21.6.17

Transformers: The Last Knight

Transformers: The Last Knight

USA 2017 (Transformers 5) Regie: Michael Bay mit mit Mark Wahlberg, Stanley Tucci, Anthony Hopkins, Isabela Moner, Josh Duhamel 151 Min.

Filme von Michael Bay („Armageddon", „Pearl Harbor") sind wie ein eBay, in dem nur Granaten, Bomben und Feuerwerkskörper verkauft werden. Von maximaler Lautstärke aufwärts. Und nun, zehn Jahre nach dem Start der besonders hirnlosen „Transformers"-Reihe, hat sich Michael Bay besonders viel Geld besorgt. Für die Knall-Effekte, für was sonst?

Der alberne Spielzeug-Film „ Transformers: The Last Knight" sah zwar im Trailer richtig düster aus, doch tatsächlich ist er höchstens wegen der 3D-Projektion dunkel. Oder wegen des Dark Age, dem Mittelalter, in das die Geschichte umständlich zurückgeführt wird. Die Autoren mischten Artus-Sage und Apokalypse unter, völlig überraschend geht es letztlich wieder darum „die Welt" zu retten. Dass bei Artus ein besoffener Merlin England als die zu rettende Welt ansieht, will keines nicht die Beschränktheit dieses Konzepts der Lächerlich preisgeben.

Die Handlung hat vor allem einen (lauten) Knall und lässt vermuten, dass die Drehbuch-Autoren weniger Gehalt als die Praktikanten in der Werbeabteilung bekommen: Es gibt Krieg zwischen den Transformers und den Menschen. Dabei ist es den Alien-Jägern egal, ob es sich um die guten Autobots oder die bösen Decepticons handelt. Wohlgemerkt: Dies sind alles Autos, die sich verwandeln! Nicht in leise oder schadstoffarme E-Mobile. Nein, in riesige Kampfmaschinen, die fast den jährlichen Body-Count der deutschen Verkehrstoten erreichen. Zwischen den Ungetümen hüpfen ein paar männliche Stichwortgeber umher sowie Frauen, die nichts anders als Hochglanz-Modells sein wollen und sollen. Megan Fox wird diesmal durch die britische Schauspielerin Laura Haddoc ersetzt. Ihre Vivian Wembley hat zwar reihenweise akademische Titel, schmilzt aber sofort dahin, wenn Mark Wahlberg sein Shirt auszieht.

Mark Wahlberg ist als Ideal-Besetzung für Dumpfbacken-Filme zum zweiten Mal dabei. Absteiger des Jahres allerdings: Anthony Hopkins. Auch wenn er schon mal bei Autobahn-Verschrottungen mitmacht, das Konzept, sich die Karriere in späten Jahren mit besonders schlechten Filmen zu versauen, sollte seinem Agenten den Kopf kosten. Trotzdem bringt er eine irritierende Qualität in die paar Szenen, von denen man nicht weglaufen will.

Das ganze spielt sich mit einem Haufen lustiger und nerviger Sidekick-Aliens, Mini X-Wings und einer britischen C-3PO Kopie unterkomplex auf Kinderniveau ab. „Transformers" bleibt im Kern das Spielzeug kleiner Jungen, die ihre Matchbox-Autos aufeinander knallen lassen und den Blechhaufen irgendwann Persönlichkeit anfantasieren. Der große Junge Michael Bay darf für dieses Spiel mittlerweile mehrere hundert Millionen auf den Kopf hauen. Weil Millionen anderer Kindsköpfe dafür an der Kasse Eintritt bezahlen. Sie bekommen exakt das Selbe, was sie erwartet haben. Nicht das Gleiche, tatsächlich: Das Selbe. Bei Teil 5 kommen einem nicht nur die Wiederholungen aus anderen Transformer-Filmen bekannt vor, die gleiche Geschichte von Öffentlichkeit gegen Superhelden gab es auch in „X-Men" oder „Superman vs Batman".

