7.12.16

Salt and Fire

BRD, USA, Frankreich Mexiko, Bolivien, 2016 Regie: Werner Herzog mit Veronica Ferres, Michael Shannon, Gael García Bernal, Lawrence Krauss 98 Min. FSK: ab 6

Das kann nur so ein typischer Herzog-Witz sein: Die Leiterin einer wissenschaftlichen Delegation wird entführt und mit zwei blinden Jungen in einer gigantischen Salzwüste in Bolivien ausgesetzt. Reichlich Bildmaterial für Herzog, aber wieso Veronica Ferres in der Hauptrolle? Nach Nicole Kidman als Laurenzia von Arabien nun die Maschmeyer-Gattin mit Dialogen zum Weglaufen, unter anderem über die „Mutter aller Durchfälle". Ein Geiselnehmer steht aus dem Rollstuhl auf, ein anderer (Michael Shannon aus „Elvis & Nixon") redet dauernd in Rätseln. Wenn so Entführungen ablaufen, ist das ja unmenschlich. Das ist alles so daneben und unglaubwürdig, dass es schon surreal wird. Eine filmische Katastrophe - umso mehr, weil in diesem Trümmerfeld von Ideen das eigentliche Konzept (nach Tom Bissells Kurzgeschichte „Aral") durchaus neugierig macht.

Alle Farben des Lebens

USA, 2015 (About Ray/Three Generations) Regie: Gaby Dellal 93 Min. FSK: ab 6

Wenn die lesbische Oma der Enkelin sagt, „Sex mit Frauen bedeutet nicht, dass du weltoffen bist, du bist nur glücklich", dann sind wir herrlich weit fortgeschritten im reichen und intellektuellen Bürgertum New Yorks. Dass die 16-jährige Enkelin Ray (großartig: Elle Fanning) allerdings ein Junge sein will, findet die liberale Dolly (Susan Sarandon) dann gar nicht mehr gut. Und auch die freilebige Mama Maggie (Naomi Watts) zögert ihre Unterschrift zur Hormontherapie als Erziehungsberechtigte lange hinaus. Zum Glück kann sie ja auch noch auf den Mann warten, dessen Name in der Geburtsurkunde steht, und den in den letzten Jahren keine der Frauen mehr gesehen hat.

Die drei Generationen in dem alten Haus bilden eine wunderbare Familie mit sehr schönem Frauen-Pärchen, einer suchenden Zwischengeneration und der entschlossenen Jugend voller Energie. Tolle Bilder des transsexuellen Mädchens in New York beim Skaten und Workout machen den Film auch optisch zu einem Genuss. Aber vor allem die geistreichen und klugen Dialoge, die man so sehr selten im Film hört, sind ein Glücksfall. Bei dem der ironische Witz nicht zu kurz kommt, wenn in dem penetrant vegetarischen Haushalt für ein blaues Auge doch noch ein Huhn aus dem Kühlschrank herhalten muss. Oder Maggie ihren sehr jungen Liebhaber fragt, wie es ist, einen Penis zu haben. Das ist eine starke Truppe, auch weil sie durchgehend mit Extraklasse-Schauspielerinnen besetzt ist. Vor allem Super-Jungstar Elle Fanning („The Neon Demon", „Maleficent") begeistert, wie ihr/e Ray mit Sensibilität die neue Rolle sucht oder mit der Rauheit eines James Dean und ihren Doc Martens durch die Straßen New Yorks stapft. Das ist atmosphärisch wie menschlich gleichermaßen wunderbar und in jeder Hinsicht gelungen.

Jacques - Entdecker der Ozeane

Frankreich, 2016 („L'Odyssée") Regie: Jérôme Salle mit Lambert Wilson, Pierre Niney, Audrey Tautou 122 Min. FSK: ab 6

Nein, Bill Murray ist in „Die Tiefseetaucher" („The Life Aquatic with Steve Zissou", 2004) einfach der bessere Jacques Cousteau. Doch das Bio-Pic „Jacques" über den weltberühmten französischen Meeres-Grzimek zeigt gekonnt die Faszination der Meere, das (Fast-) Scheitern eines Traums und die Familien-Tragödie von Jacques-Yves Cousteau. Der Kapitän mit der roten Mütze war seit den Sechziger Jahren weltbekannt: Was heute atemberaubende Dokumentationen der BBC vom Leben auf und unter Wasser zeigen, hat er als Pionier mit selbstgebauten Atemgeräten, Unterwasserkameras und Scootern für Taucher erst möglich gemacht.

1949 entscheidet sich der wohlsituierte Marine-Kapitän Jacques Cousteau (Lambert Wilson) mit seiner Frau Simone (Audrey Tautou), den sicheren Job aufzugeben, um mit dem eigenen Forschungs-Schiff Calypso zur Expedition der Ozeane aufzubrechen. Die beiden Söhne bleiben im Internat zurück. Jahre später schließt sich der erwachsene Philippe Cousteau (Pierre Niney) der Calypso-Truppe an: Vater Jacques ist zu einem internationalen Filmstar und gefeierten Produzenten geworden. Simone, die einst ihren Schmuck für die Calypso opferte, hängt mittlerweile an der Flasche und lebt wegen der Affären ihres Mannes nur noch auf dem Schiff. Obwohl es viele Preise auf den Filmfestivals gab und Cousteau einem US-Sender gleich eine ganze Serie von Filmen verkaufte, leidet sein Imperium mit Forschungs-Abteilung, Unterwasser-Stadt und mehreren Schiffen immer unter Geldmangel. Deshalb fängt er auch schon mal zwei Robben, um bei seiner eitlen Selbstinszenierung eine rührende Lügen-Geschichte mit Tieren vor die Kamera zu bringen.

Philippe trennt sich darauf vom Vater und macht mit seiner Frau eigene Filme über die Verschmutzung der Meere und die Ausrottung der Wale. Erst spät, als der Vater wirklich vor dem Ruin steht, reisen sie zusammen in einer Himmelfahrtsaktion in die Antarktis. Diese Expedition unter ökologischen Vorzeichen versöhnt beide in der gemeinsamen Leidenschaft für eine eindrucksvolle Natur.

„Jacques" ist viel mehr als die übliche konventionelle Doku über eine Galionsfigur der Meeresforschung. Wie der zweite Sohn Jean-Michel Cousteau, dessen Buch „Mon père, le commandant" dem Film zugrunde liegt, völlig vernachlässigt wird, bleibt im Hintergrund. Der Vater-Sohn-Konflikt mit Liebling Philippe reicht als Familien-Drama aus. Lambert Wilson („Matrix Reloaded") spielt mit langer Nase glaubwürdig den Visionär, der bei der Verwirklichung seines Traums, „unter Wasser zu fliegen", völlig die Bodenhaftung verliert. Selbstverständlich nehmen Unterwasseraufnahmen viel Raum ein, und tatsächlich können sie in dieser sorgfältigen Produktion selbst angesichts der heutigen Flut von aufwendigsten Naturfilmen noch beeindrucken. Der wunderbare Familienausflug zu viert unter Wasser ist dabei prächtige Natur und Glücksmoment in einem. Eine heile Welt, die für eine Jagd nach Visionen geopfert wurde.

