23.5.17

Berlin Syndrom

Australien 2017 (Berlin Syndrome) Regie: Cate Shortland mit Teresa Palmer (Clare Havel), Max Riemelt (Andi Werner), Matthias Habich 112 Min. FSK: ab 16

Mit „Lore", der aufsehenerregenden Nachkriegsgeschichte aus der Sicht eines jungen Mädchens, machte Regisseurin Cate Shortland international Furore. Nun schickt sie eine australische Touristin nach Berlin, um in einer Thriller-Situation zu landen und wieder deutsche Geschichte zu reflektieren.

Clare (Teresa Palmer) erlebt als typische Backpackerin Partystimmung auf einem Hochhausdach, fotografiert DDR-Architektur in Friedrichshain und lernt den reizvollen Englischlehrer Andi (Max Riemelt) kennen. Der Thriller deutet sich durch kleine Schreckmomente wie Hundebellen oder Hup-Terror an, bei Andi in der Wohnung wird es schnell intim und dank der Musik direkt schaurig. Als sie am Morgen danach nicht aus der Wohnung kann, erklärt er das später als ein Versehen. Doch am Tag danach wird ihr klar, dass seine Gefangene ist. Die Sim-Karte ist weg, die Fenster sind ein- oder ausbruchssicher. Während Clare einen Fluchtweg sucht, trifft sich Andi mit seinem Vater und diskutiert, in wie weit die DDR ein Unrechtstaat war.

Wieder findet sich eine junge Frau in einer Extremsituation. Die sorgfältig gezeichneten Figuren liefern sich Psychoduell und brutalen Kampf. Das ist von Max Riemelt („Auf das Leben!", „Freistatt", „Freier Fall") und Teresa Palmer, der erfahrenen Darstellerin aus „Hacksaw Ridge", „Lights Out", „Triple 9", Knight Of Cups" und „Point Break", erstaunlich glaubwürdig gespielt und teilweise ähnlich bildstark wie „Lore" fotografiert. Nur dass der Thriller zu oft die Kontrolle übernimmt, ist schade.

Der Effekt des Wassers

Frankreich, Island 2015 (L'Effet aquatique) Regie: Sólveig Anspach mit Florence Loiret Caille, Samir Guesmi, Didda Jónsdóttir, Bouli Lanners 83 Min.

Der Kranführer Samir (Samir Guesmi) verliebt sich in die Schwimmlehrerin Agathe (Florence Loiret Caille), die er zufällig in einer Bar erlebt. Also schreibt er sich für ihre Schwimmstunden ein, obwohl er längst und gut schwimmen kann. Doch nachdem einige Hindernisse im kuriosen Badebetrieb mit nett seltsamen Gestalten überwunden sind, kommt ein erstes Date auf dem 5 Meter-Brett zustande, weil er aus Versehen eingeschlossen wird und sie nach Betriebsschluss noch schwimmt. Nach dem ersten Kuss ist dann ganz schnell Schluss, weil Samir eine Ertrinkende rettet und sich als guter Schwimmer verrät. Agathe reist beleidigt zu einem Bademeisterkongress nach Island ab, er folgt ihr und gibt sich als israelischer Gesandter aus. Nicht nur wegen seines als Notlüge erfundenen israelisch-palästinensischen Projekts „Together" wird er nun der begehrteste Mann des Kongresses. Die wenig subtile Begeisterung aller anderen bleibt bei Agathe nicht ohne Wirkung, bevor sie sich aussprechen können, verliert er jedoch nach einem Stromschlag das Gedächtnis.

Das könnte selbst für einen flotten Spaß zu viel sein, doch die 2015 verstorbene isländisch-französische Regisseurin Sólveig Anspach inszeniert die wunderbare kleine und liebenswerte Komödie mit der Leichtigkeit des Wassers. „Der Effekt des Wassers" wirkt witzig von der einzelnen Bildgestaltung bis zur isländischen Ämterteilung als Stadträtin oder Stadtrat im täglichen Wechsel der Geschlechter. (Als Paten für diese Art des Humors sieht man den ostbelgischen Schauspieler Bouli Lanners auf riesigen Plakaten der Konferenz.) Die sehr streng beachteten Hygiene-Regeln in den Schwimmbad-Duschen ergeben einen herrlichen Running Gag und die teilweise spröde Romantik gewinnt letztendlich alle Herzen.

22.5.17

Rosemarí

Norwegen, Dänemark, BRD 2016 Regie: Sara Johnsen mit Ruby Dagnall, Tuva Novotny, Laila Goody, Tommy Kenter 98 Min. FSK: ab 12

Am Anfang steht ein unerhörtes Ereignis, als Unn Tove bei ihrer Hochzeit mit dem Falschen auf der Hotel-Toilette ein gerade geborenes Baby findet. Sechszehn Jahre später entwickelt der Film seine scheinbare Alltagsgeschichte träge: Unn Tove ist mittlerweile geschiedene TV-Journalistin, eine alleinerziehende Mutter, die nichts mit sich anzufangen weiß, wenn die Töchter beim Vater sind. Als Journalistin zwar engagiert und mitten im Leben stehend, geriet dieses Leben in Bezug auf Beziehungen sehr reduziert. Dass die unerfüllte Frau mit dem plötzlich auftauchenden jungen Mädchen Rosemarí recht schnell auf die Suche nach deren Eltern geht und dabei noch alles mit der Kamera aufnimmt, wirkt trotz des Geburts-Prologs recht konstruiert. Lange plätschert die kleine Geschichte vor sich hin und überrascht dann mit einer plötzlich gar nicht mehr kleinstädtischen und brav bürgerlichen Auflösung. Es schockt nicht nur alle Beteiligten, es erwischt auch den Film auf falschem Fuß, wenn Rosemarí erfährt, dass sie bei einem Pornodreh gezeugt wurde.

Der Auftritt eines alten Porno-Produzenten bereichert den Film höchsten absurd-komödiantisch. Mit dem vermeintlichen Erzeuger im alten Pornofilm das erste Mal die Mutter sehen, das ist vielleicht Stoff für Lars von Trier und generell eine bescheuerte Idee. Die Auswirkungen bleiben wie die Erklärungen erschreckend oberflächlich. Am Ende löst sich alles in einer glücklichen Porno-Patchwork-Familie auf. „Rosemarí" wurde vielleicht in Original ganz gut gespielt, geriet aber in der deutschen Synchronisation nur mäßig packend oder unterhaltsam.

