21.12.07
Astronaut Farmer
USA 2007 (Astronaut Farmer) Regie: Michael Polish, mit Billy Bob Thornton, Virginia Madsen, Max Thieriot 104 Min. FSK: ab 6
Nicht nur in seiner Aussage ist der "Astronaut Farmer" altmodisch: Den Ansari-X-Preis für den ersten privat finanzierten Weltraumflug, 10 Millionen Dollar, hat sich mittlerweile der kalifornische Raumfahrtpionier Burt Rutan abgeholt. Und beim Music-, Flug-, Zug- und nun Raumflug-Pionier Richard Branson stehen die Leute Schlange, um mit Virgin ins All zu düsen. Doch Raumflug scheint auch heute immer noch ein Abenteuer zu sein, wenn man die Schwierigkeiten der NASA mit Schaumstoff und Hightech-Küchenkacheln bedenkt.
Da ist eine Aussage besonders interessant: Die NASA kann einfach keinen privaten Flug zulassen, weil dann ihr Jahresetat von über 10 Milliarden reichlich übertrieben wirken würde! Doch erst einmal fängt alles ganz harmlos verschroben an. "Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer für die Menschheit" hört man, während ein Cowboy im Raumanzug vom Pferd steigt, um ein entlaufenes Kalb zu fangen. Dieser Space-Cowboy ist Charles Farmer, ein Landwirt in Texas, der in seiner Scheune aus den Resten von Luftfahrtprogrammen eine Rakete baut. Der "Astronaut Farmer" hat zwar haufenweise Schulden, aber einen großartigen Charakter. Charles war einst Pilot der Luftwaffe, aber flog damals aus dem Raumfahrtprogramm, weil er zu seinem sterbenden Vater fuhr. Jetzt läuft er wie selbstverständlich die ganze Zeit im Raumanzug rum und bestellt 10.000 Liter Treibstoff.
Das lässt die Jungs vom FBI anrücken, es wird komisch, denn die wissen bald selber, dass nicht Farmer der Trottel ist. Wie Schulze & Schultze von "Tim & Struppi" sind die Männer im Anzug immer im Bild, aber nie im Bilde. Auch witzig, wie Bruce Willis als erfahrener Raumfahrer ("Armageddon") vorbeikommt, um Farmer von seinem Plan abzubringen - vergebens. Als dann die Rakete tatsächlich zündet, sieht das allerdings sehr nach Looney Tunes aus. Und der Film hat es sich inzwischen bei den abgewetzten Ideen gemütlich gemacht.
"Astronaut Farmer" hebt nie richtig ab, hat die schönsten Flugaufnahmen mit einem Raketen-Karussell für Kinder. Es
bleibt ein netter Familienfilm und ein echter Männerfilm im Sinne von "Kuck mal, wer da hämmert". Das wird überdeutlich, wenn Thornton und Bruce Willis mit Bierflasche vor dem Hobby-Mobil stehen und sich kindisch freuen. Trotz ihrer völlig verrückten Anlage spielt Billy Bob Thornton mal wieder eine eigentlich recht normale Figur, eine Rolle wie für Kevin Costner, der mitten im Maisfeld im Nirgendwo ein Baseball-Platz anlegte.
Auf die Frage, weshalb er unbedingt ins All fliegen will, antwortet Farmer: "Es ist mein Traum." Seine Rakete heißt dementsprechend "Der Träumer". Mehr braucht es nicht in einem us-amerikanischen Film, vielleicht noch im Nachbrenner ein "Gib niemals auf!" Das hat alles seltsame Ähnlichkeit mit dem Arche-Noah-Film "Evan Allmächtig", nur war da der Held ein fanatischer Katholik und hier ist es ein aufgeklärter Mann der Wissenschaft. Überzeugender macht das die Film-Idee nicht.
Tödliche Versprechen
GB, Kanada 2007 (Eastern Promises) Regie: David Cronenberg mit Viggo Mortensen, Naomi Watts, Vincent Cassel 101 Min. FSK: ab 16
So wie Hardrockern oft sehr schöne Balladen gelingen, scheint auch das Handwerkszeug der Horrorfilmer für komplett gelungene Filmkunststücke zu prädestinieren. David Cronenberg verstörte nachhaltig mit "eXistenZ", "Crash", "M. Butterfly" und "Naked Lunch", doch mit seinem letzten Film "History of Violence" verschwand das Abgedrehte, für das kanadische Filmförderung immer etwas (Geld) übrig hat. Die Geschichte eines braven Familienvaters (Viggo Mortensen), dessen "Geschichte der Gewalt" entdeckt wird, war nur noch gut, klug und packend.
"Tödliche Versprechen" hält, was Cronenberg verspricht: Der dichte Thriller ist von der ersten Szene an nichts für Zartbesaitete. Tod im Doppelschlag und eine Geburt dazu ... selten wurde der Popcorn-Terror im Kino so effektiv gestoppt. Doch anders als bei den so populären, immer härteten Metzgereien, kommt die Brutalität hier nicht als Selbstzweck daher. Wieder, wie schon bei "History of Violence" dreht sich alles um Gewalt und Identität. Im Milieu der russischen Mafia Londons sehen wir sensible Mörder, zynische Killer, unfassbar brutale Tiere hinter freundlichem Lächeln - dabei enthält fast jede Szene einen Denkanstoss über das dunkle Wesen der Menschen.
Während ein Kunde im Friseursalon final unters Messer kommt, stirbt ein junges Mädchen bei der Geburt ihrer Tochter. Anna (Naomi Watts), die Hebamme russischer Abstammung, versucht Bekannte oder Verwandte der Toten zu finden, ein kyrillisch geschriebenes Tagebuch soll dabei helfen. Annas Onkel will das Buch einer Toten anfangs nicht übersetzen, so führt es die Neugierige zum russischen Restaurant von Semyon (Armin Mueller-Stahl). Der freundliche Chef lächelt schwer aus seinem faltigen Gesicht und verspricht Hilfe. Dass Anna ausgerechnet im Herz der russischen Mafia-Finsternis landete, ahnt sie nur intuitiv.
Das Buch dieses packenden und erschreckenden Thrillers stammt vom Autor des völlig übersehenen Frears-Sozialdramas "Dirty Pretty Things" - unverkennbar in den motivischen Ähnlichkeiten. Cronenberg macht allerdings aus den sozialen Realitäten einen ganz anderen Film: Der Anfangszustand des Schreckens hält an und verstärkt sich mit dem Durchleben grausamer Schicksale nur noch. Im Off hören wir das Tagebuch zu Grunde gerichteter Träume eines jungen Lebens. Der kanadische Regisseur traut sich, Abgründe zu zeigen, die us-amerikanische Krimis selten anrühren.