Blecherne Dialoge schmerzen im Ohr, und sie kommen nicht von den Transformers! Eine enorme Umweltverschmutzung in Sachen Gewalt und Militarismus scheint unausweichlich zu diesem Genre zu gehören. Die Schnitzeljagd nach einem Medaillon und dem außerirdischen Stab von Merlin ist für so einen Etat erschreckend stümperhaft zusammengeschustert, unlogisch und sprunghaft. Selbst die Action-Einlagen, digitale Blechteil-Akrobatik und Verfolgungsjagden können nicht beeindrucken. Überlang und oft langweilig verlaufen die Verfolgungsjagden und Prügeleien bis das reizvoll digital gezeichnete Untergangs-Szenario, kurz ohne viel Explosionen auskommt. Es ist schwer vorstellbar, aber mitten in „Transformers 5" wünscht man sich in irgendeinen Superhelden-Film, der sich nebenan im Saal läuft.

20.6.17

Life, Animated

USA 2015 Regie: Roger Ross Williams 92 Min. FSK: ab 0

Der amerikanische Junge Owen Suskind verstummte im Alter von drei Jahren plötzlich. Diagnose: Autismus. Aber vier Jahre später entdeckte seine Familie, dass Owen in der Welt der Disney-Trickfilme und deren animierter Charaktere lebt. Über die Dialoge, die das Kind auswendig konnte, lernte er wieder sprechen. Sein Vater begann mit der Handpuppe eines Disney-Papageien sogar einen Dialog. Die Dokumentation „ Life, Animated", die nach dem gleichnamigen Buch des Vaters Ron Owen entstand, zeigt den „Jungen" mittlerweile im Alter von 23 Jahren. Weiterhin korrespondiert die Geschichte mit Disney-Szenen, etwa von Peter Pan, der nicht erwachsen werden will, während Owen lernt, selbständiger zu sein. Doch dieses Zitat ist nur für uns Zuschauer, denn Owen hält mittlerweile Vorträge auf einer Autisten-Konferenz in Paris, analysiert Disney-Filme vor seiner Klasse und ist mit zwei Synchrosprechern von Disney befreundet.

Diese sehr erstaunliche Entwicklung eines Autisten wird nicht nur klassisch bebildert. Logischerweise reden vor allem die Menschen um Owen herum. Psychologen kommentieren, es gibt viel redundante Interviews mit den Eltern und alte Familienfilme. Aber Owen zeichnete und schuf sich auch ein eigenes Universum mit Nebenfiguren der Zeichentrick-Filme. Die wurden für diese Doku animiert und spiegeln die Entwicklung auf einer künstlerischen Ebene. Die Allgegenwart von Disney irritiert zwar etwas und man fragt sich zwischendurch, ob dies nicht einfach Werbung für den Konzern ist. Doch letztlich ist die Geschichte von Owen besonders und stark genug, um diese Dokumentation zu tragen.

19.6.17

Monsieur Pierre geht online

Frankreich, BRD, Belgien 2017 (Un profil pour deux) Regie: Stéphane Robelin mit Pierre Richard, Yaniss Lespert, Fanny Valette, Stéphane Bissot 101 Min. FSK: ab 0

Was probieren einsame Senioren als erstes, wenn sie gerade die ersten Schritte im Internet machen können? Nein, keine Facebook-Scherze weiterleiten, sondern sich bei einer Dating-Site umschauen. So auch Witwer Pierre (Pierre Richard), der von seiner Tochter Juliette den erfolglosen Autor Alex (Yaniss Lespert) als Computer-Hilfe vermittelt bekam. Der zeigt dem alten Griesgram in dessen verlotterter, düsterer Wohnung, wie das mit der Kamera funktioniert, und ist mit seinem eigenen Beispiel-Foto prompt unwissentlich auf einer Flirt-Plattform zu finden. Die folgenden Chats mit wesentlich jüngeren Frauen zeigt der Film mit den virtuellen Partnern sehr nett real in Pierres Zimmer. Bald findet sich beim anonymen Flirten Flora (Fanny Valette) mit vielen Gemeinsamkeiten und einer beiderseitigen Begeisterung für die chinesische Kultur. Ein erstes Treffen wird anberaumt und Alex soll in Brüssel das Double fürs richtige Leben geben.

