31.5.11

Rubber DVD

Splatter-Komödie

Regie: Quentin Dupieux

Nix Senna, nix Schumacher oder alte Schuh-Vettel: „Rubber" von Quentin Dupieux ist eine ebenso filmphilosophische wie trashige Komödie, in dem ein abgefahrener Reifen mörderischer Hauptdarsteller ist: „Der beste Killerreifen-Film, den Sie je gesehen haben!" lautet die „tag line" und nie war Werbung wahrhaftiger. In irgendeiner amerikanischen Wüste versammeln sich Zuschauer um in einem 360-Grad Open Air die Geschichte von Robert zu verfolgen. Robert ist ein Reifen, der einsam durch die Gegend rollt, aber mit Hilfe seiner telepathischen Kräfte so ziemlich jedes Wesen auf seinem Weg in die Luft fliegen lässt. Zuerst muss ein süßes Kaninchen dran glauben. Auch eine Klapperschlange hat keine Chance. Als ein paar Menschen der Kopf explodiert kommt der furchtbar alberne Lieutenant Chad ins Spiel. Und weiterhin reflektieren eine Gruppe nomadischer Zuschauer das ganze, schreiend komische Spektakel von einen Regisseur, der auch Quentin mit Vornahmen heißt. Wir machen hier immerhin Filmkunst! Aber Ab 16! Am 1.7. erscheinen Kauf-DVD und -BluRay sowie für die Fans des Gummireifen-Killer-Films eine exklusive, auf 5.000 Exemplare limitierte Box inklusive Soundtrack-CD und 24-seitigem Booklet.

Gregs Tagebuch 2: Gibts Probleme?

USA 2011 (Diary Of A Wimpy Kid: Rodrick Rules) Regie: David Bowers mit Zachary Gordon, Devon Bostick, Rachael Harris, Robert Capron 99 Min. FSK ab 6

Punkt, Punkt, Komma, Strich - fertig ist der Weltbestseller! Mit einfachen Zeichnungen über die Leiden des Schülers Greg kreierte der Autor Jeff Kinney einen Riesenerfolg. Nun gibt es schon den zweiten Film zur Kinderbuch-Serie, die auch Erwachsene im Auge behalten sollten.

Greg Heffley (Zachary Gordon) führt das Leben eines normalen amerikanischen Siebtklässlers: Sein molliger Freund Rowley (Robert Capron) soll für ein erfolgreiches Youtube-Video vor der Kamera rumhampeln. Die Versuche, von der Mutter festgelegte Computer-Zeiten für unerlaubten Spaß zu missbrauchen, kommen immer raus. Die Schulparty auf der Skaterbahn wird dank übermäßig beschützender Mutter (Rachael Harris) und hinterhältigem Bruder Rodrick (Devon Bostick) zur öffentlichen Bloßstellung. Überhaupt Rodrick: Der von Greg bestgehasste Mensch auf dieser Erde ist auch Schuld, dass sich der Schokoriegel des kleinen Bruders, der Greg an unpassendster Stelle im Schritt klebt, beim Kirchgang vor versammelter Gemeinde offenbart. Bei einem großen Bruder, der ihn terrorisiert, und einer pädagogisch naiven Mutter, die dafür auch noch mit „Mutter-Dollars" belohnt, ist es verständlich, dass Greg Tagträume von reichen und vor allem anderen Eltern hat. Denn auch der immer zustimmender Vater ist keine Hilfe.

Mit einem frechen und wilden Inszenierungsstil überzeugt Regisseur David Bowers auch diesmal. Der Realfilm verwandelt sich immer mal wieder kurz in den simplen Cartoon „Diary of a Wimpy Kid", den Autor Jeff Kinney zuerst gezeichnet hatte. Danach kamen die fünf erfolgreichen Romane, die in Deutschland unter dem Titel „Gregs Tagebuch" erschienen. Nicht mal ein halbes Jahr nach dem ersten Kinofilm „Gregs Tagebuch – Von Idioten umzingelt!" nun der nächste Spaß mit Zachary Gordon als super Klein-Darsteller, der so wunderbar grinsen kann, wenn seine versprochene absolute Ehrlichkeit auch die Mutter im Regen stehen lässt. Kurz: Der Horror von Schulzeit und Pubertät ist ein großer Spaß, wenn Greg all die Leiden dieser Lebensphase auf sich nimmt.

Mutter veröffentlicht ihre peinlichen pädagogischen Ideen übrigens auch noch in der lokalen Tageszeitung - ein Grund mehr für Greg, sich einfach mal grundlegend zu schämen und vor allem gegenüber der neuen Mitschülerin Holly Hills ganz schön unsichtbar zu fühlen. Doch unerwartete Hilfe kommt ausgerechnet vom großen Quälgeist Rodrick. Nachdem die beiden Brüder anlässlich einer heimlichen und herrlich ausufernden Party einmal zusammen halten mussten, verrät er Greg die besten Tricks zur cleveren Behandlung - sprich: Manipulation - der Eltern.

Nicht nur deswegen sollten und können sich Eltern diesen gelungenen Kinderfilm gut mitansehen. Denn neben einer kleinen Ladung Action und ein bisschen Gefühl beim Schulkonzert werden vor allem den ziemlich gängigen Ängsten und Sorgen dieses Alters mit sehr viel Humor ihre Schrecken genommen. Mit dieser Empfehlung endet diese pädagogische Kolumne Ihrer Lokalzeitung. 

30.5.11

Hangover 2

USA 2011 (Hangover 2) Regie: Todd Phillips mit Bradley Cooper, Ed Helms, Zach Galifianakis, Justin Bartha, Ken Jeong 102 Min. FSK ab 12

„Es ist wieder passiert!" Besser kann man den Versuch nicht zusammenfassen, aus der derben und äußerst erfolgreichen Kumpel-Komödie „Hangover" zwei Jahre später mit identischer Besetzung noch einmal Kino-Kapital zu schlagen: Nachdem das „Wolfsrudel" mit den biederen bis wahnsinnigen Freuen Doug, Stu, Phil und Alan Las Vegas unsicher gemacht haben und erfolgreich die Hochzeit Stus mit der Falschen verhindert haben, heißt es nun „One night in Bangkok". Oder auch zwei, wer weiß das schon. Denn die filmische Glorifizierung des Koma-Saufens pflegt das Vergessen erneut als Grundprinzip. Idee des Films ist es, so viel zu saufen, dass man am nächsten Morgen nicht mehr weiß, wo man ist und was passiert ist. Das darf der Film dann rekonstruieren, wobei diesmal ein langer und lahmer Vorlauf zu durchwaten ist. Irgendwann drei der amerikanischen „Wölfe" in einer versifften und mit Kakerlaken verseuchten Absteige in Bangkok auf, während Doug im Luxus-Ressort am Strand das Chaos versucht zu koordinieren. Denn in zwei Tagen soll Hochzeit mit Stus thailändischer Braut sein...

