Großbritannien 2017 (Breathe) Regie: Andy Serkis mit Andrew Garfield, Claire Foy, Tom Hollander, Hugh Bonneville, Diana Rigg, 118 Min., FSK ab 12
Der Beginn ist zum Weglaufen: Dekadentes Kolonialisten-Nichtstun in Kenia, etwas britisches „Out of Africa", ein kitschiges Zweier-Glück zwischen Robin Cavendish (Andrew Garfield) und seiner frischvermählten Diana (Claire Foy). Bis Robin im Jahr 1958 in Kenia an Polio erkrankt, was ihn vom Hals abwärts lähmt. Die Lunge eingeschlossen. Entgegen aller Prognosen lebt Robin länger als nur ein paar Monate an der Lungenmaschine und wird nach England geflogen. Er kann sogar wieder sprechen. Und wiederum gegen die Meinung der Fachleute, gegen den ausdrücklichen Befehl des Chefarztes überlebt er sogar außerhalb des deprimierenden Krankenhauses. Es ist der Verdienst Dianas, ihn dort rauszuholen, wo er nicht mehr weiterleben wollte. Das bislang schöne Ehe-Anhängsel beweist ihre wahre Liebe in unerschütterlicher Treue und Hartnäckigkeit.
In erstaunlicher Eigeninitiative von Diana und ihren Brüdern erschaffen sie dem Gelähmten ein Leben in einem neuen Zuhause. Wo er endlich eine Beziehung zu seinem kleinen Sohn aufbauen kann. Mit wieder erwachendem Lebensmut entwickelt Robin einen Rollstuhl, der ihm und seiner Beatmungsmaschine erlaubt, nach draußen zu fahren. Bald wird das Paar wieder so abenteuerlich und reiselustig wie vor seiner Erkrankung.
Dass die Marketing-Abteilung diesen Film als „atemberaubend" bezeichnet, ist geschmacklos - und falsch: „Solange ich atme" ist extrem rührselig, vereinfachend (Robin muss in seinem ganzen Leben nie auf Toilette) und steigert am Ende sogar den Druck auf die Tränendrüsen im quälend langen Abschied zu Cole Porters Song „True love". Das ist nicht nur so, weil dieser Film so richtig Kasse machen soll, sondern auch weil er eine sehr persönliche Geschichte darstellt: Robin und Diana Cavendish sind die Eltern des Produzenten Jonathan Cavendish („Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück"), belegt durch ein paar Originalaufnahmen im Abspann.
Auch der echte Robin kämpfte dafür, seinen speziellen Rollstuhl in Serie gehen zu lassen, und so tausenden Menschen, die an einer künstlichen Lunge hingen ein besseres Leben zu ermöglichen. Den Widerstand von Gesundheits-Bürokraten und bornierten Ärzten speist der Film dabei als Karikatur ab. Robin Cavendish tritt im Film auch einem verbreiteten Glauben entgegen, „solche behinderten Menschen sollte man nicht nach draußen lassen". Es ist heute unvorstellbar, wie wenig er und andere Patienten akzeptiert wurden, ja, überhaupt als Menschen angesehen wurden.
Trotzdem verläuft „Solange ich atme" bis auf die fast komische Flucht aus dem Krankenhaus und einem fast tödlichen Stromausfall (mit britisch trockenem Humor bei der Rettung) weitestgehend undramatisch. Als bei einer Spanien-Reise irgendwo in der Pampa das Beatmungsgerät durchbrennt, wird das tagelange Warten auf die Reparatur - mit konstanter Handbeatmung! - zu einer Party mit der einheimischen Bevölkerung.
Der bekannte Schauspieler Andy Serkis (Gollum aus „Der Herr der Ringe") liefert hier seine erste Regie-Arbeit ohne Auffälligkeiten ab. Andrew Garfield („Hacksaw Ridge"), der schlechtere Spiderman, gibt seinem Robin routiniert ein schelmisches und trotziges Gesicht. Claire Foy aus der Serie „The Crown" unterstützt ohne besonderen Eindruck zu machen, und wird gut unterstützt von Tom Hollander, der Dianas beide (!) Zwillingsbrüder spielt.
15.4.18
14.4.18
The 15:17 to Paris
USA 2017 Regie: Clint Eastwood, mit Spencer Stone, Anthony Sadler, Alek Skarlatos, Mark Moogalian 94 Min., FSK ab 12
Clint Eastwood ist einer der intelligentesten alten Männer, die mit Stühlen sprechen. Und reaktionärer Waffenfan. Nun hat der Regisseur nach einer langen Reihe von erstaunlichen bis sehr guten Filmen mit „The 15:17 to Paris" filmisch etwas ähnlich Dämliches abgeliefert, wie öffentlich mit einem Stuhl zu sprechen. Die Geschichte von drei US-Hohlköpfen, die mit all ihren Muskel und ihrer Ausbildung zum Morden in einem Schnellzug nach Paris 2015 zufällig einen Attentäter überrumpelten, wird genau von diesen drei US-Hohlköpfen gespielt. Und - Überraschung! - Schauspielen können sie auch nicht.
Der deutsche Verleih wollte „The 15:17 to Paris" vor der Presse verstecken, obwohl er schon überall auf der Welt gefloppt ist. Doch dieses Attentat auf den guten Film-Geschmack und den Weltfrieden ist unaufhaltbar: Clint Eastwood lässt nicht nur das, was am 21. August 2015 im Zug passierte, von den tatsächlichen Akteuren nachspielen, er fügt auch noch die Lebensgeschichte der drei amerikanischen Freunde Spencer Stone (Spencer Stone), Anthony Sadler (Anthony Sadler) und Alek Skarlatos (Alek Skarlatos) seit ihrer Schulzeit hinzu. Die drei waren nicht besonders helle Schüler, aber Spencers Mama vertraut in der Schul-Sprechstunde auf „ihren Gott". So entwickeln sich kleine Waffenfans, die dauernd aus dem Unterricht fliegen. Immer wenn einen diese seltsame Jungs-Biografie zukünftiger Militaristen langweilt, werden ein paar Sekunden von dem eingeblendet, um was es eigentlich geht.
Stone, der noch am ehesten als Schauspieler durchgehen kann, wird mit seinem mächtigen Kinn und einer erstaunlichen Unbedarftheit zur Hauptfigur. Wobei mit sich beim Altern nicht viel ändert, auch als Soldat ist Stone zu spät und muss diszipliniert werden. Dann folgen nichtssagende Reisefilmchen aus Rom, Venedig, Berlin und Amsterdam mit viel Alkohol und anderen Drogen. Bevor das Ende mit einer Viertelstunde Action die drei „Helden" gebiert.
Was bei Eastwoods Pilotenfilm „Sully" noch kritisch nachbetrachtet wurde, ist hier ein distanzloses (in Kamera und Haltung) Abfilmen des unweigerlichen Buches der drei. Eastwood will uns allen Ernstes erzählen, dass schlechte Schüler, die ihr Leben lang nur Blödsinn im Kopf haben, mit ihrer ganzen Waffen- und Kriegsbegeisterung eines Tages etwas Gutes für die Gesellschaft tun werden. Nämlich einen arabisch aussehenden Menschen niederringen, der zu lange auf Toilette war. Ganz böse gesagt. Was tatsächlich interessant wäre, die Gründe und das Vorlebens des Attentäters, bleibt völlig ausgeblendet.
Der große Regisseur Eastwood entdeckte selbst in der Massenschlachterei von Iwo Jima bei seinen zwei Filmen darüber etwas Menschlichkeit. Seine reiche Filmographie hätte einiges zu seiner Verteidigung anzuführen. Doch das wären zu viele Worte für dieses in jeder Hinsicht unnötige Filmchen.
Clint Eastwood ist einer der intelligentesten alten Männer, die mit Stühlen sprechen. Und reaktionärer Waffenfan. Nun hat der Regisseur nach einer langen Reihe von erstaunlichen bis sehr guten Filmen mit „The 15:17 to Paris" filmisch etwas ähnlich Dämliches abgeliefert, wie öffentlich mit einem Stuhl zu sprechen. Die Geschichte von drei US-Hohlköpfen, die mit all ihren Muskel und ihrer Ausbildung zum Morden in einem Schnellzug nach Paris 2015 zufällig einen Attentäter überrumpelten, wird genau von diesen drei US-Hohlköpfen gespielt. Und - Überraschung! - Schauspielen können sie auch nicht.
Der deutsche Verleih wollte „The 15:17 to Paris" vor der Presse verstecken, obwohl er schon überall auf der Welt gefloppt ist. Doch dieses Attentat auf den guten Film-Geschmack und den Weltfrieden ist unaufhaltbar: Clint Eastwood lässt nicht nur das, was am 21. August 2015 im Zug passierte, von den tatsächlichen Akteuren nachspielen, er fügt auch noch die Lebensgeschichte der drei amerikanischen Freunde Spencer Stone (Spencer Stone), Anthony Sadler (Anthony Sadler) und Alek Skarlatos (Alek Skarlatos) seit ihrer Schulzeit hinzu. Die drei waren nicht besonders helle Schüler, aber Spencers Mama vertraut in der Schul-Sprechstunde auf „ihren Gott". So entwickeln sich kleine Waffenfans, die dauernd aus dem Unterricht fliegen. Immer wenn einen diese seltsame Jungs-Biografie zukünftiger Militaristen langweilt, werden ein paar Sekunden von dem eingeblendet, um was es eigentlich geht.
Stone, der noch am ehesten als Schauspieler durchgehen kann, wird mit seinem mächtigen Kinn und einer erstaunlichen Unbedarftheit zur Hauptfigur. Wobei mit sich beim Altern nicht viel ändert, auch als Soldat ist Stone zu spät und muss diszipliniert werden. Dann folgen nichtssagende Reisefilmchen aus Rom, Venedig, Berlin und Amsterdam mit viel Alkohol und anderen Drogen. Bevor das Ende mit einer Viertelstunde Action die drei „Helden" gebiert.
Was bei Eastwoods Pilotenfilm „Sully" noch kritisch nachbetrachtet wurde, ist hier ein distanzloses (in Kamera und Haltung) Abfilmen des unweigerlichen Buches der drei. Eastwood will uns allen Ernstes erzählen, dass schlechte Schüler, die ihr Leben lang nur Blödsinn im Kopf haben, mit ihrer ganzen Waffen- und Kriegsbegeisterung eines Tages etwas Gutes für die Gesellschaft tun werden. Nämlich einen arabisch aussehenden Menschen niederringen, der zu lange auf Toilette war. Ganz böse gesagt. Was tatsächlich interessant wäre, die Gründe und das Vorlebens des Attentäters, bleibt völlig ausgeblendet.
Der große Regisseur Eastwood entdeckte selbst in der Massenschlachterei von Iwo Jima bei seinen zwei Filmen darüber etwas Menschlichkeit. Seine reiche Filmographie hätte einiges zu seiner Verteidigung anzuführen. Doch das wären zu viele Worte für dieses in jeder Hinsicht unnötige Filmchen.
10.4.18
Papa Moll und die Entführung des fliegenden Hundes
Schweiz, BRD 2017, (Papa Moll) Regie: Manuel Flurin Hendry, mit Stefan Kurt, Luna Paiano, Maxwell Mare, Yven Hess, Lou Vogel, 90 Min. FSK ab 0
Die immer sympathisch bemühte Comic-Figur „Papa Moll", die in Deutschland in den Junior-Heften zu sehen war, war Vorlage für diese bunte und klamaukige Schweizer Kindergeschichte. Papa Moll muss am Wochenende allein auf die Kinder aufpassen und gleichzeitig in der Schokoladenfabrik die Produktion steigern. Da ist klar, dass Papa Moll mit all diesen Anforderungen untergehen wird. Ganz konkret beim Tauchgang in der Schokomasse, weil eine Haselnuss das Rührwerk blockiert. Seine Kinder sind mittlerweile die Geiseln der mobbenden Gören von Molls Vorgesetzten. Zwischendurch muss noch ein Zirkus-Hund entführt, zurückgebracht und wieder entführt werden.
„Papa Moll und die Entführung des fliegenden Hundes", das ist Werbung für Schweizer Schokolade und etwas Willi Wonka. Denn alles sieht putzig aus, die Figuren, ihre Frisuren und die Schweizer Musterstadt. Die Handlung ist Klamauk im Stile von „Dick und Doof" oder „Tim und Struppi". Die große Ähnlichkeiten der Realfiguren zur Comic-Vorlage ist allerdings die einzige Ähnlichkeit zu Spielbergs Comic-Verfilmung „Tim und Struppi". Die Leistung von Stefan Kurt („Pettersson und Findus II & III", „Ein Tick anders", „Die Affäre Semmeling") als Papa Moll liegt darin, dass man ihn nicht erkennt.
Ansonsten viel Zirkus, echter Zirkus, Slapstick und auch Kasperletheater. Der Dackel-Quäler vom Zirkus, die charmante Lehrerin, der trottelige Dorf-Gendarm oder der neoliberale Chef („Quantität statt Qualität. Heutzutage kann man den Leuten jeden Mist verkaufen, Hauptsache es ist viel Mist.") sind alle schön hölzerne Figuren. Bis Papa Moll endlich auf seine Kinder hört, muss noch die Fabrik in die Luft fliegen. Das unterhält ohne weitere Nebenwirkungen kurzfristig und nicht zu schnell - wir sind immer noch in der Schweiz!
Die immer sympathisch bemühte Comic-Figur „Papa Moll", die in Deutschland in den Junior-Heften zu sehen war, war Vorlage für diese bunte und klamaukige Schweizer Kindergeschichte. Papa Moll muss am Wochenende allein auf die Kinder aufpassen und gleichzeitig in der Schokoladenfabrik die Produktion steigern. Da ist klar, dass Papa Moll mit all diesen Anforderungen untergehen wird. Ganz konkret beim Tauchgang in der Schokomasse, weil eine Haselnuss das Rührwerk blockiert. Seine Kinder sind mittlerweile die Geiseln der mobbenden Gören von Molls Vorgesetzten. Zwischendurch muss noch ein Zirkus-Hund entführt, zurückgebracht und wieder entführt werden.
„Papa Moll und die Entführung des fliegenden Hundes", das ist Werbung für Schweizer Schokolade und etwas Willi Wonka. Denn alles sieht putzig aus, die Figuren, ihre Frisuren und die Schweizer Musterstadt. Die Handlung ist Klamauk im Stile von „Dick und Doof" oder „Tim und Struppi". Die große Ähnlichkeiten der Realfiguren zur Comic-Vorlage ist allerdings die einzige Ähnlichkeit zu Spielbergs Comic-Verfilmung „Tim und Struppi". Die Leistung von Stefan Kurt („Pettersson und Findus II & III", „Ein Tick anders", „Die Affäre Semmeling") als Papa Moll liegt darin, dass man ihn nicht erkennt.
Ansonsten viel Zirkus, echter Zirkus, Slapstick und auch Kasperletheater. Der Dackel-Quäler vom Zirkus, die charmante Lehrerin, der trottelige Dorf-Gendarm oder der neoliberale Chef („Quantität statt Qualität. Heutzutage kann man den Leuten jeden Mist verkaufen, Hauptsache es ist viel Mist.") sind alle schön hölzerne Figuren. Bis Papa Moll endlich auf seine Kinder hört, muss noch die Fabrik in die Luft fliegen. Das unterhält ohne weitere Nebenwirkungen kurzfristig und nicht zu schnell - wir sind immer noch in der Schweiz!
Steig. Nicht. Aus!
BRD 2017 Regie: Christian Alvart, mit Wotan Wilke Möhring, Hannah Herzsprung, Christiane Paul, Fahri Yardim, 109 Min. FSK ab 12
Ja, ist denn schon WM? Oder wieso verirrt sich ein halbgares deutsches TV-Stückchen ins übervolle Kino? Der Berliner Bauunternehmer Karl Brendt (Wotan Wilke Möhring) will schnell seine Kinder Josefine (Emily Kusche) und Marius (Carlo Thoma) zur Schule bringen. Doch im Stress zwischen (von der Frau) verpasstem Hochzeitstag und Problem in der Firma droht ein Unbekannter per Telefon damit, das Auto in die Luft zu sprengen, sollten Karl oder die Kinder aussteigen. Das haben schon Colin Farrell und andere nach dem Motto „Leg. Nicht. Auf!" oder „Geh. Nicht. Vom. Gas!" erlebt. Und Wotan Wilke Möhring hält sich in der Solonummer ganz gut, entfernt kann man sogar an Tom Hardy allein am Autotelefon in „No turning back" denken.
Der Erpresser will auf jeden Fall sehr viel Geld. Die Teenie-Tochter auf der Rückbank macht selbstverständlich alles andere, als was man ihr sagt. Und verrät auch in höchster Not die Affäre der Mutter. Denn dass dies alles kein Aprilscherz ist, zeigt sich, als das Auto von Karls Partner mit zwei Personen in die Luft fliegt. Der kleine Marius bekommt einen Splitter ab und verblutet nun langsam. Karls Frau und alle anderen vermuten derweil, dass Karl aus Verzweiflung seine Kinder entführen und sogar umbringen will.
Die Ehepartner müssten sich gerade jetzt vertrauen, was ausgerechnet die Ehebrecherin nicht leisten kann. Das geht mäßig spannend durch, bis plötzlich die große Action in Berlin mit vielen Autos, Hubschraubern und Sightseeing von Konzerthaus und Gendarmenmarkt aufgefahren wird. Da funktioniert dann gar nichts mehr.
Die Rache der Entmieteten im gentrifizierten Berlin ist eine nette Idee, aber hier mäßig umgesetzt, und so eine Argumentation schadet der guten Sache. Christiane Pauli wird dabei als fremdgehende Ehefrau zu wenig gefordert. Und auch das sonstige Personal spielt sich eher auf TV-Niveau ein. Der beschränkte Kommissar erweist sich als zu beschränkt, um dem Konstrukt etwas hinzuzufügen. Das alles wirkt so, als wenn dies der Pilot zu einer Serie ist und wir die Bombenentschärferin (Hannah Herzsprung) ab jetzt jede Woche Gutes tun sehen können. Erst im Abspann hat der Schlusssong „Die Kaputtilation" der Berliner Band Grossstadtgeflüster mehr Power, Witz und Schwung als der ganze Film.
Ja, ist denn schon WM? Oder wieso verirrt sich ein halbgares deutsches TV-Stückchen ins übervolle Kino? Der Berliner Bauunternehmer Karl Brendt (Wotan Wilke Möhring) will schnell seine Kinder Josefine (Emily Kusche) und Marius (Carlo Thoma) zur Schule bringen. Doch im Stress zwischen (von der Frau) verpasstem Hochzeitstag und Problem in der Firma droht ein Unbekannter per Telefon damit, das Auto in die Luft zu sprengen, sollten Karl oder die Kinder aussteigen. Das haben schon Colin Farrell und andere nach dem Motto „Leg. Nicht. Auf!" oder „Geh. Nicht. Vom. Gas!" erlebt. Und Wotan Wilke Möhring hält sich in der Solonummer ganz gut, entfernt kann man sogar an Tom Hardy allein am Autotelefon in „No turning back" denken.
Der Erpresser will auf jeden Fall sehr viel Geld. Die Teenie-Tochter auf der Rückbank macht selbstverständlich alles andere, als was man ihr sagt. Und verrät auch in höchster Not die Affäre der Mutter. Denn dass dies alles kein Aprilscherz ist, zeigt sich, als das Auto von Karls Partner mit zwei Personen in die Luft fliegt. Der kleine Marius bekommt einen Splitter ab und verblutet nun langsam. Karls Frau und alle anderen vermuten derweil, dass Karl aus Verzweiflung seine Kinder entführen und sogar umbringen will.
Die Ehepartner müssten sich gerade jetzt vertrauen, was ausgerechnet die Ehebrecherin nicht leisten kann. Das geht mäßig spannend durch, bis plötzlich die große Action in Berlin mit vielen Autos, Hubschraubern und Sightseeing von Konzerthaus und Gendarmenmarkt aufgefahren wird. Da funktioniert dann gar nichts mehr.
Die Rache der Entmieteten im gentrifizierten Berlin ist eine nette Idee, aber hier mäßig umgesetzt, und so eine Argumentation schadet der guten Sache. Christiane Pauli wird dabei als fremdgehende Ehefrau zu wenig gefordert. Und auch das sonstige Personal spielt sich eher auf TV-Niveau ein. Der beschränkte Kommissar erweist sich als zu beschränkt, um dem Konstrukt etwas hinzuzufügen. Das alles wirkt so, als wenn dies der Pilot zu einer Serie ist und wir die Bombenentschärferin (Hannah Herzsprung) ab jetzt jede Woche Gutes tun sehen können. Erst im Abspann hat der Schlusssong „Die Kaputtilation" der Berliner Band Grossstadtgeflüster mehr Power, Witz und Schwung als der ganze Film.
9.4.18
3 Tage in Quiberon
BRD, Österreich, Frankreich 2017 Regie: Emily Atef, mit Marie Bäumer, Birgit Minichmayr, Charly Hübner, Robert Gwisdek, 116 Min., FSK ab 0
„Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren und ich heiße Romy Schneider!" So beginnt der mittlerweile eher französische als deutsche Filmstar, der seine „Sissy"-Vergangenheit noch immer nicht los ist, ein historisches Interview mit dem „Stern". 1981, ein Jahr vor ihrem Tod, verbringt Romy Schneider (Marie Bäumer) drei Tage mit ihrer Freundin Hilde (Birgit Minichmayr) in dem bretonischen Kurort Quiberon. In der Anti-Wellness-Klinik direkt am Strand gibt es eine extrem karge Diät, zwischendurch werden die Kurgäste mit kaltem Wasser abgespritzt. Dementsprechend gieren sie auch einen eingeschmuggelten Croissant an. Trotz ganz schlechter Erfahrungen mit der deutschen Presse willigt die Schauspielerin ausgerechnet in ein Interview mit dem „Stern"-Reporter Michael Jürgs (Robert Gwisdek) ein. Mit dabei ist der Fotograf Robert Lebeck (Charly Hübner), ein alter Freund Romy Schneiders.
Diese „3 Tage in Quiberon" zeigen zwei Gesichter der Romy Schneider: Das lebenslustige, und die Verletzte, Scheue, deren Sohn David nicht mehr bei ihr leben will. Aber erst einmal geht es mit der Freundin und den zwei Männern von der Presse abends heimlich in die Kneipe. Die Reste einer Hochzeitsgesellschaft fühlt sich geehrt und berührt von dem unverstellten Mensch Romy. Denis Lavant kommt als Poet vorbei, man singt und tanzt. Hilde kann Romy erst in Sicherheit bringen, als diese schon viel zu viel gesagt hat. Am nächsten Tag bestellt Jürgs Champagner zum Interview. Die Freundin, die drauf achten wollte, dass Romy dem Journalisten nicht zuviel erzählt und nicht auch noch Tabletten nimmt, gibt auf und zieht ab.
Betrunken, unsicher, schwach und völlig offen, so tritt der in Deutschland ungeliebte Star einem hinterhältigen, verlogenen Interviewer entgegen, der in seinem eiskalten Zynismus nebenbei auch noch Hilde herunter analysiert. Aus Romys kindlicher Begeisterung wurde die Angst vor der Einsamkeit, die Sorge um das Geld.
„Romy" wurde übrigens schon einmal 2009 im gleichnamigen TV-Film von Torsten C. Fischer mit Jessica Schwarz in der Verkörperung des gebrochenen Stars gezeigt. Regisseurin Emily Atef („Das Fremde in mir", „Töte mich") drehte „3 Tage in Quiberon" jedoch inspiriert von den Schwarz-Weiß-Fotos Robert Lebecks ebenfalls in Schwarz-Weiß. Und interessiert sich nicht für eine komplette Biografie. Keine Erwähnung der Eltern Magda Schneider und Wolf Albach-Retty, selbst Leinwand-Stars. Nur brüske Ablehnung der „Sissi"-Filme, mit denen sie berühmt wurde. Kein Wort über die Beziehung zu Alain Delon. Trotzdem wäre dies eine interessante Momentaufnahme im schwindenden Leben von Romy Schneider (1938 -1982). Doch die Darstellung der Romy durch Marie Bäumer („Der Geschmack von Apfelkernen", „Zum Geburtstag"), eine der am meisten unterschätzten deutschsprachigen Schauspielerinnen, macht diese stillen Tage zu einem fesselnden Film. Bäumers Romy rührt mit müden Augen und tiefen Rändern darunter, aber vor allem in ihrer großen Verzweiflung. Auch die enorme Offenheit gegenüber einem Promi-Hai ist einnehmend gespielt. Dabei legt Robert Gwisdek („Das Wochenende", „Schoßgebete") seinen Michael Jürgs nicht nur berechnend und negativ an. Charly Hübner („Vor der Morgenröte", „Magical Mystery",„Steig. Nicht. Aus!") ist als Robert Lebeck sowieso ein Gewinner. Wie der Film wahrscheinlich auch, denn er gilt schon jetzt als Favorit für den Deutschen Filmpreis.
„Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren und ich heiße Romy Schneider!" So beginnt der mittlerweile eher französische als deutsche Filmstar, der seine „Sissy"-Vergangenheit noch immer nicht los ist, ein historisches Interview mit dem „Stern". 1981, ein Jahr vor ihrem Tod, verbringt Romy Schneider (Marie Bäumer) drei Tage mit ihrer Freundin Hilde (Birgit Minichmayr) in dem bretonischen Kurort Quiberon. In der Anti-Wellness-Klinik direkt am Strand gibt es eine extrem karge Diät, zwischendurch werden die Kurgäste mit kaltem Wasser abgespritzt. Dementsprechend gieren sie auch einen eingeschmuggelten Croissant an. Trotz ganz schlechter Erfahrungen mit der deutschen Presse willigt die Schauspielerin ausgerechnet in ein Interview mit dem „Stern"-Reporter Michael Jürgs (Robert Gwisdek) ein. Mit dabei ist der Fotograf Robert Lebeck (Charly Hübner), ein alter Freund Romy Schneiders.
Diese „3 Tage in Quiberon" zeigen zwei Gesichter der Romy Schneider: Das lebenslustige, und die Verletzte, Scheue, deren Sohn David nicht mehr bei ihr leben will. Aber erst einmal geht es mit der Freundin und den zwei Männern von der Presse abends heimlich in die Kneipe. Die Reste einer Hochzeitsgesellschaft fühlt sich geehrt und berührt von dem unverstellten Mensch Romy. Denis Lavant kommt als Poet vorbei, man singt und tanzt. Hilde kann Romy erst in Sicherheit bringen, als diese schon viel zu viel gesagt hat. Am nächsten Tag bestellt Jürgs Champagner zum Interview. Die Freundin, die drauf achten wollte, dass Romy dem Journalisten nicht zuviel erzählt und nicht auch noch Tabletten nimmt, gibt auf und zieht ab.
