15.11.17

The Justice League

USA 2017 Regie: Zack Snyder mit Ben Affleck, Gal Gadot, Jason Momoa 115 Min,

Kurz: Supermann macht den Jesus und erlebt seine Auferstehung, der nie wirklich erklärte Streit mit Batman aus dem letzten Film-Debakel wird beigelegt und ein Team aus Action-Figürchen verhindert die völlige Zerstörung der Erde. Das war es denn auch schon mit diesem großen, stinkenden Haufen Schund namens „The Justice League".

Das Wichtigste ist das Team. Nicht für die primitive Handlung um rudimentäre Figuren, sondern für die Verkaufsstrategie des Konzerns hinter den DC-Comicverfilmungen. Nach dem Vorbild Marvels wird ein Kosmos aus Figuren und möglichen Einzel-Filmen aufgeblasen. Dabei ist dieser aktuell „heiße Scheiß" das Gleiche der Diesel-Boom vor einigen Jahren - ein großer Beschiss. Die Folgen dieser Monokultur für Kinobetrieb und Filmangebot sind trotzdem enorm.

Ganz in diesem Geiste bleibt auch bei der „Justice League", der Konkurrenzveranstaltung zu den „Avengers", nicht viel von einem richtigen Film übrig. Nach Supermans Tod fühlen sich finstere Zombie-Wespen aus dem All gemüßigt, unter ihrem Führer Steppenwolf die Erde zu zerstören. Batman (Ben Affleck) sucht per Stellenanzeige die Team-Mitglieder Wonder Woman (Gal Gadot), Aquaman (Jason Momoa), Cyborg (Ray Fisher) und The Flash (Ezra Miller) zusammen, die Erfahrung im Weltenretten haben. Letztendlich klappt dies aber nur, nachdem Superman (Henry Cavill) mit Hilfe eines Zauberwürfels wiederbelebt wurde. Der Rest ist eine halbe Stunde hirnloses Raufen mit exakt drei lahmen Scherzen.

Nach zehn Minuten starker Eröffnung legt die Super-Langeweile mit mühsamem Team-Buildung los. Nichts funktioniert, vor allem nicht das krampfhafte Zusammenwürfeln von Plastik-Figuren aus Mythologie, Science Fiction und Comic. Aquaman aus Atlantis, Batman aus Gotham City, die Amazone Wonder Woman, ein Cyborg mit außerirdischen Ersatzteilen und der alberne Flash - so was lässt man üblicherweise für ganz billige Trash-Filme zusammenkommen, wo Kopfschütteln eingeplant ist. Bei dem ganz teuren Trash „Justice League" scheint das niemanden zu stören. Allerdings gilt auch hier der Satz: Der hat ja gar nichts an. Dieser Film ist erbärmlich schlecht.

So schafft es „The Justice League" - trotz Musik von Danny Elfman - nicht einmal, die existenzielle Bedrohung der Menschheit klar zu machen. Ein fünfminütiger Vortrag muss das richten. Und im Finale behilft sich die millionenschwere Einfallslosigkeit mit der Rettung einer kleinen russischen Familie als Nebenhandlung. Genau wie beim Trash bleiben die Effektbilder erschreckend entleert von Menschen und Menschlichem. Das Trauerspiel wurde dabei quälend lang- und mühsam inszeniert. Schematisch haut alle dreißig Minuten mal Action rein, um das Publikum aufzuwecken. Bis dieser große Schwindel um die einträglichen Teams aus Action-Figürchen jedoch auffliegt, werden noch einige Filme das Kino verstopfen.

14.11.17

Teheran Tabu

BRD, Österreich 2017 Regie: Ali Soozandeh 96 Min. FSK: ab 16

Immer wieder mal werden im Film Gesichter übermalt, um den Diktatoren und Zensoren zu entgehen: Die Aussagen israelischer Soldaten über ihr Massaker in libanesischen Flüchtlingslagern verfremdete Ari Folman zum eindrucksvollen „Waltz with Bashir". Der nachträglich im Rotoskopie-Verfahren übermalte „Teheran Tabu" erzählt die Geschichte von einer Handvoll Menschen in Teheran, einer Stadt voller Verbote und doktrinärer Prinzipien.

