8.5.11

Löwenzahn - Das Kinoabenteuer

BRD 2011 Regie: Peter Timm mit Guido Hammesfahr, Ruby O. Fee, Dominique Horwitz, Petra Schmidt-Schaller 92 Min. FSK: ab 6

„Löwenzahn - Der Film" lief 2005 mit Peter Lustig. Dies ist „Löwenzahn - Das Kinoabenteuer", genauer, ein wenig kindgerechtes Dauer-Abenteuer mit Klischee-Figuren, hanebüchenen Fehlern und schlampiger Machart. Dass der Geist der TV-Folgen von „Löwenzahn" völlig ausverkauft wird, tut besonders weh.

Wie Klein-Indiana Jones geht es mit viel Getöse und Rückblende in die Jugend von Fritz Fuchs. Wo Hannibal einst im - historischen inkorrekten - Schneesturm Schutz in einer Alpen-Grotte fand, entdecken zwei Jungen einen Schatz. Die Wege vom klugen Fritz und vom gierigen Roman trennt ein Bergsturz, bevor Jahrzehnte später die Jagd nach dem punischen Gold entflammt. Damit ja kein Moment Ruhe aufkommt und man Figuren kennenlernen könnte, müssen auch noch dauernd Hunde gerettet, entführte Post-Mopeds und VW-Bullis verfolgt sowie eine neugierige Nichte gesucht werden. Das alles kompakt in Thüringen und den Südalpen nur einen Hundesprung voneinander entfernt. Hier knubbeln sich gleich mehrere Folgen Lassie, simpler Kindersong a la „Vorstadtkrokodile", viel „oh wie süß, der will nur spielen-Rührfaktor", Fledermaus-Schrecken, lauter liebe Menschlein und ein paar Bösewichte. Selbst Dominique Horwitz spielt als Schurke Roman Zenkert weit unter seinem Niveau. Fritz Fuchs (Guido Hammesfahr), der schon im Fernsehen als zu glatter und gar nicht komischer Ersatz für Peter Lustig enttäuscht, eignet sich nicht paragleitender Actionheld mit Propeller auf dem Rücken. Als Superhirn auch nicht. Wenn „Löwenzahn" früher klüger machte, verdummt dieser Film mit unmöglichen Heldentaten am laufenden Band unter überdramatischer Musik. Das ist eher durcheinander als spannend, dazu stimmen Timing und Anschlüsse oft nicht. Ein nur mäßiges Kinderabenteuer.

Die Regie hatte Peter Timm, ein erfahrener Mann ... mit Filmen wie „Go, Trabi, Go" (1990), „Rennschwein Rudi Rüssel" (1994) oder „Mein Bruder ist ein Hund" 2004. Auch wenn man derartige „Unterhaltung" Kindern nicht zumuten will, dabei arbeitete Timm weitaus sorgfältiger!

6.5.11

Senna

Großbritannien 2010 Regie: Asif Kapadia mit Ayrton Senna, Alain Prost, Frank Williams 104 Min. FSK ab 6

Die Verehrung eines nationalen Helden, der mit seinem Auto gegen eine Wand knallte und dessen damit verbundener Tod drei Tage Staatstrauer in Brasilien auslöste, schwappt jetzt auch auf die Leinwand. (Davon träumt der besoffene Führerschein-Neuling, der nach der Party eine Pappelallee ausdünnt.) Um die Karriere des Formel 1-Fahrers Ayrton Senna von seinem ersten Formel 1-Rennen im Jahr 1984 bis zum tödlichen Unfall 1994 dreht sich „Senna", die konventionelle Glorifizierung durch Asif Kapadia.

Jungenhaft wirkte er. Nicht nur 1984, als der Formel 1-Neuling fast den Grand Prix von Monaco gewann oder noch 1985 in Estoril bei seinen ersten Sieg auf Lotus. Nein, Senna behielt diesen Charme auch in den letzten Lebens-Jahren trotz sportlicher Rückschläge. Doch wollen wir nicht zu viel von der Person reden, denn das macht auch der Film „Senna" nicht. Brav chronologisch wird der sportliche Werdegang nachvollzogen. Regisseur Asif Kapadia montierte dabei nur Originalaufnahmen. Die Musik von Antonio Pinto, der auch „City of God" komponierte, macht dazu auf großes Drama mit einem schwebend tragischen Ton.

Die schwache Dokumentation bleibt unkritisch - Senna gegenüber. Die anderen bekommen durchaus ihr Lagerfett ab. Der große Konkurrent, der „Professor" genannte Alain Prost, wird als Spezialist für politische Ränke diskreditiert während Senna immer wieder einer anderen Zeit mit einem „puren Rennsport" nachweint. Aus dieser Gegnerschaft im gleichen McLaren-Rennstall gewinnt der Film sein klassisches Duell. Bis zum Crash der in Führung liegenden Rivalen, der eigentlich Prost die Weltmeisterschaft 1989 in Japan sichern sollte. Doch Senna fuhr weiter, gewann das Rennen und wurde disqualifiziert. Ein französischer Präsident der Autosport-Vereinigung sorgte für das vermeintliche Unrecht und den Titel des Franzosen Prost. Die Sport-Geschichte hatte dann die nette Idee, nur ein Jahr später an gleicher Stelle das Duell mit umgekehrten Vorzeichen fortzusetzen. Der Held rächt sich im zweiten Durchgang. Nun blieben dramatisch nur noch der große Abgang und vorher etwas technisches Geplänkel. Andere, in teils drastischen Bildern gezeigte, schwere Unfälle bilden die Einstimmung. Der Tod des Österreichers Roland Ratzenberger auf der Strecke von Imola, die auch Senna im Alter von 34 Jahren zum Verhängnis wurde, bietet der Film als Warnung und letzte Möglichkeit zum Ausstieg an. Voyeuristisch bleibt die Kamera fast bis zur letzten Sekunde beim Todesfahrer Senna. Der erste Trauerzug gilt dem Rennwagen, dann erst erfährt der Sarg einen vielbeweinten Abschied in Rio.

Ein paar Privataufnahmen bringen die Person Senna nicht näher. Dadurch, dass Senna seinen Erfolg, zum Beispiel seine erste Weltmeisterschaft 1988, nicht auf Reifen, den Motor oder die Konstruktion zurückführte, sondern auf Gott, entsteht kurzzeitig eine zusätzliche Dimension. Im entscheidenden Rennen hatte der Fahrer sogar Zeit, die ganze letzte Runde lang zu beten.

Die strenge, den Rennen folgende Chronologie mag Formel 1-Fans begeistern. Für sonstige Zuschauer ist es eine Sport-Doku wie viele andere. Über einen Ausnahme-Sportler wie viele andere. Vor ihm war im Bereich der hoch bezahlten Raser Lauda, nach ihm kam Schumacher, der alle Senna-Rekorde plättete, und jetzt dreht wahrscheinlich wieder jemand anderes seine Runden. Immer schnappt sich jemand Neues den Titel des jüngsten Siegers oder des jüngsten Weltmeisters. Immer wieder könnte man über so einen eine durchschnittliche, oberflächliche Sport-Doku drehen.

4.5.11

Nausicaä - Prinzessin aus dem Tal der Winde (Blu-Ray)

Nausicaä - Prinzessin aus dem Tal der Winde

Japan 1984 (Kaze no tani no Naushika) Regie: Hayao Miyazaki 117 Min.

