7.9.11

Venedig 2011 Wuthering Hights, Cafe de Flore, Exchange

Das Kino brennt

Venedig. Nach dem großen Kino der Stars konzentriert sich die „ 68. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica" auf die Kunst, die ja auch im Namen des ältesten Filmfestivals steckt. Die wichtigsten Gäste sind abgereist, doch das Feuerwerk der Ereignisse im wahrscheinlich letzten Jahr des Festivaldirektors Marco Müller geht weiter - auch mit ungeplanten Aufregern. Venedig wird in diesem Jahr seinem Ruf als traditionelles Pannenfestival wieder einmal gerecht: Die Vorstellung des Überraschungsfilms - eine Marotte Müllers - entwickelte sich zur Überraschungsshow. Nicht wegen des Films - mit der ziellos scheinenden Suche nach einem Mörder bei „People Mountain People Sea" von Cai Shangjun steckte wie üblich bei ein Asiate in der Überraschungstüte. Aber mitten in der Vorstellung rannten die Menschen aus dem Saal, weil sie ein Feuer rochen. Das Festival unterbrach den Film und eine eher komödiantische Suche nach dem Brandherd begann, während unpassende Tonbandansagen für noch mehr Kopfschütteln sorgten. Der „Sala Darsena",ein Freiluftauditorium, das provisorisch überdacht wurde, soll zum nächsten Festival renoviert werden.

Leidtragender war der chinesische Regisseur Cai Shangjun, dessen auch sozialkritischer Film schon in der ersten Vorstellung in einem anderen Saal unterbrochen werden musste, weil die Untertitel nicht zu sehen waren. Bei der Wiederholung fiel dann zur Abwechslung der Ton aus. Eine Überraschung also nur insofern, dass noch nicht der übliche Protest der chinesischen Regierung gegen unliebsame Werke eingegangen ist. Oder steckt deren Geheimdienst dahinter? Man müsste Le Carre fragen. Ansonsten zeigt sich die Filmkunst weniger unterhaltsam, aber abwechslungsreich mit einem Klassiker aus England, einem Superhit aus Kanada und einem israelischen Kafka.

Stürmisches Naturdrama
Andrea Arnold, von der man nach den gefeierten, sehr modernen Vorgängern „Red Road" und „Fishtank" kein Historiendrama erwartete, verfilmte „Sturmhöhe" (Originaltitel: Wuthering Heights) von Emily Brontë (1818–1848). Die dramatischen Familienränke über drei Generationen erzählt sie verknappt. So bleibt mehr Zeit für reiche Naturpoetik. Es wimmelt nur so von Ästchen, Tautropfen, Käfern und anderem Getier auf der Leinwand. Die wilde Landschaft, in der sich die noch freie Seelenverwandtschaft vom Findelkind Heathcliff und der hier in den Hügeln heimischen Catherine ausbreiten kann, entwickelt einen rauschhaften Sog auch beim Zusehen. Inhaltlich setzt Arnold einen Akzent, in dem sie den von Catherines Bruder erniedrigten und später rachsüchtigen Heathcliff, zu einem Schwarzen macht, der als „Nigger" beleidigt und wie ein Tier behandelt wird. Eine interessante Klassikerverfilmung.

Paris mit Vanessa Paradis
Der Kanadier Jean-Marc Vallée legte mit „Café de Flore" den bislang besten Film des Festivals auf - leider nicht im Wettbewerb. Wie schon im Vorgänger „C.R.A.Z.Y." dreht sich wieder alles um Schallplatten, Lieblingslieder und die Melodie der ersten großen Liebe. Ein international erfolgreicher, aber durch Alkoholismus gefährdeter DJ steht mit seinen zwei Kindern zwischen der neuen und der geschiedenen Frau. Parallel dazu zieht Vanessa Paradis, die Partnerin von Johnny Depp, in Paris ihren mongoloiden Sohn groß, der immer wieder den Song „Café de Flore" hören will. Die Verbindung der beiden Ebenen ist ebenso atemberaubend wie die Musiken und die ganz großen Gefühle in diesem filmischen Hit.

Kafka in Tel Aviv
Nicht ganz so einhellig war die Begeisterung für denn israelischen-deutschen Wettbewerbsbeitrag „The Exchange", der von der Kölner Pandora-Film koproduziert und teilweise in Hanau gedreht wurde. Die Verwandlung eines stillen Wissenschaftlers, der zufällig aus seiner Routine tritt, in einen Sonderling, der fast unsichtbar neben der Gesellschaft lebt, wirkt stellenweise wie eine Mischung aus Kafka, Loriot und auch Kishon. Eran Kolirin („Die Band von Nebenan") zeigt das nicht besonders flott oder prickelnd, aber das Abseitige hat durchaus seinen Reiz und passt in diesen Wettbewerb. Der Pandora Film-Verleih will „The Exchange" ins Kino bringen.

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