Eine reizvolle Idee, besonders reizend sind allerdings die Wirrungen hinter dem Online-Flirt: Denn Alex ist eigentlich der Freund von Pierres Enkel Sylvie (Stéphane Bissot), mit welcher der alte Mann zerstritten ist. Das junge Pärchen wohnt wegen seiner Geldprobleme bei Juliette, aber Alex erfährt in diesem komplexen Beziehungs-Viereck von Pierre, dass Sylvie heimlich mit ihrem Ex in China skypt.

Auch wenn es mit Alex und Flora mit dem Chinesischen nicht recht klappt - weil er im Gegensatz zu „seinem" Profil da keine Ahnung von hat - zwischen den beiden funkt es direkt. Mit allen Folgen. Jetzt muss Pierre das doppelte Spiel weiter chatten und Alex schafft es nicht, die Wahrheit zu sagen.

Ja, der alte Komiker Pierre Richard („Der große Blonde...") macht einmal ein richtiges Fenster auf, als Alex ihm am Telefon erzählt, er solle ein Bildschirm-Fenster öffnen. Doch ansonsten machen die Irrungen und Wirrungen einer Beziehung im Zeitalter der virtuellen Liebe auf sympathisch feine Weise Spaß. Auf der Basis einer boulevardesken Verwechselungs-Komödie sorgt das Dilemma zwischen virtueller und körperlicher Persönlichkeit pointiert für cleveren Komödien-Zündstoff. Oder kurz: Der eine schreibt im Namen des anderen; der andere vögelt im Namen des einen. Das zickige Zusammen- oder besser: Gegeneinander-Spiel von Pierre und Alex funktioniert mit dem Altstar Pierre Richard und seinem jungen Partner hervorragend.

Pierre entwickelt sich vom Messi, der nicht aus der Wohnung kommt, zu einem charmanten alten Herrn. Die Komödie löst sich nicht gesteigertem Klamauk auf, sondern vertieft sich herrlich in menschliche Unzulänglichkeiten, um schließlich eine ganz eigene, atemberaubende romantische Dreiecks-Geschichte zu werden. Die witzig komplizierten Situationen, denen man immer gerne folgt, führen zu komischen und zugleich tragischen falschen Hoffnungen. Schließlich konkurrieren beide um eine tolle Frau. Leider, und das ist das einzige Manko des in Sachen Liebesbegehren sehr spannenden Films mit vielen komischen Wendungen, endet er zu konventionell happy.

18.6.17

Innen Leben

Belgien, Frankreich, Libanon 2017 (Insyriated) Regie: Philippe van Leeuw mit Hiam Abbass, Diamand Abou Abboud, Juliette Navis 86 Min. FSK: ab 12

Eine Wohnung. Eine Familie. Ein paar Gäste. Ganz normal, doch hier ist die Tür verrammelt, von draußen hört man schweres Artillerie-Feuer, der Blick durchs Fenster zeigt Verwüstung und Tod. Die Wohnung in Damaskus und mitten im syrischen Bürgerkrieg sieht aus wie eine ganz normale, wie sie auch in Deutschland ähnlich eingerichtet wäre. Nur gibt es kaum fließend Wasser und nur selten Strom.

Die arabisch-israelische Star-Schauspielerin Hiam Abbass („Lemon Tree", „Free Zone", „Ein Sommer in New York") verkörpert die schwer beladene Hauptrolle von Oum Yazan, die den Unterschlupft für Familie und Nachbarn am Laufen hält. Ein benachbartes junges Paar mit Baby, der Opa, Hiams Kinder, die Haushälterin Delhani, der Freund einer der Töchter. Dies sind die letzten Menschen im Haus. Ein Bewohner will die Flucht aus dem Land vorbereiten, wird aber schon auf dem Parkplatz erschossen. Seiner Frau soll dies nicht gesagt werden, weil jeder, der einen Angeschossenen retten will, im Visier der Scharfschützen landet. Dieses Schweigen legt sich früh bleiern über die schon schwere Stimmung in der überbelegten Wohnung.

