BRD, Frankreich, Polen, Türkei, Kanada, Russland, Italien 2014 Regie: Fatih Akin mit Tahar Rahim, Simon Abkarian, Makram J. Khoury, Kevork Malikyan, Bartu Küçükçaglayan, Trine Dyrholm 139 Min. FSK: ab 12
Fatih Akins neuer Film, der dritte Teil seiner weit gespannten Trilogie um „Liebe, Tod und Teufel" beginnt im Grauen des türkischen Völkermordes an den Armeniern in den Jahren 1915, 1916 und läuft in einer Odyssee zu den in alle Welt verstreuten Überlebenden als starkes Road Movie aus. Dass die jahrelange Suche des armenischen Dorfschmiedes Nazaret Manoogian (Tahar Rahim, der Hauptdarsteller von „Ein Prophet") aus Mardin im untergehenden Osmanischen Reich nach seinen Zwillingstöchtern auch ein Panoptikum ganz aktueller Flucht, Verfolgung und Entwurzelung ist, zeigt die thematische Weite, die in den großen Landschaften einer verzweifelten Reise steckt.
1915 herrscht auch im Osmanischen Reich, das sich mit Deutschland und Österreich verbündet hat, Krieg. Doch das Dorf Mardin zeigt noch eine Ahnung vom friedlichen Zusammenleben aller Volksgruppen. Bis alle armenischen Männer in der Nacht abgeholt werden. Als Gefangene bauen Nazaret und seine Leidensgenossen unter brutaler Soldatenknute und brennender Sonne eine Straße durch die Steinwüste. Die Frage, wer sie benutzen wird, beantwortet sich aufs Schrecklichste, als armenische Frauen und Kinder auf Todesmärschen vorbei getrieben werden. Vom Wegesrand beobachtet Nazaret eine Vergewaltigung, andere Gräuel lassen sich erahnen. Als auch die Männer an der Reihe sind, entgeht Nazaret dem Tod, weil sein türkischer Henker ihm aus Unvermögen zu töten nur in den Hals sticht.
Fortan irrt Nazaret noch lebend aber stumm durch die Schrecken des Genozids, durch weite Landschaften, die sich in Schlüsselmomenten zu Szenen einer Hölle auf Erden verdichten. Das Flüchtlingslager Ras al-Ayn, in dem ausgemergelte Gestalten nur noch den Tod erflehen, ist nicht nur hochaktuell, sondern auch ein
großes ikonisches Kinogemälde, das sich einbrennt. Hier nähern sich Fatih Akin und sein Kameramann Rainer Klausmann im Bild dem großen türkischen Regisseur Nuri Bilge Ceylan.
Der türkische Völkermord an den Armeniern ist auch nach fast 100 Jahren noch ein Thema, für dessen Behandlung der türkisch stämmige Regisseur Fatih Akin nun um sein Leben bangen muss. Dieser von der Weltgemeinschaft hingenommene Genozid war, wie Hitler immer zitiert wird, die Vorlage für den Holocaust: „Wer redet denn heute noch von der Vernichtung der Armenier?", meinte er 1939. Die systematische Vernichtung dieser uralten christlichen Kulturgruppe fand erstmals 1933 in Franz Werfels Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh" ein literarisches Echo. Nachdem das Grauen mit über eine Millionen Opfer besonders in Deutschland aus Rücksicht auf die verbündete Türkei und auch wegen der wahrscheinlichen Beteiligung deutscher Militärs und Regierungen „totgeschwiegen" wurde. Filme taten sich bislang mit dem Thema schwer: Vor allem der armenisch-stämmige Kanadier Atom Egoyan, an der Namensendung -yan oder -ian als „Armenier" erkennbar, hat in unserer Zeit mit poetischen und bewegenden Filmen an den Genozid und seine traumatischen Folgen für heimatlose Armenier in aller Welt erinnert. Wobei er ausgerechnet in seinem schwächsten Film „Ararat", mit dem ebenfalls armenisch-stämmigen Charles Aznavour (Chahnour Varinag Aznavourian), daran scheiterte, die unfassbaren Gräuel direkt zu zeigen. (Der Auftritt von Arsinée Khanjian, der Ehefrau Egoyans adelt übrigens „The Cut".) Auch die Italiener Paolo und Vittorio Taviani wollten die Grausamkeiten des türkischen Völkermordes auf die Leinwand bringen. Doch „Das Haus der Lerchen" war 2007 ein gut gemeinter, aber grausam schlecht gemachter Botschaftsfilm.
Fatih Akins „The Cut" daran zu messen, hieße den Film nur nach seiner ersten Stunde zu beurteilen. Denn er geht mit seiner tragischen Hauptfigur weiter, in den Libanon, nach Kuba und in nordamerikanische Städte und Steppen. Überall findet Nazaret, der zwar den Glauben verloren hat, aber die Hoffnung nicht aufgibt, verstreute Armenier. Und überall erinnert der Film an ähnliche Schicksale und Situationen von heute: Das erwähnte Diyarbakır steht heute für die Verfolgung der Kurden. Was ein Hohn der Geschichte ist, denn damals waren unter den Tätern und Mittätern auch Kurden. Man kommt mit nationalistischen, ethnischen oder religiösen Pauschal-Urteilen und Verurteilungen halt nicht weit. Die Deportationen von Srebrenica sind auf der historischen Folie von „The Cut" ebenso zu entdecken wie die ausgebeuteten Näherinnen von Bangladesh. Denn in so einem, von Moritz Bleibtreu in kleiner Rolle geleiteten „Sweatshop" landeten Nazarets Töchter in den USA.
Dieses offene Panoptikum von Unterdrückung, Ausbeutung und Verfolgung wird begleitet vom Sound der Road Movies, mit einer Tonspur, die sich einschleift und wie bei Neil Young in kreisender Wiederholung nach vorne treibt. Dabei ist Fatih Akin näher an Theo Angelopoulos, der eine zeitlich ganz nahe Vertreibung der Griechen zu einem Epos gemacht hat, als an seinen eigenen Filmen wie „Soul Kitchen" (2009), „Auf der anderen Seite" (2007) oder „Gegen die Wand" (2004). Doch nicht nur, wenn Nazaret für einen leichten Moment auf seiner Odyssee in einem Hinterhof in Aleppo den Zauber einer ersten Filmvorführung mit Chaplin erlebt, wird die große Kinoleidenschaft dieses Filmemachers deutlich, deren Ausdruck auch „The Cut" wieder ist.
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15.10.14
Der Richter: Recht oder Ehre
USA 2014 (The Judge) Regie: David Dobkin mit Robert Downey jr., Robert Duvall, Vera Farmiga, Vincent D'Onofrio, Billy Bob Thornton 141 Min. FSK: ab 6
Einspruch, euer Ehren! Viel zu übertriebene Argumente! Der aktuelle Film-Sherlock Holmes und „Iron Man" Robert Downey jr. produziert sich in „Der Richter" erstmals selbst, Ehefrau Susan ist Chefin der gemeinsamen Produktionsfirma Team Downey. Dadurch schlägt die gute Geschichte um Familien- und Rechtsfragen immer wieder über ästhetische und dramaturgische Stränge. Das Finale bietet so unfreiwillige Parodie und emotionalen Höhepunkt gleichzeitig.
Ja, diese Gespräche von Anwälten auf dem Männer-Klo des Gerichts kennen wir seit Al Pacino dort als Anwalt des Teufels auftrat. Hank Palmer (Robert Downey jr.), erfolgreicher und arroganter Star-Anwalt für Reiche und Schuldige, gibt am Pissoir gar den alten Wolf Nicholson, um zu zeigen, wessen Revier das hier ist. Als der Tod der geliebten Mutter Hank nach Jahrzehnten in die verhasste Kleinstadt zurückruft, ist der Empfang des Vaters (Robert Duvall), des alten lokalen Richters, wie erwartet herzlos. Doch der so strenge und über alle Maßen gerechte Senior überfährt in der Nacht nach dem Begräbnis einen Mörder, den er mehrfach verurteilte. Nun ist der raffinierte Rechtsverdreher Hank gefordert, doch der Alte will keine Freiheit, sondern Gerechtigkeit. Selbst wenn er sich nicht mehr erinnern kann, was in eigentlich geschah.
Robert Downey jr. zeigt volle Kanne, was er kann: Sein schmieriger, selbstverliebter Anwalt ist tatsächlich kein netter Typ und dann ein liebevoller Sohn für den pflegebedürftigen, nicht mehr so grimmigen Vater. All das und mehr gleichzeitig, wie auch die alte Liebe Sam verzweifelt feststellt. Doch das „mehr" und zur Sicherheit „noch mehr" des Films ist eigentlich eine Beleidigung für Downeys Können. Dazu ein Overkill an Geigen, damit der Tränenfluss auch ja in die Gänge kommt, dauernd fällt weiches Licht durch irgendwelche Fenster und die Kamera nutzt jede Gelegenheit, sich groß aufzuschwingen.
Dass das Schauspiel der doppelten Roberts - Downey jr. und Duvall - trotzdem und trotz Überlänge packt, ist vor allem dem guten, dichten Buch zu verdanken. Da gibt es als Perlen einen Homo Faber-Moment mit der Tochter der Ex, den kleinen, behinderten Bruder mit seiner Sammlung von Familienfilmen und vor allem das Finale zwischen den beiden juristischen Dickköpfen. Es fällt szenenweise schwer, nicht auf diesen Film reinzufallen. Doch überzogen ist er auch, da muss jeder Richter und Kritiker Einspruch einlegen.
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Einspruch, euer Ehren! Viel zu übertriebene Argumente! Der aktuelle Film-Sherlock Holmes und „Iron Man" Robert Downey jr. produziert sich in „Der Richter" erstmals selbst, Ehefrau Susan ist Chefin der gemeinsamen Produktionsfirma Team Downey. Dadurch schlägt die gute Geschichte um Familien- und Rechtsfragen immer wieder über ästhetische und dramaturgische Stränge. Das Finale bietet so unfreiwillige Parodie und emotionalen Höhepunkt gleichzeitig.
Ja, diese Gespräche von Anwälten auf dem Männer-Klo des Gerichts kennen wir seit Al Pacino dort als Anwalt des Teufels auftrat. Hank Palmer (Robert Downey jr.), erfolgreicher und arroganter Star-Anwalt für Reiche und Schuldige, gibt am Pissoir gar den alten Wolf Nicholson, um zu zeigen, wessen Revier das hier ist. Als der Tod der geliebten Mutter Hank nach Jahrzehnten in die verhasste Kleinstadt zurückruft, ist der Empfang des Vaters (Robert Duvall), des alten lokalen Richters, wie erwartet herzlos. Doch der so strenge und über alle Maßen gerechte Senior überfährt in der Nacht nach dem Begräbnis einen Mörder, den er mehrfach verurteilte. Nun ist der raffinierte Rechtsverdreher Hank gefordert, doch der Alte will keine Freiheit, sondern Gerechtigkeit. Selbst wenn er sich nicht mehr erinnern kann, was in eigentlich geschah.
Robert Downey jr. zeigt volle Kanne, was er kann: Sein schmieriger, selbstverliebter Anwalt ist tatsächlich kein netter Typ und dann ein liebevoller Sohn für den pflegebedürftigen, nicht mehr so grimmigen Vater. All das und mehr gleichzeitig, wie auch die alte Liebe Sam verzweifelt feststellt. Doch das „mehr" und zur Sicherheit „noch mehr" des Films ist eigentlich eine Beleidigung für Downeys Können. Dazu ein Overkill an Geigen, damit der Tränenfluss auch ja in die Gänge kommt, dauernd fällt weiches Licht durch irgendwelche Fenster und die Kamera nutzt jede Gelegenheit, sich groß aufzuschwingen.
Dass das Schauspiel der doppelten Roberts - Downey jr. und Duvall - trotzdem und trotz Überlänge packt, ist vor allem dem guten, dichten Buch zu verdanken. Da gibt es als Perlen einen Homo Faber-Moment mit der Tochter der Ex, den kleinen, behinderten Bruder mit seiner Sammlung von Familienfilmen und vor allem das Finale zwischen den beiden juristischen Dickköpfen. Es fällt szenenweise schwer, nicht auf diesen Film reinzufallen. Doch überzogen ist er auch, da muss jeder Richter und Kritiker Einspruch einlegen.
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14.10.14
20.000 Days On Earth
Großbritannien 2014 Regie: Iain Forsyth, Jane Pollard 98 Min. FSK: ab 6
Der australische Sänger, Musiker, Dichter und Schauspieler Nick Cave wirkt in seinen Auftritten sehr egozentrisch. Den beiden Künstlern Iain Forsyth und Jane Pollard gelang nun ein sehr egozentrischer und noch viel kunstvollerer, fiktionaler Dokumentarfilm über Nick Cave, der sogar einen ausgesprochenen Nicht-Fan begeistern kann.
Der fiktionale 20.000. Tag im Leben des 57-Jährigen beginnt schon nach dem Aufstehen mit einer Selbstbetrachtung im Spiegel. Cave ist Objekt der Betrachtung und selbst Erzähler. Man kann diesen Mann verehren oder kann es albern finden, wie der, der sich als hauptsächlicher Schriftsteller bezeichnet, im Zwei-Fingersystem auf seiner Schreibmaschine rum hämmert. Doch spätestens wenn die immer quicklebendige und reizvolle Montage sanft fließend wie eine Cave-Ballade und dann wieder rauh wie die punkigen Anfänge mit seiner Band Bad Seeds die Tasten eines Piano einflicht, wird klar: Diese dauernd mit inszenierter Wahrheit spielende Dokumentation ist etwas Besonderes.
Und etwas Humorvolles, wenn der Anruf von Caves Frau den kreativen Prozess jäh unterbricht und den Künstler zum Psychoanalytiker schickt. Die Sitzung soll die Tiefen einer Persönlichkeit ausleuchten, aber gibt es hier im Blick von mindestens drei Kameras wirkliche Offenbarung? Selbst wenn es um den frühen Tod des Vaters geht und der aufgewühlte Cave die Aufnahme unterbricht, bleibt das semidokumentarische Werk hochgradig künstlich und kunstvoll.
Ebenso wie die halben Selbst-Gespräche im Auto, wobei der traumhaft auftauchende Gegenpart immer ein „Weggefährte" Caves ist: Mal der Schauspieler Ray Winstone, mal Blixa Bargeld, dann auf dem Rücksitz Kyle Minogue, mit der Cave den Hit „Where The Wild Roses Grow" hatte. Immer wieder unterhalten sich Performer über Ängste und Energien in der Konfrontation mit dem Publikum und Cave teilt uns auch ausführlich die Grundlagen seiner Ästhetik mit.
„20.000 Days On Earth" wühlt tief - und wiederum sehr unterhaltsam aufbereitet - in einem eigenen Archiv zu Cave, das zumindest als Ort und vielleicht auch in Details eine Erfindung der Filmemacher ist. Erinnerungen an seine Berliner Zeit und die Flohmärkte damals kommen zutage, ein frühes Testament. Selbstverständlich darf die Entwicklung und das Entstehen von neuen Liedern nicht fehlen - allein hierbei ist die tolle Halb-Mockumentary ein klein wenig konventionell - was den Fans ebenso gefallen wird, wie die ausführlichen Konzertaufnahmen und die Filmmusik von Nick Cave und Warren Ellis.
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Der australische Sänger, Musiker, Dichter und Schauspieler Nick Cave wirkt in seinen Auftritten sehr egozentrisch. Den beiden Künstlern Iain Forsyth und Jane Pollard gelang nun ein sehr egozentrischer und noch viel kunstvollerer, fiktionaler Dokumentarfilm über Nick Cave, der sogar einen ausgesprochenen Nicht-Fan begeistern kann.
Der fiktionale 20.000. Tag im Leben des 57-Jährigen beginnt schon nach dem Aufstehen mit einer Selbstbetrachtung im Spiegel. Cave ist Objekt der Betrachtung und selbst Erzähler. Man kann diesen Mann verehren oder kann es albern finden, wie der, der sich als hauptsächlicher Schriftsteller bezeichnet, im Zwei-Fingersystem auf seiner Schreibmaschine rum hämmert. Doch spätestens wenn die immer quicklebendige und reizvolle Montage sanft fließend wie eine Cave-Ballade und dann wieder rauh wie die punkigen Anfänge mit seiner Band Bad Seeds die Tasten eines Piano einflicht, wird klar: Diese dauernd mit inszenierter Wahrheit spielende Dokumentation ist etwas Besonderes.
Und etwas Humorvolles, wenn der Anruf von Caves Frau den kreativen Prozess jäh unterbricht und den Künstler zum Psychoanalytiker schickt. Die Sitzung soll die Tiefen einer Persönlichkeit ausleuchten, aber gibt es hier im Blick von mindestens drei Kameras wirkliche Offenbarung? Selbst wenn es um den frühen Tod des Vaters geht und der aufgewühlte Cave die Aufnahme unterbricht, bleibt das semidokumentarische Werk hochgradig künstlich und kunstvoll.
Ebenso wie die halben Selbst-Gespräche im Auto, wobei der traumhaft auftauchende Gegenpart immer ein „Weggefährte" Caves ist: Mal der Schauspieler Ray Winstone, mal Blixa Bargeld, dann auf dem Rücksitz Kyle Minogue, mit der Cave den Hit „Where The Wild Roses Grow" hatte. Immer wieder unterhalten sich Performer über Ängste und Energien in der Konfrontation mit dem Publikum und Cave teilt uns auch ausführlich die Grundlagen seiner Ästhetik mit.
„20.000 Days On Earth" wühlt tief - und wiederum sehr unterhaltsam aufbereitet - in einem eigenen Archiv zu Cave, das zumindest als Ort und vielleicht auch in Details eine Erfindung der Filmemacher ist. Erinnerungen an seine Berliner Zeit und die Flohmärkte damals kommen zutage, ein frühes Testament. Selbstverständlich darf die Entwicklung und das Entstehen von neuen Liedern nicht fehlen - allein hierbei ist die tolle Halb-Mockumentary ein klein wenig konventionell - was den Fans ebenso gefallen wird, wie die ausführlichen Konzertaufnahmen und die Filmmusik von Nick Cave und Warren Ellis.
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13.10.14
Wie in alten Zeiten (Love Punch)
Frankreich, USA, Großbritannien 2013 (Love Punch) Regie: Joel Hopkins mit Pierce Brosnan, Emma Thompson, Timothy Spall, Celia Imrie, Louise Bourgoin, Laurent Lafitte 95 Min. FSK: ab 0
„Wie in alten Zeiten" - endlich mal ein deutscher Titel, der es exakt trifft: Der romantische Raubzug mit Pierce Brosnan und Emma Thompson ist eine Komödie wie aus alten Zeiten. Sorgfältig gemacht, exzellent gespielt und frei von allem modernen Schnickschnack. Eine sympathische Antwort auf die angebliche Vergreisung des Kinopublikums.
Was für ein schönes Paar: Richard (Pierce Brosnan) und Kate (Emma Thompson) verstehen sich vortrefflich bei dieser Hochzeit von jemand anderem. Jede kleine Spitze wird elegant zurückgefochten, andere Verehrer haben nicht die kleinste Chance. Doch Richard und Kate sind seid Jahren einvernehmlich getrennt. Er treibt sich weiterhin mit viel jüngeren Geliebten rum. Die gemeinsame, ähnlich alte Tochter lässt derweil Mama sitzen, sie beginnt das Studium in einer anderen Stadt. So könnte es getrennt weitergehen mit Richard und Kate, doch eine Woche vor seinem Ruhestand wird dem britischen Investment-Banker die Firma weggekauft und mittels einer der üblichen Finanztricksereien, für die schließlich wir zahlen, auch die Pensionskasse geleert. Nun stehen nicht nur Richards Angestellte mittellos auf der Straße, Häuser, Wohlstand und Lebensstandard von ihm, seiner Frau und den beiden Kindern sind auch weg.
Spontan wie in Studienzeiten, als man sich kennenlernte, geht Richard auf eine völlig verrückte und unmögliche Idee von Kate ein: In Begleitung eines befreundeten Ehepaares (die oft übersehenen englischen Meister-Mimen Timothy Spall und Celia Imrie) wollen sie sich als texanische Investoren bei der Côte d'Azur-Hochzeit der üblen Heuschrecke Vincent (Laurent Lafitte) einschleichen und seiner Braut Manon (Louise Bourgoin) einen millionen-schweren Edelstein rauben. Alles nur um die entrechteten Reichen wieder in ihren Wohlstand zu versetzen. Ein reicher Robin Hood raubt hier in Designer-Klamotten den Rosaroten Panther.
Schon der Vorspann verweist auf den „Pink Panther", den großartigen Klassiker des Krimi-Klamauks von Regisseur Blake Edwards. Und in dessen Stil gelingen auch die Komödien-Szenen: Pierce Brosnan und Emma Thompson spielen die humorigen und erst einmal unerwünschten romantischen Momente perfekt aus. Da stimmt alles und bereitet großes Vergnügen. Ein paar Alters-Scherze über Krankheiten und sonstige Hobbies werden ebenso gut ankommen wie die kleinen, gemeinen Verweise auf die Bond-Vergangenheit von Brosnan. Nachdem sich das Quartett in Taucheranzügen sehr tapsig über eine Bucht bei Cannes der geschlossenen Gesellschaft genähert hat, leidet Richard bei der anschließenden Kletterei im Agentenstil doch sehr unter seiner Höhenangst. Aber gerade in Gefahr und höchster Not flammt die nie verloschene Liebe wieder auf.
In der ebenso exzellenten zweiten Reihe ist „Wie in alten Zeiten" ein Warmlaufen für Timothy Spall, der hier als Nachbar mit geheimnisvoller Vergangenheit mitläuft: In drei Wochen zeigt er als „Mr. Turner - Meister des Lichts" seine ganze Kunst. Dafür erhielt er mehr als verdient die Goldene Palme von Cannes 2014.
Den sympathischen Spaß beschwingen britische Hits wie The Clashs „I Fought The Law". Ja, auch Richard und Kate waren mal jung und wild. Moderne Dinge wie Computer und Smartphones bleiben jedoch weitgehend fremd. Wenn die Firmen-Site des Gegners gehackt werden muss, hilft ihr Sohn per Skype-Chat aus. Dass dabei immer dessen Mitbewohner in sehr privaten Momenten erwischt wird, drückt eine gesunde Distanz zu den neuen Medien mit viel sehr Humor aus. Was solchen Jugendlichen im Kino nebenan derweil als Humor verkauft wird, also der Spaß am Ekel, bei dem man sich schon zum Auftakt mindestens mal übergeben muss, bleibt hier ganz weit weg. „Wie in alten Zeiten" halt. Man sieht quasi den Rosaroten Panther verschmitzt mit dem Auge knipsen.
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„Wie in alten Zeiten" - endlich mal ein deutscher Titel, der es exakt trifft: Der romantische Raubzug mit Pierce Brosnan und Emma Thompson ist eine Komödie wie aus alten Zeiten. Sorgfältig gemacht, exzellent gespielt und frei von allem modernen Schnickschnack. Eine sympathische Antwort auf die angebliche Vergreisung des Kinopublikums.
Was für ein schönes Paar: Richard (Pierce Brosnan) und Kate (Emma Thompson) verstehen sich vortrefflich bei dieser Hochzeit von jemand anderem. Jede kleine Spitze wird elegant zurückgefochten, andere Verehrer haben nicht die kleinste Chance. Doch Richard und Kate sind seid Jahren einvernehmlich getrennt. Er treibt sich weiterhin mit viel jüngeren Geliebten rum. Die gemeinsame, ähnlich alte Tochter lässt derweil Mama sitzen, sie beginnt das Studium in einer anderen Stadt. So könnte es getrennt weitergehen mit Richard und Kate, doch eine Woche vor seinem Ruhestand wird dem britischen Investment-Banker die Firma weggekauft und mittels einer der üblichen Finanztricksereien, für die schließlich wir zahlen, auch die Pensionskasse geleert. Nun stehen nicht nur Richards Angestellte mittellos auf der Straße, Häuser, Wohlstand und Lebensstandard von ihm, seiner Frau und den beiden Kindern sind auch weg.
Spontan wie in Studienzeiten, als man sich kennenlernte, geht Richard auf eine völlig verrückte und unmögliche Idee von Kate ein: In Begleitung eines befreundeten Ehepaares (die oft übersehenen englischen Meister-Mimen Timothy Spall und Celia Imrie) wollen sie sich als texanische Investoren bei der Côte d'Azur-Hochzeit der üblen Heuschrecke Vincent (Laurent Lafitte) einschleichen und seiner Braut Manon (Louise Bourgoin) einen millionen-schweren Edelstein rauben. Alles nur um die entrechteten Reichen wieder in ihren Wohlstand zu versetzen. Ein reicher Robin Hood raubt hier in Designer-Klamotten den Rosaroten Panther.
Schon der Vorspann verweist auf den „Pink Panther", den großartigen Klassiker des Krimi-Klamauks von Regisseur Blake Edwards. Und in dessen Stil gelingen auch die Komödien-Szenen: Pierce Brosnan und Emma Thompson spielen die humorigen und erst einmal unerwünschten romantischen Momente perfekt aus. Da stimmt alles und bereitet großes Vergnügen. Ein paar Alters-Scherze über Krankheiten und sonstige Hobbies werden ebenso gut ankommen wie die kleinen, gemeinen Verweise auf die Bond-Vergangenheit von Brosnan. Nachdem sich das Quartett in Taucheranzügen sehr tapsig über eine Bucht bei Cannes der geschlossenen Gesellschaft genähert hat, leidet Richard bei der anschließenden Kletterei im Agentenstil doch sehr unter seiner Höhenangst. Aber gerade in Gefahr und höchster Not flammt die nie verloschene Liebe wieder auf.
In der ebenso exzellenten zweiten Reihe ist „Wie in alten Zeiten" ein Warmlaufen für Timothy Spall, der hier als Nachbar mit geheimnisvoller Vergangenheit mitläuft: In drei Wochen zeigt er als „Mr. Turner - Meister des Lichts" seine ganze Kunst. Dafür erhielt er mehr als verdient die Goldene Palme von Cannes 2014.
