23.4.17

Happy Burnout

BRD 2017 Regie: André Erkau mit Wotan Wilke Möhring, Anke Engelke, Michael Wittenborn, Kostja Ullmann 102 Min. FSK: ab 6

Kleiner Flug übers Kuckucksnest

Der gewitzte Lebenskünstler Fussel (Wotan Wilke Möhring) vermeidet Arbeit und auch alle Auflagen seiner Hartz IV-Beraterin Frau Linde (Victoria Trauttmansdorff). Denn diese liebt den Alt-Punk, wie irgendwie jeder. Selbst die Leute, die er mit seinen kleinen Tricks geschickt reinlegt. Fussel hat immer eine (Lügen-) Geschichte und für alles einfache Lösungen parat. Bis eine interne Prüfung beim Arbeitsamt die jahrelange Vermeidungs-Strategie auffliegen lässt. In größter Panik vermittelt Frau Linde ihm ein Arbeitsunfähigkeits-Attest - Diagnose Burnout - samt Therapie in einer stationären Klinik. Dort mischt der linke Rebell den Laden erst einmal mit plattem Witz und viel Energie auf. Aber er wird hier schnell durchschaut und von der Leiterin zur Mitarbeit gezwungen. Fussel soll seine Fähigkeiten konstruktiv einsetzen.

Nun sehen wir mit dem zum Nachdenken kommenden Protagonisten auch die Geschichten der anderen Patienten: Wie der lebensmüde Sonnenbank-Verkäufer Günther (Michael Wittenborn) zu seinen Verbrennungen kam, wieso der cholerische Kinder-Entertainer Datty (Kostja Ullmann) nicht mehr zu den Kleinen darf, was die überforderte Mutter Merle (Julia Koschitz) so traurig macht und wieso der gestresste Immobilien-Verkäufer Anatol (Torben Liebrecht) nicht im Porsche sitzt. Aber Fussel hat noch immer keine Antwort auf die Frage, was er machen wolle, wenn er mal erwachsen sei. Mit ganz viel gutem Willen könnte man behaupten, das Filmchen sammelt ein paar Fragmente dessen, was in unserer Gesellschaft überfordert.

Regisseur André Erkau inszeniert zwischen seinen Kinofilmen „Winnetous Sohn" (2015), „Das Leben ist nichts für Feiglinge (2012) oder „Arschkalt" (2011) auch mal Tatorte und mehr als TV-Niveau hat das ausgebrannte Filmchen „Happy Burnout" leider nicht. Die übersichtliche Versuchsanordnung geht mit der Power eines gemäßigten Abendprogramms im Öftechtlichen TV ans Werk. Die solidaritäts-fördernde Prügelei in der Dorfkneipe, das Fußball-Spiel in der schützenden Bubble und die Solidaritäts-Aktionen am Ende sind vorhersehbar und irgendwie egal.

Trotz der übersichtlichen Probleme bleibt es unverständlich, was Fussel eigentlich bewegt. Sein Problem, sein Aufgeben und die Wandlung - alles nur angedeutet und behauptet. Wotan Wilke Möhring bemüht sich vergebens, etwas Punkiges in seinen Charakter zu legen, nur das Kostüm muss das richten und etwas Ska auf der Tonspur. Die anderen Rollen sind reizvoller, weil nicht so grell und laut. Vor allem Multitalent Anke Engelke beeindruckt komplexen als Leiterin der Station.

18.4.17

Queen of Katwe

USA 2016 Regie: Mira Nair mit Madina Nalwanga (Phiona Mutesi), David Oyelowo (Robert Katende), Lupita Nyong'o 124 Min. FSK: ab 0

Die „Queen of Katwe", die Königin von Katwe, ist die junge Phiona Mutesi aus Uganda, die aus armen Verhältnissen gegen alle Erwartungen zur Profi-Schachspielerin wurde. Bevor man von irgendeiner abgedroschenen Erfolgs-Geschichte gelangweilt sein kann, ist man mittendrin im Leben von Katwe. Das ist der Slum von Ugandas Hauptstadt Kinshasa. Wir sehen, wie Phionas Mutter morgens Wasser holen muss, die Kinder beim Händler Mais auf Kredit erbetteln, um den dann im Verkehrs-Chaos der Stadt zu verkaufen. Geld für eine Schule ist nicht da. Es ist Phionas kleiner, pfiffiger Bruder, der zuerst beim Jugendclub Fußball und dann Schach lernen will. Denn damit könne er als Slum-Bewohner die „Cityboys mit den Golduhren" ärgern, wie ihn der Pädagoge Robert Katende (David Oyelowo) ködert. Doch es ist Phiona, die dort erst eine Schale Getreidebrei erhält, wenn sie anfängt Schach zu lernen. Sie erweist sich als Naturtalent, noch bevor sie lesen kann, und überrascht mit großer Aggressivität in ihrem Spiel. Mit elf Jahren wird sie zum ersten Mal Jugendmeisterin von Uganda, mit fünfzehn wurde sie nationale Meisterin und 2010 nahm sie an der Schacholympiade im russischen Chanty-Mansijsk teil. Als Jugendliche unter lauter gut situierten Berufsspielern.

Wenn Phiona wieder mit einem Riesenpokal nach Katwe zurückkommt, kann die Familie den höchsten als Schüssel für einen einfachen Brei verwenden. Die Skepsis der alleinerziehenden und schwer arbeitenden Mutter angesichts dieses Weges bestätigt sich, als Phiona sich tatsächlich vom Leben in Katwe entfremdet, von Erfolg und besserem Leben träumt, während sie ihre Arbeit vernachlässigt. Immer wieder muss Robert Katende - eigentlich ein mit exzellentem Diplom ausgebildeter Ingenieur - den Wert von (Aus-) Bildung betonen, dank ihm und seiner Frau können Phiona und ihr Bruder zur Schule gehen. Es ist großartig und bewegend, wie Katende mit unendlicher Energie alle Hindernisse angeht, den Präsidenten des Schachbundes übertölpelt, der Kinder aus dem Slum nicht beim Turnier mitspielen lassen will, weil sie „Krankheiten bringen" würden.

Es ist herrlich, wie schon das Lernen des Spiels viel über das Leben in Katwe und Uganda erzählt: Die Figuren sind Präsidenten, Räuber, Grundbesitzer, aber ein kleines Mädchen mit feministischem Touch erzählt auch von der Möglichkeit, dass ein Kleiner am Ende groß werden kann. Die Taktik des Spiel wird vermischt mit Lebensweisheiten bis hin zu der traurigen und poetischen Episode eine verheerenden Überschwemmung im Slum, über die Phiona wiederum mit den Metaphern des Schachspiels berichtet.

So steckt mehr soziale Realität in „Queen of Katwe" als in all den Disney-Filmen, in denen fremde Zivilisationen kolonialistisch ausgebeutet werden, wie „Pacahontas", „Merida – Legende der Highlands" oder zuletzt das polynesische Mädchen „Vaiana". Dass dieses Biopic eines Schach-Wunderkinds aus den Slums von Kinshasa zwar ein Disney-Film ist, aber nie so aussieht, liegt vor allem Mira Nair, der großartigen indisch–stämmigen US–Regisseurin von Filmen wie „Monsoon Wedding" (2001), „Kama Sutra" (1995), „Mississippi Masala" (1991) und „Salaam Bombay!" (1988). „Queen of Katwe" basiert nun auf dem Buch „Das Mädchen, das barfuß Schach spielte" von Tim Crothers. Original-Schauplätze, Laiendarsteller aus dem Stadtviertel Katwe und der nicht synchronisierte englische Dialekt machen diesen tollen Film zu so viel mehr als noch einer „wahren" Erfolgsgeschichte. Die Hauptdarstellerin Madina Nalwanga begeistert ebenso wie der zurückhaltend agierende Star David Oyelowo („Der Butler", „Selma", „A United Kingdom").