Churchill

Großbritannien 2017 Regie: Jonathan Teplitzky mit Brian Cox, Miranda Richardson, John Slattery 106 Min. FSK: ab 6

Diese fragmentarische Biografie zum legendären britischen Militär und Premierminister Winston Churchill (1874-1965) setzt im Juni 1944 kurz vor dem D-Day ein und zeigt Churchill groß vor allem in dem, was heute noch nachklingt - seinen Reden. Damit versucht er anfangs, die „Operation Overlord", die lang geplante Landung der Alliierten, zu verhindern. Weil er im ersten Weltkrieg bereits die katastrophale Dardanellen-Invasion befehligt hatte (und danach zurücktreten musste) und weil der einst gefeierte Politiker mittlerweile zum Sonderling wurde, der vom US-General Eisenhower und seinen Generälen kaltgestellt wurde. Auch zuhause wahrt vor allem seine Ehefrau Clementine (Miranda Richardson) die Übersicht. Der alte Held ist Premierminister, fühlt sich aber unwichtig, mischt sich störend ein. Selbst der schwache, mit Mühen nicht stotternde König George VI. spricht ihm wie ein kleines Kind zu: „Machen sie es Ike und Monty nicht so schwer!" Und dieser kurze Satz von James Purefoy steht in einer der wenigen stärkeren Szenen des schwachen Films.

In einer schaurig visionären Eröffnungs-Szene färbt sich beim Strandspaziergang das Wasser blutrot. Mit dieser bildlichen Erinnerung an die Dardanellen hat der Film sein künstlerisches Pulver bereits verschossen. Der Rest ist recht monothematisch und beschränkt auf eine kurze, nicht die ruhmreichste, Lebensphase Churchills. Allerdings wird es hier als Senilität ausgelegt, dass Churchill als Einziger an die Leben und das Sterben der Soldaten denkt. Beschränkt ist nicht nur der zeitliche historische Ausschnitt von einigen Tagen, auch das Leben von Churchill wird auf eine Krise in der späten, zweiten Karriere reduziert. Brian Cox ist damit als Hauptdarsteller unterfordert. Selbst Miranda Richardson hat als streng liebevolle Ehefrau Clementine Churchill einen stärkeren Part.

Am Ende dieser begrenzten Psychoanalyse von Winston Churchill gibt es einen Moment der Besinnung durch den Aufschrei seiner ansonsten getriezten Sekretärin, ein paar persönliche Geständnisse im letzten Akt und dann noch eine Rede. Endlich eine Rede, bevor dieses Biopic-Fragment zu sentimental menschelnd ausklingt.

Die Reste meines Lebens

BRD 2016 Regie: Jens Wischnewski mit Christoph Letkowski (Schimon May), Luise Heyer (Milena Nelko), Karoline Bär (Jella May), Ulrike Kriener 108 Min. FSK: ab 0

Wenn ein Debütfilm direkt ein ganz großer Film wird, muss man nicht gleich Orson Welles und „Citizen Kane" denken. Aber Jens Wischnewskis Langfilm-Erstling ist als Komödie über Tod, Trauer und einen verzweifelten Neuanfang mit tollen Darstellern unbedingt sehenswert!

Die Reste seines Lebens sammelte der junge Schimon schon als Kind ein: Mit dem Kassettenrekorder nimmt er die Geschichten seines kranken Opas auf. Daraus entstand sein Job als Tonkünstler und zufällig (?) die Begegnung mit seiner großen Liebe Jella (Karoline Bär) in San Francisco. Doch der Auftakt zum Film ist ein Niederschlag, bei dem man trotzdem dauernd lachen muss. Schimon May (Christoph Letkowski) ist eigentlich ein Glückpilz - zumindest in seiner eigenen positiven Sicht auf die Dinge und das Schicksal. So findet er auch zum Schlaganfall des Vaters und der dadurch notwendigen Rückkehr aus San Francisco etwas Positives. Dabei sinkt schon das Schiff mit dem Container, in dem „das ganze Leben" von Schimon und seiner schwangeren Frau drin war. Jella wollte eigentlich auch mit dem Schiff fahren. Das Lachen über diesen Schicksalsschlag bleibt Jella beim Essen im Hals stecken, kurz darauf ist sie tot.

Nun glaubt Schimon, dass gemäß der Lebensweisheiten seines Großvaters „alles Sinn macht". So wohl auch die Begegnung mit Milena (Luise Heyer) noch im Krankenhaus direkt nach dem Tod seiner Frau. Nach holprigem - und komödiantisch großartigem - Beginn dieser neuen Liebe zieht der Witwer sehr überhastet bei der schwangeren Single-Frau ein und macht ihr einen Heiratsantrag. Was selbstverständlich die nicht verarbeitete Trauer nicht überdecken kann. Der Versuch den Tod mit viel Optimismus zu überspielen, muss scheitern. Aber eine große Liebe überwindet auch dies.

„Die Reste meines Lebens" haben einerseits eine Leichtigkeit, die mit einer frischen Swing-Melodie zur Toiletten-Spülung gar nicht nur satirisch daherkommt. Dabei ist Schimon so extrem optimistisch, dass man auch zynisch kommentieren könnte, wie leicht er sein altes Leben und seine alte Liebe versenkt. Trotz komödiantischem Ton bleibt der Hohn unübersehbar, dass Schimon beim schnellen Ersatz für seine schwangere Frau mit der schwangeren Krankenhaus-Clownfrau eine Spezialistin für Trauer und Abschied findet.

Der Witz des Films liegt darin, dass Regisseur und Ko-Autor (mit Julia C. Kaiser) Jens Wischnewski die großen Gefühls-Geschichten der beiden Lieben von Schimon a-chronologisch erzählt. Wie im Kopf des Musikers existieren die Frauen parallel. Völlig entfremdet von der Realität, ist es fast schon horrend, wie er überzeugt ist, dass Milena ein Mädchen erwartet - tatsächlich wird es ein Junge. Dass dies eigentlich eine schauerliche Geschichte von verdrängter Trauer mit grausamen Folgen ist, korrespondiert in dem erlösenden Finale mit ganz anderen Genre-Elementen. Die unweigerlich rührende Liebesgeschichte ist in Komödie, (angedeutetem) Horror oder Melodram ein großartiger Film und glücksbringend auch für die Zuschauer.

Song to Song

USA 2017 Regie: Terrence Malick mit Michael Fassbender, Rooney Mara, Natalie Portman, Ryan Gosling 129 Min.

