großen Richtungswechseln. Ein nettes Häufchen witziger und lebendiger Frauen mittleren Alters halt.
„Ist das jetzt peinlich?" lautet eine Frage der Filmemacherin und sie kann generell verneint werden. Während die Hitzewallungen der Wechseljahre idyllisch im Hohen Venn in „Persönlicher Sommer" umbenannt werden und sich ein entspanntes Verhältnis zum eigenen Körper eingestellt hat, rennt die Regisseurin in ihrem Kommentar weiter durch ihr Leben auf der Suche nach innerer Ruhe und dem perfekten Mann.
„Die mit dem Bauch tanzen" ist noch mehr als Bauchtanz-Film ein Bauchnabelschau-Film, ganz wie David Sievekings „Vergiss mein nicht". Carolin Genreith steht zur kritischen Haltung, mit der sie sich dem Heimatdorf und dem Thema nähert. Sie nimmt sich und ihr ambivalentes Verhältnis aber zu wichtig, um noch mehr aus den Figuren herauszuholen. So sollte der Film besser „Die mit den Bauchtänzerinnen filmt" heißen. Dabei gelingen immer mal wieder witzige Kommentare zum fidelen Frauen-Tross, Genreith findet auch landschaftlich schöne oder reizvoll komische Aufnahmen. Die Dramaturgie hin zu einem Auftritt in einer Pariser Fußgängerzone bringt keinen großen Spannungsbogen, muss es aber auch gar nicht. Wenn die Tänzerinnen dann dort mit Einheimischen und anderen Touristen (und gar nicht Bauchtanz) tanzen, hat auch die Regisseurin begriffen, dass der Weg das Ziel ist: „Mit 30 hat man Panik, mit 50 ... Spaß"
Bauchtanz auf Wiesen vor interessierten Kühen ist eine mutige Gratwanderung für die ersten Aufnahmen. Die Berliner Regisseurin Carolin Genreith kehrt in ihr Heimatdorf der Nordeifel zurück und sieht sich vor allem mit dem neuen Leben der Mutter konfrontiert. Diese zeigt sich nach einer Trennung von langjähriger Ehe als sehr glücklich und vor allem in ihrer Bauchtanzgruppe aufgehoben.
Filmemacherin Carolin Genreith selbst ist 28, und „wird bald 30"! Während die Mutter schon in den Wechseljahren ist. Die Eifler Damengruppe in selbstgeschneiderten Orientlook hat sichtbar viel Spaß, die erwartete Hinterwäldler-Mentalität hinter hohen Buchhecken wird nur im Kommentar behauptet und in einigen Bildern angedeutet. Nur das Wetter macht wie erwartet tatsächlich mal auf deprimierend. Dagegen erzählen einige Porträts der Tänzerinnen mit Trennungs-Geschichten und solchen der neuen Liebe von durchaus erfüllten Leben, gerne auch nach großen Richtungswechseln. Ein nettes Häufchen witziger und lebendiger Frauen mittleren Alters halt.
„Ist das jetzt peinlich?" lautet eine Frage der Filmemacherin und sie kann generell verneint werden. Während die Hitzewallungen der Wechseljahre idyllisch im Hohen Venn in „Persönlicher Sommer" umbenannt werden und sich ein entspanntes Verhältnis zum eigenen Körper eingestellt hat, rennt die Regisseurin in ihrem Kommentar weiter durch ihr Leben auf der Suche nach innerer Ruhe und dem perfekten Mann.
„Die mit dem Bauch tanzen" ist noch mehr als Bauchtanz-Film ein Bauchnabelschau-Film, ganz wie David Sievekings „Vergiss mein nicht". Carolin Genreith steht zur kritischen Haltung, mit der sie sich dem Heimatdorf und dem Thema nähert. Sie nimmt sich und ihr ambivalentes Verhältnis aber zu wichtig, um noch mehr aus den Figuren herauszuholen. So sollte der Film besser „Die mit den Bauchtänzerinnen filmt" heißen. Dabei gelingen immer mal wieder witzige Kommentare zum fidelen Frauen-Tross, Genreith findet auch landschaftlich schöne oder reizvoll komische Aufnahmen. Die Dramaturgie hin zu einem Auftritt in einer Pariser Fußgängerzone bringt keinen großen Spannungsbogen, muss es aber auch gar nicht. Wenn die Tänzerinnen dann dort mit Einheimischen und anderen Touristen (und gar nicht Bauchtanz) tanzen, hat auch die Regisseurin begriffen, dass der Weg das Ziel ist: „Mit 30 hat man Panik, mit 50 ... Spaß"
Promised Land
USA, Vereinigte Arabische Emirate 2012 (Promised Land) Regie: Gus Van Sant, mit Matt Damon, John Krasinski, Frances McDormand, Rosemarie DeWitt, 107 Min. FSK: ab 6
Wenn Stars auf Wohltätigkeit tun, also Bono pro bono, sieht das oft hinter Designerbrillen falsch und verlogen aus: Stars united fürs eigene Portemonnaie oder zumindest Renommee. Matt Damon erweist sich mit „Promised Land" als erfreuliche Ausnahme: Engagiert, klug und packend macht sein Film Front gegen den Fracking-Wahnsinn, der die USA bereits unterwandert und vergiftet hat.
Der Super-Star Matt Damon (Die Bourne-Trilogie) wendet sich als Ko-Autor (mit John Krasinski), Produzent und Darsteller in dem emotionalen Öko-Drama „Promised Land" gegen den Gold-Rausch von heute namens „Fracking". Nur die Inszenierung überließ er seinem alten Kumpel Gus van Sant. 1998 bekam der noch unbekannte Schauspieler Damon für Sants „Good Will Hunting" einen Silbernen Bären als Drehbuchautor und Darsteller. Nun spielt er einen raffinierten Vertreter der Gas-Industrie, der erst langsam die Gefahren des „Fracking" und die miesen Machenschaften dieser Branche erkennt.
Der Unternehmensvertreter Steve Butler (Matt Damon) wird von seinem Bergbau-Konzern gefeiert und zu einem neuen Einsatz aufs Land geschickt. Dort wo Dörfer aussterben und Bauern am Existenzminimum leben, verspricht er bei Hausbesuchen viel Geld für Schürfrechte und unglaublich viel für den Fall des Bohrerfolges. Bei den meisten hat Steve Butler mit seiner Kollegin Sue Thomason (Frances McDormand) leichtes Spiel, freundlich raffiniert staffieren sie sich vorher volkstümlich aus, jovial versucht vor allem Steve auf Kumpel der Kunden zu machen. Auch der Bürgermeister des Dorfes lässt sich schmieren. Nur haben selbst in dieser abgelegenen Gegend bereits einige Menschen davon gehört, dass es der Natur und vor allem dem Grundwasser nicht gut tut, wenn man einen hochgiftigen, geheimen Chemikalien-Cocktail in die Erde pumpt, um Gas und Öl aus dem Gestein zu lösen.
Das weiß auch Steve. Doch er ist tatsächlich auf der Seite der Farmer, denn er musste als Kind miterleben, wie der Hof seines Vaters zugrunde gerichtet wurde. Jetzt hat er wegen Gier und Verzweiflung leichtes Spiel ... bis ein Gegner (John Krasinski) auftaucht, der in der Dorfkneipe nicht nur singt, sondern auch noch aussieht, wie ein junger Bruce Springsteen. Sollte der All American-Boy Steve diesmal der Verlierer sein?
Schon dass der gute Kerl auf der falschen Seite steht, überrascht in diesem gut gespielten und inszenierten Stück Polit-Kino mit viel Herz, einer schönen Portion Romantik und etwas Gus van Sant-Stil. Obwohl sogar Bundesumweltminister Peter Altmaier vor seiner Wende der Energie-Wende das Fracking zeitweise abgeschrieben hatte, begnügt sich der Film „Promised Land" keineswegs mit einer Schwarzweiß-Zeichnung: Die Motive der skrupellosen Werber für ein extrem zerstörerisches Verfahren werden ebenso ernst genommen wie die Situation der verarmten Farmer. Schnell begreift man, es ist nicht alles so, wie es scheint. Selbst bei den vermeintlichen Dorftrotteln, die „Guns, Groceries, Guitars, Gas", also Gewehre, Gemüse, Gitarren und Benzin in einem Laden kaufen. Kultregisseur Gus Van Sant („Good Will Hunting", „Milk") zaubert eine stimmige Atmosphäre, setzt die authentisch wirkenden Figuren gekonnt ein und hält sich mit seiner eigenen Ästhetik weitgehend zurück. Das tut dem Film und der Sache gut, auch wenn hier nicht einfach „Argumente in die Köpfe der Leute gepumpt werden".
Wenn Stars auf Wohltätigkeit tun, also Bono pro bono, sieht das oft hinter Designerbrillen falsch und verlogen aus: Stars united fürs eigene Portemonnaie oder zumindest Renommee. Matt Damon erweist sich mit „Promised Land" als erfreuliche Ausnahme: Engagiert, klug und packend macht sein Film Front gegen den Fracking-Wahnsinn, der die USA bereits unterwandert und vergiftet hat.
Der Super-Star Matt Damon (Die Bourne-Trilogie) wendet sich als Ko-Autor (mit John Krasinski), Produzent und Darsteller in dem emotionalen Öko-Drama „Promised Land" gegen den Gold-Rausch von heute namens „Fracking". Nur die Inszenierung überließ er seinem alten Kumpel Gus van Sant. 1998 bekam der noch unbekannte Schauspieler Damon für Sants „Good Will Hunting" einen Silbernen Bären als Drehbuchautor und Darsteller. Nun spielt er einen raffinierten Vertreter der Gas-Industrie, der erst langsam die Gefahren des „Fracking" und die miesen Machenschaften dieser Branche erkennt.
Der Unternehmensvertreter Steve Butler (Matt Damon) wird von seinem Bergbau-Konzern gefeiert und zu einem neuen Einsatz aufs Land geschickt. Dort wo Dörfer aussterben und Bauern am Existenzminimum leben, verspricht er bei Hausbesuchen viel Geld für Schürfrechte und unglaublich viel für den Fall des Bohrerfolges. Bei den meisten hat Steve Butler mit seiner Kollegin Sue Thomason (Frances McDormand) leichtes Spiel, freundlich raffiniert staffieren sie sich vorher volkstümlich aus, jovial versucht vor allem Steve auf Kumpel der Kunden zu machen. Auch der Bürgermeister des Dorfes lässt sich schmieren. Nur haben selbst in dieser abgelegenen Gegend bereits einige Menschen davon gehört, dass es der Natur und vor allem dem Grundwasser nicht gut tut, wenn man einen hochgiftigen, geheimen Chemikalien-Cocktail in die Erde pumpt, um Gas und Öl aus dem Gestein zu lösen.
Das weiß auch Steve. Doch er ist tatsächlich auf der Seite der Farmer, denn er musste als Kind miterleben, wie der Hof seines Vaters zugrunde gerichtet wurde. Jetzt hat er wegen Gier und Verzweiflung leichtes Spiel ... bis ein Gegner (John Krasinski) auftaucht, der in der Dorfkneipe nicht nur singt, sondern auch noch aussieht, wie ein junger Bruce Springsteen. Sollte der All American-Boy Steve diesmal der Verlierer sein?
Schon dass der gute Kerl auf der falschen Seite steht, überrascht in diesem gut gespielten und inszenierten Stück Polit-Kino mit viel Herz, einer schönen Portion Romantik und etwas Gus van Sant-Stil. Obwohl sogar Bundesumweltminister Peter Altmaier vor seiner Wende der Energie-Wende das Fracking zeitweise abgeschrieben hatte, begnügt sich der Film „Promised Land" keineswegs mit einer Schwarzweiß-Zeichnung: Die Motive der skrupellosen Werber für ein extrem zerstörerisches Verfahren werden ebenso ernst genommen wie die Situation der verarmten Farmer. Schnell begreift man, es ist nicht alles so, wie es scheint. Selbst bei den vermeintlichen Dorftrotteln, die „Guns, Groceries, Guitars, Gas", also Gewehre, Gemüse, Gitarren und Benzin in einem Laden kaufen. Kultregisseur Gus Van Sant („Good Will Hunting", „Milk") zaubert eine stimmige Atmosphäre, setzt die authentisch wirkenden Figuren gekonnt ein und hält sich mit seiner eigenen Ästhetik weitgehend zurück. Das tut dem Film und der Sache gut, auch wenn hier nicht einfach „Argumente in die Köpfe der Leute gepumpt werden".
17.6.13
Gambit
USA 2013 (Gambit) Regie: Michael Hoffman mit Colin Firth, Cameron Diaz, Alan Rickman, Tom Courtenay, Stanley Tucci 100 Min.
Dass die ungewöhnliche Paarung von Colin Firth und Cameron Diaz eine wunderbare Peter Sellers-Hommage hervorbringen würde, hätte niemand erwartet. Doch wer hinter die Kulissen dieses großartig altmodischen Spaßes schaut, entdeckt mit den Drehbuch-Autoren Ethan und Joel Coen („Fargo") sowie dem Regisseur Michael Hoffman („Ein Sommernachtstraum", 1998) eindeutige Indikatoren für bestes Kino!
Dieser Plan von Kunst-Kenner Harry Deane (Colin Firth), mit einen Heuhaufen-Gemälde von Monet einen Haufen Heu, beziehungsweise Geld, zu machen und sich gleichzeitig herrlich am ausgesucht ekligen Lord Lionel Shahbandar (Alan Rickman) zu rächen, läuft eindeutig zu glatt ab! Denkt man, aber das ist erst mal nur die voreilige Vorstellung von Harry Deane. Die Ausführung erweist sich als wesentlich holperiger, merkt der spätestens, als der distinguierte Brite in einer texanischen Bar auf die Nase fällt oder einen auf selbige bekommt. Dauernd wird der „törichte Freund" des Erzählers von nun an etwas auf die Nase bekommen und - gemäß der Erzähltradition der texanischen Filmemacher Coen - im Verlaufe der nicht planmäßig verlaufenden Handlung immer mitgenommener aussehen.
Dabei sah alles so einfach aus: Harry Deane lässt seinen Chef Lord Lionel Shahbandar „zufällig" entdecken, dass in der Absteige des ungehobelten texanischen Cowgirls PJ Puznowski (Cameron Diaz) ein millionenschwerer, seit Jahrzehnten vermisster Monet hängt. Diese Fälschung von Harrys Freund und Mitarbeiter Major Wingate (Tom Courtenay) soll die eingeweihte PJ dem Lord in London verkaufen und damit alle reich und glücklich machen. Doch zuerst erweist sich vor alle PJ Puznowski als ganz anders und viel ordinärer. Was Lionel Shahbandar überraschenderweise gar nicht abstößt. Und auch ein Häuflein witziger Japaner hat viel Spaß an ihr. Wobei Harry immer weniger zu lachen hat. Selbst Martin Zaidenweber (umwerfend gespielt von Stanley Tucci), das laufende Klischee eines deutschen Museumsleiters („the director of the Kunstmuseum in Köln"), kommt ihm als konkurrierender Expertisen-Ersteller böse in die Quere.
Dass dieser perfekt chaotisch ablaufende Trickdiebstahl - bis auf Harrys Nase - unblutig verläuft, macht den Coen-Film zu einem besonderen Spaß. Man kommt nicht umhin, an das geniale Duo aus Regisseur Blake Edwards (1922-2010) und Komiker Peter Sellers (1925-1980) zu denken: „Der Partyschreck" (1968) und „Der rosarote Panther", schon im animierten Vorspann angedeutet, standen eindeutig Pate bei dieser gelungenen Gauner-Komödie. Dass ausgerechnet Colin Firth das Erbe von Inspektor Jacques Clouseau und Dr. Seltsam antritt, lag nicht auf der Hand, erweist sich aber als geniale Besetzung: Der eher ernsthaft eingesetzte Meister-Schauspieler setzt als scheinbar scheiternder Meister-Dieb feine Nuancen des Niedergangs hervorragend um. Cameron Diaz darf als einfache Amerikanerin, die ihr Herz auf der Zunge trägt, deftiger loslegen. Stanley Tucci gibt seinem Martin Zaidenweber einen genialen deutschen Dialekt, den die Synchro wohl nicht mitbekommt. Aber vor allem gibt es endlich wieder mal einen richtigen Alan Rickman, der sich vom Fluch der Potter-Hexereien befreite.
So entstand herrlicher Slapstick in Tradition von Sellers und Tati wenn Harry mit widerspenstigen Stühlen kämpft. Es gibt unglaublich altmodisch spritzig-zotige Dialoge, wenn der verzweifelte Kunst-Gauner über seinen „Major" redet, was Hotel-Angestellte genital missverstehen, und allein die Namen der Figuren brächten nicht nur Loriot viele Sketch-Ideen! Spritzig ist der Spaß auch, wenn der Major nebenbei auch noch einen Pollock fälscht und Harry auch dabei einiges abbekommt. Wie gut „Gambit" letztendlich geworden ist, belegt die Tatsache, dass man keinen Moment wünscht, die Coens hätten diesen Film selbst inszeniert: Michael Hoffman, er fiel bisher vor allem durch seinen sehr netten „Ein Sommernachtstraum" (1998) mit Kevin Kline, Michelle Pfeiffer, Rupert Everett und Stanley Tucci auf, erweist sich als die beste Pointe dieser Humor-Produktion.
Dass die ungewöhnliche Paarung von Colin Firth und Cameron Diaz eine wunderbare Peter Sellers-Hommage hervorbringen würde, hätte niemand erwartet. Doch wer hinter die Kulissen dieses großartig altmodischen Spaßes schaut, entdeckt mit den Drehbuch-Autoren Ethan und Joel Coen („Fargo") sowie dem Regisseur Michael Hoffman („Ein Sommernachtstraum", 1998) eindeutige Indikatoren für bestes Kino!
Dieser Plan von Kunst-Kenner Harry Deane (Colin Firth), mit einen Heuhaufen-Gemälde von Monet einen Haufen Heu, beziehungsweise Geld, zu machen und sich gleichzeitig herrlich am ausgesucht ekligen Lord Lionel Shahbandar (Alan Rickman) zu rächen, läuft eindeutig zu glatt ab! Denkt man, aber das ist erst mal nur die voreilige Vorstellung von Harry Deane. Die Ausführung erweist sich als wesentlich holperiger, merkt der spätestens, als der distinguierte Brite in einer texanischen Bar auf die Nase fällt oder einen auf selbige bekommt. Dauernd wird der „törichte Freund" des Erzählers von nun an etwas auf die Nase bekommen und - gemäß der Erzähltradition der texanischen Filmemacher Coen - im Verlaufe der nicht planmäßig verlaufenden Handlung immer mitgenommener aussehen.
Dabei sah alles so einfach aus: Harry Deane lässt seinen Chef Lord Lionel Shahbandar „zufällig" entdecken, dass in der Absteige des ungehobelten texanischen Cowgirls PJ Puznowski (Cameron Diaz) ein millionenschwerer, seit Jahrzehnten vermisster Monet hängt. Diese Fälschung von Harrys Freund und Mitarbeiter Major Wingate (Tom Courtenay) soll die eingeweihte PJ dem Lord in London verkaufen und damit alle reich und glücklich machen. Doch zuerst erweist sich vor alle PJ Puznowski als ganz anders und viel ordinärer. Was Lionel Shahbandar überraschenderweise gar nicht abstößt. Und auch ein Häuflein witziger Japaner hat viel Spaß an ihr. Wobei Harry immer weniger zu lachen hat. Selbst Martin Zaidenweber (umwerfend gespielt von Stanley Tucci), das laufende Klischee eines deutschen Museumsleiters („the director of the Kunstmuseum in Köln"), kommt ihm als konkurrierender Expertisen-Ersteller böse in die Quere.
Dass dieser perfekt chaotisch ablaufende Trickdiebstahl - bis auf Harrys Nase - unblutig verläuft, macht den Coen-Film zu einem besonderen Spaß. Man kommt nicht umhin, an das geniale Duo aus Regisseur Blake Edwards (1922-2010) und Komiker Peter Sellers (1925-1980) zu denken: „Der Partyschreck" (1968) und „Der rosarote Panther", schon im animierten Vorspann angedeutet, standen eindeutig Pate bei dieser gelungenen Gauner-Komödie. Dass ausgerechnet Colin Firth das Erbe von Inspektor Jacques Clouseau und Dr. Seltsam antritt, lag nicht auf der Hand, erweist sich aber als geniale Besetzung: Der eher ernsthaft eingesetzte Meister-Schauspieler setzt als scheinbar scheiternder Meister-Dieb feine Nuancen des Niedergangs hervorragend um. Cameron Diaz darf als einfache Amerikanerin, die ihr Herz auf der Zunge trägt, deftiger loslegen. Stanley Tucci gibt seinem Martin Zaidenweber einen genialen deutschen Dialekt, den die Synchro wohl nicht mitbekommt. Aber vor allem gibt es endlich wieder mal einen richtigen Alan Rickman, der sich vom Fluch der Potter-Hexereien befreite.
So entstand herrlicher Slapstick in Tradition von Sellers und Tati wenn Harry mit widerspenstigen Stühlen kämpft. Es gibt unglaublich altmodisch spritzig-zotige Dialoge, wenn der verzweifelte Kunst-Gauner über seinen „Major" redet, was Hotel-Angestellte genital missverstehen, und allein die Namen der Figuren brächten nicht nur Loriot viele Sketch-Ideen! Spritzig ist der Spaß auch, wenn der Major nebenbei auch noch einen Pollock fälscht und Harry auch dabei einiges abbekommt. Wie gut „Gambit" letztendlich geworden ist, belegt die Tatsache, dass man keinen Moment wünscht, die Coens hätten diesen Film selbst inszeniert: Michael Hoffman, er fiel bisher vor allem durch seinen sehr netten „Ein Sommernachtstraum" (1998) mit Kevin Kline, Michelle Pfeiffer, Rupert Everett und Stanley Tucci auf, erweist sich als die beste Pointe dieser Humor-Produktion.
The Sapphires
Australien 2012 Regie: Wayne Blair mit Chris O'Dowd, Deborah Mailman, Jessica Mauboy, Shari Sebbens, Miranda Tapsell 103 Min.
Wayne Blair erzählt in seinem sensationellen Langfilm-Debüt „The Sapphires" von vier jungen Frauen, die von den australischen Ureinwohnern abstammen und im Jahr 68 als Sängerinnen zur Truppen-Unterhaltung in den Vietnam-Krieg ziehen. Die wahre Geschichte, wie die leidenschaftlichen Mädels dem Rassismus zuhause entkommen und ihren kurzen Ruhm genießen, ist ein musikalischer Wohlfühlfilm.
Sie haben den Schwung von „The Commitments" und den Drive des Roadmovies „Priscilla – Königin der Wüste". Doch die Sapphires haben auch ihre ganz eigene Geschichte als Aborigines, die sich mit Hilfe der Musik von den Fesseln ihrer Heimat befreiten. Als sie sich noch „Cummeragunja Song Birds" nannten, waren die Mädels Außenseiter. Sowohl in ihren „Reservaten", wo die Singerei als Spinnerei angesehen wurde und nur harte Arbeit zählte, als auch bei den „Weißen". Es ist 1968 in Australien. Als Gail (Deborah Mailman) und ihre drei Schwestern im nächsten Kaff einen lächerlichen Musikwettbewerb mit sagenhaftem Gesang in den Grundfesten erschüttern, werden sie doch nur zweite - sie sind „schwarz". Dass sie ausgerechnet ziemlich rein-weißen Country&Western singen, ist eine besondere Note dabei. So lautet denn auch eine der ersten Lektionen von ihrem zukünftigen Manager Dave (Chris O'Dowd): „90% aller Musik ist Schrott, der Rest ist Soul". Allerdings dauert es etwas, bis Gail und ihre Mädels akzeptieren, dass dieses versoffene, heruntergekommene Weißbrot irgendwo Soul im Körper hat und sie managen darf. Den größten Widerstand gibt es jedoch zuhause. Vor allem die Jüngste darf nicht mal mit zum Vorsingen nach Melbourne. In der Zeitung war ein Job als Showband für die Soldaten in Vietnam annonciert. Doch schließlich überreden die drei Power-Frauen sogar noch ihre stimmgewaltige Cousine Kay (Shari Sebbens), die einst vom Staat entführt und von Weißen adoptiert wurde. Jetzt begeistern die Sapphires mit neuem Namen, Soul-Repertoire und heißer Bühnenshow erst das Auswahlkomitee und dann Heerscharen von Soldaten in Südost-Asien. Dass dort ein blutiger Krieg stattfindet, dringt mit tragischen Folgen erst spät durch die mädchenhafte Begeisterung...