Betrunken, unsicher, schwach und völlig offen, so tritt der in Deutschland ungeliebte Star einem hinterhältigen, verlogenen Interviewer entgegen, der in seinem eiskalten Zynismus nebenbei auch noch Hilde herunter analysiert. Aus Romys kindlicher Begeisterung wurde die Angst vor der Einsamkeit, die Sorge um das Geld.
„Romy" wurde übrigens schon einmal 2009 im gleichnamigen TV-Film von Torsten C. Fischer mit Jessica Schwarz in der Verkörperung des gebrochenen Stars gezeigt. Regisseurin Emily Atef („Das Fremde in mir", „Töte mich") drehte „3 Tage in Quiberon" jedoch inspiriert von den Schwarz-Weiß-Fotos Robert Lebecks ebenfalls in Schwarz-Weiß. Und interessiert sich nicht für eine komplette Biografie. Keine Erwähnung der Eltern Magda Schneider und Wolf Albach-Retty, selbst Leinwand-Stars. Nur brüske Ablehnung der „Sissi"-Filme, mit denen sie berühmt wurde. Kein Wort über die Beziehung zu Alain Delon. Trotzdem wäre dies eine interessante Momentaufnahme im schwindenden Leben von Romy Schneider (1938 -1982). Doch die Darstellung der Romy durch Marie Bäumer („Der Geschmack von Apfelkernen", „Zum Geburtstag"), eine der am meisten unterschätzten deutschsprachigen Schauspielerinnen, macht diese stillen Tage zu einem fesselnden Film. Bäumers Romy rührt mit müden Augen und tiefen Rändern darunter, aber vor allem in ihrer großen Verzweiflung. Auch die enorme Offenheit gegenüber einem Promi-Hai ist einnehmend gespielt. Dabei legt Robert Gwisdek („Das Wochenende", „Schoßgebete") seinen Michael Jürgs nicht nur berechnend und negativ an. Charly Hübner („Vor der Morgenröte", „Magical Mystery",„Steig. Nicht. Aus!") ist als Robert Lebeck sowieso ein Gewinner. Wie der Film wahrscheinlich auch, denn er gilt schon jetzt als Favorit für den Deutschen Filmpreis.
A Quiet Place
USA 2018 Regie: John Krasinski, mit John Krasinski, Emily Blunt, Millicent Simmonds, Noah Jupe, 90 Min., FSK ab 16
Horrorfilm, Science Fiction, Stummfilm und sensationeller Thriller - eine ganze Menge für einen Film! „ A Quiet Place" ist all das, aber vor allem ein ungeheuer spannender, sagenhaft einfallsreicher und besonders einmaliger Film. Nie war es so beängstigend, im Kino eine Stecknadel fallen zu hören!
„Mach kein Geräusch, denn wenn sie dich hören, jagen sie dich!" Unter dieser Bedingung lebt eine vierköpfige Familie nach der Alien-Invasion schon über ein Jahr auf einer isolierten Farm versteckt. „Versteckt" allerdings nur akustisch mit dicken Matratzen schallgedämpft und immer auf Zehenspitzen gehend, denn die mörderischen Wesen orientieren sich alleine mit ihrem Gehör. Also ist dieser Film fast ohne Dialoge. Wie Taubstumme verständigen sich alle vermittels Zeichensprache. Man könnte platt sagen: Endlich mal nicht so ein Rede-Film. Und das ist tatsächlich durchgehend äußerst spannend. Da fällt es erst gar nicht auf, dass die etwas bockige Tochter wirklich taub ist und sehr darunter leidet. Die Hörgeräte, die der ingeniöse Vater baut, helfen erstmal gar nicht. Einige andere raffinierte Lösungen dieser Figur von John Krasinski und des Films von John Krasinski gelingen hingegen hervorragend: Für den romantischen Tanz zu Neil Youngs „Harvest Moon" wird ein Pärchen-Kopfhörer zusammengelötet.
Gefühle gibt es auch ohne Worte eine Menge. Weil - wie wir miterlebt haben - der jüngste Sohn vor den Augen der anderen von einem Alien erwischt wurde, ist die Mutter wieder schwanger. Das führt in dieser Extremsituation am Rande zur klassische Rollenverteilung Jäger und Hausfrau, aber auch zu besonders raffinierten, um nicht zu sagen, fiesen Einfällen: Die da wären, sich einen Nagel in einen Fuß treten, ohne zu schreien. Und schließlich eine möglichst lautlose Geburt. Was unglaublicherweise gelingt und zu einem gesunden Kind führt, das ... selbstverständlich schreit! Da ist „A Quiet Place" dann wirklich Horror, bei dem man sein Herz zu laut pochen hört. Aber auch ein sehr alltäglich nachvollziehbarer und damit effektiver. Die konsequent durchgezogene Grundidee wirkt so gut und intensiv, dass man im Kino vor sich selbst erschrickt, wenn man ein Geräusch macht. Was vielleicht nur eine hinterhältige Rache Krasinskis an den üblichen Popcorn-Knisterern ist.
Wie in vielen der letzten guten Alien-Filme („Monsters") sieht man die außerirdischen Wesen erst so gut wie nicht. Das lange Warten belohnen die Kreatur-Designer dann aber damit, dass man Aug in Aug mit einer sehr schön fiesen Alien-Variation steht. Die musikalische Tonspur ist dabei selbstverständlich auch angenehm zurückhaltend, aber effektiv eingesetzt. Die ausgezeichnete Emily Blunt („Der Teufel trägt Prada", „Edge of Tomorrow", „Into The Woods") spielt hervorragend in dieser Hauptrolle, die mal nicht zu einer weiblichen Haudrauf-Variante ausartet. Ihren Filmmann spielt der Regisseur und Mit-Autor John Krasinski, den man von „Away We Go", „Fremd Fischen" oder „13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi" kennt. Nach der Comedy-Serie „Das Büro" (2005) legte er 2009 mit „Brief Interviews with Hideous Men" sein Regiedebüt hin. Diese dritte Regiearbeit ist nun direkt einer der Meilensteine der Filmgeschichte, endlich mal wieder eine komplett neue Idee, die im Gedächtnis bleiben wird. Etwas hilft dabei die Tatsache, dass „A Quiet Place" so unglaublich atemberaubend spannend ist, wie schon lange kein Film mehr.
Horrorfilm, Science Fiction, Stummfilm und sensationeller Thriller - eine ganze Menge für einen Film! „ A Quiet Place" ist all das, aber vor allem ein ungeheuer spannender, sagenhaft einfallsreicher und besonders einmaliger Film. Nie war es so beängstigend, im Kino eine Stecknadel fallen zu hören!
„Mach kein Geräusch, denn wenn sie dich hören, jagen sie dich!" Unter dieser Bedingung lebt eine vierköpfige Familie nach der Alien-Invasion schon über ein Jahr auf einer isolierten Farm versteckt. „Versteckt" allerdings nur akustisch mit dicken Matratzen schallgedämpft und immer auf Zehenspitzen gehend, denn die mörderischen Wesen orientieren sich alleine mit ihrem Gehör. Also ist dieser Film fast ohne Dialoge. Wie Taubstumme verständigen sich alle vermittels Zeichensprache. Man könnte platt sagen: Endlich mal nicht so ein Rede-Film. Und das ist tatsächlich durchgehend äußerst spannend. Da fällt es erst gar nicht auf, dass die etwas bockige Tochter wirklich taub ist und sehr darunter leidet. Die Hörgeräte, die der ingeniöse Vater baut, helfen erstmal gar nicht. Einige andere raffinierte Lösungen dieser Figur von John Krasinski und des Films von John Krasinski gelingen hingegen hervorragend: Für den romantischen Tanz zu Neil Youngs „Harvest Moon" wird ein Pärchen-Kopfhörer zusammengelötet.
Gefühle gibt es auch ohne Worte eine Menge. Weil - wie wir miterlebt haben - der jüngste Sohn vor den Augen der anderen von einem Alien erwischt wurde, ist die Mutter wieder schwanger. Das führt in dieser Extremsituation am Rande zur klassische Rollenverteilung Jäger und Hausfrau, aber auch zu besonders raffinierten, um nicht zu sagen, fiesen Einfällen: Die da wären, sich einen Nagel in einen Fuß treten, ohne zu schreien. Und schließlich eine möglichst lautlose Geburt. Was unglaublicherweise gelingt und zu einem gesunden Kind führt, das ... selbstverständlich schreit! Da ist „A Quiet Place" dann wirklich Horror, bei dem man sein Herz zu laut pochen hört. Aber auch ein sehr alltäglich nachvollziehbarer und damit effektiver. Die konsequent durchgezogene Grundidee wirkt so gut und intensiv, dass man im Kino vor sich selbst erschrickt, wenn man ein Geräusch macht. Was vielleicht nur eine hinterhältige Rache Krasinskis an den üblichen Popcorn-Knisterern ist.
Wie in vielen der letzten guten Alien-Filme („Monsters") sieht man die außerirdischen Wesen erst so gut wie nicht. Das lange Warten belohnen die Kreatur-Designer dann aber damit, dass man Aug in Aug mit einer sehr schön fiesen Alien-Variation steht. Die musikalische Tonspur ist dabei selbstverständlich auch angenehm zurückhaltend, aber effektiv eingesetzt. Die ausgezeichnete Emily Blunt („Der Teufel trägt Prada", „Edge of Tomorrow", „Into The Woods") spielt hervorragend in dieser Hauptrolle, die mal nicht zu einer weiblichen Haudrauf-Variante ausartet. Ihren Filmmann spielt der Regisseur und Mit-Autor John Krasinski, den man von „Away We Go", „Fremd Fischen" oder „13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi" kennt. Nach der Comedy-Serie „Das Büro" (2005) legte er 2009 mit „Brief Interviews with Hideous Men" sein Regiedebüt hin. Diese dritte Regiearbeit ist nun direkt einer der Meilensteine der Filmgeschichte, endlich mal wieder eine komplett neue Idee, die im Gedächtnis bleiben wird. Etwas hilft dabei die Tatsache, dass „A Quiet Place" so unglaublich atemberaubend spannend ist, wie schon lange kein Film mehr.
8.4.18
Layla M.
Niederlande, Belgien, BRD 2016 Regie: Mijke de Jong, mit Nora El Koussour, Ilias Addab, Hassan Akkouch, 98 Min., FSK ab
Layla M. könnte eine spät pubertierende Jugendliche sein: Nervig besserwisserisch geht sie in Gegenposition zu den Eltern. Etwas anders ist der Fall, weil die gute Schülerin Layla, die kurz vor ihrem Abschluss steht, irgendwann im Niqab am Tisch sitzt. Der Schleier lässt nur die Augen frei, das Essen wird reichlich schwierig und der aufgeklärte Vater rastet aus. Wie es zu dieser ersten Radikalisierung kam, erklärt der Film recht seltsam und untergräbt damit seine eigene Hauptfigur. Ist es tatsächlich Rassismus gegen die aus Marokko stammenden Einwanderer, wenn ein weißer Schiedsrichter Laylas wild gefordertes Abseits für ihren Verein ignoriert? Und sie auf ihr aggressives Gemecker eine entsprechend grobe Antwort erhält? Vielleicht setzt der Film aus den Niederlanden einfach den dort speziellen Alltags-Rassismus gegenüber „Marokkanern" voraus. Erwähnt wird für Laylas zunehmend aggressives Verhalten selbstverständlich der rechte Druck von Wilders, gegen den ein Verfahren wegen ausländerfeindlicher Aussagen läuft. Sie ihrerseits ist begeistert von Hassprediger-Videos und noch mehr von Abdel, der diese filmt.
So wirken Gehirnwäsche übers Internet und Romeo-Verführung für die Reise in den Nahen Osten wenig bedrohlich. Dass sich diese besondere Form von Jugend-Rebellion allerdings für eine Selbstmord-Attentäterin begeistert, erschreckt schon. Doch auch von der anderen Seite her funktioniert der Film der angesehenen niederländischen Regisseurin und Autorin Mijke de Jong nicht: Nach der Flucht an die Grenze zu Syrien erweist sich der rasch angetraute Jung-Spielberg des Dschihad als muslimischer Macho. Und Layla, die unter den härtesten Radikalen die emanzipierte Frau rauskehrt, ist dann überrascht, dass ihr Mann das Tanzen verbietet. Tatsächlich überraschend wirkt höchstens sein Gesinnungswandel innerhalb weniger Stunden. Das mag sicher auch so passieren, aber viel mehr als diese Erkenntnis – „so was passiert" – vermittelt der Film nicht. Zudem ist er langweilig. Die Stufen der Entfremdung der eigentlich integrierten Fremden wirken eher papiern als gelebt, behauptet und nicht verständlich. Vielleicht liegt es auch an der Synchronisation. Die Empfehlung: Besser des einfühlsame und berührende französische Radikalisierungsdramas „Der Himmel wird warten" sehen.
Layla M. könnte eine spät pubertierende Jugendliche sein: Nervig besserwisserisch geht sie in Gegenposition zu den Eltern. Etwas anders ist der Fall, weil die gute Schülerin Layla, die kurz vor ihrem Abschluss steht, irgendwann im Niqab am Tisch sitzt. Der Schleier lässt nur die Augen frei, das Essen wird reichlich schwierig und der aufgeklärte Vater rastet aus. Wie es zu dieser ersten Radikalisierung kam, erklärt der Film recht seltsam und untergräbt damit seine eigene Hauptfigur. Ist es tatsächlich Rassismus gegen die aus Marokko stammenden Einwanderer, wenn ein weißer Schiedsrichter Laylas wild gefordertes Abseits für ihren Verein ignoriert? Und sie auf ihr aggressives Gemecker eine entsprechend grobe Antwort erhält? Vielleicht setzt der Film aus den Niederlanden einfach den dort speziellen Alltags-Rassismus gegenüber „Marokkanern" voraus. Erwähnt wird für Laylas zunehmend aggressives Verhalten selbstverständlich der rechte Druck von Wilders, gegen den ein Verfahren wegen ausländerfeindlicher Aussagen läuft. Sie ihrerseits ist begeistert von Hassprediger-Videos und noch mehr von Abdel, der diese filmt.
So wirken Gehirnwäsche übers Internet und Romeo-Verführung für die Reise in den Nahen Osten wenig bedrohlich. Dass sich diese besondere Form von Jugend-Rebellion allerdings für eine Selbstmord-Attentäterin begeistert, erschreckt schon. Doch auch von der anderen Seite her funktioniert der Film der angesehenen niederländischen Regisseurin und Autorin Mijke de Jong nicht: Nach der Flucht an die Grenze zu Syrien erweist sich der rasch angetraute Jung-Spielberg des Dschihad als muslimischer Macho. Und Layla, die unter den härtesten Radikalen die emanzipierte Frau rauskehrt, ist dann überrascht, dass ihr Mann das Tanzen verbietet. Tatsächlich überraschend wirkt höchstens sein Gesinnungswandel innerhalb weniger Stunden. Das mag sicher auch so passieren, aber viel mehr als diese Erkenntnis – „so was passiert" – vermittelt der Film nicht. Zudem ist er langweilig. Die Stufen der Entfremdung der eigentlich integrierten Fremden wirken eher papiern als gelebt, behauptet und nicht verständlich. Vielleicht liegt es auch an der Synchronisation. Die Empfehlung: Besser des einfühlsame und berührende französische Radikalisierungsdramas „Der Himmel wird warten" sehen.
3.4.18
Film Stars Don't Die in Liverpool
Großbritannien, USA 2017, Regie: Paul McGuigan mit Jamie Bell, Annette Bening, Vanessa Redgrave, Julie Walters 106 Min. FSK ab 6
Bei der Verfilmung einer ungewöhnlichen und tragischen Liebe der Oscar-Preisträgerin Gloria Grahame (Annette Bening) muss man Grahame (1923-1981) und ihre Filme wie „In a Lonely Place" (1950) mit Humphrey Bogart oder Vincente Minnellis „Stadt der Illusionen" (1952) gar nicht kennen. Bening und Jamie Bell, der ihren wesentlich jüngeren Liebhaber Peter Turner spielt, gehören zu den Schauspielern, denen man alles abnimmt, die einfach so präsent sind, dass man ihnen gerne folgt, egal wen sie spielen.
Der Film basiert auf den Memoiren von Turner und beginnt damit, wie Gloria Grahame einige Jahrzehnte nach ihren Hollywood-Erfolgen in einem einfachen Liverpooler Hotel den kleinen Schauspieler Peter Turner aufreißt. Der verfällt der sehr sexy Frau tatsächlich. Er folgt ihr in die USA, wo das Glück zu zweit durch ihre herrische Art zerstört wird. Jahre später bricht Gloria in Liverpool vor einer Theatervorstellung zusammen und will nur noch wie ein kleines Kind im Haus von Peter und seinen Eltern gepflegt werden. Es dauert eine Weile, bis er herausbekommt, dass sie Krebs hat.
„Film Stars Don't Die in Liverpool" ist eine traurige, aber sehr berührende Geschichte von einer Liebe, die tatsächlich bis an den Tod weiterlebt. Es ist klasse, wie sie anfangs zusammen im Kino „Alien" schauen - er mit allen anderen in Panik, sie lacht sich kaputt. Später sorgen biografische Detail für Irritation bei Peter, denn Gloria hat auch bei ihren vier Ehemännern (u.a. Nicolas Ray) immer eine Vorliebe für junge bis illegal junge Partner gepflegt.
Die ungewöhnliche Geschichte vom kleinen Schauspieler und der Oscar-Gewinnerin gelingt mit tollen Bilder und Inszenierungsideen. Die frische und die zerbrechende Liebe werden nebeneinander montiert. Wenn Missverständnisse, zu wenig Gespräche und dumme Geheimnisse zur Trennung führen, ist das in Nahaufnahme sehr ergreifend. Auch Turners liebevolle Familie wurde mit unter anderem Julie Waters als Mutter toll besetzt.
Bei der Verfilmung einer ungewöhnlichen und tragischen Liebe der Oscar-Preisträgerin Gloria Grahame (Annette Bening) muss man Grahame (1923-1981) und ihre Filme wie „In a Lonely Place" (1950) mit Humphrey Bogart oder Vincente Minnellis „Stadt der Illusionen" (1952) gar nicht kennen. Bening und Jamie Bell, der ihren wesentlich jüngeren Liebhaber Peter Turner spielt, gehören zu den Schauspielern, denen man alles abnimmt, die einfach so präsent sind, dass man ihnen gerne folgt, egal wen sie spielen.
Der Film basiert auf den Memoiren von Turner und beginnt damit, wie Gloria Grahame einige Jahrzehnte nach ihren Hollywood-Erfolgen in einem einfachen Liverpooler Hotel den kleinen Schauspieler Peter Turner aufreißt. Der verfällt der sehr sexy Frau tatsächlich. Er folgt ihr in die USA, wo das Glück zu zweit durch ihre herrische Art zerstört wird. Jahre später bricht Gloria in Liverpool vor einer Theatervorstellung zusammen und will nur noch wie ein kleines Kind im Haus von Peter und seinen Eltern gepflegt werden. Es dauert eine Weile, bis er herausbekommt, dass sie Krebs hat.
„Film Stars Don't Die in Liverpool" ist eine traurige, aber sehr berührende Geschichte von einer Liebe, die tatsächlich bis an den Tod weiterlebt. Es ist klasse, wie sie anfangs zusammen im Kino „Alien" schauen - er mit allen anderen in Panik, sie lacht sich kaputt. Später sorgen biografische Detail für Irritation bei Peter, denn Gloria hat auch bei ihren vier Ehemännern (u.a. Nicolas Ray) immer eine Vorliebe für junge bis illegal junge Partner gepflegt.
Die ungewöhnliche Geschichte vom kleinen Schauspieler und der Oscar-Gewinnerin gelingt mit tollen Bilder und Inszenierungsideen. Die frische und die zerbrechende Liebe werden nebeneinander montiert. Wenn Missverständnisse, zu wenig Gespräche und dumme Geheimnisse zur Trennung führen, ist das in Nahaufnahme sehr ergreifend. Auch Turners liebevolle Familie wurde mit unter anderem Julie Waters als Mutter toll besetzt.
Das Zeiträtsel
USA 2018 (A Wrinkle in Time) Regie: Ava DuVernay, mit Reese Witherspoon, Oprah Winfrey, Mindy Kaling, Chris Pine, Zach Galifianakis, 110 Min. FSK ab 6
Digitaler Hokuspokus und esoterischer Plumperquatsch: Disney beweist, wie mit großem Aufwand viel schief gehen kann. Regisseurin Ava DuVernay scheitert inhaltlich, ästhetisch und in der Schauspielführung. Meg Murry (Storm Reid) hat das übliche Teenager- und Schul-Problem, dass sie als Außenseiterin gemobbt wird. Der Grund dafür ist diesmal, dass ihr Vater, ein brillanter Wissenschaftler, vor vier Jahren verschwand. „Glaube an dich und finde die richtige Frequenz" lautete sein Rezept für Reisen in Zeit und Raum. Nun kommen drei märchenhafte Gestalten den halb-verwaisten Geschwistern Murry zu Hilfe. Wobei Reese Witherspoon („Der große Trip – Wild") durch ihre Geschwätzigkeit und eine riesige Oprah Winfrey („Der Butler") schon durch ihre Ausstaffierung nicht nur Kinder verschrecken können.
Es beginnt ein nie sinnhafte Reise durch fantastische Planeten und Welten mit schönen Bildern,
schwatzhaften Blumen und einem Fantasia-Flug auf dem Drachen. Nur sieht der diesmal wie Blattsalat aus. Die hier besonders banale Gegenüberstellung Licht gegen Dunkelheit erklärt übersichtlich gleich Mobbing, Neid, Selbsthass und Gewalt mit einem bösen schwarzen Loch.
Doch das wahre Übel ist dieser esoterische Quark im Stile von „Man muss eins mit sich selbst und dem Universum werden!" Drumherum wurde eine Geschichte gestrickt, der man anmerkt, wie sehr die Hand von guten Drehbuchautoren fehlt. Fantasy- und Märchenelemente poltern in ziemlich wahlloser Folge durcheinander, dazu langweilt eine kleine, vorsichtige Teeny– Liebesgeschichte. Das ist weder überzeugende Utopie noch ein interessantes philosophisches Lebenskonzept. Auch die Schauspieler, selbst die namhaften, überzeugen nie. Diese Figuren könnten gut in irgendeinem Schwarzen Loch verschwinden und das wäre dann eine gute Sache für die Welt.
Digitaler Hokuspokus und esoterischer Plumperquatsch: Disney beweist, wie mit großem Aufwand viel schief gehen kann. Regisseurin Ava DuVernay scheitert inhaltlich, ästhetisch und in der Schauspielführung. Meg Murry (Storm Reid) hat das übliche Teenager- und Schul-Problem, dass sie als Außenseiterin gemobbt wird. Der Grund dafür ist diesmal, dass ihr Vater, ein brillanter Wissenschaftler, vor vier Jahren verschwand. „Glaube an dich und finde die richtige Frequenz" lautete sein Rezept für Reisen in Zeit und Raum. Nun kommen drei märchenhafte Gestalten den halb-verwaisten Geschwistern Murry zu Hilfe. Wobei Reese Witherspoon („Der große Trip – Wild") durch ihre Geschwätzigkeit und eine riesige Oprah Winfrey („Der Butler") schon durch ihre Ausstaffierung nicht nur Kinder verschrecken können.
Es beginnt ein nie sinnhafte Reise durch fantastische Planeten und Welten mit schönen Bildern,
schwatzhaften Blumen und einem Fantasia-Flug auf dem Drachen. Nur sieht der diesmal wie Blattsalat aus. Die hier besonders banale Gegenüberstellung Licht gegen Dunkelheit erklärt übersichtlich gleich Mobbing, Neid, Selbsthass und Gewalt mit einem bösen schwarzen Loch.
Doch das wahre Übel ist dieser esoterische Quark im Stile von „Man muss eins mit sich selbst und dem Universum werden!" Drumherum wurde eine Geschichte gestrickt, der man anmerkt, wie sehr die Hand von guten Drehbuchautoren fehlt. Fantasy- und Märchenelemente poltern in ziemlich wahlloser Folge durcheinander, dazu langweilt eine kleine, vorsichtige Teeny– Liebesgeschichte. Das ist weder überzeugende Utopie noch ein interessantes philosophisches Lebenskonzept. Auch die Schauspieler, selbst die namhaften, überzeugen nie. Diese Figuren könnten gut in irgendeinem Schwarzen Loch verschwinden und das wäre dann eine gute Sache für die Welt.
2.4.18
Ready Player One
USA 2018 Regie: Steven Spielberg mit Tye Sheridan, Olivia Cooke, Ben Mendelsohn, 140 Min., FSK ab 12
Spielberg als großes Spielkind - der Regisseur von „Schindlers Liste", „Der weiße Hai", „E.T." und vielem anderen unterhält mit seinem neuesten Meisterwerk „Ready Player One" fantastisch und hält der eskapistischen Unterhaltungskultur gleichzeitig den Spiegel vor. Von Fans sehnsüchtig erwartet, begeistert Steven Spielbergs Action-Abenteuer „Ready Player One" nach Ernest Clines gleichnamigem Bestseller bereits seit einer Woche überall von den USA bis zu den Niederlanden.
Das Jahr 2045 zeigt herrlich spielerisch die Vereinzelung der menschlichen Monaden in ihren kleinen Zellen, abgeschirmt von der eigentlichen Welt, wenn Wade Watts (Tye Sheridan) sich an und durch übereinander gestapelte Container-Hütten zu seinem Ziel bewegt. Das Ziel für ihn und alle anderen ist Oasis, das gigantische virtuelle Universum, das den Rückzugsort vor einer nicht besonders reizvollen Realität bietet. Über einen verkabelten Helm und Anzüge mit Bewegungs-Sensoren „bewegen" sich die Spieler tatsächlich in diesen Welten. Dort findet Wade seine Freude und seine Freunde.
Als James Halliday (Mark Rylance), der exzentrische Schöpfer von Oasis stirbt, hinterlässt er sein Erbe als Wettbewerb in dieser Welt: Er versteckte ein „Easter Egg", ein virtuelles Osterei, in seinem Spiel und über drei Aufgaben sind die Schlüssel dazu auffindbar. Nun ist Wade tatsächlich der größte Fan von Halliday und die zahllosen Besuche im Filmmuseum über jeden Moment im Leben des Schöpfers zahlen sich aus. Der unbekannte Junge gewinnt das erste Rennen, indem er die Regeln auf den Kopf stellt, und seine Figur Parzival wird als Spitzenreiter auf der Jagd nach dem Heiligen Gral selbst zum Gejagten.
