17.5.11

Benda Bilili!

Frankreich 2010 (Benda Bilili!) Regie: Renaud Barret und Florent de la Tullaye 84 Min. OmU

Benda Bilili! ist ein großes Wunder! Ein musikalisches und filmisches Fest! Selten konnte eine Dokumentation das Entstehen einer richtigen Band - nicht irgendeiner Casting-Retorte - derart hautnah einfangen. Und noch seltener ist die Geschichte so unglaublich wie die den behinderten Straßenmusikern und -Kindern aus Kinshasa.

Die Musik von „Staff Benda Bilili!" macht ungemein Spaß - auch wenn sie davon erzählt, dass man Glück gehabt hat, wenn man eine Matratze hat, irgendwo in einem Winkel der kongolesischen Stadt. „Staff Benda Bilili!" fahren und sitzen auf zusammengeschusterten Rollstühlen aus alten Fahrradrahmen, sie spielen mit alten Reifen, nähen mit alten Maschinen. Ihre Lieder sind jedoch nie hoffnungslos, selbst als ein Feuer im Behindertenzentrum Bandal auch noch das Wenige zerstört, was diese Leute haben, geben sie nicht auf.

Der Glücksfall dieses Dokumentarfilms ist, dass die Regisseure Renaud Barret und Florent de la Tullaye den Band-Leader "Papa" Ricky Likabu und seine Freunde, die fast alle an Polio erkrankt waren, trafen, als „Staff Benda Bilili!" noch nicht wirklich eine Band waren. Die ersten Aufnahmen im Studio scheinen auch lange vergebens gewesen zu sein und es dauert wiederum ein Jahr, bis mit Hilfe der Filmemacher in Frankreich die CD „Très très fort" rauskommt. Mittlerweile sind die Kongolesen weltberühmt, touren auch durch Europa und der fertige Film eröffnete im vergangenen Jahr die „Quinzaine von Cannes".

Parallel erzählt die auch ergreifende Doku vom Überleben auf der Straße und verfolgt exemplarisch die Entwicklung von Roger. Der anfangs 13-Jährige spielt auf einer Milchbüchse mit nur einer einzigen Saite. Aber wie! Das ist der Blues mit wirklich allereinfachsten Mitteln. Bis zu Jimi Hendrix. In ihrem typischen, entspannten und humorvollen Stil integrieren „Staff Benda Bilili!" Roger und seine „Satongé" in ihr Repertoire. Ein Besuch im Dorf seiner Mutter und eine sehr rührende Montage seines Lebens, sorgen für emotionale Herzstücke des Films.

Das mit digitalen Aufnahmen entstandene Meisterwerk ist vor allem kein „Buena Vista Social Club" - hier springt einen wirklich hartes Leben an, das oft wenig Pitureskes bietet. Aber auch ein Aufkärungslied für Polioimpfungen kann Spaß machen - wenn es von „Staff Benda Bilili!" kommt! Auf der Bühne dann geht die Begeisterung weiter, selbst mit einem „Behinderten-Breakdance" auf Händen und Knien. Mittlerweile engagierten die Musiker Straßenjungs, die ihre Rollstühle schieben oder selbst einen motorisierten „heißen Stuhl". Abgehoben erscheinen sie aber selbst auf den Touren noch nicht. Sie kiffen und saufen weiterhin, scherzen ebenso gut wie sie spielen. „Staff Benda Bilili!" ist ein Erlebnis - live, auf CD und im Kino!

Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten

USA 2011 (Pirates of the Caribbean –  On stranger tides) Regie: Rob Marshall  mit Johnny Depp, Geoffrey Rush, Penélope Cruz, Ian McShane 130 Min.

Alkoholwerbung gehört verboten, aber dass Jack Sparrow in diesem Film so gut wie gar nicht trinkt, ebenfalls! Die legendäre Piratenfigur Johnny Depps, die mit kräftigem Lidschatten, einer angedeuteten metrosexuellen Orientierung und viel, viel Wahnsinn diese Filmserie zum Erfolg machte, sitzt nun zwar nicht auf dem Trockenen. Doch irgendwie erscheint sie uninspiriert.

Aber zurück zum Anfang, bei dem Jack Sparrow tatsächlich in London auf dem Trockenen sitzt. Die Black Pearl kam ihm abhanden und nun macht der berüchtigte Pirat auf Lord-Richter, um in der Pervertierung eines Piraten-Prozesses den Kumpel vom Galgen freizusprechen. Die anschließende Flucht läuft glatt - vor die Gewehre des Königs. Für diesen soll Jack eine Expedition leiten, unter der Führung des alten Gegners Barbossa (Geoffrey Rush), der sich als treuer Diener der Krone ausgibt. Zeit für die erste, wie ein Uhrwerk getimte und ausgeführte Action-Szene. Am Ende von viel coolem Crowd-Surfing in Londons Straßen, denen Sparrow mit brennenden Kohlen einheizt, rettet ihn sein Papa. Szenen-Applaus erntete in Cannes dabei in dieser Rolle Keith Richard mit dem Spruch „Sehe ich aus, als ob ich mal beim Jungbrunnen war?" Um diesen geht es nämlich auch der Crew von Sparrows Ex-Affäre Angelica (Penélope Cruz), die ihn nach der nächsten Action-Einlage gegen seinen Willen an Bord nimmt.

So kann es nun losgehen mit drei Teams, die in geographisch und dramaturgisch seltsamen Gewichtungen den Jungbrunnen erreichen wollen. Die Spanier sind wie bei Fußball, Tennis und Radsport die Schnellsten und Stärksten. Deshalb haben sie keine bekannten Schauspieler und dürfen nur an zwei oder drei Schlüsselstellen auftauchen. Angelinas Schiff ist eigentlich das von Blackbeard und hinter denen sind die Engländer von Barbossa her. Da bleibt - vielleicht auch aus finanziellen Gründen - keine Zeit für große Seeschlachten. Stattdessen klaut man sich gegenseitig Seekarten, Kompasse und in der witzigsten Szene sogar Ideen von deutschen Kurzfilmen. Wenn Sparrow und Barbossa in der hoch in den Felsen gestrandeten „Ponce de Leon" weniger gegeneinander als mehr um die Balance des absturzbedrohten Schiffes kämpfen, dann stammt diese Idee eindeutig von „Balance" der Brüder  Lauenstein, die 1990 einen Oscar gewannen!

Das war es dann aber auch schon fast in Sachen Ideen und großen Szenen. Die Schatzkiste der „Pirates of the Caribbean" wurde diesmal mager bestückt. Der charismatische Ian McShane darf als Blackbeard in einem schön schauerlichen Moment mal mit seinem Schwertgriff Playstation spielen und ferngesteuert die Meuterer an die Masten hängen. Wenn die raffiniert angelockten Meerjungfrauen ins Netz gehen, sich als Vampire des Meeres entpuppen und - fast alle - von Sparrow wieder befreit werden, ist das höchstens sehr aufwendig misslungen. Da Penelope Cruz für das Spielchen „Sie küssten und sie schlugen sich"  schon zu vernünftig wirkt, bleibt der ganze Spaß an Jack Sparrow hängen. Und der - siehe oben - darf nicht so richtig. Selbst das Finale, wo er seinen Gegnern reines  und vergiftetes Wasser des Lebens einschenkt, wird nicht vernünftig ausgespielt, verläuft mit einem simplen Gag so wie in anderen uninteressanten Filmchen. Die vierte Piraten-Folge ist eigentlich wie „Zweiter Teil" mit allen negativen Vorurteilen: Lieblos, Ideenlos, Leinen los.

