7.4.26

De magie van de Amstel Gold Race - Leo's laatste ronde

30 Jahre Koersdirektor Leo van Vliet  (Tom Dumoulin übernimmt von Leo van Vliet) Am 10. April 2026 feiert die Sport-Dokumentation „De magie van de Amstel Gold Race – Leo’s laatste ronde“ im Heerlener Royal-Kino im Rahmen des „Dutch Mountain Fiets Film Festival“ (DMFFF) Premiere. Der Film zeichnet ein nahes, durchweg sympathisches Porträt von Leo van Vliet, der das einzige niederländische WorldTour‑Eintagesrennen drei Jahrzehnte lang geprägt hat. Von 1996 bis 2026 war er Koersdirektor – eine Ära, die der Film mit großer Zuneigung, aber ohne kritische Schärfe nacherzählt. Er begleitet van Vliet auf seinen letzten Wegen rund um den Cauberg und durch Limburgs Radsportlandschaft. Die Dokumentation blättert durch van Vliets Geschichte wie durch ein persönliches Album. Sie besucht „seinen“ Platz im Ferienhauspark auf dem Cauberg, zeigt ihn im Gespräch mit Wegbegleitern und lässt ihn durch die Orte wandern, die sein Berufsleben bestimmt haben. Für den Autor dieser Zeilen verbindet sich die Dokumentation mit einer eigenen Erinnerung: Bei einem Event von „Limburg Crossboarder Cycling“ saß er selbst neben van Vliet, der damals sichtbar mit der Entscheidung rang, das Ziel erneut zu verlegen. Die Verschiebung vom Cauberg nach Vilt erwies sich später als kluger Schritt, weil das Rennen dadurch an Attraktivität gewann und die Entscheidung nicht mehr bis zum allerletzten Meter hinausgezögert wurde. Solche Momente der Weitsicht tauchen im Film immer wieder auf, ohne dass sie laut betont würden. Auch van Vliets eigene Karriere als Fahrer wird liebevoll nachgezeichnet. Er erscheint als Teamplayer im legendären TI‑Raleigh‑Rennstall von Peter Post, an der Seite von Jan Raas und Gerrie Knetemann, mit einer Mischung aus Respekt und Furcht vor dem Mannschaftszeitfahren mit diesen dominanten Figuren. Seine beste Platzierung im Amstel Gold Race war ein achter Platz – kein Wunder, wenn man bedenkt, dass Raas das Rennen in jener Zeit mit fünf Siegen in das „Amstel Gold Raas“ verwandelte. Ein großer Reiz des Films liegt in der Einbettung in die regionale Radsportkultur. Rund um den gefürchteten Cauberg und das „berühmteste Dorf der Rad-Welt“ Valkenburg entsteht ein atmosphärisches Bild, das zeigt, wie sehr dieses Rennen Teil der Identität Limburgs geworden ist. Van Vliet erscheint als Organisator ohne Starallüren, der überall freundlich begrüßt wird und offensichtlich bis heute ein Teamplayer geblieben ist. Der Film zeigt ihn bei tausend kleinen Aufgaben: bei einem Spaß-Zeitfahren am Cauberg, beim Entfernen von Verkehrs-Mobiliar von der Strecke, bei organisatorischen Details, die sonst niemand wahrnimmt. Gleichzeitig erinnert er an existenzielle Herausforderungen wie die BSE‑Krise oder die Corona-Pandemie, die einschneidende Maßnahmen erforderten, um das Rennen überhaupt durchführen zu können. Auch die Tourenfahrer-Version mit ihren 15.000 Teilnehmenden findet ihren Platz und unterstreicht die enorme Breitenwirkung des Events. Begleitet wird van Vliet im letzten Jahr seiner Amtszeit von Regisseur Bernard Krikke, der in diesem Jahr voller Huldigungen und Begegnungen stets an seiner Seite ist. Ein Veteranentreffen des alten TI‑Raleigh‑Teams setzt einen weiteren warmen Akzent. Die Nachfolge ist bereits geregelt: Der populäre Giro‑Sieger Tom Dumoulin und Roy Packbier übernehmen künftig die Verantwortung – ein Übergang, den der Film ruhig und ohne Pathos markiert. Auffällig ist, dass die vom radaffinen Regionalsender L1 (Redaktion Jelle Kleinen) co-produzierte Dokumentation konsequent positiv bleibt. Kleine Misstöne – etwa der Windschatten, den der spätere Sieger Tadej Pogacar einst hinter dem Rennleiterwagen erhielt – werden nicht thematisiert. Auch emotional bleibt der Film eher sachlich, obwohl van Vliet selbst durchaus zu Tränen neigt. Die Regie entscheidet sich für Zurückhaltung, was einerseits sympathisch wirkt, andererseits aber verhindert, dass der Film größere Tiefe oder Reibung entwickelt. Spektakuläre Rennbilder sucht man vergeblich; stattdessen folgt die Kamera einem bodenständigen Menschen zu Fuß durch seine Welt. Am Ende bleibt eine nette, respektvolle Vorstellung eines der größten Sportereignisse der Region und seines unersetzlichen Organisators. Die Dokumentation ist kein kritisches Werk, sondern eine liebevolle Verabschiedung. Sie zeigt, warum so viele Menschen Leo van Vliet dankbar sind – und warum sein Abschied eine Zäsur darstellt. https://www.dmff.eu/films/de-magie-van-de-amstel-gold-race-leos-laatste-ronde/ De magie van de Amstel Gold Race - Leo's laatste ronde * Dutch Mountain Film Festival dmff.eu https://www.dmff.eu/events/dmff-fiets/ DMFF Fiets dmff.eu Disclaimer: Der Autor dieser Kritik wurde selbst bei einem Open‑Zeitfahren mit Profis am Cauberg Achter – hinter dem bekannten Aachener Bergfahrer Roger Uhle.

27.1.26

Little Trouble Girls

„Little Trouble Girls" ist ein sommerliches Coming-of-Age-Drama, das vor allem sinnlich erfahren wird. Die slowenische Regisseurin Urška Djukić komponierte es wie ein vielstimmiges Chorstück: Jede Szene, jedes Geräusch, jeder Blick fügt sich zu einem vibrierenden Geflecht aus Sinnlichkeit, Spiritualität und jugendlicher Verwirrung.

Schon die Eröffnung – ein Ohr, das die vielen kleinen Geräusche der Messe in einer Mädchenschule aufsaugt – macht klar, dass dieser Film stark über das genaue Hören und Beobachten erzählt. Im Zentrum steht die 16-jährige Lucija (großartig gespielt von Jara Sofija Ostan), deren verträumten Blick die Kamera liebevoll einfängt. Sie verliebt sich sofort in die Neue: Ana-Marja, selbstbewusst, mit Lippenstift und orangefarbenem Pullover. Zuhause wacht eine strenge Mutter, doch im Kloster, wo der Chor probt, öffnen sich Räume, in denen Lucija erstmals ihren eigenen Körper und Sexualität wahrnimmt.

Djukić arbeitet mit einer poetischen Bildsprache, die nie plump wird. Schnitte auf Rosenknospen, auf eine stilisierte Vulva in einem Fresko. Diese Metaphern verweben sich organisch mit der Handlung, verschränken Sinnlichkeit und Religiosität. Djukić setzt den aufkeimenden körperlichen Reiz der Mädchen dem Keuschheitsgelübde der Nonnen entgegen. Gleichzeitig bleibt „Little Trouble Girls" geerdet. Der seltsame Gesangslehrer in seinen zu kurzen Hosen mobbt Lucija, während die mehrstimmigen Chorpassagen emotionale Spannungen überlagern.

Visuell ist der Film ein Ereignis. Die Nähe zu Céline Sciamma ist spürbar, ebenso der Einfluss von Lucrecia Martel, doch „Little Trouble Girls" behauptet eine eigene Handschrift. Dass der Film in der Berlinale-Sektion „Perspectives" den FIPRESCI-Preis gewann und Sloweniens Oscar-Beitrag 2026 ist, überrascht nicht – er wirkt wie das Versprechen einer neuen, aufregenden Regie-Stimme.