„Sing, wenn du traurig bist" lautet der Rat von Gails spirituell verwurzelter Großmutter. Könnte auch eine universelle Formel für erfolgreiche Filme sein. Der australische Wohlfühlfilm „The Sapphires" bringt wie einst die „Commitments" viel Schwung mit etwas Sentiment ins Kino. Und wie bei „Priscilla – Königin der Wüste" geht es auch hier um Ausgegrenzte, Unterdrückte und Benachteiligte. So genießt man tolle Stimmen, gute Songs und den Spaß vor allem mit dem König der Oneliner Dave, während man nebenbei Erschütterndes über die Situation der Aborigines, der australischen Ureinwohner, erfährt. Die Widerspenstigkeit Gails ist auf eines der massenhaft verübten staatlichen Verbrechen zurückzuführen, die lange Jahrzehnte Familien auseinanderriss und ganze Generationen traumatisierte. „The Sapphires" trumpft trotz Vietnam-Krieg und Rassismus mit einem glaubhaften Happy End auf. In der Schlussszene wartet ein kleiner Junge auf seine Mutter, der einst das Buch zu diesem Film schreiben wird.
Wayne Blair erzählt in seinem sensationellen Langfilm-Debüt „The Sapphires" von vier jungen Frauen, die von den australischen Ureinwohnern abstammen und im Jahr 68 als Sängerinnen zur Truppen-Unterhaltung in den Vietnam-Krieg ziehen. Die wahre Geschichte, wie die leidenschaftlichen Mädels dem Rassismus zuhause entkommen und ihren kurzen Ruhm genießen, ist ein musikalischer Wohlfühlfilm.
Sie haben den Schwung von „The Commitments" und den Drive des Roadmovies „Priscilla – Königin der Wüste". Doch die Sapphires haben auch ihre ganz eigene Geschichte als Aborigines, die sich mit Hilfe der Musik von den Fesseln ihrer Heimat befreiten. Als sie sich noch „Cummeragunja Song Birds" nannten, waren die Mädels Außenseiter. Sowohl in ihren „Reservaten", wo die Singerei als Spinnerei angesehen wurde und nur harte Arbeit zählte, als auch bei den „Weißen". Es ist 1968 in Australien. Als Gail (Deborah Mailman) und ihre drei Schwestern im nächsten Kaff einen lächerlichen Musikwettbewerb mit sagenhaftem Gesang in den Grundfesten erschüttern, werden sie doch nur zweite - sie sind „schwarz". Dass sie ausgerechnet ziemlich rein-weißen Country&Western singen, ist eine besondere Note dabei. So lautet denn auch eine der ersten Lektionen von ihrem zukünftigen Manager Dave (Chris O'Dowd): „90% aller Musik ist Schrott, der Rest ist Soul". Allerdings dauert es etwas, bis Gail und ihre Mädels akzeptieren, dass dieses versoffene, heruntergekommene Weißbrot irgendwo Soul im Körper hat und sie managen darf. Den größten Widerstand gibt es jedoch zuhause. Vor allem die Jüngste darf nicht mal mit zum Vorsingen nach Melbourne. In der Zeitung war ein Job als Showband für die Soldaten in Vietnam annonciert. Doch schließlich überreden die drei Power-Frauen sogar noch ihre stimmgewaltige Cousine Kay (Shari Sebbens), die einst vom Staat entführt und von Weißen adoptiert wurde. Jetzt begeistern die Sapphires mit neuem Namen, Soul-Repertoire und heißer Bühnenshow erst das Auswahlkomitee und dann Heerscharen von Soldaten in Südost-Asien. Dass dort ein blutiger Krieg stattfindet, dringt mit tragischen Folgen erst spät durch die mädchenhafte Begeisterung...
„Sing, wenn du traurig bist" lautet der Rat von Gails spirituell verwurzelter Großmutter. Könnte auch eine universelle Formel für erfolgreiche Filme sein. Der australische Wohlfühlfilm „The Sapphires" bringt wie einst die „Commitments" viel Schwung mit etwas Sentiment ins Kino. Und wie bei „Priscilla – Königin der Wüste" geht es auch hier um Ausgegrenzte, Unterdrückte und Benachteiligte. So genießt man tolle Stimmen, gute Songs und den Spaß vor allem mit dem König der Oneliner Dave, während man nebenbei Erschütterndes über die Situation der Aborigines, der australischen Ureinwohner, erfährt. Die Widerspenstigkeit Gails ist auf eines der massenhaft verübten staatlichen Verbrechen zurückzuführen, die lange Jahrzehnte Familien auseinanderriss und ganze Generationen traumatisierte. „The Sapphires" trumpft trotz Vietnam-Krieg und Rassismus mit einem glaubhaften Happy End auf. In der Schlussszene wartet ein kleiner Junge auf seine Mutter, der einst das Buch zu diesem Film schreiben wird.
12.6.13
Woodstock in Timbuktu
BRD 2011 Regie: Désirée von Trotha 96 Min.
Was in den Nachrichten gerne als Malis Kampf gegen die Islamisten verkürzt wird, erhält in dem hintergründigen Musikfilm „Woodstock in Timbuktu – die Kunst des Widerstands", der informiert und begeistert, Leben und erlebte Substanz. Der Dokumentarfilm erzählt von einem internationalen Musikfestival in der malischen Sahara. Es geht um die Musik der Tuareg, die in jüngster Zeit Erfolge feiert und Grammys gewann; um Musiker und Poeten, die Macht der Frauen, Kamelhirten, Ex-Rebellen, Drogenschmuggler und die drohende Gefahr durch militante Salafisten. In ihren Liedern besingen sie wie schlimm vieles war, wie hart es noch ist und wie schön alles werden soll. Im Moment ist es wieder sehr schlimm. Doch gerade jetzt scheint es drängender denn je an bessere Zeiten und den kulturellen Reichtum dieses vom Untergang bedrohten Volkes zu erinnern.
Der gelungene Mix aus Historischem und schönen kleinen Geschichten, guten Interviews sowie Portraits und Interviews der Musiker zieht einen sofort in seinen Bann. Auch die große Rolle der Frau in der Nomaden-Gesellschaft der Tuareg kommt zur Sprache. Der konventionelle Rote Faden um Vorbereitungen und Aufbau des Festivals, das seit 2001 veranstaltet wird, gerät dabei in den Hintergrund, aber immer wieder nehmen tolle Auftritte auch diesen Faden wieder auf. Eine exzellente Dokumentation mit tollen Bildern.
Was in den Nachrichten gerne als Malis Kampf gegen die Islamisten verkürzt wird, erhält in dem hintergründigen Musikfilm „Woodstock in Timbuktu – die Kunst des Widerstands", der informiert und begeistert, Leben und erlebte Substanz. Der Dokumentarfilm erzählt von einem internationalen Musikfestival in der malischen Sahara. Es geht um die Musik der Tuareg, die in jüngster Zeit Erfolge feiert und Grammys gewann; um Musiker und Poeten, die Macht der Frauen, Kamelhirten, Ex-Rebellen, Drogenschmuggler und die drohende Gefahr durch militante Salafisten. In ihren Liedern besingen sie wie schlimm vieles war, wie hart es noch ist und wie schön alles werden soll. Im Moment ist es wieder sehr schlimm. Doch gerade jetzt scheint es drängender denn je an bessere Zeiten und den kulturellen Reichtum dieses vom Untergang bedrohten Volkes zu erinnern.
Der gelungene Mix aus Historischem und schönen kleinen Geschichten, guten Interviews sowie Portraits und Interviews der Musiker zieht einen sofort in seinen Bann. Auch die große Rolle der Frau in der Nomaden-Gesellschaft der Tuareg kommt zur Sprache. Der konventionelle Rote Faden um Vorbereitungen und Aufbau des Festivals, das seit 2001 veranstaltet wird, gerät dabei in den Hintergrund, aber immer wieder nehmen tolle Auftritte auch diesen Faden wieder auf. Eine exzellente Dokumentation mit tollen Bildern.
Tango Libre
Belgien, Luxemburg. Frankreich 2012 (Tango Libre) Regie: Frédéric Fonteyne mit François Damiens, Sergi López, Jan Hammenecker, Anne Paulicevich, Zacherie Chasseriaud 105 Min. FSK ab 12
Jean-Christophe (François Damiens), „JC" genannt, lernen wir als sehr korrekten, ängstlichen Wachmann im Knast kennen, dessen Leben grau wie die Dienstuniform ist und der selbst an einer absurden Ampel mitten auf dem Feld bei Rot stehen bleibt. JC verliebt sich auf Anhieb in Alice (Anne Paulicevich), die Neue vom Tango-Kurs. „Tango Libre" könnte so ein Tanz-Film wie viele andere („Man muss mich nicht lieben") werden, doch Alice hat es in sich! Sie besucht die inhaftierten „Kunden" von JC, zeigt sich sexy in der Besucherkabine - gegenüber ihrem Mann Fernand (Sergi López) und auch gegenüber ihrem Liebhaber Dominic (Jan Hammenecker), der in der gleichen Anstalt, ja sogar in der gleichen Zelle einsitzt. Als sie über diese neue Beziehung ein Besuchsrecht ohne Glasscheibe erreicht hat, sieht die Visite aus, wie die Reise nach Jerusalem, denn auch ihr Sohn Dominic (Jan Hammenecker). Nur JC bekommt keinen Stuhl beim Wechselspiel. Allerdings ist der Spanier Fernand direkt auf ihn eifersüchtig, während Dominic erst mal ruhig bleibt.
Weil der Wärter mit seiner Frau draußen tanzt, bittet Fernand drinnen den besonders beschützten Argentinier (Mariano "Chicho" Frumboli), ihm den Tango beizubringen. Es ist ganz wunderbar, wenn sich die vermeintliche und nur gespielte Aggression unter den harten Jungs als Einführung in den Tango erweist. Hier kann sich „Tango Libre" mit dem Roxanne-Tango aus „Moulin Rouge" messen, hat eine seiner großen Szenen, für die allein sich der Kinobesuch lohnt - neben all den feinen Beobachtungen und Details, dem exzellenten Spiel.
Denn zwischen Alice sowie ihren großen und kleinen Männern, den freien und unfreien, ganz unabhängig von der Position zu den äußerlichen Gittern zeigt „Tango Libre" eine ganze Reihe komplexer Beziehungen und Gefühle. Und Regisseur Frédéric Fonteyne („Eine pornografische Beziehung", 1999) erzählt mit subtilem Witz: Dass Alice ganz eigennützig beim Wärter vorbeischaut, weil der von einem Häftling zusammengeschlagen nicht zum Tango-Kurs kommt, wird sehr schön vom Hinweis gekrönt, dass sie Krankenschwester sei. Der „Hausbesuch" ist eine erste Annäherung, die alles nicht einfacher macht. Beide Genres, das des Knast-Films und des einsamen Einzelgängers, verlangen nach einem Ausbruch. Er gelingt mit einem Familienausflug und einer sehr, sehr ungewöhnlichen, aber sympathischen und vor allem glücklichen Patchwork-Situation.
Anne Paulicevich, die bei uns bisher nur in dem postmoderenen „JCVD" (2008) zu sehen war, hinterlässt als Alice einen ganz starken Eindruck. Sergi López begeistert immer, im französischen Original noch mehr mit seinem wunderbaren, originalen spanischen Akzent. Den Tanz-Lehrer im Knast spielt übrigens der argentinische Tango Nuevo-Entwickler Mariano Chicho Frúmboli.
Jean-Christophe (François Damiens), „JC" genannt, lernen wir als sehr korrekten, ängstlichen Wachmann im Knast kennen, dessen Leben grau wie die Dienstuniform ist und der selbst an einer absurden Ampel mitten auf dem Feld bei Rot stehen bleibt. JC verliebt sich auf Anhieb in Alice (Anne Paulicevich), die Neue vom Tango-Kurs. „Tango Libre" könnte so ein Tanz-Film wie viele andere („Man muss mich nicht lieben") werden, doch Alice hat es in sich! Sie besucht die inhaftierten „Kunden" von JC, zeigt sich sexy in der Besucherkabine - gegenüber ihrem Mann Fernand (Sergi López) und auch gegenüber ihrem Liebhaber Dominic (Jan Hammenecker), der in der gleichen Anstalt, ja sogar in der gleichen Zelle einsitzt. Als sie über diese neue Beziehung ein Besuchsrecht ohne Glasscheibe erreicht hat, sieht die Visite aus, wie die Reise nach Jerusalem, denn auch ihr Sohn Dominic (Jan Hammenecker). Nur JC bekommt keinen Stuhl beim Wechselspiel. Allerdings ist der Spanier Fernand direkt auf ihn eifersüchtig, während Dominic erst mal ruhig bleibt.
Weil der Wärter mit seiner Frau draußen tanzt, bittet Fernand drinnen den besonders beschützten Argentinier (Mariano "Chicho" Frumboli), ihm den Tango beizubringen. Es ist ganz wunderbar, wenn sich die vermeintliche und nur gespielte Aggression unter den harten Jungs als Einführung in den Tango erweist. Hier kann sich „Tango Libre" mit dem Roxanne-Tango aus „Moulin Rouge" messen, hat eine seiner großen Szenen, für die allein sich der Kinobesuch lohnt - neben all den feinen Beobachtungen und Details, dem exzellenten Spiel.
Denn zwischen Alice sowie ihren großen und kleinen Männern, den freien und unfreien, ganz unabhängig von der Position zu den äußerlichen Gittern zeigt „Tango Libre" eine ganze Reihe komplexer Beziehungen und Gefühle. Und Regisseur Frédéric Fonteyne („Eine pornografische Beziehung", 1999) erzählt mit subtilem Witz: Dass Alice ganz eigennützig beim Wärter vorbeischaut, weil der von einem Häftling zusammengeschlagen nicht zum Tango-Kurs kommt, wird sehr schön vom Hinweis gekrönt, dass sie Krankenschwester sei. Der „Hausbesuch" ist eine erste Annäherung, die alles nicht einfacher macht. Beide Genres, das des Knast-Films und des einsamen Einzelgängers, verlangen nach einem Ausbruch. Er gelingt mit einem Familienausflug und einer sehr, sehr ungewöhnlichen, aber sympathischen und vor allem glücklichen Patchwork-Situation.
Anne Paulicevich, die bei uns bisher nur in dem postmoderenen „JCVD" (2008) zu sehen war, hinterlässt als Alice einen ganz starken Eindruck. Sergi López begeistert immer, im französischen Original noch mehr mit seinem wunderbaren, originalen spanischen Akzent. Den Tanz-Lehrer im Knast spielt übrigens der argentinische Tango Nuevo-Entwickler Mariano Chicho Frúmboli.
Olympus has fallen
USA 2013 (Olympus has fallen) Regie: Antoine Fuqua, mit Gerard Butler, Aaron Eckhart, Angela Bassett, Morgan Freeman, Dylan McDermott, Melissa Leo 120 Min. FSK ab 16
Schon wieder die Nord-Koreaner! Hollywood muss entweder völlig verzweifelt oder unter Drogen sein, um diese künstlich aufgeblasene Bedrohung des Welt-Unfriedens nach dem Remake von „Red Dawn" noch einmal ernsthaft als dramaturgisches Material zu verwenden. Aber ansonsten fällt denen ja auch nichts Neues ein. Also noch so ein völlig unrealistischer Angriff auf die USA, deren Luftraum scheinbar nur von zwei dämlichen Jet-Piloten gesichert ist. So trudelt ein langsamer, träger Bomber gemütlich bis zum Weißen Haus, schießt auf dem Weg sinnlos Passanten ab und köpft das Washington Monument - die Millionen müssen ja irgendwo verpulvert werden und auch dieser Film will ein schockierendes Bild von Verletzung uramerikanischer Symbole präsentieren.
Dann nehmen die Schurken auch noch den Präsidenten in dessen eigenen Keller als Geisel. Gegen diesen Anschlag in das Herz der auf Guantanamo und in Polen folternden, die ganze Welt aushorchenden Demokratie kann letztlich nur einer auftreten: Sylvester Stallone! Nein, der macht in Senioren-Unterhaltung. Steven Seagal! Nee, der eröffnet ein Body Building-Studio im Kreml. Bruce Willis! Auch nicht, der hat eine harte Zeit, weil „Die Hard" so übel gestorben ist. Also: Gerard Butler! Was sowohl für dessen Karriere als auch für diesen ironie-freien Ballerfilm nichts Gutes bedeutet.
Nach einer halben Stunde lautem Inszenieren einer weißen Präsidentschaft (Aaron Eckhart), mit Morgan Freeman auf der Ersatzbank, reanimiert sich der nach dem von ihm miterlebten Absturz der First Lady deaktivierte Präsidenten-Leibwächter Agent Mike Banning (Gerard Butler) zum Retter hinter den Kulissen. Vor allem die alte Freundschaft zum kleinen Sohn des Präsidenten treibt ihn an, die nord-koreanische Invasion eigenhändig zurückzuschlagen. „Olympus Has Fallen" ist eine extrem harte Mischung von „Kevin allein im weißen Haus" mit einer schwachen Variante der Weihnachtsversion von „Die Hard". „Training Day"-Regisseur Antoine Fuqua ist auf seinem schlingernden Karriere-Weg zwischen Routine („Gesetz der Straße - Brooklyn's Finest", 2009) und besserer Routine („Shooter", 2007) diesmal in einen Straßengraben voll mit altbekanntem Action-Schrott gelandet. Zudem ist der Film politisch dämlich und unerträglich patriotisch. So extrem brutal die Mord- und Folter-Szenen im Einzelnen aus sein mögen, es wirkt immer noch zynisch, dass wir Mitleid um eine Machtelite haben sollen, in deren Jobbeschreibung „Kriege führen" ganz oben steht.
Schon wieder die Nord-Koreaner! Hollywood muss entweder völlig verzweifelt oder unter Drogen sein, um diese künstlich aufgeblasene Bedrohung des Welt-Unfriedens nach dem Remake von „Red Dawn" noch einmal ernsthaft als dramaturgisches Material zu verwenden. Aber ansonsten fällt denen ja auch nichts Neues ein. Also noch so ein völlig unrealistischer Angriff auf die USA, deren Luftraum scheinbar nur von zwei dämlichen Jet-Piloten gesichert ist. So trudelt ein langsamer, träger Bomber gemütlich bis zum Weißen Haus, schießt auf dem Weg sinnlos Passanten ab und köpft das Washington Monument - die Millionen müssen ja irgendwo verpulvert werden und auch dieser Film will ein schockierendes Bild von Verletzung uramerikanischer Symbole präsentieren.
Dann nehmen die Schurken auch noch den Präsidenten in dessen eigenen Keller als Geisel. Gegen diesen Anschlag in das Herz der auf Guantanamo und in Polen folternden, die ganze Welt aushorchenden Demokratie kann letztlich nur einer auftreten: Sylvester Stallone! Nein, der macht in Senioren-Unterhaltung. Steven Seagal! Nee, der eröffnet ein Body Building-Studio im Kreml. Bruce Willis! Auch nicht, der hat eine harte Zeit, weil „Die Hard" so übel gestorben ist. Also: Gerard Butler! Was sowohl für dessen Karriere als auch für diesen ironie-freien Ballerfilm nichts Gutes bedeutet.
Nach einer halben Stunde lautem Inszenieren einer weißen Präsidentschaft (Aaron Eckhart), mit Morgan Freeman auf der Ersatzbank, reanimiert sich der nach dem von ihm miterlebten Absturz der First Lady deaktivierte Präsidenten-Leibwächter Agent Mike Banning (Gerard Butler) zum Retter hinter den Kulissen. Vor allem die alte Freundschaft zum kleinen Sohn des Präsidenten treibt ihn an, die nord-koreanische Invasion eigenhändig zurückzuschlagen. „Olympus Has Fallen" ist eine extrem harte Mischung von „Kevin allein im weißen Haus" mit einer schwachen Variante der Weihnachtsversion von „Die Hard". „Training Day"-Regisseur Antoine Fuqua ist auf seinem schlingernden Karriere-Weg zwischen Routine („Gesetz der Straße - Brooklyn's Finest", 2009) und besserer Routine („Shooter", 2007) diesmal in einen Straßengraben voll mit altbekanntem Action-Schrott gelandet. Zudem ist der Film politisch dämlich und unerträglich patriotisch. So extrem brutal die Mord- und Folter-Szenen im Einzelnen aus sein mögen, es wirkt immer noch zynisch, dass wir Mitleid um eine Machtelite haben sollen, in deren Jobbeschreibung „Kriege führen" ganz oben steht.
Seelen
USA 2013 (The Host) Regie: Andrew Niccol mit Saoirse Ronan, Max Irons, Diane Kruger, Jake Abel 125 Min. FSK ab 12
Das klare Styling in den ersten Szenen versprechen eine spannende Science Fiction-Geschichte von Andrew Niccol, der mit „In Time - Deine Zeit läuft ab" (2011) sowie „Gattaca" (1997) das Genre bereicherte und auch beim Actionfilm „Lord of War - Händler des Todes" (2005) sein Können bewies. Aliens haben in der Zukunft die Erde kolonialisiert und „befriedet". Als Melanie (Saoirse Ronan) eine der letzten, noch nicht besetzten Menschen, von den Suchern verfolgt wird, springt sie in den vermeintlichen Tod. Doch die Häscher retten sie und pflanzen den Host, den Parasiten namens „Wanderer", der schon auf vielen Planeten im Einsatz war, in ihren Kopf. Melanies Erinnerungen sind gefragt, um die letzten Widerstands-Nester zu finden. Doch ihre Rückblenden geraten sehr emotional. Nicht nur wegen des kleinen Bruders, der auch fliehen konnte, als der Vater sich vor der Ergreifung durch die Außerirdischen erschoss. Es gibt auch Jared, den sie liebt.
Der Rest von Melanies menschlichem Bewusstsein erweist sich als besonders willensstark. Über auf Dauer nervige Dialoge im Kopf - Gedanken von Melanie, Gesprochenes vom Host - und ein paar Spiegelszenen für diese schizophrene Situation überzeugt Melanie den Host, gemeinsam zu fliehen. Auch wenn der Fluchtwagen als alter Volvo extrem stabil ausgelegt ist, überlebt er es nicht, dass zwei Persönlichkeiten sich um die Richtung streiten. Trotzdem gelangen sie zum Nest des Widerstands unter der Führung von Onkel Jeb (William Hurt irgendwo in der Wüste, wo ihn Wim Wenders in „Bis ans Ende der Welt" 1991 zurückgelassen hatte). Dieser geniale Sonderling schuf einen ökologischen Mikrokosmos im Inneren eines alten Vulkans und redet mit dem Host, nennt den Wanderer freundlich Wanda - zum Entsetzen aller anderer. Die ungewöhnliche Offenheit dem Fremden gegenüber verändert jedoch die Welt...
Chromglänzende Maschinen, weiße Anzüge und Kleider - bis auf die Augen mit dem kalten Glanz starr leuchtender Pupillen sind es eigentlich ganz freundliche Aliens. Nur die von den Borg oder anderen Religionen entlehnte Philosophie der totalen Vereinnahmung ist nicht mehr nett. Dass sich einzelne Aliens trotzdem als die besseren Menschen erweisen, setzt ein gerüttelt Maß an interplanetarischer Völkerverständigung voraus. Doch die kitschige Weltfriedens-Vision ist als Film von Andrew Niccol immer noch handwerklich reizvoll inszeniert. Als jedoch die Gefühle für Jared, den früheren Freund von Melanie, mit denen von Wanda für Ian konkurrieren, wird es das befürchtete Teenie-Filmchen. Das Schema der jungen Frau zwischen zwei Männern verursacht auf der Stelle Langeweile, auch ohne zu wissen, dass ein Roman von Stephenie „Twilight" Meyer die Vorlage ist. Diesmal sind es nicht Werwolf und Vampir sondern junger Rebell und junger Rebell. Was an subtilem Humor vorhanden war, wird völlig albern, wenn Melanie mit nervigem Dauerkommentaren die Küsserei zu verhindern versucht: „Ihr seid ja nicht mal vom gleichen Planeten!" Schlimmer und schleimiger ist nur noch das Finale.
