31.8.12

Venedig 2012 Bad 25 von Spike Lee

Schlecht war nicht alles, am 1987er-Album „Bad" von Michael Jackson - sagt selbst der Prince-Fan. Richtig gut macht allerdings erst Regie-Meister Spike Lee in seiner Jubiläums-Doku „Bad 25" klar, was die Scheibe an kulturgeschichtlicher Bedeutung trägt. 25 Jahre nach dem Rekord-Erfolg in Sachen Verkauf, Nummer-Eins-Hits und Konzert-Tournee, geht der geniale Regisseur und rabiate Kämpfer für die Rechte der Afroamerikaner alle elf Stücke der LP durch: "I just cant stop loving you", "Smooth Criminal", "Dirty Diana"… Lee bekommt für die Interviews extrem prominente Partner. Martin Scorsese drehte und kommentiert aktuell das U-Bahn-Video zu „Bad", mit dem Wesley Snipes bekannt wurde. (Mit Spike Lee drehte Snipes drei Jahre später „Mo' Better Blues".) Von Stevie Wonder bis Justin Biber huldigen viele ihrem Idol, aber vor allem der innere Kreis von Mitarbeitern um den legendären Produzenten Quincy Jones macht die Genialität und den enormen Arbeitsethos deutlich, mit dem Michael Jackson seinen eigenen Erfolg aufbaute. Außerdem gibt es langersehnte Erklärungen beispielsweise dafür, wer Annie ist, nach deren Wohlergehen sich „Smooth Criminal" erkundigt. (Eine Reanimations-Puppe.)

Dabei bleibt Spike Lee erstaunlich zahm und huldigt brav mit. Es bleibt lächerlich bis tragisch wie Jackson an seinem Image bastelt wie an seinem Gesicht. Gerade das Video zu „Bad" ist ein gutes Beispiel, wie das Jüngelchen mit der Piepsstimme und den zu kurzen Hosen vergeblich versucht, „tough" zu wirken. Dass der Star über eine enorme stimmliche Bandbreite verfügte, aber seine tiefe Stimme im Gespräch nicht nutzte, wird in einer der zu seltenen tiefergehenden Momente als Beleg gesehen, dass er nicht erwachsen werden wollte. Trotzdem ist Lees zweistündige Doku selbst für einen, der sich eher über Prince begeistert, ein detailliertes und bewegendes Stück Musik- und Zeitgeschichte. Und vielleicht auch ein populär-politisches, trojanisches Pferd im Sinne des Schlusssongs „Change".

Venedig 2012 At any price

Schuld und Ernte

Kleine Giganten kopieren Gen-Mais und amerikanische Filmgeschichte.

Venedig. Und sie wissen sehr wohl, was sie tun! Junge Filmemacher, die einen Dean gegen den Baum und gegen die Prinzipien des Vaters rasen lassen, haben ihren Stevenson gut studiert. Und hängen angesichts solcher "Giganten" die Vaterfigur sehr hoch. So bleibt im Wettbewerbsfilm „At any price" vom iranisch-stämmigen US-Amerikaner Ramin Bahrani das Ur-Amerikanische in der Geschichte einer kleinen Maisfarmer-Dynastie kraftlos. Zac Efron und Dennis Quaid sind Abziehbilder größerer Idole. Die Frauen und Affären an ihrer Seite (Heather Graham, Kim Dickens, Maika Monroe) können mehr überzeugen in einem Film, der den Schwebezustand nie verlässt. Dabei bricht alles zusammen: das Unternehmen der Familie Whipple, weil es die Copyright-Fesseln eines Konzerns gebrochen hat, der "das Leben patentierte". Die Rennfahrer-Karriere vom Sohn, Efrons Raser Dean. Und die Hoffnungen auf den anderen Erben, der lieber in Südamerika Berge besteigt. Dass erst ein Mord Vater und Sohn zusammenbringt, ist nicht unausweichlich, aber recht dramatisch. Neu ist nur der Wandel im Treibstoff auf der wirtschaftskritischen Ebene des Films: Vom Öl in Stevensons Klassiker "Giganten" zum Gen-Mais, der bald Biosprit sein wird und im Hintergrund drehen sich schon die Windräder. Dann werden auch die größten Haie, die mit ihrer Landrafferei andere Familien ins Verderben gestürzt haben, am Haken der Lebensmittel-Konzerne verenden. So erweist sich der Eröffnungsfilm „The Reluctant Fundamentalist" erneut als Schlüssel: Auch im Mais-Staat Iowa gibt es einen Fundamentalismus, eine Religion, die ins Verderben führt. "Grow or die", das Wachsen um jeden Preis („At any price") führt in die Tragödie, oder: zu "Schuld und Ernte".

30.8.12

Venedig 2012 Paradies Glaube

Mehr als Skandal: Das Kreuz mit der Religion

Österreicher Ulrich Seidl glaubt an die Provokation

Venedig. Jedes Festival braucht seinen Skandal und wohl dem, der einen Ulrich Seidl-Film im Wettbewerb hat: Nach dem eindimensionalen Trilogie-Auftakt über karibische Callboys mit „Paradies: Liebe" in Cannes, zeigt „Paradies: Glaube" - Gott, sei Dank! - in Venedig sehr raffiniert vielschichtig Glaubens-, Geschlechter- und Ehe-Krieg in einer peinlich aufgeräumten Österreicher Wohnung. Aber auch Flagellation gegen die Fleischeslust vor dem Kreuz und Masturbation mit demselben! Die Produzenten wollen den dritten Teil über Diäten-Wahn bei der Berlinale platzieren.

Anna Maria (Maria Hofstätter) ist nicht nur gläubig, sie liebt ihren Jesus - weil er doch so gut aussieht - bis zum Gutenachtkuss. In den Ferien bleibt sie zuhause und zieht mit ihrer Wander-Madonna durch die Häuser, um mit den Menschen zu beten. Regelmäßig wie ihr ganzes aufgeräumtes Leben ist, trifft sich die Gebetsgruppe Legio Herz Jesus bei Anna Maria. Als „Sturmtruppen und Speerspitze des Glaubens" schwören sie, dass Österreich wieder katholisch wird. Klingt fundamentalistisch faschistisch und nach leichtem Fressen für Religionskritiker. Doch dieses einfache Glaubens-Opfer nimmt Regisseur Seidl („Import/Export", 2007; „Jesus, Du weißt", 2003; „Tierische Liebe", 1996) nicht an. Er bringt der Anna Maria nach zwei Jahren wieder ihren Ehemann ins Haus: Den querschnittsgelähmten Moslem Nabil, der bald weinerlich um etwas Sex bettelt. Nun ist die extremistisch Gläubige nicht nur im Konflikt zwischen zwei Männern - Jesus und Nabil. Auch Barmherzigkeit und Keuschheit kämpfen unter ihren Brüsten. Obwohl die Mischung aus Vorwürfen und Jämmerlichkeit schwer erträglich ist, bleibt Trennung undenkbar: „In allen Religionen ist es deine Pflicht, für mich zu sorgen", weiß Nabil. Leider steht seine Macho-Position auf schwachen Beinen, um es im provokant direkten Stile Seidls zu sagen. Mitleid für einen impotenten Behinderten, der doch noch die Vergewaltigung versucht? Bewunderung für die Standfestigkeit einer völlig durchgeknallten religiösen Eiferin? Nein, der oft halb-dokumentarisch arbeitende Seidl stellt nicht einfach nur bloß in seinen, passend zum Ordnungswahn Annas streng symmetrischen Bildern. Wenn die Katholikin mit dem Moslem nach vielen kindischen Gemeinheiten raufend am Boden liegt, kann man nicht mehr auseinanderhalten, ob es hier um Religionen, Geschlechter oder In- und Ausländer geht. So wie der Name Anna lässt sich der Film von allen Seiten lesen. Dabei sorgten die skurrilen extremistischen Handlungen der penetranten Missionarin immer wieder für große Heiterkeit. Beim Glauben kennt Seidl, der selbst eine harte religiöse Erziehung durchleben musste, sich aus. Ein doppelbödiges Vergnügen, ein Gewinn im Wettbewerb. Das Urteil des Kollegen vom Osservatore Romano steht allerdings noch aus, hoffentlich muss der vatikanische Kritiker nicht unter Protest seine Badehose einpacken und zurück in den Schoß der Kirche.