So weit, so bekannt. Mannigfaltige Andeutungen und Verweise zum ersten Teil versuchen den alten Schwung aufzunehmen. Wie erfahrene Koma-Säufer suchen sie - wieder auf einem Dach und in ihren Taschen - nach Hinweisen zur vergangenen Nacht. Die großflächige Tätowierung im Gesicht des spießigen Zahnarztes und Bräutigams Stu ist nicht zu übersehen. Der sehr, sehr, sehr seltsame Al, dessen mit ein paar nicht rezeptfreien Mittelchen gemixte Marshmallows an allem Schuld sind, hat keine Haare mehr auf dem Kopf. Von Stus 16-jährigem Schwager, ein genialer Chellist, ist nur noch ein abgetrennter Finger da.

Chow - der wahnsinnig/witzige chinesische Gangster aus Vegas wurde auch eingeflogen - nimmt sich, bevor er alle Ereignisse der Nacht aufklärt, eine volle Nase Koks - und fällt danach tot um. Um es richtig witzig werden zu lassen, bekommt das sehr belämmerte, aber nicht wirklich verkaterte Wolfsrudel einen drogendealenden Affen in Jeans-Jacke hinzugesellt, der sich später am Genital eines Mönches zu schaffen macht. So erhielt man in den USA das Label „nicht jugendfrei", aber eine Parabel über den Wolf im Manne ist der zweite „Hangover" noch weniger als der erste. Wenn Al in einer Meditation alles in Kinderform noch einmal rekapituliert, zeigt es den wahren Kern des Humors.

In Thailand wird der Film kein Erfolg werden: Man wird von einem koksenden buddhistischen Mönch, der Oralsex mit einem Affen hat, dort besonders wenig begeistert sein. Aber auch die westlichen Fans werden enttäuscht sein: Mit ebensoviel dreckigem wie schickem Bangkok-Sightseeing, ein paar unappetitlichen sexuellen Ladyboy-Details, weniger Entdeckungen, die alles immer schlimmer machen, und einem ausgebreitet schnulzigem Happy End, das überhaupt nicht zum Film passt, bleibt diese Wiederentdeckungsreise im Gegensatz zu den Fotos der Geschehnisse im Abspann lahm. Vor allem im Tausch des Tigers gegen einen sehr intelligenten und extrem menschlichen Affen wird Spannung gegen Albernheit ausgewechselt. Die Figuren haben bereits die Imprägnierung von Serienhelden. „Hangover 2" ist nur der filmische Kater nach der Party von Teil 1.

Source Code

USA, Frankreich 2011 (Source Code) Regie: Duncan Jones mit Jake Gyllenhaal, Michelle Monaghan, Vera Farmiga, Jeffrey Wright 93 Min. FSK ab 12

Und täglich grüßt das Murmeltier mit einem verwirrten Jake Gyllenhaal im Achtminuten-Takt. Dass dieser Science-Fiction-Thriller trotz recht bekannter Elemente immer wieder packt, liegt auch an der Inszenierung von Duncan Jones, der die Versprechungen seines Debüts „Moon" (mit Sam Rockwell als geklontem Astronaut) auch mit schwerer Star-Ausstattung erfüllen kann.

Das „Déjà-vu" eines US-Piloten spielt sich in einem Vorortzug von Chicago ab. Colter Stevens (Jake Gyllenhaal) wacht unter Berufpendlern auf, ist vom Flirt der Sitznachbarin ebenso irritiert wie von der Umgebung. Noch bevor er sich orientieren kann, explodiert der Zug in einem gewaltigen Feuerball. Dann findet sich Colter in einer Metallkabine wieder, erinnert sich an einen Absturz in Afghanistan und ist ebenso verwirrt wie das Publikum. Auf einem Bildschirm mit wackeligem Kontakt versucht eine uniformierte Frau den sichtlich deplatzierten Mann auf seine Aufgabe zu fokusieren. Am Ende des Gespräches blitzt ein Licht auf und Colter sitzt wieder im Zug nach Chicago, wo ihm sein Gegenüber Christina (Michelle Monaghan) noch einmal erzählt, sie hätte auf seinen Rat gehört ...

Den Täter vor der Tat finden - so haben schon Bruce Willis in „12 Monkeys" oder Denzel Washington in „Déjà-vu" vergangene Verbrechen gelöst. Auch der Auftakt von „Source Code" gelang derart packend und Aufmerksamkeit heischend, dass die üblichen Publikumsschichten gar nicht erst dazu kommen, mit Popcorn zu rascheln. Zusammen mit dem Soldaten Colter wird auf jedes Detail im Zug geachtet, das zum Bombenleger führen könnte, weil dieser noch einen zweiten Anschlag mitten in der Stadt plane. Colter - so erklärt ihm die Bildschirmdame Carol Goodwin (Vera Farmiga) - könne dies alles erleben, weil seine Gehirnströme mit denen eines Opfers verbunden seien. Dessen Unterbewusstsein hätte die letzten acht Minuten im Zug aufgezeichnet, in denen sich nun der unfreiwillige Raum-Zeit-Agent frei bewegen könne. Im wiederholten Acht-Minuten-Rhythmus entdeckt er das Versteck der Bombe und den Zündmechanismus. Nach vielen, auch komischen Fehlversuchen und einer romantischen Kaffeepause mit Christina kennt die Außenstelle dieser futuristischen Retro-Tätersuche den Namen, die Passnummer und das Autokennzeichen des Bombers. Auftrag erledigt, doch meint der Gehirnstrom-Avator Colter, da sein noch mehr drin, und will Christina vor dem Explosionstod retten, der eigentlich schon passiert ist.

Das Puzzle des in Schauspiel, Story (Buch: Ben Ripley) und Inszenierung gelungenen Films bleibt auf zwei Ebenen spannend: Das ist die klassische Suche nach dem (Atten-) Täter, die altmodische Schemata von Religionskriegen anlegt, um dann einen rechten Nationalisten zu enttarnen. Bei der Suche nach der eigenen Identität, die das Thema von Duncans „Moon" fortsetzt, wird es kniffeliger und gerät wegen einer gewagten, sehr romantischen SciFi-Volte am Schluss unerklärlich. Denn damit auch wirklich alles gut ausgeht, verbiegt sich im Finale selbst die beim SciFi-Genre gnädig betrachtete Wahrscheinlichkeit über alle Raum-Zeit-Maße. Aber das ist nur ein kleiner Minuspunkt bei diesem rundum gelungenen Quell guter Unterhaltung.

