20.11.11

Breaking Dawn - Bis(s) zum Ende der Nacht (Teil 1)

Biss 4 1/2

Nach vielen Schmerzen ist die Verwandlung abgeschlossen, ein neues Wesen tritt in die Welt: Darth Vader wird am Ende von Episode 3 zum Schalentier, das „Star Wars" geprägt hat! Oops - falscher Film, man kann aber auch durcheinanderkommen bei den vielen verlängerten Enden im aktuellen Kino. Also, nach vielen Schmerzen ist die Verwandlung abgeschlossen, ein neues Wesen tritt in die Welt, Bella öffnet ihre Augen und rote Pupillen verraten: Ich will Blut, Menschenblut!

Bis es dazu kommt, ist „Biss 4 1/2" allerdings fast eine Stunde lang ein Heiratsfilmchen mit ganz, ganz viel Schmalz und ohne eine Spur von Hämoglobin. Die Kamera ist vor lauter Glück zwischen Edward und Bella so trunken, sie hört gar nicht mehr auf zu kreisen. Echte Männer sagen da längst wie Werwolf und Zweitliebhaber Jake: „Ich weiß, wie das endet und ich werde nicht hier bleiben und zusehen!"

Ein reiner Frauenfilm, wenn nicht der Bräutigam vor der Hochzeit gestehen würde, dass er früher, als noch James Whales „Frankensteins Braut" im Kino lief, massig Massenmörder leer gesaugt hat. Und wenn nicht ein schön schrecklicher Albtraum in weiß und Blut mit den Volturi und einer Menge Leichen Schlimmes voraus deutete. Doch erst muss der Nicht-Fan eine Hochzeitsreise mit Traumurlaubsbildern durchstehen, die nur von den unerträglich kitschigen Musik untertroffen wird. (Im Saal fließen schon Tränchen...) Dazu unendlich viel Gerede, denn dass der Mann beim Sex zum bissigen Tier wird, ist hier mal nicht erwünscht. Obwohl, Sex ist hier wieder in kindergartentauglicher Form dargeboten. So wundert man sich eher, dass Bella überhaupt schwanger ist, als dass der kleine Vampir in ihr lebensgefährlich rasant heranwächst.

Bislang wurde die Zeit für einen zweiten Teil gestreckt, es dauert fast eine Stunde, bis das Drama beginnt und dann ein Jahr bis es mit dem zweiten Teil 4 im Kino beendet wird - Vampirtempo halt. Jetzt überstürzt sich alles, eine ins Mythische übertragene, aber ansonsten veritable Abtreibungsdiskussion beginnt, bei der Männer den Frauen sagen wollen, was zu tun ist. Gleichzeitig bricht die Vereinigung von Mensch und Vampir den Waffenstillstand zwischen Saugern und werwölfischen Beißern. So belauern die immer noch furchtbar schlecht animierten Zotteltiere das Glashaus, in dem die Vampirfamilie völlig ausgehungert um Bellas Leben bangt. Jake gibt den Doppelagenten und ein komplexes Finale um Leben und Sterben, um das weibliche und das vampirische Lebengeben, sowie um den Kampf zwischen höheren Wesen und den Tieren (den Edel-Designern des Hauses Cullen und den Proletariern vom Stamme Wolf) endet enttäuschend mit einem Deus ex machina namens Prägung.

Das geriet immer mal wieder lustig, wenn die blasse Verwandtschaft mit leichter Hand den Hochzeitspavillon aufbaut und man über alte Feindschaften schmunzelt - man stellt sich zwischendurch die entsprechende Situation zwischen übermäßig siedelnden Zionisten und ebenso militanten Palästinensern vor. Aber „Biss 4 1/2" ist Lichtjahre davon entfernt, sarkastisch zu sein. Bis zur Diskussion über Kindernamen bedient er sein weibliches Zielpublikum, verbrämt unglaublich altbacken die Angst vor der „ersten Nacht" und transponiert auch andere, durchaus brisante Themen in den Kosmos alter bekannter Fangzahn-Nutzer. Dass dies wenigstens in der zweiten Hälfte der ersten Hälfte vom vierten Teil noch ganz gut unterhält, ist Planerfüllung. Der Stachel wurde vorher mit einem kleinen Film in Film gesetzt: „Frankensteins Braut" verweist auf das Meisterwerk „Gods and Monsters" des Biss-Regisseurs Bill Condon, gegen den dies alles nicht nur ein bisschen blutleer bleibt.

15.11.11

Submarine

Großbritannien, USA 2010 (Submarine) Regie: Richard Ayoade mit Craig Roberts, Yasmin Paige, Sally Hawkins, Noah Taylor, Paddy Considine 97 Min. FSK ab 12

Als Jugendlicher hat man's schwer: Nicht nur muss man die Gratwanderung zwischen Außenseiter und Schul-Bully meistern, auch gilt es, die Ehe der Eltern zusammen zu halten. Oliver Tate (Craig Roberts) kontrolliert dafür regelmäßig den Dimmer im heimischen Schlafzimmer - zu seinem Entsetzen ist das Licht immer viel zu hell für gesunde Ehehygiene. Färbt der skurrile Kauz Oliver auf den Film ab oder umgekehrt? Auf jeden Fall ist sind beide sehr vergnüglich. Mal stellt der walisische Teenager sich seinen Tod vor, samt Kerzen, Trauerparade und TV-Reportage. Zwischen durch gibt der Tagträumer mit Blick in die Kamera schon mal Tipps, wie man nicht gehänselt wird. Was ihm gut gelingt, bis er Jordana Bevan (Yasmin Paige) näher kommt. Zuerst gibt es in dieser besonderen Beziehung ein Kuss auf Polaroid, um ihren Ex-Freund eifersüchtig zu machen. Dann beeindruckt Oliver sie doch nachhaltig mit seinem Heldentum. Eine Romanze spielt sich vor betont unromantischen Hintergründen etwa von Hafenanlagen ab. Statt Aufklärung vom Vater gibt es eine Kassette mit Kuschel-Musik. Dann verwandelt Oliver seine Eindrücke direkt in eine Super8-Erinnerungssequenz. Klingt albern, funktioniert aber trotzdem. Doch seine Eltern sind noch seltsamer als er. Der ungelenke Vater, ein depressiver Meeresbiologe, weiß nicht, wohin mit seinen Händen. Als gibt er eine von ihnen immer seinem Sohn zum Schütteln. Die Mutter (wieder schrill: Sally Hawkins) lässt sich mit Stichworten aus ihrem Buch über gestörte Jugendliche gekonnt beschäftigen, doch irgendwann zieht ihre Jugendliebe, ein alberner Esoteriker, ins Nebenhaus. Nun muss Oliver sich entscheiden, ob er mit zu Jordanas Mutter ins Krankenhaus kommt oder die Ehe der Eltern zu retten versucht...

Schöne Bilder, tolle Musik, origineller Schnitt, der auch mal in voller Aktion stoppt. Richard Ayoade zieht in seiner ersten Kinoregie alle Register einer humorigen und gefühlvollen Komödie mit Tiefgang. Oliver ist eine alberne Figur, die äußerlich an Harold aus „Harold und Maude" erinnert. Alles um ihn ist schräg, aber man wünscht sich doch, dass er mal eine Weile lang das Richtige macht. Aber auch er droht in Unentschlossenheit zu verharren, ähnelt darin sehr seinem Vater. Vor dem erfährt er, Depression fühle sich an wie unter Wasser, so heißt der Film „Submarine". Er findet aber mit Kinderspielen am Strand ein schöne eigene Art, sich zu versöhnen und zu verzeihen. Genau in solchen Momenten, weniger im sehr betonten Spiel mit der Kamera, die mal statisch frontal, dann frei kreisend arbeitet, liegt die Stärke dieses sehenswerten Films.

Der ganz normale Wahnsinn - Working Mum

USA 2011 (I Don't Know How She Does It) Regie: Douglas McGrath mit Sarah Jessica Parker, Pierce Brosnan, Greg Kinnear 89 Min. FSK o.A.

Da ackert sich eine Frau an allen Fronten ab, eifrig, fleißig und vor allem bemüht. Doch richtige Anerkennung ist ihr nicht gegönnt. Gemeint ist nicht die Hauptfigur dieses Films, Kate Reddy, sondern Sarah Jessica Parker, die nach „Sex and the City" als richtige Schauspielerin in anderen Rollen anerkannt werden will. Vergebens! So muss man sich nicht nur über eine ausgesprochen dämliche Argumentation in Sachen Herdprämien-Diskussion aufregen. Es ist auch ernüchternd, wie blass Sarah Jessica Parker angesichts von Mitspieler Pierce Brosnan bleibt.

