USA 2017 Regie: Steven Soderbergh mit Channing Tatum, Adam Driver, Daniel Craig, Seth MacFarlane, Katie Holmes, Hilary Swank 119 Min. FSK: ab 12
Steven Soderberghs Rückkehr zum Kino nach einem kurzen Flirt mit dem Pay-TV ist so sensationell, wie Soderbergh immer war: Statt „Ocean's Eleven" im glitzernden Vegas gibt es jetzt „Ocean's 7-Eleven" in West-Virginia, ganz volkstümlich benannt nach der Kiosk-Kette für Jedermann. Denn ein sagenhafter Raub wechselt an einem 7-Eleven seinen Besitzer ...
Der einfache Arbeiter Jimmy Logan (Channing Tatum) ist erst in einer Mine ganz unten, dann richtig als er seine Kündigung erhält, weil er unfallträchtig humpelt. Ohne Job wird es doppelt problematisch, dass seine Ex mit der geliebten Tochter und einem dämlichen Mustang-Händler in den nächsten Staat ziehen will. Deshalb plant Jimmy mit seinem einarmigen Bruder Clyde (Adam „Paterson" Driver) die Wochenend-Einnahmen einer benachbarten Nascar-Rennstrecke zu rauben. Also nicht Bonnie sondern Jimmy und Clyde. Das originell triste Brüderpaar braucht allerdings die Hilfe der Bleifuß-Schwester und eines Ex-James Bond, der als Panzerknacker im Knast sitzt.
Allein der Auftritt eines auch blondiert, tätowiert und etwas gehirn-amputiert sehr coolen Daniel Craig lohnt diesen Film. „Logan Lucky" ist wieder ein mehrschichtiger Soderbergh, der in seinem absurden Humor stellenweise von den Coen-Brüder sein könnte. Dabei fängt er ganz gemächlich an, wenn Jimmy seiner Tochter Sadie (Farrah Mackenzie) den John Denver-Song „Country Road" erklärt. Denn „Logan Lucky" unterhält nicht nur als grandioser Film über einen verrückten Raubzug. Gleichzeitig zeichnet er auch ein Porträt der Menschen im verarmten Staat West-Virginia. Das Kunststück des Regisseurs liegt darin, eine stupide lokalpatriotische Hymne zu demontieren und gleichzeitig ein wunderbares emotionales Finale damit zu gestalten. Dass Jimmy als „Redneck Robber" zu einem Robin Hood wird, dass letztlich die Besitzenden die eigentlichen Gewinner und Betrüger sind, passt zur grund-solidarischen und sympathischen Haltung des ganzen Films.
Denn West-Virginia ist nicht nur das tolle Land aus „Country Road", hier gibt es auch verseuchtes Grundwasser und viele Kriegs-Veteranen, die sich wie Clyde keine anständige Prothese leisten können. Das klingt ernst, ist aber nur der sorgfältig gezeichnete Hintergrund einer langen und langsam spannenden Vorbereitung, die von einer wahnsinnigen Knast-Revolte, weiteren irren Szenen und einer dicken Überraschung gekrönt wird.
Der Plan für den Raubzug ist als Papp-Modell nicht so schick wie bei „Ocean's Eleven", doch neben Soderberghs perfekter Inszenierung, seiner eleganten Montage und großartigen Kamera ist auch die darstellerische Ausstattung wieder vom Feinsten: Channing Tatum, Soderberghs „Magic Mike", ist hier als Papa vor allem ein Räuber der Herzen. Daniel Quaid zeigt im Chemieunterricht, wie man mit Gummibärchen und Bleichmittel eine Bombe bastelt. Katie Holmes macht als künstlich braune Ex von Jimmy Angst und Hilary Swank als unnachgiebige FBI-Kommissarin Hoffnung auf die Fortsetzung „Ocean's 7/12". Dieser großartige Wohlfühl-Film darf gerne verlängert werden.
11.9.17
6.9.17
Meine Cousine Rachel (2017)
USA, Großbritannien 2017 (My Cousin Rachel) Regie: Roger Michell mit Rachel Weisz, Sam Claflin, Holliday Grainger 106 Min. FSK: ab 6
Daphne du Mauriers Roman „Meine Cousine Rachel" erfährt eine neue Verfilmung nach der Version von 1952 mit Olivia de Havilland und Richard Burton. Packend gespielt und opulent inszeniert verfällt der junge Engländer Philip Ashley (Sam Claflin) der Witwe seines geliebten Vetters und Vormunds. Eigentlich will sich Philip nur an der Italienerin Rachel rächen, doch ihr Charme lässt die ganze Gesellschaft aufleben. Die um 1830 spielende, dramatische Liebes-Geschichte von Daphne du Maurier („Rebecca") überzeugt immer noch und besonders mit Rachel Weisz als Rachel. Regisseur Roger Michell („Jane Austens Verführung", „Hyde Park am Hudson") erfreut mit schönen Landschaften und historischer Ausstattung und lässt nachvollziehbar aus der mysteriösen Verführerin eine Frau werden, die um ihre gesellschaftliche Position kämpfen muss.
Daphne du Mauriers Roman „Meine Cousine Rachel" erfährt eine neue Verfilmung nach der Version von 1952 mit Olivia de Havilland und Richard Burton. Packend gespielt und opulent inszeniert verfällt der junge Engländer Philip Ashley (Sam Claflin) der Witwe seines geliebten Vetters und Vormunds. Eigentlich will sich Philip nur an der Italienerin Rachel rächen, doch ihr Charme lässt die ganze Gesellschaft aufleben. Die um 1830 spielende, dramatische Liebes-Geschichte von Daphne du Maurier („Rebecca") überzeugt immer noch und besonders mit Rachel Weisz als Rachel. Regisseur Roger Michell („Jane Austens Verführung", „Hyde Park am Hudson") erfreut mit schönen Landschaften und historischer Ausstattung und lässt nachvollziehbar aus der mysteriösen Verführerin eine Frau werden, die um ihre gesellschaftliche Position kämpfen muss.
On the Milky Road
Serbien, Großbritannien, USA 2016 (Na mliječnom putu) Regie: Emir Kusturica mit Monica Bellucci, Emir Kusturica, Predrag Manojlović, Sloboda Mićalović 125 Min. FSK: ab 16
Emir Kusturica wurde in den 80er- und 90er-Jahren mit Preisen in Venedig („Schwarze Katze, weißer Kater"), Cannes („Time of the Gypsies", „Underground", „Papa ist auf Dienstreise") und Berlin („Arizona Dream") überhäuft. Der große Egomane, der in „Maradona by Kusturica" (2008) unbedingt mit Maradona Fußball spielen wollten, spielt nun mit Monica Bellucci und präsentiert wieder vertraute Reize seiner Werke: Pralles Tierleben („Schwarze Katze, Weißer Kater") und Bürgerkrieg („Underground"), burleskes Chaos im einfachen Volk, unterlegt mit Balkan-Klängen und durchlöchert vom Kugelhagel. Märchenhaftes, wenn die Realität unerträglich wird.
Kusturica spielt selbst den Milchmann Kosta, auf seinem Esel der stille Narr, der sich im Kriegs-Treiben treiben lässt, der unentschieden beobachtet und lange braucht, bevor er doch einmal handelt. Das schöne Pistolenweib Milena will ihn als Bräutigam. Aber er hat sich in die geheimnisvolle Italienerin Nevesta (Monica Bellucci) verliebt, die Milena für ihren Bruder, den Kriegshelden Žaga „eingekauft" hat. Zudem wird Nevesta von ihrem rachsüchtigen Ex-Mann, einem UN-General, gejagt.
Monica Bellucci, das älteste Bond-Girl aller Zeiten, sieht gut aus, trällert ein italienisches Liedchen und leidet als bedrohte Braut. Sie ist die Helena im jugoslawischen Bürgerkrieg, im Troja Kusturicas. Ja, auch diese verrückte Liebesgeschichte voller schön verrückter Figuren und traumhaft poetischer Situationen ist nicht frei von selbstverliebten Längen. Aber das teilweise groteske Theater ist auch reich an magischen Momenten. Die Tiersymbolik des Falken mit der freundlichen, milchgenährten Schlange, der Schwäne im Blutbad des frisch erlegten Schweines, ist eine ganz eigene Welt. Die Verwüstungen des Krieges, die erst durch einen UN-General richtig schrecklich werden, sind in einem verzweifelten poetischen Versuch dargestellt, wenn ein Schmetterling den mordenden Schergen, die vorher ein ganzes Dorf mitsamt der Bewohner abgefackelt haben, auf der Nase herum tanzt. Das Huhn, das eitel unablässig vor einem Spiegel rum hüpft, die riesige, durchdrehende Uhr aus Habsburger Zeiten, die nicht zu stoppen ist ... „On the Milky Road" schwappt über vor Bildern und Ideen. Ein bitteres Märchen und ein filmisches Spektakel - einzigartig wie Kusturica selbst.
Emir Kusturica wurde in den 80er- und 90er-Jahren mit Preisen in Venedig („Schwarze Katze, weißer Kater"), Cannes („Time of the Gypsies", „Underground", „Papa ist auf Dienstreise") und Berlin („Arizona Dream") überhäuft. Der große Egomane, der in „Maradona by Kusturica" (2008) unbedingt mit Maradona Fußball spielen wollten, spielt nun mit Monica Bellucci und präsentiert wieder vertraute Reize seiner Werke: Pralles Tierleben („Schwarze Katze, Weißer Kater") und Bürgerkrieg („Underground"), burleskes Chaos im einfachen Volk, unterlegt mit Balkan-Klängen und durchlöchert vom Kugelhagel. Märchenhaftes, wenn die Realität unerträglich wird.
Kusturica spielt selbst den Milchmann Kosta, auf seinem Esel der stille Narr, der sich im Kriegs-Treiben treiben lässt, der unentschieden beobachtet und lange braucht, bevor er doch einmal handelt. Das schöne Pistolenweib Milena will ihn als Bräutigam. Aber er hat sich in die geheimnisvolle Italienerin Nevesta (Monica Bellucci) verliebt, die Milena für ihren Bruder, den Kriegshelden Žaga „eingekauft" hat. Zudem wird Nevesta von ihrem rachsüchtigen Ex-Mann, einem UN-General, gejagt.
Monica Bellucci, das älteste Bond-Girl aller Zeiten, sieht gut aus, trällert ein italienisches Liedchen und leidet als bedrohte Braut. Sie ist die Helena im jugoslawischen Bürgerkrieg, im Troja Kusturicas. Ja, auch diese verrückte Liebesgeschichte voller schön verrückter Figuren und traumhaft poetischer Situationen ist nicht frei von selbstverliebten Längen. Aber das teilweise groteske Theater ist auch reich an magischen Momenten. Die Tiersymbolik des Falken mit der freundlichen, milchgenährten Schlange, der Schwäne im Blutbad des frisch erlegten Schweines, ist eine ganz eigene Welt. Die Verwüstungen des Krieges, die erst durch einen UN-General richtig schrecklich werden, sind in einem verzweifelten poetischen Versuch dargestellt, wenn ein Schmetterling den mordenden Schergen, die vorher ein ganzes Dorf mitsamt der Bewohner abgefackelt haben, auf der Nase herum tanzt. Das Huhn, das eitel unablässig vor einem Spiegel rum hüpft, die riesige, durchdrehende Uhr aus Habsburger Zeiten, die nicht zu stoppen ist ... „On the Milky Road" schwappt über vor Bildern und Ideen. Ein bitteres Märchen und ein filmisches Spektakel - einzigartig wie Kusturica selbst.
4.9.17
Die Pfefferkörner und der Fluch des Schwarzen Königs
BRD 2017 Regie: Christian Theede mit Devid Striesow, Katharina Wackernagel, Marleen Quentin, Ruben Storck 99 Min. FSK: ab 0
Der Abenteuerfilm für Kinder beginnt wie die TV-Serie, die er eigentlich auch ist, und wird danach auch nicht besser: Rastlose Action für Kids startet mit einem Prolog vor Hamburg-Kulisse, danach dürfen die braven und angepassten Ordnungshüter in Kindergestalt zum Schulausflug nach Südtirol. Im Bergdorf verfärbt sich das Wasser und ein Stall brennt ab. Aus dem vermeintlichen Fluch wird die Spekulation eines Konzerns, der die Wasservorräte der Berge abgraben und verkaufen will. Der Konzern heißt nicht Nestlé, aber gemeint sind die Schweizer eindeutig.
Seit 1999 ermitteln die „Pfefferkörner" mit unterschiedlicher Besetzung, dies ist nun der lange Kino-Trailer für 14. Staffel. Rastlose Handlung mit den austauschbaren Figuren und wild durcheinander gemischte Elementen „großer" Genre-Filme wie „Indiana Jones" sowie moderner Technik-Ausstattung sorgen für seelenlose, glatte Unterhaltung mit extrem dick aufgetragener Musik.
Der Abenteuerfilm für Kinder beginnt wie die TV-Serie, die er eigentlich auch ist, und wird danach auch nicht besser: Rastlose Action für Kids startet mit einem Prolog vor Hamburg-Kulisse, danach dürfen die braven und angepassten Ordnungshüter in Kindergestalt zum Schulausflug nach Südtirol. Im Bergdorf verfärbt sich das Wasser und ein Stall brennt ab. Aus dem vermeintlichen Fluch wird die Spekulation eines Konzerns, der die Wasservorräte der Berge abgraben und verkaufen will. Der Konzern heißt nicht Nestlé, aber gemeint sind die Schweizer eindeutig.
Seit 1999 ermitteln die „Pfefferkörner" mit unterschiedlicher Besetzung, dies ist nun der lange Kino-Trailer für 14. Staffel. Rastlose Handlung mit den austauschbaren Figuren und wild durcheinander gemischte Elementen „großer" Genre-Filme wie „Indiana Jones" sowie moderner Technik-Ausstattung sorgen für seelenlose, glatte Unterhaltung mit extrem dick aufgetragener Musik.
Eine fantastische Frau - Una Mujer Fantástica
Chile, USA, BRD, Spanien 2017 (Una Mujer Fantástica) Regie: Sebastián Lelio mit Daniela Vega, Francisco Reyes, Luis Gnecco, Aline Küppenheim 104 Min. FSK: ab 12
Ein Paar feiert ihren Geburtstag mit aufwendigem Essen, einem Party-Abend und einer leidenschaftlichen Nacht. Dann wird dem älteren Orlando schlecht, voller Angst schleppt Marina ihn ins Krankenhaus, doch er ist dort schon tot. Die junge Frau (Daniela Vega) ist am Boden zerstört, rennt aus dem Krankenhaus weg... „Eine fantastische Frau" ist ein starkes Drama um Trauer und Familien-Streit, das in der sicheren Inszenierung von Sebastián Lelio ganz für sich selbst stehen könnte. Doch den Ärger, den die Geliebte Marina mit der Familie und der Ex des Verstorbenen hat, ist ein besonderer. Denn in Marinas Ausweis steht immer noch der Name Daniel. Die Geschlechtsumwandlung des Transsexuellen ist noch nicht abgeschlossen.
Orlandos Familie will Marina von den Trauerfeierlichkeiten ausschließen. Eine Kommissarin untersucht den Fall und Marinas Körper schikanös, der Gerichtsmediziner fotografiert wie im Zoo. Ein homophober Sohn des Toten schmeißt Marina aus der Wohnung, die sie gemeinsam mit Orlando hatte und entführt den Hund des Paares. Das Treffen mit Orlandos Ex-Frau läuft zwar zivilisierter ab, doch ihre Stiche sind raffinierter. So begegnen fast alle Marina mehr oder weniger unsensibel, eher mehr. Wenn nicht gar feindlich und sogar gewaltvoll.
Der Name Orlando taucht nicht zufällig auf: Sally Potter drehte bereits vor einem Vierteljahrhundert mit „Orlando" und Tilda Swinton eine Transsexuellen-Biografie nach Virginia Woolfs Roman, an der sich nicht nur die chilenische Gesellschaft noch ranarbeitet.
Schon vor vier Jahren beeindruckte der chilenische Regisseur Sebastián Lelio mit seinem starken Frauen-Porträt „Gloria". Nun erhielt „Eine fantastische Frau" bei der diesjährigen Berlinale den Silbernen Bären für das beste Drehbuch und den Teddy Award. Lelios neuer Film berührt und begeistert mit unglaublich starken und eindrucksvollen Bildern, wunderbaren Spiegel-Spielereien sowie grandiosen Musikeinsätzen. Ein besonders raffinierter Moment findet in einer gemischten Sauna statt - der Ort, an dem sich Marina in beiden Geschlechtsbereichen bewegen kann. Dabei sind Handlung und Kamera ist immer ganz nah bei Marina, die Hauptdarstellerin Daniela Vega trägt die Rolle eindrucksvoll. Sie ist im wahren Leben Schauspielerin, Sängerin und selbst transsexuell. Vega war zuerst nur als Beraterin am Projekt beteiligt und wurde für den Regisseur zur einzig möglichen Marina.
Dabei erzählt „Eine fantastische Frau" keineswegs eine rührende Leidensgeschichte. Marina ist tatsächlich eine fantastische Frau, eine sensible und starke Frau mit vielen Facetten von den hedonistischen Party-Nächten bis zu den Auftritten mit klassischem Gesangsrepertoire. So ist „Eine fantastische Frau" auch ein fantastischer, begeisternden und Mut machender exzellenter Film.
Ein Paar feiert ihren Geburtstag mit aufwendigem Essen, einem Party-Abend und einer leidenschaftlichen Nacht. Dann wird dem älteren Orlando schlecht, voller Angst schleppt Marina ihn ins Krankenhaus, doch er ist dort schon tot. Die junge Frau (Daniela Vega) ist am Boden zerstört, rennt aus dem Krankenhaus weg... „Eine fantastische Frau" ist ein starkes Drama um Trauer und Familien-Streit, das in der sicheren Inszenierung von Sebastián Lelio ganz für sich selbst stehen könnte. Doch den Ärger, den die Geliebte Marina mit der Familie und der Ex des Verstorbenen hat, ist ein besonderer. Denn in Marinas Ausweis steht immer noch der Name Daniel. Die Geschlechtsumwandlung des Transsexuellen ist noch nicht abgeschlossen.
Orlandos Familie will Marina von den Trauerfeierlichkeiten ausschließen. Eine Kommissarin untersucht den Fall und Marinas Körper schikanös, der Gerichtsmediziner fotografiert wie im Zoo. Ein homophober Sohn des Toten schmeißt Marina aus der Wohnung, die sie gemeinsam mit Orlando hatte und entführt den Hund des Paares. Das Treffen mit Orlandos Ex-Frau läuft zwar zivilisierter ab, doch ihre Stiche sind raffinierter. So begegnen fast alle Marina mehr oder weniger unsensibel, eher mehr. Wenn nicht gar feindlich und sogar gewaltvoll.
Der Name Orlando taucht nicht zufällig auf: Sally Potter drehte bereits vor einem Vierteljahrhundert mit „Orlando" und Tilda Swinton eine Transsexuellen-Biografie nach Virginia Woolfs Roman, an der sich nicht nur die chilenische Gesellschaft noch ranarbeitet.
Schon vor vier Jahren beeindruckte der chilenische Regisseur Sebastián Lelio mit seinem starken Frauen-Porträt „Gloria". Nun erhielt „Eine fantastische Frau" bei der diesjährigen Berlinale den Silbernen Bären für das beste Drehbuch und den Teddy Award. Lelios neuer Film berührt und begeistert mit unglaublich starken und eindrucksvollen Bildern, wunderbaren Spiegel-Spielereien sowie grandiosen Musikeinsätzen. Ein besonders raffinierter Moment findet in einer gemischten Sauna statt - der Ort, an dem sich Marina in beiden Geschlechtsbereichen bewegen kann. Dabei sind Handlung und Kamera ist immer ganz nah bei Marina, die Hauptdarstellerin Daniela Vega trägt die Rolle eindrucksvoll. Sie ist im wahren Leben Schauspielerin, Sängerin und selbst transsexuell. Vega war zuerst nur als Beraterin am Projekt beteiligt und wurde für den Regisseur zur einzig möglichen Marina.
Dabei erzählt „Eine fantastische Frau" keineswegs eine rührende Leidensgeschichte. Marina ist tatsächlich eine fantastische Frau, eine sensible und starke Frau mit vielen Facetten von den hedonistischen Party-Nächten bis zu den Auftritten mit klassischem Gesangsrepertoire. So ist „Eine fantastische Frau" auch ein fantastischer, begeisternden und Mut machender exzellenter Film.
Barry Seal - Only in America
USA 2017 (American Made) Regie: Doug Liman mit Tom Cruise, Domhnall Gleeson, Sarah Wright 115 Min. FSK: ab 12
Unglaublich, aber wahr. Das gilt für die Geschichte des Piloten Barry Seal (1939-1986), der für die CIA Waffen und Drogen schmuggelte. Aber vor allem auch für den Hintergrund des Iran-Contra-Skandals, mit welchem der heutzutage geschätzte Präsidenten-Schauspieler Ronald Reagan Weltpolitik auf Cowboy-Manier betrieb.
Pilot Barry Seal (Tom Cruise) sorgt schon mal persönlich für Turbulenzen, weil ihm Linienfliegen so extrem langweilig erscheint. Da kommt Anfang der 80er Jahre der mysteriöse Mr. Schaefer (Domhnall Gleeson) von der CIA gerade recht: Er bietet Barry eine eigene Firma mit einem super-schnellen Propeller-Flieger an, um damit in Mittelamerika Rebellenstellungen auszuspionieren. Mit Aufdeckung des kleinen Zigarren-Schmuggels, den Barry nebenbei betreibt, braucht er gar nicht zu drohen. Denn diesen neuen Job erfüllt der Draufgänger mit wahnsinniger Begeisterung und zu größter Zufriedenheit. Auch als den immer optimistischen, auch kognitiven Tiefflieger irgendwann beim Nachtanken in Kolumbien ein paar Herren mit Schnäuzern und Pistolen bitten, hunderte Kilo Koks auf dem Rückweg mitzunehmen. Das kolumbianische Drogen-Kartell um Pablo Escobar macht mit Seals eine neue Schmuggelroute auf und alle schwimmen im Geld. Als dann die US-Regierung unter Reagan linke Rebellionen mit Waffenlieferungen untergraben will, hebt Barrys Unternehmen völlig ab: Eine ganze Luftflotte transportiert Drogen und Waffen. Allerdings auf Umwegen: Die Maschinengewehre landen bei Escobar in Kolumbien, denn die rechten Contras in Nicaragua wollen gar nicht kämpfen, nur Geschäfte machen. Und auch General Noriega in Panama bekommt noch seinen Anteil ab, um das Schurkenszenario der Freunde Reagans komplett zu machen. Irgendwann stapeln sich hunderte von Millionen Dollar jeweils in den Banken, die um den Wohnort von Barry Seals herum wachsen. Der Hund kann nicht mehr im Garten buddeln, weil überall Geldtaschen vergraben sind.
Doug Liman ist ein erfolgreicher Regisseur, der nach seinem ersten Erfolg „Swingers" (1996) mit „Jumper" (2008), „Mr. & Mrs. Smith" (2005) und „Die Bourne Identität" (2001) ins Action-Fach wechselte. Nun verfilmte er das abenteuerliche Lebensende von Barry Seal mit Tom Cruise als millionenschweren Star-Ballast, der verhindert, dass die unglaubliche Geschichte wirklich abhebt. Cruise ist zwar der richtige Darsteller für diesen eindimensionalen und eigentlich langweiligen Typen. Doch da man sich so nie wirklich für Seal oder seine geldgeile Frau interessiert, da der Film eher Farce als lustiger Thriller ist, wird alles schnell so kurzweilig wie ein langer Langstreckenflug nach Asien. Im Gegensatz zu Filmen, die damals noch versteckte schmutzige Seiten der Politik aufdecken wollen, dekoriert Zeitgeschichte hier nur den Hintergrund.
Seals Weg von der TWA zur CIA ist zwar anfangs flott erzählt und geschnitten, doch irgendwann geht der Autopilot an und die Passagiere können ruhig schlafen. Der naive Patriot und Idiot Seals agiert immer mal wieder unfreiwillig pazifistisch in seinem kriminellen Treiben, diese bekloppte wahre Geschichte ist weder packend noch politisch.
Unglaublich, aber wahr. Das gilt für die Geschichte des Piloten Barry Seal (1939-1986), der für die CIA Waffen und Drogen schmuggelte. Aber vor allem auch für den Hintergrund des Iran-Contra-Skandals, mit welchem der heutzutage geschätzte Präsidenten-Schauspieler Ronald Reagan Weltpolitik auf Cowboy-Manier betrieb.
Pilot Barry Seal (Tom Cruise) sorgt schon mal persönlich für Turbulenzen, weil ihm Linienfliegen so extrem langweilig erscheint. Da kommt Anfang der 80er Jahre der mysteriöse Mr. Schaefer (Domhnall Gleeson) von der CIA gerade recht: Er bietet Barry eine eigene Firma mit einem super-schnellen Propeller-Flieger an, um damit in Mittelamerika Rebellenstellungen auszuspionieren. Mit Aufdeckung des kleinen Zigarren-Schmuggels, den Barry nebenbei betreibt, braucht er gar nicht zu drohen. Denn diesen neuen Job erfüllt der Draufgänger mit wahnsinniger Begeisterung und zu größter Zufriedenheit. Auch als den immer optimistischen, auch kognitiven Tiefflieger irgendwann beim Nachtanken in Kolumbien ein paar Herren mit Schnäuzern und Pistolen bitten, hunderte Kilo Koks auf dem Rückweg mitzunehmen. Das kolumbianische Drogen-Kartell um Pablo Escobar macht mit Seals eine neue Schmuggelroute auf und alle schwimmen im Geld. Als dann die US-Regierung unter Reagan linke Rebellionen mit Waffenlieferungen untergraben will, hebt Barrys Unternehmen völlig ab: Eine ganze Luftflotte transportiert Drogen und Waffen. Allerdings auf Umwegen: Die Maschinengewehre landen bei Escobar in Kolumbien, denn die rechten Contras in Nicaragua wollen gar nicht kämpfen, nur Geschäfte machen. Und auch General Noriega in Panama bekommt noch seinen Anteil ab, um das Schurkenszenario der Freunde Reagans komplett zu machen. Irgendwann stapeln sich hunderte von Millionen Dollar jeweils in den Banken, die um den Wohnort von Barry Seals herum wachsen. Der Hund kann nicht mehr im Garten buddeln, weil überall Geldtaschen vergraben sind.