Voller Doppelmoral regt sich ein Taxifahrer über seine Tochter auf, die händchenhaltend durch die Straßen geht, während ihm selbst eine Prostituierte gerade im Auto einen bläst. Ein muslimischer Richter besteht für eine Scheidung auf die Zustimmung des Mannes, der als Drogendealer im Knast sitzt. Er würde sich aber mit sexuellen Dienstleistungen umstimmen lassen. So reihen sich im Figurenreigen schematisch die Unmenschlichkeiten des Lebens und Klischees wie eine böse Schwiegermutter. In dieser Anklage ist niemand ambivalent gezeichnet, die Schicksale bleiben oberflächlich, schockieren nicht so sehr wie beispielsweise Bahman Ghobadis „Persian Cats". Erst als sich über die Verbindung der Menschen und Geschichten neue Abgründe auftun und die Brutalität der Gesellschaft zunimmt, können poetische Momente berühren.

13.11.17

Happy Death Day

USA 2017 Regie: Christopher Landon mit Jessica Rothe, Israel Broussard, Ruby Modine 96 Min. FSK ab 12

Und ewig grüßt das Murmeltier aus der Filmgeschichte: Wenn dem totgerittenen Horror-Genre nichts einfällt, klaut es einfach einen sehr guten Einfall von früher: Das ein eingebildete blonde Ekel Tree Gelbman (Jessica Rothe) wird von einem unbekannten mit Babymaske ermordet und wacht aber wieder am Morgen ihres Todestages im Bett eines unbekannten Studenten auf. Tree braucht recht lange, um zu verstehen und im nächsten Durchgang überall Zeichen zu erkennen. Sie gewinnt wie alle Protagonisten der gleichen Film-Idee selbstverständlich an der Selbsterkenntnis, dass die kein guter Mensch ist. Die Suche nach der Identität ihres Mörders verläuft nicht wahnsinnig spannend. Dafür wird unheimlich viel geschrien, aber nicht mal das kann Hauptdarstellerin Jessica Rothe gut. Ganz zu schweigen von dem Durchdrehen angesichts der ewigen Wiederholungen. Es dauert Dreiviertelstunden bis sich der Film mit dieser anderen, nicht interessanten, höchstens erstaunlich fremden Studentenwelt selbst langweilig wird und er kurz mit ein paar schnellen Montagen für Unterhaltung sorgt. Das entschädigt nicht für einen hauptsächlich einfallslosen, unterdurchschnittlichen Fließband-Film.

12.11.17

The Big Sick

USA 2017 Regie: Michael Showalter mit Kumail Nanjiani, Holly Hunter, Ray Romano, Zoe Kazan 120 Min.

Als sich der in Pakistan geborene Komiker Kumail und die Studentin Emily verlieben, prallen zwei Kulturen aufeinander. Kumail befindet sich im Zwiespalt zwischen seiner Familie und seinen Gefühlen. Dann fällt Emily wegen einer mysteriösen Krankheit ins Koma und Kumail muss die Krise ganz besonderen Schwiegereltern bewältigen. Der große Sieger beim Publikumspreis von Locarno beruht auf der wahren Liebes- und Ehe-Geschichte der Drehbuchautoren Emily V. Gordon und Kumail Nanjiani.

„The Big Sick" von Michael Showalter zeigt das Aufeinandertreffen der Kulturen in westlichen Gesellschaften auf einfühlsame und sehr humorvolle Weise: Der aus Pakistan stammende Komiker Kumail Nanjiani spielt sich selbst beim wahren Kennenlernen seiner Frau Emily (Zoe Kazan, die Enkelin von Elia). Während seine traditionelle Mutter ihm in Chicago wöchentlich neue pakistanische Kandidatinnen für eine arrangierte Ehe „zufällig" beim Familienessen vorstellt, fällt die Frau, in die sich Kumail tatsächlich verliebt hat, in ein Koma.