Kate Reddy ist eine Karrierefrau mit dauerhaft schlechtem Gewissen, weil entweder die Familie, der Job oder der Mann zu kurz kommen. Der Kuchen für den Flohmarkt der Kinder soll ja enorm wichtig für deren Entwicklung sein, deshalb wird der gekaufte albern auf selbergemacht umgestaltet. Der Kindergeburtstag will geplant sein, während für die Investmentfirma Geschäftsreisen an der Tagesordnung sind. In witzigen Animationen und Situationen darf die beleidigte Tochter zicken und der Babysitter wird wichtigste Person im Haushalt. Jetzt macht auch der Mann Karriere und den gesteigerten Stress kommentieren sowohl schreckliche Momsters (Mum + Monster) wie auch der eklige Konkurrent aus dem Büro direkt in die Kamera. Da erweist sich Kates Plan, den Sparern das letzte Geld aus der Tasche zu leiern, als Hit. Trotz Chaos in der Handtasche mit Handy und Kinderkram, trotz eines Pitchings mit akutem Läusebefall darf sie mit dem Ober-Investor Jack Abelhammer (Pierce Brosnan) in New York ein neues Produkt entwickeln. Der Stress nimmt zu, bis sich Kate ein Wochenende frei nimmt und sich zu Familie bekennt.

Auf lustig gemacht sollen alltägliche Probleme berufstätiger Frauen mit der Serien-Ikone Sarah Jessica Parker einen erfolgreichen Frauenfilm ergeben. Darf deshalb das Drehbuch so hirnrissig sein wie die Familienpolitik der Regierung zwischen Von der Leyen und Schröder? Obwohl die Vorlage von Aline Brosh McKenna stammt, der Autorin von „Der Teufel trägt Prada", baut der Film völlig auf das Gefühl des Sich-Verstanden-Fühlens ohne wirklich Probleme oder Lösungen aufzuzeigen. Es hat sich nicht viel geändert seit Doris Day und Sandra Bullock.

Tom Sawyer

BRD 2011 Regie: Hermine Huntgeburth mit Louis Hofmann, Leon Seidel, Heike Makatsch, Benno Fürmann, Joachim Król 109 Min. FSK ab 6

Ein ewig junger Jugendstoff kommt wieder ins Kino. Doch im Vergleich zur gefeierten neuen Übersetzung des Romans „Die Abenteuer des Tom Sawyer" von Mark Twain durch Andreas Nohl lässt der Film von Hermine Huntgeburth („Die weiße Massai", „Bibi Blocksberg") viel von dem Freien und Rebellischen vermissen, mit dem Tom und Huck Generation nach Generation neu begeistern.

In warme Farben schöner Jugenderinnerungen kommt „Tom Sawyer" schnell witzig und spannend mit üblen Streichen daher. Von einem Schiff wird Kaviar geklaut, einem einfältigen Alkoholiker macht Tom weiß, er sei bereits tot. Dann dümpelt die Handlung umher, bevor Indianer Joe (Benno Fürmann) ebendiesem Muff Potter (Joachim Król) einen Mord in die Schuhe schiebt, den er selbst begangen hat. Nun muss der Lausbub Tom als Zeuge mit der Wahrheit ringen, während ihm der wahrlich erschreckende Joe drohend sogar in seinen Träumen auftaucht. Nebenbei steht der Junge zwischen zwei Mädchen seiner Klasse, zwischen der streng strafenden Religion und dem Aberglauben Hucks, zwischen der braven Tante Polly und dem wilden Leben in der Natur.

Gerade hier lässt die neue Verfilmung viel vom Geiste Twains vermissen: Bei all der Handlung kommt das freie Erleben der Natur zu kurz. (Ganz eilig wird übrigens auch gerade schon die Fortsetzung „Huck Finn" gedreht.) So ahnt man nur eine Szene die großartig sein könnte: Tom haut rennend von der förmlichen Kaffeetafel bei Becky Thatcher ab und entledigt sich im Rennen seiner schicken Klamotten. Diese doppelte Befreiung ist kein Fest, nur noch eine nette Szene in der für Mississippi auffallen hügeligen Landschaft.

Ansonsten hängt das Gelingen der auch landschaftlich eingedeutschten Szenen von den Darstellern ab, die teilweise exzellent agieren, andererseits aber auch sehr unauffällig besetzt sind. Benno Fürmann beeindruckt als beängstigend gut geschminkter Indianer Joe nachhaltig. Heike Makatsch passt die Tante Polly, aber schon Joachim Król pflegt als aufgedunsener Trinker zu sehr seine Aussprache. Es fehlt nur noch Peter Lohmeyer als Richter Thatcher und schon ist der kalkuliert bekannte All Star-Cast der deutschen Leinwand fertig. Bei den Nebendarstellern stellt sich ganz schnell das Bad Segeberg-Gefühl mit Fremdschämen für ambitionierte Laien ein. Dabei muss gerade wegen des hervorragenden Fürmann in bösen Albträumen und bei der Mord-Szene über die Kinder-Eignung nachgedacht werden. Ab 6 Jahren ist da eine Garantie für schlimme Träume auch beim Publikum.

Arthur Weihnachtsmann 3D

Großbritannien, USA 2001 (Arthur Christmas) Regie: Sarah Smith 98 Min. FSK o.A.

Zu dieser Zeit drohen dem Filmkritiker mannigfaltige Gefahren: Akute Stichverletzungen durch Tannennadeln, Zuckerschock wegen übersüßer Filme und vor allem ein Jetlag, hervorgerufen von vorzeitigen Weihnachtsfilmen! Diesmal rennt „Arthur Weihnachtsmann" als erster die Türe ein, vor der Weihnachten noch lange nicht steht. Aber man kann dem zurückhaltenden jungen Tollpatsch Arthur gar nicht böse sein - zu sympathisch begeistert er sich für die Freude der Kinder in aller Welt und zu heldenhaft kämpft er noch für das letzte Päckchen, während sich die etablierte Verwandtschaft längst zu Ruhe gesetzt hat...

Dieser Weihnachtsfilm aus dem Animations-Hause Aardman ist von anderer Art! (Mann!) Nicht dass uns hier Verwandte von „Wallace & Gromit" anspringen oder dass „Hennen rennen" jetzt aussieht, wie „Elfen helfen". Nur dieser verrückte britische Aardman-Humor springt uns wieder direkt an, wenn abertausend Elfen in Tom Cruise-Manier über der Stadt abgeseilt werden, um in Sekundenschnelle alle Geschenke an den richtigen Fleck zu liefern. Damit wäre auch die Frage nach der Mission Impossible geklärt, wie der Weihnachtsmann in nur einer Nacht alle (Christen-) Kinder beschenken kann, ohne - im Stile heutiger Paketboten - die Hälfte von ihnen über den Haufen zu fahren (Ups...). Einen Schlitten benutzt Weihnachtsmann, der Zwanzigste, auch schon lange nicht mehr. Nur die Form des gigantischen und hypergalaktisch schnellen Raumschiffs S1 erinnert entfernt an altmodische Transportmittel. Hinter der ganzen generalstabsmäßigen Aktion steht in der Schaltzentrale am Nordpol Steve Claus, der Sohn vom Weihnachtsmann, der auch gut in einem Action-Film neben Stallone oder Dwayne „The Rock" Johnson spielen könnte. Mit neuester Technik und militärischem Führungsstil bringt er die Operation Weihnachtsnacht über die Bühne und freut sich, dass er bald selbst Weihnachtsmann wird. Doch Papa, der nur noch symbolisch ein einziges Geschenk ablegt und dabei sogar ein Kind aufweckt, will noch weitermachen. Das gibt Ärger bei der Familie Claus. Beim Streiten merkt nur der schmächtige Arthur, dass ein Paket vergessen wurde. Zusammen mit seinem anarchischen Großvater, der den Ruhestand nicht verkraftet, und dem superwitzigen Verpackungs-Elfen Bryony („Für eine Schleife ist immer Zeit") starten sie sich auf einem vergessenen Schlitten in eine verrückte Nacht...