6.12.16

Sing

USA, Japan, 2016 Regie: Garth Jennings 108 Min. FSK: ab 0

Eine Casting-Show geht vor die Hunde. Und vor die Büffel, Schweine, Echsen, Garnellen.... Wie in „Creature Comforts" von Nick Park („Wallace & Gromit") aus 1989 wird animierten Tieren Urmenschliches in den Mund gelegt, was in Kombination urkomisch wirkt. Die erfolgreiche Regie-Anweisung für große und kleine Tiere lautet diesmal „Sing"!

Buster Moon ist ein kleiner Koala-Bär und ein großer, romantischer Träumer: Er gibt die Idee nicht auf, sein altes schillerndes Musiktheater wieder zu Glanz und Erfolg zu bringen. Dabei steht er eigentlich kurz vor dem Ruin. Die Idee, das Publikum mit einer Casting-Show anzulocken ist nicht so erfolgreich wie der Druckfehler auf den Flugblättern: Aus 1.000 Dollar macht die liebenswert schrullige Sekretärin 100.000! Die erste Ausscheidungsrunde mit viel Pop und Pepp im Sekundentakt ist ein Knaller. Unzählige umwerfende Nummern wie die Schnecke mit „Run like the wind", Garnelen mit einem Beyoncé-Hit oder quietschend bunte japanische Meerschweinchen machen „Sing" schon in der ersten halben Stunde zum Erfolg.

Impressario Buster Moon und seine Kandidaten brauchen etwas länger. Eine freche Sinatra-Maus mit Hang zum Verbrechen ist sehr siegessicher. Das Schwein Rosita muss als gestresste Mutter mit Mann und 25 kleinen Ferkeln erst den Alltag raffiniert automatisieren, um zu den Proben zu kommen. Minna, eine schüchterne Elefantin im Plattenladen, ist ebenfalls mit toller Stimme begnadet, aber so ängstlich, dass sie erst mal hinter der Bühne arbeitet. Mit Ash, der Stachelschwein-Punkerin, gibt es gleich noch eine starke Frauenrolle. Gorilla Johnny covert Elton John und muss für seine Gangster-Familie Schmiere stehen.

All diese kleinen privaten Dramen und der große Kampf ums alte Musiktheater bieten reichlich Handlung im Wechsel mit dem richtig guten Originalgesang von Stars wie Matthew McConaughey, Reese Witherspoon, Seth MacFarlane, Scarlett Johansson und John C. Reilly. Bei den deutschen Stimmen fällt positiv Katharina Thalbachs Sidekick-Figur der uralten verrückten Chamäleon-Sekretärin Miss Crawly auf. Übrigens im Original gesprochen von Regisseur Garth Jennings („Der Sohn von Rambow", „Per Anhalter durch die Galaxis") selbst!

Rasende Animations-Flüge zwischen den Vorstellungen erhöhen das Tempo, aber zum Glück nimmt sich das konventionelle Finale Zeit für ganze Songs und runde Auflösungen aller Geschichten der kunterbunten Tiercharaktere. So bekommt das liebenswerte Schlitzohr Buster vor allem Dank der hauptsächlich älteren Songs von Paul Anka („My Way"), Stevie Wonder („Don't You Worry 'Bout A Thing"), David Bowie und Freddy Mercury („Under Pressure") oder Leonard Cohen („Halleluja") wieder etwas vom alten Glanz seines Musiktheaters hin. Das ist das i-Tüpfelchen auf dieser ausgesprochen flotten und schwungvollen Animation.

5.12.16

Die Vampirschwestern 3 - Reise nach Transsilvanien

BRD 2016 Regie: Tim Trachte mit Marta Martin, Laura Roge, Jana Pallaske, Christiane Paul, Stipe Erceg 95 Min. FSK: ab 0

Die blutärmste Vampirgeschichte überhaupt geht in die Fortsetzung und tatsächlich kann diese filmische Anämie nach Franziska Gehms Kinderbuchreihe mit platter Harmlosigkeit verschrecken: Die deutschen Vampirschwestern Daka (Laura Roge) und Silvania (Marta Martin) müssen ihren kleinen Baby-Bruder Franz retten, während die Eltern in einen infantilen Zustand hypnotisiert wurden. Die völlig harmlos böse Vampirkönigin Antanasia (Jana Pallaske) hat den Halbvampir-Jungen als Thronfolger nach Transsilvanien entführt.

Dass die zusammengeschusterte Handlung ebenso unstimmig in ihren Antrieben daherkommt wie die Figuren, werden nur die ganz kleinen Kinogänger nicht merken, für die auch die Schleimwürmchen eingebaut wurden. Der schlappe Klamauk von TV-Nasen wie Michael Kessler und anderen (dafür hat Christiane Paul den Emmy nicht bekommen) ist wichtiger als die schnell vergessenen Pubertäts-Probleme der braven Silvana oder die nicht wirklich thematisierte Identitäts-Suche von Dakari. Die kleine, bescheidene fantasielose Produktion ärgert zudem mit einem furchtbar fremdenfeindlichen Blick auf Rumänien während eine Sonntags-Rede über das Anderssein und die Angst der Bürger vor den Fremden nur aufgeklebt wirkt.

Safari (2016)

Österreich, 2016 Regie: Ulrich Seidl 91 Min. FSK: ab 12

Nach Gänsehaut-Trips in Österreicher Keller, in die Köpfe von „Models" und zuletzt ins „Paradies" von Glaube, Liebe, Hoffnung nimmt uns der grenzüberschreitend „unreine" Dokumentarist Ulrich Seidl mit auf eine Safari nach Afrika. Im Fokus sind Buschböcke, Impalas, Zebras, Gnus und Giraffen, aber vor allem der gemeine Jäger.

Deutsche und österreichische Jagdtouristen schießen sich die stattliche Preisliste für ihre Jagdtrophäen hoch. Ohne die Opfer zu sehen, folgen wir einem Jäger, seinem Führer und einem schwarzen Assistenten durch den Busch. Ein verhinderter John Wayne in kompletter Outdoor-Ausstattung gibt einem kleinen Gnu posthum den Lob des touristischen Killers: „Guter Kämpfer, mein Freund!"

