19.1.06
The Big White
USA 2005
Regie: Mark Mylod
Drehbuch: Collin Friesen
Kamera: James Glennon
Schnitt: Julie Monroe
Kostüme: Darena Snowe
Produzenten: Chris Eberts, Christopher Roberts, David Faigenblum
Darsteller: Robin Williams (Paul Barnell), Holly Hunter (Margaret Barnell), Giovanni Ribisi (Ted), Alison Lohman (Tiffany), Woody Harrelson (Raymond Barnell), Tim Blake Nelson (Gary), W. Earl Brown (Jimbo)
Länge: 100 Min.
Verleih: 3L
Kinostart: 9. März 2006
Es gilt die Wiederentdeckung von Robin Williams zu feiern. Trotz ambitionierter Rollen etwa als psychotischer Photo-Entwickler in "One Hour Photo" oder als hinterhältiger Killer in "Insomnia" geriet der einstige Stand Up-Comedian nach der Abkehr von grobschlächtigeren Komödien ("Mrs. Doubtfire") so aus dem Radar des Interesses, dass man begeisterte Nachfrager(innen) immer korrigieren musste: Nein, nicht mit Robbie, mit Robin Williams sei der Film. Nun zeigt Williams sich inmitten endloser Schneemassen und eines eindrucksvollen Casts als einfühlsamer Komödiant und es ist eine Freude, ihn so zu sehen.
"The Big White" beginnt und bleibt schräg, nicht nur im Kamerawinkel: Holly Hunter, nur mit Pyjama und Pantoffeln bekleidet, schlurft durch eine große, schneebedeckte Weite. Wie beim Zielsprint springt sie über eine imaginäre Gemeindegrenze bevor sie der Orts-Polizist wieder einfängt. Die verwirrte Margaret Barnell wird von ihrem Mann Paul (Robin Williams) liebevoll gepflegt. Obwohl dem braven Reisebürochef die Schulden und Sorgen über den Kopf wachsen. Eines Tages präsentiert ein Müllcontainer die Lösung und die tragikomische Wende im kleinen, verzweifelten Leben von Barnell. Zwei besonders dämliche Gangster lagern dort eine Leiche zwischen, die sie im Dienste der Mafia vom Leben zum Eisklotz befördert haben. Barnell findet sie, ist erst entsetzt und fängt dann an zu kombinieren. Es fehlt ihm nämlich eine Leiche zum - wenigstens finanziellen - Glück. Vor Jahren verschwand sein Bruder Raymond und die herzlose Versicherungsgesellschaft will dessen höchst wahrscheinlichen Tod nicht akzeptieren, sprich: nicht mit der riesigen Versicherungssumme rausrücken. Nun lagert der liebende Bruder den Ersatzmann für das Bruderherz in der Tiefkühltruhe ein, inszeniert ein paar rührende Begrüßungsmomente vor Fast-Zeugen und bereitet die Leiche besonders appetitlich zu, damit sie am nächsten Tag von Bären und Wölfen angenagt, aber aufgrund geschickt platzierter Details immer noch als die seines Bruders erkennbar gefunden wird.
So weit, so rührend naiv. Man weiß ja, spätestens seit "Fargo", wie es endet, wenn brave Bürger mal ein wenig kriminell sein wollen. Die Mafia vermisst einen Arbeitsnachweis ihrer Killer, ein besonders scharfer Versicherungsagent (Giovanni Ribisi macht in Slapstick) traut dem Frostbrand-Braten nicht und zur Krönung taucht auch noch der verlorene Bruder Raymond (Woody Harrelson) auf - leibhaftig sowie gefährlicher und durchgeknallter als je zuvor. Kein Kain und Abel war bislang so mörderisch komisch.
Das mag jetzt rassistisch gegenüber allen Nordlichtern sein, aber allein durch die dicken Daunenjacken mit den kleinen, verzweifelten Menschlein drin ist "The Big White" einfach komisch. Dazu tut die Kamera ein Übriges, nimmt mal die Perspektive eine wahnsinnigen Pinschers ein, mal die gewagte Innenansicht eines Müllcontainers. Und selbst eine angefressene Leiche macht noch witzige Grimassen. Eine gelungene schwarze Krimi-Komödie einerseits. Die übliche Variante von "Fargo" und Co trotzdem nicht, dazu bringen vor allem die Frauen zuviel Herz hinein. Ein Glanzlicht ist Holly Hunter: Wenn Margaret ihrem Tourette-Syndrom voll die Zügel gibt, herzerfrischend flucht, weiß man nicht, ob man lachen oder leiden soll. Nur anrührend dagegen, wie Paul damit umgeht, auch wenn er daran selbst fast zugrunde geht. Dazwischen gibt es noch eine verrückte Geiselnahme, Situationskomik mit Rentieren, viele originelle Bildideen und -perspektiven. Nicht vergessen sollte man Alison Lohmans Tiffany mit einer sehr unkonventionellen Telefonberatung, noch eine dieser herzlich erfrischenden Figuren bei dieser in vieler Hinsicht positiven Überraschung abseits von den starren Formeln des Mainstreams.
Günter H. Jekubzik
C.R.A.Z.Y.
Kanada 2005
Regie: Jean-Marc Vallée
Kamera: Pierre Mignot
Schnitt: Paul Jutras
Production design: Patrice Bricault-Vermette
Kostüme: Ginette Magny
Darsteller: Maxime Tremblay, Alex Gravel, Felix-Antoine Despatie, Mariloup Wolfe, Jean-Louis Roux, Francis Ducharme, Helen Gregoire, Johanne Lebrun, Natasha Thompson.
Länge: 127 Min.
Verleih: Concorde
Kinostart: 25.5.2006
Diese Kritik will gesungen werden: Wer den Hit "C.R.A.Z.Y." erleben durfte, wird den gleichnamige Ohrwurm von Patsy Cline nicht mehr los lassen. Der lustvoll historische und ebenso emotional wie komische "Familienfilm" ist eine Top-Notierung unter verfilmten Songs ("I want you", ...) und ein ungemein originelles Coming Out des kanadischen Regisseurs Jean-Marc Vallée.
Zachary Beaulieu hatte schon früh ein Problem: Nie bekam er zu Weihnachten, was er wirklich wollte. Wünschte er sich einen Kinderwagen, gab es ein Hockey-Spiel. Nun ist man schon geschlagen, wenn man seinen Geburtstag mit einem gewissen Jesus Christus teilen muss. Das Ganze dann noch in einer besonders religiösen franco-kanadischen Familie. Da kann nur ein Wunder helfen. Es kommt auch, hilft aber gar nicht: Als eine hellseherische Bekannte der Mutter, die Tupperware-Lady, erkennt: "Er hat eine Gabe!", steht das Telefon der Familie nicht mehr still. ("Matrix" lässt grüßen!) Bei jedem Schnitt in den Finger, bei jeder Verstauchung, soll Zac nun heilen.
So viele wundersame und höchst amüsante Aufregungen, da gerät fast in den Hintergrund, dass Zacharys Vater und Held Gervais Beaulieu (Michel Côté ) an diesen hohen Feiertagen regelmäßig Aznavour schmettert, mit Vorliebe das ziemlich unmöglich nachsingbare "Emmenez moi" mit dem "Ciel du Nord"-Refrain. Das nimmt mit, die Familie nervlich, das Kino hell begeistert. Karaoke gab es damals noch nicht, aber dank Mikro-Eingang wunderbare Duette mit der Vinyl-Platte.
Bei alle der Aufregung - von den vier anderen, ebenfalls sehr besonderen Brüdern Christian, Raymond, Antoine und Yvan haben wir noch gar nichts erzählt - wundert es nicht, dass Zac nicht recht mitbekommt, dass er schwul ist. Doch der einst stolze Papa Gervais muss irgendwann miterleben, wie sein Lieblingssohn in Mädchenklamotten den nachgeborenen Bruder Yvan stillen will. Von da an steht eine eisige Eigernordwand zwischen den vormalig dicksten Kumpeln, die immer heimlich zum Pommes essen fuhren. Und Zac selbst will nicht wahrhaben, was sein Vater nicht ertragen kann. Fortan kämpft der Junge mit einer Lüge und seinem Asthma.
Dieses grandiose kanadische "Ma vie en rosa" wäre nur als schwieriges Coming Out zu lang und zu konventionell. Doch Regisseur und Ko-Autor Jean-Marc Vallée gelang eine begeisternde Hitrevue mit schillernden Menschen und einer ernst zu nehmende Rebellion gegen die Religion. Schon die historische Ausstattung in dem Zyklus der Weihnachts- bzw. Geburtstagsfeiern mit dem Besten aus den Sechzigern, den späten Siebzigern und den frühen Achtzigern bietet Hochgenuss, der Humor ist vom Feinsten und lässt nie lange auf sich warten. Und selbstverständlich die Musik, wenn die ersten Buchstaben der Namen der Söhne zum Titel des Lieblingssongs C.R.A.Z.Y. werden, wenn der Regisseur Vallée für die Rechte an Songs wie Bowies "Space Oddity" angeblich auf Teile seines Honorars verzichtete. (Sein Sohn Emile spielt übrigens den ganz jungen Zac.)
Emotionaler Tiefgang kommt von alleine, da vor allem das Verhältnis von Zac zum störrischen Vater und zur nahezu übersinnlich mitfühlenden Mutter einfühlsam gezeichnet wurde. Das Religiöse bleibt durchgehend ein spannender Reibungspunkt: Mal nett verlacht, dann von Zac verleugnet, als er in der Rauheit des Ferienlagers versinkt. Mit 15 Jahren ist für den Atheisten "Sympathy for the Devil" der große Hit, wie eine der vielen grandiosen Montagesequenzen zeigt. Doch bevor es zum Coming Out kommt, muss Zac noch wie Jesus in Israel in die Wüste und ein paar Wunder überleben. Es gibt also mehr als genug Gründe, diesen in jeder Hinsicht gelungenen Film unbedingt sehen zu müssen!
Günter H. Jekubzik
16.1.06
Yes
Großbritannien/USA 2004 (Yes) Regie: Sally Potter mit Joan Allen, Simon Abkarian, Sam Neill, Shirley Henderson 100 Min. FSK ab 12
Man darf wieder "Ja" sagen zu Sally Potter. Nach dem Androgynitäts-Epos "Orlando" und den zwischengeschlechtlichen "Tango Lessons" gelang ihr nun ein schöner, intelligenter, rührender und immer wieder mit Originalität beschenkender Liebes-Lebens-Film.
"Sie" (Joan Allen) trifft "ihn" bei einer Gala. "Er", der im Libanon Arzt war und in London als Koch arbeitet, erkennt ihr emotionales Dürsten sofort und erfüllt es bald. Ihr Gatte Anthony (Sam Neill) spielt nur noch die Rolle eines Ärgernisses.
Wie immer geht es bei Sally Potter um das Verhältnis von Männer und Frauen, um die Analyse der Machtstrukturen in und zwischen den verschiedenen Klassen der Gesellschaften. Doch in diesem nur von der Konstellation romantischen Setting bringt sie es fertig, völlig glaubhaft und lebendig eine Konfrontation von Imperialismus und südländischem Machismo in die emotionale Auseinandersetzung zu bringen. Liebe und Tod, ein Diskurs über den Fremden, den Asylanten, den Arzt, der in England immer übersehen wird. Gleichzeitig betörend schöne Bilder, eine wunderbare Ästhetik und eine funkelnde Intellektualität.
Die vielfältig talentierte Künstlerin Sally Potter schrieb auch die Musik, zusammen mit Philip Glass und Tom Waits. Sie beherrscht die Siebte Kunst komprimiert Einsamkeit wunderbar in Bilder, wagt es sogar, die Figuren in Versform sprechen zu lassen. Beim englischen Original fließen auch die Jamben in Gedanken und Gesprächen leicht wie Alltagssprache. (Ob die deutsche Synchro damit zurecht kommt, bleibt abzuwarten.) Bis hin zu den letzten weisen Worten der scharf und selbstbewusst kommentierenden, allwissenden Putzfrau (Shirley Henderson): Nein existiert nicht, es gibt nur ein Ja.
15.1.06
Populärmusik aus Vittula
Schweden, Finnland 2004 (Populärmusik från Vittula) Regie: Reza Baghar 105 Min. FSK ab 12
Mit einem herrlichen Kinospaß wartet das neue Jahr direkt auf: Wie sich Gitarren-Rock im äußersten Norden Schwedens, wo es schon fast Finnland ist, durchsetzt. Was eine Beatles-Platte während der 60er in Vittula anrichtet, in diesem Umfeld aus saufenden Sturköpfen und wortkargen Schlägern, ist nicht nur umwerfend komisch. Der sensationelle Kinoerfolg Schweden hat auch reichlich was fürs Herz zu bieten. Und löst am Ende die Frage, wie man seine auf einem einsamen Berggipfel festgefrorene Zunge wieder auftaut ...
