11.11.09

Rage DVD


Großbritannien 2009, Regie und Buch: Sally Potter

Ein Mord auf dem Catwalk! Man kann sich das Gekreische der Models lebhaft vorstellen. Man muss sich die Aufregung tatsächlich vorstellen, weil die ebenso feministisch wie artistisch avancierte Regisseurin Sally Potter mit „Rage“ einen außergewöhnlich spannenden Film inszeniert hat: Vor der Kamera des immer mehr umworbenen Regisseurs und Bloggers Michelangelo geben die Beteiligten an einer Modenshow, die mehrmals dramatisch schief geht, ihre Kommentare ab und entblößen sich im Laufe des Films. Das gelingt Potter mit einem exquisiten Cast. Grandios etwa ein kaum erkennbarer Jude Law als Model und Transvestit Minx. Oder Steve Buscemi als zynischer Kriegsfotograf, der auch in der Modebranche ganz gut zurecht kommt. Dazu Judi Dench, John Leguizamo, Dianne Wiest. Sie alle geben ungeschnittene Einzelinterviews vor monochromen Hintergründen verschiedener Farben. Das Drama kommt nur als Quietschen und Schreien aus dem Off. Wie beim Theater. Aber trotz dieser scheinbaren Einschränkung kommen packende Porträts zum Vorschein und eine andere Sicht auf die Mode-Szene als in Altmans „Pret-a-porter“.

Abseits von diesen offensichtlichen Besonderheiten ist auch „Rage“ ein sehr kluger Potter-Film: Filmgeschichtlich konnte man bei allen Marketing-Versuchen zum Parfüm „M“ die Variante „M is for Murder“ früh riechen. (Und hieß nicht auch die Bond-Rolle von Judi Dench „M“?) Es geht um Kunst und Kommerz, egozentrische Gestalten in der Kunstszene, um die Magersucht der Modells, die Ausbeutung der Näherinnen in der Dritten Welt für exklusive Markennamen und neben vielem anderen auch um die Konflikte mit Menschen aus dem Nahen Osten.

Neben der unbedingt auszuwählenden Originalversion bieten die DVD-Boni nicht viel.

Übergeschnappt


Niederlande, Belgien 2005 (Knetter) Regie: Martin Koolhoven mit Jesse Rinsma, Tom van Kessel, Carice van Houten 81 Min. FSK: ab 6

So klug, wie die neunjährige Bonnie mit ihrer manisch-depressiven Mutter umgeht, geht auch dieser gleichzeitig leichte und reife Film mit der außergewöhnlichen Situation um. Nach dem Tod der Oma muss Bonnie alleine mit den Höhen und Tiefen von Mamas Psyche zurechtkommen. Der Niederländer Martin Koolhoven macht daraus - nach seiner eher flachen Multikulti-Komödie „Schnitzelparadies“ (2005) und „Suzy Q“ (1999) - ein auch oft leichtes und fröhliches Meisterwerk der Emotionen. Bonnie ist so etwas wie eine holländische Pippi Langstrumpf in diesem ebenso für Kinder wie Erwachsene sehenswerten Film.

10.11.09

Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte


USA 2009 (Capitalism: A Love Story) Regie: Michael Moore 120 Min.

Nie war er so wertvoll wie heute! Aber leider etwas zu spät für die deutschen Wahlen: Michael Moore spricht nicht nur offensichtliche Wahrheiten zur Weltwirtschaftskrise aus, er führt sogar Politiker beider amerikanischer Parteien als Zeugen eines gigantischen Betruges an der Bevölkerung an. Dass dieser Moore noch „Bowling for Columbine“, „Fahrenheit 9/11“ und „Sicko“ wieder etwas schwächer ist, kümmert angesichts des ungeheuerlichen Milliarden-Schwindels kaum mehr.

Vor zwanzig Jahren prognostizierte Michael Moore in seiner Dokumentation „Roger & Me”, dass es bald überall in den USA so aussehen würde, wie in seiner Heimatstadt Flint, wo der Niedergang von General Motors städtebaulich, sozial und menschlich katastrophale Folgen hatte. Moore wurde ein bekannter Filmemacher, gewann mit „Fahrenheit 9/11“ 2004 die Goldene Palme und behielt Recht. Zur Zeit schmeißen die Regierungen den Autobauern in unvorstellbarer Weise Geld hinterher und niemand rechnet mal nach, wie viele Autos man für das Geld verschenken könnte.

„Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte“ ist eine neue Abrechnung mit dem Amerika der unbegrenzten Ausbeutungsmöglichkeiten. Moores „Kapital“ besteht aus dem tränenreichen Leiden der enteigneten Hausbesitzer, die von den gierigen Banken schamlos reingelegt wurden. Extreme Gewinne einiger Weniger stehen flächendeckend private Pleiten gegenüber. Der Film erzählt von Piloten, die einen zweiten Job annehmen müssen, um genug zu essen zu haben. Und er schockt mit Lebensversicherungen, die große Firmen wie Wal Mart als Wetten auf das Ableben ihrer Mitarbeiter abschließen, um im „Erfolgsfalle“ Millionen für sich zu kassieren. Der größte Betrug ist allerdings die Kreditkrise, die nur dazu aufgebauscht wurde, damit nach Jahrzehnten Bereicherung der Reichen kurz vor dem Ende der Bush-Regierung die Banken noch einmal Milliarden einsacken konnten. Dabei wurde der Bock zum Gärtner gemacht, also der Ex-Boss von Goldman-Sachs zum Finanzminister.
 
Wie immer argumentiert Moore grob verkürzend und manchmal holperig. Mit Kirchenstimmen und Jesus als Zeugen, macht er klar: Kapitalismus ist Sünde. Moore wollte als Kind Priester werden, und nun ist er es irgendwie. Seine Filme werden nicht besser und auch nicht witziger. Die alte satirische Klasse zeigt er nur zu Beginn, wenn er Sandalenfilme vom Untergang Roms mit der repräsentativen Architektur Washingtons verknüpft. Aber genauso wenig, wie Moore die Montage-Techniken Eisensteins wirklich beherrscht, argumentiert er mit der Schärfe von Marx. Viele US-Bürger finden Moores übersichtliche Propaganda für die Arbeiter deswegen klasse. Wir in Deutschland kennen besseren Enthüllungsjournalismus aus Zeiten, als Politmagazine im Fernsehen noch ihrem Namen Ehre machten.