„Little Trouble Girls"
(Slowenien/Italien/Kroatien/Serbien 2025) Regie: Urska Djukic, mit Jara Sofija Ostan, Mina Švajger, Saša Tabaković, 89 Minuten, FSK: ab 12

22.1.26

Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren

Die Doku-Fiktion versucht, die berühmte Kinderbuchautorin anhand ihrer erst 2015 veröffentlichten Kriegstagebücher neu zu entdecken, bleibt dabei jedoch weit hinter deren Potenzial zurück. Originalpassagen vom Schrecken des Krieges aus den Tagebüchern von 1939 bis 1945 werden vorgelesen und vom meist posierenden Ensemble (Sofia Pekkari, Tom Sommerlatte) begleitet. In Dokuszenen rekapitulieren Tochter Karin Nyman, Enkelin Annika Lindgren und Großenkel Johan Palmberg Episoden aus Lindgrens Leben, wirken jedoch erstaunlich distanziert. Einzig Karin liefert mit der Entstehungsgeschichte von „Pippi Langstrumpf", erzählt an ihrem Krankenbettchen, einen lebendigen Moment. Ein unangenehmes Déjà-vu: Der intensive Film „Bereits Astrid" hatte 2018 alles eindringlicher gezeigt. Die bemühten szenischen Rekonstruktionen und blassen Impressionen an Originalschauplätzen erreichen kaum das Niveau gängiger TV-Dokus. Nur einzelne Gedanken der jungen Mutter eines unehelichen Kindes und der frühen Feministin über Humanismus, Krieg und Verfolgung lassen die Kraft von Lindgrens Stimme aufleuchten.

„Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren" (Schweden 2025), Regie: Wilfried Hauke, mit Karin Nyman, Annika Lindgren, Johan Palmberg, 100 Minuten, FSK: ab 12

18.1.26

Smalltown Girl

Nore reißt in den Bars immer andere Männer für eine Nacht oder weniger auf. Dieses Mal geht sie mit der schüchtern-naiven Jonna nach Hause, die gleich bei ihr einzieht. Neugierig kratzt die neue Freundin am scheinbar lustvoll hedonistischen Leben Nores, das sich jedoch als Flucht vor etwas entpuppt. Als es Nore richtig schlecht geht, nimmt das keiner ihrer One-Night-Stands ernst. Nur der Freund von Jonna ahnt, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Regisseurin Hille Norden gelingt die radikale Aufarbeitung einer traumatischen Vergangenheit ohne Voyeurismus. Im Gegenteil: Die Sexszenen werden zunehmend unerträglich. In ihrem autobiografischen Film inszeniert sie mit starken Effekten den Moment, in dem Nores Fassade zusammenbricht und die Erinnerung an frühen Missbrauch zurückkehrt. Vor allem in der Zwiesprache mit der jüngeren Nore packt der Film durch eine ganze Reihe großartiger und berührender Bilder sowie mit einer ästhetisch äußerst gekonnten Verbindung der Zeitebenen. Hauptdarstellerin Dana Herfurth beeindruckt mit enormer emotionaler Bandbreite ihrer Figur.

„Smalltown Girl" (Deutschland 2025) Regie: Hille Norden, mit Dana Herfurth, Luna Jordan, Vera Fay, 110 Minuten, FSK: ab 16

3.1.26

Ein einfacher Unfall

Sein neustes Drama brachte dem gefeierten, verfolgten und inhaftierten iranischen Regisseur Jafar Panahi 2025 nach Erfolgen in Berlin und in Venedig die Goldene Palme in Cannes. „Ein einfacher Unfall" ist sein bislang politischster Film: In reduziertem Stil und heimlich mit versteckter Kamera aufgenommen, erzählt er ein Drama unter religiöser Diktatur, das zwischen Thriller und Komödie wechselt, dabei oft dokumentarisch wirkt. Lange bleibt offen, warum Vahid einen Familienvater verfolgt, bis er diesen plötzlich entführt. Das quietschende Holzbein des im Van Gefesselten gehört wahrscheinlich Eghbal, einem Folterer des Systems. Um Zweifel auszuräumen, kontaktiert Vahid auf einer ebenso spannenden wie komischen Odyssee weitere Folteropfer. Im engen Transporter schwankt bald eine Schicksalsgemeinschaft zwischen Selbstjustiz und moralischen Fragen. Raffiniert inszeniert verbindet Panahi politische Brisanz mit fesselnden Beobachtungen menschlichen Verhaltens. Ein klug geschriebener, kompromissloser Film, der das Publikum mit bohrenden Fragen zurücklässt.

„Ein einfacher Unfall" (Frankreich/Luxemburg 2025), Regie: Jafar Panahi, mit Vahid Mobasseri, Mariam Afshari, Ebrahim Azizi, 104 Minuten, FSK: ab 16

26.12.25

Der Fremde (2025)


Es ist ein Wagnis, sich an Albert Camus' „Der Fremde" zu versuchen – einem Klassiker der modernen Literatur. François Ozon, einer der vielseitigsten Regisseure des europäischen Kinos verwandelt den Stoff in ein streng komponiertes, ästhetisch reduziertes Schwarzweißdrama. Bekannt für prominent besetzte psychologische Meisterwerke wie „Unter dem Sand" oder „Swimming Pool" und für historische Stoffe wie „Frantz", gibt Ozon dem Camus-Klassiker seine eigene Form. Sein „Fremder" ist nach Viscontis Film von 1967 keine treue Literaturverfilmung, sondern ein Werk, das die glühende Sonne Algiers mit kühler Distanz betrachtet.

„Der Fremde" beginnt mit dem Telegramm über den Tod der Mutter des Angestellten Meursault (Benjamin Voisin). Totenwache und Beerdigung sind in statische Schwarzweißbilder gefasst, die Archivmaterial aus der ehemaligen französischen Kolonie folgen. Während alle anderen im Altersheim trauern, bleibt Meursaults Gesicht eine unbewegte Maske. Seine Augen registrieren die Umgebung, doch jede Regung scheint ihm fremd. Selbst als ein alter Freund der Mutter auf dem Weg zur Kirche unter der Sonne zusammenbricht. Im Gottesdienst bleibt der junge Mann gedankenverloren sitzen, während sich die Gemeinde erhebt. Diese frühen Szenen legen den Grundton fest: ein Mann, der nicht fühlt oder nicht fühlen will.

Zurück in Algier beginnt Meursault im Strandbad eine Affäre mit Marie (Rebecca Marder), die überrascht ist, wie schnell er nach dem Tod seiner Mutter wieder ins Kino gehen möchte. Er lacht jedoch nicht über den Komödianten Fernandel, und als sie fragt, ob er sie liebt, antwortet er, dass es keine Rolle spiele. Heiraten? Belanglos. Ozon zeigt Meursault als Beobachter, dessen Passivität ihn zugleich faszinierend und verstörend macht. Oft ist das, was um ihn herum geschieht, interessanter als er selbst: Der Nachbar Raymond (Pierre Lottin) verprügelt seine arabische Geliebte, bekommt Probleme mit deren Bruder und zieht Meursault in seine Machenschaften hinein. Schließlich kommt es am Strand zu jenem schicksalhaften Moment, der den Roman berühmt gemacht hat: Meursault erschießt den Araber – ein Akt, der im Film ebenso rätselhaft bleibt wie bei Camus.

Der zweite Teil des Films verschiebt den Fokus. Vor Gericht wird weniger die Tat verhandelt als Meursaults Charakter philosophisch analysiert. Seine Gefühllosigkeit, seine Gleichgültigkeit, seine Unfähigkeit zu trauern. Die Schwester des Ermordeten sagt unter Tränen: „Nur der Franzose interessiert, das Opfer ist allen egal." Dieser Satz verleiht dem Film eine aktuelle politische Schärfe, die Camus' existenzialistische Vorlage nur andeutet. Nur an zwei zentralen Stellen nutzt Ozon Voice-over mit Camus' Originaltext, was die Distanz zwischen Vorlage und Film noch deutlicher macht. Bemerkenswert ist auch, dass Ozon Djemila (Hajar Bouzaouit) – der Schwester des Ermordeten – eine Stimme gibt. Im Roman bleibt sie namenlos, im Film wird sie zur moralischen Instanz. Ozon macht sichtbar, wie koloniale Machtverhältnisse das Urteil prägen – und wie schnell eine Gesellschaft bereit ist, einen Menschen nicht für seine Tat, sondern für seine Haltung zu verurteilen.

Ästhetisch ist „Der Fremde" ein radikaler Schritt. Ozon entschied sich für Schwarzweiß, weil es „Reinheit, Abstraktion und Konzentration" ermögliche. Die Bilder sind reduziert, fast asketisch, mit wenigen Kamerabewegungen. Algerien erscheint wie ein verlorenes Paradies, zugleich real und entrückt. Diese visuelle Strenge erinnert an die Serie „Ripley" nach Patricia Highsmith: kühl, elegant, moralisch ambivalent. Zugleich verleiht Ozon dem historischen Kontext Tiefe. Sein eigener Großvater war Untersuchungsrichter in Algerien und überlebte ein Attentat, bevor die Familie auf das französische Festland zog – ein biografischer Schatten, der im Film mitschwingt. Ozon wollte Algier zeigen, wie es in den 1930er Jahren war: die Kasbah, den Hafen, die Schönheit und die Spannungen einer kolonialen Gesellschaft.

