Noch vor wenigen Tagen und unfassbar vielen Filmerlebnissen in Cannes erschien Gus van Sants "Restless" als poetische, zarte Annäherung an das Sterben. Nach "Halt auf freier Strecke" von Andreas Dresen (ebenfalls in der Nebenreihe „Un certain regard") wird daraus eine schöne Lüge, die US-Version von Schöner Sterben. Denn Dresen wirft einen nüchternen Blick auf ein baldiges, wirklich nicht schönes Sterben. Auch diesmal lässt ein Hirntumor nur noch ein paar Monate Leben. Das Ehepaar Lange erfährt es von einem eher uninteressierten Arzt, der sogar zwischendurch telefoniert. Die Kamera hingegen bleibt konzentriert dabei und fängt die Tränen von Simone (Steffi Kühnert) auf. Was sagt man den Kindern? "Wie es ist. Es ist sozusagen das Schicksal", antwortet die psychologische Niete im Kittel. Wie sagt es Andreas Dresen, lautet die zusätzliche Frage in Cannes, wo es lauten Applaus für diesen heftigen Film gab. Zu allererst ist es gut, dass Dresen Sterben zeigt. Um noch einen der vielen gewöhnlich wirkenden, aber doch sehr gewichtigen Sätze zu zitieren: Frank (Milan Peschel) solle, auch wenn seine Aus- und Anfälle es allen schwer machen, zu Hause bleiben, damit die Kinder sähen, dass Sterben nichts Schreckliches ist und damit sie nicht ihr Leben lang Angst vor dem Tod hätten. Damit trifft der Film einen wunden Punkt unserer Gesellschaft und damit auch des Unterhaltungskinos. Es wird zahlreich gestorben, aber man sieht nie, was Sterben bedeutet. Nach "Restless" und dem schwedischen Meisterwerk "Eine Familie" bekommt der Hirntumor nun wieder eine Hauptrolle, tritt sogar personifiziert bei Harald Schmidt auf! Abgesehen von dieser Idee und einigen iPhone-Spielereien führt Dresen den Niedergang eines Menschen und einer Familie nüchtern vor und lässt nichts dabei aus. Nicht die Übelkeit bei der Chemotherapie, nicht das verwirrte Pinkeln im Zimmer der Tochter, nicht peinliche Therapeuten mit albernen Sprüchen. Aber auch nicht die hervorragende Ärztin der letzten Tage. Franks Frau und die beiden Kinder versuchen wie der Film einige Situation noch mit Humor zu nehmen, das gelingt immer weniger. Irgendwann fragt auch der Sohn: „Ist es wahr dass du stirbst? Krieg ich dann dein iPhone?" Vielleicht bitter, aber auch banal, denn das Leben geht weiter. So lautet nach diesem sicher nicht „schönen", aber gutem und wichtigen Film der ganz prosaische Schluss-Satz der Tochter "Ich muss zum Training." Das Leben geht weiter.
15.5.11
Cannes 2011 Lüttich in Cannes
Wieder einmal stark vertreten ist die Nachbarstadt Lüttich mit einem Favoriten im Wettbewerb um die Goldene Palme und dem Abschlussfilm der „Quinzaine". Die Geschichten aus Lüttich erzählen beide von Kindern und Jugendlichen. „Le gamin au vélo" der zweifachen Cannes-Sieger Jean-Pierre und Luc Dardenne („Rosetta", „L'enfant") erzählt wieder eine packende Geschichte von echten Menschen, gedreht in und um Lüttich, mit authentischen Schauplätzen, vielen Laien und nur einer Handvoll Profi-Schauspieler. Der „Junge auf dem Fahrrad" des Titels ist seit einem Monat im Heim und verhält sich rabiat, weil er seinen Vater nicht erreichen kann. Zufällig klammert Cyril sich bei einem seiner Fluchten an die Friseurin Samantha, die ihn daraufhin nicht mehr loslässt und seine Pflegemutter werden will. Nur sein Rad kann ihn aus seinem Versteck locken, Samantha besorgt es ihm und zwingt auch den Vater seinem Kind die Wahrheit zu sagen: Er will ihn nicht mehr großziehen und sehen. Ein jugendlicher Krimineller nutzt die Verzweiflung aus und verführt den Jungen zu einem Verbrechen.
Klar, direkt, glaubhaft, gut. So sind die Filme der Dardennes. Dieser ist etwas hoffnungsvoller, mit Absicht. Jean-Pierre Dardenne sagte, sie hätten erstmals im Sommer gedreht, das würde sich zeigen. Ob es für die dritte Palme reicht, ist offen. Die Dardennes werden nach dem Festival (Dienstag, den 24. Mai, 20 Uhr) mit der Equipe direkt ins Sauvenière kommen.
In „Les Géants", dem Abschlussfilm der jungen Nebensektion „Quinzaine" erzählt der aus Kelmis stammende Bouli Lanners von drei Jungen, die im Sommer auf Abenteuerreise gehen. Lanners ist nicht nur seit seinen Filmen „Ultranova" und dem genialen Roadmovie „Eldorado" ein international ausgezeichneter Regisseur. Auch als Schauspieler ist der Mann aus Lüttich, der bislang in einem Hausboot an der Maas lebte, sehr beliebt. Er war der tapsige Auftragsmörder in „Louise hires a contract killer", er wird demnächst - wie sein Vater im richtigen Leben in Kelmis - ein Zöllner für Danny Boons Komödie „Nichts zu verzollen" sein und auch im kommenden „Asterix" mitmachen.
Cannes 2011 Wir müssen über die Kinder reden …
"We need to talk about Kevin" hieß ein Wettbewerbsfilm über den unerziehbaren Jungen Kevin, der später Amokläufer wurde. Dass die „Kids" gar nicht „allright" sind, machten schon die Bemühungen der Kinderschutz-Polizisten in „Polisse" und auch die beiden „Kinderfilme" vom Wochenende klar. „Michael", das Spielfilmdebüt des 39-jährigen österreichischen Schauspielers Markus Schleinzer, hat bereits im Titel ein Problem. „Le gamin au vélo" der zweifachen Cannes-Sieger Jean-Pierre und Luc Dardenne („Rosetta", „L'enfant") aus Lüttich, ist vielleicht nicht der erschütterndste Dardenne, dieser eigene Maßstab ist allerdings auch extrem hoch.
„Michael" ist die Geschichte eines Pädophilen, der einen zehnjährigen Jungen im Keller gefangen hält. Abgesehen von dieser problematischen Perspektive erschrickt beim nachträglichen Nachdenken, wie wenig der sehr nüchterne Film erschreckt hat. Schwer erträgliche Szenen bleiben nicht aus, auch wenn die säuberlich in der Kladde notierten Vergewaltigungen nicht gezeigt werden. Die Banalität des Kinderschändens eines Versicherungs-Kaufmannes zeigt sich als Tristesse eines unreifen Menschen, der missbraucht wie er Weihnachten feiert oder fernsieht. Am Ende entledigt sich der Film seines Täters und es bleibt nur Bangen um die Rettung des Kindes.
Regisseur Schleinzer hat bewusst keine reale Geschichte verarbeitet und „wollte den Stoff aus den Griff des Boulevard befreien". Er hat „eine unverstellte Annäherung an dieses Thema gesucht", denn „eine Gesellschaft kann nur so weit entwickelt sein, wie sie auch in der Lage ist, sich mit ihren Tätern auseinanderzusetzen". Hört sich besser an, als der Film ist. Der erklärt sehr wenig. Das machen auch andere nicht, nicht Seidl oder Haneke, um mal in Österreich zu bleiben. Doch die berührend, erschüttern und bewegen (auch Gedanken) mit ihren künstlerischen Mitteln. An denen fehlt es Schleinzer. Je länger man über „Michael" nachdenkt, desto lieber möchte man ihn in die Tonne treten. Nicht weil er zu schwierig oder unbequem ist. Er denkt zu wenig nach. In der Tonne befindet sich nebenbei auch schon der bislang schwächste und vor allem ästhetisch belangloseste Film des Wettbewerbs, der israelische „Hearat Shulayim" von Joseph Cedar, der in Kishon-Komödien-Manier von dem Konflikt zwischen Vater und Sohn, zwischen ernster und populärer Wissenschaft erzählen will.
