17.10.07

Invasion


USA 2007 (The Invasion) Regie: Oliver Hirschbiegel mit Nicole Kidman, Daniel Craig, Jeremy Northam 99 Min. FSK: ab 12
 
Ein ganz normaler Morgen in der Großstadt: Jeder starrt vor sich hin. Niemand interessiert sich für den anderen. Wie Roboter gehen die Menschen ihrer Wege. Ein normaler Morgen? Oder sind doch gefühlslose Außerirdische in die Hüllen der Menschen geschlüpft? Diese nahe liegende Vorstellung wurde nun zum vierten Male für das Kino verfilmt, wobei der gesellschaftspolitische Hintergrund um Nuancen variiert wird: Bei Don Siegels "Invasion of the Body Snatchers" ("Die Dämonischen", 1956) bestimmten McCarthy, Kommunistenhatz und Denunziation die Stimmung. Die Nixon-Ära und Watergate waren für Philip Kaufmans "Die Körperfresser kommen" 1978 prägend. In Abel Ferraras "Body Snatchers" war 1993 der erste Irak-Krieg zu spüren, jetzt hat die Invasion der gefühlslosen Körperklauer auf den Fernsehschirmen im Hintergrund eine direkte Folge: Die US-Truppen ziehen aus dem Irak ab!
 
Es beginnt mit dem Absturz eines Space-Shuttle: Die Sporen auf den Trümmern infizieren immer mehr Menschen in den USA. Im Schlaf verpuppen sie sich, wachen als kalte Imitate der vorherigen Körper-Eigner auf und haben nur das Ziel, noch mehr Menschen zu gefühlslosen Dahinvegetierern zu verwandeln. Psychiaterin Carol (Nicole Kidman) bemerkt in ihrer Praxis und auf den Straßen früh dieses seltsame Verhalten. Nicht nur ihr Ex-Mann Tucker (Jeremy Northam) zeigt sich völlig gefühllos, "wie vom anderen Stern". Zusammen mit ihrem Kollegen und Geliebten (Daniel Craig) kommt Carol dem Virus bald auf die Spur. Doch inzwischen ist ihr Sohn in der Hand der Körperfresser und im fast vollständig eroberten New York gibt es nur eine Tarnung: Egal was passiert, keine Regung zeigen.
 
Gleichzeitig ist auch eine Invasion junger deutscher Regisseure in Hollywood festzustellen: Fast wöchentlich gibt es nun US-Debüts heimischen Talents mit Hollywoodstars: Nicole Kidman wagt das Experiment mit Oliver Hirschbiegel, Mennan Yapo gab mit Sandra Bullock ein "Vorahnung" seines Könnens. Robert Schwentke hob mit Jodie Foster und "Flightplan" ab. Viele andere kommen mit ihren US-Start gar nicht erst ins Kino: Katja von Garnier mit "Blood and Chocolate", in dem Katja Rieman an der Seite von Olivier Martinez spielt. Und hat jemand jemals "The I Inside" von Roland Suso Richter ("14 Tage lebenslänglich") gesehen? Vom Trash-Filmer Dr. Uwe Boll ("Postal", "Schwerter des Königs") wollen wir eigentlich nicht reden, der ist auf Video und DVD ganz gut aufgehoben.
 
Der ehemalige "Tatort"- und "Rex"-Regisseur Oliver Hirschbiegel, hat sich mit "Das Experiment" und "Der Untergang" in die erste Kinoreihe vorgearbeitet. Dieses Remake realisierte er erfreulich routiniert und sicher. Die "Invasion" enthält einige heftige und auch Schockmomente. Doch das Gleichgewicht zwischen den Horror-Genreelementen und dem guten Spiel erweist sich als ausbalanciert, macht den bekannten Film-Stoff noch einmal interessant. Nicole Kidman beeindruckt als ruhelose Löwenmutter, ohne zur Kampfmaschine a la Jovovich zu mutieren. Besonders schön gespielt ist, wie befremdend Gefühlskälte sein kann. Ohne das Ende vorwegzunehmen ist doch bemerkenswert, wie diesmal der finale Widerhaken ausgearbeitet wurde: Nicht als Möglichkeit einer Wiederkehr der Körperfresser, sondern als Gedanke, ob die gefühllose nicht doch die bessere Welt gewesen wäre. In dieser fand zumindest der Irak-Krieg ein Ende.

14.10.07

Gefahr und Begierde


USA, China, Taiwan 2007 (Se, jie / Lust, Caution) Regie: Ang Lee mit Tony Leung Chiu-wai, Wei Tang, Joan Chen 159 Min. FSK: ab 16
 
Mit "Gefahr und Begierde" gewann der Taiwanese Ang Lee zum zweiten Male nach 2005 ("Brokeback Mountain") den Goldenen Löwen der Filmfestspiele von Venedig. Mit seinem neuesten Film kehrte der ebenso meisterliche wie vielseitige Regisseur mit  in heimatliche Gefilde zurück: Die tragische Geschichte einer chinesischen Widerstandskämpferin unter japanischer Okkupation bietet edles Historienkino mit gefährlichen Leidenschaften.
 
Vorsicht: Lust! könnte auch der Titel des Films lauten, der auf einer Kurzgeschichte der populären chinesischen Autorin Eileen Chang basiert. Er erzählt von der Lust und der Vorsicht. Schwer zu balancieren für die junge Agentin Wong Chai Chi. 1942 während der japanischen Besetzung großer Teile Chinas, erleben wir in Shanghai den inneren Kreis aus Ehefrauen der Majonetten-Regierung. Beim Mahjong-Spiel belauern sie sich hinterhältig, doch was wirklich hinter den Fassenden der fein geschminkten Gesichter vor sich geht, enthüllt erst eine Rückblende: Bereits vier Jahre vorher suchte Frau Mak den Kontakt der mächtigen Frau Yee. Frau Mak ist in Wahrheit die Studentin Wong Chai Chi, die mit Kollegen einer Laien-Theater- und Laien-Widerstandstruppe den Verräter Yee umbringen will. Dabei schwärmte das Mädchen eigentlich nur für den jungen Anführer der Truppe. Die Studenten geben sich als Geschäftleute aus, ruinieren sich mit zu teurem Lebensstil, aber haben Erfolg: Wong Chai Chi wird Freundin der Frau Yee und fast die Geliebte des Kollaborateurs. Doch dann fliehen die Yees nach Shanghai und erst Jahre später wird Chai Chi erneut vom Widerstand kontaktiert. Jetzt geht der extrem vorsichtige, auch mit Folter beauftragte Sicherheitschef Yee auf das Verhältnis ein, doch die Verführerin Chai Chi verfällt ihm sexuell.
 