Von Anfang an begeistert „Arthur Weihnachtsmann" als rasante und immer wieder herrlich komische Animation, die niemals Weihnachts-Schmalz ansetzt. Dazu überzeugen die erstaunlich lebensecht angelegten Figuren, die gleich einen multiplen Generationen-Konflikt austragen. Hier haben Kinder und Erwachsene viel Spaß. Die Kleinen sehen zudem, wie man seinen richtigen Platz im Leben findet, die Großen können sich eventuell Gedanken drüber machen, den angestammten Platz mal abzugeben. Oder wenigstens ein Plätzchen. Nur das 3D ist so sinnvoll oder sinnlos wie die S1 - der alte Schlitten mit der Magie und dem Zauberstaub des Kinos tun's genauso. Die Brille stört, ohne einen großen Mehrwert zu liefern.

14.11.11

Halt auf freier Strecke

BRD 2011 Regie: Andreas Dresen mit Steffi Kühnert, Milan Peschel, Talisa Lilli Lemke, Mika Nilson Seidel, Ursula Werner 110 Min. FSK ab 6

Film ist, dem Tod bei der Arbeit zuschauen

Vor weniger Wochen zeigte Gus van Sants „Restless" eine poetische, zarte Annäherung an das Sterben. Im Vergleich zu „Halt auf freier Strecke" von Andreas Dresen wird daraus allerdings eine schöne Lüge, die US-Version von Schöner Sterben. Denn Dresen, der Regisseur von „Wolke 9", „Sommer vorm Balkon" oder „Halbe Treppe" wirft einen nüchternen Blick auf ein baldiges, wirklich nicht schönes Sterben. Auch diesmal lässt ein Hirntumor nur noch ein paar Monate Leben. Das Ehepaar Lange erfährt es von einem eher uninteressierten Arzt, der sogar zwischendurch telefoniert. Die Kamera hingegen bleibt konzentriert dabei und fängt die Tränen von Simone (Steffi Kühnert) auf. Was sagt man den Kindern? "Wie es ist. Es ist sozusagen das Schicksal", antwortet die psychologische Niete im Kittel. Wie sagt es Andreas Dresen, lautet die zusätzliche Frage. Zu allererst ist es gut, dass Dresen Sterben zeigt. Um noch einen der vielen gewöhnlich wirkenden, aber doch sehr gewichtigen Sätze zu zitieren: Frank (Milan Peschel) solle, auch wenn seine Aus- und Anfälle es allen schwer machen, zu Hause bleiben, damit die Kinder sähen, dass Sterben nichts Schreckliches ist und damit sie nicht ihr Leben lang Angst vor dem Tod hätten. Damit trifft der Film einen wunden Punkt unserer Gesellschaft und auch des Unterhaltungskinos. Es wird zahlreich gestorben, aber man sieht nie, was Sterben bedeutet.

Nach „Restless" und dem schwedischen Meisterwerk „Eine Familie" bekommt der Hirntumor wieder eine Hauptrolle, tritt sogar personifiziert bei Harald Schmidt auf! Abgesehen von dieser schrägen Idee und einigen iPhone-Spielereien führt Dresen den Niedergang eines Menschen und einer Familie nüchtern vor und lässt nichts dabei aus. Nicht die Übelkeit bei der Chemotherapie, nicht das verwirrte Pinkeln im Zimmer der Tochter, nicht peinliche Therapeuten mit albernen Sprüchen. Aber auch nicht die hervorragende Ärztin der letzten Tage. (Alle Mediziner und Helfer werden übrigens von echten Medizinern und Helfern gespielt!) Franks Frau und die beiden Kinder versuchen wie der Film einige Situation noch mit Humor zu nehmen, das gelingt immer weniger. Beim Weihnachtsessen im neuen, stark von Ikea verstrahlten Eigenheim lässt man ihn doch lieber oben im Bett liegen. Da hat er wenigstens noch eine schöne Aussicht. Irgendwann fragt auch der Sohn: „Ist es wahr dass du stirbst? Krieg ich dann dein iPhone?" Vielleicht bitter, aber auch banal, denn das Leben geht weiter. So lautet nach diesem sicher nicht „schönen", aber guten und wichtigen Film der ganz prosaische Schluss-Satz der Tochter „Ich muss zum Training."

11.11.11

Rembrandt gespiegelt

Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist der schönste Stich bei Rembrandt?

Spekulieren über die richtige Richtung bei unerkannt bleibenden Spekulatius

„Rembrandt gespiegelt" im Suermondt-Ludwig-Museum Aachen (12.11.2012 - 5.2.2012)

Das Kunstwerk im Zeitalter seiner einfachen Reproduzierbarkeit führt zu einer Ausstellung, in der man doppelt sieht: Um die Verdrehtheit einer Situation deutlich zu machen, bei der ein Künstler für Radierungen seitenverkehrt denkt - oder auch nicht - wurden Radierungen von Rembrandt (1606-1669) neben ihre seitenverkehrten Fotografien gehängt. Eine simple Versuchsanordnung mit verblüffendem Effekt, ein Augenspiel (Museumsdirektor und Rembrandts Landsmann Peter van den Brink), eine „Schule des Sehens" (Kurator Dr. Heinrich Becker): Welche Version sieht besser, überzeugender aus? Meist scheint es eindeutig, wobei eine kulturübergreifende Empfindung sehr deutlich wird. Die dunklen Wolken links von der Baumgruppe wirken bedrohlich. Rechts angeordnet, scheint das Gewitter vorüber gezogen. Wir schauen von links nach rechts, in diese Richtung geht es voran, die andere ist Vergangenheit. Links und rechts hat Bedeutung als gute oder schlechte Seite. Auch hier zeigt sich bei Rembrandt eine irritierende Auffälligkeit, in einem Kreuzigungsbild sind diese Bedeutungen vertauscht, in einer anderen Radierung sind Jesus und andere linkshändig oder bei einer Stadtansicht wurde die Reihenfolge der Kirchen verkehrt!

Diese schizophrene Sichtweise ist gerade bei Rembrandt reizvoll, da er die meisten Radierungen als Originale eigenhändig angefertigt hat, im Gegensatz zu etwa Rubens, der Radierungen seiner Gemälde von Lehrlingen anfertigen ließ, um sie als günstigere Kopie zu verkaufen. Ein Jahr lang beschäftigte sich Rembrandt sogar nur mit Radierungen, auch als er nach der „Nachtwache" keine Aufträge für Porträts mehr bekam, brauchten die Stiche Geld ein. Und fast immer hat Rembrandt selbst auf der Platte gearbeitet, dabei im seitenverkehrten Denken originäre Werke erstellt, also nicht andere Zeichnungen umgesetzt. So hilft das Doppeltsehen beim Verstehen, wie der Künstler gedacht hat.

Ein verwirrender Prozess, dessen Entwirren auch nicht ohne ist, wie Kurator Dr. Heinrich Becker bei seiner Vor-Führung für die Presse verdeutlicht. Das Foto ist zwar immer rechts, aber ist die Kopie der Kopie jetzt auch richtig? Kommt die Prozession von links oder rechts ins Bild? Weist die Hand in die Vergangenheit oder voraus? Noch eine Spiegel-Windung im Hirn mehr verursacht das Selbstporträt. An sich schon eine Spiegelung des Malers und jetzt noch mal verdreht? Oder jetzt wieder richtig? All dies erläutert auch der gelungene Katalog zur Ausstellung mit seinen kommentierten Abbildungen. Nur eines wurde von den begeisterten Fachleuten völlig übersehen: Die Spekulatius auf dem Tisch als Radierungen in Holz, abgedruckt in Zucker sind derart artverwandt mit den „Prenten" (Drucke auf Niederländisch, lieber Aachener, der auch hier wieder Süßwaren hört) an der Wand, das sie sich als weitere Irritation ins Gesamtbild schleichen.

9.11.11

Space Dogs

Russland 2010 (Belka i Strelka. Zvezdnye sobaki) Regie: Inna Evlannikova, Svyatoslav Ushakov 85 Min.

Mit schönen Anspielungen auf Laika, der ersten Hündin im All, wird in diesem netten Zeichentrickfilm die russische (Hunde-) Raumfahrtgeschichte geehrt und eine russische Hunde-Raumfahrtgeschichte erzählt. Der zottelige Zirkusstar Belka schießt bei einem unfreiwilligen Raketen-Akt übers Ziel - und Zelt - hinaus. Sie landet bei der Straßentöle Strelka und dessen Kumpel Lyonya, einer frechen Ratte mit Goldzahn auf den Straßen Moskaus. Auf der Flucht vor Bulldog und seinem Handlanger Pug sowie dem Hundfänger geraten alle ins Ausbildungscamp des russischen Weltraumprogramms. Nun werden die kleinen Kläffer richtige Weltraum-Stars... (und jetzt ist wohl auch noch die Milchstraße von Hundkot versaut.)

