9.1.18

Julian Schnabel - A Private Portrait

Italien, USA 2017 Regie: Pappi Corsicato 84 Min. FSK: ab 0

Der Künstler Julian Schnabel ist ein Unikat, ein Gigant, ein Riesen-Ego. Diese unfassbare Erscheinung in ein filmisches Porträt zu pressen, wirkt sehr mutig vom Regisseur Pappi Corsicato, ist aber in einigen Aspekten gut gelungen. Vordergründig erscheint der 1951 geborene, us-amerikanische Maler und Filmemacher als exzentrische Figur, schon bei seinem Auftritt, bevorzugt im Pyjama oder Bademantel. Mit seinen nicht nur von den riesigen Formaten her wahnsinnigen Kunstwerken sorgte er seit Ende der 70er Jahre für Aufsehen, wobei in dieser Doku des Schnabel-Freundes Corsicato nur die positiven Reaktionen aufblitzen. Hymnisch äußern sich viele Prominente, darunter Al Pacino und Willem Dafoe. Das Brillen-Modell Bono betont die Großzügigkeit des großen Kindes Schnabel. In prominenten Kreisen bewegt er sich auch mit seinen Filmen: „Basquiat" über den New Yorker Graffiti-Künstler Jean-Michael Basquiat. „Before Night Falls" über den kubanischen Schriftsteller Reinaldo Arenas und der wunderbare „Schmetterling und Taucherglocke" über Jean-Dominique Bauby, den gelähmten ehemaligen Herausgeber der Zeitschrift „Elle". Vor dem umstrittenen Spielfilm „Miral" machte „Lou Reed's Berlin" aus einer Live-Hommage des Albums einen poetischen Musik-Clip.

Dieser Versuch, eine umfassende Übersicht aller Aktivitäten der gigantischen Persönlichkeit Schnabel zu geben, kann keine intensive Beschäftigung mit einzelnen Werken leisten. Ein Picasso-Biograph erledigt dafür die Wertschätzung des Malers. Über die Hintergründe seiner wunderbaren Filme gibt es mehr zu hören. Die Anekdoten der Familie sind für Außenstehende sehr witzig, wenn Schnabel beispielsweise mal kurz das Wohnhaus renoviert, was im Stile einer venezianischen Villa ein paar Jahre dauert. Es gibt Gespräche mit den Kindern, die einerseits in Sachen Vater zu kurz gekommen sind, aber auch mit außergewöhnlichen Erfahrungen beschenkt wurden. Das ist alles wenig kritisch und bleibt oberflächlich, doch gerade weil Julian Schnabel Julian Schnabel ist, auch recht unterhaltsam.

Your Name

Japan 2016 (Kimi No Na Wa) Regie: Makoto Shinkai 111 Min. FSK: ab 6

Ein neues Meisterwerk und ein Riesen-Erfolg japanischer Animations-Kunst ist vor dem DVD-Start ganz kurz im Kino zu erleben: Der mythische und romantische Science Fiction „Your Name" erzählt von zwei ganz gewöhnlichen Jugendlichen, die eine Weile lange jeden Morgen im Körper des anderen aufwachen. Selbstverständlich sind sie mit Mitsuha, die mit ihrer kleinen Schwester bei ihrer Großmutter auf dem Lande lebt, und Taki, der in Tokio aufwächst, auch gender-gegensätzlich besetzt. Es ist allerdings nur kurz platt komisch, wenn beim Wechsel der falsche Taki mit seiner femininen Seite plötzlich bei einer Kollegin punktet und der echte im Körper von Mitsuha morgens erstaunt ihre Brüste befühlt. Beide sind gehörig desorientiert, kommunizieren dann irgendwann über ihre Smartphones mit Tagebücher, Fotos und Regeln. Denn auch die Umgebung staunt über die täglichen Veränderungen. Dem Versuch, sie endlich mal live zu erleben, steht ein düsteres Schicksal entgegen.

Das gab es für Erwachsene schon mal altmodischer mit Keanu Reeves und Sandra Bullock in Alejandro Agrestis schönem „Das Haus am See"; das erinnert ebenso an Philosophisches aus „Sophies Welt" wie an Märchenhaftes von Michael Ende. Dabei ist „Your Name" bis zum spannenden Ende a la „Made in Heaven" von Alan Rudolph ungeheuer reizvoll und raffiniert, mit flotten Montagen und ungewöhnliche Perspektiven exzellent inszeniert und bei den Landschaften vom ländlichen Herbst oder dem emsigen Tokyo sehr schön gezeichnet. Ein rituell geflochtenes Band repräsentiert den Fluss der Zeit, in dem sich Fäden verlieren und wieder zusammenfinden. Die Schicksalsfäden des nordischen Nornen sind da nicht weit.

„Your Name" basiert auf dem gleichnamigen Roman von Makoto Shinkai und war der erfolgreichste japanische Filmrelease seit „Chihiros Reise ins Zauberland". Die verdrehte, bittersüße Liebesgeschichte mit einem heftigen Einschlag des Schicksals und auch traurigen Momenten hat das Zeug zum Klassiker.

