9.11.10

South


Österreich 2009 (South) Regie: Gerhard Fillei, Joachim Krenn mit Matthew Mark Meyer, Claudia Vick, Sal Giorno 105 Min.
    
Werbe-schöne Bunt-Bilder einer Natur-Idylle werden abgelöst von grau grausamem Leiden einer Frau am gleichen Ort. „Einige Jahre später“ verrät ein Insert, ansonsten weiß man nichts. Was ist passiert? Bruce McGray (Matthew Mark Meyer) versteckt sich nach einem Raubüberfall in New York, seine Auftraggeber wollen ihn außer Landes schaffen, doch während sie ein Zugticket nach Kanada anbieten, will er gen Süden. Denn da gab es diese Frau, deren Tagebuch er bei sich trägt, an die er sich aber trotzdem nicht erinnert. Dabei kreuzen sich seine Weg mit einer jungen Frau, deren Freund sie brutal schlägt, und deren älterer Beschützer sich selbst nicht vor den Kredithaien retten kann. Immer wieder dringen Bilder auf Bruce ein, das Haus im Süden, eine Frau im Schlamm und Maria, eine Prostituierte, die ihn gut kennt. Sind es Erinnerungen. Oder Wahnvorstellungen, hervorgerufen durch seine Schussverletzung und die Schmerzmittel?

„Einige Jahre später“ steht auch symptomatisch für diese österreichische Produktion, die zwölf Jahre lang gedreht wurde! Trotz dieser fast unglaublichen Entstehungs-Geschichte (die übrigens auch gerade der deutsche Action-Film „Real Buddy“ erlebt) gelang ein äußerst ungewöhnlicher und dadurch reizvoller Film, der auch schon mal in die Kiste „experimental“ gesteckt wird. Viel Handkamera und grobkörniges Schwarzweiß, dazu authentische New York-Atmosphäre. Die sorgfältig gestylten Bilder halten die Spannung und die Geschichte bleibt bis zur letzten Minute rätselhaft. Man erinnert immer wieder „Memento“, nicht wegen der Struktur, sondern der verschlüsselten Erzählung dieses gekonnt inszenierten und gespielten modernen „film noir“.

Einfach zu haben


USA 2010 (EASY A) Regie: Will Gluck mit Emma Stone, Penn Badgley, Amanda Bynes, Thomas Haden Church, Lisa Kudrow, Malcolm McDowell, Stanley Tucci 92 Min.
 
Endlich mal eine amerikanische Teenie-Komödie, die Spaß macht und dabei die Intelligenz Pubertierender nicht beleidigt: Was Olive an Ausgrenzung mitmacht, als sie mal probiert, wie es wäre, sich sexuell auszuprobieren, spannt den Bogen von Nathaniel Hawthornes „Der scharlachrote Buchstabe“ bis zu Facebook. „Einfach zu haben“ zeigt Emma Stone („Zombieland“, „Superbad“) als klasse Komödiantin und bietet vor allem Mädchen eigenständige Rollenvorbilder abseits vom Schlampen-Klischee und religiösen Eiferern.

„Endlich sind wir beide Superschlampen!“ Rhia feiert die Geschichte vom wilden Wochenende ihrer Freundin Olive (Emma Stone) so enthusiastisch, dass diese gar nicht mehr anders kann, als ihr „entkorkt werden“ mit romantischen Kerzen auszuschmücken. Dabei ist überhaupt nichts passiert, alles erfunden. Doch dank technischer Beschleunigungsverstärker wie Handy und Internet verbreitet sich das Gerücht - per Zeitraffer raffiniert umgesetzt - bald durch die ganze Schule. Olivia hat den Ruf einer Schlampe weg und kann sich plötzlich hervorragend in die ausgegrenzte und mit dem A für Adultery (Ehebruch) markierte Hester Prynne (NICHT Demi Moore) aus dem Roman „Der scharlachrote Buchstabe“ hineinversetzen. Aber das flotte Mädel packt die Gelegenheit beim Schopfe, heftet sich das rote A an besonders knappe Korsagen und testet diese Rolle mal aus. Zudem bittet sie ihr schwuler Freund Brandon, sie solle ihn mit einer - ebenfalls nur inszenierten - flotten Nummer zum vermeintlichen Hetero umpolen und vor Prügel wie Hänseleien retten. Ist der Ruf dann erst ruiniert, kann Olive ja auch gegen Gutscheine vom Baumarkt oder andere Gegenleistungen weiteren Außenseitern wenigstens behauptet die erste sexuelle Erfahrung verschaffen.

Gibt es virtuelle Prostitution? Doch bevor Olive jetzt zur Heiligen Hure im Stile Lars von Triers wird, halten die Macher von „Einfach zu haben“ ihre Teenie-Komödie vor allen mit unverkrampften und hellwachen Eltern (Patricia Clarkson, Stanley Tucci) sowie einer ebenso klug wie selbständig denkenden Hauptfigur im jugendfreien Bereich. Dabei ist der in jeder Hinsicht sorgfältig angelegte Film durchaus mutig und frech: Ob da die Freundin Rhia „Ballontitten“ hat oder Brandon „schwul wie ein Rudel Friseure“ ist - Jugendlichen wird mal nicht das Leben vorenthalten, während man sie mit vermeintlich provokanten Ekelszenen zugekippt. (Auffällig ist jedoch, dass die freche und freie Sprache nicht im Bild fortgesetzt wird. So hängt es tatsächlich an der Synchronisation, ob Olive rotzig bleibt oder ob sie in das verharmlosende Einerlei üblicher Jugendfilme von Disney & Co einstimmt.) Dass da ein Teenager verantwortungsvoll mit seinem eigenen Image (altmodisch: Ruf) umgeht, ist in Facebook-Welten ebenso zeitgemäß, wie die Frage nach dem ersten Mal zeitlos ist. Gleichzeitig erfüllt Olive sich (und vielen Zuschauern) den Wunsch, dass das Leben nur einmal so laufen möge, wie ein 80er Jahre-Film von John Hughes - samt Musical-Nummer ohne ersichtlichen Grund. Olive ist zwar nicht Ferris Bueller, aber schon mal viel besser als der Rest.

Plug & Pray


BRD 2010 Regie: Jens Schanze 91 Min. FSK o.A.

„Man steckt es rein und es funktioniert - oder manchmal auch nicht“, kommentiert ein alter Mann mit sarkastisch die typischen Windows-Fehlergeräusche. Der aufgeweckte Herr ist allerdings nicht irgendjemand, der einen Computer-Kurs bei der Volkshochschule belegt hat. Joseph Weizenbaum war weltweit angesehener Professor für Computer-Sprachen am Bostoner MIT und hat in den Sechziger Jahren mit ELIZA, einem digitalen Dialog-Experiment, die Diskussion über Künstliche Intelligenz vorangetrieben. Doch dann wendete sich Weizenbaum selbst von diesem Thema ab und äußerte sich fortan - nicht Fortran, liebe Nerds - öffentlich kritisch zur künstlichen Intelligenz wie zum allgegenwärtigen Kabelsalat, der sich „drahtlos“ schimpft.

Weizenbaum ist einer aus der handvoll Interviewten, die Jens Schanze in seinem Film auffährt, um eine obskure altmodische Technikfeindlichkeit aufzubauen. Wohlgemerkt geht es bei der Bedrohung, die sich in dräuender Musik zu blinkenden Serverwänden aufbaut, nicht um Googles Street View, der aktuellen Themen-Kuh, die voller Unkenntnis durchs digitale Dorf  getrieben wird. Der Japaner mit seinem Roboter, der ihm ähnelt wie ein Zwilling, der erfinderische Unternehmer Ray Kurzweil und der Italiener mit seinen Robocop-Imitaten, sie alle wollen den Menschen mit Maschinen verbessern. Ganz böse Militärs wollen dann diese Maschinen benutzen, uih, wie gefährlich...