Im tornedalischen Pajala, in der nördlichsten Ecke Schwedens, wächst Matti in den 60er auf. Eine raue Jugend unter Elchjägern, Holzfällern und Flößern, so skurril wie man es aus Kaurismäki-Filmen kennt. Exzessive schwedische-finnische Hochzeiten mit Trinkgelage, Sauna-Aufguss-Wettbewerb und Fingerhakeln krönen den Alltag.
Doch als eine Beatles-Platte im Stadtteil Vittula landet, steht die Welt von Matti und Niila auf dem Kopf: Rock’n Roll Music zieht ein als Traum von Freiheit und einer anderen Welt dort draußen. Zum Glück kommt auch ein neuer, alternativ origineller Musiklehrer und Rennradfahrer aus Südschweden in das Dorf, das seinen ersten Neger wie ein Weltwunder mit offenem Mund bestaunt. Hier tritt Nilla erstmals hervor, seine autodidaktische Begeisterung für Esperanto zahlt sich endlich aus, der Junge kann die Predigt des Afrikaners übersetzen!
Nachdem der Lehrer ein Radrennen gegen den Bus gewann trashen die Mini-Rocker direkt das Klassenzimmer und begeistern die Groupies. Der gemeinsamen Karriere der Freunde steht nur noch der prügelnde Vater Niilas im Wegen, der mehr Gitarren zertrümmert, als The Who in ihrer kurzen, lauten Karriere. Und vielleicht die Frauen, die immer gefährlich werden, wenn zwischen zwei Jungs mehr als Freundschaft wächst.
Die Dorfgeschichte wie Action inszeniert. Der Tod der religiösen Oma wie beim "Exorzist" angelegt. Die Nachstellungen des komischen Kauzes und transvestiten Händlers Ryssi wie ein Horrorfilm. Man kann noch so viele "Wie's" bemühen, diese "Populärmusik" ist ein einzigartiges Ereignis. Schlägt im Süden - wenn man oberhalb des Polarkreises wohnt, ist fast alles Süden - ein wie einst die Beatles-Platte im Norden. Kurios, komisch, selbst eklig auf ganz eigene, Vittula-skurrile Weise.
Regisseur Reza Bagher erblickte 1958 im Iran das Licht der Welt. Mit 17 Jahren zog es ihn nach Schweden, um Abitur und ein Ingenieursdiplom abzulegen. Im Anschluss daran studierte Reza Bagher Schauspiel und Film an der Stockholmer Filmhochschule. Vielleicht gelingt auch mit etwas Distanz ein besonders schön schräger Blick auf eigentümliche europäische Volksgruppen.
Roll Bounce
USA 2005 (Roll Bounce) Regie: Malcolm D. Lee mit Lil' Bow Wow, Chi McBride, Khleo Thomas 112 Min. FSK ab 6
Noch alte Rollschuhe im Keller? Es wird Zeit sie zu entrosten, meint dieser beschwingende Rollschuhtanz aus den 70er Jahren mit grandiosen Hits und einer guten Jugend-Story.
"Roll Bounce" liefert mit rasender Kamera auf Kniehöhe grandiose Choreografien - wieso sind die Rollerdiscos eigentlich ausgestorben? Dem ersten geschlossenen Schuppen gegenüber sitzen 1978 in Chicago Xavier (Lil' Bow Wow) und seine Freunde. Der Lebensmittelpunkt, um den die Rollerskates der Schüler kreisten, ist weg. Jetzt müssen die Jungs zum Glitzerladen im besseren Viertel. Dort ist der coole Sweetness der Superstar und will an Naomi ran, die aber immer zu Xavier rüber blinzelt. Bevor es in einer fiebrigen Samstagnacht zum klassischen Duell auf der Tanzfläche kommt, müssen Xavier und sein arbeitsloser Vater mit dem Tod der Mutter und mit sich selber fertig werden ...
"Can You Feel the Force", "Love to Love You Baby", "Kung Fu Fighting", "Le Freak", "He's the Greatest Dancer" - nur einige der sagenhaften Hits, die mit akrobatischen Tanzeinlagen auf Rollen schon die Eintrittskarte lohnen. Ein Generationsproblem könnte allerdings dem flotten Lauf der Dinge im Wege stehen. Denn das jugendliche Zielpublikum wird die Hits von Donna Summer oder Sister Sledge höchstens als Remix kennen. Doch der Film ist trotzdem zeitlos gut: Die schwierige Situation von Xavier stammt nicht aus dem Drehbuch-Computer, die Freunde nehmen sich ernst - im Gegensatz zu vielen anderen amerikanischen Teenie-Filmen. Und der Film nimmt seine Figuren ernst. Zur ernsthaften Selbstfindung gibt es auch guten Humor, etwa wenn Xaviers Konkurrenten, vier über-coole Typen, wie Kraftwerk auf Eis rumtanzen oder zwei Müllmänner als plebejische Variante des griechischen Chores ihren frechen Kommentar loslassen.
Couchgeflüster
USA 2005 (Prime) Regie: Ben Younger mit Meryl Streep, Uma Thurman, Bryan Greenberg 106 Min. FSK o.A.
Auf der Couch mit Meryl Streep. Die grandiose Schauspielerin zeigt noch einmal ihre komödiantische Seite und begeistert direkt mit zwei Gesichtern. Eines von vielen Highlights in dieser trotzdem etwas holperigen Romanze zwischen Uma Thurman und Bryan Greenberg.
37 Jahre jung, frisch geschieden und offen für Neues, so zeigt sich Rafi (Uma Thurman) bei ihrer Psychoanalytikerin Lisa Metzger (Meryl Streep). Aber vielleicht ist der neue Lover David (Bryan Greenberg) mit 23 Jahren doch etwas zu neu, zu frisch, zu jung. Deshalb wird mit dem Alter auch etwas geschummelt. Aber ansonsten ist Rafi hemmungslos offen, sexuelle Details kommen selbstverständlich auch auf den Tisch neben der Couch.
Dass bei Lisa Metzger noch etwas anderes als all die viel zu massigen Halsketten irritiert, zeigt sich, als auch sie erfährt, was den Zuschauern kurz zuvor verraten wurde: David ist ihr Sohn und diese Überraschung entblößt die zwei Gesichter der Lisa Metzger. Einerseits eine lockere, offene Psychoanalytikerin, andererseits eine sehr strenge und verklemmte jiddische Mame.
Die Streep als garstige Schwiegermutter, als Gegenstück zu DeNiros neurotischem Schwiegervater in "Meine Braut, ihr Vater und ich"! Klasse, doch damit gibt sich das "Couchgeflüster" längst nicht zufrieden. Die Couch quietscht zeitweilig lustvoll in den Federn, dann schaukelt sie wieder romantisch im Kerzenlicht und dabei sind Rafi und David grandios. Er arrangiert ein Essen vor ihrem Lieblingsgemälde - im Archiv des Museums. Sie ist verzaubert, mit einem derartig hinreißenden Jungmädchen-Lächeln, dass man ihr auch deswegen vor der Leinwand verfallen könnte. Aber es gibt das Störgeräusch der biologischen Uhr, ein Babywunsch steht zwischen ihnen. Sie lieben sich, doch kriegen ihre Lebenszyklen nicht zusammen. Da ist das romantische Geflüster auf einmal ganz ernsthaft, gar nicht oberflächlich. Und mit einem Ende, dessen bewundernswerte Liebes-Ehrlichkeit und Konsequenz Herzen und Hirne bewegt.
Zwischendurch schüttelt das Lachen über die tiefenanalytischen Hintergründe zur Q-Tip-Sucht von David das Kino durch. Das jüdische Jüngelchen liefert auch puren und wirkungsvollen Slapstick, wenn sich in seinem schlechten Gewissen die "Bobbe" (Großmutter) dauernd mit der Bratpfanne vor den Kopf haut. Dazu ist die Ausstattung ein Meisterstück: Auf die Sprache der zahllosen coolen T-Shirts (Kostüme Melissa Toth) werden sich Semiotiker in Folge von Roland Barthes scharenweise stürzen. Dazu kriegt man kurze Lehrstücke in Sachen Jazz, bildender Kunst und jüdischem Humor geschenkt. Tolle Nebenfiguren wie der tortenwerfende Beziehungs-Rüpel Morris (Jon Abrahams) bereichern. Der Music-Score von Ryan Shore mit eigenen Kompositionen, Mozart, Ellington, Rufus Wainwright und Irving Berlin vollendet das mal sperrige, mal einkuschelnde Kino-Möbelstück, das manchmal aneckt, aber meist begeistert.
Die Geisha
USA 2005 (Memoirs of a Geisha) Regie: Rob Marshall mit Zhang Ziyi, Ken Watanabe, Michelle Yeoh 145 Min. FSK ab 12
Es ist vor allem eine Unverschämtheit: Wieder so ein Film, bei dem alle "Ausländer" (in der Originalversion) ein furchtbar schlechtes Englisch sprechen. Wieder dieser übliche Rassismus Hollywoods: All die Figuren in "Geisha" sprechen als lebenslange Japaner wahrscheinlich sehr gut japanisch. Weshalb macht man sie auf der Tonspur zu dummen Ignoranten? Damit man weiß, die Geschichte mit den Kimonos, den Schiebtüren, den ganzen "Schlitzaugen" spielt in Japan? Dazu wäre Japanisch im Original angebracht, mit entsprechenden Untertiteln. Aber die Produzenten, die ihre Figuren für dumm verkaufen, glauben ja zudem, dass ihr Publikum nicht lesen kann!
Ansonsten heißt es erneut: Nach einem Roman von ... Wer sich Japan ignorant meist mit Murakami erliest, versteht nicht, weshalb aus dem "Bestseller" von Arthur Golden unbedingt ein Film werden musste. Bis man den ästhetischen Augenschmaus erlebt, in den Rob Marshall ("Chicago") seine ebenso melodramatische wie triviale Geschichte taucht.
In einer verregneten Nacht des Jahres 1929 wird die neunjährige Chiyo aus einem Fischerdorf in ein Bordell nach Kyoto verkauft. In diesem Geisha-Haus, wie man vielleicht differenzieren muss, überwindet die Faszination der fremden Welt und der großen Stadt bald die Angst des kleinen Mädchens. Immer wieder erlernt sie neue Fähigkeiten, wird aber durch Intrigen der hinterhältigen Dauerrivalin Hatsumomo (Gong Li) und eigene Fluchtversuche zur Dienerin degradiert. Die Hoffnung, ihre ebenfalls zur Prostitution verkaufte Schwester wieder zu finden, entschwindet bald, aber der einsame Tiefpunkt der Geschichte stellt gleichzeitig die Wende dar.
Der fieseste Trick dieser Geisha-Erinnerungen ist, dass Chiyo (Zhang Ziyi) nun aus eigenem Antrieb Geisha werden will, weil ihr ein netter Onkel ein Eis ausgab und sie diesen "Vorsitzenden" nun den Rest ihrer "Karriere" lang wieder finden will. Die brutale körperliche und geistige Abrichtung des Mädchens zu einer servilen Geisha verläuft als berauschende Montage, aufgepuscht von der wenig subtilen Musik John Williams ("Star Wars").
Der Regisseur heißt zwar Rob und nicht Garry Marshall, doch auch "Die Geisha" ist wie "Pretty Woman" ein Märchen von der Prostitution, naiv und beschönigend: Chiyo wird mit neun Jahren an ein Bordell verkauft, aber dass dabei Vergewaltigung oder Kinderprostitution eine Rolle spielen könnte, muss man sich selbst denken. Doch vielleicht steckt dahinter auch das vom Film beschworene "Mysterium der Geisha". In einer Schlüsselszene weigert sich Chiyo tatsächlich, mit einem amerikanischen Piloten zu schlafen. Was wir in dem Melodram erleben, ist eine sehr begrenzte Emanzipation im engen Rahmen der Frauenposition Geisha.
Bei Rob Marshall ("Chicago") ist es verständlich, dass Tanzszenen besondere Aufmerksamkeit heischen. Wobei es sich eher um modernen Ausdruckstanz als um japanische Kultur handelt. Doch den Verführungen des exquisiten Kimonos, der edlen Ausstattung, der ikonografischen Schminkmaske, der Stilisierung jeder Bewegung kann man sich schwer entziehen. Und auch nur diese ist der Reiz des oberflächlichen Exotischen, mit dem die "Geisha" sich im Westen verkauft.
Pietje Bell und das Geheimnis der schwarzen Hand
Niederlande, BRD, Belgien 2002 (Pietje Bell) Regie: Maria Peters mit Quinten Schram, Felix Strategier, Angela Groothuizen 112 Min.
Frech und rabiat wie Max und Moritz zusammen, trotzdem ein Volksheld: Petje Bell kennt in den Niederlanden nicht nur jedes Kind. So sahen gleich 900.000 diese Verfilmung, das entspricht in Deutschland fast 5 Millionen Zuschauern! Regisseurin und Autorin Maria Peters fasste einige Geschichten aus den acht Büchern von Chris van Abkoude zu einem großen Abenteuerfilm um einen kleinen Helden zusammen.