25.5.11

Carlos, der Schakal - Directors Cut DVD/BR

Regie: Olivier Assayas

Warner (ab 27.5.)

Das ist mal ein Directors Cut, der „einen Unterschied macht", um es auf Denglisch zu sagen: 330 Minuten lang ist die komplette Geschichte um den berüchtigten Terroristen „Carlos" - im Vergleich zur „kurzen" Kinoversion von nur drei Stunden. Schon bei der Premiere im letzten Jahr in Cannes waren sich alle einig, dass das Psychogramm eines eitlen Möchtegern-Revoluzzers dabei keine Minute zu lang ist. Wie auf Jobsuche bietet sich der junge Ilich Ramírez Sánchez Anfang der Siebziger selbst den Palästinensern an. Er hat ein Moskauer Diplom in Ökonomie, will aber auf seine Weise das Unrecht der Welt ausgleichen. Was er auch gerne ausführlich vielen Frauen erzählt. Demos ändern nichts, man müsse bewaffnet Widerstand leisten. Mit seinem neuen Kampfnamen Carlos begleitet er zuerst Aktionen anderer, meist stümperhafter Kämpfer. Als das europäische Netzwerk des bewaffneten palästinensischen Widerstands auseinander fällt, übernimmt Carlos die Führung, um den Friedensprozess Arafats zu boykottieren. Aufstieg und Niedergang eines Revolutionärs enthält das „Digi Pack" mit vier Scheiben in beiden Versionen. Wer sich erst von dem packenden Thriller „anfixen lassen" will, kann nur die kurze Kinoversion als „Single-Disc-Edition" erstehen. Da fehlen allerdings die Interviews mit Regisseur und Darstellern als Extras.

Drei DVD

Regie: Tom Tykwer

Warner (27.5.)

Einer der spannendsten deutschen Filme der letzten Zeit erscheint morgen auf Blu-ray, DVD und als Download. Während der witzige, sehr reizvolle, thematisch und stilistisch originelle Film auf jeden Fall ein (Wieder-) Sehen lohnt, enttäuscht die Ausstattung. Nur das halbstündige „Making Of" mit interessanten Hintergrund-Informationen zeigt die Sorgfalt, die Tykwer immer seinen Filmen und dem Begleitmaterial angedeihen lässt. Während sich der X-Verleih beim iPad-App zu „Drei" mit kompletten Drehbuch und vielen multimedialen Fußnoten noch innovativ zeigte, bringt Warner sowohl bei DVD als auch bei Blu-Ray nur Normalkost. Die Glitzerfarbe als „exklusive Verpackung" anzupreisen, ist ein schlechter Witz.

Doch es bleibt ein außergewöhnliches Filmerlebnis mit starken Auftritten von Sophie Rois, Sebastian Schipper und Devid Striesow: Hanna (Sophie Rois) und Simon (Sebastian Schipper) leben nebeneinander her. Als bei Simon Hodenkrebs diagnostiziert wird und er sofort operiert werden soll, erreicht er die ahnungslose Hanna nicht, weil sie gerade mit dem vielfach begabten Gen-Forscher Adam (Devid Striesow) fremdgeht. Bei der Genesung ist sie wieder keck liebevoll an Simons Seite, doch der hat bald eine erotische Begegnung im Schwimmbad - mit genau jenem Adam, der so sehr unschuldig aber auch souverän verführerisch schauen kann. 

I Phone You

BRD, VR China 2011 (I Phone You) Regie: Dan Tang mit Jian Yiyan, Florian Lukas, David Wu 95 Min. FSK ab 6

Sie, Mens(ch)! NO KIkA diesen Film, nicht gut! Die Kritik braucht nicht immer den Stil des Werkes zu spiegeln, aber die Schleichwerbung wäre hiermit schon mal erledigt. Der seltsame und auf jeden Fall bescheidene Humor von „I Phone You" ist kaum nachahmbar. Ling (Jian Yiyan) hatte Chongqing eine Affäre mit Yu (David Wu), der am nächsten Morgen nach Berlin abreist. Als letzten Gruß schenkt er der Geliebten ein iPhone 3Gs, weiß, 16 GB. Die Kommunikation ist schwierig und nach ein paar Szenen jungem Leben in Chongqing und dreister Berlin-Werbung reist Ling Yu hinterher. Der sehr reiche und geschäftige Mann lässt seine Freundin vom Angestellten Marco (Florian Lukas) abholen und betreuen. Der kann kein Englisch und muss trotzdem vermitteln, dass Ling möglichst schnell zurückgeschickt werden soll.

Ebenso wichtig wie das Abfilmen von Brandenburger Tor, Potsdamer Platz und Berliner Dom scheint Dan Tang das Abhandeln jeder Multikulti-Gruppe zu sein, die glatt das titelgebende Product Placement vergessen lässt. Dass das Buch von Wolfgang Kohlhaase stammt, ist nie zu vermuten. Dass Marco penetrant deutsch redet, ist ebenso wenig komisch wie die große Naivität von Ling. Der Versuch, das alberne im deutschen (Beamten-) Wesen dar- und bloßzustellen, fällt wie der Rest vorhersehbar und aufgesetzt aus. Die Musik von „Smod" imitiert Mano Chao frech wie die chinesischen Apple-Kopien. Den wirklichen Gag des Telefons, das sich im Falle des Diebstahls vom Nutzer problemlos orten lässt, verschlief das Drehbuch jedoch. 

Barfuß auf Nacktschnecken

Frankreich 2010 (Pieds nus sur les limaces) Regie: Fabienne Berthaud mit Diane Kruger, Ludivine Sagnier, Denis Ménochet 103 Min.

Ein sehr sinnlicher Titel für einen sehr sinnlichen Film. Das Gefühl leichten Schauderns stellt sich allerdings nur angesichts schöner und nachdenklich machender Herausforderungen an das bürgerliche Leben ein. Diana Kruger überrascht total - mit gutem Schauspiel.