Der belgische Regisseur Philippe Van Leeuw inszenierte ein Kammerspiel, bei dem das gewalttätige Außen des Bürgerkrieges ungemein intensiv nach innen dringt. Die Handkamera folgt den Bewohnern durch die Zimmer. Bei schwereren Einschlägen flüchten sich alle in einen Innenraum ohne Fenster. Aus Angst vor Gift werden die Ritzen verstopft. Doch Räuber im Haus machen Bedrohung und den gesetzlosen Zustand ganz konkret. Sie vergewaltigen die Nachbarin, die Familie hält sich nebenan versteckt, bekommt alles mit und schreitet doch nicht ein. Vor allem diese Wendung macht aus den versammelten Opfern eine ebenso grausame Gemeinschaft wie die Bürgerkriegs-Gesellschaft draußen vor der Tür. Oder vielleicht wie die Weltgemeinschaft, die auch nur zuschaut. Die Fronten werden unklar, es gibt Zweifel an der Integrität der Figuren.

Ähnlich wie beim afghanischen Drama „Stein der Geduld" von Atiq Rahimi stehen Frauen im Zentrum der Entwicklungen - als Opfer und als Kraft, die im Chaos ein paar Reste zusammenhält. Das ist intensiver und heftiger als beispielsweise das Kammerspiel der in Amsterdam versteckten Familie Frank in Hans Steinbichlers „Das Tagebuch der Anne Frank". Schuldzuweisung bleiben in der Situation der syrischen Familie ebenso „außen vor" wie Perspektiven oder Hoffnung. Der Film gewann auf der 67. Berlinale den Publikumspreis der Sektion Panorama.

13.6.17

Ich wünsche dir ein schönes Leben

Frankreich 2015 (Je vous souhaite d'être follement aimée) Regie: Ounie Lecomte mit Céline Sallette, Anne Benoît 100 Min. FSK: ab 12

Elisa (Céline Sallette) arbeitet als Physiotherapeutin, ihre Kunden öffnen sich und teilen ihre Probleme. Elisas Probleme hält sie verschlossen. Getrennt vom Partner, macht sie für einige Monate eine Vertretung in Dünkirchen. Dort sie vor 30 Jahren von einer anonymen Mutter geboren und zur Adoption freigegeben. Nun begibt sie sich auf die Suche nach ihrer leiblichen Mutter.

Das ergibt zwei interessante Frauen-Porträts, die zusätzlichen Reiz gewinnen, weil sich die Wege von Mutter und Tochter unwissentlich dauernd kreuzen. Denn Annette (Anne Benoît) arbeitet als Putzfrau in der Schule von Elisas Sohn Noé. Regisseurin Ounie Lecomte stammt aus Korea und ist selbst mit Adoptiveltern aufgewachsen. So sind die Fragen, wer und wie wohl die Mutter sein könnte, auch autobiographisch. Sie erzählt nüchtern und undramatisch, dabei vielschichtig von verschiedenen Formen des Mutter-Seins. Denn da ist auch noch Elisas Sohn, der wegen seiner Haare und der dunklen Haut in der Schule als arabisch eingeordnet wird, damit aber gar nichts anfangen kann. Annette wüsste den Grund, weswegen Noé so aussieht, doch ihre Mutter will wiederum nicht, dass die alte Geschichte publik wird. Im ruhigen Verlauf findet eine Annäherung statt, alles könnte sich in Wohlgefallen auflösen, doch der still gefühlvolle Film zeigt eine andere Reaktion.

Das Belko Experiment

USA 2017 (The Belko Experiment) Regie: Greg McLean mit John Gallagher jr., Tony Goldwyn, Adria Arjona 88 Min. FSK: ab 18

Das Experiment, wie sich Menschen in lebensbedrohlichen Extremsituationen verhalten, wurde kürzlich in der neuesten „Sherlock"-Folge grandios durchgespielt. „Das Belko Experiment" scheitert schon bei der Rechtschreibung des Titels und dann sowohl als Horrorfilm wie als Thriller: Während eines Sozialexperiments ist eine Gruppe von 80 Amerikanern in ihrem Büro-Komplex in Bogata, Kolumbien, eingeschlossen. Irgendwann gibt es die Durchsage, dass 60 von ihnen sterben werden, wenn sie nicht eigenhändig 30 Menschen ermorden. Wer das zynische Spiel nicht mitmacht, bei dem explodieren kleine Bomben im Kopf, die als vermeintliche Peilsender für den Fall einer Entführung eingesetzt wurden. Der Versuch, die Dinger mit dem Cutter zu entfernen, sorgt für reichlich Blut auf der Leinwand, die ferngesteuerte Explosion dann für richtigen Splatter. Das scheint dem Film wichtiger als die gruppeninternen Prozesse, die mit einer klaren Frontenbildung schnell erledigt sind. Ein humor- und ideenloses B-Movie.