Venedig 2012 Superstar und Serienkiller

Die französischen Superstars Kad Merad („Willkommen bei den Sch'tis") und Cecile de France („Der Junge mit dem Rad") konnten die oberflächliche Medienkritik „Superstar" von Xavier Giannoli nicht davor retten, die erste Enttäuschung im frühen Wettbewerb abzuliefern. Außerhalb des Löwen-Rennens hingegen sorgte ein eisiger Serienkiller für große Begeisterung im nicht nur für „The Iceman" stark heruntergekühlten Pressekino: Der erst vierte Film, des 1973 in Israel geborenen Ariel Vromen („Visions - Die dunkle Gabe") hat atemberaubende Starpower, eine knallharte Gangsterstory und ein Psychodrama, das in dieser Kombination Seinesgleichen sucht. Man könnte direkt Scorsese zum Vergleich heranziehen, aber vor allem Michael Shannon, der den Massenmörder Richard Kuklinski als sensiblen Psychopathen und Familienmensch zeigt, macht „The Iceman" zu etwas Speziellem. Ray Liotta als Gangsterboss, James Franco als Kuklinskis Kumpel und Winona Ryder als seine Frau komplettieren den Kino-Genuss.

Venedig 2012 Franziska Petri begeistert als russische Verführerin

Geht ein Mann zum Arzt, sagt die Ärztin (Franziska Petri): Mein Mann betrügt mich mit ihrer Frau. Diese Info bringt das EKG durcheinander, ebenso wie der surreale Unfall, dem der Mann danach nur knapp entgeht. Der „Betrug" (Originaltitel: Izmena) des Russen Kirill Serebrennikov betrügt als erster Wettbewerbsfilm erst einmal die Erwartungen mit rätselhaften Entwicklungen. Gleichzeitig verführt er sein Publikum mit aufreizenden Darstellern und Bildern. Tatsächlich kommen die Ärztin und den Mann in einem futuristischen Hotel zusammen, nur um zu sehen, wie sich ihre Partner auf dem Balkon darunter vergnügen. Dass die Ehebrecher eine Szene später mehrere Etagen tiefer eng umschlungen und mit dem Geländer unter sich, tot aufgefunden werden, ist nicht mal der originellste Twist dieses subtil erotischen Schuld und Sühne-Thrillers. Filmisch sensationeller Wendepunkt dann der Gang der Ärztin durch einen Wald, ihr Umziehen mit zufällig gefundenen Kleidern und das Heraustreten auf die Straße fünf Jahre später. Hier kann jemand Film und lässt es uns deutlich sehen.
Die 1973 in Leipzig geborene Franziska Petri kann schon jetzt als Entdeckung des Festivals verbucht werden. Nach vielen TV-Rollen von „Donna Leon" bis „Lasko" und einigen bemerkenswerten Kinoauftritten, etwa in „Das Herz ist ein dunkler Wald", hatte sie gestern ihren Auftritt auf der großen internationalen Bühne. Sie beeindruckt dabei sehr, erst durch mysteriöse Kühle, dann als leidenschaftliche Liebhaberin mit Einlagen verträumter Abwesenheit. Bei dem preisverdächtig guten Spiel war sogar noch Petris Russisch gut - das kam allerdings aus dem Synchronstudio.

29.8.12

Venedig 2012 Wenn die Gondeln Filmstars tragen...

Wenn die Gondeln Filmstars tragen...

Von Günter H. Jekubzik

Venedig. Die Jury um Regisseur Michael Mann ist eingeflogen, Kate Hudson wird für den großartigen Eröffnungsfilm „The Reluctant Fundamentalist" erwartet, wobei das Warten in Venedig seinen besonderen Reiz hat. Malerisch am Kanal zu verharren und hoffnungsvoll auf die Wassertaxis zu blicken, die das Festivalgelände am Lido anlaufen, hat viel mehr Charme, als einfach hinter einem Gatter irgendwo in Cannes oder Berlin zu stehen. Der Auftakt der 69. Filmfestspiele Venedigs ist mit einem sehr diversem Dreiklang gelungen. Der Liebes-Polit-Thriller von Mira Nair und ein Ausflug von Jonathan Demme in die World-Music wurden von „Bait", einer Trash- und Splatter-Beilage aus Australien, abgerundet.

Mira Nair, die mit „Monsoon Wedding" einen Goldenen Löwen gewann, legt eine komplexe Eröffnungsszene hin. Die Entführung eines amerikanischen Professors, der im pakistanischen Laore lehrt, geht einher mit einer lokalen Feier und „göttlicher Musik". Während nun der CIA Verdächtige für die Entführung beobachtet, interviewt der Journalist Bobby (Liev Schreiber) den ehemaligen Wallstreet-Mitarbeiter Changez Khan (Riz Ahmed), der nach den Anschlägen vom 11. September und der folgenden Diskrimierung frustriert nach Pakistan zurückkehrte. Ist aus dem jungen Mann, der die USA liebte, halbe Belegschaften feuerte und den Gott des Kapitalismus anbetete, ein Glaubenskrieger geworden? Ein spannendes Gespräch und Duell zwischen zwei Männern, die beide sozialen Wandel wollen, aber andere Wege einschlugen. Neben Riz Ahmed, der als weiser junger Aussteiger nachhaltig beeindruckt, spielt auch Kate Hudson als dessen große Liebe sehr, sehr gut. Eine nuancenreich erzählte Geschichte unserer Zeit auf der Basis eines Romans von Mohsin Hamid, ein ergreifender Liebes-Film, ein kluger politischer Thriller - so gut kann Kino sein. Mira Nair, die in „The Namesake - Zwei Welten, Eine Reise" 2006 eine ähnliche Geschichte der Entwurzelung etwas weniger radikal und gut erzählte, spendiert Venedig die perfekte Eröffnung.

Das Reden über Musiker
Wieso dreht Jonathan Demme, der Regisseur von „Das Schweigen der Lämmer" und dem Neil Young-Konzertfilm „Heart of Gold" (2006)
eine Dokumentation über den neapolitanischen Musiker Enzo Avitabile? Nach „Enzo Avitabile Music Life", dem wunderbaren Film über den Weltmusiker stellt sich die Frage nicht mehr: Der geniale Saxophonist und Komponist ist in Sessions mit anderen Musiker aus vielen Ländern zu erleben. Avitabile und Demme erzählen dabei auch vom Leben in Neapel, von universellen Rhythmen und ethnisch verschiedenen Tonleitern. Wenn da der Kubaner Eliade Ochoa und der Iraner Naseer Shamma mit dem im lokalen Dialekt singenden Avitabile zusammen spielen (und Demme die Stücke respektvoll bis zum Ende wiedergibt), ist auch das ein gutes Sinnbild, für die internationale Gemeinschaft eines Filmfestivals - nur da läuft nicht alles gleichzeitig und kann ganz verschieden gut klingen.