Nach dem eher unglücklichen Treiben in der Filmwelt bei „King of Cups" stürzt sich der 73-jährige Filmemacher Terrence Malick nun in die Musikszene. In seinem „King of Cups 2" ist Michael Fassbender als arroganter, gelangweilter Erfolgsproduzent Cook das selbstverliebte Zentrum des Geschehens: Vor der Kulisse des South by Southwest-Festivals in Austin, Texas, erleben wir Konzerte mit wildem Pogo im Publikum und überkandidelte After-Partys mit Ausstellungs-Frauen, die dekorativ in den Pool fallen oder auf ihrem Körper liegend Sushi anbieten. Besser behandelt Gastgeber Cook auch seine Beziehungen nicht. Sängerin Faye (Rooney Mara) ist seit jungen Jahren bei ihm - für die Karriere, wie sie im Off erzählt. Und dass sie dafür „viel bezahlt" habe. Auf der Party verliebt sich Faye in den Komponisten BV (Ryan Gosling), das Glück bleibt allerdings getrübt, weil Faye masochistisch weiterhin heimlich die Geliebte Cooks bleibt. Der kann nicht in seiner Selbstsucht keine fünf Minuten alleine sein und zieht die einfache Kellnerin und Kindergärtnerin Rhonda (Natalie Portman) als Ehefrau in den Strudel aus schillerndem Leben und sexuellen Extravaganzen. Als BV irgendwann von Faye Beziehung zu Cook erfährt, ist die neue Liebe am Ende und beide ziehen neue Partner in den Gefühlsreigen.

Terrence Malick macht einzigartige Filme: Ströme von nicht chronologischen Bildern (exzellente Kamera: Emmanuel Lubezki), Ton- und Stimm-Fragmenten erzählen eine Geschichte weniger, als das sie mit emotional aufgeladenen Puzzlestückchen impressionistisch empfunden wird. Nun verbindet er Dance Music-DJs, einen Klassik-Flow, Cameo-Auftritte von Iggy Pop, Val Kilmer als Alt-Punk und Patti Smith mit Erinnerungen und Träumereien in sehr loser Folge. Die Figuren umkreisen sich, die Kamera tanzt mit. Fish Eye oder Handkamera fangen Luxushäuser aus Schöner Wohnen ein.

Mittendrin schaut man den Schauspielern beim Schauspielen zu, was weniger inszeniert als improvisiert und später montiert funktioniert. Vor allem Michael Fassbender legt als wenig tragisches Ekel des Films haufenweise Kunststückchen hin. Gosling kann meist nur wie ein dummer junge daneben stehen. Mara trägt oft Perücken für verschiedene Rollen Fayes. Wer sie wirklich ist, darf man sich dabei fragen. Dazwischen erzählt Patti Smith immer wieder etwas über ihr eigenes Leben und das sind dann auch die besten Szenen des Films.

Denn reduziert auf die „Geschichte" erweist sich „Song to Song" als wenig originell: Zac Efron stritt sich in dem mitreißenderen DJ-Film „We Are your Friends" ebenfalls mit seinem (erfolg-) reicheren Mentor auch um eine Frau. Von all den ähnlichen Geschichten aus der Film-Szene ganz zu schweigen. Trotz seines einzigartigen Stils, der in weniger Momenten immer noch berauschen kann, erzählt Malick nun erstaunlich Banales: Letztlich soll eine Abkehr vom Künstler-Lotterleben, vom haltlosen Hüpfen von „Song to Song" die Liebe retten. Gosling macht auf Bohrarbeiter vom Lande.

Malick will also zurück zum „einfachen Leben". Aber aus seinen früheren Filmen weiß man, dass dies auch nicht besonders prickelnd war: Im wunderbaren „Days of Heaven" ging es den Landarbeitern - unter ihnen Richard Gere - ziemlich beschissen, das Liebesdrama unter ihnen war eines der stärksten. Später im epochalen Meisterwerk „The Tree of Life" mit Brad Pitt zeigte sich das einfache Familienleben - das hier immer als Utopie für Faye und Rhonda aufblitzt - als eines der furchtbarsten. Doch nicht nur inhaltlich fragt der sich Fan nach einer überlangen Enttäuschung, wo Malick eigentlich hin will.

15.5.17

Jahrhundertfrauen

USA 2016 (20th Century Women) Regie: Mike Mills mit Annette Bening, Greta Gerwig, Elle Fanning, Billy Crudup, Lucas Jade Zumann 119 Min. FSK: ab 0

Ein Jahrhundertfilm mit gleich drei großartigen Schauspielerinnen aus drei Generationen! Was will ein 15-jähriger Junge im Kalifornien am Ende der 70er Jahre mehr zum Erwachsenwerden? Eine Vaterfigur vielleicht? Gibt es in der WG der Dorothea Fields (Annette Bening) zwar auch, aber der Muster-Mann (Billy Crudup) funktioniert nur als Handwerker, Yoga- und Sex-Partner, ansonsten ist er verlässlich und langweilig. Es ist tatsächlich auch nicht viel Platz neben der selbstbewussten, kettenrauchenden und mit großer Intelligenz Sinnsprüche raushauenden Frau, die eine der ersten technischen Zeichnerinnen des Landes war. Weil die Alleinerziehende selbst an ihren Mutter-Fähigkeiten für Sprössling Jamie (Lucas Jade Zumann) zweifelt, spannt sie die jüngere Mitbewohnerin Abbie (Greta Gerwig) und Julie (Elle Fanning), die Freundin des Sohnes, als Assistentinnen ein. Mit herrlich katastrophalen Folgen. Julie, die zu Gruppensitzungen mit der eigenen Mutter als Therapeutin muss und lieblos reichlich sexuelle Erfahrungen macht, schleppt den Jungen direkt zum ersten Drogentrip nach L.A. mit. Abbi, wieder im inneren Chaos eine typische Gerwig-Figur, bringt den Teenager den Punk und die neueste feministische Literatur nahe, samt sexuellen Aufklärungsbüchern hauptsächlich über den weiblichen Orgasmus. Selbst ausprobieren kann Jamie es nicht, denn Julie schleicht sich zwar jede Nacht in sein Bett, aber schlafen will sie mit ihm nicht.

Noch weht der Hippie-Geist durch das Kalifornien dieser hemmungslos offenen, unverstellten Menschen. Zwar gibt es auch Sätze wie „Die Frage ‚Bist du glücklich?' ist der direkte Weg zu Depression!" und im Fernsehen hält Jimmy Carter seine ernüchternde Crisis-of-Confidence-Rede, doch die Leichtigkeit mit der Mike Mills autobiographisch von Frauen des 20. Jahrhunderts (so der sinnvollere Originaltitel) erzählt, erstaunt bei gleichzeitiger Tiefe der Lebensbetrachtungen. Der Plural ist angebracht, weil sich die Erzählerstimmen ablösen. „Jahrhundertfrauen" bieten nicht nur das klügste Gefühlskino seit langem, auch formal ist der Film ein großer Roman, der im mutigen Finale den Bogen bis zum letzten Tag des letzten Jahrtausends schlägt.