Ja, echt! Parzival auf der Jagd nach dem Heiligen Gral, in dem DeLorean aus „Zurück in die Zukunft", gescheucht von King Kong und dem T-Rex aus „Jurassic Park", begleitet vom Motorrad von „Akira", das Art3mis gehört, der griechischen Göttin der Jagd ... Die pop-kulturellen Anspielungen vor allem aus den 80er Jahren sind zahl- und endlos in „Ready Player One". Begleitet von Van Halens „Jump" zum Auftakt, Blondie mittendrin und „Staying alive" zum schwerelosen Tanz im Geisterhaus von Kubricks „Shining". Wer diese Hinweise alle erwischen will, braucht beim rasanten Tempo von Action und Erzählung schon eine Super-Zeitlupe.
Wie jedoch die „Gunter" - für egG hUNTER - bis zur großen futuristischen Schlacht gegen den großen, bösen Konzern in all ihren fantastischen Erscheinungen und schließlich auch in der Realität die Suche durchziehen, ist oft umwerfend komisch und in jedem Moment mitreißend inszeniert. Dies ist schließlich Steven Spielberg. Und der macht keineswegs nur oberflächliche Pop-Kultur. Siehe „E.T.".
Spielberg präsentiert nicht nur einen unendlichen Spaß mit Referenzen und Zitaten aus allen möglichen Genres vom Teenie-Film bis zum Horror-Klassiker. „Ready Player One" zeigt auch Drohnen für Pizza-Lieferung und Bomben-Attentate. Eine Welt der Vereinzelung, die man heute schon erkennt, wenn man mal als Einziger den Blick vom Smartphone losreißt.
Dieser sagenhafte Film ist gleichzeitig der mit außerordentlicher Brillanz ausgeführte, überdrehte Traum eines Spielkindes aus den 80ern und Zivilisations-Kritik. Es ist ein buntes Märchen, dass auf mehreren Ebenen dem Cyber-Space die Spiele-Maske vom Kopf reißt. Spielbergs letzter Film „Die Verlegerin" war eine Würdigung des Gestern, „Ready Player One" springt weit in eine verführerische Zukunft. Und: Ist nicht Spielberg selbst so ein Zauberer und Verführer wie Halliday? Die herrlich naive Lösung: Das Internet bleibt in Zukunft Dienstags und Donnerstags geschlossen.
Spielberg als großes Spielkind - der Regisseur von „Schindlers Liste", „Der weiße Hai", „E.T." und vielem anderen unterhält mit seinem neuesten Meisterwerk „Ready Player One" fantastisch und hält der eskapistischen Unterhaltungskultur gleichzeitig den Spiegel vor. Von Fans sehnsüchtig erwartet, begeistert Steven Spielbergs Action-Abenteuer „Ready Player One" nach Ernest Clines gleichnamigem Bestseller bereits seit einer Woche überall von den USA bis zu den Niederlanden.
Das Jahr 2045 zeigt herrlich spielerisch die Vereinzelung der menschlichen Monaden in ihren kleinen Zellen, abgeschirmt von der eigentlichen Welt, wenn Wade Watts (Tye Sheridan) sich an und durch übereinander gestapelte Container-Hütten zu seinem Ziel bewegt. Das Ziel für ihn und alle anderen ist Oasis, das gigantische virtuelle Universum, das den Rückzugsort vor einer nicht besonders reizvollen Realität bietet. Über einen verkabelten Helm und Anzüge mit Bewegungs-Sensoren „bewegen" sich die Spieler tatsächlich in diesen Welten. Dort findet Wade seine Freude und seine Freunde.
Als James Halliday (Mark Rylance), der exzentrische Schöpfer von Oasis stirbt, hinterlässt er sein Erbe als Wettbewerb in dieser Welt: Er versteckte ein „Easter Egg", ein virtuelles Osterei, in seinem Spiel und über drei Aufgaben sind die Schlüssel dazu auffindbar. Nun ist Wade tatsächlich der größte Fan von Halliday und die zahllosen Besuche im Filmmuseum über jeden Moment im Leben des Schöpfers zahlen sich aus. Der unbekannte Junge gewinnt das erste Rennen, indem er die Regeln auf den Kopf stellt, und seine Figur Parzival wird als Spitzenreiter auf der Jagd nach dem Heiligen Gral selbst zum Gejagten.
Ja, echt! Parzival auf der Jagd nach dem Heiligen Gral, in dem DeLorean aus „Zurück in die Zukunft", gescheucht von King Kong und dem T-Rex aus „Jurassic Park", begleitet vom Motorrad von „Akira", das Art3mis gehört, der griechischen Göttin der Jagd ... Die pop-kulturellen Anspielungen vor allem aus den 80er Jahren sind zahl- und endlos in „Ready Player One". Begleitet von Van Halens „Jump" zum Auftakt, Blondie mittendrin und „Staying alive" zum schwerelosen Tanz im Geisterhaus von Kubricks „Shining". Wer diese Hinweise alle erwischen will, braucht beim rasanten Tempo von Action und Erzählung schon eine Super-Zeitlupe.
Wie jedoch die „Gunter" - für egG hUNTER - bis zur großen futuristischen Schlacht gegen den großen, bösen Konzern in all ihren fantastischen Erscheinungen und schließlich auch in der Realität die Suche durchziehen, ist oft umwerfend komisch und in jedem Moment mitreißend inszeniert. Dies ist schließlich Steven Spielberg. Und der macht keineswegs nur oberflächliche Pop-Kultur. Siehe „E.T.".
Spielberg präsentiert nicht nur einen unendlichen Spaß mit Referenzen und Zitaten aus allen möglichen Genres vom Teenie-Film bis zum Horror-Klassiker. „Ready Player One" zeigt auch Drohnen für Pizza-Lieferung und Bomben-Attentate. Eine Welt der Vereinzelung, die man heute schon erkennt, wenn man mal als Einziger den Blick vom Smartphone losreißt.
Dieser sagenhafte Film ist gleichzeitig der mit außerordentlicher Brillanz ausgeführte, überdrehte Traum eines Spielkindes aus den 80ern und Zivilisations-Kritik. Es ist ein buntes Märchen, dass auf mehreren Ebenen dem Cyber-Space die Spiele-Maske vom Kopf reißt. Spielbergs letzter Film „Die Verlegerin" war eine Würdigung des Gestern, „Ready Player One" springt weit in eine verführerische Zukunft. Und: Ist nicht Spielberg selbst so ein Zauberer und Verführer wie Halliday? Die herrlich naive Lösung: Das Internet bleibt in Zukunft Dienstags und Donnerstags geschlossen.
Transit (2018)
BRD Frankreich 2018 Regie: Christian Petzold, mit Franz Rogowski, Paula Beer, Godehard Giese, 101 Min. FSK: ab 12
Christian Petzold, der Regisseur mit den klügsten deutschen Filmen, versetzt seine „Gespenster" in einer genial freien Adaption von Anna Seghers' Roman „Transit" aus dem Jahr 1944 in das Marseille verzweifelter deutscher Flüchtlinge. „Phoenix" ist diesmal Georg (Franz Rogowski), der die Identität des verstorbenen Schriftstellers Weidel annimmt, um ein Visum der mexikanischen Botschaft zu erhalten.
Petzold geht den Stoff mutig mit der genialen Idee an, die Flüchtlings-Situation deutscher Immigranten mit der von afrikanischen Opfern des Heute zu verbinden. Die Kneipen, Polizeiwagen und -Sirenen aus Paris und Marseille sind gegenwärtig. Die Situation ist die des besetzten Frankreichs der 40er Jahre. Georg ist einer der Vertriebenen, der sich vor allem treiben lässt. Bei einem Gefälligkeitsgang kommen die Manuskripte, Briefe und Visa-Unterlagen von Weidel in seine Hände. Der Schriftsteller hat sich in seinem Pariser Hotel umgebracht. Und es ist vor allem das konsequente Missverstehen des Beamten in der Botschaft, das Georg veranlasst, die Identität und damit die Visa und Fluchtmöglichkeiten von Weidel anzunehmen. Doch auch Weidels Frau Marie (Paula Beer) ist in der Stadt und sucht ihren Mann, den sie in Paris sitzenließ...
Die Situation der Flüchtlinge ist nicht nur pervers, sie ist auch absurd: Man darf nur bleiben, wenn man nicht bleiben will. Nur wer Visa und Karten für die rettenden Schiffspassagen hat, wird nicht verhaftet. Und alle Durchgangsländer wollen zudem Transit-Visa. So findet das Leben im „Transit" wartend in kleinen Hotels, den Lobbys der Konsulate, in den Cafés und Bars am Hafen statt. Georg freundet sich mit Driss an, dem dunkelhäutigen Sohn seines auf der Flucht gestorbenen Genossen Heinz. Hier, beim Fußball-Spiel mit dem kleiner Jungen marokkanischer Abstammung, im Gespräch mit deutschen Fußball-Vokabeln von heute vermischen sich die europäischen Flüchtlingsströme der 40er mit den aktuellen in anderer Richtung.
Der raffiniert konstruierten Geschichte mit überraschender Wende mitten im Film gelingt ein äußerst spannender Identitätswechsel, mit dem man sich sofort in die Situation der Verfolgten versetzt fühlt. Auf dieser „Road to Nowhere" (Talking Heads im Abspann), der Straße ins Nirgendwo, wollen all die fluchtbereiten Menschen ihre Geschichten erzählen. Der Off-Text, üblicherweise gerne der pure Originaltext, lässt dabei anachronistische Elemente einfließen, wie George A. Romeros Zombiefilm „Dawn of the Dead" von 1978. Und das ist nicht nur ein „Gag", denn die Gestalten, die in Marseille in der Hoffnungslosigkeit feststecken, haben etwas von Zombies, von lebenden Toten. Überdies hungern und sterben sie in diesem Wartezimmer der Freiheit noch bevor die Deutschen tatsächlich einmarschieren.
Petzold setzt hier seine bekannten Motive um Nicht-Ort und fremde Identitäten auch aus „Yella" und „Wolfsburg" fort. Das ganze, vielleicht noch faszinierendere, ungeheuer kluge und dichte Gedankenkonstrukt dahinter ist in Begleittexten ausgebreitet. „Transit" wird so zu einem Anti-„Casablanca", einem deutlich entromantisierten , aber trotz der nüchternen Inszenierung in einer verpassten Liebesgeschichte sehr emotionaler Blick auf Flüchtlinge vor dem Nazi-Regime. „Shooting Star" Franz Rogowski („Love Steaks", „Victoria"), der zuletzt in Hanekes „Happy End" als Freund der Flüchtlinge beeindruckte, fesselt in der Hauptrolle mit der stillen Intensität der allerbesten Leinwand-Stars. Sehr bewegend auch Paula Beer, die Hauptdarstellerin der aktuellen ZDF-Serie „Bad Banks", als orientierungslos herumirrende Marie mit der großen Frage „Wer vergisst schneller, der Verlassene oder die, die ihn verlassen hat?" Im außerordentlich guten Ensemble zeigt die Besetzung des Barbesitzers und Erzählers durch Matthias Brandt, wie genial dicht dieser Film gewebt ist: Der Sohn des Nazi-Flüchtlings Willy Brandt bewirtet hier quasi die Gespenster seiner Vätergeneration.
Christian Petzold, der Regisseur mit den klügsten deutschen Filmen, versetzt seine „Gespenster" in einer genial freien Adaption von Anna Seghers' Roman „Transit" aus dem Jahr 1944 in das Marseille verzweifelter deutscher Flüchtlinge. „Phoenix" ist diesmal Georg (Franz Rogowski), der die Identität des verstorbenen Schriftstellers Weidel annimmt, um ein Visum der mexikanischen Botschaft zu erhalten.
Petzold geht den Stoff mutig mit der genialen Idee an, die Flüchtlings-Situation deutscher Immigranten mit der von afrikanischen Opfern des Heute zu verbinden. Die Kneipen, Polizeiwagen und -Sirenen aus Paris und Marseille sind gegenwärtig. Die Situation ist die des besetzten Frankreichs der 40er Jahre. Georg ist einer der Vertriebenen, der sich vor allem treiben lässt. Bei einem Gefälligkeitsgang kommen die Manuskripte, Briefe und Visa-Unterlagen von Weidel in seine Hände. Der Schriftsteller hat sich in seinem Pariser Hotel umgebracht. Und es ist vor allem das konsequente Missverstehen des Beamten in der Botschaft, das Georg veranlasst, die Identität und damit die Visa und Fluchtmöglichkeiten von Weidel anzunehmen. Doch auch Weidels Frau Marie (Paula Beer) ist in der Stadt und sucht ihren Mann, den sie in Paris sitzenließ...
Die Situation der Flüchtlinge ist nicht nur pervers, sie ist auch absurd: Man darf nur bleiben, wenn man nicht bleiben will. Nur wer Visa und Karten für die rettenden Schiffspassagen hat, wird nicht verhaftet. Und alle Durchgangsländer wollen zudem Transit-Visa. So findet das Leben im „Transit" wartend in kleinen Hotels, den Lobbys der Konsulate, in den Cafés und Bars am Hafen statt. Georg freundet sich mit Driss an, dem dunkelhäutigen Sohn seines auf der Flucht gestorbenen Genossen Heinz. Hier, beim Fußball-Spiel mit dem kleiner Jungen marokkanischer Abstammung, im Gespräch mit deutschen Fußball-Vokabeln von heute vermischen sich die europäischen Flüchtlingsströme der 40er mit den aktuellen in anderer Richtung.
Der raffiniert konstruierten Geschichte mit überraschender Wende mitten im Film gelingt ein äußerst spannender Identitätswechsel, mit dem man sich sofort in die Situation der Verfolgten versetzt fühlt. Auf dieser „Road to Nowhere" (Talking Heads im Abspann), der Straße ins Nirgendwo, wollen all die fluchtbereiten Menschen ihre Geschichten erzählen. Der Off-Text, üblicherweise gerne der pure Originaltext, lässt dabei anachronistische Elemente einfließen, wie George A. Romeros Zombiefilm „Dawn of the Dead" von 1978. Und das ist nicht nur ein „Gag", denn die Gestalten, die in Marseille in der Hoffnungslosigkeit feststecken, haben etwas von Zombies, von lebenden Toten. Überdies hungern und sterben sie in diesem Wartezimmer der Freiheit noch bevor die Deutschen tatsächlich einmarschieren.
Petzold setzt hier seine bekannten Motive um Nicht-Ort und fremde Identitäten auch aus „Yella" und „Wolfsburg" fort. Das ganze, vielleicht noch faszinierendere, ungeheuer kluge und dichte Gedankenkonstrukt dahinter ist in Begleittexten ausgebreitet. „Transit" wird so zu einem Anti-„Casablanca", einem deutlich entromantisierten , aber trotz der nüchternen Inszenierung in einer verpassten Liebesgeschichte sehr emotionaler Blick auf Flüchtlinge vor dem Nazi-Regime. „Shooting Star" Franz Rogowski („Love Steaks", „Victoria"), der zuletzt in Hanekes „Happy End" als Freund der Flüchtlinge beeindruckte, fesselt in der Hauptrolle mit der stillen Intensität der allerbesten Leinwand-Stars. Sehr bewegend auch Paula Beer, die Hauptdarstellerin der aktuellen ZDF-Serie „Bad Banks", als orientierungslos herumirrende Marie mit der großen Frage „Wer vergisst schneller, der Verlassene oder die, die ihn verlassen hat?" Im außerordentlich guten Ensemble zeigt die Besetzung des Barbesitzers und Erzählers durch Matthias Brandt, wie genial dicht dieser Film gewebt ist: Der Sohn des Nazi-Flüchtlings Willy Brandt bewirtet hier quasi die Gespenster seiner Vätergeneration.
1.4.18
Pio
Italien, Brasilien, BRD, Frankreich, USA, Schweden 2017, Regie: Jonas Carpignano, mit Pio Amato, Koudous Seihon, Damiano Amato, Francesco, 118 Min., FSK: ab 12
Nach der Flüchtlings-Geschichte „Mediterranea" (2015) inszeniert Jonas Carpignano wieder einen packend authentischen Film mit Roma, Flüchtlingen und Italienern im Süden des Landes: Der 14-jährige Pio (Pio Amato) lebt mit seiner Roma-Großfamilie in A Ciambra, einer kleinen Gemeinde in Kalabrien. Der Junge kann nicht lesen, dafür raucht und trinkt er wie ein Großer. Die Siedlung erlebt regelmäßig Polizei-Razzien, wegen geklautem Kupfer, abgezapftem Strom. Italiener, so genannt von den Roma, kommen vorbei, um Aufträge zu verteilen. Pios älterer Bruder Cosimo (Damiano Amato) soll Häuser ausrauben oder Autos stehlen. Als Cosimo und der Vater von der Polizei erwischt werden, will Pio sich gegenüber der Familie beweisen. Er gibt ein geklautes Auto dem Besitzer für 300 Euro zurück, stiehlt im Zug Koffer von Reisenden.
„Pio", der 2017 in Cannes erstmals gezeigt wurde, ist kein gewöhnliches Sozialdrama. Die Darsteller sind meist Laien, die in ihrem eigenen, tatsächlich existierenden Viertel spielen und heftigen Dialekt sprechen. So ergibt sich eine pralle Geschichte mit intensiven Aufnahmen, zügig erzählt, sehr packend geschnitten. Der Film wirkt authentisch, nahe dran, mittendrin. Neorealismus von heute.
Auf naheliegende und selbstverständliche Weise zieht Pio Tricksereien durch, wie alle anderen in der Umgebung. Was allerdings schief geht, als er einen italienischen Auftraggeber der Familie bestiehlt. Er, der sich mit den afrikanischen Flüchtlingen gut versteht, sogar in Aviya (Koudous Seihon) einen älteren Freund hat, muss diesen verraten, um seine Familie zu retten. Die nüchtern beobachtete Zeit zwischen Kindheit und Mann-Sein bettet „Pio" in gefühlvolle bis poetische Momente. Eine intensive Trauerfeier bewegt mit Musik und Gesang. Mühsam formulierend erzählt Pios Großvaters von besseren Zeiten. In den menschenleeren nächtlichen Straßen sieht der Junge ein verlorenes Pferd - symbolisch für frühere Freiheiten des „ziehenden Volkes". Heutzutage bleibt Pio scheinbar keine Wahl als mit den Armen die noch Ärmeren auszubeuten.
Nach der Flüchtlings-Geschichte „Mediterranea" (2015) inszeniert Jonas Carpignano wieder einen packend authentischen Film mit Roma, Flüchtlingen und Italienern im Süden des Landes: Der 14-jährige Pio (Pio Amato) lebt mit seiner Roma-Großfamilie in A Ciambra, einer kleinen Gemeinde in Kalabrien. Der Junge kann nicht lesen, dafür raucht und trinkt er wie ein Großer. Die Siedlung erlebt regelmäßig Polizei-Razzien, wegen geklautem Kupfer, abgezapftem Strom. Italiener, so genannt von den Roma, kommen vorbei, um Aufträge zu verteilen. Pios älterer Bruder Cosimo (Damiano Amato) soll Häuser ausrauben oder Autos stehlen. Als Cosimo und der Vater von der Polizei erwischt werden, will Pio sich gegenüber der Familie beweisen. Er gibt ein geklautes Auto dem Besitzer für 300 Euro zurück, stiehlt im Zug Koffer von Reisenden.
„Pio", der 2017 in Cannes erstmals gezeigt wurde, ist kein gewöhnliches Sozialdrama. Die Darsteller sind meist Laien, die in ihrem eigenen, tatsächlich existierenden Viertel spielen und heftigen Dialekt sprechen. So ergibt sich eine pralle Geschichte mit intensiven Aufnahmen, zügig erzählt, sehr packend geschnitten. Der Film wirkt authentisch, nahe dran, mittendrin. Neorealismus von heute.
Auf naheliegende und selbstverständliche Weise zieht Pio Tricksereien durch, wie alle anderen in der Umgebung. Was allerdings schief geht, als er einen italienischen Auftraggeber der Familie bestiehlt. Er, der sich mit den afrikanischen Flüchtlingen gut versteht, sogar in Aviya (Koudous Seihon) einen älteren Freund hat, muss diesen verraten, um seine Familie zu retten. Die nüchtern beobachtete Zeit zwischen Kindheit und Mann-Sein bettet „Pio" in gefühlvolle bis poetische Momente. Eine intensive Trauerfeier bewegt mit Musik und Gesang. Mühsam formulierend erzählt Pios Großvaters von besseren Zeiten. In den menschenleeren nächtlichen Straßen sieht der Junge ein verlorenes Pferd - symbolisch für frühere Freiheiten des „ziehenden Volkes". Heutzutage bleibt Pio scheinbar keine Wahl als mit den Armen die noch Ärmeren auszubeuten.
Gringo
USA 2018 Regie: Nash Edgerton, mit Joel Edgerton, Charlize Theron, David Oyelowo, Thandie Newton, Bashir Salahuddin, 111 Min., FSK ab 16
Der kleine Angestellte Harold Soyinka (David Oyelowo) wird mit den Realitäten des neoliberalen US-Kapitalismus konfrontiert. Sein großkotziger Angeber Richard (Joel Edgerton), ein besonders verlogenes Ekel, das sich als Freund ausgibt, will ihn nach der kommenden Fusion feuern und lästert über seine ehemals übergewichtige Ehefrau. Während einer Geschäftsreise nach Mexiko, wo eine Fabrik Marihuana in Pillenform produziert, kündigt schon mal Harolds Ehefrau Bonnie (Thandie Newton) wegen eines Liebhabers. Aus dem braven Angestellten wird ein frustrierter, der beschließt, sich selber zu entführen. Die zynischen Reaktionen seiner Bosse Richard und Elaine (Charlize Theron) sind vielsagend. Gleichzeitig checkt ein kleiner Drogenkurier im Billighotel und Versteck von Harold ein und Richards Bruder, ein ehemaliger Killer, soll den Fall unkonventionell lösen.
Das beliebte Rezept für eine Action-Komödie um krumme Geschäfte, illegale Substanzen und skrupellose Bosse funktioniert hier trotz prominenter Besetzung nur sehr mäßig. Neben dem guten David Oyelowo („Selma", „Der Butler", „A United Kingdom") kann allein Charlize Theron („Atomic Blonde", „Fast & Furious 8") als extrem ordinäre karriere-geile Frau punkten. Der Rest entwickelt sich träge und will zeitweise den schwarzen Humor von Coen und Tarantino erzeugen. Aber dazu reicht ein mexikanischer Gangster-Boss, der sich über Beatles-Alben auslässt, nicht aus. Richtig witzig ist das nur am Rande, etwa bei der gelangweilten Sekretärin, die dauernd Katzenvideos guckt. Bis endlich die Post abgeht, haben andere Filme schon ganze Städte platt gemacht. Derweil stolpern die Ideen und Wendungen nur so übereinander. Allein ein gerechtes Happy End stimmt versöhnlich, ansonsten hat dieser künstlich nachgemachte Action-Kick höchsten Placebo-Wirkungen.
Der kleine Angestellte Harold Soyinka (David Oyelowo) wird mit den Realitäten des neoliberalen US-Kapitalismus konfrontiert. Sein großkotziger Angeber Richard (Joel Edgerton), ein besonders verlogenes Ekel, das sich als Freund ausgibt, will ihn nach der kommenden Fusion feuern und lästert über seine ehemals übergewichtige Ehefrau. Während einer Geschäftsreise nach Mexiko, wo eine Fabrik Marihuana in Pillenform produziert, kündigt schon mal Harolds Ehefrau Bonnie (Thandie Newton) wegen eines Liebhabers. Aus dem braven Angestellten wird ein frustrierter, der beschließt, sich selber zu entführen. Die zynischen Reaktionen seiner Bosse Richard und Elaine (Charlize Theron) sind vielsagend. Gleichzeitig checkt ein kleiner Drogenkurier im Billighotel und Versteck von Harold ein und Richards Bruder, ein ehemaliger Killer, soll den Fall unkonventionell lösen.
Das beliebte Rezept für eine Action-Komödie um krumme Geschäfte, illegale Substanzen und skrupellose Bosse funktioniert hier trotz prominenter Besetzung nur sehr mäßig. Neben dem guten David Oyelowo („Selma", „Der Butler", „A United Kingdom") kann allein Charlize Theron („Atomic Blonde", „Fast & Furious 8") als extrem ordinäre karriere-geile Frau punkten. Der Rest entwickelt sich träge und will zeitweise den schwarzen Humor von Coen und Tarantino erzeugen. Aber dazu reicht ein mexikanischer Gangster-Boss, der sich über Beatles-Alben auslässt, nicht aus. Richtig witzig ist das nur am Rande, etwa bei der gelangweilten Sekretärin, die dauernd Katzenvideos guckt. Bis endlich die Post abgeht, haben andere Filme schon ganze Städte platt gemacht. Derweil stolpern die Ideen und Wendungen nur so übereinander. Allein ein gerechtes Happy End stimmt versöhnlich, ansonsten hat dieser künstlich nachgemachte Action-Kick höchsten Placebo-Wirkungen.
27.3.18
Im Zweifel glücklich
USA 2017 (Brad's Status) Regie: Mike White mit Ben Stiller, Austin Abrams, Michael Sheen, Luke Wilson 102 Min. FSK ab 0
Wenn der Vater mit dem Sohne ... war das mit Heinz Rühmann in den Fünfzigern noch Rührung wegen verstorbener Mutter. Nun, die 10er Jahre in den USA, ist Muttern auch abwesend. Weil sie erfolgreich arbeitet. Doch eigentlich ist für Vater Brad (Ben Stiller) eigentlich alles egal, was außerhalb seiner Midlife-Crisis passiert. Die hervorragend gemachte und gespielte Depri-Komödie trifft ein bestimmtes Gefühl im Kern. Nur betrifft das nicht allzu viele Um-die-50er-Väter...
Brad verbringt seine Nächte mit den alten Freunden. Also, er liegt schlaflos neben seiner Frau im Bett und bewundert auf Facebook, was aus all den Kumpeln geworden ist, die ihn längst nicht mehr zu Geburtstagen und Hochzeiten einladen. Freunde, die ein Luxusleben führen, die regelmäßig im Fernsehen auftreten und immer mindestens Business-Class fliegen, wenn nicht gleich mit dem eigenen Flieger. Brad hingegen, der beruflich Gelder für gute Zwecke sammelt, fragt schon mal verfrüht nach, ob sie denn das Haus der Schwiegereltern erben würden.
So geht es mit dem Sohn Troy (Austin Abrams) per Flieger an die Ostküste, um mögliche Colleges zu besichtigen. Ein spontanes Upgrade zur Feier des Tages wäre zwar unverschämt teuer, doch das Spar-Ticket von Brad lässt sich überhaupt nicht upgraden! Ein neuerlicher Dämpfer für den frustrierten weißen Mittelklasse-Mann mittleren Alters.
