22.5.18

In den Gängen

BRD 2018 Regie: Thomas Stuber mit Franz Rogowski, Sandra Hüller, Peter Kurth, 120 Min. FSK ab 12

Ein Strauß-Walzer erklingt in den nächtlich verlassenen Gängen eines nüchternen Regallagers. Passt eigentlich nicht, aber verleiht dem Arbeiter auf seiner Reinigungsmaschine und den Stapler-Fahrern eine leichte Beschwingtheit, die wiederum mit dem echten Arbeitsleben nichts zu tun hat. Blass in diesem Hallen ohne Tageslicht ist der Neue, Christian (Franz Rogowski), der zur Erstausstattung für den neuen Job im Großmarkt einen Blaumann und ein paar Stifte in die Brusttasche bekommt. Christian wird empfangen von genialen Sprüche des alten Kollegen Bruno (Peter Kurth) mit herrlichen Kurz-Sätzen, die auch Philosophie sein könnten. Mit kindlichem Staunen tritt der „Frischling" all die Gerätschaften wie den Menschen hier entgegen. Und stellt sich ansonsten nicht besonders geschickt an. Aber alle seine Fehler werden von den Kollegen freundlich aufgefangen. Selbst als sich Christian in die verheiratete Süßwaren-Marion (Sandra Hüller) verliebt und „stapelt wie ein Irrer, weil es ihn erwischt hat".

Sie ist grandios, diese langsame Annäherung erst am Kaffeeautomat, dann durch die dicken Regale beim Einsortieren. Und er ist ein erstaunliches Wunderland, dieser ungewöhnliche Mikrokosmos, in dem öfter mal „Fuffzehn", also Pause zum Rauchen gemacht wird. Hier drinnen verboten, aber „der Alte macht es ja auch". Schachpartien müssen beendet werden und nach Geschäftsschluss erfüllt der Chef die Hallen mit auserwählter Klassik. Er verabschiedet übrigens auch jeden Abend jeden Angestellten mit Handschlag. Hier wird das Märchenhafte dieses Films ganz deutlich.

Die Gabelstapler bekommen ein Eigenleben, und zwar ein bockiges. Die ersten Fahrversuche Christians ernten ein nüchternes „Ach du Scheiße" von Bruno. Zum Wegwerfen komisch! Doch im Gegensatz zum weit verbreiteten Runtermachen der Neuen, geschieht hier alles fast traumhaft vertraut. Und so rücksichtsvoll wie in einer großen, harmonischen Familie. Zu Weihnachten wird von den Angestellten selbst in den abgelaufenen Waren „containert", beim Feiern kommen sich Christian und Marion näher.

„In den Gängen" erzählt eine langsame Liebesgeschichte in eigentlich unromantischer Umgebung, eine Erinnerung an menschlichen Umgang und menschliche Arbeit, von denen Kapitalismus und Neo-Liberalismus nichts mehr übrig gelassen haben. Das Buch schrieben Regisseur Thomas Stuber und Schriftsteller Clemens Meyer („Als wir träumten"). Und so ist der besondere Film, die Geschichte von einem „guten Mann" in einer „guten Truppe", der Rest einer vergangenen Utopie einer besseren Welt. Bruno erzählt, wie er nach der Wende vom Fernverkehr auf den Stapler wechseln musste. Und jetzt bieten nur die Kollegen noch ein Zuhause.

Franz Rogowski, dieser absolute Alleskönner von Schauspieler (auf den Bond-Bösewicht werden Wetten angenommen), begeistert auch in dieser nüchternen Alltagslyrik von „In den Gängen" wieder. Unglaublich, wie dieser Mensch, der neben Isabelle Huppert in Hanekes „Happy End" zu sehen war, der mit dem wilden „Tiger Girl" mithielt, der als „Lux – Krieger des Lichts" auftrat und Anna Seghers „Transit" belebte, nun diesen extrem schweigsamen, fast linkischen Lagerist gibt. Neben ihm gefällt Peter Kurth, noch so ein stiller Gigant des deutschen Films, besonders. Hüller lässt nur mit müdem, geschafftem Gesicht eine schwierige Ehe erspüren - von der wir nie etwas sehen. Und trotzdem gibt ihre Marion mit frischer, herzlicher Art dem Laden gute Laune. Ganz nebenbei kann man sich auch an diesen tollen Gesichtern weiden. Dazu ein sanfter, wunderbarer Musikeinsatz. Das Happy End ist, wenn Marion dem Frischling das Rauschen des Meeres hören lässt ... selbstverständlich in den Gängen!

The Happy Prince

BRD, Belgien, Großbritannien, Italien 2018 Regie: Rupert Everett, mit Rupert Everett, Colin Morgan, Colin Firth, Emily Watson, 106 Min., FSK ab 12

Ein bewegender Rückblick aus der Gosse: Die letzten Lebensjahre des so lebensfrohen, großartigen Dichters (1854-1900) waren kein Fest mehr. Rupert Everett hat es sich als Autor, Regisseur und Wilde-Darsteller des Films „The Happy Prince" zur persönlichen Aufgabe gemacht, diese eher unbekannte Lebensphase Wildes zu zeigen.

Wilde ist nicht mehr der strahlende Hedonist aus Brian Gilberts filmischer Biografie „Oscar Wilde" von 1997 mit Stephen Fry in der Hauptrolle. Dieser darbende, kranke Alte in Paris haut fünf Pfund, die ihm eine alte Verehrerin aus London gibt, direkt auf den Kopf. Für Koks und Absinth, zusammen mit zwei verlorenen Jungs. Ihnen erzählt seine rührende Geschichte „The Happy Prince" („Der glückliche Prinz"), ein bitteres modernes Märchen (aus der Prosasammlung „Der glückliche Prinz und andere Märchen" von 1888). Zuvor vergnügt er sich mit dem älteren Obdachlosen. Die Jungs von der Straße erinnern ihn an seine beiden eigenen Söhne, die er nie mehr sieht.

Diese Bilder in schmutzigem Gelb sind tief berührend, wenn die Erinnerung an glanzvolle Abende auf großen Bühnen aufkommt, während Wilde in einer Spelunke singt, um seine Schulden abzugelten. Das Vorleben taucht mit kurzen Momenten der Verurteilung und der Haft wegen Homosexualität auf. Der Beginn seines Exils 1897 in Dieppe leuchtet noch hoffnungs- und stilvoll. Die Flucht mit seiner großen Liebe Alfred „Bosie" Douglas (Colin Morgan) nach Neapel bringt ein letztes großes Glück. Aber die finanziellen Sorgen, auch weil Wildes Frau Constance Holland (Emily Watson) wegen des neuerlichen Treffens mit Bosie ihre Geldzahlungen einstellt, setzten dem ein Ende.

Es ist erschütternd, wie ein großer Mensch und großartiger Künstler zugrunde geht, nein: bis in den Tod erniedrigt wird. Erschreckend die Jagd auf Schwule, auch weil sie immer noch aktuell ist. Rupert Everett gelingt mit der opulenten Inszenierung und klasse Darstellern wie Colin Firth ein bewegender Abgesang auf einen der schillerndsten Erben des Orpheus. Everett übernimmt dabei Elemente des Märchens „The Happy Prince", im Off erklingen stimmungsvoll passende Originaltexte-Texte von Wilde. Das ist so nicht unbedingt für die Schullektüre geeignet, weil logischerweise die großen Erfolge, die Theaterstücke und die Bücher ausgeblendet werden.