Faszinierend rekonstruierte und gemalte Sets lassen Shanghai und vor allem ein irritierend flach bebautes Hongkong der Vierziger Jahre aufleben. (Auch der Preis für die Beste Kamera ging an dieses Drama und seinen Kameramann Rodrigo Prieto.) Die Geschichte von der Gefahr, seinen Unterdrücker zu lieben, ist nicht wirklich neu und wie schon bei "Brokeback Mountain" wurde die intensive Kurzgeschichte mit erotischer Triebkraft - hier von der populären chinesischen Autorin Eileen Chang - episch ausgeweitet. Ko-Autor Lees war erneut sein langjähriger Produzent James Schamus. Erst auf dem Höhepunkt des Gefühlkonflikts Wong Chai Chis, die den jungen Widerständler liebt, aber den Feind ins Bett gehen muss (und dieser Lust verfällt), packt die Geschichte wirklich. Eindringlich sind dabei vor allem die sehr offenen Liebesszenen voller Gewalt und Intensität, von denen Ang Lee ("Sinn und Sinnlichkeit", "Eissturm") erzählt, sie hätten - mit ganz intimem Team hinter der Kamera - nur einen halben Tag arbeiten können, danach wären alle völlig ausgelaugt gewesen.

10.10.07

Pornorama oder Die Bekenntnisse der mannstollen Näherin Rita Brauchts


BRD 2007 Regie: Marc Rothemund mit Benno Fürmann, Tom Schilling, Karoline Herfurth 94 Min. FSK: ab 12

Diese Schmuddelfilm-Klamotte, die ebenso verklemmt und kleingeistig ist, wie die Vorbilder aus den 60ern, firmiert meist unter "Der neue Film von Marc Rothemund", des völlig überschätzten "Sophie Scholl"-Regisseurs. Nach dem schwer erträglichen "Genuss" dieser vorgeblichen "Romantischen Komödie" (nix romantisch, überhaupt nicht komisch), kann gewiss sein, dass danach kein Film mehr "der neue von Marc Rothemund" heißen wird...

Der junge Polizisten-Anwärter Bennie möchte lieber auf der anderen Seite bei den 68er-Demonstranten stehen. Einer hübschen Aktivistin gegenüber gibt es sich als Filmhochschüler aus und da passt es, dass der klamme Bruder einen der gerade erfolgreichen Sex-Filmchen drehen will. Doch vor allem der italienische Busenstar erweist sich als Problem. Enorme Peinlichkeit für alle Beteiligten!

Operation: Kingdom


USA 2007 (The Kingdom) Regie: Peter Berg mit Jamie Foxx, Jennifer Garner, Jason Bateman, Chris Cooper 110 Min.
 
Ein Film traut sich dort hinzugehen, wo die amerikanische Politik zu viele reiche Freunde sah: Unter anderem Michael Moore hat in "Fahrenheit 9/11" dargelegt, dass viele Verbindungen der Attentäter von "9/11" nach Saudi-Arabien weisen. Nicht nach Afghanistan, nicht in den Irak oder in den Iran!
 
Nun brechen vier FBI-Spezialisten nach einem schrecklichen Attentat nach Saudi Arabien auf, um im Trümmerfeld einer Basis der US-Armee, die seltsamerweise hauptsächlich von lieben, unschuldigen Kindern bevölkert wird, nach Spuren zu suchen. Ein Politikum und eine Provokation für die stolzen Saudis, die zur Begrüßung eifrig an Auto- und Splitterbomben basteln. Gegen alle Widerstände boxen und schießen sich die vier Amerikaner mit einem arabischen Freund den Weg frei.
 
Was klingt wie Karl May ist vor allem durch avancierte Gestaltung mehr als das übliche Rache- und Rettungs-Klischee, bei dem Rambo nicht mal den Tiefpunkt setzte. Zwar fährt "Operation: Kingdom" auf fiese Art die Familienschiene, ist nationalistisch und überheblich. Doch es gibt auch ein Mehr an Personenzeichnung auf beiden Seiten. Packende Figuren, exzellent gespielt von Jamie Foxx, Jennifer Garner und Co auf der amerikanischen Seite. Etwas weniger nuanciert bei den Saudis.
 
Der vor allem ästhetisch bemerkenswerte Film erzählt im raffiniert animierten Vorspann schon mehr, als die meisten Focus- oder sonst wie Hintergrund-Artikel: Genug Informationen, ästhetisch avanciert präsentiert, um darüber gleich mehrere Studienarbeiten von Politik zu Filmanalyse zu füllen. Da wandelt sich eine Säulendarstellung des nationalen Ölverbrauchs der USA in einen Zwillings-Turm, in den dann ein Passagierflugzeug stürzt! Meinungen, Gehirnströme und Widerstand provozierend. Nicht die schlechteste Wirkung eines Films. Wobei das bitter-böse Ende nachhaltig haften bleibt ...

Die Vorahnung


USA 2007 (Premonition) Regie: Mennan Yapo mit Sandra Bullock, Julian McMahon, Nia Long, Amber Valletta 97 Min.
 
Wie übersetzt man eigentlich "Self-fulfilling prophecy"? "Selbsterfüllende Prophezeiung" klingt holperig, aber es geht bei beiden Begriffen um eine Vorausdeutung, die sich nur realisiert, weil sie überhaupt ausgesprochen wurde. Beispiele reichen von Ödipus mit dem orakelten Vatermord bis "Star Wars" mit Anakins verzweifeltem Streben, seine geliebte Padme zu retten, und "Matrix" mit dem Oracle-Spruch für Neo. Alles Vorhersagen, die sich nur erfüllen, weil man sie gemacht hat, oder weil man versucht, sie zu verhindern.
 
Es dauert eine Weile, bis Linda Hanson (Sandra Bullock) versteht, dass sie Visionen der Zukunft hat: Mal wacht sie neben ihrem Mann auf, dann ist er am nächsten Tag tödlich verunglückt, um am Morgen wieder unter der Dusche zu stehen. Eine klügere Frau hätte vielleicht viel früher angefangen, auf den Kalender zu schauen, doch irgendwann verstehen Zuschauer und Linda, dass hier die Chronologie durcheinander geraten ist. Nicht weil der Film des türkisch-deutschen Nachwuchs-Regisseurs Mennan Yapo ("Lautlos") interessanter wirken will, als er eigentlich ist. (Oder weil der Film vom Schneidetisch gefallen ist.) Linda weiß, was passieren wird und hat die Chance, innerhalb einer Woche die Zukunft zu verändern. Mit allen Gefahren der "Self-fulfilling prophecy"! Anständig, aber nicht durchgehend überzeugend, setzte Yapo (eigentlich: Yapıcıo
ğlu) die einfache Filmidee um. Spiel und Kamera überzeugen, dem Buch hätten mehr Logik und Nachdenken gut getan.

Klopka - Die Falle


Serbien, BRD, Ungarn 2006 (Klopka) Regie: Srdan Golubovic mit Nebojsa Glogovac, Natasa Ninkovic, Miki Manojlovic 102 Min. FSK: ab 12
 
Wie weit geht ein Vater, um seinen todkranken Sohn zu retten, dessen notwendige Herzoperation nicht von der Krankenversicherung getragen wird? Diese Frage beantwortete Barbet Schroeder in "Desperate Measures" mit einem exzellenten Thriller und Michael Keaton. Auch Denzel Washington nahm als "John Q" von Nick Cassavetes ein ganzes Krankenhaus als Geisel, um seinem Sohn ein neues Herz zu erkämpfen. Und nun Nebojsa Glogovac. Wer? Richtig, ein weitgehend unbekannter serbischer Schauspieler gibt den Bauingenieur Mladen, der von einem Unbekannten (Miki Manojlovic aus "Irina Palm") ein teuflisches Angebot erhält: Das Leben eines Mannes, ohne den die Welt ein Stückchen besser wäre, gegen das Leben seines sterbenden, achtjährigen Sohnes.
Ohne Starpower und mit einem realistischeren Maß an Gewalt, erschreckt "Klopka" mit der Brutalität einer Zweiklassen-Gesellschaft und ihrer Menschen. Im deprimierenden Grau Belgrads zeigt sich, was die Gesellschaft aus einem guten Menschen machen kann. Durch die Erzählform des Geständnisses eines reuigen Mörders wird aus dem einfach und sicher inszenierten Film ein großes, erschütterndes Schulddrama.

