8.1.08

Die zweigeteilte Frau


Frankreich, BRD 2007 (La fille coupée en deux) Regie: Claude Chabrol mit Ludivine Sagnier, Benoît Magimel, François Berléand 115 Min.
 
So ungefähr der 60.Film von Chabrol mag dies sein - wer will da noch nachzählen oder genau hinsehen. Dementsprechend zeigt sich auch die Kritik zweigeteilt: Hier der scharfe, entlarvende Blick auf Menschen und Gesellschaftsschichten. Und dort die nicht zu übersehenden Nachlässigkeiten eines Regisseurs, der mal wieder einen Film macht, wie jedes Jahr.
 
Das es bei der 25jährigen Wetterfee Gabrielle Deneige (Ludivine Sagnier) im französischen Namen kräftig schneit, macht direkt klar, wie wenig rücksichtsvoll Chabrol mit seinen Figuren umgeht. Die aufstrebende Moderatorin umschifft regelmäßig die äußerst plumpe Einladung zur Bewerbungscouch aus der beschränkten Chefetage des Senders. Dem 30 Jahre älteren Schriftsteller Charles verfällt sie jedoch intellektuell und körperlich. Der reife Lebemann "erzieht" und benutzt sie sexuell. Gemeinsam ziehen sie ins Paradies ein - so steht es auf dem Klingelschild des Stadtappartements von Charles. Wenn Liebe Hingabe bedeutet, liebt Gabrielle ihn absolut. Doch nachdem der Autor sie rücksichtslos verlässt, fällt die hoffnungslos Verliebte erst in ein Koma, um dann dem Werben des albernen Millionenerben Paul nachzugeben. Der eitle Clown war schon länger in Gabrielle verliebt, nur ein persönlicher Leibwächter konnte den psychisch Instabilen dabei von extremen Dummheiten abhalten. Doch auch nach der Heirat ist Paul vom Ziel seiner verzweifelten Liebe unendlich weit entfernt und erschießt Charles, der immer noch Gabrielles Herz besetzt.
 
Routiniert konjugiert der 77 Jahre alte Zyniker Claude Chabrol in "Die zweigeteilte Frau" die Wahnsinnigkeiten vergeblicher Liebe: Die Möglichkeiten, sich lächerlich oder unglücklich zu machen, sind zahllos wie die Trivialromane. Doch wie in allen Klischees steckt auch in Chabrols Figuren ein Kern an Wahrheit. Und so lässt sich Gabrielles emotionale Achterbahnfahrt durchaus interessiert, manchmal amüsiert, selten bewegt verfolgen. Erst am Ende, wenn sich die Zerrissenheit der jungen Frau zwischen Leidenschaften und Stabilität, zwischen Selbständigkeit und Sicherheit, und wie immer bei Chabrol: zwischen den französischen Gesellschaftsständen, in einer künstlerischen Schwebe ausdrückt, erst dann gewinnt die menschliche Versuchsanordnung einen poetischen Reiz. Gabrielles Lösung für das Dilemma des Lebens liegt darin, sich allabendlich mitten durch sägen zu lassen - auf der Bühne eines Magiers. Der ist Chabrol auch diesmal wieder nicht, doch mit einiger Neugierde lässt sich sein Querschnitt durch das menschliche Gefühls- und Gesellschaftswesen gut betrachten.

I Am Legend


USA 2007 (I Am Legend) Regie: Francis Lawrence mit Will Smith, Alice Braga, Dash Mihok 100 Min. FSK ab 16
 
Mit seinem Mustang und dem treuen Schäferhund Sam jagt Robert Neville in der Wildnis, verfolgt einen Hirsch, doch den reißt eine Löwin vor seinen Augen. Der ganz normale Kampf von Mensch und Natur - nur hier ist die Wildnis das New York des Jahres 2011. Staus gibt es immer noch, aber die Autos sind verlassen wie die Hochhäuser drumherum. Gras wächst auf dem Asphalt, hier hat es vor kurzem noch einen Film mit Batman und Superman gegeben - doch das ist nicht der Grund, weswegen die Menschen verschwunden sind. Robert Neville ist der letzte Mensch in dieser Stadt, nachdem eine Krebsimpfung vor drei Jahren die Bevölkerung der Erde bis auf ein paar Tausend Überlebende auslöschte. Und die werden von lichtscheuen Mutanten ausgelöscht, blutgierige Monster, die das Dunkel lebensgefährlich machen.
 
So verbringt Robert seine Tage in diesem großen Freizeitpark, der alles Materielle bietet, was man sich wünschen kann. Neue Autos an jeder Straßenecke, moderne Klamotten zur Selbstbedienung, alle DVDs, die man jemals sehen wollte. Es sind vor allem die Bilder der menschleeren Metropole, in der die Zeit stehen geblieben ist, die faszinieren und fesseln. Bilder wie in Terry Gilliams "12 Monkeys", in Frears "28 Days later" oder halt im "Omega Man", der letzten Verfilmung des 1954 erschienen Science Fiction-Romans "Ich, der letzte Mensch" von Richard Matheson. Die erste Verfilmung war 1964 "The Last Man on Earth".
 
In der aktuellen, wesentlich aufwändigeren Version wirken die digitalen Monster zeitweise recht künstlich, aber wenn man sich an die alberne Maskerade der Nachtgestalten aus dem Studiofilm "Omega Man" (mit Waffenfan
Charlton Heston) erinnert, ist das ganz in Ordnung. Denn  die beiden Filme schlagen unterschiedliche Richtungen ein: War im Jahre 1971 Bücherverbrennung ein Schlüssel zum Verstehen der dunklen, technik- und fortschrittsfeindlichen Figuren, kämpft der Dr. Robert Neville von heute gegen animalische Zombies, die einfach nur Blut wollen. Einst löste der Krieg zwischen der Sowjetunion und China mit biologischen Waffen das Massensterben aus, im 21.Jahrhundert ist es ein Fehler der medizinischen Forschung. Homo Faber, der die Welt technisch verändernde Mensch, ist in beiden Varianten der Schuldige.
 
Will Smith muss als "Legende" fast allein die Einsamkeit des letzten Menschen ausfüllen - was ihm hervorragend gelingt. Mit der lässigen Shopping-Attitüde des Tages, der panischen Angst vor der Nacht, die vom Alarm der Armbanduhr angekündigt wird. Mit den Albträumen von der Vorgeschichte, der Evakuation New Yorks, die Neville Frau und Tochter raubte. Trotz der Einsamkeit, die langsam ihn den Wahnsinn treibt, darf Smith zwischendurch auch komisch sein.
 