Ein Meer der Fäulnis breitet sich aus und bedroht die Menschheit. Überall fliegen Sporen und Pilze in einem immerwährenden Schnee herum. Riesige Insekten reagieren wütend auf jede Störung. Nur die junge, mutige und fröhliche Kämpferin Nausicaä spricht vermittels einer Luft-Flöte mit den Insekten, die auf keinen Fall getötet werden sollen, um das Gleichgewicht der Natur zu erhalten

Die Windreiterin Nausicaä ist Prinzessin eines idyllischen Dorfes im Tal der Winde. Sie besänftigt auf magische Weise Angst bei kleinen und riesigen Wesen. Bis gigantische Kriegs-Bomber und Panzer das kleine, friedliche Volk erobern. Die Tokumeken wollen mit furchterregenden Titanen, die in sieben Tagen des Feuers die Welt verbrannt haben und nach „Tausend Jahren in der Erde noch tödlich sind", das Meer der Fäulnis niederbrennen. Und schon rasen die Omus, Manteltiere so groß wie Hochhäuser, mit wütend roten Augen heran.

Es ist bitter, dass dieser Miyazaki-Film aus dem Jahre 1984 so enorm an Aktualität gewonnen hat. Wenn der unfertige Titan eine Atomexplosion verursacht, muss man heute an Fukushima denken. Allerdings war Animationsmeister Hayao Miyazaki („Prinzessin Mononoke", „Ponyo") schon immer der erste Grüne im Filmgeschäft. Seine Filme zeigen sich einzigartig friedlich, versöhnlich und verständnisvoll. Dabei enthält die ungemein unterhaltsame Animation sowohl Fantasy-Elemente wie ein unzerstörbares Schwert als auch Science Fiction in Form eines flotten Luftgleiters. Der männliche Held rast in einem X-Wing-Flieger heran, dazu ist die Geschichte in jedem Detail fantastisch: In den Wesen, der Pflanzenwelt, der Technik aber auch in der Verwüstung. Während in der verseuchten Welt alle, selbst die Reit-Strauße Atemmasken tragen müssen, drehen sich im gesunden Tal Windmühlen und -räder unterschiedlichster Formen. Dazu Nausicaä: „Wenn man zuviel Feuer einsetzt, stirbt alles."

„Nausicaä - Prinzessin aus dem Tal der Winde" ist bereits 2005 und 2007 in gleicher Ausstattung auf DVD erschienen und lief auch im letzten Jahr im Rahmen der Miyazaki-Reihe auf Arte. Als Bonus-DVD gibt es den kompletten Film noch einmal in Form der skizzierten Storyboards, sowie Interviews und ein Porträt des Studio Ghibli. 

2.5.11

Arthur

USA 2011 (Arthur) Regie: Jason Winer mit Russell Brand, Greta Gerwig, Helen Mirren, Jennifer Garner, Nick Nolte 110 Min.

Infantile Figuren gibt es im Film zuhauf, vor allem in sogenannten Komödien aus Hollywood. Mit „Arthur" hat jedoch ein großes Kind einen grandiosen Auftritt. Und das in voller Absicht und nicht aus dauernder Angst, das Publikum zu überfordern.

Gleich zu Anfang nimmt der extrem kindische Millionenerbe Arthur Bach (Russell Brand) den berühmten Stier der Wall Street bei den Hörnern oder eigentlich bei den Eiern. Eine Fahrt im (echten!) Batmobil, geriet nach der klassischen Frage „Wozu ist dieser Knopf hier?" etwas aus der Spur. Den Polizisten kann Arthur beruhigen: Er ist nicht „schon wieder" betrunken, sondern seit der letzten Verhaftung immer noch. Ein weiterer Skandal, der die Kurse des Bach-Konzerns belastet. Mutter und Konzernchefin Vivian Bach beschließt daraufhin Arthurs Hochzeit mit der Baumagnaten-Tochter Susan Johnson (Jennifer Garner). Sein Einspruch von wegen Lieb-ich-nicht wischt ein Hinweis auf die etwas mehr als 900 Millionen Dollar hinweg, die er ansonsten verlieren würde. Außerdem kennt er Susan schon, sie gehört zu den zahllosen Frauen, mit denen er wild Party machte und sie nachher doch nicht anrief.

Mit exzessivem Hedonismus, Verrücktheiten, die selbst bei einem per se schon exzentrischen Engländer in New York auffallen und einem eisigen Verhältnis zur Mutter kommt man der Person Arthur nahe. Das Mütterlichste, was Vivian ihm je gab, war ein Stofftier. Wirkliche Muttergefühle hat seine Nanny Hobson für ihn. Sie versorgt ihn im Penthouse-Palast hoch über der Stadt, was beim Frühstück anfängt und beim Wegräumen von BHs, Slips und Mädchen mit schlechten Absichten längst noch nicht aufhört. Hobson hat in Sachen Betreuung des 30-jährigen, immer alkoholisierten Kindes immer genial schlagfertige Argumente und das letzte Wort.

„Arthur" wäre nur eine großartig schräge Nummer, gäbe es die Liebe nicht. Denn selbstverständlich trifft der herrliche Spinner direkt nach arrangierter Hochzeit auf eine süße Frau mit ähnlich viel Poesie und Humor. Naomi Quinn (Greta Gerwig) liebt als illegale Fremdenführerin die Grand Central Station und so lässt Arthur für ein romantisches Essen die riesige Metrostation räumen, den Boden mit Rosenblättern bestreuen und die enorme Deckenhöhe von Trampolin-Artisten nutzen. Als Hauptgang gibt es Pez-Figuren mit den Köpfen von Naomi und Arthur. Doch Susans resoluter Vater, dem ein paar Nieten in der Haut nichts ausmachen, bringt den jungen Mann mit Hilfe einer Kreissäge wieder auf die Hochzeitsspur. Arthur muss sich zwischen Geld und Liebe entscheiden, ein Versuch mit diesem komischen Ding namens Arbeit geht aber wieder mit großem Stil völlig schief. Und dann gibt es noch ein nicht geringes Alkoholproblem...

Die wunderbar verrückten Einfälle von und für „Arthur" sind so reichhaltig wie das Geld auf seinem Konto. In seinem Keller stehen unter zig anderen Legenden auch der DMC-12 aus „Zurück in die Zukunft", auf einer Auktion ersteigert er gegen sich selbst Abraham Lincolns Anzug und Zylinder, um sie direkt anzuziehen. All diesen Spaß veredelt eine schöne Liebesgeschichte. Hauptdarsteller Russell Brand kennt man vielleicht aus „Männertrip" und „Nie wieder Sex mit der Ex". Doch in diesem „Benny & Joon nur ohne Krankheit" darf er dem Klamauk Persönlichkeit geben. Nick Nolte schlägt als bösartiger Schwiegervater locker DeNiro. Jennifer Garner gönnt sich das Biest, während die nur anscheinend unscheinbare Greta Gerwig nach „Greenberg" erneut großen Eindruck macht. Heimlicher Star und Seele nicht nur von Arthurs Haushalt, sondern auch des Films ist Helen Mirrens Hobson - selbst ihre Texte toppen noch die schon umwerfend komischen Arthurs. 

Mitten im Sturm

BRD, Belgien, Frankreich, Polen 2009 (Within the whirlwind) Regie: Marleen Gorris mit Emily Watson, Ulrich Tukur, Ian Hart, Benjamin Sadler, Agata Buzek 100 Min.

Die niederländische Oscar-Preisträgerin Marleen Gorris („Antonia") verfilmte die autobiographische Leidensgeschichte der jüdischen Literatur-Professorin Eugenia Ginzburg, die 18 Jahre im sibirischen Gulag verbrachte. Der Ausschnitt aus einem Leben unter brutalem Staatsterror wird durch Emily Watsons ergreifendes Spiel nachfühlbar. Ein schauriger Einblick in eine ferne Lagerwelt, in der die Poesie Ginzburg beim Überleben half.