8.10.07

Sicko


USA 2007 (Sicko) Regie: Michael Moore 120 Min.
 
Der Star in Sachen Film-Propaganda ist seit seiner Goldenen Palme für "Fahrenheit 911" eindeutig Michael Moore. Wer nun seine neueste Agit-Dok "Sicko" gesehen hat, fiebert schmerzlich jeder neuen Gesundheitsreform entgegen. Wenn Gesundheit ein Geschäft wird, wenn Ärzte bei Krankenversicherungen Prämien fürs "Sparen" bekommen, dann freuen sich die Wirtschafts-Liberalen. Die über Spitzfindigkeiten in Verträgen "Eingesparten" sterben zu Tausenden in den USA - jedes Jahr. Wer sich dort keine Krankenversicherung leisten kann - es sollen 50 Millionen sein - ist arm dran. Doch wer auf die kommerziellen Versicherer vertraut, dem geht es erst richtig schlecht. Michael Moore zeigt mit bitterem Spott, wie 70-Jährige für ihre Medikamente arbeiten müssen. Wie ein Ehepaar bei der Tochter einziehen muss, weil Krebs und Herzanfälle die Ersparnisse aufzehrten. Und wie immer wieder die Interviewten sterben, weil absurde Gründe die rettende Behandlung ablehnen. Dabei verdienen diese Konzerne ähnlich gut wie die Pharmaindustrie. Nur das Gesundheitssystem ist pleite.
 
Moore ist längst nicht mehr so spritzig und unterhaltsam wie bei "Bowling for Columbine" oder bei "Fahrenheit 911", mit dem er Bush und die Filmästheten auf die Palme trieb. Der regellose Dokumentarist argumentiert haarsträubend und so simpel, dass es jeder der adressierten US-Amerikaner verstehen kann. Aber man fragt sich, weshalb erst so jemand herkommen muss, um diesen Wahnsinn anzuklagen. (Der Spielfilm "John Q" von Nick Cassavetes und mit Denzel Washington war wohl zu schlecht gemacht, um Wirkung zu haben.) Tatsächlich sollte man jede Gesellschaft danach beurteilen, wie sie mit den schwächsten umgeht. Man wundert sich, dass nur die amerikanische Zollbehörde - wegen eines nicht angemeldeten und dramaturgisch aberwitzig genialen Kuba-Trips - heftige Geschütze gegen den Filmemacher auffährt.

Heimatklänge - vom Juchzen und andern Gesängen


CH/BRD 2007
Regie: Stefan Schwietert
mit: Erika Stucky, Noldi Alder, Christian Zehnder
Kamera: Pio Corradi
Ton: Dieter Meyer
Montage: Stephan Krumbiegel, Calle Overweg
Mischung: Jörg Höhne
Ton Design: Oswald Schwander
Filmmusik: Knut Jensen
Länge: 81 Min.
Schweizerdeutsches Original mit UT
Verleih: Ventura
Kinostart: 11.10.2007

Wie exotisch schon die Weltmusik von Nebenan sein kann, zeigt Stefan Schwietert in seiner - nach "Accordion Tribe", "Acordeón del diablo" und "A Tickle in the Heart" - neuerlich mit ungewöhnlichem Sujet überraschenden und fesselnden Dokumentation über drei Avantgarde-Jodler.

"Dö Dudel Dö ist zweites Futur bei Sonnenaufgang," so hieß es in Loriots "Jodelschule". Und man muss vielleicht so weit in die Verballhornung des Jodelns absinken, um klarzumachen, welch ungewöhnliche Einblicke Stefan Schwietert vermittelt: Die "Heimatklänge" schaffen es schon mit den ersten Bildern der Musiktradition des Jodelns eine Anmut zu geben, die nur noch staunen lässt. Dabei bewegt der Film sich allerdings noch auf bekanntem Terrain, zeigt Alpengipfel im Panorama-Schwenk. Dann beginnt mit ungewöhnlichen Tönen eine musikalische Entdeckungsreise vom Urgrund dieser Tradition bis zu experimentellen Höhen. Da wird überm Gletscher mit der Stimme jazzig improvisiert. Ein Tango tanzt erstaunlich harmonisch mit den Guturallauten. Das wilde Ausprobieren der Stimme erinnert an den Experimentalmusiker Fred Frith ("Step Across the Border"). Plötzlich erklingt Jodeln als äußert spannende, auf andere Art mitreißende Musik.

Als Protagonisten treiben drei bemerkenswerte Künstler diese Entwicklung voran: Erika Stucky, Noldi Alder, Christian Zehnder.

Der Basler Christian Zehnder, ein bekehrter Saulus, fand Jodeln "scheiße". Doch nach heftiger Abwehr brachte ihn die Suche nach eigener Identität in der Weltmusik zurück zu den musikalischen Urgründen. Mit dem Akkordeon und modifizierten Alphörnerm testet er aus, "wie die Schweiz tönt", ahmt einen Zug nach, wechselt immer wieder in den Oberton-Gesang. Zu den Aufnahmen seiner Konzerte, laufen seltsam unpassende, grobkörnige Bilder der Schweiz, die sich gegen übliche Postkarten-Klischees stellen.

Noldi Alder stammt aus der bekannten Appenzeller Volksmusikerdynastie Alder, reiste bereits als Junge reiste er mit seinem Vater und seinen Brüdern durch die Welt, um zum traditionellen Tanz aufzuspielen. Nach einem Studium der klassischen Musik führt er das Bekannte in ungehörte Bereiche. Das berührende Treffen mit seinem Vater, der die Fort-Entwicklung der nächsten Generation sichtlich stolz betrachtet, bringt alt und neu nicht nur musikalisch zusammen. Die Bilder traditioneller Chöre treffen im Ton auf moderne Klänge. Das Appenzell vermittelt Eindrücke von der alten Funktion dieses Gesangs bei der Verständigung in unwegsamer Berglandschaft. Das mag auf den ersten Blick nicht so cool wie beim Flamenco sein, doch mit der Ruhe dieses Films entdeckt man ähnliche Intensitäten.

In einer Person vereinigt die wilde, ungezähmte Künstlerin Erika Stucky neue und alte Welt. Ihre freie Kindheit verbrachte Stucky in Kalifornen, bevor es ins nicht nur von Bergen eingeengte Wallis ging. Der Berufswunsch Hula-Hula-Tänzerin stieß hier auf Unverständnis, doch in immer wieder überraschenden Gesangs-Variationen zeigt sich, dass dieser kreative Geist nicht zu bremsen war. Eine Walliser Lori Anderson sprengt jede Festlegung.