Bei sehr schöner Kamera-Arbeit (Roberto Schaefer) wird die Hauptrolle ordentlich gespielt von Saoirse Ronan („Wer ist Hanna?", „In meinem Himmel"). Das Schielen auf ein junges „Panem"-Publikum ist unübersehbar. Senior William Hurt hat endlich mal wieder eine großartige Rolle, auch Diane Krüger („Barfuß auf Nacktschnecken", „Mr. Nobody") als kalte Sucherin mit einem Rest Menschlichkeit überzeugt.
Das klare Styling in den ersten Szenen versprechen eine spannende Science Fiction-Geschichte von Andrew Niccol, der mit „In Time - Deine Zeit läuft ab" (2011) sowie „Gattaca" (1997) das Genre bereicherte und auch beim Actionfilm „Lord of War - Händler des Todes" (2005) sein Können bewies. Aliens haben in der Zukunft die Erde kolonialisiert und „befriedet". Als Melanie (Saoirse Ronan) eine der letzten, noch nicht besetzten Menschen, von den Suchern verfolgt wird, springt sie in den vermeintlichen Tod. Doch die Häscher retten sie und pflanzen den Host, den Parasiten namens „Wanderer", der schon auf vielen Planeten im Einsatz war, in ihren Kopf. Melanies Erinnerungen sind gefragt, um die letzten Widerstands-Nester zu finden. Doch ihre Rückblenden geraten sehr emotional. Nicht nur wegen des kleinen Bruders, der auch fliehen konnte, als der Vater sich vor der Ergreifung durch die Außerirdischen erschoss. Es gibt auch Jared, den sie liebt.
Der Rest von Melanies menschlichem Bewusstsein erweist sich als besonders willensstark. Über auf Dauer nervige Dialoge im Kopf - Gedanken von Melanie, Gesprochenes vom Host - und ein paar Spiegelszenen für diese schizophrene Situation überzeugt Melanie den Host, gemeinsam zu fliehen. Auch wenn der Fluchtwagen als alter Volvo extrem stabil ausgelegt ist, überlebt er es nicht, dass zwei Persönlichkeiten sich um die Richtung streiten. Trotzdem gelangen sie zum Nest des Widerstands unter der Führung von Onkel Jeb (William Hurt irgendwo in der Wüste, wo ihn Wim Wenders in „Bis ans Ende der Welt" 1991 zurückgelassen hatte). Dieser geniale Sonderling schuf einen ökologischen Mikrokosmos im Inneren eines alten Vulkans und redet mit dem Host, nennt den Wanderer freundlich Wanda - zum Entsetzen aller anderer. Die ungewöhnliche Offenheit dem Fremden gegenüber verändert jedoch die Welt...
Chromglänzende Maschinen, weiße Anzüge und Kleider - bis auf die Augen mit dem kalten Glanz starr leuchtender Pupillen sind es eigentlich ganz freundliche Aliens. Nur die von den Borg oder anderen Religionen entlehnte Philosophie der totalen Vereinnahmung ist nicht mehr nett. Dass sich einzelne Aliens trotzdem als die besseren Menschen erweisen, setzt ein gerüttelt Maß an interplanetarischer Völkerverständigung voraus. Doch die kitschige Weltfriedens-Vision ist als Film von Andrew Niccol immer noch handwerklich reizvoll inszeniert. Als jedoch die Gefühle für Jared, den früheren Freund von Melanie, mit denen von Wanda für Ian konkurrieren, wird es das befürchtete Teenie-Filmchen. Das Schema der jungen Frau zwischen zwei Männern verursacht auf der Stelle Langeweile, auch ohne zu wissen, dass ein Roman von Stephenie „Twilight" Meyer die Vorlage ist. Diesmal sind es nicht Werwolf und Vampir sondern junger Rebell und junger Rebell. Was an subtilem Humor vorhanden war, wird völlig albern, wenn Melanie mit nervigem Dauerkommentaren die Küsserei zu verhindern versucht: „Ihr seid ja nicht mal vom gleichen Planeten!" Schlimmer und schleimiger ist nur noch das Finale.
Bei sehr schöner Kamera-Arbeit (Roberto Schaefer) wird die Hauptrolle ordentlich gespielt von Saoirse Ronan („Wer ist Hanna?", „In meinem Himmel"). Das Schielen auf ein junges „Panem"-Publikum ist unübersehbar. Senior William Hurt hat endlich mal wieder eine großartige Rolle, auch Diane Krüger („Barfuß auf Nacktschnecken", „Mr. Nobody") als kalte Sucherin mit einem Rest Menschlichkeit überzeugt.
The Place Beyond the Pines
USA 2012 (The Place Beyond the Pines) Regie: Derek Cianfrance mit Ryan Gosling, Bradley Cooper, Eva Mendes, Mahershalalhashbaz Ali, Ben Mendelsohn, 140 Min. FSK ab 12
Das löchrige T-Shirt trägt er auf Links, seine Autogramme sind so ungelenk wie die Tattoos - aber was für ein Auftritt! Die Kamera folgt Ryan Gosling aus dem Trailer, quer über den Jahrmarkt bis zum halsbrecherischen Motorrad-Stunt, um dessen Figur Luke unvergesslich einzuführen. Ryan Gosling spielt einen blonden Ryan Gosling, dauerrauchend und grinsend. Wie in „Drive" kümmert er sich um Frau und Kind, nur ist es diesmal Lukes eigenes, nur redet er diesmal etwas mehr. Luke hat spontan seinen Job beim Jahrmarkt gekündigt und will in dem kleinen Nest bleiben, wo er vor einem Jahr mit Romina (Eva Mendes aus „Holy Motors") ein Kind gezeugt hat. Am Tag der Taufe tritt der Mann, der sich zwischendurch an Rominas Seite war, brav im Anzug auf. Er soll nicht der Gegenspieler Lukes in dieser intensiven Geschichte voller Überraschungen werden.
Um Geld für seine „Familie" aufzutreiben, überfällt der Motorrad-Driver (oder -Transporter) Luke zusammen mit seinem Kumpel Robin (Ben Mendelsohn) Banken. Nach dem ersten Überfall kotzt er sich erst mal im Laster, der das Flucht-Motorrad versteckt, aus. Aber die dunkle Warnung steht schon im Raum: „If you ride like thunder, you gonna crash like thunder" (sinngemäß: Wer so höllisch fährt, kommt in die Hölle.)
„The Place Beyond the Pines" zeigt einfache Typen, die Handlung schreitet ohne viel Schnickschnack, ohne retardierende Momente voran, wie bei einem effektiven Raubzug. Die Musik versucht etwas Schwebendes zu erzeugen und dann tritt Gosling/Luke ab. Statt der schillernden Figur folgt der Film einem eher unauffälligen Polizisten. Avery (Bradley Cooper) ist ein ehrlicher Cop, Sohn eines Richters und ehemaliger Jura-Student, der korrupte Kollegen unter der Führung von Deluca (Ray Liotta) auffliegen lässt. Die erste Geschichte wiederholt sich, nun steht Avery mit einer Tüte Geld vor dem Haus von Romina...
Der Film begibt sich auf das Territorium der James Gray-Filme, wobei der große Unterschied zwischen diesem Doppelportrait und Regisseur Cianfrances Vorgänger „Blue Valentine"im Partner von Gosling liegt. Damals war es Michelle Williams, nun Bradley Cooper und und der hat sogar mehr „Screen Time" als Gosling! Allerdings überrascht „The Place Beyond the Pines", der Drei-Akter um Väter und Söhne erneut, als 15 Jahre später die beiden Jungs von Luke und Avery aufeinandertreffen.
Nach Lukes Geschichte mit faszinierenden Bildern um eine ikonografische Figur und dem Cop-Krimi vollendet sich das Triptychon mit dem Mut zu ganz großen, ja epischen Erzählschritten. „The Place Beyond the Pines" kriegt auf faszinierende Weise die Kurve wieder hin zum Anfang - allein für diese Formvollendung sollte man sich den Film (wieder) ansehen. Um Gosling herum agieren sehr gute Schauspieler, auch die nächste Generation beeindruckt.
Das löchrige T-Shirt trägt er auf Links, seine Autogramme sind so ungelenk wie die Tattoos - aber was für ein Auftritt! Die Kamera folgt Ryan Gosling aus dem Trailer, quer über den Jahrmarkt bis zum halsbrecherischen Motorrad-Stunt, um dessen Figur Luke unvergesslich einzuführen. Ryan Gosling spielt einen blonden Ryan Gosling, dauerrauchend und grinsend. Wie in „Drive" kümmert er sich um Frau und Kind, nur ist es diesmal Lukes eigenes, nur redet er diesmal etwas mehr. Luke hat spontan seinen Job beim Jahrmarkt gekündigt und will in dem kleinen Nest bleiben, wo er vor einem Jahr mit Romina (Eva Mendes aus „Holy Motors") ein Kind gezeugt hat. Am Tag der Taufe tritt der Mann, der sich zwischendurch an Rominas Seite war, brav im Anzug auf. Er soll nicht der Gegenspieler Lukes in dieser intensiven Geschichte voller Überraschungen werden.
Um Geld für seine „Familie" aufzutreiben, überfällt der Motorrad-Driver (oder -Transporter) Luke zusammen mit seinem Kumpel Robin (Ben Mendelsohn) Banken. Nach dem ersten Überfall kotzt er sich erst mal im Laster, der das Flucht-Motorrad versteckt, aus. Aber die dunkle Warnung steht schon im Raum: „If you ride like thunder, you gonna crash like thunder" (sinngemäß: Wer so höllisch fährt, kommt in die Hölle.)
„The Place Beyond the Pines" zeigt einfache Typen, die Handlung schreitet ohne viel Schnickschnack, ohne retardierende Momente voran, wie bei einem effektiven Raubzug. Die Musik versucht etwas Schwebendes zu erzeugen und dann tritt Gosling/Luke ab. Statt der schillernden Figur folgt der Film einem eher unauffälligen Polizisten. Avery (Bradley Cooper) ist ein ehrlicher Cop, Sohn eines Richters und ehemaliger Jura-Student, der korrupte Kollegen unter der Führung von Deluca (Ray Liotta) auffliegen lässt. Die erste Geschichte wiederholt sich, nun steht Avery mit einer Tüte Geld vor dem Haus von Romina...
Der Film begibt sich auf das Territorium der James Gray-Filme, wobei der große Unterschied zwischen diesem Doppelportrait und Regisseur Cianfrances Vorgänger „Blue Valentine"im Partner von Gosling liegt. Damals war es Michelle Williams, nun Bradley Cooper und und der hat sogar mehr „Screen Time" als Gosling! Allerdings überrascht „The Place Beyond the Pines", der Drei-Akter um Väter und Söhne erneut, als 15 Jahre später die beiden Jungs von Luke und Avery aufeinandertreffen.
Nach Lukes Geschichte mit faszinierenden Bildern um eine ikonografische Figur und dem Cop-Krimi vollendet sich das Triptychon mit dem Mut zu ganz großen, ja epischen Erzählschritten. „The Place Beyond the Pines" kriegt auf faszinierende Weise die Kurve wieder hin zum Anfang - allein für diese Formvollendung sollte man sich den Film (wieder) ansehen. Um Gosling herum agieren sehr gute Schauspieler, auch die nächste Generation beeindruckt.
5.6.13
Das wundersame Leben von Timothy Green
USA 2012 (The Odd Life of Timothy Green) Regie: Peter Hedges, mit Jennifer Garner, Joel Edgerton, CJ Adams, M. Emmet Walsh, Dianne Wiest 105 Min. FSK ab 6
Ein verzweifelt kinderloses Paar malt sich in einer schönen, gemeinsamen Trauerszene alle Eigenschaften ihres Idealkindes aus und vergräbt die Zettel mit den Wunschvorstellungen im Garten. Märchenhaft sorgt ein heftiges Gewitter dafür, dass noch in der gleichen Nacht der schlammverschmierte Tim in ihrer Wohnung steht. Nur kurz erstaunt nehmen Cindy (Jennifer Garner) und Jim Green (Joel Edgerton) den Jungen (CJ Adams) auf, der vieles und anderes mehr zu wissen scheint als die Erwachsenen: Die Vergeblichkeit, ihm die ungewöhnlichen Blätter von den Knöcheln zu entfernen, belächelt er nur. Die Vergänglichkeit des eigenen Lebens und das von seinem alten Onkel nimmt er mit Gelassenheit und nur leichter Wehmut an. Irgendwann beginnen die paar Blätter von alleine zu fallen.
Denn während alle auf ein paar kuriose pflanzliche Verhaltensweisen starren, vollbringt Tim reihenweise kleine Wunder, erfindet einen neuen Bleistift, macht aus Cindys garstiger Chefin einen empfindsamen Menschen und schießt sogar das entscheidende Tor im Fußballspiel. Cindy und Jim sind so begeistert, dass sie nicht bemerken, wie Tim seine Wunder-Blätter verbraucht, um ihren Stolz zu nähren.
Die in ihren Wurzeln nette Geschichte ist am schönsten, wenn sie ganz fantastisch ist. Was in anheimelnd kleinstädtischer Kitsch-Platzierung mit lauter ehrlich arbeitenden Menschen zu selten passiert. Vor allem die Rahmen-Erzählung strotzt so vor überlieblicher Disney-Familienseligkeit, dass man schreiend dreinschlagen möchte. Zudem scheint sich auch das Schauspiel an die Gleichmacherei von den einfachen Menschen anzupassen. Es mag persönlicher Geschmack sein, aber Jennifer Garner wirkt bei der Anstrengung, eine angestrengte Mutter zu spielen, immer etwas zu sehr bemüht und letztlich überfordert.
Ein verzweifelt kinderloses Paar malt sich in einer schönen, gemeinsamen Trauerszene alle Eigenschaften ihres Idealkindes aus und vergräbt die Zettel mit den Wunschvorstellungen im Garten. Märchenhaft sorgt ein heftiges Gewitter dafür, dass noch in der gleichen Nacht der schlammverschmierte Tim in ihrer Wohnung steht. Nur kurz erstaunt nehmen Cindy (Jennifer Garner) und Jim Green (Joel Edgerton) den Jungen (CJ Adams) auf, der vieles und anderes mehr zu wissen scheint als die Erwachsenen: Die Vergeblichkeit, ihm die ungewöhnlichen Blätter von den Knöcheln zu entfernen, belächelt er nur. Die Vergänglichkeit des eigenen Lebens und das von seinem alten Onkel nimmt er mit Gelassenheit und nur leichter Wehmut an. Irgendwann beginnen die paar Blätter von alleine zu fallen.
Denn während alle auf ein paar kuriose pflanzliche Verhaltensweisen starren, vollbringt Tim reihenweise kleine Wunder, erfindet einen neuen Bleistift, macht aus Cindys garstiger Chefin einen empfindsamen Menschen und schießt sogar das entscheidende Tor im Fußballspiel. Cindy und Jim sind so begeistert, dass sie nicht bemerken, wie Tim seine Wunder-Blätter verbraucht, um ihren Stolz zu nähren.
Die in ihren Wurzeln nette Geschichte ist am schönsten, wenn sie ganz fantastisch ist. Was in anheimelnd kleinstädtischer Kitsch-Platzierung mit lauter ehrlich arbeitenden Menschen zu selten passiert. Vor allem die Rahmen-Erzählung strotzt so vor überlieblicher Disney-Familienseligkeit, dass man schreiend dreinschlagen möchte. Zudem scheint sich auch das Schauspiel an die Gleichmacherei von den einfachen Menschen anzupassen. Es mag persönlicher Geschmack sein, aber Jennifer Garner wirkt bei der Anstrengung, eine angestrengte Mutter zu spielen, immer etwas zu sehr bemüht und letztlich überfordert.
4.6.13
After Earth
USA 2013 (After Earth) Regie: M. Night Shyamalan, mit Jaden Smith, Will Smith, Sophie Okonedo, Zoë Kravitz 100 Min.
Ob es gut ist, wenn Millionen Menschen weltweit Familienalbum und -konflikte einsehen können? Die neueste Geschichte der Familie Will Smith ist ganz und gar eine Smith-Produktion, überhaupt kein M. Night Shyamalan-Film und nur mit Mühen als Scientology-Propaganda interpretierbar.
Ein Asteroiden-Sturm zwingt das futuristische Raumschiff ausgerechnet auf der Erde, die vor Generationen verlassen und unter Quarantäne gestellt wurde, zur Notlandung. Kitai Raige (Jaden Smith), der ehrgeizige und begabte Sohn des hochverehrten militärischen Führers und Helden Cypher Raige (Will Smith) ist voller Panik. Sein schwer verletzter Vater schickt ihn auf eine mehrtägige Reise, um von einem anderen Trümmerteil einen Hilferuf abzuschicken.
Die Erde hat sich tausend Jahre nach den Menschen wieder prächtig erholt: Bison-Herden bis zum Horizont, riesige Wälder mit Mammut-Bäumen, aber auch ziemlich viele, sehr wilde Tiere. Die Außerirdischen von der Erde haben als zusätzlichen Spannungshelfer noch eines dieser Monster mitgebracht, das den neuen Heimatplaneten unsicher macht. Es ist zwar blind, kann allerdings die Angst der Menschen riechen.
Papas Anweisungen vom Kontrollzentrum ähneln einem Computerspiel und praktischerweise kann er auch live und in Farbe mitverfolgen, was Sohnemann erlebt. Das ist unter anderem eine Injektion ins Herz nach einer Blutvergiftung, dazu nicht nur ein atemberaubender Sprung mit einem Wingsuit, sondern noch ein Luftkampf mit Riesenadler, der später den einsamen Kämpfer adoptiert.
Während der Vorrat an Atemflüssigkeit zur Neige geht, gestaltet sich auch der Vater-Sohn-Dialog höchst spannend. Der alte Smith spielt dabei zwei gebrochene Beine und macht nicht viel. Der kleine Smith sagt nicht viel, rennt mit Doppelharpune (passend zum Moby Dick-Thema) durch atemberaubende Landschaften und mit der letzten Luft sprechen sie endlich aus, was zwischen ihnen stand: Der Tod der Tochter beziehungsweise Schwester, dem Kitai tatenlos zusah. Und das Schuldgefühl des Vaters, der schon mit dieser älteren Tochter meist nur über Video in Kontakt stand. Allein wir sehen dabei die Regungen des Vaters, der nur mit Mühen die reglose Fassade als Vorgesetzter aufrecht erhält. Der Blickwechsel zum Papa, der auch nur bei Mama sein möchte, wird spät nachgeliefert.
Der gut gestaltete Science Fiction ist zum Glück spannend genug, um sich über die gerade mal ausreichende Küchenpsychologie keine Gedanken machen zu müssen. Unter der Zukunftst-Deko ist „After Earth" wieder die gleiche Vater-Sohn-Geschichte vom überarbeiteten und abwesenden Ernährer. Ein Problem der Smiths, das sich wohl nur etwas entspannt, wenn jetzt die ganze Familie als Darsteller (Will, Jaden) oder Produzenten (Will, Jada Pinkett-Smith) mit dreht. Dass da Verbindungen zu den Scientologen der Handlung zugrunde liegen, muss allerdings mit Mühen herbeizitiert werden.
Der spannende Smith-Film „After Earth" ist dabei leider kein richtiger M. Night Shyamalan-Film. Doch der gefeierte Regisseur konnte ja schon 2010 mit „Die Legende von Aang" nicht an seine sensationell spannenden „The Village" (2004), „Signs" (2002) oder „The Sixth Sense" (1999) anschließen. Dafür beweist das Familienunternehmen Smith einen sechsten Sinn fürs unterhaltsame Geschäft.
Ob es gut ist, wenn Millionen Menschen weltweit Familienalbum und -konflikte einsehen können? Die neueste Geschichte der Familie Will Smith ist ganz und gar eine Smith-Produktion, überhaupt kein M. Night Shyamalan-Film und nur mit Mühen als Scientology-Propaganda interpretierbar.
Ein Asteroiden-Sturm zwingt das futuristische Raumschiff ausgerechnet auf der Erde, die vor Generationen verlassen und unter Quarantäne gestellt wurde, zur Notlandung. Kitai Raige (Jaden Smith), der ehrgeizige und begabte Sohn des hochverehrten militärischen Führers und Helden Cypher Raige (Will Smith) ist voller Panik. Sein schwer verletzter Vater schickt ihn auf eine mehrtägige Reise, um von einem anderen Trümmerteil einen Hilferuf abzuschicken.
Die Erde hat sich tausend Jahre nach den Menschen wieder prächtig erholt: Bison-Herden bis zum Horizont, riesige Wälder mit Mammut-Bäumen, aber auch ziemlich viele, sehr wilde Tiere. Die Außerirdischen von der Erde haben als zusätzlichen Spannungshelfer noch eines dieser Monster mitgebracht, das den neuen Heimatplaneten unsicher macht. Es ist zwar blind, kann allerdings die Angst der Menschen riechen.
Papas Anweisungen vom Kontrollzentrum ähneln einem Computerspiel und praktischerweise kann er auch live und in Farbe mitverfolgen, was Sohnemann erlebt. Das ist unter anderem eine Injektion ins Herz nach einer Blutvergiftung, dazu nicht nur ein atemberaubender Sprung mit einem Wingsuit, sondern noch ein Luftkampf mit Riesenadler, der später den einsamen Kämpfer adoptiert.
Während der Vorrat an Atemflüssigkeit zur Neige geht, gestaltet sich auch der Vater-Sohn-Dialog höchst spannend. Der alte Smith spielt dabei zwei gebrochene Beine und macht nicht viel. Der kleine Smith sagt nicht viel, rennt mit Doppelharpune (passend zum Moby Dick-Thema) durch atemberaubende Landschaften und mit der letzten Luft sprechen sie endlich aus, was zwischen ihnen stand: Der Tod der Tochter beziehungsweise Schwester, dem Kitai tatenlos zusah. Und das Schuldgefühl des Vaters, der schon mit dieser älteren Tochter meist nur über Video in Kontakt stand. Allein wir sehen dabei die Regungen des Vaters, der nur mit Mühen die reglose Fassade als Vorgesetzter aufrecht erhält. Der Blickwechsel zum Papa, der auch nur bei Mama sein möchte, wird spät nachgeliefert.
Der gut gestaltete Science Fiction ist zum Glück spannend genug, um sich über die gerade mal ausreichende Küchenpsychologie keine Gedanken machen zu müssen. Unter der Zukunftst-Deko ist „After Earth" wieder die gleiche Vater-Sohn-Geschichte vom überarbeiteten und abwesenden Ernährer. Ein Problem der Smiths, das sich wohl nur etwas entspannt, wenn jetzt die ganze Familie als Darsteller (Will, Jaden) oder Produzenten (Will, Jada Pinkett-Smith) mit dreht. Dass da Verbindungen zu den Scientologen der Handlung zugrunde liegen, muss allerdings mit Mühen herbeizitiert werden.
Der spannende Smith-Film „After Earth" ist dabei leider kein richtiger M. Night Shyamalan-Film. Doch der gefeierte Regisseur konnte ja schon 2010 mit „Die Legende von Aang" nicht an seine sensationell spannenden „The Village" (2004), „Signs" (2002) oder „The Sixth Sense" (1999) anschließen. Dafür beweist das Familienunternehmen Smith einen sechsten Sinn fürs unterhaltsame Geschäft.
Snitch
USA, Vereinigte Arabische Emirate 2013 (Snitch) Regie: Ric Roman Waugh, mit Dwayne Johnson, Barry Pepper, Jon Bernthal, Susan Sarandon, Michael K. Williams 112 Min. FSK ab 12
Als sympathischer Bauunternehmer kümmert sich John Matthews (Dwayne Johnson) mehr um den neuen Angestellten, als um seinen 18-jährigen Sohn Jason (Rafi Gavron), der bei Johns Ex-Frau wohnt. Als Jason mit einem Paket voller Ecstasy-Pillen erwischt wird, kann der Junge die Mindeststrafe von zehn Jahren Haft nur reduzieren, wenn er andere Drogenkäufer verrät. Doch der einzige, den er kennt, ist der angebliche Freund, der ihn schon für eine Strafreduzierung verraten (engl: to snitch) hat. Da Jason selbst nicht zum Verräter werden will, als er in Untersuchungshaft krankenhausreif geschlagen wird, macht Papa John den Drogen-Kurier, nur um einen der Händler an die Staatsanwältin Joanne Keeghan (Susan Sarandon) auszuliefern.