Doug Liman ist ein erfolgreicher Regisseur, der nach seinem ersten Erfolg „Swingers" (1996) mit „Jumper" (2008), „Mr. & Mrs. Smith" (2005) und „Die Bourne Identität" (2001) ins Action-Fach wechselte. Nun verfilmte er das abenteuerliche Lebensende von Barry Seal mit Tom Cruise als millionenschweren Star-Ballast, der verhindert, dass die unglaubliche Geschichte wirklich abhebt. Cruise ist zwar der richtige Darsteller für diesen eindimensionalen und eigentlich langweiligen Typen. Doch da man sich so nie wirklich für Seal oder seine geldgeile Frau interessiert, da der Film eher Farce als lustiger Thriller ist, wird alles schnell so kurzweilig wie ein langer Langstreckenflug nach Asien. Im Gegensatz zu Filmen, die damals noch versteckte schmutzige Seiten der Politik aufdecken wollen, dekoriert Zeitgeschichte hier nur den Hintergrund.
Seals Weg von der TWA zur CIA ist zwar anfangs flott erzählt und geschnitten, doch irgendwann geht der Autopilot an und die Passagiere können ruhig schlafen. Der naive Patriot und Idiot Seals agiert immer mal wieder unfreiwillig pazifistisch in seinem kriminellen Treiben, diese bekloppte wahre Geschichte ist weder packend noch politisch.
The Circle
USA, Vereinigte Arabische Emirate 2017 Regie: James Ponsoldt mit Emma Watson, Tom Hanks, Karen Gillan 110 Min. FSK: ab 12
Wenn Sie diese Filmkritik vielleicht auf irgendeine Weise digital lesen und demnächst Anzeigen für einen Roman von Dave Eggers auf den Schirm bekommen, ist das nur eine winzige Vorahnung der schönen neuen Digitalen Welt, die „The Circle" als bitterböse Zukunftsvision entwirft. Die Dystopie wurde mit Emma Watson als kluge, engagierte Aufsteigerin und Tom Hanks als zwielichtigem Steve Jobs-Double genial besetzt.
Die Versuchsanordnung startet überdeutlich: Die 24-jährige Mae Holland (Emma Watson) ist mehr als unzufrieden mit ihrem Service-Job am Telefon, ihr kleines Auto fällt auseinander, der schwer kranke Vater wird von der Krankenversicherung im Stich gelassen. Da ist der Job bei der alles überschauenden Medienfirma Circle perfekt: Nicht nur die fortschrittlichen Ideen und Techniken, die Aufbruchsstimmung auf dem (Arbeits-) Campus voller junger Leute begeistern. Die konzern-interne Gesundheitsabteilung kümmert sich auch noch um die Multisklerose des Vaters und sogar die Klapperkiste wird zum modernen Hybrid-Wagen.
Was hinter „The Circle", dem Kreis, steckt, wurde nicht sehr verrätselt: Die unübersehbare Ähnlichkeit mit dem neuen, kreisförmigen Gebäude der Firma Apple, der kindergarten-bunte Campus von Google, die süchtig machende, zwanghafte Soziale Plattform von Facebook. Die Auftritte des charismatischen Firmengründers Eamon Bailey (Tom Hanks) vor einer euphorischen Masse gläubiger Jünger kopieren die Shows von Apple-Gründer Steve Jobs eins zu eins. Bald mischt sich in den neuen Job von Mae Bedenkliches: Seltsame, fast roboterhaft freundliche Kollegen weisen die Neue darauf hin, dass sie der Firmen-Gemeinschaft ein großes Rätsel sei. Wenn Mae ganz alleine mit dem Kajak in der San Francisco-Bay unterwegs ist, erscheint ihnen das als Affront. Schließlich wird die junge Frau Gallionsfigur der Konzern-Philosophie, dass man sein Leben nicht der Öffentlichkeit vorenthalten dürfe. Der Film kippt, als Mae sich bereit erklärt, ihr ganzes Leben live ins soziale Netzwerk zu stellen, jede Minute völlig transparent zu sein. „The Circle" wird zur „Truman Show 3.1". Eine Flut von Reaktionen aus dem Netz pflastert nun die Leinwand zu, der reale Kontakt zur Familie bricht völlig ab. Die Überwachungs-Fantasie mit allgegenwärtigen Mini-Kameras im Geiste von Big Brother führt zu einen Menschenjagd auf eine Mörderin und dann auf einen alten Freund Maes.
Science Fiction ist ... wenn man es schon längst im Haus hat! „The Circle" ist von gestern, nicht nur weil er vor dem deutschen Start sehr oft und lange verschoben wurde. Eigentlich kein gutes Vorzeichen. Aber immerhin sind die Action-Szenen, die in einem der Trailer steckten, nicht mehr im Film zu sehen. Selbst wenn ein Großteil der Überwachung aus Dave Eggers Roman von 2013 damals schon gängig war und selbst wenn einige Argumente, mit denen der Film vorangetrieben wird („Privatsphäre ist Diebstahl") zu schnell behauptet sind, das gar nicht besonders futuristische Gedankenexperiment von „The Circle" reizt. Der eine Account für alles, die eine Firma für alles, die auch noch die nächsten Wahlen übernehmen will und schon jetzt Politiker stürzt - da steckt ein ganzer Haufen von sozialen und politischen Folgen drin. Trotz einiger nicht überzeugender Schlüsse packt die hell leuchtende und doch bedrohlich düstere Zukunftsvision dank einer engagierten Hauptfigur, gespielt von der sehr engagierten Schauspielerin und UN-Sonderbotschafterin für Frauen- und Mädchenrechte Emma Watson. Das Update von Orwells „1984" ist auch mit Tom Hanks sehr, sehr gut besetzt. Also nicht nur prominent und fähig, sondern im Typ frappant passend: Der sympathische Hanks als großer Verführer mit üblen Absichten funktioniert bestens. Aber auch wenn einige bizarre Ideen, wie Kindern Tracking-Chips in Knochen einpflanzen zu wollen und alle Leute mit Fitness-Armbändern auszustatten, haften bleiben, das beste Argument gegen eine Machtübernahme der „wahren Demokratie" sozialer Medien ist ein Blick auf die Meinung des Volkes in Facebook oder den digitalen Kommentar-Spalten.
Wenn Sie diese Filmkritik vielleicht auf irgendeine Weise digital lesen und demnächst Anzeigen für einen Roman von Dave Eggers auf den Schirm bekommen, ist das nur eine winzige Vorahnung der schönen neuen Digitalen Welt, die „The Circle" als bitterböse Zukunftsvision entwirft. Die Dystopie wurde mit Emma Watson als kluge, engagierte Aufsteigerin und Tom Hanks als zwielichtigem Steve Jobs-Double genial besetzt.
Die Versuchsanordnung startet überdeutlich: Die 24-jährige Mae Holland (Emma Watson) ist mehr als unzufrieden mit ihrem Service-Job am Telefon, ihr kleines Auto fällt auseinander, der schwer kranke Vater wird von der Krankenversicherung im Stich gelassen. Da ist der Job bei der alles überschauenden Medienfirma Circle perfekt: Nicht nur die fortschrittlichen Ideen und Techniken, die Aufbruchsstimmung auf dem (Arbeits-) Campus voller junger Leute begeistern. Die konzern-interne Gesundheitsabteilung kümmert sich auch noch um die Multisklerose des Vaters und sogar die Klapperkiste wird zum modernen Hybrid-Wagen.
Was hinter „The Circle", dem Kreis, steckt, wurde nicht sehr verrätselt: Die unübersehbare Ähnlichkeit mit dem neuen, kreisförmigen Gebäude der Firma Apple, der kindergarten-bunte Campus von Google, die süchtig machende, zwanghafte Soziale Plattform von Facebook. Die Auftritte des charismatischen Firmengründers Eamon Bailey (Tom Hanks) vor einer euphorischen Masse gläubiger Jünger kopieren die Shows von Apple-Gründer Steve Jobs eins zu eins. Bald mischt sich in den neuen Job von Mae Bedenkliches: Seltsame, fast roboterhaft freundliche Kollegen weisen die Neue darauf hin, dass sie der Firmen-Gemeinschaft ein großes Rätsel sei. Wenn Mae ganz alleine mit dem Kajak in der San Francisco-Bay unterwegs ist, erscheint ihnen das als Affront. Schließlich wird die junge Frau Gallionsfigur der Konzern-Philosophie, dass man sein Leben nicht der Öffentlichkeit vorenthalten dürfe. Der Film kippt, als Mae sich bereit erklärt, ihr ganzes Leben live ins soziale Netzwerk zu stellen, jede Minute völlig transparent zu sein. „The Circle" wird zur „Truman Show 3.1". Eine Flut von Reaktionen aus dem Netz pflastert nun die Leinwand zu, der reale Kontakt zur Familie bricht völlig ab. Die Überwachungs-Fantasie mit allgegenwärtigen Mini-Kameras im Geiste von Big Brother führt zu einen Menschenjagd auf eine Mörderin und dann auf einen alten Freund Maes.
Science Fiction ist ... wenn man es schon längst im Haus hat! „The Circle" ist von gestern, nicht nur weil er vor dem deutschen Start sehr oft und lange verschoben wurde. Eigentlich kein gutes Vorzeichen. Aber immerhin sind die Action-Szenen, die in einem der Trailer steckten, nicht mehr im Film zu sehen. Selbst wenn ein Großteil der Überwachung aus Dave Eggers Roman von 2013 damals schon gängig war und selbst wenn einige Argumente, mit denen der Film vorangetrieben wird („Privatsphäre ist Diebstahl") zu schnell behauptet sind, das gar nicht besonders futuristische Gedankenexperiment von „The Circle" reizt. Der eine Account für alles, die eine Firma für alles, die auch noch die nächsten Wahlen übernehmen will und schon jetzt Politiker stürzt - da steckt ein ganzer Haufen von sozialen und politischen Folgen drin. Trotz einiger nicht überzeugender Schlüsse packt die hell leuchtende und doch bedrohlich düstere Zukunftsvision dank einer engagierten Hauptfigur, gespielt von der sehr engagierten Schauspielerin und UN-Sonderbotschafterin für Frauen- und Mädchenrechte Emma Watson. Das Update von Orwells „1984" ist auch mit Tom Hanks sehr, sehr gut besetzt. Also nicht nur prominent und fähig, sondern im Typ frappant passend: Der sympathische Hanks als großer Verführer mit üblen Absichten funktioniert bestens. Aber auch wenn einige bizarre Ideen, wie Kindern Tracking-Chips in Knochen einpflanzen zu wollen und alle Leute mit Fitness-Armbändern auszustatten, haften bleiben, das beste Argument gegen eine Machtübernahme der „wahren Demokratie" sozialer Medien ist ein Blick auf die Meinung des Volkes in Facebook oder den digitalen Kommentar-Spalten.
29.8.17
Auguste Rodin
Frankreich 2017 (Rodin) Regie: Jacques Doillon mit Vincent Lindon, Izïa Higelin, Séverine Caneele 119 Min
Direkt zu Anfang spannen sie den Konflikt auf: Rodin (Vincent Lindon), ein alter, müder Künstler, und die wache, lebendige Camille Claudel (Izïa Higelin), die beständig klein gehalten wird. Auguste Rodin benennt seine Modelle nicht mit Namen, sondern mit Körperteilen oder Haarfarben, sie müssen sich biegen und winden. Ihn selbst sieht man bei diesem hauptsächlich im Atelier spielenden Künstlerfilm getrieben bei der Arbeit mit dem Ton und von Selbstzweifeln. Eine Haltung für die der Schauspieler Vincent Lindon („Der Wert des Menschen", „Ohne Schuld") selbst ein Jahr lang Unterricht bei einem Bildhauer nahm. Was er in Sachen Sexbesessenheit getan hat, steht nicht im Presseheft, denn das Bio-Pic beschäftigt sich viel mit dem nicht besonders interessanten oder genialen Leben eines Machos, der immer mehrere Frauen hinhält. Selbstverständlich muss im Leben von Auguste Rodin (1840 – 1917) das Unverständnis der etablierten Kunst-Szene und seine Inspiration durch die mutige Assistentin Camille Claudel vorkommen. Es werden mehrere seiner bekannten Werke vorgestellt, diskutiert und verteidigt. Immerhin gönnt die traurige Biografie Claudel neben ein paar Zickenkriegen ein eigenes Drama der unterschätzten und nur als Geliebte geduldeten Künstlerin. Dieses Arbeitskammerspiel, dieser Atelier-Film, bei dem wenig Spiel ist, hat leider nichts mehr von der Radikalität der früheren, persönlicheren Filme Doillons.
Direkt zu Anfang spannen sie den Konflikt auf: Rodin (Vincent Lindon), ein alter, müder Künstler, und die wache, lebendige Camille Claudel (Izïa Higelin), die beständig klein gehalten wird. Auguste Rodin benennt seine Modelle nicht mit Namen, sondern mit Körperteilen oder Haarfarben, sie müssen sich biegen und winden. Ihn selbst sieht man bei diesem hauptsächlich im Atelier spielenden Künstlerfilm getrieben bei der Arbeit mit dem Ton und von Selbstzweifeln. Eine Haltung für die der Schauspieler Vincent Lindon („Der Wert des Menschen", „Ohne Schuld") selbst ein Jahr lang Unterricht bei einem Bildhauer nahm. Was er in Sachen Sexbesessenheit getan hat, steht nicht im Presseheft, denn das Bio-Pic beschäftigt sich viel mit dem nicht besonders interessanten oder genialen Leben eines Machos, der immer mehrere Frauen hinhält. Selbstverständlich muss im Leben von Auguste Rodin (1840 – 1917) das Unverständnis der etablierten Kunst-Szene und seine Inspiration durch die mutige Assistentin Camille Claudel vorkommen. Es werden mehrere seiner bekannten Werke vorgestellt, diskutiert und verteidigt. Immerhin gönnt die traurige Biografie Claudel neben ein paar Zickenkriegen ein eigenes Drama der unterschätzten und nur als Geliebte geduldeten Künstlerin. Dieses Arbeitskammerspiel, dieser Atelier-Film, bei dem wenig Spiel ist, hat leider nichts mehr von der Radikalität der früheren, persönlicheren Filme Doillons.
Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt
BRD 2017 Regie: Arne Feldhusen mit Charly Hübner, Detlev Buck, Marc Hosemann, Annika Meier, Bjarne Mädel 111 Min. FSK: ab 12
Herr Lehmann geht auf Techno-Tour: Autor Sven Regener setzte mit seinem Roman „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt" die Geschichte seines Protagonisten aus „Herr Lehmann" fort. In Leander Haussmanns Verfilmung aus dem Jahr 2003 spielte Detlev Buck Karl Schmidt, der in der Psychiatrie endete. Nun, Mitte der 1990er-Jahre, finden wir Karl Schmidt - diesmal klasse gespielt von Charly Hübner - in einer Hamburger Reha-WG mit Ex-Alkis und -Drogensüchtigen. Mit stoischer Seltsamkeit pflegt Schmidt tagsüber Tiere und lauscht dem penetranten Betreuer Werner Meier („Tatortreiniger" Bjarne Mädel). Richtig seltsam wird es allerdings, als Schmidts Kumpel von früher auftauchen, die mittlerweile bei ihrem Berliner Techno-Label „Bumm Bumm-Records" mit Geld „zugeschissen werden".
Bumm Bumm-Boss Ferdi (Ex-Schmidt Detlev Buck) hat die geniale Idee, dass der Abstinenzler Karl der beste Roadie für die kommende Tour wäre. Weil er der erste war, der wegen „Techno in der Klapse war, da hieß das noch nicht mal Techno!" Im herrlich albernen Hin und Her zwischen China-Lokal, Club und Büros fragt man sich angesichts dieser herrlich spinnerten Typen unter Leitung von Ferdi/Buck, wer jetzt wirklich Therapie und Betreuung bräuchte. Sie reden selbstverständlich auch von der Liebe, die in der Musik stecken soll. Deshalb heißt die Tour, auf der ein immer weniger ausgeschlafener Schmidt die Truppe immer morgens um 8 aus den Clubs fegen soll, wo der Rave noch lange nicht zu Ende ist, auch in Anlehnung an die Beatles „Magical Mystery".
Im freundlich melancholisch Blick auf alle Beteiligten hat das sanft komödiantische Road-Movie „Magical Mystery" viele Ähnlichkeiten mit Cameron Crowes autobiografisch eingefärbtem, genialen Tour-Film „Almost Famous". Dabei entwickelt sich die Magical Mystery-Tour zur Chaos-Tour von heftigen Kiffern, Koksern und Säufern sowie einem Abstinenzler. Die Truppe kommt schon aus dem ersten Kreisverkehr nicht mehr raus und man selber nicht aus einem Dauergrinsen.
Zeit-Kolorit grüßt mit mobilen Telefonen so groß wie Bügeleisen, Faxe piepsen noch, wenn die neuen Charts-Listen reinkommen, geraucht wird immer und überall. Die mitreisenden Meerschweinchen werden Kruder und Dorfmeister getauft, die lebende Legende Hans Nieswandt („From: Disco To: Disco") tritt persönlich auf. Und selbstverständlich kennt „Element of Crime"-Musiker Sven Regener die Szene persönlich.
„Manchmal bewegt sich einer nicht, aber dann ist er noch lange nicht tot." Diese Betrachtung aus Schmidts Tierleben ist selbstverständlich auf ihn selbst gemünzt. Viel bewegt er sich zwar nicht, während die anderen wild rumhibbeln. Doch langsam und vorsichtig nähert er sich der burschikosen DJane Rosa (Annika Meier) an, die sich direkt an ihm interessiert zeigt. Geradezu zärtlich begleitet der Film auch Karl Schmidt weiter, der schließlich wieder in Berlin ankommt. Tolle Schauspieler, denen man mit und ohne Bekanntheit diese Typen direkt abnimmt, reichen, um ihrem Lebens-Flow eine Regener-Tour lang mit Sympathien zu verfolgen.
Herr Lehmann geht auf Techno-Tour: Autor Sven Regener setzte mit seinem Roman „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt" die Geschichte seines Protagonisten aus „Herr Lehmann" fort. In Leander Haussmanns Verfilmung aus dem Jahr 2003 spielte Detlev Buck Karl Schmidt, der in der Psychiatrie endete. Nun, Mitte der 1990er-Jahre, finden wir Karl Schmidt - diesmal klasse gespielt von Charly Hübner - in einer Hamburger Reha-WG mit Ex-Alkis und -Drogensüchtigen. Mit stoischer Seltsamkeit pflegt Schmidt tagsüber Tiere und lauscht dem penetranten Betreuer Werner Meier („Tatortreiniger" Bjarne Mädel). Richtig seltsam wird es allerdings, als Schmidts Kumpel von früher auftauchen, die mittlerweile bei ihrem Berliner Techno-Label „Bumm Bumm-Records" mit Geld „zugeschissen werden".
Bumm Bumm-Boss Ferdi (Ex-Schmidt Detlev Buck) hat die geniale Idee, dass der Abstinenzler Karl der beste Roadie für die kommende Tour wäre. Weil er der erste war, der wegen „Techno in der Klapse war, da hieß das noch nicht mal Techno!" Im herrlich albernen Hin und Her zwischen China-Lokal, Club und Büros fragt man sich angesichts dieser herrlich spinnerten Typen unter Leitung von Ferdi/Buck, wer jetzt wirklich Therapie und Betreuung bräuchte. Sie reden selbstverständlich auch von der Liebe, die in der Musik stecken soll. Deshalb heißt die Tour, auf der ein immer weniger ausgeschlafener Schmidt die Truppe immer morgens um 8 aus den Clubs fegen soll, wo der Rave noch lange nicht zu Ende ist, auch in Anlehnung an die Beatles „Magical Mystery".
Im freundlich melancholisch Blick auf alle Beteiligten hat das sanft komödiantische Road-Movie „Magical Mystery" viele Ähnlichkeiten mit Cameron Crowes autobiografisch eingefärbtem, genialen Tour-Film „Almost Famous". Dabei entwickelt sich die Magical Mystery-Tour zur Chaos-Tour von heftigen Kiffern, Koksern und Säufern sowie einem Abstinenzler. Die Truppe kommt schon aus dem ersten Kreisverkehr nicht mehr raus und man selber nicht aus einem Dauergrinsen.
Zeit-Kolorit grüßt mit mobilen Telefonen so groß wie Bügeleisen, Faxe piepsen noch, wenn die neuen Charts-Listen reinkommen, geraucht wird immer und überall. Die mitreisenden Meerschweinchen werden Kruder und Dorfmeister getauft, die lebende Legende Hans Nieswandt („From: Disco To: Disco") tritt persönlich auf. Und selbstverständlich kennt „Element of Crime"-Musiker Sven Regener die Szene persönlich.
„Manchmal bewegt sich einer nicht, aber dann ist er noch lange nicht tot." Diese Betrachtung aus Schmidts Tierleben ist selbstverständlich auf ihn selbst gemünzt. Viel bewegt er sich zwar nicht, während die anderen wild rumhibbeln. Doch langsam und vorsichtig nähert er sich der burschikosen DJane Rosa (Annika Meier) an, die sich direkt an ihm interessiert zeigt. Geradezu zärtlich begleitet der Film auch Karl Schmidt weiter, der schließlich wieder in Berlin ankommt. Tolle Schauspieler, denen man mit und ohne Bekanntheit diese Typen direkt abnimmt, reichen, um ihrem Lebens-Flow eine Regener-Tour lang mit Sympathien zu verfolgen.
28.8.17
The Comedian (2016)
USA 2016 Regie: Taylor Hackford mit Robert De Niro, Leslie Mann, Harvey Keitel, Danny DeVito, Billy Crystal 120 Min. FSK: ab 12
Der „King of Comedy" ist wieder da! 35 Jahre nachdem Robert De Niro in Scorseses Film einen wahnsinnigen Fan des echten Komödianten Jerry Lewis spielte, darf De Niro in einem wunderbaren Film von Taylor Hackford („ When We Were Kings") komödiantisch die Sau raus lassen.
Ausgerechnet eine Woche nach dem Tod der Komiker-Legende Jerry Lewis erinnert De Niros Rolle an den tollen Scorsese-Film. Allerdings ist „The Comedian" so satt voller Stars und alten Bekanntheiten, da war die Chance auf einen prominenten Todesfall nicht besonders klein. Womit wir beim bösen Humor des Films und von De Niros Figur Jackie Burke wären. Populär ist er wegen einer alten Serie, die mittlerweile zu seinem Fluch wurde. Bei jedem Auftritt als bissiger Stand Up-Comedian wollen immer ein paar Leute die Jahrzehnte alten Sprüche hören. Als Burke nach vielen verbalen und einer handfesten Attacke auf einen dummen, respektlosen Blogger-Idioten zu Sozialstunden verurteilt wird, trifft er in der New Yorker Suppenausgabe auf Harmony Schiltz (wunderbar: Leslie Mann). Eine aufbrausende, herrlich wütende und emotionale Frau, die ihren Ehemann und dessen Geliebte treffend zugerichtet hat. Die wenig harmonische Harmony und Burke helfen sich gegenseitig als Anstandsdamen bei Familienfeiern aus, dabei sind beide nicht gesellschaftsfähig, Burkes Scherze dabei nicht nur schmutzig, sondern auch grenzwertig. Das ist ein großes Spektakel und gleichzeitig tief traurig.
Denn Burke hat eine Haltung, auch wenn er sie sich nicht leisten kann. Er kommt mit seiner ehrlichen Art auch im Seniorenheim an, weil er die Alten als einziger nicht in Watte und Windeln einpacken will. Seine auch nicht nett behandelte Managerin bringt es auf den Punkt: „Willst du einen Job oder ein Arschloch sein?" Seine Antwort: „Muss ich wählen?"
Burkes Bruder und seine Schwägerin können nicht verhindern, dass dieses exzellente Schandmaul ein paar provokante Worte bei der Hochzeit der lesbischen Nichte (Lucy DeVito) sagt. Dabei sind die Szenen mit deren (echtem) Vater Danny DeVito bester Komödienstoff. Überhaupt versammelt der Film gleich fünf oder mehr Oscar-Kandidaten. In einem von mehreren Giganten-Treffen machen die Scorsese-Kumpels Harvey Keitel und De Niro böse auf „Vater der Braut". Billy Crystal spielt Billy Crystal und macht Burke auf die typisch gehässige Art der Komödianten dieses Films an, während der Kellner zwischen den beidem im Aufzug mühsam eine unbewegte Miene bewahrt.
Vor allem aber ist „The Comedian" etwas, was man alle paar Jahre braucht, um zu sehen, was wirklich gute Komödien sind: Mit viel Herz und Verstand, das richtige Tempo, perfekt gespielt, begleitet von einem stimmungsvollen Jazz-Score. Taylor Hackfords Meisterstreich, diese Tragik-Komödien-Tragödien-Komödie hat die Melancholie, das feine Mitgefühl wie Billy Wilders „Das Appartement".
Der „King of Comedy" ist wieder da! 35 Jahre nachdem Robert De Niro in Scorseses Film einen wahnsinnigen Fan des echten Komödianten Jerry Lewis spielte, darf De Niro in einem wunderbaren Film von Taylor Hackford („ When We Were Kings") komödiantisch die Sau raus lassen.