Es ist immer etwas los in der munteren Trickkomödie aus Russland. Von der Geschichte her erinnert „Space Dogs" an Ben Stassens belgischen „Fly me to the Moon", auch wenn die digitale Machart bei den Russen etwas besser ist. Sie erzählen auf originelle und witzige Weise, hinzu kommt die ungewohnte Kulisse Moskaus, die in sehr detaillierten Hintergründen sorgfältiger gestaltet scheint, als die Menschen im Hintergrund. Die Macher bringen in ihrem prallen Spaß selbst noch den Running-Gag um einen fabelhaften Raben und seinem Stück Käse unter.

Woyzeck DVD

BRD 1979 Regie: Werner Herzog

Es ist ein gewaltiger Zeitsprung von Herzogs aktueller Dokumention „Die Höhle der vergessenen Träume" zu seiner Büchner-Adaption „Woyzeck" aus dem Jahr 1979. Dabei lohnt sich das Wiedersehen nicht nur wegen Kinski in der Hauptrolle und anderen alten Bekannten wie Eva Mattes, Irm Hermann, Herbert Fux oder dem jungen Josef Bierbichler als Tambourmajor. Herzog holt das auf einem authentischen Mordfall des 19. Jahrhunderts basierende Theaterstück (nicht zu verwechseln mit der Adaption von Robert Wilson und Tom Waits!) von der Bühne und siedelt es in einer historischen, kleinen Garnisonsstadt an: Der Offiziersbursche Woyzeck (genial verkörpert von Klaus Kinski) verdient mit allerlei Nebentätigkeiten etwas Geld, um Marie und sein uneheliches Kind zu ernähren. Doch dann betrügt ihn Marie mit einem Major. Woyzecks Eifersucht und Verzweiflung sind grenzenlos...
Der immer wieder sehenswerte Klassiker fasziniert gleichzeitig durch Büchners und Herzogs Gnadenlosigkeit mit einem zum Scheitern verurteilten Individuum. Als Bonus gibt es einen Audiokommentar von Werner Herzog und Laurens Straub, dazu den Kurzfilm „La Soufrière - Warten auf eine unausweichliche Katastrophe". Darin reist der immer wieder für extreme Ideen zu begeisternde Herzog nach Guadeloupe, wo der Vulkan der Insel explodieren soll. Bis auf einen alten Mann haben alle den Ort verlassen. Am Rand des Vulkans - das passt zu Herzog, Kinski und Woyzeck!

Krieg der Götter

USA, 2011 (Immortals) Regie: Tarsem Singh mit Henry Cavill, Stephen Dorff, Isabel Lucas 110 Min.

Bildgewaltig wie kein anderer zeigte sich Tarem Singh in seinen beiden bisherigen Filmen „The Fall" (2006) und „The Cell" (2000). Doch weniger der Regisseur als „die Macher von 300" stehen ein für den simplen und blutigen Film in dem sich Mickey Rourke in griechische Götter- und Heldensagen mischt - Clash of the ehemaligen Boxer.
Rourke spielt den unbarmherzigen König Hyperion, der mit seiner blutdürstigen Armee eine blutige Spur der Verwüstung quer durch ein danach blutrotes und meist totes Griechenland zieht. Zwischen dem Blutgespritze sinnt der junge Krieger Theseus auf Rache und wird dabei gesponsert von dem mächtigen Zeus. Vor allem zum Ende von Film sollte man noch mal Blut erwähnen, doch die Action soll hier auch eindrucksvoll sein. „Soll" weil sich der Verleiher Constantin in Deutschland gescheut hat, den Film vorher der Presse zu zeigen. Und auch in den USA ist es den Machern wohl lieber, dass keiner vorher ein (schlechtes?) Wort über den Film verliert.

Der König der Löwen 3D

USA 1994 (The Lion King) R: Roger Allers, Rob Minkoff, 88 Min.

Dieser Zeichentrickfilm hat in 17 Jahren eine erstaunliche Karriere erlebt, nach vielen Preisen und Verkaufshits gab es wenige Jahre nach der Premiere ein Musical, das seitdem ebenso erfolgreich ist. Die filmischen Fortsetzungen „König der Löwen 1 1/2" und „König der Löwen 2" landeten allerdings direkt im DVD-Regal. Nicht nur wegen der Lieder von Elton John wurde „der Kinderfilm" mittlerweile zum allgemeinen Kulturgut, Wissenschaftler meinten unter anderem rassistische und antisemitische Elemente zu entdecken. Nun gibt es „König der Löwen" wieder im Kino, aber dies ist nicht die Verfilmung des Musicals von Julie Taymor, was typisch wäre („Der ewige Kreis" der Verwertungskette), sondern der digital aufgehübschte Originalfilm. Vom jungen Zielpublikum wird zwar niemand ihn je im Kino gesehen haben, doch riecht die Wiederaufführung in 3D stark nach 'ner schnellen Mark (jetzt in digitalem 3D: Euro) für Disney.

Wie der Kreislauf der Verwertung dreht sich auch der des Lebens in schillernden Farben von Geburt zu Geburt: Simba, Sohn des Löwenkönigs, erblickt mit dem Licht der Welt die riesige Schar seiner zukünftigen Untertanen. Nur Onkel Scar, der neidische, raffinierte aber schwächere Bruder von König Mufasa, brütet in seiner Höhle Rachepläne. Mit Hilfe dreier albern-gieriger Hyänen, die am Rande des Reiches im Elefantenfriedhof-Slum hausen, will Scar König werden. Während Simba sorglos spielend das Reich erkundet, fällt Mufasa einem Anschlag zum Opfer, der Simba galt. Der kleine Löwe flieht vor der ihm von Scar eingeredeten Schuld.

Der Erfolg vom „König der Löwen" basiert auf einer sehr konservativen, eigens für diesen Film geschriebenen Geschichte: Das gute Herrschaftsprinzip heißt Monarchie, die Hyänen dagegen sind eine graue Masse gieriger Idioten. Weil das oft präsente Hyänen-Trio stark an eine Latino-Gang erinnert, gab es in den USA Vorwürfe wegen der Ausgrenzung von Minderheiten. Im Finale stellt dann ein Faustkampf zwischen Löwen den Höhepunkt eines Prinzips der Stärke und der Vermenschlichung dar. Anklänge an „Das Dschungelbuch" und „Bambi" sind nicht zu übersehen.

Allerdings garantiert die Mischung von Spaß, Spannung und nicht zuviel Romantik zusammen mit den Songs von Elton John sowie der afrikanisch-ethnisch eingefärbte Musik von Hans Zimmer die sorglose Unterhaltung. Während Simba wachsend dem Kreislauf des Lebens folgt, schlagen ein ganzen Haufen ulkiger Tierchen um ihn herum umwerfend komische Kapriolen.

7.11.11

Auf der Suche nach Jan Krüger

Der Autor und Regisseur im Gespräch mit Günter H. Jekubzik

Berlin. „Auf der Suche" erzählt von einer Mutter auf der Suche nach ihrem Sohn, der in Marseille verschwunden ist. Wie hast du den Stoff gefunden?
Der Auslöser war sehr konkret. Der Freund eines Freundes hatte sich umgebracht, wie im Film, in Marseille. Daraufhin habe ich dort einige Orte seines Lebens besucht und aus dieser kraftvollen Inspiration die Geschichte entwickelt.

Was suchtest du in Corinna Harfouch, deiner sehr prominenten Hauptdarstellerin?
Das Projekt lief schon eine Weile, aber ich bin immer wieder bei Corinna Harfouch hängengeblieben. Ihr Filmtyp ist oft auch eine brüchige Frau, die wenig Gefühl zulässt. Ich wollte nicht, dass es jemand ist, der seine Gefühle zu leicht zeigt, dann drohte die Geschichte sentimental zu werden.