Bleed for This

USA 2016 Regie: Ben Younger mit Miles Teller, Aaron Eckhart, Katey Sagal, Ciarán Hinds 117 Min. FSK: ab 12

Diese ungewöhnliche Boxer-Geschichte kommt mit Miles Teller („Whiplash", „War Dogs", „Fantastic Four") als Empfehlung, und gleich die erste Szene macht richtig Spaß: Wie der Vinny Pazienza (Teller) mit Tricks in letzter Minute das Gewichtslimit für seinen Leichtgewichts-Kampf schafft, taucht satt und stilvoll mitten in den Zeitkolorit der 80er-Jahre und das Milieu der italienisch-stämmigen Familie Pazienza ein. Unter der Leitung von Vater und Manager Angelo Pazienza (Ciarán Hinds) bringt Vinny der Sieg wegen Dehydrierung ins Krankenhaus. Mit neuem Trainer und gleich zwei Gewichtsklassen schwerer wird er dann Weltmeister und
bei einem Autounfall fast umgebracht. Der Schlag gegen denn Kopf brachte in Millimeter vor die Querschnittslähmung, doch der in seiner unbedarften, offenen Art sympathische junge Mann nimmt nach einer relativ kurzen Krise mit Gestell auf den Schultern, das seinen Nacken stützt, unter hohem Risiko wieder das Training auf.

Das hat nur fast die Fallhöhe von Eastwoods „Million Dollar Baby" ist aber sowohl im intensiven Spiel als auch in der atmosphärisch dichten Inszenierung bemerkenswert. Erstaunlich, wie Miles Teller, noch so präsent als sensibler Musikstudent aus „Whiplash", auch den rauen Boxer hinbekommt. Als Trainer Kevin Rooney beeindruckt Aaron Eckhart, als Vater und Manager ist Ciarán Hinds, gerade noch mit Ewan McGregor in der Jesus-Versuchung „40 Tage in der Wüste", zu sehen.

Alles unter Kontrolle! (2016)

Frankreich 2016 (Debarquement Immediat!) Regie: Philippe de Chauveron mit Ary Abittan, Medi Sadoun, Cyril Lecomte 91 Min. FSK: ab 12

Ziemlich miese Filme gibt es auch im europäischen Wunderland der Kinokultur - und deutsche Verleiher reißen sich geradezu um den gröbsten Komödien-Schrott: Nach „Monsieur Claude und seine Töchter" wird es nun in Sachen Immigration nun noch viel schlimmer.

Ein kleiner Gauner (Medi Sadoun) wird von der französischen Polizei erwischt und abgeschoben. Nach Afghanistan, weil der Algerier sich die Papiere eines Karzaoui geklaut hat. Einer der beiden Fremdenpolizisten, die ihn im Flieger nach Kabul transportieren ist José Fernandez (Ary Abittan) und hat mächtig Beziehungsprobleme. Schon die dafür verantwortliche Komödiensituation mit zwei halbnackten Stewardessen auf seinem Zimmer ist unmöglich. Sie macht klar, dass man bei dieser „Komödie" das Gehirn abschalten kann. Wie die Autoren es gemacht haben. Mühsam und umständlich werden also die beiden Figuren der zähen Buddy-Komödie in die Ausgangssituation gebracht. Die Notlandung des Fliegers in Malta nutzt Karzaoui zur Flucht.

Es ist vor allem eine Sauerei, die teilweise brutalen Methoden der Abschiebe–Flüge so lächerlich zu machen. Aber auch hier überhaupt nicht komisch, wenn es heißt: „Alles unter Kontrolle". Selbst wenn der unfreiwillige Fluggast probiert, sich mit dem Raumspray der Flugzeugtoilette umzubringen. Es sieht auch total witzig aus, wenn er mit einem großen Stück Seife geknebelt wird und nachher Seifenblasen ausatmet. Zwischendurch muss auch ein schwuler Stuart für diesen furchtbaren Humor herhalten. Selbst als der Polizist in Italien in die Rolle eines Flüchtlings gerät, lernt er dabei überhaupt nichts. Stattdessen gibt es noch mehr Verwechslungen und etwas Action. Eine filmische Unverschämtheit, für die alle Beteiligten in ein sehr humorloses arabisches Land ausgeflogen werden sollten.

The Founder

USA 2016 Regie: John Lee Hancock mit Michael Keaton, Laura Dern, John Carroll Lynch, Nick Offerman 115 Min. FSK: ab 0

Ray Kroc (Michael Keaton), ein nicht besonders erfolgreicher fahrender Händler in Sachen Milkshake-Mixer, macht Anfang der 1950er Jahre bei einem Kunden in San Bernardino die sensationelle Erfahrung, sein Essen an einem Drive In-Burger sofort in einer Tüte ausgehändigt zu bekommen. (Etwas, das auch heutzutage beim Fast Food des gleichen Namens nicht wirklich funktioniert.) Ray überredet die witzigen Original-Besitzer Mac (John Carroll Lynch) und Dick McDonald (Nick Offerman), ihr geniales Konzept, mit neuem ergonomischen Design der Küche, einen Burger in drei Minuten verkaufsfertig in die Tüte zu bekommen, per Franchise über die USA zu verbreiten. Der schnelle Erfolg dieser kulinarischen „Symphonie der Effizienz" unter den goldenen Bögen des Logos, welche „die neue amerikanische Kirche" symbolisieren sollen, bringt Ray Kroc anfangs nichts ein. Erst ein kluger Partner hat die bis heute einträchtige Idee, dass nur mit den Grundstücken der McDonalds-Läden richtig Geld zu machen ist.

Auch wenn der Film über den Welt-Erfolg der McDonalds-Kette lange braucht, um als ernüchternd zynische Entblößung des kalten Kapitalismus zu interessieren, bleibt das Qualitäts-Denken der letztlich ausgebooteten McDonalds-Brüder früh auf der Strecke. Sie finden es besser, ein gutes Restaurant zu haben, als fünfzig mittelmäßige, und lehnen die Werbung von Coca Cola resolut ab. Was wie eine belanglose Firmengeschichte unter Werbe-Verdacht beginnt, erschreckt mit dem zunehmend gnadenlosen und immer weniger sympathischen Ray, der sich gleichzeitig von seiner treuen Frau und den McDonalds-Brüdern trennt. Die können sich nicht wehren, weil Mac schwer nierenkrank ist, und schließlich wird ihnen sogar ihr Name abgenommen. Es bleibt ein Weltkonzern, eine typisch amerikanische Erfolgsgeschichte und eine Lüge als Grundlage von allem. Eine Lüge, die sich im Filmtitel widerspiegelt: The Founder - der Gründer. Denn der von Michael Keaton zumindest eindrucksvoll verkörperte Ray Kroc ist genauso wenig der Gründer von McDonalds wie das Zeugs aus seinen Läden als echte Nahrung durchgeht.

Conni & Co. 2 - Das Geheimnis des T-Rex

BRD 2017 Regie: Til Schweiger mit Emma Schweiger, Heino Ferch, Iris Berben, Ken Duken 96 Min. FSK: ab 0

Reden in Silber, Schweiger ist Schrott: Wenn Papa Schweiger schon wieder die Tochter inszeniert, muss man schmerzlich erkennen, dass es Schlimmeres gibt als allein die nuschelnde Action-Niete und Schweighöfer-Imitat Til. Die völlig untalentierte 14-jährige Emma Schweiger macht die einfältige, einfallslose Kindergeschichte „Conni & Co" auch im zweiten Aufguss zum Totalausfall.