Zum Glück ist auf die Dardennes Verlass! „Le gamin au vélo" erzählt wieder eine packende Geschichte von echten Menschen, gedreht in und um Lüttich, mit authentischen Schauplätzen, vielen Laien und nur einer Handvoll Profi-Schauspieler. Der „Junge auf dem Fahrrad" des Titels ist seit einem Monat im Heim und verhält sich rabiat, weil er seinen Vater nicht erreichen kann. Zufällig klammert Cyril sich bei einem seiner Fluchten an die Friseurin Samantha, die ihn daraufhin nicht mehr loslässt und seine Pflegemutter werden will. Nur sein Rad kann ihn aus seinem Versteck locken, Samantha besorgt es ihm und zwingt auch den Vater seinem Kind die Wahrheit zu sagen: Er will ihn nicht mehr großziehen und sehen. Ein jugendlicher Krimineller nutzt die Verzweiflung aus und verführt den Jungen zu einem Verbrechen.
Klar, direkt, glaubhaft, gut. So sind die Filme der Dardennes. Dieser ist etwas hoffnungsvoller, mit Absicht. Jean-Pierre Dardenne sagte, sie hätten erstmals im Sommer gedreht, das würde sich zeigen. Ob es für die dritte Palme reicht, ist offen. Mitfahren und miterleben sollte man auf jeden Fall beim „Gamin au veló".
14.5.11
Cannes 2011 Pirates of the Caribbean / Wu Xia
" Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten" sorgte in Cannes für einen Depp(en)-Tag. Der sehr mäßige Abenteuer-Film lieferte das Erwartete und keinen Ruderschlag mehr - "Pirates of the Caribbean – Seichte Bekannte" wäre der bessere Titel des Films von Regisseur Rob Marshall und Produzent Jerry Bruckheimer. Gestartet 2003 als originelle Wiederbelebung der Piraten-Filme, als Genre-Mix mit einem genial verdreht spielenden Johnny Depp, brauchen die Piraten nun selbst dringend einen Jungbrunnen. So ist es symptomatisch, wenn sich drei konkurrierende Reisegruppen aufmachen, diesen sagenhaften Ort zu finden. Spätestens als die spanische Flotte, die als erstes in Cádiz zu tropischen Gefilden aufbricht, die Konkurrenz aus London rasant überholt, stimmt etwas nicht. Die geographischen Probleme beiseitegelassen, wirkt diese Riesenpackung Abenteuer extrem schematisch und vorhersehbar konstruiert. Dachten sich Bruckheimer und die anderen Produzenten, die Leute kommen sowie, da braucht man sich keine Mühe zu geben? So duellieren sich wieder Sparrow, Black Beard und die kämpferische Amazone des Films, legen sich gegenseitig rein und helfen sich auch aus der Patsche. Ein paar Meerjungfrauen mit Vampir-Zähnen sind da die größte Überraschung. So was gibt es auch unter Filmtitel wie auch „Dino-Shark" – man nennt es „Camp", dt. Schund. Die 3D-Technik ist bei einem Schwert- und einem Schlangen-Gag zu vernachlässigen.
Wie ein Öltanker mit voller Fahrt in ein Korallenriff knallt, so unpassend machte sich die laute Major-Piraten-Produktion, die künstlerisch eher Rückschritt als Flaute ist, in Cannes schillernder Welt vielfältiger kreativer Werke breit. Direkt nach dieser Enttäuschung brachte "Wu Xia" von Peter Ho-Sun Chan aus China um Mitternacht einen richtig guten, modernen Action-Film in den Festivalpalast. Die Geschichte eines staatlichen Detektives, der in einem einfachen Papiermacher und dessen Heldentat die Handschrift eines berüchtigten Massenmörders entdeckt, begeisterte mit den spannenderen Choreografien, den komplexeren Charakteren, der besseren Kamera und der raffinierteren Geschichte. Hier wird das Sterben mit den Mitteln von CSI kriminalistisch und detailliert untersucht, während bei den eher kindischen „Piraten" so gut wie nie sichtbar im Bild gestorben, aber ebenso zahlreich gemeuchelt wird. Die Weinstein-Produktion hat sich schon die Rechte für ein Remake von "Wu Xia" gesichert.
13.5.11
Cannes 2011 Polisse
Fr. 2011 Regie: Maïwenn 127 Min.
Überraschend in jeder Hinsicht war ein Einblick in Pariser Kriminalbüros, den die französische Schauspielerin, Autorin und Regisseurin Maiwenn in „Polisse" gewährte: Basierend auf wahren Fällen rekonstruiert sie die Arbeit einer Einheit, die sich dem Schutz der Kinder widmet. Die „Brigade de Protection des Mineurs" (BPM) zeigt zwar in Verhören von Verdächtigen und Gesprächen mit Opfern schockierende Taten und Einstellungen auf. Doch wie bei vielen guten Krimiserien spielt das meist zerrüttete Privat-Leben der Ermittler eine ebenso große Rolle. Der Team, das fast wie eine Familie und sicher auch ein Familien-Ersatz ist, zeigt einen lebendigen Querschnitt der Haut- und politischen Farben. Man ist für und gegen Sarkozy, die Roma-Siedlung räumt man aber nur, weil man die Kinder vor Prostitution und Kinderarbeit schützen will. Da gibt es die Mutter, die ihre Söhne abendlich befriedigt, damit sie ruhig schlafen. Den Großvater, der sich immer an der Enkelin reibt. Den Vater, der alles mit Grinsen zugibt und auf seine guten Beziehungen verweist.
Der mit einem dokumentarischen Gestus gefilmte „Polisse" setzt eine Menge bekannter Schauspieler ein, Sandrine Kiberlain etwa kann als Mutter die eigenen und die Vergewaltigungen an der Tochter nicht ausdrücken. Wenn man auch schnell den Vergleich zum Cannes-Sieger von 2008 „Die Klasse" ziehen wird, „Polisse" ist vielfältiger und jede unterschiedliche Szene sitzt. Da hat eine im BPM-Team ihre große Nummer auf arabisch und staucht einen Patriarchen zusammen, der seine Tochter als Besitz betrachten und meint, Frauen dürften ihm nichts sagen. Die erfolgreiche Rettung eines entführten Babies wird ausgibt gefeiert und betanzt. Eine große Lachnummer und ein Denk-Mal über die Jugend von heute ist das Mädel, das mittels Blowjob ihr abgezocktes Telefon wieder bekommen will. Es sei doch ein Smart-Phone gewesen! Eine 14-Jährige meint sogar, die Alten sollten sich mal Updaten, es sei doch normal, in dem Altern zu vögeln und im Internet zu strippen. Das Ende ist wiederum völlig überraschend und sehr offen.
Regisseurin Maïwenn spielt vor der Kamera selbst die Rolle der immer weniger distanzierten Fotografin Melissa. „Polisse" ist ihr dritter Film, sie hat als Schauspielerin allerdings auch schon in „The Fifth Element" mitgemacht.
Cannes 2011 Restless
Leichter Abschied
Eine andere Perspektive eines bekannten Amoklaufs zeigte einst der Amerikaner Gus van Sant und erhielt für „Elephant" 2003 eine Goldene Palme. Nun berührte er mit einer fast zarten Annäherung zweier junger Menschen an den Tod in „Restless": Enoch kann den Unfall-Tod seiner Eltern nicht verkraften und verliebt sich ausgerechnet in Anna, die wegen ihrer Hirn-Tumors nur noch wenige Monate zu leben hat. Verspielt überspielt der nur Schwarz tragende Junge seinen Schmerz. Und spielt Schiffe-Versenken mit dem Geist eines Kamikaze-Piloten! Verspielt, leicht, manchmal magisch und durch tolle Independent-Songs unterlegt, meistert van Sant das ernste Thema. Die häufigste Stellungnahme nach diesem Eröffnungsfilm der Nebenreihe „Un Certain Regard" war das Wegwischen von Tränchen. Die letzten Worte Enochs sind Bilder der Erinnerung - meisterlich, wie van Sant genau damit berührt.