Mike Mills erzählt wieder wunderbar, berührend, betörend menschlich und auch biographisch: Nach „Beginners", in dem Ewan McGregor einen Sohn spielt, der mit dem späten Coming Out seines Vaters konfrontiert wird, steht nun die Mutter von Mills im Mittelpunkt. Mills war Graphikdesigner und Regisseur von Musikvideos. Klar, dass die Ausstattung ein Genuss ist! Selbstverständlich sind die musikalischen Zeit-Referenzen mit Bowie und den Talking Heads berauschend stilvoll und erneut sinnstiftend.

All diese großartigen Anlagen, die intensiven Dialoge, die ganz eigenen und doch so universalen Stimmungen würden wohl nicht funktionieren ohne die drei Hauptdarstellerinnen. Annette Bening („Valmont", „American Beauty", „The Women") gibt die traurig-einsame Kettenraucherin Dorothea Fields mit den seltsamen Erziehungsideen wie eine ältere wirre Greta Gerwig. Die beiden besten Nachwuchs-Schauspielerinnen der USA, Greta Gerwig selbst und Elle Fanning begeistern im ersten Fall mit einer fast tragischen Variante ihres immerwährenden Typus'. Fanning hingegen erstaunt erneut mit ihrem breiten Rollenspektrum: Nach einer drogensüchtigen Prostituierten und Heiligen in „Live by Night", nach dem Modell in „The Neon Demon" und der Transsexuellen in „Alle Farben des Lebens" nun also eine hochintelligente junge Frau, die sich emotional abhärten will. Geringere Autoren und Regisseure als Mike Mills könnten aus den Figuren drei bis vier Filme machen, doch diese Intensität an (liebevollen) Figuren und Geschichten machen eben Meisterwerke aus.

You’ll never walk alone

BRD 2017 Regie: André Schäfer 100 Min. FSK: ab 0

Die rührselige Schnulze „You'll never walk alone" war jahrzehntelang international der absolute Hit in Fußballstadien bis Jack Whites „Seven Nation Army", bei allen Toren größerer Turniere angespielt, diesen Oldie abgelöst hat. Dabei stammt das von zehntausenden Fans gegrölte Lied aus dem Budapest vom Beginn des 20. Jahrhunderts. In dieser ausgezeichneten Dokumentation - nicht nur für Fußball-Fans - schickt Regisseur André Schäfer den Schauspieler und bekennenden Anhänger eines Dortmunder Sportvereins Joachim Król auf Recherche-Reise zu den Ursprüngen und seltsamen Wegen dieses Liedes.

Die Reise führt überraschend nicht zu den mehr schlecht als recht singenden Hooligans, sondern zuerst zu Hörbinger, Mavie. Die Schauspielerin an der Wiener Burg spielt gerade in Ferenc Molnárs Theaterstück: „Liliom". Geschrieben 1909 in Budapest wurde das Drama eines Taugenichts, der seine Liebe schlägt, bereits 1934 von Fritz Lang verfilmt. Aber erst über den Umweg des Rodgers & Hammerstein-Musicals zur Hollywood-Schmonzette „Carousel" von 1956 erlangte der Stoff weltweite Popularität. So entdeckte der Liverpooler Rocker Gerry Marsden zufällig das Lied im Kino - eigentlich wollte er Laurel & Hardy sehen. „Gerry and the Pacemakers" machten „You'll Never Walk Alone" zum Nummer-Eins-Hit, der Rest in der zweiten Halbzeit ist tatsächlich Fußball-Geschichte und ab dann etwas weniger packend.

Doch selbst wenn man dem Profifußball und der bei ihm verbreiteten Überbewertung nur mäßig sportlicher Balltreter nichts abgewinnen kann, ist dies doch als großer kultureller und historischer Rundumschlag ein unterhaltsamer und guter Dokumentarfilm. Darin wird eine als selbstverständlich erachtete Gewalt gegen Frauen bei „Liliom" ebenso thematisiert wie die Heiligen-Verehrung historischer Stätten eines Fußballvereins. Sogar der Antisemitismus, mit dem Ferenc Molnár konfrontiert war, taucht auf. Was für ein Affront gegen häufig rechtsradikale Fußballfan-Gruppen!

Von Dortmund aus nach Wien und Budapest, über New York und Los Angeles nach Liverpool geht die Reise von Joachim Król. Als Fan von Kindesbeinen an ist mehr als ein gedungener Reiseführer und Sprecher. Es ist nett, wie Król im Plattenladen stöbert, immer wieder alte Aufnahmen des Stücks hervorkramt. Der Interviewer Król lockt vor allem wunderschöne Momente mit Zeitzeugen hervor, wie das Gespräch mit dem alten Tänzer von „Carousel", der über all seine heftigen körperlichen Gebrechen berichtet. Oder das Pub-Gespräch mit einem Zeugen der Katastrophe im Hillsborough-Stadion mit 96 Toten und 766 Verletzten: Der schockierende Bericht eines der eingeklemmten Zuschauer sorgt für mehr Emotionen als das Pathos um das titelgebende Lied, in dessen Mythos auch diese Toten eingeflossen sind.

Dass man tatsächlich nie alleine ist, inmitten der Fan- und Hooligan-Horden stellt halt auch den Kern vieler teurer Probleme der Massen-Erscheinung Profi-Fußball dar. Gewalt, Regellosigkeit und Rechtsextreme verstecken sich hinter der Fan-Fahne. Diesen ganzen Komplex übersieht der Film in seiner Fan-Seligkeit. So ist der Film vor allem auch ein Fan-Projekt für einen Aktiengesellschaft, die mit Trikotverkauf und einigen Millionären viel Geld verdient. Und ansonsten vor allem in der ersten Halbzeit eine richtig gute Dokumentation.

Beuys

BRD 2017 Regie: Andres Veiel 107 Min.

Beuys ist einer dieser Menschen, „die man ja kennt" ohne wirklich mehr als Fettecken-Anekdoten und Filzhut-Aufnahmen von ihnen zu kennen. Das sehr interessante kurzweilige Porträt Andres Veiels über den legendären Künstler Joseph Beuys (1921 - 1986) haucht dem Namen Leben ein, erteilt Beuys selbst das Wort und montiert aus zahlreichen bisher unerschlossenen Bild- und Tondokumenten ein assoziatives, durchlässiges Porträt, das, wie der Künstler selbst, eher Ideenräume öffnet, als Statements verkündet. Hinter der Aura von Filz und Fett-Ecken taucht ein oft lachender, geistreicher Mensch auf, während chronologisch Lebensstationen mit dem Absturz als Kriegspilot, den Depressionen in den Fünfziger Jahren, der Aktion „7000 Eichen" auf der dokumenta und der Beteiligung an der Gründung der Grünen abgehandelt werden.

