„Vorschau“ in den Niederlanden
In der Weihnachtszeit 2009 lohnt es sich besonders, jenseits der Grenze der Kinozeit voraus zu sein. Große Filme laufen dort viel eher und im Original: Die intelligente Romantische Komödie für Erwachsene mit Meryl Streep, Alec Baldwin und Steve Martin „Wenn Liebe so einfach wäre (It's Complicated) startet in Deutsch erst am 21. Januar. Der Slapstick „Old Dogs“ mit John Travolta und Robin Williams als Oldies ist bereits eine Woche früher dran. Das mit Spannung erwartete Kriegs-Drama „Brothers“ von Jim Sheridan („Mein linker Fuss“, „Im Namen des Vaters“, „In Amerika“) hat gar noch keinen Kinostart in Deutschland. Liegt es am Afghanistan-Thema, dass wir Darsteller wie Jake Gyllenhaal, Natalie Portman und Tobey Maguire vielleicht nicht erleben dürfen?
(Alle Filme Heerlen, H5, „It's Complicated“ auch Heerlen, Royal)
Bright Star
Großbritannien, Australien, Frankreich 2009 (Bright Star) Regie: Jane Campion mit Darsteller Abbie Cornish, Ben Whishaw, Paul Schneider, Kerry Fox 119 Min. FSK ab 6
Die satte Pracht englischer Kultur-Landschaften. Lila Felder. Ein heftig rot-weißes Kleid mit dem die Schneiderin Fanny Brawn (Abbie Cornish) anfangs auftritt; später gedeckte Farben, wenn Fanny ihre ersten Lektionen in Sachen Poesie gelernt hat.
Jane Campion, die für „Das Piano“ als erste Frau eine Goldene Palme in Cannes erhielt, kehrt sechs Jahre nach ihrem Frauen-Thriller „In the Cut“ (mit Meg Ryan) wieder auf die Leinwand zurück. In „Bright Star“ erzählt Campion ruhig und intensiv von der kurzen, letzten Liebe des englischen Poeten John Keats (1795-1821) mit einer jungen Nachbarin im Jahre 1818. „Bright Star“ - benannt nach einem Gedicht von Keats - ist auch der erste Kostümfilm von Campion nach „The Portrait of a Lady“ aus 1996 und die neuseeländische Regisseurin schwelgt in den Stoffen, den Farben, den Stimmungen. Das Verhältnis der Schneiderin Fanny Brawne zum Poeten Keats ist ein undramatisches. Campion gelingt es ohne das übliche Drama um Stände und Aussteuer, zwei Stunden lang zu fesseln. Dass Fanny den zu armen Poeten nicht heiraten konnte und dass Keats im Alter von 25 starb, muss reichen, um die Herzen zu rühren, während den Augen und Ohren immens geschmeichelt wird.
Selbstverständlich muss man vermuten, dass Campion versucht, die Poesie Keats zu übernehmen. Aber man sieht es dem Film nicht an - ganz positiv gesehen. Für einen Film über die Liebe eines Poeten wird erfreulich wenig gesprochen, es wird nicht dauernd krampfhaft über Literatur geschwafelt, es werden keine poetischen Ergüsse am Fließband abgesondert. Fein, sensibel ist der Einsatz der Verse von Keats und fein sind auch die Mittel des Films gesetzt. „In Anlehnung an Keats' Lyrik als eine flanierend-anmutige Reflexion über Kunst, Liebe und Schönheit“, so beschreibt der Film-Dienst den Stil treffend.
Kleine Gesten drücken die Liebe zwischen Keats und Fanny Brawn aus, kleine Details bestimmen die Stimmungen. Die Australierin Abbie Cornish spielt die Fanny unaufdringlich, trotzdem verdrängt ihre Präsenz fast den zierlichen Poeten. Ein leichter Liebestraum eher als eine heiße Affäre. Alles wirkt stimmig und echt, man wundert sich über den kulturellen Reichtum auf dem Land im England dieser Zeit. Man erfährt allerdings auch, dass die Familie Brawn ohne einen Ernährer öfters die Anwesen wechselt, um Miete zu sparen.
In einer von vielen grandiosen Szenen weht der Wind Fanny sanft aufs Bett, die Vorhänge scheinen sie umzupusten, dann hebt das Lüftchen ihr langes Kleid wie von innen hoch - so fühlt sich die Leichtigkeit der Liebe an und so kann sie tatsächlich auch im Kino aussehen.
Soul Kitchen
BRD 2009 (Soul Kitchen) Regie: Fatih Akin mit Adam Bousdoukos, Moritz Bleibtreu, Birol Ünel, Anna Bederke, Monica Bleibtreu 100 Min. FSK ab 12
Essen für die Seele gibt es im Hamburger Szene-Lokal „Soul Kitchen“ und Kino für die Seele verschenkt Fatih Akin mit dem gleichnamigen Film. Der internationale Shootingstar unter den deutschen Regisseuren zeigt, dass er auch die hohe Kunst der Komödie beherrscht. „Soul Kitchen“ macht Spaß, Lust lustig und Hunger auf Mehr.
