18.1.17

Manchester by the Sea

USA 2016 Regie: Kenneth Lonergan mit Casey Affleck, Michelle Williams, Kyle Chandler, Gretchen Mol 138 Min. FSK: ab 12

„Manchester by the sea" ist der nächste heiße Preis-Kandidat des Film-Jahres. Ein Affleck-Film, aber mit dem „kleinen" Bruder Casey. Ein emotionaler Film, jedoch ohne den üblichen, tränendrüsigen Kitsch. Die gleiche Thematik wie in „Verborgene Schönheit" und doch ein ganz anderer Film: Als sein älterer Bruder stirbt, kehrt Lee Chandler (Casey Affleck) zurück in seine Heimatstadt Manchester by the Sea an der US-Ostküste. Er kümmert sich um die Formalitäten und seinen Neffen Patrick (Lucas Hedges). Der ist 16, aber viel vernünftiger und erwachsener als Lee. Während der Junge seine Freunde und auch gleich zwei Freundinnen hat, lebt Lee einsam und alles andere als kontaktfreudig. Dabei sind die Mitmenschen an ihm interessiert, bei einem zu langem Blick schlägt er jedoch schon mal besoffen zu.

Eine geschickte Montage mit Rückblenden zu Lees Erinnerungen eröffnet langsam den Grund für seine tiefen Frustrationen. Eine familiäre Katastrophe zur Filmmitte lässt ihn mit schwer erträglicher Schuld zurück. Eine Schuld, die er alleine tragen muss, denn erstaunlicherweise erfolgt keine Strafverfolgung. Der Rest des Lebens ist die Strafe für ihn. Deshalb ist die Rückkehr zum Ort voller Erinnerungen unerträglich, deshalb kann er sich auch nicht in Manchester um Patrick kümmern, der gerne an seiner Schule, bei seinen Freunden und beim geliebten Boot des Vater bleiben würde.

Filme über Einzelgänger, die sich plötzlich um andere Menschen kümmern müssen, sind schon fast ein eigenes Genre. „Manchester by the sea" ist darin auf eine ruhige Art intensiv und durchgehend packend. Ohne Kitsch, ohne Vereinfachung oder Abkürzungen. Lee kümmert sich gut um praktische Probleme und Alltagssorgen, als Hausmeister und im eigenen Leben. Im Umgang mit Menschen bekommt der fast katatonisch Unnahbare nicht mal Smalltalk hin. Mit den Verwandten bleibt er hilflos, distanziert. Der vaterlose Patrick muss selbst auf ihn zugehen.

In der Kinowoche der unkontrolliert im Leid verschlossenen Männer ist „Manchester by the sea" die bessere Empfehlung. Interessant und bis auf den Einsatz klassischer Musik in den großen Momenten, zurückhaltend berührend, allerdings nicht über die Maßen genial inszeniert. Jedoch, auch wenn es ein langer Film ist, gelingen Regisseur Kenneth Lonergan knappe, klare Szenen wie Patricks erstes Wiedersehen mit seiner Mutter nach Jahren. Es gibt kein großes Happy End, keine Wunder, aber kleine Fortschritte wie eine Umarmung.

Bei dieser Männerproblematik kommen Frauen nicht besonders gut weg. Die kleinen und großen Jungs wollen ihren besoffenen Spaß und Frauen meckern dabei rum. Was, wie die taz und die New York Times bemerkten, symptomatisch auch für die anderen Filme aus dem Affleck/Damon-Umkreis sei. In Folge des frühen Erfolges „Good Will Hunting" gab es mehrere Zusammenarbeiten von Ben Affleck und Matt Damon, der hier produzierte, vor und hinter der Kamera. Casey Affleck, Matt Damon und Gus Van Sant realisierten so 2005 den extremen Wüstenfilm „Gerry", ganz ohne Frauen. Ironischerweise und konsequent in der Logik des Films hat nun in „Manchester by the sea" Michelle Williams als ehemalige Frau von Lee die emotionalste Szene. Schon ihr Auftritt macht den Film sehenswert.

16.1.17

Der die Zeichen liest

Russland, 2016 (Uchenik) Regie: Kirill Serebrennikow mit Petr Skwortsow, Wiktoria Isakowa, Julia Aug 118 Min. FSK: ab 12

Wie ein russischer Taliban gebärdet sich der Teenager Benjamin (Petr Skwortsow) in der Schule - nur ist die Betriebsanleitung für diesen Wahnsinn nicht der Koran sondern die christliche Bibel: Zuerst weigert sich der Junge mit der Bibel in der Hand, am Schwimmunterricht teilzunehmen. Die Bekleidung der Mädchen sei unzüchtig, erklärt er mit passendem Zitat aus dem Alten Testament. Zum Schnellfeuer der Bibelsprüche werden deren Quellenangaben als Text eingeblendet. Arrogant und selbstgerecht macht er allen moralische Vorwürfe. Die Themen Homosexualität und Verhütung führen im Biologie-Unterricht wie im tiefsten Bayern zu einem Aufruhr Benjamins und dann der gesamten Schulleitung. Die Evolutionstheorie wird gleich mit angegriffen, während der aggressive Gymnasiast im Affenkostüm herumturnt.