Da klingt ein Song von The Smith im Kopf an: „Girlfriend in a coma". Mit dem Problem, dass Emily nicht mehr seine Freundin ist, seitdem sie die Schachtel mit all den von der pakistanischen Mama vorgeschlagenen Heiratskandidatinnen samt Bewerbungsfoto gefunden hat. Trotzdem lernt der zwischen den Kulturen zerrissenen Komiker die „Schwiegereltern" auf beinahe tragische und umwerfend komische Weise kennen. Eine geniale Holly Hunter und Ray Romano legen dieses alt-eingespielte Paar mit so viel Charakter, Ecken und Kanten hin, dass sie auf die Hauptrollen Anspruch machen. Während der stille Ex-Schwiegervater ungeschickt Sympathien zeigt, lehnt die energische Mutter von Emily den Herzensbrecher herrlich brüsk ab, um ihn darauf mit schlagkräftigem Mund und harten Fäusten gegen einen dumpfen Rassisten zu verteidigen.

Während man bei Holly Hunter Erstklassiges erwartet, überrascht Hauptdarsteller und Autor Kumail Nanjiani: Wenn in Deutschland Bühnenkomiker Filme machen, muss man so schnell wie möglich weglaufen. Beim Komiker Kumail muss man lachen, weinen, mitleiden und -bangen, wenn er sich selbst als erfolgloser „Stand up comedian" spielt. Er überfällt einen mit enorm geistreichen Witzen, provoziert mit Kontern auf Anti-Islamismus („Wir haben bei 9/11 unsere besten Leute verloren"), macht aber auch herzzerreißend einfühlsam das Problem erfahrbar, mit traditioneller Familie in einer modernen Gesellschaft zu leben. Eine dicke Dosis Romantik der sehr witzigen Sorte gibt es gratis dazu. Das ist aus der Aptow-Fabrik („Jungfrau (40), männlich, sucht …", „Superbad", „Ananas Express", „Brautalarm") sehr gelungene Unterhaltung mit zeitgemäßem Mehrwert.

Flitzer

Schweiz 2017 Regie: Peter Luisi mit Beat Schlatter, Bendrit Bajra, Doro Müggler 98 Min. FSK: ab 0

Kleider machen Leute. Kleiderlos macht Quote bei illegalen Wetten. So könnte man das bekannteste Werk des bekannten Dichters Gottfried Keller und die bescheuerte Idee dieses sicherlich unbekannt bleibenden Films zusammengefassen. In ganz langsamer, einfacher Sprache - so wie alle Schweizer im Film und auch dieser selber redet: Der langweilige Lehrer und Keller-Fan Baltasar Näf verwettet 700.000 aus dem Sparschwein seiner Schule (glückliche Schweiz) und muss fortan im Nebenberuf Flitzer auf die Fußballfelder der Deutschschweizer Ligen schicken. Denn auf Nackedeis wetten, bringt Gewinn, wenn man die Flitzer selber ausbildet und im Spielplan einsetzt.

Das alles ist - Stichwort Keller - unterirdisch schlecht inszeniert und gespielt. Witwer und unfähiger Alleinerzieher Näf ist peinlich und macht peinliche Sachen. Alle Vorurteile über Anti-Geschwindigkeit der Schweizer treffen auf dieses negative Erzähltempo zu. Der in einem gutturalen Nichtkomisch-Sein verendende Komödien-Versuch will „Ganz oder gar nicht" kopieren, scheitert aber erbärmlich. Sehr mäßige Schauspieler geben eindimensionale Figuren. Das ist nicht nur schlechtes TV Niveau, das ist furchtbares Laien-Boulevard, dazu altbacken in Inhalt und Form. Dass mit irgendeinem gutturalen Deutschschweizer Dialekt („dä chellar") gesprochen wird, soll es wohl doch noch irgendwie witzig machen, sorgt aber nur für Untertitel, als wenn es Filmkunst wäre! Nicht „Kleider machen Leute", sondern „Des Kaisers neue Kleider" sollte mehrfach erwähnt werden: Dieser elende Unspaß über Flitzer hat ja handwerklich und künstlerisch „gar nichts an"!