Sich selbst inszeniert der Regisseur etwas selbstverliebt. Aber wie soll man einen vor Stolz und Lebenslust bebenden Wilde sonst darstellen? Ja, vielleicht noch mal von Stephen Fry, der auch im realen Leben eine ähnliche Brillanz im Denken und Formulieren beherrscht.

Luis und die Aliens

BRD, Luxemburg, Dänemark 2017 Regie: Wolfgang Lauenstein, Christoph Lauenstein, Sean McCormack 85 Min. FSK ab 0

Vor mehr als einem Viertel Jahrhundert, Anno 1990, erhielten die Brüder Wolfgang und Christoph Lauenstein einen Oscar für den Besten kurzen Animationsfilm des Jahres. Ihr „Balance" war eine wunderbare, kunstvolle Parabel um den eigennützig beschränkten Menschen, mit fein gestalteten Figuren, die sich gegenseitig von einer im Nichts kippelnden Plattform schmissen. Nun ist erfreulich, dass die Lauensteins „schon" bei einer großen Kinderfilm-Animation Regie führen dürfen. Geradezu schrecklich ist, dass bei „Luis und die Aliens" nichts mehr von ihrer Fantasie oder den feinen Zeichnung übrig geblieben ist.

Der 12-jährige Luis lebt zusammen mit seinem allein erziehenden Vater, einen Sternenkucker, bei dessen Alien-Spleen sich der Sohn tatsächlich sehr allein fühlt. Zudem will der Schuldirektor in ziemlich überspannter Manier dem chaotischen Vater das Sorgerecht entziehen. Luis, der schon den Haushalt schmeißt, muss sich nun auch darum kümmern. Und um drei Aliens von einem intergalaktischen Kreuzfahrt-Schiff, die ausgerechnet von Teleshopping angelockt, auf der Erde Station machen. Auch hier ist Luis' Vater, der von einem früheren Alien-Besuch traumatisiert ist, keine Hilfe. Der Junge muss die harmlosen Außerirdischen sogar vor seinem Vater schützen.

Die bekannte Situation von Kindern, die nur bei einem Elternteil aufwachsen, soll hier nach einem komisch abenteuerlichen Chaos zu einem Alles-ist-gut-Ende geführt werden. Gut ist der Zeichentrick für Kinder aber in keinster Weise. Ein paar Figuren wurden psychologisch und handwerklich halbwegs gut gezeichnet, der Rest sieht aus wie die drei Aliens, die sich für die attraktivsten Lebewesen des Universums halten: Bunt und blubberig. Wie ein Pudding geriet auch die europäische Misch-Produktion - ein zu glattes Produkt für den internationalen Markt, das sich nirgendwo im richtigen Leben verorten lässt. Das macht zwischendurch Spaß, wenn endlich die Kornkreise erklärt werden oder die Aliens mehr schlecht als recht Körperformen von Erdlingen übernehmen, ist aber verglichen mit der Ästhetik von Lauensteins „Balance" nur noch ein Trauerspiel.

16.5.18

Deadpool 2

USA 2018 Regie: David Leitch, mit Ryan Reynolds, Zazie Beetz, Josh Brolin, 120 Min. FSK ab 16

Der hässlich vernarbte, zynische und sadistische Deadpool ist wieder da. Bei aller Skepsis gegenüber erfahrungsgemäß schwachen zweiten Teilen trotzdem ein Grund zur Vorfreude: Der mutierte Auftrags-Quäler Wade Wilson (Ryan Reynolds) war mal ein Comic-Charakter mit echten Schattenseiten, mal kein unglaublich Guter. Wobei die Darstellung der tödlichen Action nicht kindgerecht verharmlost wurde. In „Deadpool" zeigte 2016 Superzeitlupe, was tatsächlich passiert, wenn Kugeln Körper durchschlagen oder Gliedmaßen abgetrennt werden. Geschmacksache, aber das wollten sicher nicht wirklich viele Kids nachmachen!

„Deadpool 2" ist nun ein Familienfilm - nicht wirklich. Aber so erzählt es Wade Wilson, der nach getaner Arbeit brav nach Hause kommt. Nun täuscht das liebliche Lied „9 to 5" von Dolly Parton nicht drüber hinweg, dass die Arbeit das Ermorden von Schurken auf der ganzen Welt ist. Aber danach und nach der Familienplanung mit der geliebten Vanessa auf der Couch das Streisand-Musical „Yentl" sehen, das ist echt. Bis ein Gangster Vanessa umbringt.

Nun ist „Ein Mann im roten Stretchanzug zieht rot" recht schnell erledigt. Nur wie will Wade sich umbringen? Er will ohne Vanessa nicht mehr leben, aber seine super Selbstheilungskräfte lassen ihn nicht sterben. Selbst nicht mit echt viel Explosivem unterm Hintern. Das ist der große Knaller noch vor dem völlig durchgeknallten Vorspann.

Danach dann wie erwartet völlig bescheuerte und gleichzeitig knallharte Action, teilweise schwer übersetzbare Gags im Minutentakt und die gekonnte Demontage des Superhelden-Genres. Denn hier verläuft einiges anders, als es die anderen ermüdend als Erfolgsrezept dauernd wiederholen. Doch der großartige Parodie-Spaß für Hartgesottene will noch mehr: Eine Liebesgeschichte erzählen, die größer ist als das Leben. Und eine Zeitreise-Schiene quer durch das Ganze ziehen. Auch wenn Josh Brolin als zeit-reisender Actionheld, als Terminator-Figur aus der Zukunft, völlig ohne Humor eine Bereicherung ist, sobald sich „Deadpool 2" der Handlung hingibt, wird der Film gewöhnlich.

Denn es gilt einen jungen, leicht entflammbaren Mutanten vor seiner Zukunft als Massenmörder zu retten. Dabei hält die Frequenz frecher Witze ihr Tempo nicht aufrecht. Neben der Romantik funkt doch recht übliche Action dazwischen. Das Lachen vergeht aus dramaturgischen und inszenatorischen Gründen, wenn Regisseur David Leitch, der zuletzt mit „Atomic Blonde" und „John Wick 2" eher mechanische Aktion hingelegt hat, den Stil wechselt. Das Casting von eher ungeeigneten Team-Mitgliedern ist schon schlapper als jeder der Sprüche von Deadpool selbst. Selbstverständlich gibt es auch unzählige Knaller, wie die Empfehlung zur Trauerverarbeitung nach Kübler-Ross ausgerechnet vom bulligsten Typ der Kneipe.

Ryan Reynolds beweist neben Meisterschaft für Rollen wie den toten Polizisten in „R.I.P.D." oder den „Killer's Bodyguard", die dauernd mit einem Augenzwinkern herumlaufen, wieder mal Vielseitigkeit in einer Figur. Sein Deadpool kommt fast an den schizophrenen Arbeiter aus dem schrillen „The Voices" ran. So ist es die eigentliche Superhelden-Leistung von Hauptdarsteller und Ko-Autor Reynolds, der weiterhin selbst seine Aktionen direkt in die Kamera kommentiert, diese Kramkiste mit genialen Scherzen und routiniertem Einerlei mit seinem ganz speziellen Charme zu übergießen und zusammenzuhalten.