Doch trotz allem trifft Moore den wunden Punkt und rührt mit einer (naiven) Vision besserer Zustände. 1936 schützte Roosevelts Militär streikende Arbeiter in Flint vor Polizei und Schlägertrupps. Der Präsident schlug eine neue Verfassung vor, die das Recht auf Arbeit, auf ein Dach über dem Kopf, auf Mindestlöhne, Gesundheitsversorgung und Altersfürsorge enthielt. Kurz darauf starb er. Und mit ihm eine Hoffnung, die Moore neu entfachen will. Aber weder Film noch Krise scheinen Wirkung zu zeigen: Die Steuerzahler bezahlen die Rechnung noch Jahrzehnte lang, während die unverschämt Reichen schon wieder zocken.

Love Happens


USA, Kanada 2009 (Love Happens) Regie: Brandon Camp mit Aaron Eckhart, Jennifer Aniston, Martin Sheen 109 Min.

Er ist gut, er ist echt gut: Burke Ryan (Aaron Eckhart) bringt selbst den verbitterten, groben Kerl Walter dazu, sich mit seiner Trauer auseinanderzusetzen. Walters Sohn starb vor einigen Jahren. Burke schrieb einen Bestseller in Sachen Trauerbewältigung und Weiterleben. So begeistert der Autor und Gastredner auf Workshops hunderte Hinterbliebene. Aber er kann sich selbst nicht überzeugen. Die Trauer um seine Frau, die neben ihm bei einem Autounfall starb, kann der öffentlich strahlende Star nur heimlich im Wodka ertränken. Da wird sein Motto zum Hohn: Wenn dir das Leben Zitronen serviert, kannst du sauer werden oder Limonade machen. Burke macht Wodka Lemon draus. Bis er bei einem Auftritt in Seattle - dem lange gemiedenen Wohnort seiner Schwiegereltern - auf die mysteriöse Blumenhändlerin Eloise (Jennifer Aniston) trifft. Nach Anlaufschwierigkeiten flirten die beiden recht nett miteinander und haben ein paar romantische Momente. Doch immer deutlicher wird, dass Burke sich seiner Trauer stellen muss.

Das Gesamtpaket dieser Romantischen Komödie ist so anständig gemacht, dass Aniston darin fast funktioniert. „Love Happens“ baut romantische Momente um das Paar, Eloise bekommt einen Anstricht von Poesie und eine Tätigkeit, die sie mit Sinnlichkeit und Sensibilität erfüllt. Dazu nette Songs. Aber Jennifer Aniston erweist sich wieder als rollen-resistent, sie bleibt mit großen Augen und ihrer starren Mimik immer die einst erfolgreiche TV-Schauspielerin. So ist die Kleinigkeit bemerkenswert, dass Aniston endlich hinter dem Hauptdarsteller erst an zweiter Stelle geführt wird. Aaron Eckhart gibt routiniert den Typ im Anzug, der locker und ehrlich werden muss. Martin Sheen läuft (hier als Schwiegervater) zu ganz großer Form auf - mit Kurzauftritten in entscheidenden Nebenrollen belangloser Filmchen wie auch zuletzt Eddie Murphys „Zuhause ist der Zauber los“. Liebe oder große Romantik bricht bei all dem allerdings nicht aus.

2012


USA, Kanada 2009 (2012) Regie: Roland Emmerich mit John Cusack, Woody Harrelson, Thandie Newton, Amanda Peet, Oliver Platt, Danny Glover 158 Min.

Kaiser Nero hatte den falschen Job. Nur weil er ein - noch recht übersichtliches - Rom in Flammen sehen wollte, bekommt er Jahrhunderte lang schlechte Kritiken. Roland Emmerich hat einen coolen Job. Was Gott mühsam in sechs Tagen geschaffen hat, demoliert er in zweieinhalb Stunden detailverliebt und gründlich. Der Entwurf für eine neue Erde dauert bei Emmerich lächerliche fünf Minuten. Und der deutsche Regisseur, Autor und Produzent wird exzellente Kritiken bekommen. Nur wird der Ruhm nicht Jahrhunderte halten.

Die Zahl 2012 hat nichts mit dem Auslauftermin für die Erde gemäß Maya-Kalender zu tun - der wurde kürzlich auf 2220 aktualisiert. 2012 ist exakt die Zahl der Katastrophen-Filme, die in diesem gigantischen Katastrophen-Overkill unter die Räder kommen. Und es macht höllisch Spaß, die Erde auseinanderfallen zu sehen

In Emmerichs Zerstörungs-Orgie zerlegt die digitale Technik mit Lust und tausenden Spezial-Effekten bekannte Gebäude und Symbole: Das Weiße Haus, der Peterdom mit seinen Kunstschätzen in der Sixtinischen Kapelle. Ein Riss geht bedeutungsschwanger durch Michelangelos „Die Erschaffung Adams“ genau zwischen den ausgestreckten Fingern Adams und Gottes. Will uns das was sagen? Nee, es sieht nur gut aus. Überhaupt geht hier ein Riss durch alles, vor allem quer durch Kalifornien und taucht immer dort auf, wo der Chauffeur Jackson Curtis (John Cusack) gerade mit seiner Familie fliehen will. Dabei prasseln von oben Wolkenkratzer herunter, während ein paar Kilometer tiefer Lavaströme sichtbar werden. Und wenn man sich beim Postermotiv fragt, wie hoch die Wellen denn sein müssen, damit sie ein tibetanisches Kloster im Himalaya hinwegspülen - das ist noch nicht der Höhepunkt. Der wird geschrammt, wenn im neuen Schifffahrtsverkehr, der Mount Everest ein Hindernis ist. „2012“ ist vor allem atemberaubend gigantisch und dabei witzig.

Handlung? Ach so ja: Die macht so sehr auf Katastrophen-Film-Routine, dass man sie zum Glück nicht ernst nehmen kann. Der geschiedene Jackson Curtis rettet zu Wasser, zu Lande und in der Luft seine beiden Kinder und die Ex, bis im großen Titanic-Romantik-Moment wieder alles gut ist. Zum Spaß an „2012“ gehört auch, dass der neue Held John Cusack nicht wie Bruce Willis im Unterhemd die Welt oder zumindest die amerikanische Menschheit rettet. Cusack behält bis zuletzt seinen Anzug und auch noch die Krawatte an. Auch ansonsten ist alles so haarsträubend unmöglich, dass es wieder gut ist. Während sich die Erde ziemlich rasant auflöst und nur die Superreichen eine Rettung erhoffen, sorgen Nebenfiguren für Ablenkung, die wissen, dass sie kein Ticket für das Finale haben und bei kurzen Auftritten alles geben müssen.