„Der Fremde" feierte seine Weltpremiere in Venedig, seltsamerweise nicht in Cannes. Es ist ein Film, der fordert, der sich erst mit Hintergrundwissen vollständig erschließt und der die Frage stellt, wie wir Menschen beurteilen: nach ihren Taten oder nach ihrer Weltsicht.

„Der Fremde"
(Frankreich 2025), Regie: François Ozon, mit Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin, 123 Minuten, FSK: ab 12

21.12.25

Die jüngste Tochter

„Die jüngste Tochter" der Regisseurin Hafsia Herzi ist ein stilles, präzises Porträt einer jungen Frau. Der Film wurde in Cannes 2025 mit dem Preis für die beste weibliche Darstellung und der Queer Palm ausgezeichnet. Herzi, die selbst als 19-Jährige mit ihrer Rolle in „Couscous mit Fisch" das französische Kino aufrüttelte, beweist hier erneut ihr Gespür für intime Figurenstudien. Ihr dritter Langfilm entzieht sich jeder einfachen Inhaltsangabe. Er beobachtet statt zu erklären und gewinnt dadurch eine enorme emotionale Tiefe.

Im Zentrum der Verfilmung des autofiktionalen Debütromans von Fatima Daas steht Fatima, gespielt von der beeindruckenden Debütantin Nadia Melliti, die den Film mit einer stillen, unaufdringlichen Präsenz trägt. Fatima wächst als jüngste Tochter einer französisch-algerischen Familie in den Pariser Vororten auf. Ihre Clique besteht aus Jungs, die mit erfundenen sexuellen Abenteuern prahlen. In der Schule wird Romantik durchgenommen und Oscar Wilde homophob verspottet. Fatima weiß längst, dass sie an Jungen nicht interessiert ist. Als ein Mitschüler sie jedoch als Lesbe bezeichnet, bricht ein innerer Konflikt auf, den die Regisseurin ohne jede Dramatik, aber mit großer Sensibilität inszeniert.

Zu Hause findet Fatima ein stabiles, liebevolles Umfeld vor. Ihre Mutter ist eine ruhige, unterstützende Kraft, ihr Vater ist zwar patriarchalisch, aber kaum präsent. Einer der bewegendsten Momente des Films ist kein Streit, sondern ein warmes Gespräch zwischen Mutter und Tochter – ein bewusster Gegenentwurf zu den gängigen Coming-out-Dramen. Herzi vermeidet konsequent die Klischees des Banlieue-Films: Alle drei Töchter haben das Baccalauréat, den französischen Schulabschluss, geschafft und Fatima wird Philosophie studieren.

Das Nesthäkchen der Familie ist cool, bestimmend, spielt Fußball, raucht. Als sie sich in die asiatischstämmige medizinische Assistentin Ji-Na (Ji-Min Park) verliebt, die sie in einer Dating-App wiedererkennt, beginnt ein neues Kapitel. Nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht folgt ein Gebet – ein leiser Hinweis auf den Zwiespalt zwischen Religion und Begehren, der Fatima begleitet, ohne dass der Film ihn je plakativ ausstellt. Der Imam ihrer Gemeinde spricht offener über Homosexualität, als Fatima erwartet hätte, und doch bleibt das Thema vor allem ein innerer Kampf.

Fatima ist ernst, fast verschlossen; erst spät im Film lacht sie zum ersten Mal. Bei einem frühen Date erhält sie von einer älteren Frau pragmatische Tipps für Sex zwischen Frauen – eine Szene, die Herzi mit Humor, aber ohne Voyeurismus inszeniert. Melliti ist in jeder Szene präsent und trägt den Film mit einer Intensität, die an Herzis eigene frühe Karriere erinnert. Die damals 19-jährige Hafsia Herzi spielte 2007 in „Couscous mit Fisch" des französischen Regisseurs Abdellatif Kechiche, der 2008 den Karlspreis für Medien in Aachen erhielt, die Bauchtänzerin Rym. Sie rettet ihren Stiefvater, als das titelgebende Couscous bei einer großen Feier nicht serviert werden kann. Mit ihrer charismatischen Präsenz hielt sie die Gäste und das Publikum in Atem. Nach über 60 Filmrollen ist Hafsia Herzi mittlerweile auch eine erfolgreiche Regisseurin. Neben der persönlichen Geschichte zeichnet „Die jüngste Tochter" ein atmosphärisches Bild der modernen, multikulturellen Großstadt: ägyptische, deutsche und koreanische Geliebte, eine fröhliche Pride-Demonstration.

„Die jüngste Tochter" ist ein Liebesfilm, jedoch keiner der großen Gesten. Er steht neben anderen Queer-Filmen wie Abdellatif Kechiches „Blau ist eine warme Farbe", Céline Sciammas „Porträt einer jungen Frau in Flammen" und Barry Jenkins „Moonlight", zärtlich, beobachtend, tief berührend. Herzi zeigt, wie Coming-out, Religion und Identität miteinander ringen können, ohne dass daraus zwangsläufig ein Kampf entsteht. Man erlebt Fatimas emotionale Achterbahn mit, weil der Film ihr Raum gibt, ohne sie zu erklären. Ein kleines, großes Werk – und ein weiterer Beweis dafür, dass Hafsia Herzi zu den wichtigsten Stimmen des europäischen Autorenkinos gehört.

„Die jüngste Tochter" (Frankreich/Deutschland 2000), Regie: Hafsia Herzi, mit Nadia Melliti, Ji-Min Park, Amina Ben Mohamed, 107 Minuten, FSK: ab 12

9.12.25

Yi Yi (2000)

Im Reigen vieler Wiederaufführungen ist 25 Jahre nach dem Start und dem Regiepreis in Cannes eine wunderbare Filmperle in remasterter Version zu entdecken: „Yi Yi" war der letzte Film und emotionaler Höhepunkt der kurzen Karriere des 2007 verstorbenen taiwanesischen Regisseurs Edward Yang.

Eine Hochzeit in Taipeh: Die Familie ist in Aufruhr, wilde Hochzeitsriten sorgen für Geselligkeit. Doch als NJ, der Bruder der Braut, zufällig seine erste Liebe trifft, beginnt sein inneres Chaos. Der stille Familienvater und Musikliebhaber beobachtet kritisch den Umbruch in seinem Computerunternehmen. Zuhause strapaziert der Schlaganfall der Schwiegermutter die Familie. NJs Frau sucht Zuflucht bei Mönchen, während Vater und Tochter, ohne voneinander zu wissen, gleichzeitig mit romantischen Abenteuern beschäftigt sind. Im Zentrum steht jedoch die Perspektive des klugen und aufmerksamen Sohnes von NJ, der sich wie sein Vater viele Gedanken über das Leben macht. Seltsame Momentaufnahmen mit einer Fotokamera verbinden sich mit naiv philosophischen Gedanken. Dabei leidet er in der repressiven Schule unter der totalitären Kontrolle eines dummen Lehrers.

Edward Yang, der bedeutende Chronist taiwanesischer Geschichte(n) („A Brighter Summer Day", „A Confucian Confusion"), gelang ein auf leise, stimmige Weise fesselndes Gesellschaftsporträt. Ein Meisterwerk, das hervorragend gealtert ist – die Themen wirken aktueller denn je: Die Stimmung in Taipeh ist angespannt. Auch die „Tiger-Staaten" haben nach einer Periode des Aufschwungs wirtschaftliche Probleme. Es ist eine Zeit der Unsicherheit – in jeder Hinsicht. Die Familie fällt auseinander, niemand kümmert sich um die Alten, jeder nur um sich selbst. Allein der junge Sohn träumt noch von seiner inzwischen verstorbenen Großmutter. Im humorvollen Zwiegespräch mit dem Vater werden noch einige hergebrachte Werte gewürdigt. Trotz der distanzierten Kamera mit starren Einstellungen bringt uns Yang diese Familie einfühlsam und fein näher – da möchte man auch nach drei Stunden noch keinen Abschied nehmen.

Yi Yi (Taiwan/Japan 2000), Regie: Edward Yang, mit Wu Nianzhen, Elaine Jin, Kelly Lee, 173 Minuten, FSK: ab 6

5.12.25

Ein Leben ohne Liebe ist möglich, aber sinnlos

Die Literaturagentin Eva aus Barcelona schmeißt aufgrund einer Flause der Menopause ihr gesamtes Familienleben der letzten 25 Jahre hin. Zwar verlief die Begegnung mit dem argentinischen Drehbuchautor Alex in Rom harmlos, doch die Erinnerung daran lässt sie zu Hause nicht los. Da selbst ein portugiesischer Koch als eingebildeter Liebhaber (eine Idee aus einem französischen Film) den unglaublich verständnisvollen Ehemann Victor nicht verjagt, muss sie gestehen: „Ich will mich wieder verlieben." Doch die neue Freiheit von Mann und Kindern entwickelt sich erschreckend unspektakulär und selbst die Frauenärztin hat kein Hormon-Mittel, damit das Herz wieder Funken schlägt.