14.5.18

Zwei Freunde und ihr Dachs

Norwegen 2015 (Knutsen & Ludvigsen og den fæle Rasputin) Regie: Rasmus A. Sivertsen, Rune Spaans 75 Min. FSK ab 0

Knuddelig und bunt sind die, die Freunde Knutsen und Ludwigson. Sie leben mit ihrem Dachs in einem Eisenbahntunnel. Auch wenn der schon mal rülpsend den Kühlschrank ausräumt. Eines Tages fällt junge Amanda bei ihrer Flucht in ihre fantasiereich ausgestattete Höhle. Ihr Vater, ein genialer Wissenschaftler, wird vom Bösewicht Rasputin entführt. Damit dieser ein Gedankenkontrollserum erfinden soll. Nun verlassen die beiden Freunde zusammen mit ihrem cleveren Dachs den Eisenbahntunnel und ziehen in die düstere, kontaminierte Stadt Bergen. Immer mit dabei sind viele flotte Musikeinlagen.

Die norwegische Kinder-Animation ist richtig nett spannend, laut, albern und schön schräg witzig. Sie wurde durch die Musik und ein Hörspiel der Musikgruppe Knutsen und Ludvigsen inspiriert.

Maria by Callas

Frankreich 2017 Regie: Tom Volf 114 Min. FSK ab 0

„Da sind zwei Leute in mir, Maria und Die Callas ...". Tatsächlich zeigt diese Sammlung von Bild- und Tondokumenten zur legendären Opernsängerin Maria Callas (1923-1977) einen Mix aus bewegtem Leben und ihrer Kunst. In Interviews erzählt sie von der Jugend in New York, Kriegsjahren in Griechenland, Erfolgen und Skandalen. Dazwischen Andeutungen eines eher unglücklichen Lebens und immer wieder die Betonung einer unglaublichen Disziplin.

Über diese Interviews, darunter ein unveröffentlichtes von David Frost aus dem Jahre 1970, und vorgelesenen handschriftliche Notizen erschließt sich die Andeutung einer Persönlichkeit, wobei der Film mit passender musikalischer Untermalung lieber große Oper aus den persönlichen Dramen macht. Zum Schwelgen sind vor allem die vielen Originalaufnahmen in Farbe, auch von Inszenierungen aus dem Beginn ihrer Karriere. Zehn Arien zeigt der Film in kompletter Länge, eine Besonderheit auch wegen der wenigen Filmaufnahmen aus der Karriere der Callas.

The Cleaners

BRD, Brasilien, Niederlande, Italien, USA 2018 Regie: Hans Block 88 Min.

„Löschen, ignorieren, ignorieren, löschen ..." Sie sitzen vor ihren Monitoren und sollen jeden Tag 25.000 Bilder bewerten. „The Cleaners" sind die Menschen, die das Internet für Facebook, YouTube und Google „von kontroversen Inhalten säubern". Die packende Dokumentation gewährt erstaunliche bis schockierende Einblicke in eine Tätigkeit im Dunklen. Anonyme Informanten erzählen von ihrer Arbeit. Sie sind vielfältig schockiert von dem, was sie sehen müssen. Bekommen einen heftigen Kurzlehrgang in Sachen Pornografie und deren „Fachbegriffe". Erleben aber auch universell unerträgliche Aufnahmen etwa von Kinderpornografie. Hinzu kommt das Thema IS-Terrorismus. Eine Cleanerin hat „hunderte Enthauptungen" gesehen und kennt den Unterschied, den scharfe oder stumpfe Klingen ausmachen.

„The Cleaners" geht dabei einigen Beispielen auf den Grund, spricht mit der Künstlerin, die Trump mit kleinem Penis gemalt hat, und zeigt so die Auswirkungen dieser im Bruchteilen von Sekunden gefällten Entscheidungen zur Löschung. Dazu referiert der Film bekannte alberne oder absurde Beispiele der Zensur: Wie Erdogan, der einen Twitter-Vogel vögelt, und das berühmte Vietnamkriegs-Foto vor einem Napalm-Angriff fliehender, nackter Kinder, das auch kurzzeitig gelöscht wurde. Da mehr Menschen zu Facebook gehören als zu irgendeinem Staat auf dieser Erde, geht es auch um Zensur.

Die Gespräche mit den Verantwortlichen der großen Konzerne zeigen dabei vor allem Rat- und Orientierungslosigkeit. Die Bewertung der Bilder und Filme unterliegt zahllosen regionalen und sozialen Kriterien. Die verstörende Wirkung auf die einzelnen Cleaner ist ebenso im Bild wie die gesellschaftliche Gefahr derartiger Einflussnahmen.

Die Regisseure Hans Block und Moritz Riesewieck erzählen mit atmosphärischen Aufnahmen aus Manila, zeigen die Müllhalden, die das dortige System als elende Verdienstmöglichkeit vorhält. Und auch die christlichen Abbilder dieser extrem gläubigen Gesellschaft als ein wichtiges Detail für die Cleaners. Eine gelungen mit vielen Ebenen und unterschiedlichen Stilen arbeitende, vor allem aber höchst aktuelle und wichtige Dokumentation.

Wohne lieber ungewöhnlich

Frankreich, Belgien 2016 (C'est quoi cette famille?!) Regie: Gabriel Julien-Laferrière, mit Julie Gayet, Thierry Neuvic, Julie Depardieu 95 Min. FSK ab 0

Spitzen-Patchwork! Nein, kein neuer Trend in der Deckenmode, dies ist Patchwork-Familie auf die Spitze getrieben: Sieben Kinder im komplizierten und undurchsichtigen Wechsel bei acht Erziehungsberechtigten untergebracht. Da wissen die Kleinen und Nicht-Mehr-Ganz-Kleinen oft selber nicht so recht, ob sie jetzt zum Vater, zur inzwischen schon wieder getrennten Stief-Mutter oder vielleicht auch mal zu ganz anderen Erwachsenen müssen. Als Zuschauer sollte man trotz ethnischer Einfärbungen gar nicht erst probieren, diese unübersichtlichen Familienbande zu durchschauen.

Da nicht nur Kinderverschickungen, sondern auch die Elternpaarungen durch Beziehungsstreit in Bewegung sind, wird die Patchwork-Situation unerträglich. Die Kinder ziehen einen Schlussstrich und aus. Erst finden sich heimlich alle sieben in einer leerstehenden Pariser Wohnung ein, dann wird der Alltag neu organisiert, während Schul- und Kindergarten-Besuche weiter gehen. Die Eltern brauchen ein paar Tage, um die Veränderung zu bemerken - „wie, er ist nicht bei dir?". Und werden dann in einen mit erstaunlicher Leichtigkeit funktionierenden Plan integriert: Nun dürfen sie für ihre Besuchstage ins Gästezimmer der Kinder-WG einziehen!

Der Gag von „Wohne lieber ungewöhnlich", mit dem sinnvolleren Originaltitel „Was ist das für eine Familie?!", soll sein, dass die Kinder alles viel besser machen. Die Kids im Alter von vier bis siebzehn haben so gut wie keine Organisationsprobleme, können plötzlich perfekt den Haushalt schmeißen. Während die Eltern staunen, dass sie freiwillig den Müll runtertragen.

Das verläuft recht banal, kein Vergleich mit dem wunderbar dramatischen und gleichzeitig spielerischen japanischen Meisterwerk „Nobody knows", in dem die Kinder aus Not eigenständig überleben mussten. Hier, im neuesten französischen Import, herrscht Tendenz zum Klamauk, Yoga mit groß und klein sieht ja auch sehr witzig aus. Eine Liebesgeschichte dazu und zur Witz-Dichte eine sehr wilde und verrückte Oma. Dies sind alles im besten Fall nette Episoden. Entwicklung gibt es kaum, allein die Tatsache, dass die Wohnung eigentlich verkauft werden soll, sorgt für etwas Spannung. Die jeweiligen Beziehungsprobleme der Elternteile kommen sehr kurz.