1937 erfüllen begeisterte Hymnen auf Russland die Hörsäle der Universität von Kasan, der Hauptstadt der autonomen sozialistischen Sowjetrepublik Tatarstan. Eugenia Ginzburg leitet energisch und leidenschaftlich ihre Literaturklassen, besucht als gutes Parteimitglied auch die Bauern, um ein politisches Attentat zu verdammen. Doch der Stalinismus schnürt mit der Geheimpolizei NKWD seinen Griff immer enger ums Leben. Ein Kollege wird verhaftet. Auch in die wohlhabende Intellektuellen-Familie der Eugenia Ginzburg schleicht sich die Angst. Während sich die selbstsichere Frau der absurden Logik politischer Verurteilungen widersetzt, bettelt ihr ängstlicher Mann im voraus eilenden Gehorsam um Gnade. Dann verleumdet ein Neider sie, die Masse der kriechenden und sich selbst bezichtigenden Mitarbeiter klatscht dazu Applaus. In der eisigen Zelle der Untersuchungshaft, wird die energische Frau bei höhnischen Verhören, angesichts von Verrat, Lüge und Meineid zu einem blassen Niemand mit einem Rest von unzerstörbarem, eigenem Willen. Die Verurteilung läuft als eine Farce in wenigen Minuten ab, trotz Ginzburgs klaren Gegenfragen und eines Alibis. Halb weinend und lachend begreift Eugenia, dass es kein Todesurteil wurde, sondern nur 10 Jahre Sibirien. Im Güterwagen geht es in den Osten, ein schwer fassbares Grauen beginnt.

Im Lager Kolyma, im Osten der Sowjetunion, müssen die Gefangenen schwerste Arbeiten in extremen Minustemperaturen verrichten. Die Nahrung ist kärglich, die Frauen sind den Brutalitäten der Soldaten ausgeliefert, aber auch der eigenen Hackordnung, in der Intellektuelle wie Ginzburg ganz unten stehen. Durch das Nacherzählen des Oblomow-Romans des russischen Dichters Iwan Alexandrowitsch Gontscharow (1812–1891) verschafft sie sich etwas Ansehen. Diese heftigen Frauen- und Gefangenenschicksale werden von Marleen Gorris, der Regisseurin starker Frauen, trotz Vergewaltigung durch die Wachen, trotz Selbstmorden und Tod durch Erfrieren im Vergleich zum kaum vorstellbaren wahren Grauen relativ harmlos dargestellt. Darin liegt auch eine Stärke des Films, der Schrecken erahnen lässt, ohne sein Publikum selbst abzuschrecken.

Während die Kleidung anfangs noch die darstellerischen Fähigkeiten Emily Watsons („Breaking the Waves") verdeckt, spielt sie in Lumpen und Baracken groß tragisch auf. Auch in anderen Szenen gelingt es Gorris („Lushins Verteidigung", „Mrs. Dalloway", „Antonias Welt") die Gefühlswelten ihrer Protagonistin indirekt zu vermitteln: In den poetischsten Momenten findet Eugenia immer wieder mitten im eisigen Grau Sibiriens die lila verpackte Bonbons des geliebten Sohnes Alyosha in ihrer Jacke. So ist „Mitten im Sturm" zwar auch ein „Gulag-Film" wie „The Way Back - Der lange Weg", rückt aber das innere Erleben ins Zentrum, während sich Peter Weirs Film als Flucht-Abenteuer mit der harschen Außenwelt anlegt.

Willkommen im Süden

Italien 2010 (Benvenuti al Sud) Regie: Luca Miniero mit Claudio Bisio, Alessandro Siani, Angela Finocchiaro, Valentina Lodovini 106 Min.

Das Remake muss revidiert werden - zumindest der schlechte Ruf, dem dieser Auswurf anhaltender film-industrieller Ideenlosigkeit anhaftet: Die Erfolgsklamotte „Willkommen bei den Sch'tis" muss man, zudem nur drei Jahre nach dem Original, doch wirklich nicht nochmal drehen? Doch, man kann und „Willkommen im Süden", die zeitweise exakte Kopie auf italienisch, ist ähnlich sympathisch, genauso komisch und sieht - wegen Bella Italia? - sogar besser aus.

Verkehrte Welt: Während einst ein französischer Postbeamte unbedingt in den Süden, an die Küste wollte, drängt es sein italienisches Remake-Double Alberto Colombo (Claudio Bisio) nach Norden, nach Mailand. Die peinlich-komische Bewerbung im Rollstuhl mit einer erfundenen Behinderung geht schief, eine Strafversetzung folgt umgehend. Was bei Danny Boon im Original die nördlichste Ecke Frankreichs an der Grenze zu Belgien war, stellt hier Castellabate, ein Dorf in der Nähe von Neapel dar. Dort wo man den Müll auf die Straße wirft, Epidemien und die Camorra herrschen, Kinder mit Koks dealen. Alberto fährt mit kugelsicherer Weste ins Ungewisse, nimmt zur Sicherheit auch Ring und Armband-Uhr ab, damit er nicht deswegen umgebracht wird. Nicht nur das Mitgefühl einer Polizistin, die „auch einen Bruder im Kosovo" habe, begleitet ihn, auch die Angst seiner Frau, die deswegen mit dem verhätschelten Sohn zuhause bleibt.

Nach der eins zu eins übernommenen Ankunft im Gewitter und den wunderbar bloßstellenden Vorurteilen Albertos kommt es im Hause seines Mitarbeiters Mattia Volpe (Alessandro Siani) zum Clash der Essens-Sitten. Mattias Mutter - mit blutgetränkter Schürze - mästet den Gast, während dieser nur mit dem aromatisierten Sauerstoff seiner vertrauten Käsesorten überlebt. Der heftige Wein-Genuss der Franzosen ist hier vom steten Kaffee-Konsum ersetzt. Einstweilen. Bis der Chef Alberto mit auf exzessive Boten-Tour geht. Statt Kaffee gibt es Fruchtiges. Auf alkoholischer Basis. So wird auch diese Posttour mit Vespa statt Fahrrad zu einer Gaudi. Der strenge und steife Beamte kann, nachdem erhebliche Verständigungsprobleme überwunden sind, dem Fußballspiel in der langen Mittagspause und auch sonst nicht widerstehen. Er lernt, das Leben zu lieben, schätzt den Kaffee zwischendurch, ebenso die Sonnenuntergänge über dem Meer von Castellabate.

Viele Szenen aus „Willkommen im Süden" stammen zwar wiedererkennbar aus „Willkommen bei den Sch'tis", wurden aber gelungen den italienischen Verhältnisse angepasst. Der ursprüngliche Autor, Regisseur und Hauptdarsteller Boon hat übrigens einem Kurzauftritt als nord-französischer Tourist. Ansonsten trumpfen wieder die sympathischen Nebenfiguren und das Liebesdrama des neugewonnenen Freundes Mattia. Was problematisch bleibt, ist die Unübersetzbarkeit der vielen sprachlichen Missverständnisse. Wieder müssen selbst die Untertitel vor diesem Humor aufgeben.

Scream 4

USA 2011 (Scream 4) Regie: Wes Craven mit David Arquette, Neve Campbell, Courteney Cox 111 Min.

Scream for Inspiration

Wieder einmal führt der ehemalige Uni-Dozent Wes Craven das Horror-Genre vor - am Beispiel eines von ihm selbst geschaffenen Universums, dem Städtchen Woodsboro, seiner Mörder und Opfer. „Scream 4" sollte postmoderner Horror sein, bei dem immer noch zwischendurch die Post abgeht, sprich: mächtig gemordet wird.