Doch - und das könnte öfters so sein - Regisseur Francis Lawrence ("Constantine") überzeugt vor allem durch starke, stilisierte Bilder, dichte Atmosphäre und subtile Entwicklung. Er verzichtet auf die üblichen billigen Effekte - und das machen wir auch gerne im nächsten Kinojahr.

2.1.08

Hotel Chevalier


USA 2007 (Hotel Chevalier) Regie: Wes Anderson mit Natalie Portman, Jason Schwartzman 13 Min.
 
Selten passte ein Vorfilm so gut zum Hauptwerk und selten war es eine derart eigenständige Perle der Filmkunst: Wes Anderson rät dringend an, den wunderbaren Kurzfilm "Hotel Chevalier" vor seiner neuen Familien-Absurde "Darjeeling Limited" zu sehen. (Und der deutsche Verleih erfüllt diesen Wunsch zum Glück!) Die Verbindung ist die Figur von Jason Schwartzman mit den Koffern des verstorbenen Vaters, die ihn auch bei der Indienreise begleiten. Ansonsten steht das Hotel Chevalier in Paris und er (Schartzman) auf sie (Natalie Portman). Mit größter Selbstverständlichkeit tritt sie in sein Hotelzimmer und nach grandiosem Wortgeplänkel folgen hautnahe Dialoge: "Was immer passiert, ich möchte dich nicht als Freund verlieren!". Er: "Ich werde nie dein Freund sein." Ob das nur wieder cooler und schräger Spaß oder zutiefst wahrhaftig ist, wird die offene Zukunft zeigen. Anderson zeigt derweil in kurzer Zeit und auf engstem Raum einen detailreichen Ausstattungs-Augenschmaus. Die Aktien von Apple und der extrem lässigen iPod-Anlage lassen sich kaufen, die des Peter Sarstedt-Songs "Where do you go to, my lovely?" sollte man auch ergattern - seine Downloads werden mit Filmstart exponential ansteigen.

Ich weiß, wer mich getötet hat


USA 2007 (I Know Who Killed Me) Regie: Chris Sivertson mit Lindsay Lohan, Julia Ormond, Spencer Garrett 107 Min. FSK: k.J.

Nach dem eigenhändigen David Lynch-Imitat "Island Empire" versucht hier nun noch ein Film beim Meister des Mysteriösen zu plündern. Doch das unangenehmste Ausschlachten findet beim Schlachten selber statt: Immer wieder werden Folter- und Amputationsszenen in die wirre Handlung geschnitten. Ein grausamer Aufschrei von Unvermögen und Mangel an dramaturgischem Handwerk, das sich zu gröbsten Mitteln flüchtet.

Lindsay Lohan spielt in einer Doppelrolle eine brave Schülerin und eine Stripperin. Nach einer Entführung wird sie mit amputiertem Bein und abgetrennter Hand aufgefunden. Das Opfer eines Serienkillers, das nicht brave Aubrey, sondern harte Dakota sein will. Irritiert sind nicht nur die Eltern, auch das Kinopublikum wird gezielt und wenig subtil in die Irre geführt. Rote und blaue Rosen sende Signal für zwei Persönlichkeiten aus, die Anklänge in der Musik bei Badalamenti, ein verruchter Club, ein roter Raum und vieles mehr lässt an Laura Palmer und Lynchs "Twin Peaks" denken. Doch die Mischung aus Lynch-Mysterium und "Torture-Porn", dem obszönen Einsatz von Grausamkeiten in Folge von "Saw 1-3", will nur viel und kann nicht anderes als anwidern.

Wir verstehen uns wunderbar


Frankreich, Großbritannien, Rumänien, 2006 (Désaccord parfait) Regie: Antoine De Caunes mit Jean Rochefort, Charlotte Rampling, Ian Richardson 92 Min. FSK: o.A.
 
Es ist ein Skandal, wie Charlotte Rampling (und die Marketingabteilung des Films) versuchen, mit einem Skandälchen um eine Nacktszene Werbung für diese generell sehr schöne Komödie zu machen! Eigentlich. Denn andererseits passt diese Geschichte auch wunderbar zur Rolle Ramplings, zum Filmstar Alice d'Abanville, der die Verleihung eines Preises fürs Lebenswerk ihres geliebt-gehassten Regisseurs Louis Ruinard (Jean Rochefort) zu ihrer eigenen Show umfunktioniert. Ein gemein-genialer Rachezug gegenüber dem Mann, der sie vor mehr als dreißig Jahren entdeckt und geliebt hat, den sie aber eifersüchtig verließ und damit auch dem Filmgeschäft in Frankreich den Rücken kehrte. Seitdem spielte sie Theater in London. Mit dem Theater, das Louis aufgrund von neu entflammter Liebe an den Tag legt, kann sie jedoch nicht mithalten. Sie schießt mit Worten und Blicken tödliche Pfeile, aber er aber eine Herzattacke simuliert, bricht auch ihr wahres Gefühl aus.
 
Alices Ehemann, der edle und schwule Lord Evelyn Gaylord (Ian Richardson), wusste es schon längst und lächelt nur süffisant. Genau wie das Kinopublikum, das eine in Anlage leichte, aber in Ausführung wunderbare Beziehungskomödie erleben darf. Veredelt wird sie durch Charlotte Rampling und Jean Rochefort, wobei schon im Vorspann aus alten schwarz-weiß Starfotos mit den Images der alten Stars gespielt wird. Den Höhepunkt bildet ein Helmut Newton-Akt Ramplings, der frisch ersteigert über dem Kamin hängt und von Vergänglichkeit erzählt. Dass die Liebe zwischen Louis und Alice den Äußerlichkeiten und den Jahrzehnten allerdings trotzt ist das rührende Zentrum dieser mal leichten, mal genialen, aber insgesamt sehr schön gelungenen Komödie.
 
PS: Eigentlich sollte man den Originaltitel "Désaccord parfait" mit "Wir missverstehen uns wunderbar" übersetzen. Angesichts des trotz der Zweisprachigkeit von Original und Charlotte Rampling guten Verständnisses wollen wir ausnahmsweise den Verdacht gelten lassen, dass sich da jemand Gedanken gemacht hat.

