24.1.12

The Artist

Frankreich 2011 (The Artist) Regie: Michel Hazanavicius mit Jean Dujardin, Bérénice Bejo, John Goodman, James Cromwell, Penelope Ann Miller 100 Min.

Ausgerechnet die beiden Filme, die nostalgisch und melancholisch zum Ende der Stummfilmzeit zurückreisen, sind die Favoriten der Oscars fürs Jahr 2011: Scorseses „Hugo Cabret" mit elf und „The Artist" mit zehn Nominierungen feiern die Zeit vor dem technischen Einbruch des Tons in der großen, stummen Filmkunst. Ob dies mit dem Einbruch von 3D zu tun hat, das ja auch ein epochaler Einschnitt sein will? Dann beweisen aber beide Filme, dass man mit zweidimensionaler Technik und guten, vielschichtigem Erzählen Herz und Verstand des Publikums genau so gut erreichen kann. Michel Hazanavicius gelang mit dem Cannes-Sieger „The Artist" ein Meisterwerk in Schwarzweiß und fast ohne ein gesprochenes Wort!

Ich werde nichts sagen! Programmatisch ist die auf die Leinwand geschriebene Aussage von Stummfilm-Star George Valentin (Jean Dujardin), dessen abenteuerliche Figur sich gerade im Verhör zweier Spione befindet. Nein, er wird nichts sagen. Nicht auf der Leinwand, nicht hinter der Leinwand, wo er mit seinem Hund scherzt und ein Schild warnt: „Be silent!" Auch nicht nach Filmende unter dem tosenden Applaus (im Schriftbild!) des Premierenpublikums und (fast) auch nicht den Rest des Films über den Niedergang seiner Karriere. Denn wir schreiben das Jahr 1927, zeitgleich mit Valentins neuem Hit läuft auch der mittelmäßige „Jazz Singer" an - mit einer Tonspur!

Wie schon bei „Singing in the Rain" gehen mit der Stummfilm-Epoche die Karrieren zu Ende, die sich weigern, bei den „Talkies" mitzumachen. Valentin ist einer von ihnen und während seine Karriere herrlich melodramatisch den Bach runter geht, bis er völlig im Regen steht, eilt die junge Statistin Peppy Miller (Bérénice Bejo), der Valentin einst den Durchbruch ermöglichte, von Erfolg zu Erfolg.

Michel Hazanavicius versammelte in jahrelanger Vorarbeit unzählige großartige Szenen, witzige Momente und doppeldeutige Sätze: „Wir müssen reden!" ist als Anfang vom Ende einer abgeschriebenen Ehe ein Standard. Als doppelsinnige Aufforderung an Valentin, der reden müsste, um seine Karriere fortzusetzen, ist es eine der feinen Noten, die diese romantische Komödie in der Form großer Filmkunst zu einem Meisterwerk machen.

Dazu gehört nicht nur ein Hund, der die Krimikomödie „Dünner Mann" nach Dashiell Hammett zitiert, auch die Nebenrollen, die zum Beispiel mit James Cromwell als treuer Chauffeur Clifton prominent besetzt sind. John Goodman darf als Zigarre rauchender Produzent diesem Klischee kräftig Futter geben. Wenn Peppy allein mit Valentins Smoking eine magische Liebesszene hat, rührt das ebenso einzigartig, wie ihre freche Art begeistert. Wobei noch gesammelt wird, was Hazanavicius in seinem herrlichen Überfluss toller Momente alles zitiert hat. Man glaubt sogar, die Filmmusik von Ludovic Bource zu kennen, die der Film im Gegensatz zum echten Stummfilm selbst mitbringt. Der Song „Pennies from Heaven" wird dabei zum Leitmotiv des Leidens und ist selbstverständlich auch wieder ein (Film-) Zitat. Selbst die Vorlagen für seine Besprechung liefert dieser wunderbare Film gleich mit. Nach dem Dreh einer großartigen, gemeinsamen Tanzszene von Valentin und Peppy stoppt der Regisseur: „Cut. Perfect!" Ob er denn einen Film mit ihr machen wolle, fragt sie. Und er spricht! „With pleasure, kid!". Mit großem Vergnügen, stimmen wir übersetzend ein!

1 Kommentar:

Tobi hat gesagt…

Ich denke, für Genre-Fans ist "Driver" viel zu langsam erzählt. Seine Stärke liegt ja gerade abseits des Genres. Da nämlich, wo er mit seinen Bildern, Blicken und seiner Musik eine Atmosphäre schafft, die irgendwo zwischen Melancholie und Romantik liegt.