Pietje Bell (Quinten Schram), der freche Junge aus Rotterdam, nimmt kein Wort vor den Mund und alles wortwörtlich. Immer eine freche Antwort auf den Lippen, die zudem auch noch richtig gewitzt ausfällt. Genauso geschickt ist Pietje mit seiner Schleuder und im Verursachen von großem Aufruhr, egal ob er eine Prozession oder eine Straßenbahn zum entgleisen bringt.
Besonders sympathisch ist Pietjes Familie gezeichnet, wobei vor allem der Vater (fast) all die kleinen Katastrophen mit einem liebevollen und auch stolzen Lachen aufnimmt. Schließlich befreit Pietje die Familie ja auch von der schrecklich geizigen Tante Cato, die nicht aus Karton ist, aber tatsächlich eine alte Schachtel ...
So wird Pietje schnell zum auf Titelseiten gesuchten, stadtbekannten Lausbuben - eine Abwechslung zu den miesen Wirtschaftsmeldungen der 30er Jahre. Aber der Journalist, der mit Pietje die Auflage rauftreibt, nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau und hängt dem fröhlichen Kerl auch Dinge an, die er mal nicht verbrochen hat. Es wird Zeit, dass der Held und Schrecken von Rotterdam mit seiner Bande für Ordnung sorgt ...
Dieser Pietje ist eine großartige Nummer, man verzeiht ihm die übelsten Scherze, die in Slapstick-Manier, passend zur Zeit der 30er-Jahre und zum Genre Kinderfilm, präsentiert werden. Er allein trägt den Film über die fast zwei Stunden, gut unterstützt von den historischen Kulissen und Kostümen. Ein Hauch von Kästners Bubenstreichen und Kinderabenteuern, mit einer zeitlosen Güte im Herzen des Helden ist diesem Jungen mitgegeben. Unübersehbar und auch aktuell in Pietjes Umgang mit dem bettelarmen Freund oder in den Erfahrungen, wie man als Medienstar mit Übertreibung und Lüge leben muss.
Ein Trauzeuge zum Verlieben
GB 2005 (The Best Man) Regie: Stefan Schwartz mit Stuart Townsend, Amy Smart, Burn Gorman, Seth Green 96 Min.
"Shooting Fish" hieß der tolle Vorgänger und so einfach wie das Fischfangen in einer Tonne erweist sich das Finden umwerfend komischer und sympathischer Szenen in dieser netten, ein wenig frechen romantischen Komödie. Dieser Trauzeuge ist zum Glück ein wenig origineller als der Titel befürchten lässt.
Unser tragikomischer Held, der blockierte Schriftsteller Olly (Stuart Townsend), leidet unter einer Schreib- und Pinkelblockade seit er für sein Erstlingswerk 50.000 Pfund Vorschuss bekommen hat. Nun fristet ein Dasein im Keller des Verlages als Sekretär einer Chef-Zicke der Abteilung Selbsthilfebücher für Frauen. Als talentiertes Fettnäpfchen-Trüffelschwein zertrümmert er bei der Verlobungsfeier des Freundes James (Steve John Shepard) unter anderem den Golfsimulator und verliebt als Krönung sich in dessen Zukünftige Sarah (Amy Smart).
Wenn Olly bei der Party erst eine Frauhose geliehen bekommt, die dann auch unweigerlich im Schritt reißt, fällt einem Blake Edwards "Partyschreck" ein. Auch wenn in diesem Film niemand schauspielerisch Peter Sellers das Wasser reichen kann, adelt dieser Gedanke doch den "Trauzeugen". Tatsächlich sind einige Szenen und Ideen umwerfend.
Dazu trägt vor allem Seth Green als eifersüchtiger Mitbewohner und ältester Freund Murray mit unverschämten und rücksichtslosen Ideen bei. Der Abonnent des Magazins "Fesseln und Peitschen" hat all die schlüpfrigen Intrigen inpetto, die Sarahs Hochzeit letztendlich noch verhindern werden. Nur schade, dass der gutherzige Tollpatsch Olly als Treuzeuge loyal bleiben will und alles vermeidet, was ihn näher zu Sarah bringen könnte. Doch gerade das macht ihn besonders reizvoll ...
Der süße Clown Stuart Townsend vermag nicht nur seine Verlobte Charlize Theron zu überzeugen, auch auf der Leinwand funktioniert sein Charme bei vorhersehbaren Gags und Happy End: Wer schreibt, der bleibt!
9.1.06
The Fog - Nebel des Grauens
USA 2005 (The Fog) Regie: Rupert Wainwright mit Tom Welling, Maggie Grace, Selma Blair 100 Min. FSK ab 16
Der Horror geht weiter: Nach "Texas Chainsaw Massacre", "Dawn of the Dead" und "Amityville Horror" wurde nun auch John Carpenters "Nebel des Grauens" von 1980 gegen alle Gesetze der Natur widerbelebt. Schade, denn auch wenn das Original kein besonders gelungener Horrorfilm war, mit zunehmender Entfernung gewann die Grund-Idee des mörderischen Nebels an Reiz.
Nun wird das Küstenörtchen von lauter und schlechter Musik heimgesucht und irgendwann zieht auch der mysteriöse Nebel auf. Er ist voller heimtückischer Geister, die sich an den Bewohnern rächen wollen, denn vor 100 Jahren ließen diese ein Schiff mit Leprakranken vor der Küste verbrennen. Nun kommen sie wieder, um die Nachfahren zu ermorden. Zuerst wahllos, dann vor allem die wirklichen Erben der bigotten Gründerväter.
Mit ein paar TV-Gesichtern, mehr Kommunikationsmitteln, die ausfallen können und einigen digitalen Spielereien produziert das Remake vor allem Langeweile. Weder Gruseln noch Schrecken gelingt dem Horror-Filmchen. Da waren wohl die Köpfe der Macher und Produzenten mächtig vernebelt!
Dark Horse
Dänemark, Island 2005 (Voksne Mennesker) Regie: Dagur Kári mit Jakob Cedergren, Tilly Scott Pedersen, Nicolas Bro, Morten Suurballe 100 Min.
Wer "Nói Albinói" gemocht hat, braucht eigentlich nur einen Satz: Dies ist der neue Film von Dagur Kári mit einer ganzen Reihe sympathischer Sonderlinge im Stile von Kaurismäki. "Daniel gegen das System" lautet eines der Kapitel und der junge Sprayer Daniel hat ganz gute Chancen den Kampf zu gewinnen. Echt überzeugend erklärt er dem Finanzbeamten, dass er in den letzten Jahren gerade mal eine Handvoll Euro verdient hat. Doch das System schlägt zurück - mit zahllosen Tickets für falsches Parken. Dabei kann ein kleiner Fiat Bambino doch gar nicht so verkehrt stehen.
Der Meister der Sonderlinge ist Daniels Freund Roger, ein dicker Gehilfe im Schlaflabor, der sich zum Schiedsrichter berufen fühlt und die strengen Regeln des Spiels auch im Leben anwendet. In einer magischen Begegnung erklärt ihm die Bäckereifachverkäuferin Franc ihre Liebe - allerdings wusste Franc wegen magischer Pilze nicht so richtig, was sie tut. Daniel bringt sie nach Hause und dort bricht die Liebe richtig aus.
Doch hier einfach Handlung nachzuerzählen, täte Dagur Káris Stil ziemlich unrecht: "Dark Horse" amüsiert mit komischen bis absurden Szenen, die Einfälle der Figuren sind köstlich, Roger stellt mit seinem Schiedsrichter-Dress eine durchgehende Lachnummer dar. Die Komödie kippt allerdings mit Daniels Gemütszustand ins Depressive bei einer ungeplanten Lebenswende. Aus dem Fragmentarischen entsteht ein Rätsel als auch die anarchischen Handlungen eines gelangweilten Richters zwischenmontiert werden. Zeitweilig kippt die Balance aus Episodischem und halbwegs konventioneller Erzählung. Doch spürt man immer das überschäumende Talent und den Ideenreichtum des jungen Skandinaviers, von dem man auf jeden Fall mehr sehen möchte.
Gabrielle
Fr, I, BRD 2005 (Gabrielle) Regie: Patrice Chéreau mit Isabelle Huppert, Pascal Greggory, Claudia Coli 90 Min. FSK ab 12
Ein Kunstwerk, atemberaubend. Und mittendrin ein unerhörtes Ereignis: Gabrielle (Isabelle Huppert) verlässt ihren Mann Jean Hervey (Pascal Greggory), um wenige Stunden später wieder zurückzukehren. Jean hatte gerade Zeit genug, den Abschiedsbrief zu lesen. Analytisch reflektiert der Verletzte im Off-Kommentar das Vorher und Nachher. Am Donnerstag davor hielten die Herveys noch ihren belebten und beliebten Salon: Spitze Konventionen, Klatsch, Gerede, Lästern mit irritierender E-Musik, unruhiger Kamera, Zooms, Schwenks, rasche Schnitte. Dann am Donnerstag danach der Eklat: Vor den Gästen attackiert Jean seine Frau und deren Liebhaber.
Bühnen- und Film-Regisseur Patrice Chéreau ist ein Meister, ein Kenner der Musik. Noch immer muss man seinen Bayreuth-Ring aus den Siebzigern (mit Pierre Boulez) erwähnen. Im Kino verstörte und fesselte er zuletzt mit der ungewöhnlichen wie rührenden Krankengeschichte "Sein Bruder" und dem provokant sexuellen Berlinale-Sieger "Intimacy". Nun fasziniert und erfreut ein erlesener Musikeinsatz ebenso wie die atemberaubende Stille nach dem Brief. "Gabrielle" ist ein Diamant, der in vielen Facetten schillert. Einige werden auch sagen "kalt", doch die nüchterne Betrachtung des Erzählers darf nicht mit den abgründigen Gefühlswelten der Menschen verwechselt werden. Kalt geht Gabrielle mit dem nüchternen Ehe-Arrangement um, liefert regelmäßig den ungeliebten Geschlechtsverkehr. Ein kurzer Gefühlsausbruch, ein Seitensprung zerstört komplett die Sicherheit des Mannes, er fürchtet, das "Prachtexemplar seiner Sammlung" zu verlieren. Ausnahmsweise ist es der Mann, der an emotionaler Kälte zerbricht.
"ER KAM NIE WIEDER ZURÜCK" lautet der letzte Satz. In Großbuchstaben, denn Chéreau arbeitet bei der Verfilmung von Joseph Conrads Erzählung "Die Rückkehr" auch expressiv mit der Schrift, ähnlich wie es Alexander Kluge in seinen TV-Features macht. Der Text des Abschiedsbriefes füllt in eigenwilliger Typografie den ganzen Bildschirm. Wie im Stummfilm. Dann die nicht direkt verständlichen Wechsel von Farbe zu Schwarzweiß. Aber vor allem sorgfältigste Bildkompositionen und das Spiel von Isabelle Huppert ("Die Klavierspielerin") und Pascal Greggory, die sich in gnadenloser Offenheit zerfleischen. Das Kunststück "Gabrielle" ist ein zeitloses, emotionales Drama und trotzdem eine sehr genaue Betrachtung der Zeitumstände (Handlungsjahr: 1912), etwa des emsigen Treibens einer sehr zahlreichen Dienerschaft. Und dann immer wieder das messerscharfe Sezieren eines Seitensprungs und seiner Bedingungen bei einem Paar, das "aus Feigheit, aus emotionaler Bequemlichkeit zusammen lebt."
Get Rich Or Die Tryin'
USA 2005 (Get Rich Or Die Tryin') Regie: Jim Sheridan mit 50 Cent, Adewale Akinnuoye-Agbaje, Joy Bryant 134 Min. FSK ab 16
Bei amerikanischen Kritiken gibt es die originelle Idee, Filme nach dem Preis zu bewerten, den man für sie zahlen sollte: Von über zehn Dollar für eine Abendvorstellung direkt zum Filmstart bis zu ein paar Dollar in Matinees Wochen später. Dieser Film ist eindeutig 50 Cent, nicht mehr, nicht weniger. Wobei 50 Cent ein Millionen-schwerer Star unter den Gangster-Rappern ist und sich für seine Film-Bio direkt den renommierten Regisseur Jim Sheridan ("In America", "Im Namen des Vaters") leistete. Nach "Mein linker Fuß" nun mein linker, gefährlicher Gangsterrapper?
Wie aus einem jungen Waisen und Drogendealer ein Star wurde, erzählt Sheridan als eigenständiges Drama mit den typischen Elementen der Gangster-Rap-Szene: Schwere Halsketten und schwere Knarren, die leicht abgefeuert werden. Drogen, Gewalt und die Rap-Songs, die von all dem erzählen. Man muss 50 Cent nicht kennen und die autobiographischen Bezüge verstehen. Man sollte sich aber für diese Szene und deren Filme begeistern. Denn so viel Sheridan steckt leider nicht in "Get rich ...", dass man die Gangster-Ballade als weiteres Meisterwerk verbuchen könnte.