Obwohl beim Hai-Horrorfilm „Bait 3D" von Kimble Rendall (dt. Start im Dezember) sicher herrlich über die Berechtigung von solchem Unterhaltungskino im Festival diskutiert wird. Doch auch das gehört zum Spiel dazu.

28.8.12

Venedig 2012 Venedig strömt sich weg

Zum Auftakt gab es als sündiges Vergnügen auch noch den Horrorfilm „Bait 3D" von Kimble Rendall (dt. Start im Dezember), in dem ein Tsunami ein paar Australier in einem Supermarkt einsperrt - zusammen mit einem weißen Hai in 3D! Soll damit etwa verhindert werden, dass Festivalgäste in der Mittagspause im lauen Wasser der Adria schwimmen gehen? Die große Welle ist auf dem Lido eher nicht zu befürchten, der Inselstreifen soll sogar zusammen mit benachbarten Küsten die Lagune dahinter vor Hochwasser schützen. Doch das Festival bedroht sich stattdessen selbst mit einer neuen Strömung: Das Streaming von 10 Filmen und 13 Kurzfilmen der Reihe „Orrizonti" beweist, dass hier jemand einen beschränkten digitalen Horizont hat. Täglich kann man also online Filme des Festivals sehen, zeitgleich mit den öffentlichen Vorführungen. Das neue Kino namens „Web" ist allerdings auf 500 Personen pro Vorstellung beschränkt, die jeweils 4,20 € für ihr „virtuelles Ticket" zahlen sollen. Mit dieser Beschränkung läuft die Aktion dem Geist des Internets zuwider und gräbt gleichzeitig dem einzigartigen Festivalcharakter solcher Premieren das Wasser ab. Weshalb noch die extremen Zimmerpreise zahlen, wenn der Film ja auch auf dem Rechner läuft? (Die ausführende Site Festivalscope.com entwickelt sich sowie gerade als Festivalersatz-Mediathek.) Und mit 2100 € Einnahmen pro Film kann der Veranstalter wahrscheinlich gerade mal den Server für solche Bandbreiten bezahlen. Eine katastrophale Idee, die man schnell an die Fische verfüttern sollte. (ghj)
www.labiennale.org

Am Ende eines viel zu kurzen Tages

BRD, Irland, Österreich 2011 (Death of a Superhero) Regie: Ian FitzGibbon mit Andy Serkis, Thomas Sangster, Aisling Loftus, Michael McElhatton 97 Min. FSK ab 12

Ein Feuerwerk starker Szenen und Zeichnungen charakterisiert den Teenager Donald Clarke (Thomas Sangster). Der 15-jährige Krebskranke verschließt sich aus Angst vor dem Tod, zeichnet Comics mit düsteren Superhelden, spielt Selbstmorde durch und treibt seine Eltern zur Verzweiflung. Die Chemotherapie hat ihn kahl gemacht. Rechtlich ist er längst nicht mehr zurechnungsfähig, kann also seine Graffiti großflächig in der Stadt verteilen. Erst „Psycho Nr. 6"Dr. Adrian King (Andy Serkis), der sich sehr für seine Zeichnungen interessiert, kann zu Donald vordringen. Obwohl er erstaunlicherweise nicht viel macht.
Nach einem Drehbuch von Anthony McCarten, der seinen eigenen Roman „Superhero" adaptierte, entstand diese energische Mischung aus Realfilm und Animation. Super gespielt, behandelt der Film ohne Klischees den schwierigen Umgang mit Krankheit und Tod.
Jessica Schwarz hat übrigens eine kleine Rolle als Prostituierte, bevor sie nächste Woche in „Heiter bis wolkig" selbst eindrucksvoll die Patientin spielt.

27.8.12

The Exchange

Israel, BRD 2011 (Hahithalfut) Regie: Eran Kolirin mit Rotem Keinan, Sharon Tal, Dov Navon, Chirili Deshe 98 Min. FSK ab 12

Eran Kolirin hat „Die Band von Nebenan" gedreht, diese herrliche Reise eines Orchesters ins Nirgendwo, kann sich also einiges in Sachen Komödie und spöttischem Blick auf Israel und seine Nachbarn zugute halten. Diesmal siedelt er eine kafkaeske Geschichte in Tel Aviv an: Ein junger Wissenschaftler vergisst seine Tasche zuhause und kehrt zu einer ungewöhnlichen Zeit nach Hause zurück. Er erwischt seine Wohnung dabei, irgendwie anders zu sein als sonst. Von nun an bewegt er sich unmerklich neben den normalen Leben und findet sogar einen Mitbewohner, der diese seltsame Kunst schon länger ausübt und perfektioniert hat. „The Exchange", der von der Kölner Pandora-Film koproduziert und teilweise in Hanau gedreht wurde, wirkt stellenweise wie eine Mischung aus Kafka, Loriot und auch Kishon. Eran Kolirin zeigt das nicht besonders flott oder prickelnd, aber das Abseitige hat durchaus seinen Reiz.

26.8.12

The Cabin in the Woods

Scope. USA, 2011 (The Cabin in the Woods) Regie: Drew Goddard mit Kristen Connolly, Chris Hemsworth, Anna Hutchison, Fran Kranz, Jesse Williams, Richard Jenkins, Bradley Whitford 95 Min. FSK ab 16

Teenie-Horror wird hier reihenweise in den Papierkorb geschrieben, weil er zu den einfallslosesten Genres des Kinos gehört und es außerdem viel zu viel davon gibt. Mit diesen Vorbehalten im Gepäck ging es zu „The Cabin in the Woods" und schon in der ersten Szene überrumpelt der sehr außergewöhnliche Film alle Vorurteile. Der übliche Horror reflektiert sich postmodern und erinnert an Michael Christons „Westworld" mit Yul Brunner.

Die (frisch gefärbte) Blonde Jules, der Football-Star Curt, der komisch näselnde Kiffer Marty, der vernünftige, neue Freund Holden und das brave Mädchen Dana. Wenn so ein Set an amerikanischen Studenten ein Wochenende zusammen verbringen will, noch dazu in einer einsamen Hütte im Wald, ist klar, was kommt: Schreien, Rennen, Abstechen. Teenie-Horror. Aber was hat das diesmal mit den zig Wissenschaftlern zu tun, die mit gestärkten Hemden, wie Comedy-Stars scherzend, in einer aufwändigen unterirdischen Anlage ein Experiment vorbereiten? An der letzten Tankstelle vor der Wildnis verabschiedet die fünf ein gefährlich griesgrämiger Hinterwäldler, genau wie in „Tucker & Dale vs Evil". Das Team in der Forschungszentrale nimmt derweil Wetten an...

Oben beginnen die Spannungsmomente beim heftigen Knutschen mit dem ausgestopften Wolfskopf an der Wand. Im Keller entdecken die Studenten gleich haufenweise Horror-Utensilien, die man eins für eins nicht anfassen, lesen, sehen, aussprechen oder sonst was sollte. Doch einer muss sich ja in Latein versuchen und schon kriechen Zombies aus dem Waldboden. Damit ist die Abteilung Unterhalt beim Wetten siegreich. Die Monitore von den anderen Versuchsstationen zeigen ein Scheitern für das brennende Berlin und in Tokio einen Geist aus dem Arsenal des J-Horrors, der kleine Schulmädchen erschreckt. Es bleibt rätselhaft.

