15.2.10
In meinem Himmel
USA, Großbritannien, Neuseeland 2009 (The Lovely Bones) Regie: Peter Jackson mit Saoirse Ronan, Mark Wahlberg, Rachel Weisz, Susan Sarandon 136 Min. FSK: ab 12
Peter Jackson hatte ein Leben, bevor er „Herr der Ringe“ wurde. Ein Leben als richtig guter Filmemacher. Vielleicht erinnert sich jemand an „Heavenly Creatures“ (1994) mit Kate Winslet - und nein, die himmlischen Kreaturen sind keine Elfen! Nun kehrt der Filmemacher Jackson zurück mit dem fantastischen, spannenden, tieftraurigen und hoffnungsvollen „In meinem Himmel“.
Susie Salmon (Saoirse Ronan) ist ein glückliches junges Mädchen in einer glücklichen Familie. Das schlimmste was ihr je passierte, war der Sturz des kleinen Bruders, der daraufhin keine Luft mehr bekam. Wie die 14-jährige sich daraufhin den Familien-Mustang schnappt und gemeingefährlich mit dem Bruder auf der Rückbank zum Krankenhaus rast, ist fast Action-Stoff. Doch dann passiert noch etwas anderes. Etwas, auf das sich der Film mit dunklen Andeutungen und der Erzählung von Susie auf der Tonspur langsam hinbewegt. Ein Nachbar (Stanley Tucci) sucht sich Suzie als sein nächstes Opfer aus, baut aufwendig eine Höhle auf einem Acker und lockt das Mädchen hinein. Mit knapper Not kann sie panisch fliehen, doch in der grauen Welt, die sie nun umgibt, kann sie niemand mehr hören. Mit den Polizisten, die zu den Eltern Jack (Mark Wahlberg) und Abigail Salmon (Rachel Weisz) kommen, erfahren wir, dass Blut gefunden wurde, viel Blut. Suzie konnte in Wirklichkeit nie fliehen. Während die Suche nach dem Täter langsam einschläft, beobachtet Suzie aus einem traum- und manchmal albtraumhaften Zwischenreich, wie es ihrer Familie und ihrem Mörder geht. Denn der schaut mittlerweile auch der kleinen Schwester hinterher.
Das wäre kurz zusammengefasst der Inhalt. Aber wenn man Filme erzählen könnte, bräuchten wir keine Kinos. Und Peter Jackson gehört zu den Filmemachern, die im Kino völlig neue und fantastische Dimensionen entdecken. „In meinem Himmel“ packt, schüttelt, berührt. Den Blick von Verstorbenen auf das zurückgelassene Leben gibt es als romantischen Kitsch in „Ghost“ oder immer wieder mit komödiantischem Einschlag, doch er wurde noch nie so emotional und bildgewaltig verfilmt. In unzähligen tollen Szenen vollzieht sich die lange, schwere Trennung Suzies vom Leben in fantastischen Bildern - erschreckende und unfassbar schöne. Es ist einfach unglaublich faszinierend, wie Suzie durch Dimensionen, Elemente, Jahreszeiten und Gefühle gleitet, schwebt und fällt. Gigantische Flaschenschiffe in ihrem Traumsee zerbersten, als der Vater diese Relikte des gemeinsamen Hobbys in der Realität zerschlägt. Das Reale und das Fantastische vermischen sich, die Liebe der Eltern hält das Kind auch noch im Jenseitigen fest. Im Hause der Salmons entwickelt sich derweil mit dem Entwickeln der von Suzie wie wahnsinnig geschossenen Fotos auch die Suche nach dem Mörder und ein Krimi.
Das ist wieder der alte Peter Jackson, der mehr kann, viel mehr, als Fantasy zu verfilmen und Bestseller abzuschlachten. Seine unbekannte Hauptdarstellerin zeigt eine Mischung aus frechem, jugendlichen Wagemut und Empfindsamkeit. Susan Sarandon als super-coole saufende, rauchende Rock-n-Roll-Großmutter veranstaltet ein grandioses Chaos und sorgt für Humor. Doch all diese wunderbaren Kunststücke drehen sich um den Übergang in eine andere Welt, der für Suzie am Ende ein bewegend schöner sein wird. Nachdem sie sich ihren ersten und letzten Kuss geholt hat.
Berlinale DIE RÄUBER, CATERPILLAR
Berlin. Der erste von zwei deutschen Startern im Wettbewerb „lief“ gestern im Wettbewerb. (Oskar Roehlers sicher sehr provokativer „Jud Süß - Film ohne Gewissen“ mit Moritz Bleibtreu als Goebbels stellt sich am Donnerstag der Jury und dem Publikum.) Ein bislang ausgezeichneter und vom depremierend grauen „Submarino“ bis zum knallbunten Coen-Remake von Zhang Yimou „A Woman, A Gun And A Noodle Shop“ sehr farbiger Wettbewerb kommt in seine patriotisch-kritische Phase. Ist Fremdschämen angesagt oder lohnt es sich weiterhin, auch deutsche Filme zu sehen?
Im letzten Jahr erlebte der deutsche Film einen Besucherrekord im Kino. Auch durch die Berlinale hat er an Ansehen gewonnen, Benjamin Heisenberg wurde allerdings 2005 in Cannes (in der Nebenreihe „Un Certain Regard“) mit seinem politischen und viel diskutierten Spielfilmdebüt „Schläfer“ bekannt. Vorher schrieb er schon das Buch zu Christoph Hochhäuslers „Milchwald“ (2002). „Der Räuber“ basiert auf einer wahren Geschichte und auf dem gleichnamigen Roman von Martin Prinz. Tatsächlich raubte ein leidenschaftlicher Marathonläufer mehrere Banken aus und hängte dabei immer wieder die Polizei ab. Endlich mal ein Läufer, der nicht wegen der falschen Zahnbürste oder das falsche Geschlecht in die Schlagzeilen kam. Johann Rettenberger raubte nur Banken aus.
Nach sechs Jahren Knast mit Laufen beim Freigang und Laufband in der Zelle ist Rettenberger direkt bester Österreicher beim Wienatathon. Ein tolles Comeback, dabei hat er langst eine Bank überfallen. Rettenberger ist ein ernster Typ, redet nicht viel, hat keine Freunde, lacht nicht. Auf seiner Polar XY 400 zeigt der Puls nur beim Überfall Spitzenwerte - eine besondere Form des Intervaltrainings. Das Rauben ist ihm ebenso eine Sucht wie der Sport. Dann hat er einen richtigen Lauf, raubt gleich zwei Sparkassen hintereinander aus und auch der Film gibt mit Steady Cam mal richtig Gas.
Bis auf ein paar Szenen zum Ende hin ist „Der Räuber“ nicht auf Spannung inszeniert, gibt den Kick Rettenbergers nicht weiter an das Publikum, sondern lässt beobachten.“Das was ich mache, hat nichts mit dem zu tun, was du Leben nennst“, sagt der Läufer und Räuber Erika, die ihn liebt und verrät. Er ist kein Held, kein Clyde ohne Bonnie, sondern eine tragische Figur. „Der Räuber“ ist ein anständiger, interessanter Film. Aber in jeder Hinsicht bescheiden, im
Vergleich zu emotinalen Einschlägen wie der japanische „Caterpillar“, der ebenfalls gestern im Wettbewerb lief.
Ein schockierendes und auch absurdes Abbild des Krieges stellt uns der alte japanische Regisseur Koji Wakamatsu ins Wohnzimmer: Einen Rumpf mit amputierten Armen und Beinen. Ein Kopf, großflächig von tiefen Narben zerfurcht, taub und stumm. Fast könnte man Mitleid mit diesem verkrüppelten Mann haben, hätten wir nicht in den ersten Szenen gesehen, dass sich dieser „Kriegs-Gott“ des japanisch-chinesischen Krieges 1940 seine höchsten Medaillen mit dem Vergewaltigen von Chinesinnen verdient hat. Seine anfangs geschockte Frau füttert und pflegt ihn. Liest dem Stammelnden die Wünsche von den Lippen ab, auch wenn er vor allem mit ihr schlafen will. Doch er zeigt schnell sein hässliches Gesicht, verschlingt auch ihr Essen, ist überhaupt unersättlich wie die große japanische Nation, die immer mehr Opfer haben will. Man sieht, dass er seine Frau gerne schlagen würde, wie er es täglich machte, bevor man ihn einzog.