7.11.17

Suburbicon

USA, Großbritannien 2017 Regie: George Clooney mit Matt Damon, Julianne Moore, Noah Jupe, Oscar Isaac 106 Min. FSK: ab 16

Wie wäre es, wenn George Clooney mal nicht für die Coen–Brüder als Star vor der Kamera steht, sondern mit ihnen zusammen einen Film dreht? „Sububicon" ist dieser sagenhaft spannende, politisch hochaktuelle Film. Zudem kann man sich begeistert anschauen, wie es gewesen wäre, wenn Hitchcock „Fargo" gedreht hätte.

Dem Postboten entgleist das festgeklebte Grinsen, die Nachbarn starren unverhohlen und fahren gegen die nächste Laterne. Eine schwarze Familie zieht in den weißen, protestantischen Vorort ein. Wir befinden uns nicht im interkulturell zurückgebliebenen Sachsen, sondern in den USA des Jahres 1959. Nicht mal eine Viertelstunde braucht der Erfolgs-Regisseur George Clooney, um unglaublich dicht zwei Verbrechen und ein innerfamiliäres Drama um eine gelähmte Frau aufzuziehen. Denn direkt neben der ersten und einzigen schwarzen Familie der Siedlung, die wie in Hoyerswerda zunehmend bedrohlicher vom weißen Mob belagert wird, muss der Junge Nicky (Noah Jupe) miterleben, wie Einbrecher seine Mutter umgebringen. Ein Verbrechen, dass mächtig stinkt. Nicht nur nach dem Chloroform, von dem Rose zu viel einatmen musste. Denn Papa Gardner Lodge (Matt Damon) scheint nun mit Mamas Schwester Margaret Lodge (Julianne Moore in einer Doppelrolle) viel glücklicher zu sein.

Regisseur George Clooney („Monuments Men", „The Ides of March", „Good Night, and Good Luck") macht die klügsten politischen Filme unserer Zeit. Nun pflanzt er zwei parallele Verbrechen in eine Bilderbuch-Siedlung, die Schmelztiegel nur für weiße WASP-Abarten aus vielen US-Staaten sein will. Dass Clooney mit seinen regelmäßigen Regisseuren Joel und Ethan Coen („Fargo", „No Country for Old Men", „Hail, Caesar!") das Drehbuch schrieb, sorgt für den herrlich schwarzen, bitterbösen Touch. Denn während wir mit dem hellwachen Nicky um dessen Leben bangen, wächst wie bei „Fargo" dem gierigen kleinen Mann die Dynamik seines Verbrechens über den Kopf. Wieder einmal eine Musterrolle für Matt Damon, der dem komischen Krimi eine schauerliche Tiefe gibt.

Das wird bis zum irren Finale unheimlich spannend. Hitchcock fällt einem auch ohne das schöne Vertigo-Zitat durch die erblondende Julianne Moore ein. Allerdings Hitchcock mit einer politischen Agenda: Clooney geht immer gerne zurück in die Vergangenheit, um das Heute exakt zu kritisieren. Parallel zum Verbrechen der hässlichen, gierigen und dummen Weißen zeigt sich der Pöbel vor dem Haus der schwarzen Nachbarn als Abbild heutiger Fremdenfeindlichkeit. Das ist bei all der exzellenten und in Details (wie der TV-Fernbedienung mit Taschenlampe) wunderbar genießbaren historischen Kulisse hochaktuell. „Wir begrüßen die Rassenintegration, aber ..." Dieses berühmte, entlarvende „aber" von AfD und Genossen erweist sich als ebenso universell wie der Zaun als Schutz vor den „Anderen".