Ein toter Hase auf der Schnellstraße und eine verträumte junge Frau in bunten Klamotten - das wirkt im ersten Moment gefährlich. Doch einen Moment lang ist die Welt noch in Ordnung für die etwas kindische Lily (Ludivine Sagnier). Erst als der Wagen ihrer sorgenden Mutter im Hintergrund langsam ausrollt und sich deren Tod andeutet, droht das eigenwillige Mädchen unter die Räder zu kommen. Lily lebte unter Aufsicht von Mutter und der benachbarten Haushälterin Mireille fern von der Stadt als exzentrisches Naturkind. Sie hüllt sich in sanfte, weiche Farben. Der Film tut es ihr gleich und gönnt Lily ein eigenes Traumreich in einer Hütte im Garten. Nach dem Tod der Mutter wird es ausgeweitet auf die Wohnung, wo das wenig gerührte Mädchen mit dem Truthahn auf der Couch fernsieht. Die Schwester Clara (Diane Kruger) wird dort erst einmal aufräumen. Sie, die eine Karriere im der Kanzlei des Mannes hat, kommt an den Wochenenden vorbei, um der schwierigen Schwester Gesellschaft zu leisten. Das führt zu Streit, irgendwann gibt die Haushälterin auf und Clara, die sich selbst ein Kind wünscht, bleibt nun die ganze Woche im Landhaus.

Wie Lily erfreut der Film selbst mit vielen verrückten Einfällen. Ihre eingesammelten toten Tiere bewahrt sie in der Tiefkühltruhe auf, bevor sie zu allen möglichen Fell-Accessoires verarbeitet werden. Beim Kochen versucht sie gänzlich unangepasst mal einen Tintenfisch als Kopfbedeckung. Nebenbei befriedigt die ausgereifte junge Frau ihre sexuellen Bedürfnisse - man hielt schon den Atem an - ziemlich selbstbestimmt mit Jungen aus der Umgebung. Aber mehr und mehr erscheint Lily als Belastung für alle. Immer wieder treffen die äußere Gesellschaft und die inneren Wünsche im Konflikt aufeinander. In einer besonders dramatischen Situation wandelt sich die schwierige Fürsorge in Aggression, doch ein gewalttätiger Traum ist gleichzeitig Wendepunkt für Clara. Das eindrucksvolle und sehr glaubhafte Spiel von Diane Kruger und Ludivine Sagnier trägt viel zum Gelingen dieses schön verträumten Films bei.

„Barfuss auf Nacktschnecken" atmet einen Hauch der poetischen Rebellion von „Harold & Maude", doch ohne das durchaus auch drohende Morbide zu verstärken. In einer überraschenden Wendung entdeckt Clara das Gute im „unnormalen" Leben ihrer Schwester. Von nun an leben beide in den Tag hinein und genießen jeden von ihnen. „Pourquoi pas?", „Warum nicht?" möchte man mit Coline Serraults Komödie sagen. Dabei vermittelt Fabienne Berthauds Verfilmung ihres eigenen Romans „Pieds nus sur les limaces" die eigene, ganz besondere Schönheit und Freiheit dieses Lebens.

24.5.11

Wer ist Hanna?

USA, Großbritannien, BRD 2011 (Hanna) Regie: Joe Wright mit Saoirse Ronan, Eric Bana, Cate Blanchett 111 Min. FSK ab 16

Wer Hanna ist, bleibt ein Rätsel. Erst mal ein Teenager, der mit dem Vater in einer schneebedeckten Hütte lebt. Hanna (Saoirse Ronan) jagt Rentiere, kämpft ziemlich brutal mit ihrem Vater Erik (Eric Bana), der sie zu „allzeit bereit" erzieht. Ein liebes, kluges Mädchen, das aber extrem effizient, schnell und tödlich sein kann. Es liest Grimms Märchen und scheint selbst in einem zu leben. Denn es gibt die böse Königin, die in der modernen Welt eine rothaarige Verbindungsfrau beim CIA ist. Die eiskalte Marissa (Cate Blanchett) hat anscheinend Hannas Mutter ermordet und würde nicht ruhen, bis auch das Kind tot ist. So geschieht das Entschlüpfen des Nestes für die neugierige Hanna mit dem Umlegen eines Schalters. Das Funksignal sagt dem CIA, wo ihr ehemaliger Agent Erik sich versteckt. Die Jagd hat begonnen.

Hanna spricht Englisch, Deutsch, Arabisch, Spanisch und ist gleichzeitig völlig naiv. Etwa wenn sie nach der Flucht aus einem geheimen amerikanischen Gefängnis in Marokko voller Erstaunen elektrisches Licht entdeckt. Sie ist ein wandelndes Lexikon, aber die warme Erfahrung des Lebens fehlt ihr. Auf den ersten Kuss reagiert sie mit einem Reflex zur Selbstverteidigung. Für die Reise von Marokko nach Spanien und weiter zum Märchenwald-Finale in Berlin hängt Hanna sich an eine amerikanische Touristen-Familie, beziehungsweise wie ein Superheld an deren Campingbus. Dabei staunt die abseits von der Zivilisation im Wald Aufgewachsene groß über das ihr unbekannte Familienleben und den gemeinsamen Spaß.

Erik schwimmt derweil aus anderer Richtung zum Treffpunkt und Marissa kümmert sich zunehmend alleine um diese Geschichte, um diese Leichen, die sie im Schrank hat. Sie rekrutiert ein paar sadistische ehemalige deutsche Kollegen. Und so verkürzt sich die Lebenserwartung all der lieben und interessanten Menschen, die Hanna kennenlernt, radikal. Heldin Hanna erweist sich als ebenso „unkaputtbar" wie männliche Action-Figuren.

„Hanna" erzählt eine ungewöhnliche Geschichte mit überzeugendem Ensemble und starkem Stil: Der Film von Kultur-Regisseur Joe Wright („Abbitte" 2007, „Stolz & Vorurteil" 2005) begeistert zeitweise als außerordentlich guter Techno-Track in Ton und Bild mit atemberaubend raffinierten Übergängen von Geräuschen zur Musik der Chemical Brothers. Mal stehen die Bilder Kopf, mal blitzen sie stroboskopisch auf. Die spannenden und actionreichen Szenen stehen im Wechsel mit der Entdeckung der Welt durch Hanna, die komisch aber auch mit nachfühlbarem Erstaunen verläuft.

Eric Bana, der Darsteller des „Hulk", spielt hier wieder einen Superman, steht aber deutlich im Schatten der weiblichen Stars - ungewöhnlich für einen Action-Film! Blanchetts Marissa erscheint so verbissen, dass ihr die Zähne bluten, selbst in ihren sorgsam ausgewählten Schuhen scheint Wut zu knarren - dank einer eindrucksvollen Inszenierung. Aber vor allem der 17-jährige Shooting Star Saoirse Ronan legt nach ihren Rollen bei „In meinem Himmel" (2009) und „Abbitte" (2007) wieder eine eindrucksvolle Show hin. Da ist es verzeihlich, dass in der wieder packenden Action des Finales die Familiengeschichte mit einem altmodischen Beharren auf Fleisch und Blut einige Antworten verweigert.