Bob der Baumeister - Das Mega Team

Großbritannien 2017 Regie: Stuart Evans, Colleen Morton 63 Min. FSK: ab 0

Wem diese Kino-Woche mit den Wunder-Frauen zu feministisch ist, findet bei Bob ein Refugium für echte Kerle: Nach der gleichnamigen Fernsehserie mit belebten Lastern und Maschinen dreht sich dieser kurze Kinofilm um den Bau eines Staudamms. Bob und seine befreundeten Arbeitsgeräte werden dabei von einem bösen Konkurrenten sabotiert. Die einfache Geschichte leidet vor allem unter der schematischen Computer-Animation. Mehr als eine weitere Vermarktung von Spielfiguren steckt da nicht dahinter.

Der wunderbare Garten der Bella Brown

Großbritannien, USA 2016 (This beautiful Fantastic) Regie: Simon Aboud mit Jessica Brown Findlay, Andrew Scott, Jeremy Irvine, Tom Wilkinson 92 Min. FSK: ab 0

Gartenfreunde müssen die Gummistiefel ausziehen und ins Kino. Cineasten sollten Gartenhandschuhe anziehen und Antihistaminika einwerfen: „Der wunderbare Garten der Bella Brown" ist ein tatsächlich wunderbarer Film über die seltsame Pflanze Mensch, die manchmal im Schatten blüht, mal besondere Pflege braucht, aber dann sehr beglücken kann.

Bella Brown (Jessica Brown Findlay) ist so ein Schattengewächs, „nichts Normales war an diesem Mädchen" bemerkt der Erzähler. Bella ist eine Waise, die von Enten bewacht und einem skurrilen Schwimmer entdeckt wurde. Sehr pedantisch in einem kleinen Häuschen lebend, muss bei ihr immer alles am richtigen Platz liegen, ihre Mahlzeiten sehen streng geometrisch, wenn nicht gar symmetrisch aus. Eines Tages erbt sie vom griesgrämigen Nachbarn Alfie (Tom Wilkinson) den großartigen Koch Vernon (Andrew Scott), einen alleinerziehenden Vater, dem ein Übermaß an Mitgefühl aus den Poren strömt. Er wird Bellas Stütze sein, als ein strenger Hausverwalter eine Frist zur Rettung des verwilderten Gartens setzt und mit Rausschmiss droht. Dabei hat sie seit frühester Kindheit eine Abneigung gegen alles Grüne und Vernon heftigen Heuschnupfen.

Bella Brown ist eine Art britischer Amélie Poulain. Allerdings wurde hier die Schraube der Verdrehtheit ein paar Umdrehungen weniger angezogen, der Stil hält sich zurück. Dafür wuchern kleine liebe- und humorvolle Szenen. Der beglückende, unbedingt sehenswerte Film gewinnt die Herzen nicht nur mit der schön verschrobenen Geschichte, sondern auch mit ungemein sympathischen Figuren: Bella ist kein hilfloser Sonderling, sie weiß sich durchaus gegen den Nachbarn Alfie zu wehren, der mit allen Mitteln seinen Koch zurückhaben will. Der grummelige alte Mann überrascht mit seinen Spleens und seiner Pflanzen-Leidenschaft als schillernder Charakter. Neben grandios zynischen Bemerkungen erfreut er wunderbar mit seinem Wissen über Pflanzen ihre Namen, Bedeutungen und Geschichten. Im Garten, dieser „Welt des schön geordneten Chaos", öffnet er sich Bella langsam. Er selbst würde eine passende Blüte anführen, die sich ähnlich scheu verhält. Denn er hat ja zu jeder Pflanze eine Geschichte seiner früheren Reisen parat. So wird Alfie schließlich auch Bellas Schreibblockade auflösen und ihre poetische Ader zum .... ja: erblühen bringen.