Es ist grandios, wie Emmerich die Mutter aller Katastrophen-Filme inszeniert: Untergang der Titanic? Machen wir in 90 Sekunden besser. „Twister“? War ein laues Windchen. Pierce Brosnans Vulkanausbruch „Dantes Peak“ erschüttert niemanden mehr, wenn man nun Woody Harrelson auf Lava trippen sieht. Emmerich multipliziert die Meteoriten-Einschläge von „Deep Impact“ massenhaft. Wie beim „World Trade Center“ purzeln die Steine der Hochhäuser und sogar seinen „Godzilla“ bekommt der Weltuntergangs-Spezialist unter.

„2012“ hebt völlig ab, in jeder Dimension. Endlos rast man vor Erdbeben, die ganze Staaten verschlingen, davon, indem man nur kräftig genug Gas gibt und der Tochter sagt, schau nicht nach hinten. Auch eine gigantische Vulkanexplosion kann man bestaunen, sich dann umdrehen und ganz ganz schnell weglaufen. Dieser Film ist ebenso hirn- wie Erdkrusten-rissig, und atemberaubend guter Action-Stoff. Ernst nehmen braucht man ziemlich schnell gar nichts mehr, selbst Familien-Geschichte und Appell an die Menschlichkeit sind nur schnell angeheftete Feigenblätter für den Spaß, gleich den ganzen Erdball zu demolieren. So circa 4 Milliarden Menschen sterben, man sieht gerade mal einen halben Liter Blut und alles wird gut, wenn eine Familie überlebt und wieder zusammen kommt.

Auffällig ist bei „2012“ die deutschsprachige Seilschaft, die mit Emmerich zusammenarbeitet: Special Effekts-Spezialist Volker Engel, 1965 in Bremerhaven geboren, kommt zu Produzenten-Ehren, er machte schon die Tricks bei „Godzilla“, „Independence Day“, „Universal Soldier“ und bereits 1990 bei „Moon 44“. Ko-Autor Harald Kloser, 1956 im Vorarlberg geboren, war bislang als Komponist fürs deutsche Fernsehen und für internationale Produktionen aktiv.

3.11.09

All Inclusive


USA, 2009 (Couples Retreat) Regie: Peter Billingsley mit Vince Vaughn, Jason Bateman, Faizon Love, Jon Favreau 114 Min. FSK: ab 6

Ein Paar steht kurz vor dem Ende seiner Beziehung und will es noch ein letztes Mal versuchen - mit Paartherapie in einem karibischen Traumressort. Nun sind die Plätze dort ausgebucht, nur ein Billig-Paket für gleich vier Paare wäre noch zu haben. Deshalb müssen auch die Freunde mit ihren Beziehungen und Problemen ran. Widerwillig und herbeigezwungen wirken dementsprechend die vier Paare, die statt Strandvergnügen früh am Morgen Therapie-Sitzungen und -Spielchen mitmachen müssen. Man sollte immer das Kleingedruckte lesen!

Bei all den unglaubwürdigen Geschichten wirkt eine Lösung noch halbwegs sinnvoll: Eines der  Paare stellt fest, dass es gar keine therapie-würdigen Probleme hat - sie leben einfach mit allen Höhen und Tiefen. Dieser Film sollte sich allerdings dringend behandeln lassen. Vor allem bei einem Script-Doktor. Die karibischen Schauwerte und ein paar bekannte Schauspieler täuschen über die Unsinnigkeit des ganzen Unterfangens hinweg. Das Gruppen-Projekt (einige sichtbar nicht ausgelastete Darsteller betätigten sich teilweise auch als Autoren und Produzenten) liefert weder Erkenntnisse oder emotionale Regungen, noch funktioniert es als Komödie. Selbst Jean Reno als Monsieur Marcel ist nie komisch. Dagegen hätte man von den einzelnen Therapeuten-Spielern, welche die Chance ihrer kleinen Rollen nutzen wollten, gerne mehr gesehen.

Das Paar-Ressort nennt sich übrigens „Eden“. So hieß auch die Waldhütte in Lars von Triers „Antichrist“ und vor die Wahl gestellt zwischen dessen Horror und diesem Humor bereitet von Trier weniger Qualen und Schmerzen.

Der Informant!


USA 2009 (The Informant!) Regie: Steven Soderbergh mit Matt Damon, Melanie Lynskey, Scott Bakula, Joel McHale 108 Min. FSK: ab 12

Matt Damon in einem Geflecht aus Spionage, Wirtschaftskrimi und Millionen-Betrügereien. Hier sollte jetzt hochspannende Musik kommen, aber etwas Kaufhaus-Gedudel tut es auch. Matt Damon also in der Rolle des Biochemikers und Vizepräsident eines Lebensmittelkonzerns Mark Whitacre. Marks Vorbild ist Tom Cruise, der Crichton-Thriller „Die Firma“ ist scheinbar sein Lieblingsfilm. Was geht in so einem Mastermind vor, mit welchen scharfen Gedanken löst sich der Familienvater Mark Whitacre, der fünf Luxuswagen in der Garage hat, aus einer kniffligen Situation? Er denkt darüber nach, weshalb Eisbären wissen, dass ihre schwarze Nase im Schnee ziemlich verräterisch ist! Und vieles andere mehr, was so belanglos ist, dass man es sofort wieder vergisst. Nur ein Steven Soderbergh bringt es fertig, mit Kaufhausmusik und einem Off-Kommentar aus Banalitäten einen äußerst reizvollen Film zu machen.

Matt Damon gibt unter der Meister-Regie von Soderbergh als „The Informant!“ den leitenden Angestellten und Chemiker Mark Whitacre, der gerade Probleme mit der Lysin-Produktion hat. Irgendwas klappt nicht und das kostet bei einem führenden Unternehmen wie ADM direkt ein paar Millionen. Plötzlich kann Whitacre einem der Firmenbosse einen japanischen Sabotage-Plan als Grund für die Probleme vorlegen. Das FBI wird eingeschaltet, erhält aber direkt von Whitacre Informationen über gigantische Preisabsprachen der Lebensmittelkonzerne. Dass er damit verdecken will, wie er selbst viele Millionen beiseite schaffte, ist nur ein Teil des Lügenkonstrukts dieser faszinierenden Figur. Mit vielen karikierenden Details in Maske, Musik und Kleidung lässt Soderbergh seine Lügen-Komödie perfekt wie ein Uhrwerk ablaufen.