Die vermeintlichen Gefahren dieser ebenso langweilig wie dröge gestalteten Dokumentation sind genau so altmodisch wie die Ansichten der befragten Personen. Behäbig, uninteressant, inhaltlich dünn - das wären noch die positivsten Beschreibungen. Da bringt es wesentlich mehr Spaß und Erkenntnis, „Neuromancer“ oder „Idoru“ von William Gibson zu lesen. Romane, die auch schon vor Jahrzehnten erschienen sind! Falls es mal einen großen Gedanken in diesem Film gab, haben ihn wohl die vielen TV-Sender ausgetrieben, mit denen sich der Abspann schmückt.

3.11.10

Buried - Lebend begraben


Spanien 2010 (Buried) Regie: Rodrigo Cortés mit Ryan Reynolds 95 Min. FSK ab 16

Dies ist wirklich ein Kammerspiel - in der engsten Bedeutung des Wortes: Paul Conroy (Ryan Reynolds) wacht in einer engen Kammer auf und ist scheinbar in einer Kistte unter der Erde begraben. Er hat nur sein Feuerzeug und ein Handy, dessen Ladung schwindet. Aus dem irakischen Telefonnetz versucht er Rettungen herbei zu rufen, doch erlebt den alltäglichen Horror von Hotlines, Call-Centern und akustischen Service-Wüsten.

Dieser alte klaustrophobische Albtraum kombiniert mit dem Kommunikationsmittel Mobiltelefon, das nicht nur für den fast völlig immobilen Paul traumatische Bedeutung erlangt. Eine einfache Formel, die erstaunlich gut aufgeht. Irgendwann melden sich seine Entführer, aber seine Frau ist nicht zuhause und das Pentagon ist wie immer mit anderen Dingen beschäftigt. Ryan Reynolds träft diesen extremen Solopart ganz alleine und hervorragend. Damit „Buried“ so gut funktioniert, haben allerdings auch Drehbuch und Schnitt sehr gut gearbeitet.

Machete



USA 2010 (Machete) Regie: Robert Rodriguez, Ethan Maniquis mit Danny Trejo, Robert De Niro, Jessica Alba, Steven Seagal 105 Min. FSK ab 18

Robert Rodriguez sorgte 1992 mit dem Low Budget-Film „El Mariachi“ für eine Sensation: Ein guter Mexiko-Western, für fast kein Geld gedreht, wurde international ein Hit. Danach macht er das teure Remake „Desperado“ (1995) und mit seinem Kumpel Tarantino „From Dusk Till Dawn“ (1995). Seitdem genießt Rodriguez scheinbar Narrenfreiheit. Neben Kinder-Action („Spy Kids“, „Das Geheimnis des Regenbogensteins“), härtesten Comics („Sin City“) oder Horror („The Faculty“) erlaubt er sich sehr sinnlose Spielereien wie das Grindhouse-Projekt mit Tarantino. Dreckige und billige Filmchen, wie sie früher in kleinen schäbigen Kinos (Grindhouse) liefen. In seinem Teil „Planet Horror“ baute Rodriguez einen Trailer für einen Film ein, den es damals noch nicht gab: „Machete“ zeigte den mexikanischen Action-Opa Danny Trejo mit seiner prägnanten Mimik bei hirnverbrannten Aktionen. Genauso geriet jetzt der tatsächliche Film, der reichlich Überlänge für einen Scherz hat.

Der mexikanische Austragskiller Machete (Danny Trejo) soll einen texanischen Senator (De Niro) im Wahlkampf erschießen, der Auftrag ist allerdings eine Falle - Machete wird als ausländischer Sündenbock gejagt, der Politiker zum Held hochgejubelt. Doch in einer aberwitzigen Folge unglaublicher - und unglaublich brutaler - Szenen entkommt der simple Schlächter immer wieder und rächt sich an den weißen Schurken.

Originell ist dieser überzogene Actionfilm nur in der Menge verschiedener Arten, Menschen umzubringen. Oder vielleicht noch darin, die Verhältnisse in Texas auf den Kopf zu stellen: Jeder Weiße steht unter Verdacht und erweist sich schließlich auch als Verbrecher, während die Mexikaner die besseren Menschen sind. Unglaublich vor allem, dass bei diesem Brutalo-Blödsinn, der immerhin einige Millionen gekostet hat, Schauspieler mit Rang und Namen mitmachen: Robert De Niro, Jessica Alba, Michelle Rodriguez, Don Johnson und Lindsay Lohan werden ihren Auftritt sicher noch in vielen peinlichen Zusammenschnitten bedauern können.

2.11.10

Carlos - Der Schakal


Frankreich, BRD 2010 (Carlos) Regie: Olivier Assayas mit Édgar Ramírez, Nora von Waldstätten, Alexander Scheer, Christoph Bach, Julia Hummer 187 Min.

Die Geschichte des Super-Terroristen Carlos wird im Vorspann bewusst als Fiktion ausgewiesen, wiewohl alle Taten des real in französischer Haft einsitzenden Verbrechers real sind. Das neueste, spannende Werk von Olivier Assayas („Clean“, „Demonlover“, „Irma Vep“) durfte im Mai in Cannes als Fernsehfilm nicht in den Wettbewerb. Dabei weiß man schon länger, dass TV oft hochwertiger als Kino ausfällt.

Wie auf Jobsuche bietet sich der junge Ilich Ramírez Sánchez Anfang der Siebziger selbst den Palästinensern an. Er hat ein Moskauer Diplom in Ökonomie, will aber auf seine Weise das Unrecht der Welt ausgleichen. Was er auch gerne ausführlich vielen Frauen erzählt. Demos ändern nichts, man müsse bewaffnet Widerstand leisten. Mit seinem neuen Kampfnamen Carlos begleitet er zuerst Aktionen anderer, meist stümperhafter Kämpfer. Drei Japaner wollen Kampfgenossen der „Roten Armee Japans“ freipressen, als die Verhandlungen stocken macht Carlos „Terror im algerischer Stil“: Er schmeißt zwei Handgranaten in Pariser Cafes, die jüdische Besitzer haben. Der arrogante Attentäter bewundert sich nach dem Mordanschlag nackt im Spiegel.

Als das europäische Netzwerk des bewaffneten palästinensischen Widerstands auseinander fällt, übernimmt Carlos die Führung, um den Friedensprozess Arafats zu boykottieren. Assayas erzählt im ersten Teil sogar spaßig: Da fliegt das Geschoss der Panzerfaust in Orly weiter am El Al-Flugzeug vorbei und kroatische Befreiungskämpfer reklamieren den Fehltreffer auf ein jugoslawisches Flugzeug umgehend für sich. Mit der Straßenbahn geht es zur revolutionären Geiselnahme bei der OPEC-Konferenz in Wien. (Ob sie eine Fahrkarte lösten, ist nicht zu sehen.)