Das opulente, hedonistische und gnadenlos harte Milieu ist bekannt aus vielen Russen-Krimis wie "Little Odessa". In den grandiosen Bildern aus der Welt russischer Enklaven glänzt eine exzellente Besetzung: Armin Mueller-Stahl setzt (im Original) seinen deutschen Akzent trefflich als alter Russe ein und darf, bevor er im verführerisch leckeren Borscht rührt, seine Geigenkunst vorspielen. Viggo Mortensens ambivalente Figur eines Killers mit Geheimnis umgibt eine starke Aura: reserviert, überlegen, tiefgründig bis zum sehr zwiespältigen Schlussbild. Wie schon in "History" erweisen sich die harmlosen Gesichter besonders gefährlich.
18.12.07
1 Mord für 2
USA 2007 (Sleuth) Regie: Kenneth Branagh mit Sir Michael Caine, Jude Law 89 Min. FSK: ab 12
Eine britische Schauspiel-Show liefern Michael Caine und Jude Law, die bereits 2004 im Remake von "Alfie" zusammenspielten, in "Sleuth" vom Shakespeare-Mimen Kenneth Branagh: Der erfolgreiche Autor Andrew Wyke (Michael Caine) bekommt in seinem stylisch-futuristischen Anwesen Besuch vom Milo Tindle (Jude Law), arbeitsloser Schauspieler und Liebhaber seiner Frau. In einem Duell über drei Runden tasten sich die Konkurrenten ab, spielen mit einander und schließlich auch mit Pistolen. Reizvoll aber nicht unbedingt überzeugend - vielleicht weil die Frau, um die es geht, niemals im Film auftauchen wird?
Die irritierende Rückkehr des Liebhabers als ruppiger Polizist mit Schnurrbart und ebenso prolligem Akzent ist nicht das einzige Deja Vu dieses Films. Branaghs "Sleuth" ist ein Remake des gleichnamigen Films aus dem Jahre 1972. Damals brachte Altmeister Joseph L. Mankiewicz das Anthony Shaffers Stück von der Bühne auf die Leinwand. Den jungen Liebhaber spielte der damals der 39-jährige Caine! Jude Law wurde im Jahr des Originals geboren. Die Bühnen- und Leinwand-Legende Laurence Olivier gab einst den berühmten Autor. Eigentlich überraschend, dass sich Regisseur Kenneth Branagh, in seinen vielfältigen (Shakespeare-) Aktivitäten ein Nachfolger Oliviers, nicht selber als Wyke besetzt hat. Zumindest dabei hielt er sich zurück, stilistisch fällt er wieder mit einigen Manierismen auf.
Elizabeth - Das goldene Königreich
GB, Frankreich 2007 (Elizabeth: The Golden Age) Regie: Shekhar Kapur mit Cate Blanchett, Geoffrey Rush, Clive Owen 115 Min. FSK: ab 12
Elizabeth I, die zweite
1998 kam Cate Blanchett grandios und königlich als Elizabeth I raus. Shekhar Kapur inszenierte die ersten Regierungsjahre einer historisch eindrucksvollen Figur. Kostüme und Kamera machten Macht spürbar, Cate sorgte für die emotionale Tiefe dieser Herrscherin, sieben Mal wurde der optisch opulente Film für den Oscar nominiert. Fast ein Jahrzehnt musste man auf "Elizabeth II" warten, Shekhar Kapur drehte zwischendurch "Die vier Federn" (2002), Stephen Frears beschäftigte sich mit dem Innenleben der jetzigen "Queen", der wirklich zweiten Elisabeth. Fortsetzungen sind etwas für einfallslose Massenware und bei Meisterwerken eher ungewöhnlich. Was bieten Cate und Kapur Neues?
Es sind bewegte Zeiten: Der hinterhältige Spanier Philip II benutzt das Mäntelchen der Religion als Vorwand für seine Eroberungspläne gegenüber England. Der anglikanischen Staatskirche stehen die "Papisten" gegenüber. Die Schottin Mary Stuart beansprucht den Thron, ein Bürgerkrieg droht. Und alle sorgen sich angeblich um das Seelenheil der armen Untertanen. Aus der "Neuen Welt", die damals noch nicht Südamerika hieß, kommen fremde Menschen, Gold und Kartoffeln. Auf den Weltmeeren kapern englische Piraten die übermächtige Armada, rauben die Schätze der Kolonien.
Doch der Alltag einer Herrscherin des 16. Jahrhunderts ist ungewöhnlich lebendig zu erleben: Elizabeth schießt offene und spöttische Kommentare bei der Audienz ab. Sie raucht mit ihren Kammerdamen im Nachthemd den gerade erst aus der Neuen Welt geklauten Tabak. Als Jungfrau auf der Suche nach einem Mann - offiziell und auch durchaus leidenschaftlich - wirft sie ein Auge auf den Kapitän Sir Walter Raleigh. Wenn sie als royalen Abschiedsgruß meint, "I like you" (ich mag sie), nimmt er sich die freibeuterische Frechheit heraus, zu antworten: "And I like you!"
"Elisabeth II" versucht gar nicht erst, eine steife historische Korrektheit herzustellen. Stattdessen darf die Integrität der Figuren aufleben - das bleibt der große Pluspunkt des Konzepts von Kapur. Und in idealer Besetzung vereint Blanchett Würde und Jovialität, Form und Feingefühl. Clive Owen hat den perfekt verwegenen Blick für einen Piraten des Herzens und sein Sir Walter Raleigh spielt auch die ganze spanische Armada an die Wand.
Wenn wieder schillernde Kostüme und betörend schöne Bildkompositionen das Ganze krönen, wenn Schattenspiele und Kerzenlicht für eine exzeptionelle Stimmung sorgen, beweist Kapur erneut sein enormes Kino-Können. Dabei stellt er seine Inszenierung ganz in den Dienst einer großen (Schauspiel-) Königin. (Was man in der deutschen Synchronisation leider verpasst, ist der Spaß, Cate Blanchett original in Deutsch zu hören.)