Darjeeling Limited


USA 2007 (The Darjeeling Limited) Regie: Wes Anderson, mit Owen Wilson, Jason Schwartzman, Adrien Brody, 105 Min. FSK: ab 6
 
Wenn "dysfunktional" besonders gut funktioniert, dann kann Regisseur Wes Anderson nicht weit sein. Aus schiefen Gefühlslagen in ziemlich zerrütteten Familien wird etwas herrlich Schräges. Wie schon in seinem ersten Film "Durchgeknallt - Bottle Rocket" (1996) geht es in "Darjeeling Limited" um drei entfremdete Brüder, auch in "Die Royal Tenenbaums" (2001) kamen die Teile eines seltsam eng verbundenen Clans nur in absurdesten Situationen zusammen. Damals verschied am Ende der längst verabschiedete Patriarch Gene Hackman. Nun begeben sich drei Brüder ein Jahr nach dem Tod des Vaters auf einen spirituellen Indien-Trip. Wobei alles übliche Spirituelle nur als nette Lachnummer dient, die wahre Erlösung liegt in der Anderson-Religion aus Lachen, Leben und Lernen.
 
Schon die erste Sequenz, in der Bill Murray versucht, einen Zug zu erreichen, es aber nur Adrien Brody gelingt, ist großes Kino. Rasant geht es durch indisches Farben-Gewirr, elegant lässt die Zeitlupe Brodys Sprint genießen. Auf dem "Darjeeling Express", der lang genug durch Indien fahren wird, um dem Leben eine andere Richtung zu geben, warten auf Peter (Brody) seine Brüder Jack (Jason Schwartzman) und Francis (Owen Wilson). Letzterer lud nach einem schweren Autounfall die entfernten Verwandten zum Selbstfindungstrip.
 
Die seelische Last, die sie mit sich herumtragen, packt der Film in das zahl- und umfangreiche Louis-Vuitton-Reisegepäck des Vaters, das mühsam mitgeschleppt wird. Überhaupt macht der stylische aber doch etwas unpassende Nachlass des Patriarchen, den Peter an sich trägt, einen Teil des optischen Humors aus - vor allem die Riesenbrille springt ins Auge.
 
Zuerst läuft alles schief, jeder verrät jeden, Jack vögelt die indische Schaffnerin und als sich der Zug verfährt, lautet die Erkenntnis: Wir haben uns noch nicht gefunden! Dann stürzen ein paar indische Jungs in einen reißenden Fluss und die großen amerikanischen Jungs funktionieren auf einmal als Team bei der Rettung der Kinder. Der versuchten Rettung, denn ein Junge stirbt, Peter trägt ihn in seinem Armen zum nahe liegenden Dorf. Nicht nur wegen des unfassbaren Schmerzes funktioniert Sprache nicht mehr, doch statt Ablehnung erfahren die Fremden eine Aufnahme in unbekannte (Trauer-) Rituale. Dieses andere Begräbnis gibt den Brüdern die Ruhe zur Trauer, die beim Abschied vom Vater fehlte.
 
"Die Tiefseetaucher" blieben zu sehr an Äußerlichkeiten und der skurrilen Tiefseeforscher-Figur von Bill Murray hängen, um wirklich in die Tiefe zu gelangen. Doch bei "Darjeeling Limited" stimmt das Gleichgewicht, unmerklich führt die ungemein spaßige und reizvolle Reise zur emotionalen Katharsis. Ganz ohne interpretatorische Reiseleitung, wie sie diese Kritik versucht, bringt der emotionale Weichensteller Anderson die Aufmerksamkeit zur Seele des Films, die Verständnis und Verständigung ersehnt. Zu Wilson und Jason Schwartzman, den Schauspiel-Typen aus der Anderson-Familie, gesellen sich Adrien Brody, eine bunte Bilderflut, grandiose Songs und Chansons. Absurd komisch und gleichzeitig ungemein einfühlsam - das bekommt wohl nur Wes Anderson hin. Man sollte seine Filme wes-funktional nennen.

21.12.07

Astronaut Farmer


USA 2007 (Astronaut Farmer) Regie: Michael Polish, mit Billy Bob Thornton, Virginia Madsen, Max Thieriot 104 Min. FSK: ab 6
 
Nicht nur in seiner Aussage ist der "Astronaut Farmer" altmodisch: Den Ansari-X-Preis für den ersten privat finanzierten Weltraumflug, 10 Millionen Dollar, hat sich mittlerweile der kalifornische Raumfahrtpionier Burt Rutan abgeholt. Und beim Music-, Flug-, Zug- und nun Raumflug-Pionier Richard Branson stehen die Leute Schlange, um mit Virgin ins All zu düsen. Doch Raumflug scheint auch heute immer noch ein Abenteuer zu sein, wenn man die Schwierigkeiten der NASA mit Schaumstoff und Hightech-Küchenkacheln bedenkt.
 
Da ist eine Aussage besonders interessant: Die NASA kann einfach keinen privaten Flug zulassen, weil dann ihr Jahresetat von über 10 Milliarden reichlich übertrieben wirken würde! Doch erst einmal fängt alles ganz harmlos verschroben an. "Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer für die Menschheit" hört man, während ein Cowboy im Raumanzug vom Pferd steigt, um ein entlaufenes Kalb zu fangen. Dieser Space-Cowboy ist Charles Farmer, ein Landwirt in Texas, der in seiner Scheune aus den Resten von Luftfahrtprogrammen eine Rakete baut. Der "Astronaut Farmer" hat zwar haufenweise Schulden, aber einen großartigen Charakter. Charles war einst Pilot der Luftwaffe, aber flog damals aus dem Raumfahrtprogramm, weil er zu seinem sterbenden Vater fuhr. Jetzt läuft er wie selbstverständlich die ganze Zeit im Raumanzug rum und bestellt 10.000 Liter Treibstoff.
 
Das lässt die Jungs vom FBI anrücken, es wird komisch, denn die wissen bald selber, dass nicht Farmer der Trottel ist. Wie Schulze & Schultze von "Tim & Struppi" sind die Männer im Anzug immer im Bild, aber nie im Bilde. Auch witzig, wie Bruce Willis als erfahrener Raumfahrer ("Armageddon") vorbeikommt, um Farmer von seinem Plan abzubringen - vergebens. Als dann die Rakete tatsächlich zündet, sieht das allerdings sehr nach Looney Tunes aus. Und der Film hat es sich inzwischen bei den abgewetzten Ideen gemütlich gemacht.
 