Ausgerechnet eine Woche nach dem Tod der Komiker-Legende Jerry Lewis erinnert De Niros Rolle an den tollen Scorsese-Film. Allerdings ist „The Comedian" so satt voller Stars und alten Bekanntheiten, da war die Chance auf einen prominenten Todesfall nicht besonders klein. Womit wir beim bösen Humor des Films und von De Niros Figur Jackie Burke wären. Populär ist er wegen einer alten Serie, die mittlerweile zu seinem Fluch wurde. Bei jedem Auftritt als bissiger Stand Up-Comedian wollen immer ein paar Leute die Jahrzehnte alten Sprüche hören. Als Burke nach vielen verbalen und einer handfesten Attacke auf einen dummen, respektlosen Blogger-Idioten zu Sozialstunden verurteilt wird, trifft er in der New Yorker Suppenausgabe auf Harmony Schiltz (wunderbar: Leslie Mann). Eine aufbrausende, herrlich wütende und emotionale Frau, die ihren Ehemann und dessen Geliebte treffend zugerichtet hat. Die wenig harmonische Harmony und Burke helfen sich gegenseitig als Anstandsdamen bei Familienfeiern aus, dabei sind beide nicht gesellschaftsfähig, Burkes Scherze dabei nicht nur schmutzig, sondern auch grenzwertig. Das ist ein großes Spektakel und gleichzeitig tief traurig.
Denn Burke hat eine Haltung, auch wenn er sie sich nicht leisten kann. Er kommt mit seiner ehrlichen Art auch im Seniorenheim an, weil er die Alten als einziger nicht in Watte und Windeln einpacken will. Seine auch nicht nett behandelte Managerin bringt es auf den Punkt: „Willst du einen Job oder ein Arschloch sein?" Seine Antwort: „Muss ich wählen?"
Burkes Bruder und seine Schwägerin können nicht verhindern, dass dieses exzellente Schandmaul ein paar provokante Worte bei der Hochzeit der lesbischen Nichte (Lucy DeVito) sagt. Dabei sind die Szenen mit deren (echtem) Vater Danny DeVito bester Komödienstoff. Überhaupt versammelt der Film gleich fünf oder mehr Oscar-Kandidaten. In einem von mehreren Giganten-Treffen machen die Scorsese-Kumpels Harvey Keitel und De Niro böse auf „Vater der Braut". Billy Crystal spielt Billy Crystal und macht Burke auf die typisch gehässige Art der Komödianten dieses Films an, während der Kellner zwischen den beidem im Aufzug mühsam eine unbewegte Miene bewahrt.
Vor allem aber ist „The Comedian" etwas, was man alle paar Jahre braucht, um zu sehen, was wirklich gute Komödien sind: Mit viel Herz und Verstand, das richtige Tempo, perfekt gespielt, begleitet von einem stimmungsvollen Jazz-Score. Taylor Hackfords Meisterstreich, diese Tragik-Komödien-Tragödien-Komödie hat die Melancholie, das feine Mitgefühl wie Billy Wilders „Das Appartement".
27.8.17
The Limehouse Golem
Großbritannien 2016 Regie: Juan Carlos Medina mit Bill Nighy, Olivia Cooke, Eddie Marsan, María Valverde 110 Min. FSK: ab 16
Morde in Londons düsteren Gassen am Ende des 19. Jahrhunderts gehen auch ohne Jack the Ripper: Diesmal regt sich die Öffentlichkeit über sehr grausame Taten auf, die sie dem Golem von Limehouse zuschreiben. Den Namen hat man auch schnell dazu erfunden. In dieser Geschichte von Außenseitern und Sündenböcke ist selbst der untersuchende Inspektor John Kildare (Bill Nighy) direkt ein Opfer - als Homosexueller bekommt er den schwierigen Fall nur um zu scheitern. Vorverurteilt ist ebenfalls die Schauspielerin Elizabeth Cree (Olivia Cooke). Sie soll ihren schriftstellernden Mann John Cree (Sam Reid) vergiftet haben. Wobei dieser schnell auf die Liste der Verdächtigen der Limehouse-Morde kommt. Die übrigen, historisch realen Kandidaten ergeben ein kritisches Spiegelbild der Viktorianischen Zeit: Der Varietékünstler Dan Leno (eindrucksvoll: Douglas Booth) verarbeitete Zeitgeschehen spöttisch wie heute Late Night-Shows. Autor George Gissing war bekannt für seine Milieu-Studien der Arbeiterklasse, Karl Marx machte daraus seine Theorie des Klassenkampfes.
So überladen wie im Hintergrund um Soziales und Gender ist der Thriller „The Limehouse Golem" auch in seinem Look. Die typischen düsteren Gassen sollen den Fäulnisgeruch der elenden Verhältnisse Londons evozieren, die expliziten Details der sadistischen Morde den Verfall der Gesellschaft drastisch ins Bild bringen. Zudem verheben sich Drehbuch von Jane Goldman („Kingsman: The Golden Circle", „Die Insel der besonderen Kinder") und die komplexe Montage mit mehreren Ebenen und Rückblenden. Das gelingt nur manchmal und ist in den Figurenzeichnungen stellenweise packend. Vor allem das Leben der als Kind vergewaltigten und von der Mutter mit glühender Nadel verstümmelten Schauspielerin Elizabeth Cree, die unter der Obhut des Varietés von Dan Leno zum Star wird, lässt sich mit Interesse verfolgen. Die Sucht von Schauspielern, Dichtern und Mördern, „jemand" in der Öffentlichkeit zu sein, ist allerdings kein neues Thema und die „Überraschung" riecht man schon von weitem.
Morde in Londons düsteren Gassen am Ende des 19. Jahrhunderts gehen auch ohne Jack the Ripper: Diesmal regt sich die Öffentlichkeit über sehr grausame Taten auf, die sie dem Golem von Limehouse zuschreiben. Den Namen hat man auch schnell dazu erfunden. In dieser Geschichte von Außenseitern und Sündenböcke ist selbst der untersuchende Inspektor John Kildare (Bill Nighy) direkt ein Opfer - als Homosexueller bekommt er den schwierigen Fall nur um zu scheitern. Vorverurteilt ist ebenfalls die Schauspielerin Elizabeth Cree (Olivia Cooke). Sie soll ihren schriftstellernden Mann John Cree (Sam Reid) vergiftet haben. Wobei dieser schnell auf die Liste der Verdächtigen der Limehouse-Morde kommt. Die übrigen, historisch realen Kandidaten ergeben ein kritisches Spiegelbild der Viktorianischen Zeit: Der Varietékünstler Dan Leno (eindrucksvoll: Douglas Booth) verarbeitete Zeitgeschehen spöttisch wie heute Late Night-Shows. Autor George Gissing war bekannt für seine Milieu-Studien der Arbeiterklasse, Karl Marx machte daraus seine Theorie des Klassenkampfes.
So überladen wie im Hintergrund um Soziales und Gender ist der Thriller „The Limehouse Golem" auch in seinem Look. Die typischen düsteren Gassen sollen den Fäulnisgeruch der elenden Verhältnisse Londons evozieren, die expliziten Details der sadistischen Morde den Verfall der Gesellschaft drastisch ins Bild bringen. Zudem verheben sich Drehbuch von Jane Goldman („Kingsman: The Golden Circle", „Die Insel der besonderen Kinder") und die komplexe Montage mit mehreren Ebenen und Rückblenden. Das gelingt nur manchmal und ist in den Figurenzeichnungen stellenweise packend. Vor allem das Leben der als Kind vergewaltigten und von der Mutter mit glühender Nadel verstümmelten Schauspielerin Elizabeth Cree, die unter der Obhut des Varietés von Dan Leno zum Star wird, lässt sich mit Interesse verfolgen. Die Sucht von Schauspielern, Dichtern und Mördern, „jemand" in der Öffentlichkeit zu sein, ist allerdings kein neues Thema und die „Überraschung" riecht man schon von weitem.
Killer's Bodyguard
USA 2017 (The Hitman's Bodyguard) Regie: Patrick Hughes mit Ryan Reynolds, Samuel L. Jackson, Salma Heyek 119 Min. FSK: ab 16
Zwei Superhelden haben auf Urlaub von der Job-Routine sehr, sehr viel Spaß: Ryan Reynolds gibt ansonsten den Deadpool oder - noch alberner - die Grüne Laterne und darf jetzt als perfektionistischer Bodyguard Michael Bryce sein Ranking aufbessern - mit vielen, vielen Leichen. Samuel L. Jackson, als Nick Fury aus den Avengers eine enorme Verschwendung von Potential, gibt den unkontrollierbaren Super-Killer Darius Kincaid, den Reynolds Sicherheits-Pedant Michael Bryce beschützen soll.
Der Präsident von Weißrussland, nicht nur skrupelloser Diktator, sondern auch sadistischer Killer ganzer Dörfer, steht vor dem internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. In diesem Film, in der Realität dauert es noch etwas. Doch der einzige Zeuge, der Vladislav Dukhovich (Gary Oldman) in dieser sehr schwachen und schematischen Konstruktion belasten kann, ist ausgerechnet Darius Kincaid, der sich selbst mehr als 200 Morde zuschreibt. Waren alles üble Kerle - so weit er weiß. Diese vorhersehbare Action- und Buddy-Routine gewährt uns das ausgesprochene Vergnügen, Ryan Reynolds und Samuel L. Jackson komödiantisch an der Arbeit zu sehen. Nach gleich zwei kurzen, coolen Einführungen müssen sie zusammen von London nach Den Haag, wobei ihnen nicht nur Dukhovichs äußerst brutale Killer, sondern auch ein Maulwurf bei Interpol auf den Fersen ist.
So weit, so vorhersehbar. Doch schon wie Michael Bryce als heruntergekommener Bewacher mit eingebildetem „Triple A"-Status von seiner Ex-Freundin Amelia (Elodie Yung) bei Interpol in den Auftrag gezogen wird, ist allein wegen der Gesichtszüge von Reynolds ein herrlicher Spaß. Schon seine eingefrorene Mimik angesichts der größten anzunehmenden Katastrophe im Job erinnerte stark an den wahnsinnigen Blick aus dem genialen Sprechende-Katzen-Film „The Voices". Dass Bryce nun auf Kinkade aufpassen soll, ergibt eine besonders reizvolle Paarung, da der Killer mindestens 28 Mal bei sich überkreuzenden Aufträgen versucht hat, den Aufpasser zu ermorden.
Während die sehr überzogene Action im Europudding-Verlauf der Film-Reise eher langweilt, ist „The Hitman's Bodyguard" wie er eigentlich heißt, ein Hit in Sachen Beziehungen. Ganz zu schweigen von der wunderbaren Freundschaft, die sich zwischen Killer und Bodyguard entwickeln wird, tauschen beide sich noch über ihre Frauen-Probleme aus: Der eiskalte Kinkade ist nämlich ein unheimlich romantischer Killer - der perfekte (Ab-) Schuss gilt ihm nichts, wenn er es seiner Sonja nicht erzählen kann. Dabei hätte Salma Hayeks Sonia, die wegen ihrem Mann im Amsterdamer Knast sitzt, einen eigenen Film verdient. Von der durchgeknallten Art, wie sie den ganzen Laden terrorisiert bis zur schwülstigen Kennenlernszene in einer mexikanischen Kneipe, bei deren Zeitlupe locker zehn miese Typen draufgehen, verdient sie wenigstens den Titel „Des Killers Bodyguard und auch seine Frau".
Klar, dass der harte Typ, der seiner Frau erst einen Korb voller Tulpen in die vergitterte Aussicht stellt, bevor er die Welt rettet, dem spießigen, übervorsichtigen und sehr schwierigen Sicherheits-Fanatiker Bryce einige Beziehungstipps geben kann. So unterhält diese ungleiche Paar vortrefflich und die Stars der Produktion sind jeden Dollar Gage wert, während der tatsächlich ernstgemeinte Teil mit der überzogenen Action eher peinlich ausfällt. Aber man muss ja zwischen dem lauten Lachen auch mal durchatmen.
Zwei Superhelden haben auf Urlaub von der Job-Routine sehr, sehr viel Spaß: Ryan Reynolds gibt ansonsten den Deadpool oder - noch alberner - die Grüne Laterne und darf jetzt als perfektionistischer Bodyguard Michael Bryce sein Ranking aufbessern - mit vielen, vielen Leichen. Samuel L. Jackson, als Nick Fury aus den Avengers eine enorme Verschwendung von Potential, gibt den unkontrollierbaren Super-Killer Darius Kincaid, den Reynolds Sicherheits-Pedant Michael Bryce beschützen soll.
Der Präsident von Weißrussland, nicht nur skrupelloser Diktator, sondern auch sadistischer Killer ganzer Dörfer, steht vor dem internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. In diesem Film, in der Realität dauert es noch etwas. Doch der einzige Zeuge, der Vladislav Dukhovich (Gary Oldman) in dieser sehr schwachen und schematischen Konstruktion belasten kann, ist ausgerechnet Darius Kincaid, der sich selbst mehr als 200 Morde zuschreibt. Waren alles üble Kerle - so weit er weiß. Diese vorhersehbare Action- und Buddy-Routine gewährt uns das ausgesprochene Vergnügen, Ryan Reynolds und Samuel L. Jackson komödiantisch an der Arbeit zu sehen. Nach gleich zwei kurzen, coolen Einführungen müssen sie zusammen von London nach Den Haag, wobei ihnen nicht nur Dukhovichs äußerst brutale Killer, sondern auch ein Maulwurf bei Interpol auf den Fersen ist.
So weit, so vorhersehbar. Doch schon wie Michael Bryce als heruntergekommener Bewacher mit eingebildetem „Triple A"-Status von seiner Ex-Freundin Amelia (Elodie Yung) bei Interpol in den Auftrag gezogen wird, ist allein wegen der Gesichtszüge von Reynolds ein herrlicher Spaß. Schon seine eingefrorene Mimik angesichts der größten anzunehmenden Katastrophe im Job erinnerte stark an den wahnsinnigen Blick aus dem genialen Sprechende-Katzen-Film „The Voices". Dass Bryce nun auf Kinkade aufpassen soll, ergibt eine besonders reizvolle Paarung, da der Killer mindestens 28 Mal bei sich überkreuzenden Aufträgen versucht hat, den Aufpasser zu ermorden.
Während die sehr überzogene Action im Europudding-Verlauf der Film-Reise eher langweilt, ist „The Hitman's Bodyguard" wie er eigentlich heißt, ein Hit in Sachen Beziehungen. Ganz zu schweigen von der wunderbaren Freundschaft, die sich zwischen Killer und Bodyguard entwickeln wird, tauschen beide sich noch über ihre Frauen-Probleme aus: Der eiskalte Kinkade ist nämlich ein unheimlich romantischer Killer - der perfekte (Ab-) Schuss gilt ihm nichts, wenn er es seiner Sonja nicht erzählen kann. Dabei hätte Salma Hayeks Sonia, die wegen ihrem Mann im Amsterdamer Knast sitzt, einen eigenen Film verdient. Von der durchgeknallten Art, wie sie den ganzen Laden terrorisiert bis zur schwülstigen Kennenlernszene in einer mexikanischen Kneipe, bei deren Zeitlupe locker zehn miese Typen draufgehen, verdient sie wenigstens den Titel „Des Killers Bodyguard und auch seine Frau".
Klar, dass der harte Typ, der seiner Frau erst einen Korb voller Tulpen in die vergitterte Aussicht stellt, bevor er die Welt rettet, dem spießigen, übervorsichtigen und sehr schwierigen Sicherheits-Fanatiker Bryce einige Beziehungstipps geben kann. So unterhält diese ungleiche Paar vortrefflich und die Stars der Produktion sind jeden Dollar Gage wert, während der tatsächlich ernstgemeinte Teil mit der überzogenen Action eher peinlich ausfällt. Aber man muss ja zwischen dem lauten Lachen auch mal durchatmen.
23.8.17
Western (2017)
BRD, Bulgarien, Österreich 2017 Regie: Valeska Grisebach mit Meinhard Neumann, Reinhardt Wetrek, Syuleyman Alilov Letifov 121 Min. FSK: ab 12
Die Cowboys von heute sind Bauarbeiter auf Einsatz im Ausland: Arbeitskräfte aus Deutschland sollen in noch unberührter bulgarischer Landschaft den Bau eines Wasserkraftwerks vorbereiten. Die Truppe zeigt sich grob, unsensibel und aggressiv. Die Männer ziehen eine deutsche Fahne auf, als ob sie in Afghanistan wären und belästigen Frauen beim Baden. Gastarbeiter und Eingeborene verstehen sich nicht, wir haben dank Untertitel einen Vorteil. Wir erfahren, dass hier im Krieg schon sehr elegante Deutsche waren und Menschen umgebracht haben. Allein Meinhard (Meinhard Neumann), ein ehemaliger Legionär, sucht Kontakt mit den Einheimischen, arbeitet mit ihnen, lässt sich Reitunterricht geben. Doch letztlich wird er der Fremde bleiben. Was auch am klassischen Kampf ums Wasser und um geklauten Kies liegt.
Schon Valeska Grisebachs „Sehnsucht" (2006), die Geschichte eines Freiwilligen Feuerwehrmannes aus Brandenburg und seiner verzehrenden Leidenschaft, fesselte in der Mischung aus Inszenierung, Schauspiel-Laien und dokumentarischem Hintergrund. „Western" zeigt einen sehr reizvollen Gegensatz aus unprofessionell rauem Laien-Spiel und den verselbständigten Chiffren des Genres Western. Der Titel gibt etwas Nachhilfe, doch die schroffen Landschaften, die einsamen Flusstäler, sogar freilaufende Pferde lassen unweigerlich auch im Osten das klassische Genre aufleben. Das ist raffiniert und reizvoll gemacht, die sehr ruhige Entwicklung erfordert allerdings einige Geduld.
Die Cowboys von heute sind Bauarbeiter auf Einsatz im Ausland: Arbeitskräfte aus Deutschland sollen in noch unberührter bulgarischer Landschaft den Bau eines Wasserkraftwerks vorbereiten. Die Truppe zeigt sich grob, unsensibel und aggressiv. Die Männer ziehen eine deutsche Fahne auf, als ob sie in Afghanistan wären und belästigen Frauen beim Baden. Gastarbeiter und Eingeborene verstehen sich nicht, wir haben dank Untertitel einen Vorteil. Wir erfahren, dass hier im Krieg schon sehr elegante Deutsche waren und Menschen umgebracht haben. Allein Meinhard (Meinhard Neumann), ein ehemaliger Legionär, sucht Kontakt mit den Einheimischen, arbeitet mit ihnen, lässt sich Reitunterricht geben. Doch letztlich wird er der Fremde bleiben. Was auch am klassischen Kampf ums Wasser und um geklauten Kies liegt.
Schon Valeska Grisebachs „Sehnsucht" (2006), die Geschichte eines Freiwilligen Feuerwehrmannes aus Brandenburg und seiner verzehrenden Leidenschaft, fesselte in der Mischung aus Inszenierung, Schauspiel-Laien und dokumentarischem Hintergrund. „Western" zeigt einen sehr reizvollen Gegensatz aus unprofessionell rauem Laien-Spiel und den verselbständigten Chiffren des Genres Western. Der Titel gibt etwas Nachhilfe, doch die schroffen Landschaften, die einsamen Flusstäler, sogar freilaufende Pferde lassen unweigerlich auch im Osten das klassische Genre aufleben. Das ist raffiniert und reizvoll gemacht, die sehr ruhige Entwicklung erfordert allerdings einige Geduld.
22.8.17
Das ist unser Land!
Frankreich, Belgien 2017 (Chez Nous) Regie: Lucas Belvaux mit Émilie Dequenne, André Dussollier, Catherine Jacob, Guillaume Gouix 117 Min. FSK: ab 12
Ausgerechnet Émilie Dequenne, das getrieben um einen Job kämpfende Mädchen „Rosetta" der Brüder Dardenne, die Galionsfigur eines verzweifelten Prekariats spielt nun einen Pflegerin, die zur Kandidatin einer rechtsextremen „Front National"-Kopie wird. Also exakt die Gegenfigur zu Adèle Haenel, deren Ärztin sich im letzten Dardenne „Das unbekannte Mädchen" von der Karriere zur sozialen Verantwortung wendet. Es hört sich zuerst gut an, das Angebot, dass der befreundete Arzt Dr. Berthier (André Dussollier) der engagierten Krankenschwester Pauline (Émilie Dequenne) macht. Es soll sich endlich etwas verändern in der Kleinstadt im strukturschwachen Norden Frankreichs. Deshalb soll die bislang unpolitische Pauline kandidieren und die Partei-Chefin unterstützen. Die heißt zwar anders, sieht aber exakt wie Marine Le Pen mit ihrer Front National aus, äußerlich und von den rechten, fremdenfeindlichen Ideen her.
Die Werbung um Pauline erfolgt nicht mit dem Holzhammer, subtil sind die Verführungen des charmanten und charismatischen Dr. Berthier. Allerdings lässt schon die stramme Begeisterung der Statisten bei einer Parteiversammlung erschaudern. Pauline schmettert hier begeistert die Nationalhymne mit. Die Handlungen ihres alten Freundes und neuen Geliebten sind dagegen schlicht brutal. Zwar ist „Stanko" (Guillaume Gouix) von der Partei nicht mehr gelitten, aber sie haben eine gemeinsame Vergangenheit. Raffiniert werden wie die beiden Stränge gegeneinander geschnitten und zeigen zwei Seiten einer Medaille.
In Vorbereitung der Kandidatur von Pauline werden die Taktiken der Populisten ebenso durchgenommen wie die Phrasen der Rechten und der Liberalen. In ihrer Umgebung erfährt die vorher lebensfrohe Frau nun ein Kaleidoskop von Reaktionen. Der offene Rassismus scheint selbst in der bürgerlichen Bevölkerung normal zu sein, Jugendliche werden zu angsteinjagenden Hassgesichtern und verbreiten im Internet Propaganda. Paulines sterbenskranker linker Vater findet deutliche Worte „Ich werde nie der Vater einer Faschistin sein. Verschwinde und komme nie wieder!" Deren Quintessenz stellt eine Verhärtung der Fronten und ein Auseinanderfallen der Gesellschaft dar. Im Film kommt es sogar zum bewaffneten Kampf.
Dank Émilie Dequennes lebhafter Darstellung und dem wohl tarierten Drehbuch zeigt „Das ist unser Land!" eine sehr lebendige Vivisektion der Populisten. Schwarz-Weiß-Zeichnungen tauchen höchstens in der Propaganda der Rassisten auf, aber nicht im Spektrum der Meinungen.
Ausgerechnet Émilie Dequenne, das getrieben um einen Job kämpfende Mädchen „Rosetta" der Brüder Dardenne, die Galionsfigur eines verzweifelten Prekariats spielt nun einen Pflegerin, die zur Kandidatin einer rechtsextremen „Front National"-Kopie wird. Also exakt die Gegenfigur zu Adèle Haenel, deren Ärztin sich im letzten Dardenne „Das unbekannte Mädchen" von der Karriere zur sozialen Verantwortung wendet. Es hört sich zuerst gut an, das Angebot, dass der befreundete Arzt Dr. Berthier (André Dussollier) der engagierten Krankenschwester Pauline (Émilie Dequenne) macht. Es soll sich endlich etwas verändern in der Kleinstadt im strukturschwachen Norden Frankreichs. Deshalb soll die bislang unpolitische Pauline kandidieren und die Partei-Chefin unterstützen. Die heißt zwar anders, sieht aber exakt wie Marine Le Pen mit ihrer Front National aus, äußerlich und von den rechten, fremdenfeindlichen Ideen her.
Die Werbung um Pauline erfolgt nicht mit dem Holzhammer, subtil sind die Verführungen des charmanten und charismatischen Dr. Berthier. Allerdings lässt schon die stramme Begeisterung der Statisten bei einer Parteiversammlung erschaudern. Pauline schmettert hier begeistert die Nationalhymne mit. Die Handlungen ihres alten Freundes und neuen Geliebten sind dagegen schlicht brutal. Zwar ist „Stanko" (Guillaume Gouix) von der Partei nicht mehr gelitten, aber sie haben eine gemeinsame Vergangenheit. Raffiniert werden wie die beiden Stränge gegeneinander geschnitten und zeigen zwei Seiten einer Medaille.
In Vorbereitung der Kandidatur von Pauline werden die Taktiken der Populisten ebenso durchgenommen wie die Phrasen der Rechten und der Liberalen. In ihrer Umgebung erfährt die vorher lebensfrohe Frau nun ein Kaleidoskop von Reaktionen. Der offene Rassismus scheint selbst in der bürgerlichen Bevölkerung normal zu sein, Jugendliche werden zu angsteinjagenden Hassgesichtern und verbreiten im Internet Propaganda. Paulines sterbenskranker linker Vater findet deutliche Worte „Ich werde nie der Vater einer Faschistin sein. Verschwinde und komme nie wieder!" Deren Quintessenz stellt eine Verhärtung der Fronten und ein Auseinanderfallen der Gesellschaft dar. Im Film kommt es sogar zum bewaffneten Kampf.
Dank Émilie Dequennes lebhafter Darstellung und dem wohl tarierten Drehbuch zeigt „Das ist unser Land!" eine sehr lebendige Vivisektion der Populisten. Schwarz-Weiß-Zeichnungen tauchen höchstens in der Propaganda der Rassisten auf, aber nicht im Spektrum der Meinungen.
Tulpenfieber
Großbritannien/USA 2017 (Tulip Fever) Regie: Justin Chadwick mit Alicia Vikander, Christoph Waltz, Holliday Grainger, Dane DeHaan, Judi Dench 105 Min. FSK: ab 6
Ein Gemälde von einem Film! Ja, wie schon „Das Mädchen mit dem Perlenohrring" sieht auch alles um die unglückliche Ehefrau Sophia (Alicia Vikander) im Amsterdam des Jahres 1630 aus wie gemalt. Der in Farben und Sujets nachempfundene Stil niederländischer Malerei inspiriert Regie und Kamera erneut, die wechselhafte Geschichte zweier Lieben vor dem Hintergrund der wahnsinnigen Tulpen-Spekulationen in „Tulpenfieber" packt trotz einiger Trivialitäten vor allem durch Stars wie Alicia Vikander, Christoph Waltz und Judi Dench.