Alex und Eva – die Tragikomödie „Ein Leben ohne Liebe ist möglich, aber sinnlos" erzählt eine (Film-)Geschichte, die fast so alt ist wie Adam und Eva. Mit etwas Rom-Romantik (siehe William Wylers „Ein Herz und eine Krone" mit Audrey Hepburn und Gregory Peck) und viel vertrautem Barcelona-Hintergrund von Regisseur Cesc Gay („Sentimental", 2020). Äußerlich passiert bei „Mi amiga Eva" – so der bessere Originaltitel – allerdings nicht so viel. Es ist keine klassische Dreiecks- oder Ehebruchsgeschichte, sondern eine Komödie über die Lust am Spiel der Liebe mit dem realistischen Twist wenig berauschender Aussichten für eine Frau um die 50. Die eher peinliche bis erbärmliche Auswahl der Date-Partner amüsiert herrlich. Aufgeweckte Dialoge im lebendigen Freundeskreis lassen das bitter-süße Liebesdrama mit einem Hauch von Woody-Allen-Zynismus vorankommen. Die Leichtigkeit und Lebensnähe vieler französischer Arthouse-Geschichten wird von den intellektuellen Großstadtbewohnern nicht nur zitiert, sondern gelebt. Hauptdarstellerin Nora Navas, bekannt aus Almodóvars „Leid und Herrlichkeit", trägt die sympathische Geschichte hervorragend. Auch die anderen Figuren sind sorgfältig gezeichnet. Man folgt der anfangs enttäuschenden Entwicklung mit einem Schmunzeln und viel Mitgefühl und wird schließlich mit einem verhaltenen Happy End belohnt.

Ein Leben ohne Liebe ist möglich, aber sinnlos (Spanien 2025), Regie: Cesc Gay, mit Nora Navas, Juan Diego Botto, Rodrigo de la Serna, 100 Minuten, FSK: ab 12

17.11.25

Eddington

Wer hat Lust auf einen Streit über Corona-Masken, „Black Lives Matter", amerikanischen Waffenwahn, Verschwörungstheorien und den Niedergang der Demokratie? US-Regisseur Ari Aster, von dem nach „Beau Is Afraid" mit Joaquin Phoenix und den hochgelobten Horrorfilmen „Midsommar" sowie „Hereditary – Das Vermächtnis" viel erwartet wird, packt in seinen Corona-Western „Eddington" und das gleichnamige Dörfchen etwas zu viel Mikrokosmos für eine rundum gelungene Gesellschaftssatire. Alles beginnt mit dem Streit zwischen dem simplen Sheriff Joe Cross (vielschichtig: Joaquin Phoenix) und dem erfolgreichen Bürgermeister Ted Garcia (eher am Rande: Pedro Pascal), weil Letzterer mal etwas mit Joes labiler Frau Louise (Emma Stone) hatte. So entscheidet sich der Gesetzeshüter, ohne viel nachzudenken, dazu, selbst als Bürgermeister zu kandidieren und fortan mit einem albern vollplakatierten Dienstwagen herumzufahren. Um die beiden dämlichen Männer versammeln sich im Frühjahr 2020 haufenweise hysterische Besserwisser. Unter den 2 345 Einwohnern gibt es Corona-Leugner und Black-Lives-Matter-Protestierende infolge des Todes von George Floyd in Minneapolis. Der junge schwarze Hilfssheriff denkt derweil nur an sein Beziehungsproblem. Es gibt Streit um die Ansiedlung eines Rechenzentrums mit dem märchenhaften Namen „Solidgoldmagikarp" (was mit viel Gold und fliegendem Teppich). Der QAnon-Guru Vernon Jefferson Peak (Austin Butler) spannt Joe die ebenfalls spinnerte Frau aus, und irgendwann fallen erste Schüsse – ein Männlein sieht rot.

Diese fast surreale Anhäufung von Krisenthemen und eskalierenden Situationen in „Eddington" betreibt selbst den beliebten „Whataboutism" der Querdenker: Wenn man meint, das zentrale Thema fixiert zu haben, ist längst ein anderes dran. Bis hin zum Splatter-Finale mit schwerem Geschütz in Western-Straßen und einem heftig zynischen „Happy End" für Joe und die Dorfgemeinschaft. Diese Anhäufung von Verwirrungen, künstlichen und sonstigen Aufregungen ist ebenso irre wie der totale Stimmungswechsel in „Midsommar". Quasi ein Spiegel unserer gesellschaftlichen Abwege – aber will man im Kino noch mehr davon sehen? „Eddington" sorgte schon bei seiner Premiere in Cannes für heftige Diskussionen und wird das auch weiterhin tun.

Eddington
(USA 2025), Regie: Ari Aster, mit Joaquin Phoenix, Pedro Pascal, Emma Stone, 148 Minuten, FSK: ab 16

8.11.25

Die my love

„My Love" erzählt die Geschichte von Grace (Jennifer Lawrence) und Jackson (Robert Pattinson), die gerade in ein geerbtes altes Landhaus gezogen sind. Mit dem Ziel, ein Buch zu schreiben, richtet sich Grace in ihrer abgeschiedenen Umgebung als junge Mutter ein. Dabei verliert sie jedoch zunehmend die Kontrolle über sich selbst. Zunächst liegt sie lasziv im Gras und masturbiert mit einer Hand in der Hose und der anderen am bedrohlichen Messer. Dann folgt ein idyllischer Spaziergang durch die Natur zur Melodie aus Disneys „Bambi"-Film, bei dem sie ein Pferd entdeckt, das noch Blut vom Autounfall des letzten Tages auf dem Fell hat. Die Tapete wird mit den Fingernägeln abgekratzt, das Bad heftig demoliert.

Der gutmeinende Jackson bringt einen nervtötenden Hund mit nach Hause, der alle in den Wahnsinn treibt – wenn sie nicht längst schon dort waren. Die impulsive Beziehung geht explosiv in eine zerstörerische Richtung. Zerstörerisch für die Inneneinrichtung – aber vor allem für Grace selbst. Auch der kleine, unerträgliche Hund muss dran glauben. Das Erschießen des Quälgeistes mag für einige genauso schockierend sein wie Niki de Saint Phalles Schießen auf das Bild des Vaters. Das Verhalten von Grace könnte feministisch „ungezähmt" genannt werden, glücklich ist mit der Situation niemand.

Das verstörende neue Drama von Lynne Ramsay beginnt mit der sexuellen „Einweihung" des alten Hauses, unterbrochen von Bildern eines lichterloh brennenden Waldes, in den die nackte Grace geht. Die renommierte Filmemacherin zeichnet in „Die My Love" schonungslos das Porträt einer Frau, die von Liebe und Wahnsinn verschlungen wird. Dem schweren psychischen Problem wird im Film kein Name gegeben, einige Kritiken nennen es postnatale Depression. Das ist in jedem Fall schwer erträglich, aber den kurz angetäuschten Tradwife-Trugschluss will man am Ende auch nicht sehen. Das extreme Drama erinnert ein wenig an Darren Aronofskys Tour de Force „mother!" (ebenfalls mit Lawrence, damals neben Javier Bardem), aber vor allem an filmische Beziehungskriege wie „Blue Valentine" von Derek Cianfrance mit Ryan Gosling.

Jennifer Lawrence („Silver Linings", „American Hustle") spielt intensiv. Mit dem Ex-Vampir Pattinson hat sich der Film zwar einen weiteren Star auf dem Poster eingehandelt (neben Nick Nolte und Sissy Spacek), aber keinen Gegenpart. Doch der schwache Partner mag auch so in der Vorlage von Ariana Harwicz angelegt sein.

Der von Jennifer Lawrence auch produzierte „Die my love" ist Lynne Ramsays neuester Film nach aufsehenerregenden Werken wie „Ratcatcher" (1999), „Morvern Callar" (2002) oder „We Need to Talk About Kevin" mit Tilda Swinton (2011) als Mutter eines Amokläufers. Zuletzt drehte Ramsay „Swimmer" und „A Beautiful Day" mit Joaquin Phoenix. Trotz der Stars auf dem Plakat macht sie keine Filme für das große Publikum von „Die Tribute von Panem" oder „Twilight". Die Handlung in „Die my love" verläuft nicht chronologisch, die Farben wirken oft zu bunt, das Format ist das klassische 4:3 und das hat nichts mit der Auswertung beim Streaming-Anbieter „Mubi" zu tun.