"Astronaut Farmer" hebt nie richtig ab, hat die schönsten Flugaufnahmen mit einem Raketen-Karussell für Kinder. Es
bleibt ein netter Familienfilm und ein echter Männerfilm im Sinne von "Kuck mal, wer da hämmert". Das wird überdeutlich, wenn Thornton und Bruce Willis mit Bierflasche vor dem Hobby-Mobil stehen und sich kindisch freuen. Trotz ihrer völlig verrückten Anlage spielt Billy Bob Thornton mal wieder eine eigentlich recht normale Figur, eine Rolle wie für Kevin Costner, der mitten im Maisfeld im Nirgendwo ein Baseball-Platz anlegte.
 
Auf die Frage, weshalb er unbedingt ins All fliegen will, antwortet Farmer: "Es ist mein Traum." Seine Rakete heißt dementsprechend "Der Träumer". Mehr braucht es nicht in einem us-amerikanischen Film, vielleicht noch im Nachbrenner ein "Gib niemals auf!" Das hat alles seltsame Ähnlichkeit mit dem Arche-Noah-Film "Evan Allmächtig", nur war da der Held ein fanatischer Katholik und hier ist es ein aufgeklärter Mann der Wissenschaft. Überzeugender macht das die Film-Idee nicht.

Tödliche Versprechen


GB, Kanada 2007 (Eastern Promises) Regie: David Cronenberg mit Viggo Mortensen, Naomi Watts, Vincent Cassel 101 Min. FSK: ab 16

So wie Hardrockern oft sehr schöne Balladen gelingen, scheint auch das Handwerkszeug der Horrorfilmer für komplett gelungene Filmkunststücke zu prädestinieren. David Cronenberg verstörte nachhaltig mit "eXistenZ", "Crash", "M. Butterfly" und "Naked Lunch", doch mit seinem letzten Film "History of Violence" verschwand das Abgedrehte, für das kanadische Filmförderung immer etwas (Geld) übrig hat. Die Geschichte eines braven Familienvaters (Viggo Mortensen), dessen "Geschichte der Gewalt" entdeckt wird, war nur noch gut, klug und packend.

"Tödliche Versprechen" hält, was Cronenberg verspricht: Der dichte Thriller ist von der ersten Szene an nichts für Zartbesaitete. Tod im Doppelschlag und eine Geburt dazu ... selten wurde der Popcorn-Terror im Kino so effektiv gestoppt. Doch anders als bei den so populären, immer härteten Metzgereien, kommt die Brutalität hier nicht als Selbstzweck daher. Wieder, wie schon bei "History of Violence" dreht sich alles um Gewalt und Identität. Im Milieu der russischen Mafia Londons sehen wir sensible Mörder, zynische Killer, unfassbar brutale Tiere hinter freundlichem Lächeln - dabei enthält fast jede Szene einen Denkanstoss über das dunkle Wesen der Menschen.

Während ein Kunde im Friseursalon final unters Messer kommt, stirbt ein junges Mädchen bei der Geburt ihrer Tochter. Anna (Naomi Watts), die Hebamme russischer Abstammung, versucht Bekannte oder Verwandte der Toten zu finden, ein kyrillisch geschriebenes Tagebuch soll dabei helfen. Annas Onkel will das Buch einer Toten anfangs nicht übersetzen, so führt es die Neugierige zum russischen Restaurant von Semyon (Armin Mueller-Stahl). Der freundliche Chef lächelt schwer aus seinem faltigen Gesicht und verspricht Hilfe. Dass Anna ausgerechnet im Herz der russischen Mafia-Finsternis landete, ahnt sie nur intuitiv.

Das Buch dieses packenden und erschreckenden Thrillers stammt vom Autor des völlig übersehenen Frears-Sozialdramas "Dirty Pretty Things" - unverkennbar in den motivischen Ähnlichkeiten. Cronenberg macht allerdings aus den sozialen Realitäten einen ganz anderen Film: Der Anfangszustand des Schreckens hält an und verstärkt sich mit dem Durchleben grausamer Schicksale nur noch. Im Off hören wir das Tagebuch zu Grunde gerichteter Träume eines jungen Lebens. Der kanadische Regisseur traut sich, Abgründe zu zeigen, die us-amerikanische Krimis selten anrühren.

Das opulente, hedonistische und gnadenlos harte Milieu ist bekannt aus vielen Russen-Krimis wie "Little Odessa". In den grandiosen Bildern aus der Welt russischer Enklaven glänzt eine exzellente Besetzung: Armin Mueller-Stahl setzt (im Original) seinen deutschen Akzent trefflich als alter Russe ein und darf, bevor er im verführerisch leckeren Borscht rührt, seine Geigenkunst vorspielen. Viggo Mortensens ambivalente Figur eines Killers mit Geheimnis umgibt eine starke Aura: reserviert, überlegen, tiefgründig bis zum sehr zwiespältigen Schlussbild. Wie schon in "History" erweisen sich die harmlosen Gesichter besonders gefährlich.

18.12.07

1 Mord für 2


USA 2007 (Sleuth) Regie: Kenneth Branagh mit Sir Michael Caine, Jude Law 89 Min. FSK: ab 12

Eine britische Schauspiel-Show liefern Michael Caine und Jude Law, die bereits 2004 im Remake von "Alfie" zusammenspielten, in "Sleuth" vom Shakespeare-Mimen Kenneth Branagh: Der erfolgreiche Autor Andrew Wyke (Michael Caine) bekommt in seinem stylisch-futuristischen Anwesen Besuch vom Milo Tindle (Jude Law), arbeitsloser Schauspieler und Liebhaber seiner Frau. In einem Duell über drei Runden tasten sich die Konkurrenten ab, spielen mit einander und schließlich auch mit Pistolen. Reizvoll aber nicht unbedingt überzeugend - vielleicht weil die Frau, um die es geht, niemals im Film auftauchen wird?

Die irritierende Rückkehr des Liebhabers als ruppiger Polizist mit Schnurrbart und ebenso prolligem Akzent ist nicht das einzige Deja Vu dieses Films. Branaghs "Sleuth" ist ein Remake des gleichnamigen Films aus dem Jahre 1972. Damals brachte Altmeister Joseph L. Mankiewicz das Anthony Shaffers Stück von der Bühne auf die Leinwand. Den jungen Liebhaber spielte der damals der 39-jährige Caine! Jude Law wurde im Jahr des Originals geboren. Die Bühnen- und Leinwand-Legende Laurence Olivier gab einst den berühmten Autor. Eigentlich überraschend, dass sich Regisseur Kenneth Branagh, in seinen vielfältigen (Shakespeare-) Aktivitäten ein Nachfolger Oliviers, nicht selber als Wyke besetzt hat. Zumindest dabei hielt er sich zurück, stilistisch fällt er wieder mit einigen Manierismen auf.