23.5.11

Cannes 2011 Kommentar

Cannes 2011 - war es das Jahr, in dem Lars von Trier entgleiste? Oder das Jahr, in dem die Jury um Robert DeNiro, Uma Thurman, Jude Law und Co zuviel Popcorn gegessen hat? Der Siegerfilm „The Tree of Life" wird als Solitär in der Filmgeschichte neben Werken wie „2001" Bestand haben, um ihn braucht man sich keine Sorgen zu machen. (Obwohl das eine Bild der Erde, die in von Triers riesigen, blauen Planeten „Melancholia" crasht, hundert andere in Malicks Film überlagert.) Auch die Preise an die besten Darsteller Kirsten Dunst aus „Melancholia" und Jean Dujardin aus „The Artist" gehen in Ordnung. Ebenso der Grand-Prix ex-aequo für die Brüder Dardenne mit „Le gamin au vélo" und Nuri Bilge Ceylan für „Once upon a time in Anatolia". Nur was hat die Jury geritten, ausgerechnet die beiden größten Ausfälle im Wettbewerb mit weiteren Preisen zu bedenken? „Drive", die angeblich beste Regie, ist ein völlig unoriginelles Action-Filmchen der Art, die Hollywood fast im Wochenrhythmus raushaut („Transporter", „Fast & Furious"). „Hearat Shulayim", die „Fußnote" von Joseph Cedar aus Israel, erhielt als mäßiger Fernsehfilm den Drehbuchpreis. So ist 2011 das Jahr, in dem Kaurismäki, Almodovar und Paolo Sorrentino mit ihren exzellenten Filmen unter die Räder kamen.

Auf brennender Erde

USA 2008 (The Burning Plain) Regie: Guillermo Arriaga mit Charlize Theron, Kim Basinger, Joaquim de Almeida, Jennifer Lawrence 107 Min.

Guillermo Arriaga ist der Drehbuchautor der Iñárritu-Erfolge „Amores Perros", „21 Gramm" und „Babel" - existenzielle Geschichten, durch Schicksal und Drehbuch-Verschachtelung dramatisch ineinander verwoben. „Auf brennender Erde" ist Arriagas Spielfilmdebüt, das schon 2008 in Venedig mit brennender Ungeduld empfangen wurde. Dabei enttäuschte der Mexikaner auch als Regisseur nicht. Um es vorwegzunehmen: „Auf brennender Erde" brennt sich mit eindrucksvollen Bildern, mit gewaltigen und auch gewalttätigen Szenen ins Gedächtnis ein. Ein Kino-Erlebnis!

Die verheiratete Gina (Kim Basinger) hat im trockenen, wüstenartigen New Mexico eine leidenschaftliche Affäre mit Nick (Joaquim de Almeida). Da der Weg zwischen ihren Wohnungen zu weit ist und sie einen geheimen Platz für ihre erotischen Treffs brauchen, stellt Nick einen Camping-Wagen irgendwo in die flache Landschaft. Gleichzeitig will es der Zufall, dass sich Ginas Tochter Mariana (Jennifer Lawrence) und Nicks Sohn Santiago (J.D. Pardo) treffen. Mit tragischen Folgen - wir sehen immerhin einen Arriga-Stoff.

In Portland, Oregon, lernen wir Sylvia (Charlize Theron) kennen, äußerlich eine attraktive und erfolgreiche Frau, die ein edles Restaurant in exquisiter Küstenlage leitet. Ihre inneren Verwundungen sehen wir nicht direkt - zum einen straft sie sich selbst mit tiefen Schnitten auf der Innenseite ihrer Schenkel. Auch die schnell wechselnden Männer, mit denen sie flüchtigen Sex hat, sind eher Selbstkasteiung. Doch einer bleibt hartnäckig...

Arriaga erzählt erneut rätselhaft mit verschiedenen Handlungslinien, die erst spät zusammengeführt werden können. Wobei „spät" ein schwieriger Begriff ist: Die Ereignisse und Figuren sind diesmal nicht nur räumlich sondern vor allem auch durch die Zeit getrennt. Man ahnt, dass es sich um verschiedene Lebensabschnitte einer Person handeln könnte - das Rätseln bleibt aber bis zum dramatischen Finale ein Teil des Reizes dieses Films.

Durch die Reaktionen der Filmpresse zieht sich seit einer Weile das Argument, man hätte sich an der verschachtelten Erzählstruktur von Arriaga und Epigonen sattgesehen. Ob das auch für ein Publikum zutrifft, dass nicht zig Filme dieser Form im Jahr vorgesetzt bekommt, ist fraglich. Außerdem beklagte die gleiche Presse bei Iñárritus „Biutiful" gerade das Ausbleiben dieser Struktur. Arriagas „brennende Erde" hält auf jeden Fall durch diesen dramatischen Trick die Aufmerksamkeit hoch. Vor allem fesselt er aber durch das intensive Spiel von Theron, Basinger & Co. Schuld und Sühnen sind auch hierbei die wiederkehrenden Themen. Die eindrucksvolle Jennifer Lawrence erhielt für die Rolle der jungen Mariana in Venedig verdienterweise den „Premio Marcello Mastroianni" als Beste Nachwuchsschauspielerin. (Sie ist jetzt auch in „Winter's Bone" zu erleben.) Dazu sorgen die eindrucksvollen Bilder des Oscar-Gewinners Robert Elswit („There will be blood") für satten Augenkitzel. Nicht nur in der zentralen Szene der brennenden Ebene, die für den Film titelgebend ist.

22.5.11

Cannes 2011 Preise Un certain regard

Preis für Dresens „Halt auf freier Strecke"

In der Neben-Sektion „Un Certain Regard" setzte sich 2011 ganz klar ein fast unverstellter Realismus angesichts der Härte des Lebens durch: 21 Filme aus 19 Ländern waren in der Auswahl. Die Jury des serbischen Regisseurs Emir Kusturica vergab ihren Hauptpreis Ex-æquo an „Halt auf freier Strecke" von Andreas Dresen und an „Arirang" des Süd-Koreaners Kim Ki-Duk. Während Dresen das Sterben eines Menschen an einem bösartigen Gehirntumor sowie den Umgang von dessen Familie mit Krankheit und Abschied sehr genau und teils mit echten Ärzten und Therapeuten aufzeichnet, hielt der international bekannte Kim Ki-Duk einem extrem persönlichen Selbstporträt die Gründe seiner Depression und der damit verbundenen Schaffenskrise fest. (ghj)

Cannes 2011 Interview Bouli Lanners LES GIANTS


Cannes. Zum Abschluss der jungen Cannes-Sektion „Quinzaine des Realisateurs" und als Geburtstagsgeschenk an ihn selber lief am Freitagabend „Les Giants" (Die Giganten) von Bouli Lanners, der 1965 in Kelmis geboren wurde, dort aufwuchs und jetzt in Lüttich lebt. Lanners macht Filme ohne je eine Filmhochschule besucht zu haben. Seine beiden letzten, „Ultranova" (2005) und „Eldorado" (2008), wurden mehrfach ausgezeichnet. „Les Giants" erzählt vom abenteuerlichen Sommer dreier verlorener und abgebrannter Jungen in den Ardennen und erhielt zwei der drei Preise der „Quinzain": Die der CICAE, der internationalen Vereinigung der Kunstkinos und der SACD, einer französischen Autoren-Vereinigung. Günter H. Jekubzik traf Lanners zum deutsch-französischen Interview an der Croisette.