Wenn Hitchcock „Fargo" mit großem Thriller-Orchester gedreht hätte und auch noch eine politische Agenda gehabt hätte, es wäre nicht besser ausgefallen wie in dieser genialen Zusammenarbeit von Regisseur George Clooney mit Joel und Ethan Coen. Dass sie bei allem Horrenden noch ein positives, hoffnungsvolles Schlussbild finden, ist die Krönung eines engagierten Filmvergnügens.

5.11.17

Simpel

BRD 2017 Regie: Markus Goller mit David Kross, Frederick Lau, Emilia Schüle, Devid Striesow 113 Min. FSK: ab 6

Simpel gesagt ist „Simpel" eine extrem aufdringliche Heulsuse. Also der Film „Simpel", nicht die geistig behinderte Hauptfigur namens Simpel, die mit dem fürsorglichen Bruder für schön fotografierte Rührung von der Stange sorgt.

Ein Sirtaki im Watt, aus dem Ben (Frederick Lau) seinen geistig behinderten Bruder Simpel (David Kross) immer retten muss, zum Auftakt. Dann stirbt die krebskranke Mutter und der schon seit Jahren verschwundene Vater will sich nicht um das nur körperlich erwachsene Problemkind Simpel kümmern. Ben bringt es nicht übers Herz, den Bruder in einem Heim zu sehen und deswegen hauen sie gemeinsam ab. Direkt mit dem Polizei-Bulli, aus dem der Beamte der Fürsorge während der Fahrt geschmissen wird. Eine Odyssee zum Vater nach München beginnt. Der Autoverkäufer (Devid Striesow) freut sich, den gesunden Sohn wiederzusehen, will mit Simpel aber nichts zu tun haben.

Selbstverständlich stolpert der überforderte Ben von einer unmöglichen Situation ins nächste Problem. Und trifft auf die Ärztin Aria (Emilia Schüle), die sehr lässig aushilft. Hier finden sich zwei, deren Lebensweisen komplett gegensätzlich sind. Die nur berufliche, einsame, gänzlich unabhängige Heilerin und der selber sozial zurückgebliebene Ben, der sich sein ganzes Leben lang um seinen Bruder gekümmert hat.

„Simpel", Verfilmung von Marie-Aude Murails gleichnamigem Roman und Remake eines französischen TV-Films, ist der perfekte deutsche Film, mit dem man und frau sich die Tränenkanäle durchspülen kann. Da er die Tragik ausgespielt, bis die letzte Tränendrüse überläuft wird, kann er zudem den Blutdruck hochtreiben mit viel Ärger über die simple Ausnutzung der emotionalen Klaviatur. Nie scheinen die Figuren ihren inneren Antrieben zu folgen, immer allein einem abgedroschenen Drehbuch-Standard. Bis zu extrem unfähigen Polizisten dient alles dem Drama. Mit Inbrunst geklampfte Popsongs und Weichspül-Gedudel wie Ben Howards „Keep your head up" halten die Stimmung auf hohem sentimentalen Niveau. Das ist dann doch arg simpel - aber auf jeden Fall rührend.

Allerdings auch richtig gut gespielt: David Kross („Die Vermessung der Welt", „Der Vorleser") ist als Simpel kaum wiederzuerkennen. Jungstar Frederick Lau („Victoria", „Traumfrauen") zeigt seine ganz weiche Seite. Emilia Schüle („High Society", „Mann tut was Mann kann") erfüllt als schöne Aria alle Erwartungen an ihr Können, überrascht jedoch nicht. Den Vater David gibt Devid Striesow („Ich bin dann mal weg") gekonnt widerlich. In seinen besten Momenten zeigt das wohl kalkulierte Rührstück, dass die Situation von Ben komplexer ist, als es im Film weitergeht.

Bad Moms 2

USA 2017 (A Bad Moms' Christmas) Regie: Jon Lucas, Scott Moore mit Mila Kunis, Kristen Bell, Kathryn Hahn, Christine Baranski, Cheryl Hines, Susan Sarandon 104 Min.