Ist es nur eine pubertäre Verwirrung, die anderswo zum Amoklauf führt? Einen gehänselten Mitschüler mit einem kürzeren Bein will Benjamin aber tatsächlich heilen. Seine Mutter verzweifelt, das versoffene, abgewrackte Lehrerkollektiv, ein Mikrokosmos der russischen Gesellschaft, suhlt sich rückwärtsgewandt in Melancholie. Das bebildert Regisseur Kirill Serebrennikow kunstvoll, wenn die Klasse im Geschichtsunterricht - in Benjamins Wahn? - plötzlich in den Schuluniformen der betreffenden Stalin-Zeit gekleidet ist.

Mit beeindruckender handwerklicher Exzellenz und großer Kunstfertigkeit inszeniert er erschreckende Erscheinungen, die deshalb nicht weniger real sind. Die sehr vernünftige, aufgeklärte Biologielehrerin Lena treibt das fast in den Wahnsinn. Als auch eine geschlossene Front rückständigen Denkens sie nicht kleinkriegt, verfällt die Gesellschaft der Lehrer ausgerechnet während des Disziplinarverfahrens gegen Benjamin ein eine Hexenjagd gegen die Jüdin Lena. So scheitern ihre klugen Versuche, ihn mit den eigenen Waffen, also noch mehr Bibelsprüchen, zu schlagen. Das seit seinem Debut in Cannes gefeierte junge Meisterwerk nach Marius von Mayenburgs Bühnenstück „Märtyrer" ist nicht nur hochinteressant in diesen Zeiten wiederaufkeimender Religiosität, sondern auch besonders packend realisiert.

Verborgene Schönheit

USA, 2016 (Collateral Beauty) Regie: David Frankel mit Will Smith, Edward Norton, Kate Winslet, Michael Peña, Helen Mirren, Keira Knightley 97 Min. FSK: ab 0

Der neue Will Smith-, oder je nach Geschmack: Der neue Kate Winslet-Film ist einer, bei dem sich sicher Tränchen zerdrücken lassen. Ein Film, der mit einem sehr dichten Star-Aufkommen beeindruckt. Edward Norton, Kate Winslet, Michael, Helen Mirren, Keira Knightley, alle spielen gut, die Inszenierung von David Frankel hat einige grandiose Momente. Trotzdem ist der Film an den US-Kinokassen gescheitert. Er zeigt eine sehr interessante Form des Scheiterns beziehungsweise eine Vermischung ganz unterschiedliche Erzählstimmungen:

Der erfolgreiche New Yorker Werbemanager Howard (Will Smith) ist seit zwei Jahren nur noch der „Zombie-Champion im Domino". Seit seine sechsjährige Tochter starb, baut er im Büro wortlos mehrstöckige Reihen aus Dominosteinen und lässt sie alle paar Tage in Kettenreaktion zusammenfallen. Wie das Verwehen einer Mandala ein großartiges Bild für Endlichkeit und die Vergeblichkeit aller menschlichen Mühen. Ganz banal steht auch die Werbefirma von Howard und seinen drei Partnern kurz vor dem Zusammenbruch. Whit (Edward Norton), Claire (Kate Winslet) und Simon (Michael Peña) wollen das Geschäft verkaufen, aber brauchen die Zustimmung von Howard, der nicht mehr spricht und mit unbeleuchtetem Rad nachts alleine in der Stadt rast. Moderne esoterische Heilungsversuche, unter anderem mit einem Schamanen aus Peru, blieben erfolglos.

Es könnte eine satirische Gesellschaftskomödie sein, wie diese drei gebildeten New Yorker den Wahnsinn ihres Kollegen beweisen wollen. Er ist ihr Freund, aber das Geld brauchen sie auch alle. Deshalb heuern sie drei scheinbar dahergelaufene Schauspieler an, die in Begegnungen mit Howard die Liebe (Keira Knightley), den Tod (Helen Mirren) und die Zeit (Jacob Latimore) verkörpern sollen. Denn diesen drei Konzepten schrieb der verbittert Trauernde wütende Briefe.

Der Film braucht recht lange, um die komplizierte Sache ans Laufen zu bekommen. Und es bleibt vielschichtig, denn die Schauspieler von Liebe, Tod und Zeit sind einerseits in ihren Eitelkeiten („darf ich noch mal auftreten?") herrlich menschlich, blitzen aber auch zwischendurch mit Weisheiten auf, die nicht von dieser Welt zu sein scheinen. Und zufällig besprechen sie sich mit jeweils einem Geschäftspartner Howards, der ein passendes Problem hat: Der Verstandesmensch Whit verliert die Liebe seiner Tochter, Claire läuft beim Wunsch, ein Kind zu bekommen, die Zeit davon, und Simon steht kurz vor dem eigenen Tod, was er noch niemandem gesagt hat.