Der explodierende niederländische Handel mit kostbaren Tulpen-Zwiebeln gilt als Mutter aller Spekulations-Blasen. Doch „Tulpenfieber" zeigt viele Händel und anderen Handel, Menschenhandel: So wird die Waise Sophia (Alicia Vikander) aus dem Kloster der geschäftstüchtigen Äbtissin (Judi Dench) an den reichen Gewürzhändler Cornelis Sandvoort (Christoph Waltz) verkauft. Dieser braucht nach dem schmerzlichen Tod von Frau und Kind bei der Geburt eine neue Frau, um Nachfahren zu zeugen. Trotz grandios liebloser und zwischen peinlich und eklig schwänzelnden Versuchen in jeder Nacht wird Sophia nicht schwanger. Im Gegensatz zu ihrer Dienstmagd Maria (Holliday Grainger), die sich eines lustvollen Liebeslebens mit dem Fischhändler Willem (Jack O'Connell) erfreut. Die Sache wird richtig kompliziert und zu einer Verwechslungs-Tragödie, weil der bei aller Gottesfürchtigkeit maximal eitle Sandvoort zur Repräsentation ein Familienporträt in Auftrag gibt. Prompt verlieben sich Sophia und der junge Maler Jan van Loos (Dane DeHaan). Da die heimlichen Rendezvous immer unter einem Mantel der Verschwiegenheit und dem blauen der Magd geschehen, rast Willem eifersüchtig, lässt sich den Gewinn aus seinen Tulpen-Spekulationen klauen und wird besoffen zur Handelsschifffahrt entführt. Der nächste Menschen-Handel, der (unerwähnt) auch zur Sklaverei führt. Rund wird das Skript dadurch, dass der verliebte Maler ausgerechnet mit der seltenen Tulpenzwiebel „Admiral Maria" von Willem die Fluchttickets für ihn und Sophia finanzieren will...
Ja, Drehbuchautor Tom Stoppard kann was und vor allem das: Tiefergehende historische Betrachtungen mit emotionalen Dramen und mehrschichtigen Figuren aufladen. Das gelang ihm von „Anna Karenina" (2012) bis „Shakespeare in Love" (1998). Aber auch andere Erfolge wie den Gangsterfilm „Billy Bathgate", den Spionagefilm „Das Rußland-Haus", die Shakespeare-Variation „Rosenkranz & Güldenstern" oder den Klassiker „Brazil" kann er auf der Haben-Seite notieren.
Es ist herrlich, wie Christoph Waltz als eitler Pfeffersack die ganze Tulpen-Manie verachtet. Aber auch mit zu großer Selbstsicherheit auf die Festgefügtheit von Ständen und Besitztümer vertraut. Das macht ihn zur tragischsten Figur in dem Gesellschafts-Stück mit den klassischen zwei Liebesgeschichten bei Herrschaft und den Dienern. Auch Alicia Vikander überzeugt wie erwartet in ihrem einfacher gestrickten Leiden. Während Eitelkeit und Vanitas neben dem Paar traditionell immer im Porträt sind, mischt die Äbtissin im Auftrag des Papstes ganz modern im Geschäftsleben mit. Dabei ist tatsächlich nicht der Spekulations-Wahnsinn für die Tragik verantwortlich, sondern die Dummheit, einen Alkoholiker mit einem Vermögen durch die immer reichlich belebten Grachten-Gassen voller Diebe und Gaukler zu schicken, der die Zwiebel im Suff aufisst. Während wiederum das Ultramarinblau von Sophias Kleid, zwar für die Reinheit steht, aber banal ökonomisch auch als das Blau von „über dem Meere", von einem weit entfernten Steinbruch, die teuerste Farbe ist. So schwankt Stoppard zwischen klugen Ideen und einem boulevardesken Versteckspiel, das manchmal zur Farce wird.
PS: „Valerian" Dane DeHaan trifft hier übrigens seine „Veronique" Cara Delevingne in der Rolle als diebische Prostituierte Annetje. Ist diese alles nur eine Zeitreise eines anderen Films?
Ein Gemälde von einem Film! Ja, wie schon „Das Mädchen mit dem Perlenohrring" sieht auch alles um die unglückliche Ehefrau Sophia (Alicia Vikander) im Amsterdam des Jahres 1630 aus wie gemalt. Der in Farben und Sujets nachempfundene Stil niederländischer Malerei inspiriert Regie und Kamera erneut, die wechselhafte Geschichte zweier Lieben vor dem Hintergrund der wahnsinnigen Tulpen-Spekulationen in „Tulpenfieber" packt trotz einiger Trivialitäten vor allem durch Stars wie Alicia Vikander, Christoph Waltz und Judi Dench.
Der explodierende niederländische Handel mit kostbaren Tulpen-Zwiebeln gilt als Mutter aller Spekulations-Blasen. Doch „Tulpenfieber" zeigt viele Händel und anderen Handel, Menschenhandel: So wird die Waise Sophia (Alicia Vikander) aus dem Kloster der geschäftstüchtigen Äbtissin (Judi Dench) an den reichen Gewürzhändler Cornelis Sandvoort (Christoph Waltz) verkauft. Dieser braucht nach dem schmerzlichen Tod von Frau und Kind bei der Geburt eine neue Frau, um Nachfahren zu zeugen. Trotz grandios liebloser und zwischen peinlich und eklig schwänzelnden Versuchen in jeder Nacht wird Sophia nicht schwanger. Im Gegensatz zu ihrer Dienstmagd Maria (Holliday Grainger), die sich eines lustvollen Liebeslebens mit dem Fischhändler Willem (Jack O'Connell) erfreut. Die Sache wird richtig kompliziert und zu einer Verwechslungs-Tragödie, weil der bei aller Gottesfürchtigkeit maximal eitle Sandvoort zur Repräsentation ein Familienporträt in Auftrag gibt. Prompt verlieben sich Sophia und der junge Maler Jan van Loos (Dane DeHaan). Da die heimlichen Rendezvous immer unter einem Mantel der Verschwiegenheit und dem blauen der Magd geschehen, rast Willem eifersüchtig, lässt sich den Gewinn aus seinen Tulpen-Spekulationen klauen und wird besoffen zur Handelsschifffahrt entführt. Der nächste Menschen-Handel, der (unerwähnt) auch zur Sklaverei führt. Rund wird das Skript dadurch, dass der verliebte Maler ausgerechnet mit der seltenen Tulpenzwiebel „Admiral Maria" von Willem die Fluchttickets für ihn und Sophia finanzieren will...
Ja, Drehbuchautor Tom Stoppard kann was und vor allem das: Tiefergehende historische Betrachtungen mit emotionalen Dramen und mehrschichtigen Figuren aufladen. Das gelang ihm von „Anna Karenina" (2012) bis „Shakespeare in Love" (1998). Aber auch andere Erfolge wie den Gangsterfilm „Billy Bathgate", den Spionagefilm „Das Rußland-Haus", die Shakespeare-Variation „Rosenkranz & Güldenstern" oder den Klassiker „Brazil" kann er auf der Haben-Seite notieren.
Es ist herrlich, wie Christoph Waltz als eitler Pfeffersack die ganze Tulpen-Manie verachtet. Aber auch mit zu großer Selbstsicherheit auf die Festgefügtheit von Ständen und Besitztümer vertraut. Das macht ihn zur tragischsten Figur in dem Gesellschafts-Stück mit den klassischen zwei Liebesgeschichten bei Herrschaft und den Dienern. Auch Alicia Vikander überzeugt wie erwartet in ihrem einfacher gestrickten Leiden. Während Eitelkeit und Vanitas neben dem Paar traditionell immer im Porträt sind, mischt die Äbtissin im Auftrag des Papstes ganz modern im Geschäftsleben mit. Dabei ist tatsächlich nicht der Spekulations-Wahnsinn für die Tragik verantwortlich, sondern die Dummheit, einen Alkoholiker mit einem Vermögen durch die immer reichlich belebten Grachten-Gassen voller Diebe und Gaukler zu schicken, der die Zwiebel im Suff aufisst. Während wiederum das Ultramarinblau von Sophias Kleid, zwar für die Reinheit steht, aber banal ökonomisch auch als das Blau von „über dem Meere", von einem weit entfernten Steinbruch, die teuerste Farbe ist. So schwankt Stoppard zwischen klugen Ideen und einem boulevardesken Versteckspiel, das manchmal zur Farce wird.
PS: „Valerian" Dane DeHaan trifft hier übrigens seine „Veronique" Cara Delevingne in der Rolle als diebische Prostituierte Annetje. Ist diese alles nur eine Zeitreise eines anderen Films?
Atomic Blonde
USA 2017 Regie: David Leitch mit Charlize Theron, James McAvoy, John Goodman, Sofia Boutella, Til Schweiger 115 Min. FBW: ab 16
Der neue Til Schweiger-Film ist in der Hauptrolle nicht mit seiner Tochter besetzt, sondern mit Charlize Theron - was den Unterschied zwischen einer totalen Katastrophe und einer lauten, teuren Hollywood-Katastrophe darstellt. Aber bitterer Scherz beiseite, in „Atomic Blonde" ist Schweiger nur eine von vielen unfreiwilligen Witzfiguren am Rande einer zeitweise brutalen und immer recht geistlosen Action-Orgie in Berlin.
Das Beste an West-Berlin vor dem Fall der Mauer war anscheinend die Musik von David Bowie, so hört es sich in „Atomic Blonde" an. Ansonsten konnte man zwischen Ost und West gute Geschäfte machen, indem man einfach durch irgendeinen Tunnel ging. Besonders heiße Geschäfte machen die internationalen Agenten in der geteilten Stadt. Als beim Dealen 1989 eine hochbrisante Liste mit Agenten und Doppelagenten verloren geht, fliegt MI6 seine besonders coole Lorraine Broughton (Charlize Theron) ein.
Da ihre Ankunft längst verraten ist und der lebelustige Kontaktmann Percival (James McAvoy) wieder zu spät, gibt es die nächste Verfolgungsjagd, in der Lorraine die ersten von sehr vielen blauen Flecken abbekommt. Der Rest der Suche nach dem Verräter ist vorhersehbar und läuft schematisch wie eine TV-Serie ab. Das Offensichtliche soll mit attraktiven Kulissen, netter Retro-Ausstattung (BMW R80, gelbe Telefonzellen) und Figuren wie der auch mal nackten, bi-sexuellen Nachwuchs-Agentin Frankreichs (Sofia Boutella) überdeckt werden. Deshalb zieht sich Theron auch dauernd um, wenn sie sich mal nicht prügelt.
Auch dass Lorraine alles bei einer strengen Nachbesprechung nacherzählt, macht aus diesem lauten, brutalen Nichts noch keinen „Manchurian Kandidat" und noch viel weniger einen spannenden Agenten-Thriller wie „No way out". Darin trieb 1987 Regisseur Roger Donaldson nämlich Kevin Costner noch wirklich raffiniert in die Enge und dessen Figur reagierte genial getrieben.
Basierend auf der Graphic Novel „The Coldest City" von Anthony Johnston, Sam Hart inszenierte der Ex-Stuntman David Leitch - und so sieht das Ganze dann auch aus. Kalter Krieg in kalten Farben, was für eine geniale, einmalige Idee! „Space Oddity" („Ground Control to Major Tom...") und „99 Luftballons" plärren auf der Tonspur, Zeitgeschichte ist in „Aeon Flux" nur Staffage. Filmkunst gibt es allein in einer Szene, in der Tarkowskis „Stalker" im Kino International als Hintergrund für - was wohl? - eine Prügelszene dient. Ok, in diese teilweise sehr drastischen und ausdauernden Kloppereien fällt auch noch die Kamera von Jonathan Sela auf, die sich geradezu virtuell zwischen den Schlägern und den Schlägern hin und her bewegt. Eine Reminiszenz an Karl Freunds „fliegende Kamera" bei „Der letzte Mann" (1924) mit Emil Jannings ebenfalls in Berlin? Das würde wie die Faust aufs Auge passen und ist selbstverständlich nur ein Zufall. „Atomic Blonde" bietet nicht mehr als nett dekorierte Action-Routine, die Charlize Theron nach „Aeon Flux" und „Mad Max" weiter als Action-Figur etablieren soll.
Der neue Til Schweiger-Film ist in der Hauptrolle nicht mit seiner Tochter besetzt, sondern mit Charlize Theron - was den Unterschied zwischen einer totalen Katastrophe und einer lauten, teuren Hollywood-Katastrophe darstellt. Aber bitterer Scherz beiseite, in „Atomic Blonde" ist Schweiger nur eine von vielen unfreiwilligen Witzfiguren am Rande einer zeitweise brutalen und immer recht geistlosen Action-Orgie in Berlin.
Das Beste an West-Berlin vor dem Fall der Mauer war anscheinend die Musik von David Bowie, so hört es sich in „Atomic Blonde" an. Ansonsten konnte man zwischen Ost und West gute Geschäfte machen, indem man einfach durch irgendeinen Tunnel ging. Besonders heiße Geschäfte machen die internationalen Agenten in der geteilten Stadt. Als beim Dealen 1989 eine hochbrisante Liste mit Agenten und Doppelagenten verloren geht, fliegt MI6 seine besonders coole Lorraine Broughton (Charlize Theron) ein.
Da ihre Ankunft längst verraten ist und der lebelustige Kontaktmann Percival (James McAvoy) wieder zu spät, gibt es die nächste Verfolgungsjagd, in der Lorraine die ersten von sehr vielen blauen Flecken abbekommt. Der Rest der Suche nach dem Verräter ist vorhersehbar und läuft schematisch wie eine TV-Serie ab. Das Offensichtliche soll mit attraktiven Kulissen, netter Retro-Ausstattung (BMW R80, gelbe Telefonzellen) und Figuren wie der auch mal nackten, bi-sexuellen Nachwuchs-Agentin Frankreichs (Sofia Boutella) überdeckt werden. Deshalb zieht sich Theron auch dauernd um, wenn sie sich mal nicht prügelt.
Auch dass Lorraine alles bei einer strengen Nachbesprechung nacherzählt, macht aus diesem lauten, brutalen Nichts noch keinen „Manchurian Kandidat" und noch viel weniger einen spannenden Agenten-Thriller wie „No way out". Darin trieb 1987 Regisseur Roger Donaldson nämlich Kevin Costner noch wirklich raffiniert in die Enge und dessen Figur reagierte genial getrieben.
Basierend auf der Graphic Novel „The Coldest City" von Anthony Johnston, Sam Hart inszenierte der Ex-Stuntman David Leitch - und so sieht das Ganze dann auch aus. Kalter Krieg in kalten Farben, was für eine geniale, einmalige Idee! „Space Oddity" („Ground Control to Major Tom...") und „99 Luftballons" plärren auf der Tonspur, Zeitgeschichte ist in „Aeon Flux" nur Staffage. Filmkunst gibt es allein in einer Szene, in der Tarkowskis „Stalker" im Kino International als Hintergrund für - was wohl? - eine Prügelszene dient. Ok, in diese teilweise sehr drastischen und ausdauernden Kloppereien fällt auch noch die Kamera von Jonathan Sela auf, die sich geradezu virtuell zwischen den Schlägern und den Schlägern hin und her bewegt. Eine Reminiszenz an Karl Freunds „fliegende Kamera" bei „Der letzte Mann" (1924) mit Emil Jannings ebenfalls in Berlin? Das würde wie die Faust aufs Auge passen und ist selbstverständlich nur ein Zufall. „Atomic Blonde" bietet nicht mehr als nett dekorierte Action-Routine, die Charlize Theron nach „Aeon Flux" und „Mad Max" weiter als Action-Figur etablieren soll.
21.8.17
Hampstead Park
Großbritannien 2017 (Hampstead) Regie: Joel Hopkins mit Diane Keaton, Brendan Gleeson 103 Min. FSK: ab 0
Donald Homer (Brendan Gleeson) ist ein alter Philosoph, der nicht im Fass, sondern in einer waldromantischen Hütte lebt. Die dummerweise in einem alten, verwachsenen Klinikumspark steht, den Immobilien-Investoren der Allgemeinheit entreißen und versilbern wollen. Am Rande des Parks wohnt in einer Luxus-Immobilie die Witwe Emily Walters (Diane Keaton), die Donald und seine Hütte wunderbar vom Dachgeschoß des Appartement-Komplexes beobachten kann. Eines Tages wechselt die Seite. Sie unterstützt nicht mehr die wohlhabenden Mitbewohnerinnen, sondern wird Leiterin eine Kampagne, um das alte Krankenhaus-Gelände zu retten. Und damit auch Donald, den sie - wenig subtil - am Grab von Karl Marx traf, nachdem sie nebenan am Grab ihres Mannes ihre Wut herrlich laut zum Ausdruck gebracht hat. Die immer etwas ungewöhnlichen ersten Dates mit dem gleichzeitig ganz modernen und altmodischen Selbstversorger lassen schmunzeln, wenn Emily sich ihren Fisch erst selbst angeln muss. Klar, dass die beiden Dickköpfe, die jeweils ein paar unangenehme Realitäten ignorieren, sich erst wortreich reiben müssen, bevor sie sich romantisch reiben können. Dabei geriet die routinierte Aufregung, als er das erste Mal bei ihr zuhause ist, mehr peinlich als lustig.
Brendan Gleeson („Das Gesetz der Familie") überzeugt als gelassener, geistreicher Genießer, der auch mal glaubwürdig Grashüpfer verspeist. Diane Keaton sieht mit Hosenanzug und Baskenmütze, die demonstrativ zufällig gekauft wird, aus wie immer in ihren Filmen. Nur spielt sie diesmal nicht in New York, sondern in einem teuren Vorort Londons. Das Ergebnis ist eine sehr dünne Geschichte, die mit einem routinierten Lounge-Pianisten auf Überlänge gestreckt wurde. Dieses Senioren-Kino lässt sich bei Figuren, die nicht mehr ganz viele Jahrzehnte vor sich haben, zu viel Zeit. Viel zu spät setzt künstliches Drama ein, wie angeklebt folgt tatsächlich noch eine Gerichtsverhandlung mit einer völlig dahergelaufenen Deux ex machina-Lösung. Ein mäßiges Märchen, das die wahren Mechanismen von Gentrifizierung und Enteignungen für Immobilien-Spekulationen oder Braunkohle-Abbau bei einer wohlfeilen Protestler-Kulisse ärgerlich ignoriert.
Donald Homer (Brendan Gleeson) ist ein alter Philosoph, der nicht im Fass, sondern in einer waldromantischen Hütte lebt. Die dummerweise in einem alten, verwachsenen Klinikumspark steht, den Immobilien-Investoren der Allgemeinheit entreißen und versilbern wollen. Am Rande des Parks wohnt in einer Luxus-Immobilie die Witwe Emily Walters (Diane Keaton), die Donald und seine Hütte wunderbar vom Dachgeschoß des Appartement-Komplexes beobachten kann. Eines Tages wechselt die Seite. Sie unterstützt nicht mehr die wohlhabenden Mitbewohnerinnen, sondern wird Leiterin eine Kampagne, um das alte Krankenhaus-Gelände zu retten. Und damit auch Donald, den sie - wenig subtil - am Grab von Karl Marx traf, nachdem sie nebenan am Grab ihres Mannes ihre Wut herrlich laut zum Ausdruck gebracht hat. Die immer etwas ungewöhnlichen ersten Dates mit dem gleichzeitig ganz modernen und altmodischen Selbstversorger lassen schmunzeln, wenn Emily sich ihren Fisch erst selbst angeln muss. Klar, dass die beiden Dickköpfe, die jeweils ein paar unangenehme Realitäten ignorieren, sich erst wortreich reiben müssen, bevor sie sich romantisch reiben können. Dabei geriet die routinierte Aufregung, als er das erste Mal bei ihr zuhause ist, mehr peinlich als lustig.
Brendan Gleeson („Das Gesetz der Familie") überzeugt als gelassener, geistreicher Genießer, der auch mal glaubwürdig Grashüpfer verspeist. Diane Keaton sieht mit Hosenanzug und Baskenmütze, die demonstrativ zufällig gekauft wird, aus wie immer in ihren Filmen. Nur spielt sie diesmal nicht in New York, sondern in einem teuren Vorort Londons. Das Ergebnis ist eine sehr dünne Geschichte, die mit einem routinierten Lounge-Pianisten auf Überlänge gestreckt wurde. Dieses Senioren-Kino lässt sich bei Figuren, die nicht mehr ganz viele Jahrzehnte vor sich haben, zu viel Zeit. Viel zu spät setzt künstliches Drama ein, wie angeklebt folgt tatsächlich noch eine Gerichtsverhandlung mit einer völlig dahergelaufenen Deux ex machina-Lösung. Ein mäßiges Märchen, das die wahren Mechanismen von Gentrifizierung und Enteignungen für Immobilien-Spekulationen oder Braunkohle-Abbau bei einer wohlfeilen Protestler-Kulisse ärgerlich ignoriert.
Happy Family
BRD 2017 Regie: Holger Tappe 93 Min. FSK: ab 0
Wow, was für ein Dracula! Die Mischung aus George Clooney und Ironman sollte mal öfters raus aus dem alten Schloss und nicht wegen einer alten Liebe in tausendjähriger Schwermut versinken. Zum Glück weckt ihn ein Anruf aus dem Selbstmitleid. Emma Wünschmann aus New York erkundigt sich nach falschen Vampirzähnen. Wie Emma jetzt an die Nummer des attraktiven Vampirs mit dem spanischen Dialekt kam, ist das erste von unzähligen Unstimmigkeiten eines Animationsfilms der - wie dieser Dracula - nur gut aussieht und ansonsten ziemlich mies ist.
Der sehr moderne und aufgrund des Telefonkontaktes frisch verliebte Dracula beauftragt ganz altmodisch die Hexe Baba Yaga, Emma in eine Vampirin zu verwandeln. Was nur klappt, wenn der betreffende Mensch unglücklich ist. Zum Glück leidet die Buchhändlerin weil der kleine Sohn gemobbt wird, die Tochter Teenager ist und der Mann Frank nur arbeitet. So hat Baba Yagas Zauber besonders viel Erfolg: Die ganze unglückliche Familie, die in Monsterverkleidung auf dem Weg zum Kostümfest ist, verwandelt sich in eine Vampir-Frau, eine Teenager-Mumie, einen kleinen Werwolf und Frank wird zu - haha - Frankenstein. Das Warum bleibt haarsträubend bei dieser Verfilmung einer Vorlage David Safiers, die er selbst mit Catharina Junk für einen sehr dick aufgesetzten und mangelhaft konstruierten Film umschrieb.
Hyperrealistische Animationsfiguren fangen an, Spaß zu machen, doch innerhalb von zehn Minuten verwandelt sich „Happy Familiy" zu einem Familien-Problemfilm. Die Musik von Hendrik Schwarzer behauptet ganz großes Drama, das Drehbuch liefert dazu nur ein dünnes Abziehbild von Konflikten des Nachmittags-Fernsehens. Es ist schon schlimm, dass die simpelsten Sinnsprüche (innere Schönheit ...) als Inhalt hinhalten sollen. Wie unverschämt schlecht sie verkauft werden, macht alle technische Brillanz zu einem abgeschmackten Tand. Die Namen der Verantwortlichen zeigen, dass hier deutsche Animation auf dem Weltmarkt mitspielen will, aber eine große Mängelliste scheint die einzige eigenständige Qualität des nur wenig glaubwürdigen und oft sinnfreien Bieder-Spaßes zu sein.
Wow, was für ein Dracula! Die Mischung aus George Clooney und Ironman sollte mal öfters raus aus dem alten Schloss und nicht wegen einer alten Liebe in tausendjähriger Schwermut versinken. Zum Glück weckt ihn ein Anruf aus dem Selbstmitleid. Emma Wünschmann aus New York erkundigt sich nach falschen Vampirzähnen. Wie Emma jetzt an die Nummer des attraktiven Vampirs mit dem spanischen Dialekt kam, ist das erste von unzähligen Unstimmigkeiten eines Animationsfilms der - wie dieser Dracula - nur gut aussieht und ansonsten ziemlich mies ist.
Der sehr moderne und aufgrund des Telefonkontaktes frisch verliebte Dracula beauftragt ganz altmodisch die Hexe Baba Yaga, Emma in eine Vampirin zu verwandeln. Was nur klappt, wenn der betreffende Mensch unglücklich ist. Zum Glück leidet die Buchhändlerin weil der kleine Sohn gemobbt wird, die Tochter Teenager ist und der Mann Frank nur arbeitet. So hat Baba Yagas Zauber besonders viel Erfolg: Die ganze unglückliche Familie, die in Monsterverkleidung auf dem Weg zum Kostümfest ist, verwandelt sich in eine Vampir-Frau, eine Teenager-Mumie, einen kleinen Werwolf und Frank wird zu - haha - Frankenstein. Das Warum bleibt haarsträubend bei dieser Verfilmung einer Vorlage David Safiers, die er selbst mit Catharina Junk für einen sehr dick aufgesetzten und mangelhaft konstruierten Film umschrieb.
Hyperrealistische Animationsfiguren fangen an, Spaß zu machen, doch innerhalb von zehn Minuten verwandelt sich „Happy Familiy" zu einem Familien-Problemfilm. Die Musik von Hendrik Schwarzer behauptet ganz großes Drama, das Drehbuch liefert dazu nur ein dünnes Abziehbild von Konflikten des Nachmittags-Fernsehens. Es ist schon schlimm, dass die simpelsten Sinnsprüche (innere Schönheit ...) als Inhalt hinhalten sollen. Wie unverschämt schlecht sie verkauft werden, macht alle technische Brillanz zu einem abgeschmackten Tand. Die Namen der Verantwortlichen zeigen, dass hier deutsche Animation auf dem Weltmarkt mitspielen will, aber eine große Mängelliste scheint die einzige eigenständige Qualität des nur wenig glaubwürdigen und oft sinnfreien Bieder-Spaßes zu sein.
15.8.17
Bigfoot Junior
Belgien, Frankreich 2017 (Son of Bigfoot) Regie: Ben Stassen, Jérémie Degruson 92 Min. FSK: ab 6
Adam ist ein ganz normaler Junge mit viel zu langem Haar. Auch wenige Stunden nachdem es kurz geschoren wurde. Als der bei seiner Mutter aufwachsende Schüler herausfinden will, wer sein Vater ist, findet er im Wald den legendären Bigfoot. Bigfoot versteckt, weil der böse Konzern HairCo seine DNA klauen will. So versteht Adam seine außergewöhnlichen Superkräfte, den Haarwuchs und seine Riesenfüße, die Fähigkeit, mit den Tieren zu sprechen. All das muss er auch bald einsetzen, denn beide werden von dunklen Konzern-Schergen verfolgt.