„Snitch", ein Film vom unbekannten Action-Regisseur Ric Roman Waugh, nimmt sich die Zeit, das schwierige Verhältnis von John zu seinem Sohn durchaus ernsthaft zu behandeln. Er skizziert auch die Seitenlinien der Handlung, in der Daniel, ein vorbestrafter Angestellter von John, seine Beziehungen zum kriminellen Milieu einsetzt. Die Action startet erst nach fünfzig Minuten, als John einen seiner Firmenlaster zum Schmuggeln startet. Dann allerdings ist das Filmchen endgültig in der Mittelmäßigkeit angekommen. Er hatte bis dahin schnell erzählt, aber auch einige Glaubwürdigkeits-Lücken in Kauf genommen. „Snitch" hält seine Grundspannung, bleibt aber sehr eindimensional. Selbst Marc Wahlbergs ähnlich gelagerter „Contraband" stellt „Snitch" in den Schatten.
Ex-Wrestler Dwayne „The Rock" Johnson in gemeinsamen Szenen mit der großartigen Schauspielerin Susan Sarandon zu sehen, ist schon kurios. Sie zeigt als zynische Staatsanwältin, dass der verlogene „Kampf gegen Drogen" keinen Raum für Gerechtigkeit lässt, und dass sich die Methoden der Strafverfolgung nicht von denen der Drogen-Kartelle unterscheiden. Johnson ist wenigstens nicht der Superman, der alles im Griff hat. Sein naiver und dickköpfiger John steckt sogar mal eine Tracht Prügel ein. Haarsträubend dämlich wird die mäßige Unterhaltung allerdings, wenn sie uns weismachen will, dass all die Drogenkriminalität nur aus Sorge um die konservative Kernfamilie geschieht.
Als sympathischer Bauunternehmer kümmert sich John Matthews (Dwayne Johnson) mehr um den neuen Angestellten, als um seinen 18-jährigen Sohn Jason (Rafi Gavron), der bei Johns Ex-Frau wohnt. Als Jason mit einem Paket voller Ecstasy-Pillen erwischt wird, kann der Junge die Mindeststrafe von zehn Jahren Haft nur reduzieren, wenn er andere Drogenkäufer verrät. Doch der einzige, den er kennt, ist der angebliche Freund, der ihn schon für eine Strafreduzierung verraten (engl: to snitch) hat. Da Jason selbst nicht zum Verräter werden will, als er in Untersuchungshaft krankenhausreif geschlagen wird, macht Papa John den Drogen-Kurier, nur um einen der Händler an die Staatsanwältin Joanne Keeghan (Susan Sarandon) auszuliefern.
„Snitch", ein Film vom unbekannten Action-Regisseur Ric Roman Waugh, nimmt sich die Zeit, das schwierige Verhältnis von John zu seinem Sohn durchaus ernsthaft zu behandeln. Er skizziert auch die Seitenlinien der Handlung, in der Daniel, ein vorbestrafter Angestellter von John, seine Beziehungen zum kriminellen Milieu einsetzt. Die Action startet erst nach fünfzig Minuten, als John einen seiner Firmenlaster zum Schmuggeln startet. Dann allerdings ist das Filmchen endgültig in der Mittelmäßigkeit angekommen. Er hatte bis dahin schnell erzählt, aber auch einige Glaubwürdigkeits-Lücken in Kauf genommen. „Snitch" hält seine Grundspannung, bleibt aber sehr eindimensional. Selbst Marc Wahlbergs ähnlich gelagerter „Contraband" stellt „Snitch" in den Schatten.
Ex-Wrestler Dwayne „The Rock" Johnson in gemeinsamen Szenen mit der großartigen Schauspielerin Susan Sarandon zu sehen, ist schon kurios. Sie zeigt als zynische Staatsanwältin, dass der verlogene „Kampf gegen Drogen" keinen Raum für Gerechtigkeit lässt, und dass sich die Methoden der Strafverfolgung nicht von denen der Drogen-Kartelle unterscheiden. Johnson ist wenigstens nicht der Superman, der alles im Griff hat. Sein naiver und dickköpfiger John steckt sogar mal eine Tracht Prügel ein. Haarsträubend dämlich wird die mäßige Unterhaltung allerdings, wenn sie uns weismachen will, dass all die Drogenkriminalität nur aus Sorge um die konservative Kernfamilie geschieht.
Before Midnight
USA, Griechenland 2013 (Before Midnight) Regie: Richard Linklater, mit Ethan Hawke, Julie Delpy, 108 Min. FSK ab 6
Regisseur Richard Linklater gelang mit seinen Schauspielern Julie Delpy und Ethan Hawke eine wunderschöne Trilogie einer Liebe über fast zwei Jahrzehnte: Es ging 1995 mit „Before Sunrise" im Berlinale-Wettbewerb los, als die Figuren Jesse (Hawke) und Celine (Delpy) sich in Wien während einer Nacht kennenlernten und verliebten. Der Silber-Bären-Gewinner fand mit „Before Sunset" 2004 wieder bei der Berlinale seine Fortsetzung: Neun getrennte Jahre später ist Jesse ein erfolgreicher Autor mit der Geschichte dieser Wiener Nacht geworden. Zur Lesung in Paris kommt die reale Celine und ein endloser Spaziergang durch die Stadt der Verliebten bringt den Amerikaner schließlich dazu, seinen Flieger zurück zur Familie zu verpassen.
Auf „Before Midnight" nun hatte die Welt so gespannt und so von Gerüchten fehlgeleitet gewartet wie auf den „Hobbit". Nur die Fangemeinde war eine andere. Richard Linklater hatte mit seinen Darstellern sowie Ko-Autoren Julie Delpy und Ethan Hawke eine mögliche Fortsetzung lange in der Schwebe gehalten. Neun Jahre später ist Jesse in „Before Midnight" geschieden. Mit Celine und den Zwillingen des Paares verbringt er den Urlaub in Griechenland. Eine endlose, nicht von Schnitten unterbrochene Autofahrt beweist, die beiden Verliebten reden immer noch wunderbar miteinander. Aber das Leben als Eltern hat auch Spuren hinterlassen. Der romantische Abend in einem Hotel, den Freunde schenkten, wird zur Belastungsprobe.
Julie Delpy, die selbst charmante, gewitzte und intelligente Familiengeschichten inszeniert („2 Tage Paris", „Familientreffen mit Hindernissen"), bleibt als Celine die impulsive, kämpferische Frau, die nun mit einem erfolgreichen Schriftsteller lebt und gemeinsame Kinder großzieht, aber sehr mit ihrer eigenen Rolle hadert. Da gibt es viel Reibungsfläche, wenn Jesse vor griechischer Urlaubskulisse von Kollegen verehrt und hofiert wird. Glückliche Paare mehrere Generationen vergleichen scherzend Modelle des Zusammenlebens und streifen das Rätsel der Liebe. Was davon im Alltag übrig bleibt, versuchen Celine und Jesse mit inszenierter Romantik aufleben zu lassen. Vergeblich. Wobei selbst das Scheitern mit einer spielerischen Leichtigkeit präsentiert wird.
„Before Midnight" gelingt das Unglaubliche: Ein Film, in dem nur geredet wird, begeistert und beglückt das Publikum. Geschliffene Dialoge, intelligente Themen von den Geschlechterrollen über die Frage nach der ewigen Liebe und die spitzen Bemerkungen des Paares halten die Laune hoch. Die Streitereien sorgen für eine Achterbahnfahrt der Gefühle. So schwatzt sich ein unwahrscheinlicher Film zum Meisterstückchen der Trilogie auf. Ein launiges Orakel von Delpy steht am Ende und am Anfang der Hoffnungen auf eine weitere Fortsetzung: „Ich liebe dich nicht mehr." Trotzdem gibt es vielleicht 2035 den 14. Teil mit dem Titel „Before the grave".
Regisseur Richard Linklater gelang mit seinen Schauspielern Julie Delpy und Ethan Hawke eine wunderschöne Trilogie einer Liebe über fast zwei Jahrzehnte: Es ging 1995 mit „Before Sunrise" im Berlinale-Wettbewerb los, als die Figuren Jesse (Hawke) und Celine (Delpy) sich in Wien während einer Nacht kennenlernten und verliebten. Der Silber-Bären-Gewinner fand mit „Before Sunset" 2004 wieder bei der Berlinale seine Fortsetzung: Neun getrennte Jahre später ist Jesse ein erfolgreicher Autor mit der Geschichte dieser Wiener Nacht geworden. Zur Lesung in Paris kommt die reale Celine und ein endloser Spaziergang durch die Stadt der Verliebten bringt den Amerikaner schließlich dazu, seinen Flieger zurück zur Familie zu verpassen.
Auf „Before Midnight" nun hatte die Welt so gespannt und so von Gerüchten fehlgeleitet gewartet wie auf den „Hobbit". Nur die Fangemeinde war eine andere. Richard Linklater hatte mit seinen Darstellern sowie Ko-Autoren Julie Delpy und Ethan Hawke eine mögliche Fortsetzung lange in der Schwebe gehalten. Neun Jahre später ist Jesse in „Before Midnight" geschieden. Mit Celine und den Zwillingen des Paares verbringt er den Urlaub in Griechenland. Eine endlose, nicht von Schnitten unterbrochene Autofahrt beweist, die beiden Verliebten reden immer noch wunderbar miteinander. Aber das Leben als Eltern hat auch Spuren hinterlassen. Der romantische Abend in einem Hotel, den Freunde schenkten, wird zur Belastungsprobe.
Julie Delpy, die selbst charmante, gewitzte und intelligente Familiengeschichten inszeniert („2 Tage Paris", „Familientreffen mit Hindernissen"), bleibt als Celine die impulsive, kämpferische Frau, die nun mit einem erfolgreichen Schriftsteller lebt und gemeinsame Kinder großzieht, aber sehr mit ihrer eigenen Rolle hadert. Da gibt es viel Reibungsfläche, wenn Jesse vor griechischer Urlaubskulisse von Kollegen verehrt und hofiert wird. Glückliche Paare mehrere Generationen vergleichen scherzend Modelle des Zusammenlebens und streifen das Rätsel der Liebe. Was davon im Alltag übrig bleibt, versuchen Celine und Jesse mit inszenierter Romantik aufleben zu lassen. Vergeblich. Wobei selbst das Scheitern mit einer spielerischen Leichtigkeit präsentiert wird.
„Before Midnight" gelingt das Unglaubliche: Ein Film, in dem nur geredet wird, begeistert und beglückt das Publikum. Geschliffene Dialoge, intelligente Themen von den Geschlechterrollen über die Frage nach der ewigen Liebe und die spitzen Bemerkungen des Paares halten die Laune hoch. Die Streitereien sorgen für eine Achterbahnfahrt der Gefühle. So schwatzt sich ein unwahrscheinlicher Film zum Meisterstückchen der Trilogie auf. Ein launiges Orakel von Delpy steht am Ende und am Anfang der Hoffnungen auf eine weitere Fortsetzung: „Ich liebe dich nicht mehr." Trotzdem gibt es vielleicht 2035 den 14. Teil mit dem Titel „Before the grave".
29.5.13
Hangover 3
USA, 2013 (The Hangover Part III) Regie: Todd Phillips, mit Bradley Cooper, Ed Helms, Zach Galifianakis, Ken Jeong, Justin Bartha, John Goodman 100 Min.
Ein übler Kater nach dem feucht-frechen Fest - „Hangover 3" hinterlässt nach wilder Erzählung und großem Erfolg bei den Vorgängern ist unangenehmes Nachgefühl. Das „wolf pack" Phil, Stu, Alan und Doug landet wegen ihrem Dauer-Freund/Feind Mr. Chow in einer albernen Gangster-Komödie.
Was ist eigentlich passiert? Wie kommen wir in diese mehr als missliche Lage? So begann beim ersten „Hangover"-Film einer Erinnerungstour mit heftig peinlichen Entdeckungen und eine Erfolgsgeschichte an der Kinokasse. Vor allem der Standup-Comedian Zach Galifianakis, der als verpeilter Kumpel Alan das Chaos-Quartett immer wieder in Fettnäpfchen, Gefängnis oder auch nur lebensgefährliche Situationen brachte, wurde weltweit bekannt. Nun, im lahmen dritten Teil, ist es die Sorge um ihn, die alle wieder zusammenbringt: Alan köpft nicht nur eine Giraffe auf der Autobahn und besorgt seinem Vater einen finalen Herzstillstand, er ist auch einfach völlig durchgeknallt und hat zudem seine Medikamente abgesetzt. Auf dem gemeinsamen Weg zu einer Besserungsanstalt werden die Freunde vom Gangster Marshall (John Goodman) gekidnappt. Der Auftrag für den Rest des Films lautet: Bringt mir Mr. Chow (Ken Jeong) und die Goldbarren, die er mir geklaut hat. Der großartige Auftakt mit einer dichten Abfolge von irren Szenen zeigte auch Chows Ausbruch aus einem Knast in Bangkok. Doch nach Goodmans Auftritt, der wenig tut und doch noch zum Besten des Films gehört, fährt der Film auf Autopilot fort.
Dabei wird die geniale Grundidee der ersten Teile mit ihren wahrlich überraschenden Rückblenden für eine langweiligere chronologische Erzählung aufgegeben. Sogar eine komplizierte Erklärung und Einleitung von Gangster Goodman muss man dabei ertragen. Dann geht es nach Mexiko, wobei selbst Tijuana mit einer Dosis verlebter Umgebung dem Film keinen Pep gibt. Wie in zig anderen Gauner-Routinen wird in eine Villa eingebrochen, um noch mehr Gold zu stehlen. Zurück in Vegas, wo alles anfing, gibt es noch eine Entführung aus Caesar Palace und dann ist der Film glücklicherweise bald ausgestanden.
„Hangover 3" wirkt wie die Geiselnahme von Figuren und Erfolgsformel durch einen sehr gewöhnlichen Film. Es gibt die gleichen Gesichter und ein paar Verweise auf die schlimmsten Sachen aus den letzten beiden Folgen, doch sonst ist nichts wie es war. Wenn der wahnsinnige Chow auf unvergleichliche Weise Johnny Cashs „Hurt" in einer Karaoke-Bar covert, wenn seine mit Kokain gefütterten Kampfhähne auf die Freunde losgehen, landet der Film seine einzigen Humor-Treffer.
Doch vor allem ist dies Action mit Albernheiten, mittelmäßiger Krimi mit vier gewöhnlichen Deppen als Hauptfiguren. Um es noch schlimmer zu machen, schiebt der lahme Abklatsch bei Alan etwas persönliche Entwicklung nach und diskreditiert sich endgültig mit einem Hochzeits-Ende, für das sich sogar ein trivialer Hausfrauen-Film schämen würde.
Ein übler Kater nach dem feucht-frechen Fest - „Hangover 3" hinterlässt nach wilder Erzählung und großem Erfolg bei den Vorgängern ist unangenehmes Nachgefühl. Das „wolf pack" Phil, Stu, Alan und Doug landet wegen ihrem Dauer-Freund/Feind Mr. Chow in einer albernen Gangster-Komödie.
Was ist eigentlich passiert? Wie kommen wir in diese mehr als missliche Lage? So begann beim ersten „Hangover"-Film einer Erinnerungstour mit heftig peinlichen Entdeckungen und eine Erfolgsgeschichte an der Kinokasse. Vor allem der Standup-Comedian Zach Galifianakis, der als verpeilter Kumpel Alan das Chaos-Quartett immer wieder in Fettnäpfchen, Gefängnis oder auch nur lebensgefährliche Situationen brachte, wurde weltweit bekannt. Nun, im lahmen dritten Teil, ist es die Sorge um ihn, die alle wieder zusammenbringt: Alan köpft nicht nur eine Giraffe auf der Autobahn und besorgt seinem Vater einen finalen Herzstillstand, er ist auch einfach völlig durchgeknallt und hat zudem seine Medikamente abgesetzt. Auf dem gemeinsamen Weg zu einer Besserungsanstalt werden die Freunde vom Gangster Marshall (John Goodman) gekidnappt. Der Auftrag für den Rest des Films lautet: Bringt mir Mr. Chow (Ken Jeong) und die Goldbarren, die er mir geklaut hat. Der großartige Auftakt mit einer dichten Abfolge von irren Szenen zeigte auch Chows Ausbruch aus einem Knast in Bangkok. Doch nach Goodmans Auftritt, der wenig tut und doch noch zum Besten des Films gehört, fährt der Film auf Autopilot fort.
Dabei wird die geniale Grundidee der ersten Teile mit ihren wahrlich überraschenden Rückblenden für eine langweiligere chronologische Erzählung aufgegeben. Sogar eine komplizierte Erklärung und Einleitung von Gangster Goodman muss man dabei ertragen. Dann geht es nach Mexiko, wobei selbst Tijuana mit einer Dosis verlebter Umgebung dem Film keinen Pep gibt. Wie in zig anderen Gauner-Routinen wird in eine Villa eingebrochen, um noch mehr Gold zu stehlen. Zurück in Vegas, wo alles anfing, gibt es noch eine Entführung aus Caesar Palace und dann ist der Film glücklicherweise bald ausgestanden.
„Hangover 3" wirkt wie die Geiselnahme von Figuren und Erfolgsformel durch einen sehr gewöhnlichen Film. Es gibt die gleichen Gesichter und ein paar Verweise auf die schlimmsten Sachen aus den letzten beiden Folgen, doch sonst ist nichts wie es war. Wenn der wahnsinnige Chow auf unvergleichliche Weise Johnny Cashs „Hurt" in einer Karaoke-Bar covert, wenn seine mit Kokain gefütterten Kampfhähne auf die Freunde losgehen, landet der Film seine einzigen Humor-Treffer.
Doch vor allem ist dies Action mit Albernheiten, mittelmäßiger Krimi mit vier gewöhnlichen Deppen als Hauptfiguren. Um es noch schlimmer zu machen, schiebt der lahme Abklatsch bei Alan etwas persönliche Entwicklung nach und diskreditiert sich endgültig mit einem Hochzeits-Ende, für das sich sogar ein trivialer Hausfrauen-Film schämen würde.
28.5.13
Die wilde Zeit
Frankreich, 2012 (Après Mai) Regie: Olivier Assayas mit Clément Métayer, Lola Créton, Félix Armand, Carole Combes 122 Min. FSK ab 12
Die schöne Revolutions-Romantik „Die wilde Zeit" von Olivier Assayas zeigt 1971 außerhalb von Paris junge Studenten, die sich politisch engagieren und von Spezialeinheiten der Polizei in Straßenschlachten brutal zusammengeschlagen werden. Gilles (Clément Métayer) lässt sich von der politisch aufgeladenen und kreativen Aufbruchsstimmung seiner Zeit mitreißen und engagiert sich mit seinen Freunden für eine neue Gesellschaftsordnung. Dabei lernt er Christine (Lola Créton) kennen, die für die gleiche Sache kämpft wie er, und verliebt sich in sie. Neben der Liebe entdeckt er die Welt der Kunst und sein Interesse für Malerei und Film.
Sie rauchen wie blöd, wenn nicht Tränengas den Blick vernebelt. Dazwischen wird viel gelesen und konzentriert Musik gehört, die noch von der Schallplatte kommt. Ohne Computer haben die Jugendlichen verdammt viel Zeit. Aber irgendwann provozieren brutale Wächter eine ebenso brutale Reaktion, der Protest verliert seine Unschuld. Was bleibt, ist mehr als revolutionäre Romantik. Vor allem erstaunt die Sicherheit, mit der Gilles seinen Weg findet. Die von ihm vergötterte Laure, wird ihn zwar verlassen, doch sie beneidet ihn: "Du weißt, was du willst!" Er bewundert hingegen, dass sie im Jetzt lebt. Und im Jetzt wird sie (sich) verbrennen.
Nach „Carlos - Der Schakal" erzählt Olivier Assayas mit „Die wilde Zeit" eine autobiografisch angelehnte und sehr persönliche Geschichte. Er wolle eine verspottete und verkürzt dargestellte Periode zu ihrem Recht verhelfen, sagte er in Venedig, wo der Film 2012 den Preis für das Beste Drehbuch erhielt. Es sei schon politisch, die Komplexität von Situationen zu zeigen, meinte er zu Recht. Und er lässt über das heute nachdenken: Früher sah man die Jugendlichen viel Lesen, Malen, Reden und Revoluzzen. War ja genug Zeit da, ohne Internet. Die entscheidende Frage blieb aber gleich: Was willst du mit deinem Leben anfangen?
Die schöne Revolutions-Romantik „Die wilde Zeit" von Olivier Assayas zeigt 1971 außerhalb von Paris junge Studenten, die sich politisch engagieren und von Spezialeinheiten der Polizei in Straßenschlachten brutal zusammengeschlagen werden. Gilles (Clément Métayer) lässt sich von der politisch aufgeladenen und kreativen Aufbruchsstimmung seiner Zeit mitreißen und engagiert sich mit seinen Freunden für eine neue Gesellschaftsordnung. Dabei lernt er Christine (Lola Créton) kennen, die für die gleiche Sache kämpft wie er, und verliebt sich in sie. Neben der Liebe entdeckt er die Welt der Kunst und sein Interesse für Malerei und Film.
Sie rauchen wie blöd, wenn nicht Tränengas den Blick vernebelt. Dazwischen wird viel gelesen und konzentriert Musik gehört, die noch von der Schallplatte kommt. Ohne Computer haben die Jugendlichen verdammt viel Zeit. Aber irgendwann provozieren brutale Wächter eine ebenso brutale Reaktion, der Protest verliert seine Unschuld. Was bleibt, ist mehr als revolutionäre Romantik. Vor allem erstaunt die Sicherheit, mit der Gilles seinen Weg findet. Die von ihm vergötterte Laure, wird ihn zwar verlassen, doch sie beneidet ihn: "Du weißt, was du willst!" Er bewundert hingegen, dass sie im Jetzt lebt. Und im Jetzt wird sie (sich) verbrennen.
Nach „Carlos - Der Schakal" erzählt Olivier Assayas mit „Die wilde Zeit" eine autobiografisch angelehnte und sehr persönliche Geschichte. Er wolle eine verspottete und verkürzt dargestellte Periode zu ihrem Recht verhelfen, sagte er in Venedig, wo der Film 2012 den Preis für das Beste Drehbuch erhielt. Es sei schon politisch, die Komplexität von Situationen zu zeigen, meinte er zu Recht. Und er lässt über das heute nachdenken: Früher sah man die Jugendlichen viel Lesen, Malen, Reden und Revoluzzen. War ja genug Zeit da, ohne Internet. Die entscheidende Frage blieb aber gleich: Was willst du mit deinem Leben anfangen?
Playoff
BRD, Frankreich, Israel 2011 Regie: Eran Riklis, mit Danny Huston, Mark Waschke, Amira Casar, Max Riemelt, Hanns Zischler 115 Min.
Von seinem ersten coolen Auftritt an ist dies ein starker Film von Danny Huston. Er spielt den Star-Trainer Max Stoller, der mit Maccabi Tel Aviv Europameister wurde, und nun die Basketball-Nationalmannschaft zur Olympiade 1984 in Los Angeles führen soll. Dabei weigert sich der charismatische Mann, Deutsch zu sprechen und weicht Pressefragen über seine Vergangenheit unter den Nazis aus. Dabei ist er bei seiner Rückkehr in die Heimatstadt Frankfurt nach Jahrzehnten durchaus berührt, als er in seiner alten Wohnung, die nun von einer alleinstehenden Türkin bewohnt wird, einen alten Stuhl aus der Möbelmanufaktur seiner Familie findet. Fortan legt sich Stoller vor allem mit dem Mannschaftskapitän Thomas (Max Riemelt) an, dessen Vater sich als Wehrmachtssoldat erschossen hat. Gleichzeitig versucht der stille Trainer, der Türkin Deniz (eindrucksvoll: Amira Casar) bei der Suche nach ihrem verschwundenen Ehemann zu helfen. Stoller erweist sich groß in seiner Hilfe, aber braucht sie selbst am meisten...