Die kostenlose Sommerfrische von Conni (Emma Schweiger) und ihren Freunden in der freien Natur der Kanincheninsel vor den Toren von Neustadt ist bedroht: Der sehr dämliche Bürgermeister (Heino Ferch) will ein „Gigantotel" samt Autobahn-Anschluss auf der Insel bauen, weil er dafür vom Immobilien-Unternehmen eine Villa geschenkt bekommt. Da der fast arbeitslose Vater von Conni (Ken Duken) als Architekt den Auftrag erhält, gibt es Knatsch in der Familie. Aber vor allem tritt Connis Kinderbande in Aktion, um die Naturzerstörung zu verhindern. Hilfreich ist dabei der Fund eines riesigen Dinosaurier-Knochens (aus sichtbarer Pappmaché) auf der Insel.

Der Simpel-Konflikt „Erholung für alle" gegen „Enteignung für Immobilien-Spekulanten" ist als Grundidee ebenso dürftig wie das grob geschnitzte Ensemble. Lächerliche Figuren wie der korrupte und übertrieben unsympathische Bürgermeister oder die tussihafte Sekretärin müffeln mit der verbreiteten Autoritätshörigkeit stark nach frühen 60er Jahren. Selbst die wirtschaftlichen Probleme sind von gestern - niemand ist hier mit Hartz IV oder mit zwei Jobs arm. Ganz arm allerdings das Hauptziel dieser Schweiger-Filmreihe, die Integration der als Schauspielerin absolut unfähigen Tochter Emma, so was wie eine altmodische Arbeitsbeschaffungs-Maßnahme: Ausdrucksschwach in Gesicht und Stimme wird das überforderte Kind selbst von allen anderen jungen Darstellern an die Wand gespielt. Da ist Fremdschämen angesagt. Wie bei Kinderfilmchen überglücklicher Eltern, nur auf anderthalb Stunden ausgedehnt. Die Markt-Power von Produzent, Ko-Autor und Regisseur Schweiger zeigt sich in einer Seilschaft ernsthafter Schauspieler, die überzogene Figuren facettenreich und hölzern wie Kasperletheater hinlegen müssen. Das ganze Elend wird dann noch von einer schrecklichen Pop-Soße übergossen und fertig ist der Anti-Kinderfilm des Jahres.

14.4.17

CHiPs

USA 2017 Regie: Dax Shepard mit Dax Shepard, Michael Peña, Vincent D'Onofrio

Dieses Schrott-Recycling einer TV-Serie um zwei Motorrad-Polizisten in Kalifornien, die von 1977-83 produziert wurde, enttäuscht selbst geringste Erwartungen, die man mittlerweile angesichts der Wiederverwertungs-Manie Hollywoods hat: Das „Buddy-Paar" Jon Baker (Dax Shepard) und Frank „Ponch" Poncherello (Michael Peña) setzt sich zusammen aus einem Idioten, der nur wegen seiner weinerlich vorgetragenen Eheprobleme zu Polizei kommt, und einem erfolgreichen FBI-Agenten. Bei der California Highway Patrol (CHP) in Los Angeles soll Frank undercover eine Bankräuber-Bande enttarnen, die sich aus Polizisten zusammensetzt.

Bemerkenswert ist - neben der Tatsache, dass viel Motorrad gerast wird - die Penetranz mit der durchgenudelt wird, dass Frank Jon für schwul hält und gleichzeitig die Retour-Vorwürfe, er sei schwulenfeindlich, abweisen muss. Das fanden die Macher seltsamerweise wohl komisch und breiten diesen „Scherz" über das ganze Straßennetz Kaliforniens aus. Ach ja, noch so ein Knaller: Frank muss dauernd Pause machen, um zu masturbieren. Wie so oft kann nur der Schurke, diesmal gespielt von Vincent D'Onofrio, etwas interessieren. Sein Cop ist gnadenlos und korrupt, aber kümmert sich auch aufopferungsvoll um seinen drogenabhängigen Sohn. Der Auftritt einer der Darsteller aus der Original-Serie ruft nur in Erinnerung, wie wertvoll einfach anständige Unterhaltung sein kann. Denn im Remake vermag nicht mal die mäßige Action mit reichlich Motorrad-Stunts vom Popcorn-Fressen abzulenken.

Stille Reserven

BRD, Österreich, Schweiz 2016 Regie: Valentin Hitz mit Clemens Schick, Lena Lauzemis, Marion Mitterhammer, Simon Schwarz, Stipe Erceg, Daniel Olbrychski 96 Min. FSK: ab 12

In Zukunft ist selbst der Tod nicht mehr umsonst: Man muss ihn sich in einer extrem zerrissenen Gesellschaft leisten können. Deshalb floriert das Geschäft mit der Todesversicherung. Wer keine hat, wird in Plastikboxen in einem „permanent vegetativen Zustand" gehalten. Hirnströme, Organe oder auch die Gebärmutter für Leihmutterschaften zahlen dann die Schulden ab - siehe „Matrix". So kämpfen die Rebellen der unterprivilegierten Parallelwelt für das Recht auf den Tod. Gegen die paramilitärischen Einheiten des Versicherungskonzerns mit seinen Männern im dunklen Anzug.

Vincent Baumann (Clemens Schick) ist einer der Top-Agenten dieses Systems und genießt die besondere Aufmerksamkeit seiner Chefin Diana Dorn (Marion Mitterhammer). Doch als Baumann beim berühmten Wissenschaftler Wladimir Sokulow (Daniel Olbrychski) nicht zum Abschluss der Todesversicherung kommt, wird er degradiert. Sein Sicherungslevel sinkt, er kann sich nur noch in der proletarischen Unterstadt aufhalten, soll dort aber Kontakt mit Sokulows Tochter Lisa (Lena Lauzemis) aufnehmen, die mit den Rebellen zusammenarbeitet. Die Liebesgeschichte der beiden lässt Grenzen verschwimmen.

Regisseur und Autor Valentin Hitz inszenierte vor den futuristischen Kulissen eines gleichzeitig verfallenen und hochmodernen Wiens einen ästhetisch bemerkenswerten Polit-Science Fiction. Das Stichwort „Matrix" muss auch beim beeindruckend coolen Design des Films erwähnt werden. Unter den eiskalten Figuren in kühler Gestaltung sticht Clemens Schick mit einem geradezu unheimlich passenden Gesicht hervor. Die Grundidee des Films - visuell erschreckend umgesetzt - irritiert nachhaltig, auch weil sie die Sterbehilfe-Diskussion mit einer extremen Perspektive befeuert. Eine sowohl ästhetisch als auch inhaltlich äußerst bemerkenswerte Entdeckung des deutschsprachigen Films.

Ein Dorf sieht schwarz

Frankreich 2016 (Bienvenue à Marly-Gomont) Regie: Julien Rambaldi mit Marc Zinga, Aïssa Maïga, Bayron Lebli, Médina Diarra 94 Min. FSK: ab 0

Gleich zwei Integrations-Komödien belasten die deutsch-französische Kino-Freundschaft in dieser Woche schwer. Dabei muss man bei der „ernsthafteren" für das Gutgemeinte so viele platte Scherze ertragen, dass jede Toleranz aufhört: Als Seyolo Zantoko (Marc Zinga) 1975 in Frankreich sein Medizin-Studium abschließt, entscheidet er sich gegen einen wohldotierten Job im korrupten System des Kongo und übernimmt stattdessen eine verwaiste Praxis im kleinen Kaff Marly-Gomont nördlich von Paris an. Als Frau und Kinder nachreisen, erwarten sie die Champs Elysee, doch Marly-Gomont ist „schlimmer als im Kongo", zudem regnet es dauernd.