Elizabeth - Das goldene Königreich


GB, Frankreich 2007 (Elizabeth: The Golden Age) Regie: Shekhar Kapur mit Cate Blanchett, Geoffrey Rush, Clive Owen 115 Min. FSK: ab 12

Elizabeth I, die zweite

1998 kam Cate Blanchett grandios und königlich als Elizabeth I raus. Shekhar Kapur inszenierte die ersten Regierungsjahre einer historisch eindrucksvollen Figur. Kostüme und Kamera machten Macht spürbar, Cate sorgte für die emotionale Tiefe dieser Herrscherin, sieben Mal wurde der optisch opulente Film für den Oscar nominiert. Fast ein Jahrzehnt musste man auf "Elizabeth II" warten, Shekhar Kapur drehte zwischendurch "Die vier Federn" (2002), Stephen Frears beschäftigte sich mit dem Innenleben der jetzigen "Queen", der wirklich zweiten Elisabeth. Fortsetzungen sind etwas für einfallslose Massenware und bei Meisterwerken eher ungewöhnlich. Was bieten Cate und Kapur Neues?

Es sind bewegte Zeiten: Der hinterhältige Spanier Philip II benutzt das Mäntelchen der Religion als Vorwand für seine Eroberungspläne gegenüber England. Der anglikanischen Staatskirche stehen die "Papisten" gegenüber. Die Schottin Mary Stuart beansprucht den Thron, ein Bürgerkrieg droht. Und alle sorgen sich angeblich um das Seelenheil der armen Untertanen. Aus der "Neuen Welt", die damals noch nicht Südamerika hieß, kommen fremde Menschen, Gold und Kartoffeln. Auf den Weltmeeren kapern englische Piraten die übermächtige Armada, rauben die Schätze der Kolonien.

Doch der Alltag einer Herrscherin des 16. Jahrhunderts ist ungewöhnlich lebendig zu erleben: Elizabeth schießt offene und spöttische Kommentare bei der Audienz ab. Sie raucht mit ihren Kammerdamen im Nachthemd den gerade erst aus der Neuen Welt geklauten Tabak. Als Jungfrau auf der Suche nach einem Mann - offiziell und auch durchaus leidenschaftlich - wirft sie ein Auge auf den Kapitän Sir Walter Raleigh. Wenn sie als royalen Abschiedsgruß meint, "I like you" (ich mag sie), nimmt er sich die freibeuterische Frechheit heraus, zu antworten: "And I like you!"

"Elisabeth II" versucht gar nicht erst, eine steife historische Korrektheit herzustellen. Stattdessen darf die Integrität der Figuren aufleben - das bleibt der große Pluspunkt des Konzepts von Kapur. Und in idealer Besetzung vereint Blanchett Würde und Jovialität, Form und Feingefühl. Clive Owen hat den perfekt verwegenen Blick für einen Piraten des Herzens und sein Sir Walter Raleigh spielt auch die ganze spanische Armada an die Wand.

Wenn wieder schillernde Kostüme und betörend schöne Bildkompositionen das Ganze krönen, wenn Schattenspiele und Kerzenlicht für eine exzeptionelle Stimmung sorgen, beweist Kapur erneut sein enormes Kino-Können. Dabei stellt er seine Inszenierung ganz in den Dienst einer großen (Schauspiel-) Königin. (Was man in der deutschen Synchronisation leider verpasst, ist der Spaß, Cate Blanchett original in Deutsch zu hören.)

12.12.07

Todeszug nach Yuma


USA 2007 (3:10 to Yuma) Regie: James Mangold mit Russell Crowe, Christian Bale, Logan Lerman 123 Min. FSK: ab 16
 
Dieser "Todeszug" ist ein Remake des 1957 mit Glenn Ford verfilmten "Zähl bis drei und bete", doch nichts wirkt hier altmodisch. Das liegt nicht nur daran, dass mit den "2 Fast 2 Furious"-Autoren Derek Haas und Michael Brandt zwei mit Film-Pop vertraute Leute ihren Einfluss einbrachten. Der Kern der Konfrontation zwischen Gut und Böse stammt aus einer Kurzgeschichte von Elmore Leonard (Out of Sight, Jackie Brown, Get Shorty), doch erfreulicherweise fiel die Charakterzeichnung im Remake sehr differenziert aus.
 
Wie es heutzutage gern gesehen wird, kommt auch der Western "Todeszug nach Yuma" direkt zur Sache: Erst der nächtliche Überfall auf die verschuldete Farm von Dan Evans (Christian Bale). Dann die veritable Leinwandschlacht um eine schwer gepanzerte und bewachte Kutsche. Der Geldtransport wird mit einem Maschinengewehr verteidigt und auch die Bilder haben eine Modernität, die beim aktuellen, eher ruhigen Western fast wieder altmodisch wirkt - irgendwie so 80er-mäßig. Vom Feldherrnhügel verfolgt der Oberschurke Ben Wade (Russell Crowe) das niedere Geballere und erlegt erst mit einem ebenso simplen wie genialen Schachzug die Beute. Dass er dabei die von Dan Evans geklaute Kuhherde benutzt, wird sein Schicksal sein. Doch vorher sorgen die beiden ungleichen Kontrahenten für zwei Stunden packenden Western, der mehr durch Akteure als durch Aktionen bestimmt ist.
 
Ben Wade ist gnadenloser Boss einer Räuberbande. Wegen einer Frau wird er festgenommen und der einfache Farmer Dan Evans sieht sich gezwungen, einen Job als Bewacher anzunehmen. Wade bleibt trotz einer Unzahl von Waffen, die auf ihn gerichtet sind, ruhig. Immer begleitet den Transport der lebensgefährlichen Ladung Wades teuflischer Freund am Horizont. Und sollte es einer der Bewacher wagen, den Gefesselten zu ärgern, wird er die nächste Nacht am Lagerfeuer sicher nicht überleben
 
Schon bei der ersten Begegnung - Evans fordert ganz naiv seine Kühe zurück - zeigt sich eine Spannung, deren Tiefe im Laufe des langen Weges ausgelotet wird. In dieser frühen Szene haben wir auch längst begriffen, dass Dan Evans sich irgendwann den Respekt seines Sohnes William verdienen, dass er sich irgendwann wehren und zur Waffe greifen wird.
 