Den sympathischen Spaß beschwingen britische Hits wie The Clashs „I Fought The Law". Ja, auch Richard und Kate waren mal jung und wild. Moderne Dinge wie Computer und Smartphones bleiben jedoch weitgehend fremd. Wenn die Firmen-Site des Gegners gehackt werden muss, hilft ihr Sohn per Skype-Chat aus. Dass dabei immer dessen Mitbewohner in sehr privaten Momenten erwischt wird, drückt eine gesunde Distanz zu den neuen Medien mit viel sehr Humor aus. Was solchen Jugendlichen im Kino nebenan derweil als Humor verkauft wird, also der Spaß am Ekel, bei dem man sich schon zum Auftakt mindestens mal übergeben muss, bleibt hier ganz weit weg. „Wie in alten Zeiten" halt. Man sieht quasi den Rosaroten Panther verschmitzt mit dem Auge knipsen.
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Die Vampirschwestern 2 - Fledermäuse im Bauch
BRD 2014 Regie: Wolfgang Groos mit Laura Roge, Marta Martin, Christiane Paul, Stipe Erçeg, Michael Kessler 97 Min. FSK: ab 0
Früh übt sich, wer Vampirfilme aufsaugen will! Auch die zweite Verfilmung eines Kinderbuches von Franziska Gehm („Ein Date mit Biss") ist nettes Kinderkino mit nur angedeutetem Biss und zaghaftem Kuss - weil beides ja zusammengehört.
Die aus Bistrien zugereisten Vampirschwestern Dakaria (Laura Roge) und Silvania Dakaria Tepes (Marta Martin) haben sich in der Kleinstadt eingelebt. Als Halbvampire sind sie auch am Tag mit ihren Freunden unterwegs. Nur nachts fliegen sie anders als die anderen herum. Die Menschen-Mama Frau Tepes (Christiane Paul) kocht Blutspinnen-Auflauf und backt brav saure Blutchips. Papa Tepes (Stipe Erçeg) rollt beim Nachtdienst im Krankenhaus zufrieden Blutkonserven durch die Gegend. Als die wilde Dakaria heimlich und verbotenerweise zum krassen Kirchen-Konzert der Vampir-Punkband Krypton Krax davonflattert, fliegt sie sich nicht nur sofort auf den ebenfalls fliegenden Lead-Sänger Murdo (Oliver Schulz). Mit dem selbst für Vampire finsteren Manager Xantor (Georg Friedrich) bringt das Punk-Mädchen einen alten Feind auf die Spur der Familie. Derweil versucht die brave Schwester Silvania den Schein eines Camping-Ausfluges der Kinder, ihre aufkommende Schwärmerei für Jacob (Jeremias Meyer) und den ganzen Rest zusammenzuhalten.
Der sehr deutsche Vampirjäger Dirk van Kombast (Michael Kessler) als Nachbar der „Einwanderer auf dem Osten" ist symptomatisch für die bürgerliche Welt dieser Vampirgeschichten. Trotzdem liefern die beiden ganz unterschiedlichen Schwestern mit einigen gelungenen Szenen und einer netten Geschichte dem Genre frisches Blut. Als Anknüpfungspunkte für die jungen Zuschauer gibt es die Eifersucht unter Freunden aber auch bei den Eltern. Was mit Stipe Erçeg als eifersüchtigem Vampir-Papa zu dem großen Plus dieses Filmchens führt, nämlich den großen Darstellern: Erçeg („Die fetten Jahre sind vorbei", „Unknown Identity") und der sich besonders hinterhältig gebende Österreicher Georg Friedrich („Über-Ich und Du", „Mein bester Feind") liefern mehr ab, als die üblichen Verdächtigen bei Kinderfilmen meistens. Auch Richy Müller macht aus Ali Bin Schick, dem kauzigen Händler für Zauberzubehör, einen tollen Typen. Zum Spaß mit leichtem Schaudern kommt eine eigene Vampi-Sprache mit Wortschöpfungen wie „Vampi3"-Dateien oder dem „Vampibook" als sozialer Plattform für Nachtwesen.
Regisseur Wolfgang Groos zeigt nach mutigen und ungewöhnlichen Filmen wie „Hangtime - Kein leichtes Spiel" (2008) oder „Systemfehler - Wenn Inge tanzt" (2013) hier wieder seine Routine aus „Vorstadtkrokodile 3 " (2010) und dem ersten „Vampirschwestern"-Film sowie die zu erwartende Qualität einer Claussen+Wöbke+Putz-Produktion.
„Die Vampirschwestern 2" ist selbstverständlich in seiner wiederum sehr bürgerlichen Harmlosigkeit ein ganz anderer Stoff als der kunstvolle, vielschichtige Jugend-Horror beim schwedischen „So finster die Nacht" und dem US-Remake „Let me in". Oder gar beim meisterlichen dänischen „When animals dream". Doch als kleiner Vorgeschmack auf das schaurig-süße Vergnügen der Vampirgeschichten, als Einstieg in dieses Genre taugen die „Vampirschwestern" immer noch.
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Früh übt sich, wer Vampirfilme aufsaugen will! Auch die zweite Verfilmung eines Kinderbuches von Franziska Gehm („Ein Date mit Biss") ist nettes Kinderkino mit nur angedeutetem Biss und zaghaftem Kuss - weil beides ja zusammengehört.
Die aus Bistrien zugereisten Vampirschwestern Dakaria (Laura Roge) und Silvania Dakaria Tepes (Marta Martin) haben sich in der Kleinstadt eingelebt. Als Halbvampire sind sie auch am Tag mit ihren Freunden unterwegs. Nur nachts fliegen sie anders als die anderen herum. Die Menschen-Mama Frau Tepes (Christiane Paul) kocht Blutspinnen-Auflauf und backt brav saure Blutchips. Papa Tepes (Stipe Erçeg) rollt beim Nachtdienst im Krankenhaus zufrieden Blutkonserven durch die Gegend. Als die wilde Dakaria heimlich und verbotenerweise zum krassen Kirchen-Konzert der Vampir-Punkband Krypton Krax davonflattert, fliegt sie sich nicht nur sofort auf den ebenfalls fliegenden Lead-Sänger Murdo (Oliver Schulz). Mit dem selbst für Vampire finsteren Manager Xantor (Georg Friedrich) bringt das Punk-Mädchen einen alten Feind auf die Spur der Familie. Derweil versucht die brave Schwester Silvania den Schein eines Camping-Ausfluges der Kinder, ihre aufkommende Schwärmerei für Jacob (Jeremias Meyer) und den ganzen Rest zusammenzuhalten.
Der sehr deutsche Vampirjäger Dirk van Kombast (Michael Kessler) als Nachbar der „Einwanderer auf dem Osten" ist symptomatisch für die bürgerliche Welt dieser Vampirgeschichten. Trotzdem liefern die beiden ganz unterschiedlichen Schwestern mit einigen gelungenen Szenen und einer netten Geschichte dem Genre frisches Blut. Als Anknüpfungspunkte für die jungen Zuschauer gibt es die Eifersucht unter Freunden aber auch bei den Eltern. Was mit Stipe Erçeg als eifersüchtigem Vampir-Papa zu dem großen Plus dieses Filmchens führt, nämlich den großen Darstellern: Erçeg („Die fetten Jahre sind vorbei", „Unknown Identity") und der sich besonders hinterhältig gebende Österreicher Georg Friedrich („Über-Ich und Du", „Mein bester Feind") liefern mehr ab, als die üblichen Verdächtigen bei Kinderfilmen meistens. Auch Richy Müller macht aus Ali Bin Schick, dem kauzigen Händler für Zauberzubehör, einen tollen Typen. Zum Spaß mit leichtem Schaudern kommt eine eigene Vampi-Sprache mit Wortschöpfungen wie „Vampi3"-Dateien oder dem „Vampibook" als sozialer Plattform für Nachtwesen.
Regisseur Wolfgang Groos zeigt nach mutigen und ungewöhnlichen Filmen wie „Hangtime - Kein leichtes Spiel" (2008) oder „Systemfehler - Wenn Inge tanzt" (2013) hier wieder seine Routine aus „Vorstadtkrokodile 3 " (2010) und dem ersten „Vampirschwestern"-Film sowie die zu erwartende Qualität einer Claussen+Wöbke+Putz-Produktion.
„Die Vampirschwestern 2" ist selbstverständlich in seiner wiederum sehr bürgerlichen Harmlosigkeit ein ganz anderer Stoff als der kunstvolle, vielschichtige Jugend-Horror beim schwedischen „So finster die Nacht" und dem US-Remake „Let me in". Oder gar beim meisterlichen dänischen „When animals dream". Doch als kleiner Vorgeschmack auf das schaurig-süße Vergnügen der Vampirgeschichten, als Einstieg in dieses Genre taugen die „Vampirschwestern" immer noch.
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12.10.14
Maze Runner - Die Auserwählten im Labyrinth
USA 2014 (The Maze Runner) Regie: Wes Ball mit Dylan O'Brien, Kaya Scodelario, Thomas Brodie-Sangster, Will Poulter 114 Min. FSK: ab 12
Die Jugend ist eine einzige Herausforderung - vor allem im Kino: Da muss man sich im Internat gegen Flüche und bösen Zauber wehren. Bei zynischen Hunger-Spielen ums Überleben kämpfen. In gleichmacherischen Zukunftswelten die Individualität verteidigen. Und jetzt auch noch in einem Labyrinth aus kopierten Ideen anderer Filme rumrennen. „Maze Runner" ist noch so eine Jugendbuch-Reihe, die für den Produzenten gewinnbringend ins Kino kommt. Das Publikum zahlt für ein unbefriedigendes Plagiat.
Als der Aufzug Thomas (Dylan O'Brien) nach rasender Fahrt auf einer Lichtung rauswirft, kann sich der Junge an nichts mehr erinnern – nicht mal an seinem Vornamen. Das überschaubare Stückchen Grün liegt zwischen hohen Steilwänden, die mit schwerer Mechanik tagsüber ein Tor zum dahinterliegenden Labyrinth freigeben. In der Nacht schließt sich das Tor, denn dahinter toben sich irgendwelche Monster lautstark aus.
Die Jungs auf der Wiese wissen auch nach drei Jahren nicht, was gespielt wird, was mit ihnen gespielt wird. Durch Erkundungen einer Elite-Gruppe sogenannter Läufer ahnen sie jedoch, dass der Irrgarten keinen Ausgang hat. Aber nach der Ankunft von Thomas ändert sich alles. Der typisch messianische „Andere" und „Änderer" ist neugieriger, widersetzt sich den Regeln und besiegt schließlich als erster eines der Griever-Monster. Als schließlich auch eine junge Frau (Kaya Scodelario) durch den Aufzug auftaucht, die zudem Thomas zu kennen scheint, überstürzen sich die Ereignisse.
Der erste Film einer Fantasy-Trilogie nach den „Auserwählten"-Romanen von James Dashner wirkt wie Mix aus ähnlich gelagerten, mehr oder weniger populären Jugendgeschichten: Das rätselhafte Labyrinth mit den hinterhältigen Fallen ist wie eine Stadion aus den Hunger-Spielen von „Panem" kombiniert mit einer Jugendversion von „Cube". Dazu kommt ein halbes Beinchen „Herr der Fliegen" und ein dickes, platt gequetschtes Rieseninsekt aus „Starship Troopers" in die aufgewärmte Geschichte.
Im Vergleich erkennt man, wie oberflächlich bei allem optischen Aufwand Geschichte und Figuren im „Maze", dem Labyrinth, sind. Dass die Jugendlichen ohne Erinnerungen im Labyrinth landen, raubt den Figuren ihre Tiefe. Dass ihnen das (politische) System hinter allem unbekannt bleibt, macht alles zu einem mechanischen Ablauf ohne Hintergrund. Die internen Strukturen und Kämpfe zwischen dem Neuling Thomas und dem jungen Alten Newt (Thomas Brodie-Sangster) sind Witz oder eine billige Kopie. Da hilft auch nicht das ansprechende Produktdesign mit den massiven Labyrinth-Wänden, dem ausgewaschenen Look der Gefangenen. Ein Rennen und Jagen gegen bio-mechanische Riesenzecken mit reichlich bissigen Schockmomenten führt überhastet zum unbefriedigenden Ausgang der sehr kalkulierten Geschichte. Ein dreistes Ende mit zu vielen Rätseln und einem daraus folgenden Zwang zu der unausweichlichen Fortsetzung. Aber wenn alle wieder in dieses unübersichtliche Labyrinth rennen, gibt es bestimmt wieder zwei Filme zum Teil drei...
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Die Jugend ist eine einzige Herausforderung - vor allem im Kino: Da muss man sich im Internat gegen Flüche und bösen Zauber wehren. Bei zynischen Hunger-Spielen ums Überleben kämpfen. In gleichmacherischen Zukunftswelten die Individualität verteidigen. Und jetzt auch noch in einem Labyrinth aus kopierten Ideen anderer Filme rumrennen. „Maze Runner" ist noch so eine Jugendbuch-Reihe, die für den Produzenten gewinnbringend ins Kino kommt. Das Publikum zahlt für ein unbefriedigendes Plagiat.
Als der Aufzug Thomas (Dylan O'Brien) nach rasender Fahrt auf einer Lichtung rauswirft, kann sich der Junge an nichts mehr erinnern – nicht mal an seinem Vornamen. Das überschaubare Stückchen Grün liegt zwischen hohen Steilwänden, die mit schwerer Mechanik tagsüber ein Tor zum dahinterliegenden Labyrinth freigeben. In der Nacht schließt sich das Tor, denn dahinter toben sich irgendwelche Monster lautstark aus.
Die Jungs auf der Wiese wissen auch nach drei Jahren nicht, was gespielt wird, was mit ihnen gespielt wird. Durch Erkundungen einer Elite-Gruppe sogenannter Läufer ahnen sie jedoch, dass der Irrgarten keinen Ausgang hat. Aber nach der Ankunft von Thomas ändert sich alles. Der typisch messianische „Andere" und „Änderer" ist neugieriger, widersetzt sich den Regeln und besiegt schließlich als erster eines der Griever-Monster. Als schließlich auch eine junge Frau (Kaya Scodelario) durch den Aufzug auftaucht, die zudem Thomas zu kennen scheint, überstürzen sich die Ereignisse.
Der erste Film einer Fantasy-Trilogie nach den „Auserwählten"-Romanen von James Dashner wirkt wie Mix aus ähnlich gelagerten, mehr oder weniger populären Jugendgeschichten: Das rätselhafte Labyrinth mit den hinterhältigen Fallen ist wie eine Stadion aus den Hunger-Spielen von „Panem" kombiniert mit einer Jugendversion von „Cube". Dazu kommt ein halbes Beinchen „Herr der Fliegen" und ein dickes, platt gequetschtes Rieseninsekt aus „Starship Troopers" in die aufgewärmte Geschichte.
Im Vergleich erkennt man, wie oberflächlich bei allem optischen Aufwand Geschichte und Figuren im „Maze", dem Labyrinth, sind. Dass die Jugendlichen ohne Erinnerungen im Labyrinth landen, raubt den Figuren ihre Tiefe. Dass ihnen das (politische) System hinter allem unbekannt bleibt, macht alles zu einem mechanischen Ablauf ohne Hintergrund. Die internen Strukturen und Kämpfe zwischen dem Neuling Thomas und dem jungen Alten Newt (Thomas Brodie-Sangster) sind Witz oder eine billige Kopie. Da hilft auch nicht das ansprechende Produktdesign mit den massiven Labyrinth-Wänden, dem ausgewaschenen Look der Gefangenen. Ein Rennen und Jagen gegen bio-mechanische Riesenzecken mit reichlich bissigen Schockmomenten führt überhastet zum unbefriedigenden Ausgang der sehr kalkulierten Geschichte. Ein dreistes Ende mit zu vielen Rätseln und einem daraus folgenden Zwang zu der unausweichlichen Fortsetzung. Aber wenn alle wieder in dieses unübersichtliche Labyrinth rennen, gibt es bestimmt wieder zwei Filme zum Teil drei...
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Teenage Mutant Ninja Turtles (2014)
USA 2014 Regie: Jonathan Liebesman mit Megan Fox, Will Arnett, William Fichtner 101 Min.
Der vierte „Realfilm" der zu lächerlichen Ninjakämpfern mutierten Schildkröten wurde von Michael Bay produziert. Doch das Versprechen auf erschlagendes Effektkino erfüllt „Teenage Mutant Ninja Turtles" erst im hektischen Finale einer endlosen Schlittenfahrt. Bis dahin tut der Kinderfilm so, als hätte die aktuelle Generation noch nie von den Turtles gehört und hält die hässlichen Gummimasken der vier vermeintlichen Sympathieträger fast eine Stunde lang zurück. Derweil darf der Foot Clan unter dem Dauerfeind Shredder New York unsicher machen, während die Ratte Splinter (Danny Woodburn) als väterlicher Zen-Meister seinen Turtles verbietet, öffentlich aufzutreten. Der Rest ist so abgedroschen, dass man unstillbare Lust auf Froschschenkel bekommt. Megan Fox hält als unwahrscheinliche Journalisten April O'Neil und als schlechter „Transformer" nun hier ihr Gesicht hin, um kleinen Kino-Jungs eine Freude zu machen. Selbstverständlich muss sich auch ein vermeintlicher Freund als Verbündeter Shredders erweisen. Das Wichtigste bei „Teenage Mutant Ninja Turtles" sind die ausführlichen Kampfszenen des zweiten Teils - ermüdend viel Gewalt und so gut wie nie bekommt jemand eine Schramme ab.
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Der vierte „Realfilm" der zu lächerlichen Ninjakämpfern mutierten Schildkröten wurde von Michael Bay produziert. Doch das Versprechen auf erschlagendes Effektkino erfüllt „Teenage Mutant Ninja Turtles" erst im hektischen Finale einer endlosen Schlittenfahrt. Bis dahin tut der Kinderfilm so, als hätte die aktuelle Generation noch nie von den Turtles gehört und hält die hässlichen Gummimasken der vier vermeintlichen Sympathieträger fast eine Stunde lang zurück. Derweil darf der Foot Clan unter dem Dauerfeind Shredder New York unsicher machen, während die Ratte Splinter (Danny Woodburn) als väterlicher Zen-Meister seinen Turtles verbietet, öffentlich aufzutreten. Der Rest ist so abgedroschen, dass man unstillbare Lust auf Froschschenkel bekommt. Megan Fox hält als unwahrscheinliche Journalisten April O'Neil und als schlechter „Transformer" nun hier ihr Gesicht hin, um kleinen Kino-Jungs eine Freude zu machen. Selbstverständlich muss sich auch ein vermeintlicher Freund als Verbündeter Shredders erweisen. Das Wichtigste bei „Teenage Mutant Ninja Turtles" sind die ausführlichen Kampfszenen des zweiten Teils - ermüdend viel Gewalt und so gut wie nie bekommt jemand eine Schramme ab.
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8.10.14
Jack
BRD 2014 Regie: Edward Berger mit Luise Heyer, Georg Arms, Ivo Pietzcker 102 Min. FSK: ab 6
Ein Kinderdrama, so einfach und überzeugend ist wie sein Titel "Jack": Ein Junge, der viel zu früh viel zu viel Verantwortung für sich und seinen kleinen Bruder (Georg Arms) trägt, sucht im Berliner Sommer verzweifelt seine sehr junge Mutter Sanna (Luise Heyer), die wieder Party macht oder Männer sucht. Jack, der lange sehr geduldig und hilfsbereit bleibt, schlägt den größeren "Bulli" im Kinderheim brutal nieder, rennt weg und beginnt eine Odyssee durch die Großstadt, in der er sich verblüffend gut zurechtfindet. Die Kinder schlafen in einer Tiefgarage, suchen bei ehemaligen Liebhabern der Mutter vergebens Hilfe. Aber den Diebstahl im Kaufhaus begeht der gutmütige Jack wieder nur für einen Freund aus dem Heim. In einer Großstadt, die immer bedrohlich bleibt, rührt und packt diese verzweifelte und letztlich vergebliche Suche nach Liebe immer mehr. Mit der scheinbaren Einfachheit der Kniderfilme von Abbas Kiarostami Regisseur und nicht nur thematisch verwandt mit dem Cannes-Erfolg "Nobody Knows" von Hirokazu Kore-eda gelingt Edward Berger und seiner Ko-Autorin Nele Mueller-Stöfen mit ihrem tollen Hauptdarsteller Ivo Pietzcker ein bemerkenswertes internationales Debüt. Der 1970 in Wolfburg geborene Berger inszenierte bisher einige Schimanskis, "Bloch" und "Polizeiruf". Er arbeitet seit Jahren mit Nele Mueller-Stöfen zusammen.
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Ein Kinderdrama, so einfach und überzeugend ist wie sein Titel "Jack": Ein Junge, der viel zu früh viel zu viel Verantwortung für sich und seinen kleinen Bruder (Georg Arms) trägt, sucht im Berliner Sommer verzweifelt seine sehr junge Mutter Sanna (Luise Heyer), die wieder Party macht oder Männer sucht. Jack, der lange sehr geduldig und hilfsbereit bleibt, schlägt den größeren "Bulli" im Kinderheim brutal nieder, rennt weg und beginnt eine Odyssee durch die Großstadt, in der er sich verblüffend gut zurechtfindet. Die Kinder schlafen in einer Tiefgarage, suchen bei ehemaligen Liebhabern der Mutter vergebens Hilfe. Aber den Diebstahl im Kaufhaus begeht der gutmütige Jack wieder nur für einen Freund aus dem Heim. In einer Großstadt, die immer bedrohlich bleibt, rührt und packt diese verzweifelte und letztlich vergebliche Suche nach Liebe immer mehr. Mit der scheinbaren Einfachheit der Kniderfilme von Abbas Kiarostami Regisseur und nicht nur thematisch verwandt mit dem Cannes-Erfolg "Nobody Knows" von Hirokazu Kore-eda gelingt Edward Berger und seiner Ko-Autorin Nele Mueller-Stöfen mit ihrem tollen Hauptdarsteller Ivo Pietzcker ein bemerkenswertes internationales Debüt. Der 1970 in Wolfburg geborene Berger inszenierte bisher einige Schimanskis, "Bloch" und "Polizeiruf". Er arbeitet seit Jahren mit Nele Mueller-Stöfen zusammen.
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Ein Geschenk der Götter
BRD 2014 Regie: Oliver Haffner mit Katharina Marie Schubert, Adam Bousdoukos, Paul Faßnacht, Katharina Hauter, Rainer Furch 102 Min. FSK: ab 0
Als sich die nicht wirklich extrovertierte oder erfolgreiche Schauspielerin Katharina Anna (Katharina Marie Schubert) arbeitslos melden will, wird die 36-Jährige beim Jobcenter direkt für die Leitung einer Theatergruppe engagiert. Die Truppe ist eine Mischung aus dem Naivchen, dem gut gelaunten Griechen (Fatih Akin-Darsteller Adam Bousdoukos macht wieder ein „Soulfood Café" auf), dem Trotzkopf mit Leseproblemen und anderen typischen Komödienkandidaten. Während der Proben zu „Antigone" lernen wir - durch schöne Schnitte verbunden - die Arbeitslosen mit ihrer privaten Situation kennen. Auf dem Weg zur Aufführung entblößen sich die Verzweifelten selbst und gegenseitig. Am Ende steht der Erfolg, ein Stück Selbstachtung gewonnen zu haben.
Der kleine, sehr sympathische Film von Regisseur und Autor Oliver Haffner überrascht als dichte, treffend gespielte Komödie in einem Stil, der sonst von den Briten so humorvoll wie ehrlich auf die Leinwand gebracht wird.
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Als sich die nicht wirklich extrovertierte oder erfolgreiche Schauspielerin Katharina Anna (Katharina Marie Schubert) arbeitslos melden will, wird die 36-Jährige beim Jobcenter direkt für die Leitung einer Theatergruppe engagiert. Die Truppe ist eine Mischung aus dem Naivchen, dem gut gelaunten Griechen (Fatih Akin-Darsteller Adam Bousdoukos macht wieder ein „Soulfood Café" auf), dem Trotzkopf mit Leseproblemen und anderen typischen Komödienkandidaten. Während der Proben zu „Antigone" lernen wir - durch schöne Schnitte verbunden - die Arbeitslosen mit ihrer privaten Situation kennen. Auf dem Weg zur Aufführung entblößen sich die Verzweifelten selbst und gegenseitig. Am Ende steht der Erfolg, ein Stück Selbstachtung gewonnen zu haben.
Der kleine, sehr sympathische Film von Regisseur und Autor Oliver Haffner überrascht als dichte, treffend gespielte Komödie in einem Stil, der sonst von den Briten so humorvoll wie ehrlich auf die Leinwand gebracht wird.
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Hirngespinster
BRD 2014 Regie: Christian Bach mit Tobias Moretti, Jonas Nay, Stephanie Japp, Hanna Plaß, Ella Frey 96 Min. FSK: ab 12
„Ich heiße Simon Dallinger. Ich werde bald 23 und ich lebe in einem Irrenhaus." So führt der junge Erzähler (Jonas Nay) in seine schwierige Familiensituation ein. Denn sein Vater hat wieder einen Schizophrenie-Schub, demoliert die Satelliten-Anlage der Nachbarn und greift die Handwerker mit einer Axt an. Simon fühlt sich für die Mutter und die achtjährige Schwester Maja verantwortlich. Er kann aber gleichzeitig der neuen Freundin Verena nichts von der Krankheit des Vaters erzählen.
Die TV-Produktion „Hirngespinster" zeigt einfühlsam und differenziert eine schwierige, eine extreme Situation auf. Tobias Moretti („Das finstere Tal") legt sowohl subtilen Wahnsinn in seinen Blick, kann aber auch großartig ausrasten. Eine Entdeckung ist Jonas Nay in der Rolle des Sohnes Simon.