Das Ganze wurde zudem etwas ungelenk und umständlich inszeniert. In der Summe glaubt man das alles nicht. Was dem Mitlachen und -bangen ziemlich im Wege steht. Die unglaubliche Harmonie kommt mit einem vielfachen Happy End-Konzert wenigstens schnell zum Ende.

Nach einer wahren Geschichte (2017)

Frankreich, Polen, Belgien 2017 (Based on a true Story - D'après une histoire vraie) Regie: Roman Polanski mit Emmanuelle Seigner, Eva Green, Vincent Perez 101 Min. FSK ab 12

Die leere, weiße Seite auf dem Bildschirm des Rechners. Immer wieder sitzt sie davor, die erfolgreiche Pariser Schriftstellerin Delphine (Emmanuelle Seigner), aber das Blatt bleibt leer. Seit ihr Roman über die Mutter zu einem Bestseller wurde. Und seitdem kommen auch die anonymen Drohbriefe angeblich im Namen ihrer Mutter, die Delphine beleidigen und ihr vorwerfen, eine wahre Familiengeschichte ausgebeutet zu haben. Bei einer Signierstunde trifft die unsichere Autorin auf Elle (Eva Green). Cool gestylt und kalt selbst im Lächeln schleicht sich diese Ghostwriterin für Berühmtheiten in Delphines Leben. Denn die Kinder sind aus dem Haus und ihr Mann, ein berühmter Literatur-Kritiker, muss gerade wieder T.C. Boyle und Ian McEwan in den USA und Großbritannien interviewen.

Dankbar lässt die erschöpfte Literatin die neue Freundin in die Wohnung einziehen und gibt auch ihr Computer-Passwort preis, damit Elle lästige Termine erledigen kann. Dafür wird die mysteriöse Frau, die vorher im Hochhaus gegenüber lebte, Delphine immer ähnlicher. So weit, dass sie sogar Lesungen an Schulen als Double übernehmen will. Die Pillen, die ihr gefüttert werden, machen die müde Autorin nicht wirklich fitter. Dann bricht die Handlung noch einiges übers Knie und Delphine aus heiterem Himmel ein Bein. Zum Glück ist die gefährliche Freundin, die gerade doch schon rausgeworfen wurde, wieder nicht weit und darf sich weiter kümmern. Und damit beide ihre Schreibaufträge endlich in Ruhe angehen können, fahren sie zu einem schön abgelegenen Ferienhaus, in dem Elle leckeren Tee kocht und es Delphine immer schlechter geht...

Der neue Film von Roman Polanski nach einem Roman von Delphine de Vigan drängt sich überdeutlich als Psychothriller auf. Elles Gesicht wird in den Reflexionen eines Glases in mehrere Facetten gebrochen - für den, der da noch nicht begriffen hat, dass diese Frau gefährlich wirken soll. Da wäre auch der exzessive Gewaltausbruch gegenüber einem Mixer, der nicht funktionieren will, nicht mehr nötig gewesen. Höchstens als Weckruf für Delphine, dass bei ihrem Gast auch etwas nicht richtig funktioniert. Dass dann Elles Erzählungen aus der Vergangenheit mit dramatischen Ereignissen, einer virtuellen Freundin und sogar Leichen gepflastert sind, wirkt geradezu albern. Komisch, auch weil Polanski das Drehbuch sogar mit Olivier Assayas („Personal Shopper", „Die Wolken von Sils Maria", „Carlos - Der Schakal") zusammen schrieb, der Psychologie noch im Schlaf richtig buchstabieren kann.

Doch Polanski, der Regisseur von „Der Ghostwriter", „Die neun Pforten" oder „Rosemaries Baby", inszeniert „Nach einer wahren Geschichte" etwas ungelenk und verweigert konsequent die Auflösung in Richtung Thriller. Wie einer, der das nicht kann. Dabei kann Polanski einiges, wenn nicht sogar alles. Also auch einen recht anspruchsvollen Subtext in dieses unerfüllte Genreversprechen hineinweben: Dass die Ghostwriterin Elle, was auf französisch sehr unspezifisch nur „sie" heißt, wie ein Geist nie von einem der Bekannten Delphines gesehen wird, ist unübersehbar. Wer könnte sie also sein, beziehungsweise, wenn soll sie symbolisieren? Eine schizophrene Abspaltung der Autorin wäre viel zu billig. Dazu drängt Elle Delphine dauernd, endlich mal etwas von sich selbst zu schreiben. Wogegen Delphine sich vehement wehrt. So ist ein vermeintlicher Gegensatz von Wahrheit und Fiktion dauernd präsent. Und die Auflösung erfolgt nicht in einem Thriller-Finale, sondern im Zusammenfallen von Wahrheit und Fiktion. Wie er begann, endet „Nach einer wahren Geschichte" mit einer Signierstunde. Mit Delphines neuem Roman, vom dem nicht klar ist, ob sich seine Geschichte wahrhaftig ereignet hat. Von dem nicht mal klar ist, wer ihn geschrieben hat. Delphine? Eine Ghostwriterin? Oder ein Geist, den Delphine erfunden hat...

8.5.18

Der Buchladen der Florence Green

Spanien, Großbritannien, BRD 2017 (The Bookshop) Regie: Isabel Coixet, mit Emily Mortimer, Bill Nighy, Patricia Clarkson, 113 Min. FSK ab 0

Es ist ein altvertrautes und immer wieder auch gespanntes Verhältnis, das des Films mit dem Buch. „Der Buchladen der Florence Green" ist die neueste Ausgabe in dieser Reihe. Ein schöner Film von der Frauenfilm-Regisseurin Isabel Coixet über Bücher, der exakt ein Buch, nämlich seine Vorlage, etwas aus dem Blick verliert.

Florence Green (Emily Mortimer) brauchte einige Jahre, um über den Tod ihres Mannes im Zweiten Weltkrieg hinweg zu kommen. Jetzt, Ende der 50er Jahre, traut sie sich, den Traum eines eigenen Buchladens umzusetzen. Doch das verfallene Häuschen, in das sie ihr gesamtes Vermögen steckt, liegt im englischen Küstenort Hardborough, und der wird von der eiskalten Aristokratin Violet Gamart (Patricia Clarkson) regiert. Violet hat die Vorherrschaft über die Kultur im Ort und will sich da von niemandem reinreden lassen. So hat die Witwe Florence den zurückgezogen lebenden Sonderling Mr. Brundish (Bill Nighy) erst einmal als einzigen Leser. Dafür aber eine engagierte und mutige kleine Assistentin.

Die großartige Emily Mortimer trägt den Film als stille aber entschlossene Florence Green. Ein Charakter, ja eine Persönlichkeit, die sich nicht von den üblichen Machtverhältnissen und Rangordnungen im Dorf beeindrucken lässt. Im Gegenteil: Das fordert sie nur noch mehr heraus. Sie ist ein auf Anhieb sympathischer Mensch, mit dem man gerne umgeht, den man gerne begleitet, auch durch diesem Film. Ebenso hervorragend spielt Bill Nighy. Und sehr schön sind die kleinen Anekdoten, wie seine Schrulle, alle Rückseiten seiner Bücher abzureißen und zu verbrennen, weil er die Portraits der Autoren hasst. Seine Begeisterung für Ray Bradbury und alle anderen seiner anfänglichen Briefe an Florence werden für uns in die Kamera gesprochen. Denn „Der Buchladen der Florence Green" ist nicht nur nett fotografiert und ausgestattet, behandelt die Bücher durch die Protagonisten und die Kamera besonders sorgfältig, der leise Witz der Hauptfigur hat sich auch in die Inszenierung der erfahrenen spanischen Regisseurin Isabel Coixet („Learning To Drive", „Elegy oder die Kunst zu lieben", „Das geheime Leben der Worte", „Mein Leben ohne mich") geschlichen.