Jessica Brown-Findlay („Der wunderbare Garten der Bella Brown", „Victor Frankenstein") darf man hier in der Hauptrolle entdecken und sich auf ihre nächsten Filme freuen. Tom Wilkinson brilliert als Alfie wie in jeder seiner vielen, so verschiedenen Rollen („Snowden", „Verleugnung", „Grand Budapest Hotel", „Selma", „Lone Ranger"). Bei dieser wunderschönen Menschen-Familie, die hier zusammenwächst, gibt es auch die rührende Liebesgeschichte Bellas zum verschrobenen Billy, der mechanische Tiere erfindet. Sie kommen unter den Augen der ungemein strengen Bibliotheksleiterin zusammen - auch diese Szenen schwingen zwischen leicht verrückt und märchenhaft verträumt.

12.6.17

Wonder Woman (2017)

USA 2017 Regie: Patty Jenkins mit Gal Gadot, Chris Pine, Robin Wright, Danny Huston, David Thewlis, Connie Nielsen 140 Min. FSK: ab 12

Frieden bereiten mit Flamme und Schwert? Feminismus mit einem Action-Püppchen vorantreiben? Die Aufregung um den nächsten Superhelden-Film „Wonder Woman" liefert einige Paradoxien. Die Sache mit der Frauen-Power ist dabei schnell abgehakt: Mit Patty Jenkins („Monster") führt erstmals eine Frau Regie beim momentan dominanten Comic-Genre für Fan-Boys. Und mögliche „Fan-Girlz" oder weibliche Kino-Begleitung bekommen mit Wonder Woman Diana Prince eine starke Identifikationsfigur vorgesetzt - für die nächste Prügelei im Schlussverkauf.

Ja, in den ersten Minuten sieht man nur Frauen in „Wonder Woman" - und einen sehr trägen und schematischen Aufbau zur Vorgeschichte Dianas auf einer verborgenen Amazonen-Insel. Die stolzen Frauen üben sich dort seit Jahrhunderten mit glänzenden Griechen-Rüstungen im Schwertkampf, schießen mit Pfeil und Bogen, reiten erhaben herum. Bis mit dem notgelandeten amerikanischen Piloten Steve (Chris Pine) der erste Weltkrieg auf der Insel strandet. Dieser Spion will Informationen über ein diabolisches deutsches Giftgas-Projekt nach London bringen, und Amazone Diana ein für alle Mal den Kriegsgott Ares besiegen.

Bevor die Action allerdings bei den Schlachtfeldern ankommt, muss die naive Eingeborene Diana in London noch die aktuelle Mode anprobieren. Selbst wenn die Sache mit dem Giftgas doch eigentlich eilig wäre. Völlig 50er Jahre- und Doris Day-mäßig lässt der Film Wonder Woman mit Schild und Schwert durch die Metropole tapsen. Dann geht es aber bald rund mit der schlagkräftigen Pazifistin, die in ihrem Wahn, Ares zu schlagen, zielsicher nicht nur den Gott des Krieges bekämpft, sondern auch alle seine deutschen Jünger und Auswüchse. Dianas Entsetzen über die Schrecken des Krieges im flandrischen Grabenkampf wirkt auf dem Niveau eines Abenteuer-Filmchens tatsächlich.

Dianas Antwort mit Martial Arts, neu entdeckten übermenschlichen Kräfte sowie ein paar Wunderwaffen, ist dann echt wieder Comic und nicht wirklich friedlich. Was wenige Minuten später zum Sieg der „guten" mordenden, vergewaltigenden und folternden Soldaten führt. Auf diesem Reflektions- und Teenager-Niveau läuft auch die brave Vorschul-Romantik mit Steve ab. General Ludendorff geht als erster großer Gegner drauf, dabei wirkte der echte Ludendorff noch bis 1937 in seinem völkischen und rechten Wahn weiter.