Die grandiose Metapher für das Monstrum des Krieges, das sich, begleitet von Propaganda und Patriotismus in den Hütten einnistet, ist Wakamatsu erschreckend gelungen. Diese Bild des Schreckens wird sich auf der Netzhaut einbrennen wie halb weggeschossene Gesichter oder vom Napalm verbrannte vietnamesische Kinder.
In „Perspektive Deutsches Kino“, der Nachwuchsreihe für den deutschen Film, war gleich der Auftakt ein Knaller: „Renn, wenn du kannst“ von Dietrich Brüggemann zeigt Robert Gwisdek, Anna Brüggemann und Jacob Matschenz in einer Jules und Jim-Geschichte. Die spielt allerdings im Ruhrgebiet und Ben (Robert Gwisdek) sitzt im Rollstuhl. Die junge Cellistin Annika (Anna Brüggemann) liegt nach vielen schönen Momenten zu dritt irgendwann zwischen Ben und seinem Zivi Christian (Jacob Matschenz) und kann sich nicht entscheiden. Sensationell freche Dialoge, eine mutige Geschichte, der Charme des Ruhrpotts und tolle Darsteller machen „Renn, wenn du kannst“ zu einem der Hingucker für dieses Kinojahr.
14.2.10
Berlinale „Renn, wenn du kannst“
In „Perspektive Deutsches Kino", der Nachwuchsreihe für den deutschen Film, war gleich der Auftakt ein Knaller: „Renn, wenn du kannst" von Dietrich Brüggemann zeigt Robert Gwisdek, Anna Brüggemann und Jacob Matschenz in einer Jules und Jim-Geschichte. Die spielt allerdings im Ruhrgebiet und Ben (Robert Gwisdek) sitzt im Rollstuhl. Die junge Cellistin Annika (Anna Brüggemann) liegt nach vielen schönen Momenten zu dritt irgendwann zwischen Ben und seinem Zivi Christian (Jacob Matschenz) und kann sich nicht entscheiden.
Dietrich Brüggemann sagte zu seinem ebenso romantischen wie bitter-süßen Film: „Zuneigung ist in unserer Welt eine Ware, die gehandelt wird. Welchen Wert habe ich selbst? Wie attraktiv bin ich? Für unseren Protagonisten stellen sich diese Fragen in der denkbar härtesten Form. Ich wollte der Frage nachgehen, ob man durch die Kraft der Ideen seine physischen Beschränkungen überwinden kann – eine Frage, die eng mit der Natur des Kinos verknüpft ist."
Sensationell freche Dialoge, eine mutige Geschichte, der Charme des Ruhrpotts und tolle Darsteller machen „Renn, wenn du kannst" zu einem der Hingucker für dieses Kinojahr.
Scorseses Filmrätsel Shutter Island
Die 60. Berlinale wird scheinbar ein Festival der Herzen, den irgendwas muss die Eisdecke über Berlin ja wegschmelzen. Am Samstag stieg die Temperatur in gefühlte Frühlingsdimensionen - auf jeden Fall im Umfeld der dahin schmelzenden Damen beim Auftritt von Leo DiCaprio.
Berlin. Sie sind das Traumpaar jedes Filmfestivals: Leo DiCaprio für die Fans und Martin Scorsese für den Anspruch. Zehn Jahre nach „The Beach“ war der Leo wieder bei den Bären in Berlin und der Kreisch-Faktor extrem hoch. „Shutter Island“ ist nach „Gangs of New York“, „The Aviator“ und „The Departed“ bereits der vierte gemeinsame Film von DiCaprio und Scorsese. Der Thriller nach dem Roman von Dennis Lehane liefert eine Achterbahn-Fahrt mit Gänsehaut-Qualitäten und selbst für Leser des Romans am Ende eine Überraschung. Denn ausgerechnet die letzten Zeilen des Dialogs (im Drehbuch), die ihn besonders berührten, stammen nicht aus dem Roman, erzählte der italo-amerikanische Regisseur bei der Pressekonferenz.
„Shutter“ ist im Englischen der Verschluss der Kamera. Und nach Meinung der Ärzte (Ben Kingsley und Max von Sydow) hat der US-Marshall Teddy Daniels (DiCaprio) nach einem traumatischen Ereignis die Realität ausgeschlossen und sich einen eigenen Traum-Film gedreht. 1954 soll er mit seinem neuen Kollegen Chuck Aule (Mark Ruffalo) auf der hermetisch gesicherten Gefängnis-Insel Shutter Island eine vermisste Frau finden. Sie war ein Häftling, beziehungsweise eine Patientin, wie es die Ärzte betonen. Während ein Sturm für Chaos sorgt, verfolgt Teddy seinen eigenen Fall: Hier ist auch der Mann inhaftiert, der seine Frau umbrachte. Und in einem speziellen Sicherheitstrakt werden angeblich im Auftrag der Regierung Experimente an den Hirnen der Inhaftierten durchgeführt. Eine Fortsetzung des Grauens, den Teddy als amerikanischer Soldat bei der Befreiung des Konzentrationslagers von Dachau erlebte.
Macht der alte Meister Scorsese plötzlich auf Politik, lässt US-Forscher genau so schlimm wie Nazi-Ärzte wüten und kümmert sich um die Traumata der US-Soldaten in alten und neuen Kriegen - ja, spinnt denn der? Oder nur die Hauptfigur des Films, Teddy Daniels? Die Auflösung überrascht, die Ausführung packt von den ersten, extrem schicksals-dräuenden Szenen an. Doch auch in der Fragestunde der Berlinale gab es keine Auflösung: Der Meister und sein Star beweihräuchern sich erst einmal und Leo sprach zwei Sätze Deutsch, bevor es zu Fragen des Films kam. Scorsese, das wandelnde Filmlexikon mit den kleinen, wachen Augen hinter der dicken Brille, referierte zu Klassikern wie „Out of the Past“ und „Catpeople“ oder auch zum Deutschen Expressionismus, die atmosphärisch als Vorbild dienten. Aber entscheiden, wer jetzt spinnt, muss man letztendlich selber.
Die Verbindung zwischen Wunde und (der griechischen Übersetzung) Trauma bekam auch der Däne Thomas Vinterberg in seinem eindrucksvollen Wettbewerbsfilm „Submarino“ sehr packend ins Bild: Nach einem schrecklichen Unfall in ihrer Kindheit, werden zwei Brüder mit ungesehener Härte immer wieder vom Schicksal getroffen. Der eine geht an der Nadel zugrunde, der andere säuft und schlägt sich fast tot. Trotzdem lässt der ehemalige Dogma-Filmer Vinterberg in seinen grauen Bildern die Hoffnung leben. Eine wie beiläufig wirkende Handkamera täuscht über die raffinierte Montage hinweg. Die parallel ablaufenden, aber hintereinander gezeigten Lebenswege der Brüder machen Momente verpasster Verständigung bitter klar.
Nach Roman Polanski ist der berühmte, aber anonyme Street Art-Künstler Bansky der zweite große Abwesende im bislang sehr aufregenden Wettbewerb. „Exit Through The Gift Shop“, seine (inszenierte) Dokumentation über den (echten?) Dokumentaristen der Street-Art-Szene, den lächerlichen Franzosen Thierry, ist ein witziges, von den Ideen der „Straßen-Künstler“ nur so sprudelndes Stück Film. Wenn in der zweiten Hälfte am Beispiel Thierrys die Manipulierbarkeit der Kunstszene und der Öffentlichkeit vorgeführt wird, bleibt nur noch dieses Statement des anonymen Briten Bansky.
