22.7.14

Monsieur Claude und seine Töchter

Frankreich 2014 (Qu'est-ce qu'on a fait au bon dieu?) Regie: Philippe de Chauveron mit Christian Clavier, Chantal Lauby, Ary Abittan, Medi Sadoun, Frédéric Chau, Noom Diawara, Frédérique Bel 97 Min. FSK: ab 0

Ziemlich ... rassistisch

Protagonist dieser französischen Komödie ist Claude Verneuil (Christian Clavier), ein alter, biederer Bürger und Notar aus der Provinz, der seine rassistischen Vorbehalte nicht zurückhalten kann. Nicht bei der Hochzeit der einen Tochter mit dem Juden Rachid, nicht bei der Trauung der anderen Tochter mit dem „Araber" Rachid und schon gar nicht bei der Vermählung einer dritten Tochter mit dem Chinesen Chao. Bei der Beschneidung des Enkels schmeckt der koschere Champagner schal und die Kippa juckt am Kopf. Die Vorhaut isst der Hund noch vor dem Begräbnis im Garten, ein Stück Schinken wird stattdessen vergraben.

Folglich gibt es zur Feier ein völlig verkrampftes Familienessen - selbstverständlich ohne Schwein. Dafür aber mit israelisch-muslimischen Konflikt als Hauptgang bei diesem Festival der Vorurteile. Der Chinese isst Hund - nicht wirklich, aber er selbst darf keine solche Witze machen. Zur Tarte Normande als Nachtisch wird sich schon geprügelt und dann wollen sich vor allem die drei Schwiegersöhne nicht mehr sehen. Sie nennen die anderen je nach Perspektive Jacky Chan und Arafat, Gaddafi und Netanjahu, Bruce Lee und Rabbi Jacob. Mutter Verneuil wird über den Streit und die Trennungen depressiv. Nur die Schenkelklopfer werden nicht müde oder weniger. Mutters Priester sucht derweil während der psychoanalytischen Beichte auf dem iPad eine schicke Soutane bei Ebay.

Was für Menschen hinter diesen Klischees stecken, sieht man allerdings nicht. Vor allem nicht, als die ziemlich unangenehme Komödien-Angelegenheit noch einen Zahn zulegt. Denn es gibt noch eine vierte Tochter, und Laure will Charles Koffi heiraten. Er hat einen französischen Vornamen, ist katholisch, dass er auch Schauspieler ist, wird toleriert. Dass er allerdings ein schwarzer Afrikaner ist, soll irgendwie die Krönung sein.

Wie sich die drei „reinrassigen Franzosen", die so hervorragend die Marseillese singen können, nun gegen den Einwanderer verschwören, ist ziemlich unglaubwürdig und funktioniert nur, wenn man die zentrale Entschuldigungs-Aussage des Films akzeptiert: „Sind wir nicht alle ein wenig rassistisch?". Sind wir? Spätestens hier ist der Film eher widerlich als komisch.

Dass dieser Monsieur Claude oder besser Monsieur Le Pen in Frankreich noch erfolgreicher als „Ziemlich beste Freunde" war, muss nichts heißen. Denn die spezielle französische Gemengelage eines viel stärkeren Multikulti-Landes mit Straßenschlachten wird in Deutschland nicht unbedingt verstanden. Wenn auch die Nationalhymnen-Diskussion bei Länderspielen die gleiche ist. „Monsieur Claude" ist vielleicht besser gemacht und gespielt als die deutsch-türkische Variante „Einmal Hans mit scharfer Soße", aber nicht raffinierter. Alles ist arg schwarz-weiß gezeichnet, es überwiegen simple, dumme Scherzchen. Wenn die Witze des bemühten Vaters und unverbesserlichen Rassisten ganz schnell wieder schief gehen, hilft nur noch der schwarze Rassisten-Vater aus Afrika. Dabei werden die ganzen Undinge als „nett" und „Wohlfühlfilm" präsentiert, es ist keineswegs geplant, mit nicht korrektem Verhalten zu provozieren. Da wo beide Väter Rassisten und Gaullisten sind, sieht dieser Film seine Wohlfühl-Lösung nicht in der Anerkennung der Differenz, sondern der Gleichheit im Rassismus. Ein nur handwerklich halbwegs akzeptables Ärgernis. Und ein ziemlich blöder Film.

Drachenzähmen leicht gemacht 2

USA 2014 (How to train your dragon 2) Regie: Dean Deblois 103 Min. FSK: ab 6

Wikinger waren in ihrer Kultur und den Eroberungszügen bis in den Orient sagenhaft. Sie mit echten Drachen-Sagen zu verbinden, war nicht der einzige tolle Idee beim Erfolg von „Drachenzähmen leicht gemacht". Es war auch ein unkonventioneller, frischer Animationsfilm für die ganze Familie. Die Fortsetzung übertrifft den fantastischen Überflieger noch einmal.

Im kleinen Dorf Berk ist die Welt in Ordnung: Die einstigen Gegner Wikinger und Drachen vergnügen sich gemeinsam beim Schafe durch die Luft und in Körbe werfen. Eine Art Quidditch-Spiel wie bei Harry Potter, ähnlich rasant, fantastisch in den Farben und Formen der Drachen, nur schauen die Schafe dabei herrlich dämlich drein. Hicks, der junge Häuptlingssohn, der diese wunderbare Eintracht zustande brachte, liefert als Base-Jumper mit Superhelden-Ausstattung, sehr rasanten Flugaufnahmen, Salti und Luft-Pirouetten wieder eindrucksvolle Action. Immer dabei sein niedlicher Drache Ohnezahn, mit dem Kopf einer Kaulquappe wie ein sehr groß geratenes Pokémon aussehend.

Ganz schnell entdecken Hicks, der vor den Verantwortungs-Sprüchen seines Vaters abhaut, und seine Freundin eine unbekannt Welt, die aus dem Nebel erscheint, werden von Drachenjägern überfallen und stecken in einem gefährlichen Abenteuer. Wobei Hicks auch hier den bedrohliche Gegner und Drachenfänger erst einmal treffen und ihm zureden will. Doch vorher lernt er eine Frau kennen, die nicht nur in ihrem Eis-Reich der Drachen eine Königin, sondern auch seine Mutter Valka (mit der Original-Stimme von Cate Blanchett) ist.

Die Begeisterung für das zweite „Drachenzähmen" wird einem sehr leicht gemacht: Großartige riesige Monstren, düstere Gestalten, ein dämonischer Gegner. Die Menschen fast realistisch animiert mit intensiven Gesichtsausdrücken, der Rest ist ebenso fantastisch ausgedacht wie ausgemalt. Hicks erfüllt sich den Traum vom Fliegen nicht nur auf den Drachen sondern auch mit seinem Jumpsuit ganz eigenhändig. Bei all diesem atemberaubenden Abheben ist „Drachenzähmen" auch eine sehr geerdete, berührende Familiengeschichte. Mit Trennungskind, das die Erfahrung von Abschied und Verlust machen muss. Heraus kommt dank der erstaunlichen Fähigkeiten des jungen Helden Hicks der bunte Entwurf einer utopischen Gemeinschaft, der fast die humanistische Tiefe einer Miyazaki-Animation erreicht.

Während Hicks auch noch lernt, Verantwortung zu übernehmen, kommen selbstverständlich Spaß und Spannung nicht zu kurz: Die Drachen spielen im Hintergrund Stückchen holen und vor der Entdeckung seiner Mutter, durchlebt der Junge bedrohliche Momente in einer dunklen Höhle. Wobei die große Schlacht leider etwas von dem Eigen- und Einzigartigen dieses Films aufgibt: Zwischendurch gibt es wieder eine der gigantischen Kloppereien. Ärgerlich, wenn da nicht dieser Junge wäre, der immer wieder probiert, mit dem anderen zu reden und Frieden zu machen.

„Drachenzähmen leicht gemacht 2" mixt gelungen ein echtes Volk der Menschheits-Geschichte mit dem Mythos von Drachen und einigem Steam-Punk und ist schon jetzt, vor dem Abschluss der Trilogie, eine große Saga.

15.7.14

Der Schmetterlingsjäger - 37 Karteikarten zu Nabokov

BRD, Schweiz 2012 Regie: Harald Bergmann mit Heinz Wismann, Klaus Wyborny, Rainer Sellien, Ronald Steckel, Katerina Medvedeva 135 Min. FSK: ab 6

Harald Bergmann wurde mit ungewöhnlichen Filmen über Texte von Hölderlin und Brinkmann bekannt. Nun nähert er sich dem Schriftsteller Vladimir Nabokov (1899-1977), nach Meinung vieler der größte Erzähler überhaupt, und seinem Verständnis von Zeit an.

Beginnend mit der ersten Kindheitserinnerung Nabokovs vermischen sich unterschiedliche Filmelemente: Tolle Bebilderung von Nabokov-Texten (u.a. „Ada oder Das Verlangen") mit wunderschönen Aufnahmen, die ebenfalls mit der Zeit und der Erinnerung spielen, fesselnd gelesen von seinem Sohn Dmitri Nabokov. Andere Geschichten drängen sich dazwischen, immer wieder gebrochen von einem Kommentator und einem fiktiven Regisseur am Schneidetisch. Dann wechseln Stil und Thema, mit Techno-Sound geht es im historischen Sportwagen über enge Bergstraßen. Ein Schmetterlings-Spezialist zeigt, wie man das Vertrauen der Insekten gewinnt und Männchen von Weibchen unterscheidet.

Der Essay-Film bringt gleichzeitig Nabokov näher, der mit „Lolita" berühmt wurde und will dessen Umgang mit dem Phänomen Zeit vermitteln. Dabei geht Bergmann soweit, auch den Verlauf der Zeit im Film mitzudenken, das mit dem Schriftsteller verbundene Bild des Schmetterlingsjäger auf die Schippe zu nehmen und auch die Arbeit des Filmemachens zu reflektieren. Ein sehr reizvolles Spiel mit der Puzzle-Technik, das nie Gefahr läuft, die übliche Langeweile literarischer Filme einzufangen.


Wir sind die Neuen

BRD 2014 Regie: Ralf Westhoff mit Gisela Schneeberger, Heiner Lauterbach, Michael Wittenborn, Claudia Eisinger, Karoline Schuch, Patrick Güldenberg 92 Min. FSK: ab 0

Von der frisch studierenden Nichte aus der Wohnung geschmissen, will Anne (Gisela Schneeberger) ihre alte Studenten-WG wieder aufleben lassen. Nach 35 Jahren, in denen sich viele jahrzehntelang nicht mehr gesehen haben, ein schwieriges Unterfangen. Denn es ist ja nicht vorrangig die Begeisterung für die alte Zeit und Lebensform, es ist die (nicht nur in) München prekäre Wohnsituation, welche die quirlige Sechzigerin Anne nach einer WG suchen lässt. Die ersten Kandidaten disqualifizieren sich schon über ihre Wohnungen und Lebensstile. Der Spießer von früher rechnet in seiner großen Luxuswohnung mit den alten Genossen ab.

Letztlich bleiben nur zwei Mitbewohner übrig: Der Lebemann Eddi (Heiner Lauterbach), dessen geschiedene Frau und Kinder nicht mehr mit ihm reden, und Johannes (Michael Wittenborn), ein Rechtsanwalt, der zu viel für die gute Sache und zu wenig auf eigene Rechnung gearbeitet hat. Tatsächlich bekommt das Trio dank einer alten Liebschaft Eddis und viel Mitleid eine Altbauwohnung. Die aufgekratzte Begeisterung beim Einzug wird aber schnell von den Nachbarn getrübt: Eine Studenten-WG von heute sieht die drei Alten als Pflegefälle an, hat „keine Kapazitäten" im Prüfungsstress und will keinen Kontakt. Wobei das Jura-Studenten-Paar und die Kunsthistorikerin auch ansonsten langweilig sind. Die Konfrontation mit echtem Spießertum und erschreckend aufgeräumter Wohnung ist „die Hölle". Der andere Nachbar scheint freundlicher, hat aber erst in einigen Wochen einen freien Termin.

Dünne Decken sei Dank kommt es schnell zu Streit sowie zu herrlich spitzen und treffenden Diskussionen untereinander und mit den Spießern von obendrüber. Es entwickelt sich ein Lautstärke-Krieg bei dem die Alten die Lauten sind. Dafür schlägt Anne, Eddi und Johannes blanker Sozialhass einer verwöhnten Generation entgegen: An Altersarmut sei schließlich jeder selbst schuld. Noch besser wird der Klassenkampf zwischen den Generationen als sich die Alten irgendwann um die völlig überforderten Jungen am Rande des Nervenzusammenbruchs kümmern.

„Wir sind die Neuen" macht mit tollen Schauspielern so viel Spaß, dass man das „Thema" längst vergessen hat. Was mit DeNiro und Co als Rentner-Gang in Las Vegas oder in französischer Variante mit Jane Fonda bei „Und wenn wir alle zusammenziehen" unterhält, funktioniert auch auf Deutsch hervorragend, da ausgetretene Szenen vermieden werden. Der Aufstand gegen die Wohnsituation in München und anderswo, gegen Rollkoffer-Typen und Coffee to go, weil man doch seinen Kaffee gar nicht im Gehen trinken will, kommt richtig frisch rüber. Gleichzeitig reflektiert er ziemlich klar und nüchtern eine aus heutiger Sicht völlig unökonomische Studienzeit. Und ist umwerfend komisch, wenn Eddi / Heiner Lauterbach seinen unwiderstehlichen Blick auflegt und eine junge Frau fragt, ob es ihm nicht gut geht. Gisela Schneeberger („Man spricht deutsh") ist wie gewohnt großartig, hier vertraut sie mehr auf die leiseren Töne.

Ralf Westhoff gelingt es diesmal wesentlich runder und unterhaltsamer als in „Shoppen" (2006) oder in „Der letzte schöne Herbsttag" (2010) Reflektionen über Leben und Wandel mit vermeintlich lockerer Handlung zu verbinden. Ein klasse Spaß für WGs und Spießer jeder Altersklasse.