Klar, hier findet ein Experiment statt und die Studenten sind Laborratten in Horror-Umgebung: Wenn es mit dem Paarungsdrang der jungen Menschen nicht von alleine klappt, hilft man mit Pheromon-Nebel nach. In hervorragender Bildqualität erfreuen sich die Zuschauer dank zahlloser Minikameras an den bloßgelegten Brüsten, bevor die Zombies blutig zuschlagen und die Versuchsleiter doch leicht erschrocken ein Gebet aussprechen. (Klasse: Richard Jenkins als Oberwissenschaftler!) Dann kippt die ganze Sache wieder vom absurd Rationalen ins Mystische, wenn einer der Herren mit den gestärkten Hemden rituell Blut in eine Form fließen lässt.

Wenn „Scary Movie" eine Horror-Parodie des Postmodernen war, wird in „The Cabin in the Woods" gezeigt, wie Wissenschaftler mit Horrorfiguren spielen. Genau wie es Filmemacher sonst für das Publikum tun. (Unter anderem wird endlich das unerklärliche Verlangen erklärt, sich in gefährlichen Situationen entgegen aller Vernunft zu trennen. Eine Verblödungsdroge in Gasform ist schuld.) Regisseur Drew Goddard und sein Ko-Autor Joss Whedon haben reichlich Erfahrung aus bester Schule bei „Lost", „Buffy", „Alias" oder „Angel" und bauen nun ein riesiges Rechenzentrum für die größte Show der Welt - nach der Truman-Show? (Ein neuer Wachmann heißt übrigens Truman.) Doch wer sind die geheimnisvollen Auftraggeber? Was ist das Ritual und wieso muss eine Jungfrau dabei sein?

Während das Team schon feiert und sich die Überstunden ausrechnet, drehen Dana und Marty als Superheld mit ausschiebbarem Thermosbecher-Bong das Spiel eine Ebene weiter. Wie auch in „Panem" und „Truman Show" sind sie klug genug, die Spielregeln zu brechen und landen in einem Cube-Labyrinth des Schreckens. In einem genialen Schachzug öffnen sie die Aufzugpforten der Höhle ins Innere und lassen eine Armee aus Alptraum-Gestalten auf die Experimentatoren los. (Selbst ein Einhorn erweist sich dabei als gar nicht so süß!)

Wenn dann Sigourney Weaver wieder mal das Schicksal der Menschheit in ihrer Hand hat, könnte man sich fragen, ob der ganze Horror-Scheiß, der die Kinos überflutet, nicht doch einen tieferen Sinn hat. Hier schlummern ganz unten riesige Urzeit-Wesen, die beruhigt werden wollen. Gemäß Küchen-Psychologie besänftigt der in experimenteller Reinraum-Klinik (Kino) erzeugte Schauder tiefere und größere Ur-Ängste. Man muss nicht so tief in den Eingeweiden der Seele wühlen - während die Monster mit anderen Innereien das Labor rot einfärben. Allein das Angebot des Denkens auf mehreren Ebenen macht diesen raffinierten und spaßigen Horror außergewöhnlich.

24.8.12

Holy Motors

Frankreich, BRD 2012 (Holy Motors) Regie: Léos Carax mit Denis Lavant, Edith Scob, Eva Mendes, Kylie Minogue, Elise Lhomeau, Michel Piccoli, Jeanne Disson, Léos Carax, Nastya Golubeva Carax, Reda Oumouzoune, Zlata, Geoffrey Carrey, Anabelle Dexter Jones 115 Min.

Der beste Film von Cannes 2012 hat leider keinen Preis bekommen: Mit „Holy Motors" zeigt Leos Carax einen sensationellen Trip in Film- und Fantasie-Welten. Geheimnisvoll wie David Lynch, immer wieder stark wie ein genialer Video-Clip. Mythisch, magisch und unvergesslich eindrucksvoll.

Monsieur Oscar (Denis Lavant) verabschiedet sich am Morgen von seinen Lieben. Die Stretch-Limousine mit Fahrerin Celine (Edith Scob) wartet mit wichtigen Terminen. Monsieur Oscar, ein Firmenboss, ein Politiker oder Banker? Ein erster Stopp verwirft das lineare Erzählkonzept, denn auf einer der Seine-Brücken von Paris bettelt Monsieur Oscar bis zur Unkenntlichkeit verkleidet als bucklige, alte Frau in folkloristischen Lumpen. Zum Nachdenken bleibt kaum Zeit, denn ein paar Ecken weiter stürmt der Protagonist aus der Limousine und attackiert Menschen in einem Straßen-Café. Dann zieht er sich wieder im Wagen um, mit engem Body-Suit tanzt er, nur über aufgeklebte Punkte erkennbar, in einer Blackbox einen erotischen Paarungs-Akt. Danach entführt das zwergenhafte Märchen-Monster Monsieur Merde, die nächste Figur, ein Fotomodell (Eva Mendes) vom Shooting auf dem Friedhof in die Katakomben unter der Stadt. Ein weiterer Schlüsselmoment für die Rolle(n) Oscar, der wie ein Auftrags-Mörder Mappen seiner Zielpersonen studiert, ist ein gespiegelter Mord an sich selbst. Oscar stürmt in eine Werkstatt, sticht einen groben Mann mit Schnurrbart nieder, um sich dann mit Schminke und Verkleidung in diesen zu verwandeln, währenddessen irgendwann der Erstochene den ersten Angreifer ersticht. Ein verwirrendes Vexierbild, aus dem sich auch Oscar nur schwer verletzt retten kann.

„Holy Motors" ist ganz großes Kino und spielt auf faszinierende Weise mit Erwartungen und Gefühlen. Gerät dabei aber nie zu einer Nummernrevue, immer bleibt man Monsieur Oscar emotional verbunden, auch wenn man nicht weiß, wer er ist. Redet er vielleicht mit seiner eigenen, scheuen Tochter, die er von einer Party abholt? Ist es wahre Liebe, die sich nach Jahren in einem verlassenen Kaufhaus wiedertrifft? Oder ist die Kollegin im Trenchcoat (Kyle Minogue) auch nur ein Auftrag? Beim Nachdenken verwindet sich der Film immer wieder in sich selbst wie eine Möbiusschleife: Das Leben inszeniert sich selbst. Alles ist ein Spiel. Aber wer sind dann die Schauspieler? Und wo gehen sie abends hin? Das kann man - gerne auch bei mehrmaligem Genuss dieses Kino-Universums - herausfinden. Eindeutig beantwortet wird nur die Frage, wo all die Stretch-Limousinen abends sind: In einer riesigen Garage unter der Leuchtschrift „Holy Motors" unterhalten sie sich über ihren Tag und ihre seltsame Fracht. Ein Cronenberg-Moment, der sein darf, denn dieser Carax ist Kino pur und auch fantastische Kino-Geschichte.