„Soul Kitchen“ im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg ist einer dieser Kneipen, wo man die Stammgäste abends eigentlich mit dem Mobiliar wegräumen könnte. Der Laden läuft so lala, aber Kneipenbesitzer Zinos (Adam Bousdoukos) ist wie die meisten Dauergäste zufrieden. Dann zieht seine Freundin Nadine alleine nach Shanghai und Zinos überhebt sich an der eigenen Ungeduld. Der Bandscheibenvorfall zwingt ihn, den exzentrischen Koch Shayn (Birol Ünel) zu engagieren, dessen delikate Kreationen den herben Geschmack der Hamburger - Wiener Schnitzel, Frikadelle, Pizza - auf eine harte Probe stellen. Zudem mischt auch noch Zinos’ krimineller Bruder Ilias (Moritz Bleibtreu) als Freigänger die Szene auf. Zuerst steht er nur megacool dumm rum und himmelt die wirklich coole Kellnerin Lucie (Anna Bederke) an. Dann verzockt er mit seiner Spielsucht den ganzen geliebten Laden seines Bruders an den eklig blonden Spekulanten Thomas Neumann (Wotan Wilke Möhring).
Während „La Paloma“ in vielen Varianten auf der Tonspur segelt, legt Film-DJ Fatih Akin klasse Szenen auf die Platte. Zur geilen Abschiedsfete gibt es Süßes mit Aphrodisiaka - wer hier nicht lacht, gehört extra flachgelegt. Selbst Frau Schuster vom Finanzamt wird da ganz locker. Adam Bousdoukos („Kurz und schmerzlos“), Moritz Bleibtreu („Im Juli“) und Birol Ünel („Gegen die Wand“) sind Stammgäste in Akins Filmen. Bousdoukos zudem Freund, Restaurantbesitzer und so auch Koautor dieser tollen Geschichte.
Bleibtreu beginnt als Abziehbild des nutzlosen Mackers, aber verliert sein Herz an die knallharte Kellnerin Lucia mit ihrer Uma Thurman-Frisur. Wie er sich jetzt als Kellner und DJ bemüht und zum klasse Bruder wird, hat echt Stil. Birol Ünel hat den sowieso und diesmal eine tolle komische Rolle als Koch. Die verstorbene Monika Bleibtreu ist noch einmal als resolute Oma neben ihrem echten Sohn Moritz zu sehen. Zu den vielen liebevoll eingestreuten Details, gehört auch ein Auftritt von Jan Fedder, der in seinem Großstadtrevier auf der Polizeiwache Dienst tut.
Dieses „Soul Kitchen“ hat Schwung, Humor und ganz viel Herz. Im Chaos entwickelt sich wahre Freundschaft, die Kellner sind auch als Musiker großartig, genau so gut wie das Essen schließlich sind Bilder, Musik und Orte mit Geschichte. Der ehemalige Karstadt, in dem Fatih Akin seine erste LP gekauft hat, fungiert als cooler Club. Die Stadt wandelt sich rasant und der echte Hamburger Jung Akin wollte die Chance ergreifen, seine wilden Jahre noch einmal festzuhalten. Nicht nur das ist gelungen bei diesem Film, mit den Menschen, der Stimmung und der Musik, für die man sich begeistert.
Fame (2009)
USA 2009 (Fame) Regie: Kevin Tancharoen mit Darsteller Naturi Naughton, Kay Panabaker, Anna Maria Perez de Tagle, Kelsey Grammer, Charles S. Dutton 105 Min. FSK o.A.
„Fame“ war 1980 ein richtig guter Film, er war von Alan Parker, der unter anderem auch noch „The Commitments“ und „Birdy“ gemacht hat, und gewann zwei Oscars. Seitdem gab es „Fame“ als Fernsehserie, mehrfach als Parodie und als Plagiat gar inflationär. Der Schnaps-Idee, ganz schnell ganz groß rauszukommen ohne irgendwas zu können oder zu lernen, verbreitet sich unter Einfluss der Casting-Shows ungetrübt von Verstand oder Erfahrung immer weiter. So sieht denn auch das Remake „Fame“ dreißig Jahre später aus: Ein zusammenhangloses Hetzen durch die Studienjahre einiger Musikschüler. Verantwortlich für das Stückwerk ist der 24-jährige Anfänger Kevin Tancharoen. Er hat den Regiestuhl überraschenderweise nicht bei einer Casting-Show gewonnen, sondern war Tournee-Choreograph für Britney Spears.
Am Tag der Aufnahmeprüfung hüpfen viele unbekannte Gesichter und Namen durch die Musik- und Schauspielschule „New York School of Performing Arts“. Das Drehbuch konjugiert die Milieus und Tanzstile. Aufpassen braucht hier keiner, denn niemand, vor allem nicht der Film, kümmert sich um diese Kids. Es gibt den Tänzer Kevin, der stark werden, und die Schauspielerin Jenny, die locker werden muss. Als Farbtupfer der sehr weißen Schule fungieren ethnische Vorbehalte bei Klavierspielerin Denise und dem klischeehaft wütenden Rapper Malik.