Wie überzeugend diese Doku ankommt, zeigen die erstrangigen Auszeichnungen des C.I.C.A.E. Preises im "Forum" der Berlinale 2007 und des Publikumspreises beim renommierten Schweizer Dok-Festival in Nyon 2007. Stefan Schwieterts "Heimatklänge" fügen sich nahtlos in die Schweizer Tradition, besonders kreative Musiker ins rechte Filmlicht zu setzen. Wenn Christian Zehnder zum Treffen mit mongolischen Musikern reist, lernt man die Weltmusik von nebenan aus einer fernen Perspektive endgültig schätzen. Dieser musikalische Ausflug erweitert Horizont und Klangspektrum. Sehr passend zur Befreiung vom Schubkasten-Denken der Genres lautet der Schlußspruch: "Wir können frei sein .... Wenn wir wüssten, wie frei wir sein können, würden wir einfach platzen!"

Gegenüber


BRD 2007 Regie: Jan Bonny mit: Matthias Brandt, Wotan Wilke Möhring, Victoria Trauttmansdorff 96 Min.

"Gegenüber", der vermeintlich "kleine Film" von Nachwuchsregisseur Jan Bonny überrascht mit einem großen, gewaltig erschütternden Drama.

Die Beziehung von Georg Hoffmann (Matthias Brandt) und Anne (Victoria Trauttmansdorff) wirkt nach mehr als zwanzig Jahren Ehe leicht angespannt. Die Lehrerin ist emotional gebrechlich, der ruhige und beliebte Polizist behandelt sie übermäßig vorsichtig. Georg ist Favorit für eine anstehende Beförderung zum Kommissar, aber so bescheiden, dass er selbst den eindeutig unfähigen, jüngeren Kollegen Michael (Wotan Wilke Möhring) vorschlägt. Zuhause erzählt der stille Mann nichts vom fast heldenhaften Einsatz, bei dem er Michaels Leben rettete. Zuhause schleicht Georg um Anne herum, immer krampfhaft bemüht, sie nicht aufzuregen, es ihr recht zu machen...

Solche Dramen kennt man, auch aus dem Kino reichlich. Doch dann bricht ein äußerst heftiges Psycho-Drama auf, das niemanden im Saal unberührt lässt. Hier sollte man eine Warnung vor dem Weiterlesen einbauen: Der Schock über alles, was sich hinter der Fassade einer nicht glücklichen, aber normalen Ehe abspielt, ist eindringlicher, wenn man vorher nichts ahnt. Es geht nicht nur um die eingeschlafene Sexualität. Oder die Leere, nachdem die Kinder aus dem Haus sind. Nein, ganz gegen die Erwartungen schlägt Anne ihren Mann regelmäßig mit unfassbarer Brutalität blutig und blau. Ihre psychotische Verachtung paart sich gewaltsam mit seiner unendlichen Erniedrigung. Und das ist kein sexuelles (Vor-)Spiel, das ist einfach nur nackte, verzweifelte Gewalt, erschütternd, schwer fassbar. Mit diesem Schock geht der Film in weitere Runden seiner Handlung, erklärt und entwickelt das Drama äußerst stimmig. Jetzt fügen sich die beklemmenden Familientreffs bei Annes völlig unsensiblem und rücksichtslosem Vater in eine psychologische Zwangsfolge von verletzenden Aktionen. Jetzt versteht man die erstickend verhaltene Stimmung, die Probleme der beiden Kinder, die immer alles gewusst haben und nie drüber reden konnten. Wobei all diese Szenen keineswegs die Distanz einer solchen Analyse haben, sondern voller Leben stecken. Leben in seiner grausameren Form! Exzellent auf sehr starke, entscheidende Szenen konzentriert.

"Gegenüber" ist der erste Kinospielfilm vom 1979 in Düsseldorf geborenen Jan Bonny, der an der Kölner Kunsthochschule für Medien studierte. Bis zum offenen Ende folgen Schlag auf Schlag gelungene Szenen, die verzweifelte Verstrickung in ungesunde Abhängigkeiten kann vielleicht zerrissen werden, der erschreckte Blick hinter die Fassade einer ganz normalen Ehe wirkt jedenfalls nach. Ein Muss für alle, die Gefühlskino nicht als Flucht vor hässlichen, aber echten Gefühlen sehen.

2.10.07

Geliebte Jane


USA, GB 2007 (Becoming Jane) Regie: Julian Jarrold mit Anne Hathaway, James McAvoy, Julie Walters 121 Min. FSK: o.A.
 
Die auch als Kinovorlage für Filme wie "Sinn und Sinnlichkeit" und "Stolz und Vorurteil" äußerst beliebte Autorin Jane Austen (1775 - 1817) ist diesmal Heldin einer Biografie, die sich die Freiheit nimmt, Werk und Leben deutlich erkennbar miteinander zu verschmelzen. Abgesehen von dieser reizvolle Grundidee verläuft der Rest des Films ist wie erwartet: Nett kostümiert, gespielt und musikalisch begleitet. Anne Hathaway verkörpert die empfindsame Autorin, die als Tochter eines armen Landpfarrers zu einer einträchtigen Hochzeit gedrängt wird. Dabei ersehnt sie sich wie all ihre Figuren eine Gefühlsverbindung. Doch im Gegensatz zu ihren Romanheldinnen ist Jane Austen kein Happy End vergönnt.

1.10.07

Ratatouille


USA 2007 (Ratatouille) Regie: Brad Bird 111 Min. FSK: o.A.
 
Diese Ratte ist sensationell: Remy kann lesen und versteht selbst die Krone der menschlichen Entwicklung: TV-Koch-Shows! Im Gegensatz zu seinen Artgenossen begnügt sich Remy nicht mit den gefundenen Fressens-Resten, die einem das Leben so vorwirft. Sein guter Riecher führt ihn zu besonderen Genüssen, auch wenn er dafür den Gefahren der Küche einer schießwütigen alten Dame trotzen muss. Sehr zum Missfallen des Vaters! Tatsächlich fliegt bald das ganze Ratten-Rudel auf, wobei das Schicksal Remy ausgerechnet nach Paris spült, genau vor das Restaurant seines verstorbenen Koch-Idols Gusteau. Der verstorbene Meisterkoch erscheint ihm als Geist und motiviert den kleinen Nager, ganz Großes zu leisten.
 
Remy rettet zuerst eine verschüttete Suppe, die der ungeschickte Küchenjunge Linguini recht geschmacklos nachgefüllt hat. Als die von feiner Rattenhand veredelte Vorspeise zum Erfolg wird, verständigt sich die Ratte mit dem untalentierten Kerl, um vereint die verlorenen Michelin-Sterne wieder vom Gourmet-Himmel zu holen.
 