Leos Carax, der nach den sensationellen Filmen „Boy meets Girl" (1983), „Die Nacht ist jung" (1986), „Die Liebenden von Pont-Neuf" (1991) sowie dem Flop „Pola X" (1999) lange von der Bildfläche verschwand, meldet sich mit einem großen Meisterwerk zurück. „Holy Motors" ist dabei auch der Film von Denis Lavant, der in elf Rollen und Verkleidungen auftritt. Schon 1991 in „Die Liebenden von Pont-Neuf" von Carax begeisterte der drahtige Künstler. „I just can't get you out of my head" hört man Kyle Minogue irgendwann in „Holy Motors" singen und nach ihrer atemberaubenden Szene bekommt man sie genau so wenig aus dem Kopf wie die Erklärungsversuche dies existenzialistische Kinospiel mit seinen wunderbaren Szenen.

To Rome with Love

Italien, Spanien, USA 2012 (To Rome with Love) Regie: Woody Allen mit Woody Allen, Penélope Cruz, Alec Baldwin, Roberto Benigni, Judy Davis, Jesse Eisenberg, Ellen Page, Greta Gerwig, Ornella Muti 112 Min.

Woody Allens Europa-Tour zum Einsammeln von Fördergeldern wird nach London, Barcelona und Paris jetzt in der Ewigen Stadt der Liebe fortgesetzt. Und wenn die Kritik so beginnt, kann der Film nur verlieren, denn große Romanzen werden vom komischen Zyniker höchstens demontiert. Ein paar nette Episoden unterhalten leidlich; die eine Szene, die Filmgeschichte schreiben wird, ist völlig absurd. Doch nach „Midnight in Paris" konnte es schwerlich besser werden. Also: „Mäßig in Rom".

„Volare" - es ist so einfach, in italienische Gefilde abzuheben, ein Klischee auf der Tonspur, ein paar andere im Bild (Colloseum, Piazza di Spagna, Monumento Vittorio Emanuele II) und fertig ist die Stimmung... Sollte sie jedenfalls sein. Aber weder dem unbekannten Verkehrspolizisten am Anfang noch dem Anwohner der „Spanischen Treppe" im letzten Bild nimmt man die Rom-Begeisterung ab. Letztendlich auch nicht Woody Allen.

So bleiben eine Reihe von Episoden mit Einheimischen und Eingeflogenen: Allen selbst kommt als neurotischer Schwiegervater zur Hochzeit seiner Tochter, die einen linken römischen Anwalt liebt. Während diese Beziehung völlig emotionslos am Rande verläuft, stürzt sich Allens Figur Jerry, ein verschrobener Opern-Regisseur im Ruhestand, auf den Vater des Bräutigams. Michelangelo (Tenor Flavio Parenti) schmettert nämlich Arien wie ein großer Meister - unter der Dusche. Den scheuen Bestatter groß rauszubringen, scheitert zuerst, dann wird die Duschkabine auf die Bühne gebracht und der Film hat seine beste Szene gefunden. Ein Bajazzo, der nackig unter der Brause heraus mordet, der wird Filmgeschichte machen. Und irgendwie hätte man auch gerne Jerrys andere Flops gesehen, „Tosca" in der Telefonzelle beispielsweise. Den typischen One-Liner dazu liefert seine Ehefrau (Judy Davis), die praktischerweise auch seine Analystin ist: Ruhestand ist für ihn wie in der Kiste, deshalb zieht er jetzt einen Bestatter aus der Kiste.

Woody listet zwar wieder eine eindrucksvolle Reihe von Stars auf, wirklich Eindruck macht aber kaum einer. Penélope Cruz spielt die Prostituierte Anna in einer boulevardesken Verwechslung routiniert runter. Sie kann viel dreckiger und war in „Vicky Cristina Barcelona" unvergleichlich besser. Alec Baldwin besucht als Star-Architekt John seine eigene Vergangenheit in Trastevere. Er beobachtet altersweise, wie sein junges alter ego (Jesse Eisenberg) den schalen Verführungen der prätentiösen und unbeschäftigten Schauspielerin Monika (Ellen Page) verfällt und seine Liebe Sally (Greta Gerwig) betrügt. Ein sarkastischer Kommentar zu albernen Gefühlsregungen ist Allens Antwort auf Rom-Klischees.

Die Einheimischen (Stars) dürfen nur Abziehbilder abliefern: Beim Auftritt von Ornella Muti wird Rom plötzlich zur Filmszene. Roberto Benigni erlebt als kleiner Büroangestellter Leopoldo für ein paar Tage surrealen Medienruhm und albert in dieser angestrengten Parabel nervig herum. Dass der Film von Berlusconis ungeliebter Produktionsfirma Medusa hergestellt wurde, ist dabei der eigentliche Medienwitz. Ansonsten hätte eine durchgehende, richtig ausgearbeitete Geschichte dem Rom-Ausflug gut getan. Aber vielleicht hat sich der Senior Allen auf seiner italienischen Reise ansonsten gut unterhalten.

23.8.12

Step up: Miami Heat

USA 2012 (Step Up Revolution / Step up 4 3D) Regie: Scott Speer mit Ryan Guzman, Kathryn McCormick, Misha Gabriel, Peter Gallagher 97 Min.

„Step up Revolution" heißt die vierte Auflage im Original. Revolution und eines dieser Tanzfilmchen, die Jugendliche höchstens dazu bewegen, sich für irgendein TV-Casting zu melden? Abwegig, aber nicht völlig. „Step up: Miami Heat", so der deutsche Titel, erzählt zwar nur die triviale Geschichte des ehrlichen Jungen und des reichen Töchterleins. Aber die Tanz-Szenen haben es in sich: Die typische Straßen-Szene seit „Fame" läuft diesmal direkt als Auftakt und Flash Mob am Ocean Drive mit ausgewechselten Autos und Rhythmen.

Der Kellner Sean (Ryan Guzman) ist dabei ein auch von der Polizei gesuchter Tänzer. Seine Schicht dauert nicht länger als 10 Sekunden, dann wird im Beach Club des Restaurants weiter getanzt. Die schöne Unbekannte, die dort nach einer heißen Sohle plötzlich wie Aschenputtel verschwindet, ist selbstverständlich Emily (Kathryn McCormick), Tochter des großen Magnaten Mr. Anderson (Peter Gallagher). Das Team von „The Mob" will mit möglichst vielen Hits einen You Tube-Preis gewinnen, das Prinzesschen muss sich in der Auswahl für eine Tanz-Compagnie bewähren. Klassisch dass sie dazu den Clash aus Standards und Street Style, aus Klassischem und Originellem braucht.

Als ein altes Viertel Miamis für Spekulanten platt gemacht werden soll, meint ausgerechnet die reiche Tochter, dass (Tanz-) Kunst politisch werden muss. Den eindrucksvollen Tanznummern im Restaurant und - mit viel Trompe-l'œil - im Museum folgt ein toller Tanz-Protest von Banker-Anzügen in der Stadtverwaltung. Dann spielt „Step Up" die Spaltung fast jeder politischer Bewegung in gewaltfrei und aggressiv nach. Bevor das Filmchen aber zu „rough" (oder RAF) wird, konzentriert es sich darauf, Liebe und Freundschaft wieder zu kitten. So endet auch das soziale Märchen gut, ohne dass man politisch aktiv sein muss, und die Karriere hebt ab, ohne dass allzu lang für die Choreografien trainiert wird. Die Versöhnung zwischen Kapital und Hand (oder hier: Fuß) im Stile von Metropolis findet in einem großen, bewegten Finale an den Docks statt.