Dabei verpasst Brad nicht nur seinen entspannten Sohn direkt neben sich, der Einladungen von Elite-Unis hat. Der Alte projiziert sogar sein Minderwertigkeitsbewusstsein auf den Junior und startet eine peinliche Aktion, um einen Termin-Fehler des Sohnes auszubügeln. Ist das noch Midlife-Crisis oder schon was richtig Ernstes?
Wie sich Brad das Leben seiner ehemaligen Freunde vorstellt, ist pure Karikatur, wenn ein extrem reicher Ruheständler mit seinen zwei Frauen und einer neuen Geschäftsidee auf Hawaii noch reicher wird. Man merkt, dass diese Perspektive mit Vorsicht zu genießen ist, weil es die um sich selbst rotierende Innenperspektive eines Zweiflers mit großem Neid und Eifersucht auf die ganze Welt ist. Was sich als Innenleben logischerweise meist über die Tonspur erklärt.
Ben Stiller, der meist als Schauspieler, aber auch als Regisseur laut und leise kann, ist hier nur ganz am Rande tragischer Clown. Der täuschende Titel „Im Zweifel glücklich" zeigt ganz ernsthaft einen zweifelsohne unglücklichen Mann, der im Wechselbad der Gefühle auch mal stolz auf seinen sehr gut geratenen Sohn ist. Um ihn sich gleich darauf als gescheiterten Straßenmusiker vorzustellen.
Wie in „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty" und „Gefühlt Mitte Zwanzig" spielt Ben Stiller ausgezeichnet mit leisen Tönen - diesmal den Familienvater in der Krise. Der so sehr mit den eigenen Zweifeln beschäftigt ist und um sich selbst kreist, dass er verpasst, was mit den Menschen um ihn herum passiert. Das hat kein atemberaubendes Tempo, keine Effekte oder große Überraschungen - was positiv zu bewerten ist. Schlüssig in Handlung und Stimmung haben Stiller und der stille Film etwas zu sagen.
Wenn der Vater mit dem Sohne ... war das mit Heinz Rühmann in den Fünfzigern noch Rührung wegen verstorbener Mutter. Nun, die 10er Jahre in den USA, ist Muttern auch abwesend. Weil sie erfolgreich arbeitet. Doch eigentlich ist für Vater Brad (Ben Stiller) eigentlich alles egal, was außerhalb seiner Midlife-Crisis passiert. Die hervorragend gemachte und gespielte Depri-Komödie trifft ein bestimmtes Gefühl im Kern. Nur betrifft das nicht allzu viele Um-die-50er-Väter...
Brad verbringt seine Nächte mit den alten Freunden. Also, er liegt schlaflos neben seiner Frau im Bett und bewundert auf Facebook, was aus all den Kumpeln geworden ist, die ihn längst nicht mehr zu Geburtstagen und Hochzeiten einladen. Freunde, die ein Luxusleben führen, die regelmäßig im Fernsehen auftreten und immer mindestens Business-Class fliegen, wenn nicht gleich mit dem eigenen Flieger. Brad hingegen, der beruflich Gelder für gute Zwecke sammelt, fragt schon mal verfrüht nach, ob sie denn das Haus der Schwiegereltern erben würden.
So geht es mit dem Sohn Troy (Austin Abrams) per Flieger an die Ostküste, um mögliche Colleges zu besichtigen. Ein spontanes Upgrade zur Feier des Tages wäre zwar unverschämt teuer, doch das Spar-Ticket von Brad lässt sich überhaupt nicht upgraden! Ein neuerlicher Dämpfer für den frustrierten weißen Mittelklasse-Mann mittleren Alters.
Dabei verpasst Brad nicht nur seinen entspannten Sohn direkt neben sich, der Einladungen von Elite-Unis hat. Der Alte projiziert sogar sein Minderwertigkeitsbewusstsein auf den Junior und startet eine peinliche Aktion, um einen Termin-Fehler des Sohnes auszubügeln. Ist das noch Midlife-Crisis oder schon was richtig Ernstes?
Wie sich Brad das Leben seiner ehemaligen Freunde vorstellt, ist pure Karikatur, wenn ein extrem reicher Ruheständler mit seinen zwei Frauen und einer neuen Geschäftsidee auf Hawaii noch reicher wird. Man merkt, dass diese Perspektive mit Vorsicht zu genießen ist, weil es die um sich selbst rotierende Innenperspektive eines Zweiflers mit großem Neid und Eifersucht auf die ganze Welt ist. Was sich als Innenleben logischerweise meist über die Tonspur erklärt.
Ben Stiller, der meist als Schauspieler, aber auch als Regisseur laut und leise kann, ist hier nur ganz am Rande tragischer Clown. Der täuschende Titel „Im Zweifel glücklich" zeigt ganz ernsthaft einen zweifelsohne unglücklichen Mann, der im Wechselbad der Gefühle auch mal stolz auf seinen sehr gut geratenen Sohn ist. Um ihn sich gleich darauf als gescheiterten Straßenmusiker vorzustellen.
Wie in „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty" und „Gefühlt Mitte Zwanzig" spielt Ben Stiller ausgezeichnet mit leisen Tönen - diesmal den Familienvater in der Krise. Der so sehr mit den eigenen Zweifeln beschäftigt ist und um sich selbst kreist, dass er verpasst, was mit den Menschen um ihn herum passiert. Das hat kein atemberaubendes Tempo, keine Effekte oder große Überraschungen - was positiv zu bewerten ist. Schlüssig in Handlung und Stimmung haben Stiller und der stille Film etwas zu sagen.
The Death of Stalin
Großbritannien, Frankreich 2017 Regie: Armando Iannucci mit Steve Buscemi, Simon Russell Beale, Paddy Considine, Rupert Friend 108 Min. FSK ab 12
Ein Philharmonie-Konzert in Moskau endet am Abend des 2. März 1953 mit warmem Applaus in kultureller Glückseligkeit. Da klingelt im Regie-Raum für die Radio-Übertragung das Telefon und schon die Reaktion auf diesen Anruf des sowjetischen Diktators Josef Stalin zeigt, in welcher Panik dieses Land vor den Todeslisten des Massenmörders war. „The Death of Stalin" wird zwar herrlich zeigen, wie die unbeugsame Stimme eines Opfers - in dieser Interpretation - den Diktator umbringt. Aber „nebenbei" sterben in diesem Film auch Tausende. Mit ein paar dummen Scherzen werden Todesurteile reihenweise unterzeichnet, überall fallen Todesschüsse und rollen Leichen herum.
„The Death of Stalin" basiert auf der Graphic Novel „La Mort de Staline" von Fabien Nury und Thierry Robin (Illustration). Und „graphic", also drastisch, sind vor allem die Ereignisse nach Stalins Tod in dieser makabren, blutig schwarzen Geschichts-Farce: Den Kampf um die Macht, um den Posten des Generalsekretärs der UdSSR, treten haufenweise mörderische Witzfiguren an.
Nikita Chruschtschow (Steve Buscemi) eilt im Pyjama unter dem Anzug herbei, als der Tyrann nach einem Schlaganfall noch im eigenen Urin auf dem Teppich liegt. (Dass der Schuhklopfer Chruschtschow das Rennen machen wird, sollte kein Spoiler sein.) Doch keiner aus dem inneren Kreis der Macht, keiner der Minister und Parteisekretäre traut sich, einen Doktor zu rufen. Denn die fähigen Ärzte sind alle umgebracht worden. Noch bevor Stalin seinen letzten Atem ausgehaucht hat, beginnen die Ränkespiele und die taktischen Schachzüge um die Nachfolge als grausames Kasperletheater. Der brutale Folterer und Vergewaltiger Geheimdienstchef Lawrenti Beria (Simon Russell Beale) holt eilig die misshandelte Frau von Außenminister Wjatscheslaw Molotow (Michael Palin) aus dem Gefängnis, in das er sie kürzlich selbst gesteckt hat. Generalsekretär Georgi Malenkow (Jeffrey Tambor) hatte sich beim Besäufnis am Abend vorher selbst auf die Abschussliste gebracht, nun ist er offiziell Nachfolger und muss die Trauerzeremonie leiten. Der größte Depp, hat das Sagen, auch wenn er nicht weiß, was er sagen soll. Chruschtschow und Beria zanken sich derweil wie ungezogene Kinder.
Britische und amerikanische Film- und Theaterstars bestücken diese Farce vor schrecklichen historischen Hintergrund herrlich komödiantisch und deftig. „Wie kannst du rennen und gleichzeitig intrigieren?" ist einer der albernen Bemerkungen. In ihren besten Momenten könnten Dialoge und absurde Situationen auch bei Tarantino auftauchen. Bei allen (un-) möglichen Handlungen bleibt ja am Ende immer noch die Möglichkeit, jemanden zu erschießen. Und damit kennen sich diese Leute aus. Kleine Geister, die vor lauter Gewöhnung aus Buckeln und Kriechen zu keiner vernünftigen Handlung mehr in der Lage sind.
„The Death of Stalin" ist zeitweise umwerfend komisch. Nicht im Sinne Lubitschs „witzig" mit großem Herzen für Menschen. Aber wahrscheinlich lacht man besser über diese Monster, als mit ihnen zu fühlen. Es ist eine makabre Geschichtsstunde, die in diesem Makabren durchaus unterhaltsam ist. Ein besonderer Erkenntniswert in Bezug auf aktuelle politische Situationen wurde jedoch nicht entdeckt. Erschreckend dann nur noch mal der Abspann mit lauter ausradierten Gesichtern und Existenzen.
Ein Philharmonie-Konzert in Moskau endet am Abend des 2. März 1953 mit warmem Applaus in kultureller Glückseligkeit. Da klingelt im Regie-Raum für die Radio-Übertragung das Telefon und schon die Reaktion auf diesen Anruf des sowjetischen Diktators Josef Stalin zeigt, in welcher Panik dieses Land vor den Todeslisten des Massenmörders war. „The Death of Stalin" wird zwar herrlich zeigen, wie die unbeugsame Stimme eines Opfers - in dieser Interpretation - den Diktator umbringt. Aber „nebenbei" sterben in diesem Film auch Tausende. Mit ein paar dummen Scherzen werden Todesurteile reihenweise unterzeichnet, überall fallen Todesschüsse und rollen Leichen herum.
„The Death of Stalin" basiert auf der Graphic Novel „La Mort de Staline" von Fabien Nury und Thierry Robin (Illustration). Und „graphic", also drastisch, sind vor allem die Ereignisse nach Stalins Tod in dieser makabren, blutig schwarzen Geschichts-Farce: Den Kampf um die Macht, um den Posten des Generalsekretärs der UdSSR, treten haufenweise mörderische Witzfiguren an.
Nikita Chruschtschow (Steve Buscemi) eilt im Pyjama unter dem Anzug herbei, als der Tyrann nach einem Schlaganfall noch im eigenen Urin auf dem Teppich liegt. (Dass der Schuhklopfer Chruschtschow das Rennen machen wird, sollte kein Spoiler sein.) Doch keiner aus dem inneren Kreis der Macht, keiner der Minister und Parteisekretäre traut sich, einen Doktor zu rufen. Denn die fähigen Ärzte sind alle umgebracht worden. Noch bevor Stalin seinen letzten Atem ausgehaucht hat, beginnen die Ränkespiele und die taktischen Schachzüge um die Nachfolge als grausames Kasperletheater. Der brutale Folterer und Vergewaltiger Geheimdienstchef Lawrenti Beria (Simon Russell Beale) holt eilig die misshandelte Frau von Außenminister Wjatscheslaw Molotow (Michael Palin) aus dem Gefängnis, in das er sie kürzlich selbst gesteckt hat. Generalsekretär Georgi Malenkow (Jeffrey Tambor) hatte sich beim Besäufnis am Abend vorher selbst auf die Abschussliste gebracht, nun ist er offiziell Nachfolger und muss die Trauerzeremonie leiten. Der größte Depp, hat das Sagen, auch wenn er nicht weiß, was er sagen soll. Chruschtschow und Beria zanken sich derweil wie ungezogene Kinder.
Britische und amerikanische Film- und Theaterstars bestücken diese Farce vor schrecklichen historischen Hintergrund herrlich komödiantisch und deftig. „Wie kannst du rennen und gleichzeitig intrigieren?" ist einer der albernen Bemerkungen. In ihren besten Momenten könnten Dialoge und absurde Situationen auch bei Tarantino auftauchen. Bei allen (un-) möglichen Handlungen bleibt ja am Ende immer noch die Möglichkeit, jemanden zu erschießen. Und damit kennen sich diese Leute aus. Kleine Geister, die vor lauter Gewöhnung aus Buckeln und Kriechen zu keiner vernünftigen Handlung mehr in der Lage sind.
„The Death of Stalin" ist zeitweise umwerfend komisch. Nicht im Sinne Lubitschs „witzig" mit großem Herzen für Menschen. Aber wahrscheinlich lacht man besser über diese Monster, als mit ihnen zu fühlen. Es ist eine makabre Geschichtsstunde, die in diesem Makabren durchaus unterhaltsam ist. Ein besonderer Erkenntniswert in Bezug auf aktuelle politische Situationen wurde jedoch nicht entdeckt. Erschreckend dann nur noch mal der Abspann mit lauter ausradierten Gesichtern und Existenzen.
Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer
BRD 2018 Regie: Dennis Gansel mit Solomon Gordon, Henning Baum, Annette Frier, Christoph Maria Herbst, Uwe Ochsenknecht 110 Min. FSK ab 0
Festhalten! Hier rumpelt und knarzt es nicht wie in der Augsburger Puppenkiste, sondern auf Hoher See in den Planken von Piraten der Karibik. Im Meer treibend (wie einer der Tausend Flüchtlinge von heute!) wird Findelkind Jim von der Wilden 13 aufgelesen und landet dank falscher Postzustellung auf der kleinen Insel Lummerland. Hier kehrt in die Verfilmung von Michael Endes Kinderbuch „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" die Beschaulichkeit der Vorlage ein: Die Insel mit zwei Bergen ist eine Modelleisenbahn-Welt, bevölkert vom Lokomotivführer Lukas (Henning Baum), der großherzigen Frau Waas (Annette Frier), dem schusseligen König Alfons (Uwe Ochsenknecht) und seinem stocksteifen Bediensteten Herrn Ärmel (Christoph Maria Herbst). Zusammen ziehen sie den dunkelhäutigen Jim (Solomon Gordon) liebevoll auf, bis dieser mit Lukas ins Abenteuer aufbricht.
Bei der Ankunft in der die wundersamen Welt von Mandala wird die Geschichte fantastisch, auf der Suche nach der entführten Prinzessin Li Si sind gefährliche Schluchten, weite Wüsten, dunkle Berge und Vulkan-Welten zu überwinden. Drachen, Bürokraten, Scheinriesen (toll: Milan Peschel) und Zwerge begegnen Jim Knopf und Lukas.
Nach eher nicht fantastischen Film-Umsetzungen von Endes „Momo" und „Die unendliche Geschichte" gibt es bei „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" die volle Punktzahl für die Ausstattung. Denn vor allem war's teuer: 25 Millionen Euro sollen in dem Projekt stecken, da lachen sich einige Figuren in einer gewissen Puppenkiste ins hölzerne Fäustchen. Die Titelmelodie der bislang prägenden Puppenspiel-Version von „Jim Knopf" klingt noch an, ansonsten ist hier alles anders und größer. Der teuerste deutsche Kinderfilm zeigt immer wieder bombastische Bilder, scheint aber kein Vertrauen in sie zu haben.
Tatsächlich bleibt der Film im Spagat zwischen der einfachen Geschichte Endes und den aufwändigen Produktionsmitteln stecken. Ohne großartige Neuinterpretation oder reizvolles ästhetisches Konzept der Einfachheit bleiben Jim Knopf und Lukas im Wüstensand der Belanglosigkeit hängen. Da wirkt dann auch der im Abstand von 60 Jahren so großartig erinnerte Roman von Michael Ende aus der Nähe betrachtet wie ein unspektakulärer Scheinriese. Die vor allem niedliche Grund-Geschichte mit humanistischem Kern verirrt sich in Richtung atemloses Abenteuer, ohne dass wirklich Dampf auf dem Kessel ist.
Einerseits ist „Jim Knopf" mit fast zwei Stunden spürbarer Laufzeit sowieso nicht kindgerecht, trotzdem versucht die Produktion auch im Tausend-Wunder-Wald gar nicht erst, mit aktuellen Fantasy und Kinder-Filmen mitzuhalten. Am aufregendsten ist da noch etwas Bud Spencer-Action des gutmütigen Lukas. Dass dieser von Henning Baum wenig eindrucksvoll gespielt wurde, dass Solomon Gordon für seinen Jim Knopf nachsynchronisert werden musste, sind nur kleine Unstimmigkeiten.
Hinter den Kulissen zog Michael Bully Herbig die Fäden und besetzte ein paar Aufgaben mit Vertrauten, wie den Maskenbildner Georg Korpás und den Komponisten Ralf Wengenmayr („Der Schuh des Manitu"). Herbig selbst spricht den kleinen, glatt 3D-animierten Drachen Nepomuk. Doch der und das ganze Projekt sehen mal nicht nach dem ansonsten mit guter Nase erfolgreichen Herbig aus. „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" ähnelt vielen deutschen Ver-Filmungen literarischer Werke, die Charme und Eigenheiten des Originals auf der Strecke lassen.
Festhalten! Hier rumpelt und knarzt es nicht wie in der Augsburger Puppenkiste, sondern auf Hoher See in den Planken von Piraten der Karibik. Im Meer treibend (wie einer der Tausend Flüchtlinge von heute!) wird Findelkind Jim von der Wilden 13 aufgelesen und landet dank falscher Postzustellung auf der kleinen Insel Lummerland. Hier kehrt in die Verfilmung von Michael Endes Kinderbuch „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" die Beschaulichkeit der Vorlage ein: Die Insel mit zwei Bergen ist eine Modelleisenbahn-Welt, bevölkert vom Lokomotivführer Lukas (Henning Baum), der großherzigen Frau Waas (Annette Frier), dem schusseligen König Alfons (Uwe Ochsenknecht) und seinem stocksteifen Bediensteten Herrn Ärmel (Christoph Maria Herbst). Zusammen ziehen sie den dunkelhäutigen Jim (Solomon Gordon) liebevoll auf, bis dieser mit Lukas ins Abenteuer aufbricht.
Bei der Ankunft in der die wundersamen Welt von Mandala wird die Geschichte fantastisch, auf der Suche nach der entführten Prinzessin Li Si sind gefährliche Schluchten, weite Wüsten, dunkle Berge und Vulkan-Welten zu überwinden. Drachen, Bürokraten, Scheinriesen (toll: Milan Peschel) und Zwerge begegnen Jim Knopf und Lukas.
Nach eher nicht fantastischen Film-Umsetzungen von Endes „Momo" und „Die unendliche Geschichte" gibt es bei „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" die volle Punktzahl für die Ausstattung. Denn vor allem war's teuer: 25 Millionen Euro sollen in dem Projekt stecken, da lachen sich einige Figuren in einer gewissen Puppenkiste ins hölzerne Fäustchen. Die Titelmelodie der bislang prägenden Puppenspiel-Version von „Jim Knopf" klingt noch an, ansonsten ist hier alles anders und größer. Der teuerste deutsche Kinderfilm zeigt immer wieder bombastische Bilder, scheint aber kein Vertrauen in sie zu haben.
Tatsächlich bleibt der Film im Spagat zwischen der einfachen Geschichte Endes und den aufwändigen Produktionsmitteln stecken. Ohne großartige Neuinterpretation oder reizvolles ästhetisches Konzept der Einfachheit bleiben Jim Knopf und Lukas im Wüstensand der Belanglosigkeit hängen. Da wirkt dann auch der im Abstand von 60 Jahren so großartig erinnerte Roman von Michael Ende aus der Nähe betrachtet wie ein unspektakulärer Scheinriese. Die vor allem niedliche Grund-Geschichte mit humanistischem Kern verirrt sich in Richtung atemloses Abenteuer, ohne dass wirklich Dampf auf dem Kessel ist.
Einerseits ist „Jim Knopf" mit fast zwei Stunden spürbarer Laufzeit sowieso nicht kindgerecht, trotzdem versucht die Produktion auch im Tausend-Wunder-Wald gar nicht erst, mit aktuellen Fantasy und Kinder-Filmen mitzuhalten. Am aufregendsten ist da noch etwas Bud Spencer-Action des gutmütigen Lukas. Dass dieser von Henning Baum wenig eindrucksvoll gespielt wurde, dass Solomon Gordon für seinen Jim Knopf nachsynchronisert werden musste, sind nur kleine Unstimmigkeiten.
Hinter den Kulissen zog Michael Bully Herbig die Fäden und besetzte ein paar Aufgaben mit Vertrauten, wie den Maskenbildner Georg Korpás und den Komponisten Ralf Wengenmayr („Der Schuh des Manitu"). Herbig selbst spricht den kleinen, glatt 3D-animierten Drachen Nepomuk. Doch der und das ganze Projekt sehen mal nicht nach dem ansonsten mit guter Nase erfolgreichen Herbig aus. „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" ähnelt vielen deutschen Ver-Filmungen literarischer Werke, die Charme und Eigenheiten des Originals auf der Strecke lassen.
21.3.18
Pacific Rim: Uprising
USA, VR China 2018 Regie: Steven S. DeKnight mit John Boyega, Scott Eastwood, Cailee Spaeny 112 Min. FSK ab 12
Außerirdische Wesen und viel Wasser - zwar produziert von Guillermo del Toro ist dies trotzdem nicht die Fortsetzung von seinem Oscar-Film „Shape of Water". Es ist die Fortsetzung einer anderen Seite des mexikanischen Filmemachers: Als Produzent landete er 2012 mit „Pacific Rim", dem Popcorn-Film für kleine Jungs, einen riesigen Erfolg.
Im ersten Teil trafen außerirdischen Monster in Tradition von Godzilla während ihres Vernichtungsfeldzugs auf die von Menschen gelenkten Jaeger-Supermaschinen. Mit langer Verzögerung wegen gigantischer Streitereien hinter den Kulissen folgt nun ein Upgrade nach dem Motto, schneller, stärker und vor allem: größer.
Am Steuerknüppel der Jaeger ist die nächste Generation, jünger und weiblicher: John Boyega („Star Wars: Das Erwachen der Macht") spielt den rebellischen, einst hoffnungsvollen Jaeger-Piloten Jake Pentecost, also den „Sohn" von Idris Elba. Seit zehn Jahren ist der Spalt geschlossen, durch den die Außerirdischen ihre Monster schickten, doch eine schön hinterhältige Verschwörung sorgt für Action-Nachschub.
Der Actionfilm über den Kampf von gigantischen Roboter-Rüstungen gegen Kaiju-Monster, welche die Erde vernichten wollen, ist nicht nur „Transformer" auf asiatisch und nass, es kommt noch eine echte Fantasy-Komponente hinzu. Auch wenn del Toro nicht mehr Regie führt, wenn die 15-jährige Heldin Amara (Cailee Spaeny) blockiert von traumatischen Kindheits-Erinnerungen mit unheimlichen Monstern kämpft, ist das noch del Toro pur.
Nach flottem Auftakt folgen leider einige austauschbare Ausbildungs-Routinen, die Zuschauer höchstens auf einen Bundeswehr-Job vorbereiten. Hier wie dort sollen ja Kinder für den Krieg zurechtgebogen werden. Der Rest ist teilweise auf dem Niveau eines billigen Spin Offs fürs Fernsehen. Mit der Marke „Pacific Rim" und den Schrott-Resten der Handlung will man noch mal groß Kasse machen.
In der Rest-Rampe finden sich auch nette Ideen, etwa dass immer zwei Piloten im Jaeger zusammen arbeiten müssen. Das ist witzig, wenn zerstrittene Konkurrenten um eine Frau sich beim gemeinsamen „Driften" gegenseitig in den Kopf blicken. Auch die beiden Wissenschaftler-Freaks, die damals im Kopf der Kaiju waren, stechen aus dem Rest der aktuellen Schauspiel-Partner mit ihrer Geschichte heraus.
Ansonsten ist das ganze Finale von 45 Minuten Länge ein neuer Aufguss des ersten Films. Tokyo muss wieder dran glauben, weil ein Trio Alien-Echsen zum Berg Fuji und seine Seltene Erden will. Gekonnt flotte Montagen und Aufnahmen überspielen dabei Handlungs-Leere in diesem aufwändigen Kinder-Kram. Wohlgemerkt so aufwändig, dass beim Spiel mit den Action-Figürchen nicht nur das Kinderzimmer, nicht allein das ganze Haus, sondern direkt ein ganzes Viertel platt gemacht wird. Die Fortsetzung ist angekündigt, immer noch im Kino und nicht als mit diesen „Qualitäten" ebenso mögliche TV-Serie.
Außerirdische Wesen und viel Wasser - zwar produziert von Guillermo del Toro ist dies trotzdem nicht die Fortsetzung von seinem Oscar-Film „Shape of Water". Es ist die Fortsetzung einer anderen Seite des mexikanischen Filmemachers: Als Produzent landete er 2012 mit „Pacific Rim", dem Popcorn-Film für kleine Jungs, einen riesigen Erfolg.
Im ersten Teil trafen außerirdischen Monster in Tradition von Godzilla während ihres Vernichtungsfeldzugs auf die von Menschen gelenkten Jaeger-Supermaschinen. Mit langer Verzögerung wegen gigantischer Streitereien hinter den Kulissen folgt nun ein Upgrade nach dem Motto, schneller, stärker und vor allem: größer.
Am Steuerknüppel der Jaeger ist die nächste Generation, jünger und weiblicher: John Boyega („Star Wars: Das Erwachen der Macht") spielt den rebellischen, einst hoffnungsvollen Jaeger-Piloten Jake Pentecost, also den „Sohn" von Idris Elba. Seit zehn Jahren ist der Spalt geschlossen, durch den die Außerirdischen ihre Monster schickten, doch eine schön hinterhältige Verschwörung sorgt für Action-Nachschub.
Der Actionfilm über den Kampf von gigantischen Roboter-Rüstungen gegen Kaiju-Monster, welche die Erde vernichten wollen, ist nicht nur „Transformer" auf asiatisch und nass, es kommt noch eine echte Fantasy-Komponente hinzu. Auch wenn del Toro nicht mehr Regie führt, wenn die 15-jährige Heldin Amara (Cailee Spaeny) blockiert von traumatischen Kindheits-Erinnerungen mit unheimlichen Monstern kämpft, ist das noch del Toro pur.
Nach flottem Auftakt folgen leider einige austauschbare Ausbildungs-Routinen, die Zuschauer höchstens auf einen Bundeswehr-Job vorbereiten. Hier wie dort sollen ja Kinder für den Krieg zurechtgebogen werden. Der Rest ist teilweise auf dem Niveau eines billigen Spin Offs fürs Fernsehen. Mit der Marke „Pacific Rim" und den Schrott-Resten der Handlung will man noch mal groß Kasse machen.