Wie fandest du die Arbeit mit Harfouch?
Vor dem Dreh sagte sie ganz klar: „Ich hab 80 Filme gedreht, lass mich mal machen!" Letztlich hat es funktioniert, wenn ich Vorschläge gemacht hab, aber man musste drum kämpfen. Was auch nicht so leicht war, weil ich einen wahnsinnigen Respekt vor ihr hatte. Aber das Drehen funktioniert ja immer über das gemeinsame Andocken an die Geschichte.

An welchem Projekt versuchst du dich als nächstes?
Anders als bisher möchte ich mal von einer Figur ausgehen, die aus ihrem Alltag heraus eine Veränderung erfährt. Ohne Ortswechsel wie in „Unterwegs" oder „Rückenwind". Es wird die Geschichte eines Gebäudeverwalters, eines einfachen Angestellten hier aus Berlin. Gleichzeitig entwickle ich ein Tatort-Drehbuch für den WDR - mit den Kölner Kommissaren Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär). Bei denen habe ich nicht das Gefühl, dass ich mich verbiegen muss.

Welche Suche stellt der Film „Auf der Suche" für dich persönlich dar?
Einerseits interessiert mich, zu sehen, dass Suchen seine Grenzen hat, dass man nicht immer klare Antworten finden kann. Zudem glaube ich - obwohl ich keine Selbstmordgedanken habe - ist man vielleicht gar nicht so weit von so einer Tat entfernt. Viele Leute können sich in dieser Erfahrung wiederfinden.


Jan Krüger wurde am 23. März 1973 in Aachen geboren. Er studierte an der RWTH Aachen und später an der Kunsthochschule für Medien, Köln. Seinen ersten Film drehte er 1999, das Musikvideo „Verführung von Engeln"; 2001 folgte der Kurzspielfilm „Freunde (The Whiz Kids)", der den Silbernen Löwen der Filmfestspiele Venedig erhielt. Sein erster Langspielfilm „Unterwegs" erhielt u.a. den Tiger Award in Rotterdam. Neben seiner Arbeit als Filmemacher ist Krüger seit 2006 als Dozent für Filmregie und Drehbuch an der KHM Köln tätig.

Auf der Suche

BRD, Frankreich 2011 Regie: Jan Krüger mit Corinna Harfouch, Nico Rogner, Valérie Leroy, Mehdi Dehbi 89 Min.

Er war viel früher fertig, doch Jan Krügers Suche kommt erst nach Jan Schomburgs filmische Vermisstenanzeige „Über uns das All" ins Kino. Die Ähnlichkeiten sind frappant: Ein junger Mediziner aus Deutschland bringt sich in Marseille um und hinterlässt Fragende. (Dass beide Jans auch noch aus Aachen stammen ist ein seltsamer Zufall.) Doch der Ton beider sehr reizvoller Autorenfilme ist ganz unterschiedlich. Während sich bei Schomburg alles um die egozentrische „Witwe" Sandra Hüller dreht, rätseln beim Berliner Krüger („Rückenwind", „Unterwegs") der Ex-Liebhaber und die Mutter über die Leerstelle, die in ihrem Leben entstanden ist.

Ein fast typisches Treffen mit der Schwiegermutter steht am Anfang: Er holt sie in Marseille vom Flughafen ab, sie fahren in die Wohnung des noch vermissten Simon. Die Stimmung ist gereizt, den Liebhaber ihres Sohnes hatte sie nie richtig akzeptiert. Doch sie braucht ihn, weil ihr Französisch eher peinlich ist. Dafür ist ihr Suchen voller Entschlossenheit: Nein, das könne nicht sein, dass ihr Sohn einfach abhaut, das sei nicht seine Art. Auf der neuen Arbeitsstelle im Krankenhaus weiß man ebenso wenig wie bei der Polizei. Doch eine junge französische Kollegin taucht auf, die seine Geliebte gewesen sein will - ein Coming Out rückwärts, dass beide Deutsche überrascht. Langsam gibt Simons Mutter ihr rüdes Verhalten gegenüber dem Begleiter auf und ein ungewöhnliches Dreieck entsteht: Hier müssen sich Menschen finden und jeder hat ein anderes Bild von Simon.

„Auf der Suche" gibt aus Prinzip keine Antwort. Der Film bleibt ganz bewusst fragend, suchend. Jan Krüger präsentierte seine erste große Produktion auf der letzten Berlinale. Die bekannte und exzellente Corinna Harfouch spielt darin die Mutter, die in Marseille ihren anscheinend verschwundenen Sohn Simon sucht. Krüger gelang ein in seiner Form konsequenter Film, mit wenigen kriminalistischen, einigen dokumentarischen und vielen zwischenmenschlichen Elementen.

6.11.11

Another Earth

USA 2011 (Another Earth) Regie: Mike Cahill mit Brit Marling, William Mapother 92 Min.

2011 wird das Jahr der Sternengucker: Nach von Triers „Melancholia" und Malicks „The Tree of Life" beeindruckt nun auch „Another Earth" mit kosmologischer Kinematografie. Während eine eindrucksvolle Himmelserscheinung beim dänischen Drama das Ende bedeutet, erweckt sie bei Rhoda Williams (Brit Marling) neue Hoffnungen. Eine andere, zweite Erde taucht am Firmament auf - und ist nicht ganz unschuldig an einem furchtbaren Unfall mit tödlichen Folgen. Im Partyrausch verursacht Rhoda eine Katastrophe und muss vier Jahre ins Gefängnis. In dieser Zeit ist der Erd-Zwilling näher gekommen, Regierungen versuchen, Kontakt aufzunehmen, und ein Unternehmen bietet schon Weltraum-Riesen zu „Earth 2" an.

Die an Astrologie interessierte Rhoda verschließt sich nach der Haftstrafe. Sie wohnt bei den Eltern, nimmt einen Putzjob an, während ihre alten Kommilitonen eine Unikarriere vermuten. Die junge Frau spricht nicht viel und beschließt, sich beim Überlebenden des Unfalls zu melden. Doch bei der Begegnung an der Haustür des ehemals bekannten Komponisten John Burroughs (William Mapother), der Frau und Kind verlor, verliert sich ihr Quäntchen verzweifelten Mutes. Rhoda erzählt, sie sei von einem Putzdienst und biete eine Probe-Reinigung an, gratis. Zögerlich nimmt John an, die Wohnung des trinkfreudigen Mannes muss tatsächlich dringend aufgeräumt werden. Über diesen Weg nähern sich die beiden zögerlich an, sie nehmen beim Spiel mit der Wii erstmals entspannt Kontakt auf. Rhodas große Hoffnung liegt allerdings auf einem Preisrätsel mit als Hauptgewinn eine Reise zu Earth 2. Denn mittlerweile hat Funkkontakt herausgebracht, dass der Blaue Planet am Himmel eine exakte Kopie ist, auf der sogar die gleichen Menschen leben. Doch vielleicht hat dort der Unfall nicht stattgefunden...

Hauptdarstellerin Brit Marling und Regisseur Mike Cahill entwickelten zusammen das Drehbuch zu diesem Drama mit Science Fiction-Elementen, das beim Sundance Film Festival 2011 den Spezialpreis der Jury und den Alfred P. Sloane Preis erhielt. Ihnen gelang ein schlüssiges und eindrucksvolles Bild des neuen Planeten als zweite Chance. So wie früher Kontinente mit Straffälligen besiedelt wurden, wie Rhoda in ihrer Bewerbung für das Flug-Ticket schreibt. Innere Welten werden auf das All projiziert, die Parallelwelt macht aus Selbstzweifeln ein universales Schauspiel, in dem sich viele Ideen durchdenken lassen: „Wir sind selber unser Spiegelbild", heißt es im Film.

Mike Cahill arbeitet bei seiner Inszenierung mit angerissenen Bildern, viele Überblendungen und Ausschnitten. Trotz des galaktischen Bezugspunktes konzentriert sich der ruhige Film auf seine Figuren. Dabei beeindruckt Hauptdarstellerin Brit Marling enorm. Dazu fügen sich einige berührende Momente wie Johns Solo mit singender Säge und zerrissene Figuren wie Rhodas indianischer Kollege, der sich angesichts einer unerträglichen Welt mit Säure blendet. Cahill und Marling finden für ihre traumatisierten Protagonisten eine andere, überraschende Lösung und ein doppelt offenes Ende.