Cannes 2011 We need to talk about Kevin
Mutter eines Amokläufers
Diese Tour de Force machte Emily Browning (Baby Doll aus „Sucker Punch") für ein paar Stunden zur ersten Favoritin für den Darstellerpreis, bis Tilda Swinton ihr Mörder-Mutter-Martyrium in „We need to talk about Kevin" durchzog. Eingetaucht in zahllose Rotvarianten von der südländischen Tomatenernten-Orgie, bei der Swinton schon gekreuzigt erscheint, bis zu Tomatensuppen-Regalen und der von Nachbarn vollgeschmierten Hausfront. Eva hat etwas Böses getan - einen Amokläufer großgezogen. In einem manchmal euphorisierenden manchmal anstrengenden Fluss der Rot-Töne, Erinnerungen und Leidensmomente rekapituliert Eva von der Zeugung, über Zweifel in Schwangerschaft und auch sonst ihre durch ein veritables Monster immer überforderte Mutterschaft. Waren es Ballerspiele oder die Wasserpistole, mit der das Kind Kevin ihren privaten Raum voller Karten zerstörte, die zum Amoklauf führten? Genau einmal darf man dabei lachen, als zwei Mormonen auf die Frage von Evas Verbleib im Jenseits die überzeugte Antwort „Im ewigen Fegefeuer" erhalten. Das wird wohl dem Verhältnis von Drama und Komödie im Wettbewerb von Cannes entsprechen, doch die 1969 in Glasgow geborene Lynne Ramsay legt ihr in vieler Hinsicht packendes und Fragen aufwerfende Drama erschlagend an. Inhaltlich und formal. Am Ende gibt doch eine Umarmung. Sollen wir dem (happy?) Ending glauben oder erinnern wir uns an einen früheren Moment des hilflosen Kevins. Das war bislang das einzige Mal, dass sich der Junge etwas liebevoll zeigte. Kurz.
Cannes 2011 Sleeping Beauty
Aller Anfang ist schwer - auch im Wettbewerb von Cannes mit „Sleeping Beauty". Ein Erstlingswerk von Julia Leigh. Von einer Frau im Kreise von "Meistern", die meist männlich und oft Altmeister sind. Der erste von vier Filmen einer Regisseurin unter 20 Teilnehmern, um diesen Hohn eines extrem patriarchalen Festivals noch einmal zu betonen, sah allerdings lange Zeit wie ein Altherren-Film aus - mit verklemmt viel nackter Frauenhaut. Man muss bei der jungen Frau Lucy, die sich - nur vielleicht wegen des Geldes - bizarren Ritualen hingibt, an Buñuel denken, an dieses obskure Objekt der Begierde. Ja, der Buñuel, der im Woody Allen-Film auftritt! So alt scheint dieser Erstling einer 1970 geborenen Australierin, die demnächst ihren eigenen Roman „The Hunter" verfilmt, schon zu sein. Aber da gibt es auch die schwer einzuordnende junge Frau. Was treibt Lucy an? Oder: Weshalb treibt sie nichts an und lasst so viel mit sich machen? Bis zum finalen Schrei. Sie tut die gleichen Dinge für einen Freund und für Geld. Sie weiß nicht, was mit ihr passiert, während sie schläft und in den Händen reicher, meist impotenter Männer ist, und doch verändert es sie. Heftig packend und nachhaltig wirkend, dieser Auftakt.
12.5.11
Cannes 2011 Heftige Frauen-Power im Wettbewerb
Cannes. Zwischendurch blitzt sie als Sonnenstrahl oder als Krisenbericht herein, die echte Welt draußen vor den 64. Filmfestspielen von Cannes: Die Busfahrer streiken, was umgehend zur Einkommenssteigerung für die Taxifahrer am Flughafen führte. Über das geschickt zur Festivalzeit getimte Chaos meldet die Außenwelt verzweifelt in die Kinosäle „Hallo, ich bin auch noch da!" Und dann gab es den hoch verehrten Regisseur und Linken Robert Guédiguian (mit „Les neiges du Kilimandjaro" in „Un Certain Regard"), der in Woody Allens „Midnight in Paris" das wahre Paris mit allen sozialen Facetten vermisste. Ansonsten keine Beschwerden zum feierlichen Auftakt. Der Wettbewerb legte sogleich mit so harter Kost los, dass man sich manchmal nach sonnenbestrahlten, übervollen Haltestellen ohne Bus sehnte.
Nackte Frauen beim Altherren-Festival
Aller Anfang ist schwer - auch im Wettbewerb von Cannes mit „Sleeping Beauty". Ein Erstlingswerk von Julia Leigh. Von einer Frau im Kreise von "Meistern", die meist männlich und oft Altmeister sind. Der erste von vier Filmen einer Regisseurin unter 20 Teilnehmern, um diesen Hohn eines extrem patriarchalen Festivals noch einmal zu betonen, sah allerdings lange Zeit wie ein Altherren-Film aus - mit verklemmt viel nackter Frauenhaut. Man muss bei der jungen Frau Lucy, die sich - nur vielleicht wegen des Geldes - bizarren Ritualen hingibt, an Buñuel denken, an dieses obskure Objekt der Begierde. Ja, der Buñuel, der im Woody Allen-Film auftritt! So alt scheint dieser Erstling einer 1970 geborenen Australierin, die demnächst ihren eigenen Roman „The Hunter" verfilmt, schon zu sein. Aber da gibt es auch die schwer einzuordnende junge Frau. Was treibt Lucy an? Sie weiß nicht, was mit ihr passiert, während sie schläft und in den Händen reicher, meist impotenter Männer ist, und doch verändert es sie. Heftig packend und nachhaltig wirkend, dieser Auftakt.
Mutter eines Amokläufers
Diese Tour de Force machte Emily Browning (Baby Doll aus „Sucker Punch") für ein paar Stunden zur ersten Favoritin für den Darstellerpreis, bis Tilda Swinton ihr Mörder-Mutter-Martyrium in „We need to talk about Kevin" durchzog. Eingetaucht in zahllose Rotvarianten von der südländischen Tomatenernten-Orgie, bei der Swinton schon gekreuzigt erscheint, bis zu Tomatensuppen-Regalen und der von Nachbarn vollgeschmierten Hausfront. Eva hat etwas Böses getan - einen Amokläufer großgezogen. In einem manchmal euphorisierenden manchmal anstrengenden Fluss der Rot-Töne, Erinnerungen und Leidensmomente rekapituliert Eva von der Zeugung, über Zweifel in Schwangerschaft und auch sonst ihre durch ein veritables Monster immer überforderte Mutterschaft. Waren es Ballerspiele oder die Wasserpistole, mit der das Kind Kevin ihren privaten Raum voller Karten zerstörte, die zum Amoklauf führten? Genau einmal darf man dabei lachen, als zwei Mormonen auf die Frage von Evas Verbleib im Jenseits die überzeugte Antwort „Im ewigen Fegefeuer" erhalten. Das wird wohl dem Verhältnis von Drama und Komödie im Wettbewerb von Cannes entsprechen, doch die 1969 in Glasgow geborene Lynne Ramsay legt ihr in vieler Hinsicht packendes und Fragen aufwerfende Drama erschlagend an. Inhaltlich und formal.
Leichter Abschied
Eine andere Perspektive eines bekannten Amoklaufs zeigte einst der Amerikaner Gus van Sant und erhielt für „Elephant" 2003 eine Goldene Palme. Nun berührte er mit einer fast zarten Annäherung zweier junger Menschen an den Tod in „Restless": Enoch kann den Unfall-Tod seiner Eltern nicht verkraften und verliebt sich ausgerechnet in Anna, die wegen ihrer Hirn-Tumors nur noch wenige Monate zu leben hat. Verspielt überspielt der nur Schwarz tragende Junge seinen Schmerz. Und spielt Schiffe-Versenken mit dem Geist eines Kamikaze-Piloten! Verspielt, leicht, manchmal magisch und durch tolle Independent-Songs unterlegt, meistert van Sant das ernste Thema. Die häufigste Stellungnahme nach diesem Eröffnungsfilm der Nebenreihe „Un Certain Regard" war das Wegwischen von Tränchen. Die letzten Worte Enochs sind Bilder der Erinnerung - meisterlich, wie van Sant genau damit berührt.
11.5.11
Abends in Cannes ist Midnight in Paris - Cannes Eröffnungsfilm
Midnight in Paris
Meisterliche Star-Romanze zur Cannes-Eröffnung 2011
Von Günter H. Jekubzik
Cannes. Abends in Cannes ist Midnight in Paris. Diese Verschiebung der Zeitzonen ist nicht nur ein Wortspiel sondern der Clou in Woody Allens romantischer Komödie „Midnight in Paris". Der beste Film des New Yorkers seit sehr langem ist Science Fiction und ein wunderbares Retrofestival für alle Kulturmenschen. Wie schon bei „Vicky Cristina Barcelona" kreierte der Ortswechsel eine Inspiration für Allen. Wieder gerät ein junges Paar kurz vor der Hochzeit auf Abwege. Nur diesmal ist „sie" in Paris Ines die materialistische Langweilerin und „er" der nostalgische Träumer.