Secretariat - Ein Pferd wird zur Legende

USA 2010 (Secretariat) Regie: Randall Wallace mit Diane Lane, John Malkovich, Dylan Walsh 123 Min. FSK o.A.

Die Nacherzählung einer - vielleicht in den USA - bekannten „Legende" lebt kaum von der Spannung auf den Ausgang. Man kann sich informieren, dass dieses Pferd mit dem seltsamen Namen Secretariat in den Siebzigern ein paar wichtige Rennen gewonnen hat und lange konnte es ihm niemand nachmachen. Durch eine gute Besetzung und sehr sorgfältige Machart geriet diese an sich sehr konventionelle Pferde-Schinderei zum anständigen Film.

Die Hausfrau Penny Chenery (Diane Lane) kehrt Ende der Sechziger Jahre nach dem Tod ihrer Mutter zum Reiterhof der Familie zurück. Der Vater ist schon länger ein Pflegefall, die Nachbarn freuen sich wie die Geier auf den Verkauf des Gestüts. Doch Penny räumt auf der Pferde- und in der Männer-Gesellschaft der Züchter auf. Trotz hoher Schulden setzt sie alles auf ein Pferd und engagiert den eigenwilligen, launigen Trainer Lucien Laurin (John Malkovich). Penny überwindet ein Hindernis nach dem anderen, als wäre sie ein Turnier-Gaul, während ihre Familie im entfernten Denver mit einer rebellischen Tochter und einem sich vernachlässigt fühlenden Ehemann zurück bleibt. In schöner Frauen-Solidarität mit der mütterlichen Sekretärin des Hof-Betriebes gibt Penny nie auf und realisiert ihren Traum. 

Diane Lane scheint perfekt für die Rolle der resoluten Penny. Als dann Malkovich mit originell karierten Klamotten ins Spiel kommt, ist klar: Die Menschen spielen hier eine wichtigere Rolle als die Pferde. Vor allem wurde „Secretariat" sehr sorgfältig inszeniert und erweist sich trotz der bei dieser Tier-Quälerei üblichen und konventionell langweiligen Renn-Szenen als ganz netter Film. Der trotzdem unsäglich pathetisch bleibt. Wenn man einen Reitstall hat, der zig Millionen wert ist, muss man nicht Hiob als Verweis auf seine schweren Prüfungen bemühen. Den echten Job hat schließlich das Pferd erledigt!

16.5.11

Cannes 2011 THE TREE OF LIFE Terrence Malick

Cannes. Halbzeit in Cannes und nun bekommt auch der Wettbewerb seine ersten Super-Stars: Zumindest am Montagmorgen hielt sich bei den 64. Filmfestspielen von Cannes die Aufregung für Brad Pitt und Sean Penn die Waage mit der um Terrence Malick. Der Regisseur ist in seiner Karriere ein Pseudonym für "langerwartet" geworden und auch bei „The Tree of Life" hat sich das Warten auf die Weltpremiere gelohnt!

Am Anfang war das Licht. Dann nimmt sich „The Tree of Life" die Zeit, ganze Galaxien von Lichtbildern zu überwältigenden Sequenzen zu verbinden. Darin, quasi als kleines Staubkorn im All, die Handlung um eine Familie aus dem Mittleren Westen der USA, mit Brad Pitt, Sean Penn, Jessica Chastain und den jugendlichen Darsteller von drei Brüdern. Einige Jahre später lautet der Auftrag an den erwachsenen Sohn Jack (Penn) und den Film "Finde mich!" Es gilt, über einen mit 19 Jahren verstorbenen Bruder nachzudenken und dazu gibt es viele Fragen an die Vergangenheit sowie die dauernde Anrede des Himmels im Geiste Hiobs: "Gott, weshalb? Wo warst du?" Gedankenströme wie im "Himmel über Berlin" verweben sich mit denen der mächtigen Bilder und klassischen Kompositionen. Malick gewährt Gebäuden und Sternhaufen die gleiche liebevolle Aufmerksamkeit wie den Wiesen und Feldern in „Days of Heaven" (1978), „Der schmale Grat" (1998) und „The New World" (2005). Selbst die Architektur-Blöcke, in denen der erwachsene Jack arbeitet, wurden enorm sinnlich gestaltet. Die konventionellen Spielszenen sind dabei in der Unterzahl wobei auch sie alles andere als gewöhnlich sind: Der "Standpunkt" der Kamera von Emmanuel Lubezki fließt und schwebt immerfort.

Unbeschreiblich!  Das ist vielleicht das Beste, was man über einen Film sagen kann. Und „The Tree of Life" ist über lange Strecken purer Film. Schon die Reaktionen in der Pressevorführung markierten dieses Leben im Schnelldurchgang atemberaubend schöner Bild- und Ton-Collagen als Film, der extrem polarisiert. Denen, die sich über den „Gottesdienst am Montagmorgen" beschwerten, sei gesagt, dass Malick eine Evolution bebildert, keine Schöpfung. Zwischendrin zwar sehr gläubige Menschen, aber vor allem der Vater kann seine eigenen strengen Regeln nicht einhalten. Der Versuch, das Leben zu kontrollieren, kopiert die Vermessenheit Hiobs, sich mit einem gottgefälligen Leben vor Unbill schützen zu wollen. Doch mit der Härte seiner Erziehung – „Toscanini machte einmal 65 Aufnahmen und sagte, es könnte besser sein!" - treibt er zumindest einen Sohn zu Aggression und Gewalt. Der kleinere, sanftere scheint der Musikbegeisterung des Hobby-Organisten zu folgen. Doch all dies sind nur kleine Episoden in einer großartigen Schöpfung, die sofort zum Ereignis des Festivals und zum Favorit des Wettbewerbs wurde.

Cannes 2011 HORS SATAN - Bruno Dumont

Bruno Dumont ist ein Regisseur, der extrem polarisiert, aber mit „L'humanité" 1999 den Großen Preis der Jury in Cannes gewann. „Hors Satan" (Weiche Satanas!) hieß der reißerische Titel, doch wie üblich ist bei Dumont mit einem sanften Exorzist, der ab und zu jemanden umbringt, alles anders. Der Mann lebt in den Dünen eines üblicherweise menschlich tristen Nordfrankreichs, ist seltsam mit einem immer schwarz bekleideten Mädchen befreundet und erschießt deren missbrauchenden Stiefvater. Gemeinsam betet das ungewöhnliche Paar die Schönheit dieser Landschaft an. Ein Buschbrand erlischt wundersam durch eine Mutprobe und als das Böse sich wieder in Form brutal erzwungener Sexualität meldet, tröstet eine Auferstehung. Schon in „L'humanité" schwebte der gepeinigte Kommissar über den fürchterlichsten Dingen und auch diese Märchen gegen das Grausame im Menschen berührt auf höchst eigentümliche Weise.

Cannes 2011 Gott und Satan an der Croisette

Halbzeit in Cannes und nun bekommt auch der Wettbewerb seine ersten Super-Stars: Zumindest am Montagmorgen hielt sich bei den 64. Filmfestspielen von Cannes die Aufregung für Brad Pitt und Sean Penn die Waage mit der um Terrence Malick. Der Regisseur ist in seiner Karriere ein Pseudonym für "langerwartet" geworden und auch bei „The Tree of Life" hat sich das Warten auf die Weltpremiere gelohnt!