Transformers: Ära des Untergangs

USA 2014 (Transformers: Age of extinction) Regie: Michael Bay mit Mark Wahlberg, Stanley Tucci, Nicola Peltz, Jack Reynor 166 Min. FSK ab 12

Nachdem sich selbst Shia LaBeouf als Hauptsteller zu erwachsen fühlte für diesen filmischen Schrotthaufen namens „Transformers", übernimmt nun Mark Wahlberg die Verfilmung eines Jungens-Spielzeugs. Die vom Hersteller Hasbro selbst koproduziert wird!

Im vierten Teil des seelenlosen Kampf-Automatismus, der erwachsener, aber vor allem brutaler und drastischer werden sollte, erfahren wir die Wahrheit über das Sauriersterben. Doch eigentlich geht es weiter mit dem Stellvertreterkampf der außerirdischen Altmetall-Riesen Autobots und Decepticons. Während diese sich fortwährend von Autos in Roboter und zurück verwandeln, bleibt sich der Film ermüdend gleich. Diesmal droht ein rechtloses System im Staat mit Angst vor Terror und will alle illegalen Einwanderer ins Weltall ausweisen. Gleichzeitig versucht der skrupellose Industrielle Joshua Joyce (Stanley Tucci) aus dem wandelbaren Metall Transformium eine Armee aus Robotern herzustellen.

Mittenrein gerät der altmodische Frickler Cade Yeager (Mark Wahlberg), der Dinge namens „Discman" repariert, von denen seine Tochter Tessa Yeager (Nicola Peltz) noch nie gehört hat. Cade muss auch in der nahen Zukunft wieder mal die Welt retten, diesmal vor einer Übernahme durch den bösen Ober-Decepticon Megatron. Auch wenn Mini-Menschen und -Handlung nur unnötigen Ballast bei all dem Geballer darstellen, für den Humor ist auch noch Tessas Freund Shane Dyson (Jack Reynor) dabei. So entspinnen sich Vater-Schwiegersohn-Gespräche zum falschesten Zeitpunkt. Der neurotische Schwiegerpapa kommt einem da ebenso bekannt vor wie Alien-Kommentare zum Egozentrismus der Menschen. Dann eine Verfolgungsjagd mit bulligen Flugmaschinen in Hochhausschluchten? Wie Star Wars! Terminator-Effekte und metallische Bluthunde der Aliens? Wie einfallsreich! Die ganze Aktion ist fast so peinlich, wie von Außerirdischen entführt zu werden. Und das passiert später auch noch.

Wenn der Wert der bisherigen drei „Transformers"-Filme dem von kurzlebigem Plastikspielzeug entsprach und die Zielgruppe auch die gleiche war, dieser überlange „Untergang" macht es noch schlimmer. Denn der fragwürdige Versuch, mit dem Publikum zu altern, macht das Konstrukt für die kleinen Spielzeug-Jungs ungeeignet. Und ob Michael Bay-Fans, die wesentlich Härteres gewöhnt sind, diesen Kinderkram annehmen werden, muss abgewartet werden. Typische Bay-Kennzeichen wie überbordende Zerstörungsorgien machen hier am Beispiel Hong Kong wesentlich weniger Eindruck als etwa zuletzt die Abrissaktionen bei „Godzilla". Die Nebenattraktion der fleischgewordenen Barbie Tessa in extrem kurzen Shorts - vormals Megan Fox und Rosie Huntington-Whiteley - bleibt im Handeln typisch amerikanisch züchtig und zweitrangig. Nur ab und zu darf sie auch mal schießen, ansonsten schreien und kreischen. Dazu passen Macho-Sprüche wie „Mein Gesicht ist mein Suchbefehl". Doch auch diese Relikte aus Zeiten von „Die Hard" wirken überkommen wie die Transformer-Saurier, die der Film im Finale noch rauskramt. Es ist zu hoffen, dass dies wirklich der Untergang einer Ära lauter Plastikfilme sein wird.

14.7.14

Hugo Koblet – Pédaleur de charme

Schweiz 2010 Regie: Daniel Von Aarburg mit Manuel Löwensberg, Sarah Bühlmann, Max Rudlinger 98 Min. OmU

„James Dean des Schweizer Radsports" wird Hugo Koblet genannt - nicht nur wegen seiner charismatischen Wirkung, auch das tragische Ende im Auto am Baum ruft den Vergleich hervor. Regisseur Daniel Von Aarburg erzählt in seiner eleganten Dokufiktion in faszinierenden historischen Bildern von einem Ausnahmesportler und einem gebrochen Menschen.

Die Radsport-Legende Hugo Koblet (1925-1964) gewann 1950 als erster Ausländer den Giro d'Italia. Der Bäckersohn aus Zürich wird schlagartig berühmt. Dabei begeistert die Leichtigkeit seiner Erfolge ebenso wie die Eleganz seines Aussehens. Bilder mit dem Kamm, der im Trikot mitfuhr, sind typisch für ihn. Im nächsten Jahr gewinnt er auch die Tour de France. Nebenbei und zwischendurch hat haufenweise Groupies, vernascht nach schweren Rennen Vanille-Eis und die Kellnerin, statt sich massieren zu lassen. Stilprägend auch seine Heirat mit dem Mannequin Sonja Bühl, die nach vielen anderen schönen Frauen kam.

So ist die Geschichte von Hugo Koblet auch eine von Aufstieg und Fall, eine Ikarus-Geschichte. Denn nach einem frühen Ende der Karriere wollte er als Tankstellenbesitzer immer noch schillern und Größeres. Als auch seine Ehe scheitert, verunglückt er aus bis heute ungeklärten Gründen tödlich mit seinem Sportwagen.

Der tragische Held in dieser Radsport-Geschichte ist zwar nicht Lance Armstrong (wie in dem erwarteten Film von Stephan Frears). Aber nicht nur für die Schweizer ist auch Koblet eine Legende. Die Siege des Züricher Ausnahme-Radrennfahrers haben für Schweizer immer noch den gleichen Rang wie das „Wunder von Bern" für die Deutschen.

Regisseur und Autor Daniel Von Aarburg gelingt zum „Pédaleur de charme" ein sehr charmanter und reizvoller Film: Seine Dokufiktion „Hugo Koblet" nutzt tolles Archivmaterial, das die Rennfahrer klassisch heroisiert. Homogen mit den Originalaufnahmen wurden die Spielszenen im Stil von Filmen der 50er Jahre inszeniert. Fiktionalisiert wurden vor allem Schlüsselszenen rund um dunkle Punkte in Koblets Biographie, seinem Verhältnis zu den Frauen, insbesondere auch zu seiner Mutter, den Dopinggerüchten und schließlich dem immer noch mysteriösen Tod. So entsteht ein zwiespältiger und damit interessanter Charakter auf der Leinwand.

Wenn alte und altkluge Biedermänner posthum Rechnungen mit dem zu schillernden Sieger begleichen, ist dies auch ein Porträt Schweizer Mentalitäten. Nur Koblets persönlicher Wasserträger und Sechstage-Partner Armin von Büren steht in Interviews und Spielszenen zum Freund. Er und auch die bekannte Filmschauspielerin Waltraut Haas („Es liegt was in der Luft" 1950, „Du bist die Rose vom Wörthersee" 1952), die wie viele auch ein Verhältnis mit dem Charmeur hatte. Das gelungene Zusammenspiel all dieser Facetten einer vielschichtigen Persönlichkeit macht „Hugo Koblet" jenseits aller Genre-Grenzen und auch über die Faszination eines besonderen Sportfilms hinaus zur sehenswerten Geschichte.

Wie der Wind sich hebt

Japan 2013 (Kaze tachinu / The wind rises) Regie: Hayao Miyazaki 126 Min.

„Wie der Wind sich hebt" erzählt vom Leben und den Träumen des Flugzeug-Ingenieures Jiro Horikoshi: Der kurzsichtige Japaner träumt vom Fliegen und trifft in seinen fantastischen nächtlichen Visionen immer wieder den italienischen Ingenieur Caproni. Dieser rät ihm denn auch, nicht selber zu fliegen, sondern Flugzeuge zu entwerfen. So beginnt Jiro in den Zwanziger Jahren mit seiner Karriere bei einem großen japanischen Ingenieursbüro und begeistert schnell Chefs wie Mitarbeiter mit revolutionären Ideen und innovativen Designs. Von Reisen vor allem zur legendären Junkers-Fabrik nach Deutschland bringt er in den Dreißigern Einsichten mit, die Japans Luftfahrt vorantreiben. Er ist ein Columbus des Flugzeugbaus mit seinem Rechenschieber, den er 1923 beim verheerenden Erdbeben von Kanto auch als Schiene für ein gebrochenes Bein nutzt. Dabei lernt er zufällig auch seine Liebe Nahoko kennen. Ein große, tragische Liebe, denn die meist ferne Geliebte leidet an Tuberkulose.

Hayao Miyazaki ist bereits zu Lebzeiten eine Legende: 1985 gründete er das japanische Zeichentrickstudio Ghibli, das eine Marke für hochwertige und sehenswerte Animation werden sollte. Miyazaki selbst erhielt viele Auszeichnungen für seine magischen aber auch für Frieden und eine heile Umwelt kämpfenden Filme: Unter anderem einen Oscar und den Goldenen Bären für „Chihiros Reise ins Zauberland" sowie den Goldenen Löwen für „Das wandelnde Schloss". Wie großartig und tief menschlich seine Filme sind, zeigte die Pressevorführung zu „Ponyo" bei den Filmfestspielen von Venedig: Rund Mitternacht rührte der anscheinend nur süße Kleinkinderfilm die hartgesottensten und meist zynischen Kritiker. „Wie der Wind sich hebt" soll nun der letzte Film des 1941 in Tokio geborenen Meisterregisseurs sein. Es ist auf jeden Fall sein „erwachsenster". Und war der erfolgreichste Film 2013 in Japan.

Die an Persönlichkeit ebenso wie an historischen Details reiche Zeichentrick-Geschichte spielt in einer schon verlorenen Vorkriegszeit, denn Japan hat bereits die Mandschurei überfallen. Dass Jiros in euphorischen Höhenflügen gefeierte Entwicklungen nur dem Militär dienen, wird in einem Film von Hayao Miyazaki selbstverständlich pazifistisch gebrochen. Nur ein Freund Jiros vertritt die naive Ansicht, man wolle allein die besten Flugzeuge bauen, nicht Krieg führen.

Miyazaki melancholische Lebensgeschichte eines anderen großen Träumers platzt fast voller Leidenschaft für das Fliegen, die schon früher immer wieder in fantastischen Film-Objekten und -Wesen erschien („Das Schloss im Himmel"). Vor allem in den verrückten Flugzeugen von Jiros Träumen um den italienischen Flugpionier Caproni blitzen immer wieder Andeutungen von magisch belebten Wesen auf, welche die früheren, „unrealistischeren" Filme bevölkerten. Und auch der deutsche Fremde in einer Zauberberg-Sequenz (mit herrlichem „Das gibt's nur einmal" in Original-Deutsch mit japanischem Akzent) könnte einer dieser Zauberer in Menschengestalt sein, so wie der Vorgesetzte Kurokawa ein kleiner, immer grimmig blickender Gnom.

So ist „Wie der Wind sich hebt" sehr reif in der tragischen, vom großen und großartigen Score unterstützten Liebesgeschichte, dabei gleichzeitig immer wieder kindlich verspielt. Wobei die hohe Kunst Miyazakis auch hier auf allen Ebenen zu genießen ist. Wenn „Wie der Wind sich hebt" tatsächlich als letzter Film von Miyazaki eine Art Vermächtnis ist, lädt er zum Wiedersehen und neu Verstehen des ganzen Werkes einer der fantastischsten Zeichentrick-Künstler unserer Zeit ein.

9.7.14

Moebius, die Lust, das Messer (DVD)

Regie: Kim Ki-duk

MFA

Psycho-Schocker

Süd-Korea hat seit dem Altmeister Kwon-Taek Im („Sibaji - Die Leihmutter") mit „Old Boy" oder „Das Hausmädchen" immer wieder auf extremste Weise Familienleben seziert. Nun setzt Kim Ki-duk, einer der besten Regisseure unserer Zeit, einen unfassbaren Höhepunkt: Mit nur wenigen Schnitten und ganz ohne gesprochenes Wort zeigt er ein wahnsinniges Drama aus Eifersucht und Rache. Wobei die Betonung auf Schnitte liegt, denn eine betrogene Ehefrau rächt sich, nachdem der erste Versuch beim Mann scheiterte, mit der Kastration des Sohnes. Der verzweifelte Vater probiert, es mit einer Penis-Transplantation gut zu machen. Dabei scheint die Operation nicht gelungen zu sein, denn der Junge bekommt bei Angeboten der Geliebten des Mannes keine Erektion. Also entdecken Vater und Sohn den Schmerz als Stimulanz. Womit nur die ersten Minuten der wahnsinnigen Handlung beschrieben sind.

Typisch koreanisch wird hier Ödipus zu neuen Höhepunkten getrieben. Die Koreaner entwickeln hier eine ganz besondere Form des Wahnsinns, bei der selbst Lady Macbeth Gänsehaut bekommen hätte. Der Moebius des Titels verweist hier nicht auf den Comic-Zeichner, sondern auf die (schon in Lynchs „Lost Highway" bebilderte) Moebius-Schleife, ein unendlicher Kreislauf von Kastrationsverletzungen, Lust und Frustration. Dabei geschieht im Minuten-Rhythmus Unvorstellbares, das gleichzeitig aber auch komisch wirkt. Und auch die Religion spielt wieder (wie in „Frühling, Sommer, Herbst, Winter... und Frühling") eine wichtige Rolle, als Ausweg und Schnittpunkt der Moebius-Schleife in Form eines Mannes, der vor einem Buddha-Kopf kniet. Dass die Kommunikation der Familie nicht funktioniert, braucht in einem Film ohne Dialog nicht noch mal erwähnt zu werden. Ein enorm konzentrierter, dichter Film.