8.1.18

Tad Stones und das Geheimnis von Köng Midas

Spanien 2017 (Tad Jones and the Secret of King Midas) Regie: David Alonso, Enrique Gato 94 Min.

Indiana Jones als Zeichentrick fehlte eigentlich noch in der Verwertungskette dieser populären Kino-Figur. Spanien war da schneller als Hollywood und ersetzte das faltige Gesicht von Harrison Ford mit der glatten Plastikfigur, die nicht nur Bauarbeiter ist, sondern auch aussieht wie Bob der Baumeister. Für entsprechend junges Publikum geht Tad Jones wieder auf Schnitzeljagd mit archäologischen Relikten und muss dabei auch noch seine Freundin, die Archäologin Sara Lavroff retten. Dem deutschen Verleih ist diese billige Kopie anscheinend so peinlich, dass er aus Tad Jones einen „Tad Stones" macht!

Diesmal müssen drei Teile einer Halskette von König Midas bei einer Reise nach Spanien gefunden werden. Midas verwandelte bekannterweise in der griechischen Mythologie alles was er berührte zu Gold. Diesen Fluch nimmt der schurkige Millionär Jack Rackham gerne in Kauf, seine Schergen sorgen für Verfolgungsjagden und kindgerechte Mini-Action. Dass Tad die ganze Zeit eine Liebeserklärung an Sara loswerden will und dessen Assistentin Tiffany eifersüchtige Ränke ausführt, ist für dieses Genre viel zu altbacken. Zum Glück ist auf die Sidekicks Verlass, und das gleich doppelt: Ein tollpatschige Mumie macht als Flamenco-Tänzerin oder als Elvis-Double tatsächlich mal Spaß und das zerstrittene Duo aus Hund und Papagei sorgt sicher für Lacher bei den Kleinen. Ansonsten erweist sich Tad Jones als billige Kopie einer Kino-Reliquie.

Wonder Wheel

USA 2017 Regie: Woody Allen mit Kate Winslet, Jim Belushi, Justin Timberlake,
Juno Temple 102 Min. FSK: ab 12

Ein Strand-Boulevard der zerbrochenen Träume ist die New Yorker Vergnügungs-Meile Coney Island für vier Menschen: Ginny (Kate Winslet), Ex-Schauspielerin, Mutter und Frau in zweiter Ehe, arbeitet in einem unpersönlichen Krabben-Imbiss. Ihr grober Mann Humpty (Jim Belushi) betreibt ein klapperiges Karussell und auch privat läuft es nicht rund. Seine einst verstoßene Tochter Carolina (Juno Temple) kommt mittellos angekrochen und muss sich vor der Gangsterbande ihres Mannes verstecken. Nur der junge Rettungsschwimmer Mickey (Justin Timberlake) strahlt und träumt noch von einer Karriere als Bühnenautor.

Wenn Popstar Justin Timberlake als Bademeister mit Leidenschaft fürs Melodram eine Geschichte erzählt, klingt das sehr nach Woody Allens verschmitztem Blick auf Leben und Kunst. Doch der gut gebaute und literarisch unterfütterte Lebensretter am Strand von Coney Island bleibt letztlich eine lächerliche Randfigur im großen Drama um die von Kate Winslet atemberaubend gut gespielte tragische Heldin.

Ginny erzählt gerne, dass sie einst ein Star war - fast. Nun träumt die 40-Jährige von verpassten Chancen und spielt dabei angeblich nur die Kellnerin im Fischrestaurant. Dass der 14 Jahre jüngere Bademeister ein Verhältnis mit ihr beginnt und vielleicht sogar ein Stück für sie schreiben würde, ist Lichtblick im trüben Leben zwischen den Jahrmarkts-Attraktionen. Wie in Allens „Radio Days" ist die historische Zeitstimmung ein Genuss. Die 50er-Jahre im Vergnügungspark auf Coney Island zeigen sich aber nie als leichter Spaß. Miese Jobs im Schnellrestaurant, der Lärm der Schießbude, selbst die Flucht des zündelnden Juniors ins Kino gewährt keine Erleichterung heiler Welten.

Und so bekommt Ginnys kleines Glück direkt Schattenseiten, weil Humpty nicht nur Zeit und Energie für die verloren geglaubte Tochter aufbringt. Die Prinzessin braucht zuhause nichts zu tun und ihr Geld vom Kellnerjob darf sie behalten, während Ginnys Sohn aus erste Ehe teure Therapie-Stunden hat, denn er zündet alles mögliche an. Und nun interessiert sich Mickey auch für Ginnys Stieftochter Carolina.

Bis zur atemberaubenden, finalen Bette Davies-Szene ist diese Ginny von Kate Winslet ein zutiefst zerrissener Charakter - auf faszinierende und verstörende Weise. Das aufopferungsvolle Leben dieser Frau, die erkennbar in jungen Jahren ganz anders strahlte, berührt und erschüttert. Die Behandlung durch den groben Klotz Humpty wirkt skandalös, doch Ginny betonnt, dass er sie einst rettete, während sie ihn vom Alkohol fernhält. Eine traurige Symbiose, selbst ein Hauch von Liebe bei ihm schmerzt nur. Allerdings scheint in den Träumen einer besseren Zeit auch ein selbstüberschätztes Starlet durch und vielleicht war die junge Ginny ja eine ziemlich unerträgliche Zicke.