Im Sauseschritt geht es durch vier Schuljahre, für Entwicklung blieb den Drehbuchautoren keine Zeit. Das ach so spontane Jammen in der Kantine funktioniert allein als Parodie, trotz viel Geld reicht es dem Film nur für ein paar nette Musik-Nummern, die alle nicht vom Hocker reißen. Die Kamera wackelt mehr als vor dreißig Jahren und im Gegensatz zum Casting-Schrott ist „Fame“ wenigstens sorgfältig in Ausleuchtung und Montage. Aber all die „tollen Songs“ und Stimmungen wirken nur verkrampft und behauptet.
Neben zu vielen talentfreien Beteiligten, die es in der echten Welt nie auf solch eine Schule schaffen würden, macht das Grundkonzept diesen Film unerträglich: „Fame“ zeigt sich ermüdend jugendfrei. Brave Kinderchen, die noch nie besoffen waren, produzieren so viel Schlagerschmalz, dass der Hausmeister dauernd wischen musste, hätte man ihn nicht aus dem Film geschmissen. Denn in diesem Film gibt es keine wirklichen Probleme und die zwangsläufige Paarbildung führt zu Beziehungen wie aus der Nachmittagsserie.
Am Ende des Tages - um auch amerikanisiert zu schreiben - sieht das alles aus wie ein Casting-Show-Film und - Überraschung - die blonde Tänzerin Kherington Payne war tatsächlich Finalistin des Dance-Castings „So You Think You Can Dance“. Auch wenn einige schon vermuten, hier sollte „High School Musical, Teil 4“ gezeigt werden - selbst die überzogene Schlussnummer bleibt ohne Drama oder besondere Bedeutung. Hat hier niemand das Original gesehen oder irgendeinen guten Film? Dieses Remake ist schlimmer als die schlimmsten Befürchtungen. Sein Titel sollte „Shame“ lauten: Schande.
Interview Fatih Akin zu „Soul Kitchen“
Venedig. Im Jahre 2004 einen „Goldenen Bären“ für „Gegen die Wand“. 2007 „Bestes Drehbuch“ in Cannes für „Auf der anderen Seite“. Und nun mit "Soul Kitchen" im September den Großen Preis der Jury in Venedig. Nur wenige Regisseure konnten auf den drei großen Filmfestivals absahnen. Der Hamburger Fatih Akin hat diesen „Grand Slam“ schon mit 36 Jahren erledigt. Im vergangenen Jahr erhielt der international bejubelte deutschen Filmemacher die „Karlsmedaille für Europäische Medien“ in Aachen. Nach einer ausgelassenen Premierenparty, bei der Akin selbst am Plattenteller stand und sein Gefühl für Soul bewies, interviewten ihn Maria Giovanna Vagenas und Günter H. Jekubzik.
Fatih Akin erzählt in seinem sechsten Spielfilm „Soul Kitchen“ die prall mit Humor und Lebenslust aufgeladene Geschichte eines Hamburgers griechischer Abstammung (Adam Bousdoukos), der sein cooles Szene-Lokal retten will, während ihn seine Freundin verlässt und sein Bruder (Moritz Bleibtreu) den Laden verzockt.
Wann hattest Du die Idee zu „Soul Kitchen“?
Im Frühjahr 2003 hatte ich gerade den Schnitt von „Gegen die Wand“ beendet und war pleite. Daher benötigte ich dringend ein neues Projekt. Ich habe also eine erste Fassung von „Soul Kitchen“ geschrieben, weil ich dachte, dass ich diesen Film leicht und schnell realisieren könnte. Was das Thema betrifft, habe ich mich von einem Ort inspirieren lassen, den ich sehr gut kannte: Das Restaurant meines besten Freundes Adam Bousdoukos (Koautor und Hauptdarsteller), ein Ort, der fast wie ein Zuhause für mich war und an dem wir sehr oft Partys gefeiert haben. Ich wollte in Hamburg, in meiner Stadt, mit Video drehen und das Ganze im Handumdrehen fertig stellen.
„Soul Kitchen“ ist Deine erste Komödie...
Nachdem ich so viele ernste Filme gedreht habe, denen ich meine Bekanntheit verdanke, habe ich mir gesagt, dass ich nicht mein ganzes Leben lang mit einem einzigen Kinogenre in Verbindung gebracht werden möchte.
Ist „Soul Kitchen“ tatsächlich vom Adam Bousdoukos’ wirklichen Leben inspiriert?
Adam ist neun Jahre lang Restaurantbesitzer gewesen. Meine Freunde und ich waren seine Stammkunden. Sein Restaurant war so etwas wie ein Treffen der Bohemiens mit einem ganz bunt gemischten Publikum; es gab Musiker, Freaks, Arbeiter, Künstler und Studenten. Ich ging oft mit meiner Frau und meinem Sohn dorthin essen; ich brauche Dir nicht zu sagen, dass ich nach dem Essen nie gleich arbeiten konnte und immer ein paar Stunden brauchte um wieder arbeiten zu können, weil das Essen schwer war...