In der Rest-Rampe finden sich auch nette Ideen, etwa dass immer zwei Piloten im Jaeger zusammen arbeiten müssen. Das ist witzig, wenn zerstrittene Konkurrenten um eine Frau sich beim gemeinsamen „Driften" gegenseitig in den Kopf blicken. Auch die beiden Wissenschaftler-Freaks, die damals im Kopf der Kaiju waren, stechen aus dem Rest der aktuellen Schauspiel-Partner mit ihrer Geschichte heraus.
Ansonsten ist das ganze Finale von 45 Minuten Länge ein neuer Aufguss des ersten Films. Tokyo muss wieder dran glauben, weil ein Trio Alien-Echsen zum Berg Fuji und seine Seltene Erden will. Gekonnt flotte Montagen und Aufnahmen überspielen dabei Handlungs-Leere in diesem aufwändigen Kinder-Kram. Wohlgemerkt so aufwändig, dass beim Spiel mit den Action-Figürchen nicht nur das Kinderzimmer, nicht allein das ganze Haus, sondern direkt ein ganzes Viertel platt gemacht wird. Die Fortsetzung ist angekündigt, immer noch im Kino und nicht als mit diesen „Qualitäten" ebenso mögliche TV-Serie.
Peter Hase
USA, Großbritannien, Australien 2018 Regie: Will Gluck mit Domhnall Gleeson, Sam Neill, Rose Byrne 95 Min. FSK ab 0
Der Kleinkrieg der Hasen um die süßen Früchte und das gute Grünzeugs mit dem alten, verbitterten Gärtner Mr. McGregor scheint in die nächste Runde zu gehen, als sich der zweibeinige Gegner terminal verabschiedet. Peter Hase als Anführer, der zu keinem Schabernack Nein sagen kann, feiert mit der versammelten Tierwelt orgiastisch die Rückgewinnung seines Grund und Bodes. Bis ein neuer, junger Mr. McGregor auftaucht, ein frustrierter Schnösel aus der Stadt. Die amüsante Auseinandersetzung könnte wie gehabt weiter gehen, doch die warmherzige und tierliebe Nachbarin gewinnt das Herz des Neuzugangs.
„Peter Hase" wird abseits der Disney-Süßlichkeit rasant und mit modern ironischem Ton erzählt. So wie der raffinierte Wortwitz auch Einiges für Erwachsene bietet, sind Tempo und Schlagzahl der Handlung eher älteren Kindern anzuraten. Dies ist eine Adaption des Kinderbuches von Beatrix Potter aus dem 1902, die nicht allen gefallen, aber viele unterhalten wird. Die fotorealistische Animation der Tiere ist perfekt in den Realfilm integriert, ein sehr moderner, populärer Soundtrack gibt mit lauter singenden Tieren Gas, aber vor allem der anarchische, britische Humor ist eine Empfehlung.
Der Kleinkrieg der Hasen um die süßen Früchte und das gute Grünzeugs mit dem alten, verbitterten Gärtner Mr. McGregor scheint in die nächste Runde zu gehen, als sich der zweibeinige Gegner terminal verabschiedet. Peter Hase als Anführer, der zu keinem Schabernack Nein sagen kann, feiert mit der versammelten Tierwelt orgiastisch die Rückgewinnung seines Grund und Bodes. Bis ein neuer, junger Mr. McGregor auftaucht, ein frustrierter Schnösel aus der Stadt. Die amüsante Auseinandersetzung könnte wie gehabt weiter gehen, doch die warmherzige und tierliebe Nachbarin gewinnt das Herz des Neuzugangs.
„Peter Hase" wird abseits der Disney-Süßlichkeit rasant und mit modern ironischem Ton erzählt. So wie der raffinierte Wortwitz auch Einiges für Erwachsene bietet, sind Tempo und Schlagzahl der Handlung eher älteren Kindern anzuraten. Dies ist eine Adaption des Kinderbuches von Beatrix Potter aus dem 1902, die nicht allen gefallen, aber viele unterhalten wird. Die fotorealistische Animation der Tiere ist perfekt in den Realfilm integriert, ein sehr moderner, populärer Soundtrack gibt mit lauter singenden Tieren Gas, aber vor allem der anarchische, britische Humor ist eine Empfehlung.
Rückenwind von vorn
BRD 2018 Regie: Philipp Eichholtz mit Victoria Schulz, Aleksandar Radenković, Daniel Zillmann, Angelika Waller 80 Min.
„Von Oma gefördert" steht im Vorspann und das ist gleich auch Konzept für die Filme von Philipp Eichholtz: Sein sympathisches Low-Budget-Kino (Liebe mich!", „Luca tanzt leise") ist ein wunderbares Gegengift zu deutschen Komödien-Schrott und Hollywood-Overkill. In „Rückenwind von vorn" erzählt Eichholtz von der Grundschullehrerin Charlie. Sie will nach Korea reisen, der Freund will ein Kind. Überhaupt scheint die ganze Welt Charlie ohne Kind nicht für voll zu nehmen. Dabei hat sie verständlicherweise nicht mal Lust auf den Stress beim Babysitten für die Schwägerin. Als auch noch die geliebte Oma krank wird, reist Charlie mit einem Kollegen und der Oma los.
Ohne Geld heißt auch ohne Kulissen, was in bester Tradition von Nouvelle Vague schön realistische Umgebungen zur Folge hat. Auch ohne großes Inszenierungs-Brimborium bringt Eichholtz' Film das unentschiedene Gefühl einer Frau um die Dreißig rüber. Das ist vor allem dem überzeugenden Spiel von Victoria Schulz zu verdanken.
„Von Oma gefördert" steht im Vorspann und das ist gleich auch Konzept für die Filme von Philipp Eichholtz: Sein sympathisches Low-Budget-Kino (Liebe mich!", „Luca tanzt leise") ist ein wunderbares Gegengift zu deutschen Komödien-Schrott und Hollywood-Overkill. In „Rückenwind von vorn" erzählt Eichholtz von der Grundschullehrerin Charlie. Sie will nach Korea reisen, der Freund will ein Kind. Überhaupt scheint die ganze Welt Charlie ohne Kind nicht für voll zu nehmen. Dabei hat sie verständlicherweise nicht mal Lust auf den Stress beim Babysitten für die Schwägerin. Als auch noch die geliebte Oma krank wird, reist Charlie mit einem Kollegen und der Oma los.
Ohne Geld heißt auch ohne Kulissen, was in bester Tradition von Nouvelle Vague schön realistische Umgebungen zur Folge hat. Auch ohne großes Inszenierungs-Brimborium bringt Eichholtz' Film das unentschiedene Gefühl einer Frau um die Dreißig rüber. Das ist vor allem dem überzeugenden Spiel von Victoria Schulz zu verdanken.
Thelma
Norwegen, Frankreich, Dänemark, Schweden 2017 Regie: Joachim Trier mit Eili Harboe, Kaya Wilkins, Henrik Rafaelsen, Ellen Dorrit Petersen 116 Min. FSK ab 12
Nach seinem atemberaubend großartigen US-Debüt „Louder Than Bombs" (mit Jesse Eisenberg, Gabriel Byrne und Isabelle Huppert) ist Regisseur Joachim Trier („Reprise – Auf Anfang", „Oslo, 31. August") nach Norwegen zurückgekehrt. In Oslo erlebt die zum Studium in die Stadt gezogene, stille Thelma (eindringlich: Eili Harboe) erste Erfahrungen mit Alkohol und Tabak, dazu fühlt sie sich zu einer Kommilitonin hingezogen. Was die Ekstase eines epileptischen Anfalls nach sich führt, während ein Rabe gegen das Fenster fliegt. Beim ersten nächtlichen Treffen der beiden Frauen flackert die Straßenlaterne zum neuerlichen Anfall. Das alles passiert in Angst vor der grausamen Kontrolle mit täglichen Telefonanrufen durch Thelmas rigide protestantische Eltern. Diese Evolutions-Leugner sind auch in ihren anderen Lebensweisen sehr seltsam. So wird Thelmas Liebe zum Vater und die Zugehörigkeit zu diesen christlichen Extremisten auf die Probe gestellt.
„Thelma" erzählt auf unheimlich packende Weise eine ähnlich Geschichte wie „Requiem" von Hans-Christian Schmid, 2005 mit Sandra Hüller in der Hauptrolle. Während es bei Schmid allerdings alles auf einen wahnsinnigen Exorzismus hinauslief, wird in „Thelma" vordergründig das rückständige Leben und Denken der gefährlichen Religion seziert. Dabei werden die Eltern nicht nur als religiöse Fanatiker verteufelt.
Nach dem Verdacht auf Epilepsie und einem Einblick in alte Krankenakten versteht Thelma endlich das seltsame Verhalten ihrer extremistisch christlichen Eltern. Das erweist sich als seelisch grausamer als blutrünstige Horrorfilme. So erschließt sich auch die Anfangsszene von Vater und Tochter im Winterwald, in der er das Gewehr nicht auf das Reh, sondern auf die Tochter anlegt. Die Anfälle erweisen sich anscheinend als Psychose auf Basis seelischer Grausamkeiten seit der Kindheit. Das ist psychologisch sehr exakt, packend und erschreckend. Richtig dramatisch wird es, als die Eltern dem Opium der Religion noch weitere Chemie zur Beruhigung hinzufügen. Mit einer sehr raffinierten Volte stellt Joachim Trier allerdings das rationelle Denken auf den Kopf und realisiert in der nächsten Schicht einen Mystery-Film, der klug auf seine Vorgänger im Horror-Genre aufbaut. Denn endlich noch einmal ist die „Hexe" hier nach entschlossener Emanzipation nicht mehr Opfer. Die ungewöhnliche Dramaturgie wird durch eine ungeheuer starke und zeitweise auch unheimliche Bildsprache, unterstützt vom dröhnendem Score, zu einem weiteren Beleg von Triers kluger Exzellenz.
Nach seinem atemberaubend großartigen US-Debüt „Louder Than Bombs" (mit Jesse Eisenberg, Gabriel Byrne und Isabelle Huppert) ist Regisseur Joachim Trier („Reprise – Auf Anfang", „Oslo, 31. August") nach Norwegen zurückgekehrt. In Oslo erlebt die zum Studium in die Stadt gezogene, stille Thelma (eindringlich: Eili Harboe) erste Erfahrungen mit Alkohol und Tabak, dazu fühlt sie sich zu einer Kommilitonin hingezogen. Was die Ekstase eines epileptischen Anfalls nach sich führt, während ein Rabe gegen das Fenster fliegt. Beim ersten nächtlichen Treffen der beiden Frauen flackert die Straßenlaterne zum neuerlichen Anfall. Das alles passiert in Angst vor der grausamen Kontrolle mit täglichen Telefonanrufen durch Thelmas rigide protestantische Eltern. Diese Evolutions-Leugner sind auch in ihren anderen Lebensweisen sehr seltsam. So wird Thelmas Liebe zum Vater und die Zugehörigkeit zu diesen christlichen Extremisten auf die Probe gestellt.
„Thelma" erzählt auf unheimlich packende Weise eine ähnlich Geschichte wie „Requiem" von Hans-Christian Schmid, 2005 mit Sandra Hüller in der Hauptrolle. Während es bei Schmid allerdings alles auf einen wahnsinnigen Exorzismus hinauslief, wird in „Thelma" vordergründig das rückständige Leben und Denken der gefährlichen Religion seziert. Dabei werden die Eltern nicht nur als religiöse Fanatiker verteufelt.
Nach dem Verdacht auf Epilepsie und einem Einblick in alte Krankenakten versteht Thelma endlich das seltsame Verhalten ihrer extremistisch christlichen Eltern. Das erweist sich als seelisch grausamer als blutrünstige Horrorfilme. So erschließt sich auch die Anfangsszene von Vater und Tochter im Winterwald, in der er das Gewehr nicht auf das Reh, sondern auf die Tochter anlegt. Die Anfälle erweisen sich anscheinend als Psychose auf Basis seelischer Grausamkeiten seit der Kindheit. Das ist psychologisch sehr exakt, packend und erschreckend. Richtig dramatisch wird es, als die Eltern dem Opium der Religion noch weitere Chemie zur Beruhigung hinzufügen. Mit einer sehr raffinierten Volte stellt Joachim Trier allerdings das rationelle Denken auf den Kopf und realisiert in der nächsten Schicht einen Mystery-Film, der klug auf seine Vorgänger im Horror-Genre aufbaut. Denn endlich noch einmal ist die „Hexe" hier nach entschlossener Emanzipation nicht mehr Opfer. Die ungewöhnliche Dramaturgie wird durch eine ungeheuer starke und zeitweise auch unheimliche Bildsprache, unterstützt vom dröhnendem Score, zu einem weiteren Beleg von Triers kluger Exzellenz.
20.3.18
Zwei Herren im Anzug
BRD 2017 Regie: Josef Bierbichler mit Josef Bierbichler, Simon Donatz, Irm Hermann, Martina Gedeck 139 Min. FSK ab 12
Nach der Totenfeier bleiben Vater und Sohn in der Gaststube der eigenen Familien-Wirtschaft zur nächtlichen Aussprache zurück. Aus dem Jahr 1984 geht die Erinnerung vom bayrischen Seewirt und Bauern Pankraz (Josef Bierbichler) in die Kindheit zum 1. Weltkrieg, als kriegslüsterne junge Männer mit Spottgesängen auf die Nachbarn die „Wacht am Rhein" schmettern. Der große Bruder will „einen toten Franzosen vom Krieg mit zurückbringen", kehrt aber nach Kopfschuss als Geisteskranker, als Kommunisten-Hasser und Antisemit zurück. So zerstört der Krieg des jungen Pankraz' Traum, Opernsänger zu werden. Nach dem Russland-Feldzug, an den er keinerlei Erinnerung mehr hat, muss er den Hof übernehmen.
Dass es ein schwieriges Verhältnis zum Sohn Semi werden wird, liegt nicht nur daran, dass der überforderte Vater in der Nähe des Kleinkindes immer Atemnot bekam und sich übergeben musste. Später wird Semi im kirchlichen Internat als „Nach-Turner" der sexuellen Gewalt eines Priesters ausgesetzt. Unter Begleitung genau der klassischen Musik, die der Vater nur noch selten singt und unter Mitwisserschaft der Mutter (Martina Gedeck).
Josef Bierbichler („Winterreise", „Das weiße Band") setzt mit „Zwei Herren im Anzug" ein gewaltiges Kaleidoskop deutscher und bayrischer Geschichte, einen einzigartigen Monolith in die deutsche Filmlandschaft. Wie eine alte Herzog'sche Ungeheuerlichkeit, mit einem Hauch von Fellinis surrealen Momenten, wenn die Nachkriegsgesellschaft Bauerntheater und schon wieder mit Nazi-Uniformen zu Fasching feiert. Auch wenn Pankraz ausgerechnet in einer typischen Heimatfilm-Nacht über den sternenbeleuchteten See brüllt: „Ich will diesen Heimatskram nicht mehr!" Bierbichler serviert Deftiges, wie die Hausschlachtung, bei der sich der Metzger in die Hose scheißt. Schockierendes wie ein letzter tödlicher Akt von Sami mit der eigenen, gelähmten Mutter. Und Furchtbares, wie die Vergasung einer ganzen jüdischen Schule im Laster als SS-Sondereinsatz.
Die Nacherzählung einer Entfremdung und Selbstentfremdung, die historische Erinnerung im Zwiegespräch ist, auch mit exzellenten Einzelteile, sehr fragmentarisch und episodisch. Man erkennt an den Auslassungen die Überfülle des eigenen Romans von Bierbichler, der den Stoff auch schon als Theaterstück umgesetzt hatte. Sätze wie „In meinem Kopf drin hängt ein Verwesungsgeruch seit 40 Jahren" wirken manchmal schlüssiger und stimmiger als die Szenenfolge. Und doch, oder vielleicht weil das Wuchtige und das Raue in dieser Familiengeschichte mit den wunderbare Bildern und dem gewaltigen Schauspieler Bierbichler so nachdrücklich wirkt, ist „Zwei Herren im Anzug" ein unbedingt sehenswerter Film geworden.
Nach der Totenfeier bleiben Vater und Sohn in der Gaststube der eigenen Familien-Wirtschaft zur nächtlichen Aussprache zurück. Aus dem Jahr 1984 geht die Erinnerung vom bayrischen Seewirt und Bauern Pankraz (Josef Bierbichler) in die Kindheit zum 1. Weltkrieg, als kriegslüsterne junge Männer mit Spottgesängen auf die Nachbarn die „Wacht am Rhein" schmettern. Der große Bruder will „einen toten Franzosen vom Krieg mit zurückbringen", kehrt aber nach Kopfschuss als Geisteskranker, als Kommunisten-Hasser und Antisemit zurück. So zerstört der Krieg des jungen Pankraz' Traum, Opernsänger zu werden. Nach dem Russland-Feldzug, an den er keinerlei Erinnerung mehr hat, muss er den Hof übernehmen.
Dass es ein schwieriges Verhältnis zum Sohn Semi werden wird, liegt nicht nur daran, dass der überforderte Vater in der Nähe des Kleinkindes immer Atemnot bekam und sich übergeben musste. Später wird Semi im kirchlichen Internat als „Nach-Turner" der sexuellen Gewalt eines Priesters ausgesetzt. Unter Begleitung genau der klassischen Musik, die der Vater nur noch selten singt und unter Mitwisserschaft der Mutter (Martina Gedeck).
Josef Bierbichler („Winterreise", „Das weiße Band") setzt mit „Zwei Herren im Anzug" ein gewaltiges Kaleidoskop deutscher und bayrischer Geschichte, einen einzigartigen Monolith in die deutsche Filmlandschaft. Wie eine alte Herzog'sche Ungeheuerlichkeit, mit einem Hauch von Fellinis surrealen Momenten, wenn die Nachkriegsgesellschaft Bauerntheater und schon wieder mit Nazi-Uniformen zu Fasching feiert. Auch wenn Pankraz ausgerechnet in einer typischen Heimatfilm-Nacht über den sternenbeleuchteten See brüllt: „Ich will diesen Heimatskram nicht mehr!" Bierbichler serviert Deftiges, wie die Hausschlachtung, bei der sich der Metzger in die Hose scheißt. Schockierendes wie ein letzter tödlicher Akt von Sami mit der eigenen, gelähmten Mutter. Und Furchtbares, wie die Vergasung einer ganzen jüdischen Schule im Laster als SS-Sondereinsatz.
Die Nacherzählung einer Entfremdung und Selbstentfremdung, die historische Erinnerung im Zwiegespräch ist, auch mit exzellenten Einzelteile, sehr fragmentarisch und episodisch. Man erkennt an den Auslassungen die Überfülle des eigenen Romans von Bierbichler, der den Stoff auch schon als Theaterstück umgesetzt hatte. Sätze wie „In meinem Kopf drin hängt ein Verwesungsgeruch seit 40 Jahren" wirken manchmal schlüssiger und stimmiger als die Szenenfolge. Und doch, oder vielleicht weil das Wuchtige und das Raue in dieser Familiengeschichte mit den wunderbare Bildern und dem gewaltigen Schauspieler Bierbichler so nachdrücklich wirkt, ist „Zwei Herren im Anzug" ein unbedingt sehenswerter Film geworden.
I, Tonya
USA 2017 Regie: Craig Gillespie mit Margot Robbie, Sebastian Stan, Allison Janney 120 Min. FSK ab 12
Das Kunststück dieses Films ist nicht nur der Dreifach-Axel, mit dem Eiskunstläuferin Tonya Harding 1991 als erste viel Eindruck machte. Wie die skandalöse Geschichte von Harding und dem Eisenstangen-Attentat auf ihre Konkurrentin Nancy Kerrigan in der sagenhaften Biografie mal grell satirisch, mal heftig asozial und dann sehr menschlich erzählt wird, ist der filmische Dreifach-Axel von „I, Tonya". Ein toller Spaß, ein Stück Sport- und Zeitgeschichte, das sich immer wieder um die eigene Achse dreht, dass immer wieder ein neues Gesicht zeigt. Die Wandlungsfähigkeit von Margot Robbie („The Wolf of Wall Street") als Harding krönt diesen Ausnahmefilm.
Auf der Tonspur schmettert „Devil Woman" von Cliff Richard, als die teuflische Mutter LaVona Fay Golden (Allison Janney) die vierjährige Tonya gegen den Widerstand der Trainerin auf das Eis schickt. Dass LaVona ungeniert ihre Zigarillos weiterraucht, ist da schon Nebensache. Genauso wie Tonyas Toiletten-Bedürfnis während des Trainings, ein paar Jahre später. Die eiskalte Mutter lässt es nicht zu, der Urin läuft die Beine runter, soll sie halt nass trainieren. Geschlagen und getreten wird Tonya sowieso von dieser Hexe, der sie es nie recht machen kann. Konsequent wird Tonya auch von ihrem Freund verprügelt und meint, das gehört zur Liebe dazu.
Ja, diese Tonya Harding ist „White Trash" und der Film amüsiert sich an den Exzessen der armen, ungebildeten und extrem ruppigen Figuren - während er gleichzeitig mit dieser schockenden Lebensgeschichte berührt. Klar, dass diese Eis-Prinzessin, die für ihren neuen Freund auch schon mal den Motor repariert, mit ihren billigen, selbst geschneiderten Kostümen von den snobistischen Punktrichtern ein Leben lang Abzüge bekommt. Da kann Tonya noch so einzigartig hoch springen und überlegen laufen. Was die Kamera großartig kreiselnd unter den lauten Hits der Zeit einfängt. Doch die Euphorie, die wir mit Tonya erleben, landet immer wieder brutal auf eisigem Boden: Auch diesen Richtern wird Tonya nicht genügen. Es bleibt ein Kampf an allen Fronten: Mit den Fäusten gegen den brutalen Mann, verbissen gegen die Mutter mit ihrem emotionalen Missbrauch und gegen die Funktionäre, die gerne eine andere Eis-Prinzessin für die USA auf der Olympiade sehen wollen.
„I, Tonya" ist die absurde, bissige und gleichzeitig einfühlsame Geschichte von Tonya Harding - mit (Fake-) Interviews, erzählt von Harding, der verrückten Mutter mit einem Papagei auf der Schulter, dem blöden Ehemann Jeff Gillooly (Sebastian Stan) und einem noch bescheuerteren Bodyguard. Hier wird sichtlich gelogen, rumgedruckst und am medialen Selbstbild gebogen. Tonya spricht aber auch in die Kamera, während sie verprügelt wird. Das ist witzig inszeniert, genau da, wo es überhaupt nicht mehr witzig ist.
Diese Brüche, etwa wenn sich die Mutter beschwert, dass ihre Figur mittlerweile ja nicht mehr vorkommt, gehören zu den genialen Stilmitteln eines unglaublichen Films. Der nicht langweilig wird, auch wenn es etwas dauert, bis endlich das „Ereignis" zur Sprache kommt, auf „das ihr ja alle wartet" (Harding). Der Schlag mit einer Eisenstange auf das Knie der Konkurrentin ist Sportgeschichte und hier eine grandiose Räuberpistole mit „Fargo"-mässig dämlichen Typen.
Am Ende kann die Tragikomödie mit den unheimlich starken Aufnahmen in der bunten Farbpalette der 90er nicht gut ausgehen. Wie Tonya noch halbwegs clever ihren schmutzigen Ruhm trotz Eiskunstlauf-Verbot ummünzt, ist im wahrsten Sinne niederschmetternd und sehr bitter. Wir wissen immer noch nicht, was wahr ist, aber diese Tonya Harding ist ein Biest, dass man liebhaben kann. Und ein Film, den man sehen muss!
Das Kunststück dieses Films ist nicht nur der Dreifach-Axel, mit dem Eiskunstläuferin Tonya Harding 1991 als erste viel Eindruck machte. Wie die skandalöse Geschichte von Harding und dem Eisenstangen-Attentat auf ihre Konkurrentin Nancy Kerrigan in der sagenhaften Biografie mal grell satirisch, mal heftig asozial und dann sehr menschlich erzählt wird, ist der filmische Dreifach-Axel von „I, Tonya". Ein toller Spaß, ein Stück Sport- und Zeitgeschichte, das sich immer wieder um die eigene Achse dreht, dass immer wieder ein neues Gesicht zeigt. Die Wandlungsfähigkeit von Margot Robbie („The Wolf of Wall Street") als Harding krönt diesen Ausnahmefilm.
Auf der Tonspur schmettert „Devil Woman" von Cliff Richard, als die teuflische Mutter LaVona Fay Golden (Allison Janney) die vierjährige Tonya gegen den Widerstand der Trainerin auf das Eis schickt. Dass LaVona ungeniert ihre Zigarillos weiterraucht, ist da schon Nebensache. Genauso wie Tonyas Toiletten-Bedürfnis während des Trainings, ein paar Jahre später. Die eiskalte Mutter lässt es nicht zu, der Urin läuft die Beine runter, soll sie halt nass trainieren. Geschlagen und getreten wird Tonya sowieso von dieser Hexe, der sie es nie recht machen kann. Konsequent wird Tonya auch von ihrem Freund verprügelt und meint, das gehört zur Liebe dazu.
Ja, diese Tonya Harding ist „White Trash" und der Film amüsiert sich an den Exzessen der armen, ungebildeten und extrem ruppigen Figuren - während er gleichzeitig mit dieser schockenden Lebensgeschichte berührt. Klar, dass diese Eis-Prinzessin, die für ihren neuen Freund auch schon mal den Motor repariert, mit ihren billigen, selbst geschneiderten Kostümen von den snobistischen Punktrichtern ein Leben lang Abzüge bekommt. Da kann Tonya noch so einzigartig hoch springen und überlegen laufen. Was die Kamera großartig kreiselnd unter den lauten Hits der Zeit einfängt. Doch die Euphorie, die wir mit Tonya erleben, landet immer wieder brutal auf eisigem Boden: Auch diesen Richtern wird Tonya nicht genügen. Es bleibt ein Kampf an allen Fronten: Mit den Fäusten gegen den brutalen Mann, verbissen gegen die Mutter mit ihrem emotionalen Missbrauch und gegen die Funktionäre, die gerne eine andere Eis-Prinzessin für die USA auf der Olympiade sehen wollen.
„I, Tonya" ist die absurde, bissige und gleichzeitig einfühlsame Geschichte von Tonya Harding - mit (Fake-) Interviews, erzählt von Harding, der verrückten Mutter mit einem Papagei auf der Schulter, dem blöden Ehemann Jeff Gillooly (Sebastian Stan) und einem noch bescheuerteren Bodyguard. Hier wird sichtlich gelogen, rumgedruckst und am medialen Selbstbild gebogen. Tonya spricht aber auch in die Kamera, während sie verprügelt wird. Das ist witzig inszeniert, genau da, wo es überhaupt nicht mehr witzig ist.