„Bigfoot Junior" erzählt keineswegs eine originelle Geschichte, weder bei Adams Alltag eines gemobbten Schülers noch bei der Bigfoot-Figur. Die ist im Kino-Zoo zwar nicht der Superhit, aber doch populär und bekannt. Im eigenen Stil von Ben Stassen-Produktionen wie „Robinson Crusoe", „Das magische Haus" oder „Sammy" bleiben seine Figuren mal mehr mal weniger Karikaturen, bunt und spaßig, aber Animationen ohne Anima, ohne Seele. Wirklich erstaunlich ist die Geschichte Stassens selbst mit seinem Aufstieg aus dem kleinen Dorf Aubel in Osten Belgiens zu zig Millionen schweren Produktionen, die mit Disney konkurrieren wollen. Der frühere 3D-Spezialist kann zwar ökonomische und zeitweise effektvolle Produktionen auf die Leinwand zaubern, aber immer wieder vermisst man das Herz in seinen Figuren.
Adam ist ein ganz normaler Junge mit viel zu langem Haar. Auch wenige Stunden nachdem es kurz geschoren wurde. Als der bei seiner Mutter aufwachsende Schüler herausfinden will, wer sein Vater ist, findet er im Wald den legendären Bigfoot. Bigfoot versteckt, weil der böse Konzern HairCo seine DNA klauen will. So versteht Adam seine außergewöhnlichen Superkräfte, den Haarwuchs und seine Riesenfüße, die Fähigkeit, mit den Tieren zu sprechen. All das muss er auch bald einsetzen, denn beide werden von dunklen Konzern-Schergen verfolgt.
„Bigfoot Junior" erzählt keineswegs eine originelle Geschichte, weder bei Adams Alltag eines gemobbten Schülers noch bei der Bigfoot-Figur. Die ist im Kino-Zoo zwar nicht der Superhit, aber doch populär und bekannt. Im eigenen Stil von Ben Stassen-Produktionen wie „Robinson Crusoe", „Das magische Haus" oder „Sammy" bleiben seine Figuren mal mehr mal weniger Karikaturen, bunt und spaßig, aber Animationen ohne Anima, ohne Seele. Wirklich erstaunlich ist die Geschichte Stassens selbst mit seinem Aufstieg aus dem kleinen Dorf Aubel in Osten Belgiens zu zig Millionen schweren Produktionen, die mit Disney konkurrieren wollen. Der frühere 3D-Spezialist kann zwar ökonomische und zeitweise effektvolle Produktionen auf die Leinwand zaubern, aber immer wieder vermisst man das Herz in seinen Figuren.
Chavela
USA, Mexiko, Spanien 2017 Regie: Catherine Gund, Daresha Kyi 90 Min.
Chavela Vargas (1919-2013) war nicht nur eine großartige Sängerin aus Mexiko, die sich die traditionell den Männern vorbehaltenen Rancheras, mexikanische Lieder über die unerfüllte Liebe, Weltschmerz und Einsamkeit, aneignete. Sie trug Hosen, als das in Mexiko für eine Frau unmöglich war. In dem interessanten klassischen Dokumentarfilm erzählt Chavela mit viel bissigem Humor selbst von ihrem Aufstieg und noch lieber von ihren Abenteuern. Mit ihrer tiefen, rauen Stimme befreite die offen lesbische Chavela die Rancheras vom süßlichen Kitsch und wurde erst in Mexiko und später weltweit bekannt. Ihr burschikoses Auftreten und der Poncho machten sie unverwechselbar. Nach ihrem Comeback in den 1990ern wurde Vargas auch bekannt dafür, den Filmen Pedro Almodóvars eine Stimme gegeben zu haben. Ihr Lied „Volver" wurde zum Titel eines seiner Filme. Das Porträt einer erstaunlichen Künstlerin fasziniert vor allem im ersten Teil mit historischen Aufnahmen und Geschichten, starkem Gesang und intensiven Liedern.
Chavela Vargas (1919-2013) war nicht nur eine großartige Sängerin aus Mexiko, die sich die traditionell den Männern vorbehaltenen Rancheras, mexikanische Lieder über die unerfüllte Liebe, Weltschmerz und Einsamkeit, aneignete. Sie trug Hosen, als das in Mexiko für eine Frau unmöglich war. In dem interessanten klassischen Dokumentarfilm erzählt Chavela mit viel bissigem Humor selbst von ihrem Aufstieg und noch lieber von ihren Abenteuern. Mit ihrer tiefen, rauen Stimme befreite die offen lesbische Chavela die Rancheras vom süßlichen Kitsch und wurde erst in Mexiko und später weltweit bekannt. Ihr burschikoses Auftreten und der Poncho machten sie unverwechselbar. Nach ihrem Comeback in den 1990ern wurde Vargas auch bekannt dafür, den Filmen Pedro Almodóvars eine Stimme gegeben zu haben. Ihr Lied „Volver" wurde zum Titel eines seiner Filme. Das Porträt einer erstaunlichen Künstlerin fasziniert vor allem im ersten Teil mit historischen Aufnahmen und Geschichten, starkem Gesang und intensiven Liedern.
Table 19
USA 2017 Regie: Jeffrey Blitz mit Anna Kendrick, Craig Robinson, June Squibb, Lisa Kudrow 88 Min. FSK: ab 0
Eine Hochzeitsfeier, bei der man ganz hinten am Rande der Wahrnehmung platziert wird, hat ungefähr den Unterhaltungswert dieses Films. Am Tisch 19, „wo man die Toilette riechen kann", versammeln sich ein Ehestreit, ein gebrochenes Herz, ein seltsamer Mann, ein junger Mann auf der Suche nach einem Date und eine junge Dame. Aber vor allem ist „Table 19" zuerst eine Ansammlung peinlicher Situationen nach dem Motto: Menschen machen sehr seltsame Sachen auf Hochzeiten. Dann lernt man sich mit etwas gutem Willen kennen und alles ist gar nicht so schlecht, sogar ganz sympathisch. Es gibt ein paar nette Einfälle, wie Lisa Kudrow Bekleidungswahl, die genau wie die der Kellner aussieht. Dann etwas Tortenschlacht und ungeschickte Tanzaufforderungen. Mit der vor kurzen noch im Aufstieg begriffenen Anna Kendrick und der schon länger im Abseits eingerichteten Lisa Kudrow kann diese kleine Nettigkeit das Sommerloch nicht wirklich füllen, aber einen Regenschauer kurzweilig überbrücken.
Eine Hochzeitsfeier, bei der man ganz hinten am Rande der Wahrnehmung platziert wird, hat ungefähr den Unterhaltungswert dieses Films. Am Tisch 19, „wo man die Toilette riechen kann", versammeln sich ein Ehestreit, ein gebrochenes Herz, ein seltsamer Mann, ein junger Mann auf der Suche nach einem Date und eine junge Dame. Aber vor allem ist „Table 19" zuerst eine Ansammlung peinlicher Situationen nach dem Motto: Menschen machen sehr seltsame Sachen auf Hochzeiten. Dann lernt man sich mit etwas gutem Willen kennen und alles ist gar nicht so schlecht, sogar ganz sympathisch. Es gibt ein paar nette Einfälle, wie Lisa Kudrow Bekleidungswahl, die genau wie die der Kellner aussieht. Dann etwas Tortenschlacht und ungeschickte Tanzaufforderungen. Mit der vor kurzen noch im Aufstieg begriffenen Anna Kendrick und der schon länger im Abseits eingerichteten Lisa Kudrow kann diese kleine Nettigkeit das Sommerloch nicht wirklich füllen, aber einen Regenschauer kurzweilig überbrücken.
Ein Sack voll Murmeln
Frankreich, Kanada, Tschechien 2017 (Un Sac de billes) Regie: Christian Duguay mit Dorian Le Clech (Joseph), Batyste Fleurial Palmieri (Maurice), Patrick Bruel (Roman), Elsa Zylberstein (Anna), Christian Clavier 114 Min. FSK: ab 12
Im Paris des Jahres 1941 wird unter der Pétain-Regierung Nazi-Ideologie in den Schulen verbreitet, Läden von Juden sind gekennzeichnet. Doch der zehnjährige Joseph (Dorian Le Clech) und seinen älterer Bruder Maurice (Batyste Fleurial Palmieri) spielen noch unbeschwert, ihr Vater Roman Joffo (Superstar Patrick Bruel) bietet in seinem jüdischen Friseurläden sogar SS-Offizieren die Stirn. Aber die Deportationen in die Konzentrationslager haben bereits begonnen und nachdem Juden einen gelben Stern tragen müssen, bricht der Antisemitismus in Paris offen aus.
Recht unvermittelt werden die kleinsten Joseph und Maurice ohne Eltern oder ältere Brüder auf eine Reise in den Süden, den unbesetzten Teil Frankreichs geschickt. Die Bedrohung war bislang im Film weder zu sehen noch zu spüren. Ein dummer Mitschüler will sogar auch so einen Stern haben und tauscht ihn gegen den titelgebenden Sack voll Murmeln. Erst bei der Durchsuchung eines Zuges zeigt sich die Brutalität der deutschen Soldaten. Da ihnen der liebevolle Vater mit Ohrfeigen eingebläut hat, niemals zu sagen, dass sie Juden sind, bleiben sie auf der Reise alleine. Erst erscheint sie den Jungs mit Baskenmütze und kurzen Hosen als Abenteuer auf dem Land. Doch schon bald bekommt der weinerliche Joseph genug Gelegenheit zum tränenreichen Bangen.
Die Flucht über die Grenze innerhalb Frankreichs scheint schnell glücklich am Meer zu enden, als die Familie wieder zusammen findet. Auf dem Schwarzmarkt von Marseille wird Joseph erwachsen, die Juden spielen mit den italienischen Soldaten Karten, bis Mussolini in Italien verhaftet wird und die Deutschen auch im Süden deportieren. Nun landen die beiden Brüder nach erneut tränenreicher Trennung in einem Erziehungsheim.
Joseph Joffos autobiografischer Debütroman „Un sac de billes" („Ein Sack voll Murmeln") aus dem Jahr 1973 wurde bereits von Jacques Doillon unter dem Titel „Un sac de billes" verfilmt. Der frankokanadische Regie-Routinier Christian Duguay („Sebastian und die Feuerretter", „Anna Karenina", „Coco Chanel", „Jeanne d'Arc") hat einige Erfahrung im Kinder-, Horror- und Historien-Genre. So sieht die von Joseph im Off erzählte dramatische Geschichte vor allem gut aus. Und wird selbstverständlich immer dramatischer, so bangt und fiebert man unweigerlich mit den Kindern mit. Vor allem da sich weder Buch, noch Inszenierung oder Darsteller grobe Schnitzer erlauben, funktioniert „Ein Sack voll Murmeln" als gemäßigtes Geschichts-Stück sogar noch in der deutschen Synchronisierung. Bewegt, aber nur in dem Maße, dass es auch für Kinder und Jugendliche erlebbar bleibt.
Allerdings hält „Ein Sack voll Murmeln" keinen Vergleich etwas mit Louis Malles autobiografischen Klassiker „Auf Wiedersehen, Kinder" oder Roberto Benignis erschütterndem KZ-Drama „Das Leben ist schön". Von Anfang an nervt die erinnerungsduselige Musik von Armand Amar. Bruel als Vater kann dagegen mit kleinen Nuancen beeindrucken: Nur die Bemerkung, dass er einst als Kind alleine aus Russland vor den Pogromen floh, verursacht mehr Gänsehaut als viele andere gewollte Szenen.
Im Paris des Jahres 1941 wird unter der Pétain-Regierung Nazi-Ideologie in den Schulen verbreitet, Läden von Juden sind gekennzeichnet. Doch der zehnjährige Joseph (Dorian Le Clech) und seinen älterer Bruder Maurice (Batyste Fleurial Palmieri) spielen noch unbeschwert, ihr Vater Roman Joffo (Superstar Patrick Bruel) bietet in seinem jüdischen Friseurläden sogar SS-Offizieren die Stirn. Aber die Deportationen in die Konzentrationslager haben bereits begonnen und nachdem Juden einen gelben Stern tragen müssen, bricht der Antisemitismus in Paris offen aus.
Recht unvermittelt werden die kleinsten Joseph und Maurice ohne Eltern oder ältere Brüder auf eine Reise in den Süden, den unbesetzten Teil Frankreichs geschickt. Die Bedrohung war bislang im Film weder zu sehen noch zu spüren. Ein dummer Mitschüler will sogar auch so einen Stern haben und tauscht ihn gegen den titelgebenden Sack voll Murmeln. Erst bei der Durchsuchung eines Zuges zeigt sich die Brutalität der deutschen Soldaten. Da ihnen der liebevolle Vater mit Ohrfeigen eingebläut hat, niemals zu sagen, dass sie Juden sind, bleiben sie auf der Reise alleine. Erst erscheint sie den Jungs mit Baskenmütze und kurzen Hosen als Abenteuer auf dem Land. Doch schon bald bekommt der weinerliche Joseph genug Gelegenheit zum tränenreichen Bangen.
Die Flucht über die Grenze innerhalb Frankreichs scheint schnell glücklich am Meer zu enden, als die Familie wieder zusammen findet. Auf dem Schwarzmarkt von Marseille wird Joseph erwachsen, die Juden spielen mit den italienischen Soldaten Karten, bis Mussolini in Italien verhaftet wird und die Deutschen auch im Süden deportieren. Nun landen die beiden Brüder nach erneut tränenreicher Trennung in einem Erziehungsheim.
Joseph Joffos autobiografischer Debütroman „Un sac de billes" („Ein Sack voll Murmeln") aus dem Jahr 1973 wurde bereits von Jacques Doillon unter dem Titel „Un sac de billes" verfilmt. Der frankokanadische Regie-Routinier Christian Duguay („Sebastian und die Feuerretter", „Anna Karenina", „Coco Chanel", „Jeanne d'Arc") hat einige Erfahrung im Kinder-, Horror- und Historien-Genre. So sieht die von Joseph im Off erzählte dramatische Geschichte vor allem gut aus. Und wird selbstverständlich immer dramatischer, so bangt und fiebert man unweigerlich mit den Kindern mit. Vor allem da sich weder Buch, noch Inszenierung oder Darsteller grobe Schnitzer erlauben, funktioniert „Ein Sack voll Murmeln" als gemäßigtes Geschichts-Stück sogar noch in der deutschen Synchronisierung. Bewegt, aber nur in dem Maße, dass es auch für Kinder und Jugendliche erlebbar bleibt.
Allerdings hält „Ein Sack voll Murmeln" keinen Vergleich etwas mit Louis Malles autobiografischen Klassiker „Auf Wiedersehen, Kinder" oder Roberto Benignis erschütterndem KZ-Drama „Das Leben ist schön". Von Anfang an nervt die erinnerungsduselige Musik von Armand Amar. Bruel als Vater kann dagegen mit kleinen Nuancen beeindrucken: Nur die Bemerkung, dass er einst als Kind alleine aus Russland vor den Pogromen floh, verursacht mehr Gänsehaut als viele andere gewollte Szenen.
14.8.17
Gelobt sei der kleine Betrüger
Jordanien, BRD, Niederlande 2016 (Inshallah istafadit / Blessed Benefit) Regie: Mahmoud al Massad mit Ahmad Thaher, Maher Khammash, Odai Hijazi 87 Min. FSK: ab 6
Der jordanische Bauunternehmer Ahmad (Ahmad Thaher) wird als Betrüger zu drei Monaten verurteilt, weil er kassiert hat, ohne auch nur mit dem Auftrag anzufangen. Das Geld investierte er in kanadische Laptops, die im Zoll festhängen. Die jordanische Justiz funktioniert mit etwas Schmiermittel reibungslos, Staatsanwalt und Richter sind pragmatisch. Es gibt auch viel zu tun, denn überall zeigen sich Gangster und Betrüger am Werk. Aber es sind alles keine unsympathischen Menschen. Sie werden im Familienumfeld gezeigt und mit Freunden.
Man weiß bei Ahmad, der bis auf ein paar fehlende Zähne Jeff Goldbloom ähnelt, nie so genau, ob er tollpatschig oder raffiniert drein blickt. Die stoisch erduldete Haft ist bestimmt von lauter absurden Randereignissen: Im Gefangenentransport ist Ahmad nur mit Anzugträgern und Bankern unterwegs, die Gefangenen haben ein Handy. Der Kommissar ist vor allem an einer Besucherin im Gericht interessiert, der Zellenchef betreibt einen florierenden Handel mit den anderen Insassen, die sich bevorzugt dramatische Hausfrauen-Soaps anschauen. Ein angeblicher Anwalt haut genauso mit dem Geld ab wie ein vermeintlicher Käufer mit den Laptops - ohne zu zahlen. Der Weg von einem Betrüger zum anderen ist ein zweiter komischer Roter Faden des Films.
Der als Dokumentarist erfahrene Regisseur Mahmoud al Massad zeichnet in seiner Komödie um die Gefängniszelle einen Mikrokosmos der jordanischen Gesellschaft. Nie besonders positiv, aber trotzdem mit Sympathie für seine um etwas Wohlstand oder auch nur einen Internetzugang strampelnden Figuren. Das läuft selbst bei einer Revolution der Zellenhierarchie richtig undramatisch aber mit viel Herz für die Figuren und auch mit sehr guten Schauspielern ab.
Der jordanische Bauunternehmer Ahmad (Ahmad Thaher) wird als Betrüger zu drei Monaten verurteilt, weil er kassiert hat, ohne auch nur mit dem Auftrag anzufangen. Das Geld investierte er in kanadische Laptops, die im Zoll festhängen. Die jordanische Justiz funktioniert mit etwas Schmiermittel reibungslos, Staatsanwalt und Richter sind pragmatisch. Es gibt auch viel zu tun, denn überall zeigen sich Gangster und Betrüger am Werk. Aber es sind alles keine unsympathischen Menschen. Sie werden im Familienumfeld gezeigt und mit Freunden.
Man weiß bei Ahmad, der bis auf ein paar fehlende Zähne Jeff Goldbloom ähnelt, nie so genau, ob er tollpatschig oder raffiniert drein blickt. Die stoisch erduldete Haft ist bestimmt von lauter absurden Randereignissen: Im Gefangenentransport ist Ahmad nur mit Anzugträgern und Bankern unterwegs, die Gefangenen haben ein Handy. Der Kommissar ist vor allem an einer Besucherin im Gericht interessiert, der Zellenchef betreibt einen florierenden Handel mit den anderen Insassen, die sich bevorzugt dramatische Hausfrauen-Soaps anschauen. Ein angeblicher Anwalt haut genauso mit dem Geld ab wie ein vermeintlicher Käufer mit den Laptops - ohne zu zahlen. Der Weg von einem Betrüger zum anderen ist ein zweiter komischer Roter Faden des Films.
Der als Dokumentarist erfahrene Regisseur Mahmoud al Massad zeichnet in seiner Komödie um die Gefängniszelle einen Mikrokosmos der jordanischen Gesellschaft. Nie besonders positiv, aber trotzdem mit Sympathie für seine um etwas Wohlstand oder auch nur einen Internetzugang strampelnden Figuren. Das läuft selbst bei einer Revolution der Zellenhierarchie richtig undramatisch aber mit viel Herz für die Figuren und auch mit sehr guten Schauspielern ab.
Locarno 2017 Demenz im Film
Eine alte Frau starrt minutenlang in die Kamera, sie kann nicht mehr sprechen, sich nicht mehr richtig bewegen. Will sie uns etwas sagen? Ihrer Familie? Oder dem Drehteam dieser Dokumentation? Der interessante aber nicht sensationell gute „Mrs. Fang" von Wang Bing sagt als Preisträger in Locarno etwas über diesen nicht umwerfenden Wettbewerb aus, zeigt aber vor allem den Umgang einer lauten und umtriebigen chinesischen Familie mit einer dementen Angehörigen. Was unweigerlich die Frage aufwirft: Was kann, was darf man zeigen? (Die übrigens in Locarno auch auf einem Workshop für junge Dokumentaristen diskutiert wurde.) Der Aachener Zinnober-Produktion „Der Tag, der in der Handtasche verschwand" von Mario Kainz, die 2002 einen Grimme-Preis erhielt, sah man das vertraute Verhältnis von Filmemacherin und Protagonistin an. David Sievekings „Vergiss mein nicht", 2013 vom Aachener Martin Heisler produziert, fühlte sich im Umgang des Regisseurs mit der eigenen Mutter hingegen übergriffig an. Der Locarno-Sieger Wang Bing versetzt das Publikum mit Nahaufnahmen der bettlägerigen alten „Mrs. Fang", mit nicht mehr zu deutendem Blickkontakt zwar in die Situation der Angehörigen, geht dann aber auf Distanz und betrachtet das Verhalten der wuseligen chinesischen Großfamilie. Das ist zwar grenzwertig und in der allgemeinen Hilflosigkeit auch schwer erträglich, doch in der Diskussion um den Umgang mit der Krankheit auch förderlich.
70. Filmfestival Locarnos vergoldet Demenz-Drama
Samstagabend wurden in Locarno die Leoparden losgelassen. Nach zehn Tagen Filmfestival mit Wetterkapriolen aber unspektakulärem Programm gingen die traditionellen Preise in Gold und Silber für beste Filme und Darsteller an einen internationalen Wettbewerb mit 18 Filmen. Mehr Bedeutung für das Tagesgeschäft Kino werden die „Piazza-Filme" haben, unter denen die amerikanische Multikulti-Komödie „The Big Sick" den Publikumspreis erhielt.
Beim Jubiläumsfestival, das vor allem durch Neuerungen auffiel, ging der Goldene Leopard für den besten Film an das chinesische Demenz-Drama „Mrs. Fang" des Regisseurs Wang Bing. Er zeigt in seiner unaufgeregten Dokumentation die letzten Lebenswochen der alten Mrs. Fang im Kreise ihrer Großfamilie. Mit Söhnen, die viel erklären, und Frauen, die still pflegen. Ein universelles, teils schwer erträgliches Thema, allerdings keine neue Kinematografie. Wang ist mit mehreren Dokumentationen und Spielfilmen ein angesehener Filmemacher, der einem breiteren Publikum noch nicht bekannt war. Er war bereits mehrere Male in Locarno, sein Sieger-Film wurde von der aktuellen Documenta 14 mitproduziert.
Die internationale Jury um den französischen Regisseur Olivier Assayas und die österreichische Schauspielerin Birgit Minichmayr vergab den Darstellerpreis bei den Frauen an den nicht anwesenden Star Isabelle Huppert („Elle"). Sie spielt in „Madame Hyde" eine verschrobene Lehrerin, die vom Blitz getroffen wird und ihre dunkle Hyde-Seite entdeckt. Bester Darsteller von Locarno 2017 ist der unbekannte, junge Newcomer Elliott Crosset Hove aus Dänemark, der den legendären Harry Dean Stanton („Paris, Texas") in „Lucky" ausstach. Im dänisch-isländischen Drama „Vinterbrødre" (Winterbrüder) von Hlynur Pálmason gerät Hoves Figur in eine Familienfehde. Er spielte zusammen mit seinem echten Vater.
Die vielen Preisträger versprühten Samstagabend so viel Begeisterung bei der Ehrung auf der Piazza Grande dass der Funke sogar auf das klatschfaule Publikum übersprang. Festival-Präsident Marco Solari bedankte sich zwar zum Abschied beim Publikum, welches das eigentliche Festival sei. Allerdings erwies sich dies 2017 als nicht besonders cinephil, als es die 84-jährige Regie-Legende Jean–Marie Straub nur mäßig würdigte. Und auch sonst ließ die Begeisterung zu wünschen übrig: Auf der Leinwand erinnerte sich Sebastian Koch, wie der Stasi-Film „Das Leben der anderen" 2006 mit einem Meer aus Feuerzeugen gefeiert wurde. Jetzt reichte es gerade für eine billige Kommerz-Aktion mit Leuchtstäbchen für die brutalen und banalen Agenten-Action „Atomic Blond". Dringend müssen jüngere Generationen an Filmkultur und -Festivals rangeführt werden. Locarno versucht es vor allem mit jungen Events rund um den Film.
Beim Jubiläumsfestival, das vor allem durch Neuerungen auffiel, ging der Goldene Leopard für den besten Film an das chinesische Demenz-Drama „Mrs. Fang" des Regisseurs Wang Bing. Er zeigt in seiner unaufgeregten Dokumentation die letzten Lebenswochen der alten Mrs. Fang im Kreise ihrer Großfamilie. Mit Söhnen, die viel erklären, und Frauen, die still pflegen. Ein universelles, teils schwer erträgliches Thema, allerdings keine neue Kinematografie. Wang ist mit mehreren Dokumentationen und Spielfilmen ein angesehener Filmemacher, der einem breiteren Publikum noch nicht bekannt war. Er war bereits mehrere Male in Locarno, sein Sieger-Film wurde von der aktuellen Documenta 14 mitproduziert.
Die internationale Jury um den französischen Regisseur Olivier Assayas und die österreichische Schauspielerin Birgit Minichmayr vergab den Darstellerpreis bei den Frauen an den nicht anwesenden Star Isabelle Huppert („Elle"). Sie spielt in „Madame Hyde" eine verschrobene Lehrerin, die vom Blitz getroffen wird und ihre dunkle Hyde-Seite entdeckt. Bester Darsteller von Locarno 2017 ist der unbekannte, junge Newcomer Elliott Crosset Hove aus Dänemark, der den legendären Harry Dean Stanton („Paris, Texas") in „Lucky" ausstach. Im dänisch-isländischen Drama „Vinterbrødre" (Winterbrüder) von Hlynur Pálmason gerät Hoves Figur in eine Familienfehde. Er spielte zusammen mit seinem echten Vater.