Zuerst wird jedoch von Horror-Fans vor dem Fernseher „Saw" seziert, dann „Stab", der Film im Film von „Scream", und immer endet es mit einem Mord. Verspielt ist der vierte Teil der anfänglichen Horror-Parodie, dem im zweiten Teil das Studium, dann die Verfilmung und nun die Heimkehr der überlebenden Protagonisten folgte. Es gibt die selbstreflexiven und halbwegs witzigen Diskussionen über die Vorhersehbarkeit solcher Filme, mit dem unerlässlichen blutigen Gegenargument. Und dann noch eine Schleife bevor ein paar frische Teenager im Rahmen der Jubiläumsfeiern zur ersten Stecherei dran glauben müssen. Der erste Mord wird als „Preview" bezeichnet, Sidney (Neve Campbell) bekommt zu hören, sie sei nicht mehr der Star. Die Horrorfilm-Reflexion ist überdeutlich, ebenso die wiederholte Frage „Was ist dein liebster Horrorfilm?"

Die alten Recken Sidney, Dewey Riley (David Arquette) und Gale Weathers-Riley (Courteney Cox) haben ihren Buchvertrag oder einen Posten als Sheriff und stehen albernen Video-Künstlern (Rory Culkin) und -Theoretiker mit Kameras am Kopf, sowie einer dümmliche Medien-Tusse gegenüber. Ist vielleicht der stalkende Ex-Freund die „Copy-Cat", die das Muster der ersten Morde imitiert? Auf jeden Fall muss Sidney noch einmal beweisen, dass sie eine Überlebende ist

Im Film und vor der Leinwand bleibt „Scream 4" ein Teenager-Spaß für Jungens, die so an ängstliche Mädchen rankommen wollen. Dass Altmeister und Unidozent Craven ebenso an seinem vielfach selbstzreferenziellen Konstrukt wie an einem funktionierenden Horror-Filmchen interessiert ist, macht den Nach-Nachfolger nicht wirklich raffinierter. Während die Sucht nach 15 Minuten Ruhm im Internet gnadenlose Ödipussies kreiert, verläuft das filmische Timing schwach: die Rettung braucht immer ewig in diesem kleinen Kaff. Erst das Finale sticht mit ein paar neuen Ideen zu. Aber um den Filmverleih, der mit Unterlassungs-Erklärungen den Zugang zu Pressevorführungen einschränkte, zu berühigen, sei hier nicht erwähnt, dass die Mörder diesmal unter den Familienangehörigen zu suchen sind. Selbst auch wenn man wüsste, dass Sidneys Tochter hinter der Maske steckt - ein guter Film hätte mehr zu bieten als das Rätseln um den Täter.

26.4.11

Mutter und Töchter

USA, Spanien 2009 (Mother And Child) Regie: Rodrigo García mit Naomi Watts, Annette Bening, Kerry Washington, Jimmy Smits, Samuel L. Jackson 126 Min. FSK          ab 12

Ist dies der Filmtitel oder die unverhohlene Benennung des Zielpublikums? Der Originaltitel von „Mutter und Töchter" hieße übersetzt noch „Mutter und Kind", aber der deutsche Verleiher zieht eindeutig die Karte „Frauenfilm". Und tut dem Drama um drei Frauen mit ihren Familien damit teilweise unrecht.

Wie die drei Geschichten miteinander verbunden sind, soll eine Weile lang Rätsel bleiben. In denn einzelnen Strängen ist da die extrem selbstbewusste, ja, schon eingebildete Anwältin Elizabeth (Naomi Watts). Ohne viel Umschweife startet sie ein Verhältnis mit dem älteren, dunkelhäutigen Chef Paul (Samuel L. Jackson), zu dessen Erstaunen. Den unsicheren, gerade verheirateten Nachbarn nimmt sie zwischendurch auch mit ins Bett. Als sie schwanger wird und das Verhältnis sowieso viel zu eng gerät, flieht sie in eine andere Gegend - ohne eine Spur zu hinterlassen. Wieder einmal. Karen (Annette Bening) pflegt. Beruflich als Physiotherapeutin und privat die eigenen Mutter. Zwischendurch schreibt die erschöpfte, aus lauter Einsamkeit seltsam und hart gewordene Frau Briefe an eine Tochter, die nicht mehr ihre ist, nie ihre war. Ein afro-amerikanisches Paar möchte ein Kind adoptieren, weil es selbst nicht schwanger wird. Die dabei federführende Lucy (Kerry Washington) trifft auf eine sehr fordernde, junge Schwangere, die Wohnung und Familie der möglichen Adoptiveltern sehen will und viele Bedingungen stellt. Der Kinderwunsch wird auf die Probe gestellt, die Probe entwickelt sich zu einer Reflexion des Lebens und seiner Werte.

Nach einer gründlichen Exposition kommt Bewegung in die Geschichten. Karen lernt einen geduldigen Mann kennen und macht sich auf die Suche nach ihrer Tochter. Ein Schlüssel zum Drama bildet die erste Szene von zwei Teenagern, die leidenschaftlich fummeln, und dem Mädchen, das danach bei der Entbindung gezeigt wird. Die Jugendliche darf das Kind nicht behalten, dafür Traumata und persönliche Deformationen, die aus dieser Trennung zur Adoption erwachsen.

„Mutter und Töchter" ist tatsächlich ein Frauenfilm, weil nur die Frauen reden - die Männer, aktuelle und mögliche Partner, stehen mit offenem Mund daneben. Aber das Triptychon um die Probleme der Fortpflanzung ist keine auf reinen Effekt angelegte Schmonzette. Regisseur Rodrigo García, dessen Spezialität solche Geschichten um mehrere Frauen zu sein scheint, baut einige Nebenthemen mit ein, reflektiert die Funktion von Familie, hinterfragt auch mal den Glauben. Vor allem führt er seine gute Darstellerriege energisch zu einer runden Ensemble-Leistung. So gibt es ein gerüttelt Maß an Rührung und Tragik, vor allem bei Karen, deren Mutter selbst schon nicht unbedingt ein fröhlicher Mensch ist. Sie sieht das Leben als eine Enttäuschung nach der anderen. Aus der Fähigkeit, sich zu ändern, erwächst andererseits die Hoffnung des Films.

20.4.11

Monsters DVD

Großbritannien 2010 (Monsters) Regie: Gareth Edwards mit Whitney Able, Scoot McNairy 93 Min. FSK ab 12

Capelight (Leih-DVD; Kauf  ab 20.5.) 

Am Anfang gibt es einige Nachtaufnahmen von panischen schießenden Soldaten. Riesigen Kreaturen, gegen die sich der Kampf richtet, sind nur aus der Ferne zu erahnen. Wir sind in Mexiko, südlich einer „Infizierten Zone". Dort herrschen nach dem Absturz einer Weltraum-Sonde außerirdische Lebewesen und nur brutalste Bombardements mit Sprengstoff und Gas fallen den Militärs als Gegenmaßnahmen ein.

Mittendrin versucht der nord-amerikanische Fotograf Andrew Kaulder (Scoot McNairy) die Tochter seines Herausgebers zu retten. Samantha Wynden (Whitney Able) soll auf die letzte Fähre, die durch den Golf von Mexiko um die infizierte Zone schifft. Dabei erweist sich erst einmal der Tequila in der Nacht vor der Abfahrt als größte Bedrohung. Sam und Andrew kommen nicht aufs Schiff und können sich gerade so eine illegale Passage durch die Zone erkaufen. Die ersten 30 Minuten sind eine recht entspannte Reise, bei der nur am Rande die Vernichtungen der Außerirdischen auftauchen und sich die Bedrohung lounge-mäßig anfühlt. Der Weg per Boot und Jeep durch den Dschungel wird gefährlicher, aber es dauert fast eine Stunde, bis bei einem nächtlichen Angriff alle Begleiter von Sam und Andrew von den hochhaus-großen Riesenkraken zerfetzt werden. Viel ist nicht zu sehen, die weitere Flucht gleicht einer Urwald-Wanderung bis die monumentale Grenzbefestigung der USA auftaucht. Doch die ist längst überwunden, ein Teil von Texas bereits evakuiert. Während die Flüchtlinge auf Rettung warten, kommt es zu einer Begegnung der anderen Art...