Auch „Wonder Woman" ist so ein typischer Film für kleine Jungs jeden Alters. Unübersehbar der erste Teil einer ganzen Film-Reihe, ist diese Figur längst noch nicht in einer Phase, in der sich ein Superheld wie „Iron Men" mal Persönlichkeit als starke Waffe leistet. Auch wenn Diana als Pazifistin gegen die feigen kriegs-liebenden Führer auftritt, mit ihrer Kenntnis von über hundert Sprachen eine frühe Ikone des Multi-Kulti-Zusammenlebens darstellt, lässt sich das ganze gut aussehende, teure Filmchen nur schwer als feministisch interpretieren.

Gal Gadot („Die Jones - Spione von Nebenan"), ehemals israelische Soldatin, Modell und Martial Arts-Kämpferin, macht als Kämpferin für Liebe, Frieden und den Sieg der richtigen Seite eine gute und treffsichere Figur. Während Chris Pine nur eine typische flache Action-Figur gibt, kann David Thewlis („Harry Potter") einem fast verständlich machen, dass die Götter diese lästigen Menschen, die sich nur selbst und alles andere zerstören, vernichten wollen. Allerdings folgt diesem packenden göttlichen Moment wieder eine sehr banale Prügelei. Superhelden-Film halt.

Mädelstrip

USA 2017 (Snatched) Regie: Jonathan Levine mit Amy Schumer, Goldie Hawn, Christopher Meloni, Joan Cusack 91 Min. FSK: ab 12

Im großen Zweikampf der Power-Feministinnen Amy Schumer und Wonder-Woman scheint die US-Kabarettistin auf verlorenem Posten zu spielen: Schumer hat keine Model-Maße, keine Kampf–Ausbildung und ihre einzige Wunder-Waffe ist ein grandioser Humor. Beide werden mütterlich unterstützt von alten Heldinnen (hier Goldie Hawn, dort Connie Nielsen), aber auch wenn Diana die Schlacht für sich entscheidet, Amy Schumer wird zuletzt lachen.

Amy Schumer gibt mit dem von ihren TV-Auftritten („Inside Amy Schumer") bekannten Mut zu Selbst-Karikatur die Verliererin Emily Middleton, die gleichzeitig Job und Freund los wird. Eine tollpatschige Alkoholikerin, ein einsamer Trampel, der in größter Verzweiflung über eine nicht erstattbare Urlaubsreise auf Mama zurückgreift. Die ist Katzenmutti, sehr eingerostet und notorisch ängstlich. Nach einer feministischen Kampfrede, die nur den Zweck hat, Mutter zum Mitfahren nach Ecuador zu bewegen, wird es am eingezäunten Hotel-Pool schnell langweilig und peinlich. Bis ein scharfer Typ Emily anmacht und beide Frauen zu Ausflügen ins freie, echte Latino-Leben mitnimmt. Die echte Entführung zum Zwecke der Lösegeld-Erpressung erfolgt umgehend. Dazu „grausame, unmenschliche Szenen", wie der Vorspann warnt - mit dem Zusatz: Auch die Entführer waren ziemlich gemein!

Zwischen mit vollem Körpereinsatz ausgespieltem Gekreische und zwei Morden im Vorbeigehen machen die blonden Touristinnen den Geiselnehmern das Leben schwer. Es gibt viel Slapstick von klasse Schauspielerinnen, denen man diese verunglückten weiblichen Existenzen tatsächlich abnimmt. Ebenso eine Erziehungsdiskussion mitten im Dschungel und direkt danach einen sehr seltsamen Bandwurm-Exorzismus. Die großartige und kämpferische Amy Schumer kann sich das alles erlauben. Für Goldie Horn gibt es nach 15 Jahren den ersten Filmauftritt. Die Sensation dieses Mädelstrips ist allerdings Joan Cusack als Ex-Agentin, die sich selbst die Zunge rausschnitt, um unter Folter nichts verraten zu können. Bei deftigem Sex-Talk und unvermeidlichen Obszönitäten, die diesmal tatsächlich lustig sind, lässt das Tempo im Aktionismus allerdings nach. Und immer wenn sich „Mädelstrip" in Richtung großer Kinospaß von den Figuren verabschiedet, verliert er seine eigentliche Attraktion aus den Augen.