Woody Allen inszeniert für diese Amazon-Produktion mit kleinerem Etat und Ensemble, wobei „Wonder Wheel" auch dank Winslet Woodys bester Film seit langem ist. Das ganz große Melodram wählt bewusst das kleine Set einer Wohnung über der Schießbude. Durchsichtig wie ein Aquarium menschlicher Kuriositäten bietet diese Bühne mit künstlichem, überdramatischem Licht (Kamera: Vittorio Storaro) Szenen, die größer als das Leben sind. Vielleicht kann diese reife Winslet, zerrissen zwischen Leiden und Schuld, tatsächlich ihr Bild als Titanic-Gallionsfigur aus dem Kino-Gedächtnis verdrängen.

1.1.18

Greatest Showman

USA 2017 Regie: Michael Gracey mit Hugh Jackman, Michelle Williams, Zac Efron, Zendaya 105 Min. FSK: ab 6

Die ganz großen Träume, Unterhaltung für die Herzen der Menschen und Meister im Marketing. Überdeutlich erzählt „Greatest Showman" nicht nur die Geschichte der Zirkus-Größe Phineas Taylor Barnum (1810-1891), sondern auch vom Selbstverständnis des Hollywood-Films. Allerdings zeigt ausgerechnet dieses Musical, wie viele andere Hollywood-Produktionen, dass das meiste Show ohne Substanz ist. Also nur „fake", falscher Schein, was dem größten Show-Mann Barnum selbst ein Leben lang vorgeworfen wurde. Ironischerweise „faken" bei diesem Film vor allem Leute Mittelmaß, die durchgehend mehr könnten.

Nach einer großen Shownummer direkt zu Anfang geht „Greatest Showman" biografisch zurück in die Jugend von P.T. Barnum, Sohnes eines armen Zimmermanns. Mit der nächsten Gesangsnummer ist Barnums Liebe zur schwer reichen Jugendfreundin Charity besiegelt und auch gleich eine Familie gegründet. Der arme und arbeitslose Barnum (Hugh Jackman) erweist sich in New York als Geschichtenerzähler und Visionär. Eine ganze Reihe von „Freaks", ein Zwerg, ein Riese, die Frau mit Bart, Menschen mit dunkler oder albino-blasser Haut, kann er überzeugen, dass sie als seine Attraktionen nicht bloßgestellt werden. Die Show wird ein Erfolg beim Publikum und vom freudlosen Kritiker verrissen.

In dem Film, der jedes Problem in nur einem Liedchen löst, folgen noch zwei richtige Dramen um den Erfolgsmann Barnum, der sich selbst in die Rolle des Emporkömmlings bringt, die er mir all seinem Tun eigentlich loswerden will. Und um eine gemischt farbige Liebe, die auch ein Duett erstmal nicht zusammen bringen kann.

„Greatest Showman" ist genau das nicht, was Zirkus sein will: Atemberaubend ohne Netz und doppelten Boden. Es ist eine Show und ein Investment, die jede Lebensversicherung oder Kreissparkasse finanzieren würden. Nicht zu vergleichen mit „La La Land", obwohl die gleichen Komponisten Benj Pasek und Justin Paul am Werk waren, und vor allem nicht mit „Baby Driver". Hier gibt es nur zu eingängige Lieder mit zu vielen zu langgezogenen und zu hohen Tönen. Und dazu tatsächlich nur ein paar bescheidene Momente filmischer Akrobatik, wie den Tanz auf dem Dach von Barnum und Charity (Michelle Williams) synchron zu den wehenden Bettlaken. Hier oben ist „Greatest Showman" am nächsten dran am größten Musical der letzten Jahrzehnte, an Baz Luhrmanns „Moulin Rouge". Um im Rest des Films irgendwo unten rumzudümpeln mit stromlinienförmigem Hollywood-Gejaule für die Hitparaden des mittelmäßigen Geschmacks. Dazu Fernsehballett-Hupfdohlen mit dem Abzappeln einer VHS-Gruppe für irische Folktänze.

Ein zahmer Wolverine Hugh Jackman in der Hauptrolle, ein zahmes „Moulin Rouge" und ein „La La Land" fast ohne filmische Genialität. Das stärkste der Liedchen ist noch „This is me", der Protestsong der Außenseiter, die hier allerdings tatsächlich als Freaks ohne eigene Geschichte auftreten müssen. Jackman als Barnum, der 1986 von Burt Lancaster gespielt wurde, ist singend längst nicht so eindrucksvoll wie als kränkelnder X-Man „Logan". Die Singerei lässt auch Michelle Williams nicht richtig spielen und richtig singen können sie sowieso nicht. Dass ausgerechnet der ausgezeichnete Autor und Regisseur Bill Condon („Chicago", 2002, „Dreamgirls", 2006), der 1998 mit seinem „Gods and Monsters" Freaks wie Frankensteins Monster und dessen filmischen Schöpfer James Whale verteidigte, hier mitgeschrieben haben soll, komplettiert die ärgerlich bescheidenen Leistungen in den wichtigsten Ressorts. Nur von Michael Gracey, bislang Regisseur von Werbefilmen und Musikclips, hat man bei seinem Spielfilmdebüt nichts erwarten können. Und das hat er hinbekommen.