 

Was hat dich bei „Les Giants" beeinflusst?

Ich habe zwei junge Anhalter getroffen und mir dann überlegt, dass ich etwas mit jungen Leuten machen möchte. Die so sind wie ich, als ich noch jung war und in Kelmis lebte. Danach habe Mark Twains „Huckleberry Finn" gelesen und den Film gesehen.

 

Sind Roadmovies dein Lieblingsgenre?

Ich mag es, wenn Menschen in Bewegung sind. Schon in Ultranova hatten die Figuren kein richtiges Zuhause. Eigentlich ist „Les Gigants" ja kein richtiges Roadmovie, denn die drei Jungen drehen sich eher im Kreis. Erst am Ende brechen sie auf.

 

Wieso spielen alle deine Filme in der Wallonie? Liegt das am Budget? Würdest du gerne mal woanders drehen?

Im nächsten Film gibt es eine Szene in Schottland. Auch in den USA würde ich gerne mal drehen, aber ich habe große Angst vorm Fliegen. Nächstes Jahr drehe ich in Kanada, aber ich fahre mit dem Schiff hin und bleibe drei Monate. Vielleicht werde ich dann dort etwas drehen.

 

Weshalb gibt es in Lüttich so eine lebendige Filmszene? Auch die Dardennes arbeiten hier.

Lüttich gefällt mir. Dort gibt es besondere Leute und wenn ich schreibe, finde ich auch die passenden Drehorte in der Umgebung.

 

Siehst du dich als Regisseur, Autor oder Schauspieler?

Eher als Autor und Regisseur. Aber es macht auch Spaß, zu spielen, weil ich dann andere Leute treffe und von den Regisseuren lernen kann. Das ist wichtig, weil ich Regie nie an einer Schule gelernt habe. Wenn ich große Publikumsfilme (wie den nächsten „Asterix") mache, bekomme ich Presseaufmerksamkeit, die ich für meine eigenen Autoren-Filme nicht erhalte.

 

Wie schwer ist es, deine Filme zu finanzieren?

Es geht, meine Filme hatten auf Festivals Erfolg und sie entstehen auch relativ günstig, haben nie mehr als 3 Millionen gekostet.

 

Du bist in einer Region mit mehreren Sprachen und Grenzen aufgewachsen? Hat dich das beeinflusst?

Es hilft mir. Wenn ich in Lüttich ein bisschen Deutsch spreche, glaube alle, dass ich sehr gut Deutsch spreche. Der ganze Sprachenstreit zwischen Flamen und Wallonen interessiert mich nicht. Den verstehe ich nicht.

 

Um dich herum sieht man öfters die gleichen Kollegen etwa den Wallonen Benoît Poelvoorde. Gibt es da Verbindungen?

Mit Poelvoorde bin ich seit 20 Jahren befreundet. Vielleicht denken die Leute, wenn sie den einen engagieren bekommen sie den anderen auch dazu.

 

Werden Sie in Frankreich als belgischer Schauspieler wahrgenommen?

Viele Leute wissen nicht mal, dass ich aus Belgien komme. Sie sehen nur den witzigen „Bouli". Aber dieses Jahr spiele ich für „Halleluja" etwas viel Dramatischeres zusammen mit Jeanne Balibar („Im Alter von Ellen").

 

Wie war die Arbeit mit den jugendlichen Darstellern? Würdest du das noch mal machen?

Das hat sehr viel Spaß gemacht, vor allem mit Zacharie Chasseriaud, dem Darsteller des kleinen Zak. Der besucht uns jetzt noch zuhause und ist wie ein Sohn. Mit ihm möchte ich eine Vater-Sohn-Geschichte machen.

 

Was bedeutet es, den Schlussfilm der Quinzaine zu haben? Bist du nervös?

Ich bin zu müde, um nervös zu sein. Aber auch froh, am Schluss in Cannes zu sein. Dann sind nicht mehr so viele Leute da. Es ist aber auch eine große Ehre, Regisseur vom Abschlussfilm zu sein!

 

Was wird dein nächstes eigenes Projekt?

Ich schreibe an meinem nächsten Film, der ein Krimi in einem Ardennen-Dorf wird. Es sterben zwei alte Personen und etwas aus der Vergangenheit kommt zurück.

 

 

19.5.11

Cannes 2011 ICHIMEI Takashi Miike

Sozial-Samurai

Hiroshima. Fukushima. Die wieder aus den Medien verschwundenen Namen klingen vertraut, auch wenn Takeshi Miikes Film im Japan des 17. Jahrhunderts spielt. Trotzdem ist „Ichimei" ein Sozial-Samurai erster Güte. Denn es herrscht Frieden. Viele Schwertkämpfer sind arbeitslos und bitter verarmt. Einige melden sich bei ehrenvollen Krieger-Häusern, vergleichbar mit Söldnerfirmen wie Blackwater, um dort Selbstmord zu begehen. Wobei sie nicht wirklich das rituelle Hara-Kiri durchziehen wollen, sondern eher auf eine milde Gabe oder einen kleinen Job hoffen. Nur einfach darum bitten, hieße im strengen Reglement des japanischen Lebens „das Gesicht verlieren". Da die ganze Angelegenheit den gut bezahlten und genährten Kriegern in Dienst und Brot unangenehm ist, will das Haus der Ii (zwei „i" wie in Miike)  ein Exempel am jungen Motome statuieren. Der soll sich jetzt mal wirklich entleiben, auch wenn er nur ein Holzschwert hat. Die Sache wird unappetitlich, aber durchgezogen. Ein paar Tage später meldet sich noch so ein Bettel-Kämpfer, der allerdings kurz vor dem Harakiri erzählt, er habe sehr wohl einen gewissen Motome gekannt. Die Geschichte seines Pflegesohns, verheiratet mit der Tochter Mito und Vater des Babys Kingo, ist bitterstes Sozialdrama, ja Sozial-Melodrama. Nach einer langen Zeit von Hunger, Leid und Krankheit liegen drei Tote in der ärmlichen Hütte, durch die kaputten Papierfenster schneit es bildschön (und digital) herein. Nun begibt sich die raffiniert konstruierte Erzählung wieder zurück zu den Samurai und der fast (?) wahnsinnige Vater gibt dem Hause Ii seine Meinung kund - mit dem Holzschwert!