Es ist nicht nur das Rätsel um den Tod von Stollers Vater, die dem exzellenten Film vom Israeli Eran Riklis („Cup Final", „Die syrische Braut", „Lemon Tree", „Die Reise des Personalmanagers") seine Kraft gibt. „Playoff", der auf einer wahren Begebenheit um den legendären Coach Ralph Klein basiert, ist psychologisch gleich auf mehreren Ebenen höchst spannend: Die Begegnung mit der Vergangenheit, die Anziehung durch eine fremde Frau, die Differenzen im Team, das Deutschland der 80er-Jahre, das gerade Dank des Eurovisions Grand Prix „Ein bisschen Frieden" gewonnen hat. Die exzellente und exakte Kamera-Arbeit von Rainer Klausmann zeigt es leicht angegraut auf eine derart selten gesehene, aber sehr stimmige Weise. Der Streit zwischen den Kindern der Opfer und den Kindern der Täter auf der einen Seite und das große Verständnis für Deniz Tochter Selma, weil auch Stoller in einem fremden Land groß werden musste, spannen einen historischen Bogen, der in einem der vielen kleinen Scherze ausgemessen wird: „Wir brauchten 40 Jahre, um von Israel nach Ägypten zu kommen, dabei ist es ein Spaziergang von drei Stunden", beschreibt Stoller ein israelisches Dilemma.
Huston gewinnt mit einer eindrucksvollen Präsenz und sagenhaftem Spiel. Der sehr kluge und komplexe Film ist aber auch in den deutschen Rollen toll besetzt: Neben Max Riemelt als trotzigem Kapitän darf Irm Hermann die Bäckersfrau geben. Selten erhielt übrigens ein Stück Schwarzwälder Kirsch so eine große dramaturgische Bedeutung. Als Stoller in einer sehr bewegenden Szene endlich einbricht, erinnert das an den Madelaine-Moment von Proust.
Von seinem ersten coolen Auftritt an ist dies ein starker Film von Danny Huston. Er spielt den Star-Trainer Max Stoller, der mit Maccabi Tel Aviv Europameister wurde, und nun die Basketball-Nationalmannschaft zur Olympiade 1984 in Los Angeles führen soll. Dabei weigert sich der charismatische Mann, Deutsch zu sprechen und weicht Pressefragen über seine Vergangenheit unter den Nazis aus. Dabei ist er bei seiner Rückkehr in die Heimatstadt Frankfurt nach Jahrzehnten durchaus berührt, als er in seiner alten Wohnung, die nun von einer alleinstehenden Türkin bewohnt wird, einen alten Stuhl aus der Möbelmanufaktur seiner Familie findet. Fortan legt sich Stoller vor allem mit dem Mannschaftskapitän Thomas (Max Riemelt) an, dessen Vater sich als Wehrmachtssoldat erschossen hat. Gleichzeitig versucht der stille Trainer, der Türkin Deniz (eindrucksvoll: Amira Casar) bei der Suche nach ihrem verschwundenen Ehemann zu helfen. Stoller erweist sich groß in seiner Hilfe, aber braucht sie selbst am meisten...
Es ist nicht nur das Rätsel um den Tod von Stollers Vater, die dem exzellenten Film vom Israeli Eran Riklis („Cup Final", „Die syrische Braut", „Lemon Tree", „Die Reise des Personalmanagers") seine Kraft gibt. „Playoff", der auf einer wahren Begebenheit um den legendären Coach Ralph Klein basiert, ist psychologisch gleich auf mehreren Ebenen höchst spannend: Die Begegnung mit der Vergangenheit, die Anziehung durch eine fremde Frau, die Differenzen im Team, das Deutschland der 80er-Jahre, das gerade Dank des Eurovisions Grand Prix „Ein bisschen Frieden" gewonnen hat. Die exzellente und exakte Kamera-Arbeit von Rainer Klausmann zeigt es leicht angegraut auf eine derart selten gesehene, aber sehr stimmige Weise. Der Streit zwischen den Kindern der Opfer und den Kindern der Täter auf der einen Seite und das große Verständnis für Deniz Tochter Selma, weil auch Stoller in einem fremden Land groß werden musste, spannen einen historischen Bogen, der in einem der vielen kleinen Scherze ausgemessen wird: „Wir brauchten 40 Jahre, um von Israel nach Ägypten zu kommen, dabei ist es ein Spaziergang von drei Stunden", beschreibt Stoller ein israelisches Dilemma.
Huston gewinnt mit einer eindrucksvollen Präsenz und sagenhaftem Spiel. Der sehr kluge und komplexe Film ist aber auch in den deutschen Rollen toll besetzt: Neben Max Riemelt als trotzigem Kapitän darf Irm Hermann die Bäckersfrau geben. Selten erhielt übrigens ein Stück Schwarzwälder Kirsch so eine große dramaturgische Bedeutung. Als Stoller in einer sehr bewegenden Szene endlich einbricht, erinnert das an den Madelaine-Moment von Proust.
27.5.13
Nach der Revolution
Frankreich, Ägypten 2012 (Baad El Mawkeaa) Regie: Yousry Nasrallah, mit Menna Shalabi, Bassem Samra und Nahed El Sebaï 122 Min.
Die Arabellion Ägyptens wird so schnell immer wieder neu umgewälzt, weiter- und zurückgedreht, dass „Nach der Revolution", der bei den 65. Filmfestspielen von Cannes 2012 im Wettbewerb lief, schon ein Jahr später wie ein historisches Dokument wirkt. Gleichzeitig gewährt er einen interessanten Insider-Blick auf die Brutalitäten während der Umstürze sowie gesellschaftliche Verwerfungen davor und danach.
Es sind zwei Welten, die sich hier in Kairo und Umland begegnen: Reem (Menna Shalabi) ist eine moderne Ägypterin mit eigenem Job in der Werbebranche und auch unabhängig von ihrem Mann, von dem sie sich gerade trennen will. Sie trifft sich in Polit-Gruppen, die für die Rechte der Frauen eintreten. Als Reem außerhalb der Stadt, bei den Pyramiden, dem Reiter Mahmoud (Bassem Samra) begegnet, reagiert sie erschrocken und fasziniert angesichts dieser rauen Männlichkeit. Hier draußen leiden alle Reiter, weil durch die Revolution der Tourismus und damit ihr Einkommen versiegte. Aber Mahmoud ist zudem geächtet, weil er bei einem Massaker auf dem Tahrir-Platz am 2. Februar 2011 zu den gekauften Reitern gehörte, die brutal auf die Demonstranten einschlugen. Mahmound wurde dabei vom Pferd gerissen und verprügelt. Das alles, mit Handys aufgenommen und verbreitet, macht ihn unter seinen Mittätern und unter den Revolutionären zum Geächteten. Anfangs entwickelt sich eine vorsichtige Romanze zwischen Reem und Mahmound, welche die Frau sehr erfüllt. Doch der gesellschaftliche Druck vor allem der politischen Gruppen Reems macht eine gute Entwicklung unmöglich.
Von dokumentarischen Aufnahmen der Kämpfe auf dem Tahir-Platz bis zu Spielszenen an einer riesigen, symbolträchtigen Mauer, die Nachbarn vom Geschäft mit den Großen Pyramiden abschneidet, erzählt der ägyptische Regisseur Yousry Nasrallah mittels seiner Liebesgeschichte in Zeiten der Revolution viel vom aktuellen Ägypten. Die soziale Trennung, die unterschiedlichen Geschlechter-Rollen in verschiedenen Gesellschaftsschichten, das Leben in der Stadt und auf dem Dorf, der traditionelle Umgang mit den Pferden und trotz Armut der Wunsch der Jungen, auch Reiter zu werden - „Nach der Revolution" ist reich an Einblicken in diese Region. So ist es fast ein journalistischer Film, der aber als Antriebskraft die Emotionen seiner gut gespielten Protagonisten und seine reizvollen Bilder nutzt. Yousry Nasrallah war Schüler des 2008 verstorbenen Youssef Chahine, der 1997 die Goldene Palme für sein Lebenswerk erhielt.
Die Arabellion Ägyptens wird so schnell immer wieder neu umgewälzt, weiter- und zurückgedreht, dass „Nach der Revolution", der bei den 65. Filmfestspielen von Cannes 2012 im Wettbewerb lief, schon ein Jahr später wie ein historisches Dokument wirkt. Gleichzeitig gewährt er einen interessanten Insider-Blick auf die Brutalitäten während der Umstürze sowie gesellschaftliche Verwerfungen davor und danach.
Es sind zwei Welten, die sich hier in Kairo und Umland begegnen: Reem (Menna Shalabi) ist eine moderne Ägypterin mit eigenem Job in der Werbebranche und auch unabhängig von ihrem Mann, von dem sie sich gerade trennen will. Sie trifft sich in Polit-Gruppen, die für die Rechte der Frauen eintreten. Als Reem außerhalb der Stadt, bei den Pyramiden, dem Reiter Mahmoud (Bassem Samra) begegnet, reagiert sie erschrocken und fasziniert angesichts dieser rauen Männlichkeit. Hier draußen leiden alle Reiter, weil durch die Revolution der Tourismus und damit ihr Einkommen versiegte. Aber Mahmoud ist zudem geächtet, weil er bei einem Massaker auf dem Tahrir-Platz am 2. Februar 2011 zu den gekauften Reitern gehörte, die brutal auf die Demonstranten einschlugen. Mahmound wurde dabei vom Pferd gerissen und verprügelt. Das alles, mit Handys aufgenommen und verbreitet, macht ihn unter seinen Mittätern und unter den Revolutionären zum Geächteten. Anfangs entwickelt sich eine vorsichtige Romanze zwischen Reem und Mahmound, welche die Frau sehr erfüllt. Doch der gesellschaftliche Druck vor allem der politischen Gruppen Reems macht eine gute Entwicklung unmöglich.
Von dokumentarischen Aufnahmen der Kämpfe auf dem Tahir-Platz bis zu Spielszenen an einer riesigen, symbolträchtigen Mauer, die Nachbarn vom Geschäft mit den Großen Pyramiden abschneidet, erzählt der ägyptische Regisseur Yousry Nasrallah mittels seiner Liebesgeschichte in Zeiten der Revolution viel vom aktuellen Ägypten. Die soziale Trennung, die unterschiedlichen Geschlechter-Rollen in verschiedenen Gesellschaftsschichten, das Leben in der Stadt und auf dem Dorf, der traditionelle Umgang mit den Pferden und trotz Armut der Wunsch der Jungen, auch Reiter zu werden - „Nach der Revolution" ist reich an Einblicken in diese Region. So ist es fast ein journalistischer Film, der aber als Antriebskraft die Emotionen seiner gut gespielten Protagonisten und seine reizvollen Bilder nutzt. Yousry Nasrallah war Schüler des 2008 verstorbenen Youssef Chahine, der 1997 die Goldene Palme für sein Lebenswerk erhielt.
To the Wonder
USA 2012 Regie: Terrence Malick, mit Ben Affleck, Olga Kurylenko, Rachel McAdams, Javier Bardem
Auftakt und Ende einer Liebe zwischen den Kontinenten - ist das als Thema zu klein für Terrence Malick („The New World", „Der schmale Grat"), der in seinem sensationellen Cannes-Sieger „The Tree of Life" gleich die ganze Schöpfung mit verfilmte? „To the Wonder" erzählt von der französichen Felseninsel Mont Saint Michel (das Wunder) bis zu irgendeiner amerikanischen Vorstadtsiedlung in Oklahoma, wie sich die lebhafte Ukrainerin Marina (Olga Kurylenko) und der zurückhaltende Amerikaner Neil (Ben Affleck) verlieben, auseinanderleben, im Streit zerfleischen und trennen. Denn Marina fühlt sich fremd, zweifelt an der Beziehung und sucht Beistand beim katholischen Geistlichen Pater Quintana (Javier Bardem). Der wiederum zweifelt am eigenen Glauben und konfrontiert sie mit der Frage, ob eine Liebe überhaupt ewig halten kann. Dann taucht auch noch Neils Jugendfreundin Jane (Rachel McAdams) auf. Aus dem Wunder Liebe wird ein zerfleischender, grausamer Krieg.
Malick, der nie öffentlich auftritt, stellte den betörend schönen Film für seine Verhältnisse rasend schnell fertig (und hat gleich noch drei andere Projekte in den letzten Zügen). Seine Filme sind keine bebilderten Geschichten, sondern Gedichte, bestenfalls Sonette, die neben ihren eigenen optischen Harmonien auch etwas erzählen. So zeichnen Flugzeuge Marinas Sehnsucht an den Himmel. Ihre Tochter Tatjana aus erster Ehe ist anfangs von dem neuen Freund begeistert, will aber dann schnell weg aus den USA weil "hier etwas fehlt". Das Land ist hier bestimmt von Zäunen, man kann es nicht an diesem oder jenen festmachen, aber man fühlt sich direkt nicht wohl. Da braucht es nicht den Seitenstrang um vergifteten Boden und Gewässer in der Nachbarschaft.
„To the Wonder" ist wieder komplett von einem symphonischen Score unterlegt. Figuren sprechen selten vor der Kamera, brauchen sie auch nicht, denn die kurzen, manchmal traumhaft schönen Einstellungen ergänzen sich zu intensiven Gefühlen. Ben Affleck („Argo", „Pearl Harbour") steht der steife, immer mehr sich zurückziehende Mann. Olga Kurylenko („James Bond 007 – Ein Quantum Trost", „7 Psychos") gibt ein ganz fragiles Wesen, zu dem die Leichtigkeit von Malicks Aufnahmen passen: Wassernebel schweben ebenso durch die Bilder wie Tücher oder Staubteilchen im Luftzug. So ist „To the Wonder" vielleicht tatsächlich ein schwächerer Malick, aber immer noch einzigartig und herausragend im allgemeinen Rauschen des Kinos. Auf jeden Fall sehenswert und mit das Beste, was gerade im Kino läuft.
Auftakt und Ende einer Liebe zwischen den Kontinenten - ist das als Thema zu klein für Terrence Malick („The New World", „Der schmale Grat"), der in seinem sensationellen Cannes-Sieger „The Tree of Life" gleich die ganze Schöpfung mit verfilmte? „To the Wonder" erzählt von der französichen Felseninsel Mont Saint Michel (das Wunder) bis zu irgendeiner amerikanischen Vorstadtsiedlung in Oklahoma, wie sich die lebhafte Ukrainerin Marina (Olga Kurylenko) und der zurückhaltende Amerikaner Neil (Ben Affleck) verlieben, auseinanderleben, im Streit zerfleischen und trennen. Denn Marina fühlt sich fremd, zweifelt an der Beziehung und sucht Beistand beim katholischen Geistlichen Pater Quintana (Javier Bardem). Der wiederum zweifelt am eigenen Glauben und konfrontiert sie mit der Frage, ob eine Liebe überhaupt ewig halten kann. Dann taucht auch noch Neils Jugendfreundin Jane (Rachel McAdams) auf. Aus dem Wunder Liebe wird ein zerfleischender, grausamer Krieg.
Malick, der nie öffentlich auftritt, stellte den betörend schönen Film für seine Verhältnisse rasend schnell fertig (und hat gleich noch drei andere Projekte in den letzten Zügen). Seine Filme sind keine bebilderten Geschichten, sondern Gedichte, bestenfalls Sonette, die neben ihren eigenen optischen Harmonien auch etwas erzählen. So zeichnen Flugzeuge Marinas Sehnsucht an den Himmel. Ihre Tochter Tatjana aus erster Ehe ist anfangs von dem neuen Freund begeistert, will aber dann schnell weg aus den USA weil "hier etwas fehlt". Das Land ist hier bestimmt von Zäunen, man kann es nicht an diesem oder jenen festmachen, aber man fühlt sich direkt nicht wohl. Da braucht es nicht den Seitenstrang um vergifteten Boden und Gewässer in der Nachbarschaft.
„To the Wonder" ist wieder komplett von einem symphonischen Score unterlegt. Figuren sprechen selten vor der Kamera, brauchen sie auch nicht, denn die kurzen, manchmal traumhaft schönen Einstellungen ergänzen sich zu intensiven Gefühlen. Ben Affleck („Argo", „Pearl Harbour") steht der steife, immer mehr sich zurückziehende Mann. Olga Kurylenko („James Bond 007 – Ein Quantum Trost", „7 Psychos") gibt ein ganz fragiles Wesen, zu dem die Leichtigkeit von Malicks Aufnahmen passen: Wassernebel schweben ebenso durch die Bilder wie Tücher oder Staubteilchen im Luftzug. So ist „To the Wonder" vielleicht tatsächlich ein schwächerer Malick, aber immer noch einzigartig und herausragend im allgemeinen Rauschen des Kinos. Auf jeden Fall sehenswert und mit das Beste, was gerade im Kino läuft.
22.5.13
Der Dieb der Worte
USA 2012 (The Words) Regie: Brian Klugman, Lee Sternthal mit Bradley Cooper, Jeremy Irons, Dennis Quaid, Olivia Wilde, Zoe Saldana 102 Min.
Wenn ein Film seine Geschichten in Zwiebelform verschachtelt, ist das im besten und im schlechtesten Fall zum Weinen. „Der Dieb der Wort" ist ein Verzwirbler der letzteren Art: Drei Erzählungen, die herzergreifend sein wollen, gewinnen auch nicht, wenn man sie ineinander steckt.
Der junge New Yorker Schriftsteller Rory (Bradley Cooper) ist einer der vielen Erfolglosen, die noch kein Buch veröffentlichen konnten. Als bei einer Parisreise im Trödelladen ein altes Manuskript findet, zögert er kurz, gibt es dann aber als sein eigenes aus und hat riesigen Erfolg damit. Die Zweifel nagen allerdings in ihm und irgendwann tritt ein alter Mann auf, der sich als eigentlicher Autor zu erkennen gibt und das schlechte Gewissen anfeuert. Ein kleines Drama, mit einer bedrohten Liebe als Zugabe. Zwischendurch erzählt der Film dann die Geschichte des Manuskripts, vom amerikanischen Soldaten, der sich am Ende des Weltkriegs in eine Frau aus Paris verliebt, diese aber ebenso wie das gemeinsame Kind verliert. Auch ganz herzlich rührend vielleicht, aber wie müssen ja auch noch miterleben, wie ein anderer Autor, der die beiden anderen Geschichten schrieb, bei einer Lesung sehr ungewöhnlich auf die Avancen einer jüngeren Frau reagiert. Das ist eindeutig zu viel des Mittelmäßigen, auch weil nur Jeremy Irons als alter US-Soldat und in Maßen Dennis Quaid als zynischer Mann der Rahmengeschichte gut spielen. Dieser Film ist eher ein Dieb der Zeit.
Wenn ein Film seine Geschichten in Zwiebelform verschachtelt, ist das im besten und im schlechtesten Fall zum Weinen. „Der Dieb der Wort" ist ein Verzwirbler der letzteren Art: Drei Erzählungen, die herzergreifend sein wollen, gewinnen auch nicht, wenn man sie ineinander steckt.
Der junge New Yorker Schriftsteller Rory (Bradley Cooper) ist einer der vielen Erfolglosen, die noch kein Buch veröffentlichen konnten. Als bei einer Parisreise im Trödelladen ein altes Manuskript findet, zögert er kurz, gibt es dann aber als sein eigenes aus und hat riesigen Erfolg damit. Die Zweifel nagen allerdings in ihm und irgendwann tritt ein alter Mann auf, der sich als eigentlicher Autor zu erkennen gibt und das schlechte Gewissen anfeuert. Ein kleines Drama, mit einer bedrohten Liebe als Zugabe. Zwischendurch erzählt der Film dann die Geschichte des Manuskripts, vom amerikanischen Soldaten, der sich am Ende des Weltkriegs in eine Frau aus Paris verliebt, diese aber ebenso wie das gemeinsame Kind verliert. Auch ganz herzlich rührend vielleicht, aber wie müssen ja auch noch miterleben, wie ein anderer Autor, der die beiden anderen Geschichten schrieb, bei einer Lesung sehr ungewöhnlich auf die Avancen einer jüngeren Frau reagiert. Das ist eindeutig zu viel des Mittelmäßigen, auch weil nur Jeremy Irons als alter US-Soldat und in Maßen Dennis Quaid als zynischer Mann der Rahmengeschichte gut spielen. Dieser Film ist eher ein Dieb der Zeit.
Das Märchen von der Prinzessin, die unbedingt in einem Märchen vorkommen wollte
BRD 2012 Regie: Steffen Zacke, mit Hanna Merki, Michael Kranz, Jasmin Barbara Mairhofer, Oliver Karbus, 89 Min.
Märchen sind beliebt bei groß und klein. Wobei man hier von großen und kleinen Produktionen reden kann: Schneewittchen wurde gleich zwei Mal in einer üppigen Hollywood-Version verpunkt. Mal geht es mit Horror im Körbchen in den Wald, mal ähnelt die Fantasy den grimmigen Filmen von Terry Gilliam. Dagegen scheint es eine kleine deutsche Gesellschaft schwer zu haben, doch es gibt sicher auch das eine oder andere Märchen, dass vom Erfolg eines Däumlings gegen übermächtige Riesen erzählt. So gelingt es dem „Märchen von der Prinzessin, die unbedingt in einem Märchen vorkommen wollte" mit viel Witz und Charme zu begeistern.
Prinzessin Clara (Hanna Merki) ist das Aschenbrödel am Hofe. Ein Tollpatsch und einzige sympathische Person hinter den sieben Bergen, dazu wird sie von der Schwester und deren Freundinnen zum hässlichen Entlein gemacht. Alle sagen ihr, sie würde niemals eine richtige Prinzessin sein. Da ist guter Rat teuer, zumal ausgerechnet der Hofnarr Michel ihr Berater ist. Clara gesteht sich in der klassischen Spiegel-Szene ein: „Ich schaffe es einfach nicht, so zu sein, wie die anderen es wollen." Sie kann einfach nicht wie eine richtige Prinzessin sein. Die letztendliche Lösung (auch von 99 Prozent der anderen Kinderfilme), zu akzeptieren, wie man ist, verkündet der Narr schon nach zwanzig Minuten. Doch Clara glaubt, sie müsse nun wie in einem Märchen ihr Glück finden und probiert einige Vorlagen aus.
Auch den Rest könnte man als vorhersehbar zur Seite legen: Ein paar Animationen gemäß Märchenbuch sorgen für witzige Variationen bekannter Geschichten. Doch Clara kann halt den Frosch nicht an die Wand werfen. Frösche küssen in Serie ist jedoch machbar - bis sich einer wenigstens in ein Huhn verwandelt.
Auch die Sache mit dem Rotkäppchen klappt nicht richtig, weil die schwerhörige Großmutter eine mehrere Meter lange rote Mütze strickt. Alles scheitert auf herrlich komische Weise bis Prinz Ermelin (Pascal Andres) mit einem selbstgeschnitzten Fahrrad auftaucht: Komm mit mir, dann können wir gemeinsam seltsam sein...
Nur auf den ersten Blick ist „Das Märchen von der Prinzessin, die unbedingt in einem Märchen vorkommen wollte" auf Basis von Susanne Straßers gleichnamigem Kinderbuch in Schauspiel und Inszenierung bodenständig. Da ergeht es dem Film wie der Prinzessin Clara, an Äußerlichkeiten haben beide nicht viel zu bieten, aber sie haben das Herz am richtigen Fleck und gewinnen die richtigen Zuschauer mit viel Charme. Großen Anteil daran hat die sympathische Hauptdarstellerin Hanna Merki. Dank der kecken Art und Dickköpfigkeit ihrer Clara wird das „Märchen" zu einem sympathischen Zeitvertreib, der auf beste Weise an Kinder- und Jugendfilme „aus dem Osten" erinnert. Aber das ist wieder ein anderes Märchen aus alten Zeiten.
Märchen sind beliebt bei groß und klein. Wobei man hier von großen und kleinen Produktionen reden kann: Schneewittchen wurde gleich zwei Mal in einer üppigen Hollywood-Version verpunkt. Mal geht es mit Horror im Körbchen in den Wald, mal ähnelt die Fantasy den grimmigen Filmen von Terry Gilliam. Dagegen scheint es eine kleine deutsche Gesellschaft schwer zu haben, doch es gibt sicher auch das eine oder andere Märchen, dass vom Erfolg eines Däumlings gegen übermächtige Riesen erzählt. So gelingt es dem „Märchen von der Prinzessin, die unbedingt in einem Märchen vorkommen wollte" mit viel Witz und Charme zu begeistern.
Prinzessin Clara (Hanna Merki) ist das Aschenbrödel am Hofe. Ein Tollpatsch und einzige sympathische Person hinter den sieben Bergen, dazu wird sie von der Schwester und deren Freundinnen zum hässlichen Entlein gemacht. Alle sagen ihr, sie würde niemals eine richtige Prinzessin sein. Da ist guter Rat teuer, zumal ausgerechnet der Hofnarr Michel ihr Berater ist. Clara gesteht sich in der klassischen Spiegel-Szene ein: „Ich schaffe es einfach nicht, so zu sein, wie die anderen es wollen." Sie kann einfach nicht wie eine richtige Prinzessin sein. Die letztendliche Lösung (auch von 99 Prozent der anderen Kinderfilme), zu akzeptieren, wie man ist, verkündet der Narr schon nach zwanzig Minuten. Doch Clara glaubt, sie müsse nun wie in einem Märchen ihr Glück finden und probiert einige Vorlagen aus.