Emotional konzentriert sich das Mutter-Söhnchen-Drama auf die Selbstfindung von Marcus. Der Junge rapte schon immer, imitierte Run DMC. Aber als seine Mutter ermordet wird, dealt Marcus Drogen. Erst für coole Sportschuhe, dann für einen dicken Daimler, ein Stern im Ghetto. Von den Bossen wird er bevorzugt, schlägt sich auch tapfer im Krieg gegen die Kolumbianer um die Vorherrschaft im Drogenhandel. Als er für eine alte Liebe jemanden ohne Auftrag vom Boss erschießt, landet Marcus (mittlerweile gespielt von 50 Cent himself) im Knast und trifft mit Bama (Terrence Howard, der Rapper aus dem thematisch und dramaturgisch sehr verwandten "Hustle & Flow") auf seinen zukünftigen Manager. Doch die Songs von Marcus erzählen zu viel von Vergangenheit und den alten Kumpels. Sein Mentor und Boss Majestic (Adewale Akinnuoye-Agbaje) fühlt sich verraten und setzt den Zögling auf die Abschussliste. Doch der überlebt trotz neun Schusswunden und wird zum Star, den wir alle kennen sollten.
Im Gegensatz zu dem Bio-Pic von Eminem ("8 Mile") verläuft "Get rich" recht konventionell. Die Fans bekommen die bekannte Lebenslegende, die sie erwarten. Alle anderen könnten sich den mittelmäßigen Film auch für ein paar Cent auf Video oder DVD ansehen.
War'n Sie schon mal in mich verliebt?
BRD/Österreich 2005 () Regie: Douglas Wolfsperger mit Max Hansen, Max Hansen jr., Brigitte Mira, Volker Kühn 89 Min. OV (dk., dt., engl., schwed.) mit dt. UT
Douglas Wolfsperger, das ist der Regisseur der wunderbaren Kino-Nostalgie "Bellaria - So lange wir leben" und der völlig übersehenen, herrlich spöttischen Brauchtums-Doku "Die Blutritter". Nun hat er einen bemerkenswerten Menschen und dessen wechselhafte Karriere filmisch ausgegraben.
Max Hansen mag jüngeren Generationen bislang höchstens mit seiner Rolle des Kellners Leopold im Musical „Im weißen Rössl" (1930) bekannt sein. Doch der Antisemitismus der Nazis vertrieb ihn von Berlin zuerst nach Wien und dann in seine dänische Heimat, wo er wieder eine neue Karriere begann - unter Umständen, die so atemberaubend sind, wie vieles im Leben dieses in hellen und dunklen Tönen schillernden Künstlers.
Hansen wurde 1897 in Mannheim geboren. Seine Mutter, ein Varieté-Star aus Dänemark, gab ihn früh in eine deutsche Pflegefamilie, bei der der Junge in München aufwuchs. Aus seinem dortigen Schlafzimmerfenster schlich sich der jugendliche Max Hansen heimlich auf die Bühne des Simplicissimus-Kabaretts und feierte erste Erfolge als „kleiner Caruso". Anfang der Zwanziger Jahre zog es den angehenden Entertainer nach Berlin, wo er bei Max Reinhardt am Großen Schauspielhaus in die Lehre ging. Am Abend „tingelte" er und verdiente sich ein Zubrot im legendären „Kabarett der Komiker". Der talentierte Tenor und Entertainer Hansen komponierte auch selbst und trat von 1930-33 in zehn Tonfilmen auf.
Er war laut Zeitzeugen ein Künstlertyp, den es nicht mehr gibt: Multitalent, Superstar, Entertainer - trotzdem fast vergessen. Die Begeisterung erleben wir noch im Gesicht einer sehr alten Verehrerin, die unvergessliche Szenen sogar mit ein paar Tanzschritten noch einmal nachspielt. Er hatte eine größere Zahnlücke als Madonna, einen enorm schelmischen Blick und angeblich zahllose Affären. Brigitte Mira erzählte fast etwas beleidigt, weshalb sie wohl als einzige seiner Filmpartnerinnen keine Affäre mit Max hatte. Und Max war frech: In dem selbstkomponierten "Titelsong" des Films "War'n sie schon mal in mich verliebt?" macht er den "Herr Hitler" lächerlich, was Hansen schon früh zum Lieblingsfeind der Nazis machte. Beim "kontrollierten Rückzug" nach Wien entdeckt Hansen ganz nebenbei Zarah Leander als Bühnenpartnerin. 1938 ging die Flucht weiter nach Dänemark, 1961 starb er nach einem Schlaganfall.
Die einfühlsame Dokumentation "War'n sie schon mal in mich verliebt?" erzählt von vielen Dingen. Von der Persönlichkeit Hansens, die hinter den ganzen Geschichtchen immer privater wird, von der wilden Zeit der Zwanziger, der Künstlerszene und der Politik. Da sind nicht nur die nüchtern noch schmerzhaften Fakten eines weiteren durch Rassenwahn zerstörten Lebens. Selbst in den Interviews mit den sogenannten Verehrern lebt das Wegschauen weiter, wenn sie auch heute noch ihren "Max Hansen" keinen Juden sein wissen wollen. Hier ist Wolfsperger - vielleicht entgegen brave Doku-Ethiken - zu loben, wenn er wie schon in "Die Blutritter" notwendigerweise Menschen bloßstellt!
Der ewige Gärtner
Großbritannien, Kenia, BRD 2005 (The Constant Gardener) Regie: Fernando Meirelles mit Ralph Fiennes, Rachel Weisz, Danny Huston, Anneke Kim Sarnau, Billy Nighy, Pete Postlethwaite 128 Min. FSK ab 12
Ein Ausbruch filmischer Gewalt war der eindrucksvolle und erschütternde "City of God", eine Jugendgeschichte aus den Favelas. Nun inszenierte Fernando Meirelles mit dem "englischen Patienten" Ralph Fiennes und Rachel Weisz ("About you", "I want you") einen Liebesfilm voller großem Engagement um die Frage "Wegschauen oder Handeln". Die Schönheit afrikanischer Landschaften, die Romantik einer ungleichen Liebe und die mörderische Brutalität der Pharmakonzerne ergänzen sich zu einer beeindruckenden Roman-Verfilmung nach John le Carré.
Erst prallen ihrer Meinungen aufeinander, dann finden sich ihre Augen und schon bald ihre Körper. Der etwas steife Diplomat Justin Quayle (Ralph Fiennes) und die junge, engagierte Entwicklungshelferin Tessa (Rachel Weisz) stehen politisch auf zwei verschiedenen Seiten, doch sie lieben sich. So leben sie zusammen und gehen bei der Arbeit verschiedene Wege, die sich allerdings oft kreuzen. Tessa greift bei einem Botschaftsempfang einen afrikanischen Politiker wortgewandt an: Die öffentlich groß angekündigten medizinischen Apparate sind nie im Krankenhaus angekommen.
Eines Tages wird Tessa in Afrika umgebracht. Der Schmerz im Gesicht von Fiennes, die Momente unerträglicher Gefühle, mit denen Meirelles tief rührt, gehören zu den besonderen Qualitäten dieses Films. Doch die einfühlsamen, mit stilvoll expressiver Farbdramaturgie eingefangenen Emotionen sind nur einige von ihnen. Die Polizei verdächtigt Tessas Kollegen, den kenianischen Arzt Arnold Bluhm (Hubert Koundé) des Mordes. Doch als Quayle selbst Nachforschungen anstellt, findet er heraus, dass Bluhm schwul war und so nicht für die angebliche "Tat aus Leidenschaft" in Frage kommt. Der vorher staatskonforme Mann folgt immer mehr den Wegen seiner Frau, entdeckt auch die Machenschaften der Pharmaindustrie, die in Allianz mit korrupten kenianischen und englischen Politikern Medikamente günstig an ahnungslosen Menschen in Afrika testen. Und Quayle entdeckt zu spät das Besondere an seiner Frau und ihrer Liebe ...
John le Carré schrieb zu den erschütternden Hintergründen dieses romantischen Polit-Thrillers, im Vergleich zu dem, was wirklich passiert, wären sie wie eine nette Gute-Nacht-Geschichte. Carré war ein Insider in Geheimdienstkreisen und auch diese kriegen ihr Fett weg, wie die Politiker, die Diplomaten, die Wirtschaftbosse ... Zentral steht die Frage, wie und wem man helfen kann. Quayle steht anfangs wie viele dem unermesslichen Leid erstarrt gegenüber und überlässt das Helfen den Organisationen. Tessa half, wo sie könnte und wo sie gebraucht wurde - erkennt der trauernde Quayle und folgt auch darin ihren Spuren.
Im Gegensatz zu dem letzten beeindruckenden Le Carré-Film, der sarkastischen "Schneider von Panama" mit Pierce Brosnan, überzeugte Meirelles gleich mit einer spannenden Story, mit einer ganz besonderen Liebesgeschichte und einer Ästhetik, die wie eine Liebeserklärung an seine Figuren und an Afrika wirkt.
4.1.06
Ultranova
Frankreich/Belgien 2004 (Ultranova) Regie + Buch: Bouli Lanners mit Vincent Lecuyer, Hélène de Reymaeker, Marie du Bled, Michaël Abiteboul, Vincent Berlogey, Viviane Robert, Ingrid Heiderscheidt, Serge Larivière 86 Min.
Mit einem Knall wendet sich der Film "Ultranova" um Dimitri (Vincent Lecuyer), den stillen Angestellten einer Immobilienfirma. Das Auto liegt auf dem Dach, die Welt steht Kopf und der junge Mann sucht nach Orientierung. Das Vertraute, das Alltägliche, das zur Langeweile gewordene Gewöhnliche in einem neuen Licht zu zeigen, das ist eine der Qualitäten von "Ultranova", der oft skurrilen Geschichte des Belgiers Bouli Lanners.
Der Knall steht zentral und am Anfang sowie am Ende. Es ist ein Airbag, der völlig ohne Grund explodiert. Eine Nebenfigur meint dazu: Ein Zeichen! Dafür, dass man auf einem falschen Weg war. Dimitris Wege sind unspektakulär. Mit zwei Kollegen verkauft er Häuser auf der grünen Wiese, die in dieser Gegend oft als brauner, matschiger Acker erscheint. Der dürre, mürrische Verbrugghe (Vincent Berlogey) mit seinem Schnauzer macht sich mit seiner misogynen Dauerfresse unbeliebt. Der rundlichere Phil (Michaël Abiteboul) fängt die Spannungen mit Augenzwinkern auf und erfreut sich an den Kleinigkeiten des Lebens, etwas der Kellnerin in der Stammkneipe, die ganz sicher schwanger sei. Dann gibt es die beiden Mädchen einer Möbelhandlung, die sich für Dimitri interessieren. Das Mäuschen Jeanne (Marie du Bled) scheint ihn zu kennen und beglückt mit naiven Weisheiten, die sie aber nicht vor der eigenen Traurigkeit bewahren. Cathy (Hélène de Reymaeker) wird später Dimitris Freundin werden.
Alle diese Figuren haben ihre Geschichte und verändern sich vor unseren Augen. Eine große Sorgfalt wird den so genannten Randfiguren zuteil. Eigentlich beiläufige Szenen erweisen sich als Schlüssel zu komplexen Persönlichkeiten, das anscheinend Flache zeigt sich als märchen- oder traumhaft. Kamera und Musik (Jarby McCoy) verstärken diesen Effekt.
Wie auch bei den Brüdern Dardenne aus Lüttich, die schon zweimal die Goldene Palme gewannen ("Rosetta" und "L'enfant"), spielt auch in "Ultranova" von Bouli Lanners die Tristesse der Wallonie und ihrer Menschen eine Hauptrolle. Doch Tristesse ist eigentlich ein zu schönes Wort für die Trostlosigkeit zwischen Halden, Maaskanälen und öden Brachen. Es wäre gemein zu sagen, die Menschen haben sich ihrer Umgebung angepasst, deshalb leihen wir uns die Worte des Regisseurs Bouli Lanners: Er sieht seine Figuren wie ferne Himmelskörper, die einsam ihrer Bahnen ziehen. Deshalb auch die Titelkreation "Ultranova" in Anlehnung an den Sternentod mit einem Knall. Es kann immer mal passieren, dass der Druck von eingeschlossenem Schmerz und Hoffnungslosigkeit zu hoch wird. Dann explodiert etwa ein griesgrämiger und besonders aggressiver Kollege. Und irgendwann explodiert ohne Grund der Airbag im Auto.
Nach dem Preis der CICAE bei der Berlinale 2005 erhielt "Ultranova" im Dezember gleich den Preis der Internationalen Jury und den des Kritikerverbandes FIPRESCI beim "43.Festival Internacional de Cine Gijon", nach San Sebastian zu den wichtigsten Filmevents Spaniens.
Der Lütticher Regisseur Bouli Lanners (geb. 20. Mai 1965) trat bislang vor allem als Schauspieler in vielen wallonischen Filmen auf (u.a. "Les convoyeurs attendent", "Toto le héros" und "Pauline et Paulette"). Zurzeit hat der enorm talentierte Lanners einen Film in Postproduktion und einen weiteren in Vorbereitung.