Nur eine, dafür eine geballte Dosis Schwertkampf gibt Takeshi Miike den Fans. Doch auch das soziale Drama im Zentrum des Films ist edelst inszeniert. Angeklagt wird - ganz im Sinne der Gewerkschaft - die Gnadenlosigkeit der in Arbeit stehenden gegenüber den verarmten Arbeitslosen. Ein aktuelles Thema vielleicht auch für unsere Reform-Wehrmacht und die armen Jungs, die unsere Freiheit nicht mehr am Hindukusch verteidigen dürfen.

Cannes 2011 LA PIEL QUE HABITO Pedro Almodóvar

Das Gesicht wahren

Die spanische Regie-Legende Pedro Almodovar ist mit „La piel que habito" (Die Haut, in der ich wohne) bereits zum fünften Male in Cannes und zum vierten Male im Wettbewerb. Diesmal präsentiert er mit dem ihm eigenen ästhetischen Augenkitzel, den knalligen Farben und der exquisiten Ausstattung einen komplexen und verschachtelten Thriller, der einigen Aufwand treibt, um zur großartigen Endszene zu kommen.

Antonia Banderas, der schon viel jünger bei „Atame - Fessle mich" mit Almodovar drehte, betreibt nun als Spezialist für Schönheits-Operationen ein Frankenstein-Labor in seiner Luxus-Villa. Seine Schöpfung Val, die er auf riesigen Bildschirmen beobachtet, reiht sich in die anderen Kunstwerke und Akte des Anwesens ein. Aber ihre Haut ist widerstandsfähig gegen Feuer und Stiche. Das erfährt Val, die ohne Scheren, Messer oder spitze Gegenstände eingesperrt ist, beim Selbstmordversuch mit der Kante eines Buchumschlages. Was Roberto wirklich mit Val vorhat, erklärt sich über Rückblenden zum Tod seiner Frau und dem Selbstmord seiner geisteskranken Tochter, die auf Freigang wohl vergewaltigt wurde. Mehr sollte nicht verraten werden. Nur noch, dass es wichtig ist, sein Gesicht zu wahren.

Almodovar hält sich von seinem Lieblings-Genre Melodram fern, spielt die Schrecknisse nur an. Das Ensemble mit Elena Anaya als Vera und Marisa Paredes als eingeweihte Haushälterin Marilia ist in großartiger Form. „La piel que habito" betreibt allerdings einen enormen Aufwand für eine grandiose Pointe. Doch wenn Almodovar erzählt, geht man die verzweigten Wege der Handlung gerne mit.

 

18.5.11

Cannes 2011 LA CONQUETE Sarkozy als Witznummer

Sarkozy als Witznummer auf der Leinwand

Jetzt erst wird klar, weshalb Familie Sarkozy zur Eröffnung von Cannes nicht die Bühne des Roten Teppichs genutzt hat: „La Conquete" zeigt den Präsidenten der französischen Republik und seinen Weg an die Macht mäßig frech als politische Lachnummer. Der Film von Xavier Durringer ist nicht wirklich bissig oder wahnsinnig komisch. Doch für das linke französische TV-Publikum mag es erleichternd sein, sich an der politischen Realsatire Sarkozy zu reiben.

Am Tag der Wahl zum Präsidenten, am 6. Mai 2007, sehen wir Nicolas Sarkozy (Denis Podalydes) alleine bei den verzweifelten Versuchen, seine Frau zu erreichen. Er spielt mit seinem Ehering, aber - auch das werden die Rückblenden zeigen - seine Frau Cecilia (Florence Pernel) hat ihn längst verlassen. Diese Entwicklung und den Weg des ehrgeizigen, rücksichtslosen und ungehobelten Politikers machen Erinnerungen ab 2002 klar: Sarkozy wird unter Präsident Chirac nur Innenminister und ist wie ein kleiner Junge beleidigt. Es folgt eine Menge politischer Hickhack, der nicht als Thriller sondern von, ihren Vorbildern sehr ähnlichen Schauspielern in Dialogen ausgespielt wird. Frankreichs Politiker treten als Witzfiguren auf, die nur auf ihr Image achten und sich gegenseitig parodieren. Sarkozy ist nicht besser oder schlechter, nur erfolgreicher. Das auf Dauer ermüdende Beziehungs-Gejammer um die Frau, die längst einen anderen hat, soll den politischen Provokateur menschlich machen. Der lange, lahme Film deckt nichts im Stile von Michael Moore auf. Die Musik von Nicola Piovani erinnert daran, wie Nanni Moretti „seinen" Berlusconi im „Kaiman" demontiert hat. Selbst in der Parodie bleibt Sarkozy eine kleine Nummer.

Cannes 2011 Lars von Triers MELANCHOLIA

Den Weltuntergang genießen

Dieses Filmfestival ist himmlisch! Nach dem heftig und immer weiter diskutieren Terrence Malick-Film „The Tree of Life" hebt auch Lars von Trier mit „Melancholia" in den Kosmos ab. Der zweite Wettbewerbsbeitrag mit deutscher Beteiligung - die Kölner Zentropa International war Koproduzent - macht direkt Eindruck: Wagner dräut, Vögel fallen Himmel, ein Breughel flammt auf, drei Monde leuchten über hyperreal ausgeleuchteten Zeitlupen unglaublicher Tableaus. Dieser galaktische Auftakt knallt derart rein, dass man mit dem Schöpfer in seinen eigenen Zweifel einstimmt: Ist das ein von Trier? Dann erdet sich der zweifache dänische Cannes-Sieger mit einer Hochzeit, die an Darsteller-Prominenz direkt Woody Allen Konkurrenz macht. Kirsten Dunst spielt die Braut Justine, als Schwester ist Charlotte Gainsbourg - in ihrer zweiten Rolle unter von Trier - die Hochzeitsplanerin Claire. Der Ort, ein luxuriöses Golf-Ressort, geleitet von Claires Mann John (Kiefer Sutherland). Noch leuchten alle Sterne an ihrem Platz, die einzige Katastrophe ist diese Feier, bei der sich das verzweifelte Lächeln der Braut als Lüge erweist und alle sie dafür angreifen. Erst im zweiten, „Claire" genannten Teil droht der neue Planet Melancholia, der sich bisher hinter der Sonne versteckte, die Erde zu verschlingen. Die Pferde sind unruhig, es hagelt am helllichten Tage, immer wieder klingt eine Wagner-Ouverture. Justine erwacht aus ihrer ständigen Müdigkeit, der rationale Mann John verabschiedet sich in den Pillentod, als es plantenmäßig echt eng wird, wahrscheinlich exakt „24" Stunden vor dem Ende. Im Totentanz der Planeten schwankt die Erde wie die Handkamera des Films. Nach einem schwesterlichen Kammerspiel schwingt sich die Weltuntergangs-Oper zum großen Finale auf.