Eher unbekannte, aber sehr gute Schauspieler. Ein britischer Filmemacher, der das Buch für sein Debüt selber inszenierte, gestaltete und auch filmte. Das Erfolgsrezept für einen guten Film scheint recht einfach zu sein. Vor allem baut Gareth Edwards auf eine Spannungs-Dramaturgie weit weg vom Prinzip der zehn kleinen Afro-Amerikanerlein. Am Ende bleiben die fremden Wesen mysteriös, ebenso wie das weitere Schicksal von Sam und Andrew.

Lebanon - Tödliche Mission DVD

Israel, Libanon, Frankreich, BRD 2009 (Lebanon) Regie: Samuel Maoz mit Yoav Donat, Itay Tiran, Oshri Cohen, Zohar Strauss, Michael Moshonov 92 Min. FSK: ab 12

Universum (Leih-DVD, Kauf ab 13.05.)

Nur aus der Perspektive einer israelischen Panzer-Besatzung erzählt der israelische, deutsch und französisch produzierte Film „Lebanon" vom Höllenritt eines Angriffs auf den Libanon. Die extrem laute, durchrüttelnde und erschütternde Panzerfahrt in den Libanon-Krieg des Jahres 1982 ist ein ungemein starkes Fanal gegen Krieg oder wie auch immer Regierungen das steuerfinanzierte Morden nennen mögen. Die klaustrophobische Atmosphäre erinnert stark an Petersens „Das Boot". Regisseur Samuel Maoz, der seine eigenen Erlebnisse Jahrzehnte später verarbeitete und verfilmte, gewann in Venedig 2009 mit „Lebanon" den „Goldenen Löwe" und widmete den Preis allen, die Krieg überlebt haben und nach Hause kommen konnten. Sein Audiokommentar ist als Bonus vorhanden.

Extrem erschütternd sind die Blicke auf das Trümmerfeld der Massaker. Mitten in den zerbombten Häusern eine schreiende Frau, Geiseln im Rollstuhl. Aber längst werden keine Warnschüsse mehr abgegeben. Wer noch immer glaubt, Krieg sei ein kontrollierbarer Konflikt, möge sich diesen Film antun. Wenn Samuel Maoz den unvorstellbaren Wahnsinn mit dem poetischen Overkill eines Feldes voller Sonnenblumen kontrastiert, wird ein Gefühl nur noch stärker: Nichts wie raus hier!

Red Riding Hood

USA, Kanada 2011 (Red Riding Hood) Regie: Catherine Hardwicke mit Amanda Seyfried, Gary Oldman, Billy Burke, Julie Christie 100 Min. FSK ab 12

Valerie (Amanda Seyfried) und Peter (Shiloh Fernandez) schnitten schon als Kinder gemeinsam mordlüstern einem Kaninchen mit dem Messer die Kehle durch. 12 Jahre später sind sie immer noch verliebt, träumen von der Flucht in die Stadt, aber Valerie wurde für Geld mit dem Schmied Henry verlobt. Wir befinden uns in einem düster-pittoresken Dorf zwischen Märchenwald und Mittelalter. Gerade hat der Wolf den mit Opfern erkauften Frieden gebrochen und Valeries Schwester getötet. Die Männer wollen, warnender Rufe zum Trotz, den Wolf jagen, dies wird ein Fiasko. Da zieht auch schon Pater Solomon (Gary Oldman) mit schwarzen Rittern und metallenem Elefanten heran, um die einfältige Bevölkerung aufzuklären: Es handelt sich beim nächtlichen Mörder um einen Werwolf und jeder von ihnen könnte dieser sein.

Von nun an beginnt das Rätseln und Verdächtigen, während die Inquisition des Fremden voreilig Gefangene macht. Auch Valerie hegt unter dem roten Cape der Großmutter (Julie Christie!) einen Verdacht: Peter und der Wolf, könnten beide eins sein? Die Eifersucht der Männer facht die Situation ebenso an wie das vom Geistlichen etablierte Regime aus Angst und Folter. Schließlich soll Valerie selbst Opferlamm und Lockvogel in einem sein...

Catherine Hardwicke besorgt als Regisseurin der ersten Stephenie-Meyer-Verfilmung mit viel Erfahrung für Romantik die netten Elemente einer unmöglichen Liebe. „Red Riding Hood" erweist sich als nicht sensationelle Rotkäppchen-Variante mit etwas Schauerpotential aber auch mit holperigen Inszenierungsmomenten.

Sanctum

USA, Australien 2011 (Sanctum) Regie: Alister Grierson mit Richard Roxburgh, Ioan Gruffudd, Rhys Wakefield, Alice Parkinson 108 Min.

Ja, dieser Film ist von James Cameron ... produziert. Und: Nein, dieses Natur-Psycho-Abenteuer hat absolut nichts mit „Avatar" zu tun und reicht auch in keiner Hinsicht an ihn heran. James Cameron entdeckt gerne die Tiefen des Meeres und scheinbar auch verwinkelte unterirdische Höhlen. Eine solche ist der Spielplatz für einen Abenteuerfilm ohne jede Tiefe.

Unterhalb einer riesigen Kaverne liegen in Papua-Neuguinea unentdeckte, weitverzweigte Höhlenarme. Während zwei Besucher voller Neugier in die Welt des unterirdischen Labyrinths eintauchen, herrscht im erschöpften Entdecker-Team vor Ort angespannte Atmosphäre. Der finanzierende, extrem abenteuerlustige Milliardär Carl (Ioan Gruffudd) will Ergebnisse sehen sowie seine Freundin Victoria (Alice Parkinson) beeindrucken, doch ein bedrohlicher Sturm nähert sich. Der erfahrene Expeditionsleiter Frank (Richard Roxburgh) führt bereits Selbstgespräche, wenn er nicht auf seinen Sohn Josh (Rhys Wakefield) rumhackt, der Teil des Teams ist. Zur Begrüßung in der, wie beim Bergsteigen aufwendig errichtete Basisstation, erwartet sich ein tödlicher Unfall. Dann flutet das Unwetter das Höhlensystem und der einzige Ausweg führt nach unten ins Meer - vielleicht...

Sehr schnell fordern die Naturgewalten Opfer. Die Gruppe wird rasant kleiner, aber Vater und Sohn lernen sich in dieser Extremlage endlich wirklich kennen. Zusammen müssen sie sich gegen den hinterhältigen Milliardär verteidigen. Genau wie Expeditionsleiter Frank spielt auch das Drehbuch unangenehm auffällig Gott. Immer wieder werden Team-Mitglieder geopfert oder gnadenreich für den schnellen Tod unter Wasser gedrückt. Erschreckend viele Figuren bleiben auf der Strecke. Dass dies bei einigen nicht schmerzt, liegt am schwachen Drehbuch. Die erfahrene Everst-Bergsteigerin Victoria (Alice Parkinson) etwa, soll die Unterschiede zwischen extremer Höhe und Tiefe ganz deutlich machen. Und mit eifrigem Rumzicken unnötig Schwierigkeiten provozieren.