Denn Joseph Beuys war nicht immer und nicht nur der weltweit gefeierte Kunst-Star mit Ausstellungen bis - als erste deutscher Künstler - ins New Yorker Guggenheim. Als Kampf-Pilot im 2. Weltkrieg formte ein Absturz seine Gesichtszüge. Zeiten der Zweifels und schwerer Depressionen standen vor dem Durchbruch. Und auch dem Bild der Kunstszenen-Ikone werden weitere Ebenen hinzugefügt. Der solidarische Protest für mehr Schüler an der Düsseldorfer Akademie, dieser Kampf mit dem früheren Minister Johannes Rau wird ebenso mit vielen Filmaufnahmen nachgezeichnet wie das letztlich erfolglose Engagement bei der Gründung der Grünen. Die kämpferische Haltung für einen demokratischen Sozialismus und gegen die Machenschaften der Banken war damals in der Partei allerdings noch nicht angesagt.

Der Kunstbegriff von Beuys fließt beim Betrachten eines prallen und atemlosen Lebens spielerisch ein und wird nie didaktisch vorgetragen. Besonders reizvoll ist „Beuys" wenn die Kunst-Vorstellungen von Veiel und Beuys zur Deckung kommen, wenn der Regisseur mit seiner Dokumentation einen beuysschen Kunstakt hinlegt. „Es muss ja eine Frage vorliegen, die ich versuche mit den Menschen gemeinsam zu lösen", diesen Satz würden beide unterschreiben. Und wenn Beuys eine „letzte Warnung an die Deutsche Bank" ausspricht, ist der Schritt zu den RAF-Protagonisten in Veiels früherer Doku „Black Box BRD" nicht weit. Andres Veiel machte sich sowohl auf der Bühne mit seinen eigenen Stücken „Der Kick" über die Neonazi-Szene und „Das Himbeerreich" über die Verbrechen der Banken, sowie auf der Leinwand mit „Black Box BRD" und der eigenen Verfilmung von „Der Kick" einen Namen. So ist es tatsächlich immer noch unterhaltsam, wie Beuys boxt, diskutiert, doziert, dem toten Hasen die Kunst erklärt und fragt: „Wollen Sie eine Revolution ohne Lachen machen?" Ein Spaß an Provokation und heftigen Reaktionen des Publikums ist bei Beuys und Veiel gleichermaßen zu spüren.

10.5.17

King Arthur: Legend of the Sword

Großbritannien, Australien, USA 2017 Regie: Guy Ritchie mit Charlie Hunnam, Jude Law, Astrid Bergès-Frisbey, Djimon Hounsou, Aidan Gillen, Eric Bana 126 Min. FSK: ab 12

Guy Ritchie („Bube Dame König grAS") macht mit der alten Arthur-Geschichte gleich mehrere Zeitsprünge. Der beliebte Ritter-Mythos landet mit aufpolierten Schwertern und Fantasy-Rüstungen im Kinostil des neuen Jahrhunderts.

Nach einer gigantischen Schlacht gegen den Zauberer Mordred und seine telepathisch gelenkten, haushohen Kampf-Elefanten - siehe „Star Wars" - beginnt eine Hexenjagd auf die Magier, dabei sitzt der Verräter am Kabinettstisch: König Uther Pendragons (Eric Bana) Bruder Vortigern (Jude Law) revoltiert und der kleine Prinz Arthur landet als Waise in Londium. Mit fantastischen wie schäbigen Gebäuden und dämonischen Gewölben ist es das England nach den Römern. Die Wikinger sind willige Alliierte von König Vortigern, der das Land terrorisiert. Arthur wächst in einem Bordell als geschickter Dieb auf. Bis er das sagenhafte Schwert Excalibur aus dem Stein zieht, ihn ein Rebellentrupp aufnimmt und ein Guerilla-Krieg beginnt.

Guy Ritchie hat einen Namen wegen ... ja weswegen eigentlich? „Bube Dame König grAS" war 1998 frech und stilistisch ein Knaller, „Snatch - Schweine und Diamanten" 2000 dann schräg und flott. Aber dann kam schon die Peinlichkeit „Stürmische Liebe - Swept Away" mit seiner nun Ex Madonna. Die Gangsterfilme „RocknRolla" (2008) und „Revolver" (2005) waren solide, erfolglose Unterhaltung, die beiden „Sherlock Holmes"-Wiederbelebungen mit Robert Downey Jr. und Jude Law toller Steam Punk. Aber vor allem macht heutzutage jeder den Guy Ritchie-Stil, das Original enttäuscht dementsprechend.

Nun geht Guy Ritchie den berühmten und beliebten Arthur-Mythos an - angeblich in sagenhaften sechs Teilen. Selbstverständlich nicht mit märchenhaften Elementen wie in den wunderbaren Arthur-Romanen von T.H. White. Mit dem Weg Arthurs zur Krönung wird in diesem Film nur ein erstes Tischbein der berühmten Tafelrunde geschnitzt. Dabei ist an diesem Arthur nichts Bemerkenswertes, was den Mythos rechtfertigen würde: Die Hauptfigur gewinnt nicht durch Persönlichkeit sondern mit Fantasy-Gedöns, das stark an „Herr der Ringe" erinnert. Jude Law gibt hingegen als Vortigern einen coolen Drecksack, grandios in seiner selbstbewussten Machtbesessenheit. Das Drumherum bleibt austauschbar, es könnte eben so gut Robin Hood sein. Belanglos und der Stil nur punktuell eindrucksvoll. Vor allem bei virtuosen Montage: In Sekundenbruchteilen kommentiert ein schneller Schnitt die Handlung aus einer anderen Lebensphase, das Aufwachsen Arthur ist ein rasanter, atemloser Film-Clip.

Die unausweichliche langweilende Action, dank Merlins Botin Mage (sehr passend gespielt von Àstrid Bergès-Frisbey) mit einem Schuss Magie, hält sich unauffällig zurück, erst als Arthur die psychologischen Probleme mit seinem Schwert in den Griff bekommt, sieht das interessant aus. Format vermissen lässt auch der unbekannte Charlie Hunnam als frecher kleiner Gauner ohne königliche Statur. Da will man eigentlich mehr Law sehen, doch der schafft es leider nicht in die Fortsetzung - sollte die überhaupt diesen schwachen Auftakt überleben.

9.5.17

Pyromaniac

Norwegen 2016 (Pyromanen) Regie: Erik Skjoldbærg mit Trond Hjort Nilssen, Per Frisch, Liv Bernhoft Osa 98 Min.