„Step Up" oder „Street Dance", die Titel sind austauschbar wie Dramaturgie und Aufbau. Selbst Typen wie „väterlicher Wirt" ähneln sich. Romantik, karibische Rhythmen, immer wieder etwas „Dirty Dancing" im Gegenlicht, wie gehabt. Das 3D hat zeitweise einen Hauch von der Bewegungs-Intensität im Raum wie bei Wenders' „Pina", gelungen. Doch der politische Diskus ist auffällig. Ebenso, wie im Tanz massiv Elemente von Staats-Gewalt parodiert werden. Vielleicht bewegt diese zappelige Bewegung ja wirklich was: Steppt Stuttgart 21, rappt den Rettungsschirm, tanzt die Postdemokratie!

The Expendables 2

USA 2012 (The Expendables 2) Regie: Simon West mit Sylvester Stallone, Jason Statham , Liam Hemsworth, Bruce Willis, Arnold Schwarzenegger, Jean-Claude Van Damme, Jet Li 103 Min.

Weil die Banken nie genug bekommen, müssen alle anderen länger arbeiten. Besonders schmerzlich ist das im Falle von Action-Opas wie Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger. Nach dem schon unsäglichen Auftakt mit „Expendables" müssen die im wahrsten Wortsinne Überflüssigen nun wohl die Renovierung ihrer Pools und vielleicht noch ein paar Alimente abbezahlen. Deshalb gibt es mehr rohe Action und Krach. Keine Erklärungen, eine kurze Ortsangabe, die bekannten Action-Visagen und ein Haufen Menschen, die eine fremde Sprache sprechen. Dann fliegen schon Blut und Fleischfetzen durch die Luft, dazu ein paar lustige Sprüche - massen-morden soll ja Spaß machen. Als erstes befreien die Söldner um Stallone Schwarzenegger. Die folgende Suche nach Plutonium in falschen Händen (das sind die, die nicht mit kleinen Dosen davon die eigene Bevölkerung vergiften) ist fast so alt wie die Halbwertzeit von diesem strahlenden Gift. Die Vorgestrigen führen immer noch gegen den Ostblock Krieg, auch mal in den Kulissen eines Fassaden-New Yorks, die für den Kalten Krieg irgendwo vom gegnerischen Militär aufgebaut wurden. Zu diesen grunddebilen Konzepten gehört auch, dass die Gegner nie und die Mörder in Protagonisten-Rolle immer treffen. Trotzdem bleibt erschreckend, wie viele Menschen umgebracht werden, damit sich ein paar Anabolika-Idioten gut fühlen. „Expendables 2" bleibt ganz grobschlächtiges, extrem unmodernes Action-Kino mit ein paar gesichtsgelähmten Schauspielern, denen das Rentenalter keineswegs mehr Ausdruck verliehen hat. Dazu A-Team-Einlagen und total witzig inszenierte, lahme Auftritte so genannter Legenden. Das einzige, was nicht völlig verstaubt daher kommt, ist ein Chuck Norris-Witz in Filmform. Und eine Frau, die klüger als all die muskelbepackten Schrumpfhirne agiert.

20.8.12

ParaNorman

USA 2012 (ParaNorman) Regie: Sam Fell, Chris Butler 93 Min.

Ein Zombie-Film für Kinder? Ja, aber wie! Der elfjährige Norman schaut wieder einmal Zombie-Filme mit seiner blinden Großmutter. Die gutmütige Oma klagt über kalte Füße - klar, sie ist ja auch schon eine Weile tot. Nur Norman kann sie sehen und mit ihr reden. Was sein Vater gar nicht gut findet. Da der stille Einzelgänger Norman auch alle anderen Toten sieht, die durch ein schreckliches Ereignis umkamen oder noch etwas zu erledigen haben, ist er in der Schule ein verspotteter Außenseiter. Norman schaut so viel Horrorfilm, dass ihm die Haare einfach dauernd zu Berge stehen. In seinem Zimmer gibt es haufenweise Horror-Figuren und Bilder, in die die herrlich spaßig-schaurige Stop-Motion-Animation fröhlich einblendet. Lustig ist „ParaNorman" sowieso meistens, zum Totlachen wie die besten Zombie-Späße. Und zum Erschrecken, denn die lebenden Toten rufen ja immer die Monster in den Menschen hervor.

Denn in letzter Minute (seines Lebens) vererbt Normans verschrobener Onkel Prenderghast, der von der Familie ferngehalten wurde, dem Junge eine Aufgabe: Um das Örtchen Blithe Hollow, das viel Rummel um eine Hexe macht, vor einem Fluch von eben dieser zu retten, soll der Junge am Grab der Hexe in einer bestimmten Nacht ein Märchen lesen. Die legendäre Nacht kommt mit düsteren Wolken, Norman kann dem Hausarrest entwischen, entreißt das Buch in einem umwerfend komischen Totentanz den Händen seines verblichenen Onkels und weiß dann nicht, wo das Grab der Hexe ist. Deshalb kriechen die sieben Richter, die vor 300 Jahren ein schändliches Urteil sprachen, als Zombies aus dem Friedhofsboden und sorgen in der Stadt für heftigen Aufruhr.

Man kann sich die Augen ausschauen an den tollen Zombies und den nicht minder gemein karikierten Dörflern. Augen fallen auch mal von selbst aus, mal ist ein rechter Richter-Arm dran, dann wieder ab. Der abbe Arm hält aber bei der Jagd auf Norman für die anderen Zombies die Augen auf. Kleine Details und Szenen-Zitate belegen eine Begeisterung für das Genre, die aber nicht davongaloppiert, ohne auch noch ein paar gute Gedanken fürs Leben mitzunehmen.

Die Hexenjagd mit Massenaufläufen und Lynchgelüsten in dem klugen Kinderfilm „ParaNorman" unterscheidet dieses handwerklich herausragende Vergnügen von plumpen Horror-Klamotten und -Satiren. Denn vor 300 Jahren wurde ein Mädchen, das genau wie Norman die Toten sah, als Hexe ermordet. Der Junge versteht besser als die Erwachsenen, dass es die Angst der anderen vor den besonderen Fähigkeiten war, die zur Gewalt führte. Und dass jetzt wieder die Angst des kleinen Mädchens das Dorf heimsucht. Selbst Zombies sind ziemlich menschlich, wenn man ihnen mal ohne Angst in Ruhe zuhört! So wie Norman die kleine Hexe mit einem Märchen beruhigen soll, ist „ParaNorman" selbst ein Märchen, ein modernes - mit dessen Grausamkeiten und Wahr- und Weisheiten. Der kluge Spaß mit den grandios animierten Figuren könnte von Tim Burton sein, stammt aber von der Produktionsfirma Laika, die zwar 2005 schon „Corpse Bride - Hochzeit mit einer Leiche" realisierte, aber vor allem zuletzt die ähnlich im süßlich-melancholischen Schrecken des Außenseitertums angesiedelte „Coraline". So ist „ParaNorman" sicher nicht „für die ganze Familie", aber wer von Disneys heiterer Buntheit immer Pickel bekommt, fühlt sich hier vielleicht besser verstanden.

17.8.12

Total Recall

USA, Kanada 2012 (Total Recall) Regie: Len Wiseman mit Colin Farrell, Kate Beckinsale, Bryan Cranston, Jessica Biel, Bill Nighy 118 Min.