12.12.07
Todeszug nach Yuma
USA 2007 (3:10 to Yuma) Regie: James Mangold mit Russell Crowe, Christian Bale, Logan Lerman 123 Min. FSK: ab 16
Dieser "Todeszug" ist ein Remake des 1957 mit Glenn Ford verfilmten "Zähl bis drei und bete", doch nichts wirkt hier altmodisch. Das liegt nicht nur daran, dass mit den "2 Fast 2 Furious"-Autoren Derek Haas und Michael Brandt zwei mit Film-Pop vertraute Leute ihren Einfluss einbrachten. Der Kern der Konfrontation zwischen Gut und Böse stammt aus einer Kurzgeschichte von Elmore Leonard (Out of Sight, Jackie Brown, Get Shorty), doch erfreulicherweise fiel die Charakterzeichnung im Remake sehr differenziert aus.
Wie es heutzutage gern gesehen wird, kommt auch der Western "Todeszug nach Yuma" direkt zur Sache: Erst der nächtliche Überfall auf die verschuldete Farm von Dan Evans (Christian Bale). Dann die veritable Leinwandschlacht um eine schwer gepanzerte und bewachte Kutsche. Der Geldtransport wird mit einem Maschinengewehr verteidigt und auch die Bilder haben eine Modernität, die beim aktuellen, eher ruhigen Western fast wieder altmodisch wirkt - irgendwie so 80er-mäßig. Vom Feldherrnhügel verfolgt der Oberschurke Ben Wade (Russell Crowe) das niedere Geballere und erlegt erst mit einem ebenso simplen wie genialen Schachzug die Beute. Dass er dabei die von Dan Evans geklaute Kuhherde benutzt, wird sein Schicksal sein. Doch vorher sorgen die beiden ungleichen Kontrahenten für zwei Stunden packenden Western, der mehr durch Akteure als durch Aktionen bestimmt ist.
Ben Wade ist gnadenloser Boss einer Räuberbande. Wegen einer Frau wird er festgenommen und der einfache Farmer Dan Evans sieht sich gezwungen, einen Job als Bewacher anzunehmen. Wade bleibt trotz einer Unzahl von Waffen, die auf ihn gerichtet sind, ruhig. Immer begleitet den Transport der lebensgefährlichen Ladung Wades teuflischer Freund am Horizont. Und sollte es einer der Bewacher wagen, den Gefesselten zu ärgern, wird er die nächste Nacht am Lagerfeuer sicher nicht überleben
Schon bei der ersten Begegnung - Evans fordert ganz naiv seine Kühe zurück - zeigt sich eine Spannung, deren Tiefe im Laufe des langen Weges ausgelotet wird. In dieser frühen Szene haben wir auch längst begriffen, dass Dan Evans sich irgendwann den Respekt seines Sohnes William verdienen, dass er sich irgendwann wehren und zur Waffe greifen wird.
Der "Todeszug" ist "todes gut", wie ein einstiger Jugendslang gesagt hätte, vor allem durch die enorme Präsenz der Darsteller. Wirklich spannend sind die Blick-Duelle zwischen Russell Crowe und Christian Bale. Dazu kommt ein Vater-Sohn-Drama, denn der wütende William folgt dem Transport und greift selbst im entscheidenden Moment ein.
Regisseur James Mangold lieferte schon mit "Walk the Line", "Identity", "Durchgeknallt - Girl, interrupted" und "Cop Land" gute Arbeit ab, und überzeugt hier mit gekonnt stilisierten Bildern, wobei die Friedhofskreuze am Horizont, der Rächer im Gegenlicht hier immer nahe an Pop-Zitaten dran sind.
Hitman
Frankreich, USA 2007 (Hitman) Regie: Xavier Gens mit Timothy Olyphant, Dougray Scott, Olga Kurylenko 92 Min. FSK: k.J.
Französische Produktionen schaffen es immer wieder, ausgetretene Genres mit neuer Ästhetik und Geschwindigkeit aufzufrischen. Diesmal kommt die Killer-Action nicht ganz so revolutionär daher. Aber der Hauptdarsteller Timothy Olyphant ("Stirb langsam 4.0") gibt der tödlichen Stilübung genügend ambivalenten Reiz.
Wie entscheidet ein "Guter", ob man töten soll? Diese auf Filmwelten beschränkte Moralfrage steht am Anfang. Für Hitman 47 eine schwierige Frage, denn er ist zwar ein perfekter Killer, doch Moral und Gefühl muss er erst im Laufe der Action entdecken. 47 ist ein genmanipulierter Spezialist, der von seinen Auftraggebern verraten wird und nun hinter die Kulissen blicken will. Dabei entdeckt er - getreu den Gesetzen des Genres und in Folge von "Blade Runner" & Co. - vor allem sich selber.
Das hört sich stark nach "Bourne Identität" an, hat auch stellenweise die gleiche Atemlosigkeit. Doch "Hitman" sieht Klassen besser aus! Nicht nur im Styling und in den raffinierten Choreografien der Action. Vor allem Timothy Olyphant hat im Vergleich zu Matt "Bourne" Damon die notwendige Ausstrahlung für einen echten Filmkiller. Reizvoll ist die Besetzung weil Olyphant in den Gesichtszügen eigentlich zu sensibel wirkt. Ein Schuss Ironie tut ihm gut, etwa wenn der coole Kerl im Umgang mit Frauen unfreiwillig komisch wirkt, weil sehr schön ungeschickt und halt unsensibel. Damit landet der "Hitman" im Einerlei der immer härteren und schnelleren Action einen guten Treffer.
5.12.07
Für den unbekannten Hund
BRD 2007 (Für den unbekannten Hund) Regie: Benjamin Reding, Dominik Reding mit Sascha Reimann (alias Ferris MC), Zarah Löwenthal, Lukas Steltner, Gunnar Melchers, Hedi Kriegeskotte 107 Min. FSK: ab 12
Basti kommt raus aus Knast und vermisst seine Playstation mehr als die Freundin. Basti saß wegen eines Bruchs nicht wegen des Mordes, der ihn in Albträumen verfolgt. Um seiner Wut und einer möglichen Erpressung zu entfliehen schließt er sich Handwerksgesellen auf der Walz an, geht für drei Jahre und einen Tag auf Wanderschaft. Nach ersten Schwierigkeiten freundet sich der beschränkte und egoistische Junge mit den altertümlich lebenden Gesellen und mit ihren seltsamen Regeln an. Das Handy landet im Teich, nur die Schuld lässt sich auch in langen Regennächten nicht wegwaschen. Und immer deutlicher wird, dass Bastis Opfer ein guter Freund seiner neuen Kumpel war.