Die einheimische Bevölkerung, die ihre Intelligenz scheinbar durch konsequenten Inzest runtergewirtschaftet hat, begrüßt die neuen schwarzen Mitbewohner durch hemmungsloses Glotzen. Die kümmerliche Praxis von Dr. Zantoko bleibt leer, selbst Hochschwangere rennen vor ihm weg, Bauern schießen auf ihn. Auf einen studierten Menschen müssen diese Landeier mit ihrem unverständlichen Dialekt wie Mittelalter wirken. Ihr Gesundheitsstand ist mit eitrigem Ausschlag und faulen Zähnen dementsprechend. Die Kinder vom Doktor sprechen besser Französisch als die Dörfler. Auf der Leinwand wirkt das alles sehr übertrieben und mit Frau Zantoko (Aïssa Maïga) langweilen wir uns ungemein. Nur sie darf sich die Zeit mit teuren Anrufen nach Hause vertreiben.

So unglaubwürdig diese lahme, sehr vorhersehbare Klamotte wirkt, man muss es sich vielleicht als Psychogram der französischen Provinz vorstellen, die eifrig Marine Le Pen wählt. Denn es gibt auch für diesen unangenehmen Ausschlag des Kinos ein Authentizitäts-Siegel: 2006 landete der Rapper Kamini mit seinem Song „Marly Gomont" einen Internet-Hit. Er ist der kleine Sohn des Arztes, der schließlich 40 Jahre lang im Dorf praktizierte. Trotzdem bekam die rassistische Le Pen 2012 unglaubliche 30 Prozent der Stimmen. Daran wird auch ein Film nichts ändern, der nie das geistige Gatter schwarz-weißer Klischees verlässt. Die einfältigen Beschreibungen werden sowohl für die heftige Diskriminierung als auch für die plötzliche Akzeptierung der Fremden eingesetzt. Dabei lässt die harmlose, behäbig inszenierte Nichtigkeit vor allem den Biss vermissen, mit dem der Komoiker Kheiron seine ähnliche Jugendgeschichte „Nur wir drei gemeinsam" so ehrlich und sehenswert gestaltete.

11.4.17

Abgang mit Stil

USA 2017 (Going in Style) Regie: Zach Braff mit Morgan Freeman, Michael Caine, Alan Arkin, Matt Dillon 97 Min. FSK: ab 6

Senioren-Komödien haben Konjunktur und Rentner in prekären Lebenssituationen scheinen auch eine unrühmliche Erscheinung unserer Zeit zu sein. Doch schon 1974 hieß der sehr schöne und treffende Debütfilm des Filmemachers Bernhard Sinkel „Lina Braake oder Die Interessen der Bank können nicht die Interessen sein, die Lina Braake hat". Schauspieler und Regisseur Zach Braff zeigt in der Neuverfilmung der Gaunerkomödie „Die Rentnergang" (1979) von Martin Ritt, dass die Interessen der Bank nicht die Interessen von Morgan Freeman und Michael Caine sein können.

Freeman („Million Dollar Baby"), Caine („Gottes Werk und Teufels Beitrag", „Hannah und ihre Schwestern") und Alan Arkin („Little Miss Sunshine") spielen die alten Freunde Willie, Joe und Al, denen Banken und Globalisierung das Rentnerdasein vermiesen. Ihre in den USA üblichen Firmen-Pensionen werden mit der Verlagerung des Unternehmens nach Vietnam einfach einkassiert. Das ist ungefähr so, als würde man bei uns die Rentenalter ein paar Jahre hochschrauben. Da die Banken gleichzeitig die Kreditraten erhöhen, soll Joe in schon dreißig Tagen aus seinem Haus geworfen werden. Willie möchte seine Familie noch mal besuchen und braucht eine neue Niere. Aber auch dabei verschlechtert eine einfache Kranken-Versicherung seine Überlebens-Chance. Also haben sie nichts mehr zu verlieren und wollen auch mal ein Stück Kuchen abhaben vom Leben. Deshalb soll genau die Bank überfallen werden, die sie ausgenommen hat. Nun stellen sie sich schon beim einfachen Ladendiebstahl im kleinen Supermarkt unmöglich ungeschickt an und flüchten in Zeitlupe mit einem Elektro-Rollstuhl.

Soziale Bankräuber verbünden sich mit Sozial-Opfern von heute - ein schönes Märchen, das leider in diesem „Abgang mit Stil" stillos und lahm daher kommt. Weder Raubzug noch Film zeichnen sich durch Raffinesse aus. Regisseur Zach Braff ist nicht nur der sympathische Prügelknabe der Krankenhaus-Serie „Scrubs". Er hat sich mittlerweile mit den sehr schönen und weisen Filmen „Garden State" (2004) und „Wish I was here" (2014), die mitten im Leben stehen, einen Ruf erarbeitet. Gerade in dieser Hinsicht ist sein prominent besetztes neues Werk allerdings eine große Enttäuschung. All die kleinen zwischenmenschlichen Beziehungen von Willie, Joe und Al werden hier in der typischen künstlichen Oberflächlichkeit von Hollywood abgehandelt. So wie ja auch die drohende Armut der drei Senioren niemals bedrohlich wirkt.

Selbstverständlich spielen Freeman, der in den Niederlanden vor dem Film noch schnell Werbung für holländisches Bier macht, und Caine anständig. Vor allem Alan Arkin zeigt, dass er eigentlich längst in diese Liga gehört. Herrliche Kommentare zum „Bachelor"-Stumpfsinn im Fernsehen werden abgelöst von geriatrischen Scherzen, die nur den Biss „der Dritten" haben. Vor allem verglichen mit richtig flotten Senioren-Komödien wie Clint Eastwoods „Space Cowboys" (2000). Da ist Bingo im Seniorenheim oft aufregender und Shirley MacLaine im Kino nebenan die bessere Empfehlung. Tatsächlich ist es „die Pflicht einer Gesellschaft, für ihre Alten zu sorgen". Allerdings sollte sich eine Film-Gesellschaft auch besser um ihr älteres Publikum kümmern.

40 Tage in der Wüste

USA 2015 (Last Days in the Desert) Regie: Rodrigo García mit Ewan McGregor, Ciarán Hinds, Ayelet Zurer 99 Min. FSK: ab 12

Rodrigo García ist Sohn des Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Márquez, aber auch ernstzunehmender Regisseur und Drehbuchautor. Nach den Dramen „Albert Nobbs" sowie „Mütter und Töchter" führt er nun Ewan McGregor gegen sich selbst in Versuchung. Der Jedi-Ritter („Trainspotting", „Der Ghostwriter", „Amerikanisches Idyll") spielt Jesus in der Wüste auf Basis der Evangelien nach Matthäus und Lukas. Hinzugeschrieben wurde das ausgleichende Wirken Jesu bei einer Familie mit einem archaischen Konflikt zwischen Vater und Sohn, die unterschiedliche Vorstellungen vom richtigen Leben haben.

Der sehr ruhige und nicht nur zu Ostern sehenswerte Film packt durch exzellentes Spiel und weite Landschaften. Eindrucksvoll, wie McGregor auch nach dem „Trainspotting 2"-Kick in dieser ganz anders intensiven Rolle fesselt. Dieses ungewöhnliche Werk kann sich dank des britischen Charakterdarstellers erlauben, die bekannte Versuchung mit einer fein nuancierten Doppelrolle als eigentlich inneren Konflikt anzulegen. Besonders wirkungsvoll sind auch die Bilder der Anza-Borrego-Wüste in Südkalifornien von Kameramann Emmanuel Lubezki („Knight of Cups", „The Revenant", „Gravity"), die etwas von Terrence Malicks Filmen atmen.