Obwohl in marktschreierischer und verfälschender Weise in Deutschland „James Cameron" an den Titel geklebt wird, atmet „Sanctum" längst nicht den Perfektionismus wirklicher Cameron-Filme. Nur ein Ureinwohner weckt Erinnerungen an „Avatar". Trotz der ganzen Taucherei ist auch „Abyss" sehr fern. Einige Aufnahmen sind eindrucksvoll, 3D braucht dieser Film aber nicht. Regie-Neuling Alister Grierson nutzt seine Chance nicht, auch die Schauspieler stehen üblicherweise in der zweiten Reihe. Scheinbar entstand dieses Abfallprodukt wohl auch, damit Cameron seine begeistert betriebenen Abenteuerreisen in unbekannte Tiefen von der Steuer absetzen kann.

Le Mac

Frankreich 2010 (Le Mac) Regie: Pascal Bourdiaux mit José Garcia, Gilbert Melki, Eric Defosse, Carmen Maura 92 Min. FSK ab 12

Ein cooler Prol? Gibt es so was? Ace (José Garcia) stylt sich wie Tarantinos „Jacky Brown", hat einen imposanten Waffenschrank, viele Ausweise und bringt seinem Rottweiler mit Kopfstoß bei, Platz zu machen. Ace „arbeitet" in Marseille als Zuhälter und hilft dem großen Boss Tiago (Gilbert Melki) aus. Nebenbei verrät er alles der Polizei. Als ein vermeintlicher Spitzel kurzerhand erschossen wird, verschwindet Ace. An seiner Stelle soll nun sein Zwillingsbruder Chapelle, ein hyperkorrekter Bürohengst aus Paris, den Termin eines Drogendeals in Erfahrung bringen. Nach kurzer, schlagkräftiger Einführung in das Zuhälterleben, samt großflächigem Tattoo und sehr schmerzhaftem Piercing, läuft der Biedermann zu ganz großer Form auf. Als Belohnung sieht er sogar erstmals seine Mutter (Carmen Maura), eine knallharte und kaltherzige Gaunerin.

Die mäßige Verwechslungskomödie inszeniert den Wechsel Chapelles zum Partyking allzu heftig. Der Angsthase blufft und verblüfft plötzlich alle, legt gar ein John Travolta-Imitat auf die Tanzfläche. Um das Zitat-Trio zu vervollständigen gibt es auch noch ein Reservoir Dogs-Shoot out im Finale. Das geriet alles übertrieben und höchstens albern. Einige brutale Einsätze erfordern ein gewisses Maß an Empfindungslosigkeit, das noch witzig zu finden. „Le Mac" - ein gut gespielter, aber unterentwickelter Mini-Spaß.

19.4.11

New Kids Turbo

Niederlande 2010 (New Kids Turbo) Regie: Steffen Haars, Flip van der Kuil mit Huub Smit, Tim Haars, Wesley van Gaalen 90 Min. FSK ab 16

Eine Manta, Manta-Retro aus Holland. Fünf Rudi Völler-Klone und -Clowns mit Vokuhila und Schnäuzer ... können Fußballer sich über die Spucke fortpflanzen? Doch genug der komplizierten Referenzen, die gehören nicht in die Nähe von „New Kids Turbo"! Schlimmer als „Flodder" gehen die Macher und Darsteller von fünf Proleten aus dem Brabanter Dorf Maaskantje ans Werk. Man kennt sie vielleicht als unterstes Niveau des Senders Comedy Central oder von You Tube-Clips der TV-Folgen. Das hätte auch gereicht, die künstliche Kino-Verlängerung lässt statt cooler Stunts mit dem Hollandrad nun gleich Mopeds im Hollywood-Stil explodieren.

Begleitet vom primitiven Techno fliegen fünf äußerlich sehr ähnliche, wandelnde Unterschichts-Beleidigungen aus Job und Wohnung, verprügeln einen Beamten, weil man von der Sozialhilfe doch nicht leben kann, und bekommen nun gar nichts mehr. Deren Logik - dann bezahlen wir auch gar nichts mehr - führt dank Übertragung vom lokalen TV-Sender zu landesweiten Unruhen. An diesem dürren Handlungsfaden hängen sich die groben und auf keinen Fall „political correct" seienden Gags auf. Da scheint es besonders komisch zu sein, wenn ein Mongoloider am Steuer eines Lasters auch mal in einer Schocksekunde irgendeine Figur aus dem Bild knallen darf. Das geht alles gar nicht, „jonge"! Selbst, wer über einzelne Unverschämtheiten lachen kann, wird sich bei diesem einfältigen Prekariats-Kino bald langweilen.

Four Lions

Großbritannien 2010 (Four Lions) Regie: Chris Morris mit Kayvan Novak, Nigel Lindsay, Riz Ahmed, Adeel Akhtar, Preeya Kalidas 101 Min. FSK ab 16

Pünktlich zu Ostern kommt wieder ein Skandalfilm. Diesmal werden sich allerdings vor allem die Dschihadisten und Selbstmordattentäter aufregen. Vielleicht mit einem Leserbrief bei der Bild? Irgendwo zwischen Monty Python und Heiligem Krieg ist die absurde, aberwitzige und sehr clever gemachte Geschichte von vier Idioten angesiedelt, die sich für den Krieg der Kulturen in die Luft jagen wollen und damit auch teilweise erfolgreich sind. „Four Lions" ist die seltsamste Komödie seit langem und lässt sich kritisch ebenso wenig festnageln wie ein koscherer Wackelpudding.

Terrorbomber sein, ist ganz schön schwer, das fängt beim Problem an, ein anständiges Dschihad-Video zu drehen. Die vier Löwen des Religions-Krieges posieren mit Spielzeug-MG und verhüllen das ideologische Brett vor der Stirn mit einem Karton auf dem Kopf. Bomben-Bauer Barry rät, die SIM-Cards zu essen, damit die Geheimdienste die Spur verlieren. Ohne sie vorher zu kochen! Es ist sehr absurd, wie dämlich sich diese vier Männer aus Sheffield mit pakistanischen Wurzeln bei ihren terroristischen Versuchen anstellen. Und erschreckend, dass es Fessal, dem einfältigsten von ihnen, trotzdem gelingt, eine enorme Menge Chemikalien zum Bombenbau einzukaufen. Der Senior Barry möchte damit eine Moschee in die Luft jagen, um moderate Moslems zu radikalisieren! Eine andere tolle Idee des Kurz-Denkers war, einen selbstgebackenen Twin Tower-Kuchen bei einer Synagoge abzuliefern!


Der junge Omar folgt mit seinem Neffen Waj einer Einladung zum Terror-Camp nach Pakistan, um „richtiger Mudschaheddin" zu werden. Im Wüsten-Versteck halten sie die Panzerfaust beim Abschießen einer Drohne falsch rum und jagen die arabischen Verbündeten in die Luft. Ein erster Richtungsstreit zwischen Einheimischen und Terror-Touristen ging schon darum, wo jetzt genau Mekka liegt. Nach dieser Pleite zurück in Sheffield, wollen sich die vier Selbstmord-Attentäter während eines Marathonlaufs in die Luft jagen. Letztendlich macht man es ihnen sehr leicht. Omars Kollege vom Sicherheitsdienst ist - unglaublich aber wahr - noch blöder als der Rest. Und ein hilfreicher Polizist kommentiert ihre fülligen, mit Sprengstoff angedickten Kostüme für den Fun-Run nur mit den Worten „Ihr werdet darin sterben"!