Die vielen Preisträger versprühten Samstagabend so viel Begeisterung bei der Ehrung auf der Piazza Grande dass der Funke sogar auf das klatschfaule Publikum übersprang. Festival-Präsident Marco Solari bedankte sich zwar zum Abschied beim Publikum, welches das eigentliche Festival sei. Allerdings erwies sich dies 2017 als nicht besonders cinephil, als es die 84-jährige Regie-Legende Jean–Marie Straub nur mäßig würdigte. Und auch sonst ließ die Begeisterung zu wünschen übrig: Auf der Leinwand erinnerte sich Sebastian Koch, wie der Stasi-Film „Das Leben der anderen" 2006 mit einem Meer aus Feuerzeugen gefeiert wurde. Jetzt reichte es gerade für eine billige Kommerz-Aktion mit Leuchtstäbchen für die brutalen und banalen Agenten-Action „Atomic Blond". Dringend müssen jüngere Generationen an Filmkultur und -Festivals rangeführt werden. Locarno versucht es vor allem mit jungen Events rund um den Film.
11.8.17
Locarno 2017 - Reiche Vergangenheit, goldene Zukunft
Das 70. Filmfestival Locarnos wird morgen mit der Preisvergabe beendet
Locarno. Morgen Abend werden in Locarno die Leoparden losgelassen - die traditionellen Preise in Gold und Silber für beste Filme und Darsteller aus einem internationalen Wettbewerb mit 18 Filmen, der wieder nicht viele Nachwirkungen zeigen wird. Mehr Bedeutung für das aktuelle Kino haben die „Piazza-Filme", die um den Publikumspreis konkurrieren.
Nach stürmischen Tagen wird heute Abend alles gut und alles gold sein: Das Wetter hat sich beruhigt, man bangt nicht mehr um den Kino-Abend unter freiem Himmel und um Besucherzahlen, die parallel zu jedem Regen kräftigen fallen. Das Wetter war dann auch der große Aufreger, nicht verwunderlich beim Sommerfestival, das meist durch das Drumherum von Lago Maggiore, italienischer Schweiz und Voralpen umschrieben wird. In dieser Umgebung, irgendwo unten im Lago Maggiore, kommt Afrika als tektonische Platte in Europa an und trifft ausgerechnet direkt auf die reiche Schweiz. Ein schönes Sinnbild für das Aufeinandertreffen verschiedener Kultur im Festivalrahmen. Dass dies nicht ohne Reibung geschieht, zeigte „The Big Sick" von
Michael Showalter auf einfühlsame und sehr humorvolle Weise: Der aus Pakistan stammende Komiker Kumail Nanjiani spielt sich selbst beim wahren Kennenlernen seiner Frau Emily (Zoe Kazan, die Enkelin von Elia). Während seine traditionelle Mutter ihm in Chicago wöchentlich neue Kandidatinnen für eine arrangierte Ehe „zufällig" beim Familienessen vorstellt, fällt die Frau, in die sich Kumail tatsächlich verliebt hat, in ein Koma. Nun lernt der zwischen den Kulturen zerrissenen Komiker die „Schwiegereltern" (eine geniale Holly Hunter und Ray Romano) auf beinahe tragische und umwerfend komische Weise kennen. Plattitüden nur als Satire, auch über 9/11 und Fremdenhass, dafür einfühlsam das Problem geschildert, mit traditioneller Familie in einer modernen Gesellschaft zu leben. Das ist als gelungene Unterhaltung (aus der Aptow-Fabrik) mit Nährwert der perfekte Piazza-Film und Kandidat für den Publikumspreis. („The Big Sick" läuft im November in deutschen Kinos.)
Schon morgen ist in deutschen Previews der gestrige Piazza-Film, die Action-Routine „Atomic Blonde" zu sehen: Charlize Theron spielt die Top-Agentin Lorraine Broughton, die 1989 in Berlin Informationen höchster Brisanz zu besorgen soll. Während man Jürgen Vogel als „Der Mann im Eis" in Sachen Preise durchaus im Regen stehen lassen kann, schockte und berührte das indische Wüstendrama „The Song of Scorpions" von Anup Singh als weiterer heißer Kandidat: Als Nooran, Sängerin, Heilerin, Geburtshelferin und Medizinfrau in der Gemeinde Sindhi im Rajasthan, den Kamelhändler Aadam ablehnt, rächt dieser sich brutal. Doch sie kehrt zurück und besitzt die Fähigkeit, mit ihrem Gesang das Gift der Skorpionstiche zu kontrollieren. Die betörende Golshifteh Farahani („Stein der Geduld", „Pirates of the Caribbean: Salazars Rache"), die aus dem Iran vertrieben wurde, in der Hauptrolle, eine hochdramatische Geschichte und wunderbare Bilder - da könnte der Publikumspreis einen noch nicht feststehenden Kinostart in Deutschland unterstützen.
Der Hauptpreis, der Goldene Leopard, war dagegen selten karrierefördernd oder publikumsträchtig: Es begann noch ganz prominent 1946 mit René Clair und 1948 mit Roberto Rossellini. In den letzten Jahrzehnten des Festivals blinken höchstens in den 80ger-Jahren viele Namen wie Jim Jarmusch („Stranger than Paradise"), Wolfgang Becker („Schmetterlinge") oder Terence Davies („Distant Voices, Still Lives") auf. Die letzte Entdeckung Locarnos war 2014 der philippinische Regisseur Lav Diaz, nicht erst seitdem ein Festivalliebling. Und doch zeitigte die Jubiläums-Ausgabe ein tolles Festival, ein Film-Festival mit Zukunft: Am neuen Festivalkino, dem Palacinema, beeindrucken nicht Vergoldung und Kosten von 35 Millionen Schweizer Franken. Es ist die Lage mit großem Vorplatz direkt an einem alten Schloss, die zusammen einen äußerst kommunikativen Ort ergeben. Hier können sich Hardcore-Filmprofis mit kinematografischen Urlaubsgästen treffen, hier kommt der Besucher der benachbarten Festivalkirmes ebenso vorbei wie der Film-Junkie zwischen vierter und fünfter Vorstellung.
Die schönste Erfahrung zum Jubiläum lautet demnach: Das Filmfestival von Locarno lebt und man freut sich auf die weitere Entwicklung. Ein fast verwunschenes Gelände zwischen zugewucherter Kapelle, die Bar wurde, und alternativem Café bietet die aufregend designte Umgebung für neue Reihe „Locarno Talks". Im offenen Diskussionsforum sprach die Tessiner Weltbürgerin Carla Del Ponte, bis letzte Woche Mitglied der UNO-Untersuchungskommission für Syrien, über die Schwierigkeit, Heimat in kriegszerstörten Gebieten wiederzufinden. Die kanadische Elektro-Musikerin und Künstler Peaches diskutierte provokativ über Frauenkörper, über die Probleme, sich im eigenen Körper zuhause zu fühlen. So belebt das Filmfestival nicht nur den verschlafenen Ferienort, es platziert den wachen und engagierten Film auch mitten in aktuelle gesellschaftliche Diskussionen.
Locarno. Morgen Abend werden in Locarno die Leoparden losgelassen - die traditionellen Preise in Gold und Silber für beste Filme und Darsteller aus einem internationalen Wettbewerb mit 18 Filmen, der wieder nicht viele Nachwirkungen zeigen wird. Mehr Bedeutung für das aktuelle Kino haben die „Piazza-Filme", die um den Publikumspreis konkurrieren.
Nach stürmischen Tagen wird heute Abend alles gut und alles gold sein: Das Wetter hat sich beruhigt, man bangt nicht mehr um den Kino-Abend unter freiem Himmel und um Besucherzahlen, die parallel zu jedem Regen kräftigen fallen. Das Wetter war dann auch der große Aufreger, nicht verwunderlich beim Sommerfestival, das meist durch das Drumherum von Lago Maggiore, italienischer Schweiz und Voralpen umschrieben wird. In dieser Umgebung, irgendwo unten im Lago Maggiore, kommt Afrika als tektonische Platte in Europa an und trifft ausgerechnet direkt auf die reiche Schweiz. Ein schönes Sinnbild für das Aufeinandertreffen verschiedener Kultur im Festivalrahmen. Dass dies nicht ohne Reibung geschieht, zeigte „The Big Sick" von
Michael Showalter auf einfühlsame und sehr humorvolle Weise: Der aus Pakistan stammende Komiker Kumail Nanjiani spielt sich selbst beim wahren Kennenlernen seiner Frau Emily (Zoe Kazan, die Enkelin von Elia). Während seine traditionelle Mutter ihm in Chicago wöchentlich neue Kandidatinnen für eine arrangierte Ehe „zufällig" beim Familienessen vorstellt, fällt die Frau, in die sich Kumail tatsächlich verliebt hat, in ein Koma. Nun lernt der zwischen den Kulturen zerrissenen Komiker die „Schwiegereltern" (eine geniale Holly Hunter und Ray Romano) auf beinahe tragische und umwerfend komische Weise kennen. Plattitüden nur als Satire, auch über 9/11 und Fremdenhass, dafür einfühlsam das Problem geschildert, mit traditioneller Familie in einer modernen Gesellschaft zu leben. Das ist als gelungene Unterhaltung (aus der Aptow-Fabrik) mit Nährwert der perfekte Piazza-Film und Kandidat für den Publikumspreis. („The Big Sick" läuft im November in deutschen Kinos.)
Schon morgen ist in deutschen Previews der gestrige Piazza-Film, die Action-Routine „Atomic Blonde" zu sehen: Charlize Theron spielt die Top-Agentin Lorraine Broughton, die 1989 in Berlin Informationen höchster Brisanz zu besorgen soll. Während man Jürgen Vogel als „Der Mann im Eis" in Sachen Preise durchaus im Regen stehen lassen kann, schockte und berührte das indische Wüstendrama „The Song of Scorpions" von Anup Singh als weiterer heißer Kandidat: Als Nooran, Sängerin, Heilerin, Geburtshelferin und Medizinfrau in der Gemeinde Sindhi im Rajasthan, den Kamelhändler Aadam ablehnt, rächt dieser sich brutal. Doch sie kehrt zurück und besitzt die Fähigkeit, mit ihrem Gesang das Gift der Skorpionstiche zu kontrollieren. Die betörende Golshifteh Farahani („Stein der Geduld", „Pirates of the Caribbean: Salazars Rache"), die aus dem Iran vertrieben wurde, in der Hauptrolle, eine hochdramatische Geschichte und wunderbare Bilder - da könnte der Publikumspreis einen noch nicht feststehenden Kinostart in Deutschland unterstützen.
Der Hauptpreis, der Goldene Leopard, war dagegen selten karrierefördernd oder publikumsträchtig: Es begann noch ganz prominent 1946 mit René Clair und 1948 mit Roberto Rossellini. In den letzten Jahrzehnten des Festivals blinken höchstens in den 80ger-Jahren viele Namen wie Jim Jarmusch („Stranger than Paradise"), Wolfgang Becker („Schmetterlinge") oder Terence Davies („Distant Voices, Still Lives") auf. Die letzte Entdeckung Locarnos war 2014 der philippinische Regisseur Lav Diaz, nicht erst seitdem ein Festivalliebling. Und doch zeitigte die Jubiläums-Ausgabe ein tolles Festival, ein Film-Festival mit Zukunft: Am neuen Festivalkino, dem Palacinema, beeindrucken nicht Vergoldung und Kosten von 35 Millionen Schweizer Franken. Es ist die Lage mit großem Vorplatz direkt an einem alten Schloss, die zusammen einen äußerst kommunikativen Ort ergeben. Hier können sich Hardcore-Filmprofis mit kinematografischen Urlaubsgästen treffen, hier kommt der Besucher der benachbarten Festivalkirmes ebenso vorbei wie der Film-Junkie zwischen vierter und fünfter Vorstellung.
Die schönste Erfahrung zum Jubiläum lautet demnach: Das Filmfestival von Locarno lebt und man freut sich auf die weitere Entwicklung. Ein fast verwunschenes Gelände zwischen zugewucherter Kapelle, die Bar wurde, und alternativem Café bietet die aufregend designte Umgebung für neue Reihe „Locarno Talks". Im offenen Diskussionsforum sprach die Tessiner Weltbürgerin Carla Del Ponte, bis letzte Woche Mitglied der UNO-Untersuchungskommission für Syrien, über die Schwierigkeit, Heimat in kriegszerstörten Gebieten wiederzufinden. Die kanadische Elektro-Musikerin und Künstler Peaches diskutierte provokativ über Frauenkörper, über die Probleme, sich im eigenen Körper zuhause zu fühlen. So belebt das Filmfestival nicht nur den verschlafenen Ferienort, es platziert den wachen und engagierten Film auch mitten in aktuelle gesellschaftliche Diskussionen.
Locarno 2017 - Bergfilme am See
Ötzi schießt den Vogel ab
Locarno. Nein, Ötzi ist echt kein Glückspilz: Da musste er fast 5300 Jahre warten, bis es einem Spielfilm über sein Leben gibt, weil das Projekt lange auf Eis gelegt wurde. Und dann ist die Premiere so verregnet wie anscheinend das Leben der zu spätem Ruhm gelangten Gletschermumie. „Der Mann aus dem Eis" feierte gestern als „Piazza Grande"-Film mit Jürgen Vogel und André M. Hennicke seine Weltpremiere.
Die Berge sind naheliegend im Schweizer Kanton Tessin, aber so viel Gestein war selten auf der Piazza Grande wie dieses Jahr beim Filmfestival von Locarno (2.-12.8.): Die deutsch-italienische Koproduktion „Drei Zinnen" (Regie: Jan Zabeil) hatte am Wochenende gleich drei Gipfel schon im Titel und erzählte, wie sich ein Ausflug in die Berge, der ein Neubeginn markieren soll, in einen Kampf wandelt. Hoch oben in der Drei-Zinnen-Region der italienischen Dolomiten sind Aaron und Tristan mit ihrer ambivalenten Liebe zueinander und mit ihren Ängsten umeinander konfrontiert, derweil Lea dabeisteht und versucht, ihren Platz in diesem Dreieck zu finden.
Und dann gestern das große Grunzen und Schreien zur 1991 im Südtiroler Schnalstal entdeckten Gletschermumie Ötzi: „Der Mann aus dem Eis" denkt sich eine Rache- und Action-Handlung zur geheimnisvollen Leiche aus, die mit einer Sperrspitze in der Schulter gefunden wurde. Jürgen Vogel spielt dabei Ötzi als Schamanen und Jäger, dem seine ganze Klein-Sippe brutalst vergewaltigt und umgebracht wurde. Nur ein Baby überlebte. Nun verfolgt dieser Kelab die drei Mörder unter Anführung von Krant (André M. Hennicke). Im Gepäck hat er nicht nur den Säugling, sondern auch eine Ziege als vierbeinigen Milchvorrat, denn die Alpen hatten da noch nicht Nestles Babypulver hervorgebracht. Auch das Schweizer Messer war noch unbekannt, aber Religion, Patchwork-Familie und Neue Männer kommen in dieser Handlung aus dem Jahr 3300 vor unserer Zeitrechnung durchaus vor. Da liegt der spöttelnde Gedanke nicht fern, dass Ötzi mit der Erfindung des Eispickels auch Filmgeschichte geschrieben hat und Tantiemen von „Basic Instinct" erhalten müsste.
Nein, die lange Entstehungszeit dieser historischen Geschichte hat ihr nicht gut getan. „Der Mann aus dem Eis" ist tatsächlich ein Rachefilmchen im Ziegenfell und vor aufwendig rekonstruierten Kulissen. Jürgen Vogel fällt einem als erste Wahl für diese archaische Grunz-Rolle ein, aber Ötzi ist keineswegs der beste Jürgen Vogel. Weil sich Regisseur Felix Radau entschied, die Figuren einen möglichen rhätischen Dialekt sprechen zu lassen, wirkt die ganze Sache mit den alten Pelzträgern genau so verschroben wie diese lustigen Leute, die Mittelalter-Musik machen. Selbstverständlich hält sich „Der Mann aus dem Eis" nicht exakt an das, was Archäologen erforscht haben. Ötzis Durchfall auf Grund von Darmparasiten wird wahrscheinlich erst in einem Hollywood-Remake (mit Mark Wahlberg?) eine große Rolle spielen. „Der Mann aus dem Eis", der im November auch in den deutschen Kinos zu sehen sein soll, wird eine Kuriosität der Festivalgeschichte bleiben.
Zum Abschluss am Samstag wird nach der Preisvergabe „Gotthard" zu sehen sein. Anders als der Titel vermuten lässt, kein Berg- oder Felsfilm, sondern einer über Rock. Schweizer Rock der ansonsten nicht so bekannten Band namens Gotthard.
Locarno. Nein, Ötzi ist echt kein Glückspilz: Da musste er fast 5300 Jahre warten, bis es einem Spielfilm über sein Leben gibt, weil das Projekt lange auf Eis gelegt wurde. Und dann ist die Premiere so verregnet wie anscheinend das Leben der zu spätem Ruhm gelangten Gletschermumie. „Der Mann aus dem Eis" feierte gestern als „Piazza Grande"-Film mit Jürgen Vogel und André M. Hennicke seine Weltpremiere.
Die Berge sind naheliegend im Schweizer Kanton Tessin, aber so viel Gestein war selten auf der Piazza Grande wie dieses Jahr beim Filmfestival von Locarno (2.-12.8.): Die deutsch-italienische Koproduktion „Drei Zinnen" (Regie: Jan Zabeil) hatte am Wochenende gleich drei Gipfel schon im Titel und erzählte, wie sich ein Ausflug in die Berge, der ein Neubeginn markieren soll, in einen Kampf wandelt. Hoch oben in der Drei-Zinnen-Region der italienischen Dolomiten sind Aaron und Tristan mit ihrer ambivalenten Liebe zueinander und mit ihren Ängsten umeinander konfrontiert, derweil Lea dabeisteht und versucht, ihren Platz in diesem Dreieck zu finden.
Und dann gestern das große Grunzen und Schreien zur 1991 im Südtiroler Schnalstal entdeckten Gletschermumie Ötzi: „Der Mann aus dem Eis" denkt sich eine Rache- und Action-Handlung zur geheimnisvollen Leiche aus, die mit einer Sperrspitze in der Schulter gefunden wurde. Jürgen Vogel spielt dabei Ötzi als Schamanen und Jäger, dem seine ganze Klein-Sippe brutalst vergewaltigt und umgebracht wurde. Nur ein Baby überlebte. Nun verfolgt dieser Kelab die drei Mörder unter Anführung von Krant (André M. Hennicke). Im Gepäck hat er nicht nur den Säugling, sondern auch eine Ziege als vierbeinigen Milchvorrat, denn die Alpen hatten da noch nicht Nestles Babypulver hervorgebracht. Auch das Schweizer Messer war noch unbekannt, aber Religion, Patchwork-Familie und Neue Männer kommen in dieser Handlung aus dem Jahr 3300 vor unserer Zeitrechnung durchaus vor. Da liegt der spöttelnde Gedanke nicht fern, dass Ötzi mit der Erfindung des Eispickels auch Filmgeschichte geschrieben hat und Tantiemen von „Basic Instinct" erhalten müsste.
Nein, die lange Entstehungszeit dieser historischen Geschichte hat ihr nicht gut getan. „Der Mann aus dem Eis" ist tatsächlich ein Rachefilmchen im Ziegenfell und vor aufwendig rekonstruierten Kulissen. Jürgen Vogel fällt einem als erste Wahl für diese archaische Grunz-Rolle ein, aber Ötzi ist keineswegs der beste Jürgen Vogel. Weil sich Regisseur Felix Radau entschied, die Figuren einen möglichen rhätischen Dialekt sprechen zu lassen, wirkt die ganze Sache mit den alten Pelzträgern genau so verschroben wie diese lustigen Leute, die Mittelalter-Musik machen. Selbstverständlich hält sich „Der Mann aus dem Eis" nicht exakt an das, was Archäologen erforscht haben. Ötzis Durchfall auf Grund von Darmparasiten wird wahrscheinlich erst in einem Hollywood-Remake (mit Mark Wahlberg?) eine große Rolle spielen. „Der Mann aus dem Eis", der im November auch in den deutschen Kinos zu sehen sein soll, wird eine Kuriosität der Festivalgeschichte bleiben.
Zum Abschluss am Samstag wird nach der Preisvergabe „Gotthard" zu sehen sein. Anders als der Titel vermuten lässt, kein Berg- oder Felsfilm, sondern einer über Rock. Schweizer Rock der ansonsten nicht so bekannten Band namens Gotthard.
9.8.17
Der dunkle Turm
USA 2017 (The Dark Tower) Regie: Nikolaj Arcel mit Idris Elba, Matthew McConaughey, Tom Taylor 95 Min. FSK: ab 12
Ja, es ist tatsächlich nicht weit vom dunklen Turm Mordors in „Der Herr der Ringe" bis zu Stephen Kings „Dark Tower", denn „der" Suspence-Autor der Moderne ließ sich für dieses ganz spezielle erzählerische Universum von Tolkien inspirieren. Bis zu einem anständigen Film scheint der Weg allerdings viel weiter, denn wie die ausufernde Romanreihe „The Dark Tower" („Der dunkle Turm") mit acht Bänden und einem Comic in einem ausnahmsweise mal nicht überlangen Film verwurstet wurde, ist eine enorme Enttäuschung vor allem für Stephen King-Fans und -Kenner.
Der 14-jährige Einzelgänger Jake Chambers (Tom Taylor) lebt in New York, aber vor allem in seiner eigenen Welt. Er träumt immer wieder davon, wie Kinder gequält werden und ein dunkler Turm mit deren unschuldiger Energie zerstört wird. Selbst Jakes eigene Mutter erklärt ihn bald für verrückt, gerade als Wesen aus seinem Traum ihn wie viele andere Kinder einfangen wollen. Auf seiner Flucht findet er das Haus aus seinen Visionen und springt über ein Portal in die postapokalyptisch zerstörte „Mid-World".
Hier trifft Jake auf Roland (Idris Elba) - kein Ritter, kein Jedi, sondern ein Cowboy und der letzte seiner Art. Dieser „Gunslinger" bekämpft den „Man in Black" Walter (Matthew McConaughey), der mit entführten Kindern den Dunklen Turm attackiert und damit unsere Welt, „Keystone Earth" genannt, zu zerstören droht. Unterstützt wird Walter durch albtraum-reife Monster in vielen Formen, dunkle, maskierte Horden aus Kings düsteren Fantasien. Alle sind hinter Jake her, weil er mit besonderen Kräften ausgestattet ist. In der Reihe von Querverweisen zu Kings anderen Werken, wird Jakes telepathische Fähigkeit Shine genannt wird - Shine wie in Shining!
Gut und böse sind im Film „Der dunkle Turm" klar getrennt, der Reichtum der Vorlage reduziert sich auf einen Jugend-Action- und Fantasy-Film, der höchstens als nett durchgehen kann. Die wüstenartigen Landschaften sind gut ausgewählt, zwei mit sehr viel Charisma aufgeladene Darsteller stehen sich gegenüber und machen ihren Job. Die Thematik paralleler Welten, an der sich auch Neil Gaiman mit „Interworld" versucht hat und eigentlich einen Film daraus machen wollte, scheint für den Jugendfilm prädestiniert. Typisch für King ist das Prinzip, eine andere Realität hinter der sichtbaren Oberfläche. Das führt zu gespenstigen Szenen, wenn entgeisterte Fremde Jake plötzlich wie in alten Horrorfilmen durch New York verfolgen. Und zu ein paar magischen Momente, wenn beispielsweise der „Man in Black" in den Erinnerungen von Jakes Mutter herumläuft, um sich dessen inzwischen entfernte Zeichnungen anzusehen. Nett anzusehen auch die vielen Kunstschüsse des Mannes, der „mit seinem Herzen zielt". Dies ist eindeutig nicht der Horror-King, hier agierte der Fan von Tolkiens „Der Herr der Ringe".
Überaus erstaunlicher ist vor allem, wie viele gute Leute die Produzenten über zehn Jahre hier verbraucht haben, um ein sehr mäßiges Filmchen auf den Markt zu schmeißen. „Lost"-Macher und „Star Trek"-Erneuerer J.J. Abrams hatte den Stoff als erster aufgegriffen und dann aufgegeben. Am Drehbuch schrieben die Dänen Anders Thomas Jensen und Nikolaj Arcel mit. Wobei Jensen mit unter anderem „Zweite Chance", „Love Is All You Need", „Nach der Hochzeit" und „Adams Äpfel" zu den absolut besten seines Handwerks gehört. Regisseur Nikolaj Arcel schrieb an exzellenten dänischen Thrillern wie „Erlösung", „Schändung" und „Erbarmen" mit und inszenierte mit Mads Mikkelsen den Historienfilm „Die Königin und der Leibarzt". Doch wahrscheinlich war es schon viel zu spät, als diese Leute einstiegen. Da aus diesem Produktions-Verkehrunfall wohl nicht mehr ein erfolgreiches Franchise über mehrer Kinofilme wird, müssen vor allem die Fans noch etwas länger auf eine TV-Serie zu „The Dark Tower" warten, die in Arbeit ist.
Ja, es ist tatsächlich nicht weit vom dunklen Turm Mordors in „Der Herr der Ringe" bis zu Stephen Kings „Dark Tower", denn „der" Suspence-Autor der Moderne ließ sich für dieses ganz spezielle erzählerische Universum von Tolkien inspirieren. Bis zu einem anständigen Film scheint der Weg allerdings viel weiter, denn wie die ausufernde Romanreihe „The Dark Tower" („Der dunkle Turm") mit acht Bänden und einem Comic in einem ausnahmsweise mal nicht überlangen Film verwurstet wurde, ist eine enorme Enttäuschung vor allem für Stephen King-Fans und -Kenner.
Der 14-jährige Einzelgänger Jake Chambers (Tom Taylor) lebt in New York, aber vor allem in seiner eigenen Welt. Er träumt immer wieder davon, wie Kinder gequält werden und ein dunkler Turm mit deren unschuldiger Energie zerstört wird. Selbst Jakes eigene Mutter erklärt ihn bald für verrückt, gerade als Wesen aus seinem Traum ihn wie viele andere Kinder einfangen wollen. Auf seiner Flucht findet er das Haus aus seinen Visionen und springt über ein Portal in die postapokalyptisch zerstörte „Mid-World".