Unglaublich, aber wahr: Diesen Marc Whitacre gab es wirklich. Seine Betrugskarriere begann mit ein paar Hunderttausend und endete bei über 11 Millionen, die er beiseite schaffte. Ob dies die endgültige Wahrheit ist, weiß nur einer. Whitacre, dessen Verfahren insgesamt 45 Anklagepunkte aufführte, steht im Zentrum von Soderberghs Komödie oder Tragödie eines notorischen Lügners. Pummelig, mit Schnauzbart, einer riesigen Brille, der Frisur aus letztem Jahrtausend gibt er sich beim FBI den Codenamen 0014 - doppelt so schlau wie 007. Er versieht die heimlichen Tonband-Aufnahmen mit begeisterten Erklärungen, Als dann auch eine Kamera die konspirativen Treffen der Lebensmittel-Konzerne aufnimmt, liefern Soderbergh und Damon grandiosen Slapstick ab. Die flockige Harmlosigkeit schlägt sich auch in der Musik nieder, die es an Leichtigkeit mit Werbe-Melodien oder Aufzugs-Klassikern aufnehmen kann und wie immer bei Soderbergh einen großartigen Soundtrack abliefert. Hier teilen sich Figur, Film und Regisseur die Attribute unvergleichlich und einzigartig!

Looking for Eric


Großbritannien, Frankreich, Italien, Belgien, Spanien 2009 (Looking for Eric) Regie: Ken Loach mit Steve Evets, Eric Cantona, Stephanie Bishop, Gerard Kearns, Stefan Gumbs 117 Min. FSK: ab 12

Der britische Film- und Sozialkämpfer Ken Loach, der für den irischen Bürgerkriegsfilm „The Wind that shakes the Barley“ 2006 die Goldene Palme gewann, gönnt uns zu seinen vertrauten Themen aus dem britischen Arbeitermilieu mit seiner schönen Komödie „Looking for Eric“ viel Lachen und ein Happy End. Das Leben des Postboten Eric Bishop (Steve Evets) bricht zusammen, als er seine alte Liebe Lily wiedersehen muss. Stiefsohn Ryan droht unter die Kontrolle eines psychopathischen Gangsters zu geraten, der jüngere Stiefsohn zieht sich Besorgnis erweckend zurück. Die Post stapelt sich im Wohnzimmer Erics und Glück kennt sein Leben schon lange nicht mehr. Als Eric jedoch einen Joint seines Stiefsohnes raucht, erscheint ihm sein großes Idol, der Fußballer Eric Cantona. „Erscheinen“ ist vielleicht nicht das richtige Wort, denn der Star von Manchester United tritt einfach aus dem Riesenposter heraus, das bei Manu-Fan Eric im Zimmer hängt.

Von nun an begleitet der große Eric Cantona den kleinen Eric Bishop - wobei nur er allein den bärtigen Fußball-Helden sieht. Dessen Ratschläge klingen nicht nur wegen der Übersetzungen aus Cantonas Muttersprache Französisch etwas abstrus: „Wenn die Möwen einem Fischerboot folgen, liegt das daran, weil sie denken, Sardinen würden in den Ozean geworfen.“ Trotzdem bringt dieser Berater den verzweifelten Eric dazu, wie einst er auf dem Fußball-Platz, auch im Leben etwas zu wagen, neue Wege zu gehen und sich selber immer wieder zu überraschen. Der virtuelle Freund ändert das Leben des Postboten Eric nachhaltig. In einer großen sozialistischen Solidaritätsszene - wir sind immer noch bei Ken Loach - besiegen drei Fanbusse mit Postboten, die alle Cantona-Masken tragen, selbst den brutalen Gangster.

Mit dem französischen Fußball-Star und ehemaligen Manchester United-Spieler Eric Cantona lässt der Film einen Star auflaufen, der nicht aus der Kinowelt kommt. Eine clevere Besetzung von Ken Loach, denn noch nie wurde ein Film von Ken Loach mit so vielen Kopien ins Kino gebracht, wie „Looking for Eric“. Cantona, der schon in einigen Filmen mitmachte, hat sichtlichen Spaß am neuen Spiel. Eher bedächtig äußert er sich mit Sachverstand zum Filmen und dem Leben an sich. Wer bei ihm auf die üblichen Fußballer-Dummsprüche wartet, ist auf dem falschen Platz. Drehbuch-Autor und Fußball-Fan Paul Laverty weiß, dass Fußball und Film einer unterschiedlichen Dramatik unterliegen. Fußball hat einen anderen Rhythmus und lebt vom Unvorhersehbaren, wie beim Last Minute-Sieg von Manu gegen die Bayern im Champions League-Finale. Zusammen gelang der Dreier-Spitze Loach-Cantona-Laverty ein überzeugender Spaß, der einen plötzlich wieder an den Erfolg des Sozialismus glauben lässt.

Eine Perle Ewigkeit


Spanien, Peru 2008 (La teta asustada) Regie: Claudia Llosa mit Magaly Solier, Susi Sànchez, Efraín Solís, Marino Ballón, Delci Heredia 94 Min.

Der Berlinale-Sieger dieses Jahres kommt aus Peru und betört mit einer stillen Poesie, die aus kargem Realismus erwächst. „Eine Perle Ewigkeit“ begeistert mit unverbrauchten Bildern sowie einer sozial harten Geschichte mit magisch-realistischen Einsprengseln.

Die verstört und verängstigt wirkende Fausta (eindrucksvoll: Magaly Solier) lebt mit Verwandten in einer einfachen Hütte am Rande Limas. Dass Fausta Geld für das Begräbnis ihrer Mutter auftreiben muss, weil der Leichnam vor der Hochzeit der Cousine aus dem Haus sein muss und sich die Mutter ein Grab in ihrem Heimatdorf wünschte, ist ein finanzielles Problem. Aber vor allem hat Fausta Angst vor der Welt da draußen und vor den Männern. Zum Schutz vor Vergewaltigung trägt sie eine Kartoffel in der Vagina, was selbstverständlich zu gesundheitlichen Problemen führt. Llosa zeigt jedoch das regelmäßige Abschneiden der Sprossen als einen Akt, der über den banalen oder auch absurden Vorgang hinaus geht. Ebenso ist letztlich der Tauschhandel, zu dem eine berühmte Pianistin und Komponistin ihr neues Hausmädchen Fausta zwingt, in Licht gegossene Poesie: Für jedes Lied, das die scheue junge Frau vor der uninspirierten Künstlerin preis gibt, erhält sie eine Perle. Ein Stück veräußerte Seele um das Begräbnis der Mutter zu bezahlen. Dass die weiße Herrin, die Perlen gegen Lieder tauscht, aber den Vertrag nicht einhält, Nachfahrin der spanischen Eroberer sei, die Ureinwohner mit Tand betrogen, wäre grobe Geschichtsschreibung. Trotzdem: Fausta singt und spricht in Quechua, einer Sprache der Eingeborenen. Regisseurin Claudia Llosa („Madeinusa“), Nichte des Schriftstellers Vargas Llosa, erzählt mehr, differenzierter; sie lässt mitfühlen und -erleben.