Mal wird das ganze Anschleichen mit einem Dreifuss als Gewehrkrücke spannend geschnitten, dann sieht man einen der Herren der Schöpfung mit Wampe und Dosenbier auf dem Hochsitz eindösen. Zurecht drapiert und geschminkt, noch etwas Gras aus dem Bild, stellt man das Erinnerungsfoto mit dem Kadaver. Dann finden sich die Safari-Touristen zum Interview in den symmetrisch aufgebauten Tableaus des Jägers menschlicher Abgründe, Ulrich Seidl. Die Äußerungen der viel Geld zahlenden Freizeitkiller, die nicht mal ohne Leiterchen aus dem Jeep steigen können, sind schaurig und komisch. Zum Schießen. Die Gründe reichen von Entwicklungshilfe bis zur tierischer Euthanasie. Aber vor allem die Trophäen-Frau, die gleich mit ihrem ganzen Rudel jagt, kann die erotisierende Aufregung des Tötens nicht verbergen. Dieser Person will man auch in Wien nicht im Dunklen begegnen!

Während sich die ganze blutrünstige Sippe gegenseitig mit zynischen Äußerungen rund um „das Stück" (Tier) überbietet, sehen wir das unappetitliche Ausschlachten der Beute, das den Schwarzen vorbehalten ist. Spätestens beim langsamen Verenden einer Giraffe vor der Kamera (während die anderen Tiere der Herde rührend in der Nähe warten) ist dies kein veganer Film mehr. „Safari" ist nicht analytisch, es gibt keine Zahlen, kein Off-Kommentar, nur von jung bis alt ausgewählt hässliche Menschen, die zur Beobachtung frei gegeben werden. Das ist ähnlich widerwärtig und gleichzeitig faszinierend wie die Sex-Touristinnen mit ihren afrikanischen Lover-Boys in „Paradies: Liebe". Es bleibt rätselhaft, dass sich immer noch Leute vor der Kamera des in Filmkreisen berühmten und in konservativen Kreisen berüchtigten Ulrich Seidl entblößen - oder teilweise sogar erblöden. Fremdschämen ist da nicht angebracht, Staunen um so mehr.

Elvis & Nixon

USA, BRD, 2016 Regie: Liza Johnson mit Michael Shannon, Kevin Spacey, Alex Pettyfer 87 Min. FSK: ab 0

Der „King" und Mr. President. Zwei Medienstars, zwei Figuren des öffentlichen Lebens, weltweit bekannt. Ein Treffen im Dezember 1970 ist belegt. Wie dieser sehr, sehr komische und schräge Film es sich ausmalt, ist ein ganz besonderes Vergnügen mit einigen ernsten Gedanken über das Innenleben einer Legende.

Elvis (Michael Shannon) sitzt in seiner Villa Graceland vor seinen TV-Schirmen und sorgt sich um den Zustand des Landes. Deshalb zieht er spontan persönlich und ohne Entourage los, um etwas zu ändern. Was schon am Flughafen von Memphis mit einer Verhaftung endet. Denn Elvis wollte gleich mehrere Pistolen mit an Bord nehmen! Doch mit Hilfe seines Freundes Jerry Schilling (Alex Pettyfer) und der Töchter der Beamten wird der Sänger wieder freigelassen. Gemeinsam kommen Elvis und Jerry mit ein paar Tricks tatsächlich ins Weiße Haus. Denn der King will fortan als FBI-Spezialagent ein Auge auf die Jugend werfen. Undercover! Oder will er doch nur noch ein FBI-Abzeichen für seine Sammlung von Sheriffsternen?

Im Weißen Haus gibt es derweil eine Diskussion, ob Nixon (Kevin Spacey mit reichlich präsidentieller Erfahrung aus „House of Cards") für dieses Treffen auf seinen Mittagsschlaf verzichten soll. Sowohl Elvis als auch des Präsidenten Mitarbeiter (Hanks Sohn Colin als Egil Krogh) bekommen detaillierte und komische Anleitungen, wie mit der jeweiligen Prominenz umzugehen sei. Nach einem angeberischen Vergleich der Häuser und der Stücke Mondgestein greift sich der King die ausdrücklich für Nixon reservierten M&Ms und dessen Limonade. Nun noch eine Karate-Einlage und Elvis bekommt, was er wollte, während Nixon glaubt, er sei auch cool.

Der großartige Michael Shannon hat keinerlei Ähnlichkeiten mit Elvis. Sein King trifft am Flughafen tatsächlich auf einen Elvis-Imitator, der ihn für einen Kollegen hält. Durchgehend wirkt Shannon wie ein schlechtes Double, aber das macht überhaupt nichts, denn die Komödie um einen einsamen Mann, den alle zu kennen glauben, funktioniert hervorragend. Allein vor dem Spiegel blickt der Mensch hinter Brille, protzigem Schmuck und der Schmalzlocke hervor. Die Ausbruchsversuche sind reichlich verquer, aber wie albern dieser Typ auch wirkt, er überzeugt mit einer großen Lässigkeit einfach jeden. Und für den Notfall ist noch ein Revolver im Stiefel.

Die Inszenierung von Liza Johnson macht dieses seltsame Treffen zu einem tollen Film, in dem jeder Moment stimmt. Wie beim Einsatz von Shannon ist auch die Musik gerade nicht von Elvis, hat aber große Klasse. „Elvis is in the building", da sollte man dabei sein!

29.11.16

Ein Lied für Nour

Niederlande, Großbritannien, Katar, Argentinien, Palästina, 2015 (Ya tayr el tayer) Regie: Hany Abu-Assad mit Tawfeek Barhom, Ahmed Al Rokh, Hiba Attalah 95 Min. FSK: ab 0

Nach wilder Verfolgungsjagd über Dächer, durch Nähereien und Marktstände des Gaza-Streifens folgt die Überraschung: Der flotte Junge, der sich gerade wieder einen Schekel verdient hat, ist ein Mädchen. Die mutige, zwölfjährige Nour und ihr Bruder Mohammed sammeln Geld für ihren Traum, eine richtige Band zu werden. Doch gerade als sie ganz nahe dran sind, stirbt Nour weil ihre Nieren versagen. Erst Jahre später als junger Mann will Mohammed (Tawfeek Barhom) den Traum verwirklichen, indem er an der Casting-Show „Arab Idol" teilnimmt. Ein schwieriges Unterfangen für einen armen Palästinenser, der nicht mal ohne Probleme aus dem Gaza-Streifen raus kommt.

„Ein Lied für Nour" erzählt die reale Geschichte des „Arab Idol"-Siegers Mohammed Assaf in zwei ganz unterschiedlichen Teilen: Die Kindheit erfreut als nette, sympathische Geschichte. Die zweite Hälfte geriet dann zu einer arg konventionellen und inszenatorisch einfallslose Erfolgs-Story, verwoben mit noch einer Kranken- und einer Liebesgeschichte.

Die politisch angehauchte Tragikomödie zeigt am Rande mit allgegenwärtigen Trümmern und beinamputierten jungen Männern die Folgen des Aufstandes gegen die israelischen Besatzer. Wenn Mohammed als einziger Vertreter aus Gaza die Stimme einer unterdrückten Nation sein soll, dann ist das schon arg deutlich Propaganda und der Film verliert den Charme seiner ersten Hälfte. Dabei wollte ihn ein alter Freund, der an die Religion verloren ging, gar nicht ausreisen lassen. Der reale Mohammad Assaf ist mittlerweile Botschafter der Vereinten Nationen, hat einen Diplomatenpass, muss sich aber die Einreise nach Gaza immer noch genehmigen lassen.