Völlig enttäuschend dagegen zwei deutsche Beiträge bei den Berlinale Specials, die bereits Resterampe genannt werden:
„Die Friseuse“ (Kinostart am Donnerstag) von Doris Dörrie ist ein dünnes Kommödchen über ein sehr dicke Friseuse mit unschlagbarem Optimismus. Dass die Nacktszenen des üppigen Körpers Amerikanerinnen aus dem Kino trieben, ist das Bemerkenswerteste an dem Film auf Fernsehniveau. Einen guten Mehrteiler gibt bestimmt auch Jo Baiers „Henry 4“ nach den Romanen von Heinrich Mann ab. Die passenden Fernsehgesichter hat der historische Europudding auf jeden Fall. Die bemüht brave Inszenierung horrender Ereignisse um die Bartholomäus-Nacht gehört nicht auf ein internationales Festival. Da werden „Die Räuber“ heute im Wettbewerb hoffentlich eine bessere Visitenkarte des deutschen Films abliefern.
12.2.10
Berlinale Polanskis „Ghostwriter“ und der Regisseur nur ein Geist
Roman Polanski sorgt nicht nur in seinem Privatleben für Spannung. Mit der europäischen Produktion „Der Ghostwriter“, die in Berlin und auf Sylt entstand, kehrt er zu seinen Thrillern wie „Frantic“ (mit Harrison Ford) zurück: Ein erfolgreicher britischer Ghostwriter (Ewan McGregor), soll die Memoiren des ehemaligen Premierministers Adam Lang (Pierce Brosnan) verfassen. Doch der Vorgänger des Schreiberlings starb gerade bei einem tragischen Unfall. Auf der Atlantikinsel Martha’s Vineyard, wohin sich der Ex-Premierminister mit seiner Frau und einem kleinen Stab zurückgezogen hat, verbirgt sich ein Geheimnis in Form eines Buchmanuskriptes im Safe. Streng bewacht wie die Insel selbst, weckt es die Neugierde des Autors. Gleichzeitig wird Lang beschuldigt, die Festnahme mutmaßlicher Terroristen und ihre heimliche Auslieferung an die CIA unterstützt zu haben...
Polanski realisierte einen klassischen, gradlinigen Krimi mit viel Humor vor allem in der Karikatur des eitlen, dummen Politikers und des naiven Ghostwriters. Da ist Tony Blair nicht weit, obwohl der Erfolgsautor (des Romanes und auch des Drehbuches) Robert Harris die Aufschlüsselung seiner Geschichte vehement ablehnt. Genau so oft wird Harris zur Zeit allerdings nach der Zusammenarbeit mit Polanski befragt, der sich in den letzten Monaten der Postproduktion schon in Schweizer Haft befand und die Fertigstellung von „Der Ghostwriter“ über seinen Anwalt steuerte, bevor der polnische Meisterregisseur mit französischem Pass unter Hausarrest in seinem Schweizer Chalet den Thriller beendete.
Vielleicht liegt es daran, dass sich Verschwörung und Spannung erst sehr spät zeigen. Es gibt selbstverständlich Rätselraten über den wahren Bösewicht, aber keinen großen persönlichen Konflikt im eher albernen Entdecker. Dass der britische Premier seit seinen Studentenjahren von der CIA gesteuert und damit der Waffenindustrie gesteuert wurde, vermutet man überall im Internet. Doch wahre Politik könnte etwas komplexer und dieser Krimi etwas spannender oder vielschichtiger sein.
Berlinale MY NAME IS KHAN
Shah Rukh Khan wurde tatsächlich bei der Einreise in die USA einst wegen seines Namens stundenlang festgehalten. „My Name Is Khan“ beginnt seine fast drei prallen Filmstunden dementsprechend packend und politisch. Spätestens wenn die Liebe zwischen Rizvan und Mandira (Superstar Kajol Devgan) ausbricht, ist dieser amerikanisch-indische Film wieder in Bollywood angekommen. Zwar fehlen die vielen Lieder (fast) und die Tanzeinlagen, doch hier traut man sich, die Gefühle viel deutlicher heraus zu schreien und die Schmetterlingsgefühle blumiger auszumalen. Doch trotz heftigster Überzeichnungen und eines sehr freien Umgangs mit der Krankheit des Helden ist der Aufruf zur Verständigung überzeugend. Im Wettbewerb leider außer Konkurrenz, aber ein starker Kandidat für den Friedenspreis der Berlinale.
Berlinale Jury und Eröffnungsfilm TUAN YUAN
Jury-Vorstellungen bei großen Pressekonferenzen gehen oft im Blitzlichtgewitter unter. Bei der 60. Berlinale und dieser Jury unter Werner Herzog blieben die Kameras ungewöhnlich still und die Ehr-Bekundungen erstaunlich fachkundig. „Gute Filme sind eine Frage von Wahrheit, die von ganz unten irgendwo durchschimmert.“ Sätze wie dieser von Herzog sind wie gemacht für das Poesie-Album der ehrlichen, unverdorbenen Filmemacher. So gab es selbstverständlich keine Antwort auf die üblichen Fragen, aber eine Beruhigung für die Jury-Arbeit: „Es gibt keine klaren Kriterien für gute Filme, aber wenn ein ganz großer Film hier laufen wird, werden wir ihn erkennen.“ Da brauchte man sich dann auch keine Sorgen mehr um US-Schauspielerin Rene Zellwegger zu machen, die zerknautscht eingeflogen wurde und eher konfus antwortete. Aber etwas mit Herz war auch bei ihr dabei.
Zwar erinnert die Idee, den sehr eigensinnigen und im Streit mit Kinski fast mörderischen Werner Herzog zum Jury-Vorsitzenden zu machen, an die Geschichte vom Bock als Gärtner, doch noch wirkte die Stimmung harmonisch. Herzog wurde bereits vor 42 Jahren für „Lebenszeichen“ mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Er hatte damals in Neukölln spontan ein Kino gemietet und damit anarchisch das Festival nach außen geöffnet. Insgesamt hatte er drei Filme im Festival und meint zum aktuellen Erfolg von „Bad Lieutenant“ „die Filmindustrie bewegt sich langsam in meine Richtung“.
Die Schauspielerin und Sängerin „Conny“ Froboess kann sich nicht mehr wirklich erinnern, wann sie das erste Mal bei der Berlinale war, aber auch sie „merkt es am Herzschlag, ob sie ein Film bewegt“. Die Berlinerin findet es wahnsinnig schön, dass sich hier so viele Menschen für die Filme begeistern und dass man keine Zäune braucht wie beim Fußball.
Zum Schluss der Pressekonferenz wurde Herzog noch einmal fast esoterisch: „Die Essenz wird über mysteriöse Wege zu uns kommen, egal ob das Gedicht in Stein gehauen ist, ein Gemälde zu uns spricht oder uns etwas über das Internet erreicht.“ Die Frage nach den digitalen Techniken sollte einen alten Anhänger des echten Films aufs Glatteis führen, doch Herzog zeigte sich erstaunlich offen und auf der Höhe der Zeit: „Digitale Effekte erlauben uns, alles, was sich erträumen lässt, auf die Leinwand zu bringen.
Wir haben allerdings noch kein richtiges Verhältnis zu diesen Effekten entwickelt.“ Bei „Avatar“ liebte er die kleinen Sachen, die Quallen und die kleine Blumen, die auf der Haut landen. Man darf also sehr gespannt sein, auf das Urteil dieser Jury.
Als erste Film in Konkurrenz erzählt „Tuan Yuan“ (Zusammen - Getrennt) eine melancholische Geschichte von schwieriger Wiedervereinigung einer gesamt-chinesischen Liebe. Mehr als 50 Jahre nach der Errichtung der Volksrepublik China auf dem chinesischen Festland und der Gründung der Inselrepublik Taiwan wird die erste Reise einer Besuchergruppe von ehemaligen Soldaten der Volkspartei Kuomintang aus Taiwan zur Zusammenführung mit Familienangehörigen in Schanghai zugelassen. Der alte Soldat Liu Yansheng will in seiner Heimatstadt Schanghai die wahre und einzige Liebe seines Lebens Qiao Yu’e wiederfinden, die er bei der Flucht über 50 Jahre zuvor zurücklassen musste. Sie hat mittlerweile eine Familie mit einem Unteroffizier der Kommunistischen Truppen gegründet.