Fausta leidet an einer Angst, die durch die Muttermilch übertragen wird. Es ist keine Krankheit, die durch Bakterien oder Ansteckung herbeigeführt wird. „La Teta Asustada“, bedeutet „Die verschreckte Brust“ und wird mit dem deutschen Titel „Eine Perle Ewigkeit“ weder umschrieben noch übersetzt. Die „bittere Milch“ vererben Frauen, die in Peru während der Jahre des terroristischen Kampfes misshandelt oder vergewaltigt wurden. Die im Jahre 2001 eingesetzte peruanische „Wahrheitskommission“ (Comisión de la Verdad y Reconciliación, CVR) hat für den Zeitraum von 1980 bis 2000 fast 70.000 ermordete Menschen, unzählige Vergewaltigungen, Entführungen und andere Menschenrechtsverletzungen verzeichnet. Dies sind einige Fakten, mit dem sich der ruhig erzählte, magisch-realistische Fluss der Ereignisse entschlüsseln lässt. Doch seine Kraft entfaltet er im Verband mit der sehr eindringlichen Hauptdarstellerin Magaly Solier auch so. Die Angst vor dem Foto eines Militärs wirkt an sich, vermittelt eine tiefe Traumatisierung, ohne, dass irgendwann Gewalt gezeigt wird.

28.10.09

Michael Jackson's This is it


USA 2009 (Michael Jackson's This is it) Regie: Kenny Ortega mit Michael Jackson, 111 Min.

Was nach dem Tod von Michael Jackson am 25. Juni 2009 passierte, war eine schlechte Show. Dass jetzt in Rekordzeit aus angeblich 100 Stunden Material ein Film zusammengezimmert und hektisch in die Kinos gebracht wird, machte besonders misstrauisch. Der Presse wurde das Ergebnis vorenthalten, nach zwei Wochen geht der Film wieder raus aus den Kinos und die Gerüchte verstummen nicht, dass vor Weihnachten schon eine DVD auf den Markt soll. Das hört sich alles sehr nach einem schnellen Dollar an. Doch „This is it“ ist nicht die befürchtete Rühr-Schüssel mit aufgewärmten Resten, sondern ein solider Konzertfilm, der sich ganz auf einen professionellen Künstler mit relativ wenig Klamauk konzentriert.

Der große Hype um eine neue Konzerttournee von Michael Jackson musste jeden erstaunen, der nicht ganz vom Fan-Virus befallen war. Da war ein Künstler, der wahrscheinlich mehr Drogen genommen hat, als ein erfolgreiches Tour de France-Team. Dazu sah er nach einigen Operationen schlimmer aus, als der hässlichste Zombie aus seinem Horror-Video „Thriller“(Regie: John Landis). Und keineswegs zuletzt stand der Verdacht, dass er ein Päderast ist, immer noch im Raum. Von April bis Juni 2009 probte er für seine Tournee, die im Sommer in London beginnen sollte. Dann ließen Jacksons Tod und die Begräbnis-Hysterie alles vergessen.

„This is it“ zeigt nun vor allem Aufnahmen der Proben und es ist wohltuend, Michael Jackson bei dieser Arbeit zu sehen. Zwar ist seine durchgedrehte Spielzeugwelt auch hier in Form eines riesigen Roboters zu erkennen, aber die Dokumentation verschont uns mit albernem Gehabe oder Babies aus dem Fenster schmeißen. Musikalisch ist die Auswahl der Songs ein Best Of und viele Lieder werden komplett durchgespielt. Stimmlich ist das alles manchmal roh. Man erlaubte sich, nicht alles nachzumixen und von Unsicherheiten zu bereinigen. Wobei es mit auffällig viel Gitarre in Richtung Rock abgeht.

Jacko sieht ohne Hut manchmal noch wie ein großer Junge aus und bewegt sich auch mit 50 Jahren noch wie ein Teenager. Echtes Sentiment kommt bei der Erinnerung an die Zeit der Jackson Five auf, aus der die beste Musik von Michael stammt. Erstaunlich auch die ungeschönten Einblicke in das Wesen des irgendwie auch bescheidenen Stars: Bei jedem Einwand entschuldigt er sich fast. Auch bei den Proben gab es immer Publikum, immer auch Applaus. Michael braucht die Liebe vor allem selbst. Auch wenn sie von seinen eigenen begeisterten Tänzern kommt, die schon in der ersten Minute des Films heulten.

Das überraschende Gelingen des Films ist einem anderen Künstler zu verdanken, der sich selbst oft ins Bild rückt: Kenny Ortega („High School Musical“), ein Fernseh-Regisseur, realisierte „This is it“ und war vorher auch Regisseur der Bühnenshow. Zwischendurch sieht man ebenso seine exzellenten, als Hintergrund gedachten Videos: Michael mit Rita Hayworth in „Gilda“, dann verfolgt von Humphrey Bogart, Edward G. Robinson und Mr. Smith aus „Matrix“ als Intro zu „Smooth Criminal“. Neues Material gibt es auch für „Thriller“ in 3D.

So gelang Ortega erstaunlicherweise ein unverstellter Michael Jackson. Auch die üblichen Klischees und Routinen solcher Konzertfilme halten sich sehr in Grenzen. Da aber keine deutliche Dramaturgie vorhanden ist, werden die fast zwei Stunden etwas lang. Wobei das befürchtete tränenreiche Ende entfällt. Ungeklärt bleibt die Frage, ob Jackos dauerndes Quietschen („iiiieeh“) nur von den engen Hosen kommt, oder ob noch weitere Probleme vorlagen.

Günter Wallraff: Schwarz auf Weiß


BRD 2009 (Günter Wallraff: Schwarz auf Weiß) Regie: Susanne Jäger, Pagonis Pagonakis mit Günter Wallraff, 82 Min.