Nach "Oi! Warning" schicken Dominik und Benjamin Reding in ihrem von der Filmstiftung NRw geförderten Nachfolger einen jungen Neonazi auf Lehr- und Wanderjahre, trumpfen mit knalliger Farbdramaturgie auf und fesseln mit einer mythische Sühne. Die Geschichte wiederholt sich, holt sich gar selbst ein. In vielen Szenen beeindruckend kraftvoll, immer stark, wenn Bastis Beschränktheit mit Lust und Klugheit aufgebrochen wird, kann dieser bunte "Hund" seine Spannung nicht durchgehend halten. Doch allein die gute Geschichte im ungewöhnlichen Milieu verdient das Prädikat "sehenswert" "Für den unbekannten Hund".
Mein bester Freund
Frankreich 2006 (Mon meilleur ami) Regie: Patrice Leconte mit Daniel Auteuil, Dany Boon, Julie Gayet, Julie Durand 94 Min. FSK: o.A.
François (Daniel Auteuil) ist ein erfolgreicher und raffinierter Antiquitätenhändler. Zum Entsetzen seiner Geschäftspartnerin Catherine (Julie Gayet) ersteigert er eines Tages eine antike Vase für 200.000 Euro. Sie zeigt Achilles und seinen Freund Patroklus. Prophetisch oder höhnisch? Denn provoziert durch den spontanen Kauf bekommt François, die traurige Gestalt, aufs Gesicht zugesagt, dass er keinen besten Freund, eigentlich gar keine Freunde hat. Der reagiert beleidigt mit einer Wette: Wenn er in zehn Tagen keinen besten Freund vorzeigen kann, verliert er die Vase.
Nun schickt Leconte seinen Lieblingsschauspieler Auteuil auf einen humoristischen Leidensweg: Witzig, wie François überall Freundschaften sieht, in der Werbung, den Kneipen und auf Kirchenplakaten. Albern, wie er sich Ratgeber in der Bibliothek sucht, Vorträgen lauscht. Tragisch, denn er möchte nun lernen, wie man sich für Menschen interessiert. Doch die Unfähigkeit zu spontanen Sympathie, die Verbautheit seines Denkens, die kein Mitgefühl herauskommen lässt, zieht nicht nur François runter. Zum ständigen Begleiter bei der Suchen nach einem Freund wird der joviale Taxifahrer Bruno (Dany Boon), ein redseliger, freundlicher Zeitgenosse, der François anfangs gehörig auf die Nerven geht. Die Freundschaft, die längst da ist, muss noch einige Proben, des sozial arg groben François überstehen und auch das Ende ist nicht eingängig oder einfach.
Menschliche Zustände, die Leidenschaften und auch immer wieder die Einsamkeit kostet Patrice Leconte gekonnt aus:
Er brachte Sandrine Bonnaire und Fabrice Luchini als "Intime Fremde" fast zusammen, ließ Vanessa Paradis als "Die Frau auf der Brücke" an der Seite von Daniel Auteuil leidenschaftlich verschwinden, den "Mann der Friseuse" liebesleiden und "Die Verlobung des Monsieur Hire" als bittersüße Stimmung endlos schmachten. Diesmal inszenierte der französische Meisterregisseur nicht das große Drama, sondern eher eine Nuance der comedie humaine mit leichter Hand. "Mein bester Freund" ist nur im Kern ein Buddy-Movie wie "Der Killer und die Klette" und fügt dem Konzept nachdenkliche Brüche hinzu. Auch wenn die Inszenierung Lecontes diesmal nicht durchgehend überzeugt, Daniel Auteuil gelingt dies jederzeit.
Mr. Magoriums Wunderladen
USA 2007 (Mr. Magorium's Wonder Emporium) Regie: Zach Helm mit Dustin Hoffman, Natalie Portman, Jason Bateman 94 Min. FSK: o.A.
Wie zaubert man (Leinwand-) Magie herbei? Ein wundersamer Laden voller Kinderspielzeug, bunt, verzaubert und verzaubernd, mit einem kauzigen, zerstreuten Besitzer, der das Herz am richtigen Fleck hat und auch immer für ein großes Strahlen in Kinderaugen sorgt. Hört sich schon mal gut an. Dass Dustin Hoffman diesen Mr. Magorium seltsam lispelnd grimassiert, irritiert anfangs, tut der magischen Sache aber keinen Abbruch. Vor allem, weil er immer häufiger leise lächelnd seinen Abschied andeutet. Mr. Magorium bereitet sich darauf vor, die Erde zu verlassen, weil er bereits das letzte Paar seiner auf Vorrat gekauften Schuhe trägt, dabei sei er doch erst 243 Jahre alt!
Schwerer fällt dieser Abschied seiner jungen Assistentin Molly Mahoney (Natalie Portman), einst eine erstaunlich talentierte Pianistin, die nun auf dem Weg zur Arbeit verzweifelt ihre eigene Melodie sucht. Sicher wird ihr dabei der fein polierte Block Holz helfen können, den sie von Magorium erhielt. Doch auch hier ist es eine Frage der Sichtweise, ob es Magie ist oder nur ein Stück Holz, bzw. Film. Einer hat begriffen, obwohl er gar nichts begreift: Mit dem Satz "Alles ist möglich" bekommt der steife und vertrocknete Buchhalter Henry einen Job in dem völlig verspielten Unternehmen. Es braucht jedoch die Hilfe des genialen aber einsamen Jungen Eric, um die große Traurigkeit Henrys wieder zum Spielen zu bringen.
Das Wohlfühlfilm-Tantra "Du musst an dich selbst glauben", ist nicht die schlechteste Aussage eines Films, wenn sie denn schön verpackt wird. Peter Pan konnte ohne nicht fliegen und dieser Film weiß auch nicht recht, ob er ab- und erheben soll. Das Thema Abschied wurde rührend umgesetzt. Die "Toy Story" mit Details animierter Spielzeug-Klassiker, ist witzig und originell. Im großen Finale hätte es auch etwas weniger sein können, zu bemüht dirigiert Natalie Portman mit ihrer neu entdeckten Magie die Farborgie des Ladens. Das konnte Dustin Hoffman vorher besser. Aber ihm ist ja auch eine spezielle Magie eigen.
26.11.07
The Hunting Party
Bosnien, Kroatien, USA 2007 (The Hunting Party) Regie: Richard Shepard mit Richard Gere, Terrence Howard 96 Min.
In "The Hunting Party" (Die Jagdgesellschaft) spielt Richard Gere den Kriegs-Journalisten Simon Hunt, der einen serbischen Kriegsverbrecher jagt. Es ist die alte Geschichte des zynischen Reporters, dessen harter Panzer schließlich doch durch eine persönliche Begegnung gebrochen wird. Nachdem seine schwangere bosnische Freundin bei einem Massaker der Serben vergewaltigt und umgebracht wurde, bricht Hunt vor laufender Kamera zusammen, verliert den Star-Job und sinkt in den folgenden Jahren immer tiefer. Doch nun ist er auf der Spur des meistgesuchten Kriegsverbrechers und einer großen Geschichte.