Regisseur Erik Skjoldbærg ist wegen Christopher Nolan und Al Pacino bekannt: Sein Film „Insomnia" wurde 2002 im Hollywood-Remake weltweit verbreitet. Der neueste Thriller des Norwegers folgt einem Pyromanen von seinem ersten Feuerlegen über eine Serie von Brandstiftungen, die ein kleines Dorf in Angst versetzen. Dass der Täter auch dieses Mal bei der Feuerwehr selbst zu suchen ist, soll nicht überraschen. Spannend ist die Konstellation, dass es gar der Sohn des Feuerwehr-Chefes ist. Dies entdeckt ein Polizist...

Mit eindrucksvoller Sicherheit analysiert der norwegische Star-Regisseurs Erik Skoldbærg die Psyche des Pyromanen und seine Umgebung. Hauptdarsteller Trond Nilssen gibt den verschlossenen jungen Mann derart intensiv, dass keinerlei Wunsch nach noch einem Remake mit US-Star aufkommt. „Pyromaniac" läuft in deutscher Erstaufführung. Skoldbærgs Film „Pioneer" aus 2013 ist gleichzeitig online als „Kino on Demand" zu entdecken.

Überflieger - Kleine Vögel, großes Geklapper

BRD, Belgien, Luxemburg, Norwegen, 2017 Regie: Toby Genkel, Reza Memari 84 Min. FSK: ab 0

In der weltweiten Trickfilm-Produktion hechelt trotz des technischen Vorsprungs alles Disney & Co hinterher. Große japanische Animationskunst oder Höhepunkte französischer Zeichentrickfilme gehen mangels Werbeetat meist unter. Von deutschen Bemühungen ganz zu schweigen. Nur der Belgier Ben Stassen kann aus der Dritten Welt des Trickfilms etwas mithalten. So fällt auch bei der neuen europäischen Koproduktion „Überflieger" direkt die hölzerne Gestaltung der Vogelfiguren auf. Erschreckend für Kinder mag auch sein, wie der Spatz Richard in einer heftigen Anfangsszene direkt zum Waisen wird. Adoptiert von einer Storchen-Familie steckt Richard schnell in einer Geschichte vom hässlichen Entlein drin. Nach vielen komischen kleinen Unverträglichkeiten beim Fischen mit zu kurzem Schnabel und Schlafen auf einem Bein stellt der Winterzug nach Afrika ein echtes Problem dar. Doch Richard hat scheinbar all die anderen gleichen Trickgeschichten gesehen und kennt sein Motto: „Gib niemals auf". Zusammen mit der Zwergeule Olga und dem Wellensittich Kiki macht er sich auf eigene Faust auf den Weg.

Tatsächlich können Animationsfilme, wenn sie nicht mit hyperrealer Trick-Power überwältigen, nur mit originellen Geschichten überzeugen, wie es der deutsche „Molly Monster" oder der wunderbare irische „Melodie des Meeres" vormachen. „Überflieger" versucht jedoch mit beschränkten Möglichkeiten die erfolgreichen Marktführer zu kopieren. Im Überflug soll didaktisch wertvoll die Vogelwelt vorgestellt werden, mit vermeintlich modernen Einfällen wie elektrisierte Internet-Tauben versucht man Kindern von heute die Natur zu vermitteln. Das wirkt statt lustig eher seltsam, um nicht zu sagen: oft bescheuert. Wenn das Absicht war, hat dieser Unterflieger des Qualitäts-Radars wenigstens ein Alleinstellungsmerkmal. Ansonsten muss man abraten.

Ein Tag wie kein anderer

Israel 2016 (Shavua ve yom) Regie: Asaph Polonsky mit Shai Avivi, Evgenia Dodina, Tomer Kapon 98 Min. FSK: ab 6

Gerade sieben Tage ist es her, seit Eyal (Shai Avivi) und Vicky (Evgenia Dodina) ihren 25-jährigen Sohn beerdigt haben. Die Shiva, das jüdische Trauerritual, ist nun beendet, die Wohnung wird aufgeräumt, ein paar Nachzügler vergrätzt Eyal herrlich grob. Vicky will so schnell wieder als Lehrerin arbeiten, dass sie die Vertretung aus dem Klassenzimmer wirft. Eyal hingegen weiß nicht wohin: Langatmig scheitert er daran, sich selbst einen Joint zu bauen, jemand muss ja das medizinische Marihuana des Sohns aufbrauchen. Als der auf andere Art ebenfalls seltsame, kindische Nachbars-Sohn Zooler als Kiff-Unterstützung ins Spiel kommt, ist er zwar kein Ersatz für den Sohn, aber er kann drehen, wild Luftgitarre und bekifft Tischtennis spielen.

Der humorvolle israelische Film umkreist ungewöhnlich aber treffend ein trauerndes Paar. Eyal und Vicky haben in diesem Fall ganz unterschiedliche Arten, mit dem Unfassbaren umzugehen. Während er nur nett skurrile Dinge tut, macht sie erstaunlich nüchtern einfach weiter. Die innere Verschlossenheit spiegelt sich in dem Öffnen und Schließen der Rollladen zum Garten, im krassen Laut und Leise auf der Tonspur mit den starken Liedern. Stellvertretend für die Trauer, die Eyal nicht rauslassen kann, hört er die extrem berührende Begräbnisrede eines Fremden, im Film bebildert mit einer großartigen Montage der Belanglosigkeiten, mit denen einen das Leben in solch furchtbaren Zeiten quält. Wie bei der Sterbehilfe-Komödie „Am Ende ein Fest" aus Israel zeigt auch diese Tragikomödie wieder ein breites, lebendiges Spektrum des Alltagslebens. Die guten Schauspieler zeigen das Paar mit eingespielter Vertrautheit, in der noch Momente der Liebe aufblitzen. Ein in seiner ruhigen, unaufdringlichen Art, sehr gelungener leiser Film über Wege des Trauerns.

8.5.17

Das Ende ist erst der Anfang

Belgien, Frankreich, 2015 (Les premiers, les derniers) Regie: Bouli Lanners mit Albert Dupontel, Bouli Lanners, Suzanne Clément, Michael Lonsdale, Max von Sydow 97 Min. FSK: ab 12

Lange hat man nichts vom großen Schweden gehört, doch Max von Sydow lebt noch und singt nun sogar! Im neuen Film des aus dem ostbelgischen Moresnet stammenden Schaupielers und Regisseurs Bouli Lanners hat dieser seine persönlichen Filmhelden versammelt: Michael Lonsdale und Max von Sydow spielen in „Das Ende ist erst der Anfang" zwei kauzige alte Herren, Killer und Bestatter. Der Film sieht aus wie ein Western, spielt aber in einer post-industriellen Brache Nordfrankreich von heute. Zwei hartgesottene Gangster (Bouli Lanners, Albert Dupontel) auf der Suche nach einem Handy, ein geistig behindertes Pärchen auf der Suche nach einer verlorenen Tochter und der übliche Abschaum mit vielen Knarren sowie Pferdestärken unter der Motorhaube. Dass ein obdachlos herumirrender Jesus mitspielt und ein Wundmal genre-gerecht per Kugel erhält, wirkt hier ebenso selbstverständlich wie ein fast märchenhaftes und kitschfrei rührendes Happy End. „Das Ende ist erst der Anfang" ist ein Drama, ist Komödie, Liebesfilm, Roadmovie und auch Thriller.