29.12.17

Die Spur

Polen, BRD, Tschechien, Schweden, Slowakische Republik 2017 (Pokot) Regie: Agnieszka Holland mit Agnieszka Mandat, Wiktor Zborowski, Miroslav Krobot, Jakub Gierszał 128 Min.

Ein Öko-Thriller mit viel Frauen- Power, das ist außergewöhnlich. Genau so außergewöhnlich wie die alte Dame Duszejko. Die pensionierte Brückenbauingenieurin lebt in einem kleinen Dorf an der polnisch-tschechischen Grenze, unterrichtet noch nebenbei engagiert die Grundschüler und zeigt regelmäßig jagende und anders tiermordende Männer an. Da sie nicht nur Vegetarierin, sondern auch noch eifrige Astrologin ist, gilt Duszejko verständlicherweise als Sonderling.

Doch man ist schnell bei der liebvollen, alten Frau, die von Agnieszka Mandat einnehmend gespielt wird. Als die beiden Hunde der Duszejko verschwinden, geht das ebenso zu Herzen, wie die bestialische Fuchs-Zucht des arroganten, frauen-verachtenden Nachbarn wütend macht. Die Tode einiger Bewohner des kleinen Ortes lässt allerdings nicht nur Duszejko seltsam kalt. Ihr fällt vor allem auf, dass am Tatort immer ein paar unerschrockene Rehe auftauchen. Und auch im Schnee sind nur Hufspuren zu sehen.

Bevor sich die Suche nach dem Mörder zuspitzt, freundet sich die sympathische Protagonistin mit einer jungen, übel behandelten Frau, mit dem scheuen jungen Beamten und einem Insektologen an. Ein Pilze sammelnder Nachbar schwärmt ihr heimlich nach. Dieser sehr harmonischer Umgang der Menschen am Rande der Gesellschaft, die zusammen kiffen und feiern, balanciert die Naturfrevel der Jäger aus. Allerdings wird der Film nach dem Jagdkalender und den jeweiligen zum Abschuss frei gegebenen Tierarten gegliedert, es bleibt also immer Anlass für Schmerz und Wut der Duszejko.

„Die Spur" verfolgt ein Kaleidoskop des Lebens und des Verhaltens zum Tierleben auf dem Lande. Dabei zeigen aufblitzende Erinnerungs-Bilder das Vorleben der Menschen, mit denen Duszejko zu tun hat. Ist sie eine Art Hellseherin? Auf jeden Fall erklärt sie sich vieles und auch andere Leute mit der Astrologie. Und zeigt den Mord, ja sie sagt „Mord", an einem Wildschwein außerhalb der Jagdsaison an. Vehement geht sie auch die verlogene Kirche an, mit ihren Priestern, die Jagden segnen. Dass die EU gerade die Vernichtung des ältesten Urwaldes Europas in Polen verurteilte, zeigt, wie genau Agnieszka Holland diese Situation in Polen erfasst hat.

Die Rückkehr der fast 70-jährigen Agnieszka Holland auf die große Leinwand nach „Der Priestermord" (1987), „Hitlerjunge Salomon" (1989), „Washington Square" (1997) und nach einem Ausflug in die Welt der Serien, spielt in einer Landschaft mit wechselnden Jahreszeiten, deren wilde Schönheit jedoch nicht über Korruption, Grausamkeit und Dummheit ihrer Bewohner hinwegtäuscht. Ein mutiger, moderner Genremix aus komischer Detektivstory a la „Twin Peaks", spannendem Ökothriller und feministischem Märchen. Nicht nur, weil der ungarische Berlinale-Sieger „Body and Soul" mit starker weiblicher Rolle und eifrigem Tierleben sehr ähnlich gelagert war, gab es bei der Berlinale 2017 viel Aufsehen um den Film - und einen Silbernen Bären (Alfred-Bauer-Preis) für Agnieszka Holland.

Lux - Krieger des Lichts

BRD 2017 Regie: Daniel Wild mit Franz Rogowski, Heiko Pinkowski, Tilman Strauß 104 Min. FSK: ab 12

Torsten Kachel alias Lux (Franz Rogowski) ist der erste Reallife-Superhero Deutschlands. Der schüchterne Mann mit der Hasenscharte versteckt sich hinter einfacher Maske und Umhang. So sonderlich verteilt er Lebensmittel und Hygieneprodukte an Obdachlose in Berlin. Als seiner Mutter, bei der er noch lebt, von Immobilien-Spekulanten gekündigt wird, organisiert Lux erfolgreich eine Demo. Wir erfahren all dies über die Dokumentation eines kleinen TV-Teams. Regisseur Jan wird vom schmierigen Produzenten Brandt unter Druck gesetzt, mehr Action und vielleicht auch eine Romanze zu inszenieren. Einer kurzen Popularität folgt die Katastrophe für Lux, der sich in die Stripperin Kitty verliebt hat.