Gil Pender (Owen Wilson), ein recht erfolgreicher Drehbuch-Autor, findet in Paris seinen alten Traum, ein richtiger Schriftsteller zu sein, wieder. Während die Verlobte Ines mit den republikanisch konservativen Eltern shoppen geht, gerät der Romantiker, der von einer anderen Zeit träumt, genau in diese: Glockenschlag Mitternacht fährt ein Peugeot-Oldtimer vor und bringt Gil in die Goldenen Zwanziger, mitten in das Leben der Boheme, genauer der „Moderns". Ein Festival der Kunstgrößen beginnt, bei dem jeder Auftritt in der schon mit großen Andrang und neugieriger Aufgeregtheit erwarteten Pressevorführung bejubelt wurde: Adrien Brody gibt Dalí, Kathy Bates als Gertrude Stein berät Gil bei seinem Roman, ein herrlich lächerlicher Macho-Hemingway steckt dem Zeitreisenden, das seine Verlobte wohl ein Verhältnis habe. Über das Schreiben und das Sterben spricht man mit Scott Fitzgerald, während Cole Porter „Let's Fall in Love" spielt. Derweil verliebt sich Gil bei seinen allabendlichen Besuchen in der Vergangenheit in Adriana (Marion Cotillard), die Muse für Modigliani, Braque und aktuell für Pablo Picasso war.
Der junge Mann aus Kalifornien ist nachhaltig verwirrt von dieser Liebe quer durch die Zeiten, während ihm seine Verlobte ein Haus am See mit Kanu am Steg schmackhaft macht. Das einmalig erstaunte Gesicht Wilsons sorgt für viel Spaß. Allen selbst schwelgt mit „Midnight in Paris" in einer vermeintlich besseren Zeit, der schon Alan Rudolph seinen Film „The Moderns" widmete. Das „Golden Age-Syndrom", das Träumen von (kulturell) besseren Zeiten, bekommt eine überraschende Wendung, als Gil und Adriana während eines romantischen Moments von einer Kutsche in die Belle Epoque entführt werden – ihre Traum-Epoche. Der Träumer kommt zu der sehr nüchternen Woody Allen-Einsicht, dass die eigene Zeit immer als langweilig betrachtet wird, weil man halt in ihr leben muss. Er wird aber trotzdem mit einem Happy End belohnt – um Mitternacht in Paris.
Die Cannes-Premierengäste wurden mit einem wunderbaren Film belohnt, der im Wettbewerb direkt Top-Favorit wäre. Der – bei Redaktionsschluss noch unsichere - Auftritt von Carla Bruni-Sarkozy ist dabei schnell vergessen, ebenso wie ihre kleine Rolle als Führerin im Rodin-Museum angesichts eines, wie bei Allen üblich, hochrangigen Schauspieler-Ensembles. Zwar gelang ihm und der Cannes-Leitung ein besonders cleverer Besetzungs-Coup. (Was macht eigentlich die Schwester, die geniale Schauspielerin und sehr eigene Künstlerin Valeria Bruni Tedeschi?) Bleibt nur zu hoffen, dass es nicht Teil der nationalen Filmförderung wird, Familienmitgliedern des Staatsoberhauptes eine Rolle zu geben. Merkels Gatte in „Inglorious Basterds 2"? Ach nee, das wäre ja Frau Wulff in „Tattoo 2", vielleicht doch eine witzige Idee...
Der echte und ernste „comédien", wie die Franzosen Schauspieler nennen, Owen Wilson ist jedenfalls einfach großartig. In Gils/Wilsons Sprache und Gestik steckt eine Menge Woody Allen. Der sich immer wieder neu erfindende Komödien-Regisseur erzählte denn auch von einer ähnlichen Situation nach dem Dreh von „What's new Pussycat?!" in den Siebzigern, indem er erstmals spielte und auch das Drehbuch schrieb. Einige vom Team blieben nach dem Dreh in Paris, Allen meint im Nachhinein, er hätte nicht den Mut dazu gehabt. Zum Glück für alle, die nun den romantischen Science Fiction „Midnight in Paris" genießen dürfen. Dessen These, die Gegenwart sei künstlerisch langweilig wiederlegt sich schnell - wenn man in Cannes Filme sieht.
10.5.11
Secretariat - Ein Pferd wird zur Legende
USA 2010 (Secretariat) Regie: Randall Wallace mit Diane Lane, John Malkovich, Dylan Walsh 123 Min. FSK o.A.
Die Nacherzählung einer - vielleicht in den USA - bekannten „Legende" lebt kaum von der Spannung auf den Ausgang. Man kann sich informieren, dass dieses Pferd mit dem seltsamen Namen Secretariat in den Siebzigern ein paar wichtige Rennen gewonnen hat und lange konnte es ihm niemand nachmachen. Durch eine gute Besetzung und sehr sorgfältige Machart geriet diese an sich sehr konventionelle Pferde-Schinderei zum anständigen Film.
Die Hausfrau Penny Chenery (Diane Lane) kehrt Ende der Sechziger Jahre nach dem Tod ihrer Mutter zum Reiterhof der Familie zurück. Der Vater ist schon länger ein Pflegefall, die Nachbarn freuen sich wie die Geier auf den Verkauf des Gestüts. Doch Penny räumt auf der Pferde- und in der Männer-Gesellschaft der Züchter auf. Trotz hoher Schulden setzt sie alles auf ein Pferd und engagiert den eigenwilligen, launigen Trainer Lucien Laurin (John Malkovich). Penny überwindet ein Hindernis nach dem anderen, als wäre sie ein Turnier-Gaul, während ihre Familie im entfernten Denver mit einer rebellischen Tochter und einem sich vernachlässigt fühlenden Ehemann zurück bleibt. In schöner Frauen-Solidarität mit der mütterlichen Sekretärin des Hof-Betriebes gibt Penny nie auf und realisiert ihren Traum.
Diane Lane scheint perfekt für die Rolle der resoluten Penny. Als dann Malkovich mit originell karierten Klamotten ins Spiel kommt, ist klar: Die Menschen spielen hier eine wichtigere Rolle als die Pferde. Vor allem wurde „Secretariat" sehr sorgfältig inszeniert und erweist sich trotz der bei dieser Tier-Quälerei üblichen und konventionell langweiligen Renn-Szenen als ganz netter Film. Der trotzdem unsäglich pathetisch bleibt. Wenn man einen Reitstall hat, der zig Millionen wert ist, muss man nicht Hiob als Verweis auf seine schweren Prüfungen bemühen. Den echten Job hat schließlich das Pferd erledigt!
9.5.11
Cannes 2011 Vorschau
Cannes. Woody Allen, Aki Kaurismäki, Lars Von Trier, Gus Van Sant, Nanni Moretti, Terrence Malick, Jodie Foster, Kim Ki-Duk, Pedro Almodovar, Jean-Pierre und Luc Dardenne ... unter anderem. Cannes übertrifft sich wieder einmal selber in der Zusammenstellung großer Namen, die das Arthouse-Kino unserer Zeit prägen. Dafür fehlen in der 63. Ausgabe, die vom 11. - 21. Mai an der Côte d'Azur stattfindet, Krisengerede, künstlich hochgejubelte Bedrohung, ein sensationelles 3D-Event. Also ein Festival rein für die spannendsten Filme des Jahres - wenn Herr und Frau Sarkozys nach der Eröffnung am Mittwochabend mit Woody Allens „Midnight in Paris" die Bühne freigegeben haben.
Dann wird man feststellen, dass im Wettbewerb um die Goldene Palme das nicht unbedingt frauenfreundliche Cannes diesmal vier Regisseurinnen nominiert hat. Ansonsten ist wegen der üblichen Verdächtigen und den Cannes Doppel-Siegern Lars von Trier sowie Luc und Jean-Piere Dardenne ein stark europäisches Festival zu erwarten. Asien taucht häufig in den Nebensektionen auf, US-Amerikanisches in Sondervorführungen. Aus Lateinamerika startet kein einziger Film im Wettbewerb! Auf die beiden Debütanten, der von Jane Campion präsentierten „Sleeping Beauty" von Julia Leigh und „Michael" von Markus Schleinzer aus Österreich, darf man besonders gespannt sein, wenn sie für gut genug erachtet werden, auf Anhieb mit den besten Regisseuren der Welt zu konkurrieren.