Die my love
(Kanada 2025), Regie: Lynne Ramsay, mit Jennifer Lawrence, Robert Pattinson, Sissy Spacek, 118 Minuten, FSK: ab 16

3.11.25

Dann passiert das Leben


Die Rollos vor den Fenstern schließen pedantisch pünktlich Licht und Leben aus der großen Wohnung von Hans und Rita aus - wie eine Guillotine für ihre langjährige Ehe. Er (Ulrich Tukur) ist Schuldirektor kurz vor der Pensionierung, sie (Anke Engelke) reagiert allergisch auf jede Veränderung. Klar, dass das Probleme bringt. Hans könnte sich ein Hobby zulegen, doch das Kinderzimmer des längst ausgezogenen Sohnes Tom darf nicht angerührt werden. Der Fliesenkauf für das Badezimmer könnte eine Paartherapie sein, aber nach einer sexuellen Anspielung des Verkäufers vernichtet Rita ihn mit spitzer Zunge. Erschreckend und gleichzeitig komisch ist es, wenn Hans und Rita sich dabei synchron die Lesebrillen aufsetzen.

Die drohende Pensionierung bringt Ritas Ängste zum Vorschein, die sich in gnadenlosen Urteilen und einer fast aggressiven Ablehnung jeder Veränderung äußern. Doch schon vorher muss ihre Ehe in eine synchrone Routine übergegangen sein. Sie schlafen nicht mehr miteinander, teilen kaum noch Berührungen und selbst die gemeinsame Wohnung wirkt wie ein geteiltes Territorium. Als der Fernseher ausfällt, legt sich bleierne Stille über den Raum. Hans freut sich, wenn das Rollo streikt und er etwas zu tun hat. Rita begeistert sich für Graugänsebiologie in Podcasts und bei ihren einsamen Schwimmrunden.

Dann „passiert" ein Unfall auf einer Autofahrt – Rita sieht den Radfahrer nicht, weil sie Hans endlich sagen will, dass er sie nicht mehr sieht. Doch statt gegenseitiger Annäherung der gemeinsam Schuldigen folgt ein Weiterleben im Gegeneinander. Die Szene, in der ein Entenpaar im Teich vor dem Haus vom Fuchs auseinandergerissen wird, ist dann beim Zuschauen zu viel, zu konstruiert, zu gewollt.

„Dann passiert das Leben" leidet keineswegs darunter, dass es ein Kammerspiel über zwei Menschen ist, die sich in ihrer Routine eingerichtet haben. Viele Momente sind treffend beobachtet. Anke Engelke und Ulrich Tukur tragen den Film mit nuanciertem Spiel. Multitalent Engelke, trotz bemerkenswerter Werke wie „Perfekt Verpasst", „Mutter" oder „Deutsches Haus" oft unterschätzt, zeigt hier ihre ganze Bandbreite zwischen kontrollierter Härte und verletzlicher Starrheit. Tukur („Und wer nimmt den Hund?", „Aus dem Nichts", „John Rabe"), nicht zuletzt ein Chamäleon als Tatort-Kommissar Murot, gibt Hans eine stille Verzweiflung, die sich in kleinen Gesten und Blicken offenbart. Regisseurin Neele Leana Vollmar, bekannt für ihre Kinderfilme „Rico, Oskar und die Tieferschatten", „Rico, Oskar und der Diebstahlstein", „Mein Lotta-Leben – Alles Bingo mit Flamingo!" und die Literaturverfilmung „Maria, ihm schmeckt's nicht!", wagt sich mit eigenem Drehbuch an ein persönliches Liebesdrama – und zeigt dabei Gespür für Zwischentöne.

„Dann passiert das Leben" will ein leiser Film über das große Schweigen sein – über das, was bleibt, wenn die Liebe sich in Gewohnheit verwandelt. Doch bei aller Feinfühligkeit fehlt ihm die Balance zwischen Humor und Tiefe, die solche tieftraurigen Stoffe erträglich macht. Da ist nicht der bissige Witz aus „Und wer nimmt den Hund?" (2019, Regie: Rainer Kaufmann), ebenfalls mit Anke Engelke und Ulrich Tukur. Ganz zu schweigen von der dramatischen Wucht großer Meisterwerke wie „The Ice Storm" (1997, Regie: Ang Lee) oder, ganz aktuell, der brillant bitteren Schlagfertigkeit des Scheidungskriegs „Roses" (2025, Regie: Jay Roach). „Dann passiert das Leben" hängt irgendwie dazwischen: temperierte Leidenschaften – aber gerade das will man ja nicht, weder in der Beziehung noch im Kino.

Die poetische Leichtigkeit, die Vollmar in ihren Kinderfilmen oft gelingt, bleibt hier aus. Keine großen Ideen, keine Kinomomente, die über das Alltägliche hinausweisen. Tatsächlich hat sie diesmal ein eigenes Drehbuch verfilmt und greift eine Idee auf, die sie während ihres Studiums an der Filmakademie hatte. Im Kurzfilm „Meine Eltern" stand ein älteres Paar im Mittelpunkt, das durch den Besuch seiner Tochter wieder zueinanderfindet.

Dann passiert das Leben
(Deutschland 2025), Regie: Neele Leana Vollmar, mit Anke Engelke, Ulrich Tukur, Lukas Rüppel, 123 Minuten, FSK: ab 6

4.10.25

Zweigstelle

Deutsche Bürokratie ist die Hölle – aber was wäre, wenn auch der Himmel piefig deutsch und bürokratisch arbeiten würde? Julius Grimm unterhält in seinem Langfilmdebüt, der Komödie „Zweigstelle", mit vielen netten und schrägen Ideen.

Resis Trennungsgesprächs-Übung mit ihrer Freundin war ziemlich überflüssig, denn Beziehungspartner Michi Wagner kommt ihr mit der Offenlegung eines tödlichen Tumors zuvor. Drei Jahre später ist Resi (Sarah Mahita) genau da, wo sie auf keinen Fall sein wollte. Auf dem Dorf als Teil des bäuerlichen Familienbetriebs Wagner. Aber endlich frei, denn Michi (Julian Gutmann) ist inzwischen gestorben. Es bleibt nur noch ein letzter Wunsch: seine Asche oben auf einem Berg zu verstreuen – gegen den Willen seiner Eltern. Und so geht es komödiantisch weiter: Die Urne kippt um und die Überreste werden mit dem Handstaubsauger aufgesaugt. Nach dem Diebstahl eines Plastikbeutels voller Überreste ihres ehemaligen Verlobten starten vier Freunde ins übliche Roadmovie, um den letzten Wunsch zu erfüllen. Am Steuer dieser illegalen Aktion sitzt die Polizistin Sophie (Nhung Hong). Bis zur nächsten Kreuzung, an der ein Laster und ein alberner Unfall dem Film eine neue Richtung geben ...

Den vier Freunden dämmert langsam, dass die verstaubte bayerische Bürokratie, in der sie in Feinripp-Unterwäsche stehen, die „Zweigstelle Süddeutschland", die Vorstufe von Himmel oder Hölle ist. Am sehr menschlichen Empfang gibt es überarbeitete Engel, Bürokratinnen im Woll-Kostümchen und sehr viele Regeln. Die Einrichtung ist irgendwie in den Sechzigern steckengeblieben – nicht nur ästhetisch mit Pastellgelb und -grün zwischen der Holzvertäfelung, sondern auch vom Servicecharakter her. Obwohl hier die Erfahrung einer Ewigkeit vorliegen sollte, funktioniert nicht viel: Der Automat für Bearbeitungsnummern ist bei 999.999 ans Ende seiner Zahlen gekommen und wird unendlich langsam von Hand zurückgedreht. Mel (Beritan Bali), die gerade wiederbelebt wird, verschwindet immer wieder aus dem Amt. Das Nichts als Zielort für alle Ungläubigen befindet sich hinter einer der vielen Türen der Bürogänge, ist aber gerade defekt. Dafür wird hier sehr auf den korrekten Gebrauch des Genitivs geachtet und „von dem Genitiv" sofort korrigiert.

Auch wenn wir uns eigentlich schon in der Hölle der deutschen Bürokratie befinden, geht es um die Weiterleitung der Seele, nachdem der Glaube geprüft wurde. „Das Nichts" droht allen, die an nichts geglaubt haben. Dabei reicht es, an den Film „In einem Land vor unserer Zeit" zu glauben. Philipps Behauptung, Buddhist zu sein, wird in der Unterabteilung mit dem defekten Drucker bald als Lüge enttarnt. Während Resi auf ihre Bearbeitungsnummer 0 wartet, bewirbt sie sich derweil als Praktikantin beim netten Hausmeister Rainer Bock, immer mit einem Auge auf den Schlüsselbund, der vielleicht zu einem guten Ausgang führt. Mit seinem goldenen Kugelschreiber bewirkt er kleine Wunder.