Eine dunkle Begierde

Kanada, BRD, Großbritannien, Schweiz 2011 (A Dangerous Method) Regie: David Cronenberg mit Michael Fassbender, Keira Knightley, Viggo Mortensen, Vincent Cassel 100 Min. FSK ab 16

Keiras Kiefernkrampf - Psycho hinterm Wortvorhang

Wer Gelegenheit hatte, vor ein paar Wochen „Nachtmeerfahrten", die Jung-Doku für Anfänger, zu sehen, wird sich „Eine dunkle Begierde", den Spielfilm über ein spannendes Personen-Dreieck in der Geschichte der Psychoanalyse nicht entgehen lassen. Freud gegen den jüngeren Jung und als Frau dazwischen die in der Wissenschaftsgeschichte legendäre erste Patientin Jungs, Sabina Spielrein. Eine fesselnde Geschichte - auch ohne die paar SM-Szenen. Nur Hardcore-Fans von David Cronenberg könnten enttäuscht sein, dass sich menschliche Abgründe allein im wissenschaftlich abgesicherten Gespräch zeigen.

Die russische Jüdin Sabina Spielrein (Keira Knightley) war in der Geschichte der Psychoanalyse Carl Gustav Jungs (Michael Fassbender) erste Patientin in der vor hundert Jahren sensationell neuen Methode der Gesprächsanalyse. Jung ist 1904 noch der talentierteste Schüler des bereits berühmten Sigmund Freud (Viggo Mortensen). In einer Schweizer Klinik erkennt Jung die Schläge von Sabinas Vater als Ursache ihrer Probleme, aber auch ihrer Lust. Der von seiner reichen Frau unterstützte Familienvater und Wissenschaftler verleugnet lange die Anziehung zu seiner Patientin. Auch weil ihm nicht gefällt, dass Freud, mit dem er auch über diesen Fall korrespondiert, alles auf die Sexualität zurückführt. Doch es kommt unweigerlich zu einer SM-Affäre, die sich im Laufe der Jahre und nach einer heftigen Krise zu einem wissenschaftlichen Austausch mit der studierten Schülerin Spielrein wandelt. Parallel dazu bricht die Vater-Sohn-Beziehung zwischen Freud und Jung. War der „Fall" Spielrein der Auslöser, wie es der Film mehr als andeutet? Die Verschiedenheit zwischen dem kinderreichen, nicht unbedingt reichen Juden Freud und dem gegenüber Antisemitismus (hier noch nur) ignoranten, sehr wohlsituierten Christen Jung?

Dem Drehbuch des vielfach ausgezeichneten Christopher Hampton liegt sein eigenes Bühnenstück „A Most Dangerous Method" sowie John Kerr Buch „Eine gefährliche Methode: Freud, Jung und Sabina Spielrein" („A Dangerous Method") zugrunde. Cronenberg erzählt damit vielschichtig - über Schichten im Bewusstsein, in der Gesellschaft, im Zwischenmenschlichen. Seine gepflegte Analyse der Psychoanalyse endet vor 1914, der „Große Krieg" ist erst eine dunkle Ahnung für Jung. Ebenso das Mythische, dessen Erforschung in späteren Jahren immer mehr Raum einnimmt und von Freud gar nicht mehr toleriert werden kann. Damit spielt der Titel „Eine dunkle Begierde" zwar auf das „dunkle Unbewusste", einen Schlüsselbegriff Jungs an. Der Film an sich ist allerdings selten dunkel. Eher sehr erhellendes Kopfkino, das nicht mal unbedingt die Herzen packt. So leidet das handwerklich hervorragende und nicht uninteressante Werk an der gleichen Verwandlung von Lust in Kreativität, die auch Jung zur tragischen Gestalt macht. Das überrascht besonders beim Horror-Meister Cronenberg, der bei „Naked Lunch", „Die Unzertrennlichen" oder auch bei dem sehr psychoanalytischen „Spider" immer bewegende Bilder für extreme Seelenzustände fand. Diese für das Publikum un-gefährliche Methode, dieses Freud-volle, intellektuelle Spiel um die Väter der Psychoanalyse bleibt gepflegt - bis auf Keiras ausrastenden Kiefer, wenn sie wieder ihr Gesicht verzerrt, um die Hysterie der Spielrein zu verkörpern.

Cheyenne - This must be the Place

Frankreich, Italien 2011 (This must be the Place) Regie: Paolo Sorrentino mit Sean Penn, Francis McDormand, Judd Hirsch, Eve Hewson, Harry Dean Stanton 118 Min.

„Cheyenne - This Must Be The Place" von Paolo Sorrentino („Il Divo") begeistert mit einem grotesk geschminkten Sean Penn: Seine Figur Cheyenne, ein ehemaliger Rockstar aus Dublin, setzt nach dem Tod des jüdischen Vaters in den USA dessen Suche nach einem deutschen KZ-Wärter fort. Diese Selbstfindung wird von kuriosen Begegnungen und schrägen Blicken auf Amerika bebildert. Ein Augenschmaus der anderen Art, dessen Figuren für emotionalen und intellektuellen Tiefgang sorgen.

Wer Sean Penn mag, kann ihn beim Cannes-Film als „Cheyenne" volle Kanne genießen: Penn gibt die ungemein originell jämmerliche Gestalt des ehemaligen, nicht besonders würdevoll gealterten Rockstars Cheyenne. Mick Jagger habe einst mit ihm gesungen - nicht umgekehrt, wie Cheyenne betont. Ihn als lebende Legende zu beschreiben, wäre übertrieben, weil der von zu vielen Drogen sichtlich Mitgenommene vom Reichtum erdrückt in einem überstilisierten Mausoleum dahinschlurft.

Mausoleum nannte es seine freche Gattin Jane, eine sehr witzige, trotz Drehleiter-Einsatz geerdete Feuerwehrfrau, die mit Frances McDormand perfekt besetzt ist. Seine blasse Goth-Schminke legt der Alt-Rocker immer noch auf und sieht dann aus wie eine schlecht konservierte Kopie des Cure-Frontmannes Robert Smith. Ansonsten schaut er unendlich einsam, grundverstört und sehr, sehr hilflos in die Welt. Diesen Blick kann man sich von niemand anderes als von Sean Penn vorstellen. Der verständliche Grund der Traurigkeit klingt bitter: „Ich habe depressive Lieder für depressive Kinder gemacht und zwei von denen haben sich umgebracht. Mein Schmerz darüber wird trotz der Besuche am Grab nicht geringer."

Die Lösung kommt unerwartet mit der Nachricht vom baldigen Tod seines Vaters in New York. Trotz 30 Jahren Trennung und Angst vor dem Fliegen macht sich Cheyenne auf den Weg. Verloren nimmt er an den Trauerritualen seiner entfernten jüdischen Familie teil und erfährt sehr überrascht, dass sein Vater ein Leben lang den deutschen KZ-Wärter Alois Lange (Heinz Lieven) suchte, der ihm eine tiefe Verletzung zugefügt hatte. Zwar völlig ahnungslos aber spontan entschlossen, setzt Cheyenne diese Suche mit launiger Unterstützung des professionellen Nazi-Jägers Mordecai Midler (Judd Hirsch) fort und tapst wie (Lou Reeds) „Passenger" durch ein skurriles bis absurdes Amerika. Hier findet Sorrentinos scharf sarkastischer Blick, den er schon auf einen faszinierend abstoßenden Kredithai („L'amico di famiglia", 2006) und auf die italienische Regierungskaste („Il Divo", 2008) warf, zahlreiche dankenswerte Objekte. Dabei ist „Cheyenne", die erste englischsprachige Produktion des Neapolitaners, milder und menschlicher. Im Staunen über diese seltsame Welt versteht man den verstörten Blick des Protagonisten immer mehr, identifiziert sich mit dieser nur anfangs lächerlich wirkenden Gestalt.

Sorrentino, der in „Le conseguenze dell'amore" (2004) einen sehr emotionalen Auftragskiller zeigte, fesselt einerseits wieder mit schön ambivalenten Figuren. Diese platziert er dann in Schaukästen skurriler Lebensweisen, die wie beispielsweise der Gegensatz zwischen dem ultramodernen Ufo des Dubliner Fußballstadions und den umgebenden kleinen Einfamilien-Reihenhäusern oft einer aufmerksamen Beobachtung real krasser (Bild-) Verhältnisse entspringen. Das äußerlich Absurde trägt jedoch immer eine innere Sinnigkeit in sich - das gilt auch für Cheyenne. Ein heiliger Narr, der nicht lügen kann und mit seinen immer ehrlichen, im weinerlichen Zeitlupen-Ton vorgetragenen Bemerkungen verstört oder amüsiert. Je nach eigener Geisteshaltung.