Diese Brüche, etwa wenn sich die Mutter beschwert, dass ihre Figur mittlerweile ja nicht mehr vorkommt, gehören zu den genialen Stilmitteln eines unglaublichen Films. Der nicht langweilig wird, auch wenn es etwas dauert, bis endlich das „Ereignis" zur Sprache kommt, auf „das ihr ja alle wartet" (Harding). Der Schlag mit einer Eisenstange auf das Knie der Konkurrentin ist Sportgeschichte und hier eine grandiose Räuberpistole mit „Fargo"-mässig dämlichen Typen.
Am Ende kann die Tragikomödie mit den unheimlich starken Aufnahmen in der bunten Farbpalette der 90er nicht gut ausgehen. Wie Tonya noch halbwegs clever ihren schmutzigen Ruhm trotz Eiskunstlauf-Verbot ummünzt, ist im wahrsten Sinne niederschmetternd und sehr bitter. Wir wissen immer noch nicht, was wahr ist, aber diese Tonya Harding ist ein Biest, dass man liebhaben kann. Und ein Film, den man sehen muss!
19.3.18
Die Sch'tis in Paris
Frankreich 2018 (Une jolie ch'tite famille) Regie: Dany Boon mit Dany Boon, Laurence Arné, Line Renaud, Pierre Richard 107 Min. FSK ab 0
Lachen Sie gerne über Menschen, die anders sind? Lachen sie gerne über Menschen, die deutlich Dialekt sprechen? Dann sind Sie hier richtig! Zehn Jahre nach der Klamotte „Willkommen bei den Sch'tis" kehren die Proleten aus dem Norden Frankreichs als Sprachwitz der übelsten Sorte zurück. Dany Boon blamiert sich sowohl als Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller.
Der arrogante Möbeldesigner Valentin D. (Dany Boon) und seine Frau Constance Brandt (Laurence Arné) sind Pariser Stars im Kreieren vom „Sinn der Leere", vom „Luxus' des Nichts". Ganz konkret sind das dreibeinige Stühle zum Genickbrechen, absurde Möbel und Innenausstattungen zum Davonlaufen. Das zitiert Jacques Tatis „Mon Oncle" und schafft in dieser Humor-Ödnis die einzigen raffinierten Scherze. Denn ansonsten dreht sich alles darum, dass Valentin selbstverständlich kein Waise ist, sondern ein „Sch'ti" aus dem proletarischen Nord-Frankreich, also schon fast Flandern, der seine Herkunft aus dem Arbeitermilieu verleugnet. Zum 80. Geburtstag der Mutter (Line Renaud) fällt die Sippe in Paris und genau in die schicke Werkschau Valentins ein. Sein Bruder Gustave (Guy Lecluyse) und die Schwägerin Louloute (Valérie Bonneton) wollen Geld schnorren, die Mutter nach Jahrzehnten den Sohn wiedersehen.
Schon in den ersten Minuten ist klar, dass der verlorene Sohn sich letztendlich zu seinen Wurzeln bekennen wird. Aber erst nach einer Stunde bricht das erwartete Chaos aus, das sich für so eine Komödie der Gegensätze gehört. Denn die angeblich unmögliche Familie wirkt relativ normal - bis auf diese (in der Synchronisation) völlig bescheuerte Idioten-Kunstsprache mit Hang zum Ostdeutschen. Auch Valentin verhält sich eigentlich nett und bemüht. Aber das Klavier auf der Tonspur macht auf Enttäuschung und Gefühl. Alles nur behauptet wie im Rest des Films. Ein auf auf dem dramaturgischen Tiefpunkt eingeschobener Unfall mit Hirntrauma für Danny Boon erklärt vieles an diesem furchtbaren Film und bringt eine kurze Klamauk-Auszeit, die mit sentimentalen Versatzstücken aufgefüllt wird. Valentin wandelt sich vom Schnösel zum infantilen Vollidioten, der die letzten „fünfunzwanschiss" Jahre vergessen hat. Die Schwägerin heißt jetzt wieder „Muschi" und „Gott verdaulicher" will man da nicht mit den Sch'tis fluchen, etwas Ohropax wäre jetzt nicht schlecht.
Proleten, die asozial am Rand der Gesellschaft leben, waren schon immer ein großer Kino-Spaß. Die Niederländer hatten in dieser Reihe die Familie „Flodder". Aber dagegen sind diese Sch'tis brav und langweilig wie die umhäkelte Klopapierrolle auf der Hutablage von Oldtimern. Ganz nebenbei, trägt dieser dämliche Klamauk, dieses Herablachen auf die ganz Blöden nicht in seinem Kern Rassismus in die anscheinend harmlose Kino-Komödie?
Auf jeden Fall ist der Klamauk, wie das unfähige Einparken, so miserabel inszeniert, dass der Gag schon im Ansatz abgewürgt wird. Ein Scherz über moderne Pariser Männer-Mode mit ihren „eingelaufenen" Hosen passt in die ach so sympathische Erscheinung, dass sich der beschränkte Geist mit flachem Witz gegen Moderne, Kultur und Entwicklung wehrt. Denn die ohne Bildung und Erfolg erweisen sich als die besseren Menschen - was draußen vor dem Kino nicht unbedingt zutrifft. Boon inszeniert sich wieder selbst, und das ist nicht „bonne", „gare nichete gutte".
Man merkt direkt, dass viele Wortspiele in der Synchronisation unübersetzbar bleiben. Der Rest ist selten dämlicher Humor, und selbst wenn man so etwas mit solchen bescheuerten Zutaten dreht, macht man es doch gefälligst mit gutem Timing. Hier kann man nur solidarisch einfältig ver- und vorurteilen: Die spinnen, die Franzosen.
Lachen Sie gerne über Menschen, die anders sind? Lachen sie gerne über Menschen, die deutlich Dialekt sprechen? Dann sind Sie hier richtig! Zehn Jahre nach der Klamotte „Willkommen bei den Sch'tis" kehren die Proleten aus dem Norden Frankreichs als Sprachwitz der übelsten Sorte zurück. Dany Boon blamiert sich sowohl als Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller.
Der arrogante Möbeldesigner Valentin D. (Dany Boon) und seine Frau Constance Brandt (Laurence Arné) sind Pariser Stars im Kreieren vom „Sinn der Leere", vom „Luxus' des Nichts". Ganz konkret sind das dreibeinige Stühle zum Genickbrechen, absurde Möbel und Innenausstattungen zum Davonlaufen. Das zitiert Jacques Tatis „Mon Oncle" und schafft in dieser Humor-Ödnis die einzigen raffinierten Scherze. Denn ansonsten dreht sich alles darum, dass Valentin selbstverständlich kein Waise ist, sondern ein „Sch'ti" aus dem proletarischen Nord-Frankreich, also schon fast Flandern, der seine Herkunft aus dem Arbeitermilieu verleugnet. Zum 80. Geburtstag der Mutter (Line Renaud) fällt die Sippe in Paris und genau in die schicke Werkschau Valentins ein. Sein Bruder Gustave (Guy Lecluyse) und die Schwägerin Louloute (Valérie Bonneton) wollen Geld schnorren, die Mutter nach Jahrzehnten den Sohn wiedersehen.
Schon in den ersten Minuten ist klar, dass der verlorene Sohn sich letztendlich zu seinen Wurzeln bekennen wird. Aber erst nach einer Stunde bricht das erwartete Chaos aus, das sich für so eine Komödie der Gegensätze gehört. Denn die angeblich unmögliche Familie wirkt relativ normal - bis auf diese (in der Synchronisation) völlig bescheuerte Idioten-Kunstsprache mit Hang zum Ostdeutschen. Auch Valentin verhält sich eigentlich nett und bemüht. Aber das Klavier auf der Tonspur macht auf Enttäuschung und Gefühl. Alles nur behauptet wie im Rest des Films. Ein auf auf dem dramaturgischen Tiefpunkt eingeschobener Unfall mit Hirntrauma für Danny Boon erklärt vieles an diesem furchtbaren Film und bringt eine kurze Klamauk-Auszeit, die mit sentimentalen Versatzstücken aufgefüllt wird. Valentin wandelt sich vom Schnösel zum infantilen Vollidioten, der die letzten „fünfunzwanschiss" Jahre vergessen hat. Die Schwägerin heißt jetzt wieder „Muschi" und „Gott verdaulicher" will man da nicht mit den Sch'tis fluchen, etwas Ohropax wäre jetzt nicht schlecht.
Proleten, die asozial am Rand der Gesellschaft leben, waren schon immer ein großer Kino-Spaß. Die Niederländer hatten in dieser Reihe die Familie „Flodder". Aber dagegen sind diese Sch'tis brav und langweilig wie die umhäkelte Klopapierrolle auf der Hutablage von Oldtimern. Ganz nebenbei, trägt dieser dämliche Klamauk, dieses Herablachen auf die ganz Blöden nicht in seinem Kern Rassismus in die anscheinend harmlose Kino-Komödie?
Auf jeden Fall ist der Klamauk, wie das unfähige Einparken, so miserabel inszeniert, dass der Gag schon im Ansatz abgewürgt wird. Ein Scherz über moderne Pariser Männer-Mode mit ihren „eingelaufenen" Hosen passt in die ach so sympathische Erscheinung, dass sich der beschränkte Geist mit flachem Witz gegen Moderne, Kultur und Entwicklung wehrt. Denn die ohne Bildung und Erfolg erweisen sich als die besseren Menschen - was draußen vor dem Kino nicht unbedingt zutrifft. Boon inszeniert sich wieder selbst, und das ist nicht „bonne", „gare nichete gutte".
Man merkt direkt, dass viele Wortspiele in der Synchronisation unübersetzbar bleiben. Der Rest ist selten dämlicher Humor, und selbst wenn man so etwas mit solchen bescheuerten Zutaten dreht, macht man es doch gefälligst mit gutem Timing. Hier kann man nur solidarisch einfältig ver- und vorurteilen: Die spinnen, die Franzosen.
14.3.18
Tomb Raider (2018)
Tomb Raider (2018)
USA, Großbritannien 2018 Regie: Roar Uthaug mit Alicia Vikander, Dominic West, Walton Goggins, Daniel Wu, Kristin Scott Thomas 118 Min. FSK ab 12
Lara Croft ist zurück - dieser feuchte Digital-Traum aller Computer-Spieler in den 90er Jahren. Angelina Jolie, die Croft-Figur der ersten beiden Filme, ist als Seniorin nicht mehr dabei. Der neue Film vollzieht die Verjüngung und die gesellschaftsfähigere Bekleidung der Lara Croft-Figur in einer neuen Serie von Computer-Spielen nach. Als junge Lara Croft darf sich nun die bisherige Charakter-Darstellerin Alicia Vikander („Ex Machina", „The Danish Girl") durchschlagen.
Die neue, junge Lara ist Tochter eines exzentrischen Abenteurers, der spurlos verschwand, als sie noch ein kleines Mädchen war. Sie lebt als Fahrradkurierin in den Straßen der Trendviertel von East London, das Geld reicht kaum. Aber sie will den globalen Konzern und das Erbe ihres Vaters nicht übernehmen, weil sie sich weigert, an seinen Tod zu glauben. Sieben Jahre nach seinem Verschwinden bricht Lara auf, um ihn zu suchen. Es geht zu einem legendären Grabmal auf einer mythischen Insel vor der japanischen Küste und selbstverständlich wird das Abenteuer schnell lebensgefährlich für die kluge und starrsinnige Frau.
So wie ihr frischer Ehemann Michael Fassbender mit seiner Schauspielkunst auch in Schund wie „300" und „Assassin's Creed" bestehen kann, enttäuscht Alicia Vikander als Besetzung für Lara Croft. Während andere Charakterschauspieler schon mal Probleme haben, glaubhaft zu rennen, schlägt sich die Schwedin dabei erstaunlich gut und sieht auch im Vergleich zu anderen Rollen noch wie jung wie eine Studentin aus. Vor allem am Anfang ist Lara als Fahrrad-Kurierin angenehm drin im richtigen Leben. Das verspricht etwas Entwicklung, wo die „alte" Lara schon perfekte Kämpferin war. Das Rennen unter Radkurieren macht noch Spaß, dann beginnt die Schnitzeljagd in ihrem Elternhaus und führt sie auf die typische einsame Insel mit Grabmal, die das ganze Jahr über für solche Filme ausgebucht ist.
Im Vergleich zu heutigen Action-Filmen verläuft das alles recht lahm. Die Produktion schmeißt die ersten 30 Minuten nicht mit Schauwerten um sich, eine erste Verfolgungsjagd mit kleinen Gangstern sieht man so auch im Nachmittags-Programm der Öffentlich-Rechtlichen. Richtige Action gibt es erst am Ende, wenn die Indiana Jane des Computerspiels ein Indiana Jones Gedächtnis-Rennen und -Raufen veranstaltet. Eine Truhe, die Welten zerstören kann, ist dabei als „ MacGuffin " nicht wahnsinnig originell.
Bald ist nicht mehr viel vom Realismus des Anfangs übrig, auch nicht von Physik oder Wahrscheinlichkeitsrechnung. „Tomb Raider" ist zwar nicht außergewöhnlich dämlich, nicht nervig, aber auch sehr bescheiden. Der Gegner ist alles andere als ein charismatischer Schurke, eher ein auch moralisch ungepflegter Sonderling. Die Dialoge gerieten nicht tiefer gehend als es für ein Action-Spiel nötig ist. Dazu viele handwerkliche Schlampereien: Die obligatorische ganz große Wasserrutsche hat diesmal ein altes Flugzeug als letzten Rettungsanker für Lara. Doch das wird jedoch viel zu früh gezeigt, der Effekt verpufft. Das Übersinnliche bleibt vergraben, die für das Spiel so typischen Rätsel halten sich zurück. So gönnt uns „Tomb Raider" auch nicht das sehr seltene Vergnügen, Menschen beim erfolgreichen Denken zuzusehen. Die ganze Familiengeschichte funktioniert so schlecht, dass es hier fast lächerlich wird. Ein Scherz pro Stunde hält das Ironie-Niveau tief unter Null, aber cool ist diese neue Lara auch überhaupt nicht. Das hätten - bis auf die ersten zehn Minuten - auch viele andere Schauspielerinnen hinbekommen. Aber egal, ob sich das rumspricht, es wird eine Fortsetzung geben.
USA, Großbritannien 2018 Regie: Roar Uthaug mit Alicia Vikander, Dominic West, Walton Goggins, Daniel Wu, Kristin Scott Thomas 118 Min. FSK ab 12
Lara Croft ist zurück - dieser feuchte Digital-Traum aller Computer-Spieler in den 90er Jahren. Angelina Jolie, die Croft-Figur der ersten beiden Filme, ist als Seniorin nicht mehr dabei. Der neue Film vollzieht die Verjüngung und die gesellschaftsfähigere Bekleidung der Lara Croft-Figur in einer neuen Serie von Computer-Spielen nach. Als junge Lara Croft darf sich nun die bisherige Charakter-Darstellerin Alicia Vikander („Ex Machina", „The Danish Girl") durchschlagen.
Die neue, junge Lara ist Tochter eines exzentrischen Abenteurers, der spurlos verschwand, als sie noch ein kleines Mädchen war. Sie lebt als Fahrradkurierin in den Straßen der Trendviertel von East London, das Geld reicht kaum. Aber sie will den globalen Konzern und das Erbe ihres Vaters nicht übernehmen, weil sie sich weigert, an seinen Tod zu glauben. Sieben Jahre nach seinem Verschwinden bricht Lara auf, um ihn zu suchen. Es geht zu einem legendären Grabmal auf einer mythischen Insel vor der japanischen Küste und selbstverständlich wird das Abenteuer schnell lebensgefährlich für die kluge und starrsinnige Frau.
So wie ihr frischer Ehemann Michael Fassbender mit seiner Schauspielkunst auch in Schund wie „300" und „Assassin's Creed" bestehen kann, enttäuscht Alicia Vikander als Besetzung für Lara Croft. Während andere Charakterschauspieler schon mal Probleme haben, glaubhaft zu rennen, schlägt sich die Schwedin dabei erstaunlich gut und sieht auch im Vergleich zu anderen Rollen noch wie jung wie eine Studentin aus. Vor allem am Anfang ist Lara als Fahrrad-Kurierin angenehm drin im richtigen Leben. Das verspricht etwas Entwicklung, wo die „alte" Lara schon perfekte Kämpferin war. Das Rennen unter Radkurieren macht noch Spaß, dann beginnt die Schnitzeljagd in ihrem Elternhaus und führt sie auf die typische einsame Insel mit Grabmal, die das ganze Jahr über für solche Filme ausgebucht ist.
Im Vergleich zu heutigen Action-Filmen verläuft das alles recht lahm. Die Produktion schmeißt die ersten 30 Minuten nicht mit Schauwerten um sich, eine erste Verfolgungsjagd mit kleinen Gangstern sieht man so auch im Nachmittags-Programm der Öffentlich-Rechtlichen. Richtige Action gibt es erst am Ende, wenn die Indiana Jane des Computerspiels ein Indiana Jones Gedächtnis-Rennen und -Raufen veranstaltet. Eine Truhe, die Welten zerstören kann, ist dabei als „ MacGuffin " nicht wahnsinnig originell.
Bald ist nicht mehr viel vom Realismus des Anfangs übrig, auch nicht von Physik oder Wahrscheinlichkeitsrechnung. „Tomb Raider" ist zwar nicht außergewöhnlich dämlich, nicht nervig, aber auch sehr bescheiden. Der Gegner ist alles andere als ein charismatischer Schurke, eher ein auch moralisch ungepflegter Sonderling. Die Dialoge gerieten nicht tiefer gehend als es für ein Action-Spiel nötig ist. Dazu viele handwerkliche Schlampereien: Die obligatorische ganz große Wasserrutsche hat diesmal ein altes Flugzeug als letzten Rettungsanker für Lara. Doch das wird jedoch viel zu früh gezeigt, der Effekt verpufft. Das Übersinnliche bleibt vergraben, die für das Spiel so typischen Rätsel halten sich zurück. So gönnt uns „Tomb Raider" auch nicht das sehr seltene Vergnügen, Menschen beim erfolgreichen Denken zuzusehen. Die ganze Familiengeschichte funktioniert so schlecht, dass es hier fast lächerlich wird. Ein Scherz pro Stunde hält das Ironie-Niveau tief unter Null, aber cool ist diese neue Lara auch überhaupt nicht. Das hätten - bis auf die ersten zehn Minuten - auch viele andere Schauspielerinnen hinbekommen. Aber egal, ob sich das rumspricht, es wird eine Fortsetzung geben.
13.3.18
Auslöschung / Annihilation (Netflix)
Auslöschung (Annihilation)
Regie: Alex Garland
Netflix
Der spannende Regisseur Alex Garland verfilmte nach „Ex Machina" nun die Southern Reach Triologie von Jeff VanderMeer über die Biologin und Soldatin Lena (Natalie Portman), die ihrem Ehemann in die „Area X" folgt, einem unheimlichen und mysteriösen Phänomen, das sich über die gesamte amerikanische Küste ausbreitet. „The Shimmer" wächst und bleibt unerklärlich, weil niemand von dort zurückkehrt. Eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen geht das Geheimnis an und trifft auf seltsame Wesen und Erscheinungen, überall Mutationen. Das ist anfangs vor allem spannend, wird aber zunehmend spektakulär abgehoben.
„Annihilation" hatte einen Kinostart in den USA, aber in Europa lassen sich die eindrucksvollen Bildwelten von Kameramann Rob Hardy und die sphärischen Klänge von Geoff Barrow und Ben Salisburg nur auf den kleinen Schirmen erleben. Ein Erlebnis bleibt es trotzdem: Egal, ob man den neuen Film von Garland als gelungen oder gescheitert ansieht, er ist bei guten Schauspiel von Portman („Black Swan", „Jackie: Die First Lady"), Jennifer Jason Leigh („Twin Peaks", „The Hateful 8") und den anderen, eine einzigartige und oft wunderbare Kinovision.
Regie: Alex Garland
Netflix
Der spannende Regisseur Alex Garland verfilmte nach „Ex Machina" nun die Southern Reach Triologie von Jeff VanderMeer über die Biologin und Soldatin Lena (Natalie Portman), die ihrem Ehemann in die „Area X" folgt, einem unheimlichen und mysteriösen Phänomen, das sich über die gesamte amerikanische Küste ausbreitet. „The Shimmer" wächst und bleibt unerklärlich, weil niemand von dort zurückkehrt. Eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen geht das Geheimnis an und trifft auf seltsame Wesen und Erscheinungen, überall Mutationen. Das ist anfangs vor allem spannend, wird aber zunehmend spektakulär abgehoben.
„Annihilation" hatte einen Kinostart in den USA, aber in Europa lassen sich die eindrucksvollen Bildwelten von Kameramann Rob Hardy und die sphärischen Klänge von Geoff Barrow und Ben Salisburg nur auf den kleinen Schirmen erleben. Ein Erlebnis bleibt es trotzdem: Egal, ob man den neuen Film von Garland als gelungen oder gescheitert ansieht, er ist bei guten Schauspiel von Portman („Black Swan", „Jackie: Die First Lady"), Jennifer Jason Leigh („Twin Peaks", „The Hateful 8") und den anderen, eine einzigartige und oft wunderbare Kinovision.
Loveless
Russland, Frankreich, Belgien, BRD 2017 (Nelyubov) Regie: Andrey Zvyagintsev mit Maryana Spyvak, Alexey Rozin, Matvey Novikov 127 Min. FSK ab 16
Die Ehe von Zhenya und Boris, einem Paar aus der gehobenen russischen Mittelschicht, ist zerrüttet. Hasserfüllt schreien sie sich an und beleidigen sich nur noch. Ein stummer Schrei entfährt dabei ihrem 12jährigen Sohn Aljoscha. Wie die Eltern vergisst auch der Film lange den Jungen. Zhenya fotografiert sich selbstverliebt beim Essen und Flirten mit einem neuen, reichen Mann. Boris lebt vor allem sexuell eine neue Affäre aus und hat Angst, auf der Arbeit über Scheidung zu reden. Das getrennte Heute geht gewollt verwirrend über in teilweise deckungsgleiche Erinnerungen an den leidenschaftlichen Anfang des Paares. Dann verschwindet Aljoscha und die lieblosen Eltern müssen bei der Suche zusammenwirken.
Andrey Zvyagintsev ist einer der interessantesten russischen Regisseure der Gegenwart. Er beeindruckte zuletzt mit „Leviathan", der poetischen und schonungslosen Entblößung der brutalen Korruption von Macht und orthodoxer Kirche in Russland. Nun erzählt „Loveless" konzentriert und ruhig von einer gefühlslosen, egoistischen Welt, in der schon mal ein Kind mit seiner Verzweiflung verloren gehen kann. Das Versagen der Polizei wird direkt im Desinteresse der Beamtin klar, mit der sie das Zimmer des Jungen fotografiert. Ohne simple Anklagen vermitteln Inszenierung und das packende Schauspiel einen beklemmenden Egoismus der Gesellschaft.
Die Ehe von Zhenya und Boris, einem Paar aus der gehobenen russischen Mittelschicht, ist zerrüttet. Hasserfüllt schreien sie sich an und beleidigen sich nur noch. Ein stummer Schrei entfährt dabei ihrem 12jährigen Sohn Aljoscha. Wie die Eltern vergisst auch der Film lange den Jungen. Zhenya fotografiert sich selbstverliebt beim Essen und Flirten mit einem neuen, reichen Mann. Boris lebt vor allem sexuell eine neue Affäre aus und hat Angst, auf der Arbeit über Scheidung zu reden. Das getrennte Heute geht gewollt verwirrend über in teilweise deckungsgleiche Erinnerungen an den leidenschaftlichen Anfang des Paares. Dann verschwindet Aljoscha und die lieblosen Eltern müssen bei der Suche zusammenwirken.
Andrey Zvyagintsev ist einer der interessantesten russischen Regisseure der Gegenwart. Er beeindruckte zuletzt mit „Leviathan", der poetischen und schonungslosen Entblößung der brutalen Korruption von Macht und orthodoxer Kirche in Russland. Nun erzählt „Loveless" konzentriert und ruhig von einer gefühlslosen, egoistischen Welt, in der schon mal ein Kind mit seiner Verzweiflung verloren gehen kann. Das Versagen der Polizei wird direkt im Desinteresse der Beamtin klar, mit der sie das Zimmer des Jungen fotografiert. Ohne simple Anklagen vermitteln Inszenierung und das packende Schauspiel einen beklemmenden Egoismus der Gesellschaft.
Winchester - Das Haus der Verdammten
Australien, USA 2018 Regie: Michael Spierig, Peter Spierig mit Helen Mirren, Sarah Snook, Jason Clarke 100 Min. FSK ab 16
Sarah Winchester (Helen Mirren), Witwe und Erbin des Waffen-Imperiums von William Winchester, lässt in jahrzehntelanger, ununterbrochener Bautätigkeit ein gigantisches und unübersichtliches Anwesen mit über 500 Zimmern errichten – voller Irrwege, falscher Türen und im Nirgendwo endender Treppen. Der Psychologe Dr. Eric Price (Jason Clarke) wird damit beauftragt, den Geisteszustand der Millionenerbin zu untersuchen. Denn Sarah Winchester ist davon überzeugt, ein Gefängnis für Hunderte rachsüchtige Geister und gequälte Seelen zu errichten, die durch Winchester-Waffen zu Tode kamen und nun Vergeltung suchen. Klingt nach zeitgemäßem Thema, doch der Horrorfilm der deutschstämmigen Spierig-Brüder („Jigsaw") verlässt sich trotz fähiger Besetzung auf Schockmomente an der Grenze zum Trash.
Sarah Winchester (Helen Mirren), Witwe und Erbin des Waffen-Imperiums von William Winchester, lässt in jahrzehntelanger, ununterbrochener Bautätigkeit ein gigantisches und unübersichtliches Anwesen mit über 500 Zimmern errichten – voller Irrwege, falscher Türen und im Nirgendwo endender Treppen. Der Psychologe Dr. Eric Price (Jason Clarke) wird damit beauftragt, den Geisteszustand der Millionenerbin zu untersuchen. Denn Sarah Winchester ist davon überzeugt, ein Gefängnis für Hunderte rachsüchtige Geister und gequälte Seelen zu errichten, die durch Winchester-Waffen zu Tode kamen und nun Vergeltung suchen. Klingt nach zeitgemäßem Thema, doch der Horrorfilm der deutschstämmigen Spierig-Brüder („Jigsaw") verlässt sich trotz fähiger Besetzung auf Schockmomente an der Grenze zum Trash.