Es ist rührend süß, wie die alten Liebenden sich immer näher kommen und Händchenhalten. Zuerst überbieten sich die beiden Männer in Großmut, als Liu Yu’e mit nach Taiwan nehmen will. Nur die Familie beschwert sich. Doch dann erleidet der liebe und brave Ersatzehemann einen Schlaganfall.
Diese chinesische „Wolke 9“ ohne Sex könnte sehr dramatisch sein. Regisseur Wang Quan'an, der mit „Tuyas Hochzeit“ 2006 den Goldenen Bären gewann, vergisst aber auch den Humor nicht. Etwa wenn das Ehepaar erst noch einmal heiraten muss, um sich scheiden zu lassen. Mit Blicken auf die drastische Entwicklung der Boom-Town Shanghai und auf die Enkelin, der ein ähnliches Schicksal droht, weil ihr Freund nach Amerika will, spielt der Film sehr offen im China von heute. Ein China, das nicht glücklich macht, wenn am Ende eine Kern-Familie in einer zu großen, modernen Wohnung alleine bleibt.
Berlinale 2010
Teilen und vereinigen
Berlin. Die diesjährige Berlinale, die heute Abend mit dem chinesischen Film „Tuan Yuan - Apart Together“ seine Eröffnung feiert, wird speziell. Nicht nur weil vom 11. – 21. Februar 2010 die 60. Ausgabe des Festivals mit der bewegtesten Geschichte sein Jubiläum ausführlich feiert. Die 60. Berlinale jubiliert nicht nur, sie breitet sich auch immer mehr in der Stadt aus, die sie viergeteilt, dann als kultureller Außenposten des Westens am Rande der Mauer und nun sehr erfolgreich wiedervereinigt erlebte. Der „Fliegende Rote Teppich“ geht 2010 erstmalig in die einzelnen Stadtteile, jeden Abend bekommt ein anderer seine Portion Promi ab. Wie das dem Festival-Zentrum am Potsdamer Platz bekommt, muss sich zeigen. Speziell ist auch, dass einige der - nach Papierform - spannendsten Filme in der Sonderreihe „Berlinale Special“ stattfinden. Schon lange fragt man sich auf allen großen Filmfestivals, wieso es spezielle Filme und nicht so spezielle Filme geben soll.
Der Eröffnungsfilm von Wang Quan'an, der 2006 mit Tuyas Hochzeit den Goldenen Bären gewann, zeigt, wie mehr als 50 Jahre nach der Errichtung der Volksrepublik China auf dem chinesischen Festland und der Gründung der Inselrepublik Taiwan die erste Reise einer Besuchergruppe von ehemaligen Soldaten der Volkspartei Kuomintang aus Taiwan zur Zusammenführung mit Familienangehörigen in Schanghai zugelassen wird. Ein passender Film zur einst geteilten Stadt mitten in einer geteilten Nation, der mit 19 Filmen im Wettbewerb um den Goldenen Bären antritt. Mit im Rennen sind unter anderem Michael Winterbottom und Roman Polanski. Der Regisseur wird sich ziemlich sicher nicht frei machen können, um seinen Polit-Thriller „Ghostwriter“ vorzustellen. Bis zur Preisverleihung darf man aber auch Solidaritäts-Adressen und -Diskussionen für den im Schweizer Chalet-Arrest befindlichen Regisseur gespannt sein.
Das winterliche Metropolis des Weltkinos hält den Hollywood-Film ganz (selbst-) bewusst wieder recht kurz. Selbst Scorseses „Shutter Island“ (mit seinem neuen Lieblingsschauspieler Leo DiCaprio im vierten Auftritt hintereinander) landete eher unglücklich (außer Konkurrenz) bei der Berlinale. Die Finanzkrise verhinderte, dass der Thriller schon im letzten Jahr in den USA anlaufen konnte. Dafür kann die Berlinale direkt am Freitag mit Stars aufwarten: Ewan McGregor und Pierce Brosnan sind die Hauptdarsteller im Thriller „Ghostwriter“. Die Anwesenheit des Schauspielstars Shah Rukh Khan zur Premiere von „My Name is Khan“ wird die Anhänger des indischen Kinos an den Potsdamer Platz bringen.
Früh hat auch der aus Aachen stammende Produzent Martin Heisler (Lichtblick Media) mit seinem neuen Dokumentarfilm "David wants to fly" seinen auftritt. Der Film über einen Regisseur, der spirituelle Hilfe unter anderem bei David Lynch sucht, eröffnet die Dokumente-Reihe im Panorama. Aus Nordrhein-Westfalen sind gleich 17 Filme, die von der Filmstiftung NRW gefördert wurden auf den Berliner Filmfestspielen. "Jud Süß - Film ohne Gewissen" von Oskar Roehler wird im Wettbewerb mit Spannung erwartet und Jo Baiers "Henri 4" nach Heinrich Manns "Henri Quatre"-Romanen startet als Berlinale Special.
Berlin kann sich im Programm auch selbst widerspiegeln. Nicht nur mit der Wiederaufführung der wiedervereinigten Urfassung von „Metropolis“ Jahrzehnte nach der Aufführung in Berlin. Dominik Grafs Berlin-Thriller „Im Angesicht des Verbrechens“ vermittelt im epischen 10-Teile-Format das düstere Bild einer Stadt, die von Geld sowie Politikern versaut und von den Russen kontrolliert wird. Nur hier wird das mehr als achtstündige Werk (fast) zusammenhängend gezeigt. Und auch bei der Durchsicht des unabhängigen wie selbstbewussten Programms mit viel Asien und Weltkino, kann man an die Einzigartigkeit der Berlinale im internationalen Festivalreigen glauben.
7.2.10
Max Manus
Norwegen, BRD 2008 (Max Manus) Regie: Joachim Rønning mit Aksel Hennie, Agnes Kittelsen, Nicolai Cleve Broch 118 Min.
In Norwegen ist er ein Volksheld, bei uns weitgehend unbekannt: Der Widerstandskämpfer Max Manus (1914–1996) wehrte sich im 2. Weltkrieg gegen die deutschen Besatzungstruppen. Dass der jugendliche Übermut des Anfangs zu einem gebrochenen und alkoholkranken Helden führt, gibt dem in Norwegen sehr erfolgreichen konventionellen Kriegsfilm einige wertvolle Momente.
Max Manus (Aksel Hennie) und seine Freunde sind 1940 Amateure, die eine Untergrund-Zeitung gründen wollen und mit Spielzeug-Pistolen rumfuchteln. Soll man vielleicht ein Kino mit dem Gestapo-Chef in die Luft jagen? Nein, das könnte auch Unschuldige treffen. Der unvorsichtige Cowboy Max macht auf eigene Faust Widerstand, bis er von den Deutschen erwischt wird. Nur ein legendärer Sprung aus dem Fenster rettet ihn. Vom Widerstand aus dem Krankenhaus befreit und in ein Ausbildungslager nach Schottland geschmuggelt, muss er nun die Frage, ob er dumm oder verrückt sei, nicht mehr beantworten. In gut geplanten Aktionen leitet Max ab 43 mit seinem Freund Gregers Gram (Nicolai Cleve Broch) nun Sabotage-Trupps, die in norwegischen Häfen deutsche Schiffe mit Haftminen versenken und sich dann ins neutrale Schweden absetzen. Dort lernt Max die Freundin von Gregers, Tikken (Agnes Kittelsen), kennen und lieben. Doch selbst mit schweren Verwundungen kehrt Max immer wieder nach Norwegen zurück, um die wenigen verbliebenen Kämpfer zu retten oder zu rächen. Derweil wartet der gefährlich charmante deutsche Offizier Siegfried Fehmer (Ken Duken als Mini-Waltz) in Oslo auf seinen erfolgreichsten Gegner.