Zwar kommen sich Florence und Mr. Brundish im Gespräch über damals progressive Werke wie Nabokovs „Lolita" oder Bradburys „Fahrenheit 451" näher, doch seltsamerweise könnten die Bücher eigentlich eine größere Rolle spielen, was sie anscheinend im Roman der britischen Schriftstellerin Penelope Fitzgerald auch tun.

Rampage

USA 2018 Regie: Brad Peyton mit Dwayne Johnson (David Okoye) · Naomie Harris 107 Min. FSK ab 12

Der Ex-Wrestler Dwayne „The Rock" Johnson als sanfter Gorilla-Flüsterer! Das kann nicht gut gehen, mit einem Charakter-Typen, der vom Aussehen her selbst in die Gorilla-Gruppe einziehen
könnte. Doch dann schlägt die Action los und das geht ganz gut. Der Primatenforscher Davis Okoye (Johnson) hat es nicht so mit Menschen, seit er Jagd auf Wilderer gemacht hat. Sein bester Kumpel ist der große, weiße Gorilla George. Mit dem kann er nicht nur per Zeichensprache reden, der nimmt ihn auch gerne auf den Arm. Der kuscheligen Bromance, der auffälligen Romantik zwischen Hetero-Männern, kommt der Niederschlag eines Science Fictions in die Quere. Denn die Trümmer eines illegalen Forschungslabors im Weltall (sic!) machen aus George und anderen Wesen riesige und extrem aggressive Monster. Dank des Drehbuch-Einfalls einer Gruppe von Schimpansen, angeleitet von Jan Böhmermann, jagen diese Kreaturen auf Chicago zu und Dwayne Johnson hat wieder einiges zu retten.

Die Mischung aus King Kong, Jurassic Park und Godzilla, dieses Genexperiment mit alten Filmstoffen, lässt schnell die verstörenden Bilder einer Familientherapie mit Johnson und Affen vergessen. Die klassische Besetzung mit attraktiver und kämpferischer Wissenschaftlerin, ruppigem FBI-Befehlshaber, dummem Militär und die zynischer Konzern-Chefin sorgt für eine deftige Schneise der Zerstörung. Auch wenn „Rampage" zeitweise nur mäßig inszenierten Actionfilm ohne Witz abliefert, knallt es kräftig, wenn die unkaputtbaren Monster mit Panzern wie mit Spielzeug und mit Hochhäusern wie mit Lego umgehen.

Dass dabei viele Bilder an 9/11 erinnern, wirkt seltsam, aber ist auch viel zu weit gedacht. Dass ein riesiger Wolf wie die Kreatur eines billigen Trash-Films aussieht und eine Echse gut Godzilla ins Bein beißen könnte, hat die Macher sicher mehr interessiert. Falls das Action-Filmchen uns irgendwas mit Natur und Verantwortung der Wissenschaft sagen möchte, deutlich machen will, dass doch der Affe der bessere Mensch sei, hört man es nicht, weil es mit viel Geschepper andauernd schreit: Hau drauf!

I feel pretty

USA, VR China 2018 Regie: Abby Kohn, Marc Silverstein 110 Min. FSK ab 0

Schumer bleib' bei deinen Leisten. Ähnlich verunglückt wie dieses Wortspiel ist auch der neuerliche Ausflug des TV-Stars Amy Schumer auf die Kinoleinwand. Das Märchen einer Frau, die wohl knapp über BMI-Empfehlung liegt, und sich nach Kopfverletzung „komischerweise" als sehr schön empfindet, ist schwächer und weniger feministisch kämpferisch als jede Folge der Fernsehshow „Inside Amy Shumer".

Komisch - da ist die angeblich „pummelige" Renee (Amy Schumer) doch tatsächlich bemitleidenswert unsicher und unattraktiv unter lauter Supermodels im Fitnessstudio. Seltsam, dass da auch haufenweise Ratgeber nicht helfen können. Bevor das erste Lied verklingt in „I feel pretty", ist das traurige Leben von Renee skizziert, die nie dumm angemacht und dauernd übersehen wird. Skizziert rein über Äußerlichkeiten und deren Folgen. Ziemlich sexistisch, dass der Film keine andere Charaktereigenschaft für Renee vorzuweisen hat. So wirkt nach zehn Minuten selbst der seltsame Mitarbeiter im IT-Keller eines elitären Kosmetik-Unternehmens interessanter als die Hauptfigur.

Aber jetzt kommt ja der Clou, denn Amy Shumer ist als Produzentin und Hauptdarstellerin wohl nicht auf den Kopf gefallen wie diese Renee während des Spinning-Kurses. Plötzlich fühlt sich die graue Maus schön, wahrgenommen, erfolgreich und muss sogar den beiden Freundinnen erklären, dass sie wirklich die alte Renee sei, auch wenn diese sie jetzt gar nicht wiedererkennen könnten. Dass Renee dabei keinen Deut anders aussieht (abgesehen von Filmtricks wie besserer Schminke, toller Frisur und passenden Klamotten), soll dabei der Gag und die Lerneinheit des Films sein.

Fotomodels wie Naomi Campbell, die sich immer unsicher fühlen. Eine Industrie, die Frauen vermittelt, dass sie nie schön genug sein können. Schon vom Trailer weiß man, was Amy Schumer sagen will und was passieren wird. Aber im Film passiert das sehr langsam und seltsamerweise überhaupt nicht witzig. Während bei „Inside Amy Schumer" schon mal auf großartig schockierende Weise in ein paar Minuten gegen Gruppen-Vergewaltigung von dämlichen Sportskanonen und anderen „Vorbildern" ausgetreten wird, bleibt dieses Filmchen über die ganze Länge erschreckend harmlos. Die Quintessenz wurde in der Dove-Kampagne mit „vollschlanken" Frauen jeder Form und Hautfarbe schon vor Jahren an die Frau gebracht. Hier ist nur die sehr entschlossene und eloquente Verkennung der Realität durch Renee kurz komisch. Ein Bikini-Wettbewerb in einer schmuddeligen Bar zeigt beim heißen Tanz mit Bauch und kräftigen Schenkeln, was Schumer an körperlicher Komik drauf hat. Doch auch diese Szene bleibt ohne doppelten Boden, die richtige Schumer hätte gleichzeitig die albernen Gesten lächerlich gemacht. Ein Schumer-Film ausgerechnet für Nicht-Schumer-Fans.

Isle of Dogs - Ataris Reise

USA, BRD 2018 Regie: Wes Anderson 100 Min.

Wow! Was für ein wunderbarer, ungewöhnlicher, liebevoller und begeisternder ... Hundefilm. Das neue Meisterwerk von Wes Anderson („Moonrise Kingdom", „Grand Budapest Hotel") ist, wie schon „Der fantastische Mr. Fox", ein Stop-Motion-Animationsfilm. Anderson ist wieder auf den Hund gekommen, auf so geniale Weise, dass man nur eines sagen kann: Wow!