Der "Todeszug" ist "todes gut", wie ein einstiger Jugendslang gesagt hätte, vor allem durch die enorme Präsenz der Darsteller. Wirklich spannend sind die Blick-Duelle zwischen Russell Crowe und Christian Bale. Dazu kommt ein Vater-Sohn-Drama, denn der wütende William folgt dem Transport und greift selbst im entscheidenden Moment ein.
 
Regisseur James Mangold lieferte schon mit "Walk the Line", "Identity", "Durchgeknallt - Girl, interrupted" und "Cop Land" gute Arbeit ab, und überzeugt hier mit gekonnt stilisierten Bildern, wobei die Friedhofskreuze am Horizont, der Rächer im Gegenlicht hier immer nahe an Pop-Zitaten dran sind.
 

Hitman


Frankreich, USA 2007 (Hitman) Regie: Xavier Gens mit Timothy Olyphant, Dougray Scott, Olga Kurylenko 92 Min. FSK: k.J.
 
Französische Produktionen schaffen es immer wieder, ausgetretene Genres mit neuer Ästhetik und Geschwindigkeit aufzufrischen. Diesmal kommt die Killer-Action nicht ganz so revolutionär daher. Aber der Hauptdarsteller Timothy Olyphant ("Stirb langsam 4.0") gibt der tödlichen Stilübung genügend ambivalenten Reiz.
 
Wie entscheidet ein "Guter", ob man töten soll? Diese auf Filmwelten beschränkte Moralfrage steht am Anfang. Für Hitman 47 eine schwierige Frage, denn er ist zwar ein perfekter Killer, doch Moral und Gefühl muss er erst im Laufe der Action entdecken. 47 ist ein genmanipulierter Spezialist, der von seinen Auftraggebern verraten wird und nun hinter die Kulissen blicken will. Dabei entdeckt er - getreu den Gesetzen des Genres und in Folge von "Blade Runner" & Co. - vor allem sich selber.
 
Das hört sich stark nach "Bourne Identität" an, hat auch stellenweise die gleiche Atemlosigkeit. Doch "Hitman" sieht Klassen besser aus! Nicht nur im Styling und in den raffinierten Choreografien der Action. Vor allem Timothy Olyphant hat im Vergleich zu Matt "Bourne" Damon die notwendige Ausstrahlung für einen echten Filmkiller. Reizvoll ist die Besetzung weil Olyphant in den Gesichtszügen eigentlich zu sensibel wirkt. Ein Schuss Ironie tut ihm gut, etwa wenn der coole Kerl im Umgang mit Frauen unfreiwillig komisch wirkt, weil sehr schön ungeschickt und halt unsensibel. Damit landet der "Hitman" im Einerlei der immer härteren und schnelleren Action einen guten Treffer.

5.12.07

Für den unbekannten Hund


BRD 2007 (Für den unbekannten Hund) Regie: Benjamin Reding, Dominik Reding mit Sascha Reimann (alias Ferris MC), Zarah Löwenthal, Lukas Steltner, Gunnar Melchers, Hedi Kriegeskotte 107 Min. FSK: ab 12

Basti kommt raus aus Knast und vermisst seine Playstation mehr als die Freundin. Basti saß wegen eines Bruchs nicht wegen des Mordes, der ihn in Albträumen verfolgt. Um seiner Wut und einer möglichen Erpressung zu entfliehen schließt er sich Handwerksgesellen auf der Walz an, geht für drei Jahre und einen Tag auf Wanderschaft. Nach ersten Schwierigkeiten freundet sich der beschränkte und egoistische Junge mit den altertümlich lebenden Gesellen und mit ihren seltsamen Regeln an. Das Handy landet im Teich, nur die Schuld lässt sich auch in langen Regennächten nicht wegwaschen. Und immer deutlicher wird, dass Bastis Opfer ein guter Freund seiner neuen Kumpel war.

Nach "Oi! Warning" schicken Dominik und Benjamin Reding in ihrem von der Filmstiftung NRw geförderten Nachfolger einen jungen Neonazi auf Lehr- und Wanderjahre, trumpfen mit knalliger Farbdramaturgie auf und fesseln mit einer mythische Sühne. Die Geschichte wiederholt sich, holt sich gar selbst ein. In vielen Szenen beeindruckend kraftvoll, immer stark, wenn Bastis Beschränktheit mit Lust und Klugheit aufgebrochen wird, kann dieser bunte "Hund" seine Spannung nicht durchgehend halten. Doch allein die gute Geschichte im ungewöhnlichen Milieu verdient das Prädikat "sehenswert" "Für den unbekannten Hund".

Mein bester Freund


Frankreich 2006 (Mon meilleur ami) Regie: Patrice Leconte mit Daniel Auteuil, Dany Boon, Julie Gayet, Julie Durand 94 Min. FSK: o.A.
 
François (Daniel Auteuil) ist ein erfolgreicher und raffinierter Antiquitätenhändler. Zum Entsetzen seiner Geschäftspartnerin Catherine (Julie Gayet) ersteigert er eines Tages eine antike Vase für 200.000 Euro. Sie zeigt Achilles und seinen Freund Patroklus. Prophetisch oder höhnisch? Denn provoziert durch den spontanen Kauf bekommt François, die traurige Gestalt, aufs Gesicht zugesagt, dass er keinen besten Freund, eigentlich gar keine Freunde hat. Der reagiert beleidigt mit einer Wette: Wenn er in zehn Tagen keinen besten Freund vorzeigen kann, verliert er die Vase.
 
Nun schickt Leconte seinen Lieblingsschauspieler Auteuil auf einen humoristischen Leidensweg: Witzig, wie François überall Freundschaften sieht, in der Werbung, den Kneipen und auf Kirchenplakaten. Albern, wie er sich Ratgeber in der Bibliothek sucht, Vorträgen lauscht. Tragisch, denn er möchte nun lernen, wie man sich für Menschen interessiert. Doch die Unfähigkeit zu spontanen Sympathie, die Verbautheit seines Denkens, die kein Mitgefühl herauskommen lässt, zieht nicht nur François runter. Zum ständigen Begleiter bei der Suchen nach einem Freund wird der joviale Taxifahrer Bruno (Dany Boon), ein redseliger, freundlicher Zeitgenosse, der François anfangs gehörig auf die Nerven geht. Die Freundschaft, die längst da ist, muss noch einige Proben, des sozial arg groben François überstehen und auch das Ende ist nicht eingängig oder einfach.
 