Das Drehbuch, das auf den ersten Blick so leicht und geistreich wirkt, ist bei näherem Hinsehen sehr komplex. Wie hast Du mit Adam diese Komödie geschrieben?
Alle Charaktere und Situationen des Films waren gewissermaßen schon da, sie waren ein Teil unseres Lebens. Die Geschichte von Zinos’ Bruder, zum Beispiel, ist die wahre Geschichte eines Freundes, der im Gefängnis gelandet war, weil er mit Marihuana gedealt hatte, und eine Arbeit finden müsste, um während des Tages aus dem Gefängnis herauskommen. Ich war von der Idee sehr angetan, ihn irgendwie in unser Projekt einzubeziehen, so habe ich seine Geschichte in das Drehbuch mit einbezogen. Mein Freund hat mich nur darum gebeten, sie ein bisschen zu verändern. Im Film sitzt daher der Bruder des Protagonisten wegen Spielschulden im Gefängnis. So kann dessen Mutter den Film anschauen ohne zu merken, dass er damit gemeint ist!
Welche Regisseure haben Dich bei der Entstehung dieses Filmes beeinflusst?
Unter den Zeitgenossen würde ich Woody Allen, die Coen-Brüder und Jim Jarmusch erwähnen, wenn man die Vergangenheit betrachtet dann Ernst Lubitsch und Billy Wilder und, selbstverständlich, Buster Keaton und Chaplin. Ich habe versucht mich von all diesen unterschiedlichen Typen von Humor inspirieren zu lassen und sie miteinander vermischt, obwohl es mir bewusst war, dass ich damit das Risiko einging, mich mit einem zusammenhanglosen Flickwerk wieder zu finden.
Während der Vorbereitungen zu diesem Film hast Du spezielle Recherchen über Gastronomie und die Speisen unternommen?
Auch in diesem Fall habe ich Anleihen bei anderen Filmen genommen: „Eat, drink, man, woman“ von Ang Lee ist für mich diesbezüglich ausschlaggebend gewesen; wie auch „Big Night“ von Stanley Tucci, ein eine hervorragende Komödie über zwei Brüder, die Restaurantbesitzer sind. Die Art und Weise, wie in „Soul Kitchen“ Pasta zubereitet wird, habe ich wortwörtlich von Big Night abgeschaut! (lacht) Sagen wir lieber, dass ich damit eine Art von Hommage an Stanley Tucci machen wollte!
Musik ist ein wichtiges Element in Soul Kitchen. Im Film gibt es viel Soul Music, aber auch Rembetiko und deutsche Schlager; die vielseitige Zusammenstellung gibt die ethnische Vielfalt der Charaktere sowie Deine Musikleidenschaft sehr gut wieder. Wie kam der Soundtrack zustande?
Meine Idee war, einen Soundtrack zu schaffen, der die Atmosphäre der Stadt reflektiert. So wie ich es zuvor für „Crossing the Bridge“ und Istanbul getan hatte. Hamburg ist eine echte Soul-City - mit den besten Soul-Clubs der Welt außerhalb der Vereinigten Staaten. Bis vor ein paar Jahren gab es noch zwei legendäre Clubs in der Stadt: den „Mojo Club“ und „Soul Kitchen“ eben. Jedes Wochenende wurden Soul-Partys veranstaltet. Selbstverständlich gibt es in Hamburg auch viel elektronische Musik mit einigen berühmten DJs, die in die USA eingeladen werden und eine sehr gute Rock-Szene.
Wo die Wilden Kerle wohnen
USA 2009 (Where the wild things are) Regie: Spike Jonze mit Max Records, Catherine Keener, Mark Ruffalo 101 Min. FSK ab 6
Wut ist im Film meist Antrieb für harte Kerle. Oder manchmal für Komödien. Aber Wut im Kinderfilm? Das Multi-Talent Spike Jonze erzählt eine verrückte, kluge, sehr verständige, aber auch spaßige und mutige Geschichte eines sehr wütenden Jungen.
Wieder bleibt Max (Max Records) alleine. Erst spielt die ältere Schwester lieber mit den großen Jungs. In seiner verzweifelten Wut zettelt Max eine Schnellballschlacht an, setzt dann das Zimmer der Schwester unter Wasser und zerstört ihr mit viel Liebe gemachtes Geschenk. Dann flirtet die alleinerziehende Mutter (Catherine Keener) mit einem neuen Mann. Max beginnt zu schreien, steigt auf den Tisch und beißt seine Mutter ziemlich heftig. Panisch und erschreckt rennt er in der Nacht weg, strauchelt im Löwen-Pyjama durch Büsche und sticht mit einem Kahn in See. Irgendwann wird Max wach und entdeckt eine abenteuerliche Insel mit riesigen Fabelwesen. So als ob sich die modischen „Uglydolls“ mit den Teddybären gepaart und Wachstumsbeschleuniger genascht hätten. Sie haben Löwenmähnen und Vogelfüße. Unter ihnen ist auch so ein Wütender, der immer Sachen kaputt macht. Als jemand der beisst, ist Max hier gut aufgehoben, denn hier essen sie gleich jeden auf.