Das Morgan Projekt

USA 2016 (Morgan) Regie: Luke Scott mit Kate Mara, Anya Taylor-Joy, Rose Leslie 92 Min. FSK: ab 16

Hat er das „Blade Runner"-Gen? Oder ist der Sohn nur ein Klon? Luke Scott, Sprößling von Großmeister Ridley Scott macht direkt als Debüt einen Replikanten-Film und fordert einen Vergleich heraus.

Die eiskalte Risikomanagerin Lee Weathers (Kate Mara) soll in einem abgelegenen, streng geheimen Forschungslabor einen Unfall mit einer künstlich erzeugten Kreatur überprüfen. Die dortige Wissenschaftler-Gemeinschaft lebte mit Morgan (Anya Taylor-Joy) die letzten fünf Jahre wie in einer glücklichen WG. Bis dem wie ein ausgewachsener Teenager wirkenden „Es" die Ausflüge in die Natur untersagt wurden. Bald muss ein „Psychologe für Künstliche Intelligenz" auch dran glauben und schnell haben wir die alte Geschichte, dass die Kreatur gegen ihre Schöpfer rebelliert. Bekannt aus „Blade Runner", zuletzt gesehen im großartigen „Ex Machina", mit Scarlett Johannson bereits als „Lucy" und demnächst in dem Anime-Remake „Ghost in the Shell!". „Morgan" fehlt dagegen so ziemlich alles, was diese Geschichten faszinierend macht. Die Kreatur wird nur von einer unbestimmten Wut angetrieben. Der ganze Kitsch, dass diese Wesen die besseren Menschen seien, fällt komplett aus.

Dabei ist der Science Fiction mit zunehmenden Splatter-Elementen mit Jennifer-Jason-Leigh, Paul Giacometti, Toby Jones und anderen ungewöhnlich gut besetzt. Anya Taylor-Joy sieht als Morgan mit blasser Haut und bläulichen Lippen gleichzeitig verletzlich und gefährlich aus, aber längst nicht so faszinierend wie Eve aus „Ex Machina". Uninteressant wie das Styling der Räume erweisen sich auch die flachen Gedankengebäude. Selbst die - vorhersehbare - Überraschung des Endes verpufft wirkungslos. Das reicht für ein Fernsehfilmchen, aber der Sohn von Ridley „Blade Runner" Scott darf mit so was nicht nach Hause kommen! Hab man ihm denn nicht schon in der Wiege vorgespielt, wie es richtig geht?

Marie Curie

Frankreich, Polen, BRD, 2016 Regie: Marie Noëlle mit Karolina Gruszka, Arieh Worthalter, Charles Berling 100 Min. FSK: ab 6

Das erste, was wir von der zweifachen Nobelpreisträgerin Marie Curie sehen, ist eine Geburt. Dabei ist Curie (1867-1934) die einzige Frau unter den vier Mehrfach-Nobelpreisträgern und neben Linus Pauling die einzige Person, die Nobelpreise auf zwei unterschiedlichen Gebieten erhalten hat. Die Polin war erste Frau an der Sorbonne und später die erste Professorin, die dort lehrte. Genau diese Spannung zwischen Mutter, leidenschaftlicher Frau und außergewöhnlicher Wissenschaftlerin versucht die Regisseurin und Autorin Marie Noëlle („Ludwig II.", 2012, „Die Frau des Anarchisten", 2008) in einschmeichelnden Bildern einzufangen.

Der Film erzählt vom Leben der französische Wissenschaftlerin Marie Curie (Karolina Gruszka) zwischen ihren beiden Nobelpreisen für Physik (1903) und für Chemie (1911). Die große und leidenschaftliche Liebe zu ihrem Mann Pierre (Charles Berling) wird durch dessen plötzlichen Unfall-Tod zerrissen. Eine gemeinsame Romantik, die auch darin bestand, das blaue Strahlen des Radiums in der Nacht zu bestaunen, ist vorbei. Gerade Mitte dreißig versucht die junge Mutter zweier Kinder die Lehrtätigkeit ihres Mannes als einzige gleichwertige Forscherin auf dem Gebiet der Strahlenforschung weiterzuführen. Doch die sexistischen Widerstände sind und bleiben groß. Der Liebesfilm zeigt nun den Kampf einer Frau, die ohne ihren Mann keine Anerkennung und keine Professoren-Stelle erhalten kann. Marie kämpft auch dafür, dass ihre Töchter einmal in einer gerechteren Welt leben können. (Eine Tochter wird später als zweite Frau überhaupt auch einen Nobelpreis erhalten!)

Es ist ihr geistreicher Bewunderer Einstein, der beim Spaziergang am Strand das Lachen der Marie Curie entdeckt. Eine neue Liebe findet sie mit einem verheirateten Kollegen - ebenfalls Wissenschaftler und Liebhaber in einem - und macht sich dessen zu Recht eifersüchtige Frau zur Feindin. So trifft die Nachricht vom zweiten Nobelpreis ein, während die „Académie des sciences" Marie Curie gerade abgelehnt hat und ein Pöbel ihr Haus belagert, weil sie mit einem verheirateten Mann zusammen und auch noch Jüdin ist

Dass diese „moralische Verfehlung" nur Thema sein kann, weil Marie Curie eine Frau ist, der ein besonders eklig sexistischer Entscheider seine Stimme nur gegen Sex geben will, spricht die entschlossene Frau selbst aus. Während modernste Wissenschaft und archaische Schlacken wie Antisemitismus und Duelle nebeneinander existieren, zeigt Regisseurin Marie Noëlle gleichzeitig exzellente Forscherin und leidenschaftliche Frau. Das könnte in Plattitüden abrutschen, doch Curie wird sehr glaubwürdig, sinnlich und energisch verkörpert von der Polin Karolina Gruszka. Trotz poetisch überstrahlter Bilder - ein Großteil der Szenen findet im Gegenlicht statt - bleiben die Figuren lebendig und natürlich. Die Musik von Bruno Coulais sichert die großen Gefühle, die Kamera von Michal Englert sorgt für einschmeichelnde Bilder. Letztendlich ein gelungenes Experiment, denn neben der historisch-biografischen Geschichte meint man einen faszinierenden Menschen kennenzulernen.

Underworld Blood Wars

USA 2016 Regie: Anna Foerster mit Kate Beckinsale, Theo James, Tobias Menzies 91 Min. FSK: ab 16

Noch mal 1000 Jahre? Das klingt wie eine Drohung, weil „Underworld 5" weniger „mehr vom Gleichen" als mehr Weniger bietet. Ein „Was bisher geschah" stellt den äußerst uninspirierten Anfang der neuen Franchise-Folge dar. Und mehr als eine Fernsehserien-Fortsetzung um Kate Beckinsale in Lack-Leder kommt auch bis zum Ende nicht dabei raus.