Wie bei Soderberghs „Che“ besteht auch „Carlos“ aus zwei Teilen, die Aufstieg und Niedergang eines Revolutionärs zeigen. Sosehr vor allem die Musik einen „coolen“ Typen mit Waffe in der Hand vorführt, sosehr wird immer wieder der egozentrische Extremismus des Protagonisten vorgeführt: Carlos bittet mitten in eine Party mit Freunden aus Lateinamerika die französischen Polizisten zu einer Gegenüberstellung - um dann die Beamten und einen Verräter zu erschießen. Dieser meistgesuchte Feind vieler Staaten plant kaltblütig und mordet heißblütig. Vor allem erschießt immer wieder einmal zuviel. „Waffen sind eine Verlängerung meines Körpers“, meint er einmal. Ist er deshalb auch so erfolgreich auch bei den Frauen, die bei den Waffen ganz aufgeregt werden?

Aber auch als Frauenheld zeigt der Narzisst seine Menschenverachtung. Während der Wiener Geiselnahme nimmt sich der Film viel Zeit, um Carlos’ Denkweise in mehreren Gesprächen offen zu legen. Mit intellektueller Schärfe und unmenschlicher Härte wandelt sich der vermeintliche Idealist zu einem Söldner des internationalen Terrorismus.

Die immer packende Inszenierung von Assayas kann sich - auch in der fünfstündigen Langversion - auf den Hauptdarsteller Édgar Ramírez verlassen. Dank der aktiven Mitarbeit deutscher Zellen am Kampf der Palästinenser bekommen auch eine Reihe deutscher Darsteller eindrucksvolle Auftritte. Vor allem Christoph Bach funktioniert als Hans-Joachim Klein - mit dem Kampfnamen „Angie“ - als Gewissen und Gegenfigur, die noch zwischen Zionismus und Antisemitismus differenzieren kann und nach der Entebbe-Entführung entsetzt aussteigt.

Du schon wieder


USA 2010 (You Again) Regie: Andy Fickman mit Kristen Bell, Jamie Lee Curtis, Sigourney Weaver ca. 90 Min.

Viel Spaß mit den Spätfolgen von Schul-Mobbing: Dass Marni (Kristen Bell) glaubte, die Höllenqualen der Schulzeit seien endlich vorüber nachdem sie der Highschool entfloh, sich Kontaktlinsen zugelegte und super Karriere machte, war ein Trugschluss. Denn ausgerechnet der große Bruder, der Marni immer beschützen wollte, bringt unwissentlich die Rädelsführerin des Mobs von damals als Verlobte in die Familie. Joanna (Odette Yustman) tut zwar so, als wüsste sie von gar nichts, aber bald zeigt das Biest ihre Krallen und es kommt an irgendeiner dieser amerikanischen Vor-Vor-Feiern zur Schlacht am schleimigen Buffet. Und auch Marnis Mutter (Jamie Lee Curtis) sowie Joanas Tante (Sigourney Weaver) haben eine gemeinsame traumatische Schulvergangenheit. Danach fährt der Film allerdings erst recht seine schmierigen Seiten auf und so schlittern alle in eine krampfige Versöhnung. Merke: War doch alles gar nicht so schlimm. Sie wollte doch nur spielen und dein Leben für immer zerstören...

Von den grob überzeichneten Pickeln des Mobbing-Opfers bis zu den Familienfeierlichkeiten und dem endlosen „Es tut mir leid“-Finale: Die Künstlichkeit der Gefühle in diesem schlaffen Komödchen schreckt ebenso ab wie die schlampige Machart. Jamie Lee Curtis und Sigourney Weaver könnten neben den schauspielerischen Nullnummern glänzen, doch die einzige Regieanweisung lautete scheinbar „Grins’ doch mal schön blöde in die Kamera...“ Außerdem klingt die schreckliche Synchro so, als wenn auch dort schon niemand diesen Mist ernst nehmen konnte.

27.10.10

I Am Love


Italien 2009 (Io sono l'amore) Regie: Luca Guadagnino mit Tilda Swinton, Flavio Parenti, Edoardo Gabbriellini, Alba Rohrwacher 119 Min. FSK ab 12

Eine große Familiengeschichte. Der Weg einer besonderen Frau zu sich selbst und in die Freiheit. „I Am Love“ ist eines dieser Meisterwerke, vor denen man nur ergriffen dastehen oder dahin schmelzen kann. Tilda Swinton, die als Produzentin den Stoff elf Jahre lang mitentwickelt hat, glänzt als selbstvergessene russische Frau eines italienischen Patriarchen.

Im edlen Dekor kunstvoller Bilder zeigt der distanzierende Spiegel den flüchtigen Kuss für den Ehemann. Emma Recchi (Tilda Swinton) steuert mit aufmerksamem Blick und kleinen Gesten das Personal an diesem feierlichen Abend. Der Schwiegervater wird die Mailänder Stoff-Dynastie an die nächste Generationen weitergeben, an Emmas Gatten Tancredi Recchi (Pippo Delbono) und den gemeinsamen Sohn Edoardo (Flavio Parenti). Nach dieser Winterszene springt der Film in die sommerlichen Straßen Mailands und San Remos, in denen Emma Überraschendes über ihre Tochter Elisabetta Recchi (Alba Rohrwacher) erfährt und sich in einer Affäre mit Antonio Biscaglia (Edoardo Gabbriellini) dem Freund des Sohnes verliert. Die Liebe zu dem Koch bahnt sich über den Magen an, Emma ist begeistert von seinen Kreationen, die Erkundung einer Vorspeise wird zu einem magisch lustvollen Moment. Ein heimlich erwünschtes, aber trotzdem zufälliges Treffen zeigt die elegante Frau aus besten Kreisen völlig verwirrt und - nach einem unscharf gehalten Kuss - überglücklich. Dabei schafft es der sensationell sinnliche Film, das freie Glückgefühl der Verliebten dem Publikum durch ungewöhnliche Naturbilder und den prägnanten Musikeinsatz des Minimal-Music-Kompositionen John Adams zu vermitteln.

Mit seiner elliptischen Erzählweise schafft es Regisseur Luca Guadagnino, komplexe Vorgänge wie die Wandel im Geschäftsleben und in Beziehungen, ästhetisch brillant und emotional überwältigend darzubieten. Die opulenten Familienszenen im Stile eines Visconti, bei denen Gläser und Schmuck zeitweise ein Eigenleben gewinnen, die Ausstattung der Menschen wichtiger scheint als die Persönlichkeit. Dazwischen immer wieder irritierende Achsensprünge, lange Szenen ohne Sprache, bevor Sätze wie Vorschlaghämmer fallen. Das Finale dieser Film-Symphonie schließlich ein grandioses Gesellschafts-Ballett einer Flucht.

Tilda Swinton spielt die Gesellschaftsdame zwischen graziös und hingebungsvoll, dann nach einem tragischen Unfall ergreifend haltlos. Ebenso einnehmend dargestellt sind ihre Kinder: Der Sohn Edoardo, der die Firmengeschicke nicht mehr in Händen hält. Die Tochter Elisabetta, die ihr Glück in London in der Liebe zu einer Frau findet. Bis ins kleinste Detail überzeugt dieses satte Befreiungs-Drama: Emma entdeckt über ein Suppen-Rezept ihre russischen Wurzeln wieder, obwohl sie sich nicht mal mehr an ihren russischen Namen erinnerte. Ausgerechnet dieses doppelte Liebesgeschenk verrät sie, stößt den Sohn ins Verderben und die Türe zur Freiheit weit auf.

26.10.10

Takers


USA 2010 (Takers) Regie: John Luessenhop mit Chris Brown, Hayden Christensen, Matt Dillon 107 Min.