Auch Max steht auf dem Speiseplan, kann sich aber mit einer Geschichte retten und wird König der wilden Kerle. Die Freude ist groß, dem Neuanfang liegt ein Zauber inne. Max macht den Clown, Geschichten-Erzähler und Freund. Sie bauen zusammen etwas auf, schlafen alle in einem großen Haufen, wie jubelnde Fußball-Spieler ihn ansonsten auftürmen. Doch die alten Streitpunkte brechen wieder auf, eine große Schlacht bringt nur wenig Spaß und einige neue Verletzungen. Nichts hilft bei verletzten Gefühlen, Max ist wieder ein verlorener kleiner Junge zwischen zu großen Emotionen.
„Wo die Wilden Kerle wohnen“, die Verfilmung von Maurice Sendaks Kinderbuch, ist trotz der vielen Grobiane ein ungemein zärtlicher, in kleinen Gesten und Momenten oft rührender Film. Vieles wirkt spielerisch in diesem gleichermaßen leichten und psychologisch exakten Meisterwerk: Die Handkamera wie bei Amateuren, aber nahe an dem Empfinden von Max. Die nette, kindisch wirkende Mädchenmusik von „Karen O and the Kids“ bringt die Wildheit von Max auf den Soundtrack. Die Lehre der Wilden Tiere lautet klug einfach: Mit diesen Riesen ist es wie mit den unkontrollierbaren großen Gefühlen - sie können Freunde sein, aber auch zerstörerisch.
Regisseur und Autor Spike Jonze inszenierte nicht nur, er gestaltete so wunderbar verrückte Filme wie „Being John Malkovich“ (1999) und „Adaptation.“ (2002), vor allem aber auch viele Musik-Videos für Björg, REM, Chemical Brothers und andere.
Die Anwälte - Eine deutsche Geschichte
BRD 2009 Regie: Birgit Schulz 94 Min. FSK: ab 12
Sie vertreten drei extreme Positionen in der heutigen Bundesrepublik: Hans-Christian Ströbele bezieht engagiert Stellung, etwa gegen den Afghanistan-Krieg, und wird als einziger Grüner über ein Direktmandat in den Bundestag gewählt. Otto Schily wechselte von links nach grün und dann zur SPD, wurde als Innenminister mit seinem „Otto-Katalog“ berüchtigt. Als Minister beschränkte er die Freiheitsrechte radikal, die er früher als Anwalt verteidigte. Horst Mahler vollzog eine noch extremere Wende: Zuerst verteidigte er bevorzugt Linke, dann wurde er wegen einer Demonstration gegen den Springer-Verlag angeklagt und verhalf später Baader zur Flucht. Nach Verurteilung und Haft wechselte Mahler im Jahr 2000 in die NPD, überholte diese sogar rechtsradikal und verbreitet seitdem die absurdesten Geschichtsverdrehungen.
Und nun geht eine Dokumentation in die gemeinsame Zeit der drei Anwälte zurück, als sie die Außerparlamentarische Opposition in den 70ern verteidigten. Regisseurin Birgit Schulz verfolgt mit ihren Entwicklungen parallel die Geschichte der Bundesrepublik. Als Schlüsselszene dient das Foto, das Otto Schily, Hans-Christian Ströbele und Horst Mahler in einem Prozess gegen Mahler zeigt. Zwei junge Anwälte verteidigen einen bekannten Kollegen. Dies eines der vielen Fotodokumente, für deren Betrachtung man im Film mehr Zeit bräuchte. Es spricht nicht unbedingt für die Interviews mit den drei Protagonisten, hintergründig im Gerichtssaal aufgenommen, dass solche Originaldokumente stärker wirken als die Rückbetrachtungen der arrivierten Herren. Der eitle Politprofi Schily liefert bedächtig Grundsätzliches und immer mal wieder Betroffenheit angesichts der Tode seiner Mandanten in der Haft. Ströble bleibt gradlinig, auch wenn der Hemdkragen nicht richtig sitzt. Mahler darf sich präsentieren, über Hegel schwafeln und bleibt hinter freundlicher Fassade ein unfassbares Rätsel. Die ganze Dokumentation ist ein höchst spannender und origineller Blick auf dramatische Zeiten deutscher Geschichte.
