23.8.16

The Shallows - Gefahr aus der Tiefe

USA 2016 Regie: Jaume Collet-Serra mit Blake Lively 87 Min. FSK: ab 12

Eine junge Frau auf einsamem Fels in der Brandung einer noch einsameren Bucht, dazu ein hinterhältiger Hai – mehr braucht der Horror- und Thriller-Regisseur Jaume Collet-Serra nicht für eine Spielfilmlänge Hochspannung: Nancy (Blake Lively), ein perfekt ausgerüsteter Kontroll-Freak, surft aus sentimentalen Gründen in einer abgelegenen Bucht. Hier war auch ihre kürzlich verstorbene Mutter, als sie schwanger war. Ein Wirrwarr aus Gedanken und Gefühlen lässt Nancy dann den Moment verpassen, in dem die anderen Surfer die Bucht verlassen. Und schon beißt er zu, der große Weiße Hai. Die Spannung hat schon viel früher gepackt.

Dieser in aller Reduktion erstaunlich einfallsreiche Thriller um die junge Frau und das Meer ist schnell und schnörkellos, genau wie der Biss, der das Wasser rot färbt. Dabei vermeidet „The Shallows" das übliche Spiel mit verzögertem Angst und Schrecken. Im Gegenteil: Wäre da nicht der Prolog mit erschreckenden Bildern auf einer Sport-Kamera, sähe alles wie ein Surf- und Spaß-Film aus. Die Aufnahmen (Kamera: Flavio Martínez Labiano) sind so eindrucksvoll, dass man fast vergisst, eigentlich wegen dem Hai, dem Schrecken und der Spannung in diesem Film zu sein. Dazu liefert eine halbwegs elegante Integration von Handybildern und einem Video-Gespräch zur Familie gerade genug Ausstattung an Psychologischem, um richtig mit Nancy mitzufühlen.

Oder mit der verletzten Möwe, die mit Nancy auf dem kleinen Fels ausharrt. Ja, „The Shallows" arbeitet äußerst geschickt mit dem Wechsel aus langen Ruhephasen und kurzen Adrenalin-Kicks. Dazu der eindrucksvolle Kadaver eines Pottwals, eine kleine Attacke von „Die Vögel" und ein deftiger Sturz auf ein Riff. Selbstverständlich darf eine Verwundung nicht fehlen, bei denen es Zartbesaiteten schon vor dem provisorischen Zusammentackern übel wird. Blake Lively spielt diese Solo-Nummer sehr gut und vermeidet jede Ähnlichkeit mit kreischenden Horror-Opfern aus Splatterfilmen. Insgesamt gelingt Regisseur Jaume Collet-Serra nach zwei Horrorfilmen und gleich drei guten Thrillern mit Liam Nesson („Run All Night", „Non-Stop", „Unknown Identity") in weniger als 90 Minuten hervorragend inszenierte Hochspannung ohne allzu dämliche Prämissen.

22.8.16

Elliot, der Drache

USA 2016 (Pete's Dragon) Regie: David Lowery mit Bryce Dallas Howard, Oakes Fegley, Wes Bentley, Karl Urban, Oona Laurence 102 Min. FSK: ab 6

Wie schon beim „Dschungelbuch" und bei „Cinderella" erfährt auch „Elliot, der Drache" mit dem Wechsel vom Zeichentrick („Elliott - Das Schmunzelmonster", 1977) zum Realfilm eine Ernsthaftigkeit, die ihn zu einer ganz neuen Geschichte wandelt. Das beginnt direkt mit dem verhalten inszenierten, aber tragischen Unfalltod von Petes Eltern. Der Vierjährige (Oakes Fegley) begegnet danach im Wald einem großen, grünen Drachen. Eine unglaubliche Geschichte - das denken auch alle, wenn der alte Holzschnitzer Mr. Meacham (Robert Redford) ebenfalls von einen wilden Drachen erzählt, der in den tiefen Wäldern des Pazifischen Nordwestens leben soll. Seine Tochter Grace (Bryce Dallas Howard), Försterin in der Umgebung, lächelt nur darüber. Bis sie den mittlerweile zehnjährigen Jungen Pete kennenlernt, der im Wald gefunden wurde. Er zeichnet den gleichen Drachen wie ihr Vater.

Pete muss nach seiner „Rettung" in der Welt außerhalb des Waldes zuerst mit neuen Realitäten fertig werden: Einmal entdeckt, landet das verängstigte „Wolfskind" zuerst im Krankenhaus und dann in der Obhut von Grace. Zusammen mit der elfjährigen Natalie (Oona Laurence), der Tochter von Sägewerkbesitzer Jack (Wes Bentley), versuchen sie Pete ein Heim zu geben. Gleichzeitig beginnt im Wald eine Jagd der Naturschänder auf den friedlichen Drachen, der seinerseits in dem kleinen Dorf nach Pete sucht.