Der Originaltitel bringt ein schwieriges Konzept auf den Punkt: „Collateral Beauty" ist die Schönheit, die es in all dem Schmerz und Schrecken des Verlustes eines geliebten Menschen auch geben soll. Diese Idee ist ganz schön verwegen - vor allem für einen einfachen Tränendrüsenfilm aus Hollywood.

Klingt reichlich konstruiert, ist aber durch das sehr gute Spiel von Smith, Winslet, Norton und Co. gar nicht so schlimm. Die Dialoge haben in ihrer Vielschichtigkeit und den Wortspielen literarische Qualitäten. Wenn die „Hegel theatre company" sinniert, ob dies eher ein Stoff von Noël Coward oder von Tschechow sei, dann will „Verborgene Schönheit" Tschechow sein, ist in besten Momenten eine Gesellschaftskomödie von Coward und zu feige, um den Hollywood-Simplizismus des großen Gefühls hinter sich zu lassen.

Ritter Rost 2 - Das Schrottkomplott

BRD 2017 Regie: Thomas Bodenstein, Marcus Hamann 87 Min. FSK: ab 0

Das Drehbuch ist idiotensicher: Weil die Ritter des Königs wegen ausufernder Verschwendung der Prinzessin entlassen werden sollen, gibt es eine terroristische Bedrohung. Mit angeheuertem Drachen, selbstverständlich selbst inszeniert von den Sicherheitskräften und -diensten. Das was Ritter Rost in dem sympathischen und klugen Kinder-Zeichentrick „Ritter Rost 2 - Das Schrottkomplott" einfädelten, geht reichlich schief. Eine blöde Prinzessin macht einen Polizeistaat möglich, in dem jeder belauscht, verfolgt und verhaftet wird. Wie in „Star Wars" entsteht eine Armee aus Polizisten, hier Clopse genannt. Erst verkauft Ritter Rost die Erfindungen seines verstorbenen Vaters an die falsche Seite, später retten die tolle verrückten Maschinchen Ritter, Burgfräuleins und das ganze Schrottland.

„Ritter Rost 2 - Das Schrottkomplott" erzählt eine überraschend aktuelle und sogar politische Geschichte witzig und intelligent in einem Zeichentrick für Kinder. Es knubbeln sich um den sympathisch menschlichen Schrotthaufen Ritter Rost (wunderbar gesprochen von Christoph Maria Herbst) haufenweise irre detaillierte Figuren und Nebenfiguren. Die liebvollen Zeichnungen der Kinderbücher von Jörg Hilbert und Felix Janosa wurden in dieser herausragenden deutschen Trickproduktion übernommen. Da kommt selbst die Familie Kaffeeservice nicht unter die Räder und der Mond ist tatsächlich eine Sichel. Kleine Steuergeschenke, leere Staatskasse und Selbstbedienung der Regierung werden nebenbei sehr anschaulich erklärt. Für reichlich Humor sorgen Minion-Soldaten, selbst eine rasante Achterbahnfahrt in den Burgkeller gelingt. Die Sets mit Burgen, mittelalterlichen Städten und einer Titanic oben auf dem Schrottberg sorgen für Augen-Spaß. Dieser Film wird alle, auch Finanzminister Ratzefummel glücklich machen, denn die Schwarze Null ist garantiert!

10.1.17

Die Blumen von gestern

BRD, Österreich, 2016 Regie: Chris Kraus mit Lars Eidinger, Adèle Haenel, Jan Josef Liefers, Hannah Herzsprung 126 Min. FSK: ab 12

Ein Komödie, noch dazu eine romantische, über das Zusammentreffen eines deutschen Täter-Enkels und einer Opfer-Enkelin ist eine eher heikle Angelegenheit. Chris Kraus („Poll", „Vier Minuten") traut sich Screwball-Dialoge, Scherze über moralische Keulen und einen verklemmten Umgang mit dem Holocaust.

Totila Blumen (Lars Eidinger) und Zazie Lindeau (Adèle Haenel) sind zwei schwer gestörte Holocaustforschern, die an einem Auschwitz-Kongress arbeiten. Dabei hat die witzige Zazie ein Verhältnis mit dem schleimigen Institutsleiter Balti (Jan Josef Liefers) den Totila kürzlich krankenhausreif geschlagen hat. Dass Totilas Großvater Zazies Oma hat vergasen lassen, hindert die traumatisierte Französin nicht, mit dem Nazi-Enkel ins Bett zu wollen. Klingt haarsträubend, lässt sich aber im wahnsinnigen Schauspiel von Eidinger und Adèle Haenel („Das unbekannte Mädchen") tatsächlich ansehen. Dabei weigert sie sich, Mercedes-Wagen oder Biere aus dem Land der Mörder zu gebrauchen. Er findet in guter Tradition Lyrik aus Deutschland unmöglich und meint: Ich bin Holocaust-Forscher, ich verdien' mein Geld damit, negativ zu sein. Der Humor legt dabei einen Schlingerkurs zwischen Volltreffern und Grenzwertigem hin, der sich auf jeden Fall als interessanter und nachdenkenswerter als die übliche Bewältigungs-Routine erweist. Ein frecher, komischer, mutiger und gelungener Film.