Alles spielt sich ab in einem apokalyptischen Szenario, das nach Bouli Lanners „Hoffnung machen soll". Dabei gab es in der Dreh-Region nicht ein Hotel für das Filmteam. (Dem Bahnhof des heimatlichen Montzen gab Lanners eine Nebenrolle). Vor allem begeistern beim Hit der letzten Berlinale der trockene Humor auch von Lanners, der neben seinem Hund selbst die Hauptrolle spielt, und die tollen Szenerien, die „anstelle vom Grand Canyon" Eindruck machen. „Ein Western, für den ich nicht ins Flugzeug steigen musste" (Lanners). Nach dem Meisterwerk „Eldorado" (2008), dem völlig übersehenen Jugend-Road Movie „Kleine Riesen" (2011) und der subversiven Alltags-Implosion „Ultranova" (2005).

Der gleichermaßen eindrucksvolle, in französischen Komödien fast omnipräsenten Darsteller („Asterix", „Der Geschmack von Rost und Knochen") und Regisseur Bouli Lanners erfreut mit lässigem Road Movie-Stil und einer gelungen verpflanzten Begeisterung für große US-Klassiker. Aber der leidenschaftliche Filmemacher berührt auch mit offenen, verletzlichen Figuren.

Rückkehr nach Montauk

BRD, Frankreich, Irland, 2017 (Return to Montauk) Regie: Volker Schlöndorff mit Stellan Skarsgård, Nina Hoss, Susanne Wolff 106 Min. FSK: ab 0

Schlöndorffs Altherren Sentimentalität

Volker Schlöndorffs „Return to Montauk" wirkt theoretisch wie ein kreatives Remake: Ein bekannter Stoff von Max Frisch auf einer anderen Ebene weitergeführt. Dazu locken Stellan Skarsgård und Nina Hoss als Stars dieser Alters-Romanze. Beim Stichwort Montauk muss man an Max Frischs gleichnamige Erzählung aus 1975 denken und an Schlöndorffs Frisch-Verfilmung „Homo Faber" aus 1991. So tauchte der international sehr angesehene deutsche Regisseur Volker Schlöndorff („Die Blechtrommel") zwar ins Universum seines Freundes Max Frisch ein. Doch zu Lebzeiten des Schweizer Dichters verwarfen beide eine Verfilmung der „zu autobiografischen" Montauk-Geschichte eines Wiedersehens des älteren und verheirateten Dichters mit der Geliebten von damals. So ist nun ein Original-Drehbuch Vorlage, das Schlöndorff gemeinsam mit Colm Tóibín („Brooklyn") schrieb:

Der Schriftsteller Max Zorn (Stellan Skarsgård), Anfang 60, reist darin zu seiner Buchpremiere nach New York, wo ihn seine Frau Clara (Susanne Wolff) erwartet, die seit einer Weile in der Stadt lebt. Zorns sehr persönlicher Roman handelt vom Scheitern einer großen Liebe. Schon bald trifft Max die Frau von damals wieder: Rebecca (Nina Hoss), in Deutschland geboren, lebt als erfolgreiche Anwältin in New York. Sie hat anfangs keine Zeit für und kein Interesse an Zorn. Überfallartig muss er an der Pförtnerloge des Kanzlei-Hochhauses vorstellig werden. Doch irgendwas von damals muss noch wirken und schließlich kehren sie gemeinsam für ein Winterwochenende nach Montauk zurück, ins Küstenstädtchen, in dem sie einst glücklich waren.

Volker Schlöndorff drehte zwar in New York oft ohne Drehgenehmigung wie ein junger Guerilla-Filmer. Doch das Ergebnis ist eine Senioren-Romanze von und für Kreative, die sich großartig und von ihren Frauen verlassen fühlen. Aber sonst nicht mehr viel vom Leben der anderen mitbekommen. „Return to Montauk" quälte den Wettbewerb der letzten Berlinale als beschauliches, träges Kino von gestern. Die an sich exzellenten Schauspieler Stellan Skarsgård, Nina Hoss und Susanne Wolff wirken wie unter Betäubungsmittel, wenn sie reihenweise leblose Sätze aufsagen. Alles erinnert an Linklaters „Before Sunset" in Paris, nur der ist ein bis zwei Generationen jünger, verspielter und weniger offensichtlich. Wie Schlöndorffs Hauptfigur Max Zorn ist auch dieser Film gefangen in der Vergangenheit, in seiner Fixierung auf die eine Liebe nur öde. Die Selbstbezogenheit des alten Dichters verpasst sowohl das Leid der Ex wie das Leben der jetzigen Partnerin. Nicht nur für einen Schlöndorff sehr enttäuschend.

2.5.17

5 Frauen

BRD, Frankreich 2016 Regie: Olaf Kraemer mit Julia Dietze, Odine Johne, Anna König, Korinna Krauss, Kaya Marie Möller 100 Min. FSK: ab 12

Schon zur Begrüßung beim Frauen-Wochenende im französischen Landhaus gibt es ein paar Lebens-Plattitüden. Pilze im Abendessen machen dann die Bilder verschwommen und den Film nicht klarer. Das Trauma einer zurückliegenden Vergewaltigung führt dann dazu, dass zwei der Frauen im Rausch einen Einbrecher massakrieren. Für den Erhalt von Karrieren soll die Leiche verschwinden, was schwieriger wird, als ein Fremder auftaucht, der seinen Bruder sucht.

Der Thriller-Versuch „5 Frauen" ist der Kinofilm-Erstling von Olaf Kraemer, bei dem einem durchgehend der Aufwand weh tut, der für diese völlig uninteressante Nichtigkeit verschwendet wurde. Platter noch als die Handlung ist das Figuren-Ensemble und schlimmer als der küchenpsychologische Umgang mit einem furchtbaren Erlebnis sind nur die unerträglich dämlichen Dialoge dazu. Heftige Themen fallen hier einem dramaturgischen Splatter zum Opfer, effektheischende Szenen lassen wirklichen Stil vermissen, am Ende klingt alles in wohlgefälligen Urlaubsaufnahmen aus. Ein Film zum schnellen und unauffälligen Begraben.