Ein gutherziger Simpel, skrupellose, manipulative Medien-Macher, die kranke Mutter und die ehrliche Assistentin. „Lux - Krieger des Lichts" ist dramaturgisch und medienkritisch eher unterbelichtet. Die Reflektion über Moral des Jobs gerät hölzern. Der Stil einer Mockumentary, also eines Spielfilms, der den Dokumentarfilm parodiert, wurde weder konsequent noch interessant durchgezogen. Dieser harmlose Taxi Driver ohne Führerschein ist altbekannt, vorhersehbar und träge. Weder lustig, satirisch noch dramatisch. Nur Hauptdarsteller Franz Rogowski kann auch hier nach großen Auftritten wie als Film-Sohn von Isabelle Huppert in Hanekes „Happy End" und kleinen Glanzlichtern in „Tiger Girl" oder „Victoria" wieder einmal sehr beeindrucken.

Das Leuchten der Erinnerung

Italien, USA 2017 (The Leisure Seeker) Regie: Paolo Virzì mit Helen Mirren, Donald Sutherland, Christian McKay, Janel Moloney 113 Min.

Carly Simon singt „It's too late", Janis Joplin von der Freiheit und dass man nichts mehr zu verlieren habe. Ja, der Aufbruch der beiden Senioren Ella (Helen Mirren) und John Spencer (Donald Sutherland) ist nicht nur musikalisch belastet und alles andere als ein Wochenend-Trip im Camping-Mobil. Sie wollen noch mal reisen wie früher und reichen sich beim Frühstück im Diner gegenseitig ihre Pillen. John wirkt verwirrt, doch seine Vorträge über Hemingway, mit denen er regelmäßig freundliche Kellnerinnen fesselt, haben Hand und Fuß. Der ehemalige Literatur-Dozent soll denn auch auf dieser Reise endlich das Hemingway-Haus in Keys West im Süden der USA sehen, entschied „Madame" Ella. Der Ort, wo Hemingway sich umbrachte!

Derweil versuchen aufgeregte Kinder, die Alten zurückzurufen. Denn John ist dement und Ella hat Krebs. Doch die Reise im historischen Winnebago-Camper, Modell Leisure Seeker aus 1975, verläuft anfangs unterhaltsam. John sitzt mit klaren und weniger klaren Momenten am Steuer. Er erinnert sich nicht an den Namen seiner Kinder, aber eine alte Studentin erinnert er noch zu gut. Das alte Ehepaar liebt den vertrauten Umgang, dabei sind beide sehr eifersüchtig. Ella erzählt zwischendurch wildfremden Menschen alte Geschichten. Abends machen sie draußen Diashow und der Campingplatz schaut mit. Während es den beiden Kranken erstaunlich gut geht, leiden die Zuschauer sehr an der Beschaulichkeit eines fast idealen Alters mit grenzwertigen Humor-Einlagen.

Doch selbstverständlich eskaliert der Film zum Drama. Die krebskranke Ella müsste behandelt werden. Irgendwann gesteht der Literatur- und Sprach-Liebhaber unfreiwillig eine Affäre mit der Nachbarin und wird prompt in ein Altersheim abgeschoben. Das Ende im gemeinsamen Freitod wird für Diskussionen sorgen. Doch man muss nicht nur über den Beitrag zu einer notwendigen gesellschaftlichen Grenzverlagerung reden. Auch das Filmische, das sehr einfache rührende Ende eines langen, zähen Weges sollte Thema sein.

Regisseur Paolo Virzì zeigt wieder mal, wie der große amerikanische Traum für Regisseure zur Seifenblase wird. Zwar kann der Film mit den Alt-Stars Helen Mirren und Donald Sutherland protzen, doch die Vorgänger aus Italien, „Die Überglücklichen" (2016) mit Valeria Bruni-Tedeschi und „Die süße Gier - Il Capitale Umano" (2013), waren so viel dichter und stimmiger.

27.12.17

Alte Jungs

Luxemburg 2017 (Rusty Boys) Regie: Andy Bausch André Jung, Marco Lorenzini, Pol Greisch 112 Min. FSK: ab 0

Parallel zum Start des Melodrams „Leuchten der Erinnerung" werden auch in Luxemburg Senioren auf Achse gebracht: Vier grantige Herren steigen unzufrieden aus dem Altersheim aus und wollen in einer alten Immobilie eine autonome Wohngemeinschaft gründen. Bürokratie und Banken stellen sich der sympathischen Idee entgegen, doch letztlich kommt ihnen vor allem das Leben in die Quere.

Die Frage, was man macht, wenn man nicht mehr für sich selber sorgen kann, geht bei reihenweise Altherren-Witzen in nichtkomisch unter. Die Darstellung geriet extrem hölzern und amateurhaft. Dazu wurde der luxemburgische Film miserabel nachsynchronisiert. Eben so grob und holprig verläuft auch die Handlung. Das ganze Elend gewinnt erst im traurigen Verlauf etwas Substanz. Aber auch wenn es schwer erträglich mit diesen Alten war, sie müssen deshalb nicht gleich sterben.