7.6.17

Die Mumie (2017)

USA 2017 (The Mummy) Regie: Alex Kurtzman mit Tom Cruise, Sofia Boutella, Annabelle Wallis, Russell Crowe 107 Min.

Nein, die Mumie ist hier nicht gleich der feist gewordene Tom Cruise. Um Cruise in die unmögliche Mission zu integrieren, den völlig verstaubten Mumien-Stoff, noch mal zu beleben, wird die ägyptische Leiche diesmal sogar zur Frau: Die einst mächtige Ägypter-Königin (Sofia Boutella aus „Kingsman: The Secret Service" und „Star Trek Beyond") wird in unserer heutigen Zeit zu neuem Leben erweckt. Nun ist sie sehr böse und zerstörerisch.

Die Mumie ist auch schon als Kinostoff uralt, die ersten Versionen dieser Mutter der Horror-Filme liefen bereits in der Stummfilm-Zeit. In den letzten Jahren fand man ihren Leichnam vornehmlich auf Resterampen wie „The Scorpion King" oder in der albernen Variante zwischen 1999 und 2008 mit Brendan Fraser. Nun versucht Cruise mit den alten Lumpen gegen die Superhelden-Hype anzustinken. Wobei Universal Picture unter dem Namen „Dark Universe" auch so eine Franchise-Familie wie Marvel und DC Comics aufbauen will. Allerdings ist bei der neu ausgewickelten Mumie ausgerechnet Sean Daniel Ko-Produzent, der auch die vorherige Bandagen-Trilogie in die Kinos brachte.

Im Nord-Irak betätigen sich US-Soldaten im Nebenjob als Grabräuber. Cruise stellt dabei in Tölpelhaftigkeit und Unbedarftheit eine unverhohlene Indiana Jones-Kopie dar. Indy heißt nun Nick sonst ändert sich nix. Unverfroren und gierig interessiert es sich nur für seinen Gewinn und muss zwischendurch noch seine Liebhaber-Fähigkeiten ausstellen. Von der Wüste geht es mit den Mumien immer wieder nach London. Ein sehr schöner Flugzeugabsturz lässt Nick mysteriöserweise überleben und auch die eingewickelte, schick tätowierte Braut Ahmanet (Sofia Boutella) kriecht bald Unheil stiftend herum. Mit einer Armee aus Zombies will sie Nicks Körper als neue Hülle für ihren Gott.

Viel Action, wenig Spannung und alles, aber wirklich alles vorhersehbar. „Die Mumie", Version 2017 ist ein Abenteuer-Filmchen, ein B-Movie, dem Prominente und Produktionswerte Substanz geben sollen. Letztlich geben sie sich aber in dieser Kombination gegenseitig der Lächerlichkeit preis. Die Dialoge sind grottiger geistiger Leerlauf. Vorgetragen von eher mittelmäßigen Darstellern fällt dies umso mehr auf. Cruise gibt einen eher einfältigen Kerl, zeigt nicht die Intelligenz aus „Mission Impossible" oder die Integrität von „Jack Reacher".Nur Russell Crowe als Dr. Henry Jekyll mit einer verborgenen Seite kann faszinieren. Mit Multi-Millionen-Aufwand produziert, ermüdet dieses Stückchen Effektkino, das bald im Sand der Geschichte untergehen wird, sehr schnell.

Wenn nicht mal mehr einen so exzellenter und erfahrener Autor wie David Koepp etwas retten kann, ist es an der Zeit, grundsätzlich umzudenken. Die Selbst-Kannibalisierung und Leichenfledderei von Hollywood, dieses rücksichtslose und geldgierige Ausbuddeln jedes noch so schäbigen Stückchen Stoffs aus der Vergangenheit, bringt keinerlei befriedigende Filme mehr hervor. Hier muss auf allen Ebenen gründlich Staub gekehrt werden. Vor allen Dingen müssen die Produzenten anfangen, Raum für Neues zu schaffen. Sonst gucken die nächsten Generationen wirklich nur noch Serien zu Hause im Fernsehen.