8.7.14

Verführt und verlassen

USA 2013 (Seduced and abandoned) Regie: James Toback 98 Min. FSK: ab 12

Schon von dem Remake von Bernardo Bertoluccis „Der letzte Tango in Paris" gehört? Der Neuauflage vom sexuell provokanten Klassiker 1972 mit Marlon Brando? Nein? Liegt vielleicht daran, dass die bescheuerte Idee der Vorwand für Regisseur James Toback und Star Alec Baldwin war, in Cannes den Wahnsinn des Filmgeschäfts vorzuführen. Sie laufen in Cannes auf, das erste Mal für Baldwin, und versuchen in den üblichen Gesprächen mit Produzenten und Hintermännern das nötige Geld aufzutreiben. Was heutzutage, wenn man nicht circa zehntausend Explosionen oder fünf Actionstars im Rentenalter hat, extrem schwierig geworden ist. Wie selbst die größten Regisseure immer wieder beklagen: Scorsese, Bertolucci, Coppola (der Papa), Polanski früher und heute. Das Ergebnis ist eine spezielle Filmgeschichte von Alec Baldwin mit vielen Ausschnitten und eine tolle, allgemeine Filmgeschichte mit haufenweisen Prominenten und faszinierenden Filmemachern. Dabei arbeitet Toback auf fesselnde Weise mit Splitscreens, die immer wieder die Filmbeispiele zu dem Erzählten liefern.

Die Kommentare von Regisseuren, Produzenten, Kritikern und Festivalchef Thierry Fremaux sind sehr ernüchternd: Ein Produzent sagt Baldwin ins Gesicht, er brauche fünf Frauen um sich für einen erfolgreichen Film. Ein anderer schlägt vor, ein U-Boot wie in Baldwins „Roter Oktober" wäre hilfreich für das „Tango"-Remake". Oder die Mitarbeit von Ryan Goslin, der das Budget von 3 auf 150 Mio. Dollar hochschrauben würde.

Das Ergebnis ist voller Perlen und Einblicke von Insidern. Dazu Cannes immer wieder Cannes, damals und heute, mit Rotem Teppich, aber vor allem das andere Cannes, bei dem die Frage gestellt wird: Wo kommt das Geld her? Der äußerst sehenswerte Film beantwortet vor allem die Frage, wo all die schlechten Filme her kommen.

Die Karte meiner Träume

Frankreich, Kanada 2013 (T.S. Spivet / L' extravagant voyage du jeune et prodigieux T.S. Spivet) Regie: Jean-Pierre Jeunet mit Kyle Catlett, Helena Bonham Carter, Judy Davis, Callum Keith Rennie 105 Min. FSK: ab 0

Muss man mehr sagen? Jean-Pierre Jeunet hat „Delicatessen" (1990), „Die Stadt der verlorenen Kinder" (1994), „Alien - Die Wiedergeburt" (1997), „Die fabelhafte Welt der Amélie" (2001), „Mathilde - Eine große Liebe" (2004) und zuletzt „Micmacs - Uns gehört Paris!" (2009) gemacht. Dabei bis auf „Alien" sowohl Regie als auch Drehbuch verantwortet. Nun begibt sich der Franzose in die USA. Ist die Reise eines verlorenen Kindes ein „Amélie in Amerika"? Nicht ganz...

Titelheld T.S. Spivet (Kyle Catlett) ist ein ängstlicher Zehnjähriger, der mit seiner Familie auf einer Ranch im sehr ländlichen Montana lebt. Mit einem 100 Jahre zu spät geborenen Cowboy als Vater. Die hoch intelligente Mutter Dr. Clair (Helena Bonham Carter als Ersatz für Audrey Tautou) ist Spezialistin in der Erforschung von Crickets und andererseits unfähig, einen Toaster zu bedienen, wie die Galerie angeschmorter und kurzgeschlossener Apparate in der Küche beweist. Da T.S. viel von ihr geerbt hat, überrascht es ihn nicht, dass er mit einem Wissenschaftspreis des angesehenen Smithsonian Instituts ausgezeichnet wurde. Denn bisher konnte noch niemand in der Menschheitsgeschichte ein Perpetuum Mobile entwickeln. Der Knirps machte es. Ganz allein.

Und so macht er sich auch alleine auf, den Preis in Washington DC, auf der anderen Seite des Landes, in Empfang zu nehmen. Der eigentlich ängstliche Junge bricht mit einem viel zu schweren Koffer auf. Genial, wie er den Transportzug mit einem aufgemalten Haltesignal zum außerplanmäßigen Stopp bringt und entert. Sehr Jeunet und nett doppelt gemoppelt, dass er im Stile der Wanderarbeiter mit einem Zug den Kontinent bereist - auf dem zur Sicherheit noch so ein modernes Symbol der Eroberung von unbekannten Weiten steht, ein Wohnmobil.

Die erwarteten Aufnahmen von weiten Landschaften, einem verirrten Bison und vielen anderen „Americana" lassen vermuten, dass auch in Jeunet ein zu spät geborener Cowboy steckt. Aber er zeigt auch eine Landschaft aus Zahnrädern, ein Mädchen, das auf einer Schaukel Kopf steht. Auf jeden Fall steckt „Die Karte meiner Träume" voller verrückter Ideen und ist sehr raffiniert inszeniert. Bis T.S. und seine Geschichte beim Eigentlichen ankommen, verharrt die Komödie in geistreicher, origineller Beobachtung, angereichert mit netten Einblicken in die Gehirnwindungen und Animationen der Gedankengänge T.S.'s. Der Film hat ein anderes, gemächlicheres Tempo als in „Amelie". Ansonsten bleibt vom Jeunet-Stil der seit „Delicatessen" bekannte Schauspieler Dominique Pinon, hier als ein alter Hobo und Geschichtenerzähler.

Das ähnelt Wes Andersons Kinderabenteuer „Moonlight Kingdom", ist aber dünner, monothematischer. Denn die Hauptsache im Gepäck des Jungen ist die vermeintliche Schuld am Tod des kleinen Bruders, der sich - auch typisch amerikanisch - mit dem eigenen Gewehr erschossen hat. Das kann die sehr originelle aber auch ziemlich separate Familie nicht auffangen und es bedarf einer großen Erfindung und Odyssee, bis sie wieder mit ihren sympathischen Eigenarten zusammenfinden. Was schon alles in den witzigen Bildideen steckt, wenn es die glückliche Familie nur als Pappaufsteller im Wohnwagen-Ausstellungsmodel gibt und das perfekte Frühstück aus Plastik ist. Dass die Geschichte „eine der besten Familien der Welt" nicht der beste Jeunet ist, darüber kommt man dank reichen, unkonventionellen Persönlichkeiten und großartigen Bildideen mit nur leichter Sentimentalität hinweg.

The Signal (2014)

USA 2014 Regie: William Eubank mit Brenton Thwaites, Olivia Cooke, Beau Knapp, Laurence Fishburne 95 Min.

Geld kauft auch beim Film keinen Erfolg - keinen künstlerischen zumindest: „The Signal" ist eine Thriller- und Science-Fiction-Sensation mit kleinem Budget, nur einem Star und ansonsten Bestem in jeder Faser: Drei Studenten fahren durch die USA, wollen Haley Peterson (Olivia Cooke) zu ihrer neuen Wohnung bringen. Ihr Freund Nicolas Eastman (Brenton Thwaites) und sein Kumpel Jonah Breck (Beau Knapp) sind auch auf der Fahrt mit einer persönlichen Fehde gegen einen Hacker namens Nomad beschäftigt. Der hat die hochintelligenten Nerds mit einer Cyber-Attacke fast aus dem MIT geworfen. Nun verblüfft und provoziert er das Trio mit Aufnahmen aus ihrem Motel-Zimmer und von Verkehrskameras am Wegesrand. Sie lassen sich nur zu gerne zu einer Adresse locken, von der Nomad agieren soll. Doch am leeren, verfallenen Haus in verlassener Gegend finden Nic und Jonah nichts ... bis Haley draußen schreit...

Als Nicolas wieder zu Besinnung kommt, liegt er in einem altertümlichen Forschungsgebäude, umgeben von Figuren in Schutzanzügen. Dr. Wallace Damon (Laurence Fishburne) versucht mit reglosem Gesicht hinter der Glasscheibe seines Quarantäne-Anzugs vorsichtig nachforschend zu ergründen, was passierte. Dabei kann er selbst Nic zeigen und erzählen, dass wohl Außerirdische die drei zum verlassenen Haus gelockt haben. Nur zufällig kann der Junge seine Freundin besinnungslos auf einem der vielen Gänge sehen, durch die er mit einem Rollstuhl gefahren wird. Mit Jonah unterhält sich der Gefangene über die Lüftungskanäle. Aber Nic wäre nicht Nic, wenn er nicht schon die Entfernung zu den Türen abmessen und die Rhythmen der Bewacher protokollieren würde. Bald rollt er auf einen Ausgang zu, hinter ihm hängt am Abschleppseil aus Kanülen das Bett mit Haley. Doch der erste Versuch scheitert und das Entsetzen ist unfassbar, als Nicolas bemerkt, dass seine gefühllosen Beine durch futuristische Hightech-Prothesen, die nicht von dieser Welt sind, ersetzt wurden. Es werden bei der nächsten, gelingenden Flucht noch viele Überraschungen folgen.

Die häufige Handkamera bleibt nahe bei den Figuren, manchmal landet sie stilistisch beim horrend eingeschränkten Blickwinkel vom „Blair Witch Projekt". Diese Mystery mit Außerirdischen ist eher „Akte X" mit „Terminator"-Einlagen als „E.T.". Der packende Techno-Score treibt an, viele kleine Details lassen Miträtsel und -Fiebern. „The Signal" ist eine absolute Empfehlung und eine spezielle für die Freunde der ungewöhnlichen Alien-Invasion in „Monsters" oder von „Chronicle" (Regie: Josh Trank), der Geschichte von ganz gewöhnlichen Superhelden. Doch warum nicht gleich auch „Matrix" erwähnen? Nicht nur wegen Fishburne: Die Auflösung der Schlussszene zu einem erhebenden „Ave Maria" ist auf jeden Fall ganz groß.

„The Signal" hat nicht die üblichen Action- oder Komödien-Typen, die mit möglichst wenigen Charakterzügen auskommen. Nicolas, mit seinen Krücken zum Beispiel, ist auch ohne die atemberaubende Handlung eine spannende Figur. Wie er an einer Tankstelle einem kleinen Jungen aufmalt, wie man den Plüschtier-Automaten knackt, ist nicht nur witzig sondern auch eindrucksvoll. Nic erinnert sich ans Joggen und landet in seinen Träumen immer wieder an einem reißenden Fluss, der alle Verbindungen unterbrochen hat. Auch Laurence Fishburne hat einen faszinierend nüchternen Auftritt als Untersucher Damon, der mehr Mitgefühl zu einem Goldfisch als zu seinen Patienten entwickelt.


7.7.14

Rico, Oskar und die Tieferschatten

BRD 2014 Regie: Neele Leana Vollmar mit Anton Petzold, Juri Winkler, Karoline Herfurth, Ronald Zehrfeld 95 Min. FSK: ab 0

Rico (Anton Petzold) ist ein selbstbewusster „tiefbegabter" Junge, der mit seiner schön schnoddrigen Mutter Tanja (Karoline Herfurth) in einer typischen Berliner Mietwohnung mit Hinterhaus lebt. Schon die klasse Wortschöpfung „tiefbegabt" (nach den Rico-Büchern des Kinderbuchautoren Andreas Steinhöfel) lohnt diesen tollen Kinderfilm. Genauso spaßig zeigen sich Handlung, Schauspiel und Inszenierung: Der zehnjährige Rico, dessen Kopf Bingo spielt, wenn zu viel reinkommt, trifft auf einer seiner langsamen und vorsichtigen Exkursionen vor der Haustür auf den hochbegabten Oskar (Juri Winkler). Der läuft immer mit Helm und ganz viel Vorsicht - andere nennen es Angst - durch die Gegend. Die gegensätzlichen Jungs sind groß/klein, langsam/Schnelldenker, neugierig/ängstlich, ergänzen sich also vortrefflich und werden Freunde. Doch schon bei der ersten Verabredung taucht Oskar nicht auf, weil er von dem berüchtigten Schnäppchen-Entführer Mister 2000, der immer nur 2000 € will, gekidnappt wurde. Jetzt zahlt sich die detektivische Sammelleidenschaft Ricos aus. Das mit dem Kombinieren klappt zwar gar nicht, aber irgendwie kommt er dem Gauner doch auf die Spur.

Dabei muss er sich auch noch um einen möglichen neuen Freund für die Mutter kümmern. Ronald Zehrfeld spielt den frisch zugezogenen Nachbarn in diesem Reigen sensationell gut besetzter Erwachsener: David Kross, Milan Peschel, Ursela Monn, Axel Prahl, Anke Engelke (als Zicke an der Eisbude) und Katharina Thalbach wirken alle bei dem hervorragend gelungenen Spaß - mit etwas echter Spannung - für groß und klein mit. Regisseurin Neele Leana Vollmar, zeigt nach dem eher unglücklichen „Maria, ihm schmeckt's nicht!" was sie eigentlich kann. Sehr schön, wie die Verwirrung Ricos aus dem Kopf ins Bild gebracht wird. Wenn der eine TV-Kommissar Kommissar bleibt und der andere Kindesentführer wird, klingt sogar „Das Versprechen" Dürrenmatts mit an. Also Exzellenz bei der ganze Palette von Themen, angefangen vom Drehbuch bis zur Bildgestaltung mit einigen Comic-Elementen. Ein herausragender Kinderfilm, der bald fortgesetzt wird!