Wir sind zwar im Trickfilm, doch Ratten sprechen auch hier nur den Kommentar. Die Verständigung mit Linguini gestaltet sich also schwierig. Aber es gibt eine Lösung: Wie eine Marionette dirigiert Remy verborgen unter der hohen, leicht durchsichtigen Kochmütze seinen menschlichen Gehilfen durch Ziehen an den Haaren. Das gibt ein witziges Tänzchen aus Schlägen und Bissen, bis sie ihre Zusammenarbeit konditioniert haben. Sehr spaßig dabei Linguinis Übungen mit verschlossenen Augen, eine grandiose Nummer, die mit dem blinden Schneiden des Gemüses veredelt wird. Und es erweist sich als besonders guter Einfall der Filmemacher, dass der lange Lulatsch sich immer besonders tief herunter beugen muss, damit Remy gut an den Gewürzen und Gerichten riechen kann. Denn keiner darf erfahren, wer dem plötzlich zum Koch beförderten Küchenjungen den guten Geschmack souffliert und dass überhaupt eine Ratte in der Küche ist.
 
Rattenscharf ist dieser Film gerade nicht, eher erwachsen für einen Zeichentrick. Klar ist Remy ein sympathischer Charakter, dessen Streben noch Veredlung man mitfühlend verfolgt. Sein aufrechter Gang ist nicht nur menschelnd, er hält so auch die Vorderpfoten zum Essen sauber. Neben viel Bewegung im Hintergrund bei rasanten "Kamerafahrten" sehen wir in dem achten digitalen Zeichentrick der Erfolgsschmiede Pixar auch erneut den Übergang zu den Menschen als Haupt-Figuren wie es Regisseur Brad Bird schon im Superhelden-Abenteuer "The Incredibles - Die Unglaublichen" praktizierte: Eine resolute Lara Croft der Küche vermittelt Linguini die Regeln guten Kochens und Küssens. Dem sehr kleinen und sehr garstigen Küchenchef ist die Heimtücke ins Gesicht gezeichnet, da braucht es gar nicht das Wissen um Gusteaus veruntreutes Erbe. Einen würdigen Nachfolger für die klassischen Disney-Bösewichte stellt der Restaurant-Kritiker Anton Ego mit seiner tödlichen Schreibmaschine dar. Nachdem ein einfaches Ratatouille den verbitterten Gourmet wunderbarst in die glückliche Kindheit zurückversetzte, wird auch er ganz milde. Wenn es in diesen Wochen also sanftere Filmkritiken gibt, mag das auch an ein paar klugen Gedanken zur Kritik am Ende des Films liegen.

Superbad


USA 2007 (Superbad) Regie: Greg Mottola mit Michael Cera, Jonah Hill, Seth Rogen 113 Min. FSK: ab 16
 
Danke für die Vorlage, liebe Produzenten! Euer Film "Superbad" ist tatsächlich super schlecht! Dazu auch super dämlich, super pubertär und super super nervig! Aber er basiert ja auch auf dem Drehbuch zweier 13-Jähriger, da darf man nicht so viel erwarten. Nur etwa 116 Mio. Dollar, die der Film bislang in den USA eingespielt hat! Was erzählt uns das über die Reife der Unterhaltungsindustrie und ihrer Kunden?
 
Der dicke Seth und sein Freund Evan stehen kurz vor dem Abschluss der Highschool und wollen endlich auch mal eine Frau abbekommen. Um auf einer angesagten Fete zu landen, müssen sie eine Menge Alkohol besorgen, was für Jugendliche in den puritanischen USA immer ein besonderer Spaß ist.
 
"Superbad" will erzählen, dass sich Jugend nur um Sex und Saufen dreht. Ok, eine Freundschaft gibt es auch, mit einem Typen, der auf dem Gebiet von Sex und Saufen ein ebensolcher Versager ist. Die x-te Teenie-Zote aus Amiland geht nicht mal mehr als verklemmt anzüglich durch, sie ist einfach platt, eigentlich: äußerst platt anzüglich und überhaupt nicht komisch.

Planet Terror


USA 2007 (Grindhouse: Planet Terror) Regie: Robert Rodriguez mit Naveen Andrews, Freddy Rodriguez, Rose McGowan, Marley Shelton 90 Min.
 
Mit einer äußerst blutigen Bruchlandung auf dem Planet Horror "bereichert" der Nachmacher Robert Rodriguez das Kino mit noch mehr Zombies, Leichen und Zerstückelungen. 14 Jahre nach der Low Budget-Überraschung "El Mariachi" muss man feststellen, dass hier jemand durchaus gut inszenieren kann, aber keine Inspiration zeigt, aus dem Kreislauf der Genre-Remakes auszusteigen.
 
Nachdem irgendein bio-chemisches Experiment finsterer Genossen schief geht, verseucht grüner Nebel die ganze Gegend und verwandelt alle in fleischfressende Zombies. Im Krankenhaus werden reihenweise schrecklich verstümmelte Leichen eingeliefert, die es allerdings kurz darauf wieder auf den eigenen Beinen verlassen - sofern die noch am Körper sind. Man mordet und fleddert ohne Rücksicht. Klar, wenn selbst der persönliche Umgang etwa eines Ärzte-Paares nicht besonders freundlich ist.
 
"Planet Terror" war Teil des recht erfolglosen "Grindhouse"-Projektes: Rodriguez und Quentin Tarantino imitierten das Schundprogramm eines Billigkinos. Eine Doppelvorstellung mit herunter genudelten Streifen ("Death Proof" / "Planet Terror"), Filmrissen, Trailer für noch schrottigere Filme und sogar mit einem komplett fehlenden Akt. Außerhalb der USA versucht man nun "Grindhouse" als zwei eigenständige Teile zu verkaufen und wertet damit die unappetitlichen, mit zuviel Geld gedrehten Billigfilme unnötig auf. Bemerkenswert an diesem Werk von Robert Rodriguez ist höchstens eine hier sehr zynische und makabre Detailfreudigkeit, mit Ideen, die man am neutralsten mit Kopfschütteln abhandelt. Eine Maschinengewehrprothese für ein abgerissenes Bein mag hier als Beispiel genügen. Bruce Willis hat einen Kurzauftritt, bevor er zu den Zombies wechselt. Und auch als Zuschauer möchte man möglichst schnell von dieser Bildfläche verschwinden.

25.9.07

Auf der anderen Seite


BRD 2007 (Auf der anderen Seite) Fatih Akin mit Baki Davrak, Nursel Köse, Hanna Schygulla, Tuncel Kurtiz, Nurgül Ye
şilçay 122 Min.
 
Und ins Oscar-Rennen geht: Fatih Akin mit dem deutschen Starter "Auf der anderen Seite" sowie dem brisanten türkischen Film "Takva". Diese Doppel-Nominierung ist bezeichnend für einen der besten, talentiertesten und auch noch sympathischsten Regisseure der letzten Jahre, für einen Autor, Schauspieler und Produzenten, der fern von irgendeiner Betroffenheitsmasche unglaublich starke Filme macht, in denen vor Leben strotzende Figuren immer mit Grenzen zwischen den Kulturen zu tun haben. Manchmal rennen sie sich "Gegen die Wand" die Köpfe ein. Mal geht es spielerisch von der europäischen Seite des Bosporus auf die asiatische, wenn türkische Musiker in "Crossing the Bridge: The Sound of Istanbul" porträtiert werden. Mal prallen drei hitzige Köpfe aus Serbien, Griechenland und der Türkei im Krimi "Kurz und schmerzlos" aufeinander. Dann folgt Moritz Bleibtreu "Im Juli" der Sonne in den Orient, oder das ganz große Gefühlskino "Solino" verbindet den Ruhrpott mit Sehnsucht nach Apulien. Schon im Kurzfilm "Getürkt" zeigte der Hamburger, dass er auf die Klischees gesellschaftlicher Gruppen nicht reinfällt.
 