Hell or High Water

USA 2016 Regie: David Mackenzie mit Jeff Bridges, Chris Pine, Ben Foster, Gil Birmingham 102 Min. FSK: ab 12

Wenn sich im Casino der Comanche und der weiße Redneck Stirn an Stirn gegenüberstehen, sind mittlerweile beide Verlierer: Dem einen raubte der Weiße Mann das Land, dem Weißen Mann rauben die Banken die Häuser, um die eigenen Zockereien auszugleichen. Ein Western von heute hat als „Outlaws" zwei Brüder, die das verschuldete Häuschen ihrer nach teurer Krankheit verstorbenen Mutter retten wollen. Dazu rauben sie Banken wie Bonnie und Clyde, um bei den selben Banken die Schulden abzulösen.

Der kluge Toby (Chris Pine) hat den Plan und der jähzornige Tanner (Ben Foster) die Waffen. Sie fahren durch wertloses Weideland, das vielleicht Öl hergibt, vorbei an riesigen Plakaten mit Kredit-Angeboten der Banken. allen hier steht das Wasser bis zum Hals, überall sind brave, einfache Leute, denen die Banken das von Hypotheken belastete Heim wegnimmt.

Superheld Chris Pine steht diesmal auf der Seite der Verlierer, ihm steht der Cowboy sehr gut. Die Texas-Ranger Marcus Hamilton (Jeff Bridges) und Alberto Parker (Gil Birmingham) stellen sich in der ersten Szene als identisch gekleidetes Komiker-Duo vor. Jeff Bridges trumpft auch in dieser Rolle auf, wie letztlich so oft, schwer verständlich.

Der Schotte David Mackenzie machte aus „Hell or High Water" von Autor Taylor Sheridan einen Western von heute: Spannend, exzellent gespielt, mit viel Einblick in die Situation der Menschen und des Landes. Wenn nach einem missglückten Bankraub direkt ein Haufen schießwütiger Amerikaner zur Stelle ist, zeigt die gleichzeitig komisch und erschreckend etwas vom Waffenwahn dieses lebensgefährlichen Staates. Sheridan schrieb übrigens auch das Buch zu dem hochspannenden und politischen Drogenthriller „Sicario", ein ebenso exzellentes Script. Dazu erklingen sehr passende Lieder, die Filmmusik stammt von Nick Cave und Warren Ellis.

La La Land

USA 2016 Regie: Damien Chazelle mit Ryan Gosling, Emma Stone, J.K. Simmons 128 Min. FSK: ab 0

Dass „La La Land" mit gleich sieben Golden Globes der absolute Überflieger der neuen Preis-Saison ist, sollte Anlass sein, das Alter der Jurys zu überprüfen. Denn die wunderschöne Musical-Romanze vom jungen Ausnahme-Regisseur Damien Chazelle („Whiplash") glänzt vor allem nostalgisch.

Wir sind im „La La Land"! Da gibt es keine Zweifel, wenn schon in der ersten Szene oben auf einem verstopften Hollywood-Highway unvermittelt in Gesang und Tanz ausgebrochen wird. Bereits dies eine großartige, umwerfende Nummer im Cinemascope-Format und in knalligen Farben, die an Technicolor erinnern. Bis unser Liebespaar zusammen kommen wird, erleben wir jedoch noch wie Mia (Emma Stone) als angehende Schauspielerin nicht besonders erfolgreich ist und wie Sebastian (Ryan Gosling) als frustrierter Ex-Besitzer einer Jazzbar nicht in der Lage ist, einen Pianisten-Job mit Fahrstuhl-Musik zu behalten. Dass wir auch noch warten müssen, bis die beiden ihr erstes Duett haben, liegt daran, dass der Jazz-Nerd Sebastian zu sehr in seiner eigenen Welt steckt und diese umwerfende Frau erst einmal umrennt.

Das Musical blitzte als vergessenes Film-Genre in den letzten Jahren nur noch selten auf: Lars von Trier machte aus „Sound of Music" seinen „Dancer in the Dark", Baz Luhrmann aus Pop-Geschichte sein „Moulin Rouge" und die BBC-Meisterwerke von „Singing Detective" Dennis Potter, der in „Lipstick on Your Collar" Ewan McGregor erstmals singen ließ, sind alle fast vergessen. Während die Franzosen die Tradition von Jacques Demy („Die Regenschirme von Cherbourg") wenig pflegten, besteht nur noch Indien darauf, in jedem Film mindestens zwanzig Lieder einzubauen. Dies muss auch Regisseur Damien Chazelle schmerzhaft empfunden haben, ist doch sein „La La Land" auf den ersten Blick ein Musical wie zu Hollywoods besten Zeiten.