„Elliot, der Drache" ist 2016 ein Mowgli-Geschichte, die in harmonisch historischer Vorinternet-Umgebung mit Andeutungen vom Rodungen und Raubbau bereits ökologische Elemente enthält. Bei einigen schönen Effekten und einer unnötig lauten zweiten Action-Halbzeit konzentriert sie sich eine halbe Stunde lang vor allem auf die Gefühle des Jungen, der sich in einer fremden Welt wiederfindet. Dabei steht der immer noch sehr knuddelig dargestellte Drache unübersehbar für Magie und Fantasie, die beim Erwachsenwerden oft verloren gehen. Fuchur aus Wolfgang Petersen Verfilmung von Michael Endes „Die unendliche Geschichte" wohnt im Reich der kitschigen Niedlichkeit gleich nebenan. Letztlich ist „Elliot der Drache" ein Disney-Film, der im „E.T."-Territorium wildert. Wobei bei diesem Kaliber von fremdem Wesen das Fahrrad-Körbchen zu rettenden Entführung nicht mehr reicht, da muss schon ein Schwerlaster her.

Die kombinierten Trick- und Real-Aufnahmen, besonders von den gemeinsamen Flügen, sind eindrucksvoll. Und haben bei tollpatschigen Landungen immer noch etwas vom kindlichen Spaß des „Originals". Tatsächlich wischt diese Neuinszenierung des Drehbuches von Malcolm Marmorstein den Gedanken einer Geldmacherei durch Disneys Realverfilmungen der eigenen Trickfilmschätze weg. Die Möglichkeiten der digitalen Trickkisten lassen die Möglichkeiten des Stoffes erst zur Geltung kommen. Das eine schwere Ladung Action dabei unvermeidlich scheint, ist schade.

Die Unfassbaren 2 - Now You See Me

USA 2016 (Now You See Me 2) Regie: Jon M. Chu mit Jesse Eisenberg, Mark Ruffalo, Woody Harrelson, Daniel Radcliffe 130 Min. FSK: ab 12

Völlig unmögliche und unglaubliche Tricks waren vor zwei Jahren die Attraktion der Spektakel-Gaunerei „Now you see me". Aufwändige vorgetäuschte Magie und prominente Darsteller, die als Zauberer-Truppe „Four Horsemen" (soziale) Gerechtigkeit jenseits der Gesetze durchsetzten. Nun geriet die Fortsetzung „Now you see me 2" mit einer noch wirreren Handlung noch unverständlicher und uninteressanter.

Wieder planen die „Four Horsemen", mit Lizzy Caplan als neuem und witzigerem Frauenanteil Lula, einen spektakulären Auftritt gegen Medien-Konzerne und Establishment. Doch bei aller Trickserei fliegt nicht nur der Anführer Dylan Rhodes (Mark Ruffalo) auf, der im Hauptberuf als FBI-Agent sich selber jagte. Die vier Trickser sind plötzlich selbst Teil einer großen Täuschung und finden sich in Macao wieder, dem Vegas Asiens. Ausgerechnet ein von Harry Potter-Darsteller Daniel Radcliffe gespielter schurkischer Magier legt sich mit Zauberern an.

Im Gegensatz zu den cleveren Raubzügen im wesentlich besser inszenierten „Oceans 11" beispielsweise braucht man für die Täuschungen von „Now you see me" das finanzielle und organisatorische Vermögen von… Hollywood beispielsweise. Deshalb kann sich wohl auch nur Hollywood vorstellen, dass so etwas als Realität angenommen wird. Wird es nämlich nicht! Vor allem ein sehr ausführlicher Kartentrick ist nur mit Computertechnik machbar. Das fesselt nicht, das irritiert und langweilt nur.

Tanz-Regisseur Jon M. Chu („Step Up") inszenierte die misslungene Fortsetzung als Abfolge immer weiterer unmöglicher Tricks bis zum Nachspann, in dem sich die Horsemen selber als Spielfiguren von noch größeren Täuschern erkennen. Es geht um mehrfache Rache ehemaliger Gegner und jemand, dem sie einst auf die Füße getreten haben. Woody Harrelson darf in einer reizvollen Doppelrolle Horseman Merritt McKinney sowie dessen rachsüchtigen Bruder spielen. Ja, bei all dem Hokuspokus kommt es vor allem auf die Schauspieler an. Doch die interessanten Geschichten, die von den Menschen, kommen im ganzen Spektakel viel zu kurz, am schlimmsten fällt das bei dem Pärchen der Truppe auf. Mit Michael Caine als Oberschurken gibt es eine Vater-Sohn-Geschichte, die ebenso wenig funktioniert wie der aufgesetzte Whistle blower-Ansatz.

Dabei verzettelt sich die Kombination aus Action und Magie derartig, dass sie eine umständliche Erklärung braucht, die dramaturgisch ungeschickt und unbefriedigend angehängt wird. Nur in Hypnose könnte Ihnen die Werbung weismachen, dies sei ein sehenswerter Film.

Die fast perfekte Welt der Pauline

Frankreich 2015 (Les chaises musicales) Regie: Marie Belhomme mit Isabelle Carré, Carmen Maura, Philippe Rebbot 78 Min. FSK: ab 0