Und nun "Auf der anderen Seite". Was für ein Film! Einfühlsam beobachtet, nein: ganz vorsichtig eingelebt, lässt der Film die Lebenswege von Eltern und erwachsenen Kindern für einige dramatische Momente zusammenkommen. Wer "Gegen die Wand" liebte, sollte unbedingt auch Akins Erzählvermögen "Auf der anderen Seite" entdecken. Wer die extrem energische Begegnung zweier exzentrischer Gestalten nicht ertrug, sollte trotzdem den neuen, viel ruhigeren, aber auch auf diese Art intensiven Akin erleben.
 
Der gut gelaunte Senior Ali verliert sein Herz im Puff an die türkische Prostituierte Yeter, bietet ihr äußerst galant ein Beziehungs-Geschäft an, das die ältere Frau nicht ausschlagen kann, hat sie doch ihre studierende Tochter Ayten in der Türkei durchzufüttern. So zieht Yeter beim Witwer ein. Aber nicht die bald drohenden islamischen Sittenwächter, diese scheinheiligen Machos, werden Yeter umbringen, es ist überraschend Ali selbst, der ihr eifersüchtig einen tödlichen Stoß versetzt. Denn Yeter zeigte Gefühle für Alis Sohn, den Hamburger Germanistik-Professor Nejat. Der verzweifelte junge Mann wendet sich von seinem verhafteten Vater ab, reist in die Türkei, um Ayten zu finden.
 
Währendessen floh diese vor Folter und politischer Verfolgung nach Deutschland, entweicht auch der strengen Macho-Hierarchie ihrer Organisation und verliebt sich in die deutsche Studentin Lotte. Dieser Leidenschaft in der Illegalität ist keine Dauer vergönnt, die Polizei greift Ayten auf und schiebt sie nach einem teuren Prozess ab. Die dramatischen Ereignisse verlagern sich nach Istanbul, wo es noch einen Todesfall gibt und sich die Trauernden in tief mitfühlender Anteilnahme finden werden.
 
Die Größe dieses stillen Meisterwerks zeigt sich in der Vielfalt seiner gelungenen Aspekte: Eine faszinierend dichte Geschichte, für die Fatih Akin 2007 den Drehbuchpreis in Cannes erhielt. Die unmittelbare Nähe zu Leben und Politik in der Türkei sowie in Deutschland. Die einfühlsame, fast poetische Darstellung von Verlust und Trauer. Bilder, die sich viel sagend einbrennen. Grandiose Darsteller wie Hanna Schygulla. Und alles fügt sich letztendlich harmonisch in Tragik und Trost. Inshallah!

Chuck und Larry - Wie Feuer und Flamme


USA 2007 (I Now Pronounce You Chuck and Larry) Regie: Dennis Dugan mit Adam Sandler, Kevin James, Jessica Biel 115 Min. FSK: ab 12
 
Ist die ganze Klamotte nun schwulen-feindlich oder -freundlich? Wer diese Frage stellt, hat "Chuck und Larry" nicht gesehen oder ließ dabei seinen Humor zuhause. Die alberne Geschichte zweier heterosexueller Kumpels bei der New Yorker Feuerwehr, die sich zum Erhalt von Pensionsansprüchen als schwules Pärchen ausgeben, ist vor allem komisch.
 
Chuck und Larry sind vor allem Kumpels, unschlagbar unter dem Basketballkorb, unzertrennlich auch im brenzligsten Einsatz.
Wer jetzt gleich was Latentes denkt, wird von Chucks (Adam Sandler) unglaublichem Einsatz an der Frauen-Front eines Besseren belehrt. Schon in der Eingangsszene streiten sich zwei Zwillingsschwestern um ihren Liebhaber, der ganz macho-cool einfach einen Dreier vorschlägt. Später holt ihn gleich eine ganze Wagenladung Stripperinnen aus dem Krankenhaus ab. Die Oberärztin überwacht die Genesung in Chucks Schlafzimmer und in Strapsen, die irgendwie nicht ganz der Dienstordnung entsprechen.
 
Doch als ihm Larry ("King of Queens" Kevin James) das Leben rettete, bot Chuck an, ihm jeden Wunsch zu erfüllen. Den einer gleichgeschlechtlichen Ehe selbstverständlich niemals. Auch wenn es um die Rente des verwitweten, allein erziehenden Freundes geht. Doch irgendwann macht Chuck mit, es wird ja niemand erfahren... Bis ein besonders scharfer Ermittler (Steve Buscemi) Versicherungsbetrug wittert und anfängt, in Larrys Mülltonne zu wühlen. Jetzt muss das Trau-Schein-Paar die Sache durchziehen, muss privat und auf der Feuerwache auf schwul machen. Wobei sie ganz schnell die vielfältigen Formen der Schwulen-Feindlichkeit zu spüren bekommen. Selbst die Kumpels vom Dienst zeigen sich hier von der schlechten Seite. Aber einige besonders harte Kerle überraschen auch mit ihrem Coming Out.
 
Wenn dann die Spritzenmänner in der Feuerwachen-Dusche ein Zeitlupen-Ballett um die dramatisch zu Boden gehende Seife vollführen, und sich absolut keiner vorbeugen will, um sie aufzuheben, bringt selbst dieser äußerst dämliche Witz heftige Lacher. In dem Milieu der Brandbekämpfer herrscht kein fein geschliffener Wortwitz vor, auch wird niemand "Chuck und Larry" im Schulunterricht zum Abbau von Vorurteilen einsetzen. Doch da sowohl der Super-Macho Chuck als auch haufenweise Schwulen-Klischees sympathisch auf die Schippe genommen werden, kann man diesem Humor nichts verübeln. Er ist zwar frech und treffend, vermeidet aber die momentan modischen Übertreibungen ins Groteske oder Absurde. Ein Film für die ganze Familie also, selbst für Larrys Sohn, der all zu gerne im Plissee-Rock Spagat übt...
 
Adam Sandler gelingt diese Rolle unglaublich souverän. Überhaupt hat man oft das Gefühl, die beiden Hauptdarsteller hätten sich beim Dreh herrlich amüsiert. Und der Funke springt ins Publikum über.
 

18.9.07

Shoot 'Em Up


Ein Hertz für Kinder
 
USA 2007 (Shoot 'Em Up) Regie: Michael Davis mit Clive Owen, Monica Bellucci, Paul Giamatti 86 Min. FSK: k.J.
 
Was wird wohl aus einem Kind, auf das noch im Bauch der Mutter leere Patronenhülsen niederprasseln, dessen Nabelschnur durchgeschossen statt -geschnitten wird? Es wird eine kugelsichere Weste mehr brauchen als eine Wiege!
 