Da man auf Filme von Terrence Malick („Der schmale Grat", „Badlands") manchmal gleich Jahrzehnte warten muss, sind zwölf Monate Verzögerung bei „The Tree of Life" nichts Besonderes, der Kultregisseur wollte noch mal „kurz" im Schneiderraum dran arbeiten. Der Spätstarter von Cannes 2010 wird als „kosmisches Epos" angekündigt und folgt den Kindheitserinnerungen von Jack, der alles um sich herum mit den Augen seiner Seele sehen kann. Die Hauptdarsteller Brad Pitt, Sean Penn und Jessica Chastain bereichern das Drama um eine Familie in den 1960er-Jahren sowie den Roten Teppich von Cannes. „The Tree of Life" wird am 23. Juni in die deutschen Kinos kommen.
Nur wenige Tage vor dem deutschen Kinostart entern „Pirates of the Caribbean" die Croisette, Johnny Depp, Penélope Cruz, Geoffrey Rush sowie der Regisseur Rob Marshall werden reiche Medien-Beute kapern. Captain Jack Sparrow ist hingegen wieder auf der Jagd nach klassischen Schätzen, Frauen und Rum. Eine mysteriöse Frau aus seiner Vergangenheit (Cruz) treibt ihn auf das Schiff des ebenso legendären wie gefürchteten Piraten Blackbeard. Auch Jodie Foster nahm eine lange Regie-Pause nach „Das Wunderkind Tate" sowie „Familienfest und andere Schwierigkeiten". Jetzt ist sie als Star und Regisseurin zurück mit „enfant terrible" Mel Gibson, dessen Figur nach einer schweren Depression nur noch über die Handpuppe eines Bibers mit der Welt spricht. „Der Biber" und die „Pirates" werden schon am 19.5. ihren Deutschland-Start haben.
Die Dardennes aus Lüttich erzählen in „Le gamin au vélo" („Der Junge auf dem Rad"), von Cyril, der in einem Kinderheim lebt und ruhelos mit seinem Rad durch die Gegend (um Lüttich) fährt, um seinen Vater zu finden. Dabei trifft er auf eine Friseuse, die sich um ihn kümmert. Cécile de France spielt diese Rolle, womit die Brüder Dardenne nicht nur erstmals einen Star mitspielen lassen, sondern auch noch eigener Aussage etwas Optimismus in ihre meist dunklen Geschichten bringen.
Der neue Film von Andreas Dresen „Halt auf freier Strecke" erzählt von einem glücklichen Paar, das plötzlich mit dem Sterben konfrontiert ist. Der deutsche Starter in der Reihe „Un certain regard" soll eine Geschichte der Extreme sein, die aus alltäglichen Vorgängen erwachsen. Die Filmstiftung NRW setzt ihre Tradition der Beteiligung bei herausragenden Produktionen fort: „Melancholia", die fünfte Zusammenarbeit mit Lars von Trier, wurde vom Dänen als „psychologischer Katastrophenfilm" angekündigt - was eigentlich alle seine Filme beschreibt. Diesmal setzten sich Charlotte Rampling, Kiefer Sutherland, Kirsten Dunst, John Hurt und Charlotte Gainsbourg dem genialen Regisseur aus. Charlotte Rampling wird außerdem in der Dokumentation „The Look – Charlotte Rampling"von Angelina Maccarone im Fokus stehen. Dies ist der zweite von der Filmstiftung geförderte Film in Cannes.
Während die Fans langsam ihre Klapp-Leiterchen am frisch applizierten Roten Teppich aufstellen, sind bei einer derartig guten Papier-Form die Erwartungen an Cannes 2011 besonders hoch. Es dauert nur noch 10 Tagen und ein paar hundert Filme, bis sich am übernächsten bei der Preisverleihung herauskristallisiert, ob die Auswahl der Cannes-Macher wieder alle anderen Festivals in den Schatten stellt.
8.5.11
Geliebtes Leben
Der Tod ihrer kleinen Schwester und die unerklärliche Krankheit der Mutter bringt das Leben der zwölfjährigen Chanda im südafrikanischen Township durcheinander. Gegen eine Front aus Aberglauben bricht das kluge und entschlossene Mädchen das Tabu, Aids zu benennen. Sie nimmt auf bewegende Weise den Kampf auf gegen das Verschweigen und Verdrängen der Geißel Südafrikas. Dem Südafrikaner Oliver Schmitz gelang in seiner Bearbeitung des Romans von Allan Stratton ein kluger und anrührender Film für Jugendliche und Erwachsene.
Ein Kindersarg muss besorgt werden. Der Stiefvater säuft, die Mutter ist zu traurig. So kümmert sich die 12jährige Chanda (Khomotso Manyaka) auch darum und arrangiert das Begräbnis in dem ländlichen, etwa 200 km von Johannesburg entfernten Township Elandsdoorn, obwohl der Stiefvater Jonah (Aubrey Poolo) auch das Geld dafür geklaut hatte. Chanda ist ein bemerkenswert kluges Kind, es beobachtet und handelt dann entschlossen. Aber sie und ihre beiden Stiefgeschwister wissen nicht, weswegen die einjährige Schwester gestorben ist. Auch weshalb Chandas Freundin, die für ihr Alter viel zu sehr aufgetakelte Esther, von allen im Dorf abgelehnt wird, bleibt lange unklar. In der religiösen Nachbarschaft gibt es abergläubige Schuldzuweisungen an die Mutter Lilian (Lerato Mvelase), obwohl diese engagiert die Kostüme des Kirchenchores näht. Selbst wenn sie immer kränkelt. Als die Nachbarin Mrs. Tafa (Harriet Manamela), eine moralische Instanz im Viertel, nach den vergeblichen Versuchen eines Wunderheilers mit Lilian zum Arzt geht, durchschaut die Tochter Chanda die Diplome an der Wand als Erfolgsurkunden der Pharma-Industrie und handelt den Preis herunter. Zum Entsetzen der Nachbarin. Denn angesichts des großen Tabus Aids handeln alle wie kleine Kinder oder werden so behandelt.
Irgendwann verreist die Mutter schweren Herzens, lässt Chanda alleine mit den beiden kleinen Geschwistern zurück. Doch das Mädchen geht all dem verborgen Wabernden auf den Grund, lässt sich nicht abwimmeln, selbst wenn sogar im Krankenhaus ein Wort verboten ist: Aids! Denn diese Geisel der südafrikanischen Gesellschaft ist verantwortlich für den Tod der Schwester, die Krankheit der Mutter, die Ausgrenzung der ganzen Familie und auch der von Esther. Infiziert und ausgestoßen, versucht diese als Kinderprostituierte zu überleben. Wie Chanda endlich eine aufgeklärte Ärztin findet, der in der Steppe ausgesetzten Mutter einen grausamen Tod erspart und dem Aberglauben die Stirn bietet, ist eine bewegende, kleine Heldengeschichte, deren starke Wirkung auch durch ein zu dramatisches Finale nicht abgeschwächt wird. Ein überzeugendes Plädoyer, den eigenen Verstand zu benutzen und nach der eigenen Überzeugung zu handeln.
Mit einem anrührenden Lied zu Beginn, mit angeschnittenen Bilder, eindrucksvoll satten Farben gibt Oliver Schmitz („Mapantsula", „Paris, je t'aime", „Doctor's Diary") seiner - zusammen mit Dennis Foon nach dem Roman von Allan Stratton entwickelten - Geschichte einen ansehnlichen Rahmen. Erstaunlich, aber nur logisch ist, wie lange das Wort Aids auch im Film nicht vorkommt. Die Verdammung erfolgt über nur Blicke, die allerdings immer bedrohlicher werden. Irgendwann brennt ein Karren vor dem Haus und dann fliegen Steine. Dass der 1960 in Kapstadt geborene und in Deutschland arbeitende Schmitz filmisch recht konventionell erzählt, kommt der Wirkung des Films nur zugute. Denn so kann die südafrikanisch-deutsche Koproduktion sowohl im Arthouse- als auch im Mainstream-Bereich punkten und eignet sich zudem hervorragend für Kinder und Jugendliche.