Am Anfang war das Licht. Dann nimmt sich „The Tree of Life" die Zeit, ganze Galaxien von Lichtbildern zu überwältigenden Sequenzen zu verbinden. Darin, quasi als kleines Staubkorn im All, die Handlung um eine Familie aus dem Mittleren Westen der USA, mit Brad Pitt, Sean Penn, Jessica Chastain und den jugendlichen Darsteller von drei Brüdern. Einige Jahre später lautet der Auftrag an den erwachsenen Sohn Jack (Penn) und den Film "Finde mich!" Es gilt, über einen mit 19 Jahren verstorbenen Bruder nachzudenken und dazu gibt es viele Fragen an die Vergangenheit sowie die dauernde Anrede des Himmels im Geiste Hiobs: "Gott, weshalb? Wo warst du?" Gedankenströme wie im "Himmel über Berlin" verweben sich mit denen der mächtigen Bilder und klassischen Kompositionen. Malick gewährt Gebäuden und Sternhaufen die gleiche liebevolle Aufmerksamkeit wie den Wiesen und Feldern in „Days of Heaven" (1978), „Der schmale Grat" (1998) und „The New World" (2005). Selbst die Architektur-Blöcke, in denen der erwachsene Jack arbeitet, wurden enorm sinnlich gestaltet. Die konventionellen Spielszenen sind dabei in der Unterzahl wobei auch sie alles andere als gewöhnlich sind: Der "Standpunkt" der Kamera von Emmanuel Lubezki fließt und schwebt immerfort.

Unbeschreiblich!  Das ist vielleicht das Beste, was man über einen Film sagen kann. Und „The Tree of Life" ist über lange Strecken purer Film. Schon die Reaktionen in der Pressevorführung markierten dieses Leben im Schnelldurchgang atemberaubend schöner Bild- und Ton-Collagen als Film, der extrem polarisiert. Denen, die sich über den „Gottesdienst am Montagmorgen" beschwerten, sei gesagt, dass Malick eine Evolution bebildert, keine Schöpfung. Zwischendrin zwar sehr gläubige Menschen, aber vor allem der Vater kann seine eigenen strengen Regeln nicht einhalten. Der Versuch, das Leben zu kontrollieren, kopiert die Vermessenheit Hiobs, sich mit einem gottgefälligen Leben vor Unbill schützen zu wollen. Doch mit der Härte seiner Erziehung – „Toscanini machte einmal 65 Aufnahmen und sagte, es könnte besser sein!" - treibt er zumindest einen Sohn zu Aggression und Gewalt. Der kleinere, sanftere scheint der Musikbegeisterung des Hobby-Organisten zu folgen. Doch all dies sind nur kleine Episoden in einer großartigen Schöpfung, die sofort zum Ereignis des Festivals und zum Favorit des Wettbewerbs wurde.

Originell programmiert ging Malick in „Certain Regard" der neue Bruno Dumont voraus – noch so ein Regisseur, der extrem polarisiert, aber mit „L'humanité" 1999 den Großen Preis der Jury in Cannes gewann. „Hors Satan" (Weiche Satanas!) hieß der reißerische Titel, doch wie üblich ist bei Dumont mit einem sanften Exorzist, der ab und zu jemanden umbringt, alles anders. Der Mann lebt in den Dünen eines üblicherweise menschlich tristen Nordfrankreichs, ist seltsam mit einem immer schwarz bekleideten Mädchen befreundet und erschießt deren missbrauchenden Stiefvater. Gemeinsam betet das ungewöhnliche Paar die Schönheit dieser Landschaft an. Ein Buschbrand erlischt wundersam durch eine Mutprobe und als das Böse sich wieder in Form brutal erzwungener Sexualität meldet, tröstet eine Auferstehung. Schon in „L'humanité" schwebte der gepeinigte Kommissar über den fürchterlichsten Dingen und auch diese Märchen gegen das Grausame im Menschen berührt auf höchst eigentümliche Weise. So halten sich Gut und Böse die Waage, im Cannes-Programm überwiegt das Bessere.

15.5.11

Cannes 2011 Midnight in Cannes

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Cannes 2011 Unterhaltungs-Halt „Halt auf freier Strecke“ schaut beim Sterben genau hin

Noch vor wenigen Tagen und unfassbar vielen Filmerlebnissen in Cannes erschien Gus van Sants "Restless" als poetische, zarte Annäherung an das Sterben. Nach "Halt auf freier Strecke" von Andreas Dresen (ebenfalls in der Nebenreihe „Un certain regard") wird daraus eine schöne Lüge, die US-Version von Schöner Sterben. Denn Dresen wirft einen nüchternen Blick auf ein baldiges, wirklich nicht schönes Sterben. Auch diesmal lässt ein Hirntumor nur noch ein paar Monate Leben. Das Ehepaar Lange erfährt es von einem eher uninteressierten Arzt, der sogar zwischendurch telefoniert. Die Kamera hingegen bleibt konzentriert dabei und fängt die Tränen von Simone (Steffi Kühnert) auf. Was sagt man den Kindern? "Wie es ist. Es ist sozusagen das Schicksal", antwortet die psychologische Niete im Kittel. Wie sagt es Andreas Dresen, lautet die zusätzliche Frage in Cannes, wo es lauten Applaus für diesen heftigen Film gab. Zu allererst ist es gut, dass Dresen Sterben zeigt. Um noch einen der vielen gewöhnlich wirkenden, aber doch sehr gewichtigen Sätze zu zitieren: Frank (Milan Peschel) solle, auch wenn seine Aus- und Anfälle es allen schwer machen, zu Hause bleiben, damit die Kinder sähen, dass Sterben nichts Schreckliches ist und damit sie nicht ihr Leben lang Angst vor dem Tod hätten. Damit trifft der Film einen wunden Punkt unserer Gesellschaft und damit auch des Unterhaltungskinos. Es wird zahlreich gestorben, aber man sieht nie, was Sterben bedeutet. Nach "Restless" und dem schwedischen Meisterwerk "Eine Familie" bekommt der Hirntumor nun wieder eine Hauptrolle, tritt sogar personifiziert bei Harald Schmidt auf! Abgesehen von dieser Idee und einigen iPhone-Spielereien führt Dresen den Niedergang eines Menschen und einer Familie nüchtern vor und lässt nichts dabei aus. Nicht die Übelkeit bei der Chemotherapie, nicht das verwirrte Pinkeln im Zimmer der Tochter, nicht peinliche Therapeuten mit albernen Sprüchen. Aber auch nicht die hervorragende Ärztin der letzten Tage. Franks Frau und die beiden Kinder versuchen wie der Film einige Situation noch mit Humor zu nehmen, das gelingt immer weniger. Irgendwann fragt auch der Sohn: „Ist es wahr dass du stirbst? Krieg ich dann dein iPhone?" Vielleicht bitter, aber auch banal, denn das Leben geht weiter. So lautet nach diesem sicher nicht „schönen", aber gutem und wichtigen Film der ganz prosaische Schluss-Satz der Tochter "Ich muss zum Training." Das Leben geht weiter.

Cannes 2011 Lüttich in Cannes

 

Wieder einmal stark vertreten ist die Nachbarstadt Lüttich mit einem Favoriten im Wettbewerb um die Goldene Palme und dem Abschlussfilm der „Quinzaine". Die Geschichten aus Lüttich erzählen beide von Kindern und Jugendlichen. „Le gamin au vélo" der zweifachen Cannes-Sieger Jean-Pierre und Luc Dardenne („Rosetta", „L'enfant") erzählt wieder eine packende Geschichte von echten Menschen, gedreht in und um Lüttich, mit authentischen Schauplätzen, vielen Laien und nur einer Handvoll Profi-Schauspieler. Der „Junge auf dem Fahrrad" des Titels ist seit einem Monat im Heim und verhält sich rabiat, weil er seinen Vater nicht erreichen kann. Zufällig klammert Cyril sich bei einem seiner Fluchten an die Friseurin Samantha, die ihn daraufhin nicht mehr loslässt und seine Pflegemutter werden will. Nur sein Rad kann ihn aus seinem Versteck locken, Samantha besorgt es ihm und zwingt auch den Vater seinem Kind die Wahrheit zu sagen: Er will ihn nicht mehr großziehen und sehen. Ein jugendlicher Krimineller nutzt die Verzweiflung aus und verführt den Jungen zu einem Verbrechen.