Haben Sie schon den neuen Film mit der bekannten Action-Figur Jakob Börne gesehen? Nicht? Wäre auch komisch, wenn jemand aus „Jason Bourne" in Deutschland Jakob Börne macht. Oder aus dem Film und der Figur „Erin Brockovich" der Verständlichkeit halber „Elke Bröckers"! Dann noch den Schurken aus „Star Wars" Dirk Falter nennen, weil Darth Vader versteht ja keiner. Doch tatsächlich machten die deutschen Verkäufer dieses französischen Films einfach mal die Hauptfigur Perrine zu einer Pauline und zielten mit dem Titel „Die fast perfekte Welt der Pauline" auch noch betrügerisch auf „Die fabelhafte Welt der Amélie". Dabei ist Perrine ebenso eine Anti-Amélie, wie die Stimmung des Films ganz anders gelagert ist: In der tristen Welt der Perrine schlägt sich die erfolglose Animateurin Perrine (Isabelle Carré) mit Kindergeburtstagen durch. Und als Unterhalterin für Senioren-Vereine, die sich „armes Elend" nennen. „Animastriste" rutscht ihr denn auch mal als Berufsbezeichnung raus - triste Unterhalterin. Zwischen den Terminen erschrickt sie im Kostüm von Dirk Falter (oder: Darth Vader, s.o.) einen Passanten derart, dass der in der Grube landet. Also noch nicht ganz im Grab, aber zumindest im Koma auf der Intensivstation. Perrine ist schon vorher panisch abgehauen, besucht jedoch als angebliche Halb-Cousine das Unfall-Opfer täglich im Krankenhaus.

Die unscheinbare Frau mit dem burschikosen Gang, die sich selbst „ein Niemand" nennt, kümmert sich fortan nicht nur liebenswert um den wehrlosen Patienten Fabrice (Philippe Rebbot), sondern auch um seinen verwaisten Hund und seinen kleinen Sohn in der Wohnung von Fabrice. Eine seltsame Annäherung findet statt: Eher aus Versehen übernimmt Perrine den Job und auch die Wohnung von Fabrice. Diese sympathische Komödie ist dabei keineswegs ein Remake des Hollywood-Erfolges „Während du schliefst" mit Sandra Bullock. Ähnlich verpeilt wie die Hauptfigur Perrine gefällt der Film mit kleinen, verspielten Szenen. Ein stringenter Plan, eine gradlinige Dramaturgie würde gar nicht zu dieser Frau passen. Es ergibt sich halt, dass Perrine viel mehr Spaß im neuen Ersatz-Leben hat.

„Ich mag die Leute, die zweifeln", heißt es mal in einem Lied der Musikschule und Isabelle Carré, vor allem bekannt als scheue Sekretärin aus der Komödie „Die anonymen Romantiker", spielt mit einnehmendem Charme eine Art französischer Greta Gerwig. Verzettelt, hilflos der großen Welt gegenüber, gewinnt sie letztendlich doch die Herzen mit einer völlig ungeschützten Naivität. Dass man im Film ihren Namen verwechselt, setzt sich ironischerweise beim deutschen Verleiher fort, der einfach mal Perrine zu Pauline macht. Das ist nicht nur eine ungeheure Respektlosigkeit gegenüber dem Werk der Filmemacher, auch gegenüber einer ganzen Kultur und ihrer Sprache! Ein Grund mehr, diesen sehr sympathischen Film mit seiner ausgezeichneten Hauptdarstellerin Isabelle Carré in Originalversion mit Untertiteln zu sehen.

The Mechanic 2: Resurrection

Frankreich, USA 2016 (The Mechanic 2: Resurrection) Regie: Dennis Gansel mit Jason Statham, Jessica Alba, Tommy Lee Jones, Michelle Yeoh 99 Min. FSK: ab 16

Noch mehr Rio de Janeiro? Diesmal ist Mord der Sport vor Postkarten-Kulisse. Auftragskiller Arthur Bishop (Jason Statham) erlebt seine Auferstehung vom wohlverdienten, selbst inszenierten Tod nach dem Vorgängerfilm „The Mechanic", weil ein mysteriöser Auftraggeber drei Morde von ihm will.

Selbstverständlich zickt der ruppige Einzelgänger Bishop etwas, wird dann aber wegen seines großen Herzens schnell wieder zum edlen Ritter und verfällt dem schönen Opfer Gina (Jessica Alba). Die erzählt eine herzzerreißende Geschichte von ihrem Flüchtlingslager, dessen Bewohner vom gnadenlosen Gangster Riah Crain (Sam Hazeldine) bedroht sind, um danach Bikini-Werbung in der tropischen Bucht zu machen. Dann geht man fröhlich trinken und flirten, obwohl Bishop weiß, dass die Häscher von Crain zuschauen. Da stimmt der Film längst nicht mehr, genau wie der Rhythmus zwischen Action, Romantik und Postkarten-Szenerien hoffnungslos durcheinander holpert.

So geht es von den schönen Aussichten in Rio zu schönen Aussichten in Thailand. Die drei Aufträge, angefangen mit einer unmöglichen Mission in einem Hochsicherheits-Gefängnis in Malaysia, wirken wie schlecht motivierte Kurzfilme, brutale, etwas teuerer produzierte MacGyver-Episoden. Statham reißt in dem zusammengeschusterten Action-Mist, der sehr oft nach Studio aussieht, seine Routine-Rolle aus „Transporter" und Co. runter. Jessica Alba sieht aus. Nur Tommy Lee Jones macht in der Rolle eines schrägen Waffen-Dealers aus Bulgarien Spaß. Gerade mal eine Szene beeindruckt im Stil der Kletterei am Burj Khalifa-Hochhaus-Episode von „Mission Impossible 4", wenn Bishop sein zweites Opfer aus einem wirklich sehr hohen Pool durch den Glasboden in den Abgrund fallen lässt. Ansonsten fehlt im Abklatsch vor allem die reizvolle personale Grundkonstellation, die der erste Film mit dem Sohn eines von Bishop Getöteten als Schüler und Freund hatte.