Während spannende Action und die Geschichte der Freunde von Max sich die Waage halten, beginnt der Film sehr heftig mit Szenen aus dem Finnlandkrieg. Doch auch das ist stimmig für die Biographie von Max Manus, der 1940 in Finnland gegen die Sowjet-Armee kämpfte und schwer verwundet wurde. Zwar ist die Aussage „Mein Land ist mir gestohlen worden“ einfach. Doch die jungen Männer, die immer mit Scherzen auf den Lippen gegen die Besatzer kämpfen, erleben auch die Opfer des Widerstands, wenn zum Beispiel einfache Werftarbeiter bei Vergeltungsaktionen hingerichtet werden. Die meisten Saboteure sterben und so feiert Max den Sieg über die Deutschen 1945 alleine mit den Geistern der Toten. Getrunken hat er vorher schon zu viel und der Alkoholismus begleitete ihn bis zum Tod.
Wenn Max im Stile von James Bond auf dem Fahrrad rumballert, ist das gut inszeniert. Die Action stimmt, „Max Manus“ unterhält und erzählt eine in Deutschland recht unbekannte Seite des 2. Weltkrieges. Einige Stränge werden vernachlässigt, so kommt die Gegnerschaft mit dem Gestapo-Chef Siegfried nie richtig zum tragen. Zum Glück vermeidet das konventionelle Historiendrama die Glorifizierung des Widerstandes. Wenn Max Manus als „Wrack ohne Geld und Ausbildung“ den Frieden fürchtet, ist auch das eine bittere Note zum Heldentum, die angenehm realistisch klingt.
Percy Jackson - Diebe im Olymp
USA, Kanada 2010 (Percy Jackson & The Olympians: The Lightninig Thief ) Regie: Chris Columbus mit Logan Lerman, Uma Thurman, Pierce Brosnan, Sean Bean
Wenn Kinder Leseprobleme haben und / oder die Väter kurz nach der Geburt abgehauen sind, gibt es jetzt eine Lösung: Die Kids werden Halbgötter, können fast jeden zusammenschlagen und sogar irgendwann den Papa kleinmachen. „Percy Jackson“ löst also einige der drängendsten Probleme unserer Zeit. Und ist zwischendurch eher peinlich und albern als gewitzt unterhaltend.
Der zwölfjährige New Yorker Percy Jackson (Logan Lerman) muss auf die Sonderschule, bis ihn im Museum plötzlich die Mathelehrerin anfällt - als geflügeltes Monster (aus dem Computer). Nun flieht der Junge hektisch zum Sommercamp der verlassenen Götter-Bastarde und erfährt von seiner wahren Herkunft. Auch davon, dass sein Kumpel Gabe (Gabe Ugliano) nicht gehbehindert, sondern ein Satyr mit Ziegenbeinen ist. Mit anderen Superhelden-Teenagern, deren Fähigkeiten völlig ignoriert werden, trainiert man ein wenig. Dann brechen Poseidons Sohn Percy, dessen Beschützer Gabe und Athenes Tochter Annabeth (Alexandra Daddario) auf, um Percys Mutter aus dem Hades zu retten und dann auf dem Olymp den Krieg der Götter zu verhindern.
Chris Columbus, Erfolgsregisseur im Kinder- und Jugendbereich („Harry Potter“), dachte sich: machen wir mal so eine Art „Zeus Jr. allein zu Haus“. Während der Götter-Kampf zwischen Zeus, Poseidon und Hades droht, gibt es letztendlich die neue Herrschaft der digitalen Tricks. So wird von Anfang an zu dick aufgelegt, all diese Bits und Bytes fallen bei Höllenhunden und Hydren übertrieben aus dem Bild. Nur selten machen sie Eindruck, am stärksten beim Höllenritt von Percy. Dass dieser allerdings mit der Rocknummer „Highway to Hell“ eingeleitet wird, macht klar, was die Macher unter Spaß verstehen.
Immer wieder erleiden die Original-Geschichten der „Olympier“ ein krasses Revamping. Man mag selber entscheiden, ob es cool oder klamottig ist, mit dem Aufzug hoch in den Olymp zu düsen. So selbstverliebt und arrogant, wie Logan Lerman den Percy spielt, geht der Film dauernd mit seinen tricktechnischen Möglichkeiten um. Wenn man seinen Held fliegen lassen kann oder er die mächtigste Waffe der Welt in den Händen hält, ist das einfach so. Da braucht man bei der Figurenentwicklung nicht mitzugehen. Ebenso wenn ihm die Mutter (Catherine Keener) ermordet wird. Die Trauerphase kann man in Sekunden abhandeln.
Die Verfilmung des ersten Romans noch so einer Jugend-Fantasy-Serie - diesmal von Rick Riordan - ist inhaltlich eine sehr simple Schnitzeljagd. Den Bildungsköder, dass ja alles mit griechischen Göttersagen durchsetzt sei, wollen wir nicht schlucken. „Percy“ ist der Highschool selbstverständlich näher als dem Olymp. Alles geriet völlig amerikanisiert - was uns denn nicht fremd ist, wenn wir schön viele Hollywood-Filme gesehen haben. Aus diesem kulturellen Hintergrund speist sich denn auch der Spaß, Uma Thurman mit neuer Frisur als Medusa zu sehen und vor Grinsen zu erstarren. Pierce Brosnan mit Pferdehintern ist nur peinlich. Der Rest der Scherze richtet sich wohl an die Kino-Kids, doch auch sie verdienten Figuren, die nach menschlichen Erfahrungen reagieren und nicht nach Schema F der Drehbuch-Mechanik.
6.2.10
Invictus - Unbezwungen
USA 2009 (Invictus) Regie: Clint Eastwood mit Morgan Freeman, Matt Damon, Tony Kgoroge 134 Min.
Lässt sich der alte Haudegen Clint Eastwood vor den Karren der problematischen Fußball-WM in Südafrika spannen? Sicher ist, dass der über alle Kategorien herausragende Regisseur mit „Invictus“ wieder einen guten und starken Film gemacht hat. Eastwood genießt als Schauspieler, Regisseur und integrer Mensch einen besonderen Status auch in Hollywood, sodass er, genau wie seine Filmfiguren („Dirty Harry“), vor niemandem den Kopf beugen braucht. Sein Film über Nelson Mandela und die Rugby-WM von 1995 in Südafrika erzählt vor allem von Versöhnung einer geteilten Nation. Mit Morgan Freeman als Mandela-Darsteller (und Produzent) ein ebenso packender Sport- wie ein berührender Menschenfilm.
Zwei Seiten, Schwarz und Weiß: Das Fußball-Feld mit jungen Schwarzen links von der Straße bricht in Jubel aus, als das Auto mit Nelson Mandela vorbei fährt. Die elitären weißen Rugby-Spieler recht bezeichnen ihn als „Terrorist“. Es ist das Jahr 1990, der legendäre ANC-Führer Mandela wurde nach 27 Jahren Gefängnis entlassen. Historisch rasant gewinnt der ANC 1994 die Wahlen, an der erstmals schwarz und weiß teilnehmen durften. Mandela wird Präsident, doch das Land befindet sich am Rande eines neuen Bürgerkrieges. Überall wo ein Miteinander werden soll, gibt es Konfrontation.