Schicke Gangster sollten klug sein, diese fallen aber durch überzogen modische Klamotten, prollig herausgestellten Luxus und arrogantes Gehabe auf. Böser Fehler! Denn bald sieht dieser Thriller besser aus als er funktioniert. Die Aktionen der Bank- und sonstwie Räuber bleiben trotz lauter Musik wenig spannend. Nur mit der üblichen Materialschlacht in dem zentralen Raubzug kann der Film etwas Eindruck schinden. Das finale Shoot Out mit russischer Wehmuts-Musik und Zeitlupe ist dagegen nur peinlich. Das Problem liegt in der schematischen Anlage dieses Heist-Movies, in dem man zahllose Vorbilder schnell wiedererkennt. Vor lauter Kopieren und Ausrechnen der Marktchancen wurde die Figurenentwicklung vernachlässigt. Die Familienprobleme von Gut und Böse wirken nur aufgesetzt. Selbst bekannte Gesichter wie Matt Dillon oder Paul Walker, die unter guter Führung mehr können, reißen diesen schon in der Blaupause vergeigten Anschlag auf die Kinokasse nicht mehr raus.

In ihren Augen


Argentinien, Spanien 2009 (El Secreto De Sus Ojos) Regie: Juan José Campanella mit Ricardo Darín, Soledad Villamil, Carla Quevedo, Pablo Rago 129 Min. FSK ab 12

Die Oscar-Favoriten der etwas vergreisten amerikanischen Film-Academy gefallen in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ traditionell eher durch großen Rührfaktor als mit mutiger Filmkunst. Der „Auslands-Oscar“ für die Produktionen des Jahres 2009 jedoch überzeugte in jeder Hinsicht: „In ihren Augen“ ist im Hintergrund klassisches Politdrama über die Gewalt der Militärdiktatur Argentiniens. Aber auch spannender Krimi, ergreifende Liebesgeschichte und vor allem ein immer wieder überraschender, exzellenter Film.

Der pensionierte Justizbeamte Benjamín Espósito (Ricardo Darín) zeigt sich als rüstiger Rentner: Er hat immer einen flotten Spruch auf den Lippen für die Frauen und die ehemaligen Kollegen. Doch zuhause findet er nicht die Worte für den Roman, der einen ungelösten Fall nacherzählen soll. Und in der Nacht schreibt er auf einen Zettel „Temo“ - Ich habe Angst!

Kurz vor dem Tod und damit dem Ende der zweiten Amtszeit des Präsidenten Perón im Jahre 1974 untersuchte Benjamín Espósito in Buenos Aires erschüttert den Tatort von Vergewaltigung und Mord an einer jungen Frau. Zwar ließ ein rechter Kollege ein Geständnis aus zwei unschuldigen Bauarbeitern herausprügeln, doch erst die intensive Recherche führte Benjamín auf die Spur des Täters. Dessen Blicke auf alten Fotos mit dem Opfer verrieten ihn. Aber der Mörder Isidoro Gómez (Javier Godino) konnte immer wieder fliehen. Der lächerliche Chef ließ den Fall zu den Akten legen, nur die jüngere Staatsanwältin Irene Menéndez Hastings (Soledad Villamil) unterstützte Benjamín. Wohl auch, weil ihr Blick versteckte Gefühle verriet.

Als Benjamín Gómez im Fußball-Stadion des heißgeliebten Racing Clubs fassen konnte, war es auch Irene, die den Verdächtigen bei seinen Leidenschaften packte und ihn in einer atemberaubenden Szene raffiniert provozierte, die Hosen runter zu lassen. Aber der Inhaftierte tauchte bald an der Seite der neuen Präsidentin (und Marionette der Paramilitärs) Isabel Perón auf. Benjamíns Assistent und Freund wurde ermordet, er selbst musste in die Provinz fliehen, bevor er Irene seine Gefühle gestehen konnte. Die Zeiten hatten sich wieder einmal gewandelt. Die Brutalität des Mordes an der jungen Frau war Vorzeichen für Folter, Vergewaltigung und Mord einer rechten Regierung, die schamlos ihre Macht raushängen lässt.

Wie es neuerlich auch deutsche Justiziare tun, versucht Benjamín Espósito, seine Erinnerungen aufzuschreiben. Das erweist sich nicht nur wegen der alten Olivetti mit dem defekten A als Problem. Die Schreibmaschine ist eine Quelle des Humors, der immer wieder in diesem exzellenten Drama auftaucht. Dazu begeistert der Oscar-Sieger „In ihren Augen“ flotten Dialogen voller Raffinesse und mit eindrucksvollen Schauspielern, die auch Nebenfiguren sehr interessant gestalten.

Dass Benjamíns Probleme der Erinnerung nach zwanzig Jahren keine einfache Schreibblockade, sondern ein gesellschaftliches Tabu sind, scheint offensichtlich. Intensiv nachfühlbar kristallisiert sich das Nachdenken über Formen der Justiz in der Geschichte. Auf allen Ebenen arbeitet der Regisseur und Autor Juan José Campanella mit exzellenten Bildern: Die scheinbar alberne Manie Irenes, ihre Bürotüre je nach privater oder dienstlicher Situation zu schließen, entwickelt sich zu einer starken Metapher. So gelang „In ihren Augen“ auf allen Ebenen spannend und liefert auch erzählerisch einen sehr schönen Schluss, wenn sich das „Temo“ (Ich habe Angst) mit nur einem Buchstaben mehr in ein „Te amo“ (Ich liebe dich) verwandelt.

R.E.D.


USA 2010 (RED) Regie: Robert Schwentke mit Bruce Willis, Morgan Freeman, John Malkovich, Helen Mirren, Mary-Louise Parker 111 Min.

Robert Schwentke ist unter den gar nicht wenigen neuen deutschen Hollywood-Regisseuren der erfolgreichste. Während viel Nachwuchs sich im Horror die Finger schmutzig macht, sammelt Schwentke beeindruckende Projekte mit großen Stars. Seit dem heftigen Thriller „Tattoo“ (2002) und der ebenso klugen wie frechen Kranken-Komödie „Eierdiebe“ (2003) drehte er mit Jodie Foster „Flight Plan - Ohne jede Spur“ (2005), mit Eric Bana „Die Frau des Zeitreisenden“ (2009) und nun mit einer ganzen Riege von Hollywood-Größen den Action-Spaß „R.E.D.“. Mit dabei ist immer der Kameramann Florian Ballhaus, Sohn der Legende Michael Ballhaus.

„R.E.D.“ startet fast gemächlich mit dem einsamen Ruheständler Frank Moses (Bruce Willis), dessen Leben sich um Fürsorge für einen Avocado-Kern und regelmäßige Telefonate mit der netten Sarah (Mary-Louise Parker) vom Call-Center dreht. Bis Frank, noch im Morgenmantel, problemlos drei schwer bewaffnete Angreifer umlegt. Kurz darauf wird sein Haus von Kugeln durchsiebt und pulverisiert, aber er ist schon unterwegs nach Kansas City. Dort findet ihn die sehr überraschte Sarah in ihrer Wohnung, er hat schon ihre Tasche gepackt und auch gestaubsaugt. Die will gar nicht mit einem Unbekannten verreisen, doch eine neue Horde von Killern, sowie Klebeband auf dem Mund helfen nach.