Naaa? Schon alle Weihnachtsgeschenke zusammen? Und auch die neue, aufwändige Deko eingekauft? Dieses schlechte Gewissen garantiert in voller Ladung und verlogen „Bad Moms 2", der erste Weihnachtshasser–Film des Jahres.

Amy, Kiki und Carla (Mila Kunis, Kristen Bell, Kathryn Hahn) sind schon einige Tage vor Weihnachten fix und fertig. Vorbereitungen für ein perfektes Weihnachtsfest fordern vor allem Mütter, auch wenn Carla die Geschenke für ihren debilen Sohn nur aus dessen Zimmer raussucht und noch mal verpackt. Doch nachdem die „Bad Moms" in ihrer ersten, dreckigen Komödie vor einem Jahr radikal die Verhaltens-Regeln für (Schul-) Mütter auf den Kopf stellten, sind diesmal die Mütter der Mütter die „Bad Moms Nummer 2". Erst als sie perfektionistisch (Christine Baranski) bei Amy, besoffen und bekifft (klasse: Susan Sarandon!) bei Carla beziehungsweise psychotisch anhänglich (Cheryl Hines) bei Kiki einfallen, werden die Feiertage zur wahren Hölle.

Da hilft nur wieder einmal kräftig saufen, am besten schon früh am Morgen. Die Frauen in Doppelrolle als Mütter und Töchter beschließen, diesen Wahnsinn nicht mehr mit zu machen. Stattdessen rennen sie wie besoffene Stripperinnen im Kaufhaus rum. Wenn die drei Frauen und der Humor wirklich mal ausbrechen, wird es grob aber auch lustig. Dann erfahren wir interessante Details der amerikanischen Weihnacht, dass zum Beispiel vor den Feiertagen ein großer Andrang beim Intimbereich-Waxing herrscht. Doch „Bad Moms 2" ist leider hauptsächlich Küchen-Psychologie. Im wahrsten Sinne des Wortes. Da wird um zu wenige Wut- und sonstige Ausbrüche herum das Mutter-Tochter-Verhältnis aufgearbeitet. Und im Gegensatz zum Humor ist es dabei ärgerlich, dass alles grob gestrickt wie ein billiger Weihnachtspullover daherkommt.

Die Moral der typisch us-amerikanischen Geschichte ärgert schließlich besonders: Selbstverständlich müssen sich Mütter zu Weihnachten völlig aufopfern und fertig machen, damit eine repräsentative Weihnacht verkauft werden kann. Aber wir haben wenigstens probiert, so zu tun, als wäre die Menschheit entwicklungsfähig.

28.10.17

Good Time

USA 2017 Regie: Ben Safdie, Joshua Safdie mit Robert Pattinson, Ben Safdie, Jennifer Jason Leigh 101 Min. FSK: ab 12

Bei einem dämlich ausgeführten Banküberfall ließ Constantine (Robert Pattinson) seinen geistig behinderten Bruder zurück. Nun will er ihn aus dem Gefängnis rausbekommen, bekommt aber die Kaution nicht zusammen. Doch die Flucht aus dem Krankenhaus klappt, was nur der Beginn einer nächtlichen Odyssee ist. Twighlight-Star Pattinson ist mittlerweile beim kleinen, dreckigen Film angekommen. Aber noch nicht bei den guten kleinen, dreckigen Filmen: Die Brüder Safdie schicken ihn auf einen chaotischen Trip, bei dem die Neon-Farben ebenso rau sind, wie die sozialen Verhältnisse. Garniert wird der Independent-Film von einem Synthie-Soundtrack wie aus den 80ern liegengeblieben.