Eine große Geschichte ist der Film von Richard Shepard nicht, deshalb läuft er auch nur in der oft anspruchslosen Nachtschiene. Man sollte sich nur eines merken und deshalb machte Richard Gere wohl auch gerne mit: Drei orientierungslose Journalisten finden den Kriegsverbrecher, den NATO, UN-Truppen und Geheimdienste angeblich jahrelang suchen, innerhalb von zwei Tagen! Nicht erst, als die CIA in einer absurden Drehbuchfinte die Ergreifung des Massenmörders verhindert, merkt man, dass hier was nicht stimmt. Im Film und in der korrupten Realität.
Der Mann von der Botschaft
BRD, Georgien 2006 (Der Mann von der Botschaft) Regie: Dito Tsintsadze mit Burghart Klaußner, Lika Martinova; Marika Giorgobiani, Irm Hermann 100 Min.
Unerhört, unglaublich: Da nimmt ein deutscher Botschaftsangehöriger in der georgischen Hauptstadt Tbilisi einfach ein zwölfjähriges Mädchen von der Straße mit in seine Wohnung. Was so unerlaubt klingt, entwickelt sich ganz natürlich. Der einsame Herbert Neumann hilft dem Kind - das übrigens seltsam androgyn auftritt. Die Bettlerin, Diebin nähert sich vorsichtig an und schließlich finden sich zwei Menschen ganz freundschaftlich unter völlig unmöglichen Umständen....
"Der Mann von der Botschaft" von Dito Tsintsadze erhielt 2006 in Locarno den Darstellerpreis. Genauer: Burghart Klaussner ("Die fetten Jahre sind vorbei", "Requiem") ist der einsame, verschlossene Mann von der (deutschen) Botschaft im georgischen Tiflis, der sich mit seltsamer Naivität eines Straßenkindes annimmt. Die ruhige Psychostudie wurde von Tatfilm in Köln produziert und von der Filmstiftung NRW gefördert.
Nichts als Gespenster
BRD 2007 (Nichts als Gespenster) Regie: Martin Gypkens mit Maria Simon, August Diehl, Brigitte Hobmeier, Janek Rieke 115 Min. FSK: o.A.
"Nichts als Gespenster" von Martin Gypkens ist ein partiell eindrucksvoller, mit August Diehl, Jessica Schwarz und Fritzi Haberlandt sehr gut besetzter Episodenfilm nach dem gleichnamigen Erzählband von Judith Hermann. Die Bilder beeindruckten durch reizvolle Farbdramaturgie vom Antonioni-Rot des Grand Canyon bis zum Schwarzgrau einer kalten Liebe in Hamburg. Und einen sehr schönen Jazz-Score. Einige Momente bleiben in der Erinnerung, Schnappschüsse aus Venedig, der Karibik, vom Grand Canyon, aus Island. Ganz ohne oder nur mit verlorenen Menschen. Doch das Ganze überzeugte auf den ersten Blick nicht. Vielleicht fehlte der Zusammenhang der Episoden um junge Deutsche, die vor ihren Leeren entweder in die Ferne oder in die falsche Beziehung fliehen.
Playtime
Fr 1967 (Playtime) Regie Jacques Tati 82 Min. FSK: 6
Die wunderbar restaurierte Fassung von "Play Time" aus dem Jahre 1967 ist ein Fest für Augen und Herzen. Der umwerfend komische, erstaunlich hellsichtige Parodie "Moderner Zeiten" wirft Tatis Hulot und eine Gruppe amerikanischer Touristinnen in ein hypermodernes Paris der späten Sechziger. Dass sich die Figuren immer wieder die Nase an den vorherrschenden Glasfronten und -türen einrennen, ist symptomatisch für das Missverhältnis zwischen Mensch und Fortschritt. Mit unerschütterlicher Neugierde und Freundlichkeit entdeckt der Pfeifenraucher Hulot trotzdem die Besonderheiten moderner Sitzmöbel, erlebt eine völlig chaotische Restauranteröffnung und kommt einer sympathischen Amerikanerin näher. Dass Tati einen völlig verstopften Kreisverkehr zur Rush Hour nicht in aggressive Stimmung umkippen lässt, sondern ihn zu einer amüsanten Karussellfahrt verzaubert, zeigt die wunderbare Fantasie dieses verehrten und geliebten Filmemachers.
Viele Details, etwa dass im Reisebüro die ganze Welt von der gleichen Hochhausarchitektur beherrscht wird, erstaunen durch die Hellsichtigkeit dieser 60er-Weltsicht. Dass sich bei aller Tücken der Objekt ein freundlicher, hilfsbereiter Mensch durch die extrem eckige und kantige Welt schlägt, macht den verstorbenen Tati so liebenswert und hält seine Meisterwerke "Mon oncle", "Die Ferien des M. Hulot", "Traffic" und "Jour de Fete" ewig frisch. In seinem unwiderstehlichen Optimismus ähnelt Tati dem Türsteher in "Play Time", der nachdem die Glastüre längst zu Bruch gegangen ist, noch immer den schweren, bronzenen Türgriff ohne Anhang auf und zu schwenkt, um den schönen Schein zu wahren.
Gone Baby Gone
USA 2007 (Gone Baby Gone) Regie: Ben Affleck mit Casey Affleck, Michelle Monaghan, Morgan Freeman 114 Min. FSK: ab 16
Die erste Regie von Schauspiel-Star Ben Affleck begeistert und beschäftigt nachhaltig mit geballtem emotionalem und moralischem Gehalt. Vom Drama eines verschwundenen Kindes, sehr ähnlich zum Boulevard-Thema "Madeleine", bis zum delikat nachgefühlten Dilemma des Finales eine in vieler Hinsicht gelungene Detektivgeschichte, nach der nun wirklich jeder Ben Affleck sehr ernst nehmen sollte!
Am Anfang steht die Suche nach der vierjährigen Amanda, die vor mehreren Tagen verschwand. Die Tante und der Onkel des Kindes beauftragen den sehr jung wirkenden Privatdetektiv Patrick Kenzie (Bens jüngerer Bruder Casey Affleck) und seine Freundin Angie (Michelle Monaghan). Durch seine Beziehungen zu den Menschen des Viertels kann Patrick hinter die Kulissen blicken, bekommt schnell heraus, dass Amandas Mutter in üblen Drogenkreisen verkehrt und das Kind bei einem verunglückten Drogendeal verschwand. Bei der katastrophalen Übergabe des Drogengeldes beginnt allerdings der schmutzige Teil der Geschichte...