In dem Abklatsch des ehemaligen Blockbusters, der dank besonders kühlem Design aufregend anzusehen war, geht es für die Vampirin Selene (Kate Beckinsale) weiter im Kampf gegen den Lykaner-Klan und die Intriganten der eigenen Blutsauger-Sippen. Ob Vampire in langen SS-Mänteln oder Hightech-Werwölfe, die mit UV- und Torpedo-Kugeln schießen, alle sind hinter dem Blut von Selenes Tochter her, einem Hybrid-Mädchen. Das kann an Intrigen- und Verrat-Potential glatt mit Uralt-Kram wie „Dallas" oder „Denver" mithalten. Wenn Semira (Lara Pulver), die neidische Hexe unter den Vampiren, allerdings von ihrem „schönen, aber fantasielosen Bettgenossen" redet, könnte sie auch den ganzen Film damit meinen.

Immerhin flieht man nach viel Gequatschte zu den Nordischen Feen-Vampiren und Selene hat nach Wellness-Kur mit Gurken-Maske oder so ein Gandalf-Erlebnis: Sie kann als Weiße Vampirin noch rasanter zuschlagen. Denn bei all den tollen Sachen, die Werwölfe und Blutsauger so drauf haben - letztlich fällt ihnen nichts anderes ein, als sich zu prügeln. So vermisst man spektakulären Vampir-Kram, der Look der Locations in Prag und dem hohen Norden wirkt lahm und billig. Anna Foerster, die deutsche Kamerafrau von „White House Down" und „Anonymus", kann hier mit ihrem Spielfilm-Debüt gar nicht überzeugen.

28.11.16

Sully

USA 2016 Regie: Clint Eastwood mit Tom Hanks, Aaron Eckhart, Laura Linney 96 Min. FSK: ab 12

Von einem Eastwood erwartet man immer viel, auch wenn der Mann ein seltsames Verhältnis zu Stühlen und Politik hat. Nun macht er aus der sagenhaften Landung eines antriebslosen Passagierfliegers auf dem Hudson mitten in New York eine Hymne des einfachen Mannes „Sully". Wie der Pilot Chesley Sullenberger dies und die Turbulenzen danach bewältigt, ist nur am Rande eine typische Tom Hanks-Rolle. Dank ungewöhnlichem Aufbau packt „Sully" nicht als Katastrophen- sondern als exzellenter Eastwood-Film.

Es ist immer noch eine unglaubliche Geschichte, wie am 15. Januar 2009 Kapitän „Sully" Sullenberger sein defektes Flugzeug im Gleitflug auf dem eisigen Hudson River notlandete und das Leben aller 155 Menschen an Bord rettete. Das „Wunder auf dem Hudson" war nicht nur eine unfassbare Geschichte aus dem Herzen New Yorks, es war auch nach vielen Niederschlägen mal etwas Positives für die Stadt. So joggt Sullenberger (Tom Hanks) nach seiner Wasserung nachts durch New York und sieht den ganzen Time Square mit riesigen Aufnahmen seiner Heldentat ausgeleuchtet. Dass er allgegenwärtig ist, belustigt andere und beängstigt ihn. Denn derweil läuft schon eine Untersuchung, ob der Flugkapitän nicht doch den nächsten Lufthafen hätte erreichen können.

Es dauert glatt eine halbe Stunde, bevor Regisseur Clint Eastwood uns eine erste dramatische Version der mittlerweile legendären Not-Landung zeigt. Der Film selbst beginnt nach dem eigentlichen Ereignis mit der Untersuchung einer Luftsicherheits-Behörde. Die ungewöhnliche Dramaturgie zeigt den kurzen Einschlag von Wildgänsen in beide Triebwerke und die flugtechnische Meisterleistung aus verschiedenen Perspektiven: Die Suche nach der Wahrheit präsentiert den Ablauf mal dramatisch geschnitten wie im Katastrophen-Film, mal nüchtern aus dem Cockpit der beiden sehr ruhigen Piloten gesehen und sogar als Albtraum mit einem katastrophalen Crash mitten in New York.

Selbstzweifel quälen Sully, obwohl er tatsächlich als letzter das sinkende Luftschiff verlässt - korrekt in Uniformjacke mit dem Bordbuch in der Hand. Tom Hanks, der Jedermann des Hollywood-Films, ist nun ein ganz gewöhnlicher Flug-Kapitän. Um ihn herum ist alles erstaunlich unspektakulär. Die Vorwürfe der Flugaufsichts-Behörde gegen Sullenberger werden zu schnell abgeschmettert, um zur skandalösen Unrechts-Geschichte zu werden.

Der kurze Gerichtsfilm-Moment mit obligatorischer Rede legt offen, dass all die Computer-Simulationen, mit denen man Sullenberger falsches Handeln unterstellt, den menschlichen Faktor außer acht ließen. So verlängert Eastwood mit „Sully" das für New York so positive „Wunder auf dem Hudson" in ein Loblied darüber, was alles machbar ist, wenn gute, bescheidene und einfache Menschen einfach zusammenarbeiten. Wenn die beiden Piloten mit ihren altmodischen Schnurrbärten mit ganz leichtem Stolz sagen „Wir haben unseren Job gemacht", dann hört man das Eastwood selbst knurren. Das ist ziemlich einfach und konservativ gedacht - wie auch anders, bei einem 86-Jährigen. Ob man es naiv oder positiv nennen will, darf jeder selbst entscheiden. Gut und interessant gemacht ist auch dieser Eastwood auf jeden Fall.

Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt

BRD, Belgien 2016 Regie: Wolfgang Groos mit Arsseni Bultmann, Alexandra Maria Lara, Sam Riley 106 Min. FSK: ab 0

Regisseur Wolfgang Groos ist mit „Rico, Oskar und ..." sowie „Die Vampirschwestern" und „Vorstadtkrokodile 3" ganz groß in der Umsetzung von Kinderbüchern und auch meist ganz gut. Wieso nun die Neuverfilmung der sehr bekannten WDR-Puppentrickserie „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt" völlig misslang, ist ein interessantes Rätsel. Das einzig Interessante am lahmen, wenig witzigen und ganz schlecht besetzten Kinderfilm. Wie im fast fünfzig Jahre alten, gleichnamigen Kinderbuch von Boy Lornsen trifft der gemobbte Außenseiter-Junge Tobbi auf einen Roboter-Jungen, dessen Raumschiff auf der Erde strandete. Zum Glück ist Tobbi eifriger Erfinder und mit dem bald gebauten Flug-Wasser-Wagen Fliewatüüt reisen die Jungs zu Robbis Eltern an den Nordpol. Den Wert der Freundschaft wiederholt „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt" penetrant, aber so leblos wie Tobbi von Arsseni Bultmann gespielt wird, verwundert es irgendwie nicht, dass seine besten Freunde Hirngespinste sind.