„Zweigstelle" erzählt eine nette Geschichte und begeistert mit einem Feuerwerk schräger Ideen. Das Drehbuch von Regisseur Julius Grimm und Koautor Fabian Krebs besticht durch einen skurrilen Humor, wie man ihn eher in skandinavischen oder niederländischen Filmen sieht, in deutschen jedoch selten. Als Maßstab wäre Wes Anderson für dieses Langfilmdebüt nach einigen Kurzfilmen allerdings zu hoch gegriffen, auch wenn die Ausstattungslinie gelungen ist. Irgendwie geht es um Resis Entscheidung zwischen einem aufopferungsvollen Leben und Selbsterfüllung. Resi wollte und will nur ihr eigenes Leben leben. Allzu tiefe Erkenntnisse liefert das nicht. Dafür ist alles gut inszeniert und gespielt und zudem unterhaltsam flott geschnitten. Generell muss man tolerieren, dass der Dialekt sehr bayerisch ist und die Handlung allein im katholischen Denksystem funktioniert.

Rick Kavanian („Der Schuh des Manitu") als Bestattungsunternehmer zeigt, wo der mal alberne, mal skurrile Humor einzuordnen ist. Diese „Zweigstelle" macht viel Spaß, weil den Machern in schneller Folge immer wieder etwas Witziges und Originelles eingefallen ist. Im Schauspielteam sind Kabarettisten wie Maximilian Schafroth oder Luise Kinseher. Rainer Bock, den man aus „Karla" als einfühlsamen Richter kennt, spielt hier einen freundlichen und hilfsbereiten Hausmeister der Himmels-Bürokratie. Dazu gibt es Live-Musik der komödiantischen Italo-Band „Roy Biancho & Die Abbrunzati Boys".

Zweigstelle
(Deutschland 2025), Regie: Julius Grimm, mit Sarah Mahita, Nhung Hong, David Ali Rashed, 98 Minuten, FSK: ab 6

30.9.25

Karla

Bei einem Sommerausflug der Familie nutzt die zwölfjährige Karla das Versteckspiel, um wegzulaufen. Damit will sie das Verstecken des Missbrauchs durch den Vater beenden. Inspiriert von einem wahren Fall erzählt das feinfühlige und bewegende Drama „Karla" vom kaum vorstellbaren Kampf eines Mädchens um Gerechtigkeit und ein gutes Leben.

Mitten in einer Nacht des Jahres 1962 steht das stille, aber entschlossene Mädchen Karla Ebel (Elise Krieps) in einem Polizeirevier und verlangt, den Richter zu sprechen. Sie zeigt ihren eigenen Vater wegen Vergewaltigung an. Ihr Wissen über die Rechtssituation und sogar den Wortlaut der Paragrafen hat sie in der Bibliothek erworben. Karla fragt zudem, ob Artikel 2 des Grundgesetzes – „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit" – auch für Kinder gilt. Glücklicherweise landet der Fall bei dem verständnisvollen Richter Lamy (Rainer Bock), der zwar gutwillig, aber überarbeitet ist. Seine Sekretärin Erika Steinberg (Imogen Kogge) muss ihm erst zureden, damit er sich um diesen bis dahin einmaligen Fall kümmert. Sie macht dem verschlossenen Einzelgänger klar, dass es für Karla um ihre Würde geht. Und sie zitiert die Dichterin Mascha Kaléko: „Man braucht nur eine Insel allein im weiten Meer. Man braucht nur einen Menschen, den aber sehr."

So machen sich die beiden Geschundenen auf den schwierigen gemeinsamen Weg, eine Anklageschrift zu erstellen. Eine Situation, die noch heute unvorstellbar fordernd ist, ganz zu schweigen von den Sechzigern im schwarz-konservativen Deutschland Adenauers. Die Anzeige wurde damals ohne Anwesenheit einer Frau oder psychologischer Betreuung aufgenommen. Nach dem ersten Gespräch mit Lamy kommt Karla in einem von Nonnen geleiteten Heim unter und freundet sich mit einem Mädchen an, das früher als Prostituierte gearbeitet hat. Die Erinnerungen kommen im Büro des Richters und im Film nur ganz zögerlich zurück. Karla übergibt sich, wenn sie an die Vergewaltigungen denkt. Daraufhin gibt Lamy ihr eine Stimmgabel, die sie in den Momenten einsetzen soll, in denen sie nicht sprechen kann. Gleichzeitig stellt das aufbegehrende, vergewaltigte Kind mit seinem Verlangen nach Gehör und Ehrlichkeit das Rechtssystem auf die Probe.

Filmisch bleibt dieses Langfilmdebüt der Deutsch-Griechin Christina Tournatzés ebenfalls meist zurückhaltend und verzichtet beispielsweise fast ganz auf Musik. Dafür wirken die seltenen, expressiveren Stilmittel umso stärker und bauen von Anfang an Spannung auf. Einmal legt der Vater Karla nahe, sich im See umzubringen, was die vielen Bilder unter Wasser nachträglich erklärt. Ansonsten besticht die dezente Kameraarbeit des ausgezeichneten Florian Emmerich mit gedeckten, dunklen Farben. Im Interview erzählte die Regisseurin, dass sie ihren Film „ganz aus Karlas Perspektive – und immer auf Augenhöhe mit ihr" gestaltet hat.

Dass „Karla" sein schwieriges Thema auf derart sensible Weise meistert, liegt auch am fesselnden Spiel der Debütantin Elise Krieps, sichtbar die Tochter von Wiebke Krieps („Der seidene Faden" 2017, „Bergman Island" 2021, „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste" 2023). Sie verkörpert Karla mit einer stillen Kraft, die besonders intensiv wirkt, wenn sie nichts sagt, nichts sagen kann. Rainer Bock beeindruckt als verständnisvoller Richter. Seine eindrucksvolle Figur zeigt, wie sich ein Mann ohne spezifische psychologische Ausbildung von Empathie leiten lassen kann. Imogen Kogge unterstützt als resolute Sekretärin mit tragischer KZ-Geschichte den Kampf um Gerechtigkeit.

Der letzte Teil ist dann als Epilog der spannenden emotionalen Abläufe ein Gerichtsfilm, in dem das Offensichtliche von allen Zeugen, von Täter, Mutter und Brüdern geleugnet und verschwiegen wird. „Karla" erinnert wegen des großen Schrittes für die Gerechtigkeit an „Der Staat gegen Fritz Bauer" (2015) über den ersten Auschwitz-Prozess unter Staatsanwalt Fritz Bauer. Auch bei „Karla" erinnert erst der Abspann an das unfassbare Ausmaß der Verbrechen. Bei Vergewaltigungen von Minderjährigen wird geschätzt, dass noch heute jedes fünfte Kind Opfer wird.

„Karla"
(Deutschland 2025), Regie: Christina Tournatzés, mit Elise Krieps, Rainer Bock, Imogen Kogge, 104 Minuten, FSK: ab 12

29.9.25

Nur für einen Tag

„Wenn du singst, vergesse ich meine Sorgen", trällert der Automechaniker Raphaël (Bastien Bouillon) seiner Jugendliebe Cécile auf der Eisbahn zu. Aus den Boxen erklingt das Chanson Femme Like U von K.Maro. Vielleicht hören aber auch nur die beiden diese Musik für ihr romantisches Duett auf der Eislauffläche. Denn „Nur für einen Tag" ist eines dieser wunderbaren Filmmusicals, in denen Menschen unvermittelt zu singen beginnen. Meist, wenn sie nicht mehr wissen, was sie sagen sollen.

Cécile (Juliette Armanet) weiß wirklich nicht weiter: Nach ihrem großen Erfolg in einer nationalen Fernsehkochshow fehlt der Gourmetköchin für ihr bald zu eröffnendes Restaurant in Paris noch das durchschlagende Rezept, das „Signature Dish". Aus ihrem erdrückenden Dauerstress kann sie ihr Freund Sofiane (Tewfik Jallab) nur mit einer lebensfrohen Tanzeinlage zu „Alors on danse" von Stromae befreien. Dabei ist Cécile die geborene Köchin: Aufgewachsen in der provinziellen Fernfahrer-Gaststätte ihrer Eltern, heißt sogar ihr alter Hund Bocuse nach dem berühmten Sternekoch. Doch nun muss sie „nur für einen Tag" in das Nest ihrer Kindheit zurückkehren, weil ihr Vater Gérard (François Rollin) auch nach dem dritten Herzinfarkt die Küche nicht verlassen will. Zudem ist die junge Frau schwanger und hat ihrem Partner Sofiane nichts von der bevorstehenden Abtreibung erzählt. Da passt es perfekt, dass kurz nach ihrer Rückkehr und dem ersten Streit mit dem Vater Céciles Jugendliebe Raphaël (Bastien Bouillon) auftaucht und es noch deutlich spürbar zwischen beiden knistert. Aus dem geplanten Kurzbesuch wird eine wilde Reise in die Vergangenheit ihrer Teenagerzeit.