Die große Versuchung (2013)

Kanada 2013 (La Grande Seduction) Regie: Don McKellar mit Brendan Gleeson, Gordon Pinsent, Mark Critch, Taylor Kitsch 113 Min. FSK: ab 0

2003 zeigte Jean-François Pouliot unter dem Titel „Die große Verführung" (La Grande Seduction) wie eine wackere Schar von kanadischen Inselbewohnern sich mit sympathisch halblegalen Mitteln dagegen wehrt, abgeschrieben zu werden. Kauziges Menscheln bis der Arzt kommt, war das damals. Das Remake wirkt wie ein Placebo - nur unzureichend. Trotz des rumpeligen Auftritts von Brendan Gleeson („Harry Potter", „Gangs of New York").

In besseren Zeiten, als das Hafenörtchen noch alle Männer in Arbeit und viele Fische im Netz sah, entlud sich das gute Leben nächtlich schon mal im kollektiven Orgasmus. Nun leidet das Selbstwertgefühl der Männer, denn fast alle leben komplett von Sozialhilfe. Die letzte Hoffnung ist eine Fabrik, die sich auf der Insel niederlassen will. Aber nur wenn es dort auch einen Arzt gibt. Den fischt der Ex-Bürgermeister als Zollbeamter am Flughafen heraus: Der Schönheitschirurg Dr. Paul Lewis (Taylor Kitsch) reitet sich mit einem Tütchen Koks rein und muss nun einen Monat im Hafen der Trübsal verbringen.

Unter der Anführung von Murray French (Brendan Gleeson) wird das Nest aufgemöbelt: Hinterwäldler, die meinten Cricket sei ein Sport für Heuschrecken, bereiten sich mit liebenswertem Aufwand auf ein Cricket-Spiel vor - weil der Doktor Cricket-Fan ist. Keiner kapiert die Regeln, die Platzmarkierungen werden vom Winde verweht. Man hilft auch der untalentierten Angelleidenschaft des Gastes nach - mit einem frisch gefangenen Fisch, der noch gefroren ist.

Wenn auch das Thema Arbeitslosigkeit durch Globalisierung noch immer aktuell ist, der Film wird beim zweiten Mal nicht komischer. Eher lahm führt er die kauzigen Typen vor, bis zur Ankunft des Arztes dauert es 45 Minuten. Der Charme blätternder Farbe und zerfallender Hauser hält sich in Grenzen. Nur ein großartiger Schauspieler unter vielen Unbekannten kann auch keine Begeisterung hervorrufen. Dass sich der Schnösel Paul fast von alleine zum besseren Menschen wandelt, während er als Meister der Lüge Schönheitsoperation von allen belogen wird, geht als schöne Idee im Rest unter. Das der tragische Bankbeamte Henry letztendlich und wie immer befürchtet durch einen Geldautomat ersetzt wird, hat noch was von dem großen Gedanken des Originals „Die große Verführung", aber irgendwie funktioniert das in „Die große Versuchung" nicht mehr. Vor allem der Spaß ist mit vielen anderen aus dem Ort geflohen...

Mistaken for Strangers

USA 2013 Regie: Tom Berninger 75 Min. FSK: ab 12

Matt Berninger, Leadsänger der sehr erfolgreichen Indie-Band The National, nimmt freundlicherweise seinen kleinen Versager-Bruder Tom mit auf die High Violet-Tour, gibt ihm einen Job als Rowdy. Dass Tom sich in den nicht wahnsinnig intelligenten Kopf gesetzt hat, das Ganze als Backstage-Doku aufzunehmen, weiß niemand und findet auch keiner gut - wie ihm immer wieder gesagt wird. Der Hard Rock-Fan säuft dauernd, vergisst öfters was und verlegt die Gästeliste, weswegen Werner Herzog und der Cast von „Lost" (sic!) draußen warten müssen. Bei einem Wahlkampfauftritt für Obama irritiert er dessen Sicherheitsleute. Man muss sich um Tom, der immerhin Regisseur, Autor, Kameramann und Cutter dieser Doku ist, wie um ein kleines Kind kümmern. Er will getröstet werden, wenn ihm wieder jemand seine Unfähigkeit vorwirft. Tom wird zwangsläufig entlassen und findet mal ein passendes Lied der Band für seinen Frust - was dem Zuschauer ein „Endlich!" entlockt. Doch die familiäre Freundlichkeit findet kein Ende: Tom darf mit Unterstützung von Matts Frau Carin Besser die Doku zu Ende schneiden.

Der Star und der Idiot. Ganz selten ergibt sich dieser Gegensatz: Der sehr erfolgreiche, intelligente und intellektuelle Bruder Matt arbeitet ernsthaft, gut und professionell. Tom, der noch bei den Eltern wohnt, spielt im Pool des Hotels in Los Angeles. Toms sehr seltsame Dokumentation und Selbst-Demontage „Mistaken for Strangers" geht allerdings nicht so weit, dass hier eine Bruder-Beziehung wirklich analysiert wird. Sie bietet nur den Reiz, jemandem, der keine Ahnung vom Dokudreh hat, beim Doku-Drehen zusehen. Da es ja eine Menge Mokumentaries gibt, also unechte, inszenierte Dokumentationen, denkt man auch hier: Ok, das soll ein Spaß sein, so naiv und unfähig kann sich doch keiner anstellen. Tom kann es! Das beginnt schon in der ersten Szene mit Matts Ärger über die Planlosigkeit seines Bruders. Und auch im weiteren Film sind keine vernünftigen Fragen zu hören. Tom sucht vergebens Drogengebrauch zu entdecken, will im Stile von Sex and Drugs usw. Party machen. Ziemlich respekt- und rücksichtslos - nur noch peinlich. So ist „Mistaken for Strangers" auch als Hintergrund-Dokumentation ziemlich uninteressant, denn die richtig gute Musik von „The National" ist leider nur in Fragmenten zu hören.

2.7.14

Jack und das Kuckucksuhrherz

Frankreich, Belgien 2013 (Jack et la mécanique du cœur) Regie: Mathias Malzieu, Stéphane Berla 93 Min. FSK: ab 6

Eine Operation am gefrorenen Herzen kurz nach seiner Geburt macht aus Jack den Jungen mit dem Kuckucksuhrherz. Madeleine, eine skurrile Mischung aus Diva und Hexe, wird seine neue Mutter. Hinter dem harten, porzellanartigen Gesicht und unter der Turmfrisur verbirgt sich eine liebevolle und empfindliche Seele. Das Liebesverbot, das sie für Jack ausspricht, damit sein Kuckucksuhrherz nicht durchdreht, ist weise und gründet auf eigene Erfahrungen. Doch als Jack eine schöne Leierorgel-Spielerin trifft, läuft seine Kuckucksuhr gleich heiß, während die Welt um sie herum fast still steht und alles schwebt.

Kreative Triebfeder hinter dem wundervollen Animations-Film „Jack und das Kuckucksuhrherz" ist Ko-Regisseur Mathias Malzieu, der für den Roman „Die Mechanik des Herzens", das Drehbuch sowie mit seiner Band Dionysos für die Musikeinlagen verantwortlich war. Die kongeniale Umsetzung gelang rasant und fantastisch, hat dabei antiquierten Charme. Doch, Computer sei dank, bewegen sich nun die Figuren fließend und mit viel Ausdruck. Vor allem aber zeigt sich die Kamera immer wieder völlig losgelöst.

Das Schulkleid der unbekannten Fremden veranlasst ihn erst, in die Hölle einer Schule zu gehen, eine Hölle des Mobbings, die an Jack aus „Nightmare before Christmas" erinnert und weitere geniale Liedchen hervorruft. Danach entführt uns die Geschichte in eine noch fantastischere Zirkuswelt in Andalusien, in der Jack als Don Quixote der Liebe seine Traumfrau wiederfindet und einen Job als Erschrecker in der Geisterbahn annimmt. Doch kann dieser herzengute Kerl überhaupt erschrecken. Böse berichtet nur ein finsterer Gegenspieler, der Jack bis nach Spanien verfolgt...

„Jack und das Kuckucksuhrherz" ist eine romantische Liebeserklärung an alle Freaks und Außenseiter - im Kino und im anderen Leben. Ein Rock-Musical mit etwas Steam-Punk zur im 19. Jahrhundert angesiedelten Handlung und Anklängen an die Songs von Morrissey. Aber auch mal poppig und spanisch, dann grandios kitschig im Liebestraum mit zahlreichen kleinen Feen, die an Baz Luhrmans Tinkerbell aus „Moulin Rouge" erinnern. Witzig und rhythmisch in den Liedchen, fantastisch unkonventionell in der rührenden Geschichte und vor allem sensationell in der Zeichnung: Alle Figuren zerplatzen fast vor Charakter, so wie die Bilder bis in die hintersten Ecken mit witzigen Details angefüllt sind. Ein ganz großer Film, den sich allerdings auch Kleine mit Begeisterung ansehen werden.

2 automnes 3 hivers

Frankreich 2013 (2 Herbste 3 Winter) Regie: Sébastien Betbeder mit Vincent Macaigne, Maud Wyler, Bastien Bouillon 91 Min.

Der Top Spielfilm in dieser französischen Startwoche beginnt mit einer reizenden Liebesgeschichte, mit den Anlaufschwierigkeiten eines 33-Jährigen bei seiner Zufallsbegegnung: Arman (Vincent Macaigne) joggt zwar immer mehr, um die zu süße Amélie (Maud Wyler) im Park wieder zu sehen, aber sie joggt anscheinend nicht mehr am Wochenende. Das wirkt erst unbeholfen und linkisch, aber nach nur wenigen Minuten ist man entgegen allen Sehgewohnheiten völlig gefesselt und angenehm amüsiert. Der Geschichte der etwas verschlafen wirkenden, bärtigen Halbglatze mit Schal und lässiger Kleidung gesellen sich unterschiedliche und verschiedene Erzählperspektiven hinzu, die seines Freundes und Amélies. In den Kapiteln von „2 Herbste 3 Winter" findet sich unglaubliche Fülle von Eindrücken, Erlebnissen, Gedanken.

Armans mit 33 Jahren schon recht melancholische Lebens-Bilanz ist sehr persönlich und hat doch viele Anknüpfungspunkte für die eigenen Erfahrungen. Dazu tragen die unprätentiösen, alltäglichen Aufnahmen von Paris mit bei. Sehr alltäglich auch Armans Einschätzungen der anderen Wartenden bei der Wahl der richtigen Supermarkt-Kasse. Für das erste Abendessen will Arman seine Wohnung aufräumen - aber nicht zu sehr. Auf der anderen Seite gibt es auch Außerkörperliche Erfahrung, eine Treffen mit seinem verstorbenen Vater, den Schlaganfall eines jungen Freundes. Da Arman und seine Freunde Filmfans sind, ist dieses Schätzchen auch voller filmische Fachbegriffe. Aber vor allem ist „2 Herbste 3 Winter" so niedlich romantisch wie lange nichts mehr, um genau zu sein, wie vielleicht seit Truffaut nicht mehr. Das ist jetzt nicht gleich eine neue „Nouvelle Vague", aber wird eine große Welle in den Herzen der Cinasten hervorrufen.

Wüstentänzer

Großbritannien 2014 (Desert Dancer) Regie: Richard Raymond mit Reece Ritchie, Freida Pinto, Tom Cullen 98 Min.

Der iranische Junge Afshin tanzt in der Schulklasse „Dirty Dancing" nach, was ihm eine wund geschlagene Hand einbringt und die Warnung der Mutter vor den Sittenwächtern an der Straßenecke. Doch Afshins Schulleiter lädt ihn ins Saba-Kulturzentrum ein, wo Kinder und Jugendliche in Freiheit Rock hören, Jungs und Mädchen zusammen tanzen und Theater spielen. Auch an der Uni findet Afshin Ghaffarian (Reece Ritchie) schnell eine Untergrundgruppe, die heimlich tanzt. Stark ist sein Staunen, als er zum ersten Mal dank Proxy-Server auf Youtube frei Tänze sehen kann. Nurejew, den Moonwalk und modernen Tanz. Doch immer sind da extrem brutale Politik-Fanaten, die Menschen mit anderen Ansichten lebensgefährlich zusammenschlagen und auch ermorden. Es ist die Zeit vor den letztlich manipulierten Wahlen 2009, in der die Menschen noch Hoffnung auf Wandel hatten. Nachdem Ghaffarian von einem besonders fanatischen Sittenwächter beinahe ermordet wird, flieht er nach Frankreich.

Wir sehen die Konflikte eines heimatliebenden Exilanten, dessen Freund bleibt und weiter politisch aktiv ist. Das Drama der Liebe eines unerfahrenen Jüngelchens zu einer Drogensüchtigen und anderes Wichtige, wird sehr deutlich gezeigt: Die Sittenwächter sind die Bösen, man muss sich vor ihnen in acht nehmen. Deshalb gibt es das öffentliche und ein geheimes Leben im Iran. Das Gegeneinander von Gewalt und Kunst ist teilweise erschreckend dargestellt, allerdings auch recht allgemein. Mehr als in den Anreißern von entsprechenden Zeitungsartikeln vermittelt der Film kaum.

Der titelgebende Wüstentanz etwa, hat neben der überzeugenden Idee, vor der Unterdrückung in die Wüste zu fliehen und dort eine geheime Aufführung zu veranstalten, etwas Kunstgewerbliches. Das ist tänzerisch nicht atemberaubend wie „Pina", das ist höchstens nett und gut gemeint. Bis auf die bewegende Schluss-Szene in Paris, die tanzend alles vorher Gesehene zusammenfasst und viel spannender zeigt. Mehr als die große Kunst wollen die Macher ansonsten das - relativ - große Publikum erreichen. Was mit ein paar mitreißenden Tanzszenen, einer Geschichte von Freundschaft, Liebe und Verrat gelingen könnte.