Flott erzählt „Invictus“ diese Geschichte nach, um sich Zeit für die faszinierende Figur Mandelas (Morgan Freeman) und seine Ideen zu nehmen. Da ist es eine nette Spielerei, dass ihn der Spiegel mit Rasierschaum auch in Schwarz-Weiß zeigt. Aber das Konzept der „reconciliation“, diese besondere Form von Versöhnung, welches die „Rainbow Nation“ mit der neuen Flagge und der neuen Nationalhymne einigen soll, muss jeden berühren. Nicht nur angesichts von schwieriger deutscher Vergangenheitsbewältigung nach 1945 und 1989. Auch im privaten Leben können solche Sätze Wirkung zeigen: „Vergebung befreit die Seele. Sie vertreibt die Angst und ist unsere mächtigste Waffe.“
Nelson Mandela entscheidet sich in der kritischen Situation für seine „Familie aus 42 Millionen Südafrikanern“, mit dem Gegner mitzufühlen, mit dem Gegner zu spielen. Ihn damit zu überraschen, dass die Schwarzen keine Rache an ihren Unterdrückern und Peinigern suchen. „Playing the enemy“ heißt der beziehungsreiche Titel der Vorlage von John Carlin (Drehbuch Anthony Peckham). Die weißen Südafrikaner lieben ihre „Springbocks“, ihr Rugby-Team. Die Schwarzen spielen lieber Fußball. Doch bei der WM im eigenen Land sollen alle gemeinsam hinter „ihrem“ Team stehen. Für diesen generalstabsmäßig durchgeführten Plan lässt Mandela sogar wichtige Regierungsdelegationen warten. Ist das Politik oder Sport, fragt seine engste Mitarbeiterin skeptisch. Doch letztendlich verwandelt Mandela jeden, mit dem er zusammentrifft. Er beseelt auch Francois Pienaar (Matt Damon), den aus einer rassistischen Familie stammenden Kapitän der Springbocks. Ein Schlüssel zum neuen Selbstbewusstsein ist dabei das titelgebende Gedicht von William Ernest Henley (1849–1903) mit den Schlusszeilen „ICH bin der Herr von meinem Stern, ICH bin der Meister meiner Seel'!“ Ein Gedicht, das Mandela in Haft und Arbeitslager Kraft gegeben hat.
Man kann bei „Invictus“ gut an das fußballerische „Wunder von Bern“ denken, das 1954 wichtig für das „nation building“, das Bewusstsein einer Nation, in Deutschland war. Aber man könnte den Film auch vor der Folie sehen, dass auch die USA erstmals einen Schwarzen Präsidenten hat, der Vorurteile und Widerstände überwinden muss. Clint Eastwood ist ein wacher politischer Mensch, schlug als Bürgermeister von Carmel selbst mal einen politischen Weg ein.
Morgan Freeman, auch Produzent dieses Films, erweist sich mit seiner ruhigen und kraftvollen Ausstrahlung als kongenialer Darsteller Mandelas. Matt Damon hat sein Fitness-Studio eifrig genutzt, ihm gelingt das weiße Jüngelchen aber recht gut. Richtig gut sind dann die Sportszenen der zweiten Hälfte. Da bringt vor allem die Tonspur Aggressivität und Kraft des Rugby-Sports rüber. Immer wieder sehr schön auch im Mikrokosmos der Leibwächter-Truppe, die sich aus treuen Mandela-Kämpfern und weißen Veteranen des alten Präsidenten De Clerk zusammensetzt. Ein Film, der Hoffnung macht, auch wenn die aktuellen Meldungen aus Südafrika viele neue Probleme aufzeigen.
3.2.10
Welcome
Frankreich 2009 (Welcome) Regie: Philippe Lioret mit Vincent Lindon, Firat Ayverdi, Audrey Dana, Derya Ayverdi 110 Min.
Vorsicht! Helfen Sie keinem Mitmenschen - Sie könnten dafür in den Knast kommen. Zumindest an den Grenzen der Festung Europa. Das musste ein Kapitän von „Ärzte ohne Grenzen“ in Italien erfahren. Und auch der Schwimmlehrer Simon (Vincent Lindon) erhält bald eine Vorladung der Polizei. In seinem Heimatort Calais gab er zuerst dem jungen Kurden Bilal (Firat Ayverdi) Schwimmunterricht. Dann nahm er den Jungen, der gefoltert wurde und aus dem Iran geflohen ist, mit nach Hause. Vielleicht um seine beim Flüchtlings-Camp engagierte Frau Marion (Audrey Dana) zu beeindrucken, denn die hat sich von ihm getrennt. Vielleicht einfach nur um zu helfen.
Bilal ist tagelang gelaufen, um nach Europa zu kommen. Nun kann er kaum schwimmen, will aber den Ärmelkanal überqueren, weil seine Geliebte Mina in London bald gegen ihren Willen verheiratet werden soll. Doch Simon wird verhaftet, weil er einen Flüchtling aufgenommen und ihm beim illegalen Grenzübertritt geholfen hat. Der Film ist Fiktion, solche Fälle sind in Frankreich bittere Realität.
Der sozialkritische Film mit dem zynischen Titel „Welcome“ zeigt viele Facetten einer Stadt, in der die Verfolgten stranden. Ebenso die Seiten des Schwimmlehrers, der die Flüchtlinge sieht, schweigend mitbekommt, wie sie behandelt werden. Er hat seine eigenen Probleme, Trennung und Scheidung. Dann hilft er spontan. Vor diesem gelungenen und bewegenden Film einer Freundschaft realisierte Philippe Lioret „Keine Sorge, mir geht's gut“ (2006) und „Die Frau des Leuchtturmwärters“ (2004).
She, A Chinese
Großbritannien, Frankreich, BRD 2009 (She, A Chinese) Regie: Xiaolu Guo mit Huang Lu, Wei Yi Bo, Geoffrey Hutchings 102 Min. FSK ab 12
Eine typische Geschichte der Globalisierung: Episoden und Begegnungen mit verschiedenen Männern führen die Protagonistin Mei von einem kleinen chinesischen Dorf über eine Millionenstadt schließlich nach London. Die internationale Koproduktion beschreibt in sichtbar mit Video aufgenommen, schnell geschnittenen Bildern, wie eine junge Chinesin die Welt und sich selbst bei ihrer Reise von Ost nach West entdeckt. Elliptischen Episoden werden von distanzierenden Zwischenüberschriften unterbrochen.
Eine persönliche und politische Parabel, die sehr dem eigenen Weg der Regisseurin von ihrem Dorf nach Beijing und in den Westen ähnelt. „She, a Chinese“ gewann 2009 den Goldenen Leoparden beim Festival in Locarno. Die Regisseurin und Buchautorin Xiaolu Guo produzierte und inszenierte im letzten Jahr ebenfalls „Once upon a time proletarian“.
Zeiten ändern Dich
BRD 2009 (Zeiten ändern Dich) Regie: Uli Edel mit Bushido, Elyas M'Barek, Moritz Bleibtreu, Hannelore Elsner 90 Min.
Eben noch rechter Provokant und jetzt in einem Film mit Karel Gott (Die goldene Stimme aus Prag) und Uwe Ochsenknecht (Frauen-Darsteller im Musical „Hairspray“!). Das ist ein krasser Absturz für einen Schwulen- und Frauen-Feind. Man fragt sich, ob es nicht Aussteigerprogramme für derart bedrohte junge Menschen geben sollte. Wenn Bushido weiter in den Fängen des großen Zampano Eichinger bleibt, wird er demnächst noch Filmmusik für ein Biene Maja-Remake machen. Als Realfilm mit Ochsenknecht als Willi...
Spott erntete Bushido bei den ersten Kritiken der Verfilmung seiner Biografie, die - wie nicht anders bei Eichinger zu erwarten - weichgespült und stromlinienförmig auf den Massengeschmack kalkuliert wurde. Uli Edel („Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, „Der Baader Meinhof Komplex“) erweist sich anscheinend wieder als Erfüllungsgehilfe und die Fans, die schon das Buch eifrig kauften, würden sogar in den Film gehen, wenn Bushido mit Karel Gott singt...
2.2.10
Up In The Air
USA, 2009 (Up In The Air) Regie: Jason Reitman mit George Clooney, Vera Farmiga, Anna Kendrick, Jason Bateman 110 Min. FSK o.A.