All die Idiotien des oft scheindokumentarisch aus der Hand gedrehten „Four Lions" sind so verdreht, dass sie nicht als Provokation taugen. „Four Lions" sei zynisch, so wird sicher ein Totschlagargument (sic!) lauten. Aber was ist zynisch? Selbstmord-Attentäter als Idioten zu zeigen? Sollte man sie als hochintelligente Glaubenskämpfer vorstellen? Als tragische Helden? Ko-Autor und Regisseur Chris Morris erzählte im Interview, dass man auf Überwachungsvideos der Polizei überraschend viele ebenso bescheuerte Handlungen der Attentäter entdeckte.

Zeitweise wirken die „Löwen" so, als wenn die Monty Pythons Verschwörer spielen würden. Mit einem sehr „crazy walk" watscheln die komischen Kämpfer mit Bombenmaterial bepackt durch die Straßen. Man lacht sich fast tot - oder unzynisch: schlapp. Bis sich Fessal dabei selbst in die Luft sprengt. Seine Überreste sind in einer Mülltüte nicht von dem Schaf zu trennen, dass auch den Märtyrertod erlebte.


Die koranischen Kämpfer fühlen sich wie im Computer-Spiel „Mortal Combat". Für Waj ist der Selbstmord wie eine Abkürzung an der Warteschlange eines Freizeitparks. An diesem Simpel toben sich die äußerst verbogenen Argumentationsketten, ein Hauptmerkmal der Figuren, besonders gerne aus. „Hör nicht auf deinen Kopf, hör auf dein Herz! Und wenn dein Herz zweifelt, dann macht dir dein Kopf vor, dein Herz zu sein." In diesem Sinne bleiben psychologische Erklärungen oder Kindheitstraumata für Haltungen und Handlungen in den entsprechenden Schubladen liegen. „Four Lions" ist quasi das Gegenteil von Werken wie „Paradise Now", die sich in die Seele des Wahnsinns einfühlen und die Attentäter verstehen wollen. Als Referenzpunkt könnte man den Puppen-Film „Team America: World Police" anführen. Im Vergleich mit anderen Komödien, die auch am heutigen Starttag auf das Publikum losgelassen werden, steckt eine Menge Intelligenz und filmisches Können in diesem „Blödsinn". „Four Lions" ist keine soziologischen Studie und hilft auch nicht der Verständigung, macht aber sehr unverschämten Spaß.

13.4.11

Kalter Hauch DVD

USA 1972

Regie: Michael Winner

EuroVideo

Auftragskiller Arthur Bishop, genannt der Mechaniker, erledigt seine Jobs präzise, perfekt und ohne Spuren. Bei ihm sehen Morde aus wie Unfälle. Auch der an seinem alten Freund McKenna (Keenan Wynn). Bishop ist so abgebrüht, dass er sogar McKennas Sohn Steve im Mörder-Metier ausbildet. Steve lernt schnell, während Bishop immer häufiger Fehler unterlaufen, die auch dem Boss nicht verborgen bleiben. Der gibt Bishop eine letzte Chance zur Wiedergutmachung: Ein Spezialauftrag in Italien: Der soll einen Mafioso töten...

Das klingt bekannt - „Kalter Hauch" ist das Original von „The Mechanic", der mit Jason Statham in der Hauptrolle gerade im Kino läuft. In den 70er- Jahren lief die Aktion mit Charles Bronson auf dem Poster. Der verkörperte diesen Part immer wieder so gut, dass man Bronson gerne als Geist des Bösen bei simplen und sehr gewalttätigen Rachefilmen beschwört. Die edleren Varianten wie „Spiel mir das Lied vom Tod" geraten dabei leicht in Vergessenheit. Die Regie bei „Kalter Hauch" hatte Routinier Michael Winner, in der Rolle des Ziehsohns tauchte Jan-Michael Vincent auf.

 

Zarte Parasiten DVD

 

Regie: Oliver Schwabe, Christian Becker

Lighthouse

Drama

Jakob (Robert Stadlober) und Manu (Maja Schöne) leben im Wald und nisten sich im Leben anderer Menschen ein. Er freundet sich mit einem Ehepaar ohne Sohn an. Sie pflegt eine alte Frau. Die Gründe sind egoistisch, wobei das Vorgehen faszinierend offen ist. „Ich kann euch helfen", sagt Jakob dem Paar, dessen eigener Sohn verstorben ist. Das Auftauchen des Ersatzsohns löst ein Drama aus. Endlich wird das Trauma besprochen, doch was will Jakob eigentlich? Das fragt sich auch Manu, die bei der toten Frau alleine bleibt. Ihr Gangster-Partner verhalte sich unprofessionell, würde sich zu sehr auf die Gastfamilie einlassen. Eifersüchtig taucht nun auch Manu bei den einsamen Wirten auf und behauptet, Jakobs Schwester zu sein. Die Täuschung wird immer komplizierter.

Robert Stadlober und Maja Schöne können als junges, obdachloses Paar fesseln. "Zarten Parasiten", ein junges Stück Kino von Christian Becker und Oliver Schwabe („Egoshooter") lief 2009 in Venedig.

 

Paul - Ein Alien auf der Flucht

Spanien, Frankreich, Großbritannien, USA 2011 (Paul) Regie: Greg Mottola mit Simon Pegg, Nick Frost, Kristen Wiig, Seth Rogen, Jason Bateman 104 Min. FSK ab 12

Comic-Conventions bieten sich als Start- und Endpunkt netter Geschichten an: Sigourney Weaver raste schon mit Tim Allen und Alan Rickman in „Galaxy Quest - Planlos durchs Weltall". Ben Affleck wurde in Kevin Smiths unterschätzten „Chasing Amy" vom Fanboy zum Mann. Trekkies und sonstige Fan-Gruppen stellen dabei ein dankbar seltsames Häufchen dar. Selbst in der Gattung der Nerds, fallen sie noch mit ihrer kindischen Begeisterung für Laserschwerter oder obskure Autoren deutlich auf. Wenn es denn auch noch Briten wie Graeme Willy (Simon Pegg) und Clive Gollings (Nick Frost) auf ihrer Tour zu einer amerikanischen Comic-Convention sind, dann müssen sie außerhalb dieses Reservats für Fanboys mit skeptischen Blicken rechnen. Ausgerechnet diese gut gelaunten Witzfiguren des wahren Lebens nehmen auf einer Rundreise zu berühmten Orten der Außerirdischen-Legenden einen Alien als Anhalter mit!

Paul war die Mutter und das Muster aller Aliens seit er auf den Hund gekommen ... Verzeihung: Auf die Erde gekommen und auf einem Hund gelandet ist. (Färben blöde Scherze eigentlich auf die Kritik ab?) Er schuf als Berater für Hollywood E.T. nach seinem Angesicht und den „Akte X" Fox Mulder nach seinen Ideen. Trotzdem zeigt sich Paul anfangs als außerirdische Intelligenz, die sich nicht viel intelligenter als der durchschnittliche Jugendliche oder geistig jung gebliebene Erwachsene anstellt. Alien Paul raucht Zigaretten und Joints, lässt gerne mal die Hosen runter und ist sich für einen dummen Witz nicht zu schade. Wie jeder andere in diesem Film muss auch er ein paar dämliche Schwulenscherze machen, weil Graeme und Clive zusammen reisen. Zudem ist diese seltene Mitfahrgelegenheit mitnichten ein süßlicher „E.T.": Dieser Alien holt einen verunglückten Vogel wieder zurück ins Leben - um ihn dann in einem Bissen zu verspeisen!