Stille Hochzeit - Zum Teufel mit Stalin
Rumänien, Frankreich, Luxemburg 2008 (Nunta Muta) Regie: Horatiu Malaele mit Meda Andreea Victor, Alexandru Potocean, Valentin Teodosiu 87 Min. FSK: ab 12
Tod und Hochzeit und wieder Tod ganz nah beieinander. Komödie, Tragödie, Polit- oder Historien-Film? Die rumänische „Stille Hochzeit“ zeigt ein Dorf, überbordend mit Leben, Lust, Streit und Gelächter. Ein Dorf, das nicht mehr existiert. Die Grobheiten des ländlichen, osteuropäischen Alltags und die Poesie einer vergangenen (Kino-) Epoche. Schwer einzuordnen, aber ein grandioses und schönes Stück Kino.
Soll man anfangen im Heute, in dem alles besser sein soll? Oder in der Vergangenheit unter der Fuchtel der Sowjet-Armee, dem „schlimmen“ Gestern, das allerdings in Farbe gezeigt wird? Damals strotzte das Dorf nur so vor prallem Leben und deftigen Typen. Mittendrin liegen und lieben sich Mara (Meda Andreea Victor) und Iancu (Alexandru Potocean) im Feld. Das wird von einem Liliputaner sowie einem kleinen Jungen beobachtet und nach der Heimkehr auch handgreiflich kommentiert. Doch alles wird nicht so heiß gegessen, wie es diskutiert wird. Bald kommt auch schon die nächste Aufregung um die Ecke oder die vier linientreuen Kommunisten marschieren albern durchs Dorf.
Es ist das Jahr 1953 in Rumänien, einige gehorchen freudig dem großen russischen Bruder, andere sind schon enteignet worden, aber die meisten trinken tapfer weiter in der einen Kneipe mit der einen Prostituierten. All diese „deftigen Typen“ sind nicht einfach Kopien ihrer folkloristischen Vorgänger aus vielen Filmen und Geschichten. Der aufbrausende Kneipen-Streit, in dem die Väter der Liebenden immer wieder aufeinander losstürmen und von den genauso lauten Nachbarn auseinander gehalten werden, ist zur liebevollen Parodie übertrieben. Ein freundlicher Spaß, denn ein paar Minuten später werden die Streithähne als Schwiegereltern miteinander saufen: Donnerstag soll Hochzeit sein.
Also schlachtet man eifrig, lieb sich noch ein wenig und schon legt die Roma-Band zünftig los. Doch ein Russe verdirbt den Spaß. Der Standort-Kommandant gibt bierernst und gnadenlos bekannt, dass Stalin in der letzten Nacht verstorben sei und alle sozialistischen Brüdervölker sieben Tage lang trauern würden. Keine Feste, keine Hochzeiten und keine Begräbnisse. Und wie kommt Stalin unter die Erde? Uups - selbstverständlich auch keine Witze. Dieser hätte dem Ortsvorsteher fast das Leben gekostet.
Dass der strenge Soldat vorher die verrückte Schöne, die Feen gleich durch den Wald lief, vergewaltigte und tötete, ist eine bittere Note, die jedoch schnell wieder mit schelmischen Streich der bauernschlauen Dörfler überspielt wird. Hochzeit verboten? Dann umwickeln wir die Stuhlbeine und Gläser mit Leinen, nehmen das Besteck weg und feiern eine stille Hochzeit. Mit stummen Reden, lautlosem Klatschen, ganz stiller Post und einem Magenknurren beim Essen, dass wie Donnerhall klingt. Ein grandioser Höhepunkt des feinen, poetischen Humors. Dem im Lauf des Lebens wieder ein tragisches Ereignis folgen wird ...
In „Stille Hochzeit“ gewinnen Lachen, Hoffnung und Poesie in der ausufernden Fülle dieses bäuerlichen Lebens. Auch wenn der letzte Witz ein bitterer ist: Wo einst Dorf war, hat der Kommunismus eine brutal hässliche Fabrik hingesetzt. Die der Kapitalismus jetzt wiederum abreißen will, um ein neues Dorf zu bauen, einen Freizeitpark!
Avatar
USA 2009 (Avatar) Regie: James Cameron mit Sam Worthington, Zoe Saldana, Sigourney Weaver 161 Min. FSK: ab 12
Mit „Titanic“, dem erfolgreichsten Hollywood-Film bislang, hat James Cameron eine eindrucksvolle Marke im Filmgeschäft gesetzt. Aber „Avatar“ ist ein großer Film, ein einzigartiger Film und tatsächlich das außergewöhnliche Kinoereignis am Ende des Jahres, des Jahrzehnts und am Anfang eines Kinojahrhunderts, das 3D sein soll.
Der Autor, Produzent und Regisseur Cameron erzählt wieder eine übersichtliche Geschichte, die in fantastischen Bildern eine ökologische Utopie ausbreitet: Der querschnittsgelähmte Soldat Jake Sully (Sam Worthington) wird im 22. Jahrhundert für seinen verstorbenen Bruder zum Planeten Pandora geflogen. Mit seinen verwandten Gehirnströmen, soll er in den Körper eines einheimischen Na’vi schlüpfen, das sind drei Meter große, menschähnliche Wesen mit blauer Haut. Die Na’vi wehren sich mit Pfeil und Bogen gegen die hochindustrielle, ultra-moderne Ausbeutung ihres Planeten. Jake sollte eigentlich mit ihnen verhandeln, verliebt sich aber in Neytiri (Zoe Saldana), Tochter der geistigen Anführerin der Na’vi. Nachdem die Menschen brutal und grausam den heiligen Wald der Bevölkerung zerstört haben, kämpft Jake auf Seiten der Wesen, die im Einklang mit der Natur leben.