Unsere Erde 2
Großbritannien 2017 (Earth: One amzing day) Regie: Peter Webber, Fan Lixin, Richard Dale 94 Min. FSK ab 0
Der nächste Natur-Dokumentarfilm vom BBC kommt so unweigerlich wie Geburt und Tod, wie Fressen und Gefressenwerden ins Kino. Garantiert dabei sind „Oh wie süß"-Momente mit orchestralem Pathos, das sich nie zurückhält. Genau wie der penetrante Erzähler, der je nach Kino-Land von austauschbaren Dampf-Plauderern (Robert Redford / Günther Jauch) ausgefüllt wird. Der Text bleibt überall voller Plattitüden, für die man Autoren und Sprecher den Löwen vorwerfen möchte.
Doch selbst bei dieser Flut an Natur-Filmen in TV und Kino finden sich immer noch ein paar einzigartige Momente wie Mantas, die weit aus dem Wasser springen. Und die Galapagos, auf denen Darwin ja praktisch den ersten Naturfilm überhaupt drehte, mit ihren archaischen Waranen sind immer sehenswert. Dort erleben wir die Jagd vieler fieser Schlangen auf frisch geschlüpfte Baby-Echsen als sehr spannend bis schrecklich überdramatisiert. Mit dabei ist auch der Klassiker in Sachen sadistischer Tierfilm, die Flussüberquerung in afrikanischer Steppe, diesmal leider ohne Krokodile. Thema dieses Tages auf der Erde ist Sonnenenergie. Und Energie generell, wenn erklärt wird, dass ein Panda bis zu 14 Stunden täglich essen muss, weil Bambus nicht besonders nährreich ist. Andere bedrohte Arten wie Narwale mit ihrem Einhorn tauchen in der Arktis auf, wobei das Ganze wieder mit exzellenter Kameratechnik für superlangsame Zeitlupen und grandiose Panoramen aufgenommen wurde. Der natürliche Kreislauf dieser Filme wird noch eine Weile fortdauern.
Der nächste Natur-Dokumentarfilm vom BBC kommt so unweigerlich wie Geburt und Tod, wie Fressen und Gefressenwerden ins Kino. Garantiert dabei sind „Oh wie süß"-Momente mit orchestralem Pathos, das sich nie zurückhält. Genau wie der penetrante Erzähler, der je nach Kino-Land von austauschbaren Dampf-Plauderern (Robert Redford / Günther Jauch) ausgefüllt wird. Der Text bleibt überall voller Plattitüden, für die man Autoren und Sprecher den Löwen vorwerfen möchte.
Doch selbst bei dieser Flut an Natur-Filmen in TV und Kino finden sich immer noch ein paar einzigartige Momente wie Mantas, die weit aus dem Wasser springen. Und die Galapagos, auf denen Darwin ja praktisch den ersten Naturfilm überhaupt drehte, mit ihren archaischen Waranen sind immer sehenswert. Dort erleben wir die Jagd vieler fieser Schlangen auf frisch geschlüpfte Baby-Echsen als sehr spannend bis schrecklich überdramatisiert. Mit dabei ist auch der Klassiker in Sachen sadistischer Tierfilm, die Flussüberquerung in afrikanischer Steppe, diesmal leider ohne Krokodile. Thema dieses Tages auf der Erde ist Sonnenenergie. Und Energie generell, wenn erklärt wird, dass ein Panda bis zu 14 Stunden täglich essen muss, weil Bambus nicht besonders nährreich ist. Andere bedrohte Arten wie Narwale mit ihrem Einhorn tauchen in der Arktis auf, wobei das Ganze wieder mit exzellenter Kameratechnik für superlangsame Zeitlupen und grandiose Panoramen aufgenommen wurde. Der natürliche Kreislauf dieser Filme wird noch eine Weile fortdauern.
Der Hauptmann
BRD, Polen, Portugal, Frankreich 2017 Regie: Robert Schwentke mit Max Hubacher, Frederick Lau, Milan Peschel, Alexander Fehling 119 Min. FSK ab 16
Nach ein paar Hollywood-Knallern wie dem Alte-Agenten-Spaß „R.E.D.", der tödlichen Action-Comedy „R.I.P.D." oder den Teilen zwei und drei von „Die Bestimmung" realisierte der international sehr erfolgreiche Regisseur Robert Schwentke wieder in Deutschland: „Der Hauptmann" ist eine erschütternde Abrechnung mit deutscher Obrigkeitshörigkeit. Dabei beweist die grausame, universal gültige Köpenickiade nebenbei, dass „Stolz auf Wehrmacht" in die Psychiatrie oder vor ein Gericht gehört.
Im April 1945 weiß eigentlich jeder, dass dieser wahnsinnige Krieg für Deutschland verloren ist. Doch auch auf dem Land halten Nazis und Mitläufer das Terror-System noch aufrecht. Dort landen wir direkt bei einer sadistischen Hatz der Wehrmacht, die einen anderen deutschen Soldaten vom Lastwagen her mit Schüssen vor sich hertreiben. Obwohl ohne Chance, kann der junge Gefreite Willi Herold (Max Hubacher) entkommen und findet, in Lumpen auf Bauernhöfen Essen klauend, eine Hauptmannsuniform. Direkt erlebt Herold beim Soldaten Freytag (Milan Peschel) die Macht dieser Verkleidung. Bald sammelt er mehr und mehr verstreute Kämpfer um sich und behauptet, auf direktem Befehl „vom Führer" hinter der Front nach dem Rechten sehen zu sollen.
Immer ist da die Spannung, ob Herold nicht entdeckt wird. Von den brutalen Feldjägern auf Suche nach Deserteuren zum Beispiel. Aber bald spielt der Verkleidete sogar mit seiner möglicherweise falschen Identität. Als sein Trupp in einem Gefangenenlager ankommt, eskaliert das Versteck-Spiel mit der Uniform. In einer schwer erträglichen Folge von Unmenschlichkeiten und bestialischen Grausamkeiten initiiert und exekutiert Herold Massenerschießungen. Mordete er anfangs vielleicht noch aus Angst, entdeckt zu werden, reißt er sich bald darum, der brutalste Schlächter einer an sich schon entsetzlichen Truppe zu sein. Seine Untergebenen morden meist unter Zwang, er aus Lust, als Party-Spaß für Männer wie Frauen. Ein cleverer Soldat (Frederick Lau), der ihn direkt durchschaut, wird sein brutalster Handlanger, der sich nur mit Mühen davon abhalten lässt, Menschen zu Brei zu schlagen. Dabei echot die Hatz, bei der Herold selbst fast umgebracht wurde, immer wieder durch die Handlung.
Bei Carl Zuckmayers „Der Hauptmann von Köpenick", berühmt geworden durch die Verfilmung mit Heinz Rühmann, steuerte die Köpenickiade aus dem Spaß unweigerlich auf ein gnadenloses Finale zu. Mit „Der Hauptmann" begeben wir uns ins Herz der deutschen Wehrmachts-Finsternis. Wie schnell sich ein Gejagter und Gequälter selber zum Unmenschen wandelt, hat dabei gar nicht so viel mit Faschismus zu tun. Wie „Das Experiment" von Oliver Hirschbiegel zeigt sich eine leider sehr allgemeingültige Studie über das mörderischste Potential der Menschen, vor allem der Männer.
Bevor er mit seinem „Flight Plan" und Jodie Foster 2005 in den USA abhob, machte Robert Schwentke in Deutschland mit der herrlich schwarzen Komödie „Eierdiebe" und dem Thriller „Tattoo" auf sich aufmerksam. Sein neuer, sehr vortrefflich beklemmender Film kann irgendwann das Maß der Gewalt nicht mehr steigern. Bei immer weniger Entwicklung lässt sich die Steigerung des Wahnsinns nur noch in einer von Electro-Sounds begleiteten Farce fassen, in einer oh so bitteren Farce.
Herold schickt in Unterhosen den Volkssturm auf Menschen-Jagd, sein hemmungsloses Plündern erinnert an marodierende Horden beim Dreißigjährigen Krieg. Ein „Schnellgericht Herold" spielt sich zum „Rächer der deutschen Ehre" auf. Dabei ist ein Maßstab für Anständigkeit gar nicht mehr vorhanden, nur das Ausmaß von Brutalität und Skrupellosigkeit unterscheidet sich noch.
Die wahre Geschichte von Willi Herold endete im Alter von 21 Jahren mit seiner Hinrichtung durch ein britisches Gericht. Schwentke erzählt die wirklichere deutsche Geschichte, wenn Herolds Verteidiger, ein alter Freikorps-Kämpfer, vor einem Nazi-Gericht betont, Herold hätte sich doch für die Wehrmacht gar nicht so ungewöhnlich verhalten. Das wirkt surreal, wenn der freie Mörder durch einen Wald voller Skelette geht, und selbst im Abspann wieder schaurig, wenn Herolds Truppe in einer Fußgängerzone von heute Menschen drangsaliert und beraubt.
Nach ein paar Hollywood-Knallern wie dem Alte-Agenten-Spaß „R.E.D.", der tödlichen Action-Comedy „R.I.P.D." oder den Teilen zwei und drei von „Die Bestimmung" realisierte der international sehr erfolgreiche Regisseur Robert Schwentke wieder in Deutschland: „Der Hauptmann" ist eine erschütternde Abrechnung mit deutscher Obrigkeitshörigkeit. Dabei beweist die grausame, universal gültige Köpenickiade nebenbei, dass „Stolz auf Wehrmacht" in die Psychiatrie oder vor ein Gericht gehört.
Im April 1945 weiß eigentlich jeder, dass dieser wahnsinnige Krieg für Deutschland verloren ist. Doch auch auf dem Land halten Nazis und Mitläufer das Terror-System noch aufrecht. Dort landen wir direkt bei einer sadistischen Hatz der Wehrmacht, die einen anderen deutschen Soldaten vom Lastwagen her mit Schüssen vor sich hertreiben. Obwohl ohne Chance, kann der junge Gefreite Willi Herold (Max Hubacher) entkommen und findet, in Lumpen auf Bauernhöfen Essen klauend, eine Hauptmannsuniform. Direkt erlebt Herold beim Soldaten Freytag (Milan Peschel) die Macht dieser Verkleidung. Bald sammelt er mehr und mehr verstreute Kämpfer um sich und behauptet, auf direktem Befehl „vom Führer" hinter der Front nach dem Rechten sehen zu sollen.
Immer ist da die Spannung, ob Herold nicht entdeckt wird. Von den brutalen Feldjägern auf Suche nach Deserteuren zum Beispiel. Aber bald spielt der Verkleidete sogar mit seiner möglicherweise falschen Identität. Als sein Trupp in einem Gefangenenlager ankommt, eskaliert das Versteck-Spiel mit der Uniform. In einer schwer erträglichen Folge von Unmenschlichkeiten und bestialischen Grausamkeiten initiiert und exekutiert Herold Massenerschießungen. Mordete er anfangs vielleicht noch aus Angst, entdeckt zu werden, reißt er sich bald darum, der brutalste Schlächter einer an sich schon entsetzlichen Truppe zu sein. Seine Untergebenen morden meist unter Zwang, er aus Lust, als Party-Spaß für Männer wie Frauen. Ein cleverer Soldat (Frederick Lau), der ihn direkt durchschaut, wird sein brutalster Handlanger, der sich nur mit Mühen davon abhalten lässt, Menschen zu Brei zu schlagen. Dabei echot die Hatz, bei der Herold selbst fast umgebracht wurde, immer wieder durch die Handlung.
Bei Carl Zuckmayers „Der Hauptmann von Köpenick", berühmt geworden durch die Verfilmung mit Heinz Rühmann, steuerte die Köpenickiade aus dem Spaß unweigerlich auf ein gnadenloses Finale zu. Mit „Der Hauptmann" begeben wir uns ins Herz der deutschen Wehrmachts-Finsternis. Wie schnell sich ein Gejagter und Gequälter selber zum Unmenschen wandelt, hat dabei gar nicht so viel mit Faschismus zu tun. Wie „Das Experiment" von Oliver Hirschbiegel zeigt sich eine leider sehr allgemeingültige Studie über das mörderischste Potential der Menschen, vor allem der Männer.
Bevor er mit seinem „Flight Plan" und Jodie Foster 2005 in den USA abhob, machte Robert Schwentke in Deutschland mit der herrlich schwarzen Komödie „Eierdiebe" und dem Thriller „Tattoo" auf sich aufmerksam. Sein neuer, sehr vortrefflich beklemmender Film kann irgendwann das Maß der Gewalt nicht mehr steigern. Bei immer weniger Entwicklung lässt sich die Steigerung des Wahnsinns nur noch in einer von Electro-Sounds begleiteten Farce fassen, in einer oh so bitteren Farce.
Herold schickt in Unterhosen den Volkssturm auf Menschen-Jagd, sein hemmungsloses Plündern erinnert an marodierende Horden beim Dreißigjährigen Krieg. Ein „Schnellgericht Herold" spielt sich zum „Rächer der deutschen Ehre" auf. Dabei ist ein Maßstab für Anständigkeit gar nicht mehr vorhanden, nur das Ausmaß von Brutalität und Skrupellosigkeit unterscheidet sich noch.
Die wahre Geschichte von Willi Herold endete im Alter von 21 Jahren mit seiner Hinrichtung durch ein britisches Gericht. Schwentke erzählt die wirklichere deutsche Geschichte, wenn Herolds Verteidiger, ein alter Freikorps-Kämpfer, vor einem Nazi-Gericht betont, Herold hätte sich doch für die Wehrmacht gar nicht so ungewöhnlich verhalten. Das wirkt surreal, wenn der freie Mörder durch einen Wald voller Skelette geht, und selbst im Abspann wieder schaurig, wenn Herolds Truppe in einer Fußgängerzone von heute Menschen drangsaliert und beraubt.
11.3.18
The Florida Project
USA 2017 Regie: Sean Baker mit Brooklynn Kimberly Prince, Bria Vinaite, Willem Dafoe, 111 Min. FSK ab 12
Micky Maus auf Hartz IV? Klingt komisch, ist als Sozialdrama vor den Toren von Disneyworld in Florida ein erstaunlich buntes und sehr bewegendes Meisterwerk:
Das „Magic Castle" ist echt grell lila und ein heruntergekommenes Motel außerhalb von Disneyworld in Orlando, Florida. Die wohl einst hoffnungsvolle Anlage mit Pool wurde zur Sozialsiedlung mittel- und vaterloser Familien mit ein paar verirrten Disney-Gästen. „Die Tafel" kommt regelmäßig mit Lebensmittelspenden vorbei. Draußen fliegen Hubschrauber von der Wiese die Menschen zu Disney, die sich ein Familien-Ticket für 1700 Dollar leisten können. Vom Picknick-Platz zeigt man denen den Stinkefinger.
Im diesem eher manischen als magischen „Magic Castle Motel" wohnt Halley (Bria Vinaite) mit ihrer sechsjährigen Tochter Moonee (Brooklynn Prince). Mit ihrer Freundin macht Moonee die Gegend unsicher, zwei unglaublich unverschämte, naseweise und ordinäre Herzchen. Sie rotzen vom Balkon, schnorren sich ein Eis zusammen, schnauzen andere an und fackeln auch mal ein Haus ab. „Die kleinen Strolche" der 2000er.
Ebenso unbedarft schafft Mutter Halley mit Betteln und Straßen-Verkauf von Parfüm-Fälschungen das Geld für die Miete ran. Trotzdem verlangt das Gesetz, dass sie zwischendurch für einen Tag auszieht. Halley ist atemberaubend dreist und unverschämt in ihren Diebstählen und Betrügereien. Die fröhliche junge Frau kann auch fluchen und beleidigen, selbst Leute, die es gut mit ihr meinen. Das ist eigentlich nur noch Bobby (Willem Dafoe), der herzensgute Hausmeister der Motel-Anlage.
Aber Haleys sehr legere Erziehungsmethoden erlauben Moonee unbekümmert von der prekären Situation diesen Abenteuerspielplatz des sozialen Niedergangs zu erleben. Ihr frecher Spaß, die tolle Natürlichkeit der kleinen Schauspieler sind ein sehr gewinnendes Element von „The Florida Project". Bei der Begeisterung über die schöne Geschichte, bei den echten Menschen übersieht man leicht, wie unglaublich gut der Film gemacht ist, was für ein exzellenter Regisseur und Autor Sean Baker ist. Nach seinem grandiosen „Starlet" mit der Hemingway-Urenkelin Dree als Porno-Darstellerin und „Tangerine L.A." über eine transsexuelle Prostituierte (komplett mit einem iPhone gedreht) konfrontiert Baker nun in einem so ebenso krassen wie geniale Setting Traumwelt und Armut im reichen Amerika. Diese surreale Umgebung neben der „Sieben Zwerge-Straße", schreiend bunt eingefangen von Kameramann Alexis Zabe, bildet die Folie für eine clever erzählte Geschichte, die sich den klebrigen Klischees des Sozialdramas frisch und frech entzieht.
In dieser realistischen Märchenwelt beeindrucken die Laiendarstellern Brooklynn Prince als Moonee und Bria Vinaite als Halley. Ganz erstaunlich, wie ihre Figur in jeder Hinsicht unverschämt und hyperaggressiv durch die Szenen hüpft und man trotzdem auf ihrer Seite bleibt. Willem Dafoe („Spider-Man", „Antichrist") ist mit großer Lässigkeit in einer ganz ungewöhnlichen Rolle als Manager und Hausmeister zwischen Herz und Strenge zu erleben.
Dass irgendwann doch das Jugendamt auftaucht, nachdem Halleys wirkliche Tätigkeit verraten wird, macht die ungewöhnliche Dramaturgie nur noch treffender - bis zum bitter-süßen Märchen-Schlussbild für Moonee.
Micky Maus auf Hartz IV? Klingt komisch, ist als Sozialdrama vor den Toren von Disneyworld in Florida ein erstaunlich buntes und sehr bewegendes Meisterwerk:
Das „Magic Castle" ist echt grell lila und ein heruntergekommenes Motel außerhalb von Disneyworld in Orlando, Florida. Die wohl einst hoffnungsvolle Anlage mit Pool wurde zur Sozialsiedlung mittel- und vaterloser Familien mit ein paar verirrten Disney-Gästen. „Die Tafel" kommt regelmäßig mit Lebensmittelspenden vorbei. Draußen fliegen Hubschrauber von der Wiese die Menschen zu Disney, die sich ein Familien-Ticket für 1700 Dollar leisten können. Vom Picknick-Platz zeigt man denen den Stinkefinger.
Im diesem eher manischen als magischen „Magic Castle Motel" wohnt Halley (Bria Vinaite) mit ihrer sechsjährigen Tochter Moonee (Brooklynn Prince). Mit ihrer Freundin macht Moonee die Gegend unsicher, zwei unglaublich unverschämte, naseweise und ordinäre Herzchen. Sie rotzen vom Balkon, schnorren sich ein Eis zusammen, schnauzen andere an und fackeln auch mal ein Haus ab. „Die kleinen Strolche" der 2000er.
Ebenso unbedarft schafft Mutter Halley mit Betteln und Straßen-Verkauf von Parfüm-Fälschungen das Geld für die Miete ran. Trotzdem verlangt das Gesetz, dass sie zwischendurch für einen Tag auszieht. Halley ist atemberaubend dreist und unverschämt in ihren Diebstählen und Betrügereien. Die fröhliche junge Frau kann auch fluchen und beleidigen, selbst Leute, die es gut mit ihr meinen. Das ist eigentlich nur noch Bobby (Willem Dafoe), der herzensgute Hausmeister der Motel-Anlage.
Aber Haleys sehr legere Erziehungsmethoden erlauben Moonee unbekümmert von der prekären Situation diesen Abenteuerspielplatz des sozialen Niedergangs zu erleben. Ihr frecher Spaß, die tolle Natürlichkeit der kleinen Schauspieler sind ein sehr gewinnendes Element von „The Florida Project". Bei der Begeisterung über die schöne Geschichte, bei den echten Menschen übersieht man leicht, wie unglaublich gut der Film gemacht ist, was für ein exzellenter Regisseur und Autor Sean Baker ist. Nach seinem grandiosen „Starlet" mit der Hemingway-Urenkelin Dree als Porno-Darstellerin und „Tangerine L.A." über eine transsexuelle Prostituierte (komplett mit einem iPhone gedreht) konfrontiert Baker nun in einem so ebenso krassen wie geniale Setting Traumwelt und Armut im reichen Amerika. Diese surreale Umgebung neben der „Sieben Zwerge-Straße", schreiend bunt eingefangen von Kameramann Alexis Zabe, bildet die Folie für eine clever erzählte Geschichte, die sich den klebrigen Klischees des Sozialdramas frisch und frech entzieht.
In dieser realistischen Märchenwelt beeindrucken die Laiendarstellern Brooklynn Prince als Moonee und Bria Vinaite als Halley. Ganz erstaunlich, wie ihre Figur in jeder Hinsicht unverschämt und hyperaggressiv durch die Szenen hüpft und man trotzdem auf ihrer Seite bleibt. Willem Dafoe („Spider-Man", „Antichrist") ist mit großer Lässigkeit in einer ganz ungewöhnlichen Rolle als Manager und Hausmeister zwischen Herz und Strenge zu erleben.
Dass irgendwann doch das Jugendamt auftaucht, nachdem Halleys wirkliche Tätigkeit verraten wird, macht die ungewöhnliche Dramaturgie nur noch treffender - bis zum bitter-süßen Märchen-Schlussbild für Moonee.
7.3.18
Mute (Netflix)
Regie: Duncan Jones
Nach seinem bejubelten „Moon" mit Sam Rockwell hat der äußerst talentierte Regisseur Duncan Jones einen „Blade Runner" in Berlin inszeniert und diesen „Mute" seinem Vater David Bowie gewidmet. Leo (Alexander Skarsgård) ist stumm, weil seine religiösen Eltern nach einem Unfall in der Kindheit die Operation verhindert haben, die seine Stimme hätte retten können. Leos kleines Glück in der Unterwelt Berlins mit seiner geheimnisvollen Freundin, endet als diese verschwindet. Seine Suche nach ihr kreuzt sich mit den Wegen des desertierten US-Soldaten Cactus (Paul Rudd). Ein Psychopath, der illegal operiert und foltert, um einen neuen Pass zu bekommen. In Ausstattung und Styling ist dies futuristische Berlin ein ganz großer Augenschmaus. Ein alter, voll elektrisierter Mercedes verfolgt Schwebetaxis, im Restaurant kommt das Essen per Drohne. Leo, der stumme Amish, hat aber noch kein Mobiltelefon. Dafür ein Notizbuch, in dem er zeichnet und mit dem er sich auch verständigt. Die Geschichte vom naiven Sonderling und der verschwundenen Schönen wird getragen von Skarsgård Junior, der diese sensible Persönlichkeit großartig spielt. „Mute" wirkt zeitweise verwirrend, ist aber immer noch so gut inszeniert, gestaltet und gespielt, dass man unbedingt dabei bleibt.
Nach seinem bejubelten „Moon" mit Sam Rockwell hat der äußerst talentierte Regisseur Duncan Jones einen „Blade Runner" in Berlin inszeniert und diesen „Mute" seinem Vater David Bowie gewidmet. Leo (Alexander Skarsgård) ist stumm, weil seine religiösen Eltern nach einem Unfall in der Kindheit die Operation verhindert haben, die seine Stimme hätte retten können. Leos kleines Glück in der Unterwelt Berlins mit seiner geheimnisvollen Freundin, endet als diese verschwindet. Seine Suche nach ihr kreuzt sich mit den Wegen des desertierten US-Soldaten Cactus (Paul Rudd). Ein Psychopath, der illegal operiert und foltert, um einen neuen Pass zu bekommen. In Ausstattung und Styling ist dies futuristische Berlin ein ganz großer Augenschmaus. Ein alter, voll elektrisierter Mercedes verfolgt Schwebetaxis, im Restaurant kommt das Essen per Drohne. Leo, der stumme Amish, hat aber noch kein Mobiltelefon. Dafür ein Notizbuch, in dem er zeichnet und mit dem er sich auch verständigt. Die Geschichte vom naiven Sonderling und der verschwundenen Schönen wird getragen von Skarsgård Junior, der diese sensible Persönlichkeit großartig spielt. „Mute" wirkt zeitweise verwirrend, ist aber immer noch so gut inszeniert, gestaltet und gespielt, dass man unbedingt dabei bleibt.
6.3.18
Molly’s Game
USA 2017 Regie: Aaron Sorkin mit Jessica Chastain, Idris Elba, Kevin Costner, Michael Cera 140 Min. FSK ab 12
Einen Oscar für diese Rolle gab es nicht, aber die „Poker-Prinzessin" Molly Bloom und ihre Darstellerin Jessica Chastain sind genau die starken Frauen, die gerade im Hollywood-Trend liegen. Dass „Molly's Game" allerdings den Bechdel-Test nicht bestehen würde, weil keine zweite Frau für einen intelligenten Dialog, der nicht von Männern handelt, da ist, fällt bei aller Spannung, dem super Schauspiel und der flotten Inszenierung des Biopics und Krimis nicht auf.
Molly Bloom (Jessica Chastain) hat schon einiges erlebt, als sie verzweifelt beim Anwalt Charlie Jaffey (Idris Elba) aufläuft: Als Ski-Fahrerin konnte erst der zweite Bruch des Rückgrates ihre Olympia-Hoffnungen stoppen. Danach hat sie über zehn Jahre hinweg den exklusivsten geheimen Poker-Ring der Welt betrieben und ein Buch darüber veröffentlicht. Jetzt wurde Molly, obwohl sie seit zwei Jahren kein illegales Spiel mehr geleitet hat, erneut verhaftet. Der besonders ehrenwerte Anwalt Jaffey lehnt die mittellose und vermeintlich kriminelle Klientin ab. Durch ihr Buch ist er aber gefesselt von dieser Frau, die seiner Tochter im Wartezimmer die besseren Ratschläge gibt.
Für den ersten Umschwung sorgt die Tatsache, dass Molly Bloom in ihrem Buch nur Namen nannte, die schon bekannt waren. Mit Jaffey lernen wir nun in der Rückblende Molly kennen. Wie aus ihrem Bürojob die Assistenz in einer sehr prominenten Poker-Runde wurde, die dann gleichzeitig Abend-Kurse in Sachen Börse, Politik, Kunst und Hightech-Entwicklungen war. Als ihr Boss, der keine Ahnung hat, was eine Excel-Tabelle ist, verärgert das lächerliche Gehalt kürzen will, macht Molly eine eigene, exklusive und luxuriöse Poker-Runde auf. Mit ein paar Klicks auf ihrer SMS-Liste und mit den Spielern ihres Ex-Chefs.