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„Ich heiße Simon Dallinger. Ich werde bald 23 und ich lebe in einem Irrenhaus." So führt der junge Erzähler (Jonas Nay) in seine schwierige Familiensituation ein. Denn sein Vater hat wieder einen Schizophrenie-Schub, demoliert die Satelliten-Anlage der Nachbarn und greift die Handwerker mit einer Axt an. Simon fühlt sich für die Mutter und die achtjährige Schwester Maja verantwortlich. Er kann aber gleichzeitig der neuen Freundin Verena nichts von der Krankheit des Vaters erzählen.
Die TV-Produktion „Hirngespinster" zeigt einfühlsam und differenziert eine schwierige, eine extreme Situation auf. Tobias Moretti („Das finstere Tal") legt sowohl subtilen Wahnsinn in seinen Blick, kann aber auch großartig ausrasten. Eine Entdeckung ist Jonas Nay in der Rolle des Sohnes Simon.
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Mein Freund, der Delfin 2
USA 2014 (Dolphin Tale 2) Regie: Charles Martin Smith mit Harry Connick jr., Ashley Judd, Nathan Gamble, Kris Kristofferson, Morgan Freeman 107 Min. FSK: ab 0
Die Fortsetzung der rührenden, mit Morgan Freeman, Kris Kristofferson, Harry Connick jr. und Ashley Judd prominent besetzten sowie teuer produzierten Tier-Show „Mein Freund, der Delfin" verbindet weiter die Lebenswege des ehemaligen Videogame-Nerds Sawyer (Nathan Gamble) und des Delfins namens Winter, den er einst verletzt fand. Nachdem in der Pflegestation ein älterer Delfin stirbt, ist Winter stark gestresst. Sawyer muss sich zwischen einer tollen Ausbildungs-Chance und der Pflege für den „Delfin-Freund" entscheiden. Auch für die Delfine muss entschieden werden, ob die wieder gesund gepflegte Mandy in die Freiheit oder als Reha-Partner für die behinderte Winter mit ihrer Flossen-Prothese dienen soll.
Über die Tierwelt soll Kindern Verantwortung, Sozialverhalten und sogar die Erfahrung des Todes und der Umgang mit Trauer vermittelt werden. Das gelingt der sorgfältig gemachten Produktion mit einer starken Betonung auf Sentimentale und Kitsch, die keineswegs frei von Wiederholungen und Vorhersehbarem ist. So ambivalent solche Tierfilme mit all der hinter ihnen stehenden, unsichtbaren Dressur auch sind.
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Die Fortsetzung der rührenden, mit Morgan Freeman, Kris Kristofferson, Harry Connick jr. und Ashley Judd prominent besetzten sowie teuer produzierten Tier-Show „Mein Freund, der Delfin" verbindet weiter die Lebenswege des ehemaligen Videogame-Nerds Sawyer (Nathan Gamble) und des Delfins namens Winter, den er einst verletzt fand. Nachdem in der Pflegestation ein älterer Delfin stirbt, ist Winter stark gestresst. Sawyer muss sich zwischen einer tollen Ausbildungs-Chance und der Pflege für den „Delfin-Freund" entscheiden. Auch für die Delfine muss entschieden werden, ob die wieder gesund gepflegte Mandy in die Freiheit oder als Reha-Partner für die behinderte Winter mit ihrer Flossen-Prothese dienen soll.
Über die Tierwelt soll Kindern Verantwortung, Sozialverhalten und sogar die Erfahrung des Todes und der Umgang mit Trauer vermittelt werden. Das gelingt der sorgfältig gemachten Produktion mit einer starken Betonung auf Sentimentale und Kitsch, die keineswegs frei von Wiederholungen und Vorhersehbarem ist. So ambivalent solche Tierfilme mit all der hinter ihnen stehenden, unsichtbaren Dressur auch sind.
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Get On Up
USA 2014 Regie: Tate Taylor mit Chadwick Boseman, Nelsan Ellis, Dan Aykroyd, Viola Davis 139 Min, FSK: ab 12
„Wer hat auf meiner Toilette gesessen?" fragt der weltberühmte Star, Konzern- und Immobilienbesitzer James Brown seine Mieter mit vorgehaltener Flinte. Mit einer absurden Episode beginnt die sehr gelungene und kongenial schwungvolle Biografie zum „Godfather of Soul" James Brown (1933-2006). Dann springt der Film mitten in den Vietnamkrieg, in dem Brown mit vollem Einsatz für das größtenteils schwarze Kanonenfutter spielt. „Versuche nicht, James Brown zu erzählen, wie man funky ist!" maßregelt er einen besorgten Offizier, der das Konzert aus Sicherheitsgründen kurz halten will. Schnell ist klar, dass wir es hier mit einem Wahnsinnigen zu tun haben.
„Get On Up" springt erfreulich lebendig und mit großer Dynamik durch Browns Erinnerungen. Mutig, wie der Film vom elenden Leben in einer Hütte im Wald der Kindheit zum bekannten „I feel good" schneidet. Und auch die Spannweite des Publikums von den rassistischen weißgewaschenen TV-Shows zu „seinem" schwarzen Publikum wird über die Montage vermittelt. Sie brilliert in den einzelnen Musiknummern zusammen mit packendem Schauspiel und ansteckenden Songs.
Aufgewachsen in einem Bordell, zu dreizehn Jahren verurteilt wegen des Diebstahls eines Anzugs, dann der Beginn einer unglaublichen Karriere als innovativer Musiker und immer wieder heftige persönliche Rückschläge, darunter Browns Gewalt gegenüber Frauen. James Brown war schillernde Figur, der eine filmische Biographie niemals vollständig gerecht werden kann. Aber der sagenhaft gute Hauptdarsteller Chadwick Boseman lässt ihn in Mimik und seinen Bewegungen immer wieder aufleben. Zudem hat er sein eigenes Charisma, wodurch alle Musiknummern so großartig gelingen. Unterstützt wird er von einer ganzen Reihe exzellenter Nebendarsteller, unter anderem James Belushi als Manager und Freund. Ein mitreißender Kino-Schlager voller guter und böser Hits.
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„Wer hat auf meiner Toilette gesessen?" fragt der weltberühmte Star, Konzern- und Immobilienbesitzer James Brown seine Mieter mit vorgehaltener Flinte. Mit einer absurden Episode beginnt die sehr gelungene und kongenial schwungvolle Biografie zum „Godfather of Soul" James Brown (1933-2006). Dann springt der Film mitten in den Vietnamkrieg, in dem Brown mit vollem Einsatz für das größtenteils schwarze Kanonenfutter spielt. „Versuche nicht, James Brown zu erzählen, wie man funky ist!" maßregelt er einen besorgten Offizier, der das Konzert aus Sicherheitsgründen kurz halten will. Schnell ist klar, dass wir es hier mit einem Wahnsinnigen zu tun haben.
„Get On Up" springt erfreulich lebendig und mit großer Dynamik durch Browns Erinnerungen. Mutig, wie der Film vom elenden Leben in einer Hütte im Wald der Kindheit zum bekannten „I feel good" schneidet. Und auch die Spannweite des Publikums von den rassistischen weißgewaschenen TV-Shows zu „seinem" schwarzen Publikum wird über die Montage vermittelt. Sie brilliert in den einzelnen Musiknummern zusammen mit packendem Schauspiel und ansteckenden Songs.
Aufgewachsen in einem Bordell, zu dreizehn Jahren verurteilt wegen des Diebstahls eines Anzugs, dann der Beginn einer unglaublichen Karriere als innovativer Musiker und immer wieder heftige persönliche Rückschläge, darunter Browns Gewalt gegenüber Frauen. James Brown war schillernde Figur, der eine filmische Biographie niemals vollständig gerecht werden kann. Aber der sagenhaft gute Hauptdarsteller Chadwick Boseman lässt ihn in Mimik und seinen Bewegungen immer wieder aufleben. Zudem hat er sein eigenes Charisma, wodurch alle Musiknummern so großartig gelingen. Unterstützt wird er von einer ganzen Reihe exzellenter Nebendarsteller, unter anderem James Belushi als Manager und Freund. Ein mitreißender Kino-Schlager voller guter und böser Hits.
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7.10.14
Wish I Was Here
USA 2014 Regie: Zach Braff mit Zach Braff, Kate Hudson, Mandy Patinkin, Josh Gad, Joey King 106 Min. FSK: ab 6
„Scrubs"-Star Zach Braff begeistert auch mit seiner zweiten eigenen Regie nach „Garden State". „Wish I Was Here" ist ein traumhaft sicher inszenierter und leichter Film über die große Unsicherheit, die das Leben manchmal gar nicht so leicht macht.
Aidan Bloom (Zach Braff) ist ein arbeitsloser Schauspieler mit einer anscheinend wohlhabende Familie in Los Angeles. Doch plötzlich hat das Leben ein paar üble Einfälle: Sein Vater Gabe (Mandy Patinkin) bekommt wieder Krebs, also muss Aidan auch noch auf dessen Hund aufpassen. Papas Geld für die jüdische Schule bleibt nun aus, die Kinder Grace (Joey King) und Tucker (Pierce Gagnon) werden jetzt mehr schlecht als recht zuhause unterrichtet. Und Aidans Frau Sarah (Kate Hudson), die das Geld verdient, wird auf ihrem stumpfsinnigen Arbeitsplatz sexuell belästigt.
Ein guter Zeitpunkt, sich über das große „Warum?" Gedanken zu machen. Wobei das Familiendrama genau wie sein Protagonist, Autor und Hauptdarsteller Zach Braff andauernd sehr witzig bleibt. Braffs Dialoge sind es sowieso. Der Glaube hilft erst einmal nicht weiter, denn der alte Rabbi, der sich über Kätzchen auf YouTube amüsiert, weist Aidan zurecht: „Gott will, dass Sie für ihre Familie sorgen. Wenn Sie einen Anspruch auf ihr Lebensglück wollen, müssen sie zu Thomas Jefferson." Der von der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung.
Trotzdem nimmt Aidan den Unterricht der Kinder in die Hand und irgendwie ergibt sich beim Zaun-Einreißen und Pool-Saubermachen eine Schule des Lebens. Mit tollen Songs von The Shins, Bon Iver oder Badly Drawn Boy und genialen Ideen wie Opas Sammlung aller Kontaktlinsen, die er jemals getragen hat und von denen er sich nicht verabschieden kann, weil das ist ja alles was er gesehen hat. Mit rührenden Szenen voller Verständnis für einander. Ohne aufgesetzt dramatische Streitereien und Kämpfe. Wie Aidan unter lauter Schwarzen die Rolle eines Schwarzen haben will; wie die Tochter droht, zu einer orthodoxen Jüdin zu werden - jede Szene von Zach Braff ist gleichzeitig witzig und geistreich. Jede Figur interessant bis zum Schauspielkollegen, der auch nie eine Rolle bekommt („The Big Bang Theory"-Star Jim Parsons).
Mit Zach Braff und Kate Hudson brillieren populäre Schauspieler in einem Film über das nicht endende Erwachsenwerden mitten im Leben, der mit leichter Hand die ganz großen Lebensfragen von der Erziehung der Kinder bis zum Tod des Vaters auf die Leinwand wirft und Hoffnung gibt, sich nicht vor ihnen zu verstecken.
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„Scrubs"-Star Zach Braff begeistert auch mit seiner zweiten eigenen Regie nach „Garden State". „Wish I Was Here" ist ein traumhaft sicher inszenierter und leichter Film über die große Unsicherheit, die das Leben manchmal gar nicht so leicht macht.
Aidan Bloom (Zach Braff) ist ein arbeitsloser Schauspieler mit einer anscheinend wohlhabende Familie in Los Angeles. Doch plötzlich hat das Leben ein paar üble Einfälle: Sein Vater Gabe (Mandy Patinkin) bekommt wieder Krebs, also muss Aidan auch noch auf dessen Hund aufpassen. Papas Geld für die jüdische Schule bleibt nun aus, die Kinder Grace (Joey King) und Tucker (Pierce Gagnon) werden jetzt mehr schlecht als recht zuhause unterrichtet. Und Aidans Frau Sarah (Kate Hudson), die das Geld verdient, wird auf ihrem stumpfsinnigen Arbeitsplatz sexuell belästigt.
Ein guter Zeitpunkt, sich über das große „Warum?" Gedanken zu machen. Wobei das Familiendrama genau wie sein Protagonist, Autor und Hauptdarsteller Zach Braff andauernd sehr witzig bleibt. Braffs Dialoge sind es sowieso. Der Glaube hilft erst einmal nicht weiter, denn der alte Rabbi, der sich über Kätzchen auf YouTube amüsiert, weist Aidan zurecht: „Gott will, dass Sie für ihre Familie sorgen. Wenn Sie einen Anspruch auf ihr Lebensglück wollen, müssen sie zu Thomas Jefferson." Der von der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung.
Trotzdem nimmt Aidan den Unterricht der Kinder in die Hand und irgendwie ergibt sich beim Zaun-Einreißen und Pool-Saubermachen eine Schule des Lebens. Mit tollen Songs von The Shins, Bon Iver oder Badly Drawn Boy und genialen Ideen wie Opas Sammlung aller Kontaktlinsen, die er jemals getragen hat und von denen er sich nicht verabschieden kann, weil das ist ja alles was er gesehen hat. Mit rührenden Szenen voller Verständnis für einander. Ohne aufgesetzt dramatische Streitereien und Kämpfe. Wie Aidan unter lauter Schwarzen die Rolle eines Schwarzen haben will; wie die Tochter droht, zu einer orthodoxen Jüdin zu werden - jede Szene von Zach Braff ist gleichzeitig witzig und geistreich. Jede Figur interessant bis zum Schauspielkollegen, der auch nie eine Rolle bekommt („The Big Bang Theory"-Star Jim Parsons).
Mit Zach Braff und Kate Hudson brillieren populäre Schauspieler in einem Film über das nicht endende Erwachsenwerden mitten im Leben, der mit leichter Hand die ganz großen Lebensfragen von der Erziehung der Kinder bis zum Tod des Vaters auf die Leinwand wirft und Hoffnung gibt, sich nicht vor ihnen zu verstecken.
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The Equalizer (2014)
USA 2014 Regie: Antoine Fuqua mit Denzel Washington, Marton Csokas, Chloë Grace Moretz, David Harbour 132 Min. FSK: ab 16
Bestwerte bei der Sneak-Vorstellung, Denzel Washington erneut in der Hauptrolle und aufwändige Werbung - „The Equalizer" scheint etwas Besonderes zu sein. Allerdings macht der Action-Film von Anfang an klar, er ist vom Regisseur Antoine Fuqua, hat den Fuqua-Hauptdarsteller und Koproduzent Denzel Washington, den Fuqua-Sound mit den peitschenden und ins Dunkle treibenden Klängen.
Robert McCall (Denzel Washington) ist der freundliche, ältere Mann vom Baumarkt. Er ist zuvorkommend, umsichtig, klug, hilfsbereit. Immer bleibt er ruhig, fast unerträglich ruhig. Die Souveränität, mit der er einen kleinen Räuber an der Baumarkt-Kasse bedient, um später mit ihm abzurechnen, ist eindrucksvoll. Er meint, die Menschen sollten ihren Träumen folgen: Du kannst alles sein, was du sein willst. In einer beiläufigen Kneipen-Diskussion über Hemingways „Der alte Mann und das Meer" meint er jedoch lakonisch: Der alte Mann ist ein Fischer, der Fisch ist ein Fisch - jeder macht, was er machen muss.
Und so zeigt Robert sein wahres Gesicht und seine Vergangenheit als Special Agent, als eine russische Prostituierte von ihren Zuhältern zusammengeschlagen wird. Er erweist sich als der sehr aufmerksame, genaue Beobachter, der dann die Situation mit Schnelligkeit, Übersicht und großer Überlegenheit tödlich löst. Fünf massakrierte Russen lösen jedoch nicht das Problem, sondern eine Spirale der Gewalt aus.
Mit ebensolcher Ruhe baut der Film den Widersacher Teddy (Marton Csokas) auf. Der Saubermann der russischen Mafia, ein „Soziopath mit Visitenkarte", tritt zurückhaltend auf und ist eine personifizierte Drohung. Wie gnadenlos und endlos er einen der kleinen irischen Gangstermit bloßen Fäusten zusammenschlägt, um einen Nachricht zu hinterlassen, ist wiederum das Äquivalent zu Roberts Brutalität. Was plötzlich kein Dilemma für den ehemaligen Agenten Robert mehr ist, der doch eigentlich sein ruhiges Leben mit neuer Identität genießen wollte. Im Prinzip ist er ein krankhafter Choleriker, nur einer mit verzögerter Schlagkraft. Was ihn letztendlich zu keiner wirklich raffinierten Figur macht. Noch weniger zu einem gebrochenen Charakter.
Nebenbei spricht Robert noch russisch und spanisch. Und schützt den Imbiss seines Kollegen vor den Schutzgeldzahlung. Was er nicht macht, ist zwischendurch in Strumpfhosen durch den Sherwood Forest reiten. Aber beim „Equalizer" ist auch sonst nichts witzig, ironisch oder irgendwie gebrochen. Außer Knochen selbstverständlich. Dem intensiven, ausnahmsweise mal gewaltfreien Tête-à-Tête von Robert und Teddy stehen abgedroschene Zeitlupen mit großen Explosionen im Hintergrund und ein recht einfallslosen Finale im Baumarkt gegenüber. Fuqua macht's möglich.
Mit „Training Day" im Jahr 2001 und den schwächeren Wiederholungen der gleichen Gewalt und Polizei im Ghetto-Geschichten wie „Gesetz der Straße - Brooklyn's Finest" (2009) und „Olympus Has Fallen - Die Welt in Gefahr" (2013) hat sich Antoine Fuqua einen bluttriefenden Namen gemacht. Er kann sehr gut Gewalt inszenieren, lässt sich Zeit, damit die Spannung wächst, die Angst um die sogenannten Unschuldigen, die Furcht vor dem nächsten Blutbad auf der Leinwand. Um dann extrem brutal und drastisch zuzuschlagen.
„The Equalizer", das Remake einer TV-Serie, wurde dabei nach dem Drehbuchbaukasten konstruiert und ist im zeitlichen Ablauf so penibel wie sein Protagonist: Nach 30 Minuten der erste Gewaltausbruch. Nach einer Stunde das erste, vorerst nur verbale Abtasten der beiden Antipoden. Dann die stufenweise Eskalation der Gewalt. Das sieht das gut aus und ist in den Hauptrollen exzellent besetzt. Aber die Lindenstraße bleibt Lindenstraße, selbst wenn man den Etat verzehnfacht und alle Figuren mit richtig guten Leuten ersetzt. Oder wie es Robert sagt: Ein Fisch ist ein Fisch, Fuqua ist Fuqua - jeder macht, was er machen muss.
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Bestwerte bei der Sneak-Vorstellung, Denzel Washington erneut in der Hauptrolle und aufwändige Werbung - „The Equalizer" scheint etwas Besonderes zu sein. Allerdings macht der Action-Film von Anfang an klar, er ist vom Regisseur Antoine Fuqua, hat den Fuqua-Hauptdarsteller und Koproduzent Denzel Washington, den Fuqua-Sound mit den peitschenden und ins Dunkle treibenden Klängen.
Robert McCall (Denzel Washington) ist der freundliche, ältere Mann vom Baumarkt. Er ist zuvorkommend, umsichtig, klug, hilfsbereit. Immer bleibt er ruhig, fast unerträglich ruhig. Die Souveränität, mit der er einen kleinen Räuber an der Baumarkt-Kasse bedient, um später mit ihm abzurechnen, ist eindrucksvoll. Er meint, die Menschen sollten ihren Träumen folgen: Du kannst alles sein, was du sein willst. In einer beiläufigen Kneipen-Diskussion über Hemingways „Der alte Mann und das Meer" meint er jedoch lakonisch: Der alte Mann ist ein Fischer, der Fisch ist ein Fisch - jeder macht, was er machen muss.
Und so zeigt Robert sein wahres Gesicht und seine Vergangenheit als Special Agent, als eine russische Prostituierte von ihren Zuhältern zusammengeschlagen wird. Er erweist sich als der sehr aufmerksame, genaue Beobachter, der dann die Situation mit Schnelligkeit, Übersicht und großer Überlegenheit tödlich löst. Fünf massakrierte Russen lösen jedoch nicht das Problem, sondern eine Spirale der Gewalt aus.
Mit ebensolcher Ruhe baut der Film den Widersacher Teddy (Marton Csokas) auf. Der Saubermann der russischen Mafia, ein „Soziopath mit Visitenkarte", tritt zurückhaltend auf und ist eine personifizierte Drohung. Wie gnadenlos und endlos er einen der kleinen irischen Gangstermit bloßen Fäusten zusammenschlägt, um einen Nachricht zu hinterlassen, ist wiederum das Äquivalent zu Roberts Brutalität. Was plötzlich kein Dilemma für den ehemaligen Agenten Robert mehr ist, der doch eigentlich sein ruhiges Leben mit neuer Identität genießen wollte. Im Prinzip ist er ein krankhafter Choleriker, nur einer mit verzögerter Schlagkraft. Was ihn letztendlich zu keiner wirklich raffinierten Figur macht. Noch weniger zu einem gebrochenen Charakter.
Nebenbei spricht Robert noch russisch und spanisch. Und schützt den Imbiss seines Kollegen vor den Schutzgeldzahlung. Was er nicht macht, ist zwischendurch in Strumpfhosen durch den Sherwood Forest reiten. Aber beim „Equalizer" ist auch sonst nichts witzig, ironisch oder irgendwie gebrochen. Außer Knochen selbstverständlich. Dem intensiven, ausnahmsweise mal gewaltfreien Tête-à-Tête von Robert und Teddy stehen abgedroschene Zeitlupen mit großen Explosionen im Hintergrund und ein recht einfallslosen Finale im Baumarkt gegenüber. Fuqua macht's möglich.
Mit „Training Day" im Jahr 2001 und den schwächeren Wiederholungen der gleichen Gewalt und Polizei im Ghetto-Geschichten wie „Gesetz der Straße - Brooklyn's Finest" (2009) und „Olympus Has Fallen - Die Welt in Gefahr" (2013) hat sich Antoine Fuqua einen bluttriefenden Namen gemacht. Er kann sehr gut Gewalt inszenieren, lässt sich Zeit, damit die Spannung wächst, die Angst um die sogenannten Unschuldigen, die Furcht vor dem nächsten Blutbad auf der Leinwand. Um dann extrem brutal und drastisch zuzuschlagen.
„The Equalizer", das Remake einer TV-Serie, wurde dabei nach dem Drehbuchbaukasten konstruiert und ist im zeitlichen Ablauf so penibel wie sein Protagonist: Nach 30 Minuten der erste Gewaltausbruch. Nach einer Stunde das erste, vorerst nur verbale Abtasten der beiden Antipoden. Dann die stufenweise Eskalation der Gewalt. Das sieht das gut aus und ist in den Hauptrollen exzellent besetzt. Aber die Lindenstraße bleibt Lindenstraße, selbst wenn man den Etat verzehnfacht und alle Figuren mit richtig guten Leuten ersetzt. Oder wie es Robert sagt: Ein Fisch ist ein Fisch, Fuqua ist Fuqua - jeder macht, was er machen muss.
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Under the Skin (2013)
USA, Großbritannien 2013 Regie: Jonathan Glazer mit Scarlett Johansson, Jeremy McWilliams, Paul Brannigan 108 Min. FSK: ab 12
Film ist immer gerne Selbstreflektion und Erkenntnis. Allein schon beim für den Vorgang „Unterhaltungsfilm" notwendigen Wiedererkennen des Zuschauers in einer Identifikationsfigur. Der Blick jedoch, mit dem Scarlett Johansson in „Under the Skin" auf das schaut, was unter ihrer eigenen Haut steckt, ist atemberaubend einmalig. Wie der ganze Film von Jonathan Glazer, dem Regisseur vom britischen Gangster-Hit „Sexy Beast" und dem verstörenden Pädophilie-Film „Birth" mit Nicole Kidman.
„Under the Skin" geht unter die Haut, auch unter die Hirnhaut. Auf faszinierende Weise rätselhaft zeigt er, wie eine extrem regungs- und gefühlslose Frau (Scarlett Johansson) Jagd auf Männer macht. Aus einem Kleinlaster, der sie wie ein Raumschiff von der Außenwelt abschließt, beobachtet sie - und wir mit ihr - hauptsächlich Männer in schottischen Städten. Sollte einer unverheiratet und ohne Familie im Ort sein, sollte er dann noch einsteigen, fährt sie ihn zu wechselnden Haustüren, hinter der sich immer reines, glänzendes Schwarz auftut. Vor dem erhofften Akt versinken die voll erigierten Männer im schwarzen Nichts, über dem sie wie Jesus auf dem Catwalk elegant hinweg schreitet.
Ein in seiner atemberaubenden Andersartigkeit irritierendes Eindringen und Versinken. Und nur einer von vielen faszinierend rätselhaften Vorgängen. Das wirkt nicht nur im Sound wie bei Kubricks „2001" (ohne die Walzer-Sachen), wenn auch mit einer deutlich höheren Ladung Erotik. Beim Einsammeln der Männer erschlägt die fremdartige Frau einen fast Ertrunkenen am Strand. Die Familie, die nebenbei ertrinkt, interessiert sie nicht. Immer ist ein Helfer auf seinem Motorrad dabei, um nachher alle Spuren wegzuräumen. Ein junger Mann mit einem wie beim „Elefant Man" stark deformierten Gesicht bewegt in einer unglaublich spannenden Szene doch etwas in ihr. Sie lässt ihn laufen und flieht selbst ins grandiose Rot und Grün schottischer Moore und Küsten. Die Begegnungen mit einem liebevollen und dann einem brutal lüsternen Mann führen zu den letzten, schockenden Enthüllungen.