Löwenzahn - Das Kinoabenteuer
BRD 2011 Regie: Peter Timm mit Guido Hammesfahr, Ruby O. Fee, Dominique Horwitz, Petra Schmidt-Schaller 92 Min. FSK: ab 6
„Löwenzahn - Der Film" lief 2005 mit Peter Lustig. Dies ist „Löwenzahn - Das Kinoabenteuer", genauer, ein wenig kindgerechtes Dauer-Abenteuer mit Klischee-Figuren, hanebüchenen Fehlern und schlampiger Machart. Dass der Geist der TV-Folgen von „Löwenzahn" völlig ausverkauft wird, tut besonders weh.
Wie Klein-Indiana Jones geht es mit viel Getöse und Rückblende in die Jugend von Fritz Fuchs. Wo Hannibal einst im - historischen inkorrekten - Schneesturm Schutz in einer Alpen-Grotte fand, entdecken zwei Jungen einen Schatz. Die Wege vom klugen Fritz und vom gierigen Roman trennt ein Bergsturz, bevor Jahrzehnte später die Jagd nach dem punischen Gold entflammt. Damit ja kein Moment Ruhe aufkommt und man Figuren kennenlernen könnte, müssen auch noch dauernd Hunde gerettet, entführte Post-Mopeds und VW-Bullis verfolgt sowie eine neugierige Nichte gesucht werden. Das alles kompakt in Thüringen und den Südalpen nur einen Hundesprung voneinander entfernt. Hier knubbeln sich gleich mehrere Folgen Lassie, simpler Kindersong a la „Vorstadtkrokodile", viel „oh wie süß, der will nur spielen-Rührfaktor", Fledermaus-Schrecken, lauter liebe Menschlein und ein paar Bösewichte. Selbst Dominique Horwitz spielt als Schurke Roman Zenkert weit unter seinem Niveau. Fritz Fuchs (Guido Hammesfahr), der schon im Fernsehen als zu glatter und gar nicht komischer Ersatz für Peter Lustig enttäuscht, eignet sich nicht paragleitender Actionheld mit Propeller auf dem Rücken. Als Superhirn auch nicht. Wenn „Löwenzahn" früher klüger machte, verdummt dieser Film mit unmöglichen Heldentaten am laufenden Band unter überdramatischer Musik. Das ist eher durcheinander als spannend, dazu stimmen Timing und Anschlüsse oft nicht. Ein nur mäßiges Kinderabenteuer.
Die Regie hatte Peter Timm, ein erfahrener Mann ... mit Filmen wie „Go, Trabi, Go" (1990), „Rennschwein Rudi Rüssel" (1994) oder „Mein Bruder ist ein Hund" 2004. Auch wenn man derartige „Unterhaltung" Kindern nicht zumuten will, dabei arbeitete Timm weitaus sorgfältiger!
6.5.11
Senna
Die Verehrung eines nationalen Helden, der mit seinem Auto gegen eine Wand knallte und dessen damit verbundener Tod drei Tage Staatstrauer in Brasilien auslöste, schwappt jetzt auch auf die Leinwand. (Davon träumt der besoffene Führerschein-Neuling, der nach der Party eine Pappelallee ausdünnt.) Um die Karriere des Formel 1-Fahrers Ayrton Senna von seinem ersten Formel 1-Rennen im Jahr 1984 bis zum tödlichen Unfall 1994 dreht sich „Senna", die konventionelle Glorifizierung durch Asif Kapadia.
Jungenhaft wirkte er. Nicht nur 1984, als der Formel 1-Neuling fast den Grand Prix von Monaco gewann oder noch 1985 in Estoril bei seinen ersten Sieg auf Lotus. Nein, Senna behielt diesen Charme auch in den letzten Lebens-Jahren trotz sportlicher Rückschläge. Doch wollen wir nicht zu viel von der Person reden, denn das macht auch der Film „Senna" nicht. Brav chronologisch wird der sportliche Werdegang nachvollzogen. Regisseur Asif Kapadia montierte dabei nur Originalaufnahmen. Die Musik von Antonio Pinto, der auch „City of God" komponierte, macht dazu auf großes Drama mit einem schwebend tragischen Ton.
Die schwache Dokumentation bleibt unkritisch - Senna gegenüber. Die anderen bekommen durchaus ihr Lagerfett ab. Der große Konkurrent, der „Professor" genannte Alain Prost, wird als Spezialist für politische Ränke diskreditiert während Senna immer wieder einer anderen Zeit mit einem „puren Rennsport" nachweint. Aus dieser Gegnerschaft im gleichen McLaren-Rennstall gewinnt der Film sein klassisches Duell. Bis zum Crash der in Führung liegenden Rivalen, der eigentlich Prost die Weltmeisterschaft 1989 in Japan sichern sollte. Doch Senna fuhr weiter, gewann das Rennen und wurde disqualifiziert. Ein französischer Präsident der Autosport-Vereinigung sorgte für das vermeintliche Unrecht und den Titel des Franzosen Prost. Die Sport-Geschichte hatte dann die nette Idee, nur ein Jahr später an gleicher Stelle das Duell mit umgekehrten Vorzeichen fortzusetzen. Der Held rächt sich im zweiten Durchgang. Nun blieben dramatisch nur noch der große Abgang und vorher etwas technisches Geplänkel. Andere, in teils drastischen Bildern gezeigte, schwere Unfälle bilden die Einstimmung. Der Tod des Österreichers Roland Ratzenberger auf der Strecke von Imola, die auch Senna im Alter von 34 Jahren zum Verhängnis wurde, bietet der Film als Warnung und letzte Möglichkeit zum Ausstieg an. Voyeuristisch bleibt die Kamera fast bis zur letzten Sekunde beim Todesfahrer Senna. Der erste Trauerzug gilt dem Rennwagen, dann erst erfährt der Sarg einen vielbeweinten Abschied in Rio.
Ein paar Privataufnahmen bringen die Person Senna nicht näher. Dadurch, dass Senna seinen Erfolg, zum Beispiel seine erste Weltmeisterschaft 1988, nicht auf Reifen, den Motor oder die Konstruktion zurückführte, sondern auf Gott, entsteht kurzzeitig eine zusätzliche Dimension. Im entscheidenden Rennen hatte der Fahrer sogar Zeit, die ganze letzte Runde lang zu beten.
Die strenge, den Rennen folgende Chronologie mag Formel 1-Fans begeistern. Für sonstige Zuschauer ist es eine Sport-Doku wie viele andere. Über einen Ausnahme-Sportler wie viele andere. Vor ihm war im Bereich der hoch bezahlten Raser Lauda, nach ihm kam Schumacher, der alle Senna-Rekorde plättete, und jetzt dreht wahrscheinlich wieder jemand anderes seine Runden. Immer schnappt sich jemand Neues den Titel des jüngsten Siegers oder des jüngsten Weltmeisters. Immer wieder könnte man über so einen eine durchschnittliche, oberflächliche Sport-Doku drehen.
4.5.11
Nausicaä - Prinzessin aus dem Tal der Winde (Blu-Ray)
Nausicaä - Prinzessin aus dem Tal der Winde
Japan 1984 (Kaze no tani no Naushika) Regie: Hayao Miyazaki 117 Min.
Ein Meer der Fäulnis breitet sich aus und bedroht die Menschheit. Überall fliegen Sporen und Pilze in einem immerwährenden Schnee herum. Riesige Insekten reagieren wütend auf jede Störung. Nur die junge, mutige und fröhliche Kämpferin Nausicaä spricht vermittels einer Luft-Flöte mit den Insekten, die auf keinen Fall getötet werden sollen, um das Gleichgewicht der Natur zu erhalten
Die Windreiterin Nausicaä ist Prinzessin eines idyllischen Dorfes im Tal der Winde. Sie besänftigt auf magische Weise Angst bei kleinen und riesigen Wesen. Bis gigantische Kriegs-Bomber und Panzer das kleine, friedliche Volk erobern. Die Tokumeken wollen mit furchterregenden Titanen, die in sieben Tagen des Feuers die Welt verbrannt haben und nach „Tausend Jahren in der Erde noch tödlich sind", das Meer der Fäulnis niederbrennen. Und schon rasen die Omus, Manteltiere so groß wie Hochhäuser, mit wütend roten Augen heran.