Klar, direkt, glaubhaft, gut. So sind die Filme der Dardennes. Dieser ist etwas hoffnungsvoller, mit Absicht. Jean-Pierre Dardenne sagte, sie hätten erstmals im Sommer gedreht, das würde sich zeigen. Ob es für die dritte Palme reicht, ist offen. Die Dardennes werden nach dem Festival (Dienstag, den 24. Mai, 20 Uhr) mit der Equipe direkt ins Sauvenière kommen.

 

In „Les Géants", dem Abschlussfilm der jungen Nebensektion „Quinzaine" erzählt der aus Kelmis stammende Bouli Lanners von drei Jungen, die im Sommer auf Abenteuerreise gehen. Lanners ist nicht nur seit seinen Filmen „Ultranova" und dem genialen Roadmovie „Eldorado" ein international ausgezeichneter Regisseur. Auch als Schauspieler ist der Mann aus Lüttich, der bislang in einem Hausboot an der Maas lebte, sehr beliebt. Er war der tapsige Auftragsmörder in „Louise hires a contract killer", er wird demnächst - wie sein Vater im richtigen Leben in Kelmis - ein Zöllner für Danny Boons Komödie „Nichts zu verzollen" sein und auch im kommenden „Asterix" mitmachen.

Cannes 2011 Wir müssen über die Kinder reden …

 

"We need to talk about Kevin" hieß ein Wettbewerbsfilm über den unerziehbaren Jungen Kevin, der später Amokläufer wurde. Dass die „Kids" gar nicht „allright" sind, machten schon die Bemühungen der Kinderschutz-Polizisten in „Polisse" und auch die beiden „Kinderfilme" vom Wochenende klar. „Michael", das Spielfilmdebüt des 39-jährigen österreichischen Schauspielers Markus Schleinzer, hat bereits im Titel ein Problem. „Le gamin au vélo" der zweifachen Cannes-Sieger Jean-Pierre und Luc Dardenne („Rosetta", „L'enfant") aus Lüttich, ist vielleicht nicht der erschütterndste Dardenne, dieser eigene Maßstab ist allerdings auch extrem hoch.

 

„Michael" ist die Geschichte eines Pädophilen, der einen zehnjährigen Jungen im Keller gefangen hält. Abgesehen von dieser problematischen Perspektive erschrickt beim nachträglichen Nachdenken, wie wenig der sehr nüchterne Film erschreckt hat. Schwer erträgliche Szenen bleiben nicht aus, auch wenn die säuberlich in der Kladde notierten Vergewaltigungen nicht gezeigt werden. Die Banalität des Kinderschändens eines Versicherungs-Kaufmannes zeigt sich als Tristesse eines unreifen Menschen, der missbraucht wie er Weihnachten feiert oder fernsieht. Am Ende entledigt sich der Film seines Täters und es bleibt nur Bangen um die Rettung des Kindes.

Regisseur Schleinzer hat bewusst keine reale Geschichte verarbeitet und „wollte den Stoff aus den Griff des Boulevard befreien". Er hat „eine unverstellte Annäherung an dieses Thema gesucht", denn „eine Gesellschaft kann nur so weit entwickelt sein, wie sie auch in der Lage ist, sich mit ihren Tätern auseinanderzusetzen". Hört sich besser an, als der Film ist. Der erklärt sehr wenig. Das machen auch andere nicht, nicht Seidl oder Haneke, um mal in Österreich zu bleiben. Doch die berührend, erschüttern und bewegen (auch Gedanken) mit ihren künstlerischen Mitteln. An denen fehlt es Schleinzer.  Je länger man über „Michael" nachdenkt, desto lieber möchte man ihn in die Tonne treten. Nicht weil er zu schwierig oder unbequem ist. Er denkt zu wenig nach. In der Tonne befindet sich nebenbei auch schon der bislang schwächste und vor allem ästhetisch belangloseste Film des Wettbewerbs, der israelische „Hearat Shulayim" von Joseph Cedar, der in Kishon-Komödien-Manier von dem Konflikt zwischen Vater und Sohn, zwischen ernster und populärer Wissenschaft erzählen will.

Zum Glück ist auf die Dardennes Verlass! „Le gamin au vélo" erzählt wieder eine packende Geschichte von echten Menschen, gedreht in und um Lüttich, mit authentischen Schauplätzen, vielen Laien und nur einer Handvoll Profi-Schauspieler. Der „Junge auf dem Fahrrad" des Titels ist seit einem Monat im Heim und verhält sich rabiat, weil er seinen Vater nicht erreichen kann. Zufällig klammert Cyril sich bei einem seiner Fluchten an die Friseurin Samantha, die ihn daraufhin nicht mehr loslässt und seine Pflegemutter werden will. Nur sein Rad kann ihn aus seinem Versteck locken, Samantha besorgt es ihm und zwingt auch den Vater seinem Kind die Wahrheit zu sagen: Er will ihn nicht mehr großziehen und sehen. Ein jugendlicher Krimineller nutzt die Verzweiflung aus und verführt den Jungen zu einem Verbrechen.

Klar, direkt, glaubhaft, gut. So sind die Filme der Dardennes. Dieser ist etwas hoffnungsvoller, mit Absicht. Jean-Pierre Dardenne sagte, sie hätten erstmals im Sommer gedreht, das würde sich zeigen. Ob es für die dritte Palme reicht, ist offen. Mitfahren und miterleben sollte man auf jeden Fall beim „Gamin au veló".

14.5.11

Cannes 2011 Pirates of the Caribbean / Wu Xia

" Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten"  sorgte in Cannes für einen Depp(en)-Tag. Der sehr mäßige Abenteuer-Film lieferte das Erwartete und keinen Ruderschlag mehr - "Pirates of the Caribbean – Seichte Bekannte"  wäre der bessere Titel des Films von Regisseur Rob Marshall und Produzent Jerry Bruckheimer. Gestartet 2003 als originelle Wiederbelebung der Piraten-Filme, als Genre-Mix mit einem genial verdreht spielenden Johnny Depp, brauchen die Piraten nun selbst dringend einen Jungbrunnen. So ist es symptomatisch, wenn sich drei konkurrierende Reisegruppen aufmachen, diesen sagenhaften Ort zu finden. Spätestens als die spanische Flotte, die als erstes in Cádiz zu tropischen Gefilden aufbricht, die Konkurrenz aus London rasant überholt, stimmt etwas nicht. Die geographischen Probleme beiseitegelassen, wirkt diese Riesenpackung Abenteuer extrem schematisch und vorhersehbar konstruiert. Dachten sich Bruckheimer und die anderen Produzenten, die Leute kommen sowie, da braucht man sich keine Mühe zu geben? So duellieren sich wieder Sparrow, Black Beard und die kämpferische Amazone des Films, legen sich gegenseitig rein und helfen sich auch aus der Patsche. Ein paar Meerjungfrauen mit Vampir-Zähnen sind da die größte Überraschung. So was gibt es auch unter Filmtitel wie auch „Dino-Shark" – man nennt es „Camp", dt. Schund. Die 3D-Technik ist bei einem Schwert- und einem Schlangen-Gag zu vernachlässigen.