Auch den Rest könnte man als vorhersehbar zur Seite legen: Ein paar Animationen gemäß Märchenbuch sorgen für witzige Variationen bekannter Geschichten. Doch Clara kann halt den Frosch nicht an die Wand werfen. Frösche küssen in Serie ist jedoch machbar - bis sich einer wenigstens in ein Huhn verwandelt.
Auch die Sache mit dem Rotkäppchen klappt nicht richtig, weil die schwerhörige Großmutter eine mehrere Meter lange rote Mütze strickt. Alles scheitert auf herrlich komische Weise bis Prinz Ermelin (Pascal Andres) mit einem selbstgeschnitzten Fahrrad auftaucht: Komm mit mir, dann können wir gemeinsam seltsam sein...
Nur auf den ersten Blick ist „Das Märchen von der Prinzessin, die unbedingt in einem Märchen vorkommen wollte" auf Basis von Susanne Straßers gleichnamigem Kinderbuch in Schauspiel und Inszenierung bodenständig. Da ergeht es dem Film wie der Prinzessin Clara, an Äußerlichkeiten haben beide nicht viel zu bieten, aber sie haben das Herz am richtigen Fleck und gewinnen die richtigen Zuschauer mit viel Charme. Großen Anteil daran hat die sympathische Hauptdarstellerin Hanna Merki. Dank der kecken Art und Dickköpfigkeit ihrer Clara wird das „Märchen" zu einem sympathischen Zeitvertreib, der auf beste Weise an Kinder- und Jugendfilme „aus dem Osten" erinnert. Aber das ist wieder ein anderes Märchen aus alten Zeiten.
21.5.13
Mutter und Sohn
Rumänien 2012 (Child's Pose / Pozitia Copilului) Regie: Calin Peter Netzer, mit: Luminita Gheorghiu, Bogdan Dumitrache, Natasa Raab, Florin Zamfirescu ca. 90 Min.
Die dramatische und universale Beziehungsgeschichte zwischen „Mutter und Sohn" vor dem Hintergrund krasse sozialer Unterschiede Rumänien gewann überraschend den Hauptpreis der letzten Berlinale. Damit wurde die überaus lebendige und reizvolle neue Filmwelle des Landes gewürdigt. Die Geschichte einer Befreiung in tragischen Umständen ist aber auch sonst sehenswert.
Ein Raserduell auf nächtlicher Strecke: Zwei Männer mit mehr PS als Verstand unter der Haube müssen sich irgendwas beweisen und nachher liegt ein Kind tot auf der Straße. Der junge Fahrer wird von den Verwandten des Opfers fast gelyncht. Doch dann startet das wahre Unrecht seine Maschinerie.
Cornelia, die Mutter des Mörders, eine reiche wie unterbeschäftigte Architektin, Gattin eines Chirurgen, legte ihre kaltherzige Schminke auf, stürmt das Polizeibüro und aktiviert gleichzeitig, mit Smartphone bewaffnet, ihre Beziehungen. So hält der verständliche Widerstand der einfachen Polizisten gegen Korruption und freche Überrumpelung nur ein paar Stunden. Dann ist der Sohn Barbu frei, Dokumente werden gefälscht, an Beweisstücken kräftig manipuliert.
Nun erwartet man ein soziales Drama darüber, wie ein verwöhnter Raser und Kinds-Mörder mit Hilfe seiner einflussreichen Mutter der Gerechtigkeit entkommt. Doch der Film bleibt bei der reichen Familie und baut ein anderes Drama auf: Barbu könnte sich freuen oder Schuldgefühle haben oder irgendwas machen. Aber er ist nur damit beschäftigt, die Umklammerung seiner Mutter zu verhindern. Dabei hat der Mann einen Beruf, eine Frau, die ein Kind mit in die Beziehung brachte, eine eigene Wohnung. Doch der Mann wird immer noch wie ein kleiner Junge behandelt und verhält sich auch öfter so. Aber er hat es tatsächlich schwer: Hemmungslos durchsucht Mama seine Wohnung, korrigiert die Lektüre am Bett, schnüffelt in allen Ecken und kritisiert noch viel mehr.
Es dauert lange in diesem nicht immer packenden Film, bis ausgerechnet der verantwortungslose Unfall dem Sohn die Gelegenheit gibt, dem Griff der übermäßig fürsorglichen, ekelhaft reichen und korrupten Mutter zu entkommen. Denn die Versuche, alles mit Geld zu regeln scheitern. Die Reiche und der Täter müssen sich der Familie des Opfers stellen und dabei gewinnt der Film endlich an Dramatik. Denn als wirkliche Anteilnahme und echte Verantwortung für das eigene Handeln gefragt ist, emanzipiert sich Barbu endlich.
Schon dass die „Opferung" eines Kindes nur als dramaturgischer Auslöser für einen wenig weltbewegenden Luxus-Konflikt inszeniert wird, macht „Mutter und Sohn" nicht unbedingt sympathisch. Genau wie seine Hauptfigur, die von Luminita Gheorghiu eindrucksvoll widerwärtig gespielt wird. Doch es müssen ja nicht alle ihre Kamera auf die echten Probleme richten, wie man es gerne bei Ländern mit großem Wohlstandsgefälle wie Rumänien oder Deutschland erwartet. Unter diesem Verzicht ist „Mutter und Sohn" eine gute Psycho-Zeichnung und so beschränkt sogar gelungen.
Die dramatische und universale Beziehungsgeschichte zwischen „Mutter und Sohn" vor dem Hintergrund krasse sozialer Unterschiede Rumänien gewann überraschend den Hauptpreis der letzten Berlinale. Damit wurde die überaus lebendige und reizvolle neue Filmwelle des Landes gewürdigt. Die Geschichte einer Befreiung in tragischen Umständen ist aber auch sonst sehenswert.
Ein Raserduell auf nächtlicher Strecke: Zwei Männer mit mehr PS als Verstand unter der Haube müssen sich irgendwas beweisen und nachher liegt ein Kind tot auf der Straße. Der junge Fahrer wird von den Verwandten des Opfers fast gelyncht. Doch dann startet das wahre Unrecht seine Maschinerie.
Cornelia, die Mutter des Mörders, eine reiche wie unterbeschäftigte Architektin, Gattin eines Chirurgen, legte ihre kaltherzige Schminke auf, stürmt das Polizeibüro und aktiviert gleichzeitig, mit Smartphone bewaffnet, ihre Beziehungen. So hält der verständliche Widerstand der einfachen Polizisten gegen Korruption und freche Überrumpelung nur ein paar Stunden. Dann ist der Sohn Barbu frei, Dokumente werden gefälscht, an Beweisstücken kräftig manipuliert.
Nun erwartet man ein soziales Drama darüber, wie ein verwöhnter Raser und Kinds-Mörder mit Hilfe seiner einflussreichen Mutter der Gerechtigkeit entkommt. Doch der Film bleibt bei der reichen Familie und baut ein anderes Drama auf: Barbu könnte sich freuen oder Schuldgefühle haben oder irgendwas machen. Aber er ist nur damit beschäftigt, die Umklammerung seiner Mutter zu verhindern. Dabei hat der Mann einen Beruf, eine Frau, die ein Kind mit in die Beziehung brachte, eine eigene Wohnung. Doch der Mann wird immer noch wie ein kleiner Junge behandelt und verhält sich auch öfter so. Aber er hat es tatsächlich schwer: Hemmungslos durchsucht Mama seine Wohnung, korrigiert die Lektüre am Bett, schnüffelt in allen Ecken und kritisiert noch viel mehr.
Es dauert lange in diesem nicht immer packenden Film, bis ausgerechnet der verantwortungslose Unfall dem Sohn die Gelegenheit gibt, dem Griff der übermäßig fürsorglichen, ekelhaft reichen und korrupten Mutter zu entkommen. Denn die Versuche, alles mit Geld zu regeln scheitern. Die Reiche und der Täter müssen sich der Familie des Opfers stellen und dabei gewinnt der Film endlich an Dramatik. Denn als wirkliche Anteilnahme und echte Verantwortung für das eigene Handeln gefragt ist, emanzipiert sich Barbu endlich.
Schon dass die „Opferung" eines Kindes nur als dramaturgischer Auslöser für einen wenig weltbewegenden Luxus-Konflikt inszeniert wird, macht „Mutter und Sohn" nicht unbedingt sympathisch. Genau wie seine Hauptfigur, die von Luminita Gheorghiu eindrucksvoll widerwärtig gespielt wird. Doch es müssen ja nicht alle ihre Kamera auf die echten Probleme richten, wie man es gerne bei Ländern mit großem Wohlstandsgefälle wie Rumänien oder Deutschland erwartet. Unter diesem Verzicht ist „Mutter und Sohn" eine gute Psycho-Zeichnung und so beschränkt sogar gelungen.
15.5.13
Cannes 2013 Eröffnung
Cannes. Eine große Show war es immer und wird es wieder sein: Wenn mit Baz Luhrmans „Der große Gatsby" am Mittwochabend die 66. Filmfestspielen von Cannes (15.-26. Mai) eröffnet werden, ist ein großes Spektakel garantiert: Der Regisseur von „Moulin Rouge" und „Romeo und Julia" legte sein Remake des Dramas mit Robert Redford aus dem Jahre 1974 als optische und musikalische Orgie an. Neben der Frage, wie sich heute Leonard DiCaprio in der Moulin Rouge-Umgebung hält, irritiert das Timing dieser Eröffnung das Fachpublikum.
Kratzt sich Cannes am eigenen Lack, wenn die glamouröse Gala um „Der große Gatsby" etwa parallel zu der nicht so ganz spektakulären „Ladys First"-Vorführung des Films im Aachener Cineplex stattfindet? Und außerdem in vielen Ländern schon regulär im Kino startet? Zwar verkaufte sich Cannes schon öfter als maximal exklusive Startplattform, aber diesmal geht doch etwas Glanz die Cotè d'Azur runter.
Was wenige Stunden später mit dem echten Start des Wettbewerbs um die Goldenen Palmen vergessen sein wird: Weil mit Steven Spielberg der erfolgreichste und von vielen auch als der beste angesehene Regisseur seiner Epoche als Präsident der Jury (unter anderem mit Christoph Waltz) zu Gast ist, wollte man ihm wohl nur das Beste vom Besten vorsetzen. Die zwanzig Filme des Wettbewerbs beeindrucken im Vorfeld mit einer selten dagewesenen Qualitätsdichte: Die Brüder Coen, James Gray, François Ozon, Steven Soderbergh, Roman Polanski, Jim Jarmusch und Paolo Sorentino führen den Reigen der Regie-Stars an. Dazu werden die Leinwand-Stars fast nebenbei mitgeliefert - auch wenn das einige Glamourmagazine anders herum sehen mögen: Für die laufen zwischen den Highlights des Schaulaufens auf den berühmten Treppen zum Festivalpalast „ein paar Filme".
Man kann also bester Hoffnung sein, dass die Wettbewerbs-Auswahl das Beste ist, was gerade frisch vom Schneidetisch gefallen ist. Ausnahmen und Abwesende gibt es dabei immer wieder, eine ist in diesem Jahr besonders pikant: Lars von Trier kündigt ausgerechnet für den 16. Mai, den ersten richtigen Festivaltag von Cannes, Neues zu seinem sexuell provokanten Film „Nymphomaniac" an. Selbstverständlich außerhalb von Cannes, das ihn nach seinem ungeschickten Hitler-Vergleich 2011 von seinen heiligen Gefilden gebannt hat
Etablierte Herren-Riege
Die Abwesenheit von Frauen abseits des Blitzlichtgewitters auf dem Roten Teppich ist eine alte Leier, die man der Alt-Herrenriege von Cannes jedes Jahr vorwerfen muss. 2013, also ganz knapp nach den Suffragetten, der Frauenbewegung und Emanzipation, ist Valeria Bruni Tedeschi die einzige Regisseurin im Wettbewerb. Diese seltene Erscheinung - Cannes kann auch ganz ohne oder oben ohne - hat weniger damit zu tun, dass Bruni Tedeschi als Halb-Schwester von Carla Bruni die Schwägerin eines französischen Ex-Präsidenten ist, sondern vor allem damit, dass jeder ihrer bisherigen Filme ein übersehenes Meisterwerk war. Außerdem positionierte sich die Tochter eines Turiner Industriellen sowie ebenso exzellente Schauspielerin und Regisseurin in den sehr persönlichen „Actrices - Oder der Traum aus der Nacht davor" (2007) sowie in „Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr" (2003) als wahrhafte und kämpferische Linke.
Der andere große Steven bei Cannes 2013, Nachname: Soderbergh, zeigt mit „Behind the Candelabra" seinen angeblich letzten Film. Darin geht Michael Douglas mit Matt Damon ins Bett, und zwischendurch laufen sie viel in Bademänteln rum. Denn Soderbergh, der meint, das Filmemachen biete ihm nichts Neues mehr, erzählt von einer großen Liebe des legendären Pianisten und Entertainers Liberace aus der Sicht des jüngeren Liebhabers.
Angesichts derartig viel Qualitäts-Glimmern muss man sich entscheiden, ob man sich genüsslich die Finger nach diesem Programm ableckt oder einen Finger in die Wunde namens „mangelnder Nachwuchs" legen will: Man kann nicht gleichzeitig eine einzigartige Ansammlung bekannter wie ausgezeichneter Filmemacher zusammenkehren und auf Entdeckungsreise unter den noch namenlosen, um den nächsten große Steven zu finden. Dafür gibt es im übrigen auch die Nebensektionen, in denen etwa das Spielfilmdebut „Tore tanzt" von Katrin Gebbe in der „Sektion Un Certain Regard" für Neugierde sorgt: Der Film handelt, inspiriert von realen Ereignissen, von dem Jesus Freak Tore, der in Hamburg bei religiösen Punks ein neues Leben beginnen möchte.
NRW groß mit dabei
NRW erweist sich erneut als starker Koproduktions-Partner. Zwei von drei deutschen Koproduktionen im Wettbewerb entstanden teilweise in NRW. „Only Lovers Left Alive" von Jim Jarmusch hat die Kölner Pandora Film - wie drei weitere Cannes-Beiträge - produziert und zu weiten Teilen in Nordrhein-Westfalen realisiert. Auch die NRW-geförderte internationale Koproduktion „Heli" des mexikanischen Regisseurs Amat Escalante startet im Wettbewerb. Dazu wird die in NRW gedrehte Pandora-Koproduktion „Der Kongress" von Ari Folman („Waltz with Bashir") die Reihe „Quinzaine des réalisateurs" eröffnen. Eine filmpolitisch starke Antwort auf Kritiker dieser Wirtschafts-Förderung, die sich gerne über Unterstützung von Kassen-Hits wie „7 Zwerge" aufregen.
Auch so zeigt sich das Festivalmotiv der 68. Ausgabe als schöne und hervorragende Wahl. Der klassische Kuss (aus dem Jahre 1963) zwischen Paul Newman und Joanne Woodward, die als Traum- und Ehe-Paar bis zum Tode Newmans 2008 fünfzig Jahre zusammen waren, symbolisiert in der Form des liegenden Paares und in seiner Mischung aus Showgeschäft und echten Gefühlen das Yin und Yang von Cannes: Glamour und Inhalt, Geschäft und Kultur, Oberflächlichkeit und tief gehender Inhalt balancieren sich immer wieder aus zu einem faszinierenden Tanz auf dem Vulkan der Bilder und Töne.
Kratzt sich Cannes am eigenen Lack, wenn die glamouröse Gala um „Der große Gatsby" etwa parallel zu der nicht so ganz spektakulären „Ladys First"-Vorführung des Films im Aachener Cineplex stattfindet? Und außerdem in vielen Ländern schon regulär im Kino startet? Zwar verkaufte sich Cannes schon öfter als maximal exklusive Startplattform, aber diesmal geht doch etwas Glanz die Cotè d'Azur runter.
Was wenige Stunden später mit dem echten Start des Wettbewerbs um die Goldenen Palmen vergessen sein wird: Weil mit Steven Spielberg der erfolgreichste und von vielen auch als der beste angesehene Regisseur seiner Epoche als Präsident der Jury (unter anderem mit Christoph Waltz) zu Gast ist, wollte man ihm wohl nur das Beste vom Besten vorsetzen. Die zwanzig Filme des Wettbewerbs beeindrucken im Vorfeld mit einer selten dagewesenen Qualitätsdichte: Die Brüder Coen, James Gray, François Ozon, Steven Soderbergh, Roman Polanski, Jim Jarmusch und Paolo Sorentino führen den Reigen der Regie-Stars an. Dazu werden die Leinwand-Stars fast nebenbei mitgeliefert - auch wenn das einige Glamourmagazine anders herum sehen mögen: Für die laufen zwischen den Highlights des Schaulaufens auf den berühmten Treppen zum Festivalpalast „ein paar Filme".
Man kann also bester Hoffnung sein, dass die Wettbewerbs-Auswahl das Beste ist, was gerade frisch vom Schneidetisch gefallen ist. Ausnahmen und Abwesende gibt es dabei immer wieder, eine ist in diesem Jahr besonders pikant: Lars von Trier kündigt ausgerechnet für den 16. Mai, den ersten richtigen Festivaltag von Cannes, Neues zu seinem sexuell provokanten Film „Nymphomaniac" an. Selbstverständlich außerhalb von Cannes, das ihn nach seinem ungeschickten Hitler-Vergleich 2011 von seinen heiligen Gefilden gebannt hat
Etablierte Herren-Riege
Die Abwesenheit von Frauen abseits des Blitzlichtgewitters auf dem Roten Teppich ist eine alte Leier, die man der Alt-Herrenriege von Cannes jedes Jahr vorwerfen muss. 2013, also ganz knapp nach den Suffragetten, der Frauenbewegung und Emanzipation, ist Valeria Bruni Tedeschi die einzige Regisseurin im Wettbewerb. Diese seltene Erscheinung - Cannes kann auch ganz ohne oder oben ohne - hat weniger damit zu tun, dass Bruni Tedeschi als Halb-Schwester von Carla Bruni die Schwägerin eines französischen Ex-Präsidenten ist, sondern vor allem damit, dass jeder ihrer bisherigen Filme ein übersehenes Meisterwerk war. Außerdem positionierte sich die Tochter eines Turiner Industriellen sowie ebenso exzellente Schauspielerin und Regisseurin in den sehr persönlichen „Actrices - Oder der Traum aus der Nacht davor" (2007) sowie in „Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr" (2003) als wahrhafte und kämpferische Linke.
Der andere große Steven bei Cannes 2013, Nachname: Soderbergh, zeigt mit „Behind the Candelabra" seinen angeblich letzten Film. Darin geht Michael Douglas mit Matt Damon ins Bett, und zwischendurch laufen sie viel in Bademänteln rum. Denn Soderbergh, der meint, das Filmemachen biete ihm nichts Neues mehr, erzählt von einer großen Liebe des legendären Pianisten und Entertainers Liberace aus der Sicht des jüngeren Liebhabers.
Angesichts derartig viel Qualitäts-Glimmern muss man sich entscheiden, ob man sich genüsslich die Finger nach diesem Programm ableckt oder einen Finger in die Wunde namens „mangelnder Nachwuchs" legen will: Man kann nicht gleichzeitig eine einzigartige Ansammlung bekannter wie ausgezeichneter Filmemacher zusammenkehren und auf Entdeckungsreise unter den noch namenlosen, um den nächsten große Steven zu finden. Dafür gibt es im übrigen auch die Nebensektionen, in denen etwa das Spielfilmdebut „Tore tanzt" von Katrin Gebbe in der „Sektion Un Certain Regard" für Neugierde sorgt: Der Film handelt, inspiriert von realen Ereignissen, von dem Jesus Freak Tore, der in Hamburg bei religiösen Punks ein neues Leben beginnen möchte.
NRW groß mit dabei
NRW erweist sich erneut als starker Koproduktions-Partner. Zwei von drei deutschen Koproduktionen im Wettbewerb entstanden teilweise in NRW. „Only Lovers Left Alive" von Jim Jarmusch hat die Kölner Pandora Film - wie drei weitere Cannes-Beiträge - produziert und zu weiten Teilen in Nordrhein-Westfalen realisiert. Auch die NRW-geförderte internationale Koproduktion „Heli" des mexikanischen Regisseurs Amat Escalante startet im Wettbewerb. Dazu wird die in NRW gedrehte Pandora-Koproduktion „Der Kongress" von Ari Folman („Waltz with Bashir") die Reihe „Quinzaine des réalisateurs" eröffnen. Eine filmpolitisch starke Antwort auf Kritiker dieser Wirtschafts-Förderung, die sich gerne über Unterstützung von Kassen-Hits wie „7 Zwerge" aufregen.
Auch so zeigt sich das Festivalmotiv der 68. Ausgabe als schöne und hervorragende Wahl. Der klassische Kuss (aus dem Jahre 1963) zwischen Paul Newman und Joanne Woodward, die als Traum- und Ehe-Paar bis zum Tode Newmans 2008 fünfzig Jahre zusammen waren, symbolisiert in der Form des liegenden Paares und in seiner Mischung aus Showgeschäft und echten Gefühlen das Yin und Yang von Cannes: Glamour und Inhalt, Geschäft und Kultur, Oberflächlichkeit und tief gehender Inhalt balancieren sich immer wieder aus zu einem faszinierenden Tanz auf dem Vulkan der Bilder und Töne.
Der große Gatsby (2013)
USA, Australien 2013 (The great Gatsby) Regie: Baz Luhrmann, mit Leonardo DiCaprio, Tobey Maguire, Carey Mulligan, Joel Edgerton 143 Min.
Die große Premiere-Party fand in Cannes statt, deshalb übersetzen wir den Titel mal frei französisch in „Das große Deja vu". Man fragt sich bei der Neuverfilmung des Romans von F. Scott Fitzgerald und des Films mit Robert Redford aus 1974 (siehe DVD-Spalte) nicht nur, was Leonardo DiCaprio in Luhrmanns Vorgänger „Moulin Rouge" macht. Tobey Maguire erweist sich im Vergleich mit Ewan McGregor als der schwächere Erzähler und „Der große Gatsby" als der kleinere Film. Ein großes Spektakel ist es trotzdem - um mit Fitzgerald zu schreiben: ein Kaleidoskopischer Karneval...
Im Frühjahr 1922 zieht New York zieht der Möchtegern-Autor Nick Carraway (Tobey Maguire) nach New York, um am Börsenboom der Wall Street mitzuverdienen. Seine entfernte Cousine Daisy Buchanan (Carey Mulligan) wohnt mit ihrem reichen Ehemann Tom (Joel Edgerton) am gegenüberliegenden Ufer der Bucht. Neben Nick thront das Anwesen von Jay Gatsby (Leonardo DiCaprio), der ausufernde Parties schmeißt, zu denen halb New York herausfährt. Dass der arme („pennyless") Broker Nick als einziger wirklich eingeladen wird und der geheimnisvolle, unnahbare Gatsby seine Nähe geradezu aufdringlich sucht, hängt nur mit Carraways Verwandtschaft zu Daisy zusammen. Denn die eindrucksvolle Fassade von Reichtum, Prominenz und Lebensgenuss inszeniert Gatsby allein, um nach fünf Jahren der Trennung seine große Liebe Daisy wieder zu erobern.
Baz Luhrmanns neues Spektakel „Der große Gatsby" ähnelt in frappierend vielen Facetten seinem großen Meisterwerk „Moulin Rouge": Die Rahmenerzählung eines gebrochenen Autors an der Schreibmaschine, der wirbelnde Dirigent, der wahnsinnige Pianist, das Duell zwischen dem reichen und dem bettelarmen Verehrer. Dazu rasende Fahrten ins Zentrum der Party, diesmal über einen See, wobei eine Boje mit grünem Licht der Sehnsucht die rote Windmühle aus „Moulin Rouge" ersetzt.