„Nur für einen Tag" ist selbstverständlich nicht der erste Film, der große Lebensentscheidungen mit einem Rückblick auf scheinbar freiere Zeiten verbindet. Das wunderschön leichte Filmmusical ist jedoch etwas Besonderes, weil es einem Geheimnis von Céciles Familie folgt. Vater Gérard, der seiner Tochter kritisch jeden frechen Spruch aus der Fernsehshow gegen die einfache Küche vorhält, versöhnt sich schließlich mit dem einfachsten Rezept fürs Glück seit früher Kindheit: Er taucht einen Zuckerwürfel in Kaffee, bevor er knackend im Mund verschwindet. So könnte man auch das Rezept für diesen wunderbaren Film beschreiben: schwierige Lebenssituationen mit bitter-süßen Chansons vermischen und einen spontanen Schuss Glück verspüren. Bewundernswert ist die scheinbare Leichtigkeit, mit welcher der Film gleich mehrere schwere Entscheidungen jongliert.

Mit Klassikern und modernen Hits setzt „Nur für einen Tag" die lange und schöne Tradition französischer Filmmusicals fort. Allerdings ist er alltäglicher als die Werke von Altmeister Jacques Demy („Die Regenschirme von Cherbourg", 1964) oder die rührenden Playbacks von Alain Resnais in „Das Leben ist ein Chanson" (1997). Und eben nicht im Stil von „La La Land" (2016) mit perfekter Choreografie, sondern scheinbar mitten aus dem Leben wird hier gesungen. (Zuletzt gab es auch noch den Drogen- und Trans-Thriller „Emilia Pérez" von Jacques Audiard.)

Wie es sich für das Musical gehört, brechen Musik und Bewegung – beginnend mit dem Tanz zu Stromae – immer wieder unvermittelt in den Film ein. Dabei hüpft und tanzt das Herz mit. Neben dem wunderbaren Schauspiel auf hohem Niveau von allen Hauptfiguren machen auch die selbst gesungenen Musikeinlagen den Film unbedingt sehenswert. Herrlich, wenn Juliette Armanet als Cécile mit tiefer Stimme den Sprechgesang von Alain Delon bei „Parole, Parole, Parole" gibt und ihre Filmmutter, die legendäre Dominique Blanc, den Part von Dalida singt. Im kongenialen Zusammenspiel von Handlung und Songs macht das letzte Lied, der Titelsong „Partir un jour", beim gänzlich offenen Ende deutlich, dass Cécile nun mit sich im Reinen ist – was auch immer passieren wird.

„Nur für einen Tag" war dieses Jahr Eröffnungsfilm des Filmfestivals von Cannes und der erste Debütfilm überhaupt, dem diese Ehre zuteilwurde. Allerdings ist Regisseurin und Drehbuchautorin Amélie Bonnin keineswegs Debütantin. Sie inszenierte diese Geschichte bereits in einem Kurzfilm, der 2023 bei den Césars als „Bester Kurzfilm" ausgezeichnet wurde. Zudem war sie als Illustratorin und Musikvideo-Regisseurin tätig. Die mit Natürlichkeit gewinnende Hauptdarstellerin, die französische Musikerin Juliette Armanet, ist erfolgreich im französischen Pop unterwegs. Sie hatte einen spektakulären Auftritt bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in Paris, als sie auf einem Boot die Seine hinabfuhr, vor einem brennenden Klavier stand und John Lennons „Imagine" sang.

„Nur für einen Tag"
(Frankreich 2025), Regie: Amélie Bonnin, mit Juliette Armanet, Bastien Bouillon, François Rollin, 96 Minuten, FSK: ab 12

20.9.25

Maria Reiche

Die Deutschperuanerin Maria Reiche restaurierte in den 1930er Jahren die sagenhaften Nazca-Linien in der peruanischen Wüste und rettete sie so vor dem Verfall. Ihre faszinierende Biografie verbindet die Einzigartigkeit dieses Kulturphänomens mit dem Porträt einer unabhängigen Frau.

Zu den fantastischen Nazca-Linien, den sogenannten Scharrbildern, gehören unweigerlich eindrucksvoll weite Landschaften. Wie bei „Lawrence von Arabien" schimmert auch bei „Maria Reiche" eine Figur am flirrenden Horizont. Doch diesmal nähert sich kein stolzer Scheich, sondern eine Frau, die in der Wüste Staub fegt. Eine grandiose erste Szene!

Von dort geht es zurück in ein dunkles Klassenzimmer, in dem die Dresdnerin Maria Reiche (Devrim Lingnau) von ihren Schülern genervt ist. Im Gegensatz zu ihrer mondänen, US-amerikanischen Freundin Amy (Olivia Ross), die in Lima in der 30er Jahre ein Caféhaus betreibt, sind der stets schlicht gekleideten Aushilfslehrerin gesellschaftliche Abende ein Graus. Sie spricht gut Spanisch, Englisch und Französisch und nimmt das Angebot des Archäologen Paul D'Harcourt (Guillaume Gallienne), die Aufzeichnungen eines deutschen Kollegen zu übersetzen, spontan an. Vor Ort in der Wüste bei Nazca sieht Maria Reiche eine ewig lange Linie am Boden: Kieselsteine wurden zur Seite geschoben und gaben die weiße Gipsschicht frei. Die Frau, die Mathematik, Physik und Geografie studiert hat, ist direkt fasziniert. Nichts hält sie von nun an davon ab, allein in der Wüste zu forschen. Sie campt in der Nähe von Einheimischen und läuft Tag für Tag den langen Linien nach. Fotos von kleinen Hügeln und einer wackeligen Leiter vermitteln nur einen ungefähren Eindruck von den riesigen, in den Staub gezeichneten Figuren von Kolibris, Affen oder Spinnen. Es wird schnell klar, dass diese Phänomene durch einen Menschen eigentlich nicht fassbar sind. Unermüdlich versucht Maria Reiche, das Jahrtausende alte Menschheitsrätsel zu entschlüsseln. Die Besessene sagt Paul, dass die Figuren restauriert werden müssen, stößt aber auf Desinteresse. Also kauft sie drei Besen und fegt eigenhändig eine erste Spirale und dann weitere Figuren frei. Als ein lokaler Großfarmer die Linien zerstört, um Baumwolle anzubauen, kämpft sie, bis das peruanische Parlament für den Erhalt seines kulturellen Erbes stimmt.

Die zwischen 200 v. Chr. und 600 n. Chr. von der indigenen Nazca-Kultur erschaffenen Geoglyphen wurden 1994 in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen. In der Region im Südosten von Peru existieren mehr als 1500 dieser Bilder. Ihre Wiederentdeckung ist auch die Geschichte einer beinahe verlorenen, durch den Kolonialismus zerstörten einheimischen Kultur. Die Biografie ihrer Wiederentdeckerin, der deutsch-peruanischen Altamerikanistin Reiche, ist eher unspektakulär. Es gibt keine Fieberträume mit Peyote und animierten Nazca-Wesen. Doch der Film ist darstellerisch und fotografisch sehr gut in Szene gesetzt. In der Hauptrolle brilliert European Shooting Star Devrim Lingnau, bekannt aus der Netflix-Serie „Die Kaiserin". Sie spielt eine getriebene Einzelgängerin, die in der Wüste ihre Bestimmung findet. Aber auch in den Wahnsinn abzudriften droht. Da passt es, dass „Lady Nazca", so der englische Titel, mehr als 40 Jahre in einer Hütte am Rande der Wüste bei „ihren" Linien verbrachte und sich letztlich auch neben ihnen begraben ließ.

Tatsächlich waren einige Dinge anders als die Film-Biografie „Maria Reiche" zusammenfasst. So ließ sich die Forscherin – bereits im Auftrag eines amerikanischen Historikers – an die Kufen eines Hubschraubers binden, um erste Luftaufnahmen der Figuren zu machen. Weitergehende Beziehungen zu Frauen werden nur angedeutet. Doch auch wenn nicht alle Details stimmen, spricht etwas anderes für eine besondere Authentizität: Regisseur und Autor Damien Dorsaz hat Maria Reiche zwei Jahre vor ihrem Tod im Jahr 1998 noch persönlich getroffen und bereits 2006 den Dokumentarfilm „Maria Reiche, la Dame de Nasca" gedreht.