Generell wirkt in „Wüstentänzer" aufgesetzt und irritierend, dass die Schauspieler im Original Englisch sprechen und in den Hauptrollen keine Iraner zu sehen sind. Auch wenn der Film auf dem Leben des Tänzers Afshin Ghaffarian basiert, wirkt vieles nicht lebendig. Da gibt es viele bessere Filme aus dem Iran selbst und über den Iran, von Exilanten realisiert. Erschütternd beispielsweise Bahman Ghobadis "No one knows about Persian Cats", in dem Jugendliche für ein paar Feiern mit dem Tod bezahlen.

30.6.14

Eine ganz ruhige Kugel

Frankreich 2013 (Les invincibles) Regie: Frédéric Berthe mit Atmen Kelif, Gérard Depardieu, Virginie Efira, Daniel Prévost 99 Min. FSK: ab 6

Lange schien es, als würde Gérard Depardieu seiner Karriere mit seltsamen Wechseln bei Staatsbürgerschaft und Wohnsitz die Kugel geben. Nun wird er bei „Eine ganz ruhige Kugel" für ein Pétanque-Spiel zum Algerier und zeigt in zweiter Reihe recht ruhig, was er schauspielerisch noch kann. Das ist einer von vielen interessanten Punkten einer zu wechselhaften Komödie mit zu vielen Themen und Tönen.

Vorhersehbar wie ein Hütchenspieler geht das Betrüger-Trio an der Cote d'Azur beim Boule-Spiel vor. Jacky Camboulaze (Gérard Depardieu) verzockt erst fast alles mit einem Partner, der bald völlig besoffen ausfällt. Dem zufällig gefundenen Ersatz Momo (Atmen Kelif) wird als „Araber" nicht zugetraut, dieses ur-französische Spiel zu beherrschen. Doch er wirft die Kugel sagenhaft gut und sahnt den hohen Wetteinsatz ab.

Dass Momo zwar sensationell Pétanque spielt, aber sogar in der „Nationalmannschaft" noch rassistisch zum Balljungen degradiert wird, ist das große Thema dieser ruhigen Komödien-Kugel, die in unruhiger Bahn verläuft. Die ganze alten Freunde, der verschuldete Jacky und der hoffnungsvolle, junge Momo, haben viele Tricks im Spiel und kein Glück bei den Frauen. Die große Weltmeisterschaft eines eitlen Stars soll die Lösung aller (Geld-) Probleme sein, doch die Vorbehalte und Sabotagen der „echten", also echt miesen und ignoranten Franzosen sind massiv. Nur die resolute und emanzipierte Marketing-Frau Caroline Fernet (Virginie Efira), bei deren erster Begegnung mit Momo schon die Funken fliegen, hält zu ihm. Dabei vereint beide nicht nur die unterdrückte Position in einer rassistischen, sexistischen und elitären Gesellschaft.

So unvermittelt wie die Sozial-Kritik in einer ansonsten recht übersichtlichen Komödie kommt auch Momos Abschiebung in ein Algerien, dass er als in Frankreich geborener Franzose noch nie gesehen hat. Doch dort blitzen auch ganz stille starke Momente abseits des Genres auf. So wie die Bilder des groben Konzept plötzlich sehr ausgewählt Depardieu nächtlich in trauriger Gestalt vor einer Bar zeigen. Auf ihn ist in seinen Szenen als väterlicher und selbstloser Freund Verlass. Ebenso auf den Hauptdarsteller, Ko-Autor und Ideengeber Atmen Kelif: Ein guter, glaubhafter Komödientyp unter vielen anderen Witzfiguren. Dafür und für das megakitschige Final-Bild, in einer Ballerei, die längst nicht mehr interessiert, gibt es noch ein paar extra Sympathie-Punkte.

Große Jungs

Frankreich 2013 (Les gamins) Regie: Anthony Marciano mit Alain Chabat, Max Boublil, Sandrine Kiberlain, Mélanie Bernier 98 Min. FSK: ab 6

Da sitzt er im bunten Bälle-Bad, der Mitt-Fünfziger und Midlife-Krisler Gilbert (Alain Chabat). Neben ihm in der Junggesellen-Bude das Schlagzeug und ein Lebens-Chaos, von dem er sich längst verabschiedet hatte. Wie er mit dem zukünftigen Schwiegersohn Thomas wieder in eine wilde Phase ungeregelten Trieblebens verfällt, ist durch viele verrückte und überzogene Szenen viel spaßiger als ähnlich gelagerte US-Komödien der ewigen Unreife.

Schon der große Auftritt von Musiker Thomas (Max Boublil) von der Garderobe auf die Bühne einer .... Hochzeitsfeier, spottet der Hauptfigur. Als der klägliche französische Singer-Songwriter mit einem sehr simplen Liebesliedchen dabei die nette Mélanie Bernier (Lola) begeistert, zeigt der Film jedoch auch viel Sympathie für diesen witzigen Träumer, der mit einer Reihe von komischen Momenten mit Lola bis zum großartig und genial inszenierten Heiratsantrag kommt.

Die Begegnung mit dem künftigen Schwiegerpapa, dem schlapp durchhängenden Gilbert, führt Thomas allerdings auf Abwege. Zusammen entdecken sie beim Einkauf im Supermarkt mit einer ausführlichen Weinprobe wieder die „Lust for life" und kiffen gleich noch zusammen auf dem Kinderspielplatz. Wenn der Vater mit dem (Schwieger-) Sohne einmal ausflippt, werden gleich zwei Träume von Musikerkarrieren wiederbelebt und eine Weile scheint, es als solle sogar Iggy Pop das dünne Liedchen „Je t'aime" vom ziellosen Jüngelchen aufnehmen.

Gilbert kürzt seiner Frau die Entwicklungshilfe für Afrika und lebt mit viel Vergnügen auf. Dem Zukünftigen rät er mehrfach ab, die Tochter und überhaupt zu heiraten. So finden sich alle im Quartett bald völlig losgelöst vom Partner in neuen und alten Freiheiten. Lola und Mama Suzanne (wieder ein Genuss: Sandrine Kiberlain) bekommen die lang vermissten Eigenschaften ihrer Partner in Fleisch und Blut an ihre Seite gestellt - eine umwerfende Horrorvorstellung! Thomas' Liedchen wird zwischen ausschweifenden Partys mit der Musiker-Szene von einer frechen Göre unerträglich verhunzt. Die Nacht, in der alle frei sind und ihre Träume ausleben können, steckt wie der gesamte Film voller herrlicher Überzeichnungen. Nicht nur, dass ein noch recht junger Mann eine Midlifecrisis durchlebt, zeigt den etwas ungewöhnlichen Humor dieses Films. Schon von Anfang an treffen die regressiven Herren überall gleich Frustrierte vom erst steifen, dann besoffenen Weinhändler bis zum zu jungen und zu spießigen Dealer. Unter viel witzig Überzogenem und nett ausgespielten Standards aus Boulevard-Komödien finden sich zusätzlich einige Komödien-Perlen. Thomas' umwerfende Simultan-Übersetzung eines wütenden iranischen Politikers auf einer großen Atom-Konferenz ist eine wunderbar uneigentliche und damit umso sympathischere Liebeserklärung.

Überhaupt ist diese eigentlich alberne Männer-Emanzipation selbst erfreulich jung geblieben und traut sich dementsprechend etwas. Der Spaß der großen und kleinen Jungs beim Spaß haben, kommt glaubhaft rüber. So liebenswert und witzig wird „Sei du selbst" nicht oft vorgelebt.

25.6.14

Finding Vivian Maier

USA 2013 Regie: John Maloof, Charlie Siskel 84 Min. FSK: ab 0

Der junge (Ko-Regisseur) John Maloof ersteigert 2007 eine Kiste volle Negative für 380 Dollar. Nach einer Weile setzt er 200 der Bilder, die ihm gefallen ins Internet und erhält enorm große Aufmerksamkeit. Bei der Recherche nach der Fotografin entdeckt er das Leben eines Kindermädchens, einer Einzelgängerin, von der niemand ahnte, dass sie fotografierte. Die weitere, spannend wiedergegebene Recherche von Maloof zeigt, dass Vivian Maier (1926–2009) ein Messi war, dem nach ihrem Tod in überlaufenen Ausstellungen eine große, verdiente Aufmerksamkeit zuteil wird. Experten äußern sich begeistert über den humorvollen Blick mit viel Liebe für die aufgenommenen New Yorker. Zeitgenossen erzählen in der detektivisch spannenden Recherche aber auch von einer schwierigen Persönlichkeit. Zusammen ergibt sich eine tragische Biografie einer großartigen aber unerkannten Künstlerin.

24.6.14

Violette

Frankreich, Belgien 2013 Regie: Martin Provost mit Emmanuelle Devos, Sandrine Kiberlain, Olivier Gourmet 139 Min. FSK: ab 12

Bei den internationalen Frauen-Spielfilm-Wochen trumpft Frankreich wieder mit einem sehenswerten Porträt auf: Nach „Suzanne" nun „Violette", die französische Schriftstellerin Violette Leduc (1907-1972). Wobei wir sie während der deutschen Besetzung als Verzweifelte, als Abgewiesene kennenlernen. Der schwule Freund Maurice Sachs (Olivier Py) kann sich dem fast wahnsinnigen Bedrängen nur erwehren, indem er Violette auffordert, doch ihre Leidenschaften aufzuschreiben. Nach dem Krieg in Paris immer noch vom Schmuggel lebend, trifft sie auf Simone de Beauvoir (außerordentlich dargestellt von Sandrine Kiberlain), die ihren ersten Roman begeistert veröffentlichen lässt. Leduc selbst bewundert hingegen Jean Genet, sucht aber auch obsessiv die Liebe der Beauvoir. Wie bei fast jedem. Und erhält wieder die Antwort, ihre Obsessionen niederzuschreiben. 1946 entsteht „L'Asphyxie" und in weiteren Romanen folgenden die Reflexionen eines „Bastards", der lebenslang unter der Abweisung durch den Vater litt.

Im Gegensatz zur Leducs Selbsteinschätzung, nicht schön zu sein, zeigt sie der Film als sehr reizvoll. Emmanuelle Devos hat ein grandios ausdrucksstarkes Gesicht, ihre Mischung aus Verzweiflung, Wut, Entschlossenheit ist unheimlich berührend und gleichzeitig komisch. Regisseur Martin Provost („Séraphine") gelingt mit exzellenten Bildern (Kamera: Yves Cape) und einem zurückhaltenden Soundtrack (mit Arvo Pärt-Stücken) das gebrochene Porträt einer ungewöhnlichen Künstlerin und Frau.

Otto ist ein Nashorn (2013)

Dänemark 2013 (Otto er et næsehorn) Regie: Kenneth Kainz 73 Min. FSK: ab 0

Am letzten Tag vor den Sommerferien malt Topper, der sich öfters fantastische Geschichten ausdenkt, tatsächlich mit Hilfe eines Zauberstiftes ein Nashorn an die Wand, das darauf lebendig in der dritten Etage an den Büchern knabbert. Mit seinem Freund Viggo und dem kauzigen Nachbarn Holm kümmert sich Topper um das Otto genannte Rhinozeros. Durch die Decke geht es dabei zum Zwischenstopp bei der schwerhörigen Nachbarin, die endlich mal Besuch zum Kaffee bekommt. Auch der Rest der Erwachsenen ist herrlich überzeichnet, von der Bäckersfrau bis zum Zoo-Direktor.

Solch fantastische Geschichten werden heutzutage mit viel Computer umgesetzt, hier mit besonders dynamischer Digital-Animation. Dabei geht etwas vom Charme der Realfilme aus den Achtzigern verloren. Aber im Reigen vieler Zeichentrickfilme für Kinder ragt „Otto ist ein Nashorn" heraus - sowohl mit seiner netten, verrückten Geschichte als auch mit der gleichzeitig modern völlig losgelösten „Kamera". So führt nach einem Zwischenspiel das fliegende Auge die Zuschauer in der Spur eines Marienkäfers zurück zu den kleinen Helden in die Schulklasse.

Trotz der mächtig übertriebenen Physiognomien, die nicht nur gefällig wirken, trotz des unförmigen Nashorns, bietet „Otto ist ein Nashorn" eine nette Gelegenheit, diese beliebten dänischen Kinderbuch-Geschichten von Ole Lund Kirkegaard zu entdecken.

Mädelsabend

USA 2014 (Walk Of Shame) Regie: Steven Brill mit Elizabeth Banks, James Marsden, Kevin Nealon, Gillian Jacobs 95 Min. FSK: ab 12

Sind Peinlichkeiten vor laufender TV-Kamera noch lustig, wenn Hollywood einen Großteil seiner Kameras für laufende Kameras verschwendet? Nach einer Kostprobe von sympathischen Live-(R)ausrutschern lernen wir Meghan Miles (Elizabeth Banks) kennen, TV-Moderatorin und langweilige Blondine, die es abwechselnd der sittenstrenge Mutter und der ordinären Freundin recht machen muss. Hirnlose Nachrichten, festgefrorenes Lächeln - was „Anchorman" herrlich und definitiv durch den Kakao zog, wird hier tatsächlich noch einmal ernst genommen. Nun bekommt Meghan den neuer Job als „Anchor", als Nachrichten-Star, doch nicht und auch der Freund lässt sie sitzen (ein Wunder, dass so ein Hohlkörper überhaupt einen Freund hatte). Um all dies Elend zu feiern, führen die Freundinnen sie zum Saufen aus, wobei Meghan unbedingt etwas „Schlampiges" anziehen soll. Das ziemlich brave gelbe Kleid, scheint in Los Angeles eindeutig konnotiert zu sein, denn fortan hält sie jeder für eine Prostituierte. Auf der Straße landet sie in den nächsten Stunden gleich mehrfach, weil sie sich aus einem Club ausschließt, die Wohnung des neuen Lovers wegen einer Katze fluchtartig ohne Handy verlässt und das Auto abgeschleppt wurde. Zudem muss sie schnell zum Sender, weil der neue Job doch noch möglich ist...