Damit aus dieser unheimlichen Begegnung der anderen Art mit zwei infantilen Science Fiction-Fans ein Film wird, hat das intergalaktische Trio bald einen Mann in Black und zwei depperte Agenten an der Stoßstange mit dem „Alien on Board"-Sticker kleben. Im gemächlichen Laufe der Handlung versammelt sich eine ganze Karawane von Verfolgern im Schlepptau. Mit ihr holpert „Paul" über ein paar Längen, das Ende wird unnötig dramatisch, aber insgesamt verläuft die Alien-Flucht doch unterhaltsam und kurzweilig. Der kleine Held selbst erweist sich bei allem rüden Verhalten als gutherziges Kerlchen, das seine heilenden Hände gerne für Freunde einsetzt. Was vor allem nach dem großen Auftritt der gefürchtetsten Alien-Jägerin aller Film-Zeiten nötig ist: Sigourney Weaver! Viele weitere Scherze richten sich vor allem an Fans und zufällige Kenner des Genres. Im Vergleich zu anderen Komödien-Hits, für die Simon Pegg und Nick Frost die Bücher schrieben („Run, Fat Boy, Run", „Hot Fuzz", „Shaun Of The Dead"), fiel die Gag-Dichte bei „Paul" jedoch recht dünn aus. 

12.4.11

Der Name der Leute

Frankreich 2010 (Le Nom Des Gens) Regie: Michel Leclerc mit Sara Forestier, Jacques Gamblin, Zinedine Soualem, Jacques Boudet 103 Min. FSK            ab 12

Woher anders als aus Frankreich kann diese herrlich komische und sehr gewitzte Amour fou kommen? Ein wilde Leidenschaft mit verrückter, junger Frau und seltsamen Herrn. Politisch sind Bahia Benmahmoud (Sara Forestier) und Arthur Martin (Jacques Gamblin) auf der gleichen, (ge-)rechten linken Seite. Eigentlich. Sie schläft allerdings mit Rassisten, Rechten und Faschisten, um diese zu bekehren. Er trauert der historischen Niederlage von Lionel Jospin nach. Sie ist halb algerischer Abstammung. Seine Mutter verdrängt die jüdischen Eltern und deren Tod in Auschwitz. Viel Zündstoff also eigentlich, doch „Der Name der Leute" zündet zuerst mit Witz und einer herrlich munteren Erzählweise.

Arthur Martin beginnt seine Geschichte mit der sehr komischen Vorstellung der Lebensgeschichte seiner Eltern, bei der sich der Biologe seinen Vater nur als alten Mann vorstellen kann. Dabei taucht der erwachsene Arthur auch als Kommentator in früheren Lebensphasen auf, spricht mit jüngeren Ausführungen seiner selbst und ebenso mit seinen Großeltern. Die hießen Cohen und Arthur weiß so gut wie nichts von ihnen. Arthur Martin heißt wie eine in Frankreich sehr bekannte Haushaltsmarke. Bahia Benmahmoud hat hingegen einen extrem seltenen Namen und widerspricht dem Fachmann Arthur und seiner Panikmache um Schweine- und Vogelgrippe. Das zweite Mal treffen sie sich, als Bahia den Rechten Jacques Chirac zum Präsidenten wählen musste, um ihre Stimme nicht dem noch rechteren Le Pen zu geben. Ein Drama! Sie ist eine sehr chaotische Frau mit bewegtem Leben, gutem Herzen und einfachem Wertesystem. Dabei vergisst sie vor lauter Terminen im Telefonstress schon mal, sich etwas anzuziehen, und merkt es erst in der Metro gegenüber der Frau in der Burka. Zwei spannende, vielschichtige Leben kommen da zusammen, wobei der Witz niemals zu Klamauk wird. Denn obwohl Regisseur Michel Leclerc Bahias Trauma von zwei Jahren Missbrauch durch den Klavierlehrer in pointierten Szenen nur andeutet, wird die Beschädigung ernst genommen.

So gelingt eine kluge Komödie, die dadurch nicht weniger komisch ist. Die Schwierigkeiten des ersten Essens mit den Schwiegereltern, bei denen man über gar nichts reden darf, ist eine wunderbare Umsetzung einer Gesellschaft des Verschweigens. Der vorhersehbare Streit zwischen Algerien-Kämpfer und algerischem Kriegs-Waisen entspannt sich, als eine kleine Sabotage die Kaffeemaschine lahmlegt und die Väter sich beim Reparieren unterstützen. „Der Name der Leute" erzählt so nebenbei die politische Geschichte Frankreichs und eine Geschichte der technisch überlegenen Geräte, die sich nicht durchsetzen. Das politische Äquivalent dazu war Lionel Jospin. Der sehr gelungene Spaß unterhält mit tollen Schauspielern und vielen überraschenden Schnitten. Wie den nach einem leidenschaftlichen Kuss zwischen Bahia und Arthur direkt zu einer Hochzeit - mit einem anderen. Der brauchte eine Aufenthaltsgenehmigung und eigentlich könne auch Arthur ja mal eben eine Scheinehe zur Einbürgerung durchziehen...

„Der Name der Leute", dessen Originaltitel „Le Nom Des Gens" auch auf unsere Gene anspielt, bietet einen schönen Querschnitt durch die Gesellschaft, ist im liebend leichten Verlauf ein Anti-Sarkozy und Anti-Sarrazin, dabei so klug witzig wie „Sein oder nicht sein" von Lubitsch. 

World Invasion Battle Los Angeles

World Invasion: Battle Los Angeles

USA 2011 (World Invasion: Battle Los Angeles) Regie: Jonathan Liebesman mit Aaron Eckhart, Michelle Rodriguez, Ramon Rodriguez 116 Min.

Die Stadt der Engel, der Traumfabrik und der karriereträumenden Kellner liegt nach einem Angriff Außerirdischer als brennendes Kriegsgebiet darnieder, das von der US-Armee plattgebombt werden soll. Ein Trupp von Soldaten hat drei Stunden, um die letzten Zivilisten aus dem Stadtteil Santa Monica zu retten. Weshalb ausgerechnet L.A.? Einige Religiöse, viele amerikanische Landeier und ebenso europäische Filmkünstler betrachten die Stadt auch schon mal als Hort des Bösen und nicht als letzte Bastion der Menschheit. Doch solche Gedanken sind angesichts der Baller-Simplizität des aufgeblasenen Filmchens noch unvorstellbarer als Alien-Angreifer. Deswegen sei nun Los Angeles das Fort Alamo der USA und man darf munter die beliebten Kulissen vieler anderer L.A.-Filme in die Luft jagen.

15 Minuten Aufwärm-Training gibt es für das mäßig bekannte und geforderte Personal bevor ein Meteoriten-Hagel zum echten Weltkrieg, zum „War of the Worlds" wird. Dann brechen Panik und Durchhalte-Reden aus, massig Militär-Material füllt die Bilder. Wackelnde Kameras und hektischer Schnitt machen sich übermäßig breit, als wenn mit stärkster Feuerkraft die Erinnerung an den genialen, weil zurückhaltenden Alien Attack-Film „Monsters" ausgetrieben werden soll. Es gibt minimale Spannung bis zur ersten Begegnung in Nahaufnahme mit den metallischen und schwer bewaffneten Riesenameisen aus dem All. Danach sind die Gegner unspektakulär menschenähnlich. Die politische Analyse erkennt Kolonialismus, die veterinäre Untersuchung findet ein Herz als Ziel der Kugeln. Der Rest ist ermüdendes Geballer und Gerenne, zu dem man nur noch schweigen kann. Selbst die Vernichtung eines Mutterschiffes gerät so einfallslos, dass „Independence Day" dagegen wie ein intellektuelles Feuerwerk wirkt. Wer darauf steht, Jungens in Khaki durch die Gegend rennen zu sehen, kann hier Ersatz für seinen, nun von der konservativen Regierung verweigerten Kriegsdienst finden.