1.11.11

Zwei an einem Tag

USA 2011 (One Day) Regie: Lone Scherfig mit Anne Hathaway, Jim Sturgess, Patricia Clarkson 108 Min.

„Harry und Sally" sind beinahe vergessen, da kann man ja die Idee aufwärmen. Basis ist ein gleichnamiger Roman von David Nicholls, den dieser zum Drehbuch umschrieb: Emma und Dex landen nach ihrem Hochschulabschluss zusammen im Bett, etwas peinlich und dann doch nur platonisch. Es ist der 15. Juli 1988, St. Swithin's Day, in England so was wie „Groundhog Day". Hier entscheidet sich , wie das Wetter die nächsten Monate wird. Wie das Verhältnis von Emma und Dex sich entwickelt, entscheidet sich noch lange nicht. Deshalb hat der Film Zeit, jedes Jahr am 15. Juli wieder vorbeizusehen. 1989 mit den beiden beim Umzug, irgendwann mit anderen, in der Logik des Films falschen Partnern. Dann wird Dex zeitweilig zum TV-Ekel voller Drogen. Es gibt viel falsches Leben im romantischen Film.

Der Soundtrack dieser Jahre reicht von Tracy Chapmans „Talking about a revolution" bis „Sparkling Day" von Elvis Costello. Die Telefone verlieren ihre Schnüre, wechselnde Frisuren haben die Maskenbildner schwer beschäftigt. Dabei gibt es von Anfang an viele Gründe zum Fremdschämen, etwa die albernen Versuche, Hollywood-Star Anne Hathaway mit Brille, Zopf und Sackklamotten zum hässlichen Entlein zu machen. Emmas und Dexters Blicke verraten überdeutlich, dass sie eigentlich wollen. Doch aus unerfindlichen Gründen dauert es eine lange Spielfilmlänge bis es doch nicht klappt. Aber der Autor dieser Zeilen versteht ja auch nicht, weswegen Ethan Hawke und Julie Delpy in „Before Sunrise" keine vernünftige Verabredung treffen und Telefonnummern austauschen. Zumindest das zeigt „One Day" mit seinem tragischen Ende - das Leben ist zu kurz für falsche Dinge.

Regisseurin Lone Scherfig hatte nach „Italienisch für Anfänger" (2000) und „Wilbur wants to kill himself" (2002) einen sehr guten Ruf, den sie zuletzt mit „An Education"
(2009) eindrucksvoll bestätigte. „Zwei an einem Tag" ist eine gelackte Enttäuschung, alles - selbst das Entlein - sieht hier gut aus.

Wer das Spiel mit verpassten Chancen wirklich mit vollem Gefühl genießen will, sollte sich Alan Rudolphs „Made in Heaven" mit Timothy Hutton und Kelly McGillis in der Videothek besorgen - eine DVD gibt es noch nicht. Hier bekommt die im Himmel geborene Liebe genau 30 Jahre Zeit, sich auf der Erde zu finden. Danach ist das Leben nur noch elendig. So ungefähr wie die fast zwei Stunden „Zwei an einem Tag".

31.10.11

Die Höhle der vergessenen Träume 3D

Frankreich, Kanada, USA, Großbritannien, BRD 2010 (Cave of forgotten dreams) Regie: Werner Herzog 89 Min. FSK ab 6

Was 1994 in der Chauvet-Höhle im Süden Frankreichs entdeckt wurde und vorher durch einen Bergrutsch für Jahrtausende konserviert war, verwandelt sich durch Werner Herzogs Dokumentation „Die Höhle der vergessenen Träume" in einen höchst reizvollen Zeit-Spagat zwischen den ältesten prähistorischen Abbildungen der Menschheit und der aktuell neuesten Abbildungstechnik, dem digitalem 3D: Riesige, kristallverkrustete Grotten von der Größe eines Fußballfeldes sind mit den versteinerten Überresten riesiger eiszeitlicher Säugetiere übersät. Die Wände sind mit hunderten unberührten Gemälden bedeckt. Sie stammen aus der Zeit der Neandertaler, in der Höhlenbären, Mammuts und Eiszeitlöwen die beherrschenden Spezies in Europa waren.

Diese einzigartige Dokumentation hat alles, was einen großen Film ausmacht: Ein Geheimnis, nie vorher gesehene Bilder und zutiefst Menschliches. Einzigartig ist „Die Höhle der vergessenen Träume" weil die hermetisch abgeschlossene Höhle nur für ganz wenige Wissenschaftler zugänglich ist. Herzog dokumentiert auch die durch restriktive Regeln eingeschränkten Dreharbeiten. Der Regisseur durfte mit nur vier Mitarbeitern ein paar Stunden in den Grotten drehen. Da ist 3D schon wieder ein Widerspruch, weil es einen höheren Aufwand bedeutet. Vielleicht wegen dieser Beschränkungen vertraut Herzog leider nicht auf seine Aufnahmen aus der Höhle, er sucht auch die Reaktionen in den Gesichtern der Besucher und Arbeiter und verlässt die Höhle für ein paar Exkursionen zu anderen Ausdrucksformen früher Menschen, vor allem die aus einem Mammut-Zahn geschnitzte „Venus vom Hohlen Fels" und ihren Schwestern.

Dabei ist Herzog am stärksten, wenn er anhand der atemberaubenden Funde fantasiert oder sie still wirken lässt. Die einzige Zeichnung eines Menschen, könnte in Verbindung von Frau und Bison eine Minotaurus-Geschichte erzählen. Kratzer von Bärentatzen und verschiedenen Gemälden überlagern sich. An anderer Stelle die Handabdrücke einer individuellen Person, erkennbar an ihrem verkrüppeltem kleinen Finger. Paläontologen kümmern sich um die vielen Knochen von teilweise ausgestorbenen Tieren, Schädel, die von glitzernden Calzit überzogen, wie glasiert wirken. Einmal bittet einer der Führer um Ruhe, damit man den Herzschlag hört, den eigenen oder den der mit Kohle eingefangenen Tiere. Zu der schwer vorstellbaren Zeitspanne, die dieser Bilder überbrücken, passt die mittlerweile komplette Digitalisierung der Höhlen per Laser. Typisch für Herzog dabei die Frage an einen Archäologen, der aus dem Zirkusmilieu stammt: Was erfahren wir durch die Bilder von den Träumen der prähistorischen Künstler? Der junge Franzose erzählt daraufhin, dass er nach den ersten Tagen in der Höhle immer von Löwen geträumt hat, von realen, nicht gemalten. Schon die Gegend mit dem Tal der Ardèche und einem natürlichen Brückenbogen liefert reichlich Material für mythische Träumereien. Herzog kommentiert dies selbst mit seiner fast flüsternden, still bewundernden Stimme.

Je weiter sich der Film jedoch von Chauvet entfernt, umso seltsamer werden dabei die Interviewten: Es gibt stolze Wissenschaftler, die beherrscht aufgeregt Neanderthaler-Flöten vorstellen. Schrate, die im Dienste einer experimentellen Archäologie in Felle gehüllt vor der Kamera stehen, während im Hintergrund eine Schnellstraße zu sehen ist und einen Parfüm-Designer, der weitere Höhlen erschnüffeln will.

Acht Beine bei einem Bison, die vielleicht Bewegung darstellen, werden selbstverständlich als Vorform des Kinos angesehen. Um schon mal für zukünftige Historiker vorzudenken, ist es bemerkenswert, dass zwei Deutsche - Wenders und Herzog - die neue Technik der 3D-Dokumentation so virtuos aufgreifen. Man kann an den Königsberger Kameramann Karl Freund und an seine „fliegende Kamera" im Stummfilm Murnaus denken. Aber angesichts dieser Zeichnungen ist das wirklich nur eine Fußnote der darstellenden Kunst.

Herzog wäre nicht der international geachtete Denker mit der Kamera, wenn er dem Film nicht ein ebenso atemberaubendes Postscript anhängt: Er verlängert sein philosophieren über den Wert der Kunst für die Entwicklung des Menschen zu einer absurden tropischen Biosphäre die von den Kühlwassern eines Atomkraftwerks an der Rhone aufgeheizt wird. Die Krokodile gedeihen dort prächtig, ebenso ihre Mutationen. Die Eiszeit ist gar nicht so fern und 30.000 Jahre Entwicklung können scheinbar leicht manipuliert werden.