17.8.16

Mother's Day

USA 2016 Regie: Garry Marshall mit Jennifer Aniston, Kate Hudson, Julia Roberts, Jason Sudeikis 119 Min. FSK: ab 0

Wie ein liegengebliebenes Stück Kuchen, klebrig und schon leicht müffelnd, landet dieser Rest vom us-amerikanischen Muttertag nun in unseren Kinos. Zur Dekoration gibt es mit Jennifer Aniston, Kate Hudson, Julia Roberts und Jason Sudeikis einige Stars, Garry Marshall inszenierte das Ding im Wach-Koma und mit dem gleichen Nährwert wie eine Seifenblase tut der Film niemandem weh ... oder gut.

Ein Haufen kleiner Dramen, die genau so austariert sind, dass sie keinesfalls beim Popcorn-Knabbern stören. Das ist das Rezept für derlei Ensemble-Filme, die gerne zu Weihnachten, Ostern und jetzt (nicht) am Muttertag daherkommen. „Mother's Day" ist wie Aufzugsmusik für die Augen: Kommt einem irgendwie alles bekannt vor, fällt nicht auf, stört nicht. Mit Ausnahme von Jennifer Aniston, die sich auch in dieser Rolle wieder chaotisch mit Selbstgesprächen und immer am Rande des Nervenzusammenbruchs gibt. Ihre Mutter-Figur muss die neue, sehr, sehr junge Frau des Ex als Konkurrenz akzeptieren. Dann gibt es denn verwitweten Vater, der die beste Mutter ist, und die Tochter ohne Mutter, die sich nicht binden mag. Pretty Woman Julia Roberts gibt völlig leb- und regungslos eine Shopping-Kanal-Queen, die wohl einst in jungen Jahren besser Mutter gewesen wäre.

„Romantische Komödie" nennt man so was, wobei der Begriff so steril wie der ganze Film wirkt. Wenn es eine Peinlichkeit ist, Tampons im Supermarkt zu kaufen, weiß man, wie realistisch diese Figuren sind. Jennifer Aniston, Kate Hudson und Julia Roberts bleiben immer die bekannten Stars Jennifer Aniston, Kate Hudson und Julia Roberts, drohen nie ins richtige Leben abzurutschen. Das Problem, den Eltern eine lesbische Beziehung und einen dunkelhäutigen Partner zu offenbaren, könnte ein Drama ausfüllen – hier bleibt es austauschbare Hintergrunddekoration für billige und falsche Rührseligkeiten. Dazu ein paar Lebensweisheiten und schon lösen sich all die kleine Dramen in Wohlgefälligkeit, Versöhnungen und Hochzeit auf. Die übliche Nullsumme solcher harmlosen Ensemble-Filme. Sie rauschen vorbei und sind schnell vergessen. Ein „nette" Klebrigkeit, die durchaus Übelkeit und Verdauungsprobleme verursachen kann.

16.8.16

Captain Fantastic

USA 2016 Regie: Matt Ross mit Viggo Mortensen, Frank Langella, George MacKay 118 Min. FSK: ab 12

Der wahre Superheld dieser Kinowoche ist Viggo Mortensen („Der Herr der Ringe"). Als Spezialist für Road-Movies („On the Road", „The Road") reist er mit seinen Kindern zum Begräbnis seiner Frau. Welten werden aufeinander treffen, wenn die Aussteiger mit exzellenter Survival-Ausbildung auf den reaktionären, militaristischen Schwiegervater treffen. „Captain Fantastic" ist ein großartiger Film für die ganze Familie, das Herz und den Verstand.

Augen im Laub verfolgen das Reh, bis es von einem Jungen nur mit dem Messer niedergestreckt wird. Der ältere Anführer schneidet das Herz heraus und lässt den Jungen davon trinken. Das archaische Initiations-Ritual der Naturvölker betreibt hier eine ansonsten ganz heutige Familie. Der hochintelligente Ben (Viggo Mortensen) lebt mit seinen sechs Kindern in der Wildnis der Berge im Nordwesten Amerikas. Seine exzellente Ausbildung für ihren Körper und Geist verläuft unkonventionell. Knallhartes Survivaltraining und eifrige Lektüre altmodischer Bücher haben eine glückliche Gemeinschaft abseits von Konsum und Internet zum Ergebnis. Und Bo (George MacKay), der Älteste, bekommt sogar Einladungen von allen Elite-Universitäten des Landes. Was er sich allerdings nicht traut, seinem Vater zu sagen...

Die Nachricht vom Tod von Frau und Mutter der Familie trifft ebenso hart wie die Drohung des Schwiegervaters Jack (Frank Langella), Ben solle sich auf keinen Fall beim Begräbnis sehen lassen. Die Kinder überreden ihn doch und mit dem alten Camping-Bus aus der Hippie-Zeit beginnt ein Road-Trip durch feindliches Gelände. Man staunt über die verfetteten Menschen und bleibt den eigenen Ernährungsregeln treu, nur Fleisch zu essen, dass man selbst gejagt und geschlachtet hat. Was zwischen Autobahnen und Beton nicht einfach ist. Aus ideologischen Gründen wird auch mal mit einem vorgetäuschten Herzanfall auf geniale Weise ein Supermarkt ausgeraubt. Bens Schwägerin kritisiert die Erziehung seiner Kinder, die über alles, also auch den Selbstmord der Mutter, offen reden und Alkohol trinken dürfen. Ihre durch Smartphones und Computer-Spiele verseuchten kleinen Idioten werden allerdings dauernd durch die gebildeten und einfühlsamen Kinder Bens bloßgestellt. Sie können die Verfassung interpretieren und feiern raffiniert ihren eigenen „Noam Chomsky-Day". Beim Zusammentreffen mit einem flirtenden Mädchen legt der Waldbewohner Bo allerdings seine mangelnde Erfahrung an den Tag.