Nachdem Scarlett Johansson in Luc Bessons etwas simpler gestrickten „Lucy" von Mensch zum weltumfassenden Übermensch wurde, schlüpft sie nun als gefühlsloses Wesen allmählich in die Haut der Menschen. Wieder mal ist es ganz erstaunlich, wie viel Ausdruck die nicht nur von Woody Allen geschätzte Schauspielerin in ein regungsloses Blicken legen kann. Nach einem erstaunten Blick der nackten Erkenntnis in den Spiegel, wandelt sich der Ausdruck zum kindlichen Staunen, was einen irritierenden Gegensatz zum deutlich herausgestellten, sehr weiblichen Körper darstellt.
Regisseur und Koautor Jonathan Glazer liefert in seiner Filmversion des gleichnamigen Romans von Michel Faber keine Erklärungen, so gut wie keine Dialoge. (Und wenn, sind sie im Original wegen des heftigen Dialekts schwer verständlich.) Dafür gibt es in diesem einzigartigen Stück purem und unkonventionellem Kino reichlich ungewöhnliche Perspektiven und Kameraobjektive zur Dauerbegleitung von irritierenden Tönen, die nur durch ein Geigen-Leitmotiv wie aus einem Hitchcock-Film unterbrochen werden. Ein schwer erklärbares aber doch unbedingt sehens-wertes Kinoerlebnis.
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Film ist immer gerne Selbstreflektion und Erkenntnis. Allein schon beim für den Vorgang „Unterhaltungsfilm" notwendigen Wiedererkennen des Zuschauers in einer Identifikationsfigur. Der Blick jedoch, mit dem Scarlett Johansson in „Under the Skin" auf das schaut, was unter ihrer eigenen Haut steckt, ist atemberaubend einmalig. Wie der ganze Film von Jonathan Glazer, dem Regisseur vom britischen Gangster-Hit „Sexy Beast" und dem verstörenden Pädophilie-Film „Birth" mit Nicole Kidman.
„Under the Skin" geht unter die Haut, auch unter die Hirnhaut. Auf faszinierende Weise rätselhaft zeigt er, wie eine extrem regungs- und gefühlslose Frau (Scarlett Johansson) Jagd auf Männer macht. Aus einem Kleinlaster, der sie wie ein Raumschiff von der Außenwelt abschließt, beobachtet sie - und wir mit ihr - hauptsächlich Männer in schottischen Städten. Sollte einer unverheiratet und ohne Familie im Ort sein, sollte er dann noch einsteigen, fährt sie ihn zu wechselnden Haustüren, hinter der sich immer reines, glänzendes Schwarz auftut. Vor dem erhofften Akt versinken die voll erigierten Männer im schwarzen Nichts, über dem sie wie Jesus auf dem Catwalk elegant hinweg schreitet.
Ein in seiner atemberaubenden Andersartigkeit irritierendes Eindringen und Versinken. Und nur einer von vielen faszinierend rätselhaften Vorgängen. Das wirkt nicht nur im Sound wie bei Kubricks „2001" (ohne die Walzer-Sachen), wenn auch mit einer deutlich höheren Ladung Erotik. Beim Einsammeln der Männer erschlägt die fremdartige Frau einen fast Ertrunkenen am Strand. Die Familie, die nebenbei ertrinkt, interessiert sie nicht. Immer ist ein Helfer auf seinem Motorrad dabei, um nachher alle Spuren wegzuräumen. Ein junger Mann mit einem wie beim „Elefant Man" stark deformierten Gesicht bewegt in einer unglaublich spannenden Szene doch etwas in ihr. Sie lässt ihn laufen und flieht selbst ins grandiose Rot und Grün schottischer Moore und Küsten. Die Begegnungen mit einem liebevollen und dann einem brutal lüsternen Mann führen zu den letzten, schockenden Enthüllungen.
Nachdem Scarlett Johansson in Luc Bessons etwas simpler gestrickten „Lucy" von Mensch zum weltumfassenden Übermensch wurde, schlüpft sie nun als gefühlsloses Wesen allmählich in die Haut der Menschen. Wieder mal ist es ganz erstaunlich, wie viel Ausdruck die nicht nur von Woody Allen geschätzte Schauspielerin in ein regungsloses Blicken legen kann. Nach einem erstaunten Blick der nackten Erkenntnis in den Spiegel, wandelt sich der Ausdruck zum kindlichen Staunen, was einen irritierenden Gegensatz zum deutlich herausgestellten, sehr weiblichen Körper darstellt.
Regisseur und Koautor Jonathan Glazer liefert in seiner Filmversion des gleichnamigen Romans von Michel Faber keine Erklärungen, so gut wie keine Dialoge. (Und wenn, sind sie im Original wegen des heftigen Dialekts schwer verständlich.) Dafür gibt es in diesem einzigartigen Stück purem und unkonventionellem Kino reichlich ungewöhnliche Perspektiven und Kameraobjektive zur Dauerbegleitung von irritierenden Tönen, die nur durch ein Geigen-Leitmotiv wie aus einem Hitchcock-Film unterbrochen werden. Ein schwer erklärbares aber doch unbedingt sehens-wertes Kinoerlebnis.
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The Salvation
Dänemark, Großbritannien 2014 Regie: Kristian Levring mit Mads Mikkelsen, Eva Green, Eric Cantona, Jeffrey Dean Morgan, Mikael Persbrandt 93 Min. FSK: ab 16
30 Jahre nachdem Lars von Trier in Cannes mit „The Element of Crime" eine neue dänische Filmwelle anschob, nach all den Dogma-Filmen und ganz unterschiedlichen Meisterwerken auf TV und Leinwand, scheinen die wilden Film-Wikinger im Mainstream angekommen zu sein: „The Salvation" ist ein eindrucksvoller, aber bis auf die faszinierende Bildtönung sehr konventioneller Western mit Mads Mikkelsen in der Hauptrolle.
Nord-Amerika um 1870. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten spielt wieder einmal das Lied vom Tod für Einwanderer aus Europa. Ganz wie bei Sergio Leones Klassiker fährt die Kamera über den Torbogen in eine Stadt, die schon viele Hoffnungen und Hoffende begraben hat. Der frühere Soldat Jon (Mads Mikkelsen) hat nach der Niederlage im deutsch-dänischen Krieg 1864 den alten Kontinent verlassen und im Weste(r)n als Siedler Fuß gefasst. Doch - hier lässt der Film das Elegische von Leones „Once upon a time in the West" vermissen - kaum sind seine Frau Marie (Nanna Øland Fabricius, eine als „Oh Land" bekannte dänische Sängerin und Tänzerin) und sein Sohn angekommen, werden die beiden brutal ermordet. Nachdem dieses dem Film scheinbar lästige Vorgeplänkel mit dem Schrecken der Gewalt gegen Unschuldige eindringlich, aber rasch abgehandelt ist, begeben sich Jon und sein Bruder Peter (Mikael Persbrandt) auf den Pfad der gründlichen Rache. Nicht immer überlegen, nicht dauernd clever, aber beharrlich und ohne Rücksicht auf Verluste.
Und damit der Film auf eine schön ausgemergelte Westernwellenlänge kommt, erwischt Jon, als er den Mörder und Vergewaltiger umbringt, ausgerechnet den kleinen Bastard-Bruder des mächtigen und berüchtigten Bandenanführers Delarue (Jeffrey Dean Morgan), der die ganze Gegend beherrscht und terrorisiert. Die Bevölkerung von Jons neuem Heimatort steckt mit Delarue unter einer Decke oder versteckt sich sicherheitshalber schnell. Muster der Feigheit ist der korrupte Bürgermeister Keane (Jonathan Pryce). Unerwartete Unterstützung erhält Jon ausgerechnet von der Witwe des Unholdes - der stolzen Gangsterbraut Madelaine (Eva Green). Die Indianer schnitten ihr die Zunge aus dem Mund und markierten sie mit einer großen Narbe im Gesicht.
Mads Mikkelsen, DAS Aushängeschild des dänischen Films, beweist nach seinem Auftritt als „Michael Kohlhaas" auch in „The Salvation", dass er zu Pferde verdammt gut aussieht. In „The Salvation" des dänischen Regisseurs Kristian Levring und des exzellenten Autors Anders Thomas Jensen („Adams Äpfel", „Love is all you need", „In einer besseren Welt") spielt er einen Auswanderer, der Rache an den Terror-Herrschern eines Western-Dorfes nimmt. Das ist ein Schützenfest auf hohem ästhetischen Niveau. Originell dabei der deutliche Hinweis auf heutige Kriegsgründe im Finale: Hier fließt Blut für Öl, während Ölfarben für apokalyptische Nächte in der Savanne und Tilt-Shift-Unschärfen das Geschehen in so noch nicht gesehenes Licht tauchen.
Eva Green spielt eindrucksvoll und wortlos die gnadenlose Geschändete Madelaine. Ex-Fußballstar Eric Cantona kann seine unverwechselbare Physiognomie in die Kamera halten und darf diesmal mit der Knarre direkt draufhalten. Ein keineswegs fleckenloses, aber doch durch viel Danish Dynamite reizvolles Westernvergnügen.
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30 Jahre nachdem Lars von Trier in Cannes mit „The Element of Crime" eine neue dänische Filmwelle anschob, nach all den Dogma-Filmen und ganz unterschiedlichen Meisterwerken auf TV und Leinwand, scheinen die wilden Film-Wikinger im Mainstream angekommen zu sein: „The Salvation" ist ein eindrucksvoller, aber bis auf die faszinierende Bildtönung sehr konventioneller Western mit Mads Mikkelsen in der Hauptrolle.
Nord-Amerika um 1870. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten spielt wieder einmal das Lied vom Tod für Einwanderer aus Europa. Ganz wie bei Sergio Leones Klassiker fährt die Kamera über den Torbogen in eine Stadt, die schon viele Hoffnungen und Hoffende begraben hat. Der frühere Soldat Jon (Mads Mikkelsen) hat nach der Niederlage im deutsch-dänischen Krieg 1864 den alten Kontinent verlassen und im Weste(r)n als Siedler Fuß gefasst. Doch - hier lässt der Film das Elegische von Leones „Once upon a time in the West" vermissen - kaum sind seine Frau Marie (Nanna Øland Fabricius, eine als „Oh Land" bekannte dänische Sängerin und Tänzerin) und sein Sohn angekommen, werden die beiden brutal ermordet. Nachdem dieses dem Film scheinbar lästige Vorgeplänkel mit dem Schrecken der Gewalt gegen Unschuldige eindringlich, aber rasch abgehandelt ist, begeben sich Jon und sein Bruder Peter (Mikael Persbrandt) auf den Pfad der gründlichen Rache. Nicht immer überlegen, nicht dauernd clever, aber beharrlich und ohne Rücksicht auf Verluste.
Und damit der Film auf eine schön ausgemergelte Westernwellenlänge kommt, erwischt Jon, als er den Mörder und Vergewaltiger umbringt, ausgerechnet den kleinen Bastard-Bruder des mächtigen und berüchtigten Bandenanführers Delarue (Jeffrey Dean Morgan), der die ganze Gegend beherrscht und terrorisiert. Die Bevölkerung von Jons neuem Heimatort steckt mit Delarue unter einer Decke oder versteckt sich sicherheitshalber schnell. Muster der Feigheit ist der korrupte Bürgermeister Keane (Jonathan Pryce). Unerwartete Unterstützung erhält Jon ausgerechnet von der Witwe des Unholdes - der stolzen Gangsterbraut Madelaine (Eva Green). Die Indianer schnitten ihr die Zunge aus dem Mund und markierten sie mit einer großen Narbe im Gesicht.
Mads Mikkelsen, DAS Aushängeschild des dänischen Films, beweist nach seinem Auftritt als „Michael Kohlhaas" auch in „The Salvation", dass er zu Pferde verdammt gut aussieht. In „The Salvation" des dänischen Regisseurs Kristian Levring und des exzellenten Autors Anders Thomas Jensen („Adams Äpfel", „Love is all you need", „In einer besseren Welt") spielt er einen Auswanderer, der Rache an den Terror-Herrschern eines Western-Dorfes nimmt. Das ist ein Schützenfest auf hohem ästhetischen Niveau. Originell dabei der deutliche Hinweis auf heutige Kriegsgründe im Finale: Hier fließt Blut für Öl, während Ölfarben für apokalyptische Nächte in der Savanne und Tilt-Shift-Unschärfen das Geschehen in so noch nicht gesehenes Licht tauchen.
Eva Green spielt eindrucksvoll und wortlos die gnadenlose Geschändete Madelaine. Ex-Fußballstar Eric Cantona kann seine unverwechselbare Physiognomie in die Kamera halten und darf diesmal mit der Knarre direkt draufhalten. Ein keineswegs fleckenloses, aber doch durch viel Danish Dynamite reizvolles Westernvergnügen.
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30.9.14
Praia do Futuro
Brasilien, BRD 2013 Regie: Karim Aïnouz mit Wagner Moura, Clemens Schick, Jesuíta Barbosa, Savio Ygor Ramos, Sabine Timoteo 107 Min. FSK: ab 12
Seine deutsch-brasilianische Liebesgeschichte gestaltet Regisseur Karim Aïnouz trotz großer Entfernungen und Differenzen nicht als Drama, sondern als Nachklang der üblicherweise entscheidenden Wendepunkte: Mit grandioser Schönheit fliegen zwei Motocrosser durch riesige Dünen, rasen zum Strand und stürzen sich in die Fluten. Einer der deutschen Touristen am gefährlichen Strand namens Praia do Futuro ertrinkt, Konrad wird gerettet. Zwischen dem Rettungsschwimmer Donato und Konrad herrscht in den Tagen des Wartens, bis die Leiche auftaucht, eine große sexuelle Spannung. Donato wird Konrad nach Berlin zu folgen, obwohl ihm der Abschied vom kleinen Bruder Ayrton sehr schwer fällt. Jahre später reist auch Ayrton nach Berlin...
Karim Aïnouz gelingt es, vor allem Stimmungen und Befindlichkeiten ohne viele Worte zu vermitteln. Die Intensität der Darsteller hält die lange und ereignisarme Erzählung zusammen.
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Seine deutsch-brasilianische Liebesgeschichte gestaltet Regisseur Karim Aïnouz trotz großer Entfernungen und Differenzen nicht als Drama, sondern als Nachklang der üblicherweise entscheidenden Wendepunkte: Mit grandioser Schönheit fliegen zwei Motocrosser durch riesige Dünen, rasen zum Strand und stürzen sich in die Fluten. Einer der deutschen Touristen am gefährlichen Strand namens Praia do Futuro ertrinkt, Konrad wird gerettet. Zwischen dem Rettungsschwimmer Donato und Konrad herrscht in den Tagen des Wartens, bis die Leiche auftaucht, eine große sexuelle Spannung. Donato wird Konrad nach Berlin zu folgen, obwohl ihm der Abschied vom kleinen Bruder Ayrton sehr schwer fällt. Jahre später reist auch Ayrton nach Berlin...
Karim Aïnouz gelingt es, vor allem Stimmungen und Befindlichkeiten ohne viele Worte zu vermitteln. Die Intensität der Darsteller hält die lange und ereignisarme Erzählung zusammen.
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Land der Wunder
Italien, Schweiz, BRD 2014 (Le meraviglie) Regie: Alice Rohrwacher mit Maria Alexandra Lungu, Sam Louwyck, Alba Rohrwacher, Sabine Timoteo, Monica Bellucci, André Hennicke 110 Min. FSK ab 0
Eine alternative Familie versucht in Italien ihren Öko-Bauernhof am Leben zu erhalten. Der cholerische deutsche Vater (Sam Louwyck) treibt die vier jungen Töchter auf italienisch zum Arbeiten an, mit seiner Frau (Alba Rohrwacher) redet er französisch und mit dem schmarotzerischen Gast Coco (Sabine Timoteo) deutsch. (Dabei ist der deutsch sprechende Imker und Träumer hörbar Flame.) Vor allem die Pubertät der ältesten Tochter Gelsomina (Maria Alexandra Lungu) bekommt in diesem chaotischen Umfeld mit viel Naturromantik eine besondere Wendung, die den Film sehenswert macht. Denn als die Kinder auf den Dreh für einen kitschigen Werbespot mit dem sich selbst karikierenden Star Monica Bellucci treffen, setzt sich Gelsomina in den Kopf, über einen Wettbewerb und regionale Agrikultur, den Hof zu retten.
Es ist eine gleichsam in der landwirtschaftlichen Arbeit und im sommerlich staubigen Bauernhof sehr geerdete aber auch magisch verträumte Welt, die Alice Rohrwacher in ihrem in Cannes ausgezeichneten Film aufleben lässt. Vor allem die Identifikationsfigur, die begnadete Imkerin Gelsomina, die von Maria Alexandra Lungu unter all den großen Profis auf faszinierende Weise gespielt wird, erlebt diesen Traum mit einem Kamel, einer alten Zauberhöhle, mit falschen Film-Prinzessinnen und einem ambivalenten Vater. Der ist Zauberer und Tyrann in einem. Das Sprach-Wunderland hat einen biografischen Hintergrund: Die Rohrwacher-Schwestern Alice und Alba haben einen deutschen Vater.
„Le Meraviglie" - „Land der Wunder" - ist der zweite Film der Italienerin Alice Rohrwacher. Wohlgemerkt Alice, denn die hier zurückhaltend mitspielenden Alba Rohrwacher ist die berühmte Schwester, die unheimlich eindringliche Schauspielerin aus „Die Einsamkeit der Primzahlen" (2010) oder „I Am Love" (2009), die gerade in Venedig den Preis als Beste Darstellerin im Film „Hungry Hearts" erhielt.
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Eine alternative Familie versucht in Italien ihren Öko-Bauernhof am Leben zu erhalten. Der cholerische deutsche Vater (Sam Louwyck) treibt die vier jungen Töchter auf italienisch zum Arbeiten an, mit seiner Frau (Alba Rohrwacher) redet er französisch und mit dem schmarotzerischen Gast Coco (Sabine Timoteo) deutsch. (Dabei ist der deutsch sprechende Imker und Träumer hörbar Flame.) Vor allem die Pubertät der ältesten Tochter Gelsomina (Maria Alexandra Lungu) bekommt in diesem chaotischen Umfeld mit viel Naturromantik eine besondere Wendung, die den Film sehenswert macht. Denn als die Kinder auf den Dreh für einen kitschigen Werbespot mit dem sich selbst karikierenden Star Monica Bellucci treffen, setzt sich Gelsomina in den Kopf, über einen Wettbewerb und regionale Agrikultur, den Hof zu retten.
Es ist eine gleichsam in der landwirtschaftlichen Arbeit und im sommerlich staubigen Bauernhof sehr geerdete aber auch magisch verträumte Welt, die Alice Rohrwacher in ihrem in Cannes ausgezeichneten Film aufleben lässt. Vor allem die Identifikationsfigur, die begnadete Imkerin Gelsomina, die von Maria Alexandra Lungu unter all den großen Profis auf faszinierende Weise gespielt wird, erlebt diesen Traum mit einem Kamel, einer alten Zauberhöhle, mit falschen Film-Prinzessinnen und einem ambivalenten Vater. Der ist Zauberer und Tyrann in einem. Das Sprach-Wunderland hat einen biografischen Hintergrund: Die Rohrwacher-Schwestern Alice und Alba haben einen deutschen Vater.
„Le Meraviglie" - „Land der Wunder" - ist der zweite Film der Italienerin Alice Rohrwacher. Wohlgemerkt Alice, denn die hier zurückhaltend mitspielenden Alba Rohrwacher ist die berühmte Schwester, die unheimlich eindringliche Schauspielerin aus „Die Einsamkeit der Primzahlen" (2010) oder „I Am Love" (2009), die gerade in Venedig den Preis als Beste Darstellerin im Film „Hungry Hearts" erhielt.
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Hüter der Erinnerung - The Giver
USA 2014 (The Giver) Regie: Phillip Noyce mit Jeff Bridges, Meryl Streep, Brenton Thwaites, Alexander Skarsgård, Katie Holmes 98 Min. FSK: ab 12
In einheitlichem Schwarz-Weiß zeigt „The Giver" auf einem in den Wolken schwebenden Stück Land eine erschreckend egalitäre Gesellschaft und mittendrin, kurz vor der zeremoniellen Erwachsenwerdung, Jonas (Brenton Thwaites). Wie in „Die Tribute von Panem" oder „Die Bestimmung – Divergent" wieder jemand, der sich anders fühlt - in einer dystopischen Welt, in der alle gleich sein sollen. Die Gleichheit geht so weit, dass es in dieser Welt kein Wetter gibt, auch keine Hügel, die ja nachteilig sein könnten. Morgendliche Injektionen töten Gefühle ab, denn auch die führen ja bekanntlich zu Neid, Eifersucht, Streit, dann schließlich zu Mord und Totschlag.
Doch Jonas wird bei der öffentlichen Aufgaben- und Berufsverteilung übergangen, denn er hat alle vier wichtige Eigenschaften, ist als „Receiver of Memory", als Empfänger der Erinnerung ein Auserwählter. Jonas ist also wie die Älteren, die alles entscheiden, etwas gleicher als gleich. Er darf fortan als einziger lügen, aber auch nichts von seiner folgenden Ausbildung erzählen. Am Rande der Klippe ins Nichts wartet in einer riesigen Bibliothek mit - ihm bislang etwas unbekannten, Büchern - der „Giver" (Jeff Bridges) auf ihn.
Jonas wird nun mit den Erinnerungen der Menschheit geflutet. Ein auch im Kino großartiger Rausch an Farben, Freuden, Klängen, mit allem, was in dieser Welt ausradiert wurde. Jonas sieht schließlich alles wieder in Farbe und sein schon vorher nicht übersehbares Rebellentum bricht endgültig aus, als ihm klar wird, dass die Älteren das Morden nicht beendet haben, sie haben ihm nur einen anderen Namen gegeben.
Eine der ersten Erinnerungen mit denen Jonas konfrontiert wird, ist eine Schlittenfahrt. Der Verweis zu Orson Welles Über-Film „Citizen Kane" ist überdeutlich. Nur wandelt sich die greise Lebenserinnerung eines einzelnen Mannes zur Rückerinnerung auf wahres Leben aus einer grauen Zeit. Man muss bei diesen freudlosen Regeln unweigerlich an die puritanische Zensur des „political correctness" denken. Doch man sollte besser nicht weiter an große Filmkunst denken. „The Giver" hat eine reizvolle Geschichte, auch wenn man sie in dieser Art zuletzt recht oft gesehen hat. Lois Lowrys Romanvorlage für diesen interessanten Jugendfilm stammt aus 1993, ist also Vorläufer von „ Panem"und „ Divergent". Aber so ist es halt mit diesen Konflikten und Brüchen in einer Gesellschaft und im Erwachsenwerden, sie bleiben sich gleich. Und das Ringen mit ihnen ist hier unterhaltsam und mit eindringlichen Bildwelten dargestellt.
Jeff Bridges, der selbst Ko-Produzent des Films ist, wirkt auch nuschelnd hinter einem dichten Bart noch eindringlich. Meryl Streep ist als Chefin des Ältestenrates wie in „1984" als Projektion allgegenwärtig und durch Überwachungskameras allwissend. Ein Besetzungs-Leckerbissen stellt Katie Holmes als erschreckend systemtreue Mutter dar, da man unweigerlich an ihren Scientology-Hintergrund denken muss.
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In einheitlichem Schwarz-Weiß zeigt „The Giver" auf einem in den Wolken schwebenden Stück Land eine erschreckend egalitäre Gesellschaft und mittendrin, kurz vor der zeremoniellen Erwachsenwerdung, Jonas (Brenton Thwaites). Wie in „Die Tribute von Panem" oder „Die Bestimmung – Divergent" wieder jemand, der sich anders fühlt - in einer dystopischen Welt, in der alle gleich sein sollen. Die Gleichheit geht so weit, dass es in dieser Welt kein Wetter gibt, auch keine Hügel, die ja nachteilig sein könnten. Morgendliche Injektionen töten Gefühle ab, denn auch die führen ja bekanntlich zu Neid, Eifersucht, Streit, dann schließlich zu Mord und Totschlag.
Doch Jonas wird bei der öffentlichen Aufgaben- und Berufsverteilung übergangen, denn er hat alle vier wichtige Eigenschaften, ist als „Receiver of Memory", als Empfänger der Erinnerung ein Auserwählter. Jonas ist also wie die Älteren, die alles entscheiden, etwas gleicher als gleich. Er darf fortan als einziger lügen, aber auch nichts von seiner folgenden Ausbildung erzählen. Am Rande der Klippe ins Nichts wartet in einer riesigen Bibliothek mit - ihm bislang etwas unbekannten, Büchern - der „Giver" (Jeff Bridges) auf ihn.
Jonas wird nun mit den Erinnerungen der Menschheit geflutet. Ein auch im Kino großartiger Rausch an Farben, Freuden, Klängen, mit allem, was in dieser Welt ausradiert wurde. Jonas sieht schließlich alles wieder in Farbe und sein schon vorher nicht übersehbares Rebellentum bricht endgültig aus, als ihm klar wird, dass die Älteren das Morden nicht beendet haben, sie haben ihm nur einen anderen Namen gegeben.
Eine der ersten Erinnerungen mit denen Jonas konfrontiert wird, ist eine Schlittenfahrt. Der Verweis zu Orson Welles Über-Film „Citizen Kane" ist überdeutlich. Nur wandelt sich die greise Lebenserinnerung eines einzelnen Mannes zur Rückerinnerung auf wahres Leben aus einer grauen Zeit. Man muss bei diesen freudlosen Regeln unweigerlich an die puritanische Zensur des „political correctness" denken. Doch man sollte besser nicht weiter an große Filmkunst denken. „The Giver" hat eine reizvolle Geschichte, auch wenn man sie in dieser Art zuletzt recht oft gesehen hat. Lois Lowrys Romanvorlage für diesen interessanten Jugendfilm stammt aus 1993, ist also Vorläufer von „ Panem"und „ Divergent". Aber so ist es halt mit diesen Konflikten und Brüchen in einer Gesellschaft und im Erwachsenwerden, sie bleiben sich gleich. Und das Ringen mit ihnen ist hier unterhaltsam und mit eindringlichen Bildwelten dargestellt.