Dabei wird man erst einmal still angesichts der traurigen Geschichte, wie in naher Zukunft alle Hunde aus der Stadt Megasaki City auf eine Müllinsel verbannt werden sollen. Zugegeben, was die Vierbeiner an Maul- und Klauen-Seuchen, Läusen und Zecken mit sich tragen, ist wirklich nicht schön. Ihr Niesen zwar witzig, die mysteriöse Hundepest allerdings nicht. Die hasserfüllten Reden des Bürgermeisters Kobayashi, der für seine Wiederwahl eine Randgruppe erzeugen und deportieren muss, erinnern dabei überdeutlich an all die rechten und populistischen Politiker, die sonst nichts zu sagen hätten.

Ausgerechnet Spots, der Bodyguard-Hund von Atari Kobayashi, dem Pflegesohn des korrupten Bürgermeisters, wird als erster zur Müllinsel deportiert. Erst Jahre später gelingt es dem mittlerweile 12-jährigen Atari, sich nach abenteuerlicher Bruchlandung mit einem Metallteil im Kopf auf die Suche nach Spots zu machen. Adoptiert wird er von fünf Hunden, mit deren hartem Überleben auf der Insel wir schon vertraut gemacht wurden. Beziehungsweise: Es sind erst nur vier Flohträger, die in tierisch komischen demokratischen Prozessen entscheiden, dem ramponierten, aber typisch japanisch entschlossenen Kerlchen Atari zu helfen. Chief, der einzige originäre Streuner des Quintetts, wehrt sich dagegen, einem der Menschenrasse, die ihnen so viel Grausames angetan hat, zu helfen. Umso verständlicher, je weiter sich die kuriose Reise der seltsamen Truppe einer ehemaligen Tierversuchs-Anlage nähert...

„Isle of Dogs" ist ein großer, schräger Spaß. Dauernd überrascht Wes Anderson mit netten, absurden oder schönen Einfällen. Bekanntes wird auf den Kopf gestellt, die obligatorische Sushi-Zubereitung bekommt einen Touch Monsterfilm in die Bento-Box gelegt. Bei den Narben und Verwundungen, die Hund und Mensch zeigen, kommt Anderson dem anderen großen Animateur für Erwachsene, Tim Burton, sehr nahe. Diese Figuren haben durchweg Heftiges erlebt, auch wenn sie nicht in einer Tierversuchs-Anstalt leiden mussten. Was auf den ersten Blick zu kurioser Physiognomie und aberwitzigen Prothesen führt, aber auch zu einer allgegenwärtigen Melancholie. Denn das Leben ist kein Hundeschleckerli.

„Isle of Dogs" ist pur Wes Anderson, dem man eigenartiges Sozialverhalten nachsagt: Symmetrisch flach aufgebauten Szenerien, in denen Animations-Puppen doch besser auf Regieanweisungen wie „Bei Fuß" reagieren, als schwierige Schauspieler, also Menschen. Selbst wenn diese so kongenial zu Andersons Stil passen wie Bill Murray oder Tilda Swinton. Eine Schatzkarte wie aus Kinderzeiten dient als Leitfaden der Handlung. Und alles wird getragen von netten Leitmelodien, einem traumhaften Rhythmusgefühl auch in der Montage sowie super Songs für die eigene Playlist.

Diese Filmperle erweist der japanischen Kultur viel Respekt. Das mit dem „Wow" und dem Japanischen ist auch so eine herrlich schräge und spaßige tolle Sache in diesem Film: Denn wir verstehen die Hunde völlig problemlos. Nur die Hunde! Alles andere bleibt unübersetzt, wie eine der vielen netten Texteinblendungen erklärt. Eigentlich. Denn Anderson lässt sich selbstverständlich wieder haufenweise nette Details einfallen, mit denen wir doch alle verstehen und mit denen gerade diese Sache mit dem Übersetzen mitunter herrlich auf den Arm genommen wird.

„Isle of Dogs" ist auf jeden Fall ein großes Vergnügen, dass nachhaltig fröhlich macht. Wobei es erstmals auch eine sehr deutliche Botschaft gibt: Die politischen Hassprediger, die traurigen Gestalten, die auf Müllhalden nach Resten einer Überflussgesellschaft suchen und vor allem die furchtbaren Experimente mit Tieren. Das ist zu lange schon Gegenwart und keine Fiktion. Doch diese vielen großen Augen der Hunde mit ihrem herzzerreißenden und umwerfend komischen Blick in die Kamera machen, dass man nachher, draußen in der anderen Welt, nicht nur Hunde mit anderen Augen ansieht. Und das ist schon fast ein weltbewegender Effekt für eine scheinbar nichtige Spielerei mit niedlichen und schrägen Animationsfiguren.

1.5.18

Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?

BRD, Schweiz 2018 Regie: Kerstin Polte 93 Min. FSK ab 6

Oma Charlotte (Corinna Harfouch) hat einen bösen Brief vom Krankenhaus bekommen und möchte endlich mal ans Meer. Doch weder Tochter Alex (Meret Becker) noch Ehemann Paul (Karl Kranzkowski) haben Zeit für so was. Und so sitzt Charlotte bald mit Enkelin Jo (Annalee Ranft) im Auto Richtung Küste. Zuvor hat sie Paul an der Raststätte stehen gelassen. Nun trampen Mann und Tochter mit der coolen LKW-Fahrerin hinterher, weil Fahrlehrerin Alex sich auch noch besoffen den Führerschein weglaufen lässt. Doch alle kommen irgendwann auf der Insel mit dem depressiven und gemütlich runden Gott an, der neben der Titelfrage auch noch beantworten muss, wer eigentlich den Tod erfunden hat... Klingt dramatisch, ist aber wunderbar verspielt, exzellent gespielt und in seinen schönen Lieben tief berührend, dieses unbedingt sehenswerte Debüt von Kerstin Polte.

30.4.18

No Way Out - Gegen die Flammen

USA 2017 (Only the Brave) Regie: Joseph Kosinski mit Josh Brolin, Miles Teller, Jeff Bridges und Jennifer Connelly 134 Min. FSK ab 12

Der Feuerwehr-Film ist eine heiße Sache für Heldenverehrung und nicht erst seit 9/11 für Pathos mit Brandbeschleuniger. Regisseur Joseph Kosinski („Oblivion", „Tron: Legacy") lässt seinen neuesten, exzellenten Beitrag zum Genre mit toller Besetzung erst einmal auf kleiner Flamme köcheln, bis das Feuerwerk im Finale fast alles wegfegt. Eine Überraschung, für die man Feuer und Flamme sein kann.

Harte Kerle, verwegene Männer und ruppige Kameradschaft - alles da, doch „No way out" geht nicht direkt in die Feuerhölle. Für Eric Marsh (Josh Brolin) ist seine Feuerwehr-Truppe, die sich mit gigantischen Waldbränden rumschlägt, eher ein betriebswirtschaftliches Drama: Eric will sich mit seiner Truppe und der Hilfe vom Unternehmer Duane Steinbrink (Jeff Bridges, darf Country singen) gewinnbringend selbständig machen. Die 19 Männer sollen eine Hotshot-Crew werden, eine Elite-Truppe, die den Feuerwalzen den Weg abschneidet, ihnen durch rasend schnelle Rodungen und platzierte kleine Feuer die Nahrung nimmt. Die Qualifizierung braucht mit einer Art Führerscheinprüfung und trotz politischer Unterstützung seine Zeit. Was der Film ebenso vermittelt wie die schweißtreibenden Techniken der Feuerbekämpfung.