Die Dschungelhelden - Das große Kinoabenteuer

Frankreich 2017 (Les as de la jungle) Regie: David Alaux 98 Min. FSK: ab 6

Der Animationsfilm nach der gleichnamigen französischen Fernsehserie wirft die Kino-Kinder unvermittelt in ein recht verstörendes und bedrohliches Kriegs-Chaos: Der üble Koala Igor rennt Granaten werfend durch den lichterloh brennenden Dschungel. Terrorismus in Kinderfilm, „Apocalypse Now" nicht auf niedlich. Die Dschungelhelden aus Nashorn, Faultier und Tiger können ihn besiegen und auf eine einsame Insel verbannen. Wenigstens sie haben genug von der Helderei. Aber Maurice, Zögling der Tigerdame und eigentlich kleiner Pinguin, bricht eigenwillig auf, um für Gerechtigkeit im Dschungel zu kämpfen. Ein Goldfisch in Glaskugel wird absurderweise sein Sohn und begleitet ihn bei aberwitzigen Aktionen.

Für den schnellen Gag und witzige Figure muss müssen Logik und Glaubwürdigkeit durchgehend dran glauben. Was leider sehr überdreht und nur leidlich komisch geriet. Auch in den bekannten Familienkonflikten fehlt es an Feingefühl und Sorgfalt. Bei der vielleicht sogar zu ernst genommenen Dramaturgie eines Bond–Films retten einige nette Ideen und viele herrlich blöde Dialoge den bescheidenen Spaß über die Runden. Die Moral lautet, es ist besser wenn junge und alte Helden zusammenarbeiten. Ist nicht viel. Viel mehr ist nicht.

25.12.17

Die Flügel der Menschen

Kirgisistan, Niederlande, BRD, Frankreich, Japan 2017 (Centaur) Regie: Aktan Arym Kubat mit Nuraly Tursunkojoev, Zarema Asanalieva, Aktan Arym Kubat 89 Min. FSK: ab 6

Ein Mann stiehlt nächtens immer wieder die schnellsten Rennpferde der Gegend, um auf ihnen in freier Steppe zu reiten und sie dann freizulassen. Kirgisistan ist ein Land, das seine Pferde liebt. Das hat sich auch nach dem Niedergang des Kommunismus im Kapitalismus rücksichtloser Oligarchen und verhetzter Moslems nicht geändert. So ist das Verhältnis zu den Pferden eine Geschichte für sich. Die sich auf fein kunstvolle Weise mit anderen Geschichten und Beobachtungen verbindet.

Auf verschiedenen Ebenen bietet der wunderbare neue Film von Aktan Arym Kubat („Der Dieb des Lichts", 2010) gleich mehrere Themen dar: Es werden die alten Legenden des kirgisischen Volkes mit dem Islam verglichen. Der eine Bruder ist einer der reichen Oligarchen, der andere ein ehemaliger Filmvorführer und heimlicher Pferdedieb, der verloren immer noch mit einer alten Filmdose an der Hand herum läuft. Zentaur (wieder der Regisseur Aktan Arym Kubat in der Hauptrolle) ist sehr naiv sehr freundlich zu der Milch-Verkäuferin, ohne zu ahnen, was das ganze Dorf darüber lästert. Sehr schön auch, wie zwei Arten von Pferdedieben vorgeführt werden: Der eine glaubt, eine Ehre zu haben und schwärzt deswegen den anderen an, der tatsächlich ehrenwerte Motive hat. Denn der Legende nach muss ein besonderes Pferd zu einem mythischen Berg geritten werden, damit das kirgisische Volk wieder zusammen findet. Aber irgendwie gehört es zur Tradition dieses Volkes, Pferde zu stehlen.

Zur Strafe und Läuterung soll der schließlich gefasste freie Mann Zentaur Moslem werden und nach Mekka pilgern. Ausgerechnet sein ehemaliges Kino wird jetzt als Gebetsraum entweiht. Doch in einem magischen Moment lässt er wieder einen Film laufen und die Betenden können sich der Verführung in ihrem Rücken nicht entziehen. Dafür wird Zentaur aus dem Dorf verbannt und die Tür zum Vorführraum vernagelt. Traditionen und die neue Dominanz einer der überkommen Religionen, die erniedrigte Rolle der Frau unter den neuen geistigen Ver-Führern ... in seiner scheinbar einfachen Erzählung vermittelt „Die Flügel der Menschen" ungemein viel nicht nur über die kirgisische Gesellschaft im Wandel.

Loving Vincent

Großbritannien, Polen 2017 Regie: Dorota Kobiela, Hugh Welchman mit Douglas Booth, Saoirse Ronan 95 Min. FSK: ab 6

„Loving Vincent" ist entgegen der Werbebehauptung nicht der erste Film, der vollständig aus Ölgemälden erschaffen wurde, aber vielleicht der aufwändigste. 125 Künstler arbeiteten über Jahre an einem Gesamtkunstwerk, das die berühmten Bilderwelten Vincent van Goghs in 65.000 Einzel-Ölbildern auf der Kinoleinwand lebendig werden lässt. Denn der niederländische Maler (1853-1890) fasziniert nicht nur durch seine Kunstwerke, auch das Leben eines getriebenen, ausgeschlossenen Menschen beschäftigt die (Film-) Kunst von großen Geschichten wie Vincente Minnellis Sozial-Porträt „Vincent van Gogh – Ein Leben in Leidenschaft" über Robert Altmans Familien-Geschichte „Vincent & Theo" bis hin zu sogar einer berührenden Hymne in einer Folge von „Doctor Who".