Seit einer Woche ist der Dokumentarfilm des Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff nun in den deutschen Kinos enthüllt. Zeit genug, um nicht nur den Film, sondern auch die Reaktionen darauf zu betrachten. Günter Wallraff genießt wegen seiner unbestrittenen Verdienste Bestandsschutz, aber mit diesem Film tut er sich und seinem Anliegen keinen Gefallen. Zu naiv geht er vor, zu leicht lassen sich die grob provozierten Fälle von Rassismus argumentativ aushebeln.

Günter Wallraff hat als verkleideter Undercover-Journalist die Bild-Zeitung entlarvt, als Ali die Arbeitswelten „Ganz unten“ bloßgelegt und auch Einblicke in die brutalen Verhältnisse in Call-Centern gewährt. Seine mutige und engagierte Methode gegen soziale Missstände in Deutschland basiert auf der Erfahrung von Unrecht an der eigenen Haut. Um nun Rassismus gegen Schwarze zu erfahren, lässt sich Wallraff das Gesicht und die Hände schwarz anmalen, setzt sich eine Afrolook-Perücke auf und dunkle Kontaktlinsen ein. Dann reist er durch Deutschland, geht dahin, wo Rassismus, Dumpfheit und Brutalität vermutlich gehäuft anzutreffen sind. Zu den Epizentren des deutschen Wesens: Fußballplatz, Schäferhund-Verein, Kneipe und Campingplatz. Die mit versteckter Kamera aufgenommenen Reaktionen sind wie erwartet und doch erschreckend: „Geh nach Afrika. Hier war jemand zu lange auf der Sonnenbank. Deutschland ist ein weißes Land.“ Solche Sätze fallen immer wieder, die Blicke des Gegenübers - auch bei vielen braven Bürgern - sind vielsagend.

Naiv wie Michael Moore macht sich Wallraff als Somalier Kwami Ogonno, der im Goethe-Institut fünf Jahre Deutsch gelernt hat, an den Feind. Er arbeitet bei der Uhrhändlerin, welche die Golduhr krampfhaft nicht loslassen will, mit einem schwarz-weißen Vorher-Nachher-Vergleich auf dem Niveau von billigen TV-Sendungen. Zudem widerspricht er sich selbst: Wenn er mal nicht mit unzeitgemäßer Frisur und altmodischem Hemd auftritt, wenn er nicht mehr linkisch mit seiner immer präsenten Einkaufstasche herumschlackert und stattdessen einen Anzug anzieht, begegnen ihm Juweliere mit ausgesprochener Höflichkeit. Wallraff entlarvt hier auch etwas, aber es ist nicht Rassismus.

So macht es Wallraff Kritikern leicht, die sich im Relativieren bemüßigen: Ein Bayer würde auch Probleme haben, wenn er die Kölsche Geselligkeit in einer Kneipe stört. Der Aufklärer erzeugt immer wieder Situationen, die mit jeder Hautfarbe Ablehnung provozieren: Wer bei einem Bezirksamt für eine Gartenlaube vorstellig wird und zuerst von Partys und Grillen redet, wird höchstwahrscheinlich immer schräg angeschaut. Der alltägliche Rassismus, den die Kameras einfangen, kommt hier allerdings sicher hinzu. Beim Fußballspiel von Dynamo Dresden gegen Energie Cottbus wird man wahrscheinlich auch zusammengeschlagen, wenn man ein Wort mit mehr als drei Silben ausspricht oder nicht völlig dumpf durch die Gegend gröhlt. Und nicht nur bei diesem Fußballspiel.

Auch wenn die Situation meist klar ist - bei den Hundefreunden steigt der Jahresbeitrag plötzlich von 65 Euro auf 200 Euro - ist die Naivität dieses Verfahrens oft nicht hilfreich und man fragt sich, weshalb nicht ein dunkelhäutiger Journalist ohne die Maskerade echte Erfahrungen aufnimmt. Dann wäre der Film wohl nicht so prominent, wie der von Wallraff, der multimedial an den Start geht: Der Journalist berichtet über seine Erfahrungen auch im Buch und in Zeitungsartikeln. Als Ergebnis des Films bleibt auf jeden Fall ein geschärfter Blick auf Lonsdale-Träger, Glatzen und Biedermänner.

27.10.09

Zuhause ist der Zauber los


USA, BRD 2009 (Imagine That) Regie: Karey Kirkpatrick mit Eddie Murphy, Thomas Haden Church, Yara Shahidi 107 Min.

Eddie Murphy? Verkaufen, sofort verkaufen! Alle Aktien an dieser ehemaligen Goldgrube schnell loswerden! Es ist fast schon tragisch, dass der Komiker keine anständigen Rollen findet. Aber - war er früher mehr als nur quirlig und überdreht? Nun gibt Eddie Murphy in der Abteilung Familien-Unterhaltung den erfolgreichen Investment-Banker Evan Danielson. Ansonsten ist er ein schlechter Vater und lausiger Ex. Während Evan mit dem albernen Möchtegern-Indianer Johnny Whitefeather (Thomas Haden Church) um eine Beförderung kämpft, muss er gleichzeitig eine ganze Woche auf seine Tochter Olivia Danielson (Yara Shahidi) aufpassen. Wie immer führt das Kind im Büro zu vorhersehbaren Katastrophen, aber auch zu unerklärlichen Vorhersagen auf einige Aktienkurse. Evan begibt sich gezwungenermaßen mit Olivia in deren Fantasie-Welt, um neue „Insider“-Informationen zu erhalten. Da dies nur aus Eigennutz passiert, wird der hartherzige Banker im schematischen Finale über seinen Schatten springen müssen.

Ganz überhaupt nicht zauberhaft präsentiert „Zuhause ist der Zauber los“ eine konstruierte Situation, in welcher der Ernährer auch noch Alimente und den Luxus der Ex bezahlen muss, während alles getan wird, ihn arbeitslos zu machen. Weil er das verhindern will, gilt er als hartherzig und muss alle möglichen Vaterschaftsbeweise vorlegen. Die Familiengeschichte enthält wenig Realistisches und nur ein Minimum an Magie, um etwas Gefühl aus dem kalt konstruierten Produkt heraus zu pressen. Dabei entfernt sie sich nie wirklich aus der Logik des überzogenen Karrierestrebens und der Gier. Interessant nur „Wall Street“-Senior Martin Sheen als einzige Instanz der Vernunft im Affenzirkus und wie ganzen Börsen-Spekulation und die -„Informationen“, mit denen man unsere Gehirne auf allen Kanälen weichspült, als Hokuspokus oder Firlefanz bloßgestellt werden.