Hier trifft Jake auf Roland (Idris Elba) - kein Ritter, kein Jedi, sondern ein Cowboy und der letzte seiner Art. Dieser „Gunslinger" bekämpft den „Man in Black" Walter (Matthew McConaughey), der mit entführten Kindern den Dunklen Turm attackiert und damit unsere Welt, „Keystone Earth" genannt, zu zerstören droht. Unterstützt wird Walter durch albtraum-reife Monster in vielen Formen, dunkle, maskierte Horden aus Kings düsteren Fantasien. Alle sind hinter Jake her, weil er mit besonderen Kräften ausgestattet ist. In der Reihe von Querverweisen zu Kings anderen Werken, wird Jakes telepathische Fähigkeit Shine genannt wird - Shine wie in Shining!
Gut und böse sind im Film „Der dunkle Turm" klar getrennt, der Reichtum der Vorlage reduziert sich auf einen Jugend-Action- und Fantasy-Film, der höchstens als nett durchgehen kann. Die wüstenartigen Landschaften sind gut ausgewählt, zwei mit sehr viel Charisma aufgeladene Darsteller stehen sich gegenüber und machen ihren Job. Die Thematik paralleler Welten, an der sich auch Neil Gaiman mit „Interworld" versucht hat und eigentlich einen Film daraus machen wollte, scheint für den Jugendfilm prädestiniert. Typisch für King ist das Prinzip, eine andere Realität hinter der sichtbaren Oberfläche. Das führt zu gespenstigen Szenen, wenn entgeisterte Fremde Jake plötzlich wie in alten Horrorfilmen durch New York verfolgen. Und zu ein paar magischen Momente, wenn beispielsweise der „Man in Black" in den Erinnerungen von Jakes Mutter herumläuft, um sich dessen inzwischen entfernte Zeichnungen anzusehen. Nett anzusehen auch die vielen Kunstschüsse des Mannes, der „mit seinem Herzen zielt". Dies ist eindeutig nicht der Horror-King, hier agierte der Fan von Tolkiens „Der Herr der Ringe".
Überaus erstaunlicher ist vor allem, wie viele gute Leute die Produzenten über zehn Jahre hier verbraucht haben, um ein sehr mäßiges Filmchen auf den Markt zu schmeißen. „Lost"-Macher und „Star Trek"-Erneuerer J.J. Abrams hatte den Stoff als erster aufgegriffen und dann aufgegeben. Am Drehbuch schrieben die Dänen Anders Thomas Jensen und Nikolaj Arcel mit. Wobei Jensen mit unter anderem „Zweite Chance", „Love Is All You Need", „Nach der Hochzeit" und „Adams Äpfel" zu den absolut besten seines Handwerks gehört. Regisseur Nikolaj Arcel schrieb an exzellenten dänischen Thrillern wie „Erlösung", „Schändung" und „Erbarmen" mit und inszenierte mit Mads Mikkelsen den Historienfilm „Die Königin und der Leibarzt". Doch wahrscheinlich war es schon viel zu spät, als diese Leute einstiegen. Da aus diesem Produktions-Verkehrunfall wohl nicht mehr ein erfolgreiches Franchise über mehrer Kinofilme wird, müssen vor allem die Fans noch etwas länger auf eine TV-Serie zu „The Dark Tower" warten, die in Arbeit ist.
6.8.17
Dalida
Frankreich 2016 Regie: Lisa Azuelos mit Sveva Alviti, Riccardo Scamarcio, Jean-Paul Rouve, Nicolas Duvauchelle 124 Min. FSK: ab 12
Zahllose Erfolge als Sängerin, drei Partner, die sich umgebracht haben, bevor sie sich selbst mit 54 Jahren das Leben nahm: Das Leben von Dalida war schon lange Melodram, bevor jemand auf die Idee kam, daraus ein Filmdrama zu machen. 30 Jahre nach ihrem Tod überrascht Komödien-Regisseurin Lisa Azuelos („LOL – Laughing Out Loud") mit dieser berührenden und einnehmenden Biographie Dalidas.
1933 wurde Dalida in Kairo als Yolande Gigliotti geboren, der italienische Vater, ein Musiker, im Krieg als vermeintlicher deutscher Kollaborateur verhaftet. Ihre Karriere beginnt mit einem ersten Konzert im legendären Olympia in Paris 1953 und hielt Jahrzehnte an. Mitte der 70er gab es ein Comeback in den USA mit Disco und Lester Wilson, dem Choreographen von „Saturday Night Fever". Ihren Hit „Salma Ya Salama" sang sie in Arabisch, es folgten Konzerte in Ägypten und im Libanon. Noch 1986 spielte sie in Youssef Chahines „Le sixième jour" (Der sechste Tag) die Hauptrolle. Tolle Schlager wurden mit ihrer tiefen Stimme und dem Akzent mit dem rollenden R im Französischen unverwechselbar. So richtig emotional aufgeladen erscheinen sie allerdings erst in diesem Bio-Pic: Für jede Lebenslage bis hin zum Abschied mit „Pour ne pas vivre seule" scheint es einen passenden Song zu geben, was bei der reichen Auswahl vielleicht tatsächlich nicht schwer war.
Denn ihr Privatleben war kein Hit: Ihr erster Ehemann, Lucien Morisse, Leiter des damals neu gegründeten Privatradiosenders Europe 1, brachte sich ebenso um wie der Schlagersänger Luigi Tenco, mit dem Dalida 1967 während des Festivals in San Remo das gleiche Lied sang. Und auch Richard Chanfray, von dem sich Dalida 1981 trennte, beging zwei Jahre später Selbstmord. Die eigenen Krisen versuchte die Künstlerin mit Psychoanalyse und einem dreijährigen Aufenthalt in Indien zu bewältigen.
Dieses wirklich bewegte Leben wird oft aus dem Blickwinkel ihrer Männer und ihres Bruders erzählt, der auch ihre Biographie „Dalida - Mon frère, tu écriras mes mémoires" schrieb. Regisseurin Lisa Azuelos gelang in „Dalida" eine elegante Montage von Erfolg und Drama durch verschiedene Lebensphasen angefangen mit Dalidas Kindheit in Ägypten. Gut inszeniert mit sehr stimmingen Bildern, Farben und Szenen. Das Zusammenspiel von dramatischen Ereignissen und intensiver Mimik begleitet eine nicht endenden Folge von Hits und Evergreens: „Parole, Parole" (mit sprechendem Alain Delon), „Besame mucho", die Mini-Oper „Gigi l'amouroso", „Buenos noches, mi amor" oder „Il venait d'avoir 18 ans" passend als sie ihren viel jüngeren Liebhaber und Literaten zusammenkommt. Die Dalida-Darstellerin Sveva Alviti ist dabei eine Entdeckung: Mit glaubhafter Interpretation schafft sie es, Faszination und Drama dieser Frau zu verkörpern - wenn man danach Originalaufnahmen sieht, scheint Alviti die authentischere, auf jeden Fall die intensivere Dalida zu sein.
Zahllose Erfolge als Sängerin, drei Partner, die sich umgebracht haben, bevor sie sich selbst mit 54 Jahren das Leben nahm: Das Leben von Dalida war schon lange Melodram, bevor jemand auf die Idee kam, daraus ein Filmdrama zu machen. 30 Jahre nach ihrem Tod überrascht Komödien-Regisseurin Lisa Azuelos („LOL – Laughing Out Loud") mit dieser berührenden und einnehmenden Biographie Dalidas.
1933 wurde Dalida in Kairo als Yolande Gigliotti geboren, der italienische Vater, ein Musiker, im Krieg als vermeintlicher deutscher Kollaborateur verhaftet. Ihre Karriere beginnt mit einem ersten Konzert im legendären Olympia in Paris 1953 und hielt Jahrzehnte an. Mitte der 70er gab es ein Comeback in den USA mit Disco und Lester Wilson, dem Choreographen von „Saturday Night Fever". Ihren Hit „Salma Ya Salama" sang sie in Arabisch, es folgten Konzerte in Ägypten und im Libanon. Noch 1986 spielte sie in Youssef Chahines „Le sixième jour" (Der sechste Tag) die Hauptrolle. Tolle Schlager wurden mit ihrer tiefen Stimme und dem Akzent mit dem rollenden R im Französischen unverwechselbar. So richtig emotional aufgeladen erscheinen sie allerdings erst in diesem Bio-Pic: Für jede Lebenslage bis hin zum Abschied mit „Pour ne pas vivre seule" scheint es einen passenden Song zu geben, was bei der reichen Auswahl vielleicht tatsächlich nicht schwer war.
Denn ihr Privatleben war kein Hit: Ihr erster Ehemann, Lucien Morisse, Leiter des damals neu gegründeten Privatradiosenders Europe 1, brachte sich ebenso um wie der Schlagersänger Luigi Tenco, mit dem Dalida 1967 während des Festivals in San Remo das gleiche Lied sang. Und auch Richard Chanfray, von dem sich Dalida 1981 trennte, beging zwei Jahre später Selbstmord. Die eigenen Krisen versuchte die Künstlerin mit Psychoanalyse und einem dreijährigen Aufenthalt in Indien zu bewältigen.
Dieses wirklich bewegte Leben wird oft aus dem Blickwinkel ihrer Männer und ihres Bruders erzählt, der auch ihre Biographie „Dalida - Mon frère, tu écriras mes mémoires" schrieb. Regisseurin Lisa Azuelos gelang in „Dalida" eine elegante Montage von Erfolg und Drama durch verschiedene Lebensphasen angefangen mit Dalidas Kindheit in Ägypten. Gut inszeniert mit sehr stimmingen Bildern, Farben und Szenen. Das Zusammenspiel von dramatischen Ereignissen und intensiver Mimik begleitet eine nicht endenden Folge von Hits und Evergreens: „Parole, Parole" (mit sprechendem Alain Delon), „Besame mucho", die Mini-Oper „Gigi l'amouroso", „Buenos noches, mi amor" oder „Il venait d'avoir 18 ans" passend als sie ihren viel jüngeren Liebhaber und Literaten zusammenkommt. Die Dalida-Darstellerin Sveva Alviti ist dabei eine Entdeckung: Mit glaubhafter Interpretation schafft sie es, Faszination und Drama dieser Frau zu verkörpern - wenn man danach Originalaufnahmen sieht, scheint Alviti die authentischere, auf jeden Fall die intensivere Dalida zu sein.
5.8.17
Der Stern von Indien (2017)
Großbritannien, Indien 2017 (Viceroy's House) Regie: Gurinder Chadha mit Hugh Bonneville, Gillian Anderson, Michael Gambon, Manish Dayal, Huma Qureshi 107 Min. FSK: ab 6
Die Britin Gurinder Chadha ist eine ausgezeichnete Regisseurin, die aus dem Punjab stammt. Ihre Filme wie „Picknick am Strand" (1993), „Kick It Like Beckham" (2002) und „Liebe lieber indisch" (2004) zeigen immer wieder Begegnungen und Konfrontationen zwischen den Kulturen. Nun zeichnet sie in einem großen, melodramatischen Epos die Trennung von Indien und Pakistan nach: 1947 kommen Lord Mountbatten (Hugh Bonneville) und seine Frau Edwina (Gillian Anderson) nach Delhi. Als Vizekönig soll Mountbatten die britische Kronkolonie in die Unabhängigkeit entlassen. In seinem Palast arbeiten auch der junge Hindu Jeet (Manish Dayal), der hier unverhofft seine einstige Flamme wiedertrifft, die schöne Muslima Aalia (Huma Qureshi). Die Verbindung zwischen Angehörigen der verfeindeten Religionen, die sich gerade im ganzen Land in blutigen Unruhen umbringen, ist nahezu unmöglich. Für Mountbatten bleibt nur die Aufteilung in die neuen Staaten Indien und Pakistan, um den Bürgerkrieg zwischen Hindus, Sikhs und Muslims zu stoppen.
Unter den Führern der verschiedenen Gruppen tritt auch Ghandi auf. Die Diskussion um die Entscheidung bleibt vor allem spannend im Gespräch zwischen dem Viceroy und seiner klügeren und mit der Situation vertrauteren Frau Lady Edwina Mountbatten, gespielt von der großartigen Gillian Anderson („American Gods", „Akte X"). Die große befriedende Idee scheitert auch an der Ausführung mit weltpolitisch orientierter Einflussnahme durch Churchill und durch unfähige Bürokraten, deren Grenzziehungen auch durch die Provinz Punjab, heute noch für Kriege sorgen. Bei dieser interessanten Aufarbeitung eines historischen Einschnitts vor 70 Jahre bleibt allerdings ohne weitere Hintergründe nur die Erkenntnis, dass Religion eine ziemlich bescheuerte Erfindung ist.
In historischer Fortsetzung der BBC-Serie „Indian Summers", die auf Arte lief, macht die History-Soap auf großer Leinwand mit geschickt einmontierten, alten dokumentarische Aufnahmen schockierend den Ausmaß der mörderischen Massenunruhen und machen die Dringlichkeit des Problems klar. Auch die unglaubliche Völkerwanderung von 14 Millionen Menschen in ihre neu zugewiesene Heimat, die eine Million Opfer forderte, erschüttert. Viele Details wurden sorgsam eingestreut, so die enorme Armut der Engländer selbst nach dem Krieg. Aber auch wenn die Großmutter der Regisseurin die Ereignisse selbst miterleben musste, „Der Stern von Indien" erzählt letztlich aus der Perspektive der Kolonialisten, was als seltsamer Beigeschmack über den ganzen Film liegt.
Die Britin Gurinder Chadha ist eine ausgezeichnete Regisseurin, die aus dem Punjab stammt. Ihre Filme wie „Picknick am Strand" (1993), „Kick It Like Beckham" (2002) und „Liebe lieber indisch" (2004) zeigen immer wieder Begegnungen und Konfrontationen zwischen den Kulturen. Nun zeichnet sie in einem großen, melodramatischen Epos die Trennung von Indien und Pakistan nach: 1947 kommen Lord Mountbatten (Hugh Bonneville) und seine Frau Edwina (Gillian Anderson) nach Delhi. Als Vizekönig soll Mountbatten die britische Kronkolonie in die Unabhängigkeit entlassen. In seinem Palast arbeiten auch der junge Hindu Jeet (Manish Dayal), der hier unverhofft seine einstige Flamme wiedertrifft, die schöne Muslima Aalia (Huma Qureshi). Die Verbindung zwischen Angehörigen der verfeindeten Religionen, die sich gerade im ganzen Land in blutigen Unruhen umbringen, ist nahezu unmöglich. Für Mountbatten bleibt nur die Aufteilung in die neuen Staaten Indien und Pakistan, um den Bürgerkrieg zwischen Hindus, Sikhs und Muslims zu stoppen.
Unter den Führern der verschiedenen Gruppen tritt auch Ghandi auf. Die Diskussion um die Entscheidung bleibt vor allem spannend im Gespräch zwischen dem Viceroy und seiner klügeren und mit der Situation vertrauteren Frau Lady Edwina Mountbatten, gespielt von der großartigen Gillian Anderson („American Gods", „Akte X"). Die große befriedende Idee scheitert auch an der Ausführung mit weltpolitisch orientierter Einflussnahme durch Churchill und durch unfähige Bürokraten, deren Grenzziehungen auch durch die Provinz Punjab, heute noch für Kriege sorgen. Bei dieser interessanten Aufarbeitung eines historischen Einschnitts vor 70 Jahre bleibt allerdings ohne weitere Hintergründe nur die Erkenntnis, dass Religion eine ziemlich bescheuerte Erfindung ist.
In historischer Fortsetzung der BBC-Serie „Indian Summers", die auf Arte lief, macht die History-Soap auf großer Leinwand mit geschickt einmontierten, alten dokumentarische Aufnahmen schockierend den Ausmaß der mörderischen Massenunruhen und machen die Dringlichkeit des Problems klar. Auch die unglaubliche Völkerwanderung von 14 Millionen Menschen in ihre neu zugewiesene Heimat, die eine Million Opfer forderte, erschüttert. Viele Details wurden sorgsam eingestreut, so die enorme Armut der Engländer selbst nach dem Krieg. Aber auch wenn die Großmutter der Regisseurin die Ereignisse selbst miterleben musste, „Der Stern von Indien" erzählt letztlich aus der Perspektive der Kolonialisten, was als seltsamer Beigeschmack über den ganzen Film liegt.
Lucky Loser - Ein Sommer in der Bredouille
BRD 2017 Regie: Nico Sommer mit Peter Trabner, Annette Frier, Emma Bading, Elvis Clausen, Kai Wiesinger 94 Min. FSK: ab 0
Koma-Fressen, Kirmes bis zum Abwinken und mit noch nicht ganz 16 Jahren den besoffenen Papa nachts nach Hause fahren: Mike (Peter Trabner) und seine Tochter Hannah (Emma Bading) haben sehr unkonventionell zusammen sehr viel Spaß. Was die Mutter Claudia (Annette Frier) und vor allem deren spießiger Neuer Thomas (Kai Wiesinger) überhaupt nicht gut finden. Doch Mike lässt sich nicht unterkriegen. Auch davon, dass er aus seiner Wohnung fliegt und nach Hannahs Ankündigung, sie wolle jetzt zu ihm ziehen, nur einen kleinen, schäbigen Camping-Wagen als Unterkunft anbieten kann. Doch Hannah fährt mit zum Campingplatz, weil sie vor allem endlich mit ihrem 30-jährigen Liebhaber Otto (Elvis Clausen) ins Bett will.
Es ist schon herrlich, wie Mike, Hannah und dann auch noch Otto zu dritt im engen Campingbett liegen. Auch wie Mike und Otto direkt gute Kumpels werden und der Schwiegerpapa den Freund der Tochter aus einer dieser brenzligen Situationen rausholt, die man als Schwarzer im minderbemittelten Ost-Regionen wohl erlebt. Wird aber noch besser, als Claudia voller Sorge auftaucht und wegen künstlich herbeigeführter Autopanne auf dem sehr altmodischen Zeltplatz festhängt. Ein Rückfall in die gemeinsame Vergangenheit für die zukünftige Chef-Ärztin, die vor lauter Karriere das Aufwachsen der Tochter verpasst hat. Mike kümmerte sich immer gerne und hat dafür jetzt keinen anständigen Job, kein Geld, und keine Wohnung. Ist aber immer noch verliebt in Claudia. Da meint selbst Teenager Hannah, „Werd' erwachsen, Alter!". Nicht nur, weil Mike nach 10 Jahren Trennung noch ein Bild seiner Ex im Auto hängen hat.
Dieser Typ ist total irre und das macht viel Spaß beim Zuschauen. Die Familienaufstellung im zu kleinen Camper ist erst mal kein großes Kino, aber eine vor allem stimmige, sympathische Geschichte mit guten Dialoge und guten Darstellern. Der Vater-Tochter-Spaß „Lucky Loser" bekommt diese Kino-Woche eindeutig den Vorzug vor dem Vater-Sohn-Langeweiler „Helle Nächte".
Koma-Fressen, Kirmes bis zum Abwinken und mit noch nicht ganz 16 Jahren den besoffenen Papa nachts nach Hause fahren: Mike (Peter Trabner) und seine Tochter Hannah (Emma Bading) haben sehr unkonventionell zusammen sehr viel Spaß. Was die Mutter Claudia (Annette Frier) und vor allem deren spießiger Neuer Thomas (Kai Wiesinger) überhaupt nicht gut finden. Doch Mike lässt sich nicht unterkriegen. Auch davon, dass er aus seiner Wohnung fliegt und nach Hannahs Ankündigung, sie wolle jetzt zu ihm ziehen, nur einen kleinen, schäbigen Camping-Wagen als Unterkunft anbieten kann. Doch Hannah fährt mit zum Campingplatz, weil sie vor allem endlich mit ihrem 30-jährigen Liebhaber Otto (Elvis Clausen) ins Bett will.
Es ist schon herrlich, wie Mike, Hannah und dann auch noch Otto zu dritt im engen Campingbett liegen. Auch wie Mike und Otto direkt gute Kumpels werden und der Schwiegerpapa den Freund der Tochter aus einer dieser brenzligen Situationen rausholt, die man als Schwarzer im minderbemittelten Ost-Regionen wohl erlebt. Wird aber noch besser, als Claudia voller Sorge auftaucht und wegen künstlich herbeigeführter Autopanne auf dem sehr altmodischen Zeltplatz festhängt. Ein Rückfall in die gemeinsame Vergangenheit für die zukünftige Chef-Ärztin, die vor lauter Karriere das Aufwachsen der Tochter verpasst hat. Mike kümmerte sich immer gerne und hat dafür jetzt keinen anständigen Job, kein Geld, und keine Wohnung. Ist aber immer noch verliebt in Claudia. Da meint selbst Teenager Hannah, „Werd' erwachsen, Alter!". Nicht nur, weil Mike nach 10 Jahren Trennung noch ein Bild seiner Ex im Auto hängen hat.
Dieser Typ ist total irre und das macht viel Spaß beim Zuschauen. Die Familienaufstellung im zu kleinen Camper ist erst mal kein großes Kino, aber eine vor allem stimmige, sympathische Geschichte mit guten Dialoge und guten Darstellern. Der Vater-Tochter-Spaß „Lucky Loser" bekommt diese Kino-Woche eindeutig den Vorzug vor dem Vater-Sohn-Langeweiler „Helle Nächte".
Helle Nächte
BRD, Norwegen 2017 Regie: Thomas Arslan mit Georg Friedrich, Tristan Göbel 86 Min. FSK: ab 0
„Helle Nächte" von Thomas Arslan („Der schöne Tag", „Gold") schockt als deutscher Anti-Film um schweigende und grantelnde Männer. Der Berliner Bauingenieur Michael (Georg Friedrich) hat seit Jahren kaum Kontakt zu seinem 14-jährigen Sohn Luis. Als Michaels Vater in Norwegen stirbt, reisen die beiden dennoch gemeinsam zum Begräbnis in die Einsamkeit des Nordens. Es folgt eine sehr ruhige Begehung der Wohnung vom Vater beziehungsweise Großvater. Und das war dann der Action-Teil des wunderbar meditativen Films. Während endloser Autofahrten auf endlos leeren Straßen tauchen Fragen zum gestörten Verhältnis von Michael zu seinem Vater auf, was selbstverständlich das ebenso spröde Verhältnis Michaels zum Sohn spiegelt.
Bei der Berlinale bekam der ausgezeichnet Georg Friedrich, der hier beweist, dass er auch das Nichts darstellen kann, als Bester Darsteller einen Silbernen Bären und seine konfuse Dankesrede war tatsächlich das Interessanteste an diesem Film. „Helle Nächte" bemüht das Prinzip „Wir zeigen Langeweile, indem wir einen langweiligen Film zeigen." Die Kommunikationslosigkeit zwischen Vater und Sohn wurde weitgehend kommunikations- und ideenlos abgewickelt. Dazu scheint der junge Tristan Göbel („Tschick") kein Schauspieltalent zu sein. Lockerte „Toni Erdmann" gerade noch dieses Image des deutschen Films auf, beweist dieser Anti-Erdmann, dass man traditionsgemäß nichts zu lachen hat bei deutschen Filmen. Für alle, die mal so richtig runterkommen wollen - in Tempo und Stimmung - ist dieser Film allerdings Gold!
„Helle Nächte" von Thomas Arslan („Der schöne Tag", „Gold") schockt als deutscher Anti-Film um schweigende und grantelnde Männer. Der Berliner Bauingenieur Michael (Georg Friedrich) hat seit Jahren kaum Kontakt zu seinem 14-jährigen Sohn Luis. Als Michaels Vater in Norwegen stirbt, reisen die beiden dennoch gemeinsam zum Begräbnis in die Einsamkeit des Nordens. Es folgt eine sehr ruhige Begehung der Wohnung vom Vater beziehungsweise Großvater. Und das war dann der Action-Teil des wunderbar meditativen Films. Während endloser Autofahrten auf endlos leeren Straßen tauchen Fragen zum gestörten Verhältnis von Michael zu seinem Vater auf, was selbstverständlich das ebenso spröde Verhältnis Michaels zum Sohn spiegelt.
Bei der Berlinale bekam der ausgezeichnet Georg Friedrich, der hier beweist, dass er auch das Nichts darstellen kann, als Bester Darsteller einen Silbernen Bären und seine konfuse Dankesrede war tatsächlich das Interessanteste an diesem Film. „Helle Nächte" bemüht das Prinzip „Wir zeigen Langeweile, indem wir einen langweiligen Film zeigen." Die Kommunikationslosigkeit zwischen Vater und Sohn wurde weitgehend kommunikations- und ideenlos abgewickelt. Dazu scheint der junge Tristan Göbel („Tschick") kein Schauspieltalent zu sein. Lockerte „Toni Erdmann" gerade noch dieses Image des deutschen Films auf, beweist dieser Anti-Erdmann, dass man traditionsgemäß nichts zu lachen hat bei deutschen Filmen. Für alle, die mal so richtig runterkommen wollen - in Tempo und Stimmung - ist dieser Film allerdings Gold!
Heartbeats
USA 2016 Regie: Duane Adler mit Krystal Ellsworth, Amitash Pradhan, Paul McGillion 107 Min. FSK: ab 0
Noch ein Tanzfilm und tatsächlich auch noch einer von Duane Adler, dem Drehbuchautor von „Save The Last Dance", „Make It Happen" und „Step Up". Doch wenn man jetzt affektierten und hirnlosen Mist differenzieren muss, ist „Heartbeats" ein noch schlechterer, extrem oberflächlich mit seinem exotischen Indien-Setting umgehender Tanzfilm.