Es bleibt in der sehr raschen Entwicklung rätselhaft, weshalb der ehemalige und berüchtigte CIA-Mitarbeiter Frank Moses verfolgt wird. Seine sehr spinnerten Aktionen jedoch, die er mit äußerster Selbstverständlichkeit (amerikanisch: Coolness) hinlegt, unterhalten vortrefflich. Herrlich abstrus auch die Reaktionen der erst entführten, aber von dem ganzen Geheimdienst-Geballere immer mehr begeisterten Sarah: Sie erwartete nicht, gekidnappt oder betäubt zu werden, und sie hoffte, das er Haare habe, aber dies sein nicht mal ihr schlechtestes erstes Date! Der eigentlich recht schüchtern Verliebte fragt sich mitten im Feuergefecht schon mal, ob sie ihn wirklich wolle, und tritt dann einfach mal den Rigips neben einer Panzertür ein, wenn er den Geheimcode der zu erstürmenden CIA-Zentrale nicht mehr kennt.

Mit diesem ungleichen Pärchen, flotten Dialogen, gutem Tempo und einem anständigen Polit-Thriller im Hintergrund - demnächst auf Wikileaks - hätte die Comicverfilmung „R.E.D.“ ihr Soll längst erfüllt. Die Action-Komödie sammelt auf der Flucht jedoch zusätzlich noch eine Handvoll ebenso irrer Figuren auf: Morgan Freeman gibt den ehemaligen CIA-Vorgesetzten, der nicht im Altersheim sterben will. John Malkovich ist die Krönung als paranoider Marv, der jahrelang mit LSD behandelt wurde. Auch die schießwütige ehemalige MI6-Agentin Victoria (Helen Mirren) bereichert den Film mit ihrer eigenen Geschichte. Wer ihre große Liebe war, von der sie sich mit drei Schüssen in die Brust verabschieden musste, verrät erst das Finale zwischen etwas langatmigen Action-Routinen.

Richard Dreyfuss gibt einen angefetteten Industriellen, der die US-Regierung als eigene Firmenabteilung ansieht. Brian Cox sorgt als Ex-KGBler Ivan Simanov beim Wodka-wehmütigen Treffen mit Frank Moses für besonders viel Spaß. Und auch das Wiedersehen mit Western-Legend und Airwolf-Assistenten Ernest Borgnine macht viel Freude. Ein paar Wochen nach der überflüssigen Senioren-Stallone-Action „Expendables“ schießt sich dieser reife und frische Film mit Figuren und Geschichten, die sich nicht zu ernst nehmen, auf die gleiche Humor-Höhe wie Eastwoods „Space Cowboys“. Der Stuttgarter Robert Schwentke katapultierte sich damit gekonnt noch mehr ins Rampenlicht des Hollywood-Films.

Sammys Abenteuer - Die Suche nach der geheimen Passage (3D)


Belgien 2010 (Sammy's Avonturen: De Geheime Doorgang) Regie: Ben Stassen 86 Min. FSK o.A.

Ein Bio-Film, der schmeckt wie papierne Vollkorn-Nudeln und bei dem harte Kanten zusammen mit bösen Überraschungen auch noch die letzten Hoffnungen auf nettes Filmvergnügen aussterben lassen: „Sammys Abenteuer - Die Suche nach der geheimen Passage (3D)“ beweist vor allem die Beherrschung von digitaler 3D-Animation in schönen Unterwasser-Passagen. Die Figurenzeichnung wird dagegen böse vernachlässigt. Wortwörtlich in den plumpen Gesichtern der Tiere und übertragen in den lieblos entworfenen Charakteren.

So wird einem die 50-jährige Reise der Grünen Meeresschildkröte Sammy (Buch: Domonic Paris) vom kalifornischen Strand in den Pazifik, durch den Panama-Kanal in den Atlantik und wieder zurück arg lang(weilig). Zwar regnet es mal Schweröl auf die Korallen, zwar droht eine Plastiktüte Sammy zu ersticken und auch Greenpeace hat einen Einsatz gegen Walfänger, doch diese Öko-Lerneinheiten bleiben aufgesetzt. Zudem erfahren wir Grundlegendes nicht: Wie Schildkröten atmen und dass sie sich in ihrem Panzer verstecken könnten. Da erzählt die kleine Schildkrötenepisode aus „Findet Nemo“ viel mehr und das Meisterwerk „Ponyo“ verknüpft vorbildlich universale Einsichten mit bester Unterhaltung.

Die tatsächlich eindrucksvollen 3D-Unterwasserwelten der kreativen Brüsseler Animations-Schmiede nWave von Ben Stassen, der bei den „Rides“ für Freizeitparks Markführer war, bleiben eine oberflächliche Show mit einigen Schreckmomenten, die nicht (klein-) kindgerecht sind.

19.10.10

Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt


USA 2010 (Scott Pilgrim Vs. The World) Regie: Edgar Wright mit Michael Cera, Alison Pill, Mark Webber 112 Min.

Ein Comic-Roman von Bryan Lee O'Malley ist die Grundlage dieser Geschichte von Scott Pilgrim (Michael Cera). Das erklärt einiges, aber kaum all die vielen Stilelemente. Im Prinzip lernt der sehr nerdige Teenager, dessen Haupteigenschaft eine weinerliche Stimme zum passenden Gesicht ist, seine Traumfrau Ramona (Alison Pill) kennen und muss sich mit deren sieben üblen Ex-Freunden auseinandersetzen. Das geschieht im Stile eines von Bollywood-Musicalelementen und anderen Genre-Zitaten verseuchten Videospiels. Gleichzeitig kämpft Scotts talentfreie Band in einem Wettbewerb und damit hat sich die Handlung schon erledigt.

Aufgefüllt wird der Teen-Film mit animierten Geräuschen, Text-Einblendungen und skurrilen Szenen. Ein witzig-wilder Stilmix, der auch mal auf TV-Soap macht, während sich die Erzählung an den sieben Kämpfen entlang hangelt. Wenn das im zweiten Kampf noch wie Karikatur wirkt, zeigt es sich in der Wiederholung als Haupt-Bestandteil des Films. Abgesehen vom Spaß am heftig bewegten Bild wirkt vieles wie eine Einführung ins Action-Kino für nerdige Anti-Helden. Doch trotz aller frischen Gimmicks dreht sich alles um Boy-meets-Girl. Die junge Beziehung muss sich nicht nur der tödlichen Exen erwehren. Man hat öfters das Gefühl, Scott und Ramona wollen einfach nur zusammen nach Hause und den Overkill an Effekten abstellen.

Ondine - Das Mädchen aus dem Meer


Irland, USA 2009 (Ondine) Regie: Neil Jordan mit Colin Farrell, Alicja Bachleda-Curus, Alison Barry, Stephen Rea 111 Min.

Es ist eine grandiose Irland-Geschichte zwischen Fabel und Thriller, die Neil Jordan („Mona Lisa“) da mit „Ondine“ ins Netz gegangen ist. Oder gehen wir ihm ins Netz, wenn wir lange rätseln, ob der Autor und Regisseur hier ein Märchen erzählt...

Kurz darf man den Salzgeschmack der irischen Meeresküste schmecken, da geht dem Fischer Syracuse (Colin Farrell) eine junge Frau ins Netz. Eine Meerjungfrau? Das panische junge Wesen (Alicja Bachleda-Curus) hat auf jeden Fall keinen Namen und möchte von keinen anderen Menschen gesehen werden. Erst einen Tag später, nachdem Syracuse sie in seiner abgelegenen Hütte untergebracht hat, will sie Ondine genannt werden und sorgt mit einem Gesang in fremder Sprache für sagenhaften Fang.