Trotz der weisen Überlegenheit von Ben kommt es beim Begräbnis zum Eklat und zu einem tragischen Unfall. Nicht weil er im Sinne der Verstorbenen mit der Albernheit von Religionen abrechnet, sondern weil Schwiegervater Jack die Kinder in seiner Riesen-Villa behalten und mit materiellem Wohlstand beglücken will. Vor der Drohung von Polizei und Anwälten zieht Ben sich zurück, doch die Kinder zeigen, was sie gelernt haben.

„Captain Fantastic" zeigt viel mehr als das Aufeinandertreffen alternativer Ideale mit einer geistlosen, überfressenen Konsumgesellschaft. Trotz der nie versteckten Trauer in dieser Familie erlebt sie die Reise mit viel Spaß, sehr schönen, verrückten und poetischen Ideen. Die freie Erziehung führt im Film zu eigenständigen Charakteren, die alle interessant ihre Rolle spielen. Wobei die für die USA konfrontative Idee, Kinder und Erwachsene nicht dumm zu halten, ebenso gute Laune macht, wie die Lebensfreude dieser großartigen Menschen. Das feinsinnige Vergnügen wird perfekt begleitet mit der Musik von Sigur Ros. Viggo Mortensen glänzt als starker und zweifelnder Vater, der das Scheitern einer großen Liebe verarbeiten muss. Regisseur und Schauspieler Matt Ross wurde für seinen zweiten Spielfilm bei den Filmfestspielen in Cannes mit dem Preis für die Beste Regie in der Reihe „Un certain regard" ausgezeichnet.

Suicide Squad

USA 2016 Regie: David Ayer mit Will Smith, Jared Leto, Margot Robbie, Joel Kinnaman, Viola Davis 123 Min. FSK: ab 16

Sie sind zur Zeit Gelddruckmaschine und Pest des Kinos zugleich: Superhelden. Immer erfolgreich gegen das Böse, meist einträchtig an der Kasse und in den Comic-Heftchen schlummert unendlicher Nachschub. Doch auch die Produzenten auf ihren Goldeseln ahnen, dass diese langweiligen Super-Gutmenschen in Strumpfhosen auf Dauer selbst die härtesten Fans langweilen werden. Deswegen versuchen sie noch etwas Älteres – gemischte Charaktere. Oder noch besser: Dunkle Charaktere auf der Seite des Guten. Bei „Hancock", dem Säufer unter den Super-Männern, ging das noch in die Latexhose. „Guardians of the Galaxy" war ein galaktischer Erfolg und „Deadpool" bekam einige gute Kritiken. Also auch hier Schritt 2 der Superhelden-Verwurstung, wir schmeißen einen Haufen von diesen miesen Typen zusammen und bauen ihnen ein eigenes Verwertungs-Universum. Mit einem grottenschlechten „Suicide Squad" als Teil 1...

In unglaublich langen zwanzig Minuten ohne eigentliche Handlung wird unverschämt schematisch und bürokratisch mit Aktenordnern das Team aus superbösen Helden zusammengestellt. Die knallharte Regierungsbeamtin Amanda Waller (Viola Davis) argumentiert wie gehabt mit irgendeiner imaginären Bedrohung der USA. Das hat nichts mit Realitäten zu tun, aber scheint als Begründung für jede Aufrüstung gegen das eigene Volk – in Fiktion und Realität – auszureichen. So bekommen die Psychopathen aus den Hochsicherheits-Trakten ein staatliches Waffenarsenal und sollen ein unüberwindliches Wesen überwinden. Das übrigens aus dem gleichen Superschurken-Staatsprogramm entstammt.

Dieses dann plötzlich gar nicht so unüberwindliche Wesen ähnelt irritierend dem sehr, sehr alten Ägypter aus dem letzten „X-Men" - Phantasie oder Hirnschmalz scheint bei der Superhelden-Serienproduktion nicht mehr nötig zu sein. Wofür es an der US-Kasse bereits die Quittung gab. Nach der seriellen Vorstellung vom Scharfschützen und Papa Deadshot (Will Smith), der durchgenallten Ex-Psychologin Harley Quinn (Margot Robbie), dem feuerwerfenden Latino Gang-Mitglied Diablo (Jay Hernandez) oder dem echsenhaften Killer Croc (Adewale Akinnuoye-Agbaje) mit jeweils einem alten Vinylzeiten-Hit folgt das Übliche: Martialischer Overkill mit massenhaft Schusswaffen, Kugeln, Messern und Schwerter. Der Joker (Jared Leto) besucht zwischendurch seine Geliebte Harley, Batman Ben Affleck trinkt einen Kaffee. An die „Die glorreichen Sieben" („The Magnificent Seven", 1960) aus John Sturges' Western oder Kurosawas „Die sieben Samurai" sollte man dabei nicht denken - „Suicide Squad" ist derart oberflächlich in der Figurenzeichnung, dass sich das Wort „flach" im Vergleich beleidigt fühlen darf.