Menschliche Zustände, die Leidenschaften und auch immer wieder die Einsamkeit kostet Patrice Leconte gekonnt aus:
Er brachte Sandrine Bonnaire und Fabrice Luchini als "Intime Fremde" fast zusammen, ließ Vanessa Paradis als "Die Frau auf der Brücke" an der Seite von Daniel Auteuil leidenschaftlich verschwinden, den "Mann der Friseuse" liebesleiden und "Die Verlobung des Monsieur Hire" als bittersüße Stimmung endlos schmachten. Diesmal inszenierte der französische Meisterregisseur nicht das große Drama, sondern eher eine Nuance der comedie humaine mit leichter Hand. "Mein bester Freund" ist nur im Kern ein Buddy-Movie wie "Der Killer und die Klette" und fügt dem Konzept nachdenkliche Brüche hinzu. Auch wenn die Inszenierung Lecontes diesmal nicht durchgehend überzeugt, Daniel Auteuil gelingt dies jederzeit.

Mr. Magoriums Wunderladen


USA 2007 (Mr. Magorium's Wonder Emporium) Regie: Zach Helm mit Dustin Hoffman, Natalie Portman, Jason Bateman 94 Min. FSK: o.A.
 
Wie zaubert man (Leinwand-) Magie herbei? Ein wundersamer Laden voller Kinderspielzeug, bunt, verzaubert und verzaubernd, mit einem kauzigen, zerstreuten Besitzer, der das Herz am richtigen Fleck hat und auch immer für ein großes Strahlen in Kinderaugen sorgt. Hört sich schon mal gut an. Dass Dustin Hoffman diesen Mr. Magorium seltsam lispelnd grimassiert, irritiert anfangs, tut der magischen Sache aber keinen Abbruch. Vor allem, weil er immer häufiger leise lächelnd seinen Abschied andeutet. Mr. Magorium bereitet sich darauf vor, die Erde zu verlassen, weil er bereits das letzte Paar seiner auf Vorrat gekauften Schuhe trägt, dabei sei er doch erst 243 Jahre alt!
 
Schwerer fällt dieser Abschied seiner jungen Assistentin Molly Mahoney (Natalie Portman), einst eine erstaunlich talentierte Pianistin, die nun auf dem Weg zur Arbeit verzweifelt ihre eigene Melodie sucht. Sicher wird ihr dabei der fein polierte Block Holz helfen können, den sie von Magorium erhielt. Doch auch hier ist es eine Frage der Sichtweise, ob es Magie ist oder nur ein Stück Holz, bzw. Film. Einer hat begriffen, obwohl er gar nichts begreift: Mit dem Satz "Alles ist möglich" bekommt der steife und vertrocknete Buchhalter Henry einen Job in dem völlig verspielten Unternehmen. Es braucht jedoch die Hilfe des genialen aber einsamen Jungen Eric, um die große Traurigkeit Henrys wieder zum Spielen zu bringen.
 
Das Wohlfühlfilm-Tantra "Du musst an dich selbst glauben", ist nicht die schlechteste Aussage eines Films, wenn sie denn schön verpackt wird. Peter Pan konnte ohne nicht fliegen und dieser Film weiß auch nicht recht, ob er ab- und erheben soll. Das Thema Abschied wurde rührend umgesetzt. Die "Toy Story" mit Details animierter Spielzeug-Klassiker, ist witzig und originell. Im großen Finale hätte es auch etwas weniger sein können, zu bemüht dirigiert Natalie Portman mit ihrer neu entdeckten Magie die Farborgie des Ladens. Das konnte Dustin Hoffman vorher besser. Aber ihm ist ja auch eine spezielle Magie eigen.

26.11.07

The Hunting Party


Bosnien, Kroatien, USA 2007 (The Hunting Party) Regie: Richard Shepard mit Richard Gere, Terrence Howard 96 Min.
 
In "The Hunting Party" (Die Jagdgesellschaft) spielt Richard Gere den Kriegs-Journalisten Simon Hunt, der einen serbischen Kriegsverbrecher jagt. Es ist die alte Geschichte des zynischen Reporters, dessen harter Panzer schließlich doch durch eine persönliche Begegnung gebrochen wird. Nachdem seine schwangere bosnische Freundin bei einem Massaker der Serben vergewaltigt und umgebracht wurde, bricht Hunt vor laufender Kamera zusammen, verliert den Star-Job und sinkt in den folgenden Jahren immer tiefer. Doch nun ist er auf der Spur des meistgesuchten Kriegsverbrechers und einer großen Geschichte.
 
Eine große Geschichte ist der Film von Richard Shepard nicht, deshalb läuft er auch nur in der oft anspruchslosen Nachtschiene. Man sollte sich nur eines merken und deshalb machte Richard Gere wohl auch gerne mit: Drei orientierungslose Journalisten finden den Kriegsverbrecher, den NATO, UN-Truppen und Geheimdienste angeblich jahrelang suchen, innerhalb von zwei Tagen! Nicht erst, als die CIA in einer absurden Drehbuchfinte die Ergreifung des Massenmörders verhindert, merkt man, dass hier was nicht stimmt. Im Film und in der korrupten Realität.

Der Mann von der Botschaft


BRD, Georgien 2006 (Der Mann von der Botschaft) Regie: Dito Tsintsadze mit Burghart Klaußner, Lika Martinova; Marika Giorgobiani, Irm Hermann 100 Min.
 
Unerhört, unglaublich: Da nimmt ein deutscher Botschaftsangehöriger in der georgischen Hauptstadt Tbilisi einfach ein zwölfjähriges Mädchen von der Straße mit in seine Wohnung. Was so unerlaubt klingt, entwickelt sich ganz natürlich. Der einsame Herbert Neumann hilft dem Kind - das übrigens seltsam androgyn auftritt. Die Bettlerin, Diebin nähert sich vorsichtig an und schließlich finden sich zwei Menschen ganz freundschaftlich unter völlig unmöglichen Umständen....
 
"Der Mann von der Botschaft" von Dito Tsintsadze erhielt 2006 in Locarno den Darstellerpreis. Genauer: Burghart Klaussner ("Die fetten Jahre sind vorbei", "Requiem") ist der einsame, verschlossene Mann von der (deutschen) Botschaft im georgischen Tiflis, der sich mit seltsamer Naivität eines Straßenkindes annimmt. Die ruhige Psychostudie wurde von Tatfilm in Köln produziert und von der Filmstiftung NRW gefördert.

Nichts als Gespenster


BRD 2007 (Nichts als Gespenster) Regie: Martin Gypkens mit Maria Simon, August Diehl, Brigitte Hobmeier, Janek Rieke 115 Min. FSK: o.A.
 