Die Na’vi sind fantastische Geschöpfe in vieler Hinsicht. Die animalischen Maserungen auf der blauen Haut und auch die Gesichtszüge verraten tierische Aufwallungen, die wir zivilisierten Wesen uns selten eingestehen. Sie sind drei Meter groß, gewaltig, kräftig und gütig. Vor allem leben sie in Harmonie mit der Natur, ja mehr noch: sind tatsächlich verwachsen mit ihr, mit einem leisen Britzeln verflechten sich die Fasern der Na’vi-Schwänze mit den Fühlern ihrer Reittiere oder den gezähmten Flugsauriern. Auch mit Lianen eines magischen Waldes verbinden sich die Na’vi, um Stimmen ihrer Ahnen zu hören. All das ergibt ganz organisch Camerons Poesie einer universalen Harmonie. Viele kleine Momente von Verständigung und Erkennen sind Varianten der 1989 atemberaubenden Tiefsee-Begegnungen und Manifestation freundlicher Außerirdischer in „The Abyss“.
„Avatar“ geht nicht nur mit der Natur, sondern auch mit dem 3D-Format sehr sorgfältig um: Von Anfang an erzeugt er Wirkung durch Größe, durch Tiefe und durch raffinierte Staffelung. Das Labyrinth des Waldes, kleine fliegende Luft-Quallen, gewaltige Flugsaurier, das Funkeln der blauen Haut füllen die Bilder eindrucksvoll. Camerons Unterwasser-Erfahrungen bei seinen monatelangen High-Tech-Tauchaktionen - auf der Suche nach der Titanic, der Bismarck und der fantastischen Meeres-Welt des Mittelozeanischen Rückens für einen Imax-Film - sind nicht nur zu sehen, sondern sogar in der freien Bewegung in allen Dimensionen zu spüren. Besonders die schwebenden Berge, die den Inseln im chinesischen Meer ähneln, auf denen James Bonds „Der Mann mit dem goldenen Colt“ gedreht wurde. Das 3D von „Avatar“ ist übrigens nicht nur einfach dreidimensional. Es ist das 3D, das sich Cameron selber entwickelte, um seine Visionen möglich zu machen. Ohne Rücksicht auf Geld und Zeit (die im Filmgeschäft vor allem Geld kostet). Diese kompromisslose Art, seine Ziele durchzusetzen, ist seit „Titanic“ legendär, wo er den Etat gnadenlos überzog.
Cameron liefert in seinem Film selber ein schönes Bild für die Erweiterung der (Erlebnis-) Möglichkeiten durch Technik: Die männliche Hauptfigur Jake ist ein gebrochener Kämpfer, ein Soldat im Rollstuhl. Die Verbindung mit einem Na’vi-Avatar gibt ihm nicht nur seine Beine zurück, er kann mit dem neuen Superkörper mehr erleben als zuvor als Nur-Mensch. Bei dieser faszinierenden Animation sind nicht allein die Fantasie-Wesen sehr lebendig, Cameron schafft sogar eine viel größere Identifikation, als wenn wir wirklich Amazonas-Indianer oder andere bedrohte Völker aus Afrika, Asien und Südamerika sehen würden. Man sieht mehr. Genau wie beim Grund-Satz des Verstehens, den Jake langsam erlernen muss: I see you. Nicht nur „Ich sehe dich“, sondern auch „Ich erkenne dich tief in deinem Wesen“. Was selbstverständlich mit seiner Lehrerin Neytiri auch zu dem biblischen Erkennen führt.
Die Mischung aus Realfilm und Animation, die Realaufnahmen der Figuren in eine andere Welt entführt, wurde ganz nebenbei auch gut gespielt. Sigourney Weaver, die mit Cameron „Aliens“ drehte, ist diesmal selber ein Alien auf dem Planeten der blauen Wesen. Neben den Avatar-Stars sieht man Michelle Rodriguez („Girlfight“) als Hubschrauber-Pilotin und Giovanni Ribisi als rücksichtslosen Selfridge, Boss und Abgesandter der kapitalistischen Ausbeutung.
„Avatar“ ist ein ökologisches, ein mächtiges Manifest gegen die Rodung des Regenwaldes und die Zerstörung großer Teile unserer Umwelt. Es ist rührend, wie die Na’vi ihre Welt als ein Netzwerk begreifen, in dem alles miteinander verbunden ist. Selbst Tiere, die einen unvorsichtigen Besucher des Waldes anfallen, sind zu betrauern, wenn sie im (unnötigen) Kampf sterben. Gaia, Mutter, Natur - egal wie man es nennt, es sieht und fühlt sich so an, dass man sofort hin- oder gleich noch mal in diese Filmwelt will. Erst in einer Wiedergeburtszeremonie gerät dieser schöne Pantheismus zu kitschig.