Victoria - Männer & andere Missgeschicke

Frankreich 2016 Regie: Justine Triet mit Virginie Efira (Victoria Spick), Vincent Lacoste (Samuel Mallet), Melvil Poupaud 96 Min. FSK: ab 12

Nach Wochen der Einfalt und des offenen Rassismus bei den französischen Film-Importen können wir nun endlich etwas von der vielfältigen Qualität des Kinos im Nachbarland genießen: Das Porträt der Anwältin Victoria Spick (Virginie Efira) ist zwischen Drama, Komödie und Liebesfilm im Kleinen und Großen so komisch, das es schon wieder tragisch ist. Und umgekehrt. Victoria verteidigt einen Ex, der mitten auf einer Hochzeitsfeier seine Freundin niedergestochen haben soll. Ein anderer Ehemaliger veröffentlich eine enthüllende Analyse von ihr in seinem Blog, samt geheimster Details illegaler Honorierungen. Ein Junkie, den sie mal verteidigt hat, darf als Baby-Sitter für ihre beiden ziemlich vernachlässigten kleinen Töchter einziehen und erhält gleich die Pin ihrer Kreditkarte. Ein absurdes Gerichtsverfahren hat gar einen Dalmatiner und einen Affen als Zeugen.

Genau wie ihre Fälle verläuft auch das Leben der Victoria recht skurril. Die alleinerziehende Anwältin wirkt zwar entschlossen und erfolgreich, sie hat viel Sex mit vielen Männern, läuft aber tatsächlich nur mit in ihrem Leben. „Ich hatte keine zwei Sekunden innerer Ruhe", entschuldigt sie sich einmal. Bis zum Zusammenbruch und zum zeitweisen Entzug der Zulassung. Charakterisierend für die Situation könnt ihr gummi-ummanteltes Militär-Handy sein, das man auch als Flummi an die Wand werfen kann. Die reizvoll sprunghafte Montage spiegelt den rastlosen Lebenswandel wieder, das endlose Anzünden von Zigaretten gibt die Begleitmusik dazu. Victoria bespricht ihre Probleme im flotten Wechsel mit Klienten, Psychiatern und Liebhabern. Ihr „Sinn fürs Drama ist abnormal stark entwickelt", erkennt der verliebte Junkie-Babysitter treffend. Die Männer halten zwar in Sachen Komik mit, bleiben dabei aber nur lächerlich. Das ungewöhnliche Porträt, das in der Liebesgeschichte ein Happy End in petto hat, wird exzellent gespielt von Virginie Efira und Vincent Lacoste als stillem Liebhaber.

Sieben Minuten nach Mitternacht

USA, Spanien, Großbritannien 2016 (A Monster Calls) Regie: J.A. Bayona mit Lewis MacDougall, Felicity Jones, Sigourney Weaver, Liam Neeson, Geraldine Chaplin 109 Min. FSK: ab 12

Die sensationelle Verfilmung des Romans „A Monster Calls" von Patrick Ness ist in ihren Real- und Animationsteilen (trick-) technisch so sagenhaft wie „Transformers", nur dazu auch poetisch und gut, natürlich im mehrfachen Sinne: Die Mutter (Felicity Jones) des jungen Conor (Lewis MacDougall) ist unheilbar krank, er wird in der Schule gemobbt und verprügelt. Zudem droht die strenge Großmutter (Sigourney Weaver) damit, dass er bei ihr wohnen soll. Und dann verfolgt ihn noch, immer sieben Minuten nach Mitternacht, ein Alptraum, in dem ein riesiger Baum mit Armen, Beinen und feurigen Augen eine idyllische Landschaft mit kleiner Kapelle und Friedhof zerstört, bis die Erde vor Conor aufklafft. Als sich der Zustand von Conors Mutter verschlechtert, spricht der Gigant den Jungen direkt an: Drei Geschichten wird er ihm in drei Nächten erzählen, dann müsse der Junge seine eigene preisgeben.

Eingebettet in den Realfilm mit ungeheuer guten Darstellern sind Märchen in wunderbarer Animation, die als feiner, farbiger Schattenriss daherkommen. Mit ihrem trockenen, sehr gegenwärtigen Humor präsentieren sie eine Moral, die zum Erstaunen des trotzigen Conor gerade nicht märchenhaft einfach ist. Da ist die Stiefmutter plötzlich gar nicht böse und der Prinz tatsächlich ein Mörder, der als König allerdings ein Segen für sein Land war. Nichts ist, wie es scheint. Und: Menschen seien komplizierte Wesen, Wahrheit und Lüge liege bei ihnen in einem.

Mit gemischten Gefühlen kennt Conor sich aus: Traurig und wütend erduldet er viel, vertieft sich in die Welt seiner Zeichnungen, bis er mit Unterstützung seines Baum-Freundes den Ober-Bully in der Schule zusammenschlägt. Als sich andeutet, dass auch die Mutter das Monster gut kennt, eröffnen sich überraschende Perspektiven im spannenden Rätsel des Films. So lehrt das alte Wesen weit mehr, als dass es einfach verständlich ist, wenn sich der Junge nach all der miterlebten Qual auch den unausweichlichen Tod der Mutter bald herbeisehnt.

„Sieben Minuten nach Mitternacht" ist nicht nur in eher unaufgeregten Kinowochen ein absoluter Höhepunkt, ein kluges, mutiges, tief bewegendes und auch handwerklich herausragendes Meisterwerk des Gefühls-Kinos. Lewis MacDougall überzeugt in der Hauptrolle des zerrissenen Jungen Conor, zurückhaltend unterstützt von Felicity Jones und Sigourney Weaver. Im besonders empfehlenswerten Original erschüttert die tiefe Stimme Liam Neesons in der Rolle des Baums schon rein physikalisch. Die Animationen sind ein Augenschmaus, der überwiegende Realfilm verwöhnt mit tiefen Bildern und spannenden Perspektiven. Dass Regie, Kamera und Schnitt auf höchstem Niveau begeistern, überrascht eigentlich nicht. Denn Juan Antonio Bayona ist ein auch international sehr erfolgreicher spanischer Regisseur mit Tendenz zum Gruseligen. Für „The Impossible" schickte er 2012 Ewan McGregor und Naomi Watts als Elternpaar in die Tsunami-Katastrophen. Nun gelingt es ihm, in einem Jugend- und Fantasy-Film die schwierige Situation schwer kranker Eltern zu thematisieren und dabei nicht genehme Wahrheiten auszusprechen.