Der letzte Trapper
Frankreich, Kanada, BRD, Italien, Schweiz 2004 (Le dernier trappeur) Regie: Nicolas Vanier mit Norman Winther, May Loo, Alex Van Bibber 101 Min. FSK o.A.
Vor allem die grandiosen Bilder des verschneiten Yukon, im Norden Kanadas, der Elchherden, des Huskie-Zuges, des Lebens in der Natur machen diese Mischung aus Dokumentation und Spielfilm zu einem großen Erlebnis. Kameramann Thierry Machado ("Mikrokosmos", "Nomaden der Lüfte") hatte den Trapper Norman Winther vor der Kamera, der sein eigenes Leben nachspielt. Winthers Erwerb, das Jagen, Fischen und Fallensteller wird immer schwieriger, weil immer mehr Wälder abgeholzt werden, und das Wild weiter zieht. So muss ihm Winther mit seiner Frau Nebraska folgen.
Die Begegnung mit einem riesigen Bären, der Einbruch in einen vereisten See, der Ausbruch der Schlittenhunde sind die spannenden Momente, mit denen Nicolas Vaniers halbdokumentarischer Spielfilm dramatisiert wird. Wobei das Leben in menschenleerer Natur bei bis zu minus 50 Grad wahrlich faszinierend genug ist.
Jarhead
USA 2005 (Jarhead) Regie: Sam Mendes mit Jake Gyllenhaal, Peter Sarsgaard, Lucas Black 122 Min. FSK ab 12
Den bizarr poetischen und realistischen "American Beauty" sowie den faszinierenden Vater-Sohn-Krimi "Road to Perdition" inszenierte Sam Mendes bislang. In seiner dritten Regie schickt er Jungstar Jake Gyllenhaal ("Donnie Darko") in den Irak-Krieg. Mit Sinnlosigkeit als zentralem Handlungselement und apokalyptischen Bildern eher eine psychologische Studie als Kriegsfilm. Nach "American Beauty" nun "American Army".
Schläge und Schikane gehören schon zur Ausbildung bei den us-amerikanischen Marines, dieser angeblichen Elite - auch in Sachen hirnlosem Drill. Folter gibt es in den eigenen Reihen bereits zur Begrüßung, dann schießen sie sich gegenseitig über den Haufen. Sie nennen sich "Jarheads", frei übersetzt "Hohlköpfe", leere Gefäße, die mit allem Möglichen gefüllt werden können. Und der nächste Auftrag für diese Hohlköpfe in Uniform liegt in Kuwait, wo Ölquellen vor Saddam Hussein geschützt werden müssen.
Anthony Swofford (Gyllenhaal) ist als Scharfschütze mit dabei. Zu den Marines meldete er sich, weil ihm nichts Besseres einfällt. Mit seinen "Kameraden" sieht er sich begeistert den Napalm-Angriff von "Apocalypse Now" an, wiederholt immer wieder das Glaubensbekenntnis an ein Gewehr, wird schieß-süchtig. Auch in Kuwait hinter der Front bleibt "Jarhead" lange ein lustiger Ausflug für große, dumme Jungs. Im langen Warten deutet sich der Wahnsinn von "Catch 22" an. Als die Truppe doch auf das Grauen trifft, kippt alles in surreale Bilder einer anderen Hölle. Weit um die brennenden Ölquellen regnet es pechschwarz, überall verkohlte Leichen, ein Pferd irrt in apokalyptischen Szenen herum.
Zwar deutet die Ausbildung Kubricks "Full Metal Jacket" an, zwar denkt man beim Football-Spiel mit Gasmasken in der Wüste an den anderen Kriegswahnsinn von "Three Kings", doch Mendes Sicht nach den autobiographischen Aufzeichnungen von Anthony Swofford ist eigen. Auch wenn der Off-Kommentar eines ernüchterten Swofford die Verbindung zu steigenden Ölpreisen legt, geht es vor allem um innere Zustände, für die überaus fesselnde Bilder gefunden wurden.
Sommer vorm Balkon
BRD 2005 (Sommer vorm Balkon) Regie: Andreas Dresen, Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase mit Inka Friedrich, Nadja Uhl, Andreas Schmidt, Stefanie Schönfeld 110 Min.
Berlin, um die Ecke: Kathrin (Inka Friedrich) und Nike (Nadja Uhl) thronen auf dem Balkon ihres Eckhauses im Berliner Osten, genießen den Sommer, kippen die kleinen und großen Sorgen runter. Kathrins pubertierender Sohn Max will seiner ersten Liebe mit Joggingschuhen für 120 Euro imponieren. Ein absurder Preis, nicht nur für die Arbeitslose. Die kesse Nike düst als sehr mobile Altenpflegerin durch die sommerliche Stadt, trifft seltsame, tolle, verstörte Senioren, aber nicht den richtigen Mann. Und auch Kathrins Apotheker lächelt immer nur. Dann kommt das Schicksal mit einem 30-Tonner auf sie zugerast, kann gerade noch bremsen und als Fernfahrer entspringt der Hallodri Ronald (Andreas Schmidt). Der landet dann auch bald im Bett von Nike und bleibt einfach da.
Das bringt die Freundschaft aus dem Gleichgewicht: Kathrin steht mehr und mehr allein da, mit den Schulden, dem unglücklich verliebten Sohn und dem Alkohol, dem sie nicht widerstehen kann. Es sind zwei unterschiedliche Frauen, diese nicht mehr in jeder Hinsicht jungen Freundinnen. Nike gibt sich mit Berliner Schnauze und sehr kessem String frech. Sie macht Männer reihenweise an, während die stille Kathrin nur mit dem Apotheker flirtet.
Sie und ihr Leben schildert Dresen mit Bildern des Viertels voller filmischer Alltagspoesie, mit Wohnsilos hinter Erika in Balkonkästen. In Wort und Bild findet sich ein ganz stiller, feiner Humor: Bei einer Bewerbung erfährt Kathrin nebenbei, dass heute "Frauen ohne Kopf gesucht sind" - Schaufensterpuppen meinte der Dekorateur, doch der Autor Kohlhaase sagt mehr damit.
"Sommer vorm Balkon" brachte auch zwei bemerkenswerte Filmemacher zusammen: Der 1963 in Gera geborene Andreas Dresen gehört mit "Nachtgestalten" (1999), "Halbe Treppe" (2002) und "Willenbrock" (2005) zu den interessantesten jüngeren Regisseuren Deutschlands. Er studierte an der "Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf" in Potsdam-Babelsberg.
Der 1931 geborene Kohlhaase drehte noch selbst mit Konrad Wolf - eine andere Generation. Er schrieb und inszenierte zusammen mit dem Sohn des Schriftstellers Friedrich und dem Bruder des Geheimdienstlers Markus Wolf 1980 "Solo Sunny", vorher schrieb er mit "Berlin um die Ecke" einen der berühmten "Verbotsfilme". Passend zum Mauerfall gab es 1989 nach seinem Buch den Einbruchsfilm "Der Bruch" und letztlich den ganz jungen "Baby" von Philipp Stölzl.
Die Mischung aus dem leichten "Dresen-Realismus" und Kohlhaase meisterlicher Feder zaubert einen Hauch von Melancholie herbei, aufgesetzte soziale Larmoyanz bleibt fern. Heitere Liedchen von Strandbikinis und eine kleine Filmmusik begleiten diesen lauen Sommer. Die Freundinnen singen mit Nana Mouskouris: "Was kann uns schon geschehn, du weißt, ich liebe das Leben!" Oder um es mit Nikes einfach weisen Worten zu sagen "So ist das Leben - aber wirklich!"
2.1.06
Dick und Jane
USA 2005 (Fun with Dick and Jane) Regie: Dean Parisot mit Jim Carrey, Téa Leoni, Alec Baldwin 90 Min.
Wie wäre es, wenn Josef Ackermann aus seinen Millionen all den auf die Straße Geworfenen von Mannesmann und Deutsche Bank eine Rente zahlen würde? Komiker Jim Carrey zeigt in dem Sozial-Ulk "Dick und Jane", wie das geht! Ansonsten ist das Remake des 70er Jahre Films "Das Geld liegt auf der Straße" sozial nur im Verteilen von Jim Carrey-Anteilen: Jede Minute kriegt mindestens eine Albernheit ab ...
Carrey startet wie in einem seiner besseren Filme "The Truman Show": Ein erfolgreicher Geschäftsmann auf dem Weg zu neuen Aufstiegen. Im Büro darf sein Dick Harper dann auch nach ganz oben, der Vize-Chef lädt zum Frühstück beim Big Boss ein. Und mitten im ersten großen Auftritt als Pressechef von Globadyne darf Dick live auf dem Börsenkanal den Niedergang des Konzerns bis zum Konkurs kommentieren. Nun ist der aufstrebende Bürohengst nur noch eine Lachnummer in der Geschäftswelt, seine Frau Jane Harper (Téa Leoni) hatte schon mal ihren Job gekündigt und wir erleben den Niedergang der Harpers im Zeitraffer. Irgendwann müssen sie einen asiatischen Kleinwagen fahren, während der Nachbar seinen protzigen Benz per Sprachbefehl anlässt.
Armut ist eine Lachnummer. Armut ist, wenn man seinen Flatscreen-Fernseher verkaufen muss, wenn man das Kindermädchen mit Luxus-Küchengerät bezahlt. Dieses Elend ist ein Witz und ein reichlich schlechter. Wenn Carrey unter illegalen Mexikanern festgenommen wird, wenn er nächtens beginnt, Grassoden für den verwaisten Vorgarten zu rauben, wartet man immer nur auf den nächsten Carrey-Ulk, auf die nächste Gesichtsverrenkung des schwer zu kontrollierenden Komikers.
Als dann der Rausschmiss aus dem Eigenheim droht, machen Dick und Jane auf Bonny und Clyde. Sie rauben Kaufläden und Banken mit mageren, lächerlichen oder wohltätigen Ergebnissen. Verkleidet als Clintons, als Sonny & Cher, als Blues Brothers holen sie sich schließlich ihren Wohlstand zurück. Wobei das nicht besonders originelle Robin Hood-Finale ganz neue Perspektiven für die Zukunft von Josef Ackermann bietet ...
"Das Geld liegt auf der Straße" war 1977 Sozial-Satire. Das Remake "Fun with Dick und Jane" wurde von Regisseur Dean Parisot ("Galaxy Quest - Planlos durchs Weltall") zum Spaß, zum Carrey-Slapstick verharmlost. Von den ersten Bildern an leidet man am Überfluss von Carreys Gesichts- und Körperverrenkungen. Wirklich komisch, weil dosiert und nuanciert spielt übrigens Téa Leoni ("Spanglish") als Gattin Jane Harper. Wie es besser und vor allem schwärzer geht, zeigt Polit-Regisseur Costa-Gavras ("Music Box", "Z"), der mit seinem Neuen, "Arcadia", die Axt an die Wurzel des mörderischen Kapitalismus legt und seinen arbeitslosen Manager José Garcia über Leichen gehen lässt.
26.12.05
Match Point
GB 2005 (Match Point) Regie: Woody Allen mit Scarlett Johansson, Emily Mortimer, Jonathan Rhys-Meyers 123 Min. FSK ab 12
Der Zufall möglicherweise hat diesmal die Hauptrolle: Kopf oder Zahl? Schrödingers Katze eröffnete die Möglichkeiten zahlloser paralleler Universen und den Fluch des besseren Lebens immer auf der anderen Seite. Der Pole Kieslowski ließ den Lauf einer Münze über das Schicksal seiner Figuren entscheiden. Und nun macht auch Woody Allen sein Spiel mit der Münze. Allerdings sind es Pfund statt Dollar, denn der Ur-Einwohner von Manhattan drehte nun mit britischen Produzenten.
Wohin kippt die Münze? Geht der Ball übers Netz oder nicht? Das Schicksal in Form einer gelben Filzkugel wird das Leben des Ex-Profis Chris (Jonathan Rhys-Meyers) bestimmten. Im noblen Tennisclub lernt er Tom Hewett (Matthew Goode) kennen und fädelt es geschickt ein, in dessen reicher und nobler Familie zu landen. Denn Toms naive Schwester Chloe (Emily Mortimer) verliebt sich in ihn und wird ihn heiraten. So weit, so skrupellos glatt. Als Chris sich allerdings lüstern auf Toms Verlobte Nola (Scarlett Johansson) stürzt, eine talent- und arbeitslose amerikanische Schauspielerin, wird es dramatisch ...
Es ist ein gemeines Spiel, das die irischen und amerikanischen Aufsteiger in den besseren Kreisen spielen. Doch die Motive und der Grad an Schlechtigkeit unterscheiden sich. Woody Allen seziert dies trefflich und humorvoll, schwarz und bitter, "Schuld und Sühne" auf und um den Center Court. Viele meinten schon bei der Premiere in Cannes, "Match Point" sei der beste Woody Allen seit langem. Aber tatsächlich ist er lang nicht so spritzig und gemein wie die guten Allen.