Jeff Bridges, der selbst Ko-Produzent des Films ist, wirkt auch nuschelnd hinter einem dichten Bart noch eindringlich. Meryl Streep ist als Chefin des Ältestenrates wie in „1984" als Projektion allgegenwärtig und durch Überwachungskameras allwissend. Ein Besetzungs-Leckerbissen stellt Katie Holmes als erschreckend systemtreue Mutter dar, da man unweigerlich an ihren Scientology-Hintergrund denken muss.
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Borgman
Niederlande, Belgien, Dänemark 2013 Regie: Alex van Warmerdam mit Jan Bijvoet, Hadewych Minis, Jeroen Perceval, Sara Hjort Ditlevsen, Annet Malherbe, Tom Dewispelaere 113 Min. FSK: ab 16
Bei den legendären Komödien „Abel" und „Noorderlingen" des Niederländers Axel Warmerdam konnte man vor Jahrzehnten nur ein paar versteckte Salzkörner Grausamkeit entdecken. Nun beginnt „Borgman", Wettbewerbsfilm 2014 in Cannes, mit einer wahren Hexenjagd wie ein Exorzismus-Film: Bewaffnete Männer, unter ihnen der Priester, durchkämen mit Hunden ein Waldstück und scheuchen einen bärtigen Mann (Jan Bijvoet) aus seiner unterirdischen Höhle auf. Der kann entkommen, warnt zwei ebenfalls sehr mysteriöse Typen und taucht dann in einer ganz anderen Welt, vor einer Villa im Grünen auf. Das Heim der gut situierten Familie van Schendel erfährt in kleinen Schritten und Schnitten eine Invasion von .... Ja, von was eigentlich? Nicht erst in der Frage, was über Marina (die an der Akademie Maastrichts ausgebildete Hadewych Minis), Richard (Jeroen Perceval), ihre Kinder und das dänische Au-pair (Sara Hjort Ditlevsen) gekommen ist, betritt der Film mutig ein mysteriöses Fremdland. „Und sie kamen hernieder auf Erden, um ihre Reihen anzufüllen" - mit diesem biblisch klingenden Spruch beginnt ein reizvolles Filmspiel mit viel Unerklärlichem.
Zuerst ist es der Gärtner, als der sich Borgman (Jan Bijvoet) im Schuppen der Familie einquartiert und sich wie ein schmutziger, stinkender und ansteckend lüsterner Pan die gelangweilte Hausfrau hörig macht. (Im Original spricht Bijvoet als Flame unter Niederländern merklich anders.) Er wird von zwei afghanischen Windhunden begleitet oder sind das schon Borgmans Gefährten, die später einziehen? Der Regisseur selbst spielt einen von ihnen, der andere kümmert sich um das dänische Au-pair. Es wird als erste mit einem kleinen Kreuz markiert und verwandelt. Die Kinder werden folgen. Zwei eiskalte Frauen begleiten die Pläne als coole Killer. Dass die Opfer mit in Eimern einbetoniertem Kopf im Fluss versenkt werden, ist quasi Markenzeichen und symptomatisch für den skurillen Humor des Films. Irgendwas stimmt hier nicht, etwas steht Kopf, erschreckt, aber fasziniert auch.
Das andere faszinierende Bild des Films ist das von Borgman, jetzt ganz lüsterner Ziegengott Pan, nachts nackt auf der schlafenden Marina hockt, ihr Mann liegt daneben. „Borgman" ist eine witzige Variante von „Funny Games" und zeigt, wie mysteriöse Gestalten mit Hilfe unbestimmter weiblicher Sehnsüchte eine wohlhabende Familie in deren Vorstadthaus unterwandern. Hier zerfrisst etwas Ursprüngliches die kalte Nüchternheit des Betons, die schon Jacques Tati in „Mon oncle" vorführte. Das ist mysteriös und komisch, skurril und bösartig. Ist besonders reizvoll weil keineswegs eindeutig.
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Bei den legendären Komödien „Abel" und „Noorderlingen" des Niederländers Axel Warmerdam konnte man vor Jahrzehnten nur ein paar versteckte Salzkörner Grausamkeit entdecken. Nun beginnt „Borgman", Wettbewerbsfilm 2014 in Cannes, mit einer wahren Hexenjagd wie ein Exorzismus-Film: Bewaffnete Männer, unter ihnen der Priester, durchkämen mit Hunden ein Waldstück und scheuchen einen bärtigen Mann (Jan Bijvoet) aus seiner unterirdischen Höhle auf. Der kann entkommen, warnt zwei ebenfalls sehr mysteriöse Typen und taucht dann in einer ganz anderen Welt, vor einer Villa im Grünen auf. Das Heim der gut situierten Familie van Schendel erfährt in kleinen Schritten und Schnitten eine Invasion von .... Ja, von was eigentlich? Nicht erst in der Frage, was über Marina (die an der Akademie Maastrichts ausgebildete Hadewych Minis), Richard (Jeroen Perceval), ihre Kinder und das dänische Au-pair (Sara Hjort Ditlevsen) gekommen ist, betritt der Film mutig ein mysteriöses Fremdland. „Und sie kamen hernieder auf Erden, um ihre Reihen anzufüllen" - mit diesem biblisch klingenden Spruch beginnt ein reizvolles Filmspiel mit viel Unerklärlichem.
Zuerst ist es der Gärtner, als der sich Borgman (Jan Bijvoet) im Schuppen der Familie einquartiert und sich wie ein schmutziger, stinkender und ansteckend lüsterner Pan die gelangweilte Hausfrau hörig macht. (Im Original spricht Bijvoet als Flame unter Niederländern merklich anders.) Er wird von zwei afghanischen Windhunden begleitet oder sind das schon Borgmans Gefährten, die später einziehen? Der Regisseur selbst spielt einen von ihnen, der andere kümmert sich um das dänische Au-pair. Es wird als erste mit einem kleinen Kreuz markiert und verwandelt. Die Kinder werden folgen. Zwei eiskalte Frauen begleiten die Pläne als coole Killer. Dass die Opfer mit in Eimern einbetoniertem Kopf im Fluss versenkt werden, ist quasi Markenzeichen und symptomatisch für den skurillen Humor des Films. Irgendwas stimmt hier nicht, etwas steht Kopf, erschreckt, aber fasziniert auch.
Das andere faszinierende Bild des Films ist das von Borgman, jetzt ganz lüsterner Ziegengott Pan, nachts nackt auf der schlafenden Marina hockt, ihr Mann liegt daneben. „Borgman" ist eine witzige Variante von „Funny Games" und zeigt, wie mysteriöse Gestalten mit Hilfe unbestimmter weiblicher Sehnsüchte eine wohlhabende Familie in deren Vorstadthaus unterwandern. Hier zerfrisst etwas Ursprüngliches die kalte Nüchternheit des Betons, die schon Jacques Tati in „Mon oncle" vorführte. Das ist mysteriös und komisch, skurril und bösartig. Ist besonders reizvoll weil keineswegs eindeutig.
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29.9.14
Dracula untold
USA 2014 Regie: Gary Shore mit Luke Evans, Sarah Gadon, Diarmaid Murtagh, Dominic Cooper, Charles Dance 92 Min.
Dracula als Superheld? Da muss einem ja das Blut auf den Eckzähnen gefrieren! Dazu noch in einem, nun ja: naturalistischen Filmstil, der ohne die hohe Auflösung der digitalen Technik wie von gestern aussähe. Das B-Filmchen mit gerade mal zwei A-positiv Darstellern und Türken-Scharen, die gerade vom Star-Friseur kommen, versucht mit ein paar Bild-Tricks und der Geschichte vom Anfang des Beißerchens über die Runden zukommen, bleibt aber in vieler Hinsicht blutarm.
Die Türken stehen als Bedrohung mal nicht vor Wien, irgendwie hat auch der chic geföhnte Sultan Mehmed (Dominic Cooper) die falschen Karten und erpresst den transsilvanischen Fürsten Vlad (Luke Evans). Weil der einem noch schrecklicheren Tyrann, nämlich seiner blonde Luxus-Frau (Sarah Gadon), versprochen hat, auf den Sohn aufzupassen, lässt er sich im finsteren Gebirge vom Monster Caligula (Charles Dance) zum Vampir und damit tausendfach stärker machen. Denn bislang war er ein guter Herrscher, der nur mal ganze Dörfer gepfählt hat, damit er nicht alle Dörfer massakrieren muss. Nun kann er ganz allein die Türken-Scharen abschlachten, hat aber Probleme mit der Sonne und mit Silber. Zudem will er seine Super-Power samt Infrarot-Blick nur drei Tage nutzen und dann wieder ganz normaler Menschenschlächter zu werden. Doch auch ein Vampir kann nicht immer überall sein, und so meucheln die Gegner die keifende Herrscherfrau („ich erkenne dich nicht wieder") und Vlad verpasst aus Wut den Zeitpunkt zum Aussteigen.
„Dracula untold", dieser filmische Unhold, die Verhunzung der Charaktere von Bram Stoker, wirkt billiger als „Games of throne". Dazu banal in der Handlung. Reizvolle Chancen wie die Entdeckung der hyperempfindlichen Sinne werden lächerlich, wenn den Neu-Vampir kommentiert „Das ist nützlich!" Auch ansonsten gibt es viel unnötiges Gerede und unpassende, weil nicht coole Scherze. Was sonst alles unsinnig oder misslungen ist, für die Aufzählung müsste man ewig leben und leiden. Merke, für einen, immer gleichen Fledermaus-Effekt und eine schwache Idee sollte man nicht so viele Filmmillionen verheizen.
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Dracula als Superheld? Da muss einem ja das Blut auf den Eckzähnen gefrieren! Dazu noch in einem, nun ja: naturalistischen Filmstil, der ohne die hohe Auflösung der digitalen Technik wie von gestern aussähe. Das B-Filmchen mit gerade mal zwei A-positiv Darstellern und Türken-Scharen, die gerade vom Star-Friseur kommen, versucht mit ein paar Bild-Tricks und der Geschichte vom Anfang des Beißerchens über die Runden zukommen, bleibt aber in vieler Hinsicht blutarm.
Die Türken stehen als Bedrohung mal nicht vor Wien, irgendwie hat auch der chic geföhnte Sultan Mehmed (Dominic Cooper) die falschen Karten und erpresst den transsilvanischen Fürsten Vlad (Luke Evans). Weil der einem noch schrecklicheren Tyrann, nämlich seiner blonde Luxus-Frau (Sarah Gadon), versprochen hat, auf den Sohn aufzupassen, lässt er sich im finsteren Gebirge vom Monster Caligula (Charles Dance) zum Vampir und damit tausendfach stärker machen. Denn bislang war er ein guter Herrscher, der nur mal ganze Dörfer gepfählt hat, damit er nicht alle Dörfer massakrieren muss. Nun kann er ganz allein die Türken-Scharen abschlachten, hat aber Probleme mit der Sonne und mit Silber. Zudem will er seine Super-Power samt Infrarot-Blick nur drei Tage nutzen und dann wieder ganz normaler Menschenschlächter zu werden. Doch auch ein Vampir kann nicht immer überall sein, und so meucheln die Gegner die keifende Herrscherfrau („ich erkenne dich nicht wieder") und Vlad verpasst aus Wut den Zeitpunkt zum Aussteigen.
„Dracula untold", dieser filmische Unhold, die Verhunzung der Charaktere von Bram Stoker, wirkt billiger als „Games of throne". Dazu banal in der Handlung. Reizvolle Chancen wie die Entdeckung der hyperempfindlichen Sinne werden lächerlich, wenn den Neu-Vampir kommentiert „Das ist nützlich!" Auch ansonsten gibt es viel unnötiges Gerede und unpassende, weil nicht coole Scherze. Was sonst alles unsinnig oder misslungen ist, für die Aufzählung müsste man ewig leben und leiden. Merke, für einen, immer gleichen Fledermaus-Effekt und eine schwache Idee sollte man nicht so viele Filmmillionen verheizen.
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Gone Girl
USA 2014 Regie: David Fincher mit Rosamund Pike, Ben Affleck, Missi Pyle, Carrie Coon, Neil Patrick Harris 145 Min.
Was geht im Kopf des Menschen vor, mit dem man zusammenlebt? In David Finchers Verfilmung des Romans „Gone Girl" von Gillian Flynn wird die Antwort radikal gesucht: Ein Mastermind-Spiel schleppt der verkaterte Nick (Ben Affleck) unterm Arm in die Kneipe, die er mit seiner Zwillingsschwester Margo (Carrie Coon) betreibt. Doch das echte Superhirn ist zuhause seine Frau Amy (Rosamund Pike). Beziehungsweise nicht mehr zuhause, denn da findet Nick später nur noch Spuren eines Überfalls. Ausgerechnet am Hochzeitstag, an dem Amy immer trickreich Spuren zu einem Geschenk ausgelegt hatte, gibt es nun keine Spur von ihr.
Die herbeigerufene Kommissarin Rhonda Boney (Kim Dickens) ist erstaunlich engagiert, Nicks Wohnung wird gleich mehrere Tage hausdurchsucht. Vielleicht auch weil Amy als literarische Figur „Amazing Amy" über Jahrzehnte von ihren Eltern sehr populär vermarktet wurde. Aber vor allem wird der unbedarfte und heimlich untreue Gatte immer mehr zum Verdächtigen.
Aus Amys Tagebuch erfahren wir in Rückblenden vom Verlauf der Beziehung, dem euphorischen Kennenlernen, dem gemeinsamen Spaß, der Heirat, dem Bankenkrisen-Abzocke, der auch die beiden trifft, dem Umzug von New York in Nicks provinzielle Heimatstadt und der wachsenden Entfremdung. Wie beim Rätselspiel vom Hochzeitstag bekommen wir immer neue Hinweise, welche die ganze Situation auf den Kopf stellen.
Diese Überraschungen und Wenden sind allerdings für einen hochkarätigen Regisseur wie Fincher, für den Meister der Spannung in „Verblendung", „Zodiac", „Panic Room", „Fight Club", „The Game", „Sieben" und „Alien 3" überraschend ruhig getaktet. Ist es der Einfluss exzellenter TV-Serien, die sich trauen, alte Erzählweisen aufzubrechen? Jedenfalls scheint „Gone Girl" bei einer durchgehenden Handlung aus verschiedenen Filmen zu bestehen: Das ist zuerst der Krimi, bis die vermeintlich Ermordete nach der ersten Auflösung wieder auftaucht. Dann gibt es fast so etwas wie einen Gerichtsfilm, ein anderer Krimi mit neuen Karten. Bis alles in ein bitteres Ehedrama mündet. Wobei in allem auch die Spannung mal Auszeit nimmt. Allerdings geht es im Vergleich zu Finchers „Zodiac" auch nicht um etwas abgrundtief Böses. Der Rosenkrieg von „Gone Girl" ist manchmal fast komisch, wirkt wie eine Soap, eine blutige.
„Gone Girl", dieses in ihren tödlichen Auswirkungen extreme Ehedrama, wird komplett vom Scheinwerferlicht der Medien begleitet, sogar bis in die Wohnungen hinein. Von der Pressekonferenz zum Verschwinden Amys bis zum in Talkshows ausgetragenen Kampf um die Wahrheit. Für Amy ist dies allerdings nichts Neues, da ihre Eltern ja schon ihr ganzes Leben als „Amazing Amy" in die Öffentlichkeit zerrten. Könnte sein, dass frau dabei etwas seltsam wird. Dass Nick eine Möchtegern-Schauspielerin als Geliebte und eine perfekte als Ehefrau hat, gehört zu den bissigen Details dieser Beziehungs-Analyse.
Was geht im Kopf des Menschen vor, mit dem man zusammenlebt? Vor allem diese Frage krallt der Film am Beispiel extremer Verstellung in die Gedanken der Zuschauer. Projektionen, Erwartungen, Rollenspiele geraten hier in ein ganz heftiges, kriminelles und existenzielles Schlaglicht. Das fast langweilig schöne, reine Gesicht, das Rosamund Pike zeigen kann, ist dabei perfekte Oberfläche für die Täuschung ihrer biestigen, manipulativen Figur und des Films.
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Was geht im Kopf des Menschen vor, mit dem man zusammenlebt? In David Finchers Verfilmung des Romans „Gone Girl" von Gillian Flynn wird die Antwort radikal gesucht: Ein Mastermind-Spiel schleppt der verkaterte Nick (Ben Affleck) unterm Arm in die Kneipe, die er mit seiner Zwillingsschwester Margo (Carrie Coon) betreibt. Doch das echte Superhirn ist zuhause seine Frau Amy (Rosamund Pike). Beziehungsweise nicht mehr zuhause, denn da findet Nick später nur noch Spuren eines Überfalls. Ausgerechnet am Hochzeitstag, an dem Amy immer trickreich Spuren zu einem Geschenk ausgelegt hatte, gibt es nun keine Spur von ihr.
Die herbeigerufene Kommissarin Rhonda Boney (Kim Dickens) ist erstaunlich engagiert, Nicks Wohnung wird gleich mehrere Tage hausdurchsucht. Vielleicht auch weil Amy als literarische Figur „Amazing Amy" über Jahrzehnte von ihren Eltern sehr populär vermarktet wurde. Aber vor allem wird der unbedarfte und heimlich untreue Gatte immer mehr zum Verdächtigen.
Aus Amys Tagebuch erfahren wir in Rückblenden vom Verlauf der Beziehung, dem euphorischen Kennenlernen, dem gemeinsamen Spaß, der Heirat, dem Bankenkrisen-Abzocke, der auch die beiden trifft, dem Umzug von New York in Nicks provinzielle Heimatstadt und der wachsenden Entfremdung. Wie beim Rätselspiel vom Hochzeitstag bekommen wir immer neue Hinweise, welche die ganze Situation auf den Kopf stellen.
Diese Überraschungen und Wenden sind allerdings für einen hochkarätigen Regisseur wie Fincher, für den Meister der Spannung in „Verblendung", „Zodiac", „Panic Room", „Fight Club", „The Game", „Sieben" und „Alien 3" überraschend ruhig getaktet. Ist es der Einfluss exzellenter TV-Serien, die sich trauen, alte Erzählweisen aufzubrechen? Jedenfalls scheint „Gone Girl" bei einer durchgehenden Handlung aus verschiedenen Filmen zu bestehen: Das ist zuerst der Krimi, bis die vermeintlich Ermordete nach der ersten Auflösung wieder auftaucht. Dann gibt es fast so etwas wie einen Gerichtsfilm, ein anderer Krimi mit neuen Karten. Bis alles in ein bitteres Ehedrama mündet. Wobei in allem auch die Spannung mal Auszeit nimmt. Allerdings geht es im Vergleich zu Finchers „Zodiac" auch nicht um etwas abgrundtief Böses. Der Rosenkrieg von „Gone Girl" ist manchmal fast komisch, wirkt wie eine Soap, eine blutige.
„Gone Girl", dieses in ihren tödlichen Auswirkungen extreme Ehedrama, wird komplett vom Scheinwerferlicht der Medien begleitet, sogar bis in die Wohnungen hinein. Von der Pressekonferenz zum Verschwinden Amys bis zum in Talkshows ausgetragenen Kampf um die Wahrheit. Für Amy ist dies allerdings nichts Neues, da ihre Eltern ja schon ihr ganzes Leben als „Amazing Amy" in die Öffentlichkeit zerrten. Könnte sein, dass frau dabei etwas seltsam wird. Dass Nick eine Möchtegern-Schauspielerin als Geliebte und eine perfekte als Ehefrau hat, gehört zu den bissigen Details dieser Beziehungs-Analyse.
Was geht im Kopf des Menschen vor, mit dem man zusammenlebt? Vor allem diese Frage krallt der Film am Beispiel extremer Verstellung in die Gedanken der Zuschauer. Projektionen, Erwartungen, Rollenspiele geraten hier in ein ganz heftiges, kriminelles und existenzielles Schlaglicht. Das fast langweilig schöne, reine Gesicht, das Rosamund Pike zeigen kann, ist dabei perfekte Oberfläche für die Täuschung ihrer biestigen, manipulativen Figur und des Films.
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Der kleine Nick macht Ferien
Frankreich 2014 (Les vacances du petit Nicolas) Regie: Laurent Tirard mit Mathéo Boisselier, Valérie Lemercier, Kad Merad, Dominique Lavanant, Erja Malatier 97 Min. FSK: ab 0
Dass die sehr sympathischen und liebenswerten Kinderbücher vom Asterix-Koautor René Goscinny und dem in seinem einfachen Strich genialen Illustrator Jean-Jacques Sempé verfilmt werden mussten, war keine Frage. Erstaunlich nur, dass es so lange gedauert hat. Nun liegt der zweite Realfilm vor. Es geht ans Meer, aber in kleinen, einfachen Episoden und Scherzchen auch noch etwas weiter weg von der zurückhaltenden Vorlage.
Es sind die 60er-Jahre als man beim Hotel Beau Rivage noch nicht an Badewannen dachte. Endlich verbringt die Familie des Kleinen Nick (Mathéo Boisselier) die Ferien mal am Meer, doch Papa (Kad Merad) muss diesen Erfolg mit einer unerwünschten Begleitung bezahlen und wir mit vielen Schwiegermutter-Scherzen.
Der Charme alter Zeiten, schön eingeleitet durch eine Postkarten-Animation im Vorspann, herrscht an der französischen Küste. Herrlich karikierte Erwachsene, die typischsten Urlauber überhaupt und eine Bande ulkiger Lausbuben, mit denen sich Nick herumtreibt. Diese Clique hat bald nur noch das Ziel, Nicks vermeintlich drohende Zwangsheirat mit Isabelle (Erja Malatier) zu verhindern. Die Tochter von Papas altem Schulfreund Bernitz (Bouli Lanners) erinnert mit ihrem starren Blick beängstigend an Mortizia Addams. Da wird eine Dusche mit der Kloake geflutet, stolze Sandburgen geraten unter kleinen Füße und die Lüge von Papas Arbeitslosigkeit führt zu vielen Missverständnissen. Selbstverständlich darf auch ein Ferien-Flirt nicht fehlen.
Knallige Farben und anekdotische Scherze bestimmen diese französische Küste. Das erinnert nur ganz selten an Jacques Tatis „Die Ferien des Monsieur Hulot", denn Nicks kleinen Episoden sind alle laut und über deutlich, selbst Slapstick oder Comichaftes findet sich selten. „Der kleine Nick" steht in dieser Form eher entfernt in der Tradition von Louis de Funes. Wobei der Komiker Kad Merad als Vater Nicks zum Glück nicht in dessen Strand-Fußstapfen tritt und sich angenehm zurückhält - soweit das der Film erlaubt. Denn der devote Angestellte und Ehemann muss auch schon mal in einer Geheimagenten-Einlage den Briefkasten mit einer voreilig versandten Kündigung abfackeln. Auch das sieht vor allem gut aus und lässt vielleicht sogar schmunzeln. All die ganz kleinen Nicks im Kino werden jedoch ihren Spaß haben.
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Dass die sehr sympathischen und liebenswerten Kinderbücher vom Asterix-Koautor René Goscinny und dem in seinem einfachen Strich genialen Illustrator Jean-Jacques Sempé verfilmt werden mussten, war keine Frage. Erstaunlich nur, dass es so lange gedauert hat. Nun liegt der zweite Realfilm vor. Es geht ans Meer, aber in kleinen, einfachen Episoden und Scherzchen auch noch etwas weiter weg von der zurückhaltenden Vorlage.
Es sind die 60er-Jahre als man beim Hotel Beau Rivage noch nicht an Badewannen dachte. Endlich verbringt die Familie des Kleinen Nick (Mathéo Boisselier) die Ferien mal am Meer, doch Papa (Kad Merad) muss diesen Erfolg mit einer unerwünschten Begleitung bezahlen und wir mit vielen Schwiegermutter-Scherzen.
Der Charme alter Zeiten, schön eingeleitet durch eine Postkarten-Animation im Vorspann, herrscht an der französischen Küste. Herrlich karikierte Erwachsene, die typischsten Urlauber überhaupt und eine Bande ulkiger Lausbuben, mit denen sich Nick herumtreibt. Diese Clique hat bald nur noch das Ziel, Nicks vermeintlich drohende Zwangsheirat mit Isabelle (Erja Malatier) zu verhindern. Die Tochter von Papas altem Schulfreund Bernitz (Bouli Lanners) erinnert mit ihrem starren Blick beängstigend an Mortizia Addams. Da wird eine Dusche mit der Kloake geflutet, stolze Sandburgen geraten unter kleinen Füße und die Lüge von Papas Arbeitslosigkeit führt zu vielen Missverständnissen. Selbstverständlich darf auch ein Ferien-Flirt nicht fehlen.
Knallige Farben und anekdotische Scherze bestimmen diese französische Küste. Das erinnert nur ganz selten an Jacques Tatis „Die Ferien des Monsieur Hulot", denn Nicks kleinen Episoden sind alle laut und über deutlich, selbst Slapstick oder Comichaftes findet sich selten. „Der kleine Nick" steht in dieser Form eher entfernt in der Tradition von Louis de Funes. Wobei der Komiker Kad Merad als Vater Nicks zum Glück nicht in dessen Strand-Fußstapfen tritt und sich angenehm zurückhält - soweit das der Film erlaubt. Denn der devote Angestellte und Ehemann muss auch schon mal in einer Geheimagenten-Einlage den Briefkasten mit einer voreilig versandten Kündigung abfackeln. Auch das sieht vor allem gut aus und lässt vielleicht sogar schmunzeln. All die ganz kleinen Nicks im Kino werden jedoch ihren Spaß haben.