Es ist gut nachvollziehbar, wie sehr die Opulenz der Zwanziger Baz Luhrmann gereizt hat: Der Art Deca-Stil, die wirbelnden Kleider im irren Charleston-Takt, ein „chemical madness" aus Pillen und Alkohol sowie selbstverständlich der Jazz in Zeiten von Prohibition. In einer kleineren Rausch-Szene eröffnen sich für den Beobachter Nick, der immer mittendrin, aber nie wirklich dazugehörig ist, in den Fenstern der gegenüberliegenden Fassade der unerschöpfliche Reichtum des Lebens. So ein magischer, fesselnder und berauschender Ausschnitt bietet auch „Der Große Gatsby" in vielen Momenten.
Wie immer ist der Soundtrack bei Luhrmann ein besonderer Hit: Verführten einst Lady Marmalade mit „Voulez vous coucher avec moi" ins wilde Paris, so ist es jetzt ein genialer Griff, das unter anderem Bryan Ferry mit dem stilgemäßen Bryan Ferry Orchestra "Love is the drug" und andere musikalische Anachronismen ins Mikro schmachtet.
Optisch kann man sich das 3D bis auf einige Effekten, die in New York den Sturz der Banken und der Banker vorwegnehmen sparen. Bemerkenswert nur noch ein paar feinere ästhetische Versuche, wie das Schneetreiben von Buchstaben im Winter der Erinnerung Carraways.
Leonardo DiCaprio steht der charismatische Millionär hervorragend, ein Flugboot-Verweis auf seine Rolle als Howard Hughes macht reiche Erfahrung auf diesem Gebiet noch klarer. Auch wenn Gatsby zusammenbricht und, im Innersten unsicher, um Anerkennung bettelt, vermögen das wohl wenige so glaubhaft darzustellen. Die Figur der Daisy kommt trotz Carey Mulligan („Shame", „Drive") Einiges zu kurz, denn wenn man den Vergleich zu Ende treibt, ist dies eigentlich die Liebesgeschichte von Carraway und Gatsby.
Das Original-Drehbuch stammte von Francis Ford Coppola, die Beziehung zur Bankenkrise von 2008 ist trotzdem offensichtlich, der Hype, der überbordende Lebensstil, die Blase von der Börse bis zu aufgeblasenen Persönlichkeiten mit ganz dünnen Innenleben. Aber letztlich, auch wenn in der Luhrmann-typischen Signatur dieses Films „Ein Leben in Angst ist nur ein halbes Leben" steht, ist das wirklich Große an Gatsby seine unerschöpfliche Hoffnung, die für Liebe Berge versetzt.
Die große Premiere-Party fand in Cannes statt, deshalb übersetzen wir den Titel mal frei französisch in „Das große Deja vu". Man fragt sich bei der Neuverfilmung des Romans von F. Scott Fitzgerald und des Films mit Robert Redford aus 1974 (siehe DVD-Spalte) nicht nur, was Leonardo DiCaprio in Luhrmanns Vorgänger „Moulin Rouge" macht. Tobey Maguire erweist sich im Vergleich mit Ewan McGregor als der schwächere Erzähler und „Der große Gatsby" als der kleinere Film. Ein großes Spektakel ist es trotzdem - um mit Fitzgerald zu schreiben: ein Kaleidoskopischer Karneval...
Im Frühjahr 1922 zieht New York zieht der Möchtegern-Autor Nick Carraway (Tobey Maguire) nach New York, um am Börsenboom der Wall Street mitzuverdienen. Seine entfernte Cousine Daisy Buchanan (Carey Mulligan) wohnt mit ihrem reichen Ehemann Tom (Joel Edgerton) am gegenüberliegenden Ufer der Bucht. Neben Nick thront das Anwesen von Jay Gatsby (Leonardo DiCaprio), der ausufernde Parties schmeißt, zu denen halb New York herausfährt. Dass der arme („pennyless") Broker Nick als einziger wirklich eingeladen wird und der geheimnisvolle, unnahbare Gatsby seine Nähe geradezu aufdringlich sucht, hängt nur mit Carraways Verwandtschaft zu Daisy zusammen. Denn die eindrucksvolle Fassade von Reichtum, Prominenz und Lebensgenuss inszeniert Gatsby allein, um nach fünf Jahren der Trennung seine große Liebe Daisy wieder zu erobern.
Baz Luhrmanns neues Spektakel „Der große Gatsby" ähnelt in frappierend vielen Facetten seinem großen Meisterwerk „Moulin Rouge": Die Rahmenerzählung eines gebrochenen Autors an der Schreibmaschine, der wirbelnde Dirigent, der wahnsinnige Pianist, das Duell zwischen dem reichen und dem bettelarmen Verehrer. Dazu rasende Fahrten ins Zentrum der Party, diesmal über einen See, wobei eine Boje mit grünem Licht der Sehnsucht die rote Windmühle aus „Moulin Rouge" ersetzt.
Es ist gut nachvollziehbar, wie sehr die Opulenz der Zwanziger Baz Luhrmann gereizt hat: Der Art Deca-Stil, die wirbelnden Kleider im irren Charleston-Takt, ein „chemical madness" aus Pillen und Alkohol sowie selbstverständlich der Jazz in Zeiten von Prohibition. In einer kleineren Rausch-Szene eröffnen sich für den Beobachter Nick, der immer mittendrin, aber nie wirklich dazugehörig ist, in den Fenstern der gegenüberliegenden Fassade der unerschöpfliche Reichtum des Lebens. So ein magischer, fesselnder und berauschender Ausschnitt bietet auch „Der Große Gatsby" in vielen Momenten.
Wie immer ist der Soundtrack bei Luhrmann ein besonderer Hit: Verführten einst Lady Marmalade mit „Voulez vous coucher avec moi" ins wilde Paris, so ist es jetzt ein genialer Griff, das unter anderem Bryan Ferry mit dem stilgemäßen Bryan Ferry Orchestra "Love is the drug" und andere musikalische Anachronismen ins Mikro schmachtet.
Optisch kann man sich das 3D bis auf einige Effekten, die in New York den Sturz der Banken und der Banker vorwegnehmen sparen. Bemerkenswert nur noch ein paar feinere ästhetische Versuche, wie das Schneetreiben von Buchstaben im Winter der Erinnerung Carraways.
Leonardo DiCaprio steht der charismatische Millionär hervorragend, ein Flugboot-Verweis auf seine Rolle als Howard Hughes macht reiche Erfahrung auf diesem Gebiet noch klarer. Auch wenn Gatsby zusammenbricht und, im Innersten unsicher, um Anerkennung bettelt, vermögen das wohl wenige so glaubhaft darzustellen. Die Figur der Daisy kommt trotz Carey Mulligan („Shame", „Drive") Einiges zu kurz, denn wenn man den Vergleich zu Ende treibt, ist dies eigentlich die Liebesgeschichte von Carraway und Gatsby.
Das Original-Drehbuch stammte von Francis Ford Coppola, die Beziehung zur Bankenkrise von 2008 ist trotzdem offensichtlich, der Hype, der überbordende Lebensstil, die Blase von der Börse bis zu aufgeblasenen Persönlichkeiten mit ganz dünnen Innenleben. Aber letztlich, auch wenn in der Luhrmann-typischen Signatur dieses Films „Ein Leben in Angst ist nur ein halbes Leben" steht, ist das wirklich Große an Gatsby seine unerschöpfliche Hoffnung, die für Liebe Berge versetzt.
13.5.13
Paradies: Hoffnung
Österreich, BRD, Frankreich, 2012 Regie: Ulrich Seidl, mit Melanie Lenz, Joseph Lorenz, Michael Thomas, 92 Min. FSK: ab 12
Der Abschluss einer Trilogie sollte „die Sache" im besten Falle „rund" machen. Wenn das Diät-Paradies in Folge der ersten beiden Teile „Liebe" und „Glaube" allerding zu billigem Spott verführt, muss es zu mager ausgefallen sein. Und Ulrich Seidl sich die Frage gefallen lassen, ob das Material wirklich für drei Teile ausreichend war.
Was bisher geschah: Eine frustrierte, üppige Krankenschwester findet auch mit gekauften Loverboys im Afrika-Urlaub nicht das „Paradies: Liebe" (Cannes 2012). Ihre Schwester findet zwar durch Einführung eines Kreuzes mit dem Lieben Herrn Jesu und Kasteiung davor oder danach Befriedigung, doch der Ex-Mann, der im Rollstuhl zum strammen Muslim wurde, nimmt dem „Paradies: Glaube" zumindest das Alleinstellungsmerkmal und auch irgendwie die Reinheit der ausgestellten Barmherzigkeit (Venedig 2012).
Nun muss Melanie (Melanie Lenz), die übergewichtige Tochter der Liebes-Suchenden und Nichte der Gläubigen, rein in ein Diät-Camp und raus kommt ein dünner Film. Die Teenie-Gespräche der 13-Jährigen mit anderen Häftlingen der Österreicher Volks- und Sprachangehörigkeit könnten Doku-Soap sein. Oder Parodie. Zuerst wird altersentsprechend heimlich gefeiert, gesoffen, geraucht und gegessen. Die Verliebtheit Melanies in den schleimigen Diät-Arzt - ein naiver Kleine-Mädchen-Casanova - könnte zu einem spannenden Konflikt führen, doch alles läuft derart unterkomplex ab, dass erst die fast letzte Szene mit der coma-betrunkenen „Melli" und dem auf einer Waldlichtung an ihr herumschnüffelnden Arzt die Abstrusität üblicher Seidl-Geschichten hat. Der militärische Drill des schmierigen Sportlehrers und die immer wieder in albernen Formationen ins Bild gebrachte Kindergruppe des Guantanamo-Light-Imitats irgendwo in den Voralpen ist höchstens dekorativ und nur beim ersten Mal unterhaltsam. Hier laufen selbst die genau Kadrierungen Seidls, die es jetzt auch in eine Foto-Ausstellungen schafften, ins Leere. Das Spiel der nicht professionellen Melanie überzeugt nur in diesem Rahmen und stellt mit etwas Distanz betrachtet, die Frage, die Seidls Filme zwischen echtem Leben und Inszenierung sonst stellen. Wird es diesem jungen Menschen gut tun, so präsentiert oder gar vorgeführt zu werden. Es wird hoffentlich keine Folge-Doku über das Schicksal der Melanie L. geben.
Bis auf ein paar Insider-Scherze bringt die Verbindung der drei „Paradies"-Filme auch keinen Mehrwert, die Bezeichnung Trilogie ist dafür stark übertrieben. Die Hoffnung auf ein gutes oder sogar der Glaube an ein gesteigertes Ende der Paradies-Trilogie von Ulrich Seidl verflogen nach wenigen Minuten.
Der Abschluss einer Trilogie sollte „die Sache" im besten Falle „rund" machen. Wenn das Diät-Paradies in Folge der ersten beiden Teile „Liebe" und „Glaube" allerding zu billigem Spott verführt, muss es zu mager ausgefallen sein. Und Ulrich Seidl sich die Frage gefallen lassen, ob das Material wirklich für drei Teile ausreichend war.
Was bisher geschah: Eine frustrierte, üppige Krankenschwester findet auch mit gekauften Loverboys im Afrika-Urlaub nicht das „Paradies: Liebe" (Cannes 2012). Ihre Schwester findet zwar durch Einführung eines Kreuzes mit dem Lieben Herrn Jesu und Kasteiung davor oder danach Befriedigung, doch der Ex-Mann, der im Rollstuhl zum strammen Muslim wurde, nimmt dem „Paradies: Glaube" zumindest das Alleinstellungsmerkmal und auch irgendwie die Reinheit der ausgestellten Barmherzigkeit (Venedig 2012).
Nun muss Melanie (Melanie Lenz), die übergewichtige Tochter der Liebes-Suchenden und Nichte der Gläubigen, rein in ein Diät-Camp und raus kommt ein dünner Film. Die Teenie-Gespräche der 13-Jährigen mit anderen Häftlingen der Österreicher Volks- und Sprachangehörigkeit könnten Doku-Soap sein. Oder Parodie. Zuerst wird altersentsprechend heimlich gefeiert, gesoffen, geraucht und gegessen. Die Verliebtheit Melanies in den schleimigen Diät-Arzt - ein naiver Kleine-Mädchen-Casanova - könnte zu einem spannenden Konflikt führen, doch alles läuft derart unterkomplex ab, dass erst die fast letzte Szene mit der coma-betrunkenen „Melli" und dem auf einer Waldlichtung an ihr herumschnüffelnden Arzt die Abstrusität üblicher Seidl-Geschichten hat. Der militärische Drill des schmierigen Sportlehrers und die immer wieder in albernen Formationen ins Bild gebrachte Kindergruppe des Guantanamo-Light-Imitats irgendwo in den Voralpen ist höchstens dekorativ und nur beim ersten Mal unterhaltsam. Hier laufen selbst die genau Kadrierungen Seidls, die es jetzt auch in eine Foto-Ausstellungen schafften, ins Leere. Das Spiel der nicht professionellen Melanie überzeugt nur in diesem Rahmen und stellt mit etwas Distanz betrachtet, die Frage, die Seidls Filme zwischen echtem Leben und Inszenierung sonst stellen. Wird es diesem jungen Menschen gut tun, so präsentiert oder gar vorgeführt zu werden. Es wird hoffentlich keine Folge-Doku über das Schicksal der Melanie L. geben.
Bis auf ein paar Insider-Scherze bringt die Verbindung der drei „Paradies"-Filme auch keinen Mehrwert, die Bezeichnung Trilogie ist dafür stark übertrieben. Die Hoffnung auf ein gutes oder sogar der Glaube an ein gesteigertes Ende der Paradies-Trilogie von Ulrich Seidl verflogen nach wenigen Minuten.
6.5.13
Schimpansen
USA 2012 (Chimpanzee) Regie: Alastair Fothergill, Mark Linfield 78 Min., FSK: o.A.
Eine „Geschichte mit Drama, Trauer und Freude" soll es werden, und dieses Affentheater hält, was Disney androht. Das Lebensdrama eines kleinen Schimpansen, der nach dem Tode seiner Eltern von einer anderen Sippe „adoptiert" wurde, ist eine vom Erzähler lustig interpretierte Inszenierung von Bildern, die schon ein wenig Sachverstand als manipulativ missbraucht erkennen lässt. Da heißen die Figuren Oscar und Scar, da wird Trauer oder Glück in die Gesichter behauptet. Anfangs beutet „Schimpansen" auch noch geschickt die Niedlichkeit seiner „Hauptfigur" aus - die Ähnlichkeiten zu „Bambi" sind unüberhörbar.
Doch mit der größten Unverschämtheit trumpft der angebliche „Tierfilm" gleich zu Beginn auf: Ein flotter Jazz Club-Song setzt eine ganz üble Tradition fort, schwarzen Jazz mit Affen in Verbindung zu bringen. Ja, auch das „Dschungelbuch" ist da nicht ohne! Massiver wirkt jedoch die andere üble -Disney-Tradition, die Vermenschlichung von Tieren in vermeintlichen Dokumentationen. Denn die bedenkliche Verfälschung und Verwurstung von dokumentarischem Material erschreckt hier noch einmal besonders, auch wenn sich so mittlerweile wieder fast jeder Tierfilm verhält. Da braucht es nicht die „Enthüllung" eines Forschers, dass sich beispielsweise die rivalisierenden Familien in Realität nie hätten begegnen können, weil ihre Territorien hunderte Kilometer auseinander liegen.
Trotzdem bieten diese „Schimpansen" zwischen den furchtbaren Kommentaren immer noch eine tolle Biologie-Stunde und ein faszinierende Aufnahmen aus dem Urwald. Den enormen Aufwand der Produktion kann man nur an der Qualität der Bilder aus allen möglichen Winkeln und aus unglaublicher Nähe erahnen. Hinzu kommen reizvolle Szenen in Zeitraffer vom Wachstum des Dschungels oder Luftbilder der geschlossenen Pflanzendecke.
Den Hauptdarsteller soll übrigens mittlerweile das Schicksal von vielen Lassies und Free Willys ereilt haben: Reichtum und Ruhm konnten einen frühen Tod nicht verhindern. Am Ende bleibt die Frage, ob man noch etwas Gutes in einem Riesenhaufen Affen-Dung finden will.
Eine „Geschichte mit Drama, Trauer und Freude" soll es werden, und dieses Affentheater hält, was Disney androht. Das Lebensdrama eines kleinen Schimpansen, der nach dem Tode seiner Eltern von einer anderen Sippe „adoptiert" wurde, ist eine vom Erzähler lustig interpretierte Inszenierung von Bildern, die schon ein wenig Sachverstand als manipulativ missbraucht erkennen lässt. Da heißen die Figuren Oscar und Scar, da wird Trauer oder Glück in die Gesichter behauptet. Anfangs beutet „Schimpansen" auch noch geschickt die Niedlichkeit seiner „Hauptfigur" aus - die Ähnlichkeiten zu „Bambi" sind unüberhörbar.
Doch mit der größten Unverschämtheit trumpft der angebliche „Tierfilm" gleich zu Beginn auf: Ein flotter Jazz Club-Song setzt eine ganz üble Tradition fort, schwarzen Jazz mit Affen in Verbindung zu bringen. Ja, auch das „Dschungelbuch" ist da nicht ohne! Massiver wirkt jedoch die andere üble -Disney-Tradition, die Vermenschlichung von Tieren in vermeintlichen Dokumentationen. Denn die bedenkliche Verfälschung und Verwurstung von dokumentarischem Material erschreckt hier noch einmal besonders, auch wenn sich so mittlerweile wieder fast jeder Tierfilm verhält. Da braucht es nicht die „Enthüllung" eines Forschers, dass sich beispielsweise die rivalisierenden Familien in Realität nie hätten begegnen können, weil ihre Territorien hunderte Kilometer auseinander liegen.
Trotzdem bieten diese „Schimpansen" zwischen den furchtbaren Kommentaren immer noch eine tolle Biologie-Stunde und ein faszinierende Aufnahmen aus dem Urwald. Den enormen Aufwand der Produktion kann man nur an der Qualität der Bilder aus allen möglichen Winkeln und aus unglaublicher Nähe erahnen. Hinzu kommen reizvolle Szenen in Zeitraffer vom Wachstum des Dschungels oder Luftbilder der geschlossenen Pflanzendecke.
Den Hauptdarsteller soll übrigens mittlerweile das Schicksal von vielen Lassies und Free Willys ereilt haben: Reichtum und Ruhm konnten einen frühen Tod nicht verhindern. Am Ende bleibt die Frage, ob man noch etwas Gutes in einem Riesenhaufen Affen-Dung finden will.
Smashed
USA 2012 (Smashed) Regie: James Ponsoldt, Mary Elizabeth Winstead, Aaron Paul, Octavia Spencer, Nick Offerman, 81 Min., FSK: ab 12
Es vergehen gerade mal eine Viertelstunde Film oder 24 Stunden Leben und Kate (Mary Elizabeth Winstead) hat eine heftige Nacht durchgezecht, vor ihrer Grundschul-Schulklasse gekotzt, bei ihrer Chefin eine Schwangerschaft vorgetäuscht, sich auf Crack ihr Auto stehlen lassen. Die Musik macht auf fröhlich, doch der Spaß ist trotz des sympathischen Gesichts der jungen Alkoholikerin bald vorbei. Sie pinkelt im Supermarkt zwischen den Regalen, wacht irgendwo an der Kanalisation aus dem Sauf-Koma auf. Ein erster Schluck Bier morgens unter der Dusche, einen aus dem Flachmann kurz vor der Arbeit. Kate ist tatsächlich sehr sympathisch - eigentlich und nur auf einem schmalen Grat. Vorher und nachher ist sie schwer erträglich.
Ihr spießiger Kollege Dave, der sich als seit neun Jahren nüchtern zu erkennen gibt, bringt sie endlich zu einem Treffen der Anonymen Alkoholiker, denn ihre Zustände haben sich von „peinlich zu beängstigend" entwickelt. Das größte Problem für Kate, die schon immer viel getrunken hat, ist dass alle, die sie kennt, ebenfalls Säufer sind. Bei der Mutter, die Kate will endlich mal wieder besucht, kulminiert das gesellschaftliche Problem, einfach mal nur ein Glas Wasser zu trinken. Weil halt auch die Mutter Alkoholikerin ist. Der kurze, kluge und sehr lebensnahe Film konzentriert sich auf die Auswirkungen des Ernüchterns auf eine Beziehung. Unter Tränen muss Kate erkennen „Ich kann nicht nüchtern und mit dir zusammen sein."
„Smashed" macht nicht auf Drama im Hollywood-Sinn, ist kein „Leaving Las Vegas". Dafür glaubt man, dass Kate und die anderen echte Menschen sind, man kommt ihnen nahe, fühlt mit. Nicht allein wegen der Handkamera sondern auch über das hervorragende Spiel von Mary Elizabeth Winstead („Abraham Lincoln Vampirjäger", „Death Proof - Todsicher"). Dass dies kein „Problemfilm" ist und einiges allgemeingültig ist, macht ein Satz von Kates Patin klar: Alle Menschen erführen das Leben mal als seltsam und frustrierend. Wobei die Anonymen Alkoholiker Mittel hätten, damit umzugehen. Wenn nach einem Jahr Nüchternheit das weitere Leben des Paares parallel gezeigt wird, macht der sensible Film das nicht besserwisserisch, sondern einfach nur traurig. Offen bleibt, ob Kate auch die Stärke gewinnt, sich aus der Abhängigkeit von einer ungesunden Beziehung zu lösen.
Es vergehen gerade mal eine Viertelstunde Film oder 24 Stunden Leben und Kate (Mary Elizabeth Winstead) hat eine heftige Nacht durchgezecht, vor ihrer Grundschul-Schulklasse gekotzt, bei ihrer Chefin eine Schwangerschaft vorgetäuscht, sich auf Crack ihr Auto stehlen lassen. Die Musik macht auf fröhlich, doch der Spaß ist trotz des sympathischen Gesichts der jungen Alkoholikerin bald vorbei. Sie pinkelt im Supermarkt zwischen den Regalen, wacht irgendwo an der Kanalisation aus dem Sauf-Koma auf. Ein erster Schluck Bier morgens unter der Dusche, einen aus dem Flachmann kurz vor der Arbeit. Kate ist tatsächlich sehr sympathisch - eigentlich und nur auf einem schmalen Grat. Vorher und nachher ist sie schwer erträglich.
Ihr spießiger Kollege Dave, der sich als seit neun Jahren nüchtern zu erkennen gibt, bringt sie endlich zu einem Treffen der Anonymen Alkoholiker, denn ihre Zustände haben sich von „peinlich zu beängstigend" entwickelt. Das größte Problem für Kate, die schon immer viel getrunken hat, ist dass alle, die sie kennt, ebenfalls Säufer sind. Bei der Mutter, die Kate will endlich mal wieder besucht, kulminiert das gesellschaftliche Problem, einfach mal nur ein Glas Wasser zu trinken. Weil halt auch die Mutter Alkoholikerin ist. Der kurze, kluge und sehr lebensnahe Film konzentriert sich auf die Auswirkungen des Ernüchterns auf eine Beziehung. Unter Tränen muss Kate erkennen „Ich kann nicht nüchtern und mit dir zusammen sein."
„Smashed" macht nicht auf Drama im Hollywood-Sinn, ist kein „Leaving Las Vegas". Dafür glaubt man, dass Kate und die anderen echte Menschen sind, man kommt ihnen nahe, fühlt mit. Nicht allein wegen der Handkamera sondern auch über das hervorragende Spiel von Mary Elizabeth Winstead („Abraham Lincoln Vampirjäger", „Death Proof - Todsicher"). Dass dies kein „Problemfilm" ist und einiges allgemeingültig ist, macht ein Satz von Kates Patin klar: Alle Menschen erführen das Leben mal als seltsam und frustrierend. Wobei die Anonymen Alkoholiker Mittel hätten, damit umzugehen. Wenn nach einem Jahr Nüchternheit das weitere Leben des Paares parallel gezeigt wird, macht der sensible Film das nicht besserwisserisch, sondern einfach nur traurig. Offen bleibt, ob Kate auch die Stärke gewinnt, sich aus der Abhängigkeit von einer ungesunden Beziehung zu lösen.
4.5.13
Starlet
USA 2012 (Starlet) Regie: Sean Baker, mit Dree Hemingway, Besedka Johnson, Stella Maeve, James Ransone 103 Min., FSK: ab 16
Ungewöhnliche Freundschaften sind die Stars der Kino-Geschichten. Diese zwischen einer nicht besonders hellen Blondine und einer einsamen alten Frau überrascht und berührt in gelungener Folge. Die Ernest-Hemingway-Urenkelin, das Topmodel Dree Hemingway, und als Newcomer die 86-jährige Besedka Johnson beeindrucken in der exzellent fotografierten und bewegenden Geschichte aus dem „Porn Valley" bei Los Angeles.