Domino
USA 2005 (Domino) Regie: Tony Scott mit Keira Knightley, Mickey Rourke, Edgar Ramirez 128 Min. FSK ab 16
Nun hat der mittlerweile über sechzigjährige Tony Scott mehr als 20 Spielfilme gedreht, darunter Hits wie "Top Gun" oder "True Romance", und mit seinem Bruder Ridley ("Alien") auch erfolgreich produziert. Trotzdem hängt man ihm immer noch den Werbefilmer an. Auch bei dieser unglaublichen "wahren" Geschichte einer Kopfgeldjägerin dominiert der überbordende Stil die gar nicht so schlechte Story.
Keira Knightley, das ist das nette, höchstens spitzzüngige Mädchen aus "Stolz und Vorurteil", die geschickte Edeldame aus den "Piraten der Karibik", der Teenager aus "Kick it like Beckham". Und jetzt Killerin? Es gehört zum Reiz der Figur Domino (Keira Knightley), dass die gut aussehende, junge, blonde Frau einem ohne echten Grund mal schnell die Nase bricht. Aggressiv, jähzornig, brutal, unangepasst - genügend Qualitäten, um öfters von der Schule zu fliegen und auch die Model-Karriere flott zu schmeißen. Diese "kleine, süße Ding" entscheidet sich für den Werdegang einer Kopfgeldjägerin, "um etwas Spaß zu haben". Schon als Kind spielte sie mit Waffen rum, doch sie hat noch andere Qualitäten: Ihren ersten Job erledigt sie mit Hilfe eines Lapdance, eines kleinen Strips. Das war eine Art Aufnahmeprüfung im Team von Ed Moseby (Mickey Rourke), wie seine rechte Hand Choco (Edgar Ramirez) ziemlich durchgeknallt, aber nicht halb so gefährlich wie Domino. Die wird direkt "Kopfgeldjägerin des Jahres", eine Auszeichnung, die unter lauter schrägen Gestalten wohl durchaus ernst gemeint ist.
Man könnte sich á la Tarantino eigentlich mit den bescheuerten, brutalen, aber cool gefilmten Gewalttaten dieses Teams begnügen. Aber es gibt noch eine Handlung, und die durchschaut keiner der Beteiligten - dazu zählen Figuren, Regie und Zuschauer - so richtig: Die Frau des Auftraggebers von Domino und Ed will ein kleines Nebengeschäft aufziehen, man klaut Casinogelder, schnappt die vermeintlichen, als "First Ladies" verkleideten Diebe mit den Millionen und kassiert einen Finderlohn. Leider gehört das Geld der Mafia und zudem ist unter den falschen Dieben noch ein Mafia-Söhnchen hingerichtet worden.
Mindere Filmemacher haben sich schon erfolgreich aus einer komplexen Story herausgedreht. Doch Tony Scott macht es mit seinem extremen Styling noch etwas schwieriger. Farbverzerrungen, rasante Schnitte, unruhige Kameras. "Domino" sieht meist aus wie "Natural Born Killers", nimmt sich sogar selbst mit der Kopfgeldjäger-Soap "Bounty Squad" medienkritisch auf die Schippe. (Hallo Arte: Wär das nicht was für euch?)
Dieser Stil nervt bald nur noch. Schade, denn die Story - nach der Geschichte der wahren Domino Harvey - ist richtig gut, spannend. So gehen auch Elemente eines Erzählens mit Bildern unter wie der Goldfisch von Domino als Metapher für Einsamkeit. Das Spiel mit einer Münze - Kopf oder Zahl? - bleibt oberflächlich wie die bemerkenswerte Ähnlichkeit Chocos zu dem Jesus-Porträt, das Dominos Wende zum Bösen beobachtete. Die psychologische Ausstattung der Figuren ist fragmentarisch, die Liste der Auftritte dafür eindrucksvoll: Christopher Walken macht den TV-Produzenten, ein harmloses Kerlchen in dieser rauen Charakter-Sammlung. Mickey Rourke, mit einer Narbe längs übers Gesicht, hat noch mal eine richtige Rolle. Tom Waits ist als (Seelen-) Retter zu hören und endlich auch noch mal zu sehen. Allerdings hätte Scott eines Retters im Schnittraum bedurft, um all das Gute dieses Films nicht hoffnungslos wild zu zerschnibbeln.
Im Dutzend billiger 2
USA 2005 (Cheaper by the Dozen 2) Regie: Adam Shankman mit Steve Martin, Bonnie Hunt, Eugene Levy, Piper Perabo 93 Min. FSK o.A.
Ist der Titel eine Drohung? Wollen die uns tatsächlich den gleichen Film mit kaum erkennbaren Varianten zwölffach vorsetzen, weil das für die Produzenten billiger ist? Mal sehen - jetzt ist die völlig unoriginelle Komödie mit einem nervigen Steve Martin als zweiter Aufguss zu erleiden.
Kaum jemand wird sich erinnern, "Im Dutzend billiger" ist Dutzendware, ein Filmchen, das man ganz schnell vergisst. Da war die Karnickel-Familie der Bakers, der das Dauerchaos von zwölf Kindern nicht reichte. Papa Tom Baker (Steve Martin) machte auch noch auf berufstätigen Alleinerzieher, weil Mama (Bonnie Hunt) mit ihrem Bestseller auf Leserreise ging. So trainierte Tom schon mal sein Football-Team im Wohnzimmer, um gleichzeitig seine wilde Horde zu bewachen.
Jetzt verlagert Teil 2 den gleichen "Spaß" in den Wochenend-Urlaub draußen am See. Papa Tom will mit Camping und Hausen in einer erinnerungs-beladenen Bruchbude krampfhaft das bisherige Leben der Riesenfamilie aufrechterhalten. Denn zwei Töchter ziehen in andere Städte, da gerät der Familienvorstand in Panik. Allerdings gestaltet er den Familienausflug nach seinem Gusto und verdirbt jeden trotzdem aufkeimenden Spaß durch einen dummen Hahnenkampf mit dem Nachbarn, einem ekelhaft protzenden Angeber (Eugene Levy), der viel Geld, aber "nur" acht Musterkinder hat.
Viel Slapstick und sonstige Albernheiten geben Steve Martin Gelegenheit, schon mal für den "Rosaroten Panther" zu üben. "Im Dutzend 2" ist einer dieser Filme, bei denen jede wahllos ausgewählten fünf Minuten auf die Nerven gehen - Steve Martin ist für so was die beste Besetzung. Zur Begleitung dieser Welt ohne Drogen, ohne Irak-Krieg, ohne Coca-Cola zerfließt das
Orchester in Süßlichkeit. Mal sehen, ob die Drehbuchautoren für den dritten Teil mal ins richtige Leben raus dürfen.
19.12.05
Oliver Twist
Tschechien 2005 (Oliver Twist) Regie: Roman Polanski mit Barney Clark, Ben Kingsley, Jamie Foreman 130 Min. FSK ab 12 Jahre
Dickens ohne "Twist"
"Ganz gut" kann ein Abstieg bedeuten, wenn es vorher "grandios" hieß. Nach seinem überragenden und persönlichen Meisterwerk "Der Pianist", der Herzen und Preise eroberte, realisierte Roman Polanski nun eine anständige, ansehnliche Dickens-Verfilmung: "Oliver Twist". Nicht mehr aber auch nicht weniger.
Er stolpert in eine Farce, eine grausame: Der Waise Oliver Twist (Barney Clark) landet in einem Arbeitshaus. Das verschüchterte Kindergesicht sieht hinauf zu Fratzen im Anzug, die ihn geringschätzend begutachten. Danach geht es zum Arbeitsdienst, der vor zwei Jahrhunderten von den Gemeinden betrieben wurde, um hilflose Kinder so richtig ins Elend zu stürzen. Die kleinen Sklaven können vor Hunger selbst nicht schlafen, während sich die als Karikaturen gefilmten Ausbeuter den Wanst füllen.
Olivers offizielle Ausbeutung für britischen Kapitalismus und Krieg endet mit der unverschämten Bitte: "Please Sir, I want some more!" Könnte ich etwas mehr haben? Das schreit nach der Todesstrafe, doch lohnender ist der Verkauf. Für ein paar Pfund wird der Waise an einen Sargbauer gegeben, als er dort geprügelt wird, macht er sich in einem tagelangen Marsch auf nach London, um dort direkt in die Fänge einer Diebesbande zu geraten. Unter den Fittichen des seltsam liebvollen und sehr skurrilen Schurken Fagin (Ben Kingsley) kann sich Oliver erstmals zu Hause fühlen, allerdings in einem moralisch äußerst zweifelhaften Umfeld.
Doch das Schicksal hat auch einige positive Überraschungen für den bescheidenen, äußerst freundlichen Jungen parat. Beim ersten Diebeszug gerät der Jungen dann gleich in die Fänge einer grausam albernen Justiz, wird aber durch den aufopfernd humanen Mr. Brownlow (Edward Hardwicke) gerettet, der seinen wohlbetuchten Glauben in das Gute im Menschen an Oliver beweisen will. Doch die Bande um Fagin entführt den Jungen und es wird noch einige tragische Ereignisse geben, bis er einem behüteten und reich ausgestatteten Leben entgegenblicken darf.
Polanski inszenierte den bekannten Roman von Charles Dickens aus dem Jahre 1838 als richtig schön altmodische Geschichte, mit Verrätern, die einfach verraten, Gaunern, die einfach nur betrüben. Gradlinig, ohne "Twist", ohne Überraschung oder auffällige Interpretation. Der gleiche sorgfältige Realismus, der beim "Pianisten" die Grundlage für einen unerhörten, erschütternden Leidensweg durch Holocaust und Krieg bildete, bebildert hier einen Literaturklassiker. Darin ist alles überzeichnet, karikiert, nur das hilflose Wesen im Zentrum erleidet alles mit unerschütterlich gutem Wesen.
Man verbreitet, Polanski verarbeite in seiner ersten Regiearbeit nach dem Triumph mit "Der Pianist" "eigene Erfahrungen als Waise auf den Straßen des Ghettos von Warschau". Das mag man glauben oder nicht, Anhaltspunkte im Film sind keine zu erkennen. Es ist ein Dickens und kein Polanski, da will die Marketing-Abteilung vielleicht etwas den "Pianisten" nachklingen lassen.
Oliver Twist, der Junge mit dem Engelsgesicht, wird eindrucksvoll gespielt von Barney Clark. Obwohl es immer besonders schwierig ist Kinder zu inszenieren, verdient sich jedoch vor allen Ben Kingsley viel Begeisterung. Sein Fagin ist eine wirklich interessante Figur, mit vielen faszinierenden Schattierungen des Verderbten, Düsteren.
Eine düstere Kindergeschichte, die sich zur Weihnachtszeit nett anschauen lässt, weil heute ja alles nicht mehr so schlimm ist. Nirgendwo mehr werden Kinder so schlecht behandelt. Außer in Indien, Thailand, China, Brasilien, ... Aber sie müssen ja nur unsere Hemden und Schuhe nähen, bis sie umfallen ...
Terkel in Trouble
Dänemark 2004 (Terkel i knibe) Regie: Stefan Fjeldmark, Kresten Vestbjerg Andersen, Thorbjørn Christoffersen, 78 Min.
Da werden die Pädagogen aufheulen: Pädagogisch wertvoll trotz heftig Blut spritzender Splatter-Einlagen? Die dänische Computer-Animation "Terkel in Trouble" wird den Kids Spaß machen, weil sie so herrlich krass und respektlos daherkommt.
Terkel - deutlichstes Merkmal: Zahnspange - erlebt die Schulzeit zusammen mit seinem Freund Jason als großen Spaß, bis er ins Visier der beiden Quälgeister der Klasse gerät: Die "Bullies" schikanieren dauernd und machen ihn fertig. Terkels Eltern - herrlich: die dauerqualmende, keifende Mutter und der hinter einer Zeitung verschollene Vater - hören nie zu. Der Opa von der Schüler-Hotline rafft auch nichts, teilt aber bei einer Prügelei kräftig aus. Das Mobbing wird dann mit dem Selbstmord einer dicken Schülerin höchst dramatisch ...
Auch wenn die Mini-Zusammenfassung jetzt didaktisch interessant klingt, dieser bis zu den "Fehlern" im Abspann umwerfend komische Trick-Film wird nie zum pädagogischen Einsatz kommen. Denn in ihm kucken sich die Jungs Splatter-Animationen an, da geht beim Pinkeln schon mal was schief, da ist Jesus am Kreuz genau so ein Hänger wie die anderen Figuren. Statt schmalz-klebriger Disney-Schnulzen gibt es beim Musikunterricht von Arne super-coole Disko-Einlagen. Die pädagogisch wertvollen Songs des Aushilfslehrers Gunnar schocken mit Wahrheiten über Kindersex in Thailand. Und bei der Hochzeits-Jubiläumsfeier der Eltern sagt Vater endlich das richtige Wort: "Nein!"
Allerdings fährt "Terkel" bei aller politisch inkorrekten Unverfrorenheit letztendlich fast noch auf der Schiene "pädagogisch wertvoll", denn wie Terkel sich gegen die beiden Sadisten wehren muss, könnte bei den vielen ähnlichen Situationen im richtigen Leben eine Hilfe sein - oder auch nicht.