Wie ein Öltanker mit voller Fahrt in ein Korallenriff knallt, so unpassend machte sich die laute Major-Piraten-Produktion, die künstlerisch eher Rückschritt als Flaute ist, in Cannes schillernder Welt vielfältiger kreativer Werke breit. Direkt nach dieser Enttäuschung brachte "Wu Xia" von Peter Ho-Sun Chan aus China um Mitternacht einen richtig guten, modernen Action-Film in den Festivalpalast. Die Geschichte eines staatlichen Detektives, der in einem einfachen Papiermacher und  dessen Heldentat die Handschrift eines berüchtigten Massenmörders entdeckt, begeisterte mit den spannenderen Choreografien, den komplexeren Charakteren, der besseren Kamera und der raffinierteren Geschichte. Hier wird das Sterben mit den Mitteln von CSI kriminalistisch und detailliert untersucht, während bei den  eher kindischen „Piraten" so gut wie nie sichtbar im Bild gestorben, aber ebenso zahlreich gemeuchelt wird. Die Weinstein-Produktion hat sich schon die Rechte für ein Remake von "Wu Xia" gesichert.

13.5.11

Cannes 2011 Polisse

 

Fr. 2011 Regie: Maïwenn 127 Min.

 

Überraschend in jeder Hinsicht war ein Einblick in Pariser Kriminalbüros, den die französische Schauspielerin, Autorin und Regisseurin Maiwenn in „Polisse" gewährte: Basierend auf wahren Fällen rekonstruiert sie die Arbeit einer Einheit, die sich dem Schutz der Kinder widmet. Die „Brigade de Protection des Mineurs" (BPM) zeigt zwar in Verhören von Verdächtigen und Gesprächen mit Opfern schockierende Taten und Einstellungen auf. Doch wie bei vielen guten Krimiserien spielt das meist zerrüttete Privat-Leben der Ermittler eine ebenso große Rolle. Der Team, das fast wie eine Familie und sicher auch ein Familien-Ersatz ist, zeigt einen lebendigen Querschnitt der Haut- und politischen Farben. Man ist für und gegen Sarkozy, die Roma-Siedlung räumt man aber nur, weil man die Kinder vor Prostitution und Kinderarbeit schützen will. Da gibt es die Mutter, die ihre Söhne abendlich befriedigt, damit sie ruhig schlafen. Den Großvater, der sich immer an der Enkelin reibt. Den Vater, der alles mit Grinsen zugibt und auf seine guten Beziehungen verweist.

Der mit einem dokumentarischen Gestus gefilmte „Polisse" setzt eine Menge bekannter Schauspieler ein, Sandrine Kiberlain etwa kann als Mutter die eigenen und die Vergewaltigungen an der Tochter nicht ausdrücken. Wenn man auch schnell den Vergleich zum Cannes-Sieger von 2008 „Die Klasse" ziehen wird, „Polisse" ist vielfältiger und jede unterschiedliche Szene sitzt. Da hat eine im BPM-Team ihre große Nummer auf arabisch und staucht einen Patriarchen zusammen, der seine Tochter als Besitz betrachten und meint, Frauen dürften ihm nichts sagen. Die erfolgreiche Rettung eines entführten Babies wird ausgibt gefeiert und betanzt. Eine große Lachnummer und ein Denk-Mal über die Jugend von heute ist das Mädel, das mittels Blowjob ihr abgezocktes Telefon wieder bekommen will. Es sei doch ein Smart-Phone gewesen! Eine 14-Jährige meint sogar, die Alten sollten sich mal Updaten, es sei doch normal, in dem Altern zu vögeln und im Internet zu strippen. Das Ende ist wiederum völlig überraschend und sehr offen.

 

Regisseurin Maïwenn spielt vor der Kamera selbst die Rolle der immer weniger distanzierten Fotografin Melissa. „Polisse" ist ihr dritter Film, sie hat als Schauspielerin allerdings auch schon in „The Fifth Element" mitgemacht.

 

Cannes 2011 Restless

Leichter Abschied

Eine andere Perspektive eines bekannten Amoklaufs zeigte einst der Amerikaner Gus van Sant und erhielt für „Elephant" 2003 eine Goldene Palme. Nun berührte er mit einer fast zarten Annäherung zweier junger Menschen an den Tod in „Restless": Enoch kann den Unfall-Tod seiner Eltern nicht verkraften und verliebt sich ausgerechnet in Anna, die wegen ihrer Hirn-Tumors nur noch wenige Monate zu leben hat. Verspielt überspielt der nur Schwarz tragende Junge seinen Schmerz. Und spielt Schiffe-Versenken mit dem Geist eines Kamikaze-Piloten! Verspielt, leicht, manchmal magisch und durch tolle Independent-Songs unterlegt, meistert van Sant das ernste Thema. Die häufigste Stellungnahme nach diesem Eröffnungsfilm der Nebenreihe „Un Certain Regard" war das Wegwischen von Tränchen. Die letzten Worte Enochs sind Bilder der Erinnerung - meisterlich, wie van Sant genau damit berührt.

Cannes 2011 We need to talk about Kevin

Mutter eines Amokläufers

Diese Tour de Force machte Emily Browning (Baby Doll aus „Sucker Punch") für ein paar Stunden zur ersten Favoritin für den Darstellerpreis, bis Tilda Swinton ihr Mörder-Mutter-Martyrium in „We need to talk about Kevin" durchzog. Eingetaucht in zahllose Rotvarianten von der südländischen Tomatenernten-Orgie, bei der Swinton schon gekreuzigt erscheint, bis zu Tomatensuppen-Regalen und der von Nachbarn vollgeschmierten Hausfront. Eva hat etwas Böses getan - einen Amokläufer großgezogen. In einem manchmal euphorisierenden manchmal anstrengenden Fluss der Rot-Töne, Erinnerungen und Leidensmomente rekapituliert Eva von der Zeugung, über Zweifel in Schwangerschaft und auch sonst ihre durch ein veritables Monster immer überforderte Mutterschaft. Waren es Ballerspiele oder die Wasserpistole, mit der das Kind Kevin ihren privaten Raum voller Karten zerstörte, die zum Amoklauf führten? Genau einmal darf man dabei lachen, als zwei Mormonen auf die Frage von Evas Verbleib im Jenseits die überzeugte Antwort „Im ewigen Fegefeuer" erhalten. Das wird wohl dem Verhältnis von Drama und Komödie im Wettbewerb von Cannes entsprechen, doch die 1969 in Glasgow geborene Lynne Ramsay legt ihr in vieler Hinsicht packendes und Fragen aufwerfende Drama erschlagend an. Inhaltlich und formal. Am Ende gibt doch eine Umarmung. Sollen wir dem (happy?) Ending glauben oder erinnern wir uns an einen früheren Moment des hilflosen Kevins. Das war bislang das einzige Mal, dass sich der Junge etwas liebevoll zeigte. Kurz.

Cannes 2011 Sleeping Beauty

Aller Anfang ist schwer - auch im Wettbewerb von Cannes mit „Sleeping Beauty". Ein Erstlingswerk von Julia Leigh. Von einer Frau im Kreise von "Meistern", die meist männlich und oft Altmeister sind. Der erste von vier Filmen einer Regisseurin unter 20 Teilnehmern, um diesen Hohn eines extrem patriarchalen Festivals noch einmal zu betonen, sah allerdings lange Zeit wie ein Altherren-Film aus - mit verklemmt viel nackter Frauenhaut. Man muss bei der jungen Frau Lucy, die sich - nur vielleicht wegen des Geldes - bizarren Ritualen hingibt, an Buñuel denken, an dieses obskure Objekt der Begierde. Ja, der Buñuel, der im Woody Allen-Film auftritt! So alt scheint dieser Erstling einer 1970 geborenen Australierin, die demnächst ihren eigenen Roman „The Hunter" verfilmt, schon zu sein. Aber da gibt es auch die schwer einzuordnende junge Frau. Was treibt Lucy an? Oder: Weshalb treibt sie nichts an und lasst so viel mit sich machen? Bis zum finalen Schrei. Sie tut die gleichen Dinge für einen Freund und für Geld. Sie weiß nicht, was mit ihr passiert, während sie schläft und in den Händen reicher, meist impotenter Männer ist, und doch verändert es sie. Heftig packend und nachhaltig wirkend, dieser Auftakt.