Und wenn es mal groß ist, wird bestimmt so einer wie Mr. Smith aus ihm: Gerade knabbert er noch auf den Bus wartend an einer Mohrrübe, im nächsten Moment steckt diese äußerst ungesund im Auge des Gegners. Vitamin A sollte niemals überdosiert werden! Mit einer ersten, akrobatischen Massen-Erschießung rettet Mr. Smith (Clive Owen) ein Baby vor seinen gnadenlosen Verfolgern. Dann findet sich in DQ (Monica Bellucci) eine Prostituierte, die statt ihrer Kunden nun das Kind mit Muttermilch versorgt. Doch die Killer geben nicht auf und auch eine andere, besser angezogene Truppe ist hinter der ungewöhnlichen Dreifaltigkeit her. Das Rätsel um das Baby führt Smith bis zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten, der selbstverständlich auch kein Guter ist und mit der Waffenlobby Geschäfte macht.
 
Dabei geht der sympathisch relaxte und selbstgerechte Kämpfer Smith nicht nur über Leichen, sie werden nebenbei zum Bestandteil der ebenso gewitzten wie zynischen Action-Choreografie. Da darf man ruhig das große Vorbild John Woo erwähnen, auch wenn Regisseur Michael Davis eher vom B-Film kommt. Er hat zwar etwas bei der Action-Akrobatik gespart wird, nicht jedoch am mörderischen Spaß. Auf die Leuchtwerbung für "FAULK - TRUCK & TOOL" hinter der sich die Gangster verbergen, wird so lange gefeuert, bis ein "FUK U" übrig bleibt.
 
Die Handlung ist zwar zeitweise sehr unwahrscheinlich, doch zum Glück war der Gangster-Boss Mr. Hertz (Paul Giamatti) früher FBI-Profiler und weiß, was immer vorher, was der Gegner macht. Doch das Wichtigste und Beste an diesen herrlichen Action-Kapriolen sind das Styling in jeder Szene sowie die Gags, die einem fast so heftig um die Ohren fliegen wie die Kugeln. Smith beweist in einem grandiosen Abflug, dass Sicherheitsgurte nicht immer das Sicherste sind und fabriziert lässige Sprüche - "Ich bin ein britisches Kindermädchen und ich bin gefährlich!" - am laufenden Fluchtmeter. Den Höhepunkt bildet ein echtes Todes-Ballett im freien Fall, wobei die Brutalität leider konstant zunimmt, bis die Jugendfreigabe endgültig aufgegeben wird.
 
Clive Owen stehen die lässigen Stunts äußerst gut, auch sitzt er bald wieder im BMW, den er als "Driver" in Kurzfilmen für prominente Regisseure beschleunigte und bewarb. Bei ihm heißt der Orgasmus "kleiner Tod" und er trifft mitten im Akt die Gegner mit seinen Feuerstößen. Zwischendurch betätigt er sich als Verkehrs- und Umweltpolizist - vor allem gegen Fahrer protziger Blechkisten. Paul Giamatti als eiskalter, sadistischer und zynischer Killer ebenso gut wie als weinerlicher Weintester in "Sideways", das er nebenbei zitiert. Monica Bellucci darf ganz viel italienisch reden und gut mitspielen.

Tuyas Hochzeit


China 2006 (Tuya de hun shi) Regie: Quanan Wang, Drehbuch: Wei Lu, Quanan Wang mit Nan Yu, Bater, Sen'ge, Zhaya, Baolier 96 Min.
 
In der Folge von "Urga" oder "Die Geschichte vom weinenden Kamel" gerät das traditionelle Leben der mongolischen Hirten auch in "Tuyas Hochzeit" unter die Räder der Veränderungen in Wirtschaft und Natur. Tuya (Yu Nan) hütet in der weitläufigen Steppe der Inneren Mongolei Schafe, sie versorgt den Mann Baolier (Peng Hongxian) und zwei Kinder. Baolier verletzte sich bei Bau eines neuen Brunnen, kann sich nur noch mühsam an Krücken fortbewegen. Tuya muss nun täglich weite Wege für das Wasser reiten und selbst die ferne Quelle versiegt. Dann gilt es, die Schafherden zu den letzten Grasbüscheln zu treiben, die Milch zu verarbeiten und an der fernen Straße zu verkaufen, das Essen für die Familie zu kommen und sich ums Baby zu kümmern. Da Tuya das alles nicht mehr schafft, muss ein neuer Mann her. Der gutherzige Baolier stimmt in die Scheidung ein. Aber der Neue soll auch ihn im Haushalt belassen und nicht in ein Heim abschieben, das ist Tuyas Bedingung.
 
Das Schaulaufen der neuen Bewerber steht für die feine Balance von Humor und Tragik. Es deutet den Männerüberschuss im heutigen China an, das Ein-Kind-Politik vorschreibt und die Ermordung der Mädchen nicht verhindert. Bei einem Tee-Zeremoniell schaut man sich die Braut an, kein Gedanke, dass diese Frau auch stur, eigensinnig oder gar wählerisch sein könnte. Doch die Herren der Schöpfung sind zu absurd, als dass sie ernst genommen werden können. Sei es der junge Schnösel, der den Haushalt als weiteres Kind wohl nur belasten würde. Oder der alte, geile Sack, sicher auch nur ein Pflegefall. Von den vielen, meist alten Bewerbern stimmt außerdem keiner der Bedingung zu, Baolier aufzunehmen. Nur der unglückliche Nachbar Shenge, selbst von seiner Frau verlassen, bleibt. Er steht mal hilfreich zur Seite, mal muss er besoffen in der Steppe aufgelesen werden. Und dann kommt nicht ganz zufällig ein alter Verehrer vorbei, der mittlerweile in der Stadt zu großem Reichtum gekommen ist. Er will einen Pflegeplatz für den alten Mann kaufen. Doch dessen Pferd kann nicht mit ins Heim. Das ist schlimmer als der Tod für einen Mongolen, der nur davon träumt, wieder über die Steppen zu jagen.
 
Eine schöne, anrührende Geschichte, die Einblick in den Wandel einer naturverbundenen, aussterbenden Lebensweise gewährt, Sympathien für die Figuren gewinnt und gut unterhält. So ein reizvoller Film mitten aus dem Mainstream internationaler Wohlfühlproduktionen kommt international im Arthaus-Kino an. Das weiß man, weil es nicht der erste Film dieser Art, vor diesem Hintergrund ist. So erhielt "Tuyas Hochzeit" im Februar bei der Berlinale einen Goldenen Bär, der die Artenvielfalt der Mongolei bereichern wird.

Disturbia


USA 2007 (Disturbia) Regie: D.J. Caruso mit Shia LaBeouf, Sara Roemer, Carrie-Anne Moss 104 Min. FSK: ab 16
 
"Fenster zum Hof" für Teenager von heute - das ist eindeutig ein zu weit hergeholter Vergleich. Doch in diesem liegt tatsächlich mehr Reiz als im eigentlichen Teenie-Spaß-Thriller "Disturbia".
 