The Birth of a Nation

The Birth of a Nation

USA 2016 Regie: Nate Parker mit Nate Parker, Armie Hammer, Mark Boone jr. 120 Min. FSK: ab 16

Der erst umjubelte und dann wegen einem persönlichen Vorwurf gegen Regisseur und Hauptdarsteller Nate Parker diskreditierte Film erzählt die wahre Geschichte von Nat Turner (Parker): Als junger Sklave bekommt er im Süden der Vereinigten Staaten die Gelegenheit, lesen zu lernen, auch wenn die so gutherzige „Misses" ihn nur als gottgegebene Ausnahme der gottgegebenen Ordnung sieht. Später muss Nat zwar wieder auf dem Feld arbeiten, bleibt aber mit der Bibel in der Hand Prediger der Sklaven-Gemeinde. Er führt unter einem klugen, menschlichen Besitzer ein relativ gutes Leben, darf seine große Liebe heiraten. Doch jederzeit kann ihn dumpfer und brutaler Rassismus anspringen. Die Methoden, die Nate auf einer Predigtreise erleben muss, sind schon beim Zusehen unerträglich. Eingesetzt, um aufkeimende Unruhe mit Gottes Wort von Unterwerfung und Demut zu unterdrücken, predigt er angesichts dieser Erfahrung immer revolutionärere Aspekte der Bibel. Schließlich beginnt er mit anderen Sklaven 1831 einen 48-stündigen Aufstand.

Ganz bewusst stellt Nate Parker seinen Film dem gleichnamigen Klassiker von D.W. Griffith („Die Geburt einer Nation") aus dem Jahre 1915 gegenüber. Zwar wegen seiner modernen Filmtechniken berühmt, wurde darin extrem rassistisch der Ku-Klux-Klan als Macht des Guten gezeichnet. „The Birth of a Nation" aus 2016 wird als neue filmische Perspektive auf die Sklaverei verkauft. Aber auch wenn es mit dem schwarzen Regisseur, Autor und Hauptdarsteller es eine Art Siegel der Authentizität gibt, macht dies den Film nicht automatisch zu einem exzellenten. „12 Years a Slave" von Steve McQueen, „Amistad" von Steven Spielberg, „Glory" von Edward Zwick und sogar „Django Unchained" von Tarantino sind eindrucksvollere Filme.

Der eigentliche blutige Aufstand nimmt nur das letzte Viertel ein, der Fokus liegt auf der Geschichte von Nat Turner. Als guter Mainstream ist der Film in den Grausamkeiten zurückhaltend, flieht für die Folgen einer brutalen Vergewaltigung zu einem symbolischen Bild, um in den Szenen des letztendlichen Scheiterns zu Nina Simones „Strange Fruit" am ergreifendsten zu sein. Ein „match cut" legt am Ende über Jahrzehnte die Verbindung zu den schwarzen Truppen im Bürgerkrieg, zu einem ersten Schritt der Befreiung.

Verleugnung

Großbritannien, USA 2016 Regie: Mick Jackson mit Rachel Weisz, Tom Wilkinson, Timothy Spall, Andrew Scott 111 Min. FSK: ab 12

Wie begegnet man den ignoranten und verlogenen Argumenten von neuen und alten Rechten? Wie den Lügen von Holocaust-Leugnern? Diese leider immer wieder notwendige Frage stellte sich in vielen Prozessen gegen den selbst ernannten Historiker David Irving, der mittlerweile in mehreren Ländern wegen seiner Aussagen mehrfach verurteilt und mit Einreiseverboten belegt wurde. Nach dem persönlichen Erfahrungsbericht der us-amerikanischen Wissenschaftlerin Deborah Lipstadt („Betrifft: Leugnen des Holocaust") und dem Drehbuch des hervorragenden David Hare („Die Verschwörung", „Der Vorleser", „Verhängnis) rollt „Verleugnung" einen dieser Prozesse auf. Ganz banal klagte David Irving vor einem Londoner Gericht dagegen, in einem Nebensatz eines Buches von Lipstadt als rassistischer Holocaust-Leugner bezeichnet zu werden. Deborah Lipstadt (Rachel Weisz), die sich eigentlich weigert, mit Menschen zu diskutieren, die behaupten „Elvis lebt oder die den Holocaust leugnen", geht als Jüdin und „Verteidigerin ihres Volkes" nicht den üblichen Weg des Vergleichs. Allerdings muss sie nach britischem Recht die Wahrheit ihrer Aussage beweisen.

An ihrer Seite steht nicht nur der renommierte Anwalt, der einst Dianas Scheidung übernommen hatte, sondern ein gewaltiger Apparat an Juristen und Historikern. Doch das größte Problem für die kämpferische Lipstadt ist, dass sie selbst nicht aussagen soll. So wird aus „Verleugnung" kein routinierter Gerichts-Film - glücklicherweise und leider. Die komplexe Materie eines Rechtsstreits um Verleugnung mit einem recht speziellen britischen Rechtssystem macht es nicht einfach, zu verfolgen, worum es hier eigentlich geht. Gerade die im Verfahren angewendete Rücksicht auf Holocaust-Überlebende, die nicht aussagen sollen, weil der rhetorisch geschickte und völlig ohne Mitgefühl agierende Irving sie öffentlich erniedrigen würde, nimmt dem Film die Stärke direkter Zeugenschaft. Genau wie „Spotlight", der großartige Film über Kindes-Vergewaltigungen in der katholischen Kirche von Boston, sich ehrlich dem Rhythmus ernsthafter journalistischer Recherche anpasste, verweigert sich auch „Verleugnung" dem verkürzenden Schema eines Holocaust-Gerichtsfilms. Und bedient sich nicht „einfach" der Konfrontation von Tätern mit den erschütternden Aussagen der Zeugen wie in „Der Vorleser", „Music Box" oder „Im Labyrinth des Schweigens".

Zu den prägnanten Figuren des Films gehört neben Rachel Weisz und Tom Wilkinson als ruppiger Verteidiger auch der David Irving von Timothy Spall: Es ist eine unheimliche Gestalt mit schleimiger Freundlichkeit, die nicht nur im Verfahren schwer erträgliche Ausführungen mit raffinierten Tricks zu griffigen Schlagzeilen umzuwandeln weiß. Ihm gegenüber steht die Figur Tom Wilkinsons mit seiner schockierenden Art, in Auschwitz nüchterne Fragen zu stellen. So wird der wenig triumphale Erfolg für Lipstadt zum „Akt der Selbstverleugnung", er macht aber auch klar, das bei aller Freiheit der Meinungsäußerung es kein Recht auf „alternative Fakten" oder Lügen gibt.

Gold (2016)

USA 2016 Regie: Stephen Gaghan mit Matthew McConaughey, Edgar Ramirez, Bryce Dallas Howard 121 Min.

„Gold" erzählt von noch so einer „Blase", welche die Börse aufmischt, vermengt mit etwas Abenteuer und Exotik. Es ist die Gold-Suche von Kenny Wells (Matthew McConaughey), einem dicken, trinksüchtigen Bergbau-Ingenieur mit Halbglatze, der bereits die Firma seines Vaters in den Bankrott trieb und in den 80er-Jahren in Indonesien eine neue Chance wittert. Zusammen mit dem einst berühmten Kollegen Mike Acosta (Edgar Ramirez) soll eine Gold-Mine im Dschungel ausgebeutet werden. Die Investoren und die Börsen spielen verrückt, doch dann geht es gründlich schief. Nach einer Weile holpriger Entwicklungsgeschichte folgt ein angedeuteter Polit-Thriller um praktische Beziehungen des ehemaligen US-Präsidenten Gerald Ford zum indonesischen Diktator Suharto.

Matthew McConaughey leistet sich auch für diese Rolle wieder eine bemerkenswerte körperliche Deformation und beeindruckt mit Mut zur Hässlichkeit. Das unterstützt einen halbwegs interessanten Charakter in einer mäßig spannenden Geschichte, die nur in ganz wenigen Aspekten über sich selbst hinaus verweist. Im Gegensatz zu den Figuren von „The Wolf of Wall Street", zu denen auch Matthew McConaughey eine beisteuerte, hat dieser naive, saufende Gold-Sucher außer verblassendem Charme nichts Fesselndes.