Zugegeben, nach Harmony Korines sensationellen „Spring Breakers" haben anscheinend völlig hohle Girlys an Respekt gewonnen. Doch die WG von Jane (Dree Hemingway), ihrer Freundin Melissa und beider „Manager" Mikey verspricht erst einmal keinen besonders bedeutenden Film: X-Box und Drogen bilden hier den Lebensmittelpunkt. Jane kümmert sich auch noch um den titelgebenden Handtaschen-Hund, der ebenso viel Strass trägt wie sein Blondchen. Dass und was die beiden jungen Frauen arbeiten, kommt eher beiläufig und spät heraus. Die Porno-Drehs alle paar Wochen laufen absurd nebenher, genau wie die Bemühungen von Vollpfosten Mikey, mit der Installation einer Strip-Stange im Wohnzimmer ein eigenes Geschäft aufzumachen.
Als Jane in einer Thermos-Kanne, die sie bei einem Garagen-Flohmarkt erstand, 10.000 Dollar
findet, zeigt sich ein überraschend gutes Herz. Einen Teil des Geldes leiht sie Melissa, was nur die Gier dieser falschen Freundin anfacht. Dann versucht sie den Rest in eher komischen Aktionen detektivischer Schläue dem wahren Eigentümer zurückzugeben. Doch das liebe Kind wird von der alten Dame und Voreignerin in sehr komischen Dialogen um die Definitionshoheit des Gefäßes zurückgewiesen. Trotz einiger Missgeschicke gelingt schließlich die Annäherung und Sadie erweist sich als sehr einsame und verschlossene Frau, die nur mit viel Liebesmüh aus ihrem Schneckenhaus gelockt werden kann. Jane setzt sich bei diesen Versuchen sogar einem Bingo-Turnier aus, um die Freundschaft der alten Dame zu gewinnen. Doch von dem gefundenen Geld hat sie ihr noch nicht erzählt. Das ist inzwischen auch von Melissa komplett verprasst worden, weil der blöde Hund das Versteck an die noch dummere Mitbewohnerin verriet. Trotzdem hat diese üble Gangster am Hals...
„Starlet" zeigt unter dem kalten Sonnenschein Kaliforniens die schöne Freundschaft einer Porno-Darstellerin und einer zurückgezogen lebenden Seniorin ohne die üblichen Zutaten anderer Buddy-Movies. Beiläufig lebt Jane in den Tag und so erzählt auch Sean Baker. Neben den Bildern, die „Trash" einer Randgesellschaft mit strahlender Ausleuchtung kontrastieren, vermittelt die Handlung mehr als der ersten Blick verrät. Geld spielt immer und überall eine Rolle. Männer kommandieren die jungen wie die alte Frau. Genau wie die Hauptfigur überrascht auch die Hauptdarstellerin, die als Model deklarierte Hemingway-Urenkelin Dree Hemingway. Gänzlich gelungen dann das Zusammenspiel mit der nicht nur ein paar Jahre älteren Debütantin Besedka Johnson. Bis zum offenen Schlussmoment, einem großen, schmerzlichen Verstehen Janes.
Ungewöhnliche Freundschaften sind die Stars der Kino-Geschichten. Diese zwischen einer nicht besonders hellen Blondine und einer einsamen alten Frau überrascht und berührt in gelungener Folge. Die Ernest-Hemingway-Urenkelin, das Topmodel Dree Hemingway, und als Newcomer die 86-jährige Besedka Johnson beeindrucken in der exzellent fotografierten und bewegenden Geschichte aus dem „Porn Valley" bei Los Angeles.
Zugegeben, nach Harmony Korines sensationellen „Spring Breakers" haben anscheinend völlig hohle Girlys an Respekt gewonnen. Doch die WG von Jane (Dree Hemingway), ihrer Freundin Melissa und beider „Manager" Mikey verspricht erst einmal keinen besonders bedeutenden Film: X-Box und Drogen bilden hier den Lebensmittelpunkt. Jane kümmert sich auch noch um den titelgebenden Handtaschen-Hund, der ebenso viel Strass trägt wie sein Blondchen. Dass und was die beiden jungen Frauen arbeiten, kommt eher beiläufig und spät heraus. Die Porno-Drehs alle paar Wochen laufen absurd nebenher, genau wie die Bemühungen von Vollpfosten Mikey, mit der Installation einer Strip-Stange im Wohnzimmer ein eigenes Geschäft aufzumachen.
Als Jane in einer Thermos-Kanne, die sie bei einem Garagen-Flohmarkt erstand, 10.000 Dollar
findet, zeigt sich ein überraschend gutes Herz. Einen Teil des Geldes leiht sie Melissa, was nur die Gier dieser falschen Freundin anfacht. Dann versucht sie den Rest in eher komischen Aktionen detektivischer Schläue dem wahren Eigentümer zurückzugeben. Doch das liebe Kind wird von der alten Dame und Voreignerin in sehr komischen Dialogen um die Definitionshoheit des Gefäßes zurückgewiesen. Trotz einiger Missgeschicke gelingt schließlich die Annäherung und Sadie erweist sich als sehr einsame und verschlossene Frau, die nur mit viel Liebesmüh aus ihrem Schneckenhaus gelockt werden kann. Jane setzt sich bei diesen Versuchen sogar einem Bingo-Turnier aus, um die Freundschaft der alten Dame zu gewinnen. Doch von dem gefundenen Geld hat sie ihr noch nicht erzählt. Das ist inzwischen auch von Melissa komplett verprasst worden, weil der blöde Hund das Versteck an die noch dummere Mitbewohnerin verriet. Trotzdem hat diese üble Gangster am Hals...
„Starlet" zeigt unter dem kalten Sonnenschein Kaliforniens die schöne Freundschaft einer Porno-Darstellerin und einer zurückgezogen lebenden Seniorin ohne die üblichen Zutaten anderer Buddy-Movies. Beiläufig lebt Jane in den Tag und so erzählt auch Sean Baker. Neben den Bildern, die „Trash" einer Randgesellschaft mit strahlender Ausleuchtung kontrastieren, vermittelt die Handlung mehr als der ersten Blick verrät. Geld spielt immer und überall eine Rolle. Männer kommandieren die jungen wie die alte Frau. Genau wie die Hauptfigur überrascht auch die Hauptdarstellerin, die als Model deklarierte Hemingway-Urenkelin Dree Hemingway. Gänzlich gelungen dann das Zusammenspiel mit der nicht nur ein paar Jahre älteren Debütantin Besedka Johnson. Bis zum offenen Schlussmoment, einem großen, schmerzlichen Verstehen Janes.
Stoker
USA, Großbritannien, 2013 (Stoker) Regie: Park Chan-Wook, mit Mia Wasikowska, Matthew Goode, Dermot Mulroney, Nicole Kidman, 99 Min., FSK: ab 16
Am Tag ihrer Volljährigkeit verliert India Stoker (Mia Wasikowskav) ihren Vater Richard (Dermot Mulroney) bei einem Verkehrsunfall. Die Trauerfeier lässt die 18-Jährige seltsam unberührt. Nur der plötzlich aufgetauchte junge Onkel Charlie (Matthew Goode), von dessen Existenz niemand wusste und der als einziger nicht schwarz trägt, interessiert und irritiert sie. In einer traumhaften Bewegung kreisen die beiden in der Trauergemeinschaft umeinander.
Das Mädchen India mit ihrem betrübten und immer ernsten Blick mag nicht angefasst werden und sieht Dinge, die andere nicht sehen. Genau wie dieser Film von Park Chan-Wook („Old Man"). In der Zeichenklasse bringt sie irre Muster aufs Papier, die sich nur auf der Innenseite der Vase befinden! Eine Spinne krabbelt ihr den Verlauf des Films über Stück für Stück das Bein hoch.
Die fassbarste Irritation bei „Stoker" stellt Charlie dar, mit diabolischem Glanz in den Augen. Er flirtet mit Mutter Evelyn (Nicole Kidman) und Tochter, hat leichtes Spiel beim Verführen der Witwe und beim Zuschauen lassen des reifen Teenagers. Dann ist das vierhändig virtuoses Pianospiel von Onkel und Nichte fast bis zum Orgasmus erotisch.
Dieser immer lächelnde, immer sehr korrekt angezogene Mann wirkt wie Indias Seelenpartner, er kennt sie tatsächlich bis in ihre dunkelsten Ecken. Sie wird sein Geheimnis jedoch erst sehr spät erfahren. Da hat die Gewalt bereits von der Familie Stoker Besitz ergriffen. Das Blut am Bleistift, das von einem übergriffigen Mitschüler stammt, wird schon genüsslich durch den Spitzer gedreht. Die Rache an einem Vergewaltiger gibt es in zwei Varianten, wobei die spätere ein ganzes Stück schockender ausfällt. Aber Indias Weinen danach unter der Dusche wandelt sich zur Erregung.
Gewalt und Verstörung sollten nicht verwundern bei Park Chan-Wook, dem Regisseur von so überragenden Filmen wie dem Cannes-Sieger „Oldboy" (2003), „Durst" (2009), „I'm a Cyborg, But That's OK" (2006) oder „Sympathy For Mr. Vengeance" (2002). Sein erster US-Film „Stoker", der keinen direkten Bezug auf den „Dracula"-Autor Bram Stoker nimmt, ist ein schöner, ein unheimlicher, kein eindeutiger und so ein auf reizvolle Weise verstörender Film. So seltsam wie einem die Koreaner in vielen ihrer Filmen vorkommen, wirken nun die bekannten Gesichter westlicher Schauspieler (Mia Wasikowska, Matthew Goode oder Nicole Kidman) in anscheinend zeitloser Umgebung. Vor allem die Szenen am Abendtisch zeigen einen Teenager in erstickenden Setting, im dunklen, verstaubten Horror der 60er Jahre. Hier und im Verschwinden der alten Küchenhilfe bekommt „Stoker" einen Touch von „Rosemaries Baby". Bis auf ein einzelnes Handy wirkt der Psycho-Thriller zeitlos, obwohl man an Indias Geburtsdatum errechnen kann, dass er Heute spielt.
Mia Wasikowska, die von der lieblichen „Alice im Wunderland" bis zur rauen Gangsterbraut in „Lawless" stark beeindruckte, macht auch „Stoker" zu ihrem Film. Nicole Kidman zeigt wieder einmal, dass sie keine gute Schauspielerin ist: Die Witze ihrer verkrampften Witwe sollen vielleicht unbeholfen wirken. Doch je öfter man sie und ihr Manierismen sieht, desto deutlicher wird die Beschränktheit ihrer schauspielerischen Mittel. Da die Geschichte in der Stimmung zeitweise recht nah an „The Others" kommt, kann man ihre Anwesenheit hier trotzdem tolerieren.
„Erwachsen und frei werden heißt, wir sind nicht verantwortlich für das, was wir sind!" Irritierend und reizvoll böse wie diese Entwicklungs-Geschichte einer jungen Frau sind auch die ästhetischen Mittel von Park Chan-Wook: Oft löst er seine Bilder geometrisch auf, so dass die Form noch mehr als der Inhalt fasziniert. Wie die Schuhschachteln, die bisher an jedem Geburtstag Indias die gleichen Schuhe brachten und nun einen geheimnisvollen Schlüssel, versteckt der Koreaner hinter bekannten Elemente und Symbole rätselhafte Stimmungen. Ihm gelingen zahlreiche geniale Szenen und ein Ende, das die Bilder des Anfangs auf schaurig schöne Weise umdeutet.
Am Tag ihrer Volljährigkeit verliert India Stoker (Mia Wasikowskav) ihren Vater Richard (Dermot Mulroney) bei einem Verkehrsunfall. Die Trauerfeier lässt die 18-Jährige seltsam unberührt. Nur der plötzlich aufgetauchte junge Onkel Charlie (Matthew Goode), von dessen Existenz niemand wusste und der als einziger nicht schwarz trägt, interessiert und irritiert sie. In einer traumhaften Bewegung kreisen die beiden in der Trauergemeinschaft umeinander.
Das Mädchen India mit ihrem betrübten und immer ernsten Blick mag nicht angefasst werden und sieht Dinge, die andere nicht sehen. Genau wie dieser Film von Park Chan-Wook („Old Man"). In der Zeichenklasse bringt sie irre Muster aufs Papier, die sich nur auf der Innenseite der Vase befinden! Eine Spinne krabbelt ihr den Verlauf des Films über Stück für Stück das Bein hoch.
Die fassbarste Irritation bei „Stoker" stellt Charlie dar, mit diabolischem Glanz in den Augen. Er flirtet mit Mutter Evelyn (Nicole Kidman) und Tochter, hat leichtes Spiel beim Verführen der Witwe und beim Zuschauen lassen des reifen Teenagers. Dann ist das vierhändig virtuoses Pianospiel von Onkel und Nichte fast bis zum Orgasmus erotisch.
Dieser immer lächelnde, immer sehr korrekt angezogene Mann wirkt wie Indias Seelenpartner, er kennt sie tatsächlich bis in ihre dunkelsten Ecken. Sie wird sein Geheimnis jedoch erst sehr spät erfahren. Da hat die Gewalt bereits von der Familie Stoker Besitz ergriffen. Das Blut am Bleistift, das von einem übergriffigen Mitschüler stammt, wird schon genüsslich durch den Spitzer gedreht. Die Rache an einem Vergewaltiger gibt es in zwei Varianten, wobei die spätere ein ganzes Stück schockender ausfällt. Aber Indias Weinen danach unter der Dusche wandelt sich zur Erregung.
Gewalt und Verstörung sollten nicht verwundern bei Park Chan-Wook, dem Regisseur von so überragenden Filmen wie dem Cannes-Sieger „Oldboy" (2003), „Durst" (2009), „I'm a Cyborg, But That's OK" (2006) oder „Sympathy For Mr. Vengeance" (2002). Sein erster US-Film „Stoker", der keinen direkten Bezug auf den „Dracula"-Autor Bram Stoker nimmt, ist ein schöner, ein unheimlicher, kein eindeutiger und so ein auf reizvolle Weise verstörender Film. So seltsam wie einem die Koreaner in vielen ihrer Filmen vorkommen, wirken nun die bekannten Gesichter westlicher Schauspieler (Mia Wasikowska, Matthew Goode oder Nicole Kidman) in anscheinend zeitloser Umgebung. Vor allem die Szenen am Abendtisch zeigen einen Teenager in erstickenden Setting, im dunklen, verstaubten Horror der 60er Jahre. Hier und im Verschwinden der alten Küchenhilfe bekommt „Stoker" einen Touch von „Rosemaries Baby". Bis auf ein einzelnes Handy wirkt der Psycho-Thriller zeitlos, obwohl man an Indias Geburtsdatum errechnen kann, dass er Heute spielt.
Mia Wasikowska, die von der lieblichen „Alice im Wunderland" bis zur rauen Gangsterbraut in „Lawless" stark beeindruckte, macht auch „Stoker" zu ihrem Film. Nicole Kidman zeigt wieder einmal, dass sie keine gute Schauspielerin ist: Die Witze ihrer verkrampften Witwe sollen vielleicht unbeholfen wirken. Doch je öfter man sie und ihr Manierismen sieht, desto deutlicher wird die Beschränktheit ihrer schauspielerischen Mittel. Da die Geschichte in der Stimmung zeitweise recht nah an „The Others" kommt, kann man ihre Anwesenheit hier trotzdem tolerieren.
„Erwachsen und frei werden heißt, wir sind nicht verantwortlich für das, was wir sind!" Irritierend und reizvoll böse wie diese Entwicklungs-Geschichte einer jungen Frau sind auch die ästhetischen Mittel von Park Chan-Wook: Oft löst er seine Bilder geometrisch auf, so dass die Form noch mehr als der Inhalt fasziniert. Wie die Schuhschachteln, die bisher an jedem Geburtstag Indias die gleichen Schuhe brachten und nun einen geheimnisvollen Schlüssel, versteckt der Koreaner hinter bekannten Elemente und Symbole rätselhafte Stimmungen. Ihm gelingen zahlreiche geniale Szenen und ein Ende, das die Bilder des Anfangs auf schaurig schöne Weise umdeutet.
30.4.13
Iron Man 3
USA/VR China 2013 (Iron Man 3) Regie: Shane Black mit Robert Downey jr., Rebecca Hall, Guy Pearce, Gwyneth Paltrow, Ben Kingsley, Don Cheadle 131 Min. FSK ab 12
Die Gefahr, dass der „Iron Man" Rost ansetzt, war groß im mittlerweile dritten Spielfilm der neuen Serie plus einem Gastauftritt bei den „Avengers". Doch Hauptdarsteller Robert Downey jr. holte sich zur Fortsetzung seines Mainstream-Comebacks Regisseur und Freund Shane Black mit ins Team. Der machte im Sinne der letzten gemeinsamen Produktion „Kiss Kiss, Bang Bang" kräftig Bang Bang, befreit Downey aber auch aus der engen Metallrüstung. Shane Black bekräftigt seinen guten Ruf als Autor cleverer Action-Unterhaltung von „Lethal Weapon" (1986) bis „Der letzte Action Held" (1993).
Nicht eine große Terror-Drohung, sondern ganz private Angst-Attacken quälen den reichen Erfinder und Industriellen Tony Stark (Robert Downey jr.), seit er als Iron Man in „The Avengers" mal wieder die Welt gerettet hat. Seine Hightec-Panzerhaut parkt zur Sicherheit vor der Bar zwischen den Harleys und selbst in den eigenen vier (oder vierzig...) Wänden schlüpft er manchmal in dieses Versteck. Als ein verzweifelter Selbstmord-Attentäter eine Party und ein neuer Gegner dann sein Hauptquartier in die Luft sprengt, katapultiert das Stark in eine neue Rolle...
Die Zerstörungs-Orgie, die den Superhelden ganz nach unten bringt, ist mehr als stark. Und laut. Und eindrucksvoll. Denn für diese Actionhelden-Routine des Niedergangs vor phoenixartiger Wiedergeburt braucht es im Falle des Iron Man enorme destruktive Gewalt. Dies schließt die Demontage des Körperpanzers ein, mit dem „Iron Man 3" wohl nur eine uninteressante Fortsetzung mehr gewesen wäre. Nun finden wir Tony Stark losgelöst von der Schutzhaut und seiner Vergangenheit, mit der Unschuld der Jugend und dem Zauber des Neu-Anfangs wieder. Der Hightec-Überflieger, der Superheld mit Elektroantrieb in der Brust und im Auto muss sich auf dem Land mit Baumarkt-Materialien im McGyver-Stil durchschlagen.
Außer diesem netten psychologischen Kniff unterhält „Iron Man 3" mit technischen Spielereien wie der holografischen Live-Projektion eines bösartigen Gehirns, mit dämonische Auftritten hochexplosiver Gestalten, die nicht nur sinnbildlich „in die Luft gehen", und mit Ben Kingsley in einem ganz neuen Outfit als Terrorist. Das steht ihm hervorragend, wirkt allerdings auch unfreiwillig komisch. Hinter dieser höllischen Bedrohung steckt ein bärtiger und asiatischer Bösewicht, der die USA damit terrorisiert, dass er immer wieder das TV-Programm unterbricht. Nebenbei droht er auch mit schlimmen Dingen. Dass die ganze Terror-Welle nur eine billige Inszenierung mit einem minderbemittelten, drogensüchtigen Schauspieler ist, um über den „Krieg gegen Terror" Jobs für ein paar machtgeile Brutalos zu schaffen, wird überraschend ironiefrei deutlich. Auch dass Kriegsveteranen tickende Zeitbomben sind, die unter dem Druck ihrer Traumata implodieren, gibt einen klaren Hinweis auf ganz reale Bedrohungen in Ländern, die mit Kriegseinsätzen Frieden schaffen wollen.
Während der Iron Man schließlich doch wieder mit seinem „Robin" Don Cheadle zumindest die USA und deren Präsidenten rettet, sorgt Robert Downey jr. mit viel augenzwinkerndem Spiel als Ironie-Mann dafür, dass der finale Overkill an elektronischen Ritterrüstungen als Albernheit ernst genommen wird. Wenn dann noch seine Beziehung zur blassen Pepper Potts (Gwyneth Paltrow) ausgerechnet durch den Schurken Aldrich Killian (Guy Pearce) mehr Pfeffer bekommt, sind wir fast wieder beim verrückten Spaß von „Kiss Kiss, Bang Bang".
Die Gefahr, dass der „Iron Man" Rost ansetzt, war groß im mittlerweile dritten Spielfilm der neuen Serie plus einem Gastauftritt bei den „Avengers". Doch Hauptdarsteller Robert Downey jr. holte sich zur Fortsetzung seines Mainstream-Comebacks Regisseur und Freund Shane Black mit ins Team. Der machte im Sinne der letzten gemeinsamen Produktion „Kiss Kiss, Bang Bang" kräftig Bang Bang, befreit Downey aber auch aus der engen Metallrüstung. Shane Black bekräftigt seinen guten Ruf als Autor cleverer Action-Unterhaltung von „Lethal Weapon" (1986) bis „Der letzte Action Held" (1993).
Nicht eine große Terror-Drohung, sondern ganz private Angst-Attacken quälen den reichen Erfinder und Industriellen Tony Stark (Robert Downey jr.), seit er als Iron Man in „The Avengers" mal wieder die Welt gerettet hat. Seine Hightec-Panzerhaut parkt zur Sicherheit vor der Bar zwischen den Harleys und selbst in den eigenen vier (oder vierzig...) Wänden schlüpft er manchmal in dieses Versteck. Als ein verzweifelter Selbstmord-Attentäter eine Party und ein neuer Gegner dann sein Hauptquartier in die Luft sprengt, katapultiert das Stark in eine neue Rolle...
Die Zerstörungs-Orgie, die den Superhelden ganz nach unten bringt, ist mehr als stark. Und laut. Und eindrucksvoll. Denn für diese Actionhelden-Routine des Niedergangs vor phoenixartiger Wiedergeburt braucht es im Falle des Iron Man enorme destruktive Gewalt. Dies schließt die Demontage des Körperpanzers ein, mit dem „Iron Man 3" wohl nur eine uninteressante Fortsetzung mehr gewesen wäre. Nun finden wir Tony Stark losgelöst von der Schutzhaut und seiner Vergangenheit, mit der Unschuld der Jugend und dem Zauber des Neu-Anfangs wieder. Der Hightec-Überflieger, der Superheld mit Elektroantrieb in der Brust und im Auto muss sich auf dem Land mit Baumarkt-Materialien im McGyver-Stil durchschlagen.
Außer diesem netten psychologischen Kniff unterhält „Iron Man 3" mit technischen Spielereien wie der holografischen Live-Projektion eines bösartigen Gehirns, mit dämonische Auftritten hochexplosiver Gestalten, die nicht nur sinnbildlich „in die Luft gehen", und mit Ben Kingsley in einem ganz neuen Outfit als Terrorist. Das steht ihm hervorragend, wirkt allerdings auch unfreiwillig komisch. Hinter dieser höllischen Bedrohung steckt ein bärtiger und asiatischer Bösewicht, der die USA damit terrorisiert, dass er immer wieder das TV-Programm unterbricht. Nebenbei droht er auch mit schlimmen Dingen. Dass die ganze Terror-Welle nur eine billige Inszenierung mit einem minderbemittelten, drogensüchtigen Schauspieler ist, um über den „Krieg gegen Terror" Jobs für ein paar machtgeile Brutalos zu schaffen, wird überraschend ironiefrei deutlich. Auch dass Kriegsveteranen tickende Zeitbomben sind, die unter dem Druck ihrer Traumata implodieren, gibt einen klaren Hinweis auf ganz reale Bedrohungen in Ländern, die mit Kriegseinsätzen Frieden schaffen wollen.
Während der Iron Man schließlich doch wieder mit seinem „Robin" Don Cheadle zumindest die USA und deren Präsidenten rettet, sorgt Robert Downey jr. mit viel augenzwinkerndem Spiel als Ironie-Mann dafür, dass der finale Overkill an elektronischen Ritterrüstungen als Albernheit ernst genommen wird. Wenn dann noch seine Beziehung zur blassen Pepper Potts (Gwyneth Paltrow) ausgerechnet durch den Schurken Aldrich Killian (Guy Pearce) mehr Pfeffer bekommt, sind wir fast wieder beim verrückten Spaß von „Kiss Kiss, Bang Bang".
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