In einer Zeit, die „recall" mit prolligem Dumpf-Sänger und piepsiger Modell-Quälerin verbindet, kann man tatsächlich ein Remake von Schwarzeneggers / Paul Verhoevens „Total Recall" aus dem Jahr 1990 bringen. Wobei die total runderneuerte Version direkt enttäuscht: Alles was in den ersten 30 Minuten passiert, wurde bereits im Trailer verraten: In einer verseuchten Zukunft, in der zwischen die Vereinigten Staaten von Großbritannien und die ausgebeuteten Kolonien (Australien) ein unterirdischer Schnelltunnel verbindet, will sich der frustrierte Arbeiter Douglas Quaid (Colin Farrell) mit dem künstlichen Traumtrip der Firma „Rekall" von seinen Alpträumen erholen. Doch bevor ihm dabei klar wird, dass er eigentlich der sagenhafte Geheimagent Hauser ist, hat er auch schon einem ganzen Trupp schwer bewaffneter Regierungssoldaten umgebracht. Seine zu schöne Ehefrau Lori (Kate Beckinsale) will ihn von nun an ums Leben, und die andere Schöne, Melina (Jessica Biel), sicher zu den Rebellen in den Kolonien bringen.

Das Original von 1990 wirkt nicht nur aus heutiger Sicht mit den horrenden Mutationen auf der Mars-Kolonie wie ein Trash-Filmchen, kann aber trotzdem einige Punkte machen. Jeder Film sieht nach 20 Jahren digitaler Tricktechnik besser aus, was jedoch in dem ganzen „production design" verloren geht, ist die Idee von Philip K. Dick. Nach „We Can Remember It For You Wholesale", einer der vielen Kurzgeschichten des legendären Science Fiction-Autors, entstand „Total Recall" und wie immer haben bei ihm die Identitäten doppelte Böden, die selbst ihre Eigner nicht kennen. Beziehungsweise erst im Laufe der Handlung schmerzlich erkennen müssen. „Glaube nichts und niemanden" könnte so ein Kerngedanke der Dickschen Aufklärung sein. „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?" ist als Frage aber auch immer noch zeitgemäß. Ebenso wie die Entscheidung zwischen dem Sein oder Nicht-Sein, dem Wachen oder dem Träumen (Hamlet), der roten oder der blauen Pille (Neo). All dies kann selbst heftigster Action-Ballast nicht ganz untergraben, weitestgehend schon.

Doch genug philosophiert, Action ist 2012 eindeutig die Hauptsache. Bei all dem ermüdenden Rennen und Raufen läuft als Running Gag mit, dass Hauser von seiner Frau Lori verfolgt wird. Dann gibt es noch etwas Zicken-Krieg und die Geldscheine der Vereinigten Staaten von Großbritannien ziert der Kopf von Obama. Ansonsten nehmen wir alles sehr ernst. Da sehnt man sich fast nach dem nicht gerade begnadeten Schauspieler Arnold Schwarzenegger, dessen humoristische Einzeiler wenigstens nachhaltig funktionierten. Colin Farrell spielt Hauser ziemlich verkrampft, Kate Beckinsales Lori wirkt lange wie die eigentliche Heldin. Sie ist auch Gattin des „Underworld"-Regisseurs Len Wiseman. Gut sieht das in die Hand implantierte Handy aus, das sich mit jeder Glasplatte zum kompletten Computer erweitern lässt. Allerdings gehört es auch zur totalen Überwachung.

Technische Spielereien genehmigt sich der Film selbst reichlich: Beim Verfolgungsjagd mit fliegenden Autos schießt man immer noch irgendwie auf die Reifen. Im riesigen, multi-direktionalen Aufzugsschacht, wechselt man weiterhin die Richtung mit beherztem Sprung. Auch der Effekt von Maschinengewehr-Rückstößen in Schwerelosigkeit ist eindrucksvoll, aber nicht originell. Schön höchstens, dass zur Erinnerungs-Hilfe eine Klavier-Szene aus „Blade Runner" (ebenfalls von Dick) nachgebaut wird. Auch die Straßen-Szenen in der Kolonie kopieren dreist, genau wie die Roboter, die peinlich nach „Clone Wars" oder „I, Robot" aussehen. Also mehr Schein als Sein, was wieder eine Aussage von Dick sein könnte, jedoch kaum so von den Filmemachern gemeint.

15.8.12

Starbuck

Kanada 2011 (Starbuck) Regie: Ken Scott mit Patrick Huard, Julie LeBreton, Antoine Bertrand 109 Min. FSK ab 12

Was für eine herrliche Idee: Da kann sich ein etwas fahrige Mann, der als Fahrer für eine Fleischerei arbeitet, nicht ganz zur Schwangerschaft seiner Freundin Valérie durchringen und hört kurz darauf, dass er bereits 533-facher Vater ist - dank eifriger Samenspenden in der Vergangenheit. 143 seiner Kinder wollen nun über eine Sammelklage die Identität ihres Erzeugers erfahren. David Wozniak (Patrick Huard) beauftragt seinen dicken Freund und Anwalt (Antoine Bertrand) mit der Verteidigung seiner Anonymität. Gleichzeitig macht er sich daran, seine Kinder heimlich und anonym kennenzulernen. Auch dass sich sein Freund im Familienbild mit vier Kindern völlig überfordert zeigt, kann David nicht von diesem Wunsch abbringen. Sein erster Sohn auf der Liste erweist sich als Torjäger - eine Offenbarung für den Fußballfan! Einem Kellner hilft David, die Rolle seines Lebens zu bekommen. Als Pizzabote rettet er eine Tochter vor einer Überdosis, bei einem schwer behinderten Jungen kann er nur für eine Weile einfach da sein. „Starbuck" macht sich gar nicht die Mühe, all die Begegnungen besonders glaubhaft zu gestalten. Aber sie wirken echt aus dem Leben gegriffen. Patrick Huard zeigt sich als toller Komödiant: Herrlich wie er immer staunend vor den Früchtchen seiner Lenden steht.

Das ergibt viele schöne und auch einige wunderbare Momente vor dem Hintergrund Montreals mit seinem originellen französischen Dialekt „québécois". Ein Treffen von Davids Sprösslingen am See feiert das Leben mit allen seinen Formen, seinen Tattoos, seinen Spielbällen. Das alles zeigt Regisseur und Ko-Autor Ken Scott in scheinbar ganz einfachen, aber genau den richtigen Szenen, sodass die Sympathie für diesen Wohlfühlfilm wächst und wächst. Wie auch die für David, der sich zu einem Super-Papa entwickelt, aber immer noch seine Valérie überzeugen muss. Derweil interessieren sich auch die Zeitungen weltweit für den mysteriösen Starbuck und ein paar Geldeintreiber wollen immer nachdrücklicher seine Schulden abkassieren ...

14.8.12

360

Großbritannien, Österreich, Frankreich, Brasilien 2011 („360: A Vida é Um Círculo Perfeito") Regie: Fernando Meirelles mit Anthony Hopkins, Jude Law, Rachel Weisz, Moritz Bleibtreu 110 Min. FSK ab 12

Der neue Mereilles, ein Beziehungsreigen um die ganze Welt, ist eine runde Sache. Und ästhetisch ein Meisterwerk - das bei all seinen Dramen ein gutes Gefühl hinterlässt. In einer sehr freien Adaption von Arthur Schnitzlers Bühnenstück „Der Reigen" erleben wir mit zehn Hauptpersonen die Globalisierung von Schicksalen und Gefühlen.