Die Regisseure nutzen die einfache Machart der Computer-Animation, um zahllose freche Ideen umzusetzen. Vom Alptraum im Stile von Horrorfilmen wie Shining oder Zombie bis zur kurzlebigen subjektiven Perspektive einer Spinne. "Terkel" war der erfolgreichste Kinostart des Jahres 2004 in Dänemark. Dort wurden alle Stimmen vom Stand-up Comedian Anders Matthese gesprochen und gesungen. In Deutsch übernimmt Bela B. Felsenheimer diese Parts überzeugend.
U-Carmen
Südafrika 2005 (U-Carmen eKhayelitsha) Regie: Mark Dornford-May mit Pauline Malefane, Andile Tshoni, Zweilungile Sidloyi 126 Min. FSK ab 6
Bizets "Carmen" mit den Liedtexten in der südafrikanischen Xhosa-Sprache, mit den schnalzenden Lauten, die wir aus Miriam Makebas "Click Song" kennen, das ist so ungewöhnlich wie faszinierend. Ebenso das Setting in einem Township zwischen Prostituierten, Schmugglern und Polizisten sämtlich schwarzer Hautfarbe. (Theater-) Regisseur Mark Dornford-May zeigt in "U-Carmen eKhayelitsha" das alte Drama von Verführung und Eifersucht glaubhaft verbunden mit den aktuellen Themen des Landes, lässt einige traditionelle Lieder aber vor allem viele dokumentarische Straßenszenen einfließen. Ein Kunstgenuss, der Augen und Ohren für die Vielfalt der Welt öffnet. "U-Carmen" erhielt den Goldenen Bären bei den Berliner Filmfestspielen 2005. Die Hauptdarstellerin Pauline Malefane, eine in Südafrika sehr bekannte Sängerin, nahm bewegt die Ovationen für ihre packende Carmen im Berlinale-Palast entgegen.
Carmen (Pauline Malefane) lebt in einem Township von Soweto und bändelt mit dem Polizisten Jongikhaya (Andile Tshoni) an. Doch als sie einem jüngeren nachgibt und bei Schmugglergeschäften mitmacht, nimmt das bekannte Drama seinen Lauf. Es könnte komisch klingen, aber bei dieser Carmen in einer fremden Sprache ergibt sich eine reizvoller Vexier-Klang: Die Melodien sind bekannt, die Stimmen passen, aber auch wieder nicht. Doch die Handlung in sich, dieser Hexenkessel aus Leidenschaft, Armut, Eifersucht und Wahnsinn ist völlig stimmig, man könnte vergessen, dass Bizets Original "etwas" nördlicher, in Sevilla angesiedelt ist.
Regisseur Mark Dornford-May realisierte zuerst eine Bühneninszenierung der Oper, die er dann mit seinen Schauspielern zu einem Spielfilm machte. Sicherlich die spannendste Carmen-Variation zurzeit - neben Goran Bregovics "Carmen with a Happy End" - der ersten Carmen mit einem Balkan-Akzent und begleitet vom "Wedding and Funeral Orchestra"!
12.12.05
King Kong
Neuseeland/USA 2005 (King Kong) Regie: Peter Jackson mit Naomi Watts, Adrien Brody, Jack Black 187 Min. FSK ab 12
Grandios! 207 Mio. Dollar Drehkosten, noch einmal 125 Mio. für die Werbung und trotzdem ein guter, ein sensationeller Film. Das gab es lange nicht mehr. Nachdem er den Fluch des Ringes los ist, zeigt der dreimalige Oscar-Gewinner Peter Jackson ("Heavenly Creatures", "Bad Taste", "Braindead", "The Frighteners") wieder, was er wirklich kann.
Romantik, großartige Abenteuer, Humor in verschiedenster Form - Peter Jackson sparte bei seinem "King Kong" nirgendwo. Jetzt kann man die Romantik zwischen der Schönen und der Bestie (der Affe ist Letzteres) wieder in vollen Zügen genießen, jetzt erschreckt das gewaltige Tier und beeindruckt im Kampf gegen gleich drei Saurier, als wäre er bei Bruce Lee in die Kung Fu-Schule gegangen.
Es geling Jackson vor allem, seinen Jugendtraum "King Kong" unaufdringlich auf den Stand modernen Erzählens zu bringen, mit medialen Verweisen und einer sehr dichten Struktur. Eine grandiose Nummer ist die Idee, den großen, massigen Affen zum gnadenlosen Zuschauer einer Vaudville-Show zu machen. Denn die "Weiße Frau" Ann Darrow (Naomi Watts) tanzte in einer solchen, bevor sie mitten in der tiefsten Depression - wir drehen das Jahr 1933 - auf der Straße landet. Dort liest sie der wahnsinnige Regisseur Carl Denham (Jack Black) auf und lockt sie auf seine mehr als abenteuerliche Dreh-Expedition.
Tatsächlich strandet sein Dampfer "Venture" an einer abschreckenden Felsenküste. Eine zehn Meter hohe Mauer zieht sich über die Insel und die schaurigen Eingeborenen schnappen sich bald die Weiße Frau, um sie dem Riesenaffen hinter Mauer und Graben zu opfern. Der schnappt sich seine neue Barbie-Puppe, schleudert sie etwas herum, verliert dann aber fast das Interesse. Wäre Ann nicht so eine raffinierte und komödiantische Variete-Artistin. So lernen sich die beiden näher kennen, im großen, sehr lauten Affen steckt ein weicher Kerl und sie könnten bis ans Ende ihrer Tage Sonnenuntergänge bewundern, gäbe es nicht das tragische Ende. Denham fängt den Affen ein, macht ihn zu Attraktion von New York, die aber bald selbständig durch die Straßen zieht und auf das Empire State Building klettert.
Der Rest ist Kinogeschichte und trotzdem rührend, traurig, bewegend. Wenn das ungleiche Pärchen im Central Park auf dem Eis herumtollt, hat das mehr Gefühl, als die meisten "Stars" auf die Leinwand bringen! Das Buch ist zurückhaltend mit unnötigen Worten, erspart sich damit auch Platituden. Ansonsten sind die über drei Stunden keine Minute zu lang, eher wundert man sich, dass Jackson für das tragische Finale in New York mit 40 Minuten auskommt.
Jackson fand seine Schädel-Insel im Computer, doch "King Kong" ist wegen anderer Gründe eine Sensation: Die eindrucksvollen Emotionen in "King Kong" sind vor allem den Darstellern zu danken. Sogar "King Kong" selbst verdankt seinen Ausdruck einem Menschen: Andy Serkis, der Gollum aus "Herr der Ringe".
Alles ist erleuchtet
USA 2005 (Everything is illuminated) Regie: Liev Schreiber mit Elijah Wood, Eugene Hutz, Boris Leskin 106 Min. FSK ab 12
Eine Skurrilität des deutschen Startkalenders, dass am gleichen Donnerstag zwei "Gefährten des Rings" einen neuen Film bringen: Während Regisseur Peter Jackson seinen riesigen "King Kong" los lässt, brilliert "Hobbit" Elijah Wood in einem außergewöhnlichen, kuriosen und erinnernden Werk. Und auch bei der "Family Stone" dreht sich alles um einen Ring.
Sie ist zwar noch nicht tot, aber ihr Gebiss kommt schon mal in die Sammlung des Enkels: Jonathan Safran Foer (Elijah Wood) sammelt an einer großen Wand in Klarsicht eingetütete Erinnerungsstücke seiner Familie. Eine Heuschrecke in Bernstein und ein Foto vom Großvater zusammen mit dem Namen der Ortschaft Trachimbrod in der Ukraine bringt den skurrilen Amerikaner mit dem ängstlichen Blick hinter dicken Brillengläsern auf eine Reise nach Europa.
Am Bahnhof von Odesa begrüßt ihn Alex (Eugene Hutz), der sich als Hip-Hopper wähnt, aber dessen Englisch mit seltsam sperrigen Formulierungen gepflastert ist. Seine Familie verdient mit "Jewish Heritage Tours", mit "Jüdischen Erinnerungs-Reisen" ihr Geld. So gehört zu Jonathans Begleitung im sozialistischen Arbeiterklasse-Wagen der aus Überzeugung blinde und antisemitische Großvater (Boris Leskin) am Steuer und hinten neben dem Gast die bissige Töle Sammy Davis Junior Junior (sic!), die mit einem T-Shirt bekleidet immer als Running Gag mitläuft. Dass Jonathan Angst vor Hunden hat, wird kaum belächelt, aber ganz und gar ignoriert. Ebenso wie sein total abstruser Wunsch, Essen ohne Fleisch zu sich zu nehmen. Die ganze Umgebung bedenkt ihn mit einem dieser Blicke, die Vegetarier nur noch in Bayern und anderen Gebieten erleben, die bald durch Rinderwahn, BSE und Kreutzfeld Jakob entvölkert sein werden.
Man kann sich noch über viele Kuriositäten in diesem "Clash of Culture" amüsieren, bis die gemischte Truppe tatsächlich in Trachimbrod und in der Vergangenheit des Holocaust ankommt. Bei Lista, einer entfernten Verwandten Jonathans finden sie eine Wand mit Schachteln mit Erinnerungen an ein Dorf, dass es nicht mehr gibt. Im März 1942 wurden dort 1024 Juden nach grausamen Erniedrigungen ermordet.
Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Jonathan Safran Foer findet langsam vom oberflächlich witzigen "Kulturvergleich" (die dummen Ukrainer, haha - die dummen Amis, haha) zu einem tieferen Kern. Schauspieler Liev Schreiber (der Sohn der Politikerin im Remake von "Der Manchurian-Kandidat") erzählt in seiner ersten Regie eine Geschichte, die Erinnerung sein will, nie rührselig wird. Das ist befremdlich und etwas gewöhnungsbedürftig. Am Ende ergreift sie aber doch, gibt sie etwas von Jonathans süßer Melancholie ab, in einem Verlust eine Heimat wiedergefunden zu haben.
PS: Und mittendrin in all der überwältigenden Trauer fällt "Hobbit" Elijah Wood der völlig unnötige Satz ins Gesicht: "It is because of the ring we are all here!!!!" (Wir sind wegen des Ringes hier!)
Die Familie Stone - Verloben verboten!
USA 2005 (The Family Stone) Regie: Thomas Bezucha mit mit Claire Danes, Diane Keaton, Rachel McAdams 103 Min. FSK o.A.
Alle Jahre wieder treffen sich Filmteams im Frühjahr, um mit viel Kunstschnee und falschen Gefühlen einen weiteren Weihnachtsfilm zu drehen. Wie blöd sich das anfühlen muss, spürt man bei der "Familie Stone" fast in jeder Szene. Ein routiniert inszeniertes Familienfest zum Weglaufen.
Ein fröhliches Durcheinander von Personen und Probleme trifft sich zum familiären Weihnachtsfest irgendwo im Norden der USA: Der taube Thad Stone (Ty Giordano) schneit mit seinem schwulen, schwarzen Freund Patrick (Brian J. White) herein. Seine Schwester Susannah Stone (Elizabeth Reaser) kommt mit kleiner Tochter und reichlich viel Schwangerschaft, um fortan nur noch selig zu lächeln. Der lässige Schwerenöter Ben Stone (Luke Wilson) bekommt von Über-Mutter Sybil Stone (Diane Keaton) direkt Kiff-Verbot. Ein Keifverbot für das bösartige Nesthäkchen Amy Stone (Rachel McAdams) wäre auch angesagt. Und alle warten auf Everett (Dermot Mulroney), der seine Neue, Meredith Morton (Sarah Jessica Parker), vorstellen und gleich auch verloben will.
Der äußerlich coolen, aber schrecklich unsicheren Business-Frau Meredith gelingt es gleich auf Anhieb, in alle möglichen Fettnäpfchen zu treten: Sie brüllt den tauben Thad an, und befürchtet, das adoptierte Kind der beiden Schwulen könnte auch "nicht normal" werden. Doch diese Entgleisungen der angeblich gebildeten, beruflich erfolgreichen Blonden werden verziehen und vergessen. Was man dem Drehbuch nicht verzeihen sollte!
Meredith wurde aber schon vorher von allen gemobbt, nur Amy reagiert normal - sie ist von Natur aus eklig. Die zukünftige Verlobt ruft deshalb ihre Schwester Julie Morton (Claire Danes) zu Hilfe und da das Personal komplett ist, geht jetzt alles drunter und drüber. Einige landen in falschen Betten und dann ist gemäß der Standard-Dramaturgie Weihnachten.
Dem Regisseur Thomas Bezucha gelingt es, routiniert und glatt ein Ensemble-Drama zu inszenieren, das einen kalt lässt, wie die Eiswürfel im Gefrierfach. Man verfolgt das Geschehen, man weiß, was beabsichtigt war und interessiert sich weiter nicht dafür. Selbstverständlich darf auch das unausgesprochene Geheimnis, von dem jeder weiß, nicht fehlen. Die unheilbare Krankheit.