Nur für Personal!

Frankreich 2010 (Les femmes du 6ème étage) Regie: Philippe Le Guay mit Fabrice Luchini, Sandrine Kiberlain, Natalia Verbeke, Carmen Maura, Lola Dueñas 107 Min.

Heutzutage sind Dachwohnungen in der Stadt heiß begehrt - früher wurde dort das Personal in sommerlicher Hitze und der Kälte des Winters ohne fließend Wasser und Toiletten untergebracht. Dass dieses „früher" mit den Sechziger Jahren noch gar nicht so weit zurückliegt, zeigt der sehr schöne, sozial- und auch sonst romantische Film von Philippe Le Guay „Nur für Personal!". Mit bestem französischem und spanischem Personal besetzt, führt er einige Jahre vor den 68ern in einem Pariser Mietshaus eine kleine Revolution auf.

Eigentlich eine Lachnummer, dieser steife Aktienberater Jean-Louis Joubert (perfekt: Fabrice Luchini): Im Kontor gewissenhaft und korrekt, die Ehe zuhause mit Frau Suzanne Joubert (herrlich zickig: Sandrine Kiberlain) scheint ebenfalls mehr auf Kalkül als auf Leidenschaft zu basieren. Bis ein neues spanisches Hausmädchen aufgetaucht, eingeführt von ihrer Tante Concepción Ramirez (Carmen Maura). Die Toast sind zwar angebrannt und die Eier zu hart, aber der Streit mit María Gonzalez (Natalia Verbeke) ist leidenschaftlich. Aus der kleinen Gefühlsregung wird eine große - langsam und kaum auffällig, wie es sich für einen Joubert aus der besseren Gesellschaft gehört.

Der Patron, der Ewigkeiten nicht mehr in der 6. Etage mit den Dienstboten-Wohnungen war, zeigt sich plötzlich solidarisch, setzt sich ein und macht die Signoras glücklich. Joubert interessiert sich, lernt selbst spanisch. Als er sogar sein Telefon zur Verfügung stellt, ist er schon ein Heiliger. Auch Joubert selbst wird durch den Umgang mit den lebendigen Spanierinnen im Allgemeinen und María im Besonderen immer glücklicher, was für die verwöhnte Ehefrau, vom Nichtstun dauernd furchtbar erschöpft, noch unerträglicher ist. Aufgrund eines eifersüchtigen Missverständnisses - was sich vor ihrer Nase entwickelt, kann sie vor lauter Klassendünkel gar nicht begreifen - wirft Suzanne ihren Mann raus. Der zieht nun selbst in die 6. Etage, zufällig ist ein Zimmer frei, und für die traditionelle Concierge des Gebäudes steht die Welt Kopf. Nur ausgerechnet die zynische, bissige Kommunistin unter den Angestellten besteht auf Klassentrennung und reiht sich nicht in die allgemeine Freude ein. Hier, ohne Heizung und mit nur einem Wasserhahn auf dem Gang, fühlt Joubert sich endlich frei. Nun berät er die wunderbaren Frauen anlagetechnisch bis sie Aktienkurse lesen und genießt Picknicks mit Paella. Der steife Anlageberater macht sich nicht mehr lächerlich sondern locker.

Aus dem armen Kerl zwischen allen Fronten wurde ein Mann, der sein Leben in die Hand nimmt und dabei auch Grenzen von Konvention und Klassen überwindet. Er, der vorher Anteile an erfolgreichen Firmen hatte, nimmt nun Anteil an seinem Mitmenschen, selbst an den für einige unsichtbaren. Er ist Teil einer grandiosen Solidarität der spanischen Hausmädchen. Jean-Louis lebt auf wie nie zuvor, das Publikum genießt mit und amüsiert sich köstlich. Die liebenswerten Figuren dürfen die Klischees ihrer Rollen voll ausspielen aber auch variieren. Die stolze Spanierin María gibt sich nicht so einfach hin und macht Joubert zumindest das Liebesglück recht schwer. Doch etwas Zeit zum Nachdenken und zur Entwicklung schadet auch diesem wunderbaren Wohlfühlfilm überhaupt nicht.

Real Steel

USA, Indien 2011 (Real Steel) Regie: Shawn Levy mit Hugh Jackman, Dakota Goyo, Evangeline Lilly 126 Min. FSK ab 12

Dies muss der verschwitzt feuchte Traum eines jeden Boxers sein: Nie mehr Platzwunden, keine Gehirnschäden, keine Nasenbrüche oder abgerissene Ohren - höchstens mal ein verbogener Schaltkreis: In der Zukunft boxen nur noch riesige Roboter gegeneinander. Dass die ganze Sache mit der Entwicklung der Menschheit damit nicht wirklich vorangeht, wird sich am Ende zeigen. Bis dahin liefert die Papa-Sohn-Geschichte gute Unterhaltung für das Kind im Manne - jeder Altersstufe.

In einer Zukunft, die sehr nach Vergangenheit aussieht, wurde aus der alten Boxhalle ein Reparaturbetrieb für Kampf-Roboter. Bailey Tallet (Evangeline Lilly, Kate aus „Lost") flickt dort Schrotthaufen zusammen, die Charlie Kenton (Hugh Jackman) regelmäßig anschleppt. Der ehemalige Faustkämpfer versiebt alles, was er anfasst, und macht kräftig Schulden dabei, ist aber gewohnt, sich durchzumogeln. So passt es, als ihm gerade sein Kampfroboter von einem Stier demontiert wurde, dass Charlie sich mit viel Geld überreden lässt, die Vormundschaft an seinem 11-jährigen Sohn Max an dessen Tante zu verkaufen.

Den Sommer verbringt der Halbwaise allerdings noch bei seinem Erzeuger, und so gehen ein kleiner Fan und ein alter Hase zusammen auf Box-Tour. Der Sohn erweist sich schnell klüger als der Vater, der umgehend wieder alles zu verspielen scheint. Ein alter, simpler G2-Roboter vom Schrottplatz namens Atom wird Max zum Freund und erweist sich als schlagkräftiger Gegner. Schließlich bekommen die drei Underdogs sogar einen Kampf um den WM-Titel.

„Reel Steel" kombiniert den bekannten Star Hugh Jackman mit dem netten, noch kindlichen Gesicht Dakota Goyos - und es funktioniert. Psychologisch ist der Knirps Max weiter entwickelt als der Vater und analysiert diesen schon nach wenigen Stunden: „Du schmeißt alles weg, was du nicht brauchst!" Japanisch kann Max auch - von den Computerspielen. Das erstaunliche 11-jährige Genie baut zudem über Nacht mal kurz Spracherkennungs-Module in die Kampfmaschine ein. Wie der Roboter das Kind im Schatten-Modus imitiert, macht der Junge seinem Vater nach. Das sorgt für viel Spaß, nicht nur bei den flotten Tanzeinlagen, auch beim Wiedererkennen der Charakterzüge und vor allem bei den verkehrten Rollen mit ultranervösem Vater und coolem Kid vor dem ersten großen Kampf Atoms.

Dabei kramt Charlie seine alten Talente als richtiger Boxer wieder hervor, um den Roboter zu trainieren. Jetzt kommt die Rocky-Geschichte mit einem Touch Mad Max in die Gänge und wird auch noch spannend. Es gibt scheppernde Gladiatorenkämpfe, die Filmemacher werfen dazu eine Portion Sentiment in den Ring. „Reel Steel" ist dabei vielleicht nicht so unmenschlich, aber ebenso brutal wie echtes Boxen. Vor allem für Charlie zeigt sich die Verbindung von Mensch und Maschine als Quell großen Glückes. Wie der „Avatar" dem Querschnittsgelähmten zu einem neuen Leben hilft, so lebt der Boxer über Atom wieder auf. Am Ende kämpft „mann" ganz archaisch wieder in der Einstellung „manuell" gegeneinander, im Schatten-Modus und per Handsteuerung.

So liefert Bot-Fighting - trotz einiger technisch schwer erklärbarer Momente - ein interessantes Zukunftsbild: Nur das Boxen, also die Gewalt, hat sich weiterentwickelt. Das ist ziemlich treffend für eine Gesellschaft, in der millionen-teure Dronen ferngeststeuert morden, aber Autos und Laster immer noch Menschen überfahren, weil da an Sicherheitszubehör für ein paar Euro gespart wird.