Nur der ebenso nachdenkliche wie schießwütige Deadshot und die ausgeflippte Punkfrau mit verletztem Herz Harley bekommen etwas persönliche Geschichte mit. Der Normal-Man Colonel Rick Flag (Joel Kinnaman) darf um seine Liebe kämpfen, die von einer übermächtigen Hexe besessen ist. Der Rest ist lautes, aber in der Inszenierung furchtbar unspektakuläres „Spektakel" mit unlogisch gutem und unbefriedigendem Finale. Schlechte Superhelden in einem noch schlechteren Superhelden-Film.

Alles was kommt

Frankreich, BRD 2016 (L'avenir) Regie: Mia Hansen-Løve mit Isabelle Huppert, André Marcon, Roman Kolinka 98 Min. FSK: ab 0

Nach den sehr bemerkenswerten und ungewöhnlichen Filmen „Der Vater meiner Kinder" (2009), „Un amour de jeunesse" (2011) und dem DJ-Abgesang „Eden" (2014) beschreibt das neueste Werk von Mia Hansen-Løve wieder einen Zustand. Den einer völlig freien Frau, was bei der reifen Philosophie-Dozentin Nathalie (Isabelle Huppert) aus der intellektuellen Bourgeoisie bedeutet: Nach 25 Jahre Ehe vom Mann verlassen, die Kinder aus dem Haus, die Mutter gerade gestorben, vom linken Verlag aus Spargründen gekündigt. So bleibt nur die gehasste Katze der Mutter als Geselle für die Katzenhaar-Allergikerin. Doch die bis zur Eigentümlichkeit eigenwillige Frau bleibt in ihrem Elfenbeinturm. Weder Streik noch Anarchie können sie groß bewegen. Nur ein junger, sehr begabter Student weckt Hoffnungen in der sitzengelassenen Ehefrau.

Dieses vermeintliche Elend spielt Isabelle Huppert, weniger streng als sonst, mit feiner Ironie. Der Film lässt zärtlich über sie lachen, auch über ihre nicht zu verbergende Hoffnung auf den ehemaligen Schüler und aktuellen Protegé. Die Zukunft des Originaltitels („L'avenier") erscheint gefährdet, in den philosophischen Exkursen taucht Schopenhauers „Die Welt als Wille und Vorstellung" auf, doch Nathalies Aufbruch zur alternativen Land-WG ihres Lieblings-Schülers bringt nur der mitgeschleppten Katze positive Veränderungen. Trotzdem folgt man den kuriosen Irrungen der lebensfernen Intellektuellen mit Interesse und Vergnügen. Mia Hansen-Løve, selbst Studentin der deutschen Philosophie, bekam für dieses schöne, hoffnungsvolle autobiographische Porträt bei der Berlinale 2016 den „Silbernen Bär" für die Beste Regie.

15.8.16

Conni & Co

BRD 2016 Regie: Franziska Buch mit Emma Schweiger, Heino Ferch, Iris Berben, Ken Duken, Oskar Keymer 104 Min. FSK: ab 0

Til Schweiger verkauft wieder - sich, seine Tochter und Hundefutter. Schwer zu sagen, was unappetitlicher ist. So erleben wir gelungene Integration: Auch die sprachlich und schauspielerisch völlig ungeeignete Emma Schweiger darf eine Hauptrolle spielen. Sehr schade für den eigentlich guten Kinder-, Jugend-, und Hundefilm „Conni & Co".

Die zwölfjährige Conni (Emma Schweiger) hat es schwer an der neuen Schule: Das Mobbing eines Zicken-Trios tut ebenso weh wie die Treulosigkeit ihres Freunds und Nachbarn Paul (Oskar Keymer). Nur der neue Hund, ein Frodo getaufter Jack Russell Terrier, kann Conni trösten. Der ist allerdings gerade dem Schul-Direktor Möller weggelaufen, der mit dem ungeliebten Tier einen Werbevertrag gewinnen will.

Heino Ferch pfercht als Tierquäler und Kinderhasser mit Halbglatze ein niedliches Viech ein. Gute Voraussetzung für einen Schuldirektor und eine klasse Rolle, in der Ferch glänzt und Götz George ähnelt. Überhaupt wurde bei der ersten Verfilmung eines Buches aus der Conni-Kinderbuchreihe nicht gekleckert: Iris Berben fährt als Oma vor dem Hühnerstall Motorrad, Kurt Krömer gibt als Tierhändler seinem Comedy-Affen Zucker. Die junge Protagonistin zeigt den Jungs, dass sie klüger und mutiger ist. Dabei lernt sie selbst, um Hilfe zu bitten. Schließlich wird Conni durch aufrechtes Verhalten bald von allen anerkannt. Eigentlich eine nette Lehre des neuen Films von Franziska Buch („Emil und die Detektive"), doch mit der kleinen Schweiger funktioniert das nicht richtig.

Nicht nur im Hundwettbewerb spielten Beruhigungsmittel eine Rolle, auch diese Emma Schweiger spricht wie unter Valium und mit minimaler Ausdrucksfähigkeit. Der Begriff Vetternwirtschaft erlebt bald das Schicksal vieler guter deutscher Filme: Er wird ersetzt, durch Tochter- und Schweiger-Wirtschaft. Es ist leider wie bei des Schweigers neuen Kleidern - da traut sich niemand zu sagen, dass die Tochter ebenso schlecht spielt wie Til Schweiger selbst. Hier steht Schweiger überall als Pappaufsteller herum, doch es wird noch schlimmer kommen: Er dreht gerade selbst die Fortsetzung. Das ergibt dann endgültig einen Horror-Film.