Das Buch von Jan Berger verlagert die alte Geschichte in die digitale Gegenwart, macht aus dem Bösewicht, der Robbi wie einst „E.T." jagt, den harmlos diabolischen Vorsitzenden eines Kommunikations-Konzerns. Dass die liebliche Kleinstadt als ein künstliches Bilderbuch-Örtchen, schlimmer als Prenzl-Berg, daherkommt, wäre noch zu ertragen. Aber die ganze Geschichte kommt über den Versuch, nett sein zu wollen, nicht hinaus. Und steht dann sehr lange dumm rum, genau wie dieser nervige Tobbi. Ein Kurzauftritt vom hinter Vollbart verstecktem Bjarne Mädel, Alexandra Maria Lara und Sam Riley als überkandidelte Agenten - das war es auch schon in Sachen gekonnter Spaß. Der Rest besteht aus Slapstick-Versuchen mit schlechtem Timing. Ein Kinderfilm von Groos für klein zum Abgewöhnen.

21.11.16

Ferne Söhne

BRD 2016 Regie: Andres Rump, Erik Wittbusch 88 Min.

An den Grenzen bei Aachen werden auch alleinreisende minderjährige Flüchtlinge „aufgegriffen" und in Jugendheimen untergebracht. 800 sollen es sein. Da verwundert es nicht, dass gleich mehrere Filmemacher dieses Thema aufgreifen. Nachdem das Regieduo Michael Chauvistré und Miriam Pucitta zusammen mit Flüchtlingskinder in Maria im Tann filmte, stellt nun der Aachener Andres Rump mit „Ferne Söhne" ein Porträt von sechs jugendlichen Flüchtlingen vor, die in Deutschland ein neues Leben begonnen haben.

Ambesa aus Eritrea erzählt, wie das Militär ihn als Zehnjährigen entführt hat, während er auf einem Balkon hinter Kaninchendraht steht. Mahruf aus Afghanistan sieht man beim Sortieren einer Werbezeitung, als er erzählt, wie die Taliban seinen Schulbesuch verhinderten und ihn verjagten. Von all diesen Schicksalen erfahren wir in Off-Erzählungen, teilweise als Hörspiel mit Untertiteln, durchgehend in Schwarz-Weiß. Im Bild die Orte, an denen sie jetzt leben: Das Flüchtlingsheim, ein Moschee, das Boxtraining. Eine Bahn lang im Schwimmbad erfahren wir, dass der afghanische Flüchtling den Kontakt zu den Eltern verloren hat, wegen seiner Depressionen behandelt wird und noch immer Arzt werden will. Die Bildebene ist dabei immer von der Handlung her reduziert. Es passiert sehr wenig, die Kamera liefert nur feste Einstellungen, man kann sich auf die Erzählungen konzentrieren.

„Ferne Söhne" ist so ein sehr statischer Film, was man weithergeholt als Ausdruck der Flüchtlings-Situation interpretieren könnte: Es geht nicht weiter. Die Geschichten der sechs Jungs sind aber vor allem durchgehend in sich bewegend. Die kluge, aber nicht selbstverständliche Entscheidung, trotz durchaus guter Deutschkenntnisse alle in ihrer eigenen Sprache reden zu lassen, verstärkt die Wirkung.

Aloys

Schweiz, Frankreich, 2016 Regie: Tobias Nölle mit Georg Friedrich, Tilde von Overbeck 91 Min. FSK: ab 12

Als dem verschrobenen Privatdetektiv Aloys Adorn seine Kamera geklaut wird und ihm eine mysteriöse Frau als Finderin in Telefongespräche verwickelt, bekommt das Schneckenhaus des Sonderlings Risse. Bislang beobachtete er durch seine Kamera das Leben anderer. Und den Tod seines Vaters. Nun widersetzt sich Aloys zuerst den vorgeschlagenen „Telefon-Wanderungen", gemeinsamen Ausflügen der Fantasie. Doch der seltsame Kauz, der immer Distanz zu anderen Personen wahrt und selbst beim Benutzen der Sprachform Ersten Person Probleme hat, öffnet sich. Dann erkennt er im telefonischen Gegenüber seine Nachbarin Vera, gerade als die nach einem Selbstmordversuch aus dem anonymen Wohnblock abtransportiert wird.

„Aloys" zeigt eine einnehmend schöne Tragikomödie abseits von den Trampelpfaden dieses Genres: Es ist wunderbar, wie die Welten der beiden einsamen Menschen in surrealer Inszenierung zusammenkommen. Irre, wie die bebilderten Fantasien einmontiert werden, in die sehr reizvoll exakten Bildkompositionen, kühl wie der Protagonist selbst. Nun übers Telefon verbunden, gehen sie gemeinsam auf Spaziergänge, in den Zoo und zum Essen - während Vera tatsächlich in einem psychiatrischen Krankenhaus hockt. Umso trauriger wirken die Geschichten von lauter eingesperrten Tieren, aus dem Zoo, in dem sie gearbeitet hat. Aber die gemeinsame Fantasie schwingt sich auch zu einer richtigen Party in seiner „Stinkbude" auf. Sie holt ihn ins Leben zurück, allein über die Vorstellung, sie würden sich sehen. Bis er sich zwischen Fantasiefrau und der realen Vera entscheiden muss. Am Ende sind zwei Ebenen nicht mehr ganz voneinander entfernt.

Tobias Nölle erzählt in seinem sensationellen Spielfilmdebüt „Aloys" auf mehreren Ebenen, die man als fantastisch bezeichnen könnte, die jedoch auch einfach poetisch Facetten von Personen und Leben wiederspiegeln. Der Österreicher Georg Friedrich erweist sich als ideale Fremdkörper-Besetzung in Schweizer-Dialektumgebung.

Ich, Daniel Blake

Großbritannien, Frankreich, 2016 (I, Daniel Blake) Regie: Ken Loach mit Dave Johns, Hayley Squires, Micky McGregor 101 Min. FSK: ab 6

Mit dem herzzerreißenden Sozialdrama „Ich, Daniel Blake" gewann der Brite Ken Loach in Cannes 2016 zum zweiten Male die Goldene Palme. Erschreckend und gleichzeitig Mut machend ist das Schicksal des kämpferischen Arbeiters Daniel Blake, auch weil die Schikanen des Sozialsystems wohl eine weltweite Konstante des Neoliberalismus geworden sind.