12.5.11

Cannes 2011 Heftige Frauen-Power im Wettbewerb


Cannes. Zwischendurch blitzt sie als Sonnenstrahl oder als Krisenbericht herein, die echte Welt draußen vor den 64. Filmfestspielen von Cannes: Die Busfahrer streiken, was umgehend zur Einkommenssteigerung für die Taxifahrer am Flughafen führte. Über das geschickt zur Festivalzeit getimte Chaos meldet die Außenwelt verzweifelt in die Kinosäle „Hallo, ich bin auch noch da!" Und dann gab es den hoch verehrten Regisseur und Linken Robert Guédiguian (mit „Les neiges du Kilimandjaro" in „Un Certain Regard"), der in Woody Allens „Midnight in Paris" das wahre Paris mit allen sozialen Facetten vermisste. Ansonsten keine Beschwerden zum feierlichen Auftakt. Der Wettbewerb legte sogleich mit so harter Kost los, dass man sich manchmal nach sonnenbestrahlten, übervollen Haltestellen ohne Bus sehnte.

 

Nackte Frauen beim Altherren-Festival

Aller Anfang ist schwer - auch im Wettbewerb von Cannes mit „Sleeping Beauty". Ein Erstlingswerk von Julia Leigh. Von einer Frau im Kreise von "Meistern", die meist männlich und oft Altmeister sind. Der erste von vier Filmen einer Regisseurin unter 20 Teilnehmern, um diesen Hohn eines extrem patriarchalen Festivals noch einmal zu betonen, sah allerdings lange Zeit wie ein Altherren-Film aus - mit verklemmt viel nackter Frauenhaut. Man muss bei der jungen Frau Lucy, die sich - nur vielleicht wegen des Geldes - bizarren Ritualen hingibt, an Buñuel denken, an dieses obskure Objekt der Begierde. Ja, der Buñuel, der im Woody Allen-Film auftritt! So alt scheint dieser Erstling einer 1970 geborenen Australierin, die demnächst ihren eigenen Roman „The Hunter" verfilmt, schon zu sein. Aber da gibt es auch die schwer einzuordnende junge Frau. Was treibt Lucy an? Sie weiß nicht, was mit ihr passiert, während sie schläft und in den Händen reicher, meist impotenter Männer ist, und doch verändert es sie. Heftig packend und nachhaltig wirkend, dieser Auftakt.

 

Mutter eines Amokläufers

Diese Tour de Force machte Emily Browning (Baby Doll aus „Sucker Punch") für ein paar Stunden zur ersten Favoritin für den Darstellerpreis, bis Tilda Swinton ihr Mörder-Mutter-Martyrium in „We need to talk about Kevin" durchzog. Eingetaucht in zahllose Rotvarianten von der südländischen Tomatenernten-Orgie, bei der Swinton schon gekreuzigt erscheint, bis zu Tomatensuppen-Regalen und der von Nachbarn vollgeschmierten Hausfront. Eva hat etwas Böses getan - einen Amokläufer großgezogen. In einem manchmal euphorisierenden manchmal anstrengenden Fluss der Rot-Töne, Erinnerungen und Leidensmomente rekapituliert Eva von der Zeugung, über Zweifel in Schwangerschaft und auch sonst ihre durch ein veritables Monster immer überforderte Mutterschaft. Waren es Ballerspiele oder die Wasserpistole, mit der das Kind Kevin ihren privaten Raum voller Karten zerstörte, die zum Amoklauf führten? Genau einmal darf man dabei lachen, als zwei Mormonen auf die Frage von Evas Verbleib im Jenseits die überzeugte Antwort „Im ewigen Fegefeuer" erhalten. Das wird wohl dem Verhältnis von Drama und Komödie im Wettbewerb von Cannes entsprechen, doch die 1969 in Glasgow geborene Lynne Ramsay legt ihr in vieler Hinsicht packendes und Fragen aufwerfende Drama erschlagend an. Inhaltlich und formal.

 

Leichter Abschied

Eine andere Perspektive eines bekannten Amoklaufs zeigte einst der Amerikaner Gus van Sant und erhielt für „Elephant" 2003 eine Goldene Palme. Nun berührte er mit einer fast zarten Annäherung zweier junger Menschen an den Tod in „Restless": Enoch kann den Unfall-Tod seiner Eltern nicht verkraften und verliebt sich ausgerechnet in Anna, die wegen ihrer Hirn-Tumors nur noch wenige Monate zu leben hat. Verspielt überspielt der nur Schwarz tragende Junge seinen Schmerz. Und spielt Schiffe-Versenken mit dem Geist eines Kamikaze-Piloten! Verspielt, leicht, manchmal magisch und durch tolle Independent-Songs unterlegt, meistert van Sant das ernste Thema. Die häufigste Stellungnahme nach diesem Eröffnungsfilm der Nebenreihe „Un Certain Regard" war das Wegwischen von Tränchen. Die letzten Worte Enochs sind Bilder der Erinnerung - meisterlich, wie van Sant genau damit berührt.

11.5.11

Abends in Cannes ist Midnight in Paris - Cannes Eröffnungsfilm

Midnight in Paris

 

Meisterliche Star-Romanze zur Cannes-Eröffnung 2011

 

Von Günter H. Jekubzik

 

Cannes. Abends in Cannes ist Midnight in Paris. Diese Verschiebung der Zeitzonen ist nicht nur ein Wortspiel sondern der Clou in Woody Allens romantischer Komödie „Midnight in Paris". Der beste Film des New Yorkers seit sehr langem ist Science Fiction und ein wunderbares Retrofestival für alle Kulturmenschen. Wie schon bei „Vicky Cristina Barcelona" kreierte der Ortswechsel eine Inspiration für Allen. Wieder gerät ein junges Paar kurz vor der Hochzeit auf Abwege. Nur diesmal ist „sie" in Paris Ines die materialistische Langweilerin und „er" der nostalgische Träumer.

 

Gil Pender (Owen Wilson), ein recht erfolgreicher Drehbuch-Autor, findet in Paris seinen alten Traum, ein richtiger Schriftsteller zu sein, wieder. Während die Verlobte Ines mit den republikanisch konservativen Eltern shoppen geht, gerät der Romantiker, der von einer anderen Zeit träumt, genau in diese: Glockenschlag Mitternacht fährt ein Peugeot-Oldtimer vor und bringt Gil in die Goldenen Zwanziger, mitten in das Leben der Boheme, genauer der „Moderns". Ein Festival der Kunstgrößen beginnt, bei dem jeder Auftritt in der schon mit großen Andrang und neugieriger Aufgeregtheit erwarteten Pressevorführung bejubelt wurde: Adrien Brody gibt Dalí, Kathy Bates als Gertrude Stein berät Gil bei seinem Roman, ein herrlich lächerlicher Macho-Hemingway steckt dem Zeitreisenden, das seine Verlobte wohl ein Verhältnis habe. Über das Schreiben und das Sterben spricht man mit Scott Fitzgerald, während Cole Porter „Let's Fall in Love" spielt. Derweil verliebt sich Gil bei seinen allabendlichen Besuchen in der Vergangenheit in Adriana (Marion Cotillard), die Muse für Modigliani, Braque und aktuell für Pablo Picasso war.