George Clooney kann einem alles verkaufen, irgendeine Pad-Plörre als Edel-Kaffee und selbst die eigene Kündigung. Den Rausschmiss als Chance und Beginn eines neuen Lebensabschnittes zu verkaufen, ist der Job von Ryan Bingham (George Clooney), der in der Krise Hochkonjunktur hat. So ist Ryan immer unterwegs, von einer Fabrikschließung zum nächsten Heuschrecken-Massaker quer durch die USA. Er lebt in der Luft und liebt all die Sachen, die andere am Fliegen hassen. Dieser leidenschaftliche Vielflieger macht selbst die absurden Sicherheitskontrollen zu einer lässigen Performance. Ryan hat ein leichtes Leben, denn alles, was er braucht, ist in seinem Handgepäck. In Vorträgen propagiert er dafür, sich nicht nur der Last aller Besitztümer zu entledigen. Ebenso viel wiegen menschliche Beziehungen, deshalb reduziert der charmante Mann diese auch aufs Nötigste. Eine heiße Romanze im Flughafen-Hotel fängt für Ryan und Alex Goran (Vera Farmiga) damit an, dass sie sich gegenseitig mit ihrem Frequent Flyer-Status anmachen. Der Sex ist auch wild und großartig. Schwierig nur, einen gemeinsamen Termin zu finden, bei zwei Menschen, die dauernd unterwegs sind.
Die Katastrophe für Ryan tritt ein, als seine Feuer-Firma Reisekosten einsparen will und die Kündigungen nur noch über Videokonferenz laufen sollen. Das Rausschmeißen einer Fremdfirma anzuvertrauen, weil man selbst nicht sehen will, was man mit seinen „Sparmaßnahmen“ anrichtet, ist schon brutal. Diese ganze Angelegenheit per iChat zu „erledigen“, das ist ähnlich sensibel wie eine Beziehung per SMS zu beenden. Menschen sind auf seinen Reisen Hindernisse, aber beim Kündigen legt Ryan Wert auf Menschlichkeit. Deshalb geht er noch ein letztes Mal auf Tour, zusammen mit der jungen, naiven Computer-Expertin Natalie (Anna Kendrick), die ihre Jobs vereinfachen will. Diese Reise wird mit ein paar klugen Erkenntnissen Natalies seine Philosophie des leichten Lebens mit Handgepäck auf den Kopf stellen. Der Überflieger Ryan Bingham wird den Sinn des Lebens und des Fliegens neu verstehen.
Schon „Die Reisen des Mr. Leary“ führten vor, wie man viel von der Welt sieht, ohne von irgendwas berührt zu werden. „Up In The Air“, nach Walter Kirns Roman "Mr. Bingham sammelt Meilen", erzählt mit Witz und Weisheit, wie man viele Meilen fliegt, ohne bewegt zu werden. Mitten im Film gibt es ein tiefes, weises Gespräch über das, was man vom Leben erwartet. Das vom gerade mal 33-jährigen Regisseur Jason Reitman? Doch der Sohn von Ivan Reitman („Ghostbusters“, „Dave“) legte ja schon mit dem gefeierten und preisgekrönten „Juno“ so eine echte Geschichte aus dem Leben hin. Wieder muss man diesen Film lieben und auch die Musik gehört erneut in die Kategorie „will ich sofort haben“.
Anfangs sieht man die Orte von ganz oben aus der Ryan-Perspektive, weit weg von den kleinen und großen Sorgen der Menschen. Flug und Flucht sind ja etymologisch verwandt, haben im Englischen und Niederländischen noch den gleichen Begriff. Rasant geschnitten ist die Dauerflucht vor Familie und Bindungen. Dann gibt ihm eine Affäre etwas Halt und man bekommt direkt Angst um die Zukunft der beiden, die gerade zueinander finden. Dass ausgerechnet der Dauer-Flieher dem Bräutigam, der vor der Hochzeit abhauen will, vom Guten der Ehe überzeugen soll, ist eine sensationelle Szene von vielen. Und es ist grandios, wie perfekt und mit so vielen feinen Noten Clooney auch diesen Typ hinbekommt. Der kann einem einfach alles verkaufen...
1.2.10
Verdammnis
Schweden, Dänemark, Deutschland 2009 (Flickan som lekte med elden) Regie: Daniel Alfredson mit Noomi Rapace (Lisbeth Salander), Michael Nyqvist, Lena Endre, Peter Andersson 129 Min. FSK: ab 16
Der Koproduzent ZDF und das TV-Format sind düstere Hinweise und je länger die Hackerin Lisbeth Salander mit dem Journalisten Michael Blomkvist einem Wust von Verbrechen auf der Spur sind, fühlt sich der Kinofilm nach Fernsehen an. „Verdammnis“ leidet unter dem Fluch das zweiten Teils, ist wesentlich schwächer als „Verblendung“, die erste Verfilmung der Roman-Serie „Millennium“ von Stieg Larsson.
In „Verblendung“ ist die ebenso mysteriöse wie aggressive Punkerin und Detektivin Lisbeth Salander (spannend: Noomi Rapace) am Ende den Altnazis davon gekommen. Doch nun plagt sie selbst im sonnigen Süden der düstere Albtraum einer Kindheit mit Vergewaltigung und Unrecht. Ihr Stiefvater schlug die Mutter fast tot. Und nachdem sich Lisbeth am Gewalttäter gerächt hat, missbraucht sie ihr gesetzlicher Vormund. Diese sehr düstere Welt mitten in einem Wohlstandsland liefert dem Millennium-Chefredakteur Michael Blomkvist (gut: Michael Nyqvist) eine Geschichte über Mädchenhandel, doch noch bevor sie veröffentlich wird, findet Michael die ermordeten Autoren. Die ganze Redaktion wird nun abgehört und bedroht. Lisbeth wird dieser und noch ein weiterer Mord untergeschoben. Obwohl das Recherche- und zeitweilige Liebes-Paar nur über ihre Computer Kontakt halten, klären sie die Hintergründe auf, die bis in höchste Regierungskreise reichen und gleichzeitig eng mit Lisbeths schrecklicher Kindheit zusammenhängen...
Auch im Staate Schweden scheint Einiges faul zu sein, doch „Verdammnis“ konzentriert sich bei der komplexen Verschwörung letztendlich vor allem auf das Drama um die düstere Punkerin Lisbeth. Das sorgt für ein spannendes Finale, lässt aber den Zuschauer unbefriedigt zurück. Und auch im dritten Teil „Vergebung“, der im Juni in die Kinos kommen soll, werden nicht alle Fäden wieder aufgenommen. Obwohl die körperlichen und seelischen Gewalttaten sehr drastisch dargestellt werden, wirkt „Verdammnis“ nicht so nachhaltig wie der inhaltlich geschlossenere „Verblendung“. Ein mäßiger Krimi, bei dem die Spannung des realen Hickhacks ums Erbe des Autors Stieg Larsson viel größer ist.
Giulias Verschwinden
Schweiz 2009 (Giulias Verschwinden) Regie: Christoph Schaub mit Corinna Harfouch, Bruno Ganz, Stefan Kurt, André Jung, Sunnyi Melles 88 Min. FSK ab 6
Eine Komödie über das Alterwerden - das kann ja lustig werden. Wurde es aber leider nicht. Wer sich begeistert im Bus, im Café oder bei der Verwandtschaft Geschichten von Wehwehchen oder Krankheiten anhört und die sensationelle Erkenntnis haben möchte, dass früher alles besser war, der ist hier goldrichtig. Jeder andere wird von dem larmoyanten Redeschwall genervt sein. Vergebliche Liebesmüh und vergebene Chance für die an sich hervorragenden Darsteller Corinna Harfouch und Bruno Ganz.