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23.9.14
Im Krieg - Der 1. Weltkrieg in 3D
BRD, Großbritannien, Frankreich 2014 Regie: Nikolai Vialkowitsch 103 Min. FSK: ab 12
Der Dokumentarfilm mit dem irgendwie hilflos reißerischen wirkenden Titel „Im Krieg - Der 1. Weltkrieg in 3D" ist eigentlich ein tönendes Bilderbuch auf Basis von Stereoskopie-Bildern, einem Vorläufer des 3D. Allerdings nicht das 3D, das wir mittlerweile kennen. Der Film fährt die 3D-Fotos ab und erzeugt so den Eindruck von Bewegung, ansonsten ist er vor allem ein Tonspur-Film: Verschiedenartige Texte vom Brief bis zum Gedicht werden vorgelesen und von bedeutungsschwerer, sehr dominanter Musik begleitet. Dazu einige aktuell gedrehte Szenen von den noch sichtbaren Narben des furchtbaren Krieges in der Landschaft.
Wichtiger als technische Details bleibt das Anliegen, denn „Im Krieg - Der 1. Weltkrieg in 3D" will unter anderem mit langen Szenen zerstörter Kirchen aber vor allem auch durch bewegende Erfahrungsberichte aus noch einem wahnsinnigen Krieg Anklage sein. Das gelingt ihm mit der Kraft der Musik, wobei offen bleibt, ob die Tiefe der Fotos, also der stellenweise 3D-Effekt, förderlich für die Wirkung ist. Der Schrecken steckt in den vielen Fotos - und den vereinzelten historischen Filmaufnahmen - selbst. So stellt - dann doch wieder medientechnisch - das alte Medium Fotographie das neue Gimmick 3D in den Schatten.
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Der Dokumentarfilm mit dem irgendwie hilflos reißerischen wirkenden Titel „Im Krieg - Der 1. Weltkrieg in 3D" ist eigentlich ein tönendes Bilderbuch auf Basis von Stereoskopie-Bildern, einem Vorläufer des 3D. Allerdings nicht das 3D, das wir mittlerweile kennen. Der Film fährt die 3D-Fotos ab und erzeugt so den Eindruck von Bewegung, ansonsten ist er vor allem ein Tonspur-Film: Verschiedenartige Texte vom Brief bis zum Gedicht werden vorgelesen und von bedeutungsschwerer, sehr dominanter Musik begleitet. Dazu einige aktuell gedrehte Szenen von den noch sichtbaren Narben des furchtbaren Krieges in der Landschaft.
Wichtiger als technische Details bleibt das Anliegen, denn „Im Krieg - Der 1. Weltkrieg in 3D" will unter anderem mit langen Szenen zerstörter Kirchen aber vor allem auch durch bewegende Erfahrungsberichte aus noch einem wahnsinnigen Krieg Anklage sein. Das gelingt ihm mit der Kraft der Musik, wobei offen bleibt, ob die Tiefe der Fotos, also der stellenweise 3D-Effekt, förderlich für die Wirkung ist. Der Schrecken steckt in den vielen Fotos - und den vereinzelten historischen Filmaufnahmen - selbst. So stellt - dann doch wieder medientechnisch - das alte Medium Fotographie das neue Gimmick 3D in den Schatten.
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Phoenix (2014)
BRD 2014 Regie: Christian Petzold mit Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, Nina Kunzendorf, Michael Maertens 98 Min. FSK: ab 12
Die Hauptfigur ist eine Unbekannte, eine maskierte Leerstelle. In Deutschlands Stunde Null erfährt man bei einer medizinischen Untersuchung indirekt von den vielfältigen Verwundungen der KZ-Überlebenden Nelly (Nina Hoss), sieht den entsetzen Blick eines vorher ruppig kontrollierenden US-Soldaten. Nach der Wiederherstellung ihres Gesichts ist Nelly in den Trümmern Berlins von ihrem eigenen Abbild in einem gebrochenen Spiegel entsetzt. Weil es ein anderes ist. So erkennt auch ihr früherer Mann Johnny (Ronald Zehrfeld), den sie in der Nachtbar Phoenix entdeckt, sie nicht. Einst versteckte er die Jüdin vor den Nazis. Doch zwei Tage nach seiner Verhaftung wurde auch sie entdeckt und überlebte das KZ nur, weil sie nach einem Schuss ins Gesicht für tot gehalten wurde.
Mit Nina Hoss und Ronald Zehrfeld kann Regisseur Christian Petzold wieder auf die exzellenten Protagonisten aus „Barbara" bauen. In einer sogar witzigen Verschiebung ihrer Talente spielen sie in der kargen Kellerwohnung von Johnny absurdes Theater. Denn er, der sich nun Johannes nennt, will die Ähnlichkeit der Unerkannten nutzen, um das Erbe der Totgeglaubten zu beanspruchen. Dabei traut er der Zufallsbegegnung nicht zu, die darzustellen, die sie eigentlich ist. Wie er die Heimkehr einer KZ-Überlebenden mit luftigem roten Kleid und Pariser Schuhen inszenieren will, ist ein Hohn. Dass er ihre Erschütterung dabei nicht wahrnimmt, wirklich unglaublich und damit umso bedeutsamer. Denn auch dieser Petzold erzählt von mehr als nur einer Geschichte. In dem Kellerspiel spiegelt sich der Umgang der deutschen Nachkriegsgesellschaft mit dem Grauen der Konzentrationslager in geradezu absurder Weise. Man sieht nicht, was man nicht sehen will. Und keiner will die Geschichten aus dem Lager hören. Dabei ist die Situation der Liebe Suchenden schon wieder eine der Gefangenschaft. Nellys Blick aus dem Fenster gleicht dem aus einer Zelle. Sie aber macht die zynische Maskerade mit: Nelly will von Johnny gesehen und geliebt werden.
Wie in Hitchcocks „Vertigo" James Stewart versucht, Kim Novak zum Ebenbild einer vermeintlich Toten zu machen, kommt hier die Nelly der Nina Hoss aus dem „Reich der Toten". Wortwörtlich, denn Nelly sagt, „als er mich nicht erkannt hat, war ich wieder tot. Jetzt hat er mich wieder zum Leben erweckt." „Phoenix" ist ein Melodram, dem die Strenge der Petzoldschen Filmkunst gut steht. Mit einer Tönung der Bilder, die auch optisch an die klassischen US-Melodramen der 50er - unter vom deutschen Flüchtling Douglas Sirk - erinnert. „Phoenix" wirkt klar und prägnant wie die Töne der Instrumental-Version von „Speak low", mit welcher der Film beginnt. Der Song von Kurt Weill ist das Leitmotiv des Filmes. Später kommt - mit Johnny am Klavier - eine gesungene Fassung der ehemals bekannten Sängerin Nelly und damit auch Gefühl hinzu.
Christian Petzold gelingt nach exzellenten Filmen wie das RAF-Drama „Die innere Sicherheit" (2000), dem Dreiecks-Melodram „Jerichow" (2008), der Wiedervereinigungs-Albtraum „Yella" (2007) und dem DDR-Abschied „Barbara" (2011) mit „Phoenix" nach einem eigenen Drehbuch (unter Mitarbeit des kürzlich verstorbenen Harun Farocki) auf der Basis der Romanvorlage „Le retour des cendres" von Hubert Monteilhet erneut ein Meisterwerk aus exakt sowie analytisch beobachtenden Bildern und verhalten leidenschaftlichen Figuren. Es ist wieder ein Stück deutscher Geschichtsschreibung, aber dann vor allem im atemberaubenden Finale, das ein unfassbarer Moment des Erkennens krönt, auch ein Glanzpunkt deutscher Filmgeschichte.
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Die Hauptfigur ist eine Unbekannte, eine maskierte Leerstelle. In Deutschlands Stunde Null erfährt man bei einer medizinischen Untersuchung indirekt von den vielfältigen Verwundungen der KZ-Überlebenden Nelly (Nina Hoss), sieht den entsetzen Blick eines vorher ruppig kontrollierenden US-Soldaten. Nach der Wiederherstellung ihres Gesichts ist Nelly in den Trümmern Berlins von ihrem eigenen Abbild in einem gebrochenen Spiegel entsetzt. Weil es ein anderes ist. So erkennt auch ihr früherer Mann Johnny (Ronald Zehrfeld), den sie in der Nachtbar Phoenix entdeckt, sie nicht. Einst versteckte er die Jüdin vor den Nazis. Doch zwei Tage nach seiner Verhaftung wurde auch sie entdeckt und überlebte das KZ nur, weil sie nach einem Schuss ins Gesicht für tot gehalten wurde.
Mit Nina Hoss und Ronald Zehrfeld kann Regisseur Christian Petzold wieder auf die exzellenten Protagonisten aus „Barbara" bauen. In einer sogar witzigen Verschiebung ihrer Talente spielen sie in der kargen Kellerwohnung von Johnny absurdes Theater. Denn er, der sich nun Johannes nennt, will die Ähnlichkeit der Unerkannten nutzen, um das Erbe der Totgeglaubten zu beanspruchen. Dabei traut er der Zufallsbegegnung nicht zu, die darzustellen, die sie eigentlich ist. Wie er die Heimkehr einer KZ-Überlebenden mit luftigem roten Kleid und Pariser Schuhen inszenieren will, ist ein Hohn. Dass er ihre Erschütterung dabei nicht wahrnimmt, wirklich unglaublich und damit umso bedeutsamer. Denn auch dieser Petzold erzählt von mehr als nur einer Geschichte. In dem Kellerspiel spiegelt sich der Umgang der deutschen Nachkriegsgesellschaft mit dem Grauen der Konzentrationslager in geradezu absurder Weise. Man sieht nicht, was man nicht sehen will. Und keiner will die Geschichten aus dem Lager hören. Dabei ist die Situation der Liebe Suchenden schon wieder eine der Gefangenschaft. Nellys Blick aus dem Fenster gleicht dem aus einer Zelle. Sie aber macht die zynische Maskerade mit: Nelly will von Johnny gesehen und geliebt werden.
Wie in Hitchcocks „Vertigo" James Stewart versucht, Kim Novak zum Ebenbild einer vermeintlich Toten zu machen, kommt hier die Nelly der Nina Hoss aus dem „Reich der Toten". Wortwörtlich, denn Nelly sagt, „als er mich nicht erkannt hat, war ich wieder tot. Jetzt hat er mich wieder zum Leben erweckt." „Phoenix" ist ein Melodram, dem die Strenge der Petzoldschen Filmkunst gut steht. Mit einer Tönung der Bilder, die auch optisch an die klassischen US-Melodramen der 50er - unter vom deutschen Flüchtling Douglas Sirk - erinnert. „Phoenix" wirkt klar und prägnant wie die Töne der Instrumental-Version von „Speak low", mit welcher der Film beginnt. Der Song von Kurt Weill ist das Leitmotiv des Filmes. Später kommt - mit Johnny am Klavier - eine gesungene Fassung der ehemals bekannten Sängerin Nelly und damit auch Gefühl hinzu.
Christian Petzold gelingt nach exzellenten Filmen wie das RAF-Drama „Die innere Sicherheit" (2000), dem Dreiecks-Melodram „Jerichow" (2008), der Wiedervereinigungs-Albtraum „Yella" (2007) und dem DDR-Abschied „Barbara" (2011) mit „Phoenix" nach einem eigenen Drehbuch (unter Mitarbeit des kürzlich verstorbenen Harun Farocki) auf der Basis der Romanvorlage „Le retour des cendres" von Hubert Monteilhet erneut ein Meisterwerk aus exakt sowie analytisch beobachtenden Bildern und verhalten leidenschaftlichen Figuren. Es ist wieder ein Stück deutscher Geschichtsschreibung, aber dann vor allem im atemberaubenden Finale, das ein unfassbarer Moment des Erkennens krönt, auch ein Glanzpunkt deutscher Filmgeschichte.
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Like Father, Like Son
Japan 2013 (Soshite Chichi Ni Naru) Regie: Hirokazu Kore-Eda mit Masaharu Fukuyama, Machiko Ono, Lily Franky, Yoko Maki 120 Min. FSK ab 0
Wer sich um unmenschlichen Stress schon für Kinder sorgt, braucht nicht auf einen lauen Tatort zum Thema zu warten. Ein Blick ins gesellschaftlich gleichzeitig futuristische und traditionelle Japan reicht. Kore-Eda Hirokazu, der 2004 mit „Nobody Knows" eine unheimlich bewegende Geschichte um Kinder realisierte, die im modernen Japan auf sich allein gestellt verwahrlosen, erweist sich wieder als meisterlicher Seismograph für das Verschwinden des Menschen ist der Gesellschaft. „Like Father, Like Son" (Wie der Vater, so der Sohn) feierte seine Premiere im Wettbewerb von Cannes 2013 und erhielt sehr verdient den Jury-Preis.
In „Like Father, Like Son" geht es wieder um Kinder, um das schier unfassbare Verschieben und Verschachern zweier Söhne, die vor sechs Jahren im Krankenhaus vertauscht wurden und die nun in einer extremen Leistungsgesellschaft von einem getriebenen Vater als Besitz betrachtet werden. Als der sehr wohlhabende Ryota und seine Frau Midori erfahren, dass ihr sechsjähriger Sohn Keita nicht ihr eigenes Kind ist, bietet - nach dem typisch japanischen Ritual von Grimm und demütigen Entschuldigungen - das Krankenhaus nicht nur Wiedergutmachung, sondern auch eine Wiederherstellung der natürlichen Ausgangslage an. Will das Paar den vermeintlichen Sohn gegen den wirklichen eintauschen? Nach sechs Jahren Kindheit? Und was will das andere betroffene Elternpaar, das auch so wunderbar anders ist Neben den strengen, ordentlichen, durchdesignten Erfolgs-Eltern, die ihr Kind schon jetzt zu lebensentscheidenden Aufnahme-Prüfungen drängen, ist die einfache, arme, chaotische aber einnehmend herzliche Familie sehr erfrischend.
Wurde in kleinen Momenten die Ähnlichkeit von Vater und Sohn beim Klavierspiel überdeutlich, ist die Enttäuschung nachher umso größer. Dass Entsetzen, als sich der in seinen Grundfesten erschütterte Erfolgsmann Ryota einfach beide Kinder kaufen will, geht einher mit einer tiefen Verstörung angesichts einer tatsächlich schier unlösbaren Situation. Mit der alten Frage, ob Gene oder Sozialisation prägend sind, fangen das Nachdenken und das moralisches Abwägen erst an. Ein mit viel Sensibilität und großer Kunst gemachter, großartiger und wichtiger Film. Ein Meisterwerk.
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Wer sich um unmenschlichen Stress schon für Kinder sorgt, braucht nicht auf einen lauen Tatort zum Thema zu warten. Ein Blick ins gesellschaftlich gleichzeitig futuristische und traditionelle Japan reicht. Kore-Eda Hirokazu, der 2004 mit „Nobody Knows" eine unheimlich bewegende Geschichte um Kinder realisierte, die im modernen Japan auf sich allein gestellt verwahrlosen, erweist sich wieder als meisterlicher Seismograph für das Verschwinden des Menschen ist der Gesellschaft. „Like Father, Like Son" (Wie der Vater, so der Sohn) feierte seine Premiere im Wettbewerb von Cannes 2013 und erhielt sehr verdient den Jury-Preis.
In „Like Father, Like Son" geht es wieder um Kinder, um das schier unfassbare Verschieben und Verschachern zweier Söhne, die vor sechs Jahren im Krankenhaus vertauscht wurden und die nun in einer extremen Leistungsgesellschaft von einem getriebenen Vater als Besitz betrachtet werden. Als der sehr wohlhabende Ryota und seine Frau Midori erfahren, dass ihr sechsjähriger Sohn Keita nicht ihr eigenes Kind ist, bietet - nach dem typisch japanischen Ritual von Grimm und demütigen Entschuldigungen - das Krankenhaus nicht nur Wiedergutmachung, sondern auch eine Wiederherstellung der natürlichen Ausgangslage an. Will das Paar den vermeintlichen Sohn gegen den wirklichen eintauschen? Nach sechs Jahren Kindheit? Und was will das andere betroffene Elternpaar, das auch so wunderbar anders ist Neben den strengen, ordentlichen, durchdesignten Erfolgs-Eltern, die ihr Kind schon jetzt zu lebensentscheidenden Aufnahme-Prüfungen drängen, ist die einfache, arme, chaotische aber einnehmend herzliche Familie sehr erfrischend.
Wurde in kleinen Momenten die Ähnlichkeit von Vater und Sohn beim Klavierspiel überdeutlich, ist die Enttäuschung nachher umso größer. Dass Entsetzen, als sich der in seinen Grundfesten erschütterte Erfolgsmann Ryota einfach beide Kinder kaufen will, geht einher mit einer tiefen Verstörung angesichts einer tatsächlich schier unlösbaren Situation. Mit der alten Frage, ob Gene oder Sozialisation prägend sind, fangen das Nachdenken und das moralisches Abwägen erst an. Ein mit viel Sensibilität und großer Kunst gemachter, großartiger und wichtiger Film. Ein Meisterwerk.
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Who Am I - Kein System ist sicher
BRD 2014 Regie: Baran bo Odar mit Tom Schilling, Elyas M'Barek, Hannah Herzsprung, Wotan Wilke Möhring, Antoine Monot jr, Trine Dyrholm 106 Min. FSK: ab 12
Hat da jemand einen Hollywood-Server geknackt und sich ein hochkarätiges Thriller-Drehbuch geschnappt? Nein, wer 2010 „Das letzte Schweigen" gesehen hat, den letzten Kinofilm von Baran bo Odar, diesen optisch sensationellen Psycho-Thriller, weiß vom Talent des 1978 in der Schweiz geborenen Regisseurs. Nun schrieb er zusammen mit Jantje Friese einen hochspannenden Hacker-Thriller und realisierte es mit klasse Besetzung selbst als Kino-Knaller.
Benjamin (Tom Schilling) ist Hacker. Kein verspielter Nerd mit Ego-Shooter-Manie, sondern ein schüchternes, fast unsichtbares, braves Jüngelchen. Er pflegt seine Oma, die ihn nach dem Verschwinden des Vaters und dem Selbstmord der Mutter aufzog. Aber der bis zur Unsichtbarkeit unauffällige Pizzabote kann Maschinensprache, was scheinbar der Sesam-Öffne-Dich für alle Computer-Systeme ist. Der Versuch, der heimlich angehimmelten Marie (Hannah Herzsprung) eine Jura-Klausur vom Uni-Server zu klauen, scheitert nur in der blöden 3D-Welt, dem Fleisch-Space.
Doch die Sozialstrafe bringt Benjamin mit dem ganz anders strukturierten Max (Elyas M'Barek) zusammen: Auch Hacker, aber Meister des „social engineering", des Hackens von Menschen. Oder: extrovertierter, draufgängerischer Anmacher und Verführer. Mit dem wahnsinnigen Stephan (Wotan Wilke Möhring) und dem neurotischen Techniker Paul (Antoine Monot jr.) brechen sie bei Banken, Pharmakonzernen und Neonazis ein, um einfallsreich und witzig politische Statements abzulegen. In einer kindischen Konkurrenz mit MRX, dem Star der Hackerszene, düpieren sie schließlich den angeblich hochsicheren Bundesnachrichtendienst. Doch die Konkurrenz um Marie führt zum Mord an einem Undercover-Agenten. Benjamin sieht sich plötzlich von allen verfolgt.
Der ungewöhnlich dichte deutsche Film hat von Anfang an viel Power und Drive, gepuscht von Techno-Klängen (Musik: Michael Kamm). „Who Am I" ist fast komplett Benjamins Geständnis bei der Europol-Polizistin Hanne Lindberg (die großartige Dänin Trine Dyrholm) und ganz schnell gehört hier Keyser Soze zu den üblichen Verdächtigen. Also eine Art „23" für eine neue Generation. Hans-Christian Schmid war dabei 1998 der Regisseur und auch diesmal liegt der „Illuminatus" von Robert Anton Wilson als Bibel der Verschwörungstheorien neben dem Bett. Wobei, wenn Tom Schilling nun in der damaligen Rolle von August Diehl von allen verfolgt wird, ist es vor allem schneller und spannender, dafür weniger verrückt oder politisch.
Wenn das charakter-starke Quartett mit Masken die an den von Anonymus vereinnahmten Guy Fawkes erinnern, über die Dächer Frankfurts ziehen, sieht das aus wie im großen US-Krimi. Odars angestammter Kameramann Nikolaus Summerer fängt in Hell und Dunkel gute Bilder ein. Vor allem Tom Schilling legt eine klasse, facettenreiche Rolle hin. Die Kumpels von Benjamin sind tolle Ergänzungen seiner Persönlichkeit und mit Elyas M'Barek, Wotan Wilke Möhring und „Tech-Nick" Antoine Monot jr. super besetzt. Auch Hannah Herzsprung begeistert mit einer schillernden Marie.
Spannend ist „Who Am I" schon bevor irgendeine Rennerei losgeht. Cyber-Crime mit Fleisch und Blut, auch die unvermeidliche Visualisierung von Digitalem gelang gut. Dass ein „Darkroom" zum düsteren U-Bahnwagon voller maskierter Typen geriet, geht durch. Nur der Nothammer als IP-Tracer ist ebenso übertrieben wie das Versteckspiel des Endes. Das enttäuschte ja schon bei „Das letzte Schweigen". Vor allem auf die Fortsetzung der Karriere von Baran bo Odar darf man gespannt sein. Vielleicht ist beim nächsten Mal das Finale so exzellent wie der Rest.
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Hat da jemand einen Hollywood-Server geknackt und sich ein hochkarätiges Thriller-Drehbuch geschnappt? Nein, wer 2010 „Das letzte Schweigen" gesehen hat, den letzten Kinofilm von Baran bo Odar, diesen optisch sensationellen Psycho-Thriller, weiß vom Talent des 1978 in der Schweiz geborenen Regisseurs. Nun schrieb er zusammen mit Jantje Friese einen hochspannenden Hacker-Thriller und realisierte es mit klasse Besetzung selbst als Kino-Knaller.
Benjamin (Tom Schilling) ist Hacker. Kein verspielter Nerd mit Ego-Shooter-Manie, sondern ein schüchternes, fast unsichtbares, braves Jüngelchen. Er pflegt seine Oma, die ihn nach dem Verschwinden des Vaters und dem Selbstmord der Mutter aufzog. Aber der bis zur Unsichtbarkeit unauffällige Pizzabote kann Maschinensprache, was scheinbar der Sesam-Öffne-Dich für alle Computer-Systeme ist. Der Versuch, der heimlich angehimmelten Marie (Hannah Herzsprung) eine Jura-Klausur vom Uni-Server zu klauen, scheitert nur in der blöden 3D-Welt, dem Fleisch-Space.
Doch die Sozialstrafe bringt Benjamin mit dem ganz anders strukturierten Max (Elyas M'Barek) zusammen: Auch Hacker, aber Meister des „social engineering", des Hackens von Menschen. Oder: extrovertierter, draufgängerischer Anmacher und Verführer. Mit dem wahnsinnigen Stephan (Wotan Wilke Möhring) und dem neurotischen Techniker Paul (Antoine Monot jr.) brechen sie bei Banken, Pharmakonzernen und Neonazis ein, um einfallsreich und witzig politische Statements abzulegen. In einer kindischen Konkurrenz mit MRX, dem Star der Hackerszene, düpieren sie schließlich den angeblich hochsicheren Bundesnachrichtendienst. Doch die Konkurrenz um Marie führt zum Mord an einem Undercover-Agenten. Benjamin sieht sich plötzlich von allen verfolgt.
Der ungewöhnlich dichte deutsche Film hat von Anfang an viel Power und Drive, gepuscht von Techno-Klängen (Musik: Michael Kamm). „Who Am I" ist fast komplett Benjamins Geständnis bei der Europol-Polizistin Hanne Lindberg (die großartige Dänin Trine Dyrholm) und ganz schnell gehört hier Keyser Soze zu den üblichen Verdächtigen. Also eine Art „23" für eine neue Generation. Hans-Christian Schmid war dabei 1998 der Regisseur und auch diesmal liegt der „Illuminatus" von Robert Anton Wilson als Bibel der Verschwörungstheorien neben dem Bett. Wobei, wenn Tom Schilling nun in der damaligen Rolle von August Diehl von allen verfolgt wird, ist es vor allem schneller und spannender, dafür weniger verrückt oder politisch.
Wenn das charakter-starke Quartett mit Masken die an den von Anonymus vereinnahmten Guy Fawkes erinnern, über die Dächer Frankfurts ziehen, sieht das aus wie im großen US-Krimi. Odars angestammter Kameramann Nikolaus Summerer fängt in Hell und Dunkel gute Bilder ein. Vor allem Tom Schilling legt eine klasse, facettenreiche Rolle hin. Die Kumpels von Benjamin sind tolle Ergänzungen seiner Persönlichkeit und mit Elyas M'Barek, Wotan Wilke Möhring und „Tech-Nick" Antoine Monot jr. super besetzt. Auch Hannah Herzsprung begeistert mit einer schillernden Marie.
Spannend ist „Who Am I" schon bevor irgendeine Rennerei losgeht. Cyber-Crime mit Fleisch und Blut, auch die unvermeidliche Visualisierung von Digitalem gelang gut. Dass ein „Darkroom" zum düsteren U-Bahnwagon voller maskierter Typen geriet, geht durch. Nur der Nothammer als IP-Tracer ist ebenso übertrieben wie das Versteckspiel des Endes. Das enttäuschte ja schon bei „Das letzte Schweigen". Vor allem auf die Fortsetzung der Karriere von Baran bo Odar darf man gespannt sein. Vielleicht ist beim nächsten Mal das Finale so exzellent wie der Rest.