Nur Anfangs dreht sich der Krimi um ein vermisstes Kind. Die Übergabe des Lösegeldes - oft das Finale eines Films - erfolgt hier kurz vor Halbzeit. Danach folgen wir den moralischen Instanzen Patrick und Angie in Abgründe des Umgangs mit Kindern. Dass allerdings auch die beiden in die Irre gehen, dass etwas die beiden trennen wird, unterscheidet dieses hoch spannende Meisterwerk von den üblich simplen Schemata. Deswegen, kann, nein: muss man nach diesem Film unweigerlich noch lange diskutieren und nachdenken.
Entsprechend sind die wichtigen Figuren ambivalent angelegt, halten immer eine Überraschung in petto. Angefangen bei Patrick, den man nicht unterschätzen sollte, weil er durchaus seinen Mann steht, wenn es darauf ankommt. Casey Affleck erweist sich nach seiner "Feigling-Rolle" in "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford" nach dem Wüsten-Solo in "Gerry" endgültig als grandioser Schauspieler. Casey sollte nun nicht mehr als der "kleine Bruder" gesehen werden.
Ebenso wenig kann man Ben Affleck noch unterschätzen, man sollte die Bennifer-Episode mit Jennifer Lopez endgültig abhaken. Neben oberflächlichen Rollen in Hollywood-Produktionen stand er schon immer gerne für Parodien seiner selbst zur Verfügung, trat für anspruchsvolle Rollen in Independent-Produktionen wie "Chasing Amy" an. Das sensationelle Drehbuch für "Good Will Hunting", das er mit seinem damaligen Kumpel Matt Damon schrieb, sei nicht vergessen. Das Thema Freundschaft zieht sich seitdem durch die Karriere Afflecks. Diesmal stammt die Vorlage von Dennis Lehane, der schon den Roman zum sensationell guten "Mystic River" lieferte. "Gone Baby Gone" findet in der Inszenierung Ben Afflecks, in der Hauptrolle Casey Afflecks, in den anderen Rollen, in der spannenden Dramaturgie, im sorgfältigen Umgang mit einem moralisch diffizilen Thema dann seine Vollendung für die Leinwand.
21.11.07
Mr. Brooks
USA 2007 (Mr. Brooks) Regie: Bruce A. Evans mit Kevin Costner, Demi Moore, William Hurt 120 Min.
Ein vielfältig überraschendes Comeback von Regisseur Bruce A. Evans und gleich drei Hauptdarstellern sorgt für eine raffiniert spannende Variante von "Dr. Jekyll und Mr. Hyde".
Als ehrenwertes Mitglied der Gesellschaft, ja als "Mann des Jahres", verstrahlt Evan Brooks (Kevin Costner) aus jeder Pore Seriosität. Auf der Heimfahrt vom Abend zu seinen Ehren wirkt Brooks plötzlich irritiert auf seine Frau neben ihm. Kein Wunder - dem Mann sitzt ein heimtückisches Alter Ego (William Hurt) im Nacken, ein hämisches Teufelchen, dass nur er sieht. Und das ihm Verführerisches einflüstert: Sollen wir nicht noch einmal morden? Nur noch einmal? Vielleicht dieses nette Pärchen aus der Tanzschule?
Auch das Publikum braucht eine Weile, die brave, bürgerliche Fassade von Mr. Brooks zu durchschauen. Zu verstehen, weshalb er im Keller - wie Batman - die ganze Reihe identischer Anzüge versteckt. Weshalb er so penibel sein Werkzeug für den Ausflug zusammenpackt. Kein Wunder, denn Brooks versteckte diese Seite lange vor sich selber. Der Mordsüchtige ging zu den Anonymen Alkoholikern, was eine Weile half. Doch jetzt ist die dunkle Seite wieder da, und sie wurde tatsächlich sehr vermisst. Das fühlt man geradezu, wenn nach einem meisterhaft ausgeführten Doppelmord die Wellen der Lust durch Brooks wogen. Wieder so ein Moment, wo der Film packt und überrascht.
Doch bei seiner Inszenierung, bei dem Arrangieren der Opfer für die Polizei, macht Brooks einen Fehler, wird vom benachbarten Spanner fotografiert. Der junge Mann geht nicht zur Polizei, sondern erpresst den Mörder: Er wolle auch töten, Brooks möge ihn gefälligst in die Lehre nehmen.
Dass sich der spannende und immer wieder mit Unerwartetem auftrumpfende "Mr. Brooks" nicht mit diesem Strang zufrieden gibt, hebt ihn endgültig auf das Niveau des unbedingt Sehenswerten. Da gibt es noch Demi Moore, die als raue Polizistin mit weicher Seite bei ihren Scheidungsproblemen, endlich mal wieder ein gute Rolle hat. Und da gibt es auch noch die Tochter von Mr. Brooks, die scheinbar dessen Sucht geerbt hat...
Wie Moore trumpft auch Kevin Costner in einer dankbaren Rolle auf. Sie lässt enorm viele Facetten zu, vom liebenden Vater bis zum von Mordlust Getriebenen. William Hurt geht völlig im bösen Einflüsterer von Brooks auf, scheint zu genießen, dass er mal nicht den weinerlichen Gefühlsmenschen spielen muss. Dazu stimmen auch noch Inszenierung, Timing und Styling. Zeitweise denkt man sogar an "Fight Club", so gut passt das Styling zur verschrobenen und gespaltenen Persönlichkeit von Mr. Brooks. Man muss sich ernsthaft fragen, weshalb Bruce A. Evans in den 15 Jahren nach "Kuffs" mit Christian Slater nichts inszeniert hat. Ob dieser Film sehenswert ist, bleibt jedoch völlig außer Frage.
19.11.07
Machtlos
USA, Südafrika 2007 (Rendition) Regie: Gavin Hood mit Jake Gyllenhaal, Reese Witherspoon, Alan Arkin 120 Min.
"Rendition" lautet der Originaltitel dieses Films und verweist direkt auf den Kern seines Themas: "Extraordinary rendition" - außergewöhnliche Verurteilung, so harmlos kommt der Begriff daher, der Menschenrechte mit einem bürokratischen Federstrich außer Kraft setzt. Eine politische Absurdität, mag man denken, bis man den Gefolterten schreien hört! Erschütternd, packend, nüchtern analysiert und raffiniert erzählt. "Machtlos" mag so ein Film gegenüber tausendfach schreiendem Unrecht sein, doch er gibt sich mutig und engagiert.