Der deutsche Titel „Mädelsabend" macht krachledern klar, was frau bei diesem Film erwarten darf: Ein „Hangover" für Mädels, ganz schwach derber Humor und das Chaos am Morgen danach. Allerdings weiß die lahme Komödie selbst nicht so genau, was sie will, denn der Originaltitel „Walk of Shame" suggeriert sogar etwas Medienkritik - was allerdings der größte Witz des Ganzen ist. Ansonsten sind nur einzelne Szenen kurzfristig witzig, etwa das Verhör des One Night-Stand-Kellners durch die beiden noch dämlicheren Freudinnen von Meghan. Großartig ist nur, wie drei ganz harte „Brothers" mit weichem Kern in einem Crack-House sich für das verirrte Bürger-Mädel einsetzen und ihren blöden und verlogenen Ex am Telefon zusammenstauchen.

Elizabeth Banks, die Effie Trinket aus „Die Tribute von Panem", gehört nicht zu den Darstellern, die selbst aus so einer Rolle noch etwas rausholen. So ist es überhaupt nicht witzig, ihr beim Sturzbesoffen-Sein zuzusehen. Martin Scorseses „Die Zeit nach Mitternacht", die Mutter solcher Geschichte des Sich-Verlierens in einer wilden Nacht, ist ziemlich weit weg. Diese „Zeit während der Fußballspiele" ist hauptsächlich albern, Handlung entwickelt sich meist haarsträubend. Dass am Ende noch eine Epiphanie des naiven Mädels stattfindet, das selbst nicht über das Niveau ihrer Nachrichten hinausblickte, verdirbt einem schließlich sogar den minimalen Spaß. Der aufgesetzten Weisheit „Sei einfach du selbst" sollte man folgen und nicht in diesen Film gehen.

18.6.14

No Turning Back / Locke

Großbritannien, USA 2013 (Locke) Regie: Steven Knight mit Tom Hardy 85 Min. FSK: ab 0

In dieser kinematographischen Sauregurkenzeit zeigt der Ausnahme-Film „No Turning Back" wunderbar, was wirklich Wichtiges alles während eines Fußballspiels, sogar in weniger als achtzig Minuten, passieren kann: Ivan Locke (Tom Hardy), ein Perfektionist in den zehn Jahren seiner Tätigkeit als Bauingenieur, verlässt eine riesige Baustelle in Birmingham, macht sich zu einer nächtlichen Autobahnfahrt auf. Am Morgen soll das Fundament für ein 55 Etagen hohes Gebäude unter seiner Regie gegossen werden, die größte Betonier-Aktion Europas bislang. Doch Locke (so heißt auch der Originaltitel) fährt zu einer Frau, die sein Kind zwei Monate zu früh bekommen wird.

Allerdings ist es nicht seine (Ehe-) Frau. Das Kind wurde in einem einmaligen Seitensprung mit einer einsamen Sekretärin gezeugt. Nun gesteht Locke die Untreue seiner Frau, vertröstet den Sohn, mit dem er ein parallel laufendes Fußballspiel sehen wollte, bringt seinen Auftraggebern bei, dass er nicht da sein wird, obwohl alle nur ihm vertrauen. Vom Prinzip Autobahn zur Tatenlosigkeit verdammt, „locked" (eingesperrt) wie es der Name suggeriert, muss er alles mit seiner Stimme, alles per Telefon regeln. Der Film hat nur einen Schauspieler, der in Echtzeit durch die Nacht fährt.

Mit unfassbarer Ruhe, mit einer hypnotisch konzentrierten Stimme beruhigt Locke die Schwangere, die schwere Komplikationen durchmacht, erklärt sich der geschockten Ehefrau, die nur abwechselnd telefonieren und sich übergeben kann, macht einen Kurzlehrgang in Führerschaft und Selbstbewusstsein für seinen Assistenten Donald, den er auch noch von der Flasche weg bringt. Wir erleben eine erstaunlich ehrenwerte Person: Locke schob bei der Arbeit keine Entschuldigung, keine Krankheit vor. Und als ihn ein entfernter Aufsichtsrat entlässt, will er trotzdem den schwierigen und hochkomplexen Job beenden, „sein Gebäude" retten. Er hat einen Fehler gemacht, will nun aber das Richtige tun - auch wenn auf der anderen Seite Millionen auf dem Spiel stehen.

„No Turning Back" wäre auch ein gutes Hörspiel, wie Derek Jarmans „Blue", der nur eine blaue Leinwand zeigte und von der Erblindung des Regisseurs erzählte. Doch da gibt es auch die Blicke in den Rückspiegel, in dem Locke einen ganz anderen Gesprächspartner sucht. Seinen imaginären Vater nämlich, den er anflucht und dem er Vorwürfe macht, ihn damals als Kind vernachlässigt zu haben. Der faszinierende Film verzichtet trotz des Zeitdrucks auf quietschende Reifen oder Geschwindigkeits-Überschreitungen wie in „The Call". Die große Aktion ist eine Riesenladung Beton, die angeliefert und bearbeitet werden muss. Die große Attraktion, eine große Freude und auch ein Spaß ist, einem Menschen beim Denken und Entscheiden zuzusehen.

Locke, sagenhaft intensiv, mit sehr prägnantem, walisischem Akzent gespielt von Tom Hardy, ist ein genauer Mensch, der auf die richten Worte achtet, seinen Gesprächspartnern Verständnis signalisiert und freundlich Bestätigungen einfordert. Er könnte auch Psychiater sein. Doch der Mann, der so leidenschaftlich und sorgsam Häuser baut, hat plötzlich kein Zuhause mehr. Keine Frau und auch keinen Job.

Im lebendigen, raschen Wechsel der Perspektiven kommen die Anrufe häufiger und schneller. Während Locke beruhigend wie ein Psychiater am Hilfs-Telefon spricht, sehen wir im Bild die eigene Unsicherheit, sein Knabbern am Finger, die tränengefüllten Augen. So wie er sich der Aufmerksamkeit seiner Gesprächs-, Lebens- und Geschäfts-Partner versichert, so hält er auch die Zuschauer „locked", gefangen, im Griff seiner Stimme.

17.6.14

Die unerschütterliche Liebe der Suzanne

Frankreich 2013 (Suzanne) Regie: Katell Quillévéré mit Sara Forestier, François Damiens, Adèle Haenel, Paul Hamy 94 Min. FSK: ab 12

Die Lebensgeschichte zweier Schwestern in intensiven und bewegenden Momenten ist ganz schon viel für gerade mal 90 Minuten Film, doch Katell Quillévéré gelingt in ihrem zweiten Werk das Kunststück, mit kleinen Momentaufnahmen komplett zu packen: Suzanne und Maria wachsen bei ihrem verwitweten Vater Nicolas, einem liebevollen Fernfahrer auf. Während die eine ein braves Leben führt, ist das von Suzanne voller Brüche. Für die Liebe zu einem Kriminellen verliert sie die Erziehungsberechtigung für ihren Sohn und geht sogar ins Gefängnis. Schwester und Vater verzweifeln an ihr, doch sie geht ihren Weg weiter.

Ungemein eindringlich folgt auch Regie: Katell Quillévéré über Jahrzehnte ihren Figuren, die in allen Altersklassen von direkt begeisternden Schauspielerinnen verkörpert werden. Ihre Präsenz in den kurzen, offenen Szenen ist schier unglaublich. Nicht alles wird ausgesprochen und ausgespielt, aber man folgt - trotzdem oder deswegen - fasziniert den dramatischen Ereignissen, die so trocken präsentiert werden.

Hauptdarstellerin Sara Forestier erinnert auch von ihrer Rolle her an die junge Sandrine Bonnaire in „Vogelfrei". All dies sehr sehenswerte Schöne vollendet selbstverständlich Leonard Cohens Song „Suzanne", hier in der Version von Nina Simone.

Zoran - Mein Neffe der Idiot

Italien, Slowenien 2013 (Zoran, il mio nipote scemo) Regie: Matteo Oleotto mit Giuseppe Battiston, Rok Prasnikar, Roberto Citran, Marjuta Slamic 113 Min. FSK: ab 12

Unter all den verantwortungslosen Außenseitern, die ein hilfloses Kind - oder Tier - zum sozialen Mitmenschen macht, ist Paolo (Giuseppe Battiston) eine ganz besondere Nummer: Der bärtige, rundliche Italiener spielt Dame mit großen Gläsern harten Alkohols, die nicht nur rausgeworfen sondern auch runtergespült werden. Der Trinker übernachtet regelmäßig beim Nachbarn in der Wohnung, weil die Polizei wieder vor seiner wartet. In der Kantine des Alternsheims klatscht er lieblos das Essen auf die Teller und wirft besoffen Steine auf die Villa seines sehr gütigen und hilfsbereiten Chefs, der Paolos große Liebe geheiratet hat. Als dem Feind aller freundlichen Menschen seine sehr entfernte Tante im benachbarten Slowenien stirbt, schmeißt er deren Urne aus dem Fenster des fahrenden Autos. Nicht loswerden kann er jedoch seinen leicht autistischen Neffen Zoran (Rok Prasnikar), den er fünf Tage betreuen soll, bis ein Platz im Kinderheim frei wird. Zoran wird kurzerhand in einer Kneipe geparkt, wo sich eine besondere Qualität herausstellt: Mit seinem Dartpfeil trifft er immer, zuerst nur den Stopfen eines Fasses, dann das „Bulls Eye" der Scheibe. Nun ist Paolo plötzlich sehr an dem Jungen interessiert, kann man doch in England mit Dart viel Geld verdienen...

In einer italienischen Landschaft, die sich für romantischen Kitsch eignen würde, versammeln sich einige skurrile Gestalten und mittendrin der saufende Griesgram, der irgendwo einen liebenswerten Kern im üppigen Körper hat. Der Film macht es einem allerdings auch leicht, Sympathien für das unverschämte Schlitzohr aufzubringen. Zu viele naive Gutmenschen belagern den extremen Egoisten förmlich. Wobei auch diese gebrochen und spleenig dargestellt werden, selbst der A capella-Gesang des über-fröhlichen Kollegen dreht sich vor allem ums Trinken. Auch wenn gerade die Figur des Autisten Zoran mit Riesen-Sehgestell und sonst nur ein paar gelebten Eigentümlichkeiten zu einfach gezeichnet wurde, überzeugt sein Darsteller Rok Prasnikar mit viel Ausdruck. Was so für den ganzen Film gilt, der die einfache Geschichte mit kantigem Charakter zu einem unverschämten Spaß macht.

Cuban Fury - Echte Kerle tanzen

Großbritannien 2014 Regie: James Griffiths mit Nick Frost, Rashida Jones, Chris O'Dowd, Olivia Colman, Kayvan Novak 98 Min. FSK: ab 6

Aus der einstigen großen Hoffnung, dem jugendlichen Star der Salsa-Szene ist ein sehr runder, sehr stiller Ingenieur geworden: Bruce (Nick Frost) hat nur verdrängt und nie überwunden, dass er vor einem wichtigen Turnier in vollem Glitzer-Ornat von anderen Jungs aufgelauert und brutal zusammengeschlagen wurde. Seitdem hat Bruce nie wieder getanzt.

Nun verliebt sich Bruce auf Anhieb in Julia (Rashida Jones), seine neue Chefin aus den USA. Da diese in ihrer Freizeit auf bescheidenem Niveau Salsa tanzt, wagt sich der einstige Überflieger zurück zu seinem charismatischen Trainer Ron (Ian McShane!), den er damals versetzt und verletzt hat. Mit ganz kleinen Schritten kämpft sich Bruce sein altes Selbstbewusstsein zurück und tritt zum Duell gegen seinen ekeligen Kollegen Gary (Rory Kinnear) an, ein vorlautes Großmaul.

Die Geschichte vom typischen Verlierer ohne Selbstbewusstsein, der möglichst mit flotter Musik oder irgendwas anderem Populären zum Sieger der Herzen wird, ist in der britischen Komödie „Cuban Fury" ziemlich dick aufgetragen. Wortwörtlich: Denn der lustige dicke Bruce wird hier zudem noch auf einen Klapprad mit Mini-Rädern gesetzt und in alberne Klamotten gesteckt. So hat er zu den hochhackigen Tanzschulen seine weiten Bermuda-Shorts und ein geschmackloses Firmen-Tshirt an. Da muss jemand schon eine ganze Menge schauspielerischer Substanz haben, um nicht völlig zur Witzfigur zu werden.

Das kann man all den guten Darstellern nachsagen, halten sie sich doch ganz tapfer im arg groben Humor-Umfeld. Denn wenn es immer noch nicht komisch genug ist, kommt eine noch eine Latino-Tunte hinzu, die anstrengend klischeehaft im Film fuhrwerkt. Dieser treffsichere Stilberater steuert dem Witz des Films auch noch in eine Verwechslung bei, von seinem Kumpel wird Bruce jetzt für einen Schwulen gehalten, hahaha. Allein wenn der Humor etwas anarchisch aus der Reihe fällt, dann macht der Film tatsächlich Spaß. Aber diese Momente schauen nur kurz vorbei, genau wie Nick Frosts regelmäßiger Schauspiel-Partner Simon Pegg („The World's End", „Hot Fuzz - Zwei abgewichste Profis" und die herrliche Zombie-Parodie „Shaun Of The Dead"), der beim Tanzduell in der Parkgarage in einem Auto vorbeifahrt.

Auch tänzerisch stellt sich der Film selbst ein Armutszeugnis aus, weil seine Hauptfigur die wirklich schwierigen Schritte nicht selber tanzt, sondern durch einen Double realisieren lässt. Das sieht und spürt man sofort und glaubt auch ansonsten nichts mehr. Neben mäßiger Unterhaltung und maximal nettem Spaß hat dieser Film hat nur ein Gutes: Er macht Lust, „Strictly Ballroom – Die gegen alle Regel tanzen" von Baz Luhrmann noch einmal zu sehen. Oder irgend einen anderen richtigen Tanzfilm.