 

Der junge Mann aus Kalifornien ist nachhaltig verwirrt von dieser Liebe quer durch die Zeiten, während ihm seine Verlobte ein Haus am See mit Kanu am Steg schmackhaft macht. Das einmalig erstaunte Gesicht Wilsons sorgt für viel Spaß. Allen selbst schwelgt mit „Midnight in Paris" in einer vermeintlich besseren Zeit, der schon Alan Rudolph seinen Film „The Moderns" widmete. Das „Golden Age-Syndrom", das Träumen von (kulturell) besseren Zeiten, bekommt eine überraschende Wendung, als Gil und Adriana während eines romantischen Moments von einer Kutsche in die Belle Epoque entführt werden – ihre Traum-Epoche. Der Träumer kommt zu der sehr nüchternen Woody Allen-Einsicht, dass die eigene Zeit immer als langweilig betrachtet wird, weil man halt in ihr leben muss. Er wird aber trotzdem mit einem Happy End belohnt – um Mitternacht in Paris.

 

Die Cannes-Premierengäste wurden mit einem wunderbaren Film belohnt, der im Wettbewerb direkt Top-Favorit wäre. Der – bei Redaktionsschluss noch unsichere - Auftritt von Carla Bruni-Sarkozy ist dabei schnell vergessen, ebenso wie ihre kleine Rolle als Führerin im Rodin-Museum angesichts eines, wie bei Allen üblich, hochrangigen Schauspieler-Ensembles. Zwar gelang ihm und der Cannes-Leitung ein besonders cleverer Besetzungs-Coup. (Was macht eigentlich die Schwester, die geniale Schauspielerin und sehr eigene Künstlerin Valeria Bruni Tedeschi?) Bleibt nur zu hoffen, dass es nicht Teil der nationalen Filmförderung wird, Familienmitgliedern des Staatsoberhauptes eine Rolle zu geben. Merkels Gatte in „Inglorious Basterds 2"? Ach nee, das wäre ja Frau Wulff in „Tattoo 2", vielleicht doch eine witzige Idee...

 

Der echte und ernste „comédien", wie die Franzosen Schauspieler nennen, Owen Wilson ist jedenfalls einfach großartig. In Gils/Wilsons Sprache und Gestik steckt eine Menge Woody Allen. Der sich immer wieder neu erfindende Komödien-Regisseur erzählte denn auch von einer ähnlichen Situation nach dem Dreh von „What's new Pussycat?!" in den Siebzigern, indem er erstmals spielte und auch das Drehbuch schrieb. Einige vom Team blieben nach dem Dreh in Paris, Allen meint im Nachhinein, er hätte nicht den Mut dazu gehabt. Zum Glück für alle, die nun den romantischen Science Fiction „Midnight in Paris" genießen dürfen. Dessen These, die Gegenwart sei künstlerisch langweilig wiederlegt sich schnell - wenn man in Cannes Filme sieht.

 

10.5.11

Secretariat - Ein Pferd wird zur Legende

 

USA 2010 (Secretariat) Regie: Randall Wallace mit Diane Lane, John Malkovich, Dylan Walsh 123 Min. FSK o.A.

 

Die Nacherzählung einer - vielleicht in den USA - bekannten „Legende" lebt kaum von der Spannung auf den Ausgang. Man kann sich informieren, dass dieses Pferd mit dem seltsamen Namen Secretariat in den Siebzigern ein paar wichtige Rennen gewonnen hat und lange konnte es ihm niemand nachmachen. Durch eine gute Besetzung und sehr sorgfältige Machart geriet diese an sich sehr konventionelle Pferde-Schinderei zum anständigen Film.

 

Die Hausfrau Penny Chenery (Diane Lane) kehrt Ende der Sechziger Jahre nach dem Tod ihrer Mutter zum Reiterhof der Familie zurück. Der Vater ist schon länger ein Pflegefall, die Nachbarn freuen sich wie die Geier auf den Verkauf des Gestüts. Doch Penny räumt auf der Pferde- und in der Männer-Gesellschaft der Züchter auf. Trotz hoher Schulden setzt sie alles auf ein Pferd und engagiert den eigenwilligen, launigen Trainer Lucien Laurin (John Malkovich). Penny überwindet ein Hindernis nach dem anderen, als wäre sie ein Turnier-Gaul, während ihre Familie im entfernten Denver mit einer rebellischen Tochter und einem sich vernachlässigt fühlenden Ehemann zurück bleibt. In schöner Frauen-Solidarität mit der mütterlichen Sekretärin des Hof-Betriebes gibt Penny nie auf und realisiert ihren Traum.

 

Diane Lane scheint perfekt für die Rolle der resoluten Penny. Als dann Malkovich mit originell karierten Klamotten ins Spiel kommt, ist klar: Die Menschen spielen hier eine wichtigere Rolle als die Pferde. Vor allem wurde „Secretariat" sehr sorgfältig inszeniert und erweist sich trotz der bei dieser Tier-Quälerei üblichen und konventionell langweiligen Renn-Szenen als ganz netter Film. Der trotzdem unsäglich pathetisch bleibt. Wenn man einen Reitstall hat, der zig Millionen wert ist, muss man nicht Hiob als Verweis auf seine schweren Prüfungen bemühen. Den echten Job hat schließlich das Pferd erledigt!

9.5.11

Cannes 2011 Vorschau

Cannes. Woody Allen, Aki Kaurismäki, Lars Von Trier, Gus Van Sant, Nanni Moretti, Terrence Malick, Jodie Foster, Kim Ki-Duk, Pedro Almodovar, Jean-Pierre und Luc Dardenne ... unter anderem. Cannes übertrifft sich wieder einmal selber in der Zusammenstellung großer Namen, die das Arthouse-Kino unserer Zeit prägen. Dafür fehlen in der 63. Ausgabe, die vom 11. - 21. Mai an der Côte d'Azur stattfindet, Krisengerede, künstlich hochgejubelte Bedrohung, ein sensationelles 3D-Event. Also ein Festival rein für die spannendsten Filme des Jahres - wenn Herr und Frau Sarkozys nach der Eröffnung am Mittwochabend mit Woody Allens „Midnight in Paris" die Bühne freigegeben haben.

Dann wird man feststellen, dass im Wettbewerb um die Goldene Palme das nicht unbedingt frauenfreundliche Cannes diesmal vier Regisseurinnen nominiert hat. Ansonsten ist wegen der üblichen Verdächtigen und den Cannes Doppel-Siegern Lars von Trier sowie Luc und Jean-Piere Dardenne ein stark europäisches Festival zu erwarten. Asien taucht häufig in den Nebensektionen auf, US-Amerikanisches in Sondervorführungen. Aus Lateinamerika startet kein einziger Film im Wettbewerb! Auf die beiden Debütanten, der von Jane Campion präsentierten „Sleeping Beauty" von Julia Leigh und „Michael" von Markus Schleinzer aus Österreich, darf man besonders gespannt sein, wenn sie für gut genug erachtet werden, auf Anhieb mit den besten Regisseuren der Welt zu konkurrieren.

Da man auf Filme von Terrence Malick („Der schmale Grat", „Badlands") manchmal gleich Jahrzehnte warten muss, sind zwölf Monate Verzögerung bei „The Tree of Life" nichts Besonderes, der Kultregisseur wollte noch mal „kurz" im Schneiderraum dran arbeiten. Der Spätstarter von Cannes 2010 wird als „kosmisches Epos" angekündigt und folgt den Kindheitserinnerungen von Jack, der alles um sich herum mit den Augen seiner Seele sehen kann. Die Hauptdarsteller Brad Pitt, Sean Penn und Jessica Chastain bereichern das Drama um eine Familie in den 1960er-Jahren sowie den Roten Teppich von Cannes. „The Tree of Life" wird am 23. Juni in die deutschen Kinos kommen.