Zu guter Letzt

USA 2017 (The Last Word) Regie: Mark Pellington mit Shirley MacLaine, Amanda Seyfried, Anne Heche 108 Min. FSK: ab 0

Die letzten Worte zur großen Karriere der außergewöhnlichen Shirley MacLaine, die am 24. April ihren 83. Geburtstag feiern wird, sind noch nicht geschrieben. Doch man kann den Entwürfen nun einen weiteren bemerkenswerten Film hinzufügen, bei dem ihr ein ganz besonderer Nachruf geschrieben wird.

Ihre Figur Harriet Lauler ist eine reiche und sehr anstrengende Perfektionistin, die selbst der Haushalthilfe das Messer und dem Gärtner die Heckenschere aus der Hand nimmt. Der Controll-Freak Harriet ist dabei einsam und unglücklich. So unglücklich, dass sie mit Schlaftabletten ihren eigenen Abgang gestaltet. Doch sie wird gerettet - zum Glück. Denn sie hat vergessen, sich um den eigenen Nachruf zu kümmern, merkt sie bei der Zeitungslektüre. So mischt sie mit ihrer unnachahmlich herrischen Art die lokale Zeitung auf, schmeißt den Chefredakteur aus seinem Büro und engagiert für sich privat die äußerst talentierte, junge Nachrufschreiberin Anne (Amanda Seyfried). Denn „seinen Nachruf dem Zufall überlassen, ist äußerst unvernünftig!"

Selbstverständlich schlägt die Paarung aus energisch durchsetzungsfähiger Zicke und milder, aber eigenwilliger Nachwuchs-Schreiberin zuverlässig Funken. Doch vor allem wird schnell klar, dass niemand, aber wirklich niemand von ihrer perfekten Liste ein gutes (letztes) Wort über Harriet sagen will. Nur der geschiedene Mann erinnert sich an Schönes, dafür hat die Tochter (Anne Heche) seit Jahrzehnten keinen Kontakt mehr. So muss sich das Biest für den Nachruf zu guter Letzt doch noch ändern. Als spezielle Zutat dieser Textform muss auch eine persönliche Wohltat her. Beim Besuch des Heimes für „Mädchen mit Risiko-Hintergrund" zeigt sich in Harriets Ansprache über ein Leben, das ohne Risikos kein richtiges sei, was in dieser erfolgreichen Frau aus weniger emanzipierten Zeiten alles steckt.

Dass auch die Ghost-Writerin Anne etwas weniger offensichtlich aber unvermeidlich in einer Sackgasse steckt und dass sich Harriet ein sehr cleveres, 9-jähriges schwarzes Mädchen aus Protegé herauspickt, macht aus „Zu guter Letzt" einen klugen Film über drei Frauen und ihre abwesenden Mütter. Das ist unweigerlich beizeiten gefühlvoll, macht aber vor allem Spaß, wenn Harriet mit ihrer Plattensammlung zum Hit beim Independent-Radio wird, wenn wieder mal das Funkeln in den Augen von Shirley MacLaine aufblitzt.

Mit großem zeitlichen Abstand zeigt der Regisseur, Produzent und Drehbuch-Autor Mark Pellington Bemerkenswertes im Kino: Den Thriller „Arlington Road" mit Jeff Bridges und Tim Robbins 1999, den mitreißenden Mystery-Film „The mothman prophecies" mit Darsteller: Richard Gere und Laura Linney 2002. Nun lässt ehrt er die MacLaine („Madame Sousatzka" 1988, „Das Mädchen Irma la Douce" 1963, „Das Appartement" 1960), lässt aber auch der heutzutage bekannteren Amanda Seyfried („Mamma Mia!") Raum. Die Fotografie (Kamera: Eric Koretz) erlaubt sich den Look von Beiläufigkeit, hat was von Werbebildern, aber nicht von der glatten Sorte. Die wunderbar spritzigen und klugen Dialoge leiden allerdings unter furchtbaren Synchronstimmen und Grobheiten wie der Deppen-Eindeutschung „am Ende des Tages". Trotzdem überlebt der schöne Sinnspruch Harriets: „Man macht keine Fehler - Fehler machen einen" ... stärker und furchtloser.

4.4.17

Die Hütte - Ein Wochenende mit Gott

USA 2017 (The Shack) Regie: Stuart Hazeldine mit Sam Worthington, Octavia Spencer, Tim McGraw, Radha Mitchell, Graham Greene 132 Min.

Dieses erstaunlich gut besetzte christliche Erbauungsstück instrumentalisiert die Ermordung eines Kindes, um eine simple Theodizee mit märchenhafter Auflösung auf die Leinwand zu bringen. Mack Phillips (Sam Worthington) wurde als Kind brutal geschlagen, schafft es aber, eine glücklich wirkende Familie zu gründen. Bis seine kleinste Tochter im Urlaub ermordet wird. Mack fällt später tatsächlich auf den Kopf, um uns in einer Rückblende davon zu erzählen. Zudem bekommt er in seiner Trauer plötzlich einen Brief von Gott, der ihn „vermisst". Als er zum Ort des Mordes zurückkehrt, wartet dort eine heilige Familie auf ihn: Octavia Spencer ist Gott und sie meint, sie hätte immer ein besonderes Auge auf Mack gehabt. Jesus könnte Unterhosen-Werbung machen, zimmert aber gerne herum, und Sumire Matsubara stellt einen mandeläugigen Heiligen Geist dar. Wie mit guten Nachbarn wird nun gegessen und endlos geschwätzt. Die unerschütterlich grinsenden Gestalten vermitteln: Alles wird gut. Dramaturgisch läuft dies nach William Paul Youngs gleichnamigem Roman übersichtlich wie die Laienproduktion einer Kirchgruppe ab, obwohl all die überzogenen Momente des Bilderbuch-Kitsches nur mit religiös verbrämten Hollywood-Millionen möglich sind. Das größte Rätsel der Schöpfung lautet nun: Wer braucht so was?

Tiger Girl

BRD 2016 Regie: Jakob Lass mit Ella Rumpf, Maria Dragus, Enno Trebs, Orce Feldschau 91 Min. FSK: ab 16

Nein, ein Vorbild ist dieses prügelnde Girlie vom Sicherheitsdienst nicht! Aber hey, war Alex aus „Uhrwerk Orange" ein netter Kerl? Trotzdem - oder gerade deshalb - hat sich „Hier kommt Alex" als Kult-Ikone ins Hirn eingebrannt. Tiger Girl und noch mehr ihre Haudrauf-Kumpanin Vanilla haben das gleiche Potential, weil Regisseur Jakob Lass („Love Steaks", 2013) in seinem Hochschul-Abschlussfilm als deutscher Harmony Korine („Spring Breakers") seine starken Frauen-Figuren völlig unmoralisch und psychologisch kaum fassbar kräftig ins Leben treten lässt. So war „Tiger Girl" schon bei der Berlinale ein aufsehenerregendes Filmereignis.

Bei der Polizeiprüfung wird die nette Maggie (Maria Dragus) beim peinlich verpatzten Sprung übers Pferd zum „Opfer". Die alternative Ausbildung bei einem privaten Sicherheitsdienst unter lauter Voll- und Milchbärten ist für die unbedarfte Blondine ein Spaß, bis sie sich wehren muss. Und auch nachher auf der Straße kann sie weder dem übergriffigen Schönling Theo von der Polizeiprüfung noch den aggressiven Typen in der einsamen U-Bahn Grenzen aufzeigen. Im Gegensatz zu Tiger (Ella Rumpf): Die knallharte junge Frau rettet Maggie erst aus den Fängen des Jung-Bullen und schlägt sich danach heftig mit den mutmaßlichen Vergewaltigern.