About Last Night

USA 2014 Regie: Steve Pink mit Kevin Hart, Michael Ealy, Regina Hall, Joy Bryant, Christopher McDonald 100 Min. FSK: ab 12

Es ist Sauregurkenzeit im Kino, aber diese Gurke von Film ist nicht nur sauer, weich und wabbelig, sie stinkt auch noch, ist zum Verzehr also denkbar ungeeignet. Womit jetzt mal keine sexuelle Anspielung gemeint ist, obwohl der Film selbst zur Hälfte aus Sex, drüber reden und streiten besteht. Dies denkbar unerotisch und entgegen den Ankündigungen weder romantisch noch komisch.

Bernie (Kevin Hart) hat eine neue Frau „aufgerissen" und will diese Joan (Regina Hall) nun in einer Bar treffen. Anstandshalber bringt er seinen Kumpel Danny (Michael Ealy) mit und Joan ihre Mitbewohnerin Debby (Joy Bryant). Nun werden Bernie und Joan, zwei geistig und emotional beschränkte Egoisten, den Rest des Films exzessiv miteinander schlafen, streiten und schreien. Das alles (in der Originalversion) durchaus deftig im Wortlaut. Danny und Debby hingegen erleben eine „romantische" Liebe mit Händchenhalten, Zusammenziehen und bald aufkommender Langeweile. Beziehung muss man in Anführungszeichen setzen, so wie alles in diesem Film, denn nichts wirkt irgendwie echt. Obwohl der Film versucht, jede Szene, jeden Satz vor allem komisch zu machen, denkt man als Zuschauer schnell über einen Seitensprung in den Kinosaal nebenan nach, selbst wenn da eine Doku über Fußpilz bei ägyptischen Pharaonen laufen würde.

„About Last Night", dieser verfilmte Beziehungsführer für ganz Dumme, hat die Struktur und die Oberflächlichkeit von Fernsehen-Sitcoms, seine Figuren sind extrem flach und lassen einen völlig kalt. Immerhin ist das größte Desinteresse des Jahres zu vermelden. Ein filmisches Nichts mit haufenweise Hin und Her, das vor allem mit den beiden Sexopathen nervt.

Dass David Mamets Theaterstück „Sexual Perversity in Chicago" dem ganzen Elend zugrunde liegt, ist unglaublich. Stammen von dem doch tatsächlich solche Meisterwerke wie „Vanya - 42. Straße", „Haus der Spiele", „The Untouchables - Die Unbestechlichen", „Wenn der Postmann zweimal klingelt". „About Last Night" beruht hingegen mehr auf den gleichnamigen Film von 1986 und ist vor allem Ausschuss, der nur ins leere Kino kommt, weil dort die Notbeleuchtung wohl kaputt ist.

11.6.14

Chasing The Wind

Norwegen, BRD 2013 (Jag etter vind) Regie: Rune Denstadt Langlo mit Marie Blokhus, Sven-Bertil Taube, Tobias Santelmann, Anders Baasmo Christiansen 91 Min. FSK: ab 0

Die junge norwegische Modedesignerin Anna (Marie Blokhus) kehrt nach dem Tod ihrer Oma ins Dorf der Kindheit zurück und erlebt eine kuriose Gemeinschaft. Zwar kann der Opa zwar die Texte von Bach-Kantaten und die Bibel zitieren (aus dieser stammt auch der Titel „... eitel und Haschen nach dem Wind"), aber ansonsten hat er jahrelang mit niemandem mehr gesprochen. Ähnlich wortkarg, aber sehr treffend erzählt auch „Chasing the Wind" immer wieder. Schon das tragische Ereignis, das alles auslöst, spielt sich wortlos mit trockenem, schwarzen Humor ab: Ein Sägegeräusch in einem norwegischen Dorf, dann kracht es, ein Schlafzimmer hinten im Bild wird plötzlich viel heller und Oma ist tot. Erschlagen vom Baum, den Opa Johannes (Sven-Bertil Taube) fällte.

Zwischen den Auseinandersetzungen mit dem eigenwilligen und schwer erträglichen Alten gibt es banale Erledigungen für das Begräbnis - der Sarg muss aus dem Baum gezimmert werden, der Oma fällte, seltsame Begegnungen und den Ex Håvard, der immer mehr Annas deutsch-dänischen Verlobten Mathias verdrängt. Dessen Tochter spielt am Rande dauernd Katastrophen wie Tsunami oder Tornados nach. Dabei steht vor allem der Tod von Annas Eltern zwischen ihr und Johannes, an der sie sich die Schuld gibt, obwohl sie damals erst drei war. Es geht zwar um Trauer und Annas Situation ist wirklich nicht einfach, doch viele komische Momente und Bildeinfälle machen „Chasing the wind" zu einem sehr sympathischen Filmausflug. Dazu überzeugt das bewährt gute Spiel von Sven-Bertil Taube und die unverstellt frische Rolle von Marie Blokhus.

10.6.14

Oktober November

Österreich 2013 Regie: Götz Spielmann mit Nora von Waldstätten, Ursula Strauss, Peter Simonischek, Sebastian Koch, Johannes Zeiler 114 Min. FSK: ab 12

Die erste Szene legt die Messlatte direkt am Anfang ziemlich hoch: Zwei Schauspieler - Frau und Mann - unterhalten sich beim Abendessen über seine flache Rolle beim bevorstehenden Filmdreh. „Meine Figur ist nur ein Pappkamerad!" Er checkt zur Sicherheit noch kurz ab, wie denn ihr Beziehungsstand ist, doch der TV-Star Sonja (Nora von Waldstätten) bereitet sich lieber wie gewohnt perfektionistisch vor. Außerdem erwartet sie in der Toilette des Restaurants noch eine üble Begegnung mit der Ehefrau eines Ex-Liebhabers. Dies sind kurze, intensive Szenen zur Vorstellung der prägnanten Figur Sonjas. Und zum permanenten Abgleich, ob auch in Götz Spielmanns großartigem Spielfilm „Oktober November" Pappkameraden rumlaufen, oder die Dialoge doch wesentlich mehr Substanz haben, sehen wir als Film im Film ein paar eher schlimme TV-Aufnahmen.

Sonjas Traum - oder Vision? - eines Fisches, der auf dem Trockenen zappelt, leitet die Handlung zu ihrer bodenständigen Schwester Verena (Ursula Strauss), die mit Mann Michael (Johannes Zeiler) und Sohn Hannes (Andreas Ressl) in der geschlossenen Dorfgaststätte des Vaters (Peter Simonischek) lebt. Der alte Mann erleidet einen Herzinfarkt wird aber reanimiert - ausgerechnet vom heimlichen Geliebten Verenas, dem Dorfarzt Andreas (Sebastian Koch). Selbst als Sonja ihre Wirkung auch an Andreas ausprobiert, driftet „Oktober November" nicht in ein übliches Drama ab. Der Film beobachtet vor allem die so unterschiedlichen Schwestern sehr genau und lässt einem keine Chance, selber auch genau hin zu sehen: So wird Sonja immer wieder von der Kamera (Martin Gschlacht)
in engen Rahmen gesteckt. Das Gefühl, im eigenen Leben keine Luft zu bekommen, überträgt sich beim Zusehen. Nachdem der Papa ein Nahtod-Erlebnis hatte und versichert, dass es „dort drüben" sehr schön ist und man keine Angst zu haben braucht, bekommt beispielsweise ein Licht am Ende eines langen Ganges eine ganz andere Bedeutung.

Schon im ersten Gespräch der Geschwister zeigten sich ihre unterschiedlichen Lebensentwürfe und die Gräben zwischen ihnen. Kleine - „wo ist der Himmel?" - und große Lebensfragen stehen plötzlich in den verlassenen Räumen und Gängen der alten Wirtschaft. Der vorher scheinbar grimmige Vater legt nun eine schier buddhistische Gelassenheit an den Tag: „Das Leben ist schön, man muss gar nichts ändern." Eine Sache will er allerdings doch noch regeln. Wenn Götz Spielmann („Revanche",„Antares") auch undramatisch erzählt, die Handlung ist nicht ohne ... Überraschungen. Die im Herbst (des Lebens?) durchziehende Pilgerschar, welche die verlassene Gaststätte kurzzeitig mit Gebet und Gesang belebt, kann nur ein „Vergelt's Gott" und keinen Trost spenden. Ironischerweise begeistert sich eine der Religiösen über Gebühr für die bekannte Schauspielerin - nicht der einzige Hinweis auf eine spirituelle Ebene.

Dabei ist das was als Demontage von Schauspielern begann, eine ganz große Nummer der exzellenten deutschsprachigen Darsteller. Zusammen mit dem Szenenbild machen sie einen von der Papierform her unspektakulären Film zur großen Entdeckung.

TinkerBell und die Piratenfee

USA 2013 (Tinkerbell and the Pirate Fairy) Regie: Peggy Holmes 78 Min. FSK: ab 0

Zarina ist eine kleine, muntere und herrlich neugierige Fee, die ihre Talente am Fließband der Flugstaub-Fabrik nicht wirklich ausleben kann. Als eines ihrer Experimente zu einer Katastrophe in Pixie Hollow führt, verlässt sie das heimatliche Tal. Aus dem nicht akzeptierten Mädchen wird überraschend schnell und schwach begründet das Gegenstück der wahnsinnigen Wissenschaftlerin aus „großen" Filmen: Zarina raubt zusammen mit einer Crew rauer Piraten das Grundelement zur Herstellung von Feenstaub, um das Piratenschiff über alle Weltmeere fliegen zu lassen.

„TinkerBell und die Piratenfee" ist tricktechnisch glänzend - im wahren Sinne des Wortes: Glatte Gesichter und Flächen sind die einfachste Übung für Computer-Animationen und so ergänzen sich die Figuren mit überschaubaren Ecken und Kanten mit ihrer ästhetischen Darstellung. Selbst die übermäßige, typisch us-amerikanische Politische Korrektheit, die den Kreis der Feen-Freundinnen mit möglichst vielen ethnischen Varianten ausstattet, führt seltsamerweise nicht zu echter Vielfalt. Dass Zarina ihre Verfolgerinnen ausgerechnet aufhält, indem sie die klar definierten Eigenschaften der Feen vertauscht, dient vor allem Spaß und Spannung. Wenn das ansonsten vor allem eitle Flatter-Mädel plötzlich mit den klugen Ideen von Tinkerbell zurechtkommen muss, dient das nicht zum Verständnis des anderen. Die Moral der Geschichte konzentriert sich - ähnlich eingleisig wie alles andere - auf die Erkenntnis, dass man zusammen viel mehr erreichen kann als gegeneinander.

Trotz Flügel und einer mäßig fantastischen Welt, spiegelt Pixie Hollow vor allem die Teenager- und Kinder-Welt der USA zur Identifikation. Für echte „Teenies" ist das schnell „Kinderkram". Spaß für die ganz Großen, die eventuell noch mit ins Kino gehen müssen, gibt es ganz selten: Auch in der sechsten Folge der TinkerBell-Reihe von Disney, die teilweise nur auf DVD vermarktet wurde, hält sich der Aufwand in Grenzen. Dies ist kein „großer Disney", weder atemberaubendes Herumrasen noch rasant dichte Handlung oder ein Erzählen auf mehreren Ebenen überfordert das Publikum. Richtig nett nur die Querverweise auf „Peter Pan", aus dessen Universum Tinkerbell ja ursprünglich stammt: Hier erfahren wir, wie das Krokodil den Wecker verschluckte, mit dem es später Captain Hook immer wieder ärgert...

Einmal Hans mit scharfer Soße

BRD 2013 Regie: Buket Alakus mit Idil Üner, Adnan Maral, Şiir Eloğlu, Sesede Terziyan, Demet Gül, Max von Thun, Janek Rieke 96 Min. FSK: ab 6

Klischees in lauer Suppe

Toleranz nervt, Integration ist blöd und Akzeptanz stinkt … in Bezug auf schlechte Filme! Man kann nicht tolerieren und akzeptieren, dass hier ein ganz lahmes TV-Kommödchen (vom NDR) im Sommerloch das Kinoniveau völlig runter reitet.

Das Haupt-Klischee von „Einmal Hans mit scharfer Soße" ist die integrierte Vorzeige-Türkin Hatice (Idil Üner), die selbständig und emanzipiert ihren Job macht, aber wenn es nach Hause zu „Babba" Ismail (verschwendetes Können: Adnan Maral) in Salzgitter geht, doch das Set züchtiger Kleidung aus dem Kofferraum holt. Auch von der Beziehung zu einem Deutschen will sie den Eltern nichts erzählen. Doch da Hatice - nun völlig angepasst - wegen der Tradition als ältere Schwester vor der schwangeren jüngeren heiraten muss, wird das ganze Leben der Mittdreißigerin plötzlich sehr chaotisch. Während der deutsche Freund als Möchtegern-Türke auch für die Zuschauer furchtbar anstrengend ist, will sie auf keinen Fall einen Türken, was man als rassistisch erkennen soll. Dumm nur, dass sie total auf klassisches Macho-Gebaren abfährt. Womit der Höhepunkt an Komplexität erklommen ist. Flach komisch bleibt es bei den Gesprächen mit Papa an der immer gleichen Ampel über das immer gleiche Thema Heirat: Über die Jahre sinkt der Anspruch an seinen (!) Traummann von einem aus dem gleichen anatolischen Dorf bis zu „Hauptsache Türke" und dann „Hauptsache Muslim" als Hatice mittlerweile 33 Jahre zählt. So sitzt eine komplette türkische Familie im Miniformat bei Hatices heißen Nächten als schlechtes Gewissen auf dem Nachttischchen.

Wenn der Witz nicht zündet - tut er selten - hilft die Musik überdeutlich nach. Ein schwuler Freund als angeblicher Verlobter darf als abgenudeltste Drehbuchidee ebenso wenig fehlen wie „Anne" (Mama), die vor dem Einbürgerungstest problemlos die 16 Bundesländer runterbetet und zwischendurch deutsche Nationalhymne summt. Die in diesem Sujet erfahrene Autorin Ruth Thoma wendet die Restkiste lahmer Scherzchen bei der Umsetzung von Hatice Akyüns gleichnamigen Roman routiniert an. Buket Alakus kann wahrscheinlich eigentlich ganz gut inszenieren, wenn es nicht für dem NDR ist.