Wie der Free-Jazzer Sebastian nimmt Chazelle allerdings auch den klassischen Musical-Standard und variiert ihn mit seinen eigenen Rhythmen und Paraphrasen. „La La Land" ist das Werk eines Romantikers, der sich als einer der hoffnungsvollen Nachwuchs-Regisseure dieser Zeit treu bleibt. Er inszeniert mit Bravour lange und komplizierte ungeschnittene Sequenzen. Dazu stilvolle Montagen mit eleganten Überblendungen, viele Lichtwechsel in der Szene. Was allerdings manchmal mehr wie eine filmhistorische Nummernrevue wirkt als aus einem Guss.

Dabei erlebt die Liebe ihr kurzes Glück im Lobgesang auf freie kreative Improvisation. Denn selbstverständlich kann das Thema zweier Künstler, die ihren Weg suchen, immer spielend leicht auf den Film übertragen werden. So glänzt das zeitweise himmlische Musical mit obligatorischer Steppeinlage, sehr schönem, bitter-süßem Leitmotiv und umwerfendem Stone-Lied für alle Träumer, das schon für den Oscar und die Film-Ewigkeit gesetzt ist.

Ryan Gosling ist immer am besten, wenn er den Mund hält. Hier also sprechend nicht umwerfend, geschweige denn singend. Seine Coolness wirkt etwas verloren gegen diese Urgewalt von Charme bei Emma Stone. Für sie gab es schon 2016 in Venedig den Preis als Beste Darstellerin. Trotzdem gelingt den beiden eine lebendige, funkelnde und sogar sprühende Romanze. Die Chemie funktioniert, sagt man. So sehr, dass beim ersten Kuss ein Film verglüht.

9.1.17

Why him?

USA, 2016 Regie: John Hamburg mit James Franco, Bryan Cranston, Zoey Deutch, Megan Mullally 112 Min. FSK: ab 12

Blöde Frage! „Why him?", wieso der? Weil James Franco alles kann. Von super bis peinlich romantisch, vom ernsten Drama bis zu bescheuertsten Klamauk. Und in dieser Ecke tummelt er sich mit diesem „Mein Schwiegervater, meine Perversitäten und ich". „Why him?" funktioniert von Anfang an nur in Kombination mit dieser furchtbaren amerikanischen Verklemmtheit. Nur wenn beim Anblick eines nackten Hintern die Welt zusammen bricht, hat diese Komödie eine Grundlage:

Ned (Bryan Cranston) ist ein Unternehmer vom alten Eisen, beziehungsweise von der aussterbenden Papierindustrie, dessen Druckerei eigentlich pleite ist. Dieser fürsorgliche Vater aus Ohio besucht mit seiner Familie zum Weihnachtsfest Tochter Stephanie (Zoey Deutch) in Kalifornien und trifft auf deren neuen Freund Laird (James Franco). Der total durchgeknallte Internet-Millionär hat ihr Tattoo über dem Herzen und die Weihnachtskarte der Familie frisch auf dem Rücken gestochen. Auf dem riesigen Grundstück hält Laird sich einen Selbstversorger-Zoo, schräge Angestellte und Kunst, noch provokanter als er selbst. Direkt zur Begrüßung gibt es einen Austausch, auf welchem Flüche-Stand der 15-jährige Bruder Stephanies ist - zum Entsetzen der Eltern. Ein im eigenen Urin eingelegter Elch wartet im Wohnzimmer auf seinen komödiantischen Einsatz, in jedem Raum der Hightech-Villa lauscht eine Verwandte von Apples Siri. Dies sind alles nur die modernen Zutaten für den klassischen Schwiegervater-Konkurrenzkampf.

Wenn bei der halbwegs ernsten Unterfütterung der Buchdruck ohne Chance gegen das Internet antritt, also das Baum-Massaker gegen eine papierlose Welt, muss selbst das Toilettenpapier für einen der schmierigen Scherze verschwinden. Ausgerechnet beim Toilettengang im papierlosen Haushalt gibt es einige technische Probleme mit der Hightech-Spülung eines Popo-Prototypen („Tesla of Toilets"), was zu Fäkal-Scherzen 2.0 mit einem Reboot des System von innen führt.

Bryan Cranston („Trumbo", „Breaking Bad") kann nicht nur in dieser peinlichen Szenen tatsächlich neben einem furios aufspielenden James Franco bestehen. Nach der Verlobungsanfrage kommt das Duell in Schwung, allerdings hat das große Kind Laird trotz aller Spleens mit einer entwaffnenden Liebenswürdigkeit immer die besseren Karten. So baute er für den Schwiegervater gleich zwei Bowling-Bahnen ... mit dessen Porträt als Dekoration! Dieser Schwiegervater-Klamauk kommt mit Produzent Ben Stiller aus der gleichen Ecke wie dessen Duells mit DeNiro. Es gibt auch einen „Inspector Clouseau"-Running Gag mit dem attackierenden Diener Gustav (Keegan-Michael Key), was allerdings nur noch der alte Mann Ned (er-) kennt. Ganz zu schweigen vom Ur-Opa dieses Genres, dem „Vater der Braut" mit Spencer Tracy aus dem Jahr 1950! Dazu noch ein Haufen Cameos von Teslas Elon Musk bis zu Kiss beim Heiratsantrag.