Unser Held ist an seine Wohnung gefesselt und beobachtet mit dem Fernglas einen verdächtigen Nachbarn. Allerdings glaubt keiner dem Voyeur, dass drüben ein Frauenmörder heimtückisch haust. 1954 war es Jimmy Stuart in Hitchcocks "Fenster zum Hof", der den Zwang zum Beobachten mit viel Spannung durchspielte. Seine Figur hatte ein gebrochenes Bein. Heute verhindert eine elektronische Fußfessel, dass der Jugendliche Kale (Shia LaBeouf) sein Grundstück verlässt. Der Innenhof öffnete sich zur Vorstadtsiedlung und die Spannung zerfiel zu Schreckmomenten.
 
Man merkt direkt, dies ist ein Film des frischen 21.Jahrhunderts: Der Unfall am Anfang knallt so richtig laut und unvermittelt rein. Der Tod des Vaters wird in Folge immer wieder als Grund für auffällige Verhaltensweisen des 17-jährigen Kale angeführt, doch erst als dem verwöhnten, faulen Jungen das Kabelfernsehen gekappt wird, kommt Trauer auf. Weil er einen Lehrer niederschlug, gibt es polizeilich kontrollierten Hausarrest mit elektronischer Fußfessel. Dann ist Kales X-Box nicht mehr online, die genervte Mutter (Carrie-Anne Moss) sperrt auch den iTunes-Account. Eine existenzielle Katastrophe für einen amerikanischen Jugendlichen, der noch Jahrhunderte vom Erwachsensein entfernt ist. In der Not entdeckt Kale die Welt vor seinem Fenster: Reality ohne TV! Nicht nur Blicke auf Ahsley (Sara Roemer), die reizende Tochter der neuen Nachbarn, sind spannend für den Spanner, auch der geheimnisvolle Mr. Turner (David Morse) fesselt. Mit Vorliebe Frauen, wie sich herausstellt. Auch einige andere Details passen zum gesuchten Serienmörder. Zusammen mit Ahsley und seinem ulkigen Freund Ronnie (Aaron Yoo) will Kale den Verbrecher enttarnen.
 
Eine glatte, unauffällige Inszenierung könnte man "Disturbia" bescheinigen, um es neutral bis positiv zu beschreiben. Der Wechsel von Teenie-Sozialdrama zu Komödie und Romanze bis zum an Horror grenzenden Finale verläuft holperig, aber das wird wohl niemanden stören. Die Hauptfigur sollte wegen permanenter Unreife Hausverbot statt Hausarrest erhalten, aber solche Klischees lassen sich wohl einfacher ins Drehbuch schreiben als komplette Menschen. Unter diesen Voraussetzungen funktioniert "Disturbia" als anspruchslose Unterhaltung ganz gut, die Nebenrollen sind mit guten Gesichtern besetzt, der Jugend-Star Shia LaBeouf wird nicht überfordert. Doch was wirklich beunruhigt bei diesem simplen Film über einen Spanner, der Recht behält, ist dass nicht der kleinste Gedanke über die explodierende Beobachtungs-Sucht unserer Gesellschaften anklingt. Wer Kamerahandy als modern ansieht, sollte mal ins Bild zoomen und schauen, ob da nicht noch eine "öffentliche" Kamera an der Wand hängt. Oder nach oben zum Satelliten von Google-Earth winken...

12.9.07

Gucha


BRD, Serbien, Österreich, Bulgarien 2006 (Guca!) Regie und Buch: Dušan Milic mit Marko Markovic, Aleksandra Manasijevic, Mladen Nelevic, Nenad Okanovic 94 Min. FSK: ab 6
 
Emir Kusturica produzierte und in der gleichen Fluss- und Kneipenlandschaft aus "Schwarze Katze, Weißer Kater" spielt sich diese nette Romeo und Julia-Geschichte um zwei zerstrittene Trompeten-Bands ab.
 
Der Roma Romeo ist der junge Rebell, dessen Stil in der eigenen Familienband nicht anerkannt wird. Während Romeo meint, er lässt den Atem des Lebens durch seine Trompete fließen, bemerkt sein Stief-Vater trocken: Das Leben fängt mit einem Atemzug an und hört mit einem Stöhnen auf, dazwischen ist Technik. Aus Frust spielt Romeo dann für Geld in einem anderen Orchester mit - ein unerhörter Regelbruch.
 
Der serbische Bandleader Satchmo bezeichnet die Roma als Schwarze. Er meint aber, sein Namensgeber Armstrong sei auch ein Schwarzer gewesen, deshalb sei er kein Rassist. Dieser unleugbare Rassismus gegenüber den Roma gehört mit den studiofernen Szenen, den Landschaften und Gebäuden, den Flusskneipen, den Wohnungen, die halbe Baustellen sind, zum reizvollen authentischen Hintergrund des Films. Um die Hand von Satchmos süßer, mit Zahnspange leicht burschikosen Tochter Julia zu erlangen, muss Romeo beim größten Musikfestival in Guca die Goldene Trompete gewinnen.
 
Die musikalische Liebesgeschichte kommt märchenhaft erzählt daher, was erstaunlich gut mit dokumentarischen Aufnahmen einhergeht. Regisseur Dušan Milic setzt oft Handkamera ein, nicht immer stilsicher. Die Rollen werden manchmal eher laienhaft gespielt, dafür aber herrlich herzlich und kitschig. Wunderbar dabei das Trompeten-Fernduell zwischen Julias Vater und dem unerwünschten Verehrer der Tochter. Die folgende Verfolgung durch Pflaumenwiesen, Wälder und Felder wird dann zum klamauk-nahen Hase und Igel-Spiel. Und alles zusammen gibt dann ein lebensfrohes Happy End.

Die Regeln der Gewalt


USA 2007 (The Lookout) Regie: Scott Frank mit Joseph Gordon-Levitt, Jeff Daniels, Matthew Goode 99 Min. FSK: ab 12
 
Memento mal! War da nicht ein Film über ein Verbrechen und einen Mann mit Gedächtnisverlust, der sich alles aufschreiben musste? Titel vergessen? Wo haben wir das noch mal notiert...? Egal - diesen Film sollte man sich auf jeden Fall merken: Nach einem großartig inszenierten, dämlich selbstverschuldeten Autounfall hat der einstige Eishockey-Star Chris (Joseph Gordon-Levitt) Probleme mit seinem Gedächtnis und dem Leben. Schritt für Schritt tastet er sich durch den Tag, oft auf die Hilfe seines blinden Mitbewohners Lewis (Jeff Daniels) angewiesen.
 
Als Chris in einer Bar die Bekanntschaft Garys und einer von dessen Freundinnen macht, beginnt die klassische Verführung des Film Noir. Gary plant einen Überfall auf die Bank, bei der Chris Nachtwächter ist. Das Regie-Debüt von Scott Frank, der die Drehbücher zu "Out of Sight" und "Schnappt Shorty" schrieb, überzeugt sowohl mit der Zeichnung des traumatisierten jungen Helden - eindrucksvoll: Joseph Gordon-Levitt - als auch mit exzellenter Bildgestaltung. Die dichte Atmosphäre packt von der ersten Szene an. Ein trotz gewisser Trägheit und kleiner logischer Probleme sehenswerter Genrefilm.