Eine Zeit lang glaubt man, hier würde sich ein Außenseiter-Drama abspielen, man würde erleben, wie die Weihnachts-Seligkeit den Fremdkörper nicht integrieren kann. Aber zum Ende bekommen wir gleich ein dreifaches Happy End geliefert, nur Mutter ist nicht mehr dabei.
6.12.05
Alles was ich an euch liebe
Spanien/Großbritannien/Argentinien/Portugal, 2004 (Seres Queridos / Only
Human) Regie: Teresa de Pelegri, Dominic Harari mit Norma Aleandro,
Guillermo Toledo, María Botto, Marián Aguilera 89 Min. FSK o.A.
Es geht los mit einem Quickie im Aufzug, denn vor dem Familienbesuch sollte
man sich lockern, vor der Vorstellung des neuen Verlobten besonders. Leni
bringt Rafi mit und noch weiß keiner in der spanischen Familie, dass Rafi
Palästinenser ist. Doch vorerst sorgen ganz alltägliche Dinge für das Chaos:
Der kleine Bruder ist nervig religiös geworden, die Mutter hygienisch. Der
blinde Opa fuchtelt zu sehr mit dem Gewehr rum, mit dem er vier Araber
erschossen hat. Und ein großer Klumpen gefrorener Suppe rutscht Rafi aus der
Hand, fliegt aus dem Fenster und erschlägt einen Passanten.
Das ist Almodovar mit Wilder gepaart: Juden am Rande des
Nervenzusammenbruchs. Die Filmemacher bescheren uns so schöne Sätze wie
"Eher bekommt Israel Frieden als ich einen Orgasmus mit meinem Mann",
scheuen sich nicht vor grobem Klamauk oder frech schwarzem Humor und halten
die zwischenstaatlichen Konflikte wenigstens musikalisch immer nahe.
5.12.05
Factotum
USA, Norwegen 2005 (Factotum) Regie: Bent Hamer mit Matt Dillon, Lili Taylor, Fisher Stevens, Marisa Tomei, Didier Flamand 94 Min. FSK ab 12
Bukowski - trocken und nüchtern
Charles Bukowski ist irgendwie nicht mehr richtig in Mode. Vielleicht weil man seinem Saufen, dem Delirium, dem Rumhuren und dem es-auch-noch-alles-richtig-gut-finden nur begrenzt viele Varianten abgewinnen kann. Nach Barbet Schroeders "Barfly" mit Mickey Rourke verfilmte nun Bent Hamer ("Kitchen Storys") eine Bukowski-Geschichte,
und zwar ganz ungewöhnlich: Trocken und nüchtern!
Henry Chinaski (Matt Dillon) ist Schriftsteller - manchmal. Meistens ist er besoffen, und das volle Kanne. So fliegt er aus jedem Job raus, aber das mit Stil. Den Laster mit Gefrierkost lässt er vor einer Bar auftauen. Den Vorarbeiter, der sich zwischen ihn und seinen Drink stellt, rennt er heftig über den Haufen.
In solch knappen Szenen mit sparsamem Off-Kommentar ist Bent Hamer exzellent. Stille, seltsame Kerle in aberwitzigen Situationen machten auch seine "Kitchen Story" zum Hit in Sachen trockener Humor. Matt Dillon spielt Henry Chinaski als Trottel von Qualität von Laurel und Hardy. Aber auch als ganz ernsthaften Beobachter und Schriftsteller mit Kostproben der Literatur von Bukowski.
Die nüchtere, fast distanzierte Bukowski-Interpretation von Bent Hamer sieht in ihren besten Momenten aus wie ein Jarmusch oder ein Wenders. Allerdings leidet die Story unter der Abwesenheit von Entwicklung, geht nur beschränkt rauf oder runter mit dem Anteil des Alkohols im Blut.
In guten Momenten gewinnt Chinaski auf der Pferderennbahn, wird von der reichen Mätresse Laura (Marisa Tomei) ausgehalten und lebt in völliger Sexual-Harmonie mit Jan (Lili Taylor). Was bedeutet, dass sie beide fast gleichzeitig kotzen und sofort wieder zur Flaschen greifen und ins Bett hüpfen. Dann fliegt der Alki wieder aus dem Job, kriegt seinen Führerschein nicht zurück und auch keine der Geschichten, die er zu Zeitschriften schickt.
So lassen sich die lakonischen Momentaufnahmen fast ohne Filmmusik, das Philosophieren über Pferdewetten, Sex und die Frauen vielleicht als ruhige, feine Beobachtungen preisen. Ein nüchterner Bukowski halt.
Cry_Wolf
Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. So lautet die sinngemäße Übersetzung der englischen Redewendung "Cry Wolf". Doch im Teenie-Horror macht das überhaupt keinen Sinn, den dieser lebt vom Vortäuschen, vom unnötigen Schrecken und falschen Fährten, denen man immer wieder auf den Leim geht. Es wird also gelogen und erfunden auf Serienkiller komm raus. Und gemordet selbstverständlich.
"Cry_Wolf" lässt die falschen Fährten in ungeahnter Vielfalt sprießen: Die Schüler einer amerikanisch Uni spielen nächtens ein nettes Detektivspiel und Owen (Julian Morris), der Neue, erweist sich als cleverer Kombinierer. Als dann ein Mädchen auf dem Campus ermordet wird, erfinden die Journalistik-Studenten einen Serienkiller und verbreiten das Täterprofil im Internet. Das makabre "Spiel" weitet sich bald auf den ganzen Campus aus und wird blutiger Ernst, als der Killer tatsächlich in der Realität auftaucht. Verdächtig ist jeder (auch "Lehrer" Jon Bon Jovi) und die Lösung stellt noch einmal all die vielen Wendungen der Geschichte auf den Kopf.
Der Unterstrich im Titel "Cry_Wolf" (es ist ein Email-Name) macht deutlich, dass die ganze Geschichte computer-hyper aufgemotzt wurde. Man "chatet" fortwährend, die Drohungen kommen übers Internet und der Freund erkennt den Killer auf dem Handyfoto im Spiegel hinter der Freundin. Was für ein technischer Blödsinn - auf richtigen Handyfotos würde er die Freundin nicht von der Oma unterscheiden können!
Aber dem Teenie-Horror-Klientel wird dies egal sein, wichtig sind die Schauer- und Schreckmomente. In der ersten Hälfte bleibt "Cry_Wolf" gemächlich und verspielt, erst in der letzten halben Stunde geht das fröhliche Schlachtfest los. Im Stil von Wes Craven und "Sceam" wird mit dem Killer und seiner Verkleidung gespielt, zu Halloween laufen gleich zig Studenten mit roten Kapuzen über dem Gesicht rum. Ansonsten überrascht höchstens, dass in dieser Welt immer noch die gleiche verklemmte Sexualität herrscht, die uns seit "Halloween" wie ein böser Geist verfolgt.
Dias de Santiago
Peru 2004 (Dias de Santiago) Regie: Josué Méndez mit Pietro Sibille, Milagros Vidal, Marisela Puicón, Alheli Castíllo 83 Min. OmU
Eindringlich. Von den ersten Bildern an. Der Druck bei diesem jungen Mann ist spürbar wenn er durch die Straßen von Lima geht, seine Gedanken, seine Beobachtungen im Off hörbar sind. Still, verschlossen, aber mit einem kräftigen Körper, dem man im Moment der Explosion nicht nahe sein will.
Santiago Román kommt nach dreijährigem Kriegsdienst nach Lima zurück. Aber er kommt nicht an in einer modernen Großstadt-Gesellschaft, die sich nicht um ihn und seinesgleichen kümmert. Die Brutalität der Kriege gegen die Widerstandsgruppe "Sendero Luminoso" (Leuchtender Pfad) und das Nachbarland Ecuador verfolgt ihn quälend im Schlaf. Doch der 23-Jährige reißt sich zusammen, will sich weiterbilden. Aber die Ausbildung zum Informatiker ist langwierig und teuer, Förderung gibt es keine. Der letzte Sold reicht nicht mal für einen Kühlschrank auf Kredit, und Kredit kriegen Veteranen ebenso wenig wie Mitgefühl.
Santiagos konstanter Gedankenfluss kommentiert und bewertet ein für ihn moralisch erschreckendes modernes Leben. Aber Santiago kann nicht aussprechen, was er mitteilen will. So scheitert die eigene Ehe, in der Wohnung der Eltern verstärkt die Enge die Gewalt gegen alle Frauen. Die militärische Analyse einer Bar gelingt, etwas Spaß mit jungen Mädels auch noch, aber die Frustration wächst und mit ihr eine verzerrte Sicht der Realität.
Gegen den Einstieg ins Drogengeschäft kann er sich wehren - im Gegensatz zu seinen Kriegs-Kameraden, doch der sich nur mühsam zurückhaltende Choleriker schlägt seine Frau, dann will er die Freundin seines Bruders retten, schließlich kommt es eher aus Versehen zu einer Geiselnahme. Der Schrecken steigert sich bis zur atemberaubend stillen und spannenden letzten Einstellung, die alles offen lässt.
Spätestens als Santiago mit einem geerbten Auto auf Taxifahrer macht, ist der Bezug zu Scorseses und DeNiros "Taxi-Driver" überdeutlich. Er steckt in der vergleichbaren Situation eines Kriegsveteranen, der mit seinen seelischen Verkrüppelungen von einer kalten Gesellschaft nicht aufgefangen wird. Doch "Dias" bleiben eigenständig, zeigen auch genau und nachfühlbar speziellen Bedingungen in Lima und Peru. Die engen Familienstrukturen, die Gewalt gegen die Frauen, das Klima der Gewalt überhaupt.
Dabei ist die Perspektive Santiagos sehr geschickt aufgebaut - und von Pietro Sibille eindringlich gespielt: Anfangs kann man die Einschätzungen des Protagonisten durchaus noch nachvollziehen, erst allmählich keimt die gefährliche Tendenz auf, die Sache und die Pistole selbst in die Hand nehmen zu müssen und den "Schweinestall" aufzuräumen.
Dabei gewinnt die an sich einfache Inszenierung, die oft mit Handkamera der menschlichen Zeitbombe Santiago folgt, zeitweise die Kraft von Filmen wie "Amores Perros". Intensives Spiel, genaue Zeichnung der Figuren sowie des sozialen Umfeldes machen "Dias de Santiago" zu einem packenden und informativen Erlebnis.
"Ultranova" siegt in Gijon
Gijon. Nach dem Cannes-Sieg von "L'enfant" kann die Wallonie in diesem Jahr einen weiteren internationalen Festivalpreis verbuchen. Der Film "Ultranova", gedreht in der Umgebung der belgischen Provinzhauptstadt Lüttich, erhielt in Gijón die Hauptpreise der beiden großen Juries. Das "Festival Internacional de Cine" gehört zu den wichtigsten Filmevents Spaniens.
Mit einem Knall wendet sich der Film "Ultranova" um den stillen Angestellten einer Immobilienfirma und mit einem Knall endete auch das 43. Filmfestival von Gijon (28.11. - 2.12.2005): "Ultranova" erhielt sowohl den Hauptpreis der Internationalen Jury als auch den Preis der FIPRESCI, des internationalen Kritikerverbandes. Eine klare Entscheidung, die allerdings nicht überall auf Zustimmung stieß.
Wie auch bei den Brüdern Dardenne aus Lüttich, die schon zweimal die Goldene Palme gewannen ("Rosetta" und "L'enfant"), spielt in "Ultranova" von Bouli Lanners die Tristesse der Wallonie und ihrer Menschen eine Hauptrolle. Doch Tristesse ist eigentlich ein zu schönes Wort für die Trostlosigkeit zwischen Halden, Maaskanälen und öden Brachen. Es wäre gemein zu sagen, die Menschen haben sich ihrer Umgebung angepasst, deshalb leihen wir uns die Worte des Regisseurs Bouli Lanners: Er sieht seine Figuren wie ferne Himmelskörper, die einsam ihrer Bahnen ziehen. Deshalb auch die Titelkreation "Ultranova" in Anlehnung an den Sternentod mit einem Knall. Es kann immer mal passieren, dass der Druck von eingeschlossenem Schmerz und Hoffnungslosigkeit zu hoch wird. Dann explodiert etwa ein griesgrämiger und besonders aggressiver Kollege. Und irgendwann explodiert ohne Grund der Airbag im Auto. Ein Zeichen! Dafür, dass man auf einem falschen Weg war, meint eine Nebenfigur dazu.
Der Regisseur Bouli Lanners wurde am 20. Mai 1965 in Moresnet-Chapelle geboren und lebt in Lüttich. Bislang trat er vor allem als Schauspieler in vielen wallonischen Filmen auf (u.a. "Les convoyeurs attendent"). Zurzeit hat der enorm talentierte Lanners einen Film in Postproduktion und einen weiteren in Vorbereitung. "Ultranova" wird in Deutschland von Peripher vertrieben, einem kleinen Verleih, der nur schwer die Mittel hat, die Qualitäten dieses Films ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Vielleicht gelingt es mit Hilfe der Preise von Gijón.
Herzliche Grüße,
Günter H. Jekubzik * ghj@arena.de
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