Wie extrem verklemmte, ältere Leute einen sehr verrückten Hightech-Guru treffen, muss man nicht unbedingt sehen wollen. Allerdings ist dieser Blödsinn richtig gut gespielt und vor allem, wenn er richtig überdreht, tatsächlich komisch.

The Hollars

USA 2016 Regie: John Krasinski mit Anna Kendrick, John Krasinski, Anna Kendrick, Mary Elizabeth Winstead 88 Min.

Ein Film wie das Leben – um es mal positiv zu sehen: Mit Geburt und Tod, mit Trauer, Streit und Versöhnung. Anständig gemacht, gut gespielt. Etwas witzig, unvermeidlich rührselig… und schon tausende Mal gesehen. Es hängt wohl von der Stimmung ab, ob man John Hollar (John Krasinski) aus New York zurück ins Städtchen seiner Herkunft folgen will. Seine Mutter Sally (Margo Martindale) brach dort gerade mit einem Gehirntumor zusammen. Vater Don (Richard Jenkins) heult deshalb nur rum. Der eher unter-intelligente Bruder Jason (Charlie Day) zog nach Scheidung und Entlassung aus Vaters bankrottem Handwerkerladen ausgerechnet wieder zuhause ein. Irgendwie sind alle verrückt oder beschränkt im Ort der Jugend. Johns Jugendliebe Gwen (Mary Elizabeth Winstead) schiebt ihm zur Begrüßung die Zunge in den Mund, obwohl ihr Mann nebenan Bier holt. Dieser Jason (Charlie Day) ist ausgerechnet Krankenpfleger der Mutter, eifersüchtig und auch sonst seltsam – siehe oben. John selbst ist Comic-Zeichner mit Schreibblockade und hat Zweifel bezüglich seiner Zukunft mit der schwangerer Freundin Rebecca (Anna Kendrick). Die kommt auch noch vorbei, während Jason die neue Familie seiner Ex stalkt. Also alles perfekt für eine tragikomische Familientherapie: Zurück zu den Wurzeln, um aus der Distanz des Vergangen zu betrachten, wo man jetzt steht.

Geburt und Tod, Hochzeit und Begräbnis, mit Wehen im Leichenwagen ... diese persönliche Arbeit von Regisseur, Hauptdarsteller und Produzent John Krasinski lief auf dem Sundance-Festival, was nicht für den ehemaligen Hort des Independent-Films spricht. Anständige Schauspieler in einer routinierten Inszenierung, aber so interessant wie das gleiche gute Graubrot, das man seit Jahren isst. Ein wenig witzig, unausweichlich rührend, wie die Figuren ist der Film seltsam, kann aber auch liebenswert wirken. Hat doch John ein schönes, offenes, fast freundschaftliches Verhältnis zur Mutter. Und dann der Männerchor beim Lied zum möglichen Abschied vor Operation... „The Hollars" werden die eine oder andere unterhalten, können aber auch ganz furchtbar anöden.

PS: All die Filme, die uns Woche für Woche vorgesetzt werden, sind ja nur die Spitze des Eisbergs der US-Produktion. Es gibt unter der Mehrzahl der anderen, die auch mit großen Namen und schicken Plakaten in anderen Ländern oder auf DVD rauskommen, viel Interessantes. Nur weshalb zeigt man uns stattdessen immer wieder das Gleiche, nur in mittelprächtig?

8.1.17

The Great Wall

VR China,USA, 2016 Regie: Zhang Yimou mit Matt Damon, Jing Tian, Pedro Pascal, Willem Dafoe, Andy Lau 103 Min.

„The Great Wall" ist der teuerste chinesische Film bis heute. Wenn Matt Damon als Söldner aus dem Westen einer chinesischen Generalin beim Kampf gegen außerirdische Monster behilflich ist, will Hollywood mit dieser Zusammenarbeit seine Position am bald einträchtigsten Kinomarkt im Milliarden-Reich sichern. Der frühere Kunst- und heutige Staats-Regisseur Zhang Yimou („House Of Flying Daggers", „Hero", „Rote Laterne") macht aus dem Drehbuch dreier Männer aus dem Westen ein eindrucksvolles Propaganda-Spektakel ohne eigentliche Substanz.

Im 11. Jahrhundert zieht es westliche Abenteurer nach China, um das sagenhafte Schwarzpulver zu rauben. William (Matt Damon) und Pero Tovar (Pedro Pascal) entdecken stattdessen eine enorme Verteidigungsmauer und ein hochgradig organisiertes Heer. Die Armee des Kaisers, optisch reizvoll in farbige Truppenteile geordnet, verteidigt die Verbotene Stadt auf diesem Vorposten gegen eine Invasion von Drachenwesen namens Taotie, die alle 60 Jahre auftauchen. Mit all seinen Orks und anderen Hässlichkeiten ist der „Herr der Ringe" ein Ringelreien gegen diese bissige grüne Flut aus dem Film-Computer. Der imposante Aufmarsch einer hochgradig spezialisierten Armee und ihre erstaunlich fortschrittliche Kriegs-Technik können die Monster nicht aufhalten. Die beiden Männer aus dem Westen kämpfen einfach besser, wenn die Robin Hoods dazu allerdings auch das Doping eines Steins nutzen, welcher die Funkverbindung der fremden Aggressoren stört.