Klar, das unbedarfte Reh Maggie und die schlagfertige Tiger, die von kleinen Gaunereien lebt und Leute „abzieht, die es verdient haben", sind extreme Gegensätze, aber ziehen sich mächtig an. Mit Maggies Sicherheitsdienst-Uniform sowie noch einer geklauten für Tiger machen sie die Nächte unsicher. Sie werden immer mutiger, lassen Männer bei der Leibesvisitation strippen, machen in einer Kunstgalerie mit Swarovski-Gasmasken Punk.

„Du bist nicht nett, du bist höflich. Höflichkeit ist auch eine Form von Gewalt - gegen sich selbst!" Dieser kluge Satz von Tiger würde noch in einen energischen, aber pädagogisch wertvollen Film passen. Aber Vanilla, wie Tiger die verwandelte Maggie tauft, findet richtig viel Spaß an der gewaltigen Macht. Ausgerechnet irgendein dahergelaufener „Müsli", den Vanilla auf der Straße mit ein paar Kumpels zusammenschlagen will, trifft die Sache wie die Faust aufs Auge: „Du hast zu oft eins in die Fresse bekommen und teilst nun willkürlich aus." Die hochmoderne Köpenickiade mit viel Lust an Anarchie, Wut und Zerstörung gerät plötzlich erschreckend und die Außenseiterin Tiger erweist sich als moralisch gefestigte Instanz. Und die Bieder-Frau Maggie kann man sich plötzlich als Frontfrau rechter Schlägertrupps von SA bis AfD vorstellen.

Die meist improvisierten Szenen von Jakob Lass liefern unter anderem einen klasse, fast gerappten Entwurf eines scheiternden Lebens. Schauspielerisch hat Ella Rumpf als Tiger den besseren und auch sympathischen Part, um Eindruck zu machen, und sie nutzt die Chance großartig. Allerdings ist diese Figur auch komplexer, lässt sie sich doch selbst von zwei ach so alternativen und linken Typen böse ausnutzen. Das Ergebnis ist so anarchisch wie einst die großartige Comic-Verfilmung „Tank Girl". Eine sprunghaft wilde Kamera und das gute Spiel halten die überschaubare Anordnung interessant. Bemerkens- und in vielfacher Hinsicht diskussionswert.

Free Fire

Großbritannien, Frankreich, 2016 Regie: Ben Wheatley mit Cillian Murphy, Brie Larson, Armie Hammer, Sharlto Copley 90 Min. FSK: ab 16

Feuer frei! Jeder darf mal, jeder hat 1000 Freischüsse bei diesem Feuerwerk mit Feuerwaffen. Der bemerkenswerte britische Regisseur Ben Wheatley variiert seinen mal makaber- („Sightseers", 2012), mal historisch- („A Field in England", 2013) oder auch mal politisch-schwarzen Humor („High-Rise", 2015) diesmal blutig in Richtung Tarantino. Dabei legt er immer sehr sehenswerte Bilder hin - selbst wenn nicht alle immer hinschauen wollen. „Free Fire" zeigt nun, was passiert, wenn man Wheatley ein paar Kisten Schnellfeuerwaffen, eine Handvoll Gangster und eine heruntergekommene Fabrikhalle zur Verfügung stellt.

1978 wollen sich zwei Iren in Boston Waffennachschub für den Bürgerkrieg besorgen. Im großen Stil! So treffen sich Chris (Cillian Murphy) und Frank (Michael Smiley) mit ihren geistig wesentlich minderbemittelten Helfern Bernie (Enzo Cilenti) und Stevo (Sam Riley) in einer riesigen Lagerhalle voller Dreck und Schrott. Die Waffenhändler, der überkandidelte Vernon (Sharlto Copley) und der gefährlich zurückhaltende Martin (Babou Ceesay), wirken ebenso wenig vertrauenserweckend. So ist es gut, dass die Zwischenhändler Ord (Armie Hammer) und Justine (Brie Larson) vermittelnd eingreifen. Denn nach einigen unfreundlichen verbalen Schlagabtauschen zur Begrüßung zeigt sich, dass in den Kisten nicht die bestellten Maschinengewehre sind. Ein Fehler, der unter Hochspannung noch gerade so aufgefangen wird. Dass jedoch ausgerechnet der angeschlagene und mürrische Stevo in der letzten Nacht die Nichte eines Gehilfen der Gegenseite misshandelt haben soll, ist der Funke für das Pulverfass: Ein Waffenarsenal und kistenweise Munition sorgen dafür, dass am Ende des Films kein Mann mehr steht und dass man durch Dauerfeuer bestens unterhalten wird.

Zwar wird über 60 Minuten nur an einem Ort mit (fast) festem Personal rumgeballert, doch dass dies nie langweilig wird, liegt an den markanten Figuren, ihren teilweise schrillen Ausstattungen und den unerlässlich coolen Sprüchen. Waffenhändler Vernon, der aussieht wie aus dem Katalog für billige Anzüge gefallen, pflegt einen seltsamen Dialekt, fast so unverständlich, wie Brat Pitt in Guy Ritchies „Snatch". Die Typen-Sammlung teilt sich auf in Alberne und Coole, doch Blei austeilen und einstecken müssen sie schließlich alle. Wahrscheinlich recht realistisch kriecht und humpelt am Ende alles nur noch, die meisten Waffen geben vorher mit Ladehemmung auf. Also genug Zeit für Regisseur Ben Wheatley, raffinierte Situationen auszuspielen, alles mit ein paar Nasen voller Drogen aufzublasen und den Action-Affen gekonnt Zucker zu geben.

Das hat tatsächlich nicht mehr Gehalt als eine lange „Tom & Jerry"-Folge, gesponsert von der Amerikanischen Waffenvereinigung. Während Wheatley sich in Sachen Splatter zurückhält (bis auf einen Kopfplatzer zu John Denver-Klängen), zeigt er in der inhaltlichen Nichtigkeit sein volles Können: Die Location der alten Fabrikhalle ist ein reizvoller Augenschmaus, jede Kugel bekommt ihr eigenes, feines Sounddesign. Und es macht wider alle Erwartungen einfach sehr viel Spaß, die Zeit mit den Kugeln dahinfliegen zu sehen.

3.4.17

Es war einmal in Deutschland

BRD, Luxemburg, Belgien 2017 Regie: Sam Garbarski mit Moritz Bleibtreu, Antje Traue, Mark Ivanir, Hans Löw, Tim Seyfi 102 Min. FSK: ab 12

Nach dem falsche Inder in „Vijay und ich" spielt Moritz Bleibtreu erneut in einem Film von Sam Garbarski. Der Regisseur begeisterte 2007 mit „Irina Palm" und läuft seitdem diesem Erfolg immer hinterher. Nun erzählt seine Tragikomödie „Es war einmal in Deutschland..." von der „Die Rache der Juden" im Frankfurt des Jahres 1946: Ein Moment der Geschichte, aber auch ein Märchen wie der Filmtitel suggeriert, in dem die überlebenden Juden in speziellen Camps der US-Armee auf wirtschaftliche Weise zu überleben suchten. Bis sie endlich in die USA auszuwandern konnten. Geschäftlich besonders geschickt macht das der Kaufmanns-Sohn David (Moritz Bleibtreu), der den Deutschen mal über Mitleidsmasche und mal mit bitter vorgespieltem Antisemitismus überteuerte „Aussteuerpakete" mit weißer Wäsche verkauft. David und seine Kumpels sind die „Inglourious Basterds" der Wäschekammer mit ihren kleinen fiesen Tricks, mit denen sie alten und unbelehrbaren Nazis ihre Ware andrehen.

Aber ausgerechnet David erhält die Geschäfts-Lizenz nicht, die doch eigentlich jeder Jude bekommt. Denn er soll mit der SS zusammengearbeitet haben, was zu einer Reihe von Verhören bei der attraktiven US-amerikanischen Army-Juristin und einer Geschichte in mehreren Kapiteln führt. David erzählt nun zwischen Flirt und Wut, wie er als genialer (Witze-) Erzähler vom Lagerleiter beschützt und nach einer reihe absurder und schwarzhumoriger Szenen sogar ausgewählt wurde, Hitler einen Witz beizubringen.