Der „perfekte Kreis des Lebens" (so der portugiesische Titel) beginnt und endet in Schnitzlers Wien. Die Dirne von 1920 ist heute die junge Slowakin Mirka (Lucia Siposová) aus Bratislava, die bei einem ekligen Wiener Fotograf ihre Karriere als Prostituierte beginnt. Der britische Geschäftsmann Michael Daly (Jude Law) verpasst seine Stunde mit ihr, weil ein hinterhältiger Geschäftspartner (Moritz Bleibtreu) ihn erwischt. In einer der vielen genialen Bildkompositionen des Films wird Law während der Erpressung durch Bleibtreu in seinem Bildausschnitt ganz klein. So winzig kommt er auch in seine Londoner Wohnung zur Ehefrau Rose (Rachel Weisz) zurück. Die hat inzwischen ihrem jüngeren brasilianischen Liebhaber einen Korb gegeben, der wiederum zuhause das Abschiedsvideo seiner Freundin Laura (Maria Flor) findet. Im Flieger trifft diese auf John (Anthony Hopkins), der in die USA reist, um eine Leiche in Augenschein zu nehmen, die seine seit Jahren verschwundene Tochter sein könnte. Auf dem Flughafen von Denver hängt wegen eines Schneessturms auch der Sexualstraftäter Tyler (Ben Foster) fest, der erstmals Freigang hat und nur schwer den Versuchungen des menschlichen Kontaktes widerstehen kann. Ausgerechnet an seinen Tisch setzt sich Laura und nimmt ihn sogar in mit ins Hotelzimmer...

Vor allem diese Szene ist unheimlich bedrohlich, während die unterschiedlichen Aspekte von Beziehung, Treue oder Untreue durch intensives Schauspiel fesseln. Obwohl die „Aktwechsel" im Gegensatz zu Schnitzlers „Reigen" nicht immer den direkten Anschluss zeigen, packt jeder neue Blickwinkel jeder neuen Episode - auch durch die sehr prominente Besetzung und tolle Songs im Übergang. Eine kleine Soloshow von Hopkins, in der sich sein John bei den Anonymen Alkoholikern einiges klar wird, gehört zu den vielen Höhepunkten von „360".

Während der Wiener Reigen 1920 bitter und gnadenlos seine Gesellschaft sezierte und auch wegen vieler Sexual-Akte bis 1981 nicht aufgeführt werden durfte, führt diese Weltreise zu Akten der Emanzipation: Vom Glauben, von einer Trauer, von einem Partner. Was nicht immer zu neuem Glück führen muss. Die Pariser Zahnarzthelferin Valentina (Dinara Drukarova) wird von ihrem durch Psychoanalyse und Religion fehlgeleiteten Chef und Liebhaber (Jamel Debbouze) abgewiesen. Das wieder spannende Finale zurück in Wien - nach einer Fahrt um den Ring! - ist dann fast märchenhaft.

„360" vom Brasilianer Fernando Meirelles („Die Stadt der Blinden", „Der ewige Gärtner", „City of God") beginnt mit einem Foto-Shooting und endet mit einem Schuss. Was längst nicht die einzige Finesse dieses sehr raffiniert gestalteten Films ist (Buch: Peter Morgan). Immer wieder gibt es reizvolle Splitscreens, Dialoge über Spiegel und die innere Zerrissenheit der Lügen und Geheimnisse spiegelt sich in doppelten Reflexionen wieder (Kamera: Adriano Goldman). Zentral bleiben die Fragen „Wie kommen wir hier hin? Welche Entscheidung sollen wir treffen?" Die Antwort ist so überzeugend wie der Film.

Wer's glaubt, wird selig

BRD 2012 Regie: Marcus H. Rosenmüller mit Christian Ulmen, Marie Leuenberger, Nikolaus Paryla, Lisa Maria Potthoff, Fahri Yardim, Hannelore Elsner 101 Min. FSK ab 6

Für private Innenansichten vom Papst braucht man keine Vati-Leaks, man lädt ihn sich einfach zum Spaghetti-Essen nach Hause. So lässt es der am meisten überschätzte Regisseur der deutschen Filmgeschichte, Marcus H. Rosenmüller („Wer früher stirbt, ist länger tot",„Der Sommer der Gaukler"), seinen Hamburger Trottel Georg (Christian Ulmen) in bayrischen Gefilden tun. Dessen Schwiegermutter Daisy (Hannelore Elsner), eine extremistische Katholikin, streckte ein schweres Kreuz nieder, weil nebenan ihre Tochter Emilie (Marie Leuenberger) mit Georg den ersten Sex nach Monaten hat. Da in Hollerbach wegen Schneemangel auch der Tourismus daniederliegt, will der frustrierte Ehemann die Daisy mit zwei inszenierten Wundern zur Heiligen machen und trifft im Rahmen der lächerlichen Aktion „santo subito" tatsächlich auf den Papst, um Beziehungsprobleme zu besprechen.

Die haarsträubend hanebüchene Konstruktion des üblen Bauerntheaters „Wer's glaubt, wird selig" knarzt dramaturgisch an allen Ecken und Kanten. Ja, der verfilmte Schenkelklopfer des maßlos überschätzten Dialekt-Regisseurs Rosenmüller ist so grottig, dass Christian Ulmen endlich mal was aufwerten kann. Ulmen gibt den Ulmen und darf dämlich verliebt dreinblickend wieder infantil stammeln. Nur Hannelore Elsner bringt als böse Schwiegermutter ein paar gute Momente in die einfältige Klamotte. Das einzige Wunder dabei ist die Tatsache, dass dieser Film ins Kinos kommt.

13.8.12

We Need to Talk About Kevin

Großbritannien, USA 2011 Regie: Lynne Ramsay mit Tilda Swinton, John C. Reilly, Ezra Miller, Siobhan Fallon 112 Min.

Die Mutter des Amokläufers

Eingetaucht in zahllose Rotvarianten von der südländischen Tomatenernten-Orgie, bei der Swinton schon gekreuzigt erscheint, bis zu Tomatensuppen-Regalen und der von Nachbarn vollgeschmierten Hausfront durchlebt Tilda Swintons Figur Eva ihr Mörder-Mutter-Martyrium, für das die Britin mit dem Europäischen Filmpreis 2011 als Beste Darstellerin ausgezeichnet wurde: Eva hat etwas Böses getan - einen Amokläufer großgezogen. In einem manchmal euphorisierenden manchmal anstrengenden Fluss der Erinnerungen und Leidensmomente rekapituliert Eva von der Zeugung, über Zweifel in Schwangerschaft und auch sonst ihre durch ein veritables Monster immer überforderte Mutterschaft. Kevin ist ein echtes Biest - Rosemarys Baby dagegen ein Schätzchen. Mit hämischen Grinsen setzt er seinen hübschen Kopf durch, notfalls hilft er mit hinterhältigen Intrigen nach. Dass er an seiner Schule kaltblütig ein Massaker anrichtet, konnte man jedoch nicht ahnen. Oder doch, schließlich hatte er schon das Auge seiner kleinen Schwester herausgeschossen...

Genau einmal darf man bei diesem anderen „Kevin" lachen, als zwei Mormonen auf die Frage nach Evas Verbleib im Jenseits von ihr sofort die überzeugte Antwort „Im ewigen Fegefeuer" erhalten. Die 1969 in Glasgow geborene Regisseurin Lynne Ramsay legt ihr in vieler Hinsicht packendes und Fragen aufwerfendes Drama - nach Lionel Shrivers Roman „Wir müssen über Kevin reden" - berauschend und erschlagend an. Inhaltlich wie formal. Ein gewaltiges Kino-Stück!