Hier grüßt „Matrix“ wieder, die Avatar-Idee wird mit allen Gefahren ausgeführt wie schon in „Tron“. Die Ästhetik der Na’vi-Welt erinnert sehr stark an „Myst“, einen Klassiker des anspruchsvollen Computer-Adventures. Die romantische Mischehe klingt nach Pocahontas, der Indianer-Prinzessin, die sich in den weißen Eroberer John Smith verliebte. Details sind wiedererkennbar, die Na’vi reiten und kriegs-schreien wie Indianer, die Physiognomie ist afrikanisch. Es gibt bei diesem großen „Avatar“-Abenteuer selbstverständlich vieles wiederzusehen und (für den Kritiker) anzuführen, denn angeblich gibt es ja nichts Neues auf dieser Welt. Aber Cameron kommt jedoch mit „Avatar“ dem Gefühl, eine ganz neue Welt zu betreten, sehr sehr nahe.
Tatort DVD-Boxen
Hunderte Morde wurden im Tatort aufgeklärt, Karrieren begannen und wurden gnädig in Nebenrollen verlängert. Klar, dass die ARD diese Krimi-Bibliothek auch auf DVD auswertet. In mehreren Wellen (O-Ton Pressetext) purzeln die Tatorte in die Läden. Und in mehreren Boxen. Die „Tatort Box: Leipzig“ und die „Tatort Box: München“ gehen mit jeweils 3 DVDs an den Start. Die „Tatort Box: Odenthal“ (mit 4 DVDs) dreht sich jedoch nicht um eine Stadt sondern um eine Kommissarin. Die Knallharte bekam ebenso eine eigene Box wie Schimanski und Stoever/Brockmöller. Letzterer liegt ein Klingelton bei. Scherz beiseite - Manfred Krug sollte man eher als ungemein lässigen und swingenden Kommissar erinnern, denn als Telekom-Werbemännchen. Weshalb die „Stoever/Brockmöller“-Box keine Hamburg-Box ist, weshalb Kommissare vier Titel in der Box haben und Städte nur drei, sollte eine eigene Tatort-Folge herausfinden. Die Qualität der Einzelfolgen mit guten Extras bleibt unerschütterlich. Bei dieser „Welle“ etwa mit dem sehr düsteren Einzeltitel „Engelchen flieg“ (Hartmut Griesmayr, 1998) und bei der nächsten Welle (7.1.2010) das „Reifezeugnis“ von Wolfgang Petersen („Das Boot“, „Troja“). Hier Klaus Schwarzkopf zu erwähnen, ehrt die Presseabteilung, aber Nastassja Kinski steigert den Verkauf doch vielleicht mehr.
Das Orangenmädchen
Norwegen, Deutschland, Spanien 2009 (Appelsinpiken) mit Annie Dahr Nygaard, Mikkel Bratt Silset, Harald Thompson Rosenstrøm, Rebekka Karijord, Emilie K. Beck 80 Min. FSK ab 6
„Sofies Welt“ von Josten Gaarder brachte es fertig, gleichzeitig das Denken und die Kassen durchzurütteln. Ein philosophisches Buch, das zum Bestseller wurde. Auch in der Verfilmung von Gaarders Roman „Das Orangenmädchen“ blitzen ein paar große Fragen wie Sternschnuppen auf: „Was ist Zeit?“; die Dauer des Lebens; der Moment und die Ewigkeit; wieso können achtzig Minuten Film so lang (-weilig) sein?
„Das Orangenmädchen“ erzählt gleich zwei Liebes-Geschichten, ohne zu überzeugen oder mitzureißen. Der 16-jährige Georg ist Sternengucker, deshalb ist sein Teleskop auch im Ski-Urlaub mit dabei. Während die anderen Teenager in Norden Norwegens wild flirten und scherzen, wartet Georg zurückgezogen auf einen Kometen. Aber auch die Briefe seines früh verstorbenen Vaters beschäftigen den Jungen. Er bekam sie zum Geburtstag und nun folgt er, nach ersten Protesten, gespannt der Erzählung, wie sein Vater das Orangenmädchen fand und liebte.
Das große Kunststück dieses Films ist, trotz guter Anlagen überhaupt nicht zu packen. Weder heiße Liebesnächte in Sevilla noch romantisches Stern-Schnuppen-Gucken im Winterwunderland kann nur annähernd begeistern. Dazu gesellen sich grobe Fehler. Die negativen Gefühle des Jungen zu seinem Vater bleiben unverständlich. Die späte Entdeckung der Identität des Orangenmädchens ist unglaubwürdig. So bleibt von diesem Film nur die Erinnerung an ein grandioses Buch über das Sternegucken und viel mehr: „Die Entdeckung des Himmels“ von Harry Mulisch!