Es ist ein ganz schöner Humbug, den sich die Autoren Carlo Bernard, Doug Miro und Tony Gilroy da ausgedacht haben. Regie-Meister Zhang Yimou macht daraus mit gigantischen Massenszenen und atemberaubenden Panoramen große Kriegs-Propaganda für eine aufstrebende Militärmacht. Farbenspiele, für die Zhang Yimou schon in seiner Zeit als unabhängiger und Arthouse-Regisseur („Rote Laterne" 1991, „Judou" 1990, „Rotes Kornfeld" 1987) bekannt war, betören die Augen. Allerdings sind die Monster auch wie im billigen Trash-Film animiert. Dabei stehen sich sehr simpel der Söldner und das opferbereite Volkskollektiv, Egoismus dem Gemeinschaftssinn gegenüber. Allerdings ist auch der Gegner so ein zentralgesteuerter Schwarm von Wesen ohne eigenen Willen, siehe „Independence Day" oder die Borg. Unglaublich naiv auch, wie vorgegaukelt wird, dass Waffen für etwas Gutes oder schädlich eingesetzt werden könnten. Das ist Karl May-Niveau, erzählt mit einem Milliarden schweren Staats-Etat für Propaganda.

2.1.17

Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki

Finnland, Schweden, BRD, 2016 (Hymyilevä mies) Regie: Juho Kuosmanen mit Jarkko Lahti, Oona Airola, Eero Milonoff 93 Min. FSK: ab 6

Eine finnische Box-Legende kommt anders daher als ein Schmeling oder ein Muhammad Ali. Deshalb ist „Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki" so wunderbar unprätentiös wie seine Hauptfigur: 1962 kann Olli Mäki Boxweltmeister im Federgewicht werden. Sein ehrgeiziger Trainer und Manager Trainer Elis, ein ehemaliger Champion, will daraus ein großes Ereignis und aus Olli einen Star machen - für damalige Verhältnisse. Doch Olli ist vor allem verliebt, in seine wunderbar bodenständige und sympathische Freundin Raija. Die kommt mit nach Helsinki, schaut sich den ganzen Rummel eine Weile mit spöttischen Mundwinkeln an und haut dann wieder ab. Nicht die beste Vorraussetzung für Ollis Training, der zudem auch abnehmen muss, aber die Idee, in einer leichteren Klasse anzutreten, von Anfang an nicht toll fand.

Der unter anderem in Cannes ausgezeichnete Debütfilm von Juho Kuosmanen braucht kein künstliches Drama, der glaubhaft und nachvollziehbar gezeichnete Protagonist mit seiner Sehnsucht nach Raija und einem stillen Blick auf seine Umgebung kann allein das Interesse halten. Es ist eine sehr nette Idee, die Kritik an der heute marktbeherrschenden Vermarktung (nicht nur im Sport) so früh anzusetzen. Sponsoren machen sich wichtig, ein „Nationalheld" soll aufgebaut werden. In einem besonders schönen Bild schnappt Olli sich beim Lauftraining einen verlorenen gegangen Drachen und rennt lachend mit ihm weiter. „Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki" ist nicht nur deshalb ein anderer, ein interessanter Sportfilm. Vor allem aber ein sicher inszenierter, gut gespielter und fotografierter Menschen-Film. Lakonisch, wenn auch nicht in Reinform wie bei Aki Kaurismäki, tritt „Olli Mäki" in bester finnischer Film-Tradition an.

1.1.17

Die Taschendiebin

Südkorea, 2016 (Ah-ga-ssi) mit Kim Min-hee, Kim Tae-ri, Ha Jung-woo, Jo Jin-woong 144 Min.

„Old Man"Park Chan-Wook ist zurück - ganz unerwartet mit einem erotischen Thriller. Also knisternde Erotik von dem Regisseur, der uns so wunderbare und unglaublich gewalttätige Szenen gegeben hat.

Im Korea der 30er Jahre lebt die unnahbare Lady Hideko mit ihrem dominanten Onkel Kouzuki in einem stilvollen (Horror-) Haus. Das scheinbar naive neue Dienstmädchen Sookee ist tatsächlich eine äußerst geschickte Betrügerin und engagiert, um Hideko dem Grafen Fujiwara in die Hände zu spielen, der sie nach der Hochzeit um ihr Vermögen bringen will. Allerdings verlieben sich die beiden Frauen ineinander und leben einen Teil der Porno-Literatur nach, den der perverse Onkel sammelt, fälscht und handelt.

Die Komplizin wird zum Konkurrenten in Sachen Verführung, dabei kommentiert sie beiseite die stümperhaften Bemühungen des Grafen Fujiwara. Der erfolgreiche Fortschritt des Plans führt zu Eifersucht und einer bösen Überraschung am Ende des ersten Teils.