Die sehr kluge Frau war zwar erstaunt über das Ausmaß des Spiels mit schon mal fünf der reichsten Menschen der Welt, darunter berühmte Schauspieler und Finanzjongleure, aber sie lernt extrem schnell. Dabei wird sie nicht gierig, lässt keine Drogen und keine Prostituierten zu, bis auf einen privaten Joint auf dem Balkon. Auch hält sie sich lange an die Regeln, nichts von den Einlagen der Spieler abzuzwacken. Doch ihre Gutmütigkeit wird ausgenutzt und als irgendwann über 30 Leute von 600 Polizisten gleichzeitig verhaftet wurden, konnte man ihr doch etwas vorwerfen. Sie hatte am Ende mit der russischen Mafia zu tun, blieb aber trotzdem loyal zu allen Kunden und verriet keinen einzigen Namen. Denn nur um diese zu erfahren, hat die Staatsanwaltschaft sie nun erneut angeklagt.
„Molly's Game" ist inhaltlich die wahre Geschichte einer erstaunlichen Stehauf-Frau, die von Kindesbeine mit enormem Druck zurecht kommen konnte. Diese Molly Bloom war eine rebellische Tochter eines perfektionistischen, knallharten Vaters und Trainers (sehr präsent: Kevin Costner). Der Reiz dieses sehenswerten Films liegt aber vor allem an der Inszenierung von Aaron Sorkin, die mit flottem Dialog und Schnitt der Schlagfertigkeit Mollys entspricht. Sorkin, der auch das Drehbuch nach Molly Blooms Buch „Molly's Game: Der Insiderbericht über die Pokerrunde der Stars" schrieb, ist bekannt für seine Bücher zu „The Social Network", „Steve Jobs", „West Wing" und „The Newsroom". So beeindruckt hier Frauen-Power auf der Leinwand, auch wenn die knappe Erklärung von Mollys Persönlichkeit durch den Vater eine dicke Portion psychologisches „mansplaining" darstellt.
Einen Oscar für diese Rolle gab es nicht, aber die „Poker-Prinzessin" Molly Bloom und ihre Darstellerin Jessica Chastain sind genau die starken Frauen, die gerade im Hollywood-Trend liegen. Dass „Molly's Game" allerdings den Bechdel-Test nicht bestehen würde, weil keine zweite Frau für einen intelligenten Dialog, der nicht von Männern handelt, da ist, fällt bei aller Spannung, dem super Schauspiel und der flotten Inszenierung des Biopics und Krimis nicht auf.
Molly Bloom (Jessica Chastain) hat schon einiges erlebt, als sie verzweifelt beim Anwalt Charlie Jaffey (Idris Elba) aufläuft: Als Ski-Fahrerin konnte erst der zweite Bruch des Rückgrates ihre Olympia-Hoffnungen stoppen. Danach hat sie über zehn Jahre hinweg den exklusivsten geheimen Poker-Ring der Welt betrieben und ein Buch darüber veröffentlicht. Jetzt wurde Molly, obwohl sie seit zwei Jahren kein illegales Spiel mehr geleitet hat, erneut verhaftet. Der besonders ehrenwerte Anwalt Jaffey lehnt die mittellose und vermeintlich kriminelle Klientin ab. Durch ihr Buch ist er aber gefesselt von dieser Frau, die seiner Tochter im Wartezimmer die besseren Ratschläge gibt.
Für den ersten Umschwung sorgt die Tatsache, dass Molly Bloom in ihrem Buch nur Namen nannte, die schon bekannt waren. Mit Jaffey lernen wir nun in der Rückblende Molly kennen. Wie aus ihrem Bürojob die Assistenz in einer sehr prominenten Poker-Runde wurde, die dann gleichzeitig Abend-Kurse in Sachen Börse, Politik, Kunst und Hightech-Entwicklungen war. Als ihr Boss, der keine Ahnung hat, was eine Excel-Tabelle ist, verärgert das lächerliche Gehalt kürzen will, macht Molly eine eigene, exklusive und luxuriöse Poker-Runde auf. Mit ein paar Klicks auf ihrer SMS-Liste und mit den Spielern ihres Ex-Chefs.
Die sehr kluge Frau war zwar erstaunt über das Ausmaß des Spiels mit schon mal fünf der reichsten Menschen der Welt, darunter berühmte Schauspieler und Finanzjongleure, aber sie lernt extrem schnell. Dabei wird sie nicht gierig, lässt keine Drogen und keine Prostituierten zu, bis auf einen privaten Joint auf dem Balkon. Auch hält sie sich lange an die Regeln, nichts von den Einlagen der Spieler abzuzwacken. Doch ihre Gutmütigkeit wird ausgenutzt und als irgendwann über 30 Leute von 600 Polizisten gleichzeitig verhaftet wurden, konnte man ihr doch etwas vorwerfen. Sie hatte am Ende mit der russischen Mafia zu tun, blieb aber trotzdem loyal zu allen Kunden und verriet keinen einzigen Namen. Denn nur um diese zu erfahren, hat die Staatsanwaltschaft sie nun erneut angeklagt.
„Molly's Game" ist inhaltlich die wahre Geschichte einer erstaunlichen Stehauf-Frau, die von Kindesbeine mit enormem Druck zurecht kommen konnte. Diese Molly Bloom war eine rebellische Tochter eines perfektionistischen, knallharten Vaters und Trainers (sehr präsent: Kevin Costner). Der Reiz dieses sehenswerten Films liegt aber vor allem an der Inszenierung von Aaron Sorkin, die mit flottem Dialog und Schnitt der Schlagfertigkeit Mollys entspricht. Sorkin, der auch das Drehbuch nach Molly Blooms Buch „Molly's Game: Der Insiderbericht über die Pokerrunde der Stars" schrieb, ist bekannt für seine Bücher zu „The Social Network", „Steve Jobs", „West Wing" und „The Newsroom". So beeindruckt hier Frauen-Power auf der Leinwand, auch wenn die knappe Erklärung von Mollys Persönlichkeit durch den Vater eine dicke Portion psychologisches „mansplaining" darstellt.
Fühlen Sie sich manchmal ausgebrannt und leer?
BRD, Niederlande 2017 Regie: Lola Randl mit Lina Beckmann, Charly Hübner, Benno Fürmann 94 Min. FSK ab 12
Luisa ist Paartherapeutin - nein, schon falsch: Luisa ist eine Comic- und Witzfigur, die wohl irgendwie als Paartherapeutin arbeitet. Vornehmlich ist Luisa (Lina Beckmann) besorgt, dass der Ischias ihres Mannes Richard (Charly Hübner) das Wochenende mit ihrem Liebhaber Leopold (Benno Fürmann) verhindert. Es ist schon eine komische Grundsituation, wie das untreue Paar den Gehörnten wortwörtlich beknetet, damit der Rücken vielleicht doch das Klassentreffen mitmacht. Dann wird es ein wenig zu viel: Für Luisa das Hin und Her zwischen den Musterhäusern der beiden Fertighausverkäufer-Arbeitskollegen Richard und Leopold. Und für die Zuschauer, wenn mit Ann plötzlich eine infantile Kopie Luisas auftaucht. Die soll dann beim Ehemann die Vertretung machen, während das Original mit dem schmierigen Verführer rummacht.
Das neue Glück mit der unerkannt bleibenden Zweitfrau erinnert sehr an Sandkastenspiele von Kleinkindern. Auch das andere Paar legt eine Klamotte mit kindlicher Naivität hin, bei der man sexuell mal ein bisschen was ausprobiert. Das ist alles nicht von dieser Welt, es gar wird kein Versuch gemacht, das irgendwie realistisch zu verankern. Das ist wie „Der andere Liebhaber" von Ozon nur in dämlich. Ein paar nette Ideen verlieren sich bei einer Handlung, die man bei Doris Day in den 60ern verortet. Die Ausstattung mit den absurd kantigen Musterhäusern will vielleicht Tatis „Mon oncle" zitieren. Wenn man sich in diesen Klamauk von Lola Randl („Die Besucherin", „Die Libelle und das Nashorn") eingesehen hat, kann man zwischen dem Kopfschütteln auch mal lachen. Aber vieles ist in den Dialogen und im Spiel bis zum Fremdschämen peinlich. Lina Beckmann empfiehlt sich als Ulk-Nudel mit erstaunlicher Vielfalt im Ausdruck - nur ein Ernster kommt hier nicht vor.
Luisa ist Paartherapeutin - nein, schon falsch: Luisa ist eine Comic- und Witzfigur, die wohl irgendwie als Paartherapeutin arbeitet. Vornehmlich ist Luisa (Lina Beckmann) besorgt, dass der Ischias ihres Mannes Richard (Charly Hübner) das Wochenende mit ihrem Liebhaber Leopold (Benno Fürmann) verhindert. Es ist schon eine komische Grundsituation, wie das untreue Paar den Gehörnten wortwörtlich beknetet, damit der Rücken vielleicht doch das Klassentreffen mitmacht. Dann wird es ein wenig zu viel: Für Luisa das Hin und Her zwischen den Musterhäusern der beiden Fertighausverkäufer-Arbeitskollegen Richard und Leopold. Und für die Zuschauer, wenn mit Ann plötzlich eine infantile Kopie Luisas auftaucht. Die soll dann beim Ehemann die Vertretung machen, während das Original mit dem schmierigen Verführer rummacht.
Das neue Glück mit der unerkannt bleibenden Zweitfrau erinnert sehr an Sandkastenspiele von Kleinkindern. Auch das andere Paar legt eine Klamotte mit kindlicher Naivität hin, bei der man sexuell mal ein bisschen was ausprobiert. Das ist alles nicht von dieser Welt, es gar wird kein Versuch gemacht, das irgendwie realistisch zu verankern. Das ist wie „Der andere Liebhaber" von Ozon nur in dämlich. Ein paar nette Ideen verlieren sich bei einer Handlung, die man bei Doris Day in den 60ern verortet. Die Ausstattung mit den absurd kantigen Musterhäusern will vielleicht Tatis „Mon oncle" zitieren. Wenn man sich in diesen Klamauk von Lola Randl („Die Besucherin", „Die Libelle und das Nashorn") eingesehen hat, kann man zwischen dem Kopfschütteln auch mal lachen. Aber vieles ist in den Dialogen und im Spiel bis zum Fremdschämen peinlich. Lina Beckmann empfiehlt sich als Ulk-Nudel mit erstaunlicher Vielfalt im Ausdruck - nur ein Ernster kommt hier nicht vor.
5.3.18
Arthur & Claire
BRD, Österreich, Niederlande 2017 Regie: Miguel Alexandre mit Josef Hader, Hannah Hoekstra, Rainer Bock 99 Min. FSK ab 12
Amsterdam sehen und sterben
Dieser Hader! Allein wie dieser Hader in seinen Figuren diese nur scheinbar grobe, aber eigentlich aus dem Übersensiblen entstehende Menschenfeindlichkeit an den Tag legt, ist immer wieder ein Fest. Grandios, wie er mit seinen Rollen - vor allem in den Haas-Krimis - immer wieder an der Fassade der belanglos freundlichen Zwischenmenschlichkeit kratzt. (Seine eigene Regiearbeit „wilde Maus" lassen wir hier gnädigerweise unerwähnt, weil wir da einen schwächeren Hader sehen.)
Nun fliegt Josef Haders Figur Arthur nach Amsterdam ein, um sein Leben beenden zu lassen, und trifft auf eine ebenso bissige junge Frau, dies sich auch umbringen will. Es wird kaum ein Happy End geben können, aber wie die beiden sehr unterschiedlichen Selbstmörder miteinander um ein Glas voller Tabletten kämpfen, ist echt komisch. Er ist alters- und lebensmüde, sie jung. Sie lebendig, er deprimiert.
Arthur und Claire verstehen sich auf Anhieb in ihrer Abneigung: „Haben Sie an Ihrem letzten Abend wirklich nichts Besseres zu tun, als anderen Leuten auf die Nerven zu gehen?" „Österreicher, das ist ja noch schlimmer als Deutscher", bemerkt Claire beim seinem Einmarschieren in ihr Hotelzimmer. Sie stehen sich in ihren bissigen Bemerkungen um nichts nach. Dabei ist sie eine Holländerin, die keinen Käse isst, und er ein Österreicher, der nicht Ski fährt. Arthur kann wegen seines Tumors nicht mehr richtig atmen, sodass es ihm nicht wirklich gelingt, ihr hinterher zu rennen, als sie eine neue Überdosis Tabletten besorgen will. Doch dann gehen sie zusammen essen, kiffen und werden dabei wunderschön ehrlich.
Der erfahrene Regisseur Miguel Alexandre wechselt seit Jahren zwischen seinen Fernseh-Krimis, Fernsehfilmen wie „Starfighter" und Kino-Projekten wie „Störtebeker". Für „Arthur & Claire" schrieb er das Drehbuch zusammen mit dem Kabarettisten Schauspieler und Regisseur Josef Hader. Das einfühlsame Werk ist nur oberflächlich ein dunkler Film, weil die traurigen Gesichter hell strahlen, wenn es mit kitschig bunt beleuchteter Rikscha durch die Nacht an den Grachten geht. Neben Josef Hader ist Hannah Hoekstra („Hemel", „App") für Menschen jenseits der Käsegrenze eine Entdeckung. Es ist eine Freude und ein Schmerz, den beiden zuzusehen.
Amsterdam sehen und sterben
Dieser Hader! Allein wie dieser Hader in seinen Figuren diese nur scheinbar grobe, aber eigentlich aus dem Übersensiblen entstehende Menschenfeindlichkeit an den Tag legt, ist immer wieder ein Fest. Grandios, wie er mit seinen Rollen - vor allem in den Haas-Krimis - immer wieder an der Fassade der belanglos freundlichen Zwischenmenschlichkeit kratzt. (Seine eigene Regiearbeit „wilde Maus" lassen wir hier gnädigerweise unerwähnt, weil wir da einen schwächeren Hader sehen.)
Nun fliegt Josef Haders Figur Arthur nach Amsterdam ein, um sein Leben beenden zu lassen, und trifft auf eine ebenso bissige junge Frau, dies sich auch umbringen will. Es wird kaum ein Happy End geben können, aber wie die beiden sehr unterschiedlichen Selbstmörder miteinander um ein Glas voller Tabletten kämpfen, ist echt komisch. Er ist alters- und lebensmüde, sie jung. Sie lebendig, er deprimiert.
Arthur und Claire verstehen sich auf Anhieb in ihrer Abneigung: „Haben Sie an Ihrem letzten Abend wirklich nichts Besseres zu tun, als anderen Leuten auf die Nerven zu gehen?" „Österreicher, das ist ja noch schlimmer als Deutscher", bemerkt Claire beim seinem Einmarschieren in ihr Hotelzimmer. Sie stehen sich in ihren bissigen Bemerkungen um nichts nach. Dabei ist sie eine Holländerin, die keinen Käse isst, und er ein Österreicher, der nicht Ski fährt. Arthur kann wegen seines Tumors nicht mehr richtig atmen, sodass es ihm nicht wirklich gelingt, ihr hinterher zu rennen, als sie eine neue Überdosis Tabletten besorgen will. Doch dann gehen sie zusammen essen, kiffen und werden dabei wunderschön ehrlich.
Der erfahrene Regisseur Miguel Alexandre wechselt seit Jahren zwischen seinen Fernseh-Krimis, Fernsehfilmen wie „Starfighter" und Kino-Projekten wie „Störtebeker". Für „Arthur & Claire" schrieb er das Drehbuch zusammen mit dem Kabarettisten Schauspieler und Regisseur Josef Hader. Das einfühlsame Werk ist nur oberflächlich ein dunkler Film, weil die traurigen Gesichter hell strahlen, wenn es mit kitschig bunt beleuchteter Rikscha durch die Nacht an den Grachten geht. Neben Josef Hader ist Hannah Hoekstra („Hemel", „App") für Menschen jenseits der Käsegrenze eine Entdeckung. Es ist eine Freude und ein Schmerz, den beiden zuzusehen.
Lucky
USA 2017 Regie: John Carroll Lynch mit Harry Dean Stanton, David Lynch, Ron Livingston, Tom Skerritt 88 Min. FSK ab 0
Dieser wunderbare Abschiedsfilm für Harry Dean Stanton („Paris, Texas"), der am 15. September 2017 mit 91 Jahren starb, ist ein feines, leises Porträt eines alten Mannes, der viele biographische Parallelen zu Stanton aufzeigt. Yoga am Morgen, der Gang vom Häuschen, das irgendwo in der Wüste zu liegen scheint, zum Café im Kaff, um dort das Kreuzworträtsel zu lösen. Der Alltag von Lucky, der gerne Cowboy-Hut und -Stiefel zu Schießer-Feinripp trägt, hat sich eingeschliffen wie die Furchen in seinem Gesicht. Der klapprige Alte kommentiert mit gesundem Zynismus und scharfer Zunge den Alltag. Sein Arzt meint, wenn der kerngesunde Kettenraucher aufhören würde zu rauchen, würde er sterben. Doch irgendwann kippt Lucky beim Blick auf die rote LED-Uhr an der Kaffeemaschine um und danach macht er sich tatsächlich Gedanken über das Alter.
Das Rot leuchtet später symbolisch und surreal in Richtung eines Ausgangs-Schildes, als wäre dies ein Film von David Lynch. Doch der „Twin Peaks"-Regisseur taucht hier nur als einer der anderen Dauergäste der Cafés und Bars von Lucky auf. Seine noch ältere Schildkröte namens Theodore Roosevelt ist entlaufen. Anlass, sich Gedanken über die Relativität von Zeit zu machen, in diesem Film, der sich viel Zeit nimmt. Wie „The Straight Story", dieser ganz andere Film von David Lynch, wie „Paris, Texas" von Wim Wenders, die bislang einzige Hauptrolle von Harry Dean Stanton. „Ein Dokumentarfilm über Harry Dean Stanton wäre genau so", meinte Wim Wenders zu „Lucky". Stanton war, wie Lucky, Koch in der Navy während des Zweiten Weltkriegs. Auch Harry war Atheist, der ständig die Welt erklärte und uns alle für „Nichts" hielt. Kreuzworträtsel spielten nicht nur fiktiv, sondern auch im echten Leben von Harry eine große Rolle. Weitere Leidenschaften von beiden sind Game Shows, Zigaretten, Bloody Mary und Cowboy-Hüte. Harry Dean sang für sein Leben gern, so darf er hier auf einer mexikanischen Geburtstags-Feier mit Marriachi-Band „Volver, Volver" singen. Die Autoren Logan Sparks und Drago Sumonja meinten denn auch, sie hätten ihre Dialoge von Stanton geklaut.
Dazu sind alle Nebenrollen mit Freunden und Weggefährten von Stanton besetzt. Mit Tom Skerritt war er in „Alien" zu sehen. David Lynch besetzte ihn vortrefflich in „Wild at heart", „The Straight Story" und „Twin Peaks". Aber ganz unabhängig von diesen schönen Referenzen gelang Regisseur John Carroll Lynch (nicht verwandt mit ...) eine Filmperle mit viel Humor und Gefühl, die so sympathisch eigenbrötlerisch daherkommt wie die Hauptfigur. Eine faszinierend ruhige Geschichte mit Verweisen zum Leben und Sterben an sich.
Dieser wunderbare Abschiedsfilm für Harry Dean Stanton („Paris, Texas"), der am 15. September 2017 mit 91 Jahren starb, ist ein feines, leises Porträt eines alten Mannes, der viele biographische Parallelen zu Stanton aufzeigt. Yoga am Morgen, der Gang vom Häuschen, das irgendwo in der Wüste zu liegen scheint, zum Café im Kaff, um dort das Kreuzworträtsel zu lösen. Der Alltag von Lucky, der gerne Cowboy-Hut und -Stiefel zu Schießer-Feinripp trägt, hat sich eingeschliffen wie die Furchen in seinem Gesicht. Der klapprige Alte kommentiert mit gesundem Zynismus und scharfer Zunge den Alltag. Sein Arzt meint, wenn der kerngesunde Kettenraucher aufhören würde zu rauchen, würde er sterben. Doch irgendwann kippt Lucky beim Blick auf die rote LED-Uhr an der Kaffeemaschine um und danach macht er sich tatsächlich Gedanken über das Alter.
Das Rot leuchtet später symbolisch und surreal in Richtung eines Ausgangs-Schildes, als wäre dies ein Film von David Lynch. Doch der „Twin Peaks"-Regisseur taucht hier nur als einer der anderen Dauergäste der Cafés und Bars von Lucky auf. Seine noch ältere Schildkröte namens Theodore Roosevelt ist entlaufen. Anlass, sich Gedanken über die Relativität von Zeit zu machen, in diesem Film, der sich viel Zeit nimmt. Wie „The Straight Story", dieser ganz andere Film von David Lynch, wie „Paris, Texas" von Wim Wenders, die bislang einzige Hauptrolle von Harry Dean Stanton. „Ein Dokumentarfilm über Harry Dean Stanton wäre genau so", meinte Wim Wenders zu „Lucky". Stanton war, wie Lucky, Koch in der Navy während des Zweiten Weltkriegs. Auch Harry war Atheist, der ständig die Welt erklärte und uns alle für „Nichts" hielt. Kreuzworträtsel spielten nicht nur fiktiv, sondern auch im echten Leben von Harry eine große Rolle. Weitere Leidenschaften von beiden sind Game Shows, Zigaretten, Bloody Mary und Cowboy-Hüte. Harry Dean sang für sein Leben gern, so darf er hier auf einer mexikanischen Geburtstags-Feier mit Marriachi-Band „Volver, Volver" singen. Die Autoren Logan Sparks und Drago Sumonja meinten denn auch, sie hätten ihre Dialoge von Stanton geklaut.
Dazu sind alle Nebenrollen mit Freunden und Weggefährten von Stanton besetzt. Mit Tom Skerritt war er in „Alien" zu sehen. David Lynch besetzte ihn vortrefflich in „Wild at heart", „The Straight Story" und „Twin Peaks". Aber ganz unabhängig von diesen schönen Referenzen gelang Regisseur John Carroll Lynch (nicht verwandt mit ...) eine Filmperle mit viel Humor und Gefühl, die so sympathisch eigenbrötlerisch daherkommt wie die Hauptfigur. Eine faszinierend ruhige Geschichte mit Verweisen zum Leben und Sterben an sich.
Operation: 12 Strong
USA 2017 (12 Strong) Regie: Nicolai Fuglsig mit Chris Hemsworth, Michael Shannon, Michael Peña 131 Min. FSK ab 16
Es müsste eigentlich Satire sein: Da reiten im Jahr 2001 US-Soldaten in den Krieg gegen die afghanischen Taliban, die sie vorher mit Luftabwehr-Raketen ausgestattet haben. Deswegen geht nix mit Hubschraubern und die Fortbewegung wird etwas umständlicher. Außerdem wollen sie die Verantwortlichen für die Anschläge von 9/11 bestrafen, die sitzen aber in Saudi-Arabien - Erdkunde und Politik ungenügend.
Der typisch widerwärtige Kriegsfilm „Operation: 12 Strong" macht allerdings ein Heldenstück daraus, dass 12 Soldaten unter Führung eines rachsüchtigen „Warlords" nach Afghanistan einreiten und sich von ihm instrumentalisieren lassen. Sie funken Koordinaten nach Hause, mit denen Bomber aus sicherer Höhe ihren Massenmord betreiben können. Das nächste Machwerk vom brachialen Rumpel-Produzenten Jerry Bruckheimer („The Pirates of the Caribbean", „Black Hawk Down") setzt auf Pferde und die unterforderten Stars Chris Hemsworth, Michael Shannon und Michael Peña. Tatsächlich soll im Fach Personen-Entwicklung der Anführer Mitch Nelson (Hemsworth) mit Hilfe der Lebens- oder Tötungsphilosophie des Warlords seinen „Killerblick" finden und westliche Feigheit ablegen. Das klingt dann ähnlich ekelhaft wie die Ideologie der Taliban.
Der dänische Regisseur Nicolai Fuglsig führt ein brutales Beispiel für den Terror der Taliban gegenüber Bildung und Frauen vor. Das reicht als Begründung, um aus sicherer Entfernung haufenweise Menschen und Dörfer zu bombardieren. Vor allem im letzten Drittel gibt es nur noch Ballern und Morden. Selbstverständlich muss „Operation: 12 Strong" heutzutage äußerlich ein „dreckiger" Kriegsfilm sein. Tatsächlich erzählt er vor allem von Übermacht der US-Weltpolizei, ohne jegliche Zweifel zuzulassen. Wo er aufhört, beginnen interessante Filme wie der dänische „Brothers" von Susanne Bier von den Grauen des Krieges für Täter und Opfer zu erzählen.
Es müsste eigentlich Satire sein: Da reiten im Jahr 2001 US-Soldaten in den Krieg gegen die afghanischen Taliban, die sie vorher mit Luftabwehr-Raketen ausgestattet haben. Deswegen geht nix mit Hubschraubern und die Fortbewegung wird etwas umständlicher. Außerdem wollen sie die Verantwortlichen für die Anschläge von 9/11 bestrafen, die sitzen aber in Saudi-Arabien - Erdkunde und Politik ungenügend.
Der typisch widerwärtige Kriegsfilm „Operation: 12 Strong" macht allerdings ein Heldenstück daraus, dass 12 Soldaten unter Führung eines rachsüchtigen „Warlords" nach Afghanistan einreiten und sich von ihm instrumentalisieren lassen. Sie funken Koordinaten nach Hause, mit denen Bomber aus sicherer Höhe ihren Massenmord betreiben können. Das nächste Machwerk vom brachialen Rumpel-Produzenten Jerry Bruckheimer („The Pirates of the Caribbean", „Black Hawk Down") setzt auf Pferde und die unterforderten Stars Chris Hemsworth, Michael Shannon und Michael Peña. Tatsächlich soll im Fach Personen-Entwicklung der Anführer Mitch Nelson (Hemsworth) mit Hilfe der Lebens- oder Tötungsphilosophie des Warlords seinen „Killerblick" finden und westliche Feigheit ablegen. Das klingt dann ähnlich ekelhaft wie die Ideologie der Taliban.
Der dänische Regisseur Nicolai Fuglsig führt ein brutales Beispiel für den Terror der Taliban gegenüber Bildung und Frauen vor. Das reicht als Begründung, um aus sicherer Entfernung haufenweise Menschen und Dörfer zu bombardieren. Vor allem im letzten Drittel gibt es nur noch Ballern und Morden. Selbstverständlich muss „Operation: 12 Strong" heutzutage äußerlich ein „dreckiger" Kriegsfilm sein. Tatsächlich erzählt er vor allem von Übermacht der US-Weltpolizei, ohne jegliche Zweifel zuzulassen. Wo er aufhört, beginnen interessante Filme wie der dänische „Brothers" von Susanne Bier von den Grauen des Krieges für Täter und Opfer zu erzählen.
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