13.8.16

Locarno 2016 Licht am Ende des Tunnels

Locarno. Licht am Ende des Tunnels! Heute taucht die Internationale Jury rund um den mexikanischen Regisseur Arturo Ripstein und seinem iranischen Kollegen Rafi Pitts aus dem Dunklen der Kinosäle auf, um das Ergebnis ihres Tunnelblicks zu verkünden – die Goldenen und Silbernen Leoparden für den Wettbewerb des 69. Filmfestivals von Locarno (3. – 13. August) werden am Abend in einer Gala auf der Piazza Grande verliehen. Dass ausgerechnet Tunnelfilme am Anfang und Ende des Filmfestivals der Südschweiz liefen, widerspricht nicht dem offenen Blick auf Welt und Gesellschaft des 2016 häufig sozial beobachtenden Festivals.

Am Anfang feierte sich die technische Nation mit dem, auch in NRW-Studios entstandenen, historischen TV-Film „Gotthard" auf der Piazza Grande. Hinter der Leinwand machte derweil ein riesiges Kreis-Segment des neuen Gotthard-Bahntunnels Eindruck und den Kindern als Rutsche viel Freude. Am Donnerstag allerdings ließ der koreanische Regisseur KIM Seong-hun in seinem spannenden wie komischen Katastrophenfilm „Teo-neol" (Der Tunnel) ausgerechnet einen Straßentunnel einstürzen. Er schildert das Drama eines unter Geröll eingeschlossenen Autofahrers und bleibt sicher vielen Heimreisenden bei der Fahrt nach Norden durch den alten Gotthard-Tunnel in Erinnerung.

Das nach Venedig zweitälteste Filmfestival der Welt präsentierte elf Tage, an denen man die B- und Alt-Stars kaum unter bekam: Bill Pullman, Jane Birkin, Harvey Keitel, Mario Adorf, Komponist Howard Shore und zuletzt die neunzigjährige Produzenten-Legende Roger Corman. Auf der Bühne der Piazza Grande wurde es eng, genau wie in den klaustrophobischen Zuschauerreihen davor, die wohl von Ryan Air verwaltet werden. Super-Stars gab es allerdings nicht, Matt Damon wurde zu „Jason Bourne" recht peinlich per Video eingespielt. Das treue Publikum nahm es hin. Genau wie die allgegenwärtigen Taschen-Kontrollen, die man schon seit Jahren aus Cannes und Venedig kennt und die den Anschlägen der letzten Monaten Tribut zollen.

Mit filmischen Bekannten aus Cannes erzielte Locarno in seiner 69. Ausgabe unterschiedliche Ergebnisse: Der diesjährige Gewinner der Goldenen Palme „I, Daniel Blake" von Ken Loach entspricht in seiner eigentlich einfachen Machart gänzlich den Erwartungen und berührt mit dem Drama des sympathischen Kerls Dan Blake ungemein. Wie der Mann nach einem Herzinfarkt vergeblich um Krankengeld kämpft und proforma in die kafkaesk menschenfeindlichen Mühlen der Arbeitsvermittlung gerät, ist herzzerreißend und könnte den bisherigen Piazza-Favoriten „Paula" von Christian Schwochow beim Publikumspreis überholen. Beim anderen aus Cannes bekannten Namen, Angela Schanelec („Orly", „Marseille"), gefriert einem eher das Herz, so kühl und stilisiert sind die Wege zweier Paare im Wettbewerbsfilm „Der traumhafte Weg" inszeniert. Mehr Aufnahmen von Füßen und Beinen als Gesichter, die papiernen Sätze leblos deklamiert, seltsame Personendopplungen über dreißig Jahre hinweg. Das ist Kunstkino zum Rätseln. Oder zum Weglaufen, wie eine laute Abwanderung während der öffentlichen Vorführung kundtat.

Im qualitativ durchmischten Wettbewerb mit international sensationeller Quote von acht Frauen unter 17 Filmen hat sich kein Favorit herauskristallisiert. Der Rumäne Radu Jude erfüllt mit „Inimi cicatrizate" (Ängstliche Herzen) die Erwartungen, die nach dem Regie-Preis der Berlinale für „Aferim!" in ihn gesetzt wurden. Nun erzählt er formal streng in festen Einstellungen eine Zauberberg-Geschichte, die 1937 in einem Schwarzmeer-Sanatorium spielt und auf dem autobiographischen Roman des rumänischen Autors Max Blecher basiert. Blecher starb nach zehn Jahren Tuberculose im Alter von 29. Der Schweizer Michael Koch ist mit seiner deutschen Produktion „Marija" unter den Entdeckungen, ebenso seine sensationelle Hauptdarstellerin Margarita Breitkreiz, die eine Ukrainerin in der Dortmunder Nordstadt spielt.