Nur wenige Tage vor dem deutschen Kinostart entern „Pirates of the Caribbean" die Croisette, Johnny Depp, Penélope Cruz, Geoffrey Rush sowie der Regisseur Rob Marshall werden reiche Medien-Beute kapern. Captain Jack Sparrow ist hingegen wieder auf der Jagd nach klassischen Schätzen, Frauen und Rum. Eine mysteriöse Frau aus seiner Vergangenheit (Cruz) treibt ihn auf das Schiff des ebenso legendären wie gefürchteten Piraten Blackbeard. Auch Jodie Foster nahm eine lange Regie-Pause nach „Das Wunderkind Tate" sowie „Familienfest und andere Schwierigkeiten". Jetzt ist sie als Star und Regisseurin zurück mit „enfant terrible" Mel Gibson, dessen Figur nach einer schweren Depression nur noch über die Handpuppe eines Bibers mit der Welt spricht. „Der Biber" und die „Pirates" werden schon am 19.5. ihren Deutschland-Start haben.

Die Dardennes aus Lüttich erzählen in „Le gamin au vélo" („Der Junge auf dem Rad"), von Cyril, der in einem Kinderheim lebt und ruhelos mit seinem Rad durch die Gegend (um Lüttich) fährt, um seinen Vater zu finden. Dabei trifft er auf eine Friseuse, die sich um ihn kümmert. Cécile de France spielt diese Rolle, womit die Brüder Dardenne nicht nur erstmals einen Star mitspielen lassen, sondern auch noch eigener Aussage etwas Optimismus in ihre meist dunklen Geschichten bringen.

Der neue Film von Andreas Dresen „Halt auf freier Strecke" erzählt von einem glücklichen Paar, das plötzlich mit dem Sterben konfrontiert ist. Der deutsche Starter in der Reihe „Un certain regard" soll eine Geschichte der Extreme sein, die aus alltäglichen Vorgängen erwachsen. Die Filmstiftung NRW setzt ihre Tradition der Beteiligung bei herausragenden Produktionen fort: „Melancholia", die fünfte Zusammenarbeit mit Lars von Trier, wurde vom Dänen als „psychologischer Katastrophenfilm" angekündigt - was eigentlich alle seine Filme beschreibt. Diesmal setzten sich Charlotte Rampling, Kiefer Sutherland, Kirsten Dunst, John Hurt und Charlotte Gainsbourg dem genialen Regisseur aus. Charlotte Rampling wird außerdem in der Dokumentation „The Look – Charlotte Rampling"von Angelina Maccarone im Fokus stehen. Dies ist der zweite von der Filmstiftung geförderte Film in Cannes.

Während die Fans langsam ihre Klapp-Leiterchen am frisch applizierten Roten Teppich aufstellen, sind bei einer derartig guten Papier-Form die Erwartungen an Cannes 2011 besonders hoch. Es dauert nur noch 10 Tagen und ein paar hundert Filme, bis sich am übernächsten bei der Preisverleihung herauskristallisiert, ob die Auswahl der Cannes-Macher wieder alle anderen Festivals in den Schatten stellt. 

8.5.11

Geliebtes Leben

Südafrika, BRD 2010 (Life, above all) Regie: Oliver Schmitz mit Khomotso Manyaka, Lerato Mvelase, Harriet Manamela 102 Min.

Der Tod ihrer kleinen Schwester und die unerklärliche Krankheit der Mutter bringt das Leben der zwölfjährigen Chanda im südafrikanischen Township durcheinander. Gegen eine Front aus Aberglauben bricht das kluge und entschlossene Mädchen das Tabu, Aids zu benennen. Sie nimmt auf bewegende Weise den Kampf auf gegen das Verschweigen und Verdrängen der Geißel Südafrikas. Dem Südafrikaner Oliver Schmitz gelang in seiner Bearbeitung des Romans von Allan Stratton ein kluger und anrührender Film für Jugendliche und Erwachsene.

Ein Kindersarg muss besorgt werden. Der Stiefvater säuft, die Mutter ist zu traurig. So kümmert sich die 12jährige Chanda (Khomotso Manyaka) auch darum und arrangiert das Begräbnis in dem ländlichen, etwa 200 km von Johannesburg entfernten Township Elandsdoorn, obwohl der Stiefvater Jonah (Aubrey Poolo) auch das Geld dafür geklaut hatte. Chanda ist ein bemerkenswert kluges Kind, es beobachtet und handelt dann entschlossen. Aber sie und ihre beiden Stiefgeschwister wissen nicht, weswegen die einjährige Schwester gestorben ist. Auch weshalb Chandas Freundin, die für ihr Alter viel zu sehr aufgetakelte Esther, von allen im Dorf abgelehnt wird, bleibt lange unklar. In der religiösen Nachbarschaft gibt es abergläubige Schuldzuweisungen an die Mutter Lilian (Lerato Mvelase), obwohl diese engagiert die Kostüme des Kirchenchores näht. Selbst wenn sie immer kränkelt. Als die Nachbarin Mrs. Tafa (Harriet Manamela), eine moralische Instanz im Viertel, nach den vergeblichen Versuchen eines Wunderheilers mit Lilian zum Arzt geht, durchschaut die Tochter Chanda die Diplome an der Wand als Erfolgsurkunden der Pharma-Industrie und handelt den Preis herunter. Zum Entsetzen der Nachbarin. Denn angesichts des großen Tabus Aids handeln alle wie kleine Kinder oder werden so behandelt.

Irgendwann verreist die Mutter schweren Herzens, lässt Chanda alleine mit den beiden kleinen Geschwistern zurück. Doch das Mädchen geht all dem verborgen Wabernden auf den Grund, lässt sich nicht abwimmeln, selbst wenn sogar im Krankenhaus ein Wort verboten ist: Aids! Denn diese Geisel der südafrikanischen Gesellschaft ist verantwortlich für den Tod der Schwester, die Krankheit der Mutter, die Ausgrenzung der ganzen Familie und auch der von Esther. Infiziert und ausgestoßen, versucht diese als Kinderprostituierte zu überleben. Wie Chanda endlich eine aufgeklärte Ärztin findet, der in der Steppe ausgesetzten Mutter einen grausamen Tod erspart und dem Aberglauben die Stirn bietet, ist eine bewegende, kleine Heldengeschichte, deren starke Wirkung auch durch ein zu dramatisches Finale nicht abgeschwächt wird. Ein überzeugendes Plädoyer, den eigenen Verstand zu benutzen und nach der eigenen Überzeugung zu handeln.

Mit einem anrührenden Lied zu Beginn, mit angeschnittenen Bilder, eindrucksvoll satten Farben gibt Oliver Schmitz („Mapantsula", „Paris, je t'aime", „Doctor's Diary") seiner - zusammen mit Dennis Foon nach dem Roman von Allan Stratton entwickelten - Geschichte einen ansehnlichen Rahmen. Erstaunlich, aber nur logisch ist, wie lange das Wort Aids auch im Film nicht vorkommt. Die Verdammung erfolgt über nur Blicke, die allerdings immer bedrohlicher werden. Irgendwann brennt ein Karren vor dem Haus und dann fliegen Steine. Dass der 1960 in Kapstadt geborene und in Deutschland arbeitende Schmitz filmisch recht konventionell erzählt, kommt der Wirkung des Films nur zugute. Denn so kann die südafrikanisch-deutsche Koproduktion sowohl im Arthouse- als auch im Mainstream-Bereich punkten und eignet sich zudem hervorragend für Kinder und Jugendliche.