23.10.11

Die Abenteuer von Tim und Struppi - Das Geheimnis der Einhorn 3D

USA, Neuseeland 2011 (The Adventures of Tintin) Regie: Steven Spielberg mit Jamie Bell, Andy Serkis, Daniel Craig 107 Min. FSK ab 6

Herrjeh! Hergés Comic-Reporter Tim in den Händen von Spielberg und das Ganze im unsäglichen Motion Capture-Trickverfahren... Doch nicht verzagt: Die mit modernster Technik trotzdem auch ungelenke Verfilmung von bis zu 80 Jahre alten Comics ist hochwertiges Kino-Popcorn. Es knallt immer überall und in einigen Szenen geht richtig die Post ab.

„Die Abenteuer von Tim und Struppi" sind ein munterer Stilmix aus Realfilm und Animation, aus Schauspielern und Zeichnungen, in dem sich letztendlich Spielberg durchsetzt: Vom rasenden Vorspann mit Schattenspielen und expressionistischen Perspektiven geht es direkt rein ins Getümmel eines Brüsseler Flohmarktes. Umrisse, Klamotten und Namen sind den Hergé-Comic nachempfunden, ein Straßenmaler darf kurz das Originalgesicht der ikonographischen Figur aufs Papier bringen, dann eröffnet eine Wand aus Spiegeln die Variationen. Die Mimik der Figuren ist dank des Motion Capture-Verfahrens ausdruckskräftiger als bei früheren Versuchen von Regisseur Zemeckis mit Tom Hanks („Der Polarexpress", 2004) oder Jim Carrey („Eine Weihnachtsgeschichte", 2009). Doch auch um Tim herum, den ein Schiffmodel ins Abenteuer stürzt, bleibt eine Mischung aus groben Physiognomien, Knubbelnasen, Pausbacken, Haartollen und echt lebendigen Augen. Im Hintergrund findet man noch ganz grob animierte Figuren, bis die vordergründige Handlung mitreißt.

Das frisch erstandene Schmuckstück wird dem Reporter bald entwendet, unsympathische Gesellen tauchen auf, die tollpatschigen Polizisten Schulze und Schultze wollen helfen und Kapitän Haddock sorgt für viel Chaos. Die simple, handlungsgetriebene Dramaturgie von Hergés betagten Geschichten erweist sich als ideal für eine Hollywood-Verfilmung, höchstens etwas dünn. Deshalb wurden mehreren Bände (u.a. Die Krabbe mit den goldenen Scheren, 1940; Das Geheimnis der „Einhorn", 1943) zu einer atemlosen Abfolge von Ereignissen komprimiert, die zwar nicht die historische Detailgenauigkeit des belgischen Künstlers übernimmt, aber sehr wohl mit dem Exotismus der Handlungsorte glänzt. Von Brüssel über Antwerpen geht es per Boot, Flugzeug und Kamel nach Marokko. Meisterstücke sind die Szenen, die sich von der Linearität des Comic und des einfachen Films befreien. Sobald Haddock deliriert, zwei Erzählebenen in zahllosen, feinen Bildideen verschmelzen, wenn eine atemberaubende Seeschlacht mit einem wahnsinnigen Tanz auf den Wellen in der Wüste visioniert wird, dann kommt Film an sich zu seinem Recht und Spielberg zeigt, was er auch kann: Nicht nur geschickt unterhalten, sondern auch einzigartige Szenen kreieren, die im Gedächtnis der Filmgeschichte bleiben. Ganz großes Kino halt. Hier ist Tim eher mit Indi Jones verwandt als mit Hergé und auch Spielbergs Piraten-Schlachten zwischen Peter Pan und „Hook" sind zu spüren.

Trotzdem steht dieser „Tim und Struppi" mittendrin in der Entwicklung einer Technik, die immer noch holperig wirkt. Dagegen ist der Stil Hergés - obschon Geschmackssache - in sich vollendet. In wenigen Jahren wird man über diesen Film befremdet schmunzeln. Das 3Dimensionale beherrscht er hingegen schon, seine Räume sind faszinierend und nutzen ihre Tiefe, sei es bei einem aberwitzigen Matrosen-Mobile mit Hai in enger Koje oder in einem marokkanischen Küstendorf, dessen Hanglage durch chaotische Verfolgungs-Action komplett samt Häusern ins Rutschen gerät.

Unterhaltsam gelingen die „Abenteuer" durch die Mischung aus meist alkoholisiertem Haddock-Humor, konstanter Spannung und großartigen Action-Spielereien. Charakterlich muss anfangs noch der Hund Struppi charakterliche Lücken auffangen. Später folgen die großen Szenen immer dichter und die nie verstummende Orchester-Nachhilfe (Musik: John Williams) hält alles vortrefflich beieinander. Darin finden sich kleine Perlen, wie die Kanarienvögel, die comic-gemäß um den Kopf eines Schwindelnden schwirren, aber dann ganz realistisch vom benachbarten Vogelhändler eingefangen werden. Zuvor blendete der unendliche Ozean des 14. Jahrhunderts in eine kleine Pfütze des gegenwärtigen Brüssels über. Solch cineastischen Kapriolen gibt es zahlreich, sie gipfeln in einem Säbelgefecht mit riesigen Hafenkränen. Derart lässt man sich gern mit harmlosen Geschichten unterhalten, die selbst aufklärerische Fragmente des Stubenhockers Hergé unter den Tisch fallen lassen. Klar wie der auch ohne Computer berechnete Erfolg ist noch etwas sehr Comic-Typisches: Fortsetzung folgt.

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