Ebenso ungemein gegenwärtig und aktuell der französische Piazza-Film „Le Ciel attendra" (Der Himmel wartet) von Marie-Castille Mention Schaar über zwei jugendliche Mädchen aus bürgerlichem, nicht muslimischem Umfeld, die zu Dschihadistinnen werden. Rebellion gegen liberale Eltern und die Internet-Liebe zu einem IS-Verführer führen zu Dramen pubertären Aufstandes, der heutzutage im Islamismus landet. Der wache Blick für Soziales und Politisches bleibt Markenzeichen für Locarno. So auch mit dem bewegendsten Beitrag der Kritikerwoche, die sich auf Dokumentationen spezialisiert hat, „Cahier africain". Die erfahrene Dokumentaristin Heidi Specogna („Pepe Mujica - Der Präsident", „Das Schiff des Torjägers") zeigt das titelgebende Notizbuch mit vier Fotos von zentralafrikanischen auf jeder Seite. Das bedeutet, jeweils vier Geschichten von Vergewaltigung. Zeugenaussagen von 300 Frauen und Mädchen, die während des Krieges von Söldnern aus dem Kongo vergewaltigt und misshandelt wurden. Specogna mischt Bilder des Alltags in die erschütternden Berichte der Frauen, nackte Zahlen aus den Nachrichten bekommen so ein Gesicht.

Nach „Gerhard Richter Painting" widmet sich Corinna Belz nun einem Schriftsteller und realisierte mit „Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte..." ein richtig gutes, nettes und intimes Porträt des Mannes, der seit „50 Jahre Auseinandersetzung mit Sprache" betreibt. Die Kamera fängt bei den vielen Besuchen in Haus und liebevoll gepflegten Garten am Rande von Paris nicht nur die Ansammlungen von Blei- und anderen Stiften ein. Zweifel und Spaß an dieser Inszenierung sind ebenso zu sehen wie die Frustration als Belz spät im Film doch auf die umstrittenen Serbien-Äußerungen zu sprechen kommt. Ein sehr gelungenes Porträt und schönes Fundstück im Rauschen hunderter Festival-Filme.

Das Festival am Lago Maggiore erwartet für das 70-Jährige in 2017 drei neue, richtige Kinosäle und übernahm schon in diesem Jahr kurzfristig die Regie der Kirmes- und Fress-Buden der „Rotonda", einer bislang chaotischen Vergnügungsstätte am Rande der Altstadt. Doch weit größeren Einfluss auf das Gesicht des Festivals hat das ferne Zürich mit seiner Konkurrenz-Veranstaltung im Herbst. Die Deutsch-Schweiz fährt dort zu wenig riskanten Kino-Previews reihenweise Prominenz auf. Der Leopard hechelt diesbezüglich hinterher und versucht gegen die eigenen Qualitäten die entsprechende Presse-Öffentlichkeit mit Namen statt mit Filmen zu gewinnen. Bei den bereits veröffentlichten Zahlen der Piazza Grande führt das nicht zu berauschenden Ergebnissen. Nur zu „Jason Bourne" waren über 7000 Plätze besetzt, drei Abende blieben unter 5000. Das ist viel für ein normales Festival, aber nur durchschnittlich für das gigantische Open Air-Kino. Zu hoffen ist deshalb auf starke Preisträger heute Abend, die sich filmisch in den Vordergrund drängen können und den guten Namen Locarnos fortschreiben.

9.8.16

El Viaje

BRD 2016 Regie: Nahuel Lopez 93 Min.

Rodrigo Gonzalez ist Bassist der deutschen Punkrock-Band „Die Ärzte", aber auch Kind einer Familie die 1974 mit ihm als Sechsjähriger vor der Militärdiktatur Augusto Pinochets nach Hamburg fliehen musst. In dem Dokumentarfilm „El Viaje" reist er nach Chile, auf den Spuren der Musik seiner Kindheit und der Protestmusik der „Nueva Cancion Chilena", die Rods Kindheit auch in Deutschland weiter prägte. Es ist die Musik einer Generation, die für Menschenrechte und gegen die Diktatur in Chile auf die Straßen ging.

Für ein Album mit den chilenischen Protestsängern der sechziger und siebziger Jahre sowie deren musikalischen Erben von heute trifft Rodrigo Gonzalez Musiker einer breiten Spannweite, geografisch und musikalisch: Traditionell und politisch, alt und jung, Liedermacher und Rocker. Ihre Stücke werden kurz angespielt. Nebenbei erzählt „El Viaje" von alten Chilenen, die am Jahrestages des Putsches noch die Flagge hissen, zeigt Graffitis auf den Straßen, besucht auch einen einheimischen Stamm im Süden.

Dieser reizvoller Musik- und Film-Sampler mit vielen verschiedenen musikalischen Richtungen ist kein „Buena Vista Social Club", nicht weil die Mittel diesmal wesentlich geringer sind als bei Wenders. Es geht hier mehr um die Menschen und ihre Geschichte. Ein Philosophie-Professor, spezialisiert auf Nietzsche und Heidegger, ist Legende mit seinem Protestsong und fühlt sich nun zerrissen zwischen Chile und seinem Exilland Frankreich. Ein anderes altes Idol erzählt halbwegs gefasst im Fußball- und Folterstadion von Santiago von den Schlägen und der Haft. Das klingt so ehrlich wie authentisch und ist dank der untertitelten Originalstimmen besonders gut mitzuerleben.

Die Off-Kommentare von Rodrigo mit lässigem bis schnoddrigem Tonfall sind so einfach gehalten, dass man sie in einem besseren Dokumentarfilm auch hätte weglassen können. Selbstverständlich soll seine Prominenz Album und Film verkaufen, aber eine vornehme Zurückhaltung ließe mehr Raum für das Land und die vielen interessanten Begegnungen.