The Secret Man

USA 2017 (Mark Felt: The Man who brought down the White House) Regie: Peter Landesman mit Liam Neeson, Diane Lane, Marton Csokas 103 Min. FSK: ab 0

Der Mann, der Nixon stürzte

Ein Amtsenthebungsverfahren erscheint gerade die einzige Hoffnung, wie man die Welt von der Geißel Trump befreit. Der ungemein spannende und hochpolitisch aktuelle Film „The Secret Man", über den Mann, der laut Original-Titel „das Weiße Haus stürzte", zeigt wie das geht, beziehungsweise wie der unmoralische und kriminelle Präsident Nixon überführt wurde. Die Hauptfigur Mark Felt legt zwar definitiv zu Anfang einen Colt an, der wird jedoch im ganzen Geschehen nicht ein einziges Mal mehr angepackt. Denn Spannung geht auch ohne Schießerei.

1972 bestimmen Proteste gegen den Vietnamkrieg und Wahlkampf die USA. Dann lässt Noch-Präsident Nixon kriminelle Typen in die Zentrale der Demokratischen Partei einbrechen. Die Aktion im Watergate-Hotel verhindert allerdings nicht Nixons Wiederwahl. Nur das FBI ahnt, was wirklich passiert ist. Doch nach dem Tod des legendären Schnüfflers Edgar Hoover setzt das Weiße Haus seinen Mann an die Spitze des Geheimdienstes und steuert das FBI - völlig im Widerspruch zur Verfassung. Ein Affront für einen Mann, der seit 30 Jahren mit Überzeugung unter Hoover gedient hat: Mark Felt (Liam Neeson), ist Vize-Chef des FBI und wurde bei der Nachfolge grob übergangen. Doch noch unerträglicher ist, dass Informationen des FBI beim Präsidenten-Team landen und dass er nicht mehr in Sachen Watergate ermitteln soll. Mark Felt entscheidet sich zu einer Tat, die ihn an ein schreckliches Kindheits-Erlebnis erinnert: Sein Vater zwang Mark, das eigene, kranke Pferd zu erschießen!

Watergate, saubere Trennung der Institutionen im Staat, Amtsmissbrauch ... klingt nach Politik-Seminar, ist aber in der Inszenierung von „The Secret Man" mit einem sensationellen Liam Nesson der spannendste Film im aktuellen Kino. Schon Alan J. Pakulas Kinoklassiker „Die Unbestechlichen" von 1976 behandelte die Watergate-Affäre, die eigentlich Nixon-Affäre heißen müsste. Damals spielten Dustin Hoffman und Robert Redford die Journalisten der Washington Post, Carl Bernstein und Bob Woodward, die ihren mysteriösen Informanten „Deep Throat" in einer Tiefgarage trafen. Nun erzählt „The Secret Man" die Perspektive dieses berühmten Whistleblowers.

Und tatsächlich beruht der Film auf der Autobiographie „Felt: The Man Who Brought Down the White House". So beeindrucken zwar Standfestigkeit, mit der Mark Felt Grundprinzipien moderner Demokratien verteidigt, und die persönlichen Opfer, die er dafür bringt, aber der Vize-Chef des FBI wird kaum immer ein so ehrenwerter Kerl gewesen sein, als der er sich hier selbst darstellt.

Liam Neeson zeigt sich ohne Action aber trotzdem sensationell eindrucksvoll. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet der ungemein körperlich auftretende Schauspieler Liam Neeson diesen extrem standhaften Mann spielt. Eine lang unbewegte, fast versteinerte Miene, die Stimme tief wie bei Clint Eastwood. Das Drehbuch von Regisseur Peter Landesman gibt dieser eindrucksvollen Persönlichkeit durch eine Tochter, die seit mehr als einem Jahr in der linken Subkultur verschwunden ist, zusätzliche Schattierungen. Unglaublich gute Kamera und Musik komplettieren diesen sehr wichtigen und spannenden Film.