Es ist bitter, dass dieser Miyazaki-Film aus dem Jahre 1984 so enorm an Aktualität gewonnen hat. Wenn der unfertige Titan eine Atomexplosion verursacht, muss man heute an Fukushima denken. Allerdings war Animationsmeister Hayao Miyazaki („Prinzessin Mononoke", „Ponyo") schon immer der erste Grüne im Filmgeschäft. Seine Filme zeigen sich einzigartig friedlich, versöhnlich und verständnisvoll. Dabei enthält die ungemein unterhaltsame Animation sowohl Fantasy-Elemente wie ein unzerstörbares Schwert als auch Science Fiction in Form eines flotten Luftgleiters. Der männliche Held rast in einem X-Wing-Flieger heran, dazu ist die Geschichte in jedem Detail fantastisch: In den Wesen, der Pflanzenwelt, der Technik aber auch in der Verwüstung. Während in der verseuchten Welt alle, selbst die Reit-Strauße Atemmasken tragen müssen, drehen sich im gesunden Tal Windmühlen und -räder unterschiedlichster Formen. Dazu Nausicaä: „Wenn man zuviel Feuer einsetzt, stirbt alles."
„Nausicaä - Prinzessin aus dem Tal der Winde" ist bereits 2005 und 2007 in gleicher Ausstattung auf DVD erschienen und lief auch im letzten Jahr im Rahmen der Miyazaki-Reihe auf Arte. Als Bonus-DVD gibt es den kompletten Film noch einmal in Form der skizzierten Storyboards, sowie Interviews und ein Porträt des Studio Ghibli.
2.5.11
Arthur
USA 2011 (Arthur) Regie: Jason Winer mit Russell Brand, Greta Gerwig, Helen Mirren, Jennifer Garner, Nick Nolte 110 Min.
Infantile Figuren gibt es im Film zuhauf, vor allem in sogenannten Komödien aus Hollywood. Mit „Arthur" hat jedoch ein großes Kind einen grandiosen Auftritt. Und das in voller Absicht und nicht aus dauernder Angst, das Publikum zu überfordern.
Gleich zu Anfang nimmt der extrem kindische Millionenerbe Arthur Bach (Russell Brand) den berühmten Stier der Wall Street bei den Hörnern oder eigentlich bei den Eiern. Eine Fahrt im (echten!) Batmobil, geriet nach der klassischen Frage „Wozu ist dieser Knopf hier?" etwas aus der Spur. Den Polizisten kann Arthur beruhigen: Er ist nicht „schon wieder" betrunken, sondern seit der letzten Verhaftung immer noch. Ein weiterer Skandal, der die Kurse des Bach-Konzerns belastet. Mutter und Konzernchefin Vivian Bach beschließt daraufhin Arthurs Hochzeit mit der Baumagnaten-Tochter Susan Johnson (Jennifer Garner). Sein Einspruch von wegen Lieb-ich-nicht wischt ein Hinweis auf die etwas mehr als 900 Millionen Dollar hinweg, die er ansonsten verlieren würde. Außerdem kennt er Susan schon, sie gehört zu den zahllosen Frauen, mit denen er wild Party machte und sie nachher doch nicht anrief.
Mit exzessivem Hedonismus, Verrücktheiten, die selbst bei einem per se schon exzentrischen Engländer in New York auffallen und einem eisigen Verhältnis zur Mutter kommt man der Person Arthur nahe. Das Mütterlichste, was Vivian ihm je gab, war ein Stofftier. Wirkliche Muttergefühle hat seine Nanny Hobson für ihn. Sie versorgt ihn im Penthouse-Palast hoch über der Stadt, was beim Frühstück anfängt und beim Wegräumen von BHs, Slips und Mädchen mit schlechten Absichten längst noch nicht aufhört. Hobson hat in Sachen Betreuung des 30-jährigen, immer alkoholisierten Kindes immer genial schlagfertige Argumente und das letzte Wort.
„Arthur" wäre nur eine großartig schräge Nummer, gäbe es die Liebe nicht. Denn selbstverständlich trifft der herrliche Spinner direkt nach arrangierter Hochzeit auf eine süße Frau mit ähnlich viel Poesie und Humor. Naomi Quinn (Greta Gerwig) liebt als illegale Fremdenführerin die Grand Central Station und so lässt Arthur für ein romantisches Essen die riesige Metrostation räumen, den Boden mit Rosenblättern bestreuen und die enorme Deckenhöhe von Trampolin-Artisten nutzen. Als Hauptgang gibt es Pez-Figuren mit den Köpfen von Naomi und Arthur. Doch Susans resoluter Vater, dem ein paar Nieten in der Haut nichts ausmachen, bringt den jungen Mann mit Hilfe einer Kreissäge wieder auf die Hochzeitsspur. Arthur muss sich zwischen Geld und Liebe entscheiden, ein Versuch mit diesem komischen Ding namens Arbeit geht aber wieder mit großem Stil völlig schief. Und dann gibt es noch ein nicht geringes Alkoholproblem...
Die wunderbar verrückten Einfälle von und für „Arthur" sind so reichhaltig wie das Geld auf seinem Konto. In seinem Keller stehen unter zig anderen Legenden auch der DMC-12 aus „Zurück in die Zukunft", auf einer Auktion ersteigert er gegen sich selbst Abraham Lincolns Anzug und Zylinder, um sie direkt anzuziehen. All diesen Spaß veredelt eine schöne Liebesgeschichte. Hauptdarsteller Russell Brand kennt man vielleicht aus „Männertrip" und „Nie wieder Sex mit der Ex". Doch in diesem „Benny & Joon nur ohne Krankheit" darf er dem Klamauk Persönlichkeit geben. Nick Nolte schlägt als bösartiger Schwiegervater locker DeNiro. Jennifer Garner gönnt sich das Biest, während die nur anscheinend unscheinbare Greta Gerwig nach „Greenberg" erneut großen Eindruck macht. Heimlicher Star und Seele nicht nur von Arthurs Haushalt, sondern auch des Films ist Helen Mirrens Hobson - selbst ihre Texte toppen noch die schon umwerfend komischen Arthurs.
Mitten im Sturm
Die niederländische Oscar-Preisträgerin Marleen Gorris („Antonia") verfilmte die autobiographische Leidensgeschichte der jüdischen Literatur-Professorin Eugenia Ginzburg, die 18 Jahre im sibirischen Gulag verbrachte. Der Ausschnitt aus einem Leben unter brutalem Staatsterror wird durch Emily Watsons ergreifendes Spiel nachfühlbar. Ein schauriger Einblick in eine ferne Lagerwelt, in der die Poesie Ginzburg beim Überleben half.
1937 erfüllen begeisterte Hymnen auf Russland die Hörsäle der Universität von Kasan, der Hauptstadt der autonomen sozialistischen Sowjetrepublik Tatarstan. Eugenia Ginzburg leitet energisch und leidenschaftlich ihre Literaturklassen, besucht als gutes Parteimitglied auch die Bauern, um ein politisches Attentat zu verdammen. Doch der Stalinismus schnürt mit der Geheimpolizei NKWD seinen Griff immer enger ums Leben. Ein Kollege wird verhaftet. Auch in die wohlhabende Intellektuellen-Familie der Eugenia Ginzburg schleicht sich die Angst. Während sich die selbstsichere Frau der absurden Logik politischer Verurteilungen widersetzt, bettelt ihr ängstlicher Mann im voraus eilenden Gehorsam um Gnade. Dann verleumdet ein Neider sie, die Masse der kriechenden und sich selbst bezichtigenden Mitarbeiter klatscht dazu Applaus. In der eisigen Zelle der Untersuchungshaft, wird die energische Frau bei höhnischen Verhören, angesichts von Verrat, Lüge und Meineid zu einem blassen Niemand mit einem Rest von unzerstörbarem, eigenem Willen. Die Verurteilung läuft als eine Farce in wenigen Minuten ab, trotz Ginzburgs klaren Gegenfragen und eines Alibis. Halb weinend und lachend begreift Eugenia, dass es kein Todesurteil wurde, sondern nur 10 Jahre Sibirien. Im Güterwagen geht es in den Osten, ein schwer fassbares Grauen beginnt.