Im langsamen Aufbau bekommt der Neuling Brandon „Donut" McDonough (Miles Teller) ein Chance. Obwohl der wenig fitte Typ mit seinen Vorstrafen kaum geeignet scheint, hat Boss Marsh seine Gründe für diese Entscheidung. Man erfährt sie erst viel später. Der Ausbildung wird ausführlich und tatsächlich informativ gefolgt, ohne dass es langweilt. Die Kameradschaft bleibt nicht oberflächlich und geht ohne viele Worte in die Tiefen von Abhängigkeiten und Süchten. Aber bevor das Gequengel, dass die Männer zu lange von zuhause weg sind, überhand nimmt, bedroht ein Feuer den Heimatort der Truppe.

Nein, „No way out" ist kein Actionfilm. Hier sind mehr Menschen als Helden im Einsatz, wie Erics nervöses Bangen um die offizielle Bewertung eines eigensinnigen aber erfolgreichen Einsatzes zeigt. Nicht nur die Entwicklung von Neuling Brandon ist packend, auch Marshs Frau Amanda (Jennifer Connelly), die sich um verletzte Pferde (und auch Männer) kümmert. Für andere Filme wäre sie eine bangende und schluchzende Randfigur, hier - in diesem hauptsächlichen Männerfilm - steht sie eindrucksvoll ihre Frau. Denn das notwendige Maß an Selbständigkeit, das die Angehörigen der dauernd in Lebensgefahr abwesenden Helden aufbringen müssen, ist gut ausgearbeitetes Thema.

Nach den zwei Action-Filmen „Oblivion" (2012) und „Tron: Legacy" (2010, auch mit Jeff Bridges) überrascht Regisseur Joseph Kosinski hier mit einem gut geschriebenen, hervorragend gespielten, gekonnt inszenierten und exzellent fotografierten Werk. Kameramann Claudio Miranda zeigt erstaunlich schöne Bilder von brennend fliehenden Tieren, die auch mal still nicht der Überwältigungs-Dramaturgie folgen. Die mit stimmigen Figuren perfekt abgesicherte, äußerst sorgfältige Steigerung wird dann am tragischen Schluss noch richtig spannend. Mit einem unglaublich heftigen Finale, das auch einen schlechteren Film sehr sehenswert gemacht hätte.

Eleanor & Colette

BRD, Belgien 2017 (55 Steps) Regie: Bille August mit Helena Bonham Carter, Hilary Swank 115 Min. FSK ab 12

Die wahre Geschichte von Eleanor Riese empfängt einem mit cineastischen Schlägen in die Magengrube, die den Horror einer Psychiatrie körperlich mitempfinden lässt, welche Patienten medikamentös ruhig stellt und sie dann sich selbst überlässt. Eleanor (Helena Bonham Carter) hat sich wegen paranoider Schizophrenie einweisen lassen. Doch als ihre Ärzte sie gegen Eleanors Willen ruhig spritzen, ruft die Patientin die Anwältin Colette Hughes (Hilary Swank) an. 1989 ereignete sich dieser Streit vor den höchsten Bundesgerichten der USA, der über das Schicksal von über 150.000 Patienten der Psychiatrie entschied. Wie der Film sehr oft betont!

Eleanor ist mit ihren sehr rundlich in sackigen Klamotten und mit Hüftproblemen nicht die übliche Strahle-Heldin eines solchen historischen Gerichtsfilms. Diese Frau ist eine schwer erträgliche Klientin, meckert erst einmal über die Frisur von Colette, die sie bald aus der Psychiatrie rausholen wird. Doch mehr als der Fall erfordert die Klientin enorme Geduld. Eleanor hört kaum eine Minute zu, macht dauernd unerwartete Dinge und findet, dass richtige Kleid zu kaufen, sei wichtiger als eine Vorbereitung der Gerichtsverhandlung. Das ist auch beim Zusehen anstrengend, was zeigt, wie gut Bonham Carter spielt. Sie macht eindringlich klar, wie furchtbar die Nebenwirkungen der Medikamente sind.

Wie der deutsche Titel betont, geht es weniger um ein nicht sehr spannend inszeniertes Gerichtsverfahren. „Eleanor & Colette" konzentriert sich auf Eleanor und Colette. Die gestresste Anwältin muss das Vertrauen der egozentrischen Frau gewinnen. Wird aber auch gezwungen, sich für scheinbar sinnlose Dinge Zeit zu nehmen. Sinnloses wie das gesteigerte Interesse am Mitmenschen. Das ist sehr gut gespielt und lehrreich, doch die Figuren bleiben letztlich eindimensional in Funktion einer planmäßig bewegenden Geschichte.

„Eleanor & Colette" wirkt wie ein Nebenjob für Bille August, der sowieso mit letzten Filmen wie „Nachtzug nach Lissabon" (2012) oder „Goodbye Bafana" (2007) nicht mehr die Intensität seiner Erfolge „Fräulein Smillas Gespür für Schnee" (1996), „Das Geisterhaus" (1993) und „Die besten Absichten" (1992) erreichte.

Meister der Träume

Frankreich, BRD 2017 (Le Prince de Nothingwood) Regie: Sonia Kronlund 85 Min.

Der „afghanische Steven Spielberg" drehte trotz Besatzung, Taliban und Bürgerkrieg in den letzten 30 Jahren über 100 Low Budget-Filme im Bollywood-Stil. Dieses sehr kenntnisreiche und einfühlsame Porträt eines charmant eitlen Film-Fanaten ist gekonnt verwoben mit der Geschichte des geschundenen Landes: Was ist das für ein Mensch, der mitten im afghanischen Bürgerkrieg Filme dreht und, nachdem bei einem Raketenangriff zehn Crew-Mitglieder sterben, noch weiter filmt? Die Verknüpfung eines von Besetzung und Krieg geschundenen Landes mit dem Leben eines fanatischen Filmemachers ist die Geschichte der Dokumentation „Meister der Träume".

Der 1964 in einem zum Westen geöffneten Afghanistan geborene Salim Shaheen gilt als der afghanische Steven Spielberg, wobei Ed Wood passender wäre. Er ist gleichzeitig Schauspieler, Produzent, Regisseur und Held. Es sind einfach gemachte Genre-Geschichten mit übersichtlicher Story, die ein großes Publikum finden. Das Staunen mit offenem Mund der jungen Männer beim Zuschauen im improvisierten Kino belegt dies. Es gibt Prügel im Bud Spencer-Stil, dazu Musik- und Tanzeinlagen wie beim Bollywood-Kino. Im Gegensatz zum dortigen Überfluss fehlt es in seinem „Nothingwood", so sagt Salim Shaheen selbst, an allem.

Salim Shaheen inszeniert sich bei einer Autopanne als Macher und Anpacker, was sich denn auch mit einer passenden Filmszene von ihm doppelt lässt. Auch zur seiner Biografie mit früher Filmbegeisterung und verbotenen Kinobesuchen gibt es - fast wie bei Woody Allen - eigenes Spielfilmmaterial zum Bebildern. Seine Karriere begann als Soldat und Künstler für die sowjetischen Besatzer. Trotz Bürgerkrieg, Taliban und der Bürde der Traditionen drehte Shaheen immer weiter.