„Loving Vincent" nutzt unter anderem die vielen Porträts, die van Gogh von Zeitgenossen zeichnete, um diese animiert das letzte Jahr des Künstlers nacherzählen zu lassen. Ein Jahr nach dem Tod van Goghs taucht ein Brief des Künstlers an dessen Bruder Theo auf, den der junge Postbeamten-Sohn Armand Roulin auszuhändigen soll. Doch Theo ist mittlerweile auch verstorben und aus Armand wird ein Detektiv, der im Dorf Auvers-sur-Oise unter anderem aufklären will, woher der Maler eine Pistole hatte und wie er sich damit umbringen konnte.

Es ist tatsächlich ungemein reizvoll, wie sich die Porträts einer Wirtin, des Postboten Roulin, der schönen Tochter des Arztes Dr. Gachet und von diesem selbst mit Leben füllen. Die Spielszenen mit realen Schauspielern wurden dafür nachträglich von vielen internationalen Künstlern in Polen aufwändig übermalt. Selbstverständlich beeindrucken auch die „Hintergründe", die immer nur leicht bearbeiteten und animierten Landschafts-Gemälde van Goghs. Seine dramatische Geschichte blitzt dabei in schwarz-weißen Rückblenden auf. Das ist biographisch ausreichend unterfüttert, deutlich wird etwa das Erstaunen darüber, wie er in nur acht Jahre vom Amateur-Maler zum großen, verkannten Künstler wurde.

Allerdings wird im Hin und Her auf der Spur der Gerüchte, im Wechsel der verschiedenen Perspektiven von Menschen, die man ja noch lebendig befragen und sogar schon fotografieren konnte, als der Künstler posthum berühmt wurde, vor lauter Zeichnung die Figuren-Zeichnung vernachlässigt. Denn auch diese schöne Spielerei mit den populären Motiven van Goghs hält allein nicht eine Spielfilmlänge das Interesse. Dann müsste ein menschliches Drama greifen. Das ist ja durchaus vorhanden, wird in „Loving Vincent" (so die Signatur seiner vielen Briefe and den Bruder) allerdings arg einfach erzählt. Ein Mitgefühl für den armen Kerl bleibt nicht aus, doch das bekam selbst das Fernsehfilmchen der BBC-Serie „Doctor Who" ergreifender hin. Oder gar Don McLeans Song „Vincent (Starry Starry Night)", der im Abspann läuft. Immerhin: Wenn man den Zeichentrick komplett ausblendet und vergisst, dass hinter der Farbe Schauspieler aktieren, ist ein van Gogh immer sehenswert. Und so viele zu Recht berühmte Gemälde auf einmal bekommt man ansonsten nur mit Anstehen in Amsterdam zu sehen. Die Regisseur Dorota Kobielau und Hugh Welchman, die für ihre Recherche die Briefe des Künstlers benutzen konnten, erhielten den Europäischen Filmpreis 2017 in der Kategorie Bester Animationsfilm.

The Killing of a Sacred Deer

Irland, Großbritannien 2017 Regie: Yorgos Lanthimos mit Colin Farrell, Nicole Kidman, Barry Keoghan 121 Min. FSK: ab 16

Der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos ist Schöpfer äußerst faszinierender und verstörender Werke: Von „Attenberg" (2010) blieb der Abschied einer jungen Frau vom sterbenden Vater hängen, aber auch die „Crazy walks" der Figuren, die in dem skurillen Festival-Erfolg ungewöhnliche Beziehungen austesten. Normale Familien-Beziehungen wurden in „Alpen" (2011) vermittels einer mysteriösen Escort-Firma durch bezahlte Leih-Menschen ersetzt, die als Code-Namen Berggipfel der Alpen trugen. Im völlig untergegangenen und vom Verleih sträflich behandelten „The Lobster" (2015) wurden Singles nach einer Gnadenfrist und Umerziehungs-Chance in Tiere verwandelt. Die Regeln der Rebellen des Paarungs-Regimes sind jedoch ebenso grausam, wie die Figur von Colin Farrell erfahren muss. Im neuen Film von Regisseur und Drehbuchautor Lanthimos spielt Farrell einen Herzchirurgen und seltsamen Familienvater vor einer unmenschlichen Entscheidung.