26.10.09

Sunshine Barry und die Discowürmer


Dänemark, BRD 2008 (Disco Ormene) Regie: Thomas Borch Nielsen 79 Min.

Mit der ureigenen Stimme eines Bernhard Grzimek werden die possierlichen kleinen Kerlchen beschrieben, die da in der Erde wühlen. Doch über eine rasante Achterbahnfahrt macht Ben klar, dass er mehr vom Leben will, als nur Erde zu durchwühlen. Ben fristet eine Ausbildung in der Kompostierbranche, nur damit die diktatorische Mama nicht wieder ihr Asthma-Spray zücken muss. Dort muss er im Büro Tag für Tag Blätter abheften, echte Blatter, so grüne. Doch als die Platte (so flach mit Rille und aus Vinyl) „Saturday Night Fever“ ist seine Hände .... äh ... als der Wurm „Saturday Night Fever“ auflegt, ist seine Ruhe hin. Mit Afro-Perücke gibt Ben den Travolta Barry und kann sein Hinterteil nicht mehr kontrollieren, Füße zum Zucken hat er ja nicht. Von nun an hat er nur noch ein Ziel, eine Band aufmachen und den großen Insekten-Rock-Wettbewerb gewinnen.

Doch die niedliche, im Stil simple Animation „Sunshine Barry und die Discowürmer“ wühlt nicht nur mit bekannter Erfolgsstory des Under-Wurm auf, das dänische Filmchen erzählt auch etwas von Diskriminierung: Dem gemeinen Wurm ist nichts erlaubt. Demütig nimmt er seinen Platz ganz unten in der Gesellschaft ein und glaubt selbst, er kann nichts. Deshalb ist Ben so ein mutiger Revolutionär. Allein, dass ein Wurm anfängt, Gitarre zu spielen, ist schon ein Akt des Aufstandes - und sieht ziemlich albern aus. Das alles macht wider Erwarten viel Spaß. Da singt eine dicke Kakerlake „Feelings“ mit einer Stimme wie Roberto Blanco. Hella von Sinnen spricht die Abteilungsleiterin, die ihren Haarknoten löst, um wie von Sinnen loszurocken. Mit von der Band-Partie ist ein Metallrocker im Stile von Iggy Pop, der furchtbare Angst vor YMCA hat.

Das würmische Disco-Inferno erfreut die Älteren mit Klassikern wie Gloria Gaynors „I will survive“ oder Baccaras „Yes Sir. I can boogie“. Nur schade, dass es allesamt entschärfte Versionen sind. Das funkt höchstens so wie in Casting Shows. Ansonsten gelang „Sunshine Barry und die Discowürmer“ sehr nett mit kleinen - wie sonst? - liebevollen Details und originellen Einfallen.

Theo Angelopoulos zu seinem Historien-Opus „Dust of Time“

Die Geschichte ist nicht vergessen

Thessaloniki. „Dust of Time“, diese Liebes-Geschichte in den Stürmen der Historie, ist schon eine Zeit in der Welt. Aber in Deutschland kommt sie perfekt getimt zum Jahrestag des Mauerfalls ins Kino. Denn Liebe einer Frau (Irène Jacob) zu zwei Männern (Bruno Ganz, Michel Piccoli) reicht von Stalins Tod, dem Watergate-Skandal und dem Vietnamkrieg bis zum Fall der Berliner Mauer, umspannt die Erde mit den Stationen in Sibirien, Nordkasachstan, Italien, Deutschland und Amerika. Als Kinder dieser geschundenen Generation agieren Willem Dafoe und Christiane Paul.

Bei der Premiere des Films in Thessaloniki gab der bekannteste griechische Regisseur Theo Angelopoulos mehr oder wenig bereitwillig Auskunft zum zweiten Teil seiner Trilogie zum 20. Jahrhundert. Hinter seiner „persönlichen Interpretation der Geschichte“ steckt die Frage, ob wir Subjekte oder Objekte der Geschichte sind. Sein Blick geht zurück in die Zeit, als „wir glaubten, wir könnten etwas bewegen; als wir mit erhobenen Häuptern auftraten“. Angelopoulos wurde 1935 in Athen geboren, studierte Jura und Literatur in Paris, bevor er in Sechzigern begann, Filme zu drehen. Zu seinen größten Erfolgen des Kulturmenschen, der mit komplexen, extrem langen Einstellungen berühmt wurde, zählt „Landschaft im Nebel“. Eine von vielen filmischen Grenzüberschreitungen, für die ihn die orthodoxe griechische Kirche auch schon mal exkommunizierte.

Wie er über die heutige Zeit denkt, braucht man Theo Angelopoulos eigentlich nicht zu fragen: Griesgrämig und äußerst widerwillig stellt er sich den Fragen, die er in Alt-Griechisch ebenso wie in Französisch oder Englisch beantworten könnte. Irgendwann ist ihm das Niveau der Veranstaltung zu flach, er dreht den Spieß um: „Ich werde jetzt die Fragen stellen. Maria, was sahst du im Film?“

Sein Motto lautet einfach: „Alles bedeutet etwas. Wenn wir unsere Geschichte nicht richtig lesen, können wir auch die Gegenwart nicht verstehen.“ Aber die Trilogie von Angelopoulos ist nicht nur eine Geschichts-Stunde, denn „die Geschichte einer Liebe kann stärker sein, als die große Zeit-Geschichte! Sie beeinflusst etwas in uns, was unbesiegbar ist, was mit dem Leben selbst verbunden ist, mit dem innersten Geheimnis, und das kann nicht besiegt werden.“ Aber es gibt noch einen Grund, weshalb Angelopoulos immer wieder zurück blickt: „Es gibt ein Auslöschen der Vergangenheit für die Gegenwart in heutigem Kino. Ein Trend, den ich nicht bedienen kann.“