„Ich fühle mich nur lebendig, wenn ich tanze" - solche Sätze müssen die Pappfiguren solcher Hüpfdohlen-Filmchen selbstverständlich immer absondern. Auch „Heartbeats" ist eine Steilvorlage für ein Phrasen-Bingo zum Tanzfilm-Genre. Klar, dass die junge Kelli Andrews (Krystal Ellsworth) zwischen Berufung und Beruf steht, zwischen ihrem Traum vom Tanzen und der von den Eltern erwünschten Jura-Ausbildung. Mit diesem Konfliktchen einer derart reichen Familie, dass Studienfinanzierung eigentlich keine Rolle spielen sollte, geht es zu einer indische Hochzeit - der lahmsten und humorlosesten der Filmgeschichte. Kellis Treffen mit einem Traummann führt zu vielen mäßigen Tanznummern in künstlicher und behaupteter Stimmung. Man sieht den Statisten förmlich an, dass ihr Schmerzensgeld viel zu gering ausfiel. Deshalb klatschen sie immer im falschen Rhythmus, was tatsächlich einfach schlechte Cutter-Arbeit zeigt. Eine Woche mit Hochzeitsvorbereitungen, Anproben und Tanzkursen versammelt Liebesdramen, die in einer Preview nur als Lachnummer funktionierten.
Die Hauptdarstellerin, deren Name schon vergessen ist, hat einschläfernden Charme und Charisma auf Sparflamme. Die Musiknummern, schlecht zusammengeschnibbelter Restekram aus anderen schlechten Tanzfilmchen mit billigen Popliedchen, sind kläglich. Jeder echte Bollywood-Film tanzt diese Kindergarten-Aufführung schwindelig. Dazu wird schamlos Weichzeichner über die Leinwand gekleistert und der soziale Hintergrund von Mumbai, das hier immer noch Bombay heißt, weitgehend ausgeblendet. Herzlos!
Noch ein Tanzfilm und tatsächlich auch noch einer von Duane Adler, dem Drehbuchautor von „Save The Last Dance", „Make It Happen" und „Step Up". Doch wenn man jetzt affektierten und hirnlosen Mist differenzieren muss, ist „Heartbeats" ein noch schlechterer, extrem oberflächlich mit seinem exotischen Indien-Setting umgehender Tanzfilm.
„Ich fühle mich nur lebendig, wenn ich tanze" - solche Sätze müssen die Pappfiguren solcher Hüpfdohlen-Filmchen selbstverständlich immer absondern. Auch „Heartbeats" ist eine Steilvorlage für ein Phrasen-Bingo zum Tanzfilm-Genre. Klar, dass die junge Kelli Andrews (Krystal Ellsworth) zwischen Berufung und Beruf steht, zwischen ihrem Traum vom Tanzen und der von den Eltern erwünschten Jura-Ausbildung. Mit diesem Konfliktchen einer derart reichen Familie, dass Studienfinanzierung eigentlich keine Rolle spielen sollte, geht es zu einer indische Hochzeit - der lahmsten und humorlosesten der Filmgeschichte. Kellis Treffen mit einem Traummann führt zu vielen mäßigen Tanznummern in künstlicher und behaupteter Stimmung. Man sieht den Statisten förmlich an, dass ihr Schmerzensgeld viel zu gering ausfiel. Deshalb klatschen sie immer im falschen Rhythmus, was tatsächlich einfach schlechte Cutter-Arbeit zeigt. Eine Woche mit Hochzeitsvorbereitungen, Anproben und Tanzkursen versammelt Liebesdramen, die in einer Preview nur als Lachnummer funktionierten.
Die Hauptdarstellerin, deren Name schon vergessen ist, hat einschläfernden Charme und Charisma auf Sparflamme. Die Musiknummern, schlecht zusammengeschnibbelter Restekram aus anderen schlechten Tanzfilmchen mit billigen Popliedchen, sind kläglich. Jeder echte Bollywood-Film tanzt diese Kindergarten-Aufführung schwindelig. Dazu wird schamlos Weichzeichner über die Leinwand gekleistert und der soziale Hintergrund von Mumbai, das hier immer noch Bombay heißt, weitgehend ausgeblendet. Herzlos!
4.8.17
Die Dreharbeiten zu „Liliane Susewind“
Film-Möglich-Macher
André Sommerlatte brachte den nächsten großen Dreh in die Region
Seit dem 6. Juli 2017 wird in Aachen und der Umgebung wieder großes Kino gemacht: Die Dreharbeiten für den Kinderfilm „Liliane Susewind", der am 2018 in die Kinos kommt, starteten mit den Schauspielern Peri Baumeister („Russendisko") und Tom Beck („Vaterfreuden"). Darin hat die elfjährige Liliane Susewind eine außergewöhnliche Fähigkeit: Sie kann mit Tieren sprechen. Später werden auch Christoph Maria Herbst und Meret Becker am Set sein. Mit dem aufwändigen Dreh von Sony Pictures ist wieder mal eine große Filmproduktion in der Region zu Gast. Wie groß? 1000 Übernachtungen für den kompletten Dreh, der noch bis zum 23. August in Aachen und Belgien stattfindet. Wer das Projekt so griffig umreißen kann, ist Koproduzent André Sommerlatte von der belgischen Velvet Films.
Sommerlatte ist ein Profi, der auch schon Drehs mit Depardieu ins Grenzland holte, 2007 für die 13 Millionen-Produktion „Die Kinder von Timpelbach" in der Eyneburg von Hergenrath. Damals war André Sommerlatte in Eupen noch Medienreferent für die DG, die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens. Auch wenn die Filmwirtschaft nur 5 Prozent seiner Aufgaben ausmachte, sah man ihn auf den Festivals von Cannes, Venedig und Berlin. Federführend war er bei Koproduktionstreffen mit Nordrhein-Westfalen, Luxemburg und dem Saarland. Nebenbei machte er noch den Motivaufnahmeleiter bei Drehs an der Gileppe-Talsperre, bei aufsehenerregenden Action-Szenen für Hermann Johas Produktion „action concept" („Alarm für Cobra 11", „Der Clown").
Vor wenigen Wochen wechselte der leidenschaftliche Kommunikator und Film-Produzent vom Ministerium zur Brüsseler Firma „Velvet Films", die seit ihrer Gründung eine enorme Dynamik erlebt: Seit Januar stehen vier Langspielfilme auf dem Plan, darunter auch in Antwerpen und Gent „Brechts Dreigroschenfilm" mit großem Etat sowie Lars Eidinger (als Bertholt Brecht), Tobias Moretti, Hannah Herzsprung, Joachim Król, Claudia Michelsen, Christian Redl und Robert Stadlober in den Hauptrollen.
Diese deutsch-belgischen Koproduktionen sind kein Zufall, sondern Konzept für Velvet Films und Spezialität von André Sommerlatte. Er sieht sich als „Verbindungselement von belgischer zu deutscher Kinematografie". Der deutsche Produzent, der in Eupen lebt, weiß, dass frankophone Filmproduktionen Partner suchen, die ihre Sprache sprechen, „nicht einfach Französisch, sondern deren Art verstehen". Seine Frau stammt aus Lüttich, was von Westen her gesehen ja schon jenseits eines kulturellen Grabens liegt. So bestätigt der Fachmann den jahrelangen Trend, dass deutsche Produktionen sich eher nach Flandern orientieren. Sommerlatte präsentiert sich mit der neu aufgestellten Firma als „der erste, auf den du triffst, wenn du mit einem Projekt aus Deutschland kommst". Sein Partner und Firmengründer Sebastian Schelenz ist Deutscher mit Büro in Brüssel.
So wird die Region zum „First Exit-Punkt, um sich der romanischen Kultur zuwenden". Dabei ist klar, dass Ostbelgien zu klein ist, dass „wir nicht alles machen können". Dadurch kommen Drehs in Aachen, Antwerpen und Gent zustande. Was vor allem in Flandern als große Chance zum Städtemarketing begriffen wird. In Aachen selbst sieht der Kenner brachliegendes Potential. Daneben ist das Filmemachen auch immer Wirtschaftsförderung. Die „Film- und Medienstiftung NRW", die „Liliane Susewind" mit 657.913 Euro fördert, wurde dementsprechend im Wirtschafts-Ministerium angesiedelt. Sommerlatte ist zudem Spezialist für die belgische Form der Filmförderung, eines Steuerspar-Modells namens „Tax Shelter". Neben den 1000 Übernachtungen für „Liliane Susewind" gibt es an den Drehorten auch weniger qualifizierte Jobs wie Fahrer oder Setrunner. Die in der Branche sogenannten „Effekte" bedeuten, dass mehr Geld in der Region ausgegeben werden muss, als die jeweilige Förderung zur Verfügung stellt. Neben Sets in Aachen wird auch die Vennbahn am ehemaligen Raerener Bahnhof langfristig in diesem Sommer wieder zum Drehort. Hier drehte schon Sandra Hüller die Doku-Fiktion „Fräulein Stinnes fährt um die Welt".
Das Programm von Velvet Films ist mit der Verfilmung der Kinderbuchreihe „Liliane Susewind" von Bestsellerautorin Tanya Stewner und einem Brecht-Film kulturell eindrucksvoll. Trotzdem steht Sommerlatte zum „lauten" Teil seines Netzwerkes, zu Hermann Joha, dem Schöpfer von „Alarm für Cobra 11" und der Film-Autobahn im nordrhein-westfälischen Aldenhoven-Siersdorf. „Joha ist der erste, der erkannt hat, welches Potential Belgien hat, und seitdem dreht er regelmäßig hier." Kein anderer bekomme Stunts so schnell, kostengünstig und effektiv hin. „Ich werde ihm nie vergessen, wie er mir seinen Hubschrauber geliehen hat, weil er wusste, dass ich Bilder (für einen Image-Film der DG, red.) von oben brauche."
Aber auch wenn Velvet Films mit vier Angestellten in Brüssel ein Wirtschaftsunternehmen ist, bleibt Kultur ein begleitender Faktor für Sommerlatte. Für 2017 ist die Produktion schon ausgelastet, sie musste bereits Projekt nach 2018 verschieben. Trotz des aktuell beeindruckenden Portfolios wollen Schelenz und Sommerlatte nicht über alle Maßen wachsen, „unser Ziel ist, schöne Sachen zu machen".
http://velvetfilms.be/
André Sommerlatte brachte den nächsten großen Dreh in die Region
Seit dem 6. Juli 2017 wird in Aachen und der Umgebung wieder großes Kino gemacht: Die Dreharbeiten für den Kinderfilm „Liliane Susewind", der am 2018 in die Kinos kommt, starteten mit den Schauspielern Peri Baumeister („Russendisko") und Tom Beck („Vaterfreuden"). Darin hat die elfjährige Liliane Susewind eine außergewöhnliche Fähigkeit: Sie kann mit Tieren sprechen. Später werden auch Christoph Maria Herbst und Meret Becker am Set sein. Mit dem aufwändigen Dreh von Sony Pictures ist wieder mal eine große Filmproduktion in der Region zu Gast. Wie groß? 1000 Übernachtungen für den kompletten Dreh, der noch bis zum 23. August in Aachen und Belgien stattfindet. Wer das Projekt so griffig umreißen kann, ist Koproduzent André Sommerlatte von der belgischen Velvet Films.
Sommerlatte ist ein Profi, der auch schon Drehs mit Depardieu ins Grenzland holte, 2007 für die 13 Millionen-Produktion „Die Kinder von Timpelbach" in der Eyneburg von Hergenrath. Damals war André Sommerlatte in Eupen noch Medienreferent für die DG, die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens. Auch wenn die Filmwirtschaft nur 5 Prozent seiner Aufgaben ausmachte, sah man ihn auf den Festivals von Cannes, Venedig und Berlin. Federführend war er bei Koproduktionstreffen mit Nordrhein-Westfalen, Luxemburg und dem Saarland. Nebenbei machte er noch den Motivaufnahmeleiter bei Drehs an der Gileppe-Talsperre, bei aufsehenerregenden Action-Szenen für Hermann Johas Produktion „action concept" („Alarm für Cobra 11", „Der Clown").
Vor wenigen Wochen wechselte der leidenschaftliche Kommunikator und Film-Produzent vom Ministerium zur Brüsseler Firma „Velvet Films", die seit ihrer Gründung eine enorme Dynamik erlebt: Seit Januar stehen vier Langspielfilme auf dem Plan, darunter auch in Antwerpen und Gent „Brechts Dreigroschenfilm" mit großem Etat sowie Lars Eidinger (als Bertholt Brecht), Tobias Moretti, Hannah Herzsprung, Joachim Król, Claudia Michelsen, Christian Redl und Robert Stadlober in den Hauptrollen.
Diese deutsch-belgischen Koproduktionen sind kein Zufall, sondern Konzept für Velvet Films und Spezialität von André Sommerlatte. Er sieht sich als „Verbindungselement von belgischer zu deutscher Kinematografie". Der deutsche Produzent, der in Eupen lebt, weiß, dass frankophone Filmproduktionen Partner suchen, die ihre Sprache sprechen, „nicht einfach Französisch, sondern deren Art verstehen". Seine Frau stammt aus Lüttich, was von Westen her gesehen ja schon jenseits eines kulturellen Grabens liegt. So bestätigt der Fachmann den jahrelangen Trend, dass deutsche Produktionen sich eher nach Flandern orientieren. Sommerlatte präsentiert sich mit der neu aufgestellten Firma als „der erste, auf den du triffst, wenn du mit einem Projekt aus Deutschland kommst". Sein Partner und Firmengründer Sebastian Schelenz ist Deutscher mit Büro in Brüssel.
So wird die Region zum „First Exit-Punkt, um sich der romanischen Kultur zuwenden". Dabei ist klar, dass Ostbelgien zu klein ist, dass „wir nicht alles machen können". Dadurch kommen Drehs in Aachen, Antwerpen und Gent zustande. Was vor allem in Flandern als große Chance zum Städtemarketing begriffen wird. In Aachen selbst sieht der Kenner brachliegendes Potential. Daneben ist das Filmemachen auch immer Wirtschaftsförderung. Die „Film- und Medienstiftung NRW", die „Liliane Susewind" mit 657.913 Euro fördert, wurde dementsprechend im Wirtschafts-Ministerium angesiedelt. Sommerlatte ist zudem Spezialist für die belgische Form der Filmförderung, eines Steuerspar-Modells namens „Tax Shelter". Neben den 1000 Übernachtungen für „Liliane Susewind" gibt es an den Drehorten auch weniger qualifizierte Jobs wie Fahrer oder Setrunner. Die in der Branche sogenannten „Effekte" bedeuten, dass mehr Geld in der Region ausgegeben werden muss, als die jeweilige Förderung zur Verfügung stellt. Neben Sets in Aachen wird auch die Vennbahn am ehemaligen Raerener Bahnhof langfristig in diesem Sommer wieder zum Drehort. Hier drehte schon Sandra Hüller die Doku-Fiktion „Fräulein Stinnes fährt um die Welt".
Das Programm von Velvet Films ist mit der Verfilmung der Kinderbuchreihe „Liliane Susewind" von Bestsellerautorin Tanya Stewner und einem Brecht-Film kulturell eindrucksvoll. Trotzdem steht Sommerlatte zum „lauten" Teil seines Netzwerkes, zu Hermann Joha, dem Schöpfer von „Alarm für Cobra 11" und der Film-Autobahn im nordrhein-westfälischen Aldenhoven-Siersdorf. „Joha ist der erste, der erkannt hat, welches Potential Belgien hat, und seitdem dreht er regelmäßig hier." Kein anderer bekomme Stunts so schnell, kostengünstig und effektiv hin. „Ich werde ihm nie vergessen, wie er mir seinen Hubschrauber geliehen hat, weil er wusste, dass ich Bilder (für einen Image-Film der DG, red.) von oben brauche."
Aber auch wenn Velvet Films mit vier Angestellten in Brüssel ein Wirtschaftsunternehmen ist, bleibt Kultur ein begleitender Faktor für Sommerlatte. Für 2017 ist die Produktion schon ausgelastet, sie musste bereits Projekt nach 2018 verschieben. Trotz des aktuell beeindruckenden Portfolios wollen Schelenz und Sommerlatte nicht über alle Maßen wachsen, „unser Ziel ist, schöne Sachen zu machen".
http://velvetfilms.be/
1.8.17
Alibi.com
Frankreich 2017 Regie: Philippe Lacheau mit Philippe Lacheau, Elodie Fontan, Julien Arruti, Tarek Boudali 90 Min.
Grégory (Philippe Lacheau) vermittelt erfolgreich Alibis für untreue Männer und Frauen und für gemobbte Schüler. Als er Flo kennenlernt, ist er zum ersten Mal richtig verliebt. Allerdings verabscheut sie lügende Männer. Da ausgerechnet ihr Vater Gérard ein Kunde von Grégorys Alibi.com ist, wird die lahme Komödie richtig konstruiert kompliziert. Denn Schwiegermama und -papa laufen sich ausgerechnet in Gérards Liebesnest, einem Hotel in Cannes, über den Weg. Flo ist auch dabei und Grégory muss seine Lüge aufrecht halte, er sei eigentlich Stewart und irgendwo in Afrika unterwegs. Da hat „Alibi.com" längst die Grenze von Albernheit zum Blödelfilm überschritten, ist längst eine ziemlich platte Verwechselungskomödie. Das hat man alles schon mal gesehen, sogar sehr oft, zu oft. Die vielfache Konfusion wurde nicht nur inszeniert, sie ergriff den Films im Ganzen. Noch eine so eine schwer erträgliche Franco-Klamotte, die zeigt, dass wir mit Schweighöfer und Co. nicht ganz allein auf der Welt sind.
Grégory (Philippe Lacheau) vermittelt erfolgreich Alibis für untreue Männer und Frauen und für gemobbte Schüler. Als er Flo kennenlernt, ist er zum ersten Mal richtig verliebt. Allerdings verabscheut sie lügende Männer. Da ausgerechnet ihr Vater Gérard ein Kunde von Grégorys Alibi.com ist, wird die lahme Komödie richtig konstruiert kompliziert. Denn Schwiegermama und -papa laufen sich ausgerechnet in Gérards Liebesnest, einem Hotel in Cannes, über den Weg. Flo ist auch dabei und Grégory muss seine Lüge aufrecht halte, er sei eigentlich Stewart und irgendwo in Afrika unterwegs. Da hat „Alibi.com" längst die Grenze von Albernheit zum Blödelfilm überschritten, ist längst eine ziemlich platte Verwechselungskomödie. Das hat man alles schon mal gesehen, sogar sehr oft, zu oft. Die vielfache Konfusion wurde nicht nur inszeniert, sie ergriff den Films im Ganzen. Noch eine so eine schwer erträgliche Franco-Klamotte, die zeigt, dass wir mit Schweighöfer und Co. nicht ganz allein auf der Welt sind.
Einmal bitte alles
BRD 2017 Regie: Helena Hufnagel mit Luise Heyer, Jytte-Merle Böhrnsen, Patrick Güldenberg, Maximilian Schafroth 85 Min.
Isi Jung (Luise Heyer) hat Probleme mit dem Alter, also damit, das richtige Alter für sich selbst zu finden. Zu Anfang hat sie Sex im Altersheim - mit einem Pfleger, der ihr nicht verraten hat, wo sein Schlafzimmer ist. Die 27-Jährige gehört der Generation Praktikum an und wird von der besonders ignoranten Agentur-Chefin Ulrike Finsterwalder (Sunnyi Melles) besonders gedisst. Ihre beste Freundin und Mitbewohnerin genießt lautstark einen neuen Liebhaber, der feuchte Putz bröckelt von der Decke. Die Eltern haben ihr Kinderzimmer leergeräumt und die Freundin schmeißt sie dann auch noch aus der WG raus.
Ohne Wohnung, ohne Job, ohne Freunde findet sich Isi an einer Lebenswende. will aus Fitzgerald eine Graphic Novel machen
Zu alt für die WG-Scherze, zu jung für ein festgelegtes Leben, falls man ihr so was anbieten würde. Die Regisseurin Helena Hufnagel lässt Isis ziemlich miese Lebens-Sackgasse mit frischen, jungen Inszenierungs-Ideen und lässigen Dialoge nachempfinden. Das gelungene Debüt nimmt sich Zeit, mit atmosphärischen Momenten Stimmungen zu vermitteln. Die perfekte Hauptdarstellerin Luise Heyer begeisterte schon in „Die Reste meines Lebens" mit einer sehr emotionalen Rolle. Die Musik der Tragikomödie schrieb der aus Aachen stammende Dieter Schleip.
Isi Jung (Luise Heyer) hat Probleme mit dem Alter, also damit, das richtige Alter für sich selbst zu finden. Zu Anfang hat sie Sex im Altersheim - mit einem Pfleger, der ihr nicht verraten hat, wo sein Schlafzimmer ist. Die 27-Jährige gehört der Generation Praktikum an und wird von der besonders ignoranten Agentur-Chefin Ulrike Finsterwalder (Sunnyi Melles) besonders gedisst. Ihre beste Freundin und Mitbewohnerin genießt lautstark einen neuen Liebhaber, der feuchte Putz bröckelt von der Decke. Die Eltern haben ihr Kinderzimmer leergeräumt und die Freundin schmeißt sie dann auch noch aus der WG raus.
Ohne Wohnung, ohne Job, ohne Freunde findet sich Isi an einer Lebenswende. will aus Fitzgerald eine Graphic Novel machen
Zu alt für die WG-Scherze, zu jung für ein festgelegtes Leben, falls man ihr so was anbieten würde. Die Regisseurin Helena Hufnagel lässt Isis ziemlich miese Lebens-Sackgasse mit frischen, jungen Inszenierungs-Ideen und lässigen Dialoge nachempfinden. Das gelungene Debüt nimmt sich Zeit, mit atmosphärischen Momenten Stimmungen zu vermitteln. Die perfekte Hauptdarstellerin Luise Heyer begeisterte schon in „Die Reste meines Lebens" mit einer sehr emotionalen Rolle. Die Musik der Tragikomödie schrieb der aus Aachen stammende Dieter Schleip.
Die göttliche Ordnung
Schweiz 2017 Regie: Petra Volpe mit Marie Leuenberger, Max Simonischek, Rachel Braunschweig, Sibylle Brunner 96 Min. FSK: ab 6
Während Anfang der 70er in der Welt Summer of Love und Frauen-Emanzipation toben, bewegt sich in einem verschneiten Schweizer Bergdorf gar nichts. Nora (Marie Leuenberger) macht ihren Job als Hausfrau und Mutter, derweil sie von einer großen Welt träumt. Es braucht für heutiges Publikum ein paar Erklärungen der schwer vorstellbaren Situation, dass 1971 noch um das Frauenwahlrecht in der Schweiz abgestimmt werden musste und dass ein Ehemann es genehmigen muss, wenn seine Frau arbeiten will. So erleben wir mehrere Frauen-Schicksale im, Noras 18-jährige Nichte Hanna wird von ihren Eltern den Behörden übergeben, weil sie im Dorf einen schlechten Ruf hat. Es gibt die lebensfrohe italienische Restaurant-Chefin, die geschieden - Skandal! - ohne Mann zurecht kommt. Also Nora sich für das Frauenwahlrecht engagiert und beginnt, Hosen zu tragen, trifft sozialer Druck im Dorf auch die Kinder und am Arbeitsplatz den Mann.
Der Erfolgsfilm aus der Schweiz eines kleinen Kampfes für das Frauenrecht ist als große Geschichte inszeniert, schön gefilmt, sehr gut gespielt, durch die Musik (Annette Focks) stark dramatisiert und immer vorhersehbar. Was nicht nur daran liegt, dass die Suffragetten diesen Kampf ein Jahrhundert früher ausfochten. Aber nebenbei auch zeigt, wie universal und noch immer umstritten der Feminismus ist. Regisseurin Petra Volpe gestaltete ihre Geschichte wenigstens nicht schwarzweiß, Noras Mann will durchaus für das Frauenwahlrecht stimmen, obwohl er meint, dass eine Frau hinter den Herd gehört. Doch erst einmal machen die Frauen auf Lysistrata und streiken. Die Kinder müssen ihr Geschirr abwaschen und werden nicht mehr von der Mutter bedient. Das Paket aus Drama und Spaß funktioniert - für die Lacher lernen die Frauen um Nora in einem Züricher Workshop auch noch ihre Vulva kennen. Es bleibt eine Wertschätzung, diese hart erkämpften Errungenschaft zu schätzen und nicht in irgendeinem Post-Feminismus klein zu machen.
Während Anfang der 70er in der Welt Summer of Love und Frauen-Emanzipation toben, bewegt sich in einem verschneiten Schweizer Bergdorf gar nichts. Nora (Marie Leuenberger) macht ihren Job als Hausfrau und Mutter, derweil sie von einer großen Welt träumt. Es braucht für heutiges Publikum ein paar Erklärungen der schwer vorstellbaren Situation, dass 1971 noch um das Frauenwahlrecht in der Schweiz abgestimmt werden musste und dass ein Ehemann es genehmigen muss, wenn seine Frau arbeiten will. So erleben wir mehrere Frauen-Schicksale im, Noras 18-jährige Nichte Hanna wird von ihren Eltern den Behörden übergeben, weil sie im Dorf einen schlechten Ruf hat. Es gibt die lebensfrohe italienische Restaurant-Chefin, die geschieden - Skandal! - ohne Mann zurecht kommt. Also Nora sich für das Frauenwahlrecht engagiert und beginnt, Hosen zu tragen, trifft sozialer Druck im Dorf auch die Kinder und am Arbeitsplatz den Mann.
Der Erfolgsfilm aus der Schweiz eines kleinen Kampfes für das Frauenrecht ist als große Geschichte inszeniert, schön gefilmt, sehr gut gespielt, durch die Musik (Annette Focks) stark dramatisiert und immer vorhersehbar. Was nicht nur daran liegt, dass die Suffragetten diesen Kampf ein Jahrhundert früher ausfochten. Aber nebenbei auch zeigt, wie universal und noch immer umstritten der Feminismus ist. Regisseurin Petra Volpe gestaltete ihre Geschichte wenigstens nicht schwarzweiß, Noras Mann will durchaus für das Frauenwahlrecht stimmen, obwohl er meint, dass eine Frau hinter den Herd gehört. Doch erst einmal machen die Frauen auf Lysistrata und streiken. Die Kinder müssen ihr Geschirr abwaschen und werden nicht mehr von der Mutter bedient. Das Paket aus Drama und Spaß funktioniert - für die Lacher lernen die Frauen um Nora in einem Züricher Workshop auch noch ihre Vulva kennen. Es bleibt eine Wertschätzung, diese hart erkämpften Errungenschaft zu schätzen und nicht in irgendeinem Post-Feminismus klein zu machen.
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