(Deutschland 2025), Regie: Damien Dorsaz, mit Devrim Lingnau, Olivia Ross, Guillaume Gallienne, 99 Min., FSK: ab 6

11.9.25

Demon Slayer: Kimetsu no Yaiba Infinity Castle

„Demon Slayer" basiert auf der ab 2016 erschienenen, 23-bändigen Manga-Serie von Koyoharu Gotōge und ist seit dem Start der Verfilmungen im Jahr 2019 als TV- und Kinoserie ein weltweites Phänomen. „Demon Slayer: Kimetsu no Yaiba – Infinity Train", der erste Teil einer Trilogie, die als Manga bereits abgeschlossen ist, brach im Juli beim Kinostart in Japan alle Rekorde. Wie sein Vorgänger „Demon Slayer: Kimetsu no Yaiba: Mugen Train", der 2020 den romantisch-fantastischen Anime „Your Name" und alle Trickfilme des Studio Ghibli von der Spitze verdrängte.

Die Geschichte dreht sich um den gutherzigen jungen Köhler Tanjirō Kamado, dessen gesamte Familie im Japan der Taisho-Ära von einem blutrünstigen Dämon getötet wird. Nur seine kleine Schwester Nezuko überlebt, verwandelt in eines dieser vampirartigen Monster. Über mehrere Erzählungen schließt sich Tanjiro den Dämonenjägern an, um die Ungeheuer zu bekämpfen. Jetzt geht es gegen den Oberdämon Muzan dort weiter, wo die vierte Staffel endete. Im freien Fall durch das Hauptquartier des Bösen, das Infinity Castle, eine architektonisch faszinierende Mischung aus Escher und Piranesi.

Die animierte Erzählung folgt einer simplen Struktur aus blutigen Schwertkämpfen und ist technisch exzellent umgesetzt. Es ist ein Abfeiern all dieser Superhelden und -Schurken in ausufernden Duellen der traumatisierten Überlebenden gegen die Oberdämonen. Die Überlänge von 155 Minuten ist für alle anderen als die Hardcore-Fans schwer erträglich, da sich der Film an die Abfolge der TV-Serien hält. Der Film unterbricht die Action immer wieder mit Backstorys um die persönlichen Entscheidungen der Figuren zwischen Gut und Böse und ist daher erzählerisch überdehnt. Ein völlig freilaufendes Zwischenspiel, das keine ernsthaften Mühen unternimmt, um Außenstehende in das geschlossene Universum hereinzulassen. Er ist sogar schlimmer als die berüchtigten zweiten Teile von Filmfinalen wie „Harry Potter" oder „Herr der Ringe".

Dabei ist die Kombination aus Handzeichnungen und Computeranimation trotz der typischen, auf expressive Mimik reduzierten Gesichtszüge faszinierend. Vor allem die aufwendigen Welten um die Figuren herum sind ein großes Sehvergnügen.

„Demon Slayer: Kimetsu no Yaiba Infinity Castle" (Japan 2025) Regie: Haruo Sotozaki, 155 Min., FSK: ab 16

9.9.25

Superkräfte mit Köpfchen

„Superkräfte mit Köpfchen" begeistert nicht nur als toller Kinderfilm aus den Niederlanden, die in diesem Genre herausragen. Er ist auch die filmische Fortsetzung der großartigen, gleichnamigen Buchidee von Autor und (Cameo-) Darsteller Wouter de Jong. Weil Lev seit einem Unfall hinkt, fühlt er sich in der Schule unsicher und wird zu Hause von seinen extrem überfürsorglichen Eltern eingeengt. Er flüchtet sich in Tagträume, in denen ihm der Superheld Healix (was im Englischen wie „heilen" klingt) gegen den mit Schnodder schießenden Schurken Snotman (Regisseur Dylan Haegens) und das Mobbing der Mitschüler hilft. Erst der Besuch seiner wilden, angstfreien Oma gibt Lev die Chance, am „Superkräfte Catwalk-Wettbewerb" der niederländischen „Comic Con" teilzunehmen und dort vielleicht die anonyme Gamerin Supermeis kennenzulernen.

Oma rülpst, fährt Motorrad mit Beiwagen, lügt und trickst. Vor allem hat sie sich geschworen, alles zu tun, wovor sie Angst hat. Den biederen Schwiegersohn, der bei einer Versicherung Risikoanalysen betreibt, warnt sie: „Das Risiko für ein unglückliches Leben liegt bei 100 Prozent!" Auch für Lev hat sie eine Lebensweisheit parat: „Wenn du dich weniger schämen willst, musst du einfach etwas sehr Unangenehmes machen. Dann merkst du, dass jeder sowieso mit sich selbst beschäftigt ist."

Der Familienfilm „Superkräfte mit Köpfchen" erfreut nicht nur mit comic-artigem Spaß. Im berührenden Finale entdeckt Lev, dass seine Superkraft darin liegt, zu sagen, was er wirklich fühlt. Und die ganze Comic-Messe folgt ihm darin. Die Buchvorlage stammt vom Multitalent Wouter de Jong, der bei der Comic Con kurz in der Rolle des männlichen Supermeis zu sehen ist. Er nahm bereits eine Platte mit niederländischen ABBA-Songs für Kinder auf. Und schrieb eben dieses „Mind Gym", die „mentale Sportschule für Kinder", die für ihre Übungen zum Umgang mit Gefühlen wie Angst, Traurigkeit und Ärger sehr gelobt wurde. Ein Beispiel liest man im Vorspann: „Wenn du während des Films nicht aufs Handy kuckst, bekommst du heute Abend dein Lieblingsessen. Wenn deine Eltern aufs Handy schauen, müssen sie dir zweimal das Lieblingsessen machen!" Auf humorvolle, liebenswerte und leicht zugängliche Weise wird emotionale Widerstandskraft eingeübt und die begleitenden Eltern lernen loszulassen.

„Superkräfte mit Köpfchen" (Superkrachten voor je hoofd, Niederlande 2024), Regie: Dylan Haegens, mit Finn Vogels, Elise Schaap, Joke Tjalsma, 92 Min., FSK: ab 6.

Willkommen um zu bleiben

„You can check in any time, but you can never leave" (Du kannst jederzeit einchecken, aber du kommst nie mehr raus), diese rätselhafte Zeile aus dem Eagles-Klassiker „Hotel California" bringt das absurde und mysteriöse Drama „Willkommen um zu bleiben" auf den Punkt: Ein Magier (Crispin Glover) checkt zwischen zwei Auftritten in einem viktorianischen Hotel ein. Die einäugige Rezeptionistin mit dem blaffenden Boxer wirkt schon seltsam. Dann versteckt sich auch noch Personal in dem grau-bräunlichen Zimmer. Am nächsten Morgen kann der Magier den Ausgang aus einem Labyrinth aus Gängen – siehe „Brazil" oder „Severance" – nicht mehr finden. Stattdessen schlüpft eine Blaskapelle aus den Lüftungsschächten und drängt ihn in andere Zimmer mit schillernden Figuren und Gesellschaften. In der Suite der Gaga genannten, Zigarre rauchenden Dame (Sunnyi Melles) erwartet ihn Dinner und Modenschau. Fionnula Flanagan spielt eine elegante Gesellschaftsdame. Der Flame Sam Louwyck gibt einen geheimnisvollen Verfolger und Anführer des Pöbels. Wieder draußen, treibt es den Magier in eine riesige Küche, die einen rasanten Karriereaufstieg in die Schaumschlägerabteilung als Ausweg anbietet.

Der Originaltitel „Mr. K" verweist ganz eindeutig auf Kafkas Figur Herr K. Kafkaesk ist vieles in diesem Film. Je mehr sich das Hotel mit tropfender Textiltapete, eigenwilligen Rohren und Lichtern zu einem lebendigen Organismus wandelt, desto mystischer wird es. Dass die Wände immer näher rücken und das Zimmer von Flüchtlingen belebt wird, könnte eine gesellschaftspolitische Aussage sein. Doch die von Tykwers Kameramann Frank Griebe wunderbar in Szene gesetzte Absurdität verliert sich im aussichtslosen Chaos. Das liegt auch daran, dass unter all den kuriosen Figuren kein Charakter mehr ist, der Crispin Glovers Magier als Gegenspieler gegenübertreten könnte. Die Hauptrolle steht Glover jedoch sehr gut, der als treudoofer General in „Alice im Wunderland" und als allmächtiger Gegenspieler in „American Gods" zu sehen war. Großartige Gesichter des europäischen Kinos wie Sunnyi Melles („Triangle of Sadness"), Fionnula Flanagan („The Others") und Sam Louwyck („Bullhead") erinnern an ähnlich verrückte Werke der 80er Jahre wie „Delicatessen" von Marc Caro und Jean-Pierre Jeunet oder „Der Illusionist" von Freek de Jonge.

„Willkommen um zu bleiben"
(Belgien, Finnland, Niederlande, Norwegen 2024) Regie: Tallulah Hazekamp Schwab, mit Crispin Glover, Sunnyi Melles, Fionnula Flanagan, 96 Min., FSK: ab 12.