Nach einem Herzinfarkt versucht der einfache und anständige Durchschnittsengländer Daniel Blake (Dave Johns), der zu seinem eigenen Leid arbeitsunfähig geworden ist, Krankengeld zu erhalten. Doch die Gesundheitsbehörde, die tatsächlich an eine amerikanische Firma „outgesourced" wurde, entschied nach Aktenlage mal dagegen. Eine notwendige Beschwerde verlangt dem Witwer viel Geduld an den stundenlang besetzen Hotlines ab, und dann gibt es eine neue Untersuchung erst in einigen Wochen. Also muss sich Daniel obwohl er gar nicht arbeiten kann, arbeitslos melden, um wenigstens etwas Geld zum Leben zu bekommen. Was ihn vom Regen in die Traufe geraten lässt: Alles geht bei Arbeitsamt nur noch online, wer keinen Computer-Zugang hat, bekommt zwar auch Hilfe. Die Nummer dafür gibt es ... online!

Arbeits- und Sozialamt funktionieren gemäß des zynischen Mottos „Fördern und fordern" mit einem System gnadenloser und absurder Regeln, die von Kafka erfunden zu sein scheinen. Will eine Mitarbeiterin helfen, wird sie brutal abgemahnt. Und wer sich von den „Kunden" angesichts dieser unhaltbaren Zustände beschwert, fliegt raus. Wenigstens beim Sicherheitsdienst gibt es neue Jobs. Nur unter den rausgeworfenen Verlierern gibt es noch Solidarität. Daniel trifft auf die junge Katie. Sie lebte mit ihren beiden Kindern für zwei Jahre in einem Obdachlosenheim und wurde nun aus London nach Newcastle „rausgesiedelt". Der herzkranke Arbeitslose setzt selbstlos sein handwerkliches Talent ein, um Katies erbärmliche Wohnung aufzumöbeln und verkauft schließlich sogar seine eigenen Sachen, damit die noch ärmeren mal wieder essen können. Das alles passiert in England, mit diesem tollen Börsenplatz, der unfassbar viel Geld umsetzt und scheffelt!

Derweil funktioniert das herzlose System der Verhinderung, dass Menschen ihre rechtlichen Ansprüche erhalten, hervorragend. Schon der Stress mit Warteschleifen und Internet-Formularen macht beim Zuschauen wütend. Die kleinen Aufstände des cleveren Daniel sind herzerfrischend. Doch das Aufregen über dieses Gesundheitswesen, ist schlecht für das Herz.

Ein himmelschreiendes Unrecht und Solidarität nur noch bei den ganz Armen - das ist der typische Stoff von Ken Loach, mit den Brüdern Dardenne aus Lüttich, die „Ich, Daniel Blake" ko-produzierten, einer der letzten linken Kämpfer im Regiestuhl. Allerdings sollte man die Beharrlichkeit, mit der Loach für die „kleinen Leute" eintritt, nicht als längst bekannt abtun. Obwohl man meint, die ganzen staatlichen Sauereien aus „Ich, Daniel Blake" zu kennen, sie in diesem Film zu erleben, erschüttert enorm und macht richtig wütend. Eine verdiente Goldene Palme und ein sehr notwendiger Film.

Arrival

USA 2016 Regie: Denis Villeneuve mit Amy Adams, Jeremy Renner, Forest Whitaker 116 Min. FSK: ab 12

Ein friedliebender Science-Fiction Film? Ein hoffnungsvoller Liebes- und Familien-Film? Der absolut großartige und geniale „Arrival" ist vor allem nicht, was man erwartet oder der Trailer verspricht. „Arrival" vom Kino-Revolutionär Denis Villeneuve ist etwas völlig anderes, weil Neues. Wir sehen die Linguistin Louise Banks (Amy Adams) zuerst in ihrem einsamen und stillen Leben. Dazwischen Bilder von Geburt und Aufwachsen ihrer Tochter Hannah, die als Teenager an Krebs stirbt. Da wundert man sich nicht über die Verschlossenheit von Louise, die an einer Uni, die wie eine Festung wirkt, noch Vorlesung hält, als auf dem ganzen Campus schon Panik herrscht. Zwölf Raumschiffe sind in unterschiedlichen Regionen der Welt gelandet.

Die exzellente Linguistin Louise Banks wird nun zusammen mit dem Mathematiker Ian Donnelly (Jeremy Renner) vom Militär engagiert, um Kontakt mit den Aliens aufzunehmen und deren Sprache zu entschlüsseln. Anfangs sind zwölf Nationen und Armeen vernetzt, um das Rätsel gemeinsam zu lösen. Doch als der Begriff Waffe entziffert wird, steigt die Anspannung, die Verbindungen werden gekappt.

Wie sehen die Außerirdischen aus? Was ist das für eine escherartige Gravitation in dem Raumschiff, das die Form einer riesigen schwarzen Kontaktlinse hat? „Arrival" ist von der ersten bis zur letzten Minute ungeheuer fesselnd, was das enorme Können des Regisseurs erneut beweist. Dass Denis Villeneuve spannend erzählen kann, spürte man zuletzt im knallharten Drogenthriller „Sicario" bis ins Mark. Im Gegensatz zu seinem großartig genialen „Enemy" (2013), der unvermeidlich auf einen großen Crash zulief, steht hier das Ringen um Weltfrieden im Zentrum. Die Action tritt zurück, Jeremy Renner („The First Avenger: Civil War", „Mission: Impossible – Rogue Nation") rennt kein einziges Mal! Wie bei Spielbergs „Unheimliche Begegnung der dritten Art" (1977), der wie „2001" und andere SciFi-Klassiker ganz dezent zitiert wird, sind die Aliens keine aggressiven Nachbarn aus dem All. Sie bringen ein Geschenk und zwingen die Nationen, ihre Teile des Geschenks miteinander zu verbinden. Dass die vermeintliche Waffe sich letztendlich als Sprache herausstellt, ist eine besonders schöne Idee des Films.

Villeneuves „Arrival" schafft es dabei immer, zwei Seiten einer Medaille zu sein. Oder besser: Zwei Seiten eines Möbiusbandes. Denn immer schimmert im Science Fiction auch die Familien-Geschichte von Louise durch. Und umgekehrt. So dass man immer weniger weiß, wo man sich eigentlich befindet, welche Zeit gerade abläuft. Wenn man die Fragmente der Handlung in eine richtige Reihenfolge zu bringen versucht, jauchzt der endlich mal geforderte Intellekt auf. Wie einst bei „Pulp Fiction", nur ein paar Etagen cleverer. Der Clou des Films erschließt sich ganz allmählich. Und hört dann nicht mehr auf, das Hirn mit nie so gedachten Gedanken zu verblüffen. Ein berührender Liebes- und Familien-Film sowie gleichzeitig ein genialer Science-Fiction Film!

Deepwater Horizon

USA, Hongkong, 2016 Regie: Peter Berg mit Mark Wahlberg, Kurt Russell, John Malkovich 108 Min. FSK: ab 12

Es ist eine Katastrophe mit diesen Katastrophen-Filmen, die derart schematisch runtergedreht werden, dass nur noch ein Klischee-Bingo die Sache erträglich macht. „Deepwater Horizon" ist ein besonders schmieriger Fall, wird hier doch bei einem brennenden Inferno auf See eine gigantische ökologische Sauerei der Öl-Industrie auf ein heldenhaftes Drama der Bohrarbeiter reduziert.