Zwischendurch kümmert sich der raue Seemann Syracuse rührend um seine zuckerkranke Tochter Annie (Alison Barry), fährt sie zur Dialyse, erzählt ihr Geschichten. Dass hinter seinem Märchen von der Meerjungfrau mehr steckt, ahnt das ebenso lebenslustige wie hochintelligente Mädchen schnell. Sie informiert den Vater auch, dass es zu jeder Nixe einen eifersüchtigen Mann gibt, der sie wieder in die Tiefen zurückziehen will. Und schon taucht ein düsterer Fremder im kleinen Fischerdorf auf. „Verquerer und verquerer!“ zitiert Annie „Alice im Wunderland“. (Curiouser and curiouser! im Original, das unbedingt vorzuziehen ist!) Und tatsächlich häufen sich die wundersamen Ereignisse. Oder sind es alles Zufälle, die in den Augen eines fantasievollen Wesens märchenhaft erscheinen?

Neil Jordan, der mit „The Crying Game“ eine politische Irland-Geschichte erzählte und auch mal Märchen wie „Die Zeit der Wölfe“ oder „Interview mit einem Vampir“ drehte, gelingt mit „Ondine“ eine geniale Vermengung von Geschichten. Über fein gesponnen komödiantische und doppelsinnige Dialoge changiert die Welt um Syracuse dauernd zwischen Märchen und rauer Realität. Denn der Fischer (Colin Farrell - kaum wieder zuerkennen) ist trockener Alkoholiker, wie aus den köstlichen Gesprächen mit seinem Freund und Priester (Crying Game-Star Stephen Rea) hervorgeht. Aber trotz seiner Fürsorge bleibt das Sorgerecht für Annie bei der saufenden Mutter Maura (Dervla Kirwan) und ihrem verdächtigen Partner.

Der Ire Jordan und sein genialer ozeanisch-asiatischer Kameramann Christopher Doyle begeistern mit ungewöhnlichen Perspektiven und den schönsten Irischgrün-Tönen, die eine Kamera einfangen kann. Sie reihen eine Perle der Bildgestaltung an die nächste. Ein Bilderbuch-Märchen für sich! So ergibt sich ein ungemein dichtes Meisterwerk, das ganz real ein Thriller wird, psychologisch sehr klug gestrickt ist, Sigur Rós eine entscheidende Rolle gibt und viel zu märchenhaft ist, um es auf eine Kritik zu reduzieren.

18.10.10

Wall Street: Geld schläft nicht


USA 2010 (Wall Street: Money Never Sleeps) Regie: Oliver Stone mit Michael Douglas, Shia LaBeouf, Josh Brolin, Carey Mulligan, Eli Wallach, Susan Sarandon, Frank Langella 134 Min. FSK ab 6

„Wall Street: Geld schläft nicht“ verbindet den weltweiten Zusammenbruch des Bankensystems mit einem Familiendrama: Der junge Aktien-Händler Jake Moore (Shia LaBeouf) erlebt hautnah mit, wie zuerst seine alte Investment-Firma wegen fauler Kredite hopps geht und danach der ganze Bankensektor plötzlich astronomische Beträge von den Regierungen hinterher geworfen bekommt. Wer hinter den Kulissen die Fäden zieht, erklärt ihm niemand anders als der legendäre Aktien-Zocker Gordon Gekko (Michael Douglas), der wegen Insider-Handels im Knast saß. Im Tausch für diese Informationen soll ihn Jake mit seiner Verlobten Winnie (Carey Mulligan) wieder zusammenbringen. Winnie ist Gekkos Tochter, verachtet ihn aber, seit ihr Bruder sich umgebracht hat, ohne dass der Vater helfen konnte. Parallel zu dieser schwierigen Familienzusammenführung werden Intrigen geschmiedet, gerät ein Erbe von 100 Mio. Dollar in falsche Hände und kämpft ein Forschungsprojekt für regenerative Energien ums Überleben.

Gordon Gekko ist zurück aus dem Knast und Oliver Stone drehte wieder an der Wall Street. Die Fortsetzung „Wall Street: Money never sleeps“ schlachtet nach 23 Jahren die nahezu prophetischen Analysen über kannibalisierende Finanzmärkte aus dem Erfolg „Wall Street“ aus. Ein wenig viel für einen Film, der moralisch und filmisch überzeugen will. Denn Oliver Stone versucht nicht nur – mehr schlecht als recht – den Banken-Crash zu erklären, er macht auch auf grüne Energie-Politik und Romanze. Man erwartete Anklagen oder sogar Antworten von dem Regisseur, der sich seit „Geboren am 4. Juli“ politisch gibt. Doch Oliver Stone ist auch der Autor von „J. F.K.“, dem Film über das Kennedy-Attentat, bei dem einem auf bis dahin ungekannte Weise der Schädel brummte, aber man keinen Deut schlauer war nachher. Und ähnlich geht Stone auch „Wall Street 2“ an. Viele Gestaltungs-Gimmicks und schwierige Worte wie Derivate schwirren ebenso herum wie rein dekorative Kurs-Charts und Torten-Diagramme, die durch die Hochhausschluchten Manhattans schweben. Wirklich entlarvend ist Stone dabei nur einmal, als er bei einer Wohltätigkeits-Gala minutenlang allein den schweren Schmuck der Damen zeigt. Ansonsten ist Michael Moores „Capitalism: A Love Story“ nicht nur aufschlussreicher in Sachen Bankenkrise, die Doku unterhält auch besser als der Spielfilm „Wall Street 2“.

„Wall Street: Money never sleeps“ war nicht unbedingt das persönliche Projekt vom dreimaligen Oscar-Gewinner Stone. Er stieg erst 2009 ein und übernahm das Drehbuch des ehemaligen Aktienhändlers Allan Loeb. Das überzeugende Ausschlachten der Legende „Wall Street“ scheitert auch am Rest der Besetzung: Wer ist dieser Niemand auf dem riesigen Plakat neben Michael Douglas, werden sich viele gefragt haben? Aber Shia LaBeouf („Transformers“) hält sich ganz wacker neben dem alten Fuchs Douglas. LaBeouf mit dem jungen Tom Cruise zu verwechseln, wäre jedoch völlig überzogen. Er spielt die Rolle, die keine höchsten Ansprüche stellt, nur anständig. So darf man dem Film sein berühmtestes Zitat vorhalten: „Greed is good“ (Habgier ist gut - in diesem Fall ist die Habgier der Filmproduzenten als Hauptmotiv unübersehbar.

Banksy - Exit Through The Gift Shop


Großbritannien 2010 (Exit Through The Gift Shop) Regie: Banksy 86 Min.

Banksy, der weltbekannte Street Art-Künstler, inszenierte mit „Exit Through The Gift Shop“ einen Film, der raffiniert zwischen amateurhafter Dokumentation und Mockumentary wechselt. Die Aufnahmen eines verrückten Franzosen aus Los Angeles, der sich mit naiver Begeisterung in die internationale Street Art-Szene stürzt, landen angeblich bei Banksy, der sie darauf im zweiten Teil zur humorvollen Demontage des Kunstbetriebes montiert. „Ein Film über einen Mann, der versucht hat, einen Film über mich zu drehen“, so beschreibt Banksy seinen ersten Spielfilm.

Banksy ist ein international gefeierter Street Art-Künstler. Bekannt sind seine Schwarzweißbilder von sich küssenden Polizisten und Straßenkämpfern, die mit Blumen werfen. Im Westjordanland bemalte der Brite die monströse Mauer der Israelis mit künstlerischen Durchbrüchen. Mittlerweile sind seine Guerilla-Arbeiten, die in meist nächtlichen Aktionen mit unterschiedlichsten Materialien im Öffentlichen Raum erstellt wurden, in Museen wie dem MoMA oder der Tate Modern zu sehen.