Langsam mag man es glauben, dass Hollywood ein Hort linker Umstürzler ist: Schon wieder so ein Film, der die Bush-Politik mit dem hirnrissigen "Krieg gegen den Terror" bloßstellt. Oder liegt es daran, dass jeder mit einem Funken Verstand erkennt, wer die eigentlichen Brandstifter sind? "Machtlos" macht äußerst komprimiert an einem Fall Zusammenhänge klar und stellt durch Verschachtelung der Zeiten die Frage, wo der Anfang von Gewalt und Gegengewalt eigentlich liegt.
Am Anfang und am Ende des Films explodiert die gleiche Bombe eines Selbstmordattentäters - schon dieser Zirkelschluss stellt ein Fanal dar. Nichts wird sich ändern! Obwohl der junge CIA-Analytiker Freeman (Jake Gyllenhaal) energisch versucht, den Fall - sein erster - aufzuklären. Denn Freeman war vor Ort, ein Kollege starb in seinen Armen. Nun verfolgt der engagierte Freiheitskämpfer im Staatsdienst erschrocken, wie ein lokaler Polizeichef den einzigen Verdächtigen Anwar El-Ibrahimi (Omar Metwally aus "München") foltern lässt. Es sind die gleichen Methoden mit denen schon die spanische Inquisition "Erfolg" hatte: Wenn man einen Menschen nur lange genug quält, gibt es alles zu. Der Chemiker Anwar El-Ibrahimi, gut verdienender amerikanischer Staatsbürger, wurde während eines Fluges von Ägypten in die USA entführt. Seine Frau (Reese Witherspoon) bleibt ohne Nachricht zurück, die Behörden leugnen und verschweigen, bis eine Kreditkarten-Rechnung vom Einkauf über den Wolken beweist, dass er im Flieger saß! Doch die Nachforschungen eines befreundeten Staatsdieners stoßen auf Schweigen. Auf mehr als Schweigen, denn die über alles informierte Politikerin (Meryl Streep) opfert zynisch und kalt Menschen (-rechte) für ihr Verständnis von "Freiheit". Derweil spielt sich in dem nordafrikanischen Land des Anschlags ein Liebesdrama ab, an dem auch der folternde Polizeichef beteiligt ist...
Im Gegensatz zu Redfords Redefilm "Von Löwen und Lämmern" oder Winterbottoms sehr an dokumentarischer Wahrheit haftendem "Road to Guantanamo" treibt hier Handlung die Erkenntnis voran. Die Erkenntnis schuldhafter Verantwortungslosigkeit. Ein klug packender Film, wie ein Schrei in der großen Unterhaltungs- und Ablenkungsmaschine Kino.
13.11.07
King of California
USA 2007 (King of California) Regie: Michael Cahill mit Michael Douglas, Evan Rachel Wood, Allisyn Ashley Arm 93 Min. FSK: ab 12
Was wäre das Kino ohne seine Spinner. Nicht die vor und hinter der Kamera, die Regisseure, Schauspieler und Produzenten sind diesmal gemeint, sondern die Figuren, die erschreckend heftig aus der Normalität ausbrechen. Die angepasste Bürgerlichkeit um und in einem hält erschreckt den Atem an. Doch wenn diese aus dem gesellschaftlichen Konsens Verrückten dann doch wieder die Wahrheit finden, wenn sie abseits der alltäglichen Tretmühle den klaren Blick im wirren Gesicht bewahren, jubelt die Seele der kleinen und großen Rebellen in jedem.
Das war so beim "König der Fischer", als Robin Williams den Gral mitten in New York fand. Das war auch bei "Harold und Maude" und als Jack Nicholson das "Kuckucksnest" unsicher machte. Nun wird Michael Douglas zum kalifornischen Don Quixote und was man dem alten, reichen Herrn auch immer an biederem Image anheften wollte, darf man hier schnell vergessen.
Mirandas (Evan Rachel Wood) Vorfreude auf die Rückkehr des Vaters ist sehr gemischt: Zwar hat sie ihn vermisst, aber eigentlich ging es der 17-Jährigen alleine besser, in der Zeit als Papa Charlie in der Psychiatrie saß. In ihren Erinnerungen ist er der liebevolle Spinner, der wundervolle Sachen für sie machte. Aber auch der kompromisslose Eigenbrödler, der dem Kind das Leben in der Schule und sonst wo sehr schwer machte. Die Mutter verließ beide und so lernte Miranda früh, alleine zurecht zu kommen. Das Mädchen unterschrieb Entschuldigungen wie Fahrerlaubnisse, verdiente Geld und legte die Behörden rein.
Nun gibt Charlie zuhause wieder richtig Gas - mit einem Plan, die permanente Finanzkrise der Familie zu lösen. Die Suche nach einem Goldschatz aus spanischen Tagen Kaliforniens sieht aber stark nach einem neuen Schub manisch-depressiver Psychose aus. Doch Miranda macht mit und so beginnt über Golfplätze, Highways und Supermärkte eine ungewöhnliche Reise durch Kalifornien. Letztendlich liegt der geheime Fundort genau unter dem Lager eines Baumarktes. Eine ganz besonders verrückte Aktion ist jetzt vonnöten...
Mit einer etwas schrägen Perspektive lässt sich die Poesie des Alltags entdecken - und davon hat "King of California" reichlich. Sei es ein Bass-Solo auf der Veranda, bei dem Charlie mit den Motten jammt oder Mirandas Traum von einer Geschirrspülmaschine. Dieser ebenso einfühlsame wie komödiantische Film packt sofort mit seinen schrägen Figuren und ihrem rätselhaften Verhalten. Aber trotz irrer Nahaufnahmen des wirr bärtigen Gesichts von Douglas als moderner Don Quixote verrät der äußerst sehenswerte Film seine Figuren nie. Das schwierige, aber innige Verhältnis von Vater und Tochter ist ebenso mit Respekt und Liebe gezeichnet, wie die verrückten Aktionen Charlies. Als Sonderbonus dieses schönen Filmtrips ist die Zersiedelung Kaliforniens zu betrauern, ein guter Gegenfilm zur Weinreise "Sideways".