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16.9.14
Shirley - Visionen der Realität
Österreich 2013 Regie: Gustav Deutsch mit Stephanie Cumming, Christoph Bach 93 Min. FSK: ab 0
Bilder des amerikanischen Realisten Edward Hopper (1882-1967) gehören zum kulturellen Allgemeingut, zur gemeinschaftlichen ikonischen Bibliothek der westlichen Gesellschaften. So taucht die Eckbar von „Nighthawks" (1942) in zahllosen Filmszenen auf, bei Wenders und anderen, aber auch in allen möglichen Parodien. Nun nimmt sich der Regisseur Gustav Deutsch in „Shirley – Visionen der Realität" gleich 13 Gemälde von Hopper vor, lässt sie auf faszinierende Weise dreidimensional werden und bespielt sie mit der fiktiven Biografie einer Amerikanerin namens Shirley (Stephanie Cumming) in den 30er, 40er und 50er Jahren. Zum 28. August von 13 Jahren werden, beginnend 1931, vor Schwarzbild Nachrichten eingespielt, bevor ein Gemälde von Hopper aus diesem Jahr aufblendet. In diesen sehr exakten räumlichen Nachbildungen von gemalten Räumen rührt sich in einem immer wieder erstaunlichen Moment dann etwas. Handlung gibt es allerdings nur in begrenztem Maße, denn Deutsch treibt die Künstlichkeit noch weiter. Wir hören nur jeweils den inneren Monolog Shirleys, dazu nur mal ein wunderbares Lied von David Sylvian.
Shirley überdenkt dabei ihre Haltung zu Hollywood, während sie in „New York Movie" steht, und die wahrscheinlich im New Deal gegründete, linke Theatertruppe „The Living Theatre". Der Wirtschaftskrise folgt der 2. Weltkrieg, dann die Kommunistenhatz unter McCarthy und Nixon. Selten gibt es Gedanken zu Stephen (Christoph Bach), einem Partner Shirleys.
So erweist sich „Shirley – Visionen der Realität" als ideale Träumerei mit den meist einsamen Menschen in Hoppers Gemälden. Doch um Shirleys Lebensweg in die Bilder-Rahmen zu zwängen, muss die minimale Geschichte doch arg zurechtgebogen werden: Für „Office at Night" (1940) erzählt Shirley, dass sie für das method acting auch schon mal die Berufen annimmt, die sie in ihren Rollen spielt. Also wohl Sekretärin in diesem Fall. Dem Experimentalfilmer Gustav Deutsch gelang im Bild ein spannendes Experiment, die Tonspur irritiert eher.
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Bilder des amerikanischen Realisten Edward Hopper (1882-1967) gehören zum kulturellen Allgemeingut, zur gemeinschaftlichen ikonischen Bibliothek der westlichen Gesellschaften. So taucht die Eckbar von „Nighthawks" (1942) in zahllosen Filmszenen auf, bei Wenders und anderen, aber auch in allen möglichen Parodien. Nun nimmt sich der Regisseur Gustav Deutsch in „Shirley – Visionen der Realität" gleich 13 Gemälde von Hopper vor, lässt sie auf faszinierende Weise dreidimensional werden und bespielt sie mit der fiktiven Biografie einer Amerikanerin namens Shirley (Stephanie Cumming) in den 30er, 40er und 50er Jahren. Zum 28. August von 13 Jahren werden, beginnend 1931, vor Schwarzbild Nachrichten eingespielt, bevor ein Gemälde von Hopper aus diesem Jahr aufblendet. In diesen sehr exakten räumlichen Nachbildungen von gemalten Räumen rührt sich in einem immer wieder erstaunlichen Moment dann etwas. Handlung gibt es allerdings nur in begrenztem Maße, denn Deutsch treibt die Künstlichkeit noch weiter. Wir hören nur jeweils den inneren Monolog Shirleys, dazu nur mal ein wunderbares Lied von David Sylvian.
Shirley überdenkt dabei ihre Haltung zu Hollywood, während sie in „New York Movie" steht, und die wahrscheinlich im New Deal gegründete, linke Theatertruppe „The Living Theatre". Der Wirtschaftskrise folgt der 2. Weltkrieg, dann die Kommunistenhatz unter McCarthy und Nixon. Selten gibt es Gedanken zu Stephen (Christoph Bach), einem Partner Shirleys.
So erweist sich „Shirley – Visionen der Realität" als ideale Träumerei mit den meist einsamen Menschen in Hoppers Gemälden. Doch um Shirleys Lebensweg in die Bilder-Rahmen zu zwängen, muss die minimale Geschichte doch arg zurechtgebogen werden: Für „Office at Night" (1940) erzählt Shirley, dass sie für das method acting auch schon mal die Berufen annimmt, die sie in ihren Rollen spielt. Also wohl Sekretärin in diesem Fall. Dem Experimentalfilmer Gustav Deutsch gelang im Bild ein spannendes Experiment, die Tonspur irritiert eher.
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Istanbul United
BRD, Tschechien, Schweiz, Großbritannien, Türkei 2014 Regie: Olli Waldhauer, Farid Eslam 90 Min. FSK: ab 16
„Istanbul United" ist ein unausgegorener Dokumentarfilm, der eine Fußnote vom Rand der türkischen Proteste zum Erhalt des Gezi-Parks aufbläht und übersieht, dass die eine Gewalt nur angesichts einer größeren sympathisch werden soll.
Die Begeisterung der Fußballfanaten von drei verfeindeten Istanbuler Profi-Unternehmen verursacht Gänsehaut, weil die gleichen Gesichter auch bei faschistischen Massenaufmärschen, bei Bücherverbrennungen und vielem anderen Schrecklichen zu sehen waren. Und ein kurzer, nicht im Film vorkommender Gedanke rüber nach Ägypten, wo in Port Said noch 2012 bei gewalttätigen Ausschreitungen rund um ein doch angeblich so verbindendes Fußballspiel 74 Menschen getötet und knapp Tausend verletzt wurden, erdet diese naive Hymne auf ein paar zeitweise demokratisch engagierte Fußballfans. Denn zum Alltag der türkischen Ultras gehören Massenschlägereien und auch Tote. Und auch wenn Premier Erdogan im Schnitt als böser Anführer der korrupten Herrschaft angedeutet wird, es kommt auch der „Führer" eines Fan-Club mit martialischen Phrasen zu Wort: Sie würden für ihren Verein töten. Ein Sportreporter schildert den Mord zwischen Fans als epischen Vorgang, nicht als systemimmanente, zwangsläufige Folge von Fanatismus und Fußball.
So schwelgt „Istanbul United" lange distanzlos in Bildern von idealisierter Gemeinschaft mitten unter den Fans und Hooligans. Diese Erhöhung von aggressivem, männlichem Fanatismus erscheint einem mindestens als naiv, wenn nicht gar als widerwärtig. Aus den aggressiven Typen, die scheinbar nichts anderes wollen, als sich gegenseitig übel zu beleidigen und tot zu schlagen, werden dann nach circa dreißig Minuten Film angesichts der Proteste um den Gezi-Park unvermittelt - wieder aggressive - Demonstranten, die nun gemeinsam für eine wohl gute Sache kämpfen. Diese Wandlung ist für den Gesamtzusammenhang einer zunehmenden Ent-Demokratisierung unter Ex-Premier und Jetzt-Präsident Erdogan wahrscheinlich so wichtig wie David Hasselhoff für den Fall der Berliner Mauer. Allerdings ist der Film wenigstens wieder mittendrin, diesmal im Protest und im Tränengas-Nebel. Was zu einer halbwegs interessanten und informativen Dokumentation der Proteste aus Sicht der Niedergeknüppelten führt. Das hat mit Fußball nicht viel zu tun - außer der altbekannten Tatsache, dass es ohne die Dauerberieselung mit Sport in allen Medien viel mehr (Zeit für) Nachdenken, Proteste und Bürgerbeteiligung geben würde.
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„Istanbul United" ist ein unausgegorener Dokumentarfilm, der eine Fußnote vom Rand der türkischen Proteste zum Erhalt des Gezi-Parks aufbläht und übersieht, dass die eine Gewalt nur angesichts einer größeren sympathisch werden soll.
Die Begeisterung der Fußballfanaten von drei verfeindeten Istanbuler Profi-Unternehmen verursacht Gänsehaut, weil die gleichen Gesichter auch bei faschistischen Massenaufmärschen, bei Bücherverbrennungen und vielem anderen Schrecklichen zu sehen waren. Und ein kurzer, nicht im Film vorkommender Gedanke rüber nach Ägypten, wo in Port Said noch 2012 bei gewalttätigen Ausschreitungen rund um ein doch angeblich so verbindendes Fußballspiel 74 Menschen getötet und knapp Tausend verletzt wurden, erdet diese naive Hymne auf ein paar zeitweise demokratisch engagierte Fußballfans. Denn zum Alltag der türkischen Ultras gehören Massenschlägereien und auch Tote. Und auch wenn Premier Erdogan im Schnitt als böser Anführer der korrupten Herrschaft angedeutet wird, es kommt auch der „Führer" eines Fan-Club mit martialischen Phrasen zu Wort: Sie würden für ihren Verein töten. Ein Sportreporter schildert den Mord zwischen Fans als epischen Vorgang, nicht als systemimmanente, zwangsläufige Folge von Fanatismus und Fußball.
So schwelgt „Istanbul United" lange distanzlos in Bildern von idealisierter Gemeinschaft mitten unter den Fans und Hooligans. Diese Erhöhung von aggressivem, männlichem Fanatismus erscheint einem mindestens als naiv, wenn nicht gar als widerwärtig. Aus den aggressiven Typen, die scheinbar nichts anderes wollen, als sich gegenseitig übel zu beleidigen und tot zu schlagen, werden dann nach circa dreißig Minuten Film angesichts der Proteste um den Gezi-Park unvermittelt - wieder aggressive - Demonstranten, die nun gemeinsam für eine wohl gute Sache kämpfen. Diese Wandlung ist für den Gesamtzusammenhang einer zunehmenden Ent-Demokratisierung unter Ex-Premier und Jetzt-Präsident Erdogan wahrscheinlich so wichtig wie David Hasselhoff für den Fall der Berliner Mauer. Allerdings ist der Film wenigstens wieder mittendrin, diesmal im Protest und im Tränengas-Nebel. Was zu einer halbwegs interessanten und informativen Dokumentation der Proteste aus Sicht der Niedergeknüppelten führt. Das hat mit Fußball nicht viel zu tun - außer der altbekannten Tatsache, dass es ohne die Dauerberieselung mit Sport in allen Medien viel mehr (Zeit für) Nachdenken, Proteste und Bürgerbeteiligung geben würde.
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Heli
Mexiko, Frankreich, BRD, Niederlande 2013 Regie: Amat Escalante mit Armando Espitia, Andrea Vergara, Linda González, Juan Eduardo Palacios, Reina Torres, Gabriel Reyes 105 Min.
„Heli" war einer der stärksten bewegenden und schockierenden Film von Cannes 2013, wo der Mexikaner Amat Escalante den Preis für die Beste Regie erhielt: Wie in einer Sozialdoku erleben wir, wie der junge Heli gemeinsam mit seinem Vater, seiner 12-jährigen Schwester Estela, seiner Frau und dem gemeinsamen Kind in einem kleinen Haus am Rande einer Stadt in Zentralmexiko lebt. Vater und Sohn arbeiten in einer Automobilfabrik. Als Helis Schwester Estela den jungen Polizeikadetten Beto kennenlernt, der das junge Mädchen ungeachtet ihres beinahe noch kindlichen Alters gerne heiraten würde, verursacht der eine Katastrophe. Eher unwillig von Kollegen angestachelt entwendet Beto mehrere Päckchen mit Kokain und versteckt sie auf dem Dach von Estelas Familie, die von nichts ahnt. Was der brutalen Gewalt vom Drogenkartell, aber auch von Polizei und Militär egal ist. Entführung und Folter sind die Folgen.
Eine Gewalt, die schwerer erträglich als in aktuellem Hollywood-Schund ist, aber wohl leider ziemlich nahe dran am realen Leben in Mexiko. Gleichzeitig ein fein gezeichnetes Psychodrama zwischen Heli und seiner Frau, eine erotische Story um die ermittelnde, sexuell frustrierte Polizistin, eine erschütternde Ansicht vom völligen Verfall der Moral.
„Heli" ist mit seiner ergreifenden Geschichte, im tollen Schauspiel und durch eine klasse Inszenierung eindrucksvoll, auch wenn der junge Regisseur Amat Escalante nicht die Klasse seiner Landleute bei „Amores perros", „Y Tu Mamá También" oder bei den Filmen von Carlos Reygadas hat. Escalante bedankte sich nicht nur bei seinem deutschen Produzenten und der Förderung durch die Film- und Medienstiftung NRW, sondern auch bei deutschen Einflüssen: Fritz Lang, Friedrich Wilhelm Murnau, Werner Herzog und der Arriflex-Kamera, mit der er seinen ersten Film drehte.
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„Heli" war einer der stärksten bewegenden und schockierenden Film von Cannes 2013, wo der Mexikaner Amat Escalante den Preis für die Beste Regie erhielt: Wie in einer Sozialdoku erleben wir, wie der junge Heli gemeinsam mit seinem Vater, seiner 12-jährigen Schwester Estela, seiner Frau und dem gemeinsamen Kind in einem kleinen Haus am Rande einer Stadt in Zentralmexiko lebt. Vater und Sohn arbeiten in einer Automobilfabrik. Als Helis Schwester Estela den jungen Polizeikadetten Beto kennenlernt, der das junge Mädchen ungeachtet ihres beinahe noch kindlichen Alters gerne heiraten würde, verursacht der eine Katastrophe. Eher unwillig von Kollegen angestachelt entwendet Beto mehrere Päckchen mit Kokain und versteckt sie auf dem Dach von Estelas Familie, die von nichts ahnt. Was der brutalen Gewalt vom Drogenkartell, aber auch von Polizei und Militär egal ist. Entführung und Folter sind die Folgen.
Eine Gewalt, die schwerer erträglich als in aktuellem Hollywood-Schund ist, aber wohl leider ziemlich nahe dran am realen Leben in Mexiko. Gleichzeitig ein fein gezeichnetes Psychodrama zwischen Heli und seiner Frau, eine erotische Story um die ermittelnde, sexuell frustrierte Polizistin, eine erschütternde Ansicht vom völligen Verfall der Moral.
„Heli" ist mit seiner ergreifenden Geschichte, im tollen Schauspiel und durch eine klasse Inszenierung eindrucksvoll, auch wenn der junge Regisseur Amat Escalante nicht die Klasse seiner Landleute bei „Amores perros", „Y Tu Mamá También" oder bei den Filmen von Carlos Reygadas hat. Escalante bedankte sich nicht nur bei seinem deutschen Produzenten und der Förderung durch die Film- und Medienstiftung NRW, sondern auch bei deutschen Einflüssen: Fritz Lang, Friedrich Wilhelm Murnau, Werner Herzog und der Arriflex-Kamera, mit der er seinen ersten Film drehte.
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Sin City 2: A Dame To Kill For
USA 2014 Regie: Frank Miller, Robert Rodriguez mit Jessica Alba, Josh Brolin, Eva Green, Joseph Gordon-Levitt, Mickey Rourke, Rosario Dawson, Bruce Willis 102 Min. FSK: ab 18
Nachdem „Sin City" im Jahre 2005 als stilistisch mutige Comic-Verfilmung ästhetisch reizte und mit einer düsteren, nihilistischen Grundhaltung abstieß, kommt der Nachfolger „Sin City 2: A Dame To Kill For" ungewöhnlich spät und im Stil gemäßigt daher. Die extreme Gewalt des nicht jugendfreien Films ist aber immer noch ein Totschlagargument gegen ihn.
Eine normale Nacht im verdorbenen, heruntergekommenen und düsteren Sin City, in der Stadt der Sünde: Ein junger Spieler (Joseph Gordon-Levitt) fordert seinen herzlosen Vater, den mächtigen, gewissenlosen Senator Roark (Powers Boothe) heraus, der ganz schlecht verlieren kann. Der Alkie Dwight McCarthy (Josh Brolin) verfällt seiner anderen Sucht, der Femme Fatale Ava Lord (Eva Green) erneut - mit tödlichen Folgen für alle drumherum. Die Nackttänzerin Nancy Callahan (Jessica Alba) rächt sich am Mörder ihrer Liebe (Bruce Willis). Und wie ein Gespenst hängt Marv überall rum, so wie sein Darsteller Mickey Rourke auch immer noch im Filmgeschäft herumgeistert.
Es sind wieder ein paar Episoden voller Mord, Brutalität und Grausamkeit, die zwar mit wechselnden Erzählperspektiven, aber eigentlich vom immer gleichen Typ Mann mit gleich tiefer Stimme kommentiert werden. Passend dazu die dunkle Gestaltung des im Comic-Stil von Frank Millers Vorlage nachbearbeiten Realfilms. Diesmal allerdings ist die Maskierung zurückhaltender als im ersten „Sin City", denn es gilt, eine eindrucksvolle Reihe von bekannten Gesichtern vorzuführen. Bis zu Legenden wie Christopher Lloyd, der kurz als schräger Quacksalber übel mit einer Zange gebrochene Finger wieder gerade biegt.
Bis auf Farbtupfer wie rostrote Haare, ein blaues Kleid an Eva Green und selbstverständlich rotes Blut ist „Sin City 2" schwarz-weiß und ganz nahe an der schwarzen Serie. Wenn man zu all der Lust an Gewalt unbedingt einen Sinn finden muss, stülpt er die innere Visage vom Monster in Männern nach außen. Männer, die sowieso Monster sind, aber mit rauer Stimme viel drüber jammern. Soll man sich außerdem Gedanken darüber machen, weshalb das Blut nur manchmal rot spritzt? Oder die Anleihen bei alten Filmstilen interpretieren, die Spiegelkabinette würdigen? Nüchtern betrachtet, ist „Sin City" ein Film der nur aus Gewalt, Verstümmelung und Quälereien besteht und aus Frauen, die sich prostituieren. Bis auf eine Gang aus knapp bekleideten Killer-Frauen.
„Sin City 2: A Dame To Kill For" ist halt auch vom alten Gewalttäter und Tarantino-Kumpel Robert Rodriguez („El Mariachi", „From Dusk till Dawn"), mit Ko-Regie, Kamera, Musik und Schnitt hauptsächliche Mittäter von Frank Miller, der seine Comic-Vorlage selbst umsetzte. Es wirkt auch wie ein Tarantino, nur noch entseelter, mit noch stilisierterem Morden und entmenschlichtem Schlachten. Passend läuft kaum jemand ohne zerschlagenes Gesicht herum, alle haben eine üble Vergangenheit und immer eine verführerische betrügerische Frau darin. Eine unnötige Gewaltorgie, bei der ein paar Minuten Trailer reichen, um den Stil zu würdigen.
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Nachdem „Sin City" im Jahre 2005 als stilistisch mutige Comic-Verfilmung ästhetisch reizte und mit einer düsteren, nihilistischen Grundhaltung abstieß, kommt der Nachfolger „Sin City 2: A Dame To Kill For" ungewöhnlich spät und im Stil gemäßigt daher. Die extreme Gewalt des nicht jugendfreien Films ist aber immer noch ein Totschlagargument gegen ihn.
Eine normale Nacht im verdorbenen, heruntergekommenen und düsteren Sin City, in der Stadt der Sünde: Ein junger Spieler (Joseph Gordon-Levitt) fordert seinen herzlosen Vater, den mächtigen, gewissenlosen Senator Roark (Powers Boothe) heraus, der ganz schlecht verlieren kann. Der Alkie Dwight McCarthy (Josh Brolin) verfällt seiner anderen Sucht, der Femme Fatale Ava Lord (Eva Green) erneut - mit tödlichen Folgen für alle drumherum. Die Nackttänzerin Nancy Callahan (Jessica Alba) rächt sich am Mörder ihrer Liebe (Bruce Willis). Und wie ein Gespenst hängt Marv überall rum, so wie sein Darsteller Mickey Rourke auch immer noch im Filmgeschäft herumgeistert.
Es sind wieder ein paar Episoden voller Mord, Brutalität und Grausamkeit, die zwar mit wechselnden Erzählperspektiven, aber eigentlich vom immer gleichen Typ Mann mit gleich tiefer Stimme kommentiert werden. Passend dazu die dunkle Gestaltung des im Comic-Stil von Frank Millers Vorlage nachbearbeiten Realfilms. Diesmal allerdings ist die Maskierung zurückhaltender als im ersten „Sin City", denn es gilt, eine eindrucksvolle Reihe von bekannten Gesichtern vorzuführen. Bis zu Legenden wie Christopher Lloyd, der kurz als schräger Quacksalber übel mit einer Zange gebrochene Finger wieder gerade biegt.
Bis auf Farbtupfer wie rostrote Haare, ein blaues Kleid an Eva Green und selbstverständlich rotes Blut ist „Sin City 2" schwarz-weiß und ganz nahe an der schwarzen Serie. Wenn man zu all der Lust an Gewalt unbedingt einen Sinn finden muss, stülpt er die innere Visage vom Monster in Männern nach außen. Männer, die sowieso Monster sind, aber mit rauer Stimme viel drüber jammern. Soll man sich außerdem Gedanken darüber machen, weshalb das Blut nur manchmal rot spritzt? Oder die Anleihen bei alten Filmstilen interpretieren, die Spiegelkabinette würdigen? Nüchtern betrachtet, ist „Sin City" ein Film der nur aus Gewalt, Verstümmelung und Quälereien besteht und aus Frauen, die sich prostituieren. Bis auf eine Gang aus knapp bekleideten Killer-Frauen.
„Sin City 2: A Dame To Kill For" ist halt auch vom alten Gewalttäter und Tarantino-Kumpel Robert Rodriguez („El Mariachi", „From Dusk till Dawn"), mit Ko-Regie, Kamera, Musik und Schnitt hauptsächliche Mittäter von Frank Miller, der seine Comic-Vorlage selbst umsetzte. Es wirkt auch wie ein Tarantino, nur noch entseelter, mit noch stilisierterem Morden und entmenschlichtem Schlachten. Passend läuft kaum jemand ohne zerschlagenes Gesicht herum, alle haben eine üble Vergangenheit und immer eine verführerische betrügerische Frau darin. Eine unnötige Gewaltorgie, bei der ein paar Minuten Trailer reichen, um den Stil zu würdigen.
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15.9.14
Wenn ich bleibe
USA 2014 (If I stay) Regie: R.J. Cutler mit Chloë Grace Moretz, Mireille Enos, Liana Liberato, Jamie Blackley, Stacy Keach 107 Min.
Schöne Jugendzeit ... Eine gute Zeit, um sich mit dem Tod zu beschäftigen? Eher nicht, im Teenie-Film wird die Begegnung mit dem Tod zum Horror, fast immer. „Wenn ich bleibe" schlägt die andere Richtung zum romantischen Rührstück ein: Mia Hall (Chloë Grace Moretz) hat, obwohl Tochter von Punk-Eltern, eine enorme Begabung und Begeisterung für das Cello-Spiel. Aber ausgerechnet Adam (Jamie Blackley), der Held einer aufsteigenden Rockband interessiert sich für das etwas nerdige Mädchen. Nach vorsichtigem Flirt und liebevollem Anfang einer Beziehung geht Adam auf seine erste längere Tour und Mia bewirbt sich für die berühmte Juilliard School im fernen New York. Was ausgerechnet bei Adam, der keine behütete Kindheit hatte, große Angst hervorruft, verlassen zu werden. Kurz, eine erste Probe für die frische Liebe, ein Thema, das man so direkt als unspannende Wiederholung von Altbekanntem abhaken könnte.
Doch ein Winterausflug von Mias Familie endet tödlich. Nur Mia überlebt schwerverletzt und landet im Koma. Und völlig neben sich in einer langen außerkörperlichen Erfahrung. Sie erlebt die eigene OP, das Eintreffen der Großeltern und Freunde an dem Krankenbett, in dem sie selbst reglos liegt. In der Verzahnung dieser dramatischen Situationen mit der Entwicklung von Mias Beziehung mit Adam wird deutlich, dass irgendwie nur ihre Entscheidung für oder gegen die Juilliard School, für oder gegen Adam den Dornröschenschlaf beenden kann. Was Mia schließlich zurückholt, ist Musik, von der es angenehm viel im Film gibt.
Einmal abgesehen davon, ob diese Konstruktion nach Gayle Formans Roman „If I Stay" (dt.: „Wenn ich bleibe") psychologisch haltbar ist, hat die Verflechtung von „Out of Body Experience" und Mias Vorgeschichte ihren Reiz. Gut gespielt vor allem von Chloë Grace Moretz („Hugo Cabret", „Let Me In"), nur etwas zu träge montiert, gewinnt die einfache Romanze so tatsächlich eine weitere Dimension. Von der man allerdings nicht viel erwarten darf: Das Jenseits bleibt als ein hell leuchtendes Glücksgefühl undifferenziert und religiös neutral. Die Entscheidung, ob man im großen New York studieren soll oder bei dem rumtourenden Rocker bleiben, ist auch nicht wirklich eine Frage von Leben und Tod. Doch wenigstens in dieser Form für das Zielpublikum unterhaltsam. Nur schade, dass der Film die Krücke des Voice over benutzt, dass wir Mias Gedanken, ob sie sterben oder weiterleben möchte, ausdrücklich hören und nicht das gute Minen-Spiel von Chloë Grace Moretz dies allein ausdrücken darf.
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Schöne Jugendzeit ... Eine gute Zeit, um sich mit dem Tod zu beschäftigen? Eher nicht, im Teenie-Film wird die Begegnung mit dem Tod zum Horror, fast immer. „Wenn ich bleibe" schlägt die andere Richtung zum romantischen Rührstück ein: Mia Hall (Chloë Grace Moretz) hat, obwohl Tochter von Punk-Eltern, eine enorme Begabung und Begeisterung für das Cello-Spiel. Aber ausgerechnet Adam (Jamie Blackley), der Held einer aufsteigenden Rockband interessiert sich für das etwas nerdige Mädchen. Nach vorsichtigem Flirt und liebevollem Anfang einer Beziehung geht Adam auf seine erste längere Tour und Mia bewirbt sich für die berühmte Juilliard School im fernen New York. Was ausgerechnet bei Adam, der keine behütete Kindheit hatte, große Angst hervorruft, verlassen zu werden. Kurz, eine erste Probe für die frische Liebe, ein Thema, das man so direkt als unspannende Wiederholung von Altbekanntem abhaken könnte.