Der zweite, eine echte Horrorgeschichte, erzählt dann von der brutalen Erziehung Hidekos zu einer Vorleserin für erotische Literatur. Es entwickelt sich ein mehrfach doppeltes Spiel. Wobei es erst unklar bleibt, wer letztendlich wen betrügt. Es geht um Fälschungen von Büchern, Bildern und von Gefühlen. Bei jeder neuen Geschichte, versteht man die letzte besser.

Nach Sarah Waters' Buch „Solange du lügst" inszenierte Südkoreas berühmt-berüchtigter Kult-Regisseur Park Chan-wook mit „Die Taschendiebin" eine leichte, aber sehr schöne Spielerei. Kein Schocker wie „Oldboy" oder auch Park Chan-wooks US-Produktion „Stoker". Eher ein großer Emanzipations-Akt für die erotische Vorleserin, die nie ihr Haus verlassen durfte. Ja, beim ruppig-eleganten Park Chan-wook ging es schon immer auch um die Rechte und Rachen von Frauen. Am deutlichsten bei „Lady Vengeance" aus 2005.

In „Die Taschendiebin" gibt es lange keine Spur von Park Chan-wooks legendärer „Old Boy"-Brutalität, die aber im dritten Teil zusammen mit seinem Markenzeichen, einen Octopus, wieder auftaucht. Doch wie schon die Sozial-Fiction „Snow Piercer", wie der ultra-schräge Science Fiction „I'm a Cyborg, But That's OK", wie der Psychothriller „Stoker" ist auch „Die Taschendiebin" etwas ganz Neues.

Gleichzeitig traditionell in Dekor und Geschichte sowie modern in Montage und Kamera inszeniert. Aber vor allem äußerst stilvoll fotografiert und aufgenommen, mit edler Kleidung, schönen Gesichtern und Einrichtungs-Tableaus ausgestattet. Ein außerordentliches Leinwandvergnügen, das erst ganz am Ende drastisch fies wird. Aber da kann man ja vorher rausgehen, auch die vorletzte Version der Geschichte ist schon sehr sehenswert.

Plötzlich Papa

Frankreich, Großbritannien, 2016 (Demain tout commence) Regie: Hugo Gélin mit Omar Sy, Clémence Poésy, Antoine Bertran, Gloria Colston 118 Min. FSK: ab 0

Ziemlich blöde Filme aus Frankreich werden uns gerne als Kassenschlager angedreht. Am besten ist noch Omar Sy dabei, damit es kein Vertun gibt. Diesmal spielt er in einem weichgespülten französischen Remake der mexikanischen Tragikomödie „Plötzlich Vater" von Eugenio González Derbez: Party-Macher und Skipper Samuel (Omar Sy) bekommt von Kristin (Clémence Poésy) das Baby in die Arme gedrückt, das er vor einem Jahr bei einer seiner vielen Abenteuer gezeugt hat. Daraufhin verschwindet sie. Auf der Suche nach der Mutter jettet Sam nach London und bleibt dort ziemlich glücklich mit der Tochter Gloria (Gloria Colston) hängen. Bis das Drehbuch grausam zuschlägt...

Wenn der Vater mit dem Sohne oder der Tochter - das ist ein in allen Generationen und Ländern durchgenudeltes Thema. Selbst Schwarzenegger musste mal durch diese Hölle, „Drei Männer und ein Baby" gab es sogar in mehr als drei Varianten. Die Wiederholung „Plötzlich Papa" wird nun mit viel Hektik vorangetrieben. Dass es dabei oft film-mäßig unrealistisch zugeht, dass es wirkt, als ob das mit dem Baby alles ein Spaziergang ist, macht „Plötzlich Papa" zu einem dieser Filme, die in ihrer glatten Belanglosigkeit sicher dafür sorgen, dass auf keinen Fall etwas hängen bleibt. Sam bekommt selbstverständlich nach wenigen Minuten in London einen super bezahlten Job als Stuntman, bei seinem schwulen Producer ein Zimmer und mit diesem Bernie auch noch Babysitter und Zweit-Mama.

Diese Banalität steht in heftigem Kontrast zu der recht aufwändigen Inszenierung. Die ist routiniert und voll auf Omar Sy abgestellt. Falls das nicht funktioniert, gibt es ja noch ein „oh wie süß"-Baby, viel krampfigen Spaß mit der Tochter im Kinderparadies, Weichspüler-Musik und einen Streit ums Kind. Oh ja, und eine tödliche Krankheit. Wenn dem Drehbuch nichts einfällt, holt es halt den Holzhammer raus. Der Film zum Abgewöhnen wurde seelenlos zusammengebastelt aus Versatzstücken anderer Schmonzetten, die großen Wendepunkte sind extrem unglaubwürdig. Zudem zieht der Film sich gnadenlos in die Länge, Nebendarsteller chargieren arg herum, die Synchronisation gibt ihnen den Rest.