Wie Street Art selbst spielt auch „Exit Through The Gift Shop“ mit der Wahrnehmung der Zuschauer. Der erste Film Banksys sieht erst einmal aus wie eine Dokumentation: Wir erleben den französischen Boutiquenbesitzer Thierry Guetta aus Los Angeles, der schon immer alles gefilmt hat, was ihm vor die Linse kam. Als er irgendwann Street Art entdeckt, weil der bekannte Künstler Invader sein Neffe ist, dringt er immer mehr in die Szene rein, lernt viele der Stars wie Shephard Fairey kennen und findet in dieser Dokumentation ein Ziel für die emsige Aufnahme seiner Umwelt.

Der ungeschickte Trottel Thierry, bei dem man befürchten muss, dass er bei einer Klebeaktion vom Dach fällt, ist selbst dabei, wenn Banksy eine Guantanamo-Szene in Disney Land nachstellt und Panik bei der Security auslöst. Er schafft es sogar, das Filmmaterial heraus zu schmuggeln. Doch all dieses Material stapelt sich nur in Thierrys Wohnung. Eine hektisch zusammengehauene Schnittfassung für Banksy, der das Projekt eigentlich unterstützen wollte, erweckt bei diesen den Eindruck „einer Person mit geistigen Problemen und einer Kamera“. Also übernimmt Banksy die Regie und wir erleben nun, wie Thierry selber zum Künstler Mr. Brainwash wird, beziehungsweise die vorher dokumentierten Street Artisten ziemlich dreist und platt kopiert.

Zu sehen, wie ein Idiot Erfolg hat, wie er eine Mega-Ausstellung trotz aller Probleme zum Event macht, liefert eine andere Art von Humor. Der Spaß an einer innovativen Kunstform mit ihren schillerenden Aktionisten macht Platz für eine deftige Farce des Kunstbetriebes, dem man scheinbar alles andrehen kann. Das ist im zweiten Teil dann ein klares Statement des Künstlers Banksy, der sich mit seiner Anonymität diesem Zirkus teilweise entzieht.

Auf seiner Website banksyfilm.com nennt Banksy sein Werk „The worlds first Street Art disaster movie“ - den ersten Street Art Katastrophen-Film! Der Film ist zumindest in Teilen so wie die Produktionsfirma heißt: Paranoid. In Thierry hat er eine Haupt- und Witz-Figur, die zu duchgeknallt ist, um nicht echt zu sein.

14.10.10

Tati erobert Gent




Gent. Museale Präsentationen zu Film-Regisseuren bieten meist nette Details und Erinnerungen an den Künstler. Die gestern in Gent eröffnete kongeniale Ausstellung zum französischen Komiker Jacques Tati (1908–82) lässt nicht nur seine bekannten Filme wie „Die Ferien des Monsieur Hulot" oder „Tatis Schützenfest" wieder aufleben, man wird direkt in seine eigenartigen Filmwelten versetzt. „Jacques Tati: Deux Temps,Trois Mouvements" ist bis zum 16. Januar 2011 im Genter Caermersklooster zu sehen. Das Filmfestival Gent zeigt noch bis zum 23. Oktober parallel die Filme Tatis.


Die französische Theater-Regisseurin Macha Makeieff kurierte die Ausstellung und wollte vor allem erfahrbar machen, „wie modern Tati schon damals war, wie seine Filme vom Wandel in die Moderne zeugen." Makeieff ist entfernt mit dem als Jacques Tatischeff geborenen Regisseur verwandt, frühe Begegnungen mit ihm hinterließen einen großen Eindruck. Deshalb führt sie die Besucher vom fertigen Werk, den nur sechs Langfilmen, die in dreißig Jahren entstanden, zu Tatis Anfängen. Er kam von der Music Hall, tourte Anfang der Dreißiger Jahre mit seinen Sportimitationen durch Europa. Es begeistert die Kuratorin immer noch, wie er Komik aus einfachen Situationen und Gegenständen erzeugte.


„Hulot, das bin ich teilweise, aber das seit auch ihr allemal."


Nicht nur sein Monsieur Hulot ist berühmt. Sobald ein etwas hektischer oder verwirrter Postbote im Film auftaucht, ruft man schnell „Tati-Zitat!" Aber tatsächlich ist der Berufskollege in „Amélie" eine kleine Hommage. Selbst David Lynch bewundert Tati und hat in seiner ruhigen Ballade „The straight story" die Szene kopiert, in welcher der Postbote ein Feld von Radrennfahrern überholt. Lynchs Held wird in einer noch hektischeren Zeit mit seinem reisenden Rasenmäher diesmal von der Straße gedrängt. Auch Steven Spielberg verweist ausdrücklich auf den Einfluss Tatis: Die Naivität und verblüffende Findigkeit, mit der Tom Hanks sein Leben in „The Terminal" einrichtet, sei vom französischen Komiker inspiriert. Ebenso die Zweckentfremdung der Möbel.


Tatis Vater fertigte noch Bilderrahmen in Paris. Ein Rahmen, den Jacques sprengte und gleichzeitig mit neuen Inhalten füllte. Der Sohn hat den französischen Film revolutioniert, weil er im Gegensatz zu dialoglastigen Vorgängern Komödien auf die Leinwand zauberte, die ohne Sprache weltweit verstanden wurden. Sprache war in Tatis Filmen immer nur ein Geräusch unter vielen. Damit ist Tati gestisch ein Verwandter von Chaplin und Buster Keaton, müht sich aber in seinem Quixote-Feldzug an anderen Windmühlen, anderen Modernen Zeiten ab. Die spezielle Poesie der Tati-Filme, die Generation nach Generation beglückt, trägt unter der leichten Oberfläche der gefühlvollen Komödie eine klare Kritik an menschen-unfreundlichen Auswüchsen der Moderne. Schon Jahrzehnte vor den Crazy Walks der Monty Python hatte dieser verrückte Franzose einen unverwechselbar staksigen Gang, der dauernd irgendwo anzuecken drohte. Aber meist ging es gut. Und falls nicht, hatte das Chaos des Monsieur Hulot immer reinigende Wirkung.

Die Sammlung von Szenen, Requisiten, Möbeln und Momenten aus Tati-Filmen in Gent bietet mit ihrer offenen Struktur immer neue Perspektiven und Einblicke. Makeieff freut sich vor allem auf das Publikum, weil es sich in dieser Umgebung selbst in einer Art tatiesker Inszenierung zum Teil der Ausstellung macht. Schon bei der Vorbesichtigung spielten eine Reihe von übrig gebliebenen Leitern und eine Putzfrau vortrefflich bei diesem Konzept mit. Man betritt die labyrinthische Bürosituation aus Tatis spätem Meisterwerk „Playtime" (1968), die Schwingtüre, nach deren intensiver komödiantischer Benutzung man regelrecht am Boden liegt, führt in den nächsten Teil – oder auch nicht.

Die Ausstellung besteht aus einem farbigen und einem Teil in Schwarz-Weiß. Das Event Tati erschließt sich in umgekehrter Reihenfolge: Erst werden die Filme wieder ins Gedächtnis gerufen, dann erst ist der junge, akrobatische Tati zu erleben. Tati sagte selbst, sein Star seiner Filme sei vor allem das Dekor. So kann man bestaunen, wie aktuell die zivilisationskritischen Entwürfe aus den Fünfzigern bis Siebzigern heute noch sind. Die Möbel aus dem damals futuristisch unbequemen Appartement von Herrn und Frau Arpel („Mon Oncle") wurden übrigens kürzlich wieder herausgebracht. Generell lehnt sich die Ausstellung an Tatis Stil an, indem sie Text weitgehend vermeidet und visuell arbeitet. Nach diesem Erlebnis wird man einiges in unserer modernen Zeit als tatiesk erkennen.