Auch die Katastrophenfilm-Routine von „Deepwater Horizon" stellt erst einmal die Figuren vor, die bald in die Luft gejagt werden. Und die Angehörigen, die um sie bangen werden. Chef-Techniker Mike Williams (Mark Wahlberg) verabschiedet sich liebevoll von Frau (Kate Hudson) und Tochter. Im Golf von Mexiko findet er eine völlig mangelhafte Bohrplattform vor. Trotzdem machen die Schlipsträger von BP Druck, lassen Sicherheitstest ausfallen und zwingen die vorsichtigen Fachmänner zu fatalen Entscheidungen. Der gewöhnliche Kapitalismus mit dem Zwang zu immer mehr Produktion bei immer schlechteren Bedingungen und schwindender Sicherheit für die Arbeitnehmer.

Routinier Peter Berg inszeniert das mit andauerndem Männer-Gequatsche unter lautem Maschinenlärm. Immer mal wieder taucht die Kamera tief unter Wasser, um drohendes Unheil herbei zu schwören. Das ist aber letztendlich genauso langweilig wie der Rest. Nur wenn Malkovich als rücksichtsloser BP-Manager spricht, wacht kurz man auf. So wartet man doch angespannt darauf, dass endlich mal etwas passiert. Auch wenn es eine Katastrophe ist. Das eigentliche Special Effects-Feuerwerk erweist sich als recht unübersichtlicher Überlebenskampf mit den üblichen Heldentaten von Mark Wahlberg. Darum geht es dem vor allem lauten und überflüssigen Film: Die Glorifizierung der einfachen Bohrinsel-Arbeiter überblendet die kriminellen Aktionen von BP. Ein katastrophaler Film, weil er die eigentliche Katastrophe ausblendet. Der Zuschauer wird wohl kaum zukünftig die Tränen von Mark Wahlberg in den Benzinpreis mit einrechnen.

20.11.16

Florence Foster Jenkins

Großbritannien 2016 Regie: Stephen Frears mit Meryl Streep, Hugh Grant, Simon Helberg 110 Min. FSK: ab 0

Florence Foster Jenkins (1868-1944) war ein Phänomen - und so gibt es in gerade mal einem Jahr gleich drei Filme zu der prominentesten unfähigen Sängerin überhaupt: Nach der gelungenen französischen Variante „Madame Marguerite oder Die Kunst der schiefen Töne" und der deutschen Dokumentation „Die Florence Foster Jenkins Story" darf nun Meryl Streep die Königin der schiefen Töne geben: Die reiche Erbin Florence Foster Jenkins ist in New York schon eine Weile dabei, ihren Traum zu verwirklichen. Vor einem kleinen Kreis von Freunden und Fans singt sie in peinlich prächtigen Kostümen Opernarien. Ihr platonischer Ehemann und Manager, St. Clair Bayfield (Hugh Grant), ist damit beschäftigt, jede echte Reaktion auf dieses Gejaule vor ihr fern zu halten. Er kauft alle Zeitungen mit den vernichtenden Rezensionen auf, wenn er die Kritiker vorher nicht bestechen konnte. Cosmé McMoon (Simon Helberg), der neue Pianist für die schiefe Diva muss auch besonders eingestimmt werden. Als Florence in einem unbewachten Moment im Jahr 1944 gleich ein ganzes öffentliches Konzert in der Carnegie Hall kauft, entwickelt sich die latente Tragödie zum echten Drama.

Der neue Film zu Florence Foster Jenkins fügt einiges hinzu, was ansonsten nicht thematisiert wurde: Ihr tragische Syphilis-Erkrankung, die Affäre von St. Clair mit einer jungen Nebenfrau. Dabei gelingt dem eigentlich äußerst fähigen und vielfältigen Regisseur Stephen Frears („Mein wunderbarer Waschsalon", „Grifters", „High Fidelity", „Die Queen") ein erstaunlich uninteressanter Film. Die Streep gibt als Schauspielerin, die durchaus singen kann, die unfähige Sängerin mit kleinen Momenten schmerzender Selbsterkenntnis. Und Trotz: „Die Leute mögen sagen, dass ich nicht singen kann. Aber sie können nicht sagen, dass ich nicht gesungen habe!" Hugh Grant legt mit britischem Charme in einem ersten Höhepunkt seines Alterswerks eine großartige Rolle und eine heiße Tanzeinlage hin.

Bad Santa 2

USA 2016 Regie: Mark Waters mit Billy Bob Thornton, Kathy Bates, Tony Cox, Christina Hendricks 93 Min. FSK: ab 16

Der vorletzte Ex von Angelina Jolie ist schon wieder arbeitslos und hängt auf der Straße rum: Billy Bob Thornton gibt erneut den bitter besoffenen Anti-Weihnachtsmann Willie. Dreizehn Jahre nachdem „Bad Santa" sehr erfolgreich und erfreulich im übersüßen Weihnachtsauswurf von Hollywood räuberte, bekommt Santa Claus wieder einen drüber.

Willie (Billy Bob Thornton) ist arbeitslos, einsam, frustriert und so unten, dass es nur noch bergauf gehen kann: Auf den Stuhl, um sich selbst aufzuknüpfen. Blöderweise stört dabei wieder das tiefbegabte aber umso anhänglichere Dickerchen Thurman (Brett Kelly). Bald ist auch der ebenso verräterische wie kleinwüchsige Marcus (Tony Cox) wieder im Bild und so geht es mit dem altbewährten Trio zu einer neuen Gaunerei unter dem Deckmantel von Leihweihnachtsmännern. Kathy Bates gibt als gehasste Mutter in klasse Verkleidungen den hässlichen Kopf der Gang. Sehr begründet traut Willie seiner eigenen Mutter nicht, überhaupt beleidigen und streiten sich auch diese beiden durchgehend. Sprache und Themen sind obszön, unverschämter als Trump.

Nachdem das Happy End aus dem letzten Film sehr drastisch die Gosse runter ging und ein Selbstmord im Elektroherd auch nicht funktioniert, bleibt einem nichts mehr übrig als noch ein „Bad Santa"-Film. Der als Strafe verstanden werden kann: Bei der wenig originellen „Heist"- und Raub-Routine wirken die Obszönitäten auf Dauer verdammt ermüdend. 13 Jahre später sind völlig versaute Filme zur Routine bis hinein ins Kinderprogramm geworden. Da können Thornton und Co nicht mehr mithalten. Die Dreingabe von Christina Hendricks als Sex-Objekt kann nichts mehr retten, wenn ein unausgewogenes Timing beim De- und Remontieren der Sympathien in der Gosse völlig scheitert.