3.6.14

Love & Engineering

BRD, Finnland, Bulgarien 2014 Regie: Tonislav Hristov 84 Min. FSK: ab 0

Das kann doch nicht wahr sein: Da wird in der Dokumentation „Love & Engineering" vier Computer-Nerds mit einem „Frontend- und Server-Model" erklärt, wie sie doch noch eine Frau abbekommen können. Diese ziemlich unglaubliche Hilfe bei der Partnersuche stammt von einem Finnen, dessen Qualifikation eindeutig ist: Er hat eine Frau! Und ist Ingenieur, der Beziehungsfindung wissenschaftlich auseinandernimmt. Dabei kann man kaum fassen, dass dieser stotternde Dating-Spezialist das alles ernst meint, was er am Monitor präsentiert oder elektronisch ausmisst. Eher erscheint er wie eine tragikomische Figur aus einem Kaurismäki-Film.

So erleben wir mit ununterbrochenem Kopfschütteln wie 30-jährige Singles Blind Dates mit nicht wirklich unsichtbaren Ohrknöpfen durchmachen, bei denen der stotternde Einflüsterer dringend betont: „Rede nicht über Technik" Und auch nicht über Computerspiele muss man hinzufügen, doch es ist schon zu spät.

Dabei erwarten die Nerds doch gar nicht viel, wollen kein Super-Model, suchen in der Frau einen besten Freund. Einer hat sogar einen Reinigungsroboter, also bräuchte die Freundin nur noch das Klo sauber zu machen! Doch die Versuche, mit der Technik des Computer-Hackens eine Frau dazu zu bringen, einen doch zu lieben, erzeugen im gemächlichen Wechsel Fremdschämen und Mitleid. Trotz ein paar dämlicher Teenager-Tricks, trotz Testreihen zur Bedeutung von Geruch und Gespräche mit Elektroden am Kopf scheint die Spezies Nerd hier unvereinbar mit dem weiblichen Geschlecht zu sein. Die Beispiele der Jungs, die doch wieder bei Lan-Parties enden, bestätigen oberflächlichste Klischees. Das ist auch wissenschaftlich nicht besonders geistreich und bleibt im Stadium des kuriosen Staunens stecken. So wirkt das Scheitern des Films selbst ebenso traurig wie die vergeblichen Bemühungen der vorgeführten Probanden.

Vielen Dank für nichts

Schweiz, BRD 2013 Regie: Stefan Hillebrand, Oliver Paulus mit Joel Basman, Niki Rappl, Bastian Wurbs, Anna Unterberger, Isolde Fischer 98 Min. FSK: ab 6

Nach einem Snowboard-Unfall ist Valentin Frey (Joel Basman) querschnittsgelähmt sowie voller Bitterkeit und Wut, eine „arrogante Sau". Daran kann auch der Aufenthalt in einer Südtiroler Pflegeeinrichtung nichts ändern, in der Valentin an einem Theaterprojekt für Behinderte mit dem unkonventionell arbeitenden italienischen Regisseur Antonio Viganò (der sich selbst spielt) teilnimmt. Erst als sich der Junge in die Pflegerin Mira (Anna Unterberger) verliebt, wird er sanfter und freundet sich mit Lukas und Titus an, die ebenfalls im Rollstuhl sitzen. Doch Mira ist mit Marc befreundet, der an einer Tankstelle arbeitet. Um diesen zu erschrecken, planen die drei im Rolli einen Überfall und besorgen sich sogar eine Pistole.

Mit einigen behinderten Laiendarstellern unspektakulär inszeniert, gelingen den Regisseuren Stefan Hillebrand und Oliver Paulus im Rahmen des Wandels von Wut in einen Ausbruch eine ganze Reihe von schönen und berührenden Szenen. Bis hin zur Aufführung von „hamlet handicap".

Maman und ich

Frankreich, Belgien 2013 (Les garçons et Guillaume, à table!) Regie: Guillaume Gallienne mit Guillaume Gallienne, André Marcon, Françoise Fabian, Nanou Garcia, Diane Kruger, Götz Otto 87 Min. FSK: ab 12

Haupt- und Selbstdarsteller Guillaume Gallienne ist der Star dieses selbstinszenierten Lebensrückblickes, die der französische Komiker, Film- und Bühnenschauspieler mit einer Theateraufführung (nach seiner Bühnen-Soloshow „Les garçons et Guillaume, à table!") als Rahmen deutlich als Kunststück angelegt: Guillaume tut alles, um seine Mutter (ebenfalls: Guillaume Gallienne) zu imitieren und ihr zu gefallen. In seiner Kopie ist er immer wieder derart überzeugend, dass ihn Familienmitglieder von der Stimme oder den Schritten her mit der Lieblosen verwechseln. Dabei kommt das ungeliebte Muttersöhnchen ansonsten im Leben nicht zurecht: Ein Sprachkurs in Andalusien gerät zum Tanzkurs, bis er die Sevillana exzellent beherrscht aber wegen seiner Frauenrolle verlacht wird. Hier oder im Internat, wo er von den „richtigen Jungs" drangsaliert wird, taucht die Mutter surreal immer wieder in den Szenen auf. Das verläuft filmisch äußerst elegant im Wechsel der Erzählebenen und -stile. Nach wenigen Minuten ist man in der Lebensgeschichte, egal ob sie als Theaterstück, als Spielfilm oder als Erzählung dazwischen inszeniert wurde. Dabei fallen auch wir auf den gar nicht so kleinen Unterschied rein, dass Guillaume zwar Mädchen aber keineswegs schwul sein will.

„Maman und ich" ist eine Solo-Nummer - auch thematisch, denn die absurde Mutterliebe wiederholt sich in zugegeben künstlerisch reizvollen Varianten. Guillaume Gallienne spielt großartig vor allem als seine Mutter. Der Humor schwankt zwischen fein und obskur, wenn es beispielsweise deutsche Massagen-Einlagen von Diane Kruger - anal - als Schwester Ingeborg und von Götz Otto gibt. Dann wiederum gelangen großartige Szenen wie eine Hymne an die Frau an sich in all ihrer Verschiedenheit. Freud hätte seine Freude daran gehabt, weniger ödipal fixierte Zuschauer werden es extrem exaltiert finden.

Brick Mansions

Frankreich, Kanada 2014 Regie: Camille Delamarre mit Paul Walker, David Belle, RZA 91 Min. FSK: ab 12

Selbst wenn Routinier Luc Besson seiner eigenen Produktion und dem eigenen Drehbuch einem US-Remake unterzieht, geht das schief. Vor fast zehn Jahren machte „Banlieue 13 - Anschlag auf Paris" (auch „Ghetto Gangz - Die Hölle vor Paris" genannt) mit damals noch aktuellen „Parkour"-Einlagen des Hauptdarstellers David Belle auf sich aufmerksam und machte mit viel Rumgehüpfe einen kleinen Sprung aus dem Action-Einerlei. Nun wagt Belle zehn Jahre später den gleichen Satz und der Film fällt damit jedenfalls auf die Nase.

Diesmal ist statt Paris die Motortown Detroit in naher Zukunft die gefährlichste Stadt der Welt. Brick Mansions heißt ein aufgegebener Stadtteil, in dem Gewalt und Chaos herrschen, den sich aber trotzdem der Bürgermeister für Immobilien-Spekulationen wieder zurückerobern will. Dazu lässt er eine Bombe in Besitz eines der lokalen Gangster (Wu-Tang Clan-Rapper Robert Diggs alias RZA) kommen und schickt ein ungleiches Paar zur Rettung hinterher.

„Brick Mansions" braucht sagenhafte dreißig Minuten, um zwei Action-Figuren, den Undercover-Cop Damien Collier (Paul Walker) und den aufrechten Gauner Lino (David Belle) einzuführen. Danach noch ein paar Sekunden für den eigentlichen Plot mit der Bombe. Das ist Routine wie ein Purzelbaum im Schulunterricht, dass neben der Bombe auch noch Linos schöne Freundin Lola (Catalina Denis) gefesselt wartet, ist tatsächlich so klischeehaft wie die Namen klingen. Aufgebauscht wird das dünne Filmchen mit dem üblichen Action-Kram, der je lauter umso unwahrscheinlicher verläuft. Dass ausgerechnet Paul Walker, der nach den Dreharbeiten an Auto-Raserei verstorben ist, wieder ausführlich „fast & furios" mit Angeber-Karren unterwegs ist, gibt dem Ganzen eine besondere Ironie. Ebenso die Tatsache, dass ausgerechnet Detroit, wegen des Niedergangs der Autoindustrie auch real eine sterbende Stadt - Handlungsort ist. Doch Nachdenken steht in „Brick Mansions" unter Höchststrafe von 90 Minuten Langeweile. Das im Original halbwegs originelle Hüpfspiel verliert als teureres Remake viel von seinem verrückten, dreckigen Ansatz. Dabei überrascht die Parcours-Action als eine interessante Variante der üblichen Verfolgungsjagden, weil gerade durch viel akrobatisches Rumhüpfen der Konfrontation ausgewichen wird - weitestgehend. Denn nur am Anfang darf David Belle zeigen, was er noch immer kann. Später übernimmt der us-amerikanische Massengeschmack die Regie. Auffällig ist allerdings immer noch die körperliche Präsenz des Parkours-Stars Belle, neben der Paul Walker mit all seiner körperbetonten Action-Routine steif und hölzern wirkt.

Boyhood

USA 2014 Regie: Richard Linklater mit Ellar Coltrane, Patricia Arquette, Ethan Hawke, Lorelei Linklater 164 Min.

Der US-amerikanische, immer innovative Regisseur Richard Linklater („Before Midnight") begleitete von 2002 bis 2013 den anfangs sechsjährigen Mason (Ellar Coltrane) an 39 über die zwölf Jahre verteilten Drehtagen bis zum Eintritt ins College. Linklater will das echte Leben einfangen, indem er seinen Hauptdarsteller eine zwar fiktive, aber im wahrsten Wortsinn ungeschminkte Biografie zeigt. Mason, der Sohn eines getrennten Paares (Patricia Arquette, Ethan Hawke) erlebt darin die verschiedenen Männer der alleinerziehende Mutter Olivia, eine konstant egozentrische Schwester, die erste Liebe und schließlich die große Sinnfrage. Verbunden mit dem Reiz, bekannten Gesichtern beim Altern zuzusehen, ist das Experiment, dass Truffaut ähnlich mit seinen Antoine Doinel-Filmen gelang, hier etwas zu lang geraten.

Für Einige ist „Boyhood", der bei der Berlinale mit dem Silbernen Bären für die Beste Regie und mit dem Preis für den besten Film des Wettbewerbs von der Jury der AG Kino ausgezeichnet wurde, der Film des Jahres. Er sitzt aber tatsächlich fast drei Stunden lang zwischen den Stühlen, ist weder packende Fiktion, noch durch unverstellte Direktheit einnehmende Dokumentation. So ist die ersten Jahre Masons Schwester Samantha (Linklaters Tochter Lorelei) lauter, witziger als der stille Junge. Die Mutter sucht sich weiterhin falsche Männer aus, gerät an einen alkoholsüchtigen Choleriker, vor dem sie nach einigen Jahren Ehe schließlich fliehen muss.

Trotzdem bleiben die Kinder im Fokus der Geschichte - die Motive der Eltern bei der Scheidung laufen nur am Rande mit. Dazu gibt es immer wieder Songs aus der jeweiligen Epoche, die Entwicklung von der X-Box zur Wii, das Schlagestehen für Harry Potter und überhaupt eine Menge Zeitgeschichte. Bush schickt Soldaten in den Irak, die Kinder machen Wahlkampf für Obama. Und immer wieder tolle Momente wie die besonders coole Ansage vom Wochenend-Papas Hawke, jetzt doch mal die Pods und Phones aus der Hand zu legen und darüber zu reden, was einen wirklich beschäftigt. Die Antwort der Kids ist sogar noch treffender und gibt den jungen Hauptfiguren eine eigene Wahrheit. In der sieht weder die Alterung von Patricia Arquette noch der Wandel von Mustang-Fahrer zum Familien-Kutschierer beim Papa gut aus.

Es gibt viele Arten, „Boyhood" zu sehen, der auch voller Insider-Scherze steckt: Der zeitgemäße Song „Oops!...I Did It Again" trifft auch auf Linklater zu, der es schon wieder tat, nämlich eine Langzeitbeobachtung in Film verpacken. Wobei die andere langjähre Film-Ehe von Ethan Hawke unter Regisseur Linklater, die „Before ..."-Reihe, als pure Fiktion dichter und näher am Leben bleibt. Hier floss eine Menge echtes Leben über die Drehbuch-Mitarbeit der Hauptdarsteller Hawke und Julie Delpy ein. Immer wieder erwischt die Kamera den Verlauf des Lebens, so wie es der puren Dokumentation „Die Kinder von Golzow" einzigartig über Jahrzehnte bei einem DDR-Dorf gelang.

Auf der anderen Seite der Spanne zwischen Leben und Fiktion erreicht „Boyhood" längst nicht die Filmkunst von François Truffaut, der in vier Spielfilmen und einem Kurzfilm zwischen 1958 und 1978 der fiktiven Figur - und seinem Alter Ego - Antoine Doinel mit dem vom Jungen zum Schauspieler mitwachsenden Jean-Pierre Léaud Leben einhauchte. Trotzdem kann man „Boyhood" in den fast drei Stunden Laufzeit sehr nahe kommen, wundersam wächst da ein ganz cooler 15-Jähriger heran und mit zugegeben sehr langem Anlauf stehen plötzlich ein paar dieser ganz großen Fragen im Raum: „Worum geht es bei all dem?"