Wie sein von amerikanischer „rapidite, rapidite" begeisterte Postbote im „Schützenfest" war auch Tati angetan von technischer Entwicklung: Er versuchte diesen Film mit einem neuen französischen Farbfilm – in Konkurrenz zum amerikanischen Material – zu drehen. Und scheiterte. Erst nach seinem Tod konnten die Negative richtig entwickelt werden. „Playtime" war der erste französische Spielfilm, der auf 70mm gedreht wurde. Und eine finanzielle Katastrophe: Die bis zur Absurdität moderne Stadt wurde komplett als Kulisse gebaut und sorgte für den Ruin des Regisseurs. Doch noch heute ist die Vision ein Lehrstück für Architektur und Design. Wie modern der Regisseur war, zeigt diese Ausstellung.



37. Ghent International Film Festival

Das A-Festival mit dem Schwerpunkt Filmmusik zeigt über 125.000 Besuchern bis zum 23.10. in Wettbewerb und Nebensektionen circa 150 aktuelle Filme aus aller Welt. Zum Abschluss werden die World Soundtrack Awards an die besten Filmmusik-Komponisten der Welt verliehen.

www.filmfestival.be




„Jacques Tati: Deux Temps,Trois Mouvements"

15/10/2010 - 16/01/2011

Caermersklooster - Provincial Cultural Centre

Vrouwebroersstraat 6, 9000 Ghent.

Tel.: +32 (0)9 269 29 10.

http://www.Caermersklooster.be



12.10.10

Reine Fellsache - Jetzt wird's haarig!


USA, 2010 (Furry Vengeance) Regie: Roger Kumble mit Brendan Fraser, Brooke Shields, Matt Prokop, Ken Jeong ca. 90 Min.

Oh, diese Natur! Lauter sprechende Tiere, die komische Grimassen machen. Diesmal vergnügen zum Glück keine sprechenden Tiere, zumindest sprechen sie nicht mit menschlicher Sprache. Höchstens mal mit komischen Sprechblasen aus Filmbildern. Oh, diese Natur, sagt Dan regelmäßig, wenn er morgens sein Musterhaus mitten im Wald verlässt. Doch statt einer kleinen Siedlung im Grünen, die in drei Monaten hochgezogen wird, soll der ganze Wald platt gemacht werden, was Dan mit Frau und reichlich frustriertem Sohn für vier Jahre in der Pampa festnagelt.

Doch die Bauunternehmung hat die Rechnung ohne die Tiere gemacht, die schon im Vorspann lässig einen Porsche-Heini erlegt haben. Unter Führung des Waschbären wird Dr. Doolittle auf den Kopf gestellt. so brutal hat die Natur nicht zurück geschlagen seit der „Mäusejagd“ von Gore Verbinski. Die Rache durch Tier-Terror beginnt mit einer Elster die Poes Rabe imitiert, dann gibt es Stinktier-Attacke und Dixi-Klo-Marinade für Dan. Die verrückten Reaktionen des Naturschänders wider Willen verlangen eine etwas simple Natur, doch es ist schon grandios, wie Brendan Fraser mit seiner Mimik den Tier-Grimassen trotz. Der schön blöde Slapstick im Stile von Bug Bunny und Elmer hat bei der Animation von Mimik und tödlichen Blickwechseln sicher richtig Spaß gemacht. Dieser springt auch sofort aufs Publikum über. Die menschelnde Geschichte von Dans Sohn und seiner Öko-Freundin Amber stört den Wild-Spaß ebenso wie der finale Familienkitsch.

11.10.10

Im Oktober werden Wunder wahr


Peru, Venezuela  2010 (Octubre) Regie: Daniel Vega, Diego Vega mit Bruno Odar, Gabriela Velásquez, Carlos Gassols, María Carbajal 93 Min.

Ein wundersamer Fund bringt das Leben des peruanischen Geldverleihers Clemente (Bruno Odar) durcheinander: Das Findelkind in seiner Wohnung stört bei dem genauen Abzählen und Notieren, deshalb soll die religiöse Nachbarin Sofia (Gabriela Velásquez) helfen. Nur zu gern sagt die ältere Frau zu, die schon immer ein Auge auf Clemente geworfen hat. Der forscht derweil bei wohl bekannten Prostituierten nach dem Ursprung des Kindes, wird aber immer wieder neu reingelegt. Meist schweigsam spielen sich die Veränderungen in der kleinen zwei Zimmerwohnung ab. Irgendwann zieht sogar noch ein bedürftiges altes Paar in die kärgliche Behausung. Doch Sofia sorgt für alle.

Wie sich Clemente öffnet und verändert, ist ein kleines Wunder. Ebenso die Wirkweise des Films, der sehr ruhig und konzentriert völlig Unspektakuläres mit fast unscheinbaren Figuren erzählt. Da diese Menschen aber nicht als irgendwelche Typen strahlen, kann man sie genauer betrachten und trotz ihre Sprödigkeit sogar ins Herz schließen.

Die etwas anderen Cops


USA 2010 (The Other Guys) Regie: Adam McKay mit Will Ferrell, Mark Wahlberg, Eva Mendes, Michael Keaton 107 Min. FSK: ab 12

Nach noch so einer materialmordenden Verfolgungsjagd stürzen die beiden Super-Cops vor lauter Hybris ab. Die freiwerdenden Posten als Stars der New Yorker Polizei könnten Allen (Will Ferrell) und Terry (Mark Wahlberg) übernehmen. Doch der eine ist Bürohengst, ein Klugscheißer mit absurder Logik und keinerlei Interesse, den Schreibtisch zu verlassen. Allen fährt Prius, hört Little River Band und ist auch ansonsten der absolute Anti-Cop. Sein hyperaktiver, aggressiver Partner Terry hingegen hat im Übereifer einen wichtigen Spieler der Yankees angeschossen und sich damit zum Feind jedes New Yorkers gemacht. Irgendwann zwingt er seinen Partner mit vorgehaltener Waffe zum Einsatz. Das geht zwar schief, aber Allens Papierarbeit führt zu einem riesigen Finanzschwindel. Noch erstaunlicher ist allerdings, dass der blasse Langeweiler von Superfrauen umgeben ist.

„Die etwas anderen Cops“ schießen die Lacher mit in der Mehrzahl absurden Szenen ab, die oft sogar Spaß machen. Die Regiearbeit von Adam McKay ist nach „Die Stiefbrüder“ (2008), „Ricky Bobby - König der Rennfahrer“ (2006) und „Anchorman - Die Legende von Ron Burgundy“ (2004) für Farrell ein Heimspiel. Wahlberg bleibt in seiner üblichen ernsten Rolle und wirkt plötzlich albern. Michael Keaton kommt sehr subtil komisch als Captain, der dauernd unwissentlich TLC zitiert. Aber irgendwann versucht die Handlung das Kommando zu übernehmen - das ist dann überhaupt nicht anders als bei jedem anderen Cop-Movie. Bis auf den Abspann, der erstaunlich einfach klar macht, wie jeder USA-Bürger die Pleiten und Gewinne der Banken bezahlt. Wie das auch für Deutschland synchronisiert?