Die französische Regisseurin Sonia Kronlund hat seit dem Jahr 2000 - damals noch unter der Herrschaft der Taliban - viele Fernseh- und Radioberichte in Afghanistan gemacht und war fünfzehn Mal im Land. Dieses Porträt könnte sich als Kuriosität schnell erschöpfen. Doch wenn Shaheens Freunde, Fans, und Darsteller - in Personalunion - davon erzählen, wie nach einem Raketenangriff mit zehn Toten weiter gedreht wurde, drängen sich die erschütternden Realitäten dieses Landes in Bilder, die sich die Überlebenden unter Tränen zusammen mit der Regisseurin anschauen. Shaheen drehte auch während des Bürgerkriegs weiter. Er kommandierte eine lokale Miliz und ließ gleichzeitig seine Soldaten als Statisten auftreten. „Ich war ein Künstler-Kommandant, kein Killer."

Kronlund erlaubt sich, das reiche und packende Material ohne typische Dramaturgie, etwa mit irgendeiner Katastrophe vor dem Schluss zu montieren. Eine mit viel Kenntnis Afghanistans entstandene Dokumentation, die sehr geschickt die Porträts von Land und Filmemacher verbindet.

Sherlock Gnomes

Großbritannien, USA 2018 Regie: John Stevenson 87 Min. FSK ab 0

Mit „Gnomeo und Julia" kam vor sieben Jahren noch mal ein bunter Tupfer auf die unüberschaubare Palette industrieller Zeichentrickfilme für Kinder: Die knuffig bunten Animationsfiguren waren nicht nur niedlich, sondern auch mal deftig und unverschämt. Sie fielen aus der Rolle und machten dabei auch vielen Erwachsenen (Kritikern) Freude. Für die Fortsetzung wurden die Rollen neu verteilt und alle halten sich viel zu brav an das Vorbild einer Sherlock Holmes-Geschichte.

Nachdem die in Teil eins zerstrittenen Gartenzwerg-Clans zusammen nach London gezogen sind und das vereinigte Paar Gnomeo und Julia die Einrichtung des neuen Zuhauses übernimmt, verschwinden in der ganzen Stadt alle Artgenossen. Ein kleiner Sherlock tritt in Konkurrenz von Cumberbatch und Downing Jr. als Retter des tönernen Rasen-Mobiliars auf. Die detektivistische Handlung schleppt sich allerdings mit dem Ballast von Beziehungsproblemen bei den Paaren Gnomeo/Julia und Sherlock/Watson dahin. So wird „Sherlock Gnomes" zum rastlosen Abenteuer, dem man gerne folgen würde, wenn mehr Humor am Wegesrande läge. Das ist aber falsch kombiniert. Dass Regisseur John Stevenson den ersten „Kung Fu Panda" realisiert hat, kann man hier kaum glauben. Nett sind nur Sherlocks in Schwarz-Weiß animierte Gedankengänge im Escher-Stil und die Popsongs von Elton John, der auch einen Produzenten gibt. Moriarty wirkt als Werbefigur in Form eines fast nackigen Bäckerei-Babies schön absurd, witzige chinesische Winkekatzen machen mehr Spaß als die Hauptfiguren. Irgendwas sieht zwar immer wieder mal schräg aus, aber auf Dauer ist „Sherlock Gnomes" eine erstaunliche unoriginelle Detektiv-Geschichte.

25.4.18

Avengers: Infinity War

USA 2018 Regie: Anthony Russo, Joe Russo, mit Robert Downey Jr., Josh Brolin, Chris Evans, Scarlett Johansson, 156 Min.

Die Fortsetzung von „Avengers Age of Ultron" (2015) braucht wieder mal vereinte Kräfte gegen einen ganz ganz bösen Bösewicht und wird letztendlich nicht nur die Erde, sondern auch noch das Universum ... nicht retten können. Das muss dann die nächste Fortsetzung erledigen. Irgendwann in hoffentlich nicht zu ferner Zukunft, werden sich die Menschheit oder eine intelligentere Spezies kaputt lachen, wie aus platten Marvel Comic-Heftchen mit minimaler Bedeutung derart aufgeblasene (Geschäfts-) Konzepte entstehen konnten. Dieses völlig überzogene Sammelsurium, dies unglaublich unverschämte Durcheinander ist ein Kandidat für „Schlefaz" (Schlechtester Film aller Zeiten) auf Tele 5.

Die Regisseurs-Brüder Anthony und Joe Russo durften bereits bei „The Return of the First Avenger" und „The First Avenger: Civil War" mit Action-Figürchen Millionen und viel Zeit verschwenden. Nun versucht man mit möglichst vielen Comic-Pappkameraden und überbezahlten Stunt-Darstellern ins Guinnessbuch der Rekorde zu kommen: Robert Downey Jr. kehrt zurück in seiner legendären Rolle als Tony Stark/Iron Man und kämpft erneut Seite an Seite mit Chris Hemsworth als Thor, Mark Ruffalo als Bruce Banner/Hulk, Chris Evans als Steve Rogers/Captain America, Scarlett Johansson als Black Widow und Jeremy Renner als Hawkeye. Unterstützung erhalten sie von Tom Holland als Peter Parker/Spider-Man, Paul Rudd als Ant-Man, Chadwick Boseman als Black Panther und Paul Bettany als Vision sowie Anthony Mackie als Falcon, Don Cheadle als James Rhodes und Elizabeth Olsen als Scarlet Witch.... Klingt total spannend, oder? Und ist nicht mal die Hälfte der Figuren.

Ähnlich ermüdend ist es auch, fast drei Stunden Hochglanz-Prügeleien dieser Männer und Frauen in Strumpfhosen und anderen Karnevals-Klamottenresten zuzusehen. Dieses Konzept des Overkills an allzu Bekanntem und Bekannten nennen die Produzenten tatsächlich „Meilenstein im Marvel Cinematic Universe". Und wirklich glaubt zur Zeit halb Hollywood, wenn man alles, was man hat, in einen Sack schmeißt und kräftig durchschüttelt, wäre das ein Film! Da haben super viele Leute super Visionen, mit denen man super schnell zum Arzt sollte. Oder sie wissen, dass super viele Zuschauer da sowieso reinrennen werden.

„Avengers: Infinity War" beginnt kurz spannend mit einer alten Brüder-Geschichte aus der nordirischen Mythologie. Dann stirbt Loki mal wieder und nach wenigen Minuten kloppt man sich. Wie überhaupt diese Schnitzeljagd nach sechs Infinity-Steinen zu einer unendlichen Folge von Prügeleien gerät. Bis zur Massenschlachterei mit Ork-Kopien. Die letzte, völlig unnötige Verlängerung um eine Stunde liefert nur noch pathetisches Getöse und noch primitivere Gemetzel, begleitet von albern hohlen Sprüchen. Dabei gelingt es nicht mal, diese eine, banale Geschichte bis zum Ende zu erzählen: Oberschurke Thanos siegt und lässt die Hälfte der Figuren verschwinden. Eigentlich eine gute Lösung für diese Überbevölkerung mit Superhelden. Aber leider muss es eine Fortsetzung geben.

Zwar wird die Langeweiler-Truppe der „Avengers" zwischendurch mit den spaßigen „Guardians of the Galaxy" aufgepeppt, aber die Haudrauf-Regisseure blieben die gleichen. Und der ach so machtgierige Thanos hat so super wenig böses Charisma, dass er in einem guten Film nicht mal als Nebenfigur überleben würde. (Wie erfrischend und gut war da doch Tilda Swinton in „Doctor Strange"!) Dieser super unübersichtliche Mix aus ganz unterschiedlichen Action-Untergenres ist nur super lang und super langweilig.