Im Lager Kolyma, im Osten der Sowjetunion, müssen die Gefangenen schwerste Arbeiten in extremen Minustemperaturen verrichten. Die Nahrung ist kärglich, die Frauen sind den Brutalitäten der Soldaten ausgeliefert, aber auch der eigenen Hackordnung, in der Intellektuelle wie Ginzburg ganz unten stehen. Durch das Nacherzählen des Oblomow-Romans des russischen Dichters Iwan Alexandrowitsch Gontscharow (1812–1891) verschafft sie sich etwas Ansehen. Diese heftigen Frauen- und Gefangenenschicksale werden von Marleen Gorris, der Regisseurin starker Frauen, trotz Vergewaltigung durch die Wachen, trotz Selbstmorden und Tod durch Erfrieren im Vergleich zum kaum vorstellbaren wahren Grauen relativ harmlos dargestellt. Darin liegt auch eine Stärke des Films, der Schrecken erahnen lässt, ohne sein Publikum selbst abzuschrecken.
Während die Kleidung anfangs noch die darstellerischen Fähigkeiten Emily Watsons („Breaking the Waves") verdeckt, spielt sie in Lumpen und Baracken groß tragisch auf. Auch in anderen Szenen gelingt es Gorris („Lushins Verteidigung", „Mrs. Dalloway", „Antonias Welt") die Gefühlswelten ihrer Protagonistin indirekt zu vermitteln: In den poetischsten Momenten findet Eugenia immer wieder mitten im eisigen Grau Sibiriens die lila verpackte Bonbons des geliebten Sohnes Alyosha in ihrer Jacke. So ist „Mitten im Sturm" zwar auch ein „Gulag-Film" wie „The Way Back - Der lange Weg", rückt aber das innere Erleben ins Zentrum, während sich Peter Weirs Film als Flucht-Abenteuer mit der harschen Außenwelt anlegt.
Willkommen im Süden
Italien 2010 (Benvenuti al Sud) Regie: Luca Miniero mit Claudio Bisio, Alessandro Siani, Angela Finocchiaro, Valentina Lodovini 106 Min.
Das Remake muss revidiert werden - zumindest der schlechte Ruf, dem dieser Auswurf anhaltender film-industrieller Ideenlosigkeit anhaftet: Die Erfolgsklamotte „Willkommen bei den Sch'tis" muss man, zudem nur drei Jahre nach dem Original, doch wirklich nicht nochmal drehen? Doch, man kann und „Willkommen im Süden", die zeitweise exakte Kopie auf italienisch, ist ähnlich sympathisch, genauso komisch und sieht - wegen Bella Italia? - sogar besser aus.
Verkehrte Welt: Während einst ein französischer Postbeamte unbedingt in den Süden, an die Küste wollte, drängt es sein italienisches Remake-Double Alberto Colombo (Claudio Bisio) nach Norden, nach Mailand. Die peinlich-komische Bewerbung im Rollstuhl mit einer erfundenen Behinderung geht schief, eine Strafversetzung folgt umgehend. Was bei Danny Boon im Original die nördlichste Ecke Frankreichs an der Grenze zu Belgien war, stellt hier Castellabate, ein Dorf in der Nähe von Neapel dar. Dort wo man den Müll auf die Straße wirft, Epidemien und die Camorra herrschen, Kinder mit Koks dealen. Alberto fährt mit kugelsicherer Weste ins Ungewisse, nimmt zur Sicherheit auch Ring und Armband-Uhr ab, damit er nicht deswegen umgebracht wird. Nicht nur das Mitgefühl einer Polizistin, die „auch einen Bruder im Kosovo" habe, begleitet ihn, auch die Angst seiner Frau, die deswegen mit dem verhätschelten Sohn zuhause bleibt.
Nach der eins zu eins übernommenen Ankunft im Gewitter und den wunderbar bloßstellenden Vorurteilen Albertos kommt es im Hause seines Mitarbeiters Mattia Volpe (Alessandro Siani) zum Clash der Essens-Sitten. Mattias Mutter - mit blutgetränkter Schürze - mästet den Gast, während dieser nur mit dem aromatisierten Sauerstoff seiner vertrauten Käsesorten überlebt. Der heftige Wein-Genuss der Franzosen ist hier vom steten Kaffee-Konsum ersetzt. Einstweilen. Bis der Chef Alberto mit auf exzessive Boten-Tour geht. Statt Kaffee gibt es Fruchtiges. Auf alkoholischer Basis. So wird auch diese Posttour mit Vespa statt Fahrrad zu einer Gaudi. Der strenge und steife Beamte kann, nachdem erhebliche Verständigungsprobleme überwunden sind, dem Fußballspiel in der langen Mittagspause und auch sonst nicht widerstehen. Er lernt, das Leben zu lieben, schätzt den Kaffee zwischendurch, ebenso die Sonnenuntergänge über dem Meer von Castellabate.
Viele Szenen aus „Willkommen im Süden" stammen zwar wiedererkennbar aus „Willkommen bei den Sch'tis", wurden aber gelungen den italienischen Verhältnisse angepasst. Der ursprüngliche Autor, Regisseur und Hauptdarsteller Boon hat übrigens einem Kurzauftritt als nord-französischer Tourist. Ansonsten trumpfen wieder die sympathischen Nebenfiguren und das Liebesdrama des neugewonnenen Freundes Mattia. Was problematisch bleibt, ist die Unübersetzbarkeit der vielen sprachlichen Missverständnisse. Wieder müssen selbst die Untertitel vor diesem Humor aufgeben.
Scream 4
USA 2011 (Scream 4) Regie: Wes Craven mit David Arquette, Neve Campbell, Courteney Cox 111 Min.
Scream for Inspiration
Wieder einmal führt der ehemalige Uni-Dozent Wes Craven das Horror-Genre vor - am Beispiel eines von ihm selbst geschaffenen Universums, dem Städtchen Woodsboro, seiner Mörder und Opfer. „Scream 4" sollte postmoderner Horror sein, bei dem immer noch zwischendurch die Post abgeht, sprich: mächtig gemordet wird.
Zuerst wird jedoch von Horror-Fans vor dem Fernseher „Saw" seziert, dann „Stab", der Film im Film von „Scream", und immer endet es mit einem Mord. Verspielt ist der vierte Teil der anfänglichen Horror-Parodie, dem im zweiten Teil das Studium, dann die Verfilmung und nun die Heimkehr der überlebenden Protagonisten folgte. Es gibt die selbstreflexiven und halbwegs witzigen Diskussionen über die Vorhersehbarkeit solcher Filme, mit dem unerlässlichen blutigen Gegenargument. Und dann noch eine Schleife bevor ein paar frische Teenager im Rahmen der Jubiläumsfeiern zur ersten Stecherei dran glauben müssen. Der erste Mord wird als „Preview" bezeichnet, Sidney (Neve Campbell) bekommt zu hören, sie sei nicht mehr der Star. Die Horrorfilm-Reflexion ist überdeutlich, ebenso die wiederholte Frage „Was ist dein liebster Horrorfilm?"
Die alten Recken Sidney, Dewey Riley (David Arquette) und Gale Weathers-Riley (Courteney Cox) haben ihren Buchvertrag oder einen Posten als Sheriff und stehen albernen Video-Künstlern (Rory Culkin) und -Theoretiker mit Kameras am Kopf, sowie einer dümmliche Medien-Tusse gegenüber. Ist vielleicht der stalkende Ex-Freund die „Copy-Cat", die das Muster der ersten Morde imitiert? Auf jeden Fall muss Sidney noch einmal beweisen, dass sie eine Überlebende ist
Im Film und vor der Leinwand bleibt „Scream 4" ein Teenager-Spaß für Jungens, die so an ängstliche Mädchen rankommen wollen. Dass Altmeister und Unidozent Craven ebenso an seinem vielfach selbstzreferenziellen Konstrukt wie an einem funktionierenden Horror-Filmchen interessiert ist, macht den Nach-Nachfolger nicht wirklich raffinierter. Während die Sucht nach 15 Minuten Ruhm im Internet gnadenlose Ödipussies kreiert, verläuft das filmische Timing schwach: die Rettung braucht immer ewig in diesem kleinen Kaff. Erst das Finale sticht mit ein paar neuen Ideen zu. Aber um den Filmverleih, der mit Unterlassungs-Erklärungen den Zugang zu Pressevorführungen einschränkte, zu berühigen, sei hier nicht erwähnt, dass die Mörder diesmal unter den Familienangehörigen zu suchen sind. Selbst auch wenn man wüsste, dass Sidneys Tochter hinter der Maske steckt - ein guter Film hätte mehr zu bieten als das Rätseln um den Täter.