Thor: Tag der Entscheidung

USA 2017 (Thor: Ragnarok) Regie: Taika Waititi mit Chris Hemsworth, Tom Hiddleston, Cate Blanchett, Idris Elba, Jeff Goldblum 131 Min. FSK: ab 12

Fantasy, Science Fiction, Trash, Kinderkram und ganz große Witznummer - der neue „Thor" müsste sich eigentlich entscheiden, was für ein Film er sein will. So unterhält das kurzweilige Durcheinander mit Chris Hemsworth und Cate Blanchett, bleibt aber nur noch ein Superhelden-Filmchen einer schon jetzt unübersichtlichen Sammlung.

„Thor: Ragnarok" heißt es im Original und dieses Ragnarok aus den nordischen Mythen ist wie die inflationäre Apokalypse der Christen - so richtig endgültig das Ende. Göttersohn Thor (Chris Hemsworth) spielt noch voller Muskeln und Ironie den Superhelden und trauert etwas um den irgendwie und doch nicht ganz verstorbenen Vater Odin. Doch das wirkliche Problem liegt wie so oft in der eigenen Familie: Die ältere Schwester Hela kehrt aus der Vergessenheit zurück und hat als mächtige Göttin des Todes alle Waffen für eine ganz große Racheaktion. Nun erzählt der Film mit einer grandios düsteren Cate Blanchett mit pieksigem Hirschgeweih und scharfem Lederklamotten eine durchaus tiefgründige Familiengeschichte um die zu unrecht verstoßene Tochter. Und schickt den entmachteten Thor auf eine alberne und mehr als holperige Abenteuer-Reise samt Werbeeinblendungen für andere Marvel-Konzernabteilungen.

„Thor" liefert Kindergarten-Dialoge, bevor lächerliche Kloppereien auf gleichem Niveau losgehen. Statt Thors mythischem Hammer Mjölnir sorgt Led Zeppelins fast noch 60er Wikinger-Rock „Immigrant Song" für Schwung. Allerdings hat alles, was aus den nordischen Mythen geklaut wurde, Hand und Fuß, fasziniert und lässt nachdenken. So wie Neil Gaimans Roman „American Gods" und deren grandiose Verfilmung ja auch nur eine ganz große Ragnarok-Geschichte ist. Wenn jedoch der Verräter der Götterheimat Asgard seine „Maschinengewehre aus Texas" mit „Des" und „-troy" benennt, ist das echt der Comic, der „Thor" einst war.

Ein Comic, aufgewertet mit erstaunlichen Schauspiel-Einlagen. Damit ist jetzt nicht die Lach-Nummer von Matt Damon gemeint, der in einer Theater im Film-Einlage einen heldenhaften Loki gewollt schlecht spielt. Während sich dieser hinterlistige Halbbruder Thors wieder einmal als Odin ausgibt und die ganze Maskerade im Shakespeare-Stil inszeniert. Die wenigen, kurzen Szenen, die Anthony Hopkins als Odin noch hinlegt, haben alle Gänsehaut-Potential. Und dann Cate Blanchett (demnächst völlig wandlungsfähig in „Manifesto"), die das Böse so gut wie noch nie aussehen lässt! Unter all den Effekten und Tricksereien ist es wieder mal echte Schauspiel-Superkraft, die einen hammermäßig umhaut.

Jeff Goldblum hat als alberner Grandmaster einen großen Auftritt auf einem Gladiatorkampf-Planeten, von dem man durch des „Teufels Anus" fliehen muss! Benedict Cumberbatch tritt als Dr. Strange dramaturgisch völlig unnötig auf. Wie auch die trampelhafte Einlage von Hulk und Bruce Banner nur Werbung für das Superhelden-Arsenal von Marvel darstellt.

Aber letztlich passt dies zu einem Film, in dem nichts zueinander passt: Science Fiction fliegt durchs All, politische Dystopie blitzt auf, wenn eine Weltraum-Müllhalde auf Blade Runner-Kopie macht. Haufenweise Auftritte, Welten, Stile und Gast-Einlagen purzeln durcheinander, auch die Musik findet keine Linie. Aber wenigstens vergeht bei diesem holperigen Walküren-Ritt - ja, auch die gibt es - die Zeit mit Lichtgeschwindigkeit.