Giulia (Corinna Harfouch) wird heute 50, weiß und sieht aber noch nicht, was das Altern für eine Frau bedeutet. Erst eine ältere Nachbarin in der Straßenbahn zeigt ihr im Spiegel, dass sie nun für die Umwelt unsichtbar wird. Eine nette Erkenntnis über das Sehvermögen bei Männern und Frauen. Dazu schwere Gedanken zu Augenringen und die Stimmung ist gesetzt. In einem edlen Restaurant warten Giulias Freunde, um ihren 50. zu feiern. Sie betrinkt und verquatscht sich derweil mit einem charmanten Fremden (Bruno Ganz) in einer Bar.
Nach einem Original-Drehbuch von Martin Suter entstand dieses in Bild und Handlung dünne Filmchen. Es hätte auch ein Focus-Artikel zum Thema Alter die Vorlage sein können. Müde Scherzchen werden von mit larmoyanten Figuren ausgewalzt. Das sich dauernd kebbelnde schwule Pärchen (mit Stefan Kurt), der Sportfanatiker oder die schrille Diva (Sunnyi Melles, klasse!) könnten sympathisch sein, wenn sie mal für fünf Minuten den Mund halten würden. Die Kamera sucht krampfhaft raffinierte (Spiegel-) Einstellungen, die Gespräche verdoppeln alles, walzen alles endlos aus. So ist Altern unerträglich.
Armored
USA 2009 (Armored) Regie: Nimrod Antal mit Matt Dillon, Columbus Short, Laurence Fishburne, Jean Reno 88 Min. FSK ab 16
Schon sein klaustrophobischer Metro-Film „Kontroll“, gleichzeitig düster und poetisch, war eine Überraschung. Jetzt realisiert der Ungar Nimrod Antal (nach der schwachen Horror-Einlage „Motel“) einen exzellenten Thriller mit US-Stars: „Armored“ beweist, dass eine pralle Ladung besten Handwerks angetrieben von einer stimmigen und starken Geschichte am Ende immer ankommt.
Sie sind mehr als Kumpels, die harten Kerle beim Geldtransport-Unternehmen „Eagle Shield“. Sie sind eine große Familie, sind Blutbrüder. Als die Eltern von Ty Hackett (Columbus Short) starben, kümmerte sich Mike Cochrone (Matt Dillon) wie ein „Pate“ um Ty und seinen jüngeren Bruder. Doch Paten wollen für ihre großen Gaben immer irgendwann eine Gegenleistung haben und für Ty ist nun der Tag der Abrechnung gekommen. Mit zwei Geldtransportern und insgesamt sechs Kollegen will Mike die Ladung von 42 Millionen Dollar abgreifen. Ty ist zwar in einer misslichen Lage - das Haus der Eltern soll gepfändet werden - doch der Irak-Held bleibt anständig. Bis das Jugendamt den Bruder in ein Heim stecken will. Er ist jetzt mit dabei beim perfekten Raub, der keine Opfer haben soll.
Doch schneller als geplant ist ein Mord im Spiel und Ty will aussteigen. Was nicht einfach ist: Die schwer gepanzerten Fahrzeuge stehen versteckt in einem verlassenen Stahlwerk. Ty sitzt ganz konkret in der Auto-Patsche drin und seinen ehemaligen Kumpels draußen wollen ans Geld und ihm ans Leder. Eine exzellente Thriller-Situation (Buch: James V. Simpson), eigentlich ein lebensgefährliches Kammerspiel, doch der abgeschlossene Raum ist so riesig, dass man mit den Tonnen schweren Trucks auch funkensprühend Auto-Skooter spielen kann.
Der Ungar Nimrod Antal überzeugt erneut mit seiner starken Bildsprache (Kamera: Andrzej Sekula), aber auch die Charakterzeichnung, die Grundlage für das gute Funktionieren des späteren Katz-und-Maus-Spiels ist, funktioniert hervorragend. Die ersten Szenen machen die Rollen klar: So wie Mike Cochrone parkt, kümmert er sich auch ansonsten um keine Regeln. Der Grundkonflikt der Brüder zwischen Gut und Böse ist wie bei James Gray („The Yards“, „Little Odessa“) ausgestaltet, Antal arbeitet aber stärker über Bild und Tonspur. Mit raffinierten Spiegelungen und dem satten Sound etwa der PS-starken Transporter, die den Grundton für einen durchgehenden Bass-Beat im Stile von Massive Attack bilden.
Das alte Stahlwerk ist nicht nur ein tolle Spielwiese für das sehr spannende und angenehm gewaltarme Gangster-Duell, es führt auch die sozialkritischen Gespräche von Mike und Ty fort. Es steht für den Niedergang ehrlicher Arbeit und die rücksichtslose Ausbeutung der Bevölkerung durch eine Koalition aus Wirtschaft und Regierung. In den Worten des ehrlichen Helden Ty: Die Banken haben die Arbeiter im Griff und die sterben fürs Land im Irak. Da könnte man ihnen eigentlich ein paar Millionen wegnehmen...
Gegen jeden Zweifel
USA 2009 (Beyond a Reasonable Doubt) Regie: Peter Hyams mit Michael Douglas, Jesse Metcalfe, Amber Tamblyn 105 Min. FSK ab 12
Ein Remake des Films "Jenseits allen Zweifels" von Fritz Lang aus dem Jahr 1956. Dieser Satz ist auch schon das Beste am Film - man sollte sich vielleicht wieder mal die Sachen von Fritz Lang anschauen. Aber dieses extrem schwache Remake kann man ohne jeden Zweifel vergessen.
Es geht um Täuschung, es geht um Betrug: Am Anfang sieht man Augen weit aufgerissen vor Angst! Schon reingelegt - es war nur ein Kaffee-Geschmackstest in der Fußgängerzone. Später will der Film einen noch öfter vorgestrig hinters Zwielicht zu führen, doch je länger der Film läuft, umso mehr sehnt man sich den wirklich raffinierten Gerichtsfilm „Zwielicht“ mit Richard Gere und dem damals genial überraschenden Newcomer Edward Norton herbei. In dem zu hoch gehängten B-Movie „Gegen jeden Zweifel“ zeigt sich der Bezirks-Staatsanwalt Hunter (Michael Douglas) direkt als schleimiger Karrieretyp, zu glatt und wahrscheinlich nicht ehrlich. Diesen sehr erfolgreichen Jäger der unschuldig Angeklagten jagt nun ein junger TV-Reporter, dessen hohen investigativen Anspruch sich der Sender unter Quotendruck nicht leisten will. Nicholas (Jesse Meatcalfe), der Typ mit dem guten Herzen, bekam einst für Rührstück einen Preis. Jetzt will er sich selbst zum perfekten Verdächtigen machen, um so Hunter herauszufordern und diesen bei der Unterschiebung gefälschter Beweise zu überführen. Nur schade (und vorhersehbar), dass der Kumpel von Nicholas mit dem entlastenden Video unters Auto vom Sheriff kommt, der mit unter der schmutzigen Decke steckt...
Man ahnt die klasse Idee für einen kleinen, raffinierten Krimi, doch „Gegen jeden Zweifel“ wurde ganz schwach umgesetzt. Die Vorbereitung auf das Betrügen des Betrügers gestaltet sich viel zu umständlich, die Gerichtszenen sind langweilig. Die Überraschungen und Entwicklungen wurden sehr schlecht konstruiert, man fühlt sich vom Film verschaukelt. CSI würde für diese Beweisführung nicht mal aus dem Bett aufstehen, die Bausteine der Spannung fallen einem offensichtlich entgegen. Dann etwas dumme Hektik und miese Aktion. Überhaupt springt das Bild dauernd wild zwischen den Einstellungsgrößen hin und her, da war scheinbar ein Praktikant an der Kamera. Und dann hat der auch noch den Schnitt gemacht, während der Chef einen Trinken war.
Der typische bittere Trugschluss der Schwarzen Serie wird schließlich gepaart mit modernem (und mordenden) Medien-Zynismus. Die Geliebte sagt zum Abschied leise "Fick dich!" und das ist auch der passende Kommentar zum ganzen Film.
27.1.10
Sneaks in der Region Aachen
(Aachen, Apollo nur Mi. 3.2.2010 um 22.15 Uhr)