American Gangster
USA 2007 (American Gangster) Regie: Ridley Scott mit Denzel Washington, Russell Crowe, Chiwetel Ejiofor 157 Min. FSK: ab 16
Der Pate stand Pate
Selten wurde ein Projekt mit ewig langem Vorlauf derart exzellent auf den Punkt gelandet. Ridley Scott macht aus dem Leben des schwarzen Drogen-Paten Frank Lucas mit Hilfe eines wieder mal genialen Denzel Washington ein packendes Gangster-Epos.
Gleich in den zwei ersten Szenen nimmt Denzel Washington den Film und das Publikum für sich ein. Ohne ein Wort zu sagen. Dieser Ausnahmeschauspieler wird auch den über lange Strecken undramatischen, epischen Handlungsverlauf tragen. Denzel ist der freundliche, zurückhaltende Familienmensch und Wohltäter von Harlem, Frank Lucas. Aber Lucas ist auch der jähzornige, brutale Killer, der jede Dummheit in seiner Umgebung gnadenlos abstraft.
Seine Karriere als Drogen-Boss beginnt, als Frank Lucas das Territorium seines Paten und verbrecherischen Ziehvaters übernimmt. Samt dessen Theorie, man müsse die Ware direkt bei der Quelle holen. So fliegt Lucas eigens nach Thailand, wo sich die US-Soldaten vom Vietnamkrieg erholen und den Horror mit Drogen erträglich machen. Im Dschungel bestellt er gleich hunderte Kilo Heroin und lässt sie mit Militärmaschinen in den heimkehrenden Särgen einschmuggeln. So kann er sein "Blue Magic" unverschnitten zum halben Preis anbieten.
Auf der anderen Seite steht der einfache und ehrliche Polizist Richie Roberts. So ehrlich, dass er aus dem Polizeidienst geekelt wird, denn schmutziges Geld - eine Millionen aus dem Kofferraum eines verlassenen Autos - behält man oder man verteilt es unter Kollegen, aber man gibt es auf keinen Fall offiziell an. Ritchie lieferte es ab und sich damit der Verachtung aller Kollegen aus. Als Chef einer geheimen Spezialeinheit wirkt er nun wie ein Amateur im dicken Drogengeschäft. Aber unermüdlich arbeitet er sich an die Großen der Szene ran, die sich mehr und mehr wie alberne Showstars aufführen, affige Klamotten anziehen und sich als unverwundbar empfinden. Nur Frank hält bis auf einen Moment der Schwäche das Cover eines einfachen Mannes.
Genauso großartig wie seine Mimik ist der Gang von Denzel Washington - dieses tänzelnde Schreiten macht ihm keiner nach. Dieser "American Gangster" schreitet gleichfalls enorm sicher und stetig voran: Schon allein die Abläufe des Drogenhandels sind hochspannend inszeniert. Als sich dann die Schlinge um den Hals von Frank zuzieht, setzt Ridley Scott ein paar große Momente der Gangster-Genres drauf. Die Verweise zum "Paten" sind unübersehbar. Während eines Gottesdienstes vollzieht sich Franks Karriere-Wende in weiß-rot, Blut spritzt auf reinstes Kokain.
Wenn sich dann die Gegner von über zwei Stunden großer Gangster-Saga endlich gegenüber stehen, tauschen sie wieder nur Blicke aus. Beim folgenden Rededuell notiert man die beiden schon mal auf dem Tipp-Zettel für die nächsten Darsteller-Oscars.
6.11.07
Der Glücksbringer
USA 2007 (Good Luck Chuck) Regie: Mark Helfrich mit Dane Cook, Jessica Alba, Dan Fogler 96 Min. FSK ab 12
Schöne Idee: Der Zahnarzt Charlie beglückt jede Frau, mit der er schläft. Nicht unbedingt beim Akt selber, den die Damen recht schnell abhandeln. Doch danach treffen sie garantiert den Mann ihres Lebens. Als sich diese Kuriosität herum spricht und sogar im Internet beurkundet wird, füllt sich Charlies Wartezimmer noch attraktiver blond als die Praxisräume des Schönheits-Chirurgen Stu nebenan.
Schöne Idee, eigentlich... Wenn der Standup-Komiker Dane Cook in der Rolle des Charlie so richtig gequält-verdattert aus der Wäsche kucken könnte und wenn das Drehbuch sich nur etwas Mühe gegeben hätte. So wie bei Komödien von Billy Wilder oder Blake Edwards etwa. So wie früher halt.
So nimmt man eher leicht angeheitert zur Kenntnis, dass Charlie ein großes Problem hat, als er sich in die tollpatschige Tierpflegerin Cam verliebt. Sie mag ihn auch, stolpert noch häufiger als sonst und eigentlich könnten sie, denn sie wollen ja beide. Doch Charlie ist plötzlich klar: Wenn er mit Cam ins Bett geht, wird der nächste Mann, den sie trifft, der Richtige und der Glückliche sein. Auf jeden Fall wird es nicht Charlie sein.
Das nervige Theater, das Charlie veranstaltet, als es aus Versehen doch passiert ist, steht symptomatisch für ein Drehbuch, das eine gute Idee hatte und ansonsten anscheinend nur sagt, nun macht doch mal was. Irgendwas. Für heftigeren Humor ist Charlies sexistischer Ärzte-Freund Stu (Dan Fogler aus "Balls of Fury") zuständig, aber selbst diese Masche verpufft zwischen brav und rüpelhaft. Nur das "Fantastische Vier"-Viertel Jessica Alba überzeugt komödiantisch als tollpatschig und resolutes Objekt der Sehnsucht.
Three Burials - Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada
USA 2005 (The Three Burials of Melquiades Estrada) Regie: Tommy Lee Jones mit Tommy Lee Jones, Barry Pepper, Julio Cedillo Dwight Yoakam 121 Min. OmU
Eine sensationelle Überraschung und wieder eine Erneuerung des Western ist das Kinoregie-Debüt des bekannten Schauspielers Tommy Lee Jones ("Men in Black"). Der formal altmodische Western "The Three Burials of Melquiades Estrada" (Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada) zeigt Jones selbst als einen texanischen, hispanophilen Cowboy Pete Perkins, der die Leiche seines Freundes Mel in die mexikanische Heimat transportieren will. Bei dem langen Sühne-Ritt durch eindrucksvolle Landschaften des Rio Grande hat er ausgerechnet den Mörder Mels, einen brutalen Grenzschützer, gewaltsam ins Schlepptau genommen. Im Jahre 2005 erhielt Tommy Lee Jones in Cannes den Preis für den Besten Darsteller und der Film den Drehbuchpreis. Jones dankte seinem Regisseur Jones - der "beste mit dem ich jemals zusammen gearbeitet habe"!
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