Wieder und leider spielt Bleibtreu alle an die Wand, die Schicksale der Schicksalsgenossen sollen ganz kurz die Grauen des Holocaust anreißen, bleiben aber Randnotizen in einer netten Komödie mit Tiefgang, aus der man mehr hätte machen können.

Nichts zu verschenken

Frankreich 2016 (Radin) Regie: Fred Cavayé mit Dany Boon, Laurence Arné, Patrick Ridremont, Noémie Schmidt 91 Min.

Nicht mal geschenkt will man so einen müden Scherz haben, den Allzweck-Komiker Dany Boon in der neuen französischen Klamotte nach uralten Vorbildern über anderthalb Stunden streckt.

Scherzkeks Dany Boon („Willkommen bei den Sch'tis", „Der Superhypochonder") spielt diesmal den Pfennigfuchser, Knauserer und Geizhals François Gautier. Der Violinist rationiert Strom, Wasser, Licht und vor allem Geld. Zuhause dreht er die Glühbirnen raus und nutzt eine Straßenlaterne vor dem Fenster. Abgelaufene Lebensmittel stellen für ihn eine Herausforderung dar. Die Kollegen meiden den Musiker, weil er sich vor den üblichen Geburtstags- und Abschieds-Geschenken drückt. Andererseits nimmt er auch gerne etwas mit, die geliehenen Kulis oder den Helm nach der gratis Heimfahrt auf dem Roller eines anderen Musikers, selbst Klopapier ist vor ihm nicht sicher.

Nach kurzer Zeit nerven Spar-Neurotiker und Film gleichermaßen. Aber das Schicksal gibt François immer wieder Chancen, sein miserables Image aufzupeppen. Etwa mit der Tochter Laura (Noémie Schmidt), von der er bislang nichts wusste und die ein wahrer Sonnenschein ist. Sie ist die Folge eines abgelaufenen Kondoms, das er mit einer reizvollen Harfenistin vor 16 Jahren benutzte. Laura mietet sich - gegen Bezahlung! - beim frisch gebackenen Vater ein, duscht zu lange und treibt den Sparfuchs auch auf andere Arten in den Wahnsinn. Zusätzlich verliebt er sich in die Cellistin Valérie (Laurence Arné) und als die für ihn kostenlose Creperie der Eltern seines Geigen-Schülers wegen Lebensmittels-Allergien ausfällt, wird der Meeresfrüchte-Spezialladen zum extrem teuren Horror.

Ein paar vor allem billige Scherze, überzogene Mimik, hemmungsloser Klamauk auf Kosten einer müden Grundidee. Nur wer Dany Boon grundsätzlich als komisch ansieht, wird selbst bei dieser Humor-Mumie noch was zu lachen haben. Der vormalige Action-Regisseur Fred Cavayé kippt am Ende auch noch eine Portion Rührseligkeit über die ganze Peinlichkeit. „Nichts zu verschenken" ist wie „Ein Mann namens Ove" nur auf - nicht um! - 10 Prozent runtergespart - bei Scherzen, Charakteren und Ideen. Vor allem die Figuren wirken, als ob man sie gründlich entstauben und mit Elektroschocks wiederbeleben müsste. Jemand erinnerte dieser Klamauk an Louis de Funes, aber das ist wirklich übertrieben: Dessen Modernität, Geschwindigkeit und Einfallsreichtum erreicht diese Spar-Version eines Schmerzes niemals.

29.3.17

Ghost in the Shell (2017)

USA 2017 Regie: Rupert Sanders mit Scarlett Johansson, Takeshi Kitano, Michael Pitt, Juliette Binoche 107 Min. FSK: ab 16

Den zahllosen Fans des epochalen Animes „Ghost in the Shell" von Mamoru Oshii („The Sky Crawlers") aus dem Jahre 1995 braucht man nicht zu erzählen, wie richtungweisend dieser Zeichentrick-Science Fiction nach einem Manga von Masamune Shirow ist. Nicht nur für die Gattung, sondern auch für die Philosophie der Künstlichen Intelligenz. Die Cyberpunk-Saga zählt zu den weltweit bekanntesten Sci-Fi-Reihen. Der Original-Manga, der zwischen 1989 und 1997 in Japan erschien, hat unter anderem mehrere Anime-Kinofilme und Anime-Serien inspiriert. Avancierte Tricktechnik ermöglichte nun ein Realfilm-Remake des Klassikers. Doch der Versuch, den Geist des Manga in menschliche Körper zu verpflanzen, scheitert auf ganzer Linie. Heftige Abstoß-Reaktionen zeigen sich gerade da, wo zu viel Charakter ins Aktieren gelegt wird.

Das seltsam Uninspirierte dieser Neu-Verfilmung beginnt schon beim chronologischen Erzählen: Am Anfang steht die Schöpfung von Major (Scarlett Johansson) aus dem Gehirn einer verunglückten Frau und einem komplett künstlichen Körper. Eine Sensation, selbst in einer Zeit, in der Cyber-Upgrades für die Menschen erstrebenswertes Luxusgut sind. Nun wird sie als Waffe für eine staatliche Kampftruppe eingesetzt, wobei der Hightec-Konzern Hanka, der Major schuf, im Hintergrund weiter die Strippen zieht. Als führende Wissenschaftler von Hanka ermordet und zuvor ihre Gehirne gehackt werden, sucht Major den Verantwortlichen. Gleichzeitig hofft sie hinter das Geheimnis der Trugbilder zu kommen, die sie immer wieder irritieren.

Das Visionäre der Vorlage von Masamune Shirow zeigt sich auch darin, dass sich das populäre Bild von Künstlicher Intelligenz in den letzten zwei Jahrzehnten nicht großartig weiter entwickelt hat. Die Technik des Films hat jedoch in dieser Zeit Quantensprünge gemacht, was im Falle dieses aufwändigen „Upgrades" nur Äußerlichkeiten statt neuer Visionen bietet.

Scarlett Johansson („Lost in Translation", „Lucy") ist von Anfang an mehr Mensch als Maschine, trotz ihres betont maskulinen, eckigen Gangs. Der französische Akzent einer überdramatischen Juliette Binoche („Die Wolken von Sils Maria") irritiert sehr. Stars funktionieren hier als Stars und schaden der Geschichte. Mit Ausnahme von Japans Superstar Takeshi Kitano („Outrage Beyond"), der als Chef der Eingreiftruppe ultracool mit altmodischem Colt und trockenen Sprüchen begeistert. Hier zeigt sich, dass Reduktion und Konzentration bei Figuren und Ausstattung im Zeichentrick dem Geist der Geschichte wesentlich besser entsprechen.

Erst mit dem Auftritt von Michael Pitt („7 Psychos") als deformierter Cyber-Versuch Kuze kommt das Drama entwendeter Identitäten wuchtig ins Bild. Ein Spiel mit Spiegelungen und Selbstreflexionen tritt dann aber schnell für das menschelnde Finale zurück. Das ist alles selten beeindruckend, gerät auch mal an den Rand des Peinlichen und bleibt in seiner Wirkung selbst weit hinter dem Oldie „Blade Runner" zurück. Von allem Aufwand für zukünftige asiatische Stadt-Welten mit gigantischen Werbe- und Koi-Hologrammen in den Straßen bleiben nur die schwer bewaffneten Sicherheitspatrouillen eines militarisierten Alltags hängen. So hat dieses Riesen-Projekt mit millionenschweren Stars und Rechenpower tatsächlich weniger Geist als ein zwanzig Jahre alter Zeichentrick.