Man könnte endlos seltsame Momente aufzählen, die nach der umwerfenden Eröffnung mit Franz Schuberts kraftvoller Stabat Mater auf der Tonspur und einer OP am offenen Herzen im Bild irritieren. Die Vorführung einer amerikanischen Muster-Familie ist schon durch steifes Gehabe, entseelte Dialoge und verzerrende Kameraobjektive ein Horror. Es gilt auch die anhaltende Irritation zu notieren, welches Verhältnis der Arzt wohl zum 16-jährigen Martin (Barry Keoghan) hat, der verwöhnt und beschenkt wird. Oder direkt zum altgriechischen Kern-Konflikt des Films kommen, dass der Chirurg wohl mit Restalkohol im Blut die Operation an Martins Vater verpfuscht hat, der nun ein Halbwaise mit sehr einsamer Mutter ist. Die (Alicia Silverstone) darf sich noch lächerlich an den ungewöhnlich nach-sorgenden Arzt ranschmeißen, aber dann äußert Martin in der Mitte des Films knapp seine niederschmetternde Prophezeiung: Stevens Kinder und seine Frau (Nicole Kidman) werden in vier grausamen Schritten erkranken und, nachdem ihnen Blut aus den Augen laufen wird, sterben. Es sei denn, der schuldige Mediziner opfert jemanden aus seiner Familie. Dann würden die anderen gesund weiterleben können. Und so geschieht es.

Solche unentrinnbaren Dilemmata haben sich schon die alten Griechen überlegt, um ihre Figuren zu quälen und Moral zu exemplifizieren oder überkommene Gesetze zu kritisieren. Hier entspannt sich vor allem das Gegeneinander des modernen, aufgeklärten Arztes mit unerklärlichen Erscheinungen. Die Versuche, Martin umzustimmen, bekommen religiöse Züge, etwas Gewalt darf auch dabei sein. Selbstverständlich bleibt dies in der Präsentation unterhaltsam skurril, wenn etwa die halb gelähmten Kinder durchs luxuriöse Haus robben.

Yorgos Lanthimos erhielt in Cannes 2017 mit seinem Ko-Autor Efthymis Filippou den Preis für das Beste Drehbuch. Doch auch wenn dies unverkennbar ein Lanthimos-Film ist, es ist trotz erstaunlichsten Ereignissen nicht sein bester. Dafür bleiben die vielen Elemente der horrenden Familien-Geschichte zu divergent.

24.12.17

Voll verschleiert!

Frankreich 2017 (Cherchez la Femme!) Regie: Sou Abadi mit Félix Moati, Camélia Jordana, William Lebghil 88 Min. FSK: ab 6

Französische Gesellschaftskomödien waren in letzter Zeit oft mit üblem und plattem Rassismus verseucht. „Voll verschleiert!" ist als Grenzfall zwischen Drama und Komödie nicht überzeugend, vermeidet aber zumindest Fettnäpfe und Plattitüden.

Die französischen Studenten Armand und Leila leben und lieben sich im Heute. Dass seine Eltern vor den Religiösen aus dem Iran flüchteten und ihre aus Marokko stammten, interessiert das aufgeklärte Paar nicht. Sie wollen gemeinsam nach New York und dort ein Praktikum bei den Vereinten Nationen absolvieren. Dann kommt Leilas Bruder Mahmoud aus dem Jemen zurück. Islamistische Gehirnwäsche macht ihn zum Sittenwächter von Bruder und Schwester. Mahmoud verbrennt Leilas Ausweis, sperrt sie zuhause ein und schluckt ihre Sim-Karte herunter. Die würde übrigens mit Schweine-Gelantine produziert, lautet die aufgeweckte Antwort der Studentin. Zudem will er den kleineren Bruder, der noch nicht erwachsen ist, in den jemenitischen Bürgerkrieg schicken.

Die Doku-Regisseurin Sou Abadi zeigt in ihrem Spielfilmdebüt Erschreckendes. „Voll verschleiert!" wirkt lange nicht wie Komödie, sondern wie ein Drama über den grassierenden menschenfeindlichen Wahnsinn namens Religion. Dann taucht Armand, um Leila überhaupt sehen zu können, verhüllt unter einem Niqab als Leilas neue beste Freundin Scheherazade auf. Dass sich der Hardcore-Religiösist Mahmoud ausgerechnet in die mysteriöse, verschleierte Dame verliebt, macht alles aberwitzig komisch. Trotz Burka-Verbot rennt Armand dauernd verhüllt durch die Stadt und wird dabei regelmäßig von einem Verkehrspolizisten ermahnt. Der engagierte Liebhaber findet sich nun zwischen mehr als zwei Welten, denn seine Eltern sind radikal säkular und kämpferisch für die Menschenrechte.

Zwar verfährt die Komödie etwas plump bei zufälligen verschleierten Begegnungen im Bus, wo seine Mutter dieser Frau Vorwürfe macht, dass sie sich in Freiheit für die Unfreiheit der Burka entscheidet. Doch es gibt auch eine herrliche Maskerade, in der ein Haufen befreundeter Flüchtlinge eine traditionelle Brautwerbung vorspielen und mitten in Paris Schafe als Brautpreis verlangen. „Voll verschleiert!" macht es sich nicht leicht mit zu leichtem Humor und erlaubt sich ein halboffenes Ende, das kurz wieder die real problematische Situation ernst nimmt. Was selbstverständlich in der Kürze nicht aufgehen kann.