Doch ein Winterausflug von Mias Familie endet tödlich. Nur Mia überlebt schwerverletzt und landet im Koma. Und völlig neben sich in einer langen außerkörperlichen Erfahrung. Sie erlebt die eigene OP, das Eintreffen der Großeltern und Freunde an dem Krankenbett, in dem sie selbst reglos liegt. In der Verzahnung dieser dramatischen Situationen mit der Entwicklung von Mias Beziehung mit Adam wird deutlich, dass irgendwie nur ihre Entscheidung für oder gegen die Juilliard School, für oder gegen Adam den Dornröschenschlaf beenden kann. Was Mia schließlich zurückholt, ist Musik, von der es angenehm viel im Film gibt.
Einmal abgesehen davon, ob diese Konstruktion nach Gayle Formans Roman „If I Stay" (dt.: „Wenn ich bleibe") psychologisch haltbar ist, hat die Verflechtung von „Out of Body Experience" und Mias Vorgeschichte ihren Reiz. Gut gespielt vor allem von Chloë Grace Moretz („Hugo Cabret", „Let Me In"), nur etwas zu träge montiert, gewinnt die einfache Romanze so tatsächlich eine weitere Dimension. Von der man allerdings nicht viel erwarten darf: Das Jenseits bleibt als ein hell leuchtendes Glücksgefühl undifferenziert und religiös neutral. Die Entscheidung, ob man im großen New York studieren soll oder bei dem rumtourenden Rocker bleiben, ist auch nicht wirklich eine Frage von Leben und Tod. Doch wenigstens in dieser Form für das Zielpublikum unterhaltsam. Nur schade, dass der Film die Krücke des Voice over benutzt, dass wir Mias Gedanken, ob sie sterben oder weiterleben möchte, ausdrücklich hören und nicht das gute Minen-Spiel von Chloë Grace Moretz dies allein ausdrücken darf.
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9.9.14
Der Junge Siyar
Norwegen, BRD, Irak 2013 (Før snøen faller) Regie: Hisham Zaman mit Taher Abdullah Taher, Suzan Ilir, Bahar Özen, Nazmi Kirik, Ahmet Zirek 105 Min. FSK: ab 12
Siyar lebt in einem kleinen kurdischen Dorf im Nordirak. Er ist zwar noch ein Teenager, aber nach dem Tod seines Vaters stimmt er einer arrangierten Hochzeit für seine ältere Schwester zu. Diese flieht und Siyar wird gedrängt, mit einem „Ehrenmord" die Familie zu rächen. Mit einem Messer bewaffnet und entschlossen zu tun, was die alten Männer von ihm fordern, folgt er der Schwester zuerst nach Istanbul. In der Stadt kann sich der Dorfjunge nur mit einigen schmerzhaften Erfahrungen mühsam zurechtfinden. Er lernt aber auch das kurdische Straßenmädchen Evin kennen, das ihn zuerst beklaut. Gemeinsam lassen sie sich von Schleusern nach Nordeuropa bringen. Über Berlin geht die Odyssee nach Oslo.
Reich an Eindrücken und Begegnungen ist die Reise Siyars. Doch die alten Regeln herrschen in einem weitreichenden Netzwerk noch überall, auch in Nischen der moderneren Demokratien. „Der Junge Siyar" steht zwar namensgebend und zentral in diesem europäischen Epos, aber lange bleibt er eine blasse Leerstelle, die von äußeren Anweisungen angetrieben wird. An seiner Figur und seinem äußerlich kaum erkennbaren Konflikt, die Schwester umzubringen, reibt man sich als Zuschauer. Siyar verkörpert - sehr zurückhaltend gespielt - ein Drama, das sich unmerklich aber dann erschütternd bis zum tragischen Ende zuspitzt. Als starker, emotionaler Gegenpol agiert das Straßenmädchen Evin mit ihren offen gezeigten Ängsten und Sehnsüchten. Regisseur Hisham Zaman inszeniert die Geschichte sehr souverän mit stimmigen Bildern und Farben für Heimat und Nordeuropa.
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Siyar lebt in einem kleinen kurdischen Dorf im Nordirak. Er ist zwar noch ein Teenager, aber nach dem Tod seines Vaters stimmt er einer arrangierten Hochzeit für seine ältere Schwester zu. Diese flieht und Siyar wird gedrängt, mit einem „Ehrenmord" die Familie zu rächen. Mit einem Messer bewaffnet und entschlossen zu tun, was die alten Männer von ihm fordern, folgt er der Schwester zuerst nach Istanbul. In der Stadt kann sich der Dorfjunge nur mit einigen schmerzhaften Erfahrungen mühsam zurechtfinden. Er lernt aber auch das kurdische Straßenmädchen Evin kennen, das ihn zuerst beklaut. Gemeinsam lassen sie sich von Schleusern nach Nordeuropa bringen. Über Berlin geht die Odyssee nach Oslo.
Reich an Eindrücken und Begegnungen ist die Reise Siyars. Doch die alten Regeln herrschen in einem weitreichenden Netzwerk noch überall, auch in Nischen der moderneren Demokratien. „Der Junge Siyar" steht zwar namensgebend und zentral in diesem europäischen Epos, aber lange bleibt er eine blasse Leerstelle, die von äußeren Anweisungen angetrieben wird. An seiner Figur und seinem äußerlich kaum erkennbaren Konflikt, die Schwester umzubringen, reibt man sich als Zuschauer. Siyar verkörpert - sehr zurückhaltend gespielt - ein Drama, das sich unmerklich aber dann erschütternd bis zum tragischen Ende zuspitzt. Als starker, emotionaler Gegenpol agiert das Straßenmädchen Evin mit ihren offen gezeigten Ängsten und Sehnsüchten. Regisseur Hisham Zaman inszeniert die Geschichte sehr souverän mit stimmigen Bildern und Farben für Heimat und Nordeuropa.
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Sex Tape
USA 2014 Regie: Jake Kasdan mit Cameron Diaz, Jason Segel, Rob Corddry, Ellie Kemper, Rob Lowe 94 Min. FSK: ab 12
Der Versuch, zehn Jahre sexarme Ehe mit einem selbstgedrehten Porno zu beleben, gerät für Annie (Cameron Diaz) und Jay (Jason Segel) dank digitaler Unfähigkeit zur Katastrophe, als die dreistündige Verfilmung von „Joy of Sex" mit der Funktion „Frankensync" automatisch verbreitet wird. Nun startet eine Jagd nach einer Reihe von einst an Familie, Freunde und tatsächlich auch an den Briefträger verschenkten iPads, auf denen das Video landete. Und nach dem Sender einer anonymen Nachricht, der es auf jeden Fall gesehen hat.
Wer verschenkt eigentlich iPads als wären es Werbe-Kugelschreiber? Ebenso wenig wie um diese und andere grundlegende Fragen kümmert sich das klapperige Konstrukt um eine psychologische Grundierung der Geschichte. Kurz-Krise und Streit fallen erst nach fast 60 Minuten aus heiterem Himmel, bevor Jack Black als knallharter Pornoseiten-Betreiber mit großem Herzen noch ein paar Beziehungstipps gibt. Und die süßliche Musik ist keine Parodie sondern schrecklich ernst gemeint.
Was als Idee noch gut klang, geriet in der Ausführung von Jake Kasdan („Bad Teacher") erbärmlich: Nach mühsamem Start mit langen Erklärungen zum Sex vor und nach Geburt der Kinder windet sich der dünne Handlungsfaden ziellos umher. Eine lange Episode beim exzentrischen Firmenchef, der einen dicken Auftrag für Annie hätte, lässt Diaz eine unerfahrene Kokserin spielen, während Segel Ewigkeiten vor einem Schäferhund flieht. Eine Wiederbelebung des versehentlich ausgeknockten Haustieres erinnert schmerzlich an „Verrückt nach Mary". Hier hingegen stimmt das Timing weder im komödiantischen Moment noch in Großen und Ganzen.
Und überhaupt, was will das „Sex Tape" - außer mit erstaunlich wenig Handlung schlecht unterhalten? Die Verlogenheit der braven Gesellschaft entspannen? Vor den Gefahren des bösen Internets warnen? Oder beweisen, dass Familie und Erziehung im Disney-Stil wichtiger als dieser vernachlässigungswürdige Sex sind? Auf Basis einer verklemmten gesellschaftlichen Grundhaltung kann für den Mainstream keine sexuelle Komödie entstehen. Nach diesem unleidlichen, lustlosen und wenig lustigen Komödien-Krampf sind dann auch die originalen Turnübungen vom „Sex Tape" im Abspann nur noch nervig.
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Der Versuch, zehn Jahre sexarme Ehe mit einem selbstgedrehten Porno zu beleben, gerät für Annie (Cameron Diaz) und Jay (Jason Segel) dank digitaler Unfähigkeit zur Katastrophe, als die dreistündige Verfilmung von „Joy of Sex" mit der Funktion „Frankensync" automatisch verbreitet wird. Nun startet eine Jagd nach einer Reihe von einst an Familie, Freunde und tatsächlich auch an den Briefträger verschenkten iPads, auf denen das Video landete. Und nach dem Sender einer anonymen Nachricht, der es auf jeden Fall gesehen hat.
Wer verschenkt eigentlich iPads als wären es Werbe-Kugelschreiber? Ebenso wenig wie um diese und andere grundlegende Fragen kümmert sich das klapperige Konstrukt um eine psychologische Grundierung der Geschichte. Kurz-Krise und Streit fallen erst nach fast 60 Minuten aus heiterem Himmel, bevor Jack Black als knallharter Pornoseiten-Betreiber mit großem Herzen noch ein paar Beziehungstipps gibt. Und die süßliche Musik ist keine Parodie sondern schrecklich ernst gemeint.
Was als Idee noch gut klang, geriet in der Ausführung von Jake Kasdan („Bad Teacher") erbärmlich: Nach mühsamem Start mit langen Erklärungen zum Sex vor und nach Geburt der Kinder windet sich der dünne Handlungsfaden ziellos umher. Eine lange Episode beim exzentrischen Firmenchef, der einen dicken Auftrag für Annie hätte, lässt Diaz eine unerfahrene Kokserin spielen, während Segel Ewigkeiten vor einem Schäferhund flieht. Eine Wiederbelebung des versehentlich ausgeknockten Haustieres erinnert schmerzlich an „Verrückt nach Mary". Hier hingegen stimmt das Timing weder im komödiantischen Moment noch in Großen und Ganzen.
Und überhaupt, was will das „Sex Tape" - außer mit erstaunlich wenig Handlung schlecht unterhalten? Die Verlogenheit der braven Gesellschaft entspannen? Vor den Gefahren des bösen Internets warnen? Oder beweisen, dass Familie und Erziehung im Disney-Stil wichtiger als dieser vernachlässigungswürdige Sex sind? Auf Basis einer verklemmten gesellschaftlichen Grundhaltung kann für den Mainstream keine sexuelle Komödie entstehen. Nach diesem unleidlichen, lustlosen und wenig lustigen Komödien-Krampf sind dann auch die originalen Turnübungen vom „Sex Tape" im Abspann nur noch nervig.
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8.9.14
A Most Wanted Man
Großbritannien, USA, BRD 2013 Regie: Anton Corbijn mit Philip Seymour Hoffman, Rachel McAdams, Robin Wright, Grigori Dobrygin, Nina Hoss, Daniel Brühl, Willem Dafoe 122 Min. FSK: ab 6
Ein neuer Film des niederländischen Star-Fotografen Anton Corbijn („Control", „The American") ist immer ein Fest für alle, die Kino sehen und nicht nur Explosion hören wollen. Seine Verfilmung von John Le Carrés Roman „A Most Wanted Man" (mit dem enthüllenden deutschen Buchtitel „Marionetten") garantiert Augenschmaus, Spannung und gesellschaftliche Brisanz. Wobei sich die Action sich auf handgestoppte zwei Szenen beschränkt. Zudem ist noch ein großartiger Auftritt des im Februar 2014 verstorbenen Philip Seymour Hoffman zu feiern.
Nachdem sich einige der vermeintlichen 9/11-Attentäter rund um Mohammed Atta in Hamburg aufhielten, geriet die Stadt verstärkt ins Visier der Geheimdienste. Unter ihnen ist in „A Most Wanted Man" der anscheinend strafversetzte Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman) Chef einer kleinen deutschen Einheit, die einen Job machen sollen, den deutsche Gesetze eigentlich nicht erlauben. In ihr Netz gerät nun der tschetschenische Flüchtling Issa Karpov (Grigori Dobrygin) direkt als er als Fremder die sehr bedrohlich dargestellte und komplett überwachte Stadt betritt. Nun reißen sich nicht nur das CIA mit der täuschend freundlichen Martha Sullivan (Robin Wright) und die offiziellen deutschen Schnüffler (bürokratisch: Rainer Bock) um ihn, auch die Menschenrechts-Anwältin Annabel Richter (Rachel McAdams) will ihn - erst einmal unterstützen. Issa ist hasserfüllter Sohn einer mit 15 Jahren vergewaltigten Tschetschenin und eines russischen Offiziers und Vergewaltigers, der viele geraubte Millionen bei der Hamburger Bank von Tommy Brue (Willem Dafoe) gebunkert hat. Während Bachmann mit seinem Team (mit unter anderem Nina Hoss und Daniel Brühl in kleinen Rollen) Issa in einem fairen Deal als Lockvogel für größere Fische und internationale Waffenlieferungen nutzen will, folgt die geheime Konkurrenz bewährten Prinzipien: Erst erschießen oder foltern, dann Fragen stellen.
Die Handlung ist diesmal nicht so unübersichtlich wie zuletzt in dem ebenfalls großartigen „Dame, König, As, Spion". Doch wieder packend durch Schauspiel auf höchstem Niveau sowie eine besonders sorgfältige Inszenierung. Dass man den Film immer wieder anhalten möchte, um einzelne Bildkompositionen zu „liken", war zu erwarten, ist aber trotzdem nicht alltäglich im Kino. Die Hamburger Filmförderung darf für ihr verfilmtes Geld ausführlich in Hafenkaschemmen und Reeperbahn-Kulissen schwelgen. Aber vor allem das nahezu mythisch fotografierte Pyramiden-Gebäude der deutschen Geheimdienstler wie auch ein fast in Popart gestaltetes Sitzungsbüro sind optische Leckerbissen, die sich vom üblichen Postkarten-Abfilmen absetzen. John Le Carrés äußerst skeptische Sicht auf Geheimdienste und Politik wird hier in Figuren und Atmosphären kongenial umgesetzt. Da braucht es gar nicht die naiven Spitzen der Menschenrechtlerin Frau Richter zum Weißwaschen von dreckigem Geld unter dem Codenamen Lipizzaner.
Das Plädoyer für mehr Originalversion fällt diesmal nicht ganz eindeutig aus. Denn obwohl Philip Seymour Hoffman irgendwie absurd als Deutscher mitten in Deutschland mit Deutschen Englisch spricht - es bleibt die Stimme eines großen Künstlers und nicht die eines wie auch immer begabten Synchronsprechers.
„A Most Wanted Man" ist auch eine Hommage an Philip Seymour Hoffman in einer seiner letzten Rollen. Aus einem faltigen Gesicht mit der gleichen Schlagkraft, die ein DeNiro hat, fallen nur ein paar, aber dafür sehr starke Worte und Blicke. Wie Hoffman in Körperhaltung und Kettenrauchen, mit jedem Gang wie mit jedem Gesichtszug, mit dem gleichen beigen Anzug, der veralteten S-Klasse seinem Geheimdienstler Günther Bachmann (einem Verwandten Horst Herolds, des Vaters der Rasterfahndung) dieses ganz spezielle Format gibt, könnte man seitenlang feiern. Oder immer wieder sehen.
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Ein neuer Film des niederländischen Star-Fotografen Anton Corbijn („Control", „The American") ist immer ein Fest für alle, die Kino sehen und nicht nur Explosion hören wollen. Seine Verfilmung von John Le Carrés Roman „A Most Wanted Man" (mit dem enthüllenden deutschen Buchtitel „Marionetten") garantiert Augenschmaus, Spannung und gesellschaftliche Brisanz. Wobei sich die Action sich auf handgestoppte zwei Szenen beschränkt. Zudem ist noch ein großartiger Auftritt des im Februar 2014 verstorbenen Philip Seymour Hoffman zu feiern.
Nachdem sich einige der vermeintlichen 9/11-Attentäter rund um Mohammed Atta in Hamburg aufhielten, geriet die Stadt verstärkt ins Visier der Geheimdienste. Unter ihnen ist in „A Most Wanted Man" der anscheinend strafversetzte Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman) Chef einer kleinen deutschen Einheit, die einen Job machen sollen, den deutsche Gesetze eigentlich nicht erlauben. In ihr Netz gerät nun der tschetschenische Flüchtling Issa Karpov (Grigori Dobrygin) direkt als er als Fremder die sehr bedrohlich dargestellte und komplett überwachte Stadt betritt. Nun reißen sich nicht nur das CIA mit der täuschend freundlichen Martha Sullivan (Robin Wright) und die offiziellen deutschen Schnüffler (bürokratisch: Rainer Bock) um ihn, auch die Menschenrechts-Anwältin Annabel Richter (Rachel McAdams) will ihn - erst einmal unterstützen. Issa ist hasserfüllter Sohn einer mit 15 Jahren vergewaltigten Tschetschenin und eines russischen Offiziers und Vergewaltigers, der viele geraubte Millionen bei der Hamburger Bank von Tommy Brue (Willem Dafoe) gebunkert hat. Während Bachmann mit seinem Team (mit unter anderem Nina Hoss und Daniel Brühl in kleinen Rollen) Issa in einem fairen Deal als Lockvogel für größere Fische und internationale Waffenlieferungen nutzen will, folgt die geheime Konkurrenz bewährten Prinzipien: Erst erschießen oder foltern, dann Fragen stellen.
Die Handlung ist diesmal nicht so unübersichtlich wie zuletzt in dem ebenfalls großartigen „Dame, König, As, Spion". Doch wieder packend durch Schauspiel auf höchstem Niveau sowie eine besonders sorgfältige Inszenierung. Dass man den Film immer wieder anhalten möchte, um einzelne Bildkompositionen zu „liken", war zu erwarten, ist aber trotzdem nicht alltäglich im Kino. Die Hamburger Filmförderung darf für ihr verfilmtes Geld ausführlich in Hafenkaschemmen und Reeperbahn-Kulissen schwelgen. Aber vor allem das nahezu mythisch fotografierte Pyramiden-Gebäude der deutschen Geheimdienstler wie auch ein fast in Popart gestaltetes Sitzungsbüro sind optische Leckerbissen, die sich vom üblichen Postkarten-Abfilmen absetzen. John Le Carrés äußerst skeptische Sicht auf Geheimdienste und Politik wird hier in Figuren und Atmosphären kongenial umgesetzt. Da braucht es gar nicht die naiven Spitzen der Menschenrechtlerin Frau Richter zum Weißwaschen von dreckigem Geld unter dem Codenamen Lipizzaner.
Das Plädoyer für mehr Originalversion fällt diesmal nicht ganz eindeutig aus. Denn obwohl Philip Seymour Hoffman irgendwie absurd als Deutscher mitten in Deutschland mit Deutschen Englisch spricht - es bleibt die Stimme eines großen Künstlers und nicht die eines wie auch immer begabten Synchronsprechers.
„A Most Wanted Man" ist auch eine Hommage an Philip Seymour Hoffman in einer seiner letzten Rollen. Aus einem faltigen Gesicht mit der gleichen Schlagkraft, die ein DeNiro hat, fallen nur ein paar, aber dafür sehr starke Worte und Blicke. Wie Hoffman in Körperhaltung und Kettenrauchen, mit jedem Gang wie mit jedem Gesichtszug, mit dem gleichen beigen Anzug, der veralteten S-Klasse seinem Geheimdienstler Günther Bachmann (einem Verwandten Horst Herolds, des Vaters der Rasterfahndung) dieses ganz spezielle Format gibt, könnte man seitenlang feiern. Oder immer wieder sehen.
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Lügen und andere Wahrheiten
BRD 2013 Regie: Vanessa Jopp mit Meret Becker, Thomas Heinze, Florian David Fitz, Jeanette Hain 106 Min.
Irgendwann will der im Film und im Kino umschwärmte, sanfte, asketische Yoga-Lehrer Andi (Florian David Fitz), der auch schon mal jemanden auf der Straße brutal zusammenschlägt, aussteigen und nach Indien. Instinktiv greift man im Kino zu seinen Sachen, um mitzugehen. Denn zum Aussteigen bietet der neue Film von Vanessa Joop, an deren andere Filme man sich einfach nicht erinnern will, viele Gelegenheiten. Da wäre die Parade der hölzernen Klischees, angefangen bei Meret Beckers egozentrischer Zahnärztin Coco („Wir haben alle unsere Probleme"). Wenige Tage vor ihrer Hochzeit befallen Coco heftigste Zweifel am Verlobten Carlos (Thomas Heinze). Ohne dass sie ahnt, wie teuer der Polterabend-Besuch im Puff war und dass ihm der Spaß auch den Führerschein kostete. Falls jetzt „Hangover" anklingt, dies ist Anti-Hangover, im Umfeld von Coco gibt es keinen Spaß und keine Gnade. So fliegt die zugegeben verlogene russische Assistentin Vera (Alina Levshin) raus, die Nachbarin Cindy (Lilith Stangenberg) bringt sich unbemerkt fast um und die beste Freundin Patti (Jeanette Hain) überlebt den Sprung aus dem Fenster nur mit Glück.
Um das Übermaß voll zu machen, hat die Künstlerin Patti noch ein Verhältnis mit dem Yoga-Beau Andi, der wiederum von Vera erpresst wird, weil deren Familie in Russland vorgibt, eine dringende Operation zahlen zu müssen. Falls es jemand noch nicht kapiert hat, zwischendurch ist allen ganz arg kalt, damit man merkt, wie kalt unsere Gesellschaft sein soll. Der Kommentar eines Zuspätkommers im Kino, „Ist das Werbung?", trifft dabei exakt den oberflächlichen Stil des Films. Die tolle Meret Becker gefällt in braver, spießiger Rolle gar nicht, auch wenn so eine nüchtern herzlose Fassade erst mal hingelegt werden muss und sie trotzdem ein paar ihrer typischen Momente hat. Ganz einfach direkt, ohne großes Getue. Thomas Heinze ist sowieso nicht so der Hit. Jeanette Hain kann als verrückte und unbefriedigte Künstlerin, die eine Ausstellung mit lauter Vulvas, vulgo: Muschis, hinhängt, in ihrer mutigen Offenheit und Tragik gefallen. Dass der schlagende Yogi Andi noch vor den offenen und dann tatsächlich mal interessanten letzten Minuten mit einer gebrochenen Figur die Aufmerksamkeit wieder weckt, bleibt leider nur eine Randerscheinung in diesem bei dünnem Gestaltungsmut stark überfrachteten Emo-Drama (Buch: Stefan Schneider, Vanessa Jopp), das problemlos montags im ZDF versendet werden könnte.
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Irgendwann will der im Film und im Kino umschwärmte, sanfte, asketische Yoga-Lehrer Andi (Florian David Fitz), der auch schon mal jemanden auf der Straße brutal zusammenschlägt, aussteigen und nach Indien. Instinktiv greift man im Kino zu seinen Sachen, um mitzugehen. Denn zum Aussteigen bietet der neue Film von Vanessa Joop, an deren andere Filme man sich einfach nicht erinnern will, viele Gelegenheiten. Da wäre die Parade der hölzernen Klischees, angefangen bei Meret Beckers egozentrischer Zahnärztin Coco („Wir haben alle unsere Probleme"). Wenige Tage vor ihrer Hochzeit befallen Coco heftigste Zweifel am Verlobten Carlos (Thomas Heinze). Ohne dass sie ahnt, wie teuer der Polterabend-Besuch im Puff war und dass ihm der Spaß auch den Führerschein kostete. Falls jetzt „Hangover" anklingt, dies ist Anti-Hangover, im Umfeld von Coco gibt es keinen Spaß und keine Gnade. So fliegt die zugegeben verlogene russische Assistentin Vera (Alina Levshin) raus, die Nachbarin Cindy (Lilith Stangenberg) bringt sich unbemerkt fast um und die beste Freundin Patti (Jeanette Hain) überlebt den Sprung aus dem Fenster nur mit Glück.
Um das Übermaß voll zu machen, hat die Künstlerin Patti noch ein Verhältnis mit dem Yoga-Beau Andi, der wiederum von Vera erpresst wird, weil deren Familie in Russland vorgibt, eine dringende Operation zahlen zu müssen. Falls es jemand noch nicht kapiert hat, zwischendurch ist allen ganz arg kalt, damit man merkt, wie kalt unsere Gesellschaft sein soll. Der Kommentar eines Zuspätkommers im Kino, „Ist das Werbung?", trifft dabei exakt den oberflächlichen Stil des Films. Die tolle Meret Becker gefällt in braver, spießiger Rolle gar nicht, auch wenn so eine nüchtern herzlose Fassade erst mal hingelegt werden muss und sie trotzdem ein paar ihrer typischen Momente hat. Ganz einfach direkt, ohne großes Getue. Thomas Heinze ist sowieso nicht so der Hit. Jeanette Hain kann als verrückte und unbefriedigte Künstlerin, die eine Ausstellung mit lauter Vulvas, vulgo: Muschis, hinhängt, in ihrer mutigen Offenheit und Tragik gefallen. Dass der schlagende Yogi Andi noch vor den offenen und dann tatsächlich mal interessanten letzten Minuten mit einer gebrochenen Figur die Aufmerksamkeit wieder weckt, bleibt leider nur eine Randerscheinung in diesem bei dünnem Gestaltungsmut stark überfrachteten Emo-Drama (Buch: Stefan Schneider, Vanessa Jopp), das problemlos montags im ZDF versendet werden könnte.
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