Basiert die Frustration eines der größten Regisseure unserer Zeit vielleicht aus mangelnder Anerkennung? Hier gibt sich Angelopoulos entspannt: „Während meiner vierzig Jahre beim Film hatte ich die Chance, zu tun was ich wollte. Es war eine lange Reise, aber immer habe ich einen Hafen erreicht und dann habe ich den nächsten Hafen erreicht. Ich habe kein zuhause außer der Reise. Wenn ich nicht reise, bin ich ein Gefangener.“ Die Nähe zu Homer und Odysseus stellt der Regisseur nicht zufällig her, etwas Poesie gibt es als Zugabe, bevor er wieder prosaisch endet: „Während der Reise träume ich, alles entsteht in der Reise. Mein idealer Platz ist neben jemanden, der fährt, ich fahre selbst nicht, aber sehe mit offenem Fenster die Landschaft. Wenn die Reise in einem guten Film endet, habe ich gewonnen. Auf jeden Fall habe ich eine gute Reise gehabt.“

Bei jemanden, der selbst die Militärdiktatur in Griechenland erlebt hat, muss man fragen, wie viel von ihm in seinen Geschichten steckt: „Ich habe mich nicht umgebracht (wie die Figur von Bruno Ganz), aber alle Figuren im Film sind Gesichter des Regisseurs selber. Was eine Geschichte interessant macht, ist Teil aller Gesichter zu sein: Selbstmord ist ein Teil, Flucht ein anderer.“

„Dust of Time“ war auch für die Produzenten mit Aufnahmen überall in der Welt der schwierigste Angelopoulos. Aber für „Theo ist es kein Problem Geld zu finden. Er ist überall auf der Welt geliebt, es ist wie der Wille Gottes.“ Der letzte Teil der Trilogie wird wieder ganz anders werden, zurück zu Minimalem: „Mein nächster Film wird in Schwarzweiß gedreht. Ich werde sicher Laiendarsteller verwenden. Es gibt Momente, in denen man zurück in die Zeit geht.“

Die Standesbeamtin


Schweiz 2009 (Die Standesbeamtin) Regie: Micha Lewinsky mit Marie Leuenberger, Dominique Jann, Oriana Schrage 94 Min.

„Das ganze Land sieht aus wie eine Werbung für Kinderschokolade“, so lästert die zynische deutsche Schauspielerin Tinka Panzer (Oriana Schrage). Und der deutsche Kritiker kann nur hinzufügen, auch diese schweizer-romantische Komödie kommt niedlich und als Werbung für heile Welt daher. Aber auch sehr sympathisch!

Die Standesbeamtin Rahel Hubli (Marie Leuenberger) radelt tapfer durch das idyllische Schweizer Örtchen und durch ihre Eheprobleme. Bis sie - den Arm voller Ehe-Ratgeber - ihre Jugendliebe Ben Hofer (Dominique Jann) trifft. Der ehemals erfolgreiche Sänger wird nun zusammen mit der deutschen Schauspielerin Tinka Panzer (Oriana Schrage) als Traumpaar Nr. 15, „gleich vor der Sienna Miller“, gelistet. Und Rahel soll die beiden nicht nur vermählen, sondern auch noch die Hochzeit ausrichten. Dabei bricht klassischerweise die Liebe zwischen Rahel und Ben aus. Doch bis es zum Happy End kommt, sind ein paar Schwierigkeiten zu überwinden - nur ein paar, denn „Die Standesbeamtin“ ist ein sehr netter, aber vor allem auch kleiner (Fernseh-) Film, der in der Schweiz zum Publikumsliebling wurde.

Die Standesbeamtin tritt als kleine, stille und frustrierte Maus auf. Ihr Mann ist ein Versager, nur gut darin, sie hängen zu lassen. Er weicht dem Streit aus, um mit einer anderen ins Bett zu gehen. Überhaupt ist auffällig, wie alltäglich und mit wie wenig Glamour der Film auskommt. Eine eher unbekannte deutsche Darstellerin soll den zickigen Star geben. (Ist ‚Panzer’ wirklich ein origineller Nachnahme, um eine Deutsche zu charakterisieren?) Die Probleme und die Lösungen bleiben brav bürgerlich. So haben die Darsteller Raum, um in ihrer Heimatsprache  voll sympathisch zu punkten. (Die Dialoge werden deutsch synchronisiert.) Marie Leuenberger, der Schweizer Shooting Star auf den deutschen Bühnen in München, Stuttgart und Hamburg, überzeugt. Auch wenn ihr burschikoser Typ mit der echt knolligen Nase keineswegs prädestiniert ist für eine romantische Hauptrolle. Aber in dieser lebensnahen Einfachheit liegt vielleicht auch der Charme des leichtgewichtigen Films.

21.10.09

Orphan - Das Waisenkind


USA, Kanada, BRD, Großbritannien 2009 (ORPHAN) Regie: Jaume Collet-Serra mit Vera Farmiga, Peter Sarsgaard, Isabelle Fuhrman, CCH Pounder 122 Min. FSK ab 16

Mit einer furchtbaren Geburt in den ersten fünf Minuten macht „Orphan“ klar, dass dies kein netter Film, sondern einer der harten Horror-Sorte ist. Weil Kate (Vera Farmiga) und John (Peter Sarsgaard) ihr drittes Kind verloren haben, adoptieren sie das Waisenkind Esther (Isabelle Fuhrman). Das seltsame Mädchen ist überzeugend verführerisch, ein kleines, seltsam bekleidetes Püppchen mit erstaunlichen Talenten. Aber sie stammt aus Russland und ist ansonsten auch zu perfekt, um wahr zu sein. Dabei wirkt Esthers altmodische Kleidung ebenso fremd wie ihr Dialekt. Der eifersüchtige Sohn schöpft zuerst verdacht, die taubstumme kleine Schwester muss zusehen, wie Esther brutal mordet.
„Orphan“ versteht keinen Spaß. Selbst nicht, wenn die kleine Teufelin redet und flucht wie ein russischer Mobster. „Das Omen“ aus den 80ern bringt sich nachhaltig in Erinnerung, der gefrorene See kommt auch wieder zum Einsatz. Der abschreckende Horror wechselt zwischen psychologisch fundiertem, gut gespieltem sowie sorgfältig inszeniertem Familienfilm und den üblichen Mechanismen und Klischees des extremen Hollywood-Horrors. Der katalanische Regisseur Jaume Collet-Serra durfte bereits das Horrorfilm-Remake „House of Wax“ und den horrenden Fußballfilm „Goal! II“ inszenieren. Auch wenn der Film in seiner Verschlagenheit seiner Hauptfigur ähnelt, er ist wenigstens von Anfang an ehrlich und zeigt, wie ungemein brutal und blutig er sein wird. Fraglich ist vor allem, weshalb solche Filme nicht mehr ohne das Übermaß an Morden und Schlachten auskommen.