"Nichts als Gespenster" von Martin Gypkens ist ein partiell eindrucksvoller, mit August Diehl, Jessica Schwarz und Fritzi Haberlandt sehr gut besetzter Episodenfilm nach dem gleichnamigen Erzählband von Judith Hermann. Die Bilder beeindruckten durch reizvolle Farbdramaturgie vom Antonioni-Rot des Grand Canyon bis zum Schwarzgrau einer kalten Liebe in Hamburg. Und einen sehr schönen Jazz-Score. Einige Momente bleiben in der Erinnerung, Schnappschüsse aus Venedig, der Karibik, vom Grand Canyon, aus Island. Ganz ohne oder nur mit verlorenen Menschen. Doch das Ganze überzeugte auf den ersten Blick nicht. Vielleicht fehlte der Zusammenhang der Episoden um junge Deutsche, die vor ihren Leeren entweder in die Ferne oder in die falsche Beziehung fliehen.
 

Playtime


Fr 1967 (Playtime) Regie Jacques Tati 82 Min. FSK: 6
 
Die wunderbar restaurierte Fassung von "Play Time" aus dem Jahre 1967 ist ein Fest für Augen und Herzen. Der umwerfend komische, erstaunlich hellsichtige Parodie "Moderner Zeiten" wirft Tatis Hulot und eine Gruppe amerikanischer Touristinnen in ein hypermodernes Paris der späten Sechziger. Dass sich die Figuren immer wieder die Nase an den vorherrschenden Glasfronten und -türen einrennen, ist symptomatisch für das Missverhältnis zwischen Mensch und Fortschritt. Mit unerschütterlicher Neugierde und Freundlichkeit entdeckt der Pfeifenraucher Hulot trotzdem die Besonderheiten moderner Sitzmöbel, erlebt eine völlig chaotische Restauranteröffnung und kommt einer sympathischen Amerikanerin näher. Dass Tati einen völlig verstopften Kreisverkehr zur Rush Hour nicht in aggressive Stimmung umkippen lässt, sondern ihn zu einer amüsanten Karussellfahrt verzaubert, zeigt die wunderbare Fantasie dieses verehrten und geliebten Filmemachers.
 
Viele Details, etwa dass im Reisebüro die ganze Welt von der gleichen Hochhausarchitektur beherrscht wird, erstaunen durch die Hellsichtigkeit dieser 60er-Weltsicht. Dass sich bei aller Tücken der Objekt ein freundlicher, hilfsbereiter Mensch durch die extrem eckige und kantige Welt schlägt, macht den verstorbenen Tati so liebenswert und hält seine Meisterwerke "Mon oncle", "Die Ferien des M. Hulot", "Traffic" und "Jour de Fete" ewig frisch. In seinem unwiderstehlichen Optimismus ähnelt Tati dem Türsteher in "Play Time", der nachdem die Glastüre längst zu Bruch gegangen ist, noch immer den schweren, bronzenen Türgriff ohne Anhang auf und zu schwenkt, um den schönen Schein zu wahren.

Gone Baby Gone


USA 2007 (Gone Baby Gone) Regie: Ben Affleck mit Casey Affleck, Michelle Monaghan, Morgan Freeman 114 Min. FSK: ab 16
 
Die erste Regie von Schauspiel-Star Ben Affleck begeistert und beschäftigt nachhaltig mit geballtem emotionalem und moralischem Gehalt. Vom Drama eines verschwundenen Kindes, sehr ähnlich zum Boulevard-Thema "Madeleine", bis zum delikat nachgefühlten Dilemma des Finales eine in vieler Hinsicht gelungene Detektivgeschichte, nach der nun wirklich jeder Ben Affleck sehr ernst nehmen sollte!
 
Am Anfang steht die Suche nach der vierjährigen Amanda, die vor mehreren Tagen verschwand. Die Tante und der Onkel des Kindes beauftragen den sehr jung wirkenden Privatdetektiv Patrick Kenzie (Bens jüngerer Bruder Casey Affleck) und seine Freundin Angie (Michelle Monaghan). Durch seine Beziehungen zu den Menschen des Viertels kann Patrick hinter die Kulissen blicken, bekommt schnell heraus, dass Amandas Mutter in üblen Drogenkreisen verkehrt und das Kind bei einem verunglückten Drogendeal verschwand. Bei der katastrophalen Übergabe des Drogengeldes beginnt allerdings der schmutzige Teil der Geschichte...
 
Nur Anfangs dreht sich der Krimi um ein vermisstes Kind. Die Übergabe des Lösegeldes - oft das Finale eines Films - erfolgt hier kurz vor Halbzeit. Danach folgen wir den moralischen Instanzen Patrick und Angie in Abgründe des Umgangs mit Kindern. Dass allerdings auch die beiden in die Irre gehen, dass etwas die beiden trennen wird, unterscheidet dieses hoch spannende Meisterwerk von den üblich simplen Schemata. Deswegen, kann, nein: muss man nach diesem Film unweigerlich noch lange diskutieren und nachdenken.
 
Entsprechend sind die wichtigen Figuren ambivalent angelegt, halten immer eine Überraschung in petto. Angefangen bei Patrick, den man nicht unterschätzen sollte, weil er durchaus seinen Mann steht, wenn es darauf ankommt. Casey Affleck erweist sich nach seiner "Feigling-Rolle" in "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford" nach dem Wüsten-Solo in "Gerry" endgültig als grandioser Schauspieler. Casey sollte nun nicht mehr als der "kleine Bruder" gesehen werden.
 
Ebenso wenig kann man Ben Affleck noch unterschätzen, man sollte die Bennifer-Episode mit Jennifer Lopez endgültig abhaken. Neben oberflächlichen Rollen in Hollywood-Produktionen stand er schon immer gerne für Parodien seiner selbst zur Verfügung, trat für anspruchsvolle Rollen in Independent-Produktionen wie "Chasing Amy" an. Das sensationelle Drehbuch für "Good Will Hunting", das er mit seinem damaligen Kumpel Matt Damon schrieb, sei nicht vergessen. Das Thema Freundschaft zieht sich seitdem durch die Karriere Afflecks. Diesmal stammt die Vorlage von Dennis Lehane, der schon den Roman zum sensationell guten "Mystic River" lieferte. "Gone Baby Gone" findet in der Inszenierung Ben Afflecks, in der Hauptrolle Casey Afflecks, in den anderen Rollen, in der spannenden Dramaturgie, im sorgfältigen Umgang mit einem moralisch diffizilen Thema dann seine Vollendung für die Leinwand.