Tatsächlich: Die Frauen-Version von „Armageddon" ist zwar aus der Perspektive der Menschheit ziemlich existenziell, aber die Frauen Triers kommen diesmal mit dem großen Vergehen ganz gut davon. Andere existenzialistische Kämpfe, die im Kino und beim Dreh einmalig schönen Schmerz bereiteten bleiben aus. Klar, irgendwann wird auch die eigene Depression relativ. Justine kommentiert, die Erde sei schlecht, niemand werde sie vermissen. Obwohl es auch um solche Film schade wäre, denn wenn dieser von Trier auch anders ist, wenn die Perspektiven und Bilder des Hubble-Teleskopes weg von der Erde wie bei Malick „nur" gewaltigen Genuss ohne konkretes Drama bieten, „Melancholia" bleibt großes Kino.

 

17.5.11

Cannes 2011 LE HAVRE von Aki Kaurimäki

Pures, einfaches Glück verbreitet Kaurismäkis „Le Havre"! Ein vor Glück strahlender Kinosaal ist ein seltener Anblick. Gestern konkurrierte in Cannes das Grand Theatre Lumiere mit der Sonne über der Côte d'Azur. „Le Havre" liegt zwar an einer anderen Küste, ist aber ab sofort vor allem in den Herzen der Cineasten zu verorten. Der nach Portugal ausgewanderte Finne bastelt mit bekannten Figuren und Stilen ein Meisterwerk der Reduktion. Einfach wie die Szenen Kaurismäkis ist auch Marcel Marx (André Wilms) angelegt, ein Philosoph, der als Schuhputzer arbeitet. Denn nirgends anders sei man den Menschen so nah. Nie hat er Geld, wohnt aber in einem freundlichen Viertel, einem alten Märchenbuch-Frankreich, mit einer herzlichen Frau (Kaurismäkis Madonna Kari Outinen). Dann bricht aber die Realität von heute in diese Welt aus Citroen DS an der Straßeecke und Plattenspielern in den musealen Wohnzimmern. In einem Container werden schwarzafrikanische Flüchtlinge gefunden. Kaurismäki, der ansonsten keine Sekunde zu lange in der Szene bleibt und keine Szene zuviel im Film hat, lässt diese Gesichter lange in die Kamera schauen. Dann kann, wieder typisch ökonomisch, der junge Idrissa fliehen und bei Marcel Unterschlupf finden. Die Versuche der Gemeinschaft des Viertels, das Kind zu seiner Mutter nach London zu schmuggeln, zeugen von einfacher Solidarität, die keine Fragen stellt. Und einen durchaus tages-politischen Gegensatz zur Europäischen Gemeinschaft darstellt. Wie Kaurismäki das erzählt, ist unvergleichlich - im Vergleich zu seinen eigenen Werken erstaunlich sogar leicht.

Der Biber

USA 2011 (The Beaver) Regie: Jodie Foster mit Mel Gibson, Jodie Foster, Jennifer Lawrence, Anton Yelchin 91 Min.

Kann man einen Wohlfühlfilm über eine Depression drehen? Jodie Foster versucht es mit einer verblüffend einfachen Idee: Walter Black (Mel Gibson) leidet seit zwei Jahren an einer schweren Depression. Der Boss einer Spielzeug-Firma will nur noch schlafen, hat schon jede erdenkliche (witzig persiflierte) Therapie mitgemacht - ohne Erfolg. Seine Frau Meredith (Jodie Foster) hält liebevoll zu ihm, die beiden Söhne verhalten sich mittlerweile selbst seltsam. Als Meredith ihn schließlich doch rausschmeißt, versucht der sich im Hotel zuerst besoffen an der Duschstange zu erhängen und dann - immer noch die Duschstange am Hals - vom Balkon zu stürzen. Nachdem auch das kläglich scheiterte und ihn ein Fernseher bewusstlos schlug, weckt Walter seine alte Handpuppe, der Biber. „Er" spricht mit tieferer Stimme und seltsamem Akzent. Nicht wirklich, aber der kranke Walter kann über diese Rolle mit verstellter Stimme wieder zurück ins Leben finden.

Das ist zu schön um wahr zu sein: Das Erstaunen bei Meredith, den Kinder, seiner Vizepräsidentin und der ganzen Belegschaft ist herrlich. Da spricht tatsächlich jemand im Anzug über eine Handpuppe mit ihnen! Doch, wenn es der Doktor empfohlen hat... Walter spielt mit dem kleinen Sohn Henry (Riley Thomas Stewart), hat mit der Biber-Bastelkiste eine Idee zur Rettung der Firma und sogar mit der Ehe funktioniert es wieder. Auch wenn die Gattin den Dreier im Bett mit Biber komisch findet. Aber die Depression ist nicht auch nicht verschwunden, nachdem Walter sich auf allen TV-Kanälen outet. Genauer: Der Biber Walters Geschichte erzählt. Meredith will ihren Mann alleine zurück und die Puppe meldet beängstigende Besitzansprüche auf den Mann, der „ihr die Hand in der Hintern schiebt". Walter ist wieder arm dran und es ist Zeit für eine neue einschneidende Maßnahme...

„Der Biber" ist als Film von Jodie Foster keine Spur so abstrus, wie es sich in der Zusammenfassung anhören könnte. Mel Gibson spielt hervorragend und glaubwürdig vor allem die Müdigkeit und die Schwäche. Erst als es dramatisch wird, schrammt die nur anfangs komische Krankheitsgeschichte knapp am Absurden vorbei. Foster hält sich als Darstellerin zurück, sie inszeniert einen eleganten, lebendigen Stil mit kleinen, originellen Twists hier und dort. In der Familiengeschichte bekommt vor allem der ältere Porter (Anton Yelchin), der befürchtet, seinem Vater zu ähnlich zu sein, und dessen Liebe von zuviel Drama bedroht ist, große Aufmerksamkeit. Auch wenn „Der Biber" bei seiner Premiere in Cannes vergleichsweise konventionell wirkte, ist er im Kinoalltag ein herausragendes Ereignis mit einer mutigen Botschaft: Wie geht man damit um, wenn das Leben nicht nur flockig und „alles ok